The Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Prinzessin Mymra
       Novellen und Trume

Author: Alexej Remisow

Translator: Alexander Eliasberg

Release Date: March 17, 2012 [EBook #39174]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***




Produced by Jens Sadowski






Alexej M. Remisow

Prinzessin
Mymra

Novellen und
Trume



Aus dem Russischen bertragen
von Alexander Eliasberg



Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1917





Inhalt

Die Feuersbrunst
Petuschok
Prinzessin Mymra
Das Opfer
Der den Teufel rief
Sanofa
Das Los des Elenden. Trume











Die Feuersbrunst


Die Weie Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe, gebar an einem durchdringend
kalten Herbstmorgen eine schwarze geflgelte Maus, und jedermann erkannte
im Neugeborenen des Teufels Kind.

Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten, verscharrte den Unrat bei der
Mllgrube und erhngte sich gleich darauf.

In der Nacht vor dem Katharinentage, an dem junge Mdchen nach alter Sitte
Zweige von den Bumen abreien und mit ihnen zu Bett gehen, um im Traume
den Zuknftigen zu sehen, erdrhnte pltzlich am Himmel mitten im wtenden
Schneesturm ein Donner; beim Morgengrauen aber fand man im Stadtpark die
geistesschwache Aljonka, die Tochter des Obermeisters an der
Eisenbahnwerksttte, geschndet und tot, mit einem Zweig zwischen den
Zhnen.

Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen Wolken um die grimmige
Wintersonne herum drei andere, in allen Farben des Regenbogens schimmernde
Sonnen.

Und diese drei Sonnen bedrckten die Stadt wie eine stumme Last.

Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche Krankheit! Was haben wir noch
alles zu erwarten!

Krchze nicht wie ein Unglcksrabe.

Mir kann es gleich sein -- aber auch der Diakon hat neulich whrend des
Gottesdienstes davon gesprochen.

Ein jeder dachte an den kommenden Tag und an die schwere Not, die vor der
Tr stand und auf die vorbestimmte Stunde wartete.

Die Chinesen ziehen mit einer Armee von tausend Millionen gegen uns, auch
die Trken.

Mein Gott, dieses Heer!

Und die Unsrigen -- glaubst du, da die Unsrigen sich berrumpeln lassen?

Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer Seite.

Wieso den Satan?

Wir sind verloren, das ist alles.

An den Abenden machte man sorgfltig ber jedem Fenster das Zeichen des
Kreuzes. Am Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten getrennt, und
man gab gut acht auf die llmpchen vor den Heiligenbildern.

Hr einmal, Mikititschna, Awdotja erzhlte neulich, man habe bei den
Podchomutows den Teufel aus dem Tische gerufen.

Was du nicht sagst!

Bei Gott, so wahr mir die Himmelsknigin beistehe! Awdotja ist ja eine
durchtriebene Frau; auch Podchomutows Frau hat selbst erzhlt, da ein
blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen sei.

Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott wei, was noch alles kommen kann,
Agafjuschka.

Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs Stiefsohn im Eisenbahndepot,
erzhlt, da der neue Doktor die Sufer mit dem Blick kuriert.

Man hatte auch Nacht fr Nacht bse Trume: bald sah man die Kirche des
Neuen Heilands fr das Osterfest hergerichtet, doch ohne Altar und ohne
Heiligenbilder, und den erhngten Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der
Kirche auf und ab ging und jedermann zum Feste gratulierte; bald wieder sah
man einen ganz aufgeschwollenen Jungen, in dessen Fleisch zahllose Splitter
steckten, auf dem Fuboden Purzelbume schieen.

Mir erzhlte neulich ein altglubiger Soldat lispelte Semjon, der
Aufseher bei den Eisenbahnwerksttten: >Grovater<, sagte er, >ein groes
Unglck bricht ber ganz Ruland herein, und man kann sich nirgends davor
retten.< Die Zarenglocke in Moskau, sagt er, sei in tausend kleine Splitter
zersprungen, ein jeder Splitter habe sich in eine Schlange verwandelt, und
die Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans des Groen gekrochen. Und
der Glockenturm wackelt, und wenn er einstrzt, so werden auch die Herzen
aller Menschen zerspringen, und dann kommt das Ende allen Lebens.

Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich lcherlich. Da sagt zum
Beispiel Luka: Wichtig sind nur die Produktionskrfte, alles brige ist
Nebensache . . . Sagen wir uns von der alten Welt los . . . Freiheit,
Gleichheit und . . .

Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen wenig Umstnde machen . . .

. . . und wenn es notwendig sein sollte, so wird die Regierung Mittel und
Wege finden, um auch diese Sonnen zu beseitigen, von denen belgesinnte
Menschen gewisse Gerchte verbreiten, um bei der friedlichen Bevlkerung
Erregung hervorzurufen.

Man ergriff Maregeln.

Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer fter und fter erschienen sie am
Himmel, um die grimmige Wintersonne herum.

Wer kmmerte sich aber um die Sonnen!

Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen solchen berflu an Getreide
gehabt wie in diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer hatte es noch
nie gegeben. Die Mhlen arbeiteten unermdlich. Der Handel blhte, und die
Kufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend.

Die Stadt war wegen ihres Getreides berhmt.

Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten, rollten in allen
Richtungen mit allerlei Getreide und Mehl angefllte Eisenbahnwagen.

Am Heiligen Abend machte man der Weien Fjokla den Garaus und verwischte
sorgfltig alle Spuren des Verbrechens.

Fr eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als ob ein Stein vom Herzen
gefallen wre.

Am Dreiknigstage badete man im eiskalten geweihten Wasser, malte ber alle
Tren mit Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert.

In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege schlecht zu werden
anfangen, gab es allerdings in jedem Hause Sthnen und jammern: alle hatten
Zahnweh.

Es roch in der Luft eigentmlich nach Zahntropfen und Kampferl.

So ging es acht Tage lang.

Der Frhling brach an, ein frher und warmer Frhling. Das viele Wasser
lie die Grten schon zu Ostern ergrnen, und auf den Feldern lief die
Wintersaat ppig und krftig auf.

In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten gefeiert.

Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen der Weien Fjokla gedachten:

Schade um sie . . . Sie htte ja noch gut leben knnen!

Man begann Huser zu bauen: unter feierlichen Zeremonien wurden Grundsteine
zu mchtigen Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt. Von Tag zu Tag
wuchsen die Baugerste in die Hhe neben den Holzkreuzen, die die
zuknftigen Wohnsttten beschatteten.

Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern gab es einen bedenklichen
Vorfall, der in der Stadt groes Aufsehen erregte: als in der Badestube des
Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus den Flammen die halbverkohlte Leiche
der Vorsteherin des Nonnenklosters zum Heiligen Geist heraus, und Bischof
Antonius konnte infolge der Brandwunden am ganzen Krper lange Zeit keinen
Gottesdienst abhalten.

Die Leute zwinkerten einander zu und machten Anspielungen.

Es gab aber auch Trauer.

Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das Kreuz ist in Hnden des Satans.

Der Verruchte hat sich des Tempels und des Altars bemchtigt. Er
verunreinigt die Monstranz und spuckt in den Kelch. Und die Menschen
kommunizieren nicht mit dem Blute Christi, sondern mit dem Speichel des
Satans, und sie verzehren statt des Leibes Christi -- den Unrat des
Satans.

Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott noch einen Satan. Es gibt
nichts als das Leben.

Was fr ein Leben?

Nach einem warmen und blhenden Mai begann sofort die Sommerhitze. Viele
Tage lang ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden,
verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten Wiesen und die von Wrmern
befallenen Grten nieder.

                                * * *

Sie kommt.

Sie naht.

Sie ballt sich zu Wolken und wchst ber den Tagen empor.

Und sie lscht alles aus.

Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder Stunde starrt sie mich an und
straft mich fr einen einzigen Augenblick des Vergessens mit unendlicher
und unertrglicher Pein.

Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich wei nicht, woher sie kommt
und von welcher Seite sie mir droht. Ich fhle nur, da sie berall um mich
herum ist.

Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen. Mein Herz kann nicht mehr
lcheln.

Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so wie es einst verdammt hat.

Es murrt leise und krampft sich zusammen.

Und wenn sie kommt, wirst du sie berwinden knnen?

Herz, du hast verdammt, du hast geliebt.

Wirst du sie berwinden knnen?

Niemals wirst du es knnen.

Und du wirst ihr wie ein Stein zu Fen fallen, und sie wird dich mit ihrem
Blitze zermalmen und zu Kohle verbrennen.

Ich wei nicht, woran ich mich festklammern soll.

Gib mir doch wenigstens eine Schlinge.

Doch ist es mglich, so gehe sie von mir.

                                * * *

Um die Mittagsstunde des Johannistages erdrhnte von der Kathedrale herab
hastiges Sturmluten.

Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht bevlkerte Straenzge an
verschiedenen Enden der Stadt standen pltzlich in Flammen.

Die kleinen Holzhuser und die unfrmigen riesigen Gebude der Nachtasyle
und Arbeiterkasernen brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter
Rumpelkram.

Die Flammen loderten empor und verloren sich in riesenhaften
spindelfrmigen Staubsulen. Die Spindeln rasten und kreisten von oben nach
unten, vom Zentrum zu den Vorstdten.

Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand spann am glhenden wolkenlosen Himmel
ein erstickendes, feuriges Gespinst.

Die berraschten Menschen liefen, stumm vor Schreck, wilde, tierische
Schreie ausstoend, mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin und her.

Zur gewohnten Stunde ertnte keuchend von der Fabrik her der Mittagspfiff

Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im Chore der anderen Pfiffe.

Er flehte um Gnade, um Erbarmen . . .

Da man die Kinder rette, die Habseligkeiten in Sicherheit bringe . . .

Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten Menschen und Dinge schnitten
sich in jedes Herz.

Man trug die Heiligenbilder heraus.

Man glaubte: die Heiligenbilder wrden beistehen und vor dem Unglck
beschtzen.

Aber das Feuer drang hartnckig beiend berall hinein, es flog empor und
erfate immer neue, noch unversehrte Menschenwohnungen.

Die blauen und weien Spindeln aus Funken und aus Staub drehten sich
verzweifelt und unaufhrlich . . . Ein in wahnsinniger Hast kreisender
Bohrer durchlcherte die schwere Luft mit Feuer.

Karminroter Feuerschein ergo sich bebend ber die ganze Stadt.

Die schwarz verkohlten Dachsthle der Brandsttten ragten in die Luft wie
Galgen.

Die Eisenbahnwerksttten und die Naphtatanks brannten.

Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden Lokomotiven wie gehetzt
aus ihren eisernen Stllen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen
trocken und abgerissen.

Unter ihren rotglhenden Tatzen sthnte und zischte es unheimlich und
unheilverkndend.

Und das Weinen der ohne Trnen sterbenden Maschinen machte den Abend
erglhen.

Die brennenden Getreidespeicher rauschten wie Springbrunnen.

Jemand schttelte die blutrot leuchtenden Bernsteinkrner des Getreides
durcheinander und lachte aus vollem Halse.

                                * * *

Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um die Stunde des tobenden
Lebens, erdrhnte von der Kathedrale herab die Sturmglocke.

Die ffentlichen Huser standen in Flammen.

Das Feuer sog sich mit seinen Kssen eiferschtig an den Mdchenlippen
fest, jeden Nebenbuhler zurckwerfend und vernichtend. Mit wollstig feiner
Zunge beleckte es die Leiber und brannte sich in sie bis an die Knochen
hinein.

Die berauschten Gste fielen vor diesem roten, erbarmungslosen,
unersttlichen Gast zu Boden.

Nackte, in Umarmungen verschlungene, von Glassplittern verwundete, vom
Feuer versengte Krper strzten aus den oberen Stockwerken herab; sie
strzten zu Boden und wurden von Menschenfen und Pferdehufen zertreten
und zermalmt.

Die brennenden Pupillen der sich drngenden Menge weiteten sich und
platzten vor der berauschenden Glut. Das Rcheln der Tiere vermengte sich
mit dem durchdringenden Lachen, dem Flehen und Sthnen der Menschen.

Ein Mnch in dunklem Gewande, ein Mnch mit regungslosem Gesicht stand in
der Hlle der Feuersbrunst.

Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen Mittag und schrecklich in
seiner Ruhe. Er war geheimnisvoll und unheilverkndend wie ein qulender,
verworrener Traum.

Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen brannte, durchdrang die Flammen.

Tausende von Hnden griffen nach dem Saume seines Gewandes, nach den
Zipfeln seiner schwarzen Kapuze; Tausende von Hnden streckten sich aus und
hoben den Staub unter seinen Fen auf; Tausende von Lippen kten diesen
Staub.

Beschtze uns!

Rette uns!

Gnade!

Erbarmen!

                                * * *

>Erbarmen! Erbarmen!< drhnte die Sturmglocke der Kathedrale, als die Sonne
sich trge erhob und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch bohrte und
ber die Erde go.

Flieht! Flieht! rief es aus den Rauchwirbeln, die die hllischen Spindeln
beienden Staubes umkreisten.

Das Zuchthaus brannte.

Das Spital brannte.

Die Zuchthusler erbrachen die eisernen Tren, erschlugen mit den
Eisengittern die Aufseher und schleppten sich, verprgelt und angeschossen,
wie Pestkranke die von der Flammenglut zersprungenen Straen entlang.

Hei, so schn brannten die von Unrat durchtrnkten Zellen! Welch ein
Freudenmahl des freien, rchenden Feuers, das die Srge der Lebenden, das
Zuchthaus, zerstrte!

Und in den dumpfen Krankenslen, im grngelben Licht der hpfenden Sonnen,
klang herzzerreiend das Sthnen der Siechen und das hllische Lachen der
Wahnsinnigen.

Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhrnchen. Es warf sein brennendes
Netz ber die Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinber.

Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen Geheul, die Tiere weinten wie
von menschlicher Trauer ergriffen.

Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof.

Die Flammen erbrachen mit ihren schweren, glhenden Brecheisen die stummen
Grber.

Und die Toten erhoben sich aus den Srgen und wuchsen zu schwarzen, von
einer grauen, erstickenden Wolke beschatteten Dunstsule empor.

Der Mnch in dunklem Gewande, der Mnch mit fest zusammengepreten Lippen
stand mit gekreuzten Armen mitten unter den vertierten Menschen und den
rasenden Tieren.

Funken und Flammen umkreisten sein Haupt wie Scharen goldener Vgel.

Und die Sturmglocke lutet und lutet ohne Unterla.

Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt, verzweifelt umher.

Das staatliche Schnapslager brennt!

Der brennende Schnaps frit die Herzen.

   Hab den Vater geschlachtet,
   Die Mutter gehenkt,
   Und die leibliche Schwester
   Im Flusse ertrnkt . . .

Tausende von verstmmelten, mit Weingeist durchtrnkten Leichen brennen mit
blauen, unertrglichen Flammen.

                                * * *

Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig.

Die Mtter verloren ihre Kinder.

Kinder schleppten zentnerschwere Lasten.

Niemand wagte, unter einem noch unversehrten Obdach zu bleiben.

Man verlie die Huser und zog auf die Straen.

Man suchte nach den Brandstiftern.

Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein.

Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben, die sich bei den Haustoren zu
schaffen machten.

Man ri den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise eine Pfeife
angezndet hatte, in Stcke.

Man ri einem Studenten den Arm aus.

Man warf jemanden ins Feuer.

Wer ist's? Wo soll man suchen? fragte man den Mnch.

Der Mnch schwieg.

Auf den Zunen stand mit schwarzen Lettern geschrieben: >Morgen wird keine
Feuersbrunst sein.<

Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine Feuersbrunst.

                                * * *

Ein blutrotes engmaschiges Netz hing ber der Stadt, und irgendwo in seiner
Tiefe schwebte ein blutig-flammender Kern, welcher Gestank und Brandgeruch
verbreitete.

So begann der dritte Morgen, der dritte und letzte Tag.

In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit allen Reliquien. Der Glockenturm
strzte ein, und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte.

Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze empor. Sie zitterten und
verschwanden in der schrecklichen roten Nacht.

Die Herzen glhten, die Arme hingen kraftlos herab.

Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte.

Die Feuersbrunst ging zu Ende.

Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel umher.

Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und der etwas auf dem Kerbholz hatte,
erschlugen sie mit brennenden Scheiten.

Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken, verlieen sie vor Anbruch der
Nacht die Stadt.

                                * * *

Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten diese letzte Nacht auf
dem freien Feld, eng aneinander gedrngt, von geretteter Habe und geraubtem
Gut umgeben.

Und der Mnch in dunklem Gewand stand unter den briggebliebenen.

Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen oder anzuflehen, aber Hunderte
von Augen waren auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet.

Gnade! Gnade!

Und zum erstenmal ging ein Zucken ber das regungslose Gesicht des Mnches.

Der Mnch zerri sein Gewand, holte ein Gef, das er auf der Brust trug,
hervor, tauchte einen Weihwedel hinein und besprengte die flehenden Augen.

Im gleichen Augenblick ergo sich ein Feuermeer ber das ganze Feld.

Die Feuerwolke zerri den Himmel, zerspaltete die Nacht, schrie auf und
erbebte.

Und nichts als Funken und wieder Funken . . .

                                * * *

Tiefe Finsternis lag ber der verbrannten Stadt.

Und die Sterne frchteten sich, auf die Erde und auf den in dunkle Fetzen
gehllten Menschen herabzuschauen.

Und die Aasvgel wagten nicht, zu den Leichen herabzufliegen, sie wagten
nicht, ihre Flgel vor jenem Menschen zu regen.

Und er stand allein mitten in der Asche der verbrannten Erde.

O du verdammte Heimaterde!




Petuschok



1

Eine Kuh fra am Eliastage dem Petka ein Fnfzehnkopekenstck auf.

Als die Gromutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem
Schlafengehen dem Knaben eine silberne Mnze, ein Fnfzehnkopekenstck, zum
Vernaschen geschenkt.

Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur
Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten
Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im
Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein
Volksfest statt; es werden dabei Kwa, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und
Eis feilgeboten. Petka war ein groer Liebhaber von Stachelbeeren und a
leidenschaftlich gern Eis; seine Freude ber das Fnfzehnkopekenstck war
also wirklich gro. Whrend der ganzen Nacht behielt er die Mnze in der
Hand.

Als die Gromutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte,
war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, seine Schuhe
gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und
wie oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Gromutter die
Mtze aufprobiert! Petka hatte eine Mtze mit lackledernem Schirm; frher
hatte er einen Strohhut getragen, als er aber Schler einer Stdtischen
Schule geworden war, hatte ihm die Gromutter diese Mtze gekauft. Er hat
seinen Grtel, der ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt
und sich seine schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknpfen am Kragen
zurechtgezupft; blo mit der Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose
ist zwar rein gewaschen -- Gromutter selbst hat sie gewaschen und gebgelt
--, aber sie ist zu kurz: von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites
Stck zu sehen; Petka wchst aber noch, und die Hose ist in der Wsche
eingelaufen.

Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Gromutter! begrt
Petka die Gromutter, auf einem Bein hpfend.

Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok! Gromutter ist nach dem
Gottesdienst mde und freut sich auf den Tee.

Wenn die Gromutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer
furchtbar viel Zeit dazu -- so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte
erst die Asche auszuschtten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die
Kohle einige Holzspne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing,
noch einige Kohlen nachzulegen; das machte sie wohl zweimal. Petka
schttete aber nie die Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit
Kohle voll, zndete einige Spne an, legte noch etwas Kohle auf, und der
Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, zu summen.

Du bist ein gescheiter Junge! wiederholte die Gromutter. Sie freute
sich, da der Samowar auf dem Tisch stand und summte und da sie jetzt in
aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen
konnte.

Gromutter war gottesfrchtig und eine eifrige Kirchgngerin; sie versumte
keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche
gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der
Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.

Gromutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stckchen
geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drngen an: sie wollten
sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.

Aber es sei noch viel zu frh! Die Prozession habe gewi noch nicht den
Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister
stnden noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie sen wohl noch in
der warmen Stube und trnken Tee.

Gromutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf
dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten es sehr einfach:
zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Gromutter; der Alten fiel es
zwar recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort
aus besser sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.

Wenn du nicht gehst, geh ich allein! Petka setzte seine Mtze mit dem
Lacklederschirm auf und stand schon an der Tr.

Gromutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man knne
ihn im Gedrnge leicht zertreten.

Man wird dich zertreten, Petuschok.

Nein, Gromutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr
das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat
schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Gromutter,
jetzt gehe ich!

Gromutter hat Angst und ist zugleich gekrnkt: sie gingen doch jedes Jahr
zusammen hin -- Petka voraus und hinter ihm die Gromutter in ihrem alten
Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Gromutter spannte ihren Schirm
niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der
Spitze, so da der Griff die Erde berhrte. Sie will Petka nicht allein
gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemchlich ihren Tee
trinken!

Was ist da zu machen? Der Junge lt sich nicht halten!

Petka geht allein fort.

Der Morgen ist schn khl, der Tag wird nicht so hei werden. Ob Petka vom
lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias,
dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat -- die Leute werden es in der
Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die
Priester werden leichten und trockenen Fues gehen, und auch die Chorsnger
werden es angenehm haben.

Petka ging, sein Fnfzehnkopekenstck fest in der Faust haltend, auf den
Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er
sich dafr kaufen und auerdem fr fnf Kopeken Schokoladeneis verspeisen.
Petka lauschte; irgendwo luteten die Glocken, aber es war noch sehr weit.
Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man lutete in
den Kirchen, an denen sie vorberzog.

>Man lutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola -- es ist
ein schnes Luten!< dachte Petka. Und da erblickte er pltzlich eine Kuh.

Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schne, wohlgenhrte, rote
Kuh.

Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das
>Braunchen<, wie Gromutter sie zu nennen pflegte.

Guten Tag, Braunchen! Petka kam hpfend nher und streckte seine Hand
aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstck funkelte in der Sonne,
das Fnfzehnkopekenstck fiel ihm aus der Hand, die Kuh leckte es mit der
Zunge auf, stie einmal auf und verschluckte es.

Kurz und gut -- weg war es.

Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um
die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Mnze nicht
wieder zum Vorschein kme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes
Geldstck, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das
Fnfzehnkopekenstck, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.

Mit leeren Hnden ging nun Petka zur Eliaskirche.

Sollte er umkehren und der Gromutter alles erzhlen? Gromutter wrde wohl
sagen: Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir
die Kuh gefressen! Und sie wrde ihm nie wieder eine Silbermnze schenken.
Sie wrde noch sagen: Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken?
Das frit ja doch die Kuh! Nein, es ist doch besser, der Gromutter nichts
zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich
eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen mssen. Und wenn Gromutter
etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Gromutter sagen, da
er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen
hat . . . Und wenn Gromutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben
mssen! Die Stachelbeeren sind ja billig -- spottbillig sind sie, sagt
Gromutter selbst. Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner
Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja
nicht fnf, sondern fnfzehn Kopeken gewesen! Aber er hat kein
Fnfzehnkopekenstck mehr: die Kuh hat es aufgefressen!

Was bist du fr eine Kuh! sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten
Braunchen. Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so
schn rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . .
hundert Portionen!

Petka dachte im Gehen immer an sein Fnfzehnkopekenstck, das
unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Mglichkeit:
Gromutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben.
Aber wo sollte Gromutter eines hernehmen? Das Geld wchst nicht auf der
Strae, pflegt Gromutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar
Silbermnzen; Kopekenstcke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker
Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die
goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur
Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.

Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit
frischgemhtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von
den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder
sonst noch hieen. Die Fe glitten im Grase aus, und Petka brachte es
fertig, sich ein paar grne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras
lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und
brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer
mit seiner Gromutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das
aufgefressene Fnfzehnkopekenstck und schlo die Augen: ganz klar, ganz
deutlich fhlte er die Erde und das Gras unter seinen Fen; er fhlte sich
pltzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo
Glockenblumen blhen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum
Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum
Troiza-Sergius-Kloster.

Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Brgersteig und
suchten sich ein Pltzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das
Luten klang immer nher, es schien schon aus der nchsten Nhe, von der
Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getuscht, es war
noch sehr weit: man lutete erst bei Kosmas und Damian.

Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die
Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer
Plschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich
einmal, wenn er gro ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann
ebenso schn schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt
aber benetzte es ihm Gromutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit
Kwa.

Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession
und der Gromutter.

>Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden<, dachte er ab und zu an
sein unglckseliges Geldstck. >Es kann gar nicht verlorengehen!<

Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in
welcher Kirche gerade gelutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den
Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so
schweiften die flchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,[*] wie
Gromutter den Jungen zu nennen pflegte.

Nun kam auch Gromutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den
Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mari Opferung in den Baraschi
begannen zu luten, die Prozession kam immer nher, die schweren
Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann lutete es in der
Eliaskirche, und Petka war vollkommen getrstet.

>Gromutter wird mir ein anderes Geldstck schenken, und wenn sie mir
keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.<

[Funote *: russ., Hhnchen.]


2

Gromutter hatte niemand auer Petka. Petka ist ihr Groneffe, der Sohn
ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gnzlich
heruntergekommen: er war frher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich
etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau
herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur
einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den
Goujon-Werken; er verlie auch diese Stellung und geriet schlielich unter
das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bevlkert. Er besuchte,
wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Gromutter, um sie um Geld
zu bitten. Gromutter hatte vor dem Neffen groe Angst und nannte ihn >den
Ruber<.

Petka wohnt mit der Gromutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall,
in der Nhe der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Gromutter noch
bei Krften gewesen war, hatte sie nie mig dagesessen und ber nichts zu
klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Weibrot zu
Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr
arbeiten. Gromutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt,
als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog ber
Moskau berfhrte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen untersttzen
sie ab und zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschu von der
Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine Stdtische Schule aufgenommen.
Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Gromutter Iljinischna Sundukow;
auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit
Mhe und Not schlgt sie sich mit ihrem Petka durch.

Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin,
mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfrchtig waren wie die Gromutter. Als
die Smetanins starben, mietete Gromutter mit Petka die Kellerstube.
Gromutter hat frher ein anderes, greres Zimmer gehabt, in dem jetzt
Stubenmaler wohnen.

Gromutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor
Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade lt sich
nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur
einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade -- davon wei aber
nur die Gromutter allein -- sind ein silberner Teeglasuntersatz mit
Weintraubenmuster und zwei silberne Lffel mit Blumengravierung und
schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das
er nach Gromutters Tode erben wird. Gromutter hat auch einen
Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tr
zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tr fllt
sofort ganz heraus: nur Gromutter allein versteht es, in ein bestimmtes
Loch einen Stift hineinzustecken, so da die Tr auf den richtigen Platz
kommt und der Schrank sich wieder schlieen lt. Gromutter besitzt auch
noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd,
ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Abstze und ein Stck Leinwand
verwahrt: das alles bleibt fr ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im
Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrnke
hinein: der Schlingel glaubte, es wrde Gromutter Freude machen, wenn sie
im Jenseits von den Kohlstrnken naschen knnte. Ein kleines Sofa steht
auch noch da: von auen betrachtet, ist es noch ganz anstndig, wenn man
sich aber ungeschickt draufsetzt, so stt man sich an einer Holzleiste. Im
Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst hngen
mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere
Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone >Die Moskauer
Wundertter<: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in
Christo stehen nebeneinander -- Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und
Johannes in einem weien Gewand --, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem
Moskauer Kreml; ber dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt,
und ber den Heiligen ein dunkler Wald, die >Mutter-Einde< mit
zerklfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka hlt sie fr
Feuerberge. Es ist eine uralte Ikone. Daneben steht eine zweite auf
Goldgrund gemalte Ikone: >Die vier Marienfeste<. Sie stellt die vier
Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Frbitte, Aller Leidenden Freude,
Mari Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild fllt fast
auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Knuel:
ein Knuel Stricke, ein Knuel Bindfaden und ein Knuel bunter Schnre:
whrend vieler Jahre hat Gromutter sie aufgespart. Schlielich existiert
noch eine Truthenne -- das ist ihre ganze Habe.

Gromutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die
Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht
neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt
wie die Gromutter. Gromutters >Herr Jesus< kann sie zwar nicht
nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben
hat sie alles gelernt, alles erfat.

Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren
gewhnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im
Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr
Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen best war. Die
Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so
kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.

Die Hhner des Diakons haben Hhnchen, die Katze Puschok hat Ktzchen, aber
die Truthenne hat nichts -- wie kommt das? fragte sich Petka mehr als
einmal.

Auch die Gromutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:

Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so gbe es Hhnchen!

>Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es
Hhnchen!< sagte sich auch Petka.

Gromutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt?

Gott geb's!

Was geschieht dann weiter? prfte der kluge Petka die Gromutter.

Dann setzt sie sich hin.

Wie setzt sie sich hin, Gromutter?

Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das. Gromutter
kauerte hin wie die Truthenne. Einundzwanzig Tage, das sind genau drei
Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen mu, steht sie auf und das
auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truthhnchen
heraus.

Gromutter, wo werden wir das Hhnchen hintun?

Es wird bei uns wohnen.

Gromutter, wir werden es in einen Kfig tun, und es wird wie eine
Nachtigall singen, ja, Gromutter?

Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hhnchen sein, ganz gelb, mit einem
Schpfchen.

Gromutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja,
Gromutter?

Was fllt dir ein, Petuschok!

Wir werden fliegen, Gromutter, wir werden mit dem Hhnchen in dem
Luftballon wohnen. Ja?

Gromutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber ber die Gromutter
hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen
wrden: er, das Hhnchen und die Gromutter.

Ich bin damit nicht einverstanden, sagte die Gromutter. Ich will hier
unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.

Gromutter, Petka dachte nur an seine Sachen und hrte die Gromutter
nicht. Alles kommt doch vom Ei?

Mge Gott ihr doch eins schenken! Gromutter wollte so schrecklich gern,
da die Truthenne legte, und sie dachte an das Hhnchen mit derselben
Sehnsucht wie Petka.

Petka hatte das Geldstck vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine
Vorwrfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstck
mehr, er brauchte nur das kalikutische Hhnchen. Aber wo sollte er ein Ei
hernehmen, wie knnte er es einrichten, da Gott der Truthenne ein Ei
schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truthhnchen kommt?

>Ich knnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen<,
berlegte sich Petka. >Der Diakon hat viele Hhner, und seine Hhner legen
viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es
aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!< Petka hatte schon in des
Diakons Kiste hineingeschaut. >Datum und Monat sind auf jedem Ei
verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als
Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen mssen. Und Gromutter? Wie
wird sie ohne mich leben?< -- >Ich lebe nur fr dich, Petuschok, sonst wre
es fr mich lngst Zeit zu sterben!< -- pflegt Gromutter zu sagen. >Nein,
vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei
verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!<

Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Gromutter wollte einmal ihrem Petuschok
eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte
Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte blo zwei Eier
mit: das dritte versteckte er und sagte der Gromutter, er habe es
zerbrochen.

Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstck gefressen, und das
Ei hast du zerbrochen! Das zerbrochene Ei tat der Gromutter furchtbar
leid.

Petka htte wohl sonst die Eierspeise vor rger gar nicht angerhrt; aber
jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus
dem auch ein Hhnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll
nur Gromutter sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei,
wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der
Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die
da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar
kein Ei lge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.

Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?

Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte! Petka kauerte hin, starrte auf
die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu
regen, von dem einen hartnckigen Gedanken, dem einen heien Wunsch, der
einen Bitte beseelt: Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!

Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf
das Ei.

Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der
Truthenne, von dem einen hartnckigen Gedanken, von dem einen heien Wunsch
beseelt . . .

Die Truthenne sa ruhig und fest auf dem Hhnerei.

Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu
einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne sa ruhig
und fest auf dem Hhnerei.

Sollte er es der Gromutter sagen? Nein, Gromutter wird es schon selber
sehen. Wie wird sie sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen
sieht!

Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er pate auf die Truthenne auf
und wartete auf die Gromutter. Gromutter kam in den Schuppen, um der
Truthenne ihr Futter zu geben.

Gepriesen sei der Schpfer! flsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie
trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es
einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne
sa auf einem Ei!

Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen,
auch Gromutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte
nicht einschlafen: er wartete immer, da Gromutter etwas von der Truthenne
sagen werde. Auch Gromutter wlzte sich immer von der einen Seite auf die
andere: sie hatte groe Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, frchtete
aber, das Glck zu berufen.

Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schlielich doch nicht aus.
Petuschok! rief die Gromutter.

Gromutter! Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat
aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.

Du schlfst noch nicht, Petuschok?

Was willst du, Gromutter?

Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen! Gromutter fing sogar zu
lachen an und keuchte vor Freude. Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .

Sie sitzt, Gromutter?

Ja, Petuschok, sie sitzt . . . Gromutter sagte es mit schwacher Stimme
und bekam einen Hustenanfall.

O Gromutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein Hhnchen?

Ein Truthhnchen, ein kalikutisches Hhnchen, flsterte die Gromutter,
als ob im kalikutischen Hhnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glck von
ihrem und Petkas Leben lge.

Wird es bei uns wohnen?

Gewi, Petuschok, wo denn sonst?

Wir werden es doch nicht aufessen, Gromutter?

Gromutter antwortete nicht mehr, Gromutter war schon eingeschlafen,
beglckt und erfreut durch die gttliche Gnade, durch den Gedanken an das
kalikutische Hhnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hhnerei kommen
sollte.

Das llmpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den
>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Frbitte, Aller Leidenden Freude, der
Muttergottes von Achtyrka und Mari Erscheinung -- und vor den >Moskauer
Wunderttern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem
Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einde< glhten im Lichte der
Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer
Kreml hinein.

Gromutter, ich werde das Hhnchen lieben! Petka-Petuschok, Gromutters
Hhnchen, schlief mit diesen Worten ein.

Jeden Tag, ganz gleich, ob es ntig war oder nicht, schaute Gromutter in
den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott fr die ihr
erwiesene Gnade und zhlte die Tage. Auch Petka zhlte die Tage und war
nicht weniger aufgeregt als die Gromutter; er lie seinen Drachen nicht
mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und verga, da
er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das
Hhnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei wre.
Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgem auf das
Ei gesetzt hatte, sa auf dem Hhnerei ruhig und fest und dachte gar nicht
daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, da sie,
seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals
gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hhnereiern
hatte? Oder daher, da Petka durch seinen Willen wirkte oder Gromutters
Gebet Gehr gefunden hatte -- jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie
bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden
immer blasser.

Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.

Petka konnte nicht mehr schlafen: Und wenn kein Hhnchen herauskommt, wenn
es ein taubes Ei ist? Wie konnte er auch schlafen? Jeden Morgen, sobald es
tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.

Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen! sang Petka, auf
einem Beine hpfend. Drauen im Schuppen und auch in Gromutters Stube
hauchte er das Hhnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im Hhnchen das
ganze Geheimnis, das ganze Glck von seinem und Gromutters Leben lge.

Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut! Gromutter konnte
sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.


3

Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm aus. Die Sonne schien zwar
nur wenige Stunden am Tage, befiederte aber doch das kalikutische Hhnchen:
es wuchs heran, krhte mit heiserer Stimme, tat sehr vornehm, fiel ber die
im Frhjahr zur Welt gekommenen Hhne des Diakons her und raufte mit ihnen
wie ein richtiger Hahn. Alle Anzeichen sprachen dafr, da es einen
spitzen, hellroten Kamm, krftige Sporen und eine laute Stimme haben wrde:
es war eben ein echtes kalikutisches Hhnchen!

Nicht die Truthenne -- wie sollte sie auch? -- die Truthenne starb langsam
dahin --, sondern die Gromutter pflegte das Hhnchen, und als die warmen
Tage von kalten abgelst wurden, nahm sie es aus dem Schuppen in die Stube.
Gromutter wird Petkas Glck wohl bewachen, sie wird das Hhnchen
groziehen, so wie sie Petka grogezogen und sich ihr Glck fr ihre alten
Tage erhalten hat.

Zugleich mit der Klte und der Oktobernsse brach eine unruhige Zeit an,
die denkwrdigen Tage der Volksopfer und der Freiheit.

Da auf den Hauptstraen das elektrische Licht nicht mehr brannte und ganz
in der Nhe auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten Lokomotiven
unbeweglich dastanden und froren; da die schrecklichen roten Schlote der
Goujon-Werke in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr qualmten und am Himmel
hinter dem Androni-Kloster kein Feuerschein bebte -- das alles htte doch,
knnte man meinen, auf Gromutter in ihrer Kellerstube nicht den geringsten
Eindruck machen sollen: Gromutter brauchte kein elektrisches Licht, sie
ging abends nie aus, beabsichtigte nicht zu verreisen und hatte auch mit
den Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. Gromutter wohnte aber
in ihrem Keller nicht allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter,
waren mit einer festen Kette an die roten Schlote der Goujon-Werke wie auch
an die blanken Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, da die Schlote
nicht mehr qualmten und die Lokomotiven stillstanden, hatte sie aus ihrer
Arbeitsbahn geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles Leben auf den Kopf
gestellt, die Erde erschttert und ihre Tage zu Tagen des jngsten Gerichts
gemacht. Das Gefhl, das die Straen ergriffen hatte und in das Leben und
die Gedanken des Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war, das sich
von Vorstadt zu Vorstadt, von Strae zu Strae, von Gchen zu Gchen, von
Sackgasse zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller zu Keller als die
dunkle Vorahnung einer schweren Not fortpflanzte, hatte auch die greise
Seele der Gromutter an der Schwelle ihres Todes erfat.

Der auf dem Chitrowka-Markt fast gnzlich verschollene Neffe der
Gromutter, der >Ruber<, erschien eines Tages wieder in Gromutters
Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola Kobylski.

Sein von Rheumatismus gekrmmter Arm, seine Nase, die wie drei Nasen
bereinander aussah -- (es kam von der Elephantiasis), der schwarze
abgetragene berzieher, unter dem er nichts als die ganz zerfetzte,
ungewaschene, vor Schmutz steife Wsche hatte -- all das jagte der
Gromutter Angst und Schrecken ein. Gromutter frchtete gar nicht, da er
von ihr Geld verlangen und ihr das Messer an die Kehle setzen wrde: sie
wrde ihm das letzte Geld geben, obwohl sie es gar nicht leicht haben und
nachher mit Petka viele Tage wrde hungern mssen; es berfiel sie die
schreckliche Vorahnung, da der Neffe, Petkas Vater, der >Ruber<, ihrem
Petka etwas antun wrde. Was er ihm aber antun wrde und was er Petka
berhaupt antun knnte, darber vermochte sie sich keine Rechenschaft zu
geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen Seele fhlte sie ganz deutlich, da
Petka eine Gefahr drohte, da das Unglck bereits aus seinem schrecklichen
knchernen Reiche herausgekrochen war und immer nher heranrckte, da es
schonungslos, unerbittlich und grausam an Petuschoks kindliches, kleines
Herz heranschlich.

Der Neffe hatte Durst und Hunger. Gromutter richtete fr ihn den Samowar.
Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee
trinken.

Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten
zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehrt und wute, wie die
Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal
Ruber zu werden, sich eine schwere Snde auf die Seele zu laden, dann Bue
zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Hhle zu leben. Nun sa er
aber an einem Tisch mit einem Ruber, trank mit ihm aus demselben Samowar
Tee, und dieser Ruber, Gromutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka
wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit
derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa
Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wute, wie er dem
Vater gefllig sein und dem Ruber seine Khnheit zeigen konnte, sprang er
pltzlich von Stuhl, packte das Hhnchen, das sich unter das Sofa
verkrochen hatte, an den Flgeln und schleppte es herbei.

Schau dir das Hhnchen an, sagte Petka, ein kalikutisches ist es!

Petka und ich haben nur einen Wunsch, da dem Hhnchen nichts geschieht;
sonst brauchen wir nichts! sagte Gromutter, als ob sie sich rechtfertigen
msse; ihre Hnde zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.

Der Ruber blinzelte dem Hhnchen zu -- ein feines Hhnchen! Der Ruber a
mit groer Hast und entschdigte sich fr alle die Hungertage, derentwegen
ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Gromutters Mittagsessen
verzehrt hatte, machte er sich ber den Tee her. Das heie Getrnk erwrmte
ihn, machte ihn schlaff und lste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres
Zeug zu reden, wobei er ber Petka und die Gromutter hinwegsah, genauso
wie Petka ber die Gromutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon
erzhlt hatte, auf dem sie einst wohnen wrden: er, das Hhnchen und die
Gromutter. Aus den Worten des Rubers folgte, da nun fast alles erlaubt
sei, da es keine Gesetze mehr gebe, da alle Gesetze abgeschafft seien und
da heute oder morgen alle Gelder in seine Hnde bergehen wrden; und da
wrde die blutige Abrechnung beginnen.

Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . . Der Ruber gebrauchte
lauter unverstndliche und schwierige Worte und machte mit dem Finger die
Gebrde des Halsabschneidens. Eine Grfin werde ich mir zur Frau nehmen!

Und je wrmer es dem Ruber wurde, um so verworrener und unwahrscheinlicher
klangen seine Worte. Petka hrte dem Vater mit offenem Munde zu und starrte
auf seine dreistufige Nase. Gromutter schttelte den Kopf.

Petka und ich haben nur den einen Wunsch, da dem Hhnchen nichts
geschieht. Sonst brauchen wir nichts, flsterte Gromutter, als mte sie
Petka und sich rechtfertigen.

Der Ruber trank die letzte Tasse Tee aus und ging mit Gromutters letztem
Kleingeld in der Hand fort. Gromutter blieb mit Petka und dem
kalikutischen Hhnchen allein. Sie rumten alles auf, stellten den Samowar
weg, splten die Tassen ab und fegten mit einem Flederwisch die Brotkrumen
in einen Beutel; Petka machte seine Schulaufgaben, dann saen sie noch eine
Weile beisammen, ghnten, schwiegen und schlugen so den Abend tot. Nachdem
sie das Abendgebet gesprochen hatten, sahen sie unter das Sofa nach dem
Hhnchen: ob es schon schlafe oder nicht. Das Hhnchen schlief schon
lngst. Nun gingen sie selbst auch zu Bett.

Petka wlzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Auch Gromutter
drehte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie fhlte Unruhe und
Angst.

Petuschok! rief Gromutter, als sie ihre Angst nicht lnger bemeistern
konnte.

Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin und her: er sah sich schon
als Ruber und baute sich aus den unverstndlichen Ruberworten, die er vom
Vater gehrt hatte, Rubertaten und ein Ruberleben auf.

Petuschok, du, Petuschok! rief Gromutter noch leiser, noch freundlicher.

Was ist denn, Gromutter? Petka sprang auf: es war ihm, als htte er
Gromutters Stimme gehrt.

Ich bin es, Petuschok, frchte dich nicht. Gromutter konnte vor Angst
kaum sprechen. Geh nicht fort, Petuschok . . .

Unter die Ruber will ich gehen, Gromutter, antwortete Petka
augenblicklich. Als Ruber will ich leben! Und auch du, Gromutter, sollst
unter die Ruber gehen . . .

Geh nicht fort, Petuschok! piepste Gromutter so leise, da Petka sie gar
nicht hrte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton,
jedes Rascheln schien ihr unheilverkndend, das Hundegebell erschreckte
sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertr
heran, ein Dieb, ein bser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu
nehmen.

Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein
echter Ruber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter
eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen Nase und einem gekrmmten Arm;
er wird Gromutter und das kalikutische Hhnchen abholen, sie werden zu
dritt in einem Luftballon nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als
Ruber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.

Das llmpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den
>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Frbitte, Aller Leidenden Freude, der
Muttergottes von Achtyrka und Mari Erscheinung -- und vor den >Moskauer
Wunderttern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem
Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einde< glhten im Scheine der
Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer
Kreml hinein.

Ich bin unter die Ruber gegangen, Gromutter, murmelte Petka im Schlafe.

Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Gromutters Unruhe
hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bndigen: wenn der
Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten --
frher betete er in solchen Fllen ein Vaterunser, das wirklich half --,
ganz sinnlose Abzhlreime aufzusagen. Gromutter hatte sich nicht beruhigt,
in den Straen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte
Moskau nicht abgekhlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner
Arbeit und Sorge zurckgekehrt. Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte und
rckte an das russische Volk die schwere Not heran, die unbarmherzige,
unerbittliche, grausame Not; sie trieb es in ferne Lnder fort, zu einem
fremden Volke, und zerstreute es dort in Spott und Schande; sie brachte es
an die Gestade eines fremden Ozeans und ertrnkte es darin, schrecklicher
als ein Sturm und ein Ungewitter; nun schlich sie dunkel und unersttlich
aus dem fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Flu heran und bedrohte
das Herz unseres unglckseligen, verbitterten Landes. Ob unserer groen
Snden wegen, wie Gromutter sagte, oder allen Einfaltigen zur Belehrung,
wie der barfige Migkeitsapostel aus der Teestube an der Sazepa
behauptete, ob als Strafe fr das wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt --
jedenfalls wurde das stumme, sprachlose, noch geschwchte, doch immer und
immer wieder bestrafte russische Volk, nachdem es drei Plagen berstanden,
wieder der schweren Not preisgegeben.

Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertter
schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in
den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergo sich ber
die Stadt.

Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Gromutter mit Petka um die
Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen -- in diesen Tagen
kmmerte sich kein Mensch um die Gromutter, man hatte sie vergessen, und
die beiden saen oft wochenlang ohne einen Bissen.

Gromutter, Petka sprang auf, hrst du es?

Gromutter legte den Lffel weg und knabberte an einer Brotrinde.

Gromutter . . . Petka sah zum Klappfenster hinaus.

Gromutter rhrte sich nicht. Sie schttelte den Kopf wie beim Besuch des
Rubers.

Gromutter, man schiet! und mit diesen Worten lief Petka zur Tr hinaus.

Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja geschossen, und das dumpfe
Drhnen klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der Erde. Die
Fensterscheiben erklirrten.

Gromutter hatte noch nichts gemerkt, Petka hatte es aber sofort gehrt.
Und nun hrte es auch die Gromutter; sie bekreuzigte sich wie bei einem
Donnerschlag.

Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglck stand an jeder Ecke, an jeder
Straenkreuzung; es lauerte unersttlich, dunkel, strafend bei Tag und bei
Nacht, wo viele Menschen versammelt waren und auch, wo es gar keine
Menschen gab.

Gromutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite zu lassen. Wie leicht konnte
ihm etwas zustoen: Gromutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter
zum Streik ermunterten, in den Freischrlern, in den Kosaken und Dragonern,
die die Sadowaja zum Kursker Bahnhof passierten, lauter Ruber. Und es
wurde immerfort geschossen: irgendwo in Kudrino, und auf der Presnja, und
gleich in nchster Nhe, auf der Mestschanskaja; in einem fort wurde
geschossen, und das Gedrhn drang immer lauter in die Kellerstube hinein;
es klang, als ob man mit Peitschen knallte oder trockene ste abbrche.

Seit dem Nikolatage konnte Gromutter keine Nacht mehr schlafen: sie pate
auf Petka auf, wie sie in den ersten Wochen auf das Hhnchen aufgepat und
wie Petka selbst, am Spalt hinter dem Schuppen lauernd, auf die Truthenne
mit dem Hhnerei aufgepat hatte.

Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu Hause bleiben, er konnte nicht
ruhig sitzen.

Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka fort; Gromutter lief
hinter ihm her.

Das war einmal eine Zerstreuung fr Petka: frher pflegten die Jungen auf
dem Eise eine Rodelbahn zu bauen: jetzt galt es, die Strae zu versperren.

Petka griff nach einer Telegraphenstange.

Schlepp sie her! schrie der Bengel der Gromutter zu.

Was sollte Gromutter machen? Vor Angst zitterten ihr die Hnde, wie konnte
sie berhaupt daran denken, eine Telegraphenstange zu schleppen! Sie konnte
nicht einmal einen Kienspan halten. Gromutter hob ein Huflein Spne vom
Boden auf und trug es hinter den Kindern her. Und sie legte ihr Scherflein
auf die gemeinsame Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten Krams, zu
den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen und Ladenschildern.

Bravo, Gromutter! spotteten die Leute ber die Alte; ein Hausmeister mit
einem Rubergesicht grinste, indem er frierend einen Fu gegen den andern
schlug.

Es ist unserer groen Snden wegen, flsterte Gromutter. Sie war von
ihrer Arbeit mit den Spnen ganz erschpft, blieb aber doch nicht hinter
Petka zurck.

Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz hinauf, wo die rote Fahne
wehte, schob sich die Mtze, die Mtze mit dem Lacklederschirm, wie ein
verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die Fahne ber ihm leuchtete so rot
wie ein Kelchtuch.

Klettere auch du herauf; Gromutter! rief Petka, der singende Petuschok,
zu seiner Gromutter hinunter.

Wie konnte sie hinter ihm zurckbleiben? Selbst auf den Sucharewturm wrde
sie hinaufklettern!

Als zur Abendmesse gelutet wurde und zugleich mit dem Glockengelut die
unheimliche Kanonade drhnte, machte Gromutter sich bereit, in die Messe
zu gehen. Petka war vorausgelaufen und spielte mit den anderen Kindern beim
Kuhstall des Diakons; sie spielten >Kosaken und Streikende<.

Als Gromutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen und den Kopf in ein
schwarzes Wolltuch gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem
hungrigen Hhnchen, ob es schon schlafe oder nicht: das Hhnchen schlief.
Sie brachte das llmpchen in Ordnung -- aus der Dmmerung blickten die
Antlitze der Wundertter und der Muttergottes sie an --, und es wurde ihr
pltzlich ganz traurig zumute.

Sie seufzte, weil sie jetzt so drftig leben muten: die Feiertage rckten
heran, und sie hatte nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, und
es war schon Zeit, da sie starb; und Petka tat ihr so leid . . . Er war ja
noch ein kleines Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen stnde!
Aber er war ja noch ein unmndiges Kind.

Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Frbitterin . . . Gromutter legte
die Finger zusammen, um sich zu bekreuzigen.

Macht schon ein Ende! sagte jemand hinter der Wand entweder bei den
Stubenmalern oder bei den Mtzenmachern; wahrscheinlich jemand, der
gekommen war, um die Arbeiter zum Streik zu ermuntern.

Gromutter fuhr zusammen und wandte sich um: in der Tr stand ihr Neffe,
der Ruber.

Gib Geld her, Alte! drang der Ruber auf sie ein.

Gromutter schttelte den Kopf: Du kannst mir den Kopf abhacken, aber ich
habe nichts!

Du sagst, du hast nichts? drang der Ruber auf sie ein.

Bei Gott . . . nein . . .

Der Ruber packte die Gromutter am Kragen und stie sie mit der Nase gegen
die Kommode.

Such, sage ich!

Gromutter tastete unter dem Heiligenschrein herum und reichte dem Ruber
wortlos -- sie konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen -- die drei
Knuel: den Knuel Stricke, den Knuel Bindfaden und den Knuel bunte
Schnur, alles, was sie whrend der vielen Jahre zusammengebracht hatte
. . . Der Ruber hieb auf die Alte mit der Faust ein, ein Knuel kam ins
Rollen, Gromutter kauerte nieder, wie die Truthenne vor Petka, und blieb
starr am Boden sitzen.

Der Ruber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er strzte Gromutters
eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung
heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, ri die
Tr des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein -- da war
nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstberte alle Schubladen,
nahm alles heraus -- aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere
Schublade lie sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und
konnte nichts machen . . .

Das rollende Knuel weckte das Hhnchen; es kam unter dem Sofa hervor,
schlug mit den Flgeln und krhte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht.
Es krhte zu seinem eigenen Verderben, das kleine gelbe Hhnchen mit dem
Schpfchen . . .

Der Ruber fing das Hhnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmi es der
Gromutter vor die Fe.

Krepier daran! Und mit diesen Worten ging er.

Drauen beim Kuhstall war ein Hllenlrm: die Kinder spielten wie
ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf
die Strae hinaus und wollte auf die andere Seite hinber. Eine Patrouille,
die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik
vorberritt, erffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel
mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mtze und stand nicht mehr
auf.

Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und
durchschossenem Herzen zu Gromutter in den Keller; auch Petkas Mtze mit
dem Lacklederschirm brachte man mit.

So war also das Unglck gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.

Gromutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in
ihrer Kellerstube weiter und versumte keinen einzigen Gottesdienst; und
wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte
mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den
Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster und die beiden silbernen Lffel
ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja fr Petka aufbewahrt, und Petka
brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und
den Lffeln und kam nie mehr zu Gromutter. Und die Truthenne ging ein.

>Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!< Petkas Liedchen geht
Gromutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok.
Und sie erzhlt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank
wre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken frchtete, von der Truthenne,
vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hhnchen, vom Ruber, und wie sie mit
Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz
erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas
Mtze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.

Ich ging hin, Vterchen, erzhlte Gromutter leise und immer leiser --
um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekrnkten anzuznden: ich wollte
die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben
lassen . . . Gromutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die
Hand sank immer wieder herab: es war die Krnkung, die unverschuldete,
bittere, tdliche Krnkung, die ihre Hand lhmte und ihre Augen mit
Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und
konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen dick an, und die
drren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein
gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekrnkten, der Muttergottes,
die alle unverschuldeten, bitteren, tdlichen Krnkungen hinnimmt, anznden
wollte . . . Und ich stellte die Kerze hin! Gromutter schttelte den
Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertter: Maxim der
Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hnde
hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr
leuchtendes, unauslschliches Flmmchen, das in ihrem Herzen den letzten
Rest der Krnkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten,
bitteren, tdlichen Krnkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm:
es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste,
unerschtterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flmmchen durch
jedes Unglck, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles
genommen war: das kalikutische Hhnchen und Petka, der Petuschok.




Prinzessin Mymra



1

Schn hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schn, da er, wenn die
Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stckchen durch sein Gedchtnis
huscht, sofort alles brige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergit; der Alte
Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben,
Zensuren und Pausen, alle Lehrer -- vom >Deutschen< Iwan Martynytsch bis
zum Schnschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schler der ersten Klasse und
sogar seine Busenfreunde -- Romaschka und Charpik --, alles versinkt und
verschwindet, als wre es nie gewesen, als htte es berhaupt niemals etwas
anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.

Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon, sagt sich Atja. Er
legt das verhate Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.

Oder er erwacht mitten in der Nacht -- es gengt auch das leiseste
Gerusch: jemand schnarcht in der Kche, oder sein Bett knarrt --, und dann
ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grnen
Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten
Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium
bei seinem Grovater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und
dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und
der hren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu knnen. Der Schlaf
will aber nicht kommen. Htte er nur Flgel oder den fliegenden
Zauberteppich, so wrde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi
fortfliegen.

Das Kirchdorf liegt auf einer Anhhe. Unten steht die weie Kirche. Der
Kirche gegenber liegt das Haus des Grovaters mit dem Garten und den
Bienenstcken. Gleich hinter dem Zaun fliet der Flu vorbei. Kossa heit
der Flu. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind
Felder. Und dann kommt wieder eine Anhhe, und dann zieht sich viele Werst
weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von
keiner Axt berhrter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaen durchkommen,
aber der Mensch mu schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie
Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder
Reizker zu suchen, so zndet man die Ameisenhaufen an: die Wlfe knnen den
Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wlfe.

Auf dem weien Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzhlige.
Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim
Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frhjahr
kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das
Luten der ausgeluteten kleinen Kirchenglocken? Oder hngen sie so am
alten Grovater? Die Schwalben wissen viel und knnen sich wohl an vieles
erinnern: wie der Grovater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas
Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:

Atja ist wieder da, rufen die Schwalben. Wie furchtbar gro ist er ber
den Winter geworden!

Ziegen und Schafe, Khe und Klber, Schweine und Pferde, Gnse und
Truthhner -- alle wissen sofort, da Atja wieder da ist. Tiere und Vgel
sind ja verstndig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.

Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fhrt, in einem Tag
nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut
einen Pfiff und die krftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg
und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, da man kaum
Zeit hat, die Tore zu ffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den
Straen stehen aber statt der langweiligen Werstpfhle Wotjakenmdchen in
seidengestickten weien Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck.
Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen
des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die
Tne der Schalmei schweben grend ber den Kpfen dahin; und der Wind, der
aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmtig und bald lustig. Klinge,
Glckchen! Das Glckchen ist aber schon mde wie die Pferde und kann nur
noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mhle vorbeigefahren, der
Mhlendamm erdrhnt unter den Rdern; da ist der Hegeforst, der heilige
Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige
Bruder Inmars, des Schpfers von Himmel, Erde und Sonne? Er lebt!
flstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy -- der alte wotjakische
Friedhof. Wenn man im Dorf das Glckchen hrt, rennen alle hinaus: Panja
und Sascha kommen aus der Kche gestrzt, die Patin, die vor Freude
pltzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hndchen Griwna
beginnt zu winseln. Grovater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.

Atja begibt sich sofort zu den Hhnern. Bei den Hhnern wohnt aber ein
Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen.
Seht doch nur: sonst frchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es
gar keine Scheu.

Guten Tag, Hschen! Gib schn die Pfote!

Das Hschen hat ihn schon erkannt und miaut.

Da ist auch schon der Grovater: er konnte es nicht lnger aushalten, hat
die Kirchenbcher liegenlassen und kommt gegangen.

Am frhen Morgen, sobald das Morgenrot sich ber Berg und Wald ergiet und
die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und luft zum Flu baden. Und dann
beginnt sein Arbeitstag: er mu den Dnger hinausfahren. Erst wenn der
Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen
Kranz aufsetzt, geht Atja, ber und ber mit Ackererde beschmiert, nach
Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Grovater sagt aber:

Das ist mir ein tchtiger Landwirt!

Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Grovater! sagt darauf Atja lachend.
Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weien Zhne, und man
mchte ihn immer lachen sehen.

Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine
ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am
betreffenden Tage auf dem Abreikalender steht. Bauernregeln und
Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens
arabische Mrchen aus Tausendundeine Nacht. Grovater hrt gern zu.

Da hast du fnf Kopeken fr deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.

Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in
Petersburg vernascht, Grovater! Ich habe mir fr das Geld auch ein
Nilpferd angesehen, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten
seine Augen auf wie Glhwrmchen, und allen wird so lustig zumute.

Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fliet dahin wie der
Flu.

Nun ist auch schon der >Neunte Freitag< angebrochen. Das Volk strmt in
Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz
voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das
Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Khe und Pferde; sie mssen ja unbedingt
dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natrlich
nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf
den Armen getragen: sonst wrde er ja gleich in den Wald weglaufen.

Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn
im Traume gesehen: er kam wei gekleidet aus der Speisekammer heraus und
sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und
buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft,
da sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja a auch die Portion des
Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor
der Tr: da mu man Grndlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem
Angeln beginnen knnte!

Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Flu
bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der
Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, frchtet er sich, abends aus dem
Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu
Bett gehen: er sieht berall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte
Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand mssen ihn auf den Dachboden
begleiten und ihm vor dem Einschlafen Mrchen oder sonst etwas erzhlen;
dann schlft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt
oder den Sarg auf den Friedhof hinaustrgt, luft Atja jedesmal hinaus und
lauscht dem Trauergelute. Der Kirchenwchter Kostja schaufelt die Grber
und lutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschlge; die
ersten klingen dnn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und
unheimlicher; der zehnte drhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm
herabstrzten.

   Heiliger Gott, Heiliger Starker,
   Heiliger Unsterblicher,
   Sei uns gndig!

Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es
kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmglich den
Kstern anpassen; die Kster sind ja einer lter als der andere!

Mein junger Psalmleser, sagt Grovater anerkennend, morgen mssen wir
nach Polom zu einem Dankgottesdienst.

Und Atja begleitet seinen Grovater in die Drfer und Kirchdrfer, hlt mit
ihm Gottesdienste ab und it Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst
wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er lter wird, so wird er auch
Geistlicher sein wie der Grovater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das
Haar scheren drfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Grtel wird es ihm
reichen; und er wird es nicht in zwei Zpfe flechten wie der Grovater,
sondern in zweiundzwanzig.

Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln
mitgebracht; die Angelhaken allein fllten beinahe den groen Reisekorb.
Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er
einen so groen Brachsen gefangen, da keine Pfanne gro genug war, um ihn
zu braten; man knnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.

An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben
die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im
Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es
aber im Gartenhaus gar nicht schn aus. Aber man kann doch nicht wegen der
Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken
werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken ber alles, besonders aber im
Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schttelt die
Bume und schreit so durchdringend auf, da nicht nur die Dohlen
davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche
klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm
sich irgendwohin verkriechen mchten, zum Beispiel in das alte Badehaus.
Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der
Onkel zu schreien.

Grovater, die Bienen singen! meldet Atja.

Nun lt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und
Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Grovater, Onkel Arkadi, die
Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natrlich auch Atja binden sich Siebe
vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten,
bis die Knigin ausfliegt. Sobald die Knigin heraus ist, rennen sie alle
wie ein Bienenschwarm ber Beete und Strucher, springen ber Zune und
laufen bers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank,
nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird ber den
ganzen Winter bis zum Frhjahr reichen.

Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der
Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der >Seher<
Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gste kommen. Die
Patin bckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, da man fr ihn alles
hingeben mchte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der
Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?

Auf der Dorfstrae tanzen die Wotjakenmdchen einen Reigen. Sie stellen
sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Abstzen im Takte
stampfend, zu den eintnigen Klngen der Balalaika. So geht es lange
langsam im Kreise herum; pltzlich schwingen sie die Arme, flattern wie
Vgel auf und wechseln die Pltze. Und dann gehen sie wieder lange und
langsam unermdlich im Kreise herum; die Silberschnre an ihrem Kopfputz
rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.

Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits
bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rhren kein Glied.
Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen
hineinspringen, sich mit den Mdchen im Kreise drehen und, wenn sie
aufflattern, um die Pltze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft
schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschlge, und da
krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der
Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel
umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.

Die Toten geben den Neugeborenen die Seele, sagt Kusmitsch.

>Wenn man doch einmal zusehen knnte, wie sie das machen<, denkt sich Atja.

Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand
abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit
vielen Jahren beim Grovater als eine Art Kirchenwchter. Atja erfuhr von
ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde
zusammengetroffen.

Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Polje. Polje liebt es, die
Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die
Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Polje
trieb sich darum ohne Beschftigung umher; er ist ganz mager, kaum grer
als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase
sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter
einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er
hatte furchtbar lange Zhne, und vor seinen Fen lag ein Haufen abgenagter
weier Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief
schnell davon: mit dem ist nicht zu spaen, der frit einen im Nu auf! Und
wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo
heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trgt auf der
Schulter einen dicken Knppel; er hat aber Kuhfe: zottig und mit Hufen.
Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo a auch wirklich davon.

Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er wei
aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im
Frhjahr das Wasser steigt und die Dmme zerreit, wei Atja sehr gut, was
das zu bedeuten hat.

>Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen knnte!< trumt
Atja. >Die Wasserprinzessin ist so schn, und die Meerprinzessin ist noch
schner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .<


2

Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand
davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka
und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein
wrde er alles enthllen. Warum gerade ihr, das wei er selbst nicht. Aber
sie ist einmal so!

Er fhlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit
ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen
zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Lden oder in ein Kino mitnimmt.
Er wei, da sie ganz anders ist als alle, da man eine zweite Klawdija
Gurjanowna nirgends findet: das weie Gesicht ist stark gepudert, das Haar
fllt in gebrannten Lckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot
geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als
ob sie berhaupt kein Gesicht htte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und
raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so
wie sie; er knnte ihr immer zuhren und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und
starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schchtern und
kurz; da sie nichts verstehen kann.

Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal! sagt Klawdija Gurjanowna und
lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein
gewhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

Schn war es bei uns in Kljutschi . . . Da mten Sie auch einmal hin
. . .

Du weit also, wo sie sind! rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war
aber ein Miverstndnis: >Kljutschi< heit ja >Schlssel<, und sie hatte
gerade an diesem Tage die Schlssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und
konnte sie unmglich finden.

>Es ist noch zu frh<, sagte sich Atja, >es ist noch nicht die Zeit . . .
Ich mu mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Groes vollbringen, dann
kann ich alles wagen . . .<

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann
ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.

Da sie eine groe Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem
Jahre wenig verdiente, mute ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer
eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gesprche drehten sich um
sie. Man beschftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle mglichen
Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, whrend
sie frher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der
Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi
besorgte ihr Karten fr Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich
jedes Wort.

Atja mute sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Fen waschen: in der
Kche wurde ein Waschfa aufgestellt, Atja zog sich aus und pltscherte im
Wasser.

Du bist nicht mehr so klein, da du nackt umherlaufen kannst, bemerkte
einmal die Mutter. Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der
geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten
Augenblick unverstndlich; erst spter wurde ihm der Sinn dieser Worte klar
und besttigte seine eigenen Wahrnehmungen.

>Vor der Kchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor
Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schmen<, sagte sich Atja, >weil
sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne
Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!<

Bald erfuhr er von Fjokluschka, da Klawdija Gurjanowna eine Mtresse, ein
ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben
hrte, bekam fr ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner
Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller
Gescheitheit und allen Reichtums.

>Ausgehalten, Gehalt . . .< kombinierte Atja. >Wenn in meinem Aufsatz kein
Gehalt ist, so gibt's eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich
eine Eins. Der Rektor bekommt ein groes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.<

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in
schwierigen Fllen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hren; nicht
umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte,
und einen weien Pelz mit schwarzen Schwnzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr spt nach Hause und sprach whrend des
Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der
gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu
der Mutter:

Es pat mir gar nicht, da du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast
. . .

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmglich erklren,
sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

>Es ist natrlich lateinisch<, sagte er sich. >Latein kommt erst in der
zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nchsten Jahr warten. Lieber
werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.<

Als Onkel Arkadi am nchsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die
Frage vor.

Prostituierte, erklrte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken,
heien alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut
ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich wrde man
zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt
aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fhrst.

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darber, da er
keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch
recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein
ausgehaltenes Frauenzimmer, das heit klug und reich, sondern auch eine
Prostituierte, das heit adlig.

>Sie ist eine Frstin<, sagte er sich. >Und wenn sie in diesem Jahr eine
Frstin ist, so wird sie nchstes Jahr eine Grofrstin sein, und in noch
einem Jahre -- eine Prinzessin.<

Meine Prinzessin! flsterte er vor sich hin, sooft er an der Tr des
verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, auer einem einzigen Herrn, der
entweder ganz frh am Morgen oder sehr spt am Abend zu ihr kam. Wenn er am
Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und
sie begleitete ihn. Alle nannten ihn >den Abgeordneten<.

Der Abgeordnete ist gekommen, sagte die Mutter zu Atja. Mach nicht
solchen Lrm und zupfe deine Jacke zurecht.

Wenn der Doktor den Gesang hrte, verzog er das Gesicht:

Ist das der Abgeordnete, der da singt?

Ja, der Abgeordnete, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor
habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija
Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma kme und sie alles viel
besser wisse als jede Zeitung.

>Ein ungewhnlicher Gast!< sagte sich Atja. >Einer aus der Reichsduma! Der
bedeutet natrlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch.
Vielleicht ist er gar so viel wie der >Grieche< Kopossow, der Klassenlehrer
der dritten Klasse.<

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie
vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, da der Abgeordnete ebenso
kahlkpfig war wie der Religionslehrer, den die Schler >den Chinesen<
nannten, und viel schner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar
Schauspieler, htte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen
drfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Ezimmer;
sie sprachen von allen mglichen Dingen. Atja sa im Nebenzimmer, tat, als
ob er seine Aufgaben machte, und hrte dem Gesprch zu. Das Gesprch drehte
sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allmhlich heraus, da er verheiratet war und zwei
erwachsene Tchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, da er ohne sie gar
nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr
in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie
tagtglich Telegramme.

Als ich ihn kennenlernte, erzhlte einmal Klawdija Gurjanowna, sagte er
mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben;
bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.

Meine Prinzessin, flsterte Atja, ber dem Lesebuch sitzend, ich bleibe
aber ewig bei dir!

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war,
sang sie oft ein Straenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im
dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie
liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus;
aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, >irrt wie ein
Grashalm< unter den Menschen umher und >sieht sie immer und berall vor
sich< . . .

   O wr diese Nacht
   Nicht so schwl, nicht so schn,
   So mt nicht das Herz
   Vor Wehmut vergehn . . .

Atja hrte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefhlen verwandt war:
auch seine Prinzessin stand >immer und berall< vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte
aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten
auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen.
Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glckchen
ertnte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Strae
blickte: ob sie nicht schon kme? Und wenn Grovater in der Kirche die
Messe las, wenn er die Arme hob und leise ber dem Kelch betete, so betete
er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam
es daher, weil sie von ihr getrumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den
ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl
irgendwie erfahren, da sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn
Kusmitsch ein Mrchen pltzlich abbrach und sagte, da er das Ende nicht
erzhlen werde, und ber seine Lippen ein Lcheln glitt, so war auch das
verstndlich: das Ende des Mrchens handelte von ihr; wie konnte er das
geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an
sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere! scherzte
die Mutter.

Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen! fgte
Onkel Arkadi kaltbltig hinzu.

Armes Kind! jammerte die Kchin Fjokluschka.

Mich haben alle Kinder lieb! lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen
Stimme.

>Ich mu mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht<, dachte sich
Atja. >Ich mu Indien oder das Weie Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein
Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .

O meine Prinzessin!<


3

Die Hoffnung, den nchsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins
Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse
sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle
den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frhjahr brach aber schon an, das
letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mute sich bald
entscheiden; und es war klar, da es sich nicht zu seinen Gunsten
entscheiden werde.

Whrend der Schnschreibstunde spielten Charpik und Atja das >Federnspiel<:
die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie
mit dem Rcken oder mit der Wlbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie
gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er
das Spiel auf und sagte:

Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?

Ja, antwortete Atja.

Romaschka kommt auch mit.

Wie wollen wir das machen?

Das wei ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den
Kopf darber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im
klaren waren . . . Hast du ein Amerika?

Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hngen.

Mit Afrika knnen wir nichts anfangen. Ich mu noch Romaschka fragen. Sein
Vater ist Architekt, also mu er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen
uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.

Wir werden uns auch ein Schlo bauen! rief Atja aus.

Ein Schlo oder einen Palast, ganz wie du willst!

Und auer uns wird keine Seele dort sein?

Niemand, nur die Nilpferde.

>Nun geht es los<, dachte sich Atja. >Jetzt heit es handeln. Charpik und
Romaschka sind so durchtriebene Bestien, da sie auch ans Ende der Welt den
Weg finden.<

Am nchsten Tage brachte Romaschka die Karte von Sdamerika mit; die Karte
war unbezeichnet und unvollstndig: nur ein Viertelblatt, aber es war
immerhin Amerika.

Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Gehei des Lehrers fr Deutsch Iwan
Martynytsch fr eine Reihe von Streichen nachsitzen muten, verging mit
Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und
weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt
Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schlielich einigte man
sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschlo, am nchsten
Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.

Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld
mitbringen, sagte Charpik.

Eigentlich mte man auch einen Pa haben, meinte Romaschka.

Den Pa werde ich beschaffen, erklrte Atja; es fiel ihm ein, da Onkel
Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Pa der
Kchin mitgenommen hatte; mit diesem Pa hatte er eine ganze Woche ohne
Schwierigkeiten gelebt.

Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Pa und Romaschka
die Karte.

Wenn es doch schon morgen wre!

Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken
beschftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der
unbewohnten Insel wird er ein Schlo erbauen, wie es noch niemand gehabt
hat; ein Schlo aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit
Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er
seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter
der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heien, und die
Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra.
Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Lnder der Erde fr
sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und ber die ganze
Welt leuchten.

Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich whrend der Stunden ziemlich
anstndig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und
redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von
ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.

Als die letzte Stunde vorber war und Atja mit heller Stimme das
Schlugebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbcher unter
die Bank und rannte nach Hause.

Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die
Mutter in der Stadt; nur die Kchin Wassilissa war allein da.

Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel, bat Charpik.

Wassilissa besa aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine
Weile in der Kche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er
brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas
Kleingeld. Charpik zhlte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glck!

Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen, sagte Charpik,
an der Schwelle stehen bleibend.

Wo fhrst du denn hin? fragte Wassilissa interessiert.

Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik pltzlich sehr traurig; er war
schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch
zur rechten Zeit.

Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!

Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnlndischen Bahnhof
umher; viele Zge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien.
Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki,
stiegen in den Zug und -- leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Ruland! Sie
reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.

Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die
Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als
Amerika, und alle Fahrgste als Detektive und Sherlock Holmes.

Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Pa der
Kchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.

Jetzt knnen wir auch zum Teufel fahren: der Pa ist echt, uerte sich
Charpik anerkennend.

Jeder Detektiv fllt darauf herein, besttigte Romaschka.

So kamen sie glcklich in Terioki an.

Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhusern, die um diese
Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum spten Abend
herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten ber die
Dcher, die Treppen und Bume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu
nehmen, das scheiterte aber daran, da sie zu faul waren, sich auszuziehen.

Allmhlich wurde es kalt, und die drei Freunde versprten auch Hunger: sie
hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof
zurck und kauften sich ein groes s-saures Brot, das sie im Nu
verzehrten. Nun muten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu
kalt, um auf dem Geleise zu nchtigen, auerdem schneite es. Auf dem
Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er fr die Nacht geschlossen wurde.
Sie berlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener
zu bitten, in seinem Huschen bernachten zu drfen.

Der Stationsdiener war freundlich und lie sich leicht berreden. Doch ehe
er sie zu sich hereinlie, muten sie den Bahnhof aufrumen und die Geleise
kehren.

Sie rumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie
aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie
sahen im Traume allerlei Sigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade,
Fruchtpasten und gewhnliche Bonbons: i, soviel du willst!

Htte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so htten sie am Ende auch den
Tag ber durchgeschlafen. Steht auf, ihr Snder! Sie gingen wieder auf
den Bahnhof kauften sich fr das letzte Geld ein neues ssaures Brot,
strkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den
Sommerhusern zu begeben, als pltzlich in der Tr ein Gendarm erschien.

Wo wollt ihr hin? fragte er ziemlich ungndig.

Wir sind aus der Nasarowschen Villa, antwortete Romaschka, der den
letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.

Aus der Nasarowschen Villa? fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige
Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv,
und sagte sehr bse:

Ihr seid verhaftet!

In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die
drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs,
gesenkten Hauptes ein.

>Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr
zurckkehren? Wo ist mein Indien, mein Weies Meer und die unbewohnte
Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?<
Mit diesen Fragen qulte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die
nasse schwarze Landstrae blickte.

Charpik und Romaschka rckten unruhig hin und her: einen jeden erwartete
seine Tracht Prgel! Lebe wohl, Amerika!


4

Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem
Bahnhof war brigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe
vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja
wurde sogar zu den Prfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte fr ihn
noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit
leeren Hnden anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte ber
ihn und nannte ihn nur noch >Amerikaner a. D.<

Ich mu mir etwas Neues ausdenken, qulte sich Atja. Ich mu mir einen
Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll
sie es nur fhlen!

Der Grovater hat Schuld, klagte die Mutter dem Doktor. Ich wei ja, was
sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz auer Rand und Band und
will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald
phantasiert er von einer Mymra . . .

Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, da jeder Unsinn von
Magenverstopfung kme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit
einem Gemisch aus Bier und Rizinusl; auch in Erziehungsfragen war er stets
fr die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschlo daher, Atja bei der
ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstnde fgten es aber, da
es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen:
entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er
war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde
versunken wre.

Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer hinein: Atja sa im Hemd auf
dem Bett und dachte ber etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem
Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, -- und er wird Atja erwischt und ihn
so durchgebleut haben, da er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in
seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich
gutwillig zu ergeben. Hopp -- die Fersen flimmerten nur so in der Luft!
Rette sich wer kann! Ohne viel zu berlegen, rannte er wie der Blitz zu
Klawdija Gurjanowna.

Die Tr war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja
kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hrte noch, wie der Doktor eine Weile
drauen vor der Tr stand und schlielich mit langer Nase abzog.

Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet, flsterte Atja.
Ihm war schwindelig vor Glck. Du wirst mir vergeben: ich bin
eigenmchtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du
wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Knigreich
zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weie Meer,
alle Inseln und alle Lnder . . . und alles, alles . . .

Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als htte seine Seele ihre Seele mit
solcher Gewalt umarmt, da sein Herz pltzlich herausspringen wollte und
sein ganzer Krper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugngliche,
stolze Prinzessin Mymra.

Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich
hinein.

Darf ich? fragte pltzlich eine Stimme hinter der Tr.

Sofort! Sie stie Atja zurck und wies ihn mit der Hand unter das Bett.

Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem
Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden she, so wrde
auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in
Kljutschi im Geflgelstall, als er Gnseeier auszubrten versucht hatte. Er
atmete nicht, er sah nichts, er hrte aber alles.

Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann
die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend ber den
Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Fen liegen. Atja wurde es
unertrglich hei: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glhende
Kohle wre, die ihn mit frchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen
miteinander. Es waren ganz gewhnliche Worte, wie sie von allen und zu
allen gesprochen werden. Atja berlief es aber beim Zuhren bald hei und
bald kalt. Die Worte klangen fr ihn wie die gemeinsten Schimpfworte.
Pltzlich hatte er begriffen, da sie nicht die einzige, nicht die
Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er
sah sich in einer Wste . . . Er drckte sich die Ohren zu, um nichts zu
hren, hrte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlge, wie man
einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Kche
verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine
Augen blickten schon ganz glsern, er war halb tot. Macht doch schon ein
Ende mit ihm! -- Nein, riefen die andern, der soll nur warten! Und man
lie ihn fr eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es
pltzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag
auf den Schdel versetzt htte . . . Alles strzte zusammen . . . Es war
wie der Tod . . .

Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich
ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an
und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten
mchte, keine Antwort.

Ohne Bcher und ohne Frhstck ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was
um ihn her vorging. Er wute selbst nicht, wie er schlielich doch ins
Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu
drfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun
allein in einem leeren Raume; irgendwo trpfelte Wasser. Und jetzt
erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wlzte sich ihm auf die Seele
wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Trnen
rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem Leben. So
wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne strzen.

   O wr diese Nacht
   Nicht so schwl, nicht so schn,
   So mt nicht das Herz
   Vor Wehmut vergehn . . .

Das Lied einer Straensngerin drang von irgendwoher in den Hof des
Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frhlingsluft, zum Fenster
herein. Und Atja lchelte unter Trnen.

Wo soll er nun seinen Stern -- seine Prinzessin suchen?




Das Opfer



1

Jeder, der das alte Suchotinsche Gut >Gottessegen< auch nur einmal besucht
hat, wird es mit gutem Gewissen loben knnen. Nicht zum Spott trug es von
alters her seinen Namen, und einen besseren knnte man, soviel man auch
klgelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Grten keine Weintrauben,
auch sangen da keine Paradiesvgel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar
auf dem guten Lande.

Das alte, von Sulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten,
die Wiesen, Felder und Wlder, Vieh und Menschen -- kurz alles, was es in
Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem
andern Menschen, der auf der Durchreise geschftlich oder sonst aus
irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzcken hervor; selbst bei
dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten,
verwhnten Moskauer.

Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott --
da brauchte man keine Biene zu beneiden!

Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einflle
und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft
kam und blo den Mund ffnete, so verstummte fr keinen Augenblick das
Lachen. Alle lachten mit -- Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.

Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer
gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig lngst
hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen
unvernderlichen, gleichsam versteinerten Zgen; wenn sich alle in
Lachkrmpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz
regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lcheln. Man sah nur
unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen.
Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mute man seltsamerweise
immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal
versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier
ganz gewhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.

Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen pate, fiel
es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte
beruhte und warum sie berall Lachen und Frhlichkeit hervorriefen. Es gibt
aber Menschen, die gern jedem Rtsel auf den Grund kommen -- solche Kuze
findet man berall --, und diese gaben eine treffende Erklrung: sie
sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom
ungewhnlich scharfen Blick seiner Augen -- alles war ihnen klar und
verstndlich. Glcklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten
Erklrungen. Niemand fragte nach den Grnden, alle kugelten sich vor Lachen
-- was wollte man noch mehr?

Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei mter und zeigte auch gar kein
Interesse fr ffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum
Adelsmarschall des Bezirks gewhlt worden. Man denkt noch heute mit Grauen
an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten
whrend Suchotins Amtsttigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die
lustigste Zeit, und alle Amtsgeschfte wurden von ihm in beraus lustige
Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander,
es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott wei was fr Dinge an den
Tag, da sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht
genauer kannte, mute im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht
bei Trost. Ich glaube sogar, da in Petersburg -- in einem Salon oder bei
einem Vortrag beim Minister -- sich jemand gerade in diesem Sinne
ausgesprochen hat. Zum Glck hatte das keine weiteren Folgen.

Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr
Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?

Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzurumen; er
machte das auf eine so scharfsinnige Weise, da es nachher sehr schwer und
oft sogar ganz unmglich war, einen von ihm eingerumten Gegenstand zu
finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen
spurlos verloren. Dann liebte er es, die Mbel -- Tische, Sthle und
Etageren -- umzustellen, Bilder umzuhngen und die Bcher in der Bibliothek
umzuordnen; damit fllte er gewhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim
Mittagessen bevorzugte er die slichen Fleischspeisen, wie Eingeweide,
Hirn und Kalbsfe, und da er im Essen unmig war, verdarb er sich oft den
Magen und klagte ber Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war
das Heizen der Zimmerfen: es fror ihn bestndig, und er ging mit einem
langen Schrhaken von Ofen zu Ofen und rhrte die Glut um. Er liebte es,
sich mit Dienstboten und Bauern in Gesprche einzulassen; obwohl solche
Gesprche immer mit der Errterung ernsthafter Angelegenheiten begannen,
endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was hchst unerwnschte
Folgen hatte: nicht nur da die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen
Respekt hatten, sie glaubten -- offen gestanden -- kein Wort von dem, was
er sagte. Auerdem versprach er ihnen ganz unmgliche Dinge; so schenkte er
einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr groes
Stck: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit -- so ein nrrisches
Ma hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft,
eigenhndig Geflgel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem
Kchenmeister aufnehmen: niemals entri sich ihm ein Huhn mit
halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flgelschlagend
umher, wie es bei minder geschickten Kchen vorkommt. Schlielich sah er
sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je
fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genu hatte er von dem
Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mute es der Dorfpope, P. Iwan, in das
Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr
Nikolajewitsch lie alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach
dem Hause, wo die Leiche lag.

Suchotins Frau -- Alexandra Pawlowna -- spottete manchmal hchst gutmtig
ber die Liebhabereien ihres verwhnten Mannes, dem sie brigens in inniger
Liebe zugetan war; man htte auch alle diese Eigenschaften, die schlielich
Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn
nicht ein unsinniges Gercht aufgetaucht wre, das die Ehre und den guten
Ruf von >Gottessegen< in Frage stellte.

Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der
ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr
gesehen hatte. Der Grund des pltzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb
unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im
Dienstbotenzimmer hchst verworrenes Zeug darber: der General sei
gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um
das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist brigens gar nicht so
wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?

Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte
sehr, da nicht die ganze Familie in >Gottessegen< versammelt war -- die
Kinder waren nmlich verreist -- und da der Gast sich daher etwas
langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzhlte viel
von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und
schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld
erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frhen Morgen an
irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach
Hause kam. Als die Freunde sich gegenberstanden, geschah etwas sehr
Seltsames: der Gast war sichtlich erschttert, erschrocken und begann am
ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder
hatte er ihn erkannt, aber eine solche Vernderung an ihm wahrgenommen, da
es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in
seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmgliches
aufgefallen -- das wei niemand! Der General taumelte einen Schritt zurck,
warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.

In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte
argwhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lchelte so
unglcklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewhnliche Presse
hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden
kann. Er blieb noch an die acht Tage in >Gottessegen< und jagte eines
Morgens ganz pltzlich, ohne Gepck und nicht ganz angekleidet, auf und
davon; vor der Abreise war er wie verrckt, murmelte etwas ganz Unsinniges
vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstcke, die er
verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die
Gerchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.

Man erklrte pltzlich, das berhmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so
hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu
errichtete Teil falle von den brigen ab; auch der Garten sei in keiner
Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch knne man bei einer
Reise durch Ruland viele solcher Grten sehen; an den Feldern und Wldern
sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer
Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und
ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder
zurckgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus
nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen htten,
wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so htten sie doch
unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuznden, alles zu verwsten
und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erzhlten
sich die Leute, nach Aufzhlung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes
Zeug, da ich mich schme, es wiederzugeben. Schlielich waren alle darin
einig, da man das Haus und die Leute unter allen Umstnden meiden msse:
der Ort sei unrein.

Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim
Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem
ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub
aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwhnischer Mensch in seinem
argwhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!

brigens hrte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute
sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.

Und so blieb alles beim alten: >Gottessegen< ist ein Paradies, die Familie
Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein
Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.

Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung
wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft
von >Gottessegen< zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen
festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr
Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte frh und aus Liebe geheiratet
und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Tchtern und
einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen
um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr
allmhlich ber den Kopf, je grer die Kinder wurden und je komplizierter
die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit
dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand
hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.

Jeden Abend sa sie glcklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre
krftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klnge zogen
durch die hohen Rume.

Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufllig in das erleuchtete
Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt htte, wie
wrde er da vor Neid vergehen! Wie wrde er sein finsteres Schicksal
verfluchen! Wie willig wrde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!

Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jngsten Tochter Sonja, dessen
Meinung immer fr magebend galt und in der Stadt wie auch auf allen
Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna >eine
verfhrerische Brnette< zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer wrde
glauben, da diese verfhrerische Brnette, die das Hauswesen so gut zu
fhren verstand und ein schnes Familienleben lebte, sich einmal fr das
unglcklichste Geschpf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren
viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom
immerwhrenden Glck und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelscht. Vor
fnfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, wre >Gottessegen< um ein Haar
verlorengegangen: das schne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr
Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber
rettete alles.

Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra
Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der
gleichen Liebe und Zrtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien
ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die
tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr,
ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und
totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen
Augen und grinste.

Ich kenne keine Langeweile, wiederholte er zum tausendsten Mal; Mir ist
es immer leicht ums Herz! Das klang so wie: >Mir ist alles gleich, ich
brauche nichts!< Sie hrte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine
Stimme klang fr sie genau wie damals, als sie seinen ersten Ku empfing.
Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer
reifen, doch gut aussehenden Frau.

Wie toll htte der am Fenster lauschende Landstreicher ber eine solche
Szene gelacht! Vielleicht htte er aber auch keinen Ton von sich gegeben
und wre ohnmchtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund
Pjotr Nikolajewitschs.


2

Ganz >Gottessegen< rstete sich zu einem groen Ereignis: gleich nach
Weihnachten sollte die Hochzeit der ltesten Tochter Lida, die erst im
vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Brutigam war
der reiche Grogrundbesitzer Ramejkow.

Die Feier wurde von allen mit groer Spannung erwartet. Man erzhlte sich,
da das Hochzeitsmahl besonders ppig sein werde und da Pjotr
Nikolajewitsch beinahe alle Hhner abgeschlachtet habe. >Gottessegen< bekam
einen feierlichen Anstrich. Die Gste kamen schon am frhen Morgen
zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte
dafr, da alle sich vor Lachen wlzten. Alexandra Pawlowna hatte alle
Vorbereitungen zu treffen und konnte vor beranstrengung kaum auf den
Beinen stehen.

Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der lteste
Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina,
die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt -- die
Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rckte heran. Die
Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mute, ungemein lustig aus. Es gab
natrlich einige seltsame Zwischenflle: als Pjotr Nikolajewitsch dem
jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht
hatte, dem Segen einige Ermahnungen fr die Ehe folgen zu lassen, platzte
er, nach einer lngeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus,
das man unmglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so
frappiert, da es ihn groe Mhe kostete, sich von den Knien zu erheben,
und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeien. Whrend der
kirchlichen Trauung flsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan
zu, da er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, getrumt
htte. Der Geistliche kannte natrlich die bse Bedeutung dieses Traumes;
er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, da er mitten im
Gebet in schallendes Gelchter ausbrach. Der Kster, der das Weihwasserfa
hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum:
es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.

Die Neuvermhlten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die
Festlichkeiten in >Gottessegen< dauerten aber fort. Die Jugend
veranstaltete eine Theaterauffhrung und einen Maskenball. Auf dem Teich
wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen
Leute wetteiferten im Laufen.

Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhlufer. Er war schlank
und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester
Sonja, ein flinkes, lustiges Mdchen, war ungemein geschickt. Hell klang
ihr Lachen in den sternenklaren Januarnchten ber die Eisdecke hin. Es war
ein Vergngen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg
hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr hnlichkeit mit
Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schchtern, aber nicht
temperamentlos.

Die Kinder sind der Mutter nachgeraten, sagten alle Onkel und Tanten und
alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna nher kannten.

Der Dreiknigstag rckte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner
Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder muten fort, es gefiel
ihnen aber auf dem Lande so gut, da die Abreise immer wieder verschoben
wurde.

Am Dreiknigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn
hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder
glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen
und lie das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen ber die Eisflche und
wollten gar nicht aufhren. Da fiel Mischa pltzlich der ganzen Lnge nach
hin. Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch
nicht so. Man hob ihn auf, trug ihn nach Hause und lie rzte kommen. In
drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.

Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause pltzlich so leer war und
alle abgespannt und schwermtig herumsaen und herumirrten, kam pltzlich
ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna sollte
sofort hinreisen.

Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.

Sina und Sonja waren in der grten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber
ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wre. Er nderte auch nichts an
seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war
der, da er in diesen Tagen noch mehr Hhner schlachtete als sonst. Das
hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkltet
hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere Dit. Und dann noch etwas
-- das ist aber nur eine seiner Schrullen! --, er lie zu Mittag die
riesengroe Ochsenzunge auftragen, die noch vom Hochzeitsmahl
briggeblieben war.

Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhngt. Gro war der
Schmerz der Familie.

Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im
Hause wurde es noch der und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang
wie ein Schatten umher.

Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, da sie ihre Zustimmung zu dieser
Ehe gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und
gemeinen -- ja, ganz gemeinen! -- Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida
nicht gewarnt? Lida htte doch sicher auf ihre Warnung gehrt. Sie htte
sie leicht berzeugen knnen, denn sie kannte so viele hliche und gemeine
Geschichten aus Ramejkows Vorleben, ber die sogar am Hochzeitstage in
ihrem Hause getuschelt wurde.

Nun war es zu spt. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie
beinahe vor Schmerz.

Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz ber
die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier
hervor wie der Tod jedes andern, ihm gnzlich fremden Menschen. Seine
Abgespanntheit rhrte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche
war in einem geschlossenen Sarge nach >Gottessegen< gebracht worden; Pjotr
Nikolajewitsch bestand aber darauf, da der Deckel abgeschraubt wurde. Er
enthllte mit eigenen Hnden das Gesicht seiner Tochter und stand dann die
ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun
sa er, mit seinem flaschengrnen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel
und schlummerte.

So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.

In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die rzte
konstatierten Typhus. Ganz >Gottessegen< hielt den Atem an und wartete auf
die Krisis. Und die Krisis kam. Die rzte traten zu einem Konsilium
zusammen und erklrten, da keine Hoffnung mehr da sei.

Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder,
selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause
kamen, noch immer festhielten: Lida mute ihrem Vater die Zigaretten
stopfen und Sina die Uhr im Ezimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte
Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Ezimmer stand still.

Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, da ihre Krankheit die alte
Hausordnung strte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie
konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre
Sprache verloren.

Unter Anspannung ihrer letzten Krfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen
Bleistift und ein Stck Papier. Als sie den einen Buchstaben >K<
geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot.
Wieder war der Schmerz unbeschreiblich.


3

Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.

Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum
letztenmal ihr demtiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den
vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr pltzlich das alte,
ngstlich gehtete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des
Glcks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Trnen, und
als sie sich von der Leiche abwandte, war sie pltzlich eine alte, gebckte
Frau geworden.

Habe ich denn gewut, da ich sie in diesem Alter verlieren werde? sagte
sie weinend und kopfschttelnd vor sich hin.

Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trsten, da nur sie allein
schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gbe. Und unter der Last dieses
Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch lter.

Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trsten, sie weinte
mit ihr und blickte sie mit groen Augen an -- sie war vor Schreck wie
gelhmt.

Mutter, was sprichst du da? fragte sie und erschrak vor der eigenen
Stimme.

Und die Mutter erzhlte ihr alles.

Vor fnfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal
zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es
war das erstemal, da sie >Gottessegen< und ihren Gatten verlie. Und sie
hatte gleich in der ersten Nacht einen bsen Traum: sie sah ihren Mann in
einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht
erkrankt oder gar tot sei? Auch in der nchsten Nacht hatte sie einen bsen
Traum: da ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um
ihren Mann und beschlo, sofort heimzureisen.

Whrend der Heimreise, erzhlte sie Sonja, betete ich unaufhrlich zu
Gott: Wenn schon ein Unglck geschehen soll, so la, o Herr, ein Kind von
mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei -- Mischa, Lida und
Sina --, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja
noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod.
Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht bers Herz
bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, da bei uns eine
Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um
ein Haar wre er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erhrt und
das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glcklich, und wir lebten
weiter, als ob nichts geschehen wre . . . Und jetzt . . . Alles kommt von
meinem Gebet. Wute ich denn, da ich sie in diesem Alter verlieren wrde?

Alexandra Pawlowna qulte sich furchtbar und lie Sonja nicht von ihrer
Seite.

Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn qulte
wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschftigungen
nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den groen Schrank im
Ezimmer umzustellen; er rckte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber
nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der
Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schrhaken; doch
auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam
er ins Schlafzimmer, setzte sich fr einen Augenblick auf den Bettrand und
ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung
zurcklassend.

Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .
murmelte er leise vor sich hin. Man wute nicht, an wen er diese Worte
richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die
Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.

Erst am spten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich
schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.

So unheimlich und de wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo
war alles hingekommen -- Friede, Lachen, Glck? Drei Srge -- drei Tode
lieen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.


4

Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt
hatten, wurden natrlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte
Gerede lebte wieder auf Da geht es nicht mit rechten Dingen zu! --
erklrte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas
weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und
selbstverstndlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los.
Die ganze Geschichte von >Gottessegen< und das ganze Leben der Suchotins
wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Gromtter und Grotanten
wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht,
oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den
Muromzews zugetragen hatten, wurden errtert. Und alle Geschichten, jeder
Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst!
Uns war ja alles schon frher bekannt!

Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General,
den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott wei warum,
aus >Gottessegen< geflohen war. Und alle waren darin einig, da der General
alles wisse und jede Aufklrung geben knne. Wie soll man ihn aber finden?
Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist er in
Petersburg? Gewi! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an.
Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg
gebe es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen,
die man in Damengesellschaft gar nicht aussprechen knne; ein Perewerdejew
sei aber unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?

Und whrend man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte,
verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk,
ohne jemandem Rechenschaft darber abzulegen; ein gnadenloser jemand
nherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu
halten.

Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mute die Wirtschaft in Unordnung geraten;
sie spannte ihre letzten Krfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten
und fr den Mann und die Tochter zu sorgen: fr den Mann, dem zuliebe sie
das groe Opfer gebracht hatte, und fr die Tochter -- der sie jetzt ihre
ganze Ruhe zu opfern bereit war.

Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei lteren
Kinder opferte und Sonja verga oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum
verschwieg sie Sonja? Htte sie das nicht getan, so wren vielleicht alle
vier verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wren? Nein, das
knnte nicht sein: sie htte ja alles geopfert, und wer alles opfert
. . . Warum hatte sie dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte
ihr Hirn und lie sie nicht mehr los.

Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, da sie alles opfern
mchte; also auch Sonja? -- diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie
von Sinnen.

Sonja, Sonja! Wo bist du? Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach
ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.

Zu den qulenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter
gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem
Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz
heruntergekommen und verlie sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mhe
seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare
klebten am Schdel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Krper
zu hngen.

In allen Zimmern verbreitete sich pltzlich ein bler, dumpfer Geruch.

Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, -- ganze Generationen
hausten unter den Dielen. Es kam vor, da irgendeine uralte Ratte
verendete; der unertrgliche Geruch rhrte wohl von einer solchen toten
Ratte her. Zu einer andern Zeit htte Pjotr Nikolajewitsch sicher die
Stelle gefunden, man htte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver
entfernt; er kmmerte sich aber nicht mehr darum.

Allen, die jetzt noch nach >Gottessegen< kamen, war es klar, da es
unmglich so weitergehen knne, da frher oder spter irgendein Ende, ganz
gleich was fr eines, kommen msse. Und alle warteten gespannt auf das
Ende. Drei Tage und drei Nchte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei
Nchte waren aber schon abgelaufen.

Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit
dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.

Nachts lie mich der gndige Herr kommen, berichtete spter der alte
Michej, und sagte mir: >Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen
Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!< --
>Gndiger Herr<, sage ich ihm, >was wollen Sie mit dem Hahn um diese
Stunde? Es ist ja Nacht!< Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit
einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn
brauche! -- Ich ging in den Hhnerstall, suchte einen recht schnen, fetten
Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der
Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht
mehr die Kraft, es ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen
Hnden. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, -- eine groe
Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert.
Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. -- >Weit du, Michej<, sagte er mir
dann, >jetzt htte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!< -- >Gott sei mit
Ihnen!< sage ich ihm. -- >Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?< Es
berluft mich ganz kalt, und ich sehe, da auch der Herr nur so mit den
Zhnen klappert. -- >Und wo ist Sonja?< fragt er noch und sieht mich dabei
so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! --
>Im Schlafzimmer<, sage ich ihm, >bei der gndigen Frau.< Da beruhigte er
sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.

Die Haushlterin Darja Iwanowna erzhlte: Ich erwachte mitten in der Nacht
und hre einen Kater miauen. Und ich denke mir: >Was mag das fr ein Kater
sein?< Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.

Einen Hahn haben wir wirklich krhen hren, besttigten die anderen
Hausbewohner.

Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch
so ein prchtiger Hahn gewesen! Seine Krfte gingen zur Neige, es war ihm,
als ob er ersticken mte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:

Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!

Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und fhrte
ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf
allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.

Die Schlafzimmertr war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein
llmpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tr gewandt.

Mein kleines, liebes Hhnchen! murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett
herankriechend.

Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den
zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.

Du liebes, kleines Hhnchen! flsterte er und bemhte sich, vom Boden
aufzustehen.

Und er richtete sich auf.

Der Schwanenhals reckte sich im Schein des llmpchens unter dem blitzenden
Messer noch mehr. Einen Augenblick noch -- und ein kirschrotes Halsband
htte den Schwan erwrgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die
Kraft. Es gab keine Rettung mehr fr ihn. Das Messer entglitt seiner Hand
und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslste, zu
Boden.

Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann pltzlich
einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich
zu dicken Falten, die sich aufblhten und zerplatzten, und ein dnner,
klebriger Brei lste sich von den weien Knochen und flo zu Boden.

Das Licht des Lmpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er
war wei wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die
Tr von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der
besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte
sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die
Rume.

Das Haus stand in Flammen.




Der den Teufel rief



1

Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht
geheuer.

Viel Interessantes und natrlich auch viel Gruseliges erzhlte man sich
ber das alte Haus.

Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprchig:
auch kmmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta
Nikolajewna und die beiden Kinder -- der Gymnasiast Gorik und die
Gymnasiastin Buba -- lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genu
sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau
Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der
Kche beim Teetrinken gern ber die gleichen Dinge sprechen; doch im
Flsterton!

Im Garten, am Sandhgel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder
und Greise aufgeschttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen
Weiher, der selbst beim strksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle
herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hie, gar keinen
Grund hatte.

Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika heraus; sie fuhr lautlos durch
die Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter
Greis, Wersenews Grovater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda
hinauf, spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er
sich in den groen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schlielich
mit seiner Troika in den grundlosen Weiher zurck.

Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewlbte Keller: ein groer,
der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus
dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas
zuschulden hatten kommen lassen, zu zchtigen pflegte, hrte man nachts ein
Sthnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schtze verwahrt
wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zhlte.

Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im
Obergescho zu fhren, aus dessen Fenster man die Landstrae sehen konnte.
In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwrdigem
Schuhwerk angefllte Schrnke: es war Gromutters Garderobe.

Man erzhlte sich, da Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna,
von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster
gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Strae
schauend, gestorben.

Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich;
viel unheimlicher und der als im groen Keller, an dessen Wnden man noch
die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja
Alexejewnas Zimmer anstie, war unbewohnt; man bewahrte die alten
Spielsachen der Kinder dort auf.

Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hlften teilte, gelangte man in
das gerumige Vestibl im Erdgescho und von da aus in einen groen Saal
mit zwei bereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die
auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.

In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der
vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.

Rechts folgten die innern Wohnrume, an die sich eine in spterer Zeit
angebaute Kche anschlo, und links -- die Paradezimmer.

Im Salon standen unter den Familienbildnissen L'hombretische, die schon
manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.

Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej
Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler,
der im Auslande das ganze Riesenvermgen seiner von ihm verlassenen Frau
verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stberte
unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu
finden.

Aus dem Salon fhrte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.

Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen
astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor
seinem Tode soll er _echte Teufel_, das heit Teufel ohne Schweif und
Hrner, gesehen haben.

Obwohl niemand auer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darber wissen
konnte -- der Vater lie in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich
kommen --, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif
und Hrner in ganz Krutowrag hren, in allen Winkeln und von allen
Kreaturen: von dem alten tauben Gemsegrtner Gordej bis zu der
allmchtigen Nherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch
pflegte nmlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.

Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen
Korridors gelegenen Wohnrume in der rechten Hlfte des Hauses und die
beiden Keller besichtigt hatte, fhrte man ihn in das Speisezimmer, wo vor
verhltnismig kurzer Zeit der Wein in Strmen flo; zu der gleichen Zeit,
als im Salon klirrendes Gold mit beiden Hnden ausgestreut wurde.

Im lnglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gesprche und
berhaupt alle Erinnerungen ihren Abschlu.

Noch manches andere Interessante und natrlich auch Gruselige erzhlte man
sich ber das Haus.

Darum brannten in allen Zimmern bis spt in die Nacht hinein Kerzen. Das
nchtliche Knistern der Parkettbden verbannte aber jeden Schlaf aus dem
Hause.

Weie Sulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, sttzten das im Winde
klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu
schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in
den Zimmern herrschte, und um die Fledermuse, die an ihnen klebten wie die
Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kmmern. Die alten Pappeln aber,
die das Haus berragten, rauschten stndig, ganz gleich ob der Tag
windstill oder strmisch war.

                                * * *

Die Tren stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur
beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben stndig Besuch; das ganze
Jahr ist wie ein Geburtstag.

Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft
und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren,
sondern mit der ganzen Familie, wie in Grovaters Tagen.

Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die
Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich ber jeden
Gast.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren
Schmerzen whrte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte
auch schlielich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen ngsten zu
bedeuten?

Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gsten Unterhaltungen
und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen
Streiche und lie auch ihren Kindern darin volle Freiheit.

Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete
Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab
es Feuerwerk, Picknicks, Ausflge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.

Wie sollte man sich da frchten: es war ja zu lustig!

Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews trumten von einem
Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten
alten Zeit von Amerika trumten. Htten sie aber wirklich solch einen
Aeroplan bekommen, so wre es wohl um sie geschehen: sie wren dann in
solche Hhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, da ihnen nur das eine
briggeblieben wre: ein Ende mit Schrecken!

Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer
und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame
Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben knnte, ohne die nur das eine
brigblieb: ein Ende mit Schrecken!

Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit
den Kindern zusammen. Sie lieen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage
gingen im Spiel hin.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten groe
Mhe und viele Arbeitshnde. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende.
Aber jede vernnftige Sache kann zu einem schlechten Ende fhren!

Der Grtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben
hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und
kunstfertiger Mann, mute einen ganzen Sommer lang, statt sein
Grtnerhandwerk auszuben -- die Blumen zu pflegen und Kunstgrtnerei zu
treiben --, Abend fr Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine
groe Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das fr
Blumen!

Es ist noch manches hnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht
billig zu stehen!

Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.

In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, da selbst die Sterne, die
trben Sterne von Krutowrag, die scheu ber dem Wersenewschen Hause
flimmerten, die emporlodernden Flammen der Feuersbrnste nicht mehr
frchteten. Auch in den Nachbardrfern brannte es in einem fort. Das wurde
aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen
zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche
Besitzungen.

Man knnte doch meinen, die Wersenews mten etwas vorsichtiger werden! Wie
leicht konnte ein Unglck passieren! Und doch kannten sie kein greres
Vergngen als Brennen.

Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um
Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernchten brannten
diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder
brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergngen; man
verga viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und ber die
ganze Gegend Funken werfenden >Persischen Blitz<. Den Blitz verga man
niemals!

Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es
gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hnde fiel.

Jelisaweta Nikolajewna begngte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen
gefhrlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen
und war die eigentliche Rdelsfhrerin. Sie benahm sich bei diesen
gefhrlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht
Bubas Mutter, sondern ihre Schwester wre; sie stand ihren Kindern in
nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrckten Eifer und
komischen Ernst wie sie.

Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im
Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberauffhrungen und Feuerwerk, im
Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte
berhaupt den Eindruck eines hchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber
mit ihr sprach, so konnte man hren, da sie das alles nur den Kindern
zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine
Freude machen konnte.

Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher berzeugung und zeigte
darin einen so unerschtterlichen Glauben, da der sonst allzu auffllige
schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer
erschrockenen Augen verschwand.

Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaen, jeden
Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustbern und zu verbreiten und
so flink wie die Flhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die
bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der
Intrige, wuten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten
Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person
wre, konstruieren.

Die Kinder waren von Natur aus schwchlich, sie wren wohl dauernd krank
gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen
angehalten htte. Sie waren wahre Ruber, die Mutter aber eine noch grere
Ruberin als sie. Ohne sie wrde keine einzige Belustigung zustande kommen
und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und
ihretwegen wre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das
Werk ihrer Hnde, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding
wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .

Man kann nicht behaupten, da Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wre;
im Gegenteil: er freute sich aufrichtig ber jeden Gast und bot einem jeden
von seinen vorzglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit
mexikanischem Deckblatt -- ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so
eingefhrt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als da die Gste,
die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Mglichkeit
mieden.

Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer
furchtbar langweilig.

Von auen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten
durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein
Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der
Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew,
aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel auf
gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat
Pustoroslew, dessen beispiellose Vergelichkeit in seinen privaten wie auch
ffentlichen Angelegenheiten sprichwrtlich geworden war. Was konnte man
von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswrdigkeit und
Aufmerksamkeit und trotz der berhmten Havannazigarren wrde es jedermann
vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen
Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej
Sergejewitsch zu verbringen.

Er unterbrach seinen Gesprchspartner mitten in einem Satze und verzog das
Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder
nach einem Wort suche, das prziser als alle sonst gebruchlichen
Umgangsworte seinen Gedanken ausdrcken knne, whrend es in seiner Kehle
eigentmlich pfiff. Nachdem er den bestrzten Gesprchspartner eine
Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er
pltzlich mit der Hand ab und fate seinen rger und seine Ohnmacht in dem
einzigen Worte zusammen:

Teufel!

>Teufel!< klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im
Felde, auf dem Flusse, kurz berall, wo Wersenew nur auftauchte.

Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn
immer zu seinen Gsten, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend,
berallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlssigt und in den Schatten
gedrngt, wiederholte er zu den Klngen der Tanzmusik, zu dem lustigen
Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der
Raketen sein einziges, seinen rger und seine Ohnmacht zusammenfassendes
schwarzes Wort:

Teufel!

Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen >Teufel< gewhnt, da es
niemand mehr merkte.

Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die
den Sergej Sergejewitsch grogezogen hatte, schlug das Kreuz und schttelte
den Kopf.

Wenn in der Kche oder in der Mgdekammer von den Herrschaften gesprochen
wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die
Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: da der gndige Herr immer den
>Teufel< im Munde habe.

Man wute ja sehr gut, von Solomowna wute man es, wohin das fhren konnte.

Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
zugrunde! sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und
den Kopf schttelte.

Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn
abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete
nicht, der Kutscher Anton wute nichts dagegen einzuwenden, die drei
Zimmermdchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso
wie die Wscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst
der verwilderte Schmied, den man >Truthahn< nannte, der an keine
bernatrliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott
wei was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi
lchelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen;
dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen
Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und
sich alle zwlf Jahre im Flusse zeigte; beim bloen Gedanken an diesen Wels
zitterte er am ganzen Leibe.

Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit,
pflegte Solomowna zu sagen, alle Leute nannte er >Kreaturen<. >Kreatur<,
pflegte er zu sagen, >komm einmal her!< Selbst den Dorfgeistlichen nannte
er Kreatur. Die Snde ist zwar gro, aber doch lange nicht so gro wie die
von Sergej Sergejewitsch.

Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gsten langweilig wurde, kam
pltzlich in die Kche oder in die Mgdekammer und stand, schwer mit der
Nase schnaufend, da.

Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm irgendeinen
Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.

Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den
verwilderten >Truthahn<, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott wei
was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf
etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das prziser als alle
sonst gebruchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrcken knnte,
whrend es in seiner Kehle eigentmlich pfiff.

Nachdem er die bestrzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester
Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er pltzlich mit der Hand ab und
fate seinen rger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:

Teufel!

Teufel! -- hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem
Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch ber der Decke auf dem
dunklen Dachboden; das Wort bertnte die Musik, den Tanz, das Lachen,
Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.

Die Sterne am Himmel, die trben Sterne von Krutowrag, die sich an die
emporlodernden Flammen lngst gewhnt hatten, blickten unruhig auf das
Wersenewsche Haus hernieder.


2

Woher und wie lange Wersenew die ble Angewohnheit hatte, den Teufel zu
rufen, wute niemand; niemand dachte auch je darber nach.

Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und ber sie
nachdenken, so wrde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; auerdem
riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewhnen: es gibt doch
recht ble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an
jeden Satz, den er spricht, das Wort >gewissermaen< anzuhngen, und das
hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krmer Charin
diese Redensart vom Adelsmarschall bernommen hatte, kam er beinahe an den
Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir
zum Beispiel die von einem Krmer am hufigsten gebrauchte Wendung: >Das
kostet soundsoviel<; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt
den Preis in Rubeln und Kopeken aber: >Das kostet gewissermaen
soundsoviel< -- klingt schon ganz anders. Oder: >Schicken Sie es mir
gewissermaen sofort<; >Schicken Sie es mir sofort< -- das versteht der
grte Dummkopf, aber >gewissermaen sofort< wird auch der Gescheiteste
nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews >Teufel<: wenn man dieser
Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie
leicht an einem hngenbleiben; und wenn man sie sich angewhnt hat, geht
man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mute es ja wissen: Solomowna
stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen,
gehrt und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: _Wenn man den
Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind
geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!_

So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwrts, die, ob sie
wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen muten; es
waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und
verstndige Menschen, bewanderte Archologen und Mechaniker.

So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen
allen Dingen und Handlungen ein >Bindeglied< zu konstruieren suchte, kein
gewhnliches, sondern unbedingt ein >eisernes< Bindeglied.

Von den brigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie berhrten
den Wersenewschen >Teufel< ganz einfach und schenkten ihm nicht die
geringste Beachtung.

Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten,
die von Vornehmheit und berhebung zeugen: so das >Bitte zu beachten< des
Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch
veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel >Herr Jesus!< Es kommt aber
auch vor, da vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum
Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrcke gebrauchen, die nicht
wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas berrascht und
bestrzt sind -- in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen
Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren
--, nein, es ist einfach eine ble Angewohnheit.

So urteilten die Gleichgltigen.

Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst ber seine Redensart zu befragen.
Manchmal lchelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz
unverblmt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur
Sprache zu bringen.

Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewut.

Wre er sich dieser seiner Angewohnheit bewut gewesen, so htte er sich
doch hie und da beherrschen knnen. Das war aber noch niemals vorgekommen:
jede Begrungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar
mit dem >Teufel<.

Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gesprch
und keinen einzigen Satz.

Es wre aber immerhin interessant zu ergrnden, wann und warum er sich
diese dumme Redensart angewhnt hatte!

Eines war klar: da es hier weder das berhmte Astriosowsche >eiserne
Bindeglied<, noch berhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche >Teufel<
hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Hhe wie das
>gewissermaen< des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch,
da Sergej Sergejewitsch ohne diesen >Teufel< undenkbar war und da, wenn
man ihm diese Eigenheit genommen htte, man es nicht mehr mit Sergej
Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun
haben wrde.

                                * * *

Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.

Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer
Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste,
Frhmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im
Karneval, rote Osterkerzen, Glockengelut im Kreml, Maifeiern im
Sokolniki-Wldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem
Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im
Vaterhaus -- das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das
erste rote Bndchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem
verzagten Herzen und ihren weitgeffneten Augen entzndet und ihr erstes
Lcheln durch ihren ersten Kummer getrbt hatte.

Aus dem alten, frommen Moskau kam sie pltzlich in das Wersenewsche
Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewlbten
Keller, an dessen Wnden braune Blutspritzer zu sehen waren.

Wenn Wersenew an seine frheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm
sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen,
wie sie Tage und Nchte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergescho
gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn
er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.

Als er grer wurde und erfuhr, da auch er, wie die andern Kinder, einen
Vater hatte und da dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von
Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, da seine Mutter immer den Vater
erwartete und darum die Nchte aufblieb, begann auch er selbst auf den
Vater zu warten.

Manchmal kamen Briefe vom Vater.

Mit welcher Ungeduld bestrmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe
vorzulesen!

Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die
Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.

Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.

Die Mutter bemhte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie
weinte nicht; sie sa wieder am Fenster und blickte wieder auf die
Landstrae hinaus. Aber der Knabe fhlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen
den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor
Klte zusammenschrumpfen lie. Er wollte ihr helfen, wute aber nicht wie,
und weinte auch selbst still in sich hinein.

Die Rckkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.

Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und
bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der
Vater kam nicht.

Einmal, als seine Ungeduld aufs hchste gesteigert war und er nicht lnger
warten konnte, lief er auf die Landstrae hinaus, rannte eine weite
Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann pltzlich um und eilte mit
zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.

Vater kommt! Vater kommt! rief er seiner Mutter mit so echter Freude und
so felsenfester berzeugung zu, da sie und auch er selbst pltzlich ein
Glckchen in der Ferne zu hren vermeinten.

Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie,
umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz,
wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden,
ihrer schlaflosen Nchte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht
lnger beherrschen, sie lachte und weinte und stie pltzlich einen Schrei
aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstrae hinaus; es war, als ob sie
zusammen nur ein Paar Augen htten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie
glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glckchen lutete noch immer in
der Ferne.

Einige Wagen mit Teefssern kamen vorbei. Die Rder knirschten und
bertnten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der
Staub, und die Strae lag leer da.

Bis zum Horizont war die Strae zu sehen, und kein Glckchen lutete mehr.
Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.

Von diesem Tage an begann fr den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein
neues Spiel: >Ankunft des Vaters<.

Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.

Es amsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: >Vater kommt!< von ihrem
Platz am Fenster aufsprang und pltzlich leichenbla wurde und zitterte.
Ihn amsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener
klang . . .

Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, da er den Vater gesehen
htte; auch seine Mutter glaubte es.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstrae hinaus . . . So lange scheint es
her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie
schn rauschten damals die Pappeln im Garten!

>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<

Teufel! wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der
Erinnerungen.

Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am
Fenster sitzend und auf die Strae blickend.

Bald nach ihrem Tode kam der Vater.

Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der
Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet
hatte.

Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.

Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehrte, nahm die
Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und
bestrafte ihn oft und hart, so da dem Knaben jede Lust zu weinen verging.
Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.

Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.

Nun begann fr Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode
seines Daseins.

Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fhlte er sich da heimisch und
nicht mehr so fremd und bedrckt wie frher.

Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch
erwhnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr
zu sprechen.

Das Eckzimmer im Obergescho mit den Kleiderschrnken wurde sorgfltig im
gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle
ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel -- alles stand noch da. Der Sohn
suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft
heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter
gesessen hatte; spter interessierte er sich aber mehr fr Pferde.

So kam es, da er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen
hatte; in den spteren Jahren tat es ihm sogar leid, da er es nicht wute.
Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der
Mutter hngen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie
verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mute sie
soviel Leid, so viele bittere Tage und Nchte ber sich ergehen lassen?

>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<

Teufel! sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von
Krutowrag dachte.

Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und
wurde Offizier.

Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater
geizte nicht und schickte ihm regelmig grere Summen. Der Vater war
immer besorgt, da es ihm gut ginge. Er konnte sich ber nichts beklagen.
Bei seinen guten Verbindungen und groen Mitteln durfte er auf eine
glnzende Zukunft hoffen.

Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an
Trinkgelagen teil, besuchte Blle, erzhlte Witze, imitierte seine
Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen
Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich -- und die Tage
gingen gleichmig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch
zuweilen etwas Ausschlieliches und Besonderes vorkam, so blieb es doch
immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und blichen: so
verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das
aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen
Art.

Gleichmig, mit ganz unbedeutenden Sprngen, flo sein Petersburger Leben
dahin.

Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben htte eigentlich
in seinem Gedchtnis keine Spuren zurcklassen mssen.

Und doch hatte er eine Erinnerung.

Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewhnliches Erlebnis.

Gibt es denn im Leben auch viel Ungewhnliches?

Sergej Sergejewitsch dachte in seinen spteren Jahren mehr als einmal an
dieses Erlebnis zurck; er prfte sich und sa ber sich selber zu Gericht
und verantwortete sich vor sich selbst.

Er hatte schon lngst eingesehen, da eine Handlung durchaus nicht
besonders auffallend und auergewhnlich zu sein braucht, um fr immer im
Gedchtnis haftenzubleiben; da auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das
man kaum merkt, sich wie ein winziges Stubchen in der Seele festsetzen
kann.

>Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern strzt vom Himmel, ein Erdbeben
vernichtet eine ganze Stadt -- das kann fr dich schon am nchsten Tage
seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen
wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes
Lichtchen -- ein irgendwo unter einer Brcke flackerndes Flmmchen oder die
qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straenlaterne, die wie eine
Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir fr
dein ganzes Leben im Gedchtnis bleiben.<

Ja, er dachte viel darber nach, und wie er so ber sich selber zu Gericht
sa und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste
Tiefe, in den trbsten Bodensatz seiner Seele hinein.

Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn
man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn
man es auch kann, hat man den Mut dazu?

Mord und Betrug, Lge und Verrat sind schwere Vergehen, groe Snden, die
von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord
lt den Mrder vollkommen kalt; er denkt berhaupt nicht mehr an ihn! Was
er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen mu, was seine Qual, sein Lohn
und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfllt,
das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, da er einmal einen
Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein
zudringliches Mdel, das ihn auf der Strae anbettelte, von sich gestoen
hat -- es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Strae
verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten:
>Herr, kaufen Sie mir doch einen Glckszettel ab!< -- Es handelt sich auch
gar nicht darum, da er das Mdel, das ihm sein Glck zum Kauf anbot, von
sich stie, sondern darum, da das frierende Mdel ihm einen Blick zuwarf,
einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.

Teufel! wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger
Erlebnis wieder in den Sinn kam.

Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von
altem Adel, das Mdchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die
Angehrigen des Brutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf
jede Weise zu vereiteln.

Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu
Herzen; er besuchte ihn oft und wnschte ihm und seiner Braut aufrichtig
Glck.

Und als nach unendlicher Mhe die Hindernisse endlich aus dem Wege gerumt
waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein
unerwartetes und trauriges Ende: die Braut lste die Verlobung.

Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger
Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem
Schleier des feinen Regens trbe leuchtenden Straenlaternen; an ihr Zimmer
irgendwo in der Rusowskaja-Strae in der Nhe der Kasernen. Sie bat ihn, zu
ihr zu kommen, um mit ihm ber die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er
zweifelte nicht, da das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen
habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .

Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das pltzlich so bla geworden
war, so entsetzlich bla, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte,
wenn er mit den Worten: >Vater kommt!< zu ihr ins Eckzimmer hineingestrzt
gekommen war.

Sie erffnete ihm, da sie ihn liebgewonnen htte und nur ihn allein
liebte.

Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben,
dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zuknftige Gattin seines
Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen,
beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie
auch jetzt gar nicht.

Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, whrend
die Regentropfen gleichmig und unaufhrlich gegen die Scheiben
prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein Bchlein dem andern. Wie sie
ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah
und spter mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trge er das
ganze Blut ihres Krpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze
Hoffnung ihres Herzens mit fort, als htte er es ihr entrissen und ginge
damit fort!

Am nchsten Abend traf er sie zufllig auf der Kukuschkin-Brcke. Er hatte
sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso
unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas spter hrte er etwas in das
ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal
zurck und setzte seinen Weg fort.

War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoen hatte?

Teufel! wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder
in den Sinn kam.

Bald nach diesem Vorfall mute er pltzlich nach Krutowrag abreisen: sein
Vater lag im Sterben.

Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und lie niemanden,
weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den
allerdringendsten Fllen durfte als einzige >Kreatur< der Lakai Sinowi sein
Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genieen und schlo des Nachts kein
Auge.

Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute;
man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flstern.

Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Tren standen weit offen; nur die
Tr des Arbeitszimmers war fest verschlossen.

Sergej Sergejewitsch kam zu einer spten Nachtstunde in Krutowrag an; er
wollte den Vater nachts nicht stren und sich erst am Morgen bei ihm
melden. Der Vater fhlte aber sofort, da der Sohn gekommen war, und lie
ihn durch Sinowi rufen.

Der Alte sa in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus,
in einem Sessel zusammengekauert; er war frchterlich abgemagert und lag
anscheinend in den letzten Zgen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die
Kehle zusammenprete, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trbe
und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen
Glanz.

Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich ber sie; die Hand war eiskalt.
Und als er sich ber sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu
kssen, sprte er einen unberwindlichen Ekel und kte die Luft.

Vater und Sohn begrten einander.

Der Alte kte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch klter als die
Hnde.

Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:

Nun, wie geht es Ihnen?

Die Teufel kommen immer her, zischte der Alte durch die Zhne.

Was fr Teufel? Kleine mit Schwnzchen? versuchte der Sohn zu scherzen;
er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.

Was fllt dir ein! Echte Teufel! zischte der Vater, und seine Pupillen
wurden noch dunkler.

Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen
Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand
der Pupillen zog sich pltzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut
auf.

Er griff unwillkrlich nach seinem Sbelknauf und wich einige Schritte
zurck.

Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die
Brust zu kratzen.

_Echte_ Teufel . . . zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte.
Pltzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf
den Teppich.

Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so
sehnschtig erwartet hatte!

Was qulte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner
Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten
letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort?
Wer war das?

Teufel! wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines
Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so
sehnschtig erwartet hatte.

Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag
und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.

Warum er geheiratet hatte, wute er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte
ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein
stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.

Mit der Landwirtschaft beschftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte
er, sich in der Semstwoverwaltung zu bettigen, gab aber auch das aus
irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmhlich zog er sich
von jeder Ttigkeit zurck.

Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf
den Schultern des tchtigen und fleiigen Gutsverwalters, eines mrrischen
Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus
mit unaufhrlichem Lrm und lustigen Gsten anzufllen.


3

Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung.
Gorik kam auf die Universitt und Buba auf die Frauenhochschule.

Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders
lustig.

Die Bauernjungen von Krutowrag, die schchternen: Fischbein, Rohaar und
Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und
Jermoschka spielten unter Goriks Anfhrung >Expropriationen<; ein berfall,
den sie veranstalteten, war so tuschend echt, da die tscherkessischen
Flurwchter des Generals Belojarow den Anfhrer um ein Haar erschossen
htten.

Raketen und persische Blitze stiegen ber dem Hause auf im Garten qualmten
Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrnste, und die Nchte
waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.

Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen muten, begann auch
Jelisaweta Nikolajewna zu packen.

Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag
zurck.

Jelisaweta Nikolajewna erklrte ihrem Mann, da sie nie wieder nach
Krutowrag zurckkommen wolle und da auch die Kinder niemals zurckkehren
wrden.

Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen
Ausdruck. Ihr Entschlu war offenbar fest und unumstlich.

Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts
begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie
trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte
Leben abzugewhnen und sich in neue Verhltnisse zu schicken; er konnte
sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja
achtzehn Jahre zusammengelebt!

Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort
hervor: statt aller Einwnde drang aus seiner Kehle nur ein Rcheln und
Pfeifen, und dann folgte sein obligates >Teufel!<

Er konnte einfach nichts dagegen tun.

Schlielich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es
plagte, besprochen hat, erklrte sich mit allem einverstanden und
unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.

Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelst.

Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschpfenden Bericht ber
die Wersenewschen Verhltnisse und bernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch
in Zukunft auf dem laufenden zu halten.

In Krutowrag wurde es auf einmal leer.

Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich ber die Felder von
Krutowrag und lief dann die Landstrae entlang, bald nach rechts, bald nach
links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.

Niemand wunderte sich, niemand regte sich darber auf; es war, als ob alle
das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefhl geschwiegen htten, ebenso
wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen
sich scheut.

Das eheliche Zerwrfnis (General Belojarow gebrauchte brigens einen
andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den pltzlichen
Entschlu Jelisaweta Nikolajewnas erklrte, beschftigte eigentlich nur
ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgrnden
triumphierten.

Jetzt ist es klar, da sie in einen Roman verwickelt ist; natrlich ist es
ein Roman, obwohl niemand den Auserwhlten ihres Herzens kennt; aber dieser
Auserwhlte mu doch irgendwo vorhanden sein! Wo kme denn sonst das
Zerwrfnis her?

So urteilten die Damen.

Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand
hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt
immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.

Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde;
auch die Sterne, die trben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig ber
dem Wersenewschen Hause.

Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit
zu besuchen.

In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta
Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie
sie spter selbst erklrten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.

Die Damen fielen ber Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so da
er nicht einmal die Mglichkeit hatte, seinen >Teufel< loszulassen.

Obwohl Solomowna, die diese letzten Gste hinausbegleitete, ihnen klipp und
klar erklrte, da die gndige Frau nur die Krankheit des gndigen Herrn
nicht htte vertragen knnen und da sie nur aus diesem einen Grunde
abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten
hartnckig an ihrer Ansicht, da auch ein Auserwhlter des Herzens mit im
Spiele sein msse, fest.

Bald darauf lie General Belojarow, als er bei einer der drei Damen
anllich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken,
doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fgte brigens
beschwichtigend hinzu:

Alles hat sein Gewicht und Ma.

Damit war die Sache erledigt.

Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er
brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen
berhmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt
Knochen im Leibe habe.

Ratzejew wand sich tatschlich wie ein Sterlet, sprach aber whrend des
ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafr ununterbrochen und
fhrte verschiedene Beispiele seiner sprichwrtlich gewordenen
Vergelichkeit an.

Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission
erzhlte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.

Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehrt. Das
Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er
reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus
Italien nach Algier: er lie sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte
eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise
erst dann, als er nach Ruland zurckgekehrt war.

Vergessen knnen ist eine Gabe der Gtter! sagte Pustoroslew, indem er
sein obligates >gewissermaen< bedeutungsvoll dehnte und mit seinen
farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen,
zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwrfnis an.

Ein einziges Mal kam der Krmer Charin zum Tee.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch ber diesen Gast.

Charin sa in dem niedern lnglichen Ezimmer sehr lange am Teetisch. Er
sprach von furchtbar gleichgltigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum
tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefhrlichen
Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem >gewissermaen< stecken,
whrend Sergej Sergejewitsch den bestrzten Gast anstarrte, ab und zu mit
der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort >Teufel< zusammenfate.

Die Gewohnheit ist gewissermaen die zweite Natur! stammelte Charin. Er
war ganz rot geworden, in Schwei gebadet und so aufgeregt, da er kaum die
Tr finden konnte.

Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das >eiserne
Bindeglied< zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch fters zu
Wersenew.

P. Astriosow, der von Natur aus schchtern war, verlor, sobald er mit
Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der
berhmten Zigarren, an denen er allmhlich Geschmack gefunden hatte, und
parierte den Wersenewschen >Teufel< mit seinem >Bindeglied<, das ihm
wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.

Ja, ja, ein Bindeglied, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der
Zigarre schttelte; er tat es, ganz gleich, ob es ntig war oder nicht und
ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in
der Hand hatte.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch ber den Geistlichen.

Sonst war er aber tagelang allein.

Sergej Sergejewitsch hrte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst
whrend des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr
enthalten, was bei den Betenden groes rgernis hervorrief. Einmal fhrte
es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenlteste, Goloweschkin,
versuchte whrend eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den
>Freimaurer< zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej
Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.

In seinem Schlafrock aus weiem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte
Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre
beleuchtete seine eingefallenen trben Augen und den grn angelaufenen
grauen Schnurrbart.

Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht
mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lrm
und die lustigen Gste, an seine Frau und seine Kinder gewhnt: achtzehn
Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!

Oft stand er stundenlang vor der Balkontr und zhlte die Krhen, die ber
den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krchzten
sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergescho, wo einst seine Mutter
Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah
auf die Landstrae hinaus . . . Wohin fhrte die Strae, und hatte sie
irgendwo ein Ende? Oder er hrte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu
. . . Worber tuschelten sie? Manchmal sa er im Sessel seines Vaters, vor
dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt,
vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel
ohne Hrner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd,
ein . . .

Teufel! klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere
Haus.

Als die ersten Frste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete
man auch die Balkontr mit Werg und Kitt ab.

Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternchte.

Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem groen
Keller.

Wenn er doch wenigstens ruhige Trume htte.

Einmal trumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D.,
siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein
bses, rachschtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, ber eine
Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein
kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dmmern, und am Himmel steht ein
riesengroer blasser Mond mit rtlich schimmerndem Rand. Sergej
Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz ber das Gras; er
wei, da es ganz gewhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme
erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf grer und dicker
als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen.
Er hat es so schwer: er mu auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder
hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und wei nicht, wohin er kriecht
und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht
vor Bosheit, der Ha vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar mde. Am
Himmel steht der riesengroe blasse Mond mit rotglhendem Rand, und es ist
so furchtbar kalt.

Er erzhlte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung:
Das bedeutet, da ein Witterungsumschlag bevorsteht. Sergej Sergejewitsch
lchelte.

Mir ist so eigen zumute, sagte er, als ob alles nicht echt wre.

Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzhlen; er
blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej
Petrowitsch durch die Zhne:

Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel! Und er brach in Trnen
aus.

Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:

Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben knnte, Pjotr!

Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.

Wie sollte man sich ohne Beschftigung und ohne Gste an trben Wintertagen
nicht langweilen?

Der Herr hat oft Angstzustnde, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als
er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. Frher hatte er vor
nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mgdekammer
gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm
stnde. Auch wartet er immer auf Gste; er glaubt, da jeden Augenblick
Gste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.

Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, da sie bse Trume
gehabt habe: in der Christwoche htte sie Blei gegossen und sonstigen
Zauber getrieben, und darum wren ihr die bsen Trume gekommen.

Trume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.

Bald trumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn
man im Traume den Boden aufwischt. Bald trumte ihr von einer Feuersbrunst:
das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und
nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.

Zwei Mnner machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: >Was ist
denn los?< Und sie antworten: >Wir wissen nichts, Solomowna!<

Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.

Es trumte ihr, sie kme in den Saal herein und aus der Balkontr trte ihr
der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand
sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie htten die Balkontr hinter
sich fest zugeschlossen und wren geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen,
sich wie Blinde an den Wnden entlangtastend.

P. Astriosow hatte aber fr die Trume der Kinderfrau wenig Interesse: sein
eigener Neujahrstraum sa ihm noch im Nacken.

P. Astriosow hatte sieben Kinder: der lteste war schon Kster, und das
jngste ein Sugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der lteste war ein
Sugling und lag in den Windeln, und der jngste war Kster und hatte einen
langen Bart.

Ja, ja, das Bindeglied! sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den
Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.

In den Feiertagen war es gar nicht lustig.

Auch in der Kche herrschte eine gedrckte Stimmung. Man sprach im
Flsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wre.

Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi
Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wscherin Matrjona Simanowna,
der Bautischler Terenti, der Schmied >Truthahn<, der Lakai Sinowi und sein
Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saen im Kreise um Solomowna und tranken
Tee. Nur die Stubenmdchen fehlten: Charitina war mit der gndigen Frau
nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekndigt.

Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen
Wersenewschen Angelegenheiten und uerten Bedenken wegen des gndigen
Herrn, mit dem es doch frher oder spter ein schlimmes Ende nehmen werde.

Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
zugrunde! sagte Solomowna ghnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und
schttelte den Kopf.

Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war,
kam pltzlich in die Kche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor
den bestrzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn
und verzog das Gesicht, whrend es in seiner Kehle eigentmlich pfiff. Dann
winkte er mit der Hand ab und sagte:

Teufel!

Teufel! hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen,
und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch ber der Decke auf dem dunklen
Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die weien
Sulen.

                                * * *

Den Weihnachtsfrsten folgte pltzliches Tauwetter. Am Vorabend des
Dreiknigstages fing es wie im Frhling an zu trpfeln, und der Weiher im
Garten wurde gelb.

Es war wie der Hauch des Frhlings.

Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er
machte auch die Balkontr auf, stand lange in der offenen Tr und horchte
hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte
von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte,
wurde er noch unruhiger.

Drauen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bumen auf das
Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.

Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hrte man nichts von
ihm.

Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flsterte Gebete und malte
Kreidekreuze ber die Fenster und Tren.

Sergej Sergejewitsch sa oben im Eckzimmer und blickte hinaus.

Die sternlose Nacht verdeckte die Landstrae; er sah nur die nackten
Baumste vor dem Fenster im Winde beben.

Sergej Sergejewitsch sa lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum
Fenster hinaus.

Und pltzlich hrte er fern auf der Strae ein Glcklein tnen. Er sprang
auf. Das Glckchen tnte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die
Ohren zu. Das Glckchen tnte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi,
Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das
Glckchen hrte nicht auf zu luten.

Und pltzlich kam ihm das Eckzimmer verndert vor: an der Stelle, wo der
Spiegel hing, ghnte eine offene Tr. Er trat in diese Tr, und sie schlo
sich sofort hinter ihm.

Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles
schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den
Mosaikboden aus weien und roten Steinen. Es war hei, schwl und feucht.

Er ging durch den Korridor und wute, da er ihn zu Ende gehen msse. Und
als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tr aus getriebenem
Eisenblech ffnete, sah er sich vor einer zweiten Tr. Er machte auch diese
Tr auf. Dann kam eine dritte Tr. Und so folgte eine Tr auf die andere:
wenn er die eine ffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so
immer weiterging und eine Tr nach der andern aufmachte, sagte ihm das
Gefhl, da er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich
umschauen msse, da er sonst verloren sei. Er konnte aber weder
stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurckblicken; es war ihm, als ob
ihn jemand fhrte und ein anderer ihn von hinten vorwrtsstiee.

Und als er endlich ganz bestrzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und
schimpfend, die letzte Tr aufmachte -- er glaubte, da es die letzte Tr
sei --, hatte er pltzlich das Gefhl, als ob man ihn mit irgendeinem
spitzen Gegenstand in den Rcken stiee, und er fiel hin. Im Fallen sah er,
wie die Sterne, die trben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend
und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber
umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind
erfat, ihnen entgegen . . .

Ich malte Kreidekreuze ber die Tren und Fenster, berichtete spter
Solomowna, als mich pltzlich Sinowi rief der Viehwrter Nasar sei
gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreiknigstag zu holen. Wie ich in die
Kche hinausgehe, hre ich pltzlich, wie jemand die Balkontr zuschlgt.
Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglck geschehen! Es sind ja
unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann hre ich
die Tr noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch:
>Prokofi Konstantinowitsch<, sage ich, >hren Sie es?< -- >Ich hre<, sagt
er, >wie der Wind die Tr zuschlgt.< Und kaum hat er das gesagt, als die
Tr zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte
es! Ich renne in den Saal: die Balkontr steht wirklich offen. Und ich rufe
Sinowi: >Wo ist der Herr?< Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind
weht so stark herein, da wir zu zweit die Tr gar nicht zumachen knnen.
Der Wind reit sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und blst
alle Lichter aus. >Gndiger Herr!< schreie ich. Aber er ist nirgends zu
sehen.

Am Morgen des Dreiknigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fuspuren
fhrten von der Balkontr direkt dorthin.

Der Bse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und
das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm
eingesunken, und whrend der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen.
So war er in seinem weien Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee,
erfroren.

Natrlich wurde sehr viel darber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr.
Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!




Sanofa



1

Schn ist es in Batyjewo -- ein lustiges Dorf ist's! Von allem hat man
genug: viel Wald ringsum, und der Flu ist gleich in der Nhe. Im Flusse
gibt's so viel Fische, da man sie gar nicht alle fangen kann, und im Walde
Wild -- alles ist da, was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: man
kann da nicht ordentlich lustig sein. Bist du es aber doch, so darfst du
hinterher niemandem Vorwrfe machen: stt dir dabei ein Unheil zu, so bist
du selbst schuld.

Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben hier unsaubere Mchte ihr
Spiel, und es gibt gar keine Mittel, sie auszurotten: zhlebig sind sie wie
die Wrmer. Ist man die eine Teufelei glcklich los, so taucht, eh man
sich's versieht, auch schon eine andere auf. Und wenn es mal vorkommt, da
eine Hexe abkratzt, ohne ihre Kunst einer andern vermacht zu haben, so
erscheint gewi sofort eine neue: und keine gelernte, sondern eine
geborene. Eine geborene Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die
Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, aber mit einer Geborenen ist
nicht zu spaen: mit Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern geht
gleich aufs Ganze, so da man sich nachher sein Lebtag nicht mehr
reinwaschen kann.

Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie auch geborene. Die ltesten Leute
erinnerten sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben htte, und
kein Mensch konnte dahinter kommen, wo die Wurzel des bels lag.

Gar mancher Unglckliche ist schon ins Grab gestiegen, so mir nichts dir
nichts elend zugrunde gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber nicht
ein: sie verderben den Menschen, kommen aber selbst immer mit heiler Haut
davon und leben ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, dem Gehrnten zum
Wohlgefallen -- seines bsen Willens Tchter.

So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!

                                * * *

Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die Kunde drhnt durch die
Schwarzen Wlder: vom Meere bis zum Gebirge gibt's keine Hexe, die
schrecklicher wre als Sanofa.

Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: Arischka und Agapka hatten je
hundert Jahre und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung -- kaum ber
dreiig. Die andern richteten zwar viel Schaden an, hielten aber doch Ma
und machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser fiel das aber niemals
ein. Die schrecklichsten Zauberknste kannte sie. Sie verstand, den
Menschen so an einen Fleck zu bannen, da er niemals mehr aus dem
Hexenringe herauskonnte, und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um
sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte
nicht ins Haus herein; stand dicht vor seiner Schwelle und konnte kein
Glied rhren. Die andern Hexen sehen eben wie Hexen aus, und auch das
kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: sie sind alle drr,
haben Hakennasen und Schwnze; diese aber ist hbsch -- die ganze Welt kann
man absuchen und keine hnliche finden --, dabei aber eine Migeburt, wie
man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der Krper und
alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe, aber die Beine sind wie
bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. Wenn
sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute sagten, da sie
auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen! Man
bekam sie auch fast nie zu Gesicht, hchstens des Nachts. Gott mge aber
einen jeden davor bewahren: besser ist's, dreimal in die Erde zu versinken
oder der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.


2

Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu
Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Kufer drngten
sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals
hngte er einem faule Ware an. Htte sich der Alte nicht die Snde auf die
Seele geladen, so wre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!

Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn
sie nur einmal in die Hnde klatschte, war man verloren, seine Seele wollte
man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab's
nicht in der Welt.

Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug
er sich mhsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das
ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernhren
und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.

Sanofa kam zur Welt -- und gleich wurde alles anders.

Nun hatte Tschabak auf einmal Glck und wurde ein echter Kaufmann. Die
Kufer strmten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar
nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einknfte
reichten nun fr alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten,
verheiratete die Tchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache
unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut,
da das Abendluten durch alle Schwarzen Wlder drhnte und selbst bis zu
der Iljinka in Moskau reichte.

Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in
seine Hnde.

Kluge Menschen ahnten schon damals, da es da nicht mit rechten Dingen
zuging, sie behielten aber ihre Meinung fr sich: das Wort ist kein Spatz,
und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man's nicht wieder einfangen.
Wie leicht kann man einen Unschuldigen in blen Ruf bringen und mu es dann
spter im Jenseits ben. Nur Mitroschka -- so hie ein Bursche im Dorf --
frchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern:
er deutete immer auf das Mdel und schrieb ihm alles zu.

Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man
ihn fr seine Worte nicht verantwortlich machen.

Das Mdel war aber wirklich Gott wei was!

Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes
Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glckshaube und einem
Muttermal am linken Daumen zur Welt.

Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen.
Tschabak und sein Weib grmten sich deswegen, konnten aber nichts mehr
machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurckerlangen; wer es zuerst in
die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.

Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.

Wanderer und Wallfahrer strmten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus,
um aus Sanofas linker Hand ihr Glck zu holen. Die Hand teilte das Glck
freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann
immer glcklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glcklich heim. Niemand
konnte sich ber etwas beklagen.

Aus fernen Drfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glck zu holen, und
kehrten zufrieden heim: niemandem stie irgendein Unheil zu.

Das Kind wuchs als kluges Mdel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag
wie ein Vglein. Alles mute man ihr zeigen und erklren, sie lief immer
den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.

Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen.
Das Mdchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die
Dorfstrae zog, erhob sich ein Wind und warf das Mdel um. Seit jener Zeit
waren ihre Beine gelhmt, und sie konnte nicht mehr gehen.

Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben
Tag still.

Eine wunderliche Sache: ihr Krper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben,
wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.

Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glck berschwemmte die
Welt.

Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.

Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glckshand kleine Kreuzmale, es
waren aber keine gewhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur
Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurck; dem Jerjoma wurde ein Auge
ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr
in glcklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man
als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewute
Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.

Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.

Je lter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschft ihrem Vater ber den
Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten
verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher
Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak
war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar
mancher Freier htte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er
doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein
Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts
verbergen. Darum kam auch nichts zustande.

Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwrfe.
Mit dem Alten htte aber auch der Teufel nicht fertig werden knnen: so
trotzig und eigensinnig war er.

Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschften kam er zu
ihm. Ein hbscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung;
Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und
dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte
freute sich mchtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die
Tochter so, da er seine Seele fr sie hingeben wrde. Der Kaufmann war
aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schttete
drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich's
gehrte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte
alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte
so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach,
kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf
war dabei -- denn alle wollten es sehen --, man wartete, der Brutigam aber
fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoen. Man suchte hin,
man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der
Kaufmann war nirgends zu finden. Man chzte und seufzte, doch es war nichts
zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom
Fleck rhren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt
nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So,
wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch
auf allen vieren nach Hause. War dabei so wei wie Papier, und ihre Augen
-- ja, wenn alle Donner des Himmels erdrhnen und alle Blitze niederfhren,
gbe es kein solches Ungewitter: -- die Augen glhten und sengten. Ein
jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.

Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte
Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe fr die
Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem
einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.

Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus.
Kornej schwor, da er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber
seinen Schwren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien
und ist wohl auch dort gestorben.

So war die Sache.

Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die
Klugen, die frher ebenfalls alles gewut, aber geschwiegen hatten, redeten
drauflos.

Jetzt war es allen klar, was fr eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum
und Sanofas glckbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den
kleinen Kreuzen hatte.

Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte -- das wute
ja jedermann --, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hnde Werk war
es!

Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.

Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen, sagte man von Sanofa: Sie
wird einen Hagel schicken und die Felder verwsten, sie wird einen Blitz
herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder
erwrgen, die Weiber verderben, die Mnner zugrunde richten, den Flu
austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein
einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht
verschonen.

Sie wird es noch ganz anders treiben, flsterte man mit erstarrenden
Lippen, sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlchern zu leben
zwingen.

Einen schwarzen Blick hat sie!

Eine verdammte Hand!

Eine verdammte Hexe ist sie!

Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es
fand sich aber kein Khner: alle hatten viel zu kurze Arme.

Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.

Jedes Unglck, das in Batyjewo vorkam, jede Snde, alles schrieb man Sanofa
zu.

Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.

Alle schielten ngstlich nach dem weien Huschen mit der blauen Tr und
den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der
Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das
Hexennest bewachte.

Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles -- ber
drei Felder hinweg konnte sie sehen --, und hrte alles -- durch drei
Wlder hindurch konnte sie hren.

Sie sah alles und hrte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen
konnte sie nicht.


3

de ist es nun im Hause des alten Tschabak.

Wo das Volk sich einst so drngte, da die Wnde erbebten, hrt man weder
Lachen noch Trampeln, und drauen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man
keine Pferdespuren mehr.

Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber
an der Schwelle sterben als das Haus betreten.

In den Stuben sind berall Kruter aufgehngt. Und sie duften so scharf,
da man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wnden sind Vgel
gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vgel,
sondern eher geflgelte Kater. Diese Vgel machen es, da die Wnde und das
ganze Haus gleichsam davonfliegen mchten.

Nicht geheuer ist es in den Stuben.

Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa.
Sie schaut die Tochter mitleidig an und wei nicht, was sie anfangen soll.
Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas,
was man mit keinem Wasser lschen kann.

Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:

Glcklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast
so getanzt, da die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe
nichts.

Die Alte erhob sich, schttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem
bronzenen Hals schwollen an.

Nein, Sanofa, du bist schn und stark, und keine ist so schn wie du!

Sanofa hrte es nicht und sprach weiter:

Du bist glcklich. Es mu ja auch glckliche Menschen geben! Wer hat es so
eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .

Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.

Die Menschen? Sind sie glcklich? Ich aber kenne keinen glcklichen
Augenblick . . .

Die Alte richtete sich auf und sagte:

Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir
alles, dann finden wir unser Glck . . . Ziehen wir in die Steppe, in die
Freiheit . . .

Warum lgst du? Warum sagst du, da ich schn bin? Was willst du von mir?
Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krppel -- und kann nicht gehen!
Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die
Gerechtigkeit? Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die
Mutter voller Ha an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle
erschienen ihr so glcklich, nur sie allein war so unglcklich, ein
verkrppeltes Kind, sie war verdammt und wute nicht, fr welche Schuld.

Und ihr Herz war wie ein zhnefletschender Eber -- schreckliche Rache drang
ihr aus dem Herzen.

Die Alte lie sich wieder auf die Bank nieder, schlo die Augen und schlief
ein, kraftlos, ohnmchtig, etwas zu tun.

Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten
Arme sttzend, und strubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte
irgendwohin mit den Augen und lie die Blicke im Kreise schweifen. Etwas
Unmgliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmgliches,
Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfllung.

Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen
dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden
ausgetreten -- jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bsen Blick.

Allmhlich wurde ihr leichter ums Herz, allmhlich zog sie die sthlernen
Arme wieder ein.

Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen
und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.

Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glckbringenden Hand . . .
Wie sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie
zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst
aus ihrer rechten Hand ihr Glck herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche
fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurckkehrte.

Die Alte erwachte.

Sanofa weinte.

Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgro, wie bei
jenem glcklichen Mdelchen, das, ihr glckspendendes Hndchen schwingend,
auf einem Bein von der Haustr zur Gartenpforte hpfte, mit feinem
Stimmchen sang und das Mrchen vom Hahn erzhlte, der den Bren gefressen
hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den
eigenen Tnen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und
ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhren wollte und man sie
nicht aus dem Hause lie.

Willst du essen? fragte die Alte, sich ber die Tochter beugend.

Sterben will ich, flsterte Sanofa.

Die Alte bi sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen
Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.

Die Vgel an der Wand reckten ihre Katzenkpfe und flogen irgendwohin; und
auch die ganze Wand wollte sich losreien und davonfliegen.

Ich will sterben!

                                * * *

Wenn die Abenddmmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe
brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmckt,
langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in
gedehnten Schreien ergossen -- kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb
sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um
und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.

Manche Nchte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nchten
nicht vom Bette steigen.

Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete
wurden von Unkraut berwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes
Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumste neigten sich zur Erde,
die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.

Nachts wurde Sanofa von Trumen heimgesucht; schreiend ri sie sich von
ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.

An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen
sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur
anzuschauen.

Die Alte legte Karten.

Die Karten prophezeiten nichts Gutes: >Schlag<, >Unannehmlichkeiten< und
>Nachtlager<. Das bedrckte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles
endete mit dem >Gastmahl< -- der Piquedame.

Nur selten kam es vor, da ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glck
erleuchtete.

Sanofa erwachte und rief:

Mtterchen, wenn du wtest, was mir heute getrumt hat?

Die Alte lief zur Tochter:

Was hat dir denn getrumt?

Ich trumte von Stiefeln, und dann, da du mir ein Hemd reichst und das
Hemd ganz blutig ist.

Stiefel bedeuten eine Reise, erklrte die Alte. Das Blut aber das
Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir trumte, da ich eine aus Samen
gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurck . . .

Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.

Mtterchen, ich wei, was es fr eine Reise ist: es ist mein Tod.

Die Alte schwieg.

Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrhren.

Die Alte schwieg.

Alles fiel ihr aus den Hnden: so sehr zitterten ihr die Hnde, und sie
wute in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.

Ein Tag folgte dem andern.

So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verdete Haus. Man knnte
mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle
zu pressen.

Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder na war, ob es regnete oder die
Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schlieen.

Die Alte konnte es nicht lnger ertragen, sie frchtete das Schweigen, sie
ging leise auf die Tochter zu und sagte:

Mein Kind, mein Kindchen!

Was ist denn? fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die
gramgebeugte Mutter richtend.

Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .


4

Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken,
kleine Vgel zwitscherten kaum hrbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit
dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des
Flusses schrien traurig die Eulen und lrmten die Frsche: es klang, wie
wenn ein Wagen ber das Straenpflaster rollt.

Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten ber den mondbeschienenen Hof.

Wie eine weie Blte lag Sanofa in ihrem weien Hemd auf dem Rasen. Traurig
fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren
halb offen und lieen die weien Zhne sehen. Sie starrte zu den Sternen
empor.

Die Sterne waren aber so fern.

Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke an
den Tod.

Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall
hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun
den Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flmmchen flackerte
wie eine Kerze, -- wie zwei Kerzen. Und je nher es kam, um so deutlicher
konnte sie erkennen, da es ein Mensch war und da seine Augen wie
Kerzenflammen leuchteten.

Sanofa sttzte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch
ihm entgegen.

Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde
immer krzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lchelnden
Lippen . . .

Schon war der Weg durchschritten.

Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drckte sie fest,
hei, fr das ganze Leben, fr ewig an seine Brust. Pltzlich wurde er
ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war,
er grinste mit seinen schrecklichen Zhnen, hob sie empor, und schon flogen
sie -- als Brutigam und Braut -- davon.

                                * * *

Man fand Sanofa am nchsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten tot
auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwrgt.

Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfllen die
Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz auer Rand und Band sind
die Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem
Mitroschka ri jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer
solchen Gelegenheit nicht ber die Schnur hauen?




Das Los des Elenden. Trume



Vom Tiger zum Haken

Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschtteten, steinernen Stadt, auf
Gottes Gehei geboren und nach dem Zeugnis Knig Davids zur Geduld
verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit und fr die Zeit.

Ich lag trg und lssig in der Allee des Petersburger Sommergartens und
betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergnger, und ich hrte gar
kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit
ernsten Gesichtern ihren Geschften nach, und die Geschfte, denen sie
nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob
davon das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rcken der Vorbeigehenden
und konnte nur aus ihren Worten und uerungen, die an mein Ohr schlugen,
schlieen, was fr Gesichter und was fr Augen sie hatten. Die Emprung
lie mich auf meine krftigen Beine springen; ich strzte voller Wut auf
das Huschen Peters des Groen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und
begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, da sie
Betrger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre
Augen trb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief
seien.

Indem ich die Erlser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, da
auch meine Augen sich trbten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht
schief wurde. Und pltzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit
lauter Stimme verwandelt.

Ich sang so laut, da es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem
mein Gesang nicht zu hren gewesen wre. Und da alle meinem Gesange
lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein
Kfig hing und ich wute, da man mich einfangen und in diesen Kfig
sperren wrde, empfand ich es als lstig und auch gefhrlich, als Vogel
weiterzuleben.

Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich
meine Flgel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und
gemeine Wirtshaus >Zu den lustigen Inseln< in der Werejskaja-Gasse, drngte
mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gste und setzte mich an den
ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber
eine Flasche vom strksten und berauschendsten Weine.

Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rhren konnte,
brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu
setzen. Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem
meinigen zu nhern.

Lieber Freund, fhre mich fort von hier! flehte sie mich an, und ihr
gelber Lackledergrtel knisterte.

Whrend sich ihr dunkelmattes Gesicht mit den riesengroen grauen Augen
ohne Pupillen meinem Gesicht nherte, senkte sich von der Decke ein Netz so
fein wie Spinnweben langsam, aber sicher ber mich: ich fhlte, wie ein
seidenes Vogelnetz ber mich geworfen wurde. Und als die Augen meiner
Geliebten schon so nahe waren, da sie zu einem einzigen grauen Auge
verschmolzen, berhrte das Netz meinen Scheitel; im gleichen Augenblick
drang ein feiner, scharfgeschliffener Haken in mein lebendes Herz. Er hakte
sich fest und zog mich schon im nchsten Augenblick roh und blind ber die
Sascha und den Tisch hinweg zur Decke empor.


Affen

Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus Australien, Afrika und
Sdamerika, zusammengetrieben, und ich, der Anfhrer der Schimpansen, mit
dem aus Eiderdaunen gewebten Grtel um die Lenden, raufte mir die Haare und
zerbrach mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten, mit denen man uns an
Armen und Beinen gefesselt hatte, befreien und in meine Heimat durchbrennen
knnte; aber es war schon zu spt. Man trieb uns ber die neugepflgten
cker auf das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten Aufstellung genommen
hatten, begannen Herolde in goldstrotzenden Uniformen mit Strauenfedern an
den Hten, lngs der Reihen hin- und herreitend, das Urteil zu verlesen.

Man beschuldigte uns Affen der malosen Unzucht, Bosheit, Faulheit,
Trunksucht und eines unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter Anerkennung
unserer ungewhnlichen angeborenen Anlagen zur Entwicklung und
Vervollkommnung verhngte man ber uns die Anwendung der Geheimmittel des
Bologneser Universittsprofessors Ritters Altenaar, des Nachkommen der
Wikinger von Grnland, Island und des Nrdlichen Eismeeres.

Von blinder Mutterliebe und Emprung erfllt, folgte ich der Exekution, die
nach all diesen nrrischen Zeremonien begann: die gottlosen Menschen
durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen und bearbeiteten uns nachher
mit Eisenhmmern. Sie beschmierten einzelne von uns mit heiem flssigem
Teer, befestigten das eine Ende eines in die Teermasse eingekneteten
Strickes an die Krper der Unglcklichen und das andere an das Kummet eines
freien und krftigen Pferdes und lieen sie dann unter Schreien und Johlen
der Menge so lange ber die Erde schleifen, bis die Opfer verendeten.
Andern wiederum steckten sie die Lippen sorgfltig mit Messingnadeln
zusammen. Und noch viele andere Scherze wurden an uns zwecks Bndigung
verbt.

Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln gesttigt, als die Erde vom
vergossenen Affenblut aufgequollen war und das getaufte und ungetaufte
russische Volk sich krank gelacht hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter
in Rstung aus grnem Erz dahergesprengt. Ein Lasso schwirrte durch die
Luft und legte sich mir um den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich,
Anfhrer der Schimpansen Australiens, Afrikas und Sdamerikas, blickte
angesichts des unntigen und ungebetenen Todes den schrecklichen und
stolzen Reiter mit frechen Augen an und schleuderte gegen ihn und den mir
verhaten Tod ein dreifaches Kikeriki.


Beinahe htten sie mich gegessen

Ich hatte zwlf unterirdische Kammern und zwlf Schlssel -- man nahm sie
mir weg. Ich sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen -- man nahm sie mir
auch weg. Die Schlssel und die Lumpen trug man in die Vorratskammer und
schlo sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich erst vor kurzem mein Zimmer
geteilt hatte und ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verlie mich.

Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich noch immer aus: sie saugen mir
das letzte Blut aus dem Krper. Nun hat mich auch noch eine Zitterkrankheit
befallen. Mit Trnen in den Augen flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen
und mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber nicht auf mich hren.

Sie hatten mich frech beraubt, und ich wute, da sie mich nicht am Leben
lassen wrden, da sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich konnte
es nicht lnger aushalten und schickte mein Dienstmdchen auf die Ligowka
zu einem mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. -- Meine
Sterbestunde rckte heran, und es kam mir immer klarer zum Bewutsein, da
sie meinen Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot verzehren und nur meine
Knochen in den Sarg legen wrden.

Mit unsagbarer Mhe kroch ich die Treppe hinunter und wandte mich an den
Portier mit der Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten Krften,
mein letztes Blut vergieend, an, die vornehmsten Brger der Stadt
auffordern zu lassen, gleich morgen zu mir zu kommen, um mich zu bestatten,
solange ich noch nicht verzehrt sei.

Und whrend ich so den Portier anflehte und mich vor ihm bis zur Erde
verneigte, sprang pltzlich das Plakat mit der Aufforderung, die
Gummischuhe unten beim Portier abzugeben, ab, und an der Stelle, wo es
gehangen hatte, trat aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden
Feuerwehrmannschnurrbart drehte, reichte er mir die Schlssel, die Lumpen
und etwas Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister kochen sollte.


Der Tatar

Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewhnlich schmalen Treppe
hinauf. Man hatte mir gesagt, da ich nur die obere Plattform zu erreichen
brauchte; oben wrde ich leicht den Eingang in den Himmel finden: dort
wrde eine Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten bereitstehen, ich
brauchte nur einzusteigen und knnte dann fahren, wohin ich wollte.

Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die Beine konnten mich kaum tragen,
und auch meine Geduld ging zu Ende; der Schdel schmerzte mir; ich nahm
mich aber doch zusammen und erreichte schlielich die Plattform. Und was
denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in Form einer Barke, dafr stand
dort ein Tatar, einer von denen, die mit alten Kleidern handeln; seine Arme
reichten aber bis zur Erde hinab. Ich wollte schon wieder hinuntersteigen
-- was sollte ich denn oben? --, er packte mich aber am Kragen und hob mich
mit seinen langen Armen in die Hhe.

Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig wie deine Ohren wirst du die
Wolke, die du wohl nur aus deinen Bchern kennst, zu Gesicht bekommen, noch
die Dinge, die jenseits der Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in
allen Dingen nur das Hliche schauen, und dann bist du uns willkommen!

Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen konnte, begann der
Tatar mich langsam auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde nichts
mehr briggeblieben war, schlug ich mit der Nase hart am Boden auf und fiel
in warmen Kuhmist.


Der Traber

Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtrmen hing das Alarmsignal
fr smtliche Lschkommandos; sie konnten aber alle nichts ausrichten.
Petersburg brannte an allen Ecken und Enden.

Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen nchtlichen Abenteuern zu
begleiten pflegte, verlieen das Haus und fuhren ins Barackenlager. In den
Baracken bekamen wir ein riesengroes Zimmer angewiesen, und hier stellte
sich heraus, da wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft befand
sich unablssig ein bekannter russischer Dichter.

Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straen waren von Flchtlingen
berschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben
Hutschachteln beladen, zogen ber den Brgersteig wie in einer
Kirchenprozession. Alle sagten, da die Feuersbrunst entsetzlich sei und
nicht so bald ein Ende nehmen wrde. Es roch nach Verbranntem.

Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und
fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir
uns direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung
trafen wir niemanden an. Etwas spter erschien ein bekannter Schauspieler,
und wir erzhlten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wte, wie
wir in den Baracken gesessen htten, wie es nach Verbranntem gerochen htte
und da wir dem Kutscher fnfundsiebzig Kopeken bezahlt htten.

Jetzt ist das Pferd hin, sagte der Dichter. Wie kann man auch?
Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen,
und dann gleich wieder nach Petersburg zurck -- das hlt kein Pferd aus!


Die Blume

Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich
fhlte mich schuldbeladen ihr gegenber: wenn man soviel andere Geschfte
hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kmmern und das Gras auszujten;
nun ist es schon zu einem dichten Gebsch ausgewachsen! Immer habe ich
etwas zu tun, bald dies, bald jenes. >Das ist ja eben das Wesen des Lebens,
da man niemals Zeit hat!< hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei
ihm gndig; mchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit
haben!

Ich schttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel
und bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm.
Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in
eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich,
ohne mit der Wimper zu zucken, in eine groe. Nun begann ich vor Angst zu
zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine
gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton
hervor.

Die riesengroe geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf,
berhrte mit ihrem glhenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich
in einen Fisch mit vielen Zhnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst!
Ohne lange zu berlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis)
ihren Rachen noch weiter auf -- ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu
greifen, und strzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.


Rotkohl

Ich stehe am Fluufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, da diese
Volksmenge von der Darstellung des jngsten Gerichts in der
Mari-Verkndigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und
da der Flu, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden
noch andere Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in
einer barbarischen Sprache erzhlt wird.

Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an
einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und
frage:

Kommt es bald?

Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse,
die vom Walde her naht.

Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezunt; auf dem Platz
stehen zwei Fchen mit einem quer darber gelegten Brett. Ich drnge mich
bis an die Umzunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die
heranrckende dunkle Masse.

Allmhlich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze
reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Wrdentrger
mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Hnden glnzt ein
goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in
langen weien Gewndern, mit bloen Fen, und jedem Paar folgen Diener,
die je zwei Klappsthle und einen Fcher tragen. Endlich erscheint unter
einem Baldachin der Knig: er trgt einen mit silbernen Sternen besten
Mantel, so blau wie der Flu, und an den Hnden weie Ritterhandschuhe;
sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer
silbernen Sichel.

Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Percke aufhatte,
seines Zeichens Schwarzknstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf
russisch:

Dieser Knig Napoleon hat eine angesetzte Nase! Mit diesen Worten strzte
er entseelt zu Boden.

Und ich sah, da noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot
niederfielen, offenbar fr ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie
zutage, da es durchaus kein gewhnlicher Knig war.

Der Zug kam immer nher. Ich unterschied schon einen schlanken, weien
Hofmann, der dem Knig folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder Damen
und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl beladen,
beschlossen den Zug.

Alle Blicke waren auf den Knig gerichtet. Er betrat den am Ufer
abgezunten Platz, und nun kam ich darauf, da sein Gesicht unter einer
Larve verborgen und da der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch,
sondern ein Automat war.

Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Sthle
auf. Die weien Damen rafften die Rcke hoch, nahmen Platz und begannen,
mit ihren bloen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der Knig verbeugte
sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit
ihm auf das Brett, das quer ber den Fssern lag, doch so, da die Mitte
des Brettes frei blieb.

Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit
dem braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte.
Nun trat Totenstille ein.

Warum hast du gesagt, wandte sich der Knig an den Automaten, da diese
Bank zusammenbrechen wrde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr, und
sie ist noch immer ganz.

Die Stimme des Knigs klang so jugendlich und stark, da ein jeder von uns,
von einem pltzlich erwachten Gefhl von Jugend und Kraft ergriffen,
emporsprang. Wir alle waren bereit, fr unsern Knig zu sterben.

Die Damen schrien hurra.

Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte! sagte der Automat
zum Knig. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun
zu der Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.

Ich konnte mich nicht enthalten und rhrte ihn hinten an: meine Hand stie
auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkrlich zurck und
fhlte ein Zittern wie vom elektrischen Strom.

Der Knig erhob sich. Der Knig legte seinen Mantel zurecht. Der Knig
setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berhrt, als das
Brett mitten entzweibrach. Der Knig flog in den Flu.

Die Damen brachen in Trnen aus. Wir schrien hurra und begannen den
Automaten zu prellen; whrend wir ihn in die Hhe warfen, warfen wir auch
die Rotkohlkpfe zum Himmel empor.


Der Wolf

Man schickte mich in den Wald, Nsse suchen. Geh hin, sagte man mir, und
bring uns recht viel Nsse. Ich gehe durch den Wald, schaue nach allen
Seiten, stolpere bei jedem Schritt, kann aber keine einzige Nu finden.
Endlich habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit lauter grnen Nssen,
keine einzige reife ist darunter. Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen
von den grnen, wenn sie durchaus Nsse haben wollen . . . Ich greife
einen Ast, will die Nsse abpflcken, aus dem Gebsch springt aber ein Wolf
auf mich los. Ich sehe, da es schlimm um mich steht, und sage ihm: Willst
du mich denn wirklich fressen?! Er schweigt. Und ich sage ihm noch: Fri
mich nicht, Grauer, ich werde dir spter einmal ntzlich sein. Und ich
denke mir dabei: >Wie werde ich ihm eigentlich ntzlich sein knnen?< Und
whrend ich mir das berlege, fra mich der Wolf.


Der Baum

ber dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er knarrt und wird gleich strzen.
Und ich stehe unter dem Baum wie gebannt.

Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fllt von den Zweigen, und der Wipfel
bebt: ich wei nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst wie vor
dem Sturze bebt.

Der Baum knarrt, er knickt ein -- er wird mich erschlagen . . . Und ich
kann nicht fort.


Der Steg

Ich ging ber die schmale, schwankende Brcke, die von Fels zu Fels ber
den Abgrund fhrte. Es war aber unmglich, direkt von der Brcke an das
andere Ufer zu kommen: man mute entweder hinberspringen, wie es mein
Gefhrte getan hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir die Arme
entgegenstreckte, oder aber auf den Steg treten, ein schmales Brett, das
mit Stricken an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken befestigt war und
von dem man mit einem einzigen Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte
ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber hatte ich die Hnde meines
Gefhrten ergriffen, als der Steg zu schwingen begann und immer mehr und
mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser hllischen Schaukel immer hher
empor, und mein Gefhrte flog mit mir mit, und so schaukelten wir ber dem
Abgrnde.

Mein Herz verging und erstickte und stand endlich ganz still.


Die Tiere

Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fllt im dichten Nebel. Ich wei
nicht, wohin und wozu ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich vor
dem Stadttor stehen. Die Torhter ffnen mir schweigend das Tor, und ich
gerate in eine schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene Gasse. Mnner
und Frauen, Krbe voll Brot auf den Kpfen, kommen mir entgegen. Wie ich
mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe, wende ich mich an einen der
Mnner und sage:

Gib mir eine Semmel.

Er gab sie mir. Ich wei aber nicht, ob ich die Semmel aufessen oder in die
Tasche stecken oder nach Hause tragen soll; ich wei auch gar nicht, wohin
ich gehe.

Die Tiere hat man herausgelassen! Die Tiere! schrie irgendein Mann, an
mir vorbeilaufend, whrend die Fetzen eines zerrissenen roten Hemdes hinter
seinen Schultern wie zwei Flgel flatterten.

Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen, die in meiner Nhe
waren, warfen ihre Brotkrbe hin und rannten davon.

Und dieser schreckliche Schrei! . . . Es wurde mir klar, da es mein
eigener Schrei war.

Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann immer drohender, rckten heran.
Das Fell auf den schwarzen und rauchgrauen Rcken strubte sich, die
grellgelben Flecken an den Buchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich stand
allein, rings von den vielen roten offenen Rachen umgeben; die roten Zungen
bewegten sich in ihnen wie Uhrpendel.

Tiere, da habt ihr die Semmel!

Kaum hatte ich aber diese Worte: >Tiere, da habt ihr die Semmel<
gesprochen, als alle Tiere, die groen und die kleinen, die grauen und die
schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen, die stigen und die
bissigen, ihre Pfoten einzogen und in Schlummer versanken.


Unter Nackten

Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten: sie laufen so ganz ohne
jede Kleidung herum. >Sie schmen sich wohl furchtbar, diese
Unglcklichen<, dachte ich mir, alle diese mageren, dicken, aufgedunsenen,
knochigen, hlichen Gestalten betrachtend.

Nein, wir wrden uns schmen, wenn wir uns pltzlich ankleideten, sagte
mir einer der Nackten, der meinen Gedanken offenbar belauscht hatte.

Schmt man sich denn, wenn man angezogen ist?

Das eigentlich nicht . . .

Wie hlich ihr doch alle seid! unterbrach ich ihn.

Wenn wir hlich sind, so mach, da du fortkommst, solange deine Knochen
ganz sind, sagte mir wtend ein anderer Nackter.

Was ist eigentlich die schwerste Snde? fragte ich ihn.

Einst galt es als die schwerste Snde, ein Feuer auszulschen. Diese Snde
haben wir nie begangen: die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.

Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu gehen, stimmte ich ihm zu.
Dann ging ich auf die Seite und zog mir die Stiefel aus.


Das Dach

Mit den Hnden am Gesimse gleitend, die Beine in der Luft, bewege ich mich
lngs des unendlichen Holzdaches eines unendlichen Holzbaues fort. Grelles
Sonnenlicht fllt mir in die Augen. Morsche Holzstcke fallen mir unter den
Hnden ab, meine Hnde rutschen -- mir stockt der Atem, und ich mchte
abstrzen, damit es doch einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich immer
weiter.

Ich sehe unter mir Bume, Flsse, Bche und eine Stadt.


Der Bau

Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch nicht ganz fertig war, Man
baute es so, da der ganze Bau in der Luft hing und nicht strzte, weil ein
dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn mit der Erde verband. Ich
kroch mit einem Beil in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte den
Mittelpunkt, wo das Tau befestigt war, holte mit dem Beil aus und hieb auf
das Tau ein. Und als ich so weit war, da das Haus jeden Augenblick
einzustrzen drohte, spuckte mir jemand von oben auf den Kopf.


Unter dem Bett

Ich liege im leeren Zimmer und fhle, da sich unter dem Bett etwas
aufrichtet, umwendet und wieder still wird. Ich spitze die Ohren und
horche: die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht ber den Boden, es stt
wohl an meine Stiefel, wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter.

Ich liege da, ich rhre mich nicht, und ich wei, da es schon ganz nahe
ist: gleich macht es einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs Korn und
springt mit einem Satz auf mich herauf.


Die Maus

Im Hause haben sich Muse eingenistet und trippeln umher. Ich lauerte einem
Muschen auf und packte es beim Schwanz. Es bi mich augenblicklich in den
Finger. An der Stelle, wo es mich gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare.
Ich lie die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich und lief gar nicht
fort.

Wie kann man nur so!? Man mu es vorsichtig machen und sie durch
Liebkosungen zu gewinnen suchen!

Ich ergriff sie vorsichtig am Pftchen, streichelte ihr den Rcken, sie
aber sprang mir an den Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren
Schnurrbart.


Makkaroni

Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange, der seit so vielen Monaten
nicht von mir weicht und mir fortwhrend allerlei Dummheiten erzhlt,
sprang, ohne sich die Lippen abzulecken, glatt hinber, ich aber strzte
hinein. Mit unendlicher Mhe, mich im Finstern an die Kleiderhaken
festklammernd, klettere ich an die Oberflche. Der Lange ruft mir aber zu:

Komm schneller heraus. Sonst werden die Makkaroni, die ich gekocht habe,
kalt. Gesalzen sind sie auch schon!

Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni! Die Finsternis tzt mir die
Augen. Wenn ich doch nur herauskriechen knnte . . .


Der Sieger

Eine rote, glhende, mit dnner Asche bedeckte Steppe. Zwei rote, krftige
Kmpfer haben sich in verzweifeltem Ringen umfat. Und der, der lter
aussah und dessen Krper gebrunter war, blieb Sieger. Ich strzte zu
diesem Sieger hin, ergriff seine Hand, bi mich mit den Zhnen in sie
hinein, berauschte mich am dunklen, dicken Blut, das aus der Wunde
emporsprudelte, und blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trb geworden
waren. Ich blickte ihm lange in die Augen und wute es ganz gewi: gleich
wird er seine Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen.

Das Blut aber sprudelte unaufhrlich.


Der Leichenwagen

Wir wateten lange durch den Flu, nur unsere Kpfe ragten aus dem Wasser.
Mein vor mehreren Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken ist und
ein rotes, aufgedunsenes Gesicht hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach.
Er geht mit trgen Schritten, den zerzausten grauen Kopf auf die Brust
gesenkt, blickt manchmal zurck und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir
ein Haus und kommen, na wie wir sind, in den Saal. Im Saale findet gerade
ein Ball statt; wir sehen viele tanzende Paare und hren lustige Musik.
Alle bleiben pltzlich stehen, alle Blicke sind auf uns gerichtet. Wir aber
sind patschna.

Tanzen! Tanzen! schreien pltzlich alle auf, die Musik schmettert von
neuem, und die Tne sind so ansteckend lustig, da man Lust hat,
unaufhrlich, unermdlich weiterzutanzen . . .

Ich habe aber keine Lust, noch lnger durch den Flu zu waten; ich steige
darum in den Zug und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der Zug hlt
auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwrterhuschen und setze mich ans
Fenster.

Sie fahren, sie fahren! murmelte der Weichensteller im Vorbeigehen, und
im gleichen Augenblick fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein junges Paar
darin sitzen; sie war im Brautkleide und er im Frack.

Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden war, kam polternd ein
riesengroer Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein riesengroer
Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, auf dem Bock sa kein Kutscher, und
niemand lenkte das Gespann.

Ich sprang aus dem Bahnwrterhuschen und ging quer ber das Feld. Das Feld
war staubig, ebenso der Wind.


Der Turm

Es ist ungemein schwierig, fast unmglich, diesen sonderbaren
turmhnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so
abgenagt, da man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen mu.
Wir steigen in groer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn
wir auch so tun, als ob wir einander durch und durch kennten.
Hinunterschauen ist verboten; wer es trotzdem tut -- es gab auch solche
Helden unter uns --, der ist erledigt: der fliegt kopfber in den Keller.
Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen, da er tatschlich
existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die obere
Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken
gesttzt.

Eine Lehrerin -- oder Nonne, die frher einmal Lehrerin gewesen ist --
steht oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie
sagt ausdrcklich:

Schaut, Kinder, da ist die Welt.

Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Huser, riesenhafte Ziehbrunnen,
Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der
Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die
Gefahr ist dort wohl viel grer als bei uns; es ist ganz unverstndlich,
wie sie sich da berhaupt festhalten knnen und nicht herunterfallen!

Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt
einem jeden von uns ein Stck Talg. Wir schmieren uns damit die rechten
Hften ein, die Frauen binden ihre Rcke hoch, und nun beginnt der Abstieg:
wenn man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.

Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken? frage ich meinen Nachbarn,
einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.

Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!

Ein altes Mtterchen mit Musepfoten bekreuzigt sich.

Es gibt hier allerlei Heiligenbilder, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger
auf die Mauer zeigend, geweihte und ungeweihte: das >Waisenkind Jesus<,
die >Vier Festtage< . . .

Es hngen tatschlich viele Heiligenbilder an den Wnden, und durch die
kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mnche zu
sehen.

Am Keller schleichen wir mit grter Vorsicht vorbei, denn wir frchten
hinunterzufallen.

Wenn aber jemand zu Gott beten will? fragt die Alte mit den Musepfoten.

Alles hngt von Mirax Miraxowitsch ab, sagt ein gehrnter junger Mann.

Wir drngen uns zusammen und geben uns Mhe, eine einzige kompakte Masse zu
bilden, denn die Rothute, die in den um den Keller herum gelegenen Zimmern
wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und
weggeschleppt. Die Hhnerfedern, die ihre roten Hften verdecken, flimmern
nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.

Jetzt sind Sie an der Reihe! sagt mir halb im Scherz eine kranke Frau mit
einer Markttasche in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Lwe gemalt.

Ich aber habe nur den einen Wunsch, mglichst tief in die Mitte zu kommen,
und beginne schnell zu zhlen: ich glaube, da es mir helfen knnte. Aber
meine Beine sind zu einem Stck Holz erstarrt . . .

Sie haben mich schon, ich bin verloren!


Die Schlangenkatze

Eine braune Schlange liegt da -- nur die Haut allein ist von ihr
briggeblieben, ganz eingetrocknet ist sie. Ich berhre ihre Kehle, in der
Kehle sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben. Nun wei ich,
warum die Schlange eingetrocknet ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt.

Eine Katze luft daher, so braun wie die Schlange, mit grauem Schnurrbart
und leuchtenden grnen Augen. Und sie springt der Schlange in den Rachen.
Ich sehe nur noch den Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen
verschwunden. Und nun beginnt die Schlange mit der Katze zu kreisen, zu
rasen, zu wirbeln.

Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich und denke mir: >Das sind bse
Zeiten! Die Schlange hat mich nicht angerhrt, die Schlange ist
eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut . . .< Ich hatte nicht
Zeit, den Gedanken zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt
und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen begann.


Teufel und Trnen

Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern irgendwo in einer Villa am
Meer. Ich wohne nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden Morgen baden
wir im Meere, erst er, dann ich.

Unsere Petersburger Kchin Karassjewna erzhlt:

Nach dem andern Herrn fische ich aus dem Meere ganz winzige Teufelchen
heraus, aber nach Ihnen, gndiger Herr, einen Teufel von dieser Gre!

Ich wei nicht, was ich der Kchin darauf sagen soll: die Alte hat die
Hnde auseinandergespreizt und will mir zeigen, wie gro der Teufel war,
den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr weg und schaue auf die
Birke: vor dem Haus steht eine alte Birke.

Neben der Birke steht ein weies Pferd. Ich schaue auf das Pferd. Ein Spatz
fliegt vorbei, hpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm die Augen
auszupicken. Und er pickt sie ihm gnzlich aus. Blut fliet aus den
Augenhhlen.

Neben der Birke steht das weie Pferd, das Blut fliet. Und ich weine, und
meine Trnen flieen wie das Blut.


Die Zwergin

Wir gehen beide ber den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund,
der Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt
Nrnberg, die Trme, die so schwarz sind wie das schwrzeste Gueisen, und
die lilagrauen, wie mit Asche berpuderten Huser.

Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz
zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schne Brunnen.
Pltzlich besinne ich mich, da ich nach Hause mu: zu Hause habe ich etwas
vergessen, wei aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und
gehe. Ich gehe aber nicht mehr durch Nrnbergs Straen, sondern durch die
Tawritscheskaja zu Petersburg.

Schon im Vorzimmer hre ich Lrm, Nun wei ich es: es ist die, der ich
erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie
immer noch da.

Ich sage mir: >Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, da sie fortgehen
soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich
zu sprechen!<

Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend gro, viel grer, als es in
Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun -- ich
fhle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhrt:
ich hatte es ihr allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben
sich auch nicht fr eine Stunde niedergelassen, sondern fr immer.

Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die
andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und
die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.

Welches Recht haben Sie, sage ich, sich in meinem Zimmer niederzulassen?
Ich habe es Ihnen nur fr eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen allein!

Wo soll ich denn hin? sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier
aufzublicken.

Das geht mich gar nichts an! Ich kann es nicht dulden, da Sie in meinem
Zimmer bleiben! Verstehen Sie mich? Die alte Zwergin aber streckt vom Sofa
die Hand aus und packt mich pltzlich am Rockscho.

Nun wei ich, um was es sich handelt! sagt die Zwergin und zieht mich
gehssig zu sich heran.

Der Ha versengt mich, ich will mich losreien, aber ihre Hand hlt mich
fest.


Der Fuchs

Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemht und zu Garben gebunden; die
Gerste steht noch da, und ihre Bartfden ragen empor; zrtlich und
liebevoll ranken die Erbsen. Pltzlich erscheint ein Fuchs, ein
riesengroes Tier, der Schwanz allein ist ein ganzer Pelzmantel.

>Der Fuchs wird uns berfallen und auffressen!< dachte ich mir. Dasselbe
dachte sich auch mein Gefhrte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir dem
Fuchs nach.

Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden und begannen ihn zu wrgen.
Es war aber gar nicht so leicht. Schlielich brachten wir es doch fertig.
Tot, gro, rot und weich lag der Fuchs auf dem Boden.

Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten ein Feuer, sengten das Fell an und
begannen es zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte den widerlichen
Fuchsgeruch, wir aen es aber doch.

Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir es aufgegessen hatten, schrie
ich auf:

Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was fr einen Pelzmantel htte man
daraus machen knnen und was fr einen Muff!

Es war aber schon zu spt: das Fell war aufgegessen, das Feuer erloschen,
und es roch nur noch nach Verbranntem.


Napoleon

Ein trber Maiabend. Bei St. Sulpice lutet es wie zu einer
Volksversammlung. Ich gehe aber nicht in die Kirche, sondern zugleich mit
vielen anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle schwarz gekleidet. Auf der
Brcke begegnen wir einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet und
halten Besen in den Hnden: es ist ein ganzer Besenwald.

>Es ist die Revolution<, denke ich mir und hre, wie die Uhr an der
Notre-Dame schlgt; Schlag folgt auf Schlag, elf Schlge sind es. Jeder
Glockenschlag ist ein Vglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und
in meinem Herzen schmilzt.

Sursum corda![*]

Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es ist ein warmer, sonniger Tag.
Ich sehe eine bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um ein Podium
herum, auf dem Feuerwehrmnner mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein
Feuerwehrorchester. Wir alle warten auf etwas; die Feuerwehrmnner haben
schon die Instrumente an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen.

[Funote *: lat., Die Herzen in die Hhe!]

Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich kann ihn doch erkennen:
Napoleon. Napoleon steht auf dem Podium und hlt den Taktstock in der Hand.
Gleich schwingt er den Stock, gleich erdrhnt die Musik.

>Napoleon!< denke ich mir: >Das ist also Napoleon!< Ich blicke unverwandt
hin und will sein Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen, er aber
steht wie gefesselt da und wendet sich gar nicht um.

Und ich hre die Glocke von St. Sulpice und zugleich die Schlge der Uhr an
der Notre-Dame. Schlag folgt auf Schlag, elf Schlge sind es, und jeder
Glockenschlag ist ein Vglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und
in meinem Herzen schmilzt.

Sursum Corda!


Ohne Hut

Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen gehrt zum Pariser Hotel
de l'Univers. In dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten stehen
umher, Haufen von Stroh und Sgemehl; es ist auch finster. Ich blicke
genauer hin und erkenne den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt auf einem
zerbrochenen Vogelbauer dicht vor der Tr; er hat einen Mantel mit
Lammfellkragen an, doch keinen Hut auf.

>Natrlich mu es so sein<, denke ich mir, >er hat seinen Hut verloren und
sitzt darum mit bloem Kopf da.<

Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern gehen ber ein Feld. Auf dem
Felde ist es de, wir sehen nichts als Gebeine und Grber, es ist ein
trauriges Land.

Russisches Land! Armes Ruland! Schwarze Menschen, die sich gegen die
Mchtigen erhoben haben! Und das nennt sich ein gerechtes und wahrhaftes
Gericht!

Der Philosoph bckt sich ber ein Grab.

An diesem Beispiel knnen Sie es sehen! sagt er mir und reicht mir ein
Knuel Gedrme.

Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Grber sind offen. Ich sehe es
nicht, aber ich fhle, da sich in ihnen etwas regt, und hre, wie schwerer
Goldbrokat knistert. Ich mchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber
furchtbare Angst.

Du bist der Urheber dieses Blutvergieens, schrie pltzlich jemand aus
einem Grabe. Du bist der verdammte Feind, der Christusverkufer, der
abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!

>Das ist die Moskauer Unbildung!< denke ich mir und sehe: durch das Feld
geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfige aus; ber den
Lumpen trgt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroes
steinernes Kreuz hngen. Der geweihte Pilger lchelt.

Noli eos esse meliores![*] sagt er und lchelt.

[Funote *: lat., Wnsche sie dir nicht besser!]

Vielleicht hat er auch recht, sagt der Philosoph.

Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lchelt.

Dieser Wassja der Barfige hat ja auch keinen Hut auf! Ich nahm mir den
Hut vom Kopfe und erwachte.


Der Leim Syndetikon

Im Hause fand das groe Reinemachen statt -- es ist das die grlichste
Zeit vor den Feiertagen und kann hchstens noch mit dem Umziehen in eine
neue Wohnung verglichen werden. Man gab sich die grte Mhe: man holte von
der Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe
herunter, wusch die Fenster und Fensterbnke und machte sich schlielich an
die Fubden. Diese aber starrten so vor Schmutz, da man sie weder
abwaschen noch abkratzen konnte; berall waren auch Spuren bloer Fe zu
sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter
zottiger Mann mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, da alle Mhe
vergebens war, nahm er all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen,
spuckte aus und verschwand.

Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.

>Aha!< sagte ich mir, >da ist also die Schmutzquelle!< Ich empfand solchen
rger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu
bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu
beschmutzen, da ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete,
Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte
ich mich auf den Fuboden und begann mich zu wlzen.


Die Teufel

Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht im Obuchowschen
Krankenhause, sondern im Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier,
sondern aus der Kirche zu Mari Schutz und Frbitte unmittelbar nach der
Einsegnung hergeschafft worden.

Mein Herz zerri in Stcke! Warum hatten mich die Totengrber mit solchem
Ha verscharrt?! Ich habe ihnen doch nichts getan, bei Gott! Ich tue keiner
Fliege etwas zu Leide und verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr
umzugehen.

Whrend ich mich in meiner traurigen Lage auf diese Weise qulte, besuchten
mich drei Teufel. Zwei von ihnen waren mir gnzlich unbekannt: sie waren
still und schwach und atmeten kaum; der dritte bemhte sich zwar, vor
meinen Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch ich erkannte ihn sofort:
es war der Schalterbeamte von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.

Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft und freundlich und stammelten
mit feinen Kinderstimmen etwas hchst Naives und Einfltiges. Ich erriet
aber intuitiv, was sie im Sinne hatten: sie hatten es auf meine
Extremitten und meine Wirbelsule abgesehen.

Nein, so billig bekommt ihr mich nicht, sagte ich mir, ich werde euch
schon von meinem Haferbrei zu kosten geben! Ich spannte alle meine Krfte
an, ri mich vom eisernen Bett los, strzte mich pltzlich auf die Teufel
und ging mit ihnen frchterlich ins Gericht.

Der eine lie mir zum Andenken einen Bschel Haare zurck, dem andern bi
ich einen Finger durch; als ich aber schon triumphieren wollte, nahm dieser
Kisseljow eine Handvoll Unrat und verpappte mir damit, ehe ich mir's
versah, den Mund. Und ich begann zu ersticken.


Iwan der Grausame

Teils in Reih und Glied, teils einander berholend, voreinander ausweichend
und ungestm vorwrtsdrngend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten
Platz. Wir eilen alle zur Richtsttte, um die Ankndigung anzuhren, deren
bevorstehende Verlesung heute an allen Straenecken und in allen Sackgassen
bekanntgegeben worden war.

Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwlf geschlagen, und das Volk strmte
noch immer zusammen. Die Richtsttte selbst blieb aber noch frei; einigen
Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemchtigen, sie flogen
aber zum allgemeinen Vergngen sofort wieder hinaus.

Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte
ich auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste
Detail verfolgen konnte.

Die Menge rusperte sich pltzlich wie ein Mann, wich etwas zurck und
entblte die Kpfe, und auf der Richtsttte erschien ein kleiner Mann in
hohem Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem
Tuch umbunden.

Es ist der Narr in Christo, brauste es ber den Platz von Mund zu Mund,
das ist er selbst!

Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange:
dreizehn.

Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren, sagte der Narr, nachdem er sich
nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der
Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Groen Kaufhause.

Da ich schon sa, aber gegen die Aufforderung nicht verstoen wollte,
rckte ich ein wenig auf meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade
setzte. Alle andern, die unten standen, folgten der Aufforderung
bedingungslos und lieen sich, wenn es auch nicht ganz bequem war,
augenblicklich auf den Boden nieder.

Meine Damen und Herren, begann der Narr nach der Weise des Kirchenliedes,
das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen wird: Wir alle
haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann wei, da es ihrer
zehn gibt. Nicht wahr, zehn?

Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in den
Kirchen >Christ ist erstanden< ruft.

Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren, fuhr der Narr in der gleichen
Weise fort. In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn.
Unsere Vter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie
die weisen Vter seit jeher befolgt.

Wir haben sie befolgt, blkte die Menge.

Nun sehen Sie es selbst! sang der Narr. Nach den Berechnungen des
Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollstndig zu
verknden und nicht mehr heimlich, sondern ffentlich zu befolgen. Vernehmt
also und schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:

Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.

Das zwlfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.

Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.

Das vierzehnte: Du sollst stehlen.

Der Narr schttelte sich so vor Lachen, da das Tuch in den Nacken
rutschte; vor dem verdutzten und irre gemachten Volke leuchtete
blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das grausame Antlitz des Zaren
Iwan.

Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu singen und sang sehr lange:
vierzehn.


Die Hexe

Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar Tische, Sthle und andere
Mbel darin, und doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein,
mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, mit schwarzem
Knebelbart und einer schwarzen Brille.

Rings um mich her erscheinen eine nach der andern, anfangs verschwommen,
dann immer deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, aufgedunsene
Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem unbewohnten Hause flt mir Angst ein.

Schauen Sie doch zum Fenster hinaus, sagt mir der Student, der offenbar
erraten hat, wie unheimlich es mir in diesem leeren Hause zumute ist.

Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging nach dem Garten. Es
fgte sich aber irgendwie so, da ich mich unwillkrlich vom Fenster
abwandte und ins Zimmer blickte. Von den vielen Gestalten lste sich nun
eine schlanke Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich dachte mir:

>Wenn ich ber sie das Zeichen des Kreuzes mache, wird sie verschwinden.<

Ich bekreuzigte sie auch tatschlich zweimal; die Frau sah mich aber
verstndnislos an und bekreuzte sich selbst, als wollte sie mir zeigen, da
ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal verschwunden. Ich ging zur
Tr, blieb aber stehen. Ich konnte nicht fort. Wer wei, ob ich nicht auch
in den anderen Zimmern auf dasselbe stoe? Und pltzlich bemerkte ich eine
andere Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war klein, ziemlich
dick und hatte rote Backen, eine flache Nase und einen hlich vorstehenden
Unterkiefer.

Nein, so mu man es machen! sagte sie mir, indem sie sich aufrichtete und
ihre rote Bettdecke durch die Luft schwenkte.

Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht der schlanken Frau mit dem
Kinde zu verndern und die hlichsten Mienen anzunehmen: die Nase wurde so
lang, da sie bis unter die Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus
ihren Hhlen heraus und blieben wie zwei Scke hngen.

Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder die Bettdecke, und das Kind in
den Armen der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf wurde immer kleiner und
kleiner, Arme und Beine verschwanden, und schlielich blieb nur noch der
Kopf brig.


Wrfelzucker

Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet in einen Garten. Es war
der Vergngungspark >Der Meierhof<. Da ist ja auch schon die Billettkasse.
Ich trete vor den Schalter, um mir eine Eintrittskarte zu lsen. Ich schaue
hinein und sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich mu bemerken, da
ich mit diesem Beljakow einmal eine recht unangenehme Geschichte erlebt
hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls war ich ihm ein Dorn
im Auge.

Beljakow trank Tee und bi bei jedem Schluck kleine Brckchen Zucker ab.
Ein anderer Kassierer lauste ihm inzwischen den Kopf.

>Ohne Prgel werde ich wohl kaum davonkommen<, denke ich mir. >Er wird mich
sicher umbringen!<

Tod den Lusen! sage ich ihnen und sehe pltzlich, wie Beljakow vor Zorn
blaurot wird. Er nimmt ein Stck Wrfelzucker in die Hand, steht auf und
begibt sich zum Ausgang.

Ich bringe ihn um! hre ich seine Stimme.

Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und dnn, verkrieche mich in die
Spalte unter der Tr und lausche mit verhaltenem Atem.

Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf und ab und kehrte wtend
zurck.

Ich habe ihn nicht gefunden. Htte ich ihn erwischt, wre es um ihn
geschehen! sagt Beljakow zum andern Kassierer, und dann beginnen sie sich
wieder zu lausen.

Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob mich jemand aufhetzte. Ich
kann den Atem nicht mehr anhalten, und pltzlich beginnt es mir, wie zum
Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich kratzen und mu pltzlich miesen.

Beljakow ist aber schon da.

So! Da ist er ja! Er holt aus, und das Stck Wrfelzucker trifft mich an
die Schlfe.


Der Doppelgnger

In jener Nacht wlzte ich mich lange hin und her und konnte nicht
einschlafen. Bald fror es mich, bald schien es mir, da irgendwelche Flhe
auf mir herumhpften. Und als endlich der Schlaf kam, befand ich mich schon
in einem anderen gerumigen Zimmer. Ich lag auf dem Rcken. Doch seltsam,
whrend ich so im Bett lag, sah ich zugleich ein anderes Ich liegen, das
mir aber durchaus unhnlich war.

Dieser Unhnliche, der mein Ich war, erhob sich vom Bett und ging durch
einen schmalen Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich nicht im
geringsten hnlich: er war gro gewachsen, hatte ein spitzes Gesicht mit
eingefallenen Wangen und einer raubgierigen Adlernase und war mit einem
kurzen, recht abgetragenen und verschossenen Mantel aus purpurroter Seide
bekleidet; in seinen Augen brannte aber ein so glhender und stechender
Ha, da ein einziger Blick gengte, um einen Menschen wie eine Fliege zu
Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett, in dem jemand, mit dem Kopf in die
Bettdecke gehllt, schlief, schluchzte vor wildem Ha, der seine Seele bis
an den Rand fllte, auf; ergriff mit den Fingern das Bettlaken und begann,
es unter dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an dem unschuldigen
weien Gewebe auslassend.

Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, ich verging vor Ha.

In diesem Augenblick verlie mich der Schlaf

Ich lag und wagte mich nicht zu rhren. Im Zimmer, in dem nichts als einige
Bcher und Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht war aber noch nicht
zu Ende.


Die Gendarmen und die Leichen

Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weien Zhnen;
sie zwinkerte mir zu und verschwand.

Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in
dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines
Mdchen hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt
mich bei jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar
nicht Zeit zu antworten, denn jemand anders antwortet fr mich.

Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt? fragt mich das
Mdchen.

Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehtte und schreie
aus Leibeskrften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins
Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und
schlafe ein.

Und es trumt mir, da drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus
treten.

Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen
verschlungen, als die Tr aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.

Ich habe euch soeben im Traume gesehen, sage ich zu den Gendarmen, Wo
habt ihr nur die Blumen hingetan?

Der Hund hat sie gefressen, antworten die Gendarmen, indem sie sich die
Lippen belecken.

Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der pltzlich Gott wei woher
erschienen ist, nimmt mir gegenber Platz. Er macht auf mich einen hchst
unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht
auf.

Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den
Augen zu lassen:

Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich ber den Flu hinbersetzen
lieen, versuchten Sie die natrliche Abstammung der Eltern zu erklren.

Ich hre es und verstehe ihn nicht.

Ich habe nichts dergleichen erklrt.

Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben, fhrt der
Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kgelchen.

Ich wei nichts davon! Ich wehre mich mit beiden Hnden, ich hre, da
die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufrumt, und
denke mir: >Was ist das nun eigentlich, trume ich oder sitzt wirklich der
Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott wei was fr Anklagen?<

Ich wollte Sie schon lngst kennenlernen, sagt mir ein erst vor ganz
kurzer Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als
er mit irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Strae geht.

Wo leben Sie denn jetzt? frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.

In Moskau, antwortet er mir, im Hause der Georgischen Kirche auf dem
Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber
unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.

Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden.
Und ich stand pltzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen
unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre
Gesichter aufmerksam an und bemerkte, da die eine von ihnen, obwohl
wirklich tot, sich dennoch bewegte. Sie stand pltzlich auf und trat vor
den Altar.

Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Fe waren mit Teer beschmiert
und ihr Gesicht hatte auffallende hnlichkeit mit der Somowschen
Illustration zu >Aim Leboeuf<.[*]

Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer den Boden und rumt das
Zimmer auf. Mein kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an meiner
Schulter und schnurrt.


Finale

Wehe! Ich war verendet. Von Frchten und Blumen umgeben, zwischen pfeln,
Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen lag ich
entseelt in der Speisekammer und harrte meines letzten Schicksals.

Der Knig des Landes, in dem mir diese unangenehme Geschichte passiert war,
der Enkel des glorreichen Sultans, Knig Avenir-Indej, hatte dem, dem die
Zunge juckt und der Unsinn redet, zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das
heit mich, zu fressen.

[Funote *: Aim Leboeufs Abenteuer -- Roman von M. Kusmin aus dem Jahre
1907.]

Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreier aufgegriffen und zu mir
in die Kammer geschickt. Er trat lchelnd vor mich hin, berhrte mich mit
der Spitze seines Schuhs und sagte . . .

Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte endete: ob er mich
tatschlich fra oder nur vom Obst naschte, kann ich in meinem
Hhnergedchtnis unmglich rekonstruieren. Und wenn Sie mich auch morden --
ich wei gar nichts mehr, was ich gtigst zu entschuldigen bitte.


Die Tr

Sie sagte mir:

Diese Tr haben wir mitgenommen, weil man sie doch nicht im alten Haus
zurcklassen konnte. Du weit, wie teuer sie uns ist.

Ich machte die Tr leise auf und ging in mein Zimmer. Die alte gueiserne
Tr, die sich vor mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan hatte,
schlo sich hinter mir ebenso lautlos und fest. Ich ergriff die Klinke und
rttelte mit aller Kraft, die Tr rhrte sich aber nicht. Und ich begann zu
klopfen, mit den Fusten zu hmmern und zu schreien. Schlielich fiel ich
ohnmchtig vor der Schwelle hin und hrte nur hinter der alten gueisernen
Tr ihr Herz pochen.


Im Boot

Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber trotzdem ins Boot, weil
mein Begleiter ein furchtloser Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle
erreichten, zog mein Ruderer die Ruder ein, sah mir spttisch in die Augen,
erhob sich, packte mich wie eine Katze am Genick und schleuderte mich ins
Wasser. Ich flog durch alle Schichten des Wassers hindurch: durch die
grne, die trbe, die schwarze und die tiefschwarze; dann kamen wieder eine
trbe und eine grne Schicht, und ich sa wieder im Boot. Wir fahren, als
ob nichts geschehen wre, weiter; sobald wir aber einen gewissen Punkt
erreichen, zieht mein Ruderer wieder die Ruder ein, und die ganze
Geschichte beginnt von neuem. Und es ist gar kein Ende abzusehen.


Das Kind in den hren

Ich ging ber ein blhendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser
Windhauch brachte von einer eben gemhten Wiese frischen Heuduft. Mir
begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den
Blumen sa ein kleines Mdchen.

Wo geht ihr hin? fragte ich sie.

Blumen pflcken, antworteten die Frauen mit dem Korbe.

Ich schlo mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort
gesprochen zu haben, zum See.

Da sind deine Blumen! riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.

Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Hnden
ging ich wieder zurck. Das blhende Kornfeld wogte, und die Lerche sang.
Und pltzlich erblickte ich zwischen den hren dasselbe Mdchen, das man
vorhin im Korbe getragen hatte. Es strzte auf mich zu, umschlang meinen
Hals mit den rmchen und sagte mir leise ins Ohr:

Nimm mich mit!

Ich setzte mir das Mdchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt
mit dieser Last getan, als es pltzlich ringsum finster wurde, schwere
Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar ber meinem Kopfe ein
trichterfrmiger grnlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich
aber seltsame Vgel mit Schlangenschwnzen, und alles flog auf dieses Licht
zu. Es waren zahllose Vgel, sie schrien nicht, sondern blkten wie Stumme,
und bald war das Licht von ihren Schwnzen verdunkelt. Das Licht erlosch,
und die Vgel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich pltzlich aus
weiter Ferne die Stimme des kleinen Mdchens:

Nimm mich mit!

Ich wei aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.


Die Dohle

Ich versteckte mich in der Kajte eines Dampfers, aber die Verfolger, vor
denen ich mich versteckte, kamen mir immer wie Jagdhunde auf die Spur. Sie
hatten alle menschliche Gesichter, doch Froschleiber und Handschuhe an den
Hnden. Da sie wohlerzogen und freundlich waren, mordeten sie mich nicht
wie einfache Ruber, sondern erdrckten mich, wie liebkosend, mit ihren
weichen Buchen, glitten mir leise unter das Hemd und preten mir,
gleichsam streichelnd, das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt eine
Dohle und schreit. Ich wei ganz gut, warum sie schreit; sie wird gleich
ins Zimmer fliegen, sich auf meine Schulter setzen und mir die Augen
auspicken.

Dohle, bitte ich meinen schwarzen Gast, verschone meine Augen, ich will
dir ein Perlenhalsband um den Hals legen, ich will dir meine Hnde
preisgeben, verschone nur meine Augen!

Ich verkroch mich in den Winkel der Kajte, aber die Menschen mit den
Froschleibern stehen bereits vor der Tr, scharren an der Schwelle und
kommen gleich herein.


Am Nordpol

Alle sagen, da wir zum Nordpol fahren.

Wir fahren tatschlich irgendeinen Bach hinauf; und mein Begleiter, ein
struppiger, in eine blaue Tischdecke gehllter Kerl, steuert mit dem Ruder.
Und wir kommen irgendwie zum Nordpol. Da steht ein groes steinernes Haus;
davor drngen sich erregte Menschen, die ber etwas streiten.

Was ist geschehen? fragen wir einen abgerissenen, fettigen Burschen, der
mit den Zhnen Sonnenblumenkerne aufknackt.

Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb. Alle sieben Hausknechte haben den
ganzen Boden abgesucht und nichts auer einem alten Rock gefunden. Drei
Hausknechte sitzen nun oben und lauern.

>Jetzt ist unsere Wsche hin!< dachte ich mir gleich.

Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer bemhen! sagte der
Bursche und grinste.


Die Ahle

Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es war gerade die Abendmesse.
Alle Heiligenbilder waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. An
der leeren Altarwand leuchtete seitwrts ein goldener Kreis. Vor diesem
Kreis stand der Priester mit dem Schultertuch. Der Kster sang. Auer uns
war niemand in der Kirche. Und wir schmten uns, da wir die einzigen
waren.

Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen
Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Kster und sagte zu
meinem Bruder:

Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie, er wandte sich an mich, Sie
haben nichts.

Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn
er sie noch weiter trgt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe
nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der,
ich fhle es, etwas Bses gegen mich im Schilde fhrt. Ich strze sofort
ans Fenster und frage mich: warum verkehrt mein Bruder mit so einem
Menschen? In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das ich geraten bin,
mein Bekannter, der Lahme, und reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem
Werkzeug wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in ein Boot und
stieen, wie die Nachtigallen schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu
uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.


Am Krankenbett

Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat
dicke Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und sthnt, und ich sitze
neben ihr auf einem Stuhl und erflle alle ihre Wnsche und Launen. Ich
habe Angst, sie zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir,
da sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen!
Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile
hineinschaue, sehe ich, da aus dem Ofen nur noch ihre Beine herausragen.
Mein Gott, was ist denn das?! Ich strze mich zu ihr hin, um sie aus dem
Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die Beine sind aber schon tot.


Die Mutter

Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten
und schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit
gelbem Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse fhrt, eine alte Frau geht.
Sie ist uralt und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und
scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der
Alten; ich fhle, da sie etwas Hliches im Sinn hat. Ich laufe von der
Terrasse ins Haus, rase die Treppe hinauf und hre, da auch sie die Treppe
hinaufluft. Ich strze in eines der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein
anderes Zimmer, aber sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in die Ecke
des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.

>Mein Gott!< denke ich mir, >la das Unheil an mir vorberziehen!<

Warum frchtest du mich? hre ich die Stimme der Alten: Ich bin doch
deine Mutter!

Meine Mutter sieht ganz anders aus, sage ich ihr, denke mir aber dabei:
>Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verndern knnen?<

Die Alte aber beugte sich ber mich und packte mich an der Kehle. Ich
schrie auf.








End of the Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***

***** This file should be named 39174-8.txt or 39174-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39174/

Produced by Jens Sadowski

Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
