Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing

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Title: Minna von Barnhelm

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Posting Date: October 12, 2014 [EBook #9187]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 13, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM ***




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MINNA VON BARNHELM

von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING

Die Erstausgabe wurde 1767 bei Christian Friedrich Vo in Berlin
herausgegeben.


Inhalt:
1. Akt
2. Akt
3. Akt
4. Akt
5. Akt




1. Akt



1. Szene

(Just sitzet in einem Winkel, schlummert und redet im Traume.)


Just
Schurke von einem Wirte! Du, uns?--Frisch, Bruder!--Schlag zu, Bruder!
(Er holt aus und erwacht durch die Bewegung.) Heda! schon wieder?
Ich mache kein Auge zu, so schlage ich mich mit ihm herum. Htte er
nur erst die Hlfte von allen den Schlgen!--Doch sieh, es ist Tag!
Ich mu nur bald meinen armen Herrn aufsuchen. Mit meinem Willen soll
er keinen Fu mehr in das vermaledeite Haus setzen. Wo wird er die
Nacht zugebracht haben?



2. Szene

(Der Wirt. Just.)


Wirt
Guten Morgen, Herr Just, guten Morgen! Ei, schon so frh auf? Oder
soll ich sagen: noch so spt auf?

Just
Sage Er, was Er will.

Wirt
Ich sage nichts als "Guten Morgen"; und das verdient doch wohl, da
Herr Just "Groen Dank" darauf sagt?

Just
Groen Dank!

Wirt
Man ist verdrielich, wenn man seine gehrige Ruhe nicht haben kann.
Was gilt's, der Herr Major ist nicht nach Hause gekommen, und Er hat
hier auf ihn gelauert?

Just
Was der Mann nicht alles erraten kann!

Wirt
Ich vermute, ich vermute.

Just
(kehrt sich um und will gehen). Sein Diener!

Wirt
(hlt ihn). Nicht doch, Herr Just!

Just
Nun gut; nicht Sein Diener!

Wirt
Ei, Herr Just! ich will doch nicht hoffen, Herr Just, Da Er noch von
gestern her bse ist? Wer wird seinen Zorn ber Nacht behalten?

Just
Ich; und ber alle folgende Nchte.

Wirt
Ist das christlich?

Just
Ebenso christlich, als einen ehrlichen Mann, der nicht gleich bezahlen
kann, aus dem Hause stoen, auf die Strae werfen.

Wirt
Pfui, wer knnte so gottlos sein?

Just
Ein christlicher Gastwirt.--Meinen Herrn! so einen Mann! so einen
Offizier!

Wirt
Den htte ich aus dem Hause gestoen? auf die Strae geworfen? Dazu
habe ich viel zu viel Achtung fr einen Offizier und viel zu viel
Mitleid mit einem abgedankten! Ich habe ihm aus Not ein ander Zimmer
einrumen mssen.--Denke Er nicht mehr daran, Herr Just. (Er ruft in
die Szene.) Holla!--Ich will's auf andere Weise wiedergutmachen. (Ein
Junge kmmt.) Bring ein Glschen; Herr Just will ein Glschen haben;
und was Gutes!

Just
Mache Er sich keine Mhe, Herr Wirt. Der Tropfen soll zu Gift werden,
den--Doch ich will nicht schwren; ich bin noch nchtern!

Wirt
(zu dem Jungen, der eine Flasche Likr und ein Glas bringt). Gib her;
geh!--Nun, Herr Just, was ganz Vortreffliches; stark, lieblich, gesund.
(Er fllt und reicht ihm zu.) Das kann einen berwachten Magen
wieder in Ordnung bringen!

Just
Bald drfte ich nicht!--Doch warum soll ich meiner Gesundheit seine
Grobheit entgelten lassen?--(Er nimmt und trinkt.)

Wirt
Wohl bekomm's, Herr Just!

Just
(indem er das Glschen wieder zurckgibt). Nicht bel!--Aber, Herr
Wirt, Er ist doch ein Grobian!

Wirt
Nicht doch, nicht doch!--Geschwind noch eins; auf einem Beine ist
nicht gut stehen.

Just
(nachdem er getrunken). Das mu ich sagen: gut, sehr gut!--Selbst
gemacht, Herr Wirt?--

Wirt
Behte! veritabler Danziger! echter, doppelter Lachs!

Just
Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln knnte, so wrde ich fr so was
heucheln; aber ich kann nicht; es mu raus:--Er ist doch ein Grobian,
Herr Wirt!

Wirt
In meinem Leben hat mir das noch niemand gesagt.--Noch eins, Herr Just;
aller guten Dinge sind drei!

Just
Meinetwegen! (Er trinkt.) Gut Ding, wahrlich gut Ding!--Aber auch die
Wahrheit ist gut Ding.--Herr Wirt, Er ist doch ein Grobian!

Wirt
Wenn ich es wre, wrde ich das wohl so mit anhren?

Just
O ja, denn selten hat ein Grobian Galle.

Wirt
Nicht noch eins, Herr Just? Eine vierfache Schnur hlt desto besser.

Just
Nein, zu viel ist zu viel! Und was hilft's Ihn, Herr Wirt? Bis auf
den letzten Tropfen in der Flasche wrde ich bei meiner Rede bleiben.
Pfui, Herr Wirt, so guten Danziger zu haben und so schlechte Mores!--
Einem Manne wie meinem Herrn, der Jahr und Tag bei Ihm gewohnt, von
dem Er schon so manchen schnen Taler gezogen, der in seinem Leben
keinen Heller schuldig geblieben ist; weil er ein paar Monate her
nicht prompt bezahlt, weil er nicht mehr so viel aufgehen lt--in der
Abwesenheit das Zimmer auszurumen!

Wirt
Da ich aber das Zimmer notwendig brauchte? da ich vorausshe, da der
Herr Major es selbst gutwillig wrde gerumt haben, wenn wir nur lange
auf seine Zurckkunft htten warten knnen? Sollte ich denn so eine
fremde Herrschaft wieder von meiner Tre wegfahren lassen? Sollte ich
einem andern Wirte so einen Verdienst mutwillig in den Rachen jagen?
Und ich glaube nicht einmal, da sie sonstwo unterkommen wre. Die
Wirtshuser sind jetzt alle stark besetzt. Sollte eine so junge,
schne, liebenswrdige Dame auf der Strae bleiben? Dazu ist Sein
Herr viel zu galant! Und was verliert er denn dabei? Habe ich ihm
nicht ein anderes Zimmer dafr eingerumt?

Just
Hinten an dem Taubenschlage; die Aussicht zwischen des Nachbars
Feuermauern--

Wirt
Die Aussicht war wohl sehr schn, ehe sie der verzweifelte Nachbar
verbaute. Das Zimmer ist doch sonst galant und tapeziert--

Just
Gewesen!

Wirt
Nicht doch, die eine Wand ist es noch. Und Sein Stbchen darneben,
Herr Just; was fehlt dem Stbchen? Es hat einen Kamin, der zwar im
Winter ein wenig raucht--

Just
Aber doch im Sommer recht hbsch lt.--Herr, ich glaube gar, Er
vexiert uns noch obendrein?--

Wirt
Nu, nu, Herr Just, Herr Just--

Just
Mache Er Herr Justen den Kopf nicht warm, oder--

Wirt
Ich macht' ihn warm? der Danziger tut's!--

Just
Einen Offizier wie meinen Herrn! Oder meint Er, da ein abgedankter
Offizier nicht auch ein Offizier ist, der Ihm den Hals brechen kann?
Warum waret ihr im Kriege so geschmeidig, ihr Herren Wirte? Warum war
denn da jeder Offizier ein wrdiger Mann und jeder Soldat ein
ehrlicher, braver Kerl? Macht euch das bichen Friede schon so
bermtig?

Wirt
Was ereifert Er sich nun, Herr Just?--

Just
Ich will mich ereifern.--



3. Szene

(v. Tellheim. Der Wirt. Just.)


Tellheim
(im Hereintreten). Just!

Just
(in der Meinung, da ihn der Wirt nenne). Just?--So bekannt sind wir?--

Tellheim
Just!

Just
Ich dchte, ich wre wohl Herr Just fr Ihn!

Wirt
(der den Major gewahr wird). St! st! Herr, Herr, Herr Just--seh Er
sich doch um; Sein Herr--

Tellheim
Just, ich glaube, du zankst? Was habe ich dir befohlen?

Wirt
Oh, Ihro Gnaden! zanken? da sei Gott vor! Ihr untertnigster Knecht
sollte sich unterstehen, mit einem, der die Gnade hat, Ihnen
anzugehren, zu zanken?

Just
Wenn ich ihm doch eins auf den Katzenbuckel geben drfte!--

Wirt
Es ist wahr, Herr Just spricht fr seinen Herrn, und ein wenig hitzig.
 Aber daran tut er recht; ich schtze ihn um so viel hher; ich liebe
ihn darum.--

Just
Da ich ihm nicht die Zhne austreten soll!

Wirt
Nur schade, da er sich umsonst erhitzt. Denn ich bin gewi
versichert, da Ihro Gnaden keine Ungnade deswegen auf mich geworfen
haben, weil--die Not--mich notwendig--

Tellheim
Schon zuviel, mein Herr! Ich bin Ihnen schuldig; Sie rumen mir in
meiner Abwesenheit das Zimmer aus; Sie mssen bezahlt werden; ich mu
wo anders unterzukommen suchen. Sehr natrlich!--

Wirt
Wo anders? Sie wollen ausziehen, gndiger Herr? Ich unglcklicher
Mann! ich geschlagner Mann! Nein, nimmermehr! Eher mu die Dame das
Quartier wieder rumen. Der Herr Major kann ihr, will ihr sein Zimmer
nicht lassen; das Zimmer ist sein; sie mu fort; ich kann ihr nicht
helfen.--Ich gehe, gndiger Herr--

Tellheim
Freund, nicht zwei dumme Streiche fr einen! Die Dame mu in dem
Besitze des Zimmers bleiben.--

Wirt
Und Ihro Gnaden sollten glauben, da ich aus Mitrauen, aus Sorge fr
meine Bezahlung?--Als wenn ich nicht wte, da mich Ihro Gnaden
bezahlen knnen, sobald Sie nur wollen.--Das versiegelte Beutelchen--
fnfhundert Taler Louisdor stehet drauf--welches Ihro Gnaden in dem
Schreibepulte stehen gehabt--ist in guter Verwahrung.--

Tellheim
Das will ich hoffen; so wie meine brige Sachen.--Just soll sie in
Empfang nehmen, wenn er Ihnen die Rechnung bezahlt hat.--

Wirt
Wahrhaftig, ich erschrak recht, als ich das Beutelchen fand.--Ich habe
immer Ihro Gnaden fr einen ordentlichen und vorsichtigen Mann
gehalten, der sich niemals ganz ausgibt.--Aber dennoch--wenn ich bar
Geld in dem Schreibepulte vermutet htte--

Tellheim
Wrden Sie hflicher mit mir verfahren sein. Ich verstehe Sie.--Gehen
Sie nur, mein Herr; lassen Sie mich; ich habe mit meinem Bedienten zu
sprechen.--

Wirt
Aber, gndiger Herr--

Tellheim
Komm, Just, der Herr will nicht erlauben, da ich dir in seinem Hause
sage, was du tun sollst.--

Wirt
Ich gehe ja schon, gndiger Herr!--Mein ganzes Haus ist zu Ihren
Diensten.



4. Szene

(v. Tellheim. Just.)


Just
(der mit dem Fue stampft und dem Wirte nachspuckt). Pfui!

Tellheim
Was gibt's?

Just
Ich ersticke vor Bosheit.

Tellheim
Das wre soviel als an Vollbltigkeit.

Just
Und Sie--Sie erkenne ich nicht mehr, mein Herr. Ich sterbe vor Ihren
Augen, wenn Sie nicht der Schutzengel dieses hmischen, unbarmherzigen
Rackers sind! Trotz Galgen und Schwert und Rad htte ich ihn--htte
ich ihn mit diesen Hnden erdrosseln, mit diesen Zhnen zerreien
wollen.--

Tellheim
Bestie!

Just
Lieber Bestie als so ein Mensch!

Tellheim
Was willst du aber?

Just
Ich will, da Sie es empfinden sollen, wie sehr man Sie beleidiget.

Tellheim
Und dann?

Just
Da Sie sich rchten.--Nein, der Kerl ist Ihnen zu gering.--

Tellheim
Sondern, da ich es dir auftrge, mich zu rchen? Das war von Anfang
mein Gedanke. Er htte mich nicht wieder mit Augen sehen und seine
Bezahlung aus deinen Hnden empfangen sollen. Ich wei, da du eine
Handvoll Geld mit einer ziemlich verchtlichen Miene einem hinwerfen
kannst.--

Just
So? eine vortreffliche Rache!--

Tellheim
Aber die wir noch verschieben mssen. Ich habe keinen Heller bares
Geld mehr; ich wei auch keines aufzutreiben.

Just
Kein bares Geld? Und was ist denn das fr ein Beutel mit fnfhundert
Taler Louisdor, den der Wirt in Ihrem Schreibpulte gefunden?

Tellheim
Das ist Geld, welches mir aufzuheben gegeben worden.

Just
Doch nicht die hundert Pistolen, die Ihnen Ihr alter Wachtmeister vor
vier oder fnf Wochen brachte?

Tellheim
Die nmlichen, von Paul Wernern. Warum nicht?

Just
Diese haben Sie noch nicht gebraucht? Mein Herr, mit diesen knnen
Sie machen, was Sie wollen. Auf meine Verantwortung--

Tellheim
Wahrhaftig?

Just
Werner hrte von mir, wie sehr man Sie mit Ihren Forderungen an die
Generalkriegskasse aufzieht. Er hrte--

Tellheim
Da ich sicherlich zum Bettler werden wrde, wenn ich es nicht schon
wre.--Ich bin dir sehr verbunden, Just.--Und diese Nachricht
vermochte Wernern, sein bichen Armut mit mir zu teilen.--Es ist mir
doch lieb, da ich es erraten habe.--Hre, Just, mache mir zugleich
auch deine Rechnung; wir sind geschiedene Leute.--

Just
Wie? was?

Tellheim
Kein Wort mehr; es kmmt jemand.--



5. Szene

(Eine Dame in Trauer. v. Tellheim. Just.)


Dame
Ich bitte um Verzeihung, mein Herr!--

Tellheim
Wen suchen Sie, Madame?--

Dame
Eben den wrdigen Mann, mit welchem ich die Ehre habe zu sprechen.
Sie kennen mich nicht mehr? Ich bin die Witwe Ihres ehemaligen
Stabsrittmeisters--

Tellheim
Um des Himmels willen, gndige Frau! welche Vernderung!--

Dame
Ich stehe von dem Krankenbette auf, auf das mich der Schmerz ber den
Verlust meines Mannes warf. Ich mu Ihnen frh beschwerlich fallen,
Herr Major. Ich reise auf das Land, wo mir eine gutherzige, aber eben
auch nicht glckliche Freundin eine Zuflucht vors erste angeboten.--

Tellheim
(zu Just). Geh, la uns allein.--



6. Szene

(Die Dame. v. Tellheim.)


Tellheim
Reden Sie frei, gndige Frau! Vor mir drfen Sie sich Ihres Unglcks
nicht schmen. Kann ich Ihnen worin dienen?

Dame
Mein Herr Major--

Tellheim
Ich beklage Sie, gndige Frau! Worin kann ich Ihnen dienen? Sie
wissen, Ihr Gemahl war mein Freund; mein Freund, sage ich; ich war
immer karg mit diesem Titel.

Dame
Wer wei es besser als ich, wie wert Sie seiner Freundschaft waren,
wie wert er der Ihrigen war? Sie wrden sein letzter Gedanke, Ihr
Name der letzte Ton seiner sterbenden Lippen gewesen sein, htte nicht
die strkere Natur dieses traurige Vorrecht fr seinen unglcklichen
Sohn, fr seine unglckliche Gattin gefordert--

Tellheim
Hren Sie auf, Madame! Weinen wollte ich mit Ihnen gern; aber ich
habe heute keine Trnen. Verschonen Sie mich! Sie finden mich in
einer Stunde, wo ich leicht zu verleiten wre, wider die Vorsicht zu
murren.--O mein rechtschaffner Marloff! Geschwind, gndige Frau, was
haben Sie zu befehlen? Wenn ich Ihnen zu dienen imstande bin, wenn
ich es bin--

Dame
Ich darf nicht abreisen, ohne seinen letzten Willen zu vollziehen. Er
erinnerte sich kurz vor seinem Ende, da er als Ihr Schuldner sterbe,
und beschwor mich, diese Schuld mit der ersten Barschaft zu tilgen.
Ich habe seine Equipage verkauft und komme, seine Handschrift
einzulsen.--

Tellheim
Wie, gndige Frau? darum kommen Sie?

Dame
Darum. Erlauben Sie, da ich das Geld aufzhle.

Tellheim
Nicht doch, Madame! Marloff mir schuldig? das kann schwerlich sein.
Lassen Sie doch sehen. (Er ziehet sein Taschenbuch heraus und sucht.)
Ich finde nichts.

Dame
Sie werden seine Handschrift verlegt haben, und die Handschrift tut
nichts zur Sache.--Erlauben Sie--

Tellheim
Nein, Madame! so etwas pflege ich nicht zu verlegen. Wenn ich sie
nicht habe, so ist es ein Beweis, da ich nie eine gehabt habe, oder
da sie getilgt und von mir schon zurckgegeben worden.

Dame
Herr Major!--

Tellheim
Ganz gewi, gndige Frau. Nein, Marloff ist mir nichts schuldig
gebleiben. Ich wte mich auch nicht zu erinnern, da er mir jemals
etwas schuldig gewesen wre. Nicht anders, Madame; er hat mich
vielmehr als seinen Schuldner hinterlassen. Ich habe nie etwas tun
knnen, mich mit einem Manne abzufinden, der sechs Jahre Glck und
Unglck, Ehre und Gefahr mit mir geteilet. Ich werde es nicht
vergessen, da ein Sohn von ihm da ist. Er wird mein Sohn sein,
sobald ich sein Vater sein kann. Die Verwirrung, in der ich mich
jetzt selbst befinde--

Dame
Edelmtiger Mann! Aber denken Sie auch von mir nicht zu klein!
Nehmen Sie das Geld, Herr Major; so bin ich wenigstens beruhiget.--

Tellheim
Was brauchen Sie zu Ihrer Beruhigung weiter als meine Versicherung,
da mir dieses Geld nicht gehret? Oder wollen Sie, da ich die
unerzogene Waise meines Freundes bestehlen soll? Bestehlen, Madame;
das wrde es in dem eigentlichsten Verstande sein. Ihm gehrt es, fr
ihn legen Sie es an!--

Dame
Ich verstehe Sie; verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht wei,
wie man Wohltaten annehmen mu. Woher wissen es denn aber auch Sie,
da eine Mutter mehr fr ihren Sohn tut, als sie fr ihr eigen Leben
tun wrde? Ich gehe--

Tellheim
Gehen Sie, Madame, gehen Sie! Reisen Sie glcklich! Ich bitte Sie
nicht, mir Nachricht von Ihnen zu geben. Sie mchte mir zu einer Zeit
kommen, wo ich sie nicht nutzen knnte. Aber noch eines, gndige Frau;
bald htte ich das Wichtigste vergessen. Marloff hat noch an der
Kasse unsers ehemaligen Regiments zu fordern. Seine Forderungen sind
so richtig wie die meinigen. Werden meine bezahlt, so mssen auch die
seinigen bezahlt werden. Ich hafte dafr.--

Dame
Oh! Mein Herr--Aber ich schweige lieber.--Knftige Wohltaten so
vorbereiten, heit sie in den Augen des Himmels schon erwiesen haben.
Empfangen Sie seine Belohnung und meine Trnen! (Geht ab.)



7. Szene

(v. Tellheim.)


Tellheim
Armes, braves Weib! Ich mu nicht vergessen, den Bettel zu vernichten.
(Er nimmt aus seinem Taschenbuche Briefschaften, die er zerreit.)
Wer steht mir dafr, da eigner Mangel mich nicht einmal verleiten
knnte, Gebrauch davon zu machen?



8. Szene

(Just. v. Tellheim.)


Tellheim
Bist du da?

Just
(indem er sich die Augen wischt). Ja!

Tellheim
Du hast geweint?

Just
Ich habe in der Kche meine Rechnung geschrieben, und die Kche ist
voll Rauch. Hier ist sie, mein Herr!

Tellheim
Gib her.

Just
Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, mein Herr. Ich Wei wohl, da die
Menschen mit Ihnen keine haben, aber--

Tellheim
Was willst du?

Just
Ich htte mir ehr den Tod als meinen Abschied vermutet.

Tellheim
Ich kann dich nicht lnger brauchen; ich mu mich ohne Bedienten
behelfen lernen. (Schlgt die Rechnung auf und lieset.) "Was der Herr
Major mir schuldig: Drei und einen halben Monat Lohn, den Monat 6
Taler, macht 21 Taler. Seit dem Ersten dieses an Kleinigkeiten
ausgelegt 1 Taler 7 Gr. 9 Pf. Summa Summarum 22 Taler 7 Gr. 9 Pf."--
Gut, und es ist billig, da ich diesen laufenden Monat ganz bezahle.

Just
Die andere Seite, Herr Major--

Tellheim
Noch mehr? (Lieset.) Was dem Herrn Major ich schuldig: An den
Feldscher fr mich bezahlt 25 Taler. Fr Wartung und Pflege whrend
meiner Kur fr mich bezahlt 39 Taler. Meinem abgebrannten und
geplnderten Vater auf meine Bitte vorgeschossen, ohne die zwei
Beutepferde zu rechnen, die er ihm geschenkt, 50 Taler. Summa
Summarum 114 Taler. Davon abgezogen vorstehende 22 Taler 7 Gr. 9 Pf.,
bleibe dem Herrn Major schuldig 91 Taler 16 Gr. 3 Pf."--Kerl, du
bist toll!--

Just
Ich glaube es gern, da ich Ihnen weit mehr koste. Aber es wre
verlorne Tinte, es dazuzuschreiben. Ich kann Ihnen das nicht bezahlen,
und wenn Sie mir vollends die Liverei nehmen, die ich auch noch nicht
verdient habe--so wollte ich lieber, Sie htten mich in dem Lazarette
krepieren lassen.

Tellheim
Wofr siehst du mich an? Du bist mir nichts schuldig, und ich will
dich einem von meinen Bekannten empfehlen, bei dem du es besser haben
sollst als bei mir.

Just
Ich bin Ihnen nichts schuldig, und doch wollen Sie mich verstoen?

Tellheim
Weil ich dir nichts schuldig werden will.

Just
Darum? nur darum?--So gewi ich Ihnen schuldig bin, so gewi Sie mir
nichts schuldig werden knnen, so gewi sollen Sie mich nun nicht
verstoen.--Machen Sie, was Sie wollen, Herr Major; ich bleibe bei
Ihnen; ich mu bei Ihnen bleiben.--

Tellheim
Und deine Hartnckigkeit, dein Trotz, dein wildes, ungestmes Wesen
gegen alle, von denen du meinest, da sie dir nichts zu sagen haben,
deine tckische Schadenfreude, deine Rachsucht--

Just
Machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen; ich will darum doch nicht
schlechter von mir denken als von meinem Hunde. Vorigen Winter ging
ich in der Dmmerung an dem Kanale und hrte etwas winseln. Ich stieg
herab und griff nach der Stimme und glaubte, ein Kind zu retten, und
zog einen Pudel aus dem Wasser. Auch gut, dachte ich. Der Pudel kam
mir nach, aber ich bin kein Liebhaber von Pudeln. Ich jagte ihn fort,
umsonst; ich prgelte ihn von mir, umsonst. Ich lie ihn des Nachts
nicht in meine Kammer; er blieb vor der Tre auf der Schwelle. Wo er
mir zu nahe kam, stie ich ihn mit dem Fue; er schrie, sahe mich an
und wedelte mit dem Schwanze. Noch hat er keinen Bissen Brot aus
meiner Hand bekommen, und doch bin ich der einzige, dem er hrt, und
der ihn anrhren darf. Er springt vor mir her und macht mir seine
Knste unbefohlen vor. Es ist ein hlicher Pudel, aber ein gar zu
guter Hund. Wenn er es lnger treibt, so hre ich endlich auf, den
Pudeln gram zu sein.

Tellheim
(beiseite). So wie ich ihm! Nein, es gibt keine vlligen Unmenschen!
--Just, wir bleiben beisammen.

Just
Ganz gewi!--Sie wollten sich ohne Bedienten behelfen? Sie vergessen
Ihrer Blessuren und da Sie nur eines Armes mchtig sind. Sie knnen
sich ja nicht allein ankleiden. Ich bin Ihnen unentbehrlich; und bin--
ohne mich selbst zu rhmen, Herr Major--und bin ein Bedienter, der--
wenn das Schlimmste zum Schlimmen kmmt--fr seinen Herrn betteln und
stehlen kann.

Tellheim
Just, wir bleiben nicht beisammen.

Just
Schon gut!



9. Szene

(Ein Bedienter. v. Tellheim. Just.)


Bediente
Bst! Kamerad!

Just
Was gibt's?

Bediente
Kann Er mir nicht den Offizier nachweisen, der gestern noch in diesem
Zimmer (auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkmmt)
gewohnt hat?

Just
Das drfte ich leicht knnen. Was bringt Er ihm?

Bediente
Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen: ein Kompliment. Meine
Herrschaft hrt, da er durch sie verdrngt worden. Meine Herrschaft
wei zu leben, und ich soll ihn deshalb um Verzeihung bitten.

Just
Nun, so bitte Er ihn um Verzeihung; da steht er.

Bediente
Was ist er? Wie nennt man ihn?

Tellheim
Mein Freund, ich habe Euern Auftrag schon gehrt. Es ist eine
berflssige Hflichkeit von Eurer Herrschaft, die ich erkenne, wie
ich soll. Macht ihr meinen Empfehl.--Wie heit Eure Herrschaft?--

Bediente
Wie sie heit? Sie lt sich gndiges Frulein heien.

Tellheim
Und ihr Familienname?

Bediente
Den habe ich noch nicht gehrt, und darnach zu fragen, ist meine Sache
nicht. Ich richte mich so ein, da ich meistenteils alle sechs Wochen
eine neue Herrschaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!--

Just
Bravo, Kamerad!

Bediente
Zu dieser bin ich erst vor wenig Tagen in Dresden gekommen. Sie sucht,
glaube ich, hier ihren Brutigam.--

Tellheim
Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrschaft wollte ich wissen,
aber nicht ihre Geheimnisse. Geht nur!

Bediente
Kamerad, das wre kein Herr fr mich!



10. Szene

(v. Tellheim. Just.)


Tellheim
Mache, Just, mache, da wir aus diesem Hause kommen! Die Hflichkeit
der fremden Dame ist mir empfindlicher als die Grobheit des Wirts.
Hier, nimm diesen Ring, die einzige Kostbarkeit, die mir brig ist,
von der ich nie geglaubt htte, einen solchen Gebrauch zu machen!--
Versetze ihn! La dir achtzig Friedrichsdor darauf geben; die
Rechnung des Wirts kann keine dreiig betragen. Bezahle ihn und rume
meine Sachen--Ja, wohin?--Wohin du willst. Der wohlfeilste Gasthof
der beste. Du sollst mich hier nebenan auf dem Kaffeehause treffen.
Ich gehe, mache deine Sache gut.--

Just
Sorgen Sie nicht, Herr Major!--

Tellheim
(kmmt wieder zurck). Vor allen Dingen, da meine Pistolen, die
hinter dem Bette gehangen, nicht vergessen werden.

Just
Ich will nichts vergessen.

Tellheim
(kmmt nochmals zurck). Noch eins: nimm mir auch deinen Pudel mit;
hrst du, Just!--



11. Szene

(Just)


Just
Der Pudel wird nicht zurckbleiben. Dafr la ich den Pudel sorgen.--
Hm! Auch den kostbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn
in der Tasche, anstatt am Finger?--Guter Wirt, wir sind so kahl noch
nicht, als wir scheinen. Bei ihm, bei ihm selbst will ich dich
versetzen, schnes Ringelchen! Ich wei, er rgert sich, da du in
seinem Hause nicht ganz sollst verzehrt werden!--Ah--



12. Szene

(Paul Werner. Just.)


Just
Sieh da, Werner! guten Tag, Werner! willkommen in der Stadt!

Werner
Das verwnschte Dorf! Ich kann's unmglich wieder gewohne werden.
Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld! Wo ist der Major?

Just
Er mu dir begegnet sein; er ging eben die Treppe herab.

Werner
Ich komme die Hintertreppe herauf. Nun, wie geht's ihm? Ich wre
schon vorige Woche bei euch gewesen, aber--

Just
Nun? was hat dich abgehalten?--

Werner
--Just--hast du von dem Prinzen Heraklius gehrt?

Just
Heraklius? Ich wte nicht.

Werner
Kennst du den groen Helden im Morgenlande nicht?

Just
Die Weisen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem
Sterne herumlaufen.--

Werner
Mensch, ich glaube, du liesest ebensowenig die Zeitungen als die
Bibel?--Du kennst den Prinzen Heraklius nicht? den braven Mann nicht,
der Persien weggenommen und nchster Tage die Ottomanische Pforte
einsprengen wird? Gott sei Dank, da doch noch irgendwo in der Welt
Krieg ist! Ich habe lange genug gehofft, es sollte hier wieder
losgehen. Aber da sitzen sie und heilen sich die Haut. Nein, Soldat
war ich, Soldat mu ich wieder sein! Kurz--(indem er sich schchtern
umsieht, ob ihn jemand behorcht) im Vertrauen, Just, ich wandere nach
Persien, um unter Sr. Kniglichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein
paar Feldzge wider den Trken zu machen.

Just
Du?

Werner
Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleiig wider
den Trken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und
gute Christen wren. Freilich begreife ich wohl, da ein Feldzug
wider den Trken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den
Franzosen; aber dafr mu er auch desto verdienstlicher sein, in
diesem und in jenem Leben. Die Trken haben dir alle Sbels, mit
Diamanten besetzt--

Just
Um mir von so einem Sbel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht
eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schnes
Schulzengerichte verlasen?--

Werner
Oh, das nehme ich mit!--Merkst du was?--Das Gtchen ist verkauft--

Just
Verkauft?

Werner
St!--hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen;
die bring ich dem Major--

Just
Und was soll der damit?

Werner
Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver--,
wie er will. Der Mann mu Geld haben, und es ist schlecht genug,
da man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wte schon, was ich
tte, wenn ich an seiner Stelle wre! Ich dchte: hol euch hier alle
der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!--Blitz!--Der
Prinz Heraklius mu ja wohl von dem Major Tellheim gehrt haben, wenn
er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt.
Unsere Affre bei den Katzenhusern--

Just
Soll ich dir die erzhlen?--

Werner
Du mir?--Ich merke wohl, da eine schne Disposition ber deinen
Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Sue werfen.--Da
nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir
auch die aufheben. Ich mu jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel
Roggen hereingeschickt; was ich daraus lse, kann er gleichfalls haben.
--

Just
Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir mgen dein Geld nicht.
Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch
unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.--

Werner
So? Hat denn der Major noch Geld?

Just
Nein.

Werner
Hat er sich wo welches geborgt?

Just
Nein.

Werner
Und wovon lebt ihr denn?

Just
Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und
uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und
ziehen weiter.--Hre nur, Paul; dem Wirte hier mssen wir einen Possen
spielen.

Werner
Hat er dem Major was in den Weg gelegt?--Ich bin dabei!--

Just
Wie wr's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie kmmt,
aufpaten und ihn brav durchprgelten?--

Werner
Des Abends?--aufpaten?--ihre zwei, einem?--Das ist nichts.--

Just
Oder wenn wir ihm das Haus ber dem Kopf ansteckten?--

Werner
Sengen und brennen?--Kerl, man hrt's, da du Packknecht gewesen bist
und nicht Soldat--pfui!

Just
Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar
verdammt hlich--

Werner
Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch
hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn?

Just
Komm nur, du sollst dein Wunder hren!

Werner
So ist der Teufel wohl hier gar los?

Just
Jawohl; komm nur!

Werner
Desto besser! Nach Persien also, nach Persien!




2. Akt



1. Szene

(Die Szene ist in dem Zimmer des Fruleins.) (Minna von Barnhelm.
Franziska.)


Frulein
(im Neglig, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr
frh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden.

Franziska
Wer kann denn in den verzweifelten groen Stdten schlafen? Die
Karossen, die Nachtwchter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals--
das hrt nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu
fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger wre als zur Ruhe.
--Eine Tasse Tee, gndiges Frulein?--

Frulein
Der Tee schmeckt mir nicht.--

Franziska
Ich will von unserer Schokolade machen lassen.

Frulein
La machen, fr dich!

Franziska
Fr mich? Ich wollte ebensogern fr mich allein plaudern als fr mich
allein trinken.--Freilich wird uns die Zeit so lang werden.--Wir
werden vor langer Weile uns putzen mssen und das Kleid versuchen, in
welchem wir den ersten Sturm geben wollen.

Frulein
Was redest du von Strmen, da ich blo herkomme, die Haltung der
Kapitulation zu fordern?

Franziska
Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment
darber machen lassen; er mu auch nicht die feinste Lebensart haben;
sonst htte er wohl um die Ehre knnen bitten lassen, uns seine
Aufwartung machen zu drfen.--

Frulein
Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich
lie ihm das Kompliment auch blo machen, um Gelegenheit zu haben,
mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.--Franziska, mein Herz sagt es
mir, da meine Reise glcklich sein wird, da ich ihn finden werde.--

Franziska
Das Herz, gndiges Frulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu
viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul
ebenso geneigt wre, nach dem Herzen zu reden, so wre die Mode lngst
aufgekommen, die Muler unterm Schlosse zu tragen.

Frulein
Ha! ha! Mit deinen Mulern unterm Schlosse! Die Mode wre mir eben
recht!

Franziska
Lieber die schnsten Zhne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das
Herz darber springen lassen!

Frulein
Was? Bist du so zurckhaltend?--

Franziska
Nein, gndiges Frulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man
spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto ftrer von der,
die uns fehlt.

Frulein
Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.--

Franziska
Gemacht? Macht man das, was einem so einfllt?--

Frulein
Und weit du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie
hat viel Beziehung auf meinen Tellheim.

Franziska
Was htte bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn?

Frulein
Freund und Feind sagen, da er der tapferste Mann von der Welt ist.
Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hren? Er hat das
rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte,
die er nie auf die Zunge bringt.

Franziska
Von was fr Tugenden spricht er denn?

Frulein
Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine.

Franziska
Das wollte ich nur hren.

Frulein
Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von konomie.
Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender.

Franziska
Noch eins, gndiges Frulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue
und Bestndigkeit gegen Sie erwhnen hren. Wie, wenn der Herr auch
ein Flattergeist wre?

Frulein
Du Unglckliche!--Aber meinest du das im Ernste, Franziska?

Franziska
Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben?

Frulein
Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben.

Franziska
Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur
das Bse wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerrttet
auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat.
Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!--Und wie lange haben wir
schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig
Neuigkeiten gibt.--Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand
schreibt; denn niemand hat was zu schreiben.

Frulein
"Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich nhere mich der Erfllung
meiner Wnsche." Aber da er mir dieses nur einmal, nur ein einziges
Mal geschrieben--

Franziska
Da er uns zwingt, dieser Erfllung der Wnsche selbst entgegenzueilen:
finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!--Wenn indes der Mann
doch Wnsche erfllt htte, und wir erfhren hier--

Frulein
(ngstlich und hitzig). Da er tot wre?

Franziska
Fr Sie, gndiges Frulein, in den Armen einer andern.--

Frulein
Du Qulgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!--Doch
schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.--Sein Regiment ward nach
dem Frieden zerrissen. Wer wei, in welche Verwirrung von Rechnungen
und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer wei, zu welchem andern
Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer wei,
welche Umstnde--Es pocht jemand.

Franziska
Herein!



2. Szene

(Der Wirt. Die Vorigen.)


Wirt
(den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gndige Herrschaft?--

Franziska
Unser Herr Wirt?--Nur vollends herein.

Wirt
(mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein
Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gndiges Frulein, Ihnen einen
untertnigen guten Morgen zu wnschen--(zur Franziska) und auch Ihr,
mein schnes Kind--

Franziska
Ein hflicher Mann!

Frulein
Wir bedanken uns.

Franziska
Und wnschen Ihm auch einen guten Morgen.

Wirt
Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht
unter meinem schlechten Dache geruhet?--

Franziska
Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten htten
besser sein knnen.

Wirt
Was hre ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, da die gar zu groe
Ermdung von der Reise--

Frulein
Es kann sein.

Wirt
Gewi, gewi! denn sonst--Indes sollte etwas nicht vollkommen nach
Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu
befehlen.

Franziska
Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht blde; und am wenigsten mu
man im Gasthofe blde sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern
htten.

Wirt
Hiernchst komme ich zugleich--(indem er die Feder hinter dem Ohr
hervorzieht).

Franziska
Nun?--

Wirt
Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer
Polizei.

Frulein
Nicht im geringsten, Herr Wirt--

Wirt
Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts
er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen,
Heimat, Charakter, hiesige Geschfte, vermutliche Dauer des
Aufenthalts und so weiter gehrigen Orts schriftlich einzureichen.

Frulein
Sehr wohl.

Wirt
Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen--(indem er an einen Tisch
tritt und sich fertig macht zu schreiben).

Frulein
Sehr gern--Ich heie--

Wirt
Einen kleinen Augenblick Geduld!--(Er schreibt.) "Dato, den 22.
August a.c. allhier zum Knige von Spanien angelangt"--Nun Dero Namen,
gndiges Frulein?

Frulein
Das Frulein von Barnhelm.

Wirt
(schreibt). "von Barnhelm"--Kommend? woher, gndiges Frulein?

Frulein
Von meinen Gtern aus Sachsen.

Wirt
(schreibt). "Gtern aus Sachsen"--Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen,
gndiges Frulein? aus Sachsen?

Franziska
Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Snde, aus
Sachsen zu sein?

Wirt
Eine Snde? Behte! das wre ja eine ganz neue Snde!--Aus Sachsen
also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!--Aber wo mir recht
ist, gndiges Frulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere--wie
soll ich es nennen?--Distrikte, Provinzen.--Unsere Polizei ist sehr
exakt, gndiges Frulein.--

Frulein
Ich verstehe: von meinen Gtern aus Thringen also.

Wirt
Aus Thringen! Ja, das ist besser, gndiges Frulein, das ist genauer.
--(Schreibt und liest.) "Das Frulein von Barnhelm, kommend von ihren
Gtern aus Thringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"--

Franziska
Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein?

Wirt
Ja, mein schnes Kind.--

Franziska
Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.--Ich
hre, die Polizei ist sehr exakt; es mchte ein Miverstndnis geben,
welches mir bei meinem Aufgebote einmal Hndel machen knnte. Denn
ich bin wirklich noch Jungfer und heie Franziska; mit dem
Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thringen.
Mein Vater war Mller auf einem von den Gtern des gndigen
Fruleins. Es heit Klein-Rammsdorf. Die Mhle hat jetzt mein Bruder.
Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gndigen Frulein
erzogen. Wir sind von einem Alter, knftige Lichtmess einundzwanzig
Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gndige Frulein gelernt hat.
Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt.

Wirt
Gut, mein schnes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken.
--Aber nunmehr, gndiges Frulein, Dero Verrichtungen allhier?--

Frulein
Meine Verrichtungen?

Wirt
Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Knigs Majestt?

Frulein
O nein!

Wirt
Oder bei unsern hohen Justizkollegiis?

Frulein
Auch nicht.

Wirt
Oder--

Frulein
Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier.

Wirt
Ganz wohl, gndiges Frulein, aber wie nennen sich diese eigne
Angelegenheiten?

Frulein
Sie nennen sich--Franziska, ich glaube, wir werden vernommen.

Franziska
Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines
Frauenzimmers zu wissen verlangen?

Wirt
Allerdings, mein schnes Kind: die Polizei will alles, alles wissen;
und besonders Geheimnisse.

Franziska
Ja nun, gndiges Frulein; was ist zu tun?--So hren Sie nur, Herr
Wirt--aber da es ja unter uns und der Polizei bleibt!--

Frulein
Was wird ihm die Nrrin sagen?

Franziska
Wir kommen, dem Knige einen Offizier wegzukapern--

Wirt
Wie? was? Mein Kind! mein Kind!--

Franziska
Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins.

Frulein
Franziska, bist du toll?--Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten.
--

Wirt
Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so
viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei--

Frulein
Wissen Sie was, Herr Wirt?--Ich wei mich in dieser Sache nicht zu
nehmen. Ich dchte, Sie lieen die ganze Schreiberei bis auf die
Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er
nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglckte zwei Meilen von
hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, da mich dieser
Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich mute also voran. Wenn er
vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das lngste.

Wirt
Nun ja, gndiges Frulein, so wollen wir ihn erwarten.

Frulein
Er wird auf Ihre Fragen besser antworten knnen. Er wird wissen, wem
und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschften
anzeigen mu und was er davon verschweigen darf.

Wirt
Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Mdchen
(die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen,
da es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft
traktiere--

Frulein
Und die Zimmer fr ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt?

Wirt
Vllig, gndiges Frulein, vllig; bis auf das eine--

Franziska
Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben
mssen?

Wirt
Die Kammerjungfern aus Sachsen, gndiges Frulein, sind wohl sehr
mitleidig.--

Frulein
Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber htten Sie
uns nicht einnehmen sollen.

Wirt
Wieso, gndiges Frulein, wieso?

Frulein
Ich hre, da der Offizier, welcher durch uns verdrngt worden--

Wirt
Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gndiges Frulein.--

Frulein
Wenn schon!--

Wirt
Mit dem es zu Ende geht.--

Frulein
Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein.

Wirt
Ich sage Ihnen ja, da er abgedankt ist.

Frulein
Der Knig kann nicht alle verdiente Mnner kennen.

Wirt
O gewi, er kennt sie, er kennt sie alle.--

Frulein
So kann er sie nicht alle belohnen.

Wirt
Sie wren alle belohnt, wenn sie darnach gelebt htten. Aber so
lebten die Herren whrend des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben wrde;
als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein wrde. Jetzt liegen
alle Wirtshuser und Gasthfe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich
wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich
weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch
Geldeswert, und zwei, drei Monate htte ich ihn freilich noch ruhig
knnen sitzen lassen. Doch besser ist besser.--Apropos, gndiges
Frulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?--

Frulein
Nicht sonderlich.

Wirt
Was sollten Ihro Gnaden nicht?--Ich mu Ihnen einen Ring zeigen, einen
kostbaren Ring. Zwar gndiges Frulein haben da auch einen sehr
schnen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr mu ich mich
wundern, da er dem meinigen so hnlich ist.--Oh! sehen Sie doch,
sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem
Frulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein
wiegt ber fnf Karat.

Frulein
(ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring--

Wirt
Ist seine fnfzehnhundert Taler unter Brdern wert.

Frulein
Franziska!--Sieh doch!--

Wirt
Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen
darauf zu leihen.

Frulein
Erkennst du ihn nicht, Franziska?

Franziska
Der nmliche!--Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?--

Wirt
Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran?

Franziska
Wir kein Recht an diesem Ringe?--Inwrts auf dem Kasten mu des
Fruleins verzogener Name stehn.--Weisen Sie doch, Frulein.

Frulein
Er ist's er ist's!--Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt?

Wirt
Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.--Gndiges Frulein,
gndiges Frulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglck
bringen wollen? Was wei ich, wo sich der Ring eigentlich
herschreibt? Whrend des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft,
mit und ohne Vorbewut des Herrn, verndert. Und Krieg war Krieg. Es
werden mehr Ringe aus Sachsen ber die Grenze gegangen sein.--Geben
Sie mir ihn wieder, gndiges Frulein, geben Sie mir ihn wieder!

Franziska
Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn?

Wirt
Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst
guten Manne--

Frulein
Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem
Eigentmer haben.--Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es
selbst, oder wenigstens mu er ihn kennen.

Wirt
Wer denn? wen denn, gndiges Frulein?

Franziska
Hren Sie denn nicht? unsern Major.

Wirt
Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat,
und von dem ich ihn habe.

Frulein
Major von Tellheim.

Wirt
Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn?

Frulein
Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in
diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie
kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen
schuldig?--Franziska, die Schatulle her! Schlie auf! (Indem sie
Franziska auf den Tisch setzet und ffnet.) Was ist er Ihnen schuldig?
Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner.
Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein!

Wirt
Was hre ich?

Frulein
Wo ist er? wo ist er?

Wirt
Noch vor einer Stunde war er hier.

Frulein
Hlicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so
grausam sein?

Wirt
Ihro Gnaden verzeihen--

Frulein
Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle.

Wirt
Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, da er
ihn aufsuchen soll?

Frulein
Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; fr diesen Dienst allein will ich
es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.--

Franziska
Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stt ihn heraus.)



3. Szene

(Das Frulein. Franziska)


Frulein
Nun habe ich ihn wieder, Franziska! Siehst du, nun habe ich ihn
wieder! Ich wei nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit,
liebe Franziska. Aber freilich, warum du? Doch du sollst dich, du
mut dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich beschenken,
damit du dich mit mir freuen kannst. Sprich, Franziska, was soll ich
dir geben? Was steht dir von meinen Sachen an? Was httest du gern?
Nimm, was du willst, aber freue dich nur. Ich sehe wohl, du wirst dir
nichts nehmen. Warte! (sie fat in die Schatulle) da, liebe
Franziska (und gibt ihr Geld), kaufe dir, was du gern httest.
Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. Aber freue dich nur mit mir. Es
ist so traurig, sich allein zu freuen. Nun, so nimm doch--

Franziska
Ich stehle es Ihnen, Frulein; Sie sind trunken, von Frhlichkeit
trunken.--

Frulein
Mdchen, ich habe einen znkischen Rausch, nimm oder--(Sie zwingt ihr
das Geld in die Hand.) Und wenn du dich bedankest!--Warte; gut, da
ich daran denke. (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld.)
Das, liebe Franziska, stecke beiseite, fr den ersten blessierten
armen Soldaten, der uns anspricht.--



4. Szene

(Der Wirt. Das Frulein. Franziska.)


Frulein
Nun? Wird er kommen?

Wirt
Der widerwrtige, ungeschliffene Kerl!

Frulein
Wer?

Wirt
Sein Bedienter. Er weigert sich, nach ihm zu gehen.

Franziska
Bringen Sie doch den Schurken her.--Des Majors Bediente kenne ich ja
wohl alle. Welcher wre denn das?

Frulein
Bringen Sie ihn geschwind her. Wenn er uns sieht, wird er schon gehen.
(Der Wirt geht ab.)



5. Szene

(Das Frulein. Franziska.)


Frulein
Ich kann den Augenblick nicht erwarten. Aber, Franziska, du bist noch
immer so kalt? Du willst dich noch nicht mit mir freuen?

Franziska
Ich wollte von Herzen gern, wenn nur--

Frulein
Wenn nur?

Franziska
Wir haben den Mann wiedergefunden; aber wie haben wir ihn
wiedergefunden? Nach allem, was wir von ihm hren, mu es ihm bel
gehn. Er mu unglcklich sein, das jammert mich.

Frulein
Jammert dich?--La dich dafr umarmen, meine liebste Gespielin! das
will ich dir nie vergessen!--Ich bin nur verliebt, und du bist gut.--



6. Szene

(Der Wirt. Just. Die Vorigen.)


Wirt
Mit genauer Not bring ich ihn.

Franziska
Ein fremdes Gesicht! Ich kenne ihn nicht.

Frulein
Mein Freund, ist Er bei dem Major von Tellheim?

Just
Ja.

Frulein
Wo ist Sein Herr?

Just
Nicht hier.

Frulein
Aber Er wei ihn zu finden?

Just
Ja.

Frulein
Will Er ihn nicht geschwind herholen?

Just
Nein.

Frulein
Er erweiset mir damit einen Gefallen.--

Just
Ei!

Frulein
Und Seinem Herrn einen Dienst.--

Just
Vielleicht auch nicht.--

Frulein
Woher vermutet Er das?

Just
Sie sind doch die fremde Herrschaft, die ihn schon diesen Morgen
komplimentieren lassen?

Frulein
Ja.

Just
So bin ich schon recht.

Frulein
Wei Sein Herr meinen Namen?

Just
Nein; aber er kann die allzu hflichen Damen ebensowenig leiden als
die allzu groben Wirte.

Wirt
Das soll wohl mit auf mich gehn?

Just
Ja.

Wirt
So la Er es doch dem gndigen Frulein nicht entgelten, und hole Er
ihn geschwind her.

Frulein
(leise zur Franziska). Franziska, gib ihm etwas--

Franziska
(die dem Just Geld in die Hand drcken will). Wir verlangen Seine
Dienste nicht umsonst.--

Just
Und ich Ihr Geld nicht ohne Dienste.

Franziska
Eines fr das andere.

Just
Ich kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszurumen. Das tu ich
jetzt, und daran bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich
fertig bin, so will ich es ihm ja wohl sagen, da er herkommen kann.
Er ist nebenan auf dem Kaffeehause; und wenn er da nichts Bessers zu
tun findet, wird er auch wohl kommen. (Will fortgehen.)

Franziska
So warte Er doch.--Das gndige Frulein ist des Herrn Majors--
Schwester.--

Frulein
Ja, ja, seine Schwester.

Just
Das wei ich besser, da der Major keine Schwestern hat. Er hat mich
in sechs Monaten zweimal an seine Familie nach Kurland geschickt.--
Zwar es gibt mancherlei Schwestern--

Franziska
Unverschmter!

Just
Mu man es nicht sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? (Geht
ab.)

Franziska
Das ist ein Schlingel!

Wirt
Ich sagt' es ja. Aber lassen Sie ihn nur! Wei ich doch nunmehr, wo
sein Herr ist. Ich will ihn gleich selbst holen.--Nur, gndiges
Frulein, bitte ich untertnigst, sodann ja mich bei dem Herrn Major
zu entschuldigen, da ich so unglcklich gewesen, wider meinen Willen
einen Mann von seinen Verdiensten--

Frulein
Gehen Sie nur geschwind, Herr Wirt. Das will ich alles wieder
gutmachen. (Der Wirt geht ab und hierauf) Franziska, lauf ihm nach:
er soll ihm meinen Namen nicht nennen! (Franziska, dem Wirte nach.)



7. Szene

(Das Frulein und hierauf Franziska)


Frulein
Ich habe ihn wieder!--Bin ich allein?--Ich will nicht umsonst allein
sein.(Sie faltet die Hnde.) Auch bin ich nicht allein! (Und blickt
aufwrts.) Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das
willkommenste Gebet!--Ich hab ihn, ich hab ihn! (Mit ausgebreiteten
Armen.) Ich bin glcklich! und frhlich! Was kann der Schpfer
lieber sehen als ein frhliches Geschpf!--(Franziska kmmt.) Bist du
wieder da, Franziska?--Er jammert dich? Mich jammert er nicht.
Unglck ist auch gut. Vielleicht, da ihm der Himmel alles nahm, um
ihm in mir alles wiederzugeben!

Franziska
Er kann den Augenblick hier sein.--Sie sind noch in Ihrem Neglige,
gndiges Frulein. Wie, wenn Sie sich geschwind ankleideten?

Frulein
Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an ftrer so als geputzt
sehen.

Franziska
Oh, Sie kennen sich, mein Frulein.

Frulein
(nach einem kurzen Nachdenken). Wahrhaftig, Mdchen, du hast es
wiederum getroffen.

Franziska
Wenn wir schn sind, sind wir ungeputzt am schnsten.

Frulein
Mssen wir denn schn sein?--Aber da wir uns schn glauben, war
vielleicht notwendig.--Nein, wenn ich ihm, ihm nur schn bin!--
Franziska, wenn alle Mdchens so sind, wie ich mich jetzt fhle, so
sind wir--sonderbare Dinger.--Zrtlich und stolz, tugendhaft und eitel,
wollstig und fromm--Du wirst mich nicht verstehen. Ich verstehe
mich wohl selbst nicht.--Die Freude macht drehend, wirblicht.--

Franziska
Fassen Sie sich, mein Frulein; ich hre kommen--

Frulein
Mich fassen? Ich sollte ihn ruhig empfangen?



8. Szene

(v. Tellheim. Der Wirt. Die Vorigen.)


Tellheim
(tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zu). Ah!
meine Minna!--

Frulein
(ihm entgegenfliehend). Ah! mein Tellheim!--

Tellheim
(stutzt auf einmal und tritt wieder zurck). Verzeihen Sie, gndiges
Frulein--das Frulein von Barnhelm hier zu finden--

Frulein
Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein?--(Indem sie ihm nher
tritt und er mehr zurckweicht.) Verzeihen? Ich soll Ihnen verzeihen,
da ich noch Ihre Minna bin? Verzeih' Ihnen der Himmel, da ich noch
das Frulein von Barnhelm bin!--

Tellheim
Gndiges Frulein--(Sieht starr auf den Wirt und zuckt die Schultern.)

Frulein
(wird den Wirt gewahr und winkt der Franziska). Mein Herr--

Tellheim
Wenn wir uns beiderseits nicht irren--Franziska. Je, Herr Wirt, wen
bringen Sie uns denn da? Geschwind, kommen Sie, lassen Sie uns den
Rechten suchen.

Wirt
Ist es nicht der Rechte? Ei ja doch!

Franziska
Ei nicht doch! Geschwind, kommen Sie; ich habe Ihrer Jungfer Tochter
noch keinen guten Morgen gesagt.

Wirt
Oh! viel Ehre--(Doch ohne von der Stelle zu gehn.)

Franziska
(fat ihn an). Kommen Sie, wir wollen den Kchenzettel machen.--
Lassen Sie sehen, was wir haben werden--

Wirt
Sie sollen haben, vors erste--

Franziska
Still, ja stille! Wenn das Frulein jetzt schon wei, was sie zu
Mittag speisen soll, so ist es um ihren Appetit geschehen. Kommen Sie,
das mssen Sie mir allein sagen. (Fhret ihn mit Gewalt ab.)



9. Szene

(v. Tellheim. Das Frulein)


Frulein
Nun? irren wir uns noch?

Tellheim
Da es der Himmel wollte!--Aber es gibt nur eine, und Sie sind es.--

Frulein
Welche Umstnde! Was wir uns zu sagen haben, kann jedermann hren.

Tellheim
Sie hier? Was suchen Sie hier, gndiges Frulein?

Frulein
Nichts suche ich mehr. (Mit offnen Armen auf ihn zugehend.) Alles,
was ich suchte, habe ich gefunden.

Tellheim
(zurckweichend). Sie suchten einen glcklichen, einen Ihrer Liebe
wrdigen Mann, und finden--einen Elenden.

Frulein
So lieben Sie mich nicht mehr?--Und lieben eine andere?

Tellheim
Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Frulein, der eine andere nach
Ihnen lieben kann.

Frulein
Sie reien nur einen Stachel aus meiner Seele.--Wenn ich Ihr Herz
verloren habe, was liegt daran, ob mich Gleichgltigkeit oder
mchtigere Reize darum gebracht?--Sie lieben mich nicht mehr: und
lieben auch keine andere?--Unglcklicher Mann, wenn Sie gar nichts
lieben!--

Tellheim
Recht, gndiges Frulein; der Unglckliche mu gar nichts lieben. Er
verdient sein Unglck, wenn er diesen Sieg nicht ber sich selbst zu
erhalten wei; wenn er es sich gefallen lassen kann, da die, welche
er liebt, an seinem Unglck Anteil nehmen drfen.--Wie schwer ist
dieser Sieg!--Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna
von Barnhelm zu vergessen: was fr Mhe habe ich angewandt! Eben
wollte ich anfangen zu hoffen, da diese Mhe nicht ewig vergebens
sein wrde:--und Sie erscheinen, mein Frulein!--

Frulein
Versteh ich Sie recht?--Halten Sie, mein Herr; lassen Sie sehen, wo
wir sind, ehe wir uns weiter verirren!--Wollen Sie mir die einzige
Frage beantworten?

Tellheim
Jede, mein Frulein--

Frulein
Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit
nichts als einem trockenen Ja oder Nein?

Tellheim
Ich will es--wenn ich kann.

Frulein
Sie knnen es.--Gut: ohngeachtet der Mhe, die Sie angewendet, mich zu
vergessen--lieben Sie mich noch, Tellheim?

Tellheim
Mein Frulein, diese Frage--

Frulein
Sie haben versprochen, mit nichts als Ja oder Nein zu antworten.

Tellheim
Und hinzugesetzt: wenn ich kann.

Frulein
Sie knnen; Sie mssen wissen, was in Ihrem Herzen vorgeht.--Lieben
Sie mich noch, Tellheim?--Ja oder Nein.

Tellheim
Wenn mein Herz--

Frulein
Ja oder Nein!

Tellheim
Nun, Ja!

Frulein
Ja?

Tellheim
Ja, ja!--Allein--

Frulein
Geduld!--Sie lieben mich noch: genug fr mich.--In was fr einen Ton
bin ich mit Ihnen gefallen! ein widriger, melancholischer,
ansteckender Ton.--Ich nehme den meinigen wieder an.--Nun, mein lieber
Unglcklicher, Sie lieben mich noch und haben Ihre Minna noch und sind
unglcklich? Hren Sie doch, was Ihre Minna fr ein eingebildetes,
albernes Ding war--ist. Sie lie, sie lat sich trumen, Ihr ganzes
Glck sei sie.--Geschwind, kramen Sie Ihr Unglck aus. Sie mag
versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt.--Nun?

Tellheim
Mein Frulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen.

Frulein
Sehr wohl. Ich wte auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem
Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse
kalte, nachlssige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Unglcke
zu sprechen--

Tellheim
Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist.

Frulein
Oh, mein Rechthaber, so htten Sie sich auch gar nicht unglcklich
nennen sollen.--Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.--
Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen
befiehlt?--Ich bin eine groe Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr
viel Ehrerbietung fr die Notwendigkeit.--Aber lassen Sie doch hren,
wie vernnftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist.

Tellheim
Wohl denn; so hren Sie, mein Frulein.--Sie nennen mich Tellheim; der
Name trifft ein.--Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in
Ihrem Vaterlande gekannt haben; der blhende Mann, voller Ansprche,
voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Krpers, seiner ganzen Seele
mchtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glckes erffnet
standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch
nicht wrdig war, tglich wrdiger zu werden hoffen durfte.--Dieser
Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind
gewesen.--Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre
Gekrnkte, der Krppel, der Bettler.--Jenem, mein Frulein,
versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?--

Frulein
Das klingt sehr tragisch!--Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde--
in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret--, dieser wird mir schon
aus der Not helfen mssen.--Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie
ihn bei der Hand ergreift.)

Tellheim
(der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlgt und sich von
ihr abwendet). Das ist zu viel!--Wo bin ich?--Lassen Sie mich,
Frulein! Ihre Gte foltert mich!--Lassen Sie mich.

Frulein
Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin?

Tellheim
Von Ihnen!--

Frulein
Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Trumer!

Tellheim
Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Fen werfen.

Frulein
Von mir?

Tellheim
Von Ihnen.--Sie nie, nie wiederzusehen.--Oder doch so entschlossen, so
fest entschlossen--keine Niedertrchtigkeit zu begehen--Sie keine
Unbesonnenheit begehen zu lasen.--Lassen Sie mich, Minna! (Reit sich
los und ab.)

Frulein
(ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim!




3. Akt



1. Szene

(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand)


Just
Mu ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!--Ein Briefchen
von meinem Herrn an das gndige Frulein, das seine Schwester sein
will.--Wenn sich nur da nichts anspinnt!--Sonst wird des Brieftragens
kein Ende werden.--Ich wr es gern los, aber ich mchte auch nicht
gern ins Zimmer hinein.--Das Frauenszeug fragt so viel, und ich
antworte so ungern!--Ha, die Tre geht auf. Wie gewnscht! das
Kammerktzchen!



2. Szene

(Franziska. Just)


Franziska
(zur Tre herein, aus der sie kmmt). Sorgen Sie nicht; ich will
schon aufpassen.--Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stiee mir
ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen.

Just
Ihr Diener, Jungfer--

Franziska
Ich wollte so einen Diener nicht--

Just
Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!--Da bring ich ein Briefchen von
meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gndige Frulein--Schwester.--
War's nicht so? Schwester.

Franziska
Geb Er her! (Reit ihm den Brief aus der Hand.)

Just
Sie soll so gut sein, lt mein Herr bitten, und es bergeben.
Hernach soll Sie so gut sein, lt mein Herr bitten--da Sie nicht
etwa denkt, ich bitte was!--

Franziska
Nun denn?

Just
Mein Herr versteht den Rummel. Er wei, da der Weg zu den Fruleins
durch die Kammermdchen geht:--bild ich mir ein!--Die Jungfer soll
also so gut sein--lt mein Herr bitten--und ihm sagen lassen, ob er
nicht das Vergngen haben knnte, die Jungfer auf ein Viertelstndchen
zu sprechen.

Franziska
Mich?

Just
Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.--Ja, Sie!--
Nur auf ein Viertelstndchen; aber allein, ganz allein, insgeheim,
unter vier Augen. Er htte Ihr was sehr Notwendiges zu sagen.

Franziska
Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.--Er kann nur kommen, ich werde
zu seinem Befehle sein.

Just
Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer?
So in der Dmmerung?--

Franziska
Wie meint Er das?--Sein Herr kann kommen, wenn er will--und damit
packe Er sich nur!

Just
Herzlich gern! (Will fortgehen.)

Franziska
Hr Er doch; noch auf ein Wort.--Wo sind denn die andern Bedienten des
Majors?

Just
Die andern? Dahin, dorthin, berallhin.

Franziska
Wo ist Wilhelm?

Just
Der Kammerdiener? den lt der Major reisen.

Franziska
So? Und Philipp, wo ist der?

Just
Der Jger? den hat der Herr aufzuheben gegeben.

Franziska
Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.--Aber Martin?

Just
Der Kutscher? der ist weggeritten.

Franziska
Und Fritz?

Just
Der Lufer? der ist avanciert.

Franziska
Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thringen im Winterquartiere
stand? Er war wohl noch nicht bei ihm?

Just
O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett.

Franziska
Reitknecht? Und jetzt is Er?

Just
Alles in allem; Kammerdiener und Jger, Lufer und Reitknecht.

Franziska
Das mu ich gestehen! So viele gute, tchtige Leute von sich zu
lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich mchte doch
wissen, was Sein Herr an Ihm fnde!

Just
Vielleicht findet er, da ich ein ehrlicher Kerl bin.

Franziska
Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als
ehrlich.--Wilhelm war ein andrer Mensch--Reisen lt ihn der Herr?

Just
Ja, er lt ihn--da er's nicht hindern kann.

Franziska
Wie?

Just
Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des
Herrn ganze Garderobe mit.

Franziska
Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen?

Just
Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nrnberg
weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen.

Franziska
Oh, der Spitzbube!

Just
Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und
parlieren--und scharmieren--Nicht wahr?

Franziska
Sonach htte ich den Jger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major
gewesen wre. Konnte er ihn schon nicht als Jger ntzen, so war es
doch sonst ein tchtiger Bursche.--Wem hat er ihn denn aufzuheben
gegeben?

Just
Dem Kommandanten von Spandau.

Franziska
Der Festung? Die Jagd auf den Wllen kann doch da auch nicht gro
sein.

Just
Oh, Philipp jagt auch da nicht.

Franziska
Was tut er denn?

Just
Er karrt.

Franziska
Er karrt?

Just
Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des
Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.--

Franziska
Ich erstaune, der Bsewicht!

Just
Oh, es ist ein tchtiger Kerl! Ein Jger, der funfzig Meilen in der
Runde durch Wlder und Morste alle Fusteige, alle Schleifwege kennt.
 Und schieen kann er!

Franziska
Gut, da der Major nur noch den braven Kutscher hat!

Just
Hat er ihn noch?

Franziska
Ich denke, Er sagte, Martin wre weggeritten? So wird er doch wohl
wiederkommen?

Just
Meint Sie?

Franziska
Wo ist er denn hingeritten?

Just
Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und
letztem Reitpferde--nach der Schwemme.

Franziska
Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick!

Just
Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!--Es
war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren.
So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen
Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen
sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Roarzt!

Franziska
Nun ist mir fr das Avancement des Lufers bange.

Just
Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschlger bei
einem Garnisonregimente geworden.

Franziska
Dacht ich's doch!

Just
Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals
nach Hause, machte auf des Herrn Namen berall Schulden und tausend
infame Streiche. Kurz, der Major sahe, da er mit aller Gewalt hher
wollte: (das Hngen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf
guten Weg.

Franziska
Oh, der Bube!

Just
Aber ein perfekter Lufer ist er, das ist gewi. Wenn ihm der Herr
funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner
nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte
vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.--Es waren wohl
alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der
Martin und der Fritz?--Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.)



3. Szene

(Franziska und hernach der Wirt.)


Franziska
(die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Bi!--Ich bedanke
mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die
Lehre nicht vergessen.--Ah! der unglckliche Mann! (Kehrt sich um
und will nach dem Zimmer des Fruleins gehen, indem der Wirt kmmt.)

Wirt
Warte Sie doch, mein schnes Kind.

Franziska
Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt--

Wirt
Nun ein kleines Augenblickchen!--Noch keine Nachricht weiter von dem
Herrn Major? Das konnte doch unmglich sein Abschied sein!--

Franziska
Was denn?

Wirt
Hat es Ihr das gndige Frulein nicht erzhlt?--Als ich Sie, mein
schnes Kind, unten in der Kche verlie, so kam ich von ungefhr
wieder hier in den Saal--

Franziska
Von ungefhr, in der Absicht, ein wenig zu horchen.

Wirt
Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte lt
nichts bler als Neugierde.--Ich war nicht lange hier, so prellte auf
einmal die Tre bei dem gndigen Frulein auf. Der Major strzte
heraus, das Frulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken,
in einer Stellung--so was lt sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er
ri sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"--Frulein, lassen
Sie mich!"--"Wohin?"--So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon
bange, er wrde sie mit herabreien. Aber er wand sich noch los. Das
Frulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm
nach, rang die Hnde. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem
Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem
Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir
vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich she,
aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Frulein sahe mich fr Sie an,
mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin
ich nun glcklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum:
"Bin ich nun glcklich?" Darauf wischte sie sich Trnen aus dem Auge
und lchelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun
glcklich?"--Wahrhaftig, ich wute nicht, wie mir war. Bis sie nach
ihrer Tre lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm
doch, Franziska; wer jammert dich nun?"--Und damit hinein.

Franziska
Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen getrumt.

Wirt
Getrumt? Nein, mein schnes Kind, so umstndlich trumt man nicht.--
Ja, ich wollte wieviel drum geben--ich bin nicht neugierig--aber ich
wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schlssel dazu htte.

Franziska
Den Schlssel? zu unsrer Tre? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir
haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam.

Wirt
Nicht so einen Schlssel; ich will sagen, mein schnes Kind, den
Schlssel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang
von dem, was ich gesehen.--

Franziska
Ja so!--Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt?

Wirt
Mein schnes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.


Franziska
Nun? aber nur kurz--

Wirt
Das gndige Frulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen--

Franziska
Er soll Ihnen unverloren sein.

Wirt
Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie,
ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an
den Fingern abzhlen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem
ihrigen so hnlich sah. Er ist in ihren Hnden am besten aufgehoben.
Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die
ich darauf gegeben habe, auf des gndigen Fruleins Rechnung setzen.
Nicht so recht, mein schnes Kind?



4. Szene

(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.)


Werner
Da ist er ja!

Franziska
Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig.

Wirt
Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schnes
Kind, das will ich tun.

Franziska
Alles das wird sich finden, Herr Wirt.

Werner
(der ihnen hinterwrts nher kmmt und auf einmal der Franziska auf
die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen!

Franziska
(erschrickt). He!

Werner
Erschrecke Sie nicht!--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe,
Sie ist hbsch und ist wohl gar fremd--Und hbsche fremde Leute mssen
gewarnet werden--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor
dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.)

Wirt
Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns,
willkommen!--Ah, es ist doch immer noch der lustige, spahafte,
ehrliche Werner!--Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schnes
Kind! Ha, ha, ha!

Werner
Geh Sie ihm berall aus dem Wege!

Wirt
Mir! mir!--Bin ich denn so gefhrlich?--Ha, ha, ha! Hr' Sie doch,
mein schnes Kind! Wie gefllt Ihr der Spa?

Werner
Da es doch immer Seinesgleichen fr Spa erklren, wenn man ihnen die
Wahrheit sagt.

Wirt
Die Wahrheit! ha, ha, ha!--Nicht wahr, mein schnes Kind, immer
besser! Der Mann kann spaen! Ich gefhrlich?--ich?--So vor zwanzig
Jahren war was dran. Ja, ja, mein schnes Kind, da war ich gefhrlich;
 da wute manche davon zu sagen; aber jetzt--

Werner
Oh, ber den alten Narrn!

Wirt
Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer
Gefhrlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner!


Werner
Potz Geck und kein Ende!--Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie
mir wohl zutrauen, da ich von der Gefhrlichkeit nicht rede. Der
eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafr sieben andre in ihn
gefahren--

Wirt
Oh, hr Sie doch, hr Sie doch! Wie er das nun wieder so
herumzubringen wei!--Spa ber Spa und immer was Neues! Oh, es ist
ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!--(Zur Franziska, als
ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen
von hier ein schnes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im
Kriege!--Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das
ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich
fr ihn totschlagen liee!--

Werner
Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!--
den der Major sollte totschlagen lassen.

Wirt
Wie? was?--Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spa.--Ich kein
Freund vom Herrn Major?--Nein, den Spa versteh ich nicht.

Werner
Just hat mir schne Dinge erzhlt.

Wirt
Just? Ich dacht's wohl, da Just durch Sie sprche. Just ist ein
bser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schnes Kind zur Stelle;
das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major
bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich
nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist
wahr, er hat das Unglck gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut
das? Der Knig kann nicht alle verdiente Mnner kennen, und wenn er
sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen.

Werner
Das heit Ihn Gott sprechen!--Aber Just--freilich ist an Justen auch
nicht viel Besonders, doch ein Lgner ist Just nicht; und wenn das
wahr wre, was er mir gesagt hat--

Wirt
Ich will von Justen nichts hren! Wie gesagt: das schne Kind hier
mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie wei, mein Kind, den Ring!--
Erzhl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser
kennenlernen. Und damit es nicht herauskmmt, als ob Sie mir nur zu
Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht
dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr
Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger
Verleumder ist.



5. Szene

(Paul Werner. Franziska)


Werner
Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major?

Franziska
Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann.

Werner
Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?--

Franziska
Vom Grund meines Herzens.

Werner
Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun kmmt Sie mir noch
einmal so schn vor.--Aber was sind denn das fr Dienste, die der Wirt
unserm Major will erwiesen haben?

Franziska
Ich wte eben nicht; es wre denn, da er sich das Gute zuschreiben
wollte, welches glcklicherweise aus seinem schurkischen Betragen
entstanden.

Werner
So wre es ja wahr, was mir Just gesagt hat?--(Gegen die Seite, wo der
Wirt abgegangen.) Dein Glck, da du gegangen bist!--Er hat ihm
wirklich die Zimmer ausgerumt?--So einem Manne so einen Streich zu
spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, da der Mann kein Geld
mehr habe! Der Major kein Geld?

Franziska
So? Hat der Major Geld?

Werner
Wie Heu! Er wei nicht, wieviel er hat. Er wei nicht, wer ihm alles
schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein
altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem
Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor
und in diesem Rllchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten.
Alles sein Geld!

Franziska
Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring
versetzt--

Werner
Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, da er den Bettel
hat gern wollen los sein.

Franziska
Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch
dazu von lieben Hnden hat.

Werner
Das wird's auch sein. Von lieben Hnden; ja, ja! So was erinnert
einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft
man's aus den Augen.

Franziska
Wie?

Werner
Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts
zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die
er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie
macht, fr zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an
den Finger praktiziert; er wei selbst nicht, wie es dran kmmt. Und
nicht selten gb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder
loswerden knnte.

Franziska
Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein?

Werner
Ganz gewi. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand
gehabt htte, er htte sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt.

Franziska
(beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu
werden.--Herr Freischulze oder Herr Wachmeister--

Werner
Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlgt:--Herr Wachtmeister,
hre ich am liebsten.

Franziska
Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn
Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und
bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier
warten? Ich mchte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern.

Werner
Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur;
ich plaudre auch gern; ich will warten.

Franziska
Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.)



6. Szene

(Paul Werner.)


Werner
Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!--Aber ich htte ihr doch nicht
versprechen sollen zu warten.--Denn das Wichtigste wre wohl, ich
suchte den Major auf.--Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?--
Daran kenn ich ihn.--Es fllt mir ein Schneller ein.--Als ich vor
vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin
Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, da ihr Mann dem Major
vierhundert Taler schuldig geblieben wre, die sie nicht wte, wie
sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen--ich
wollte ihr sagen, wenn ich das Geld fr mein Gtchen ausgezahlt
kriegte, da ich ihr fnfhundert Taler leihen knnte.--Denn ich mu ja
wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.--
Aber sie war ber alle Berge. Und ganz gewi wird sie dem Major nicht
haben bezahlen knnen.--Ja, so will ich's machen; und das je eher, je
lieber.--Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht belnehmen; ich kann
nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stt fast auf den Major, der
ihm entgegenkmmt.)



7. Szene

(v. Tellheim. Paul Werner)


Tellheim
So in Gedanken, Werner?

Werner
Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen
Quartiere besuchen, Herr Major.

Tellheim
Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir
nicht daran.

Werner
Das htte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur
bei Ihnen bedanken, da Sie so gut gewesen und mir die hundert
Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wre mir
wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch lnger aufheben knnten.
Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich
kennen. Wer wei, wie's da ist. Sie knnten Ihnen da gestohlen
werden, und Sie mten mir sie ersetzen; da hlfe nichts davor. Also
kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten.

Tellheim
(lchelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner?

Werner
Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht
vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen,
 Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her.
Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier
schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das brige will sie
knftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, da sie
die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig
schuldig; und weil sie dachte, ich wre gekommen, sie zu mahnen--wie's
denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem
Rllchen, das sie fr Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie knnen auch
schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine
paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.)

Tellheim
Werner!

Werner
Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr
Major!--

Tellheim
Werner!

Werner
Was fehlt Ihnen? Was rgert Sie?

Tellheim
(bitter, indem er sich vor die Stirne schlgt und mit dem Fue
auftritt). Da es--die vierhundert Taler nicht ganz sind!

Werner
Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden?

Tellheim
Eben weil ich dich verstanden habe!--Da mich doch die besten Menschen
heut am meisten qulen mssen!

Werner
Was sagen Sie?

Tellheim
Es geht dich nur zur Hlfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit
der ihm Werner die Dukaten reichet, zurckstt.)

Werner
Sobald ich das los bin!

Tellheim
Werner, wenn du nun von mir hrst, da die Marloffin heute ganz frh
selbst bei mir gewesen ist?

Werner
So?

Tellheim
Da sie mir nichts mehr schuldig ist?

Werner
Wahrhaftig?

Tellheim
Da sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn
sagen?

Werner
(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, da ich gelogen
habe, und da es eine hundsftt'sche Sache ums Lgen ist, weil man
drber ertappt werden kann.

Tellheim
Und wirst dich schmen? Aber er, der mich so zu lgen zwingt, was
sollte der? Sollte der sich nicht auch schmen? Sehen Sie, Herr
Major, wenn ich sagte, da mich Ihr Verfahren nicht verdrsse, so
htte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lgen.--

Tellheim
Sei nicht verdrielich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe
zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht.

Werner
Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und
bringen sich lieber in der Leute Muler?

Tellheim
Die Leute mgen es immer wissen, da ich nichts mehr habe. Man mu
nicht reicher scheinen wollen, als man ist.

Werner
Aber warum rmer?--Wir haben, solange unser Freund hat.

Tellheim
Es ziemt sich nicht, da ich dein Schuldner bin.

Werner
Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heien Tage, den uns die Sonne und
der Feind hei machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren
hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu
trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie
nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn
ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der
Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und
ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein,
es ist Wasser. Auch das hat Gott fr alle geschaffen.

Tellheim
Du marterst mich; du hrst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein.

Werner
Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was
anders. (Etwas rgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein?
Wenn Sie es denn aber schon wren, Herr Major? Oder sind Sie dem
Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf
spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben
losdrcken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was
knnen Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem
Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm
gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt
gedacht!

Tellheim
Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es
sagen; wenn uns ein Dritter hrte, so wre es Windbeutelei. Ich
bekenne es mit Vergngen, da ich dir zweimal mein Leben zu danken
habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, da ich bei Gelegenheit
nicht ebensoviel fr dich wrde getan haben? He!

Werner
Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe
ich Sie nicht hundertmal fr den gemeinsten Soldaten, wenn er ins
Gedrnge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen?

Tellheim
Also!

Werner
Aber--

Tellheim
Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht,
da ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein.
Nmlich in den Umstnden nicht, in welchen ich mich jetzt befinde.

Werner
So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein
andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie
selbst welches haben und ich vielleicht keines.

Tellheim
Man mu nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben wei.

Werner
Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen.

Tellheim
Du kennst die Welt!--Am wenigsten mu man sodann von einem borgen, der
sein Geld selbst braucht.

Werner
O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen
Wachtmeister ntig hat, gibt man ihm auch zu leben.

Tellheim
Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn
weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Wrdigste zurckbleiben
kann.

Werner
Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein
guter Wachtmeister und drfte leicht ein schlechter Rittmeister und
sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man.


Tellheim
Mache nicht, da ich etwas Unrechtes von dir denken mu, Werner! Ich
habe es nicht gern gehrt, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut
verkauft und willst wieder herumschwrmen. La mich nicht von dir
glauben, da du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche
Lebensart liebest, die unglcklicherweise damit verbunden ist. Man
mu Soldat sein fr sein Land oder aus Liebe zu der Sache, fr die
gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heit wie
ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts.

Werner
Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser,
was sich gehrt. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major,
nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen mu Ihre
Sache aus sein. Sie mssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir
es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen
wegen.

Tellheim
Schweig davon!

Werner
Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich
manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du
zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst
betteln gehen mssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht
betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen
letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode fttern; bei dem
wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben knnen.

Tellheim
(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht
noch?

Werner
Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn
er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's
hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.)

Tellheim
Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hlt ihn zurck.)
Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, da ich noch Geld habe;
wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, da ich dir es sagen will,
wenn ich keines mehr habe; da du der erste und einzige sein sollst,
bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden?

Werner
Mu ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major.

Tellheim
Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses
Mdchen zu sprechen--



8. Szene

(Franziska, aus dem Zimmer des Fruleins. v. Tellheim. Paul Werner.)


Franziska
(im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?--(Indem sie
den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?--Den
Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das
Zimmer.)



9. Szene

(v. Tellheim. Paul Werner.)


Tellheim
Das war sie!--Aber ich hre ja, du kennst sie, Werner?

Werner
Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.--

Tellheim
Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thringen
Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir?

Werner
Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstcke.

Tellheim
Woher kennst du sie denn also?

Werner
Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber
junge Bekanntschaft ist warm.

Tellheim
Also hast du ihr Frulein wohl auch schon gesehen?

Werner
Ist ihre Herrschaft ein Frulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten
ihre Herrschaft.

Tellheim
Hrst du nicht? aus Thringen her.

Werner
Ist das Frulein jung?

Tellheim
Ja.

Werner
Schn?

Tellheim
Sehr schn.

Werner
Reich?

Tellheim
Sehr reich.

Werner
Ist Ihnen das Frulein auch so gut wie das Mdchen? Das wre ja
vortrefflich!

Tellheim
Wie meinst du?



10. Szene

(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim.
Paul Werner.)


Franziska
Herr Major--

Tellheim
Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heien knnen.

Franziska
In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich wei, Sie sind
mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, da Sie Leute,
 die Ihnen gut sind, so ngstigen.

Werner
(vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig!

Tellheim
Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief bergeben?

Franziska
Ja, und hier bergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.)

Tellheim
Eine Antwort?--

Franziska
Nein, Ihren eignen Brief wieder.

Tellheim
Was? Sie will ihn nicht lesen?

Franziska
Sie wollte wohl, aber--wir knnen Geschriebenes nicht gut lesen.

Tellheim
Schkerin!

Franziska
Und wir denken, da das Briefschreiben fr die nicht erfunden ist, die
sich mndlich miteinander unterhalten knnen, sobald sie wollen.

Tellheim
Welcher Vorwand! Sie mu ihn lesen. Er enthlt meine Rechtfertigung--
alle die Grnde und Ursachen--

Franziska
Die will das Frulein von Ihnen selbst hren, nicht lesen.

Tellheim
Von mir selbst hren? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr
verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Gre meines
Verlusts empfinde?--

Franziska
Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie
erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen.
Sie sollen mit ihr fahren?

Tellheim
Mit ihr fahren?

Franziska
Und was geben Sie mir, so la ich Sie beide ganz allein fahren? Ich
will zu Hause bleiben.

Tellheim
Ganz allein?

Franziska
In einem schnen verschlonen Wagen.

Tellheim
Unmglich!

Franziska
Ja, ja; im Wagen mu der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns
nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr
Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein
sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht
allein. (Indem sie Wernern ansieht.)

Tellheim
Doch, Franziska, wir wren allein. Aber da das Frulein den Brief
nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen.

Franziska
So? wren wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister
keine Geheimnisse?

Tellheim
Nein, keine.

Franziska
Gleichwohl, dnkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben.

Tellheim
Wie das?

Werner
Warum das, Frauenzimmerchen?

Franziska
Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr
Wachtmeister? (Indem sie beide Hnde mit gespreizten Fingern in die
Hhe hlt.)

Werner
St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen!

Tellheim
Was heit das?

Franziska
Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring
geschwind ansteckte.)

Tellheim
Was habt ihr?

Werner
Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spa verstehn?

Tellheim
Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe,
da man ber einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen
mu?

Werner
Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen,
ich bitte--

Franziska
Nun, wenn es Spa gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen.

Tellheim
Wenn ich denn durchaus kommen mu, Franziska: so mache doch nur, da
das Frulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung
ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich
so gern vergessen mchte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief
umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, da er erbrochen
ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen.

Franziska
Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer
mu ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich
nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen,
denn der Schreiber kmmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was,
Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum
frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet.
Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie
mir gar zu brav, gar zu preuisch aus!

Tellheim
Ich danke dir, Franziska.

Franziska
Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert htten.

Tellheim
Du kannst es erraten haben.

Franziska
Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie
gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart mchte uns an dem Essen hindern;
und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, da uns nicht hungerte.


Tellheim
Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder
in ihren noch in meinen Augen verchtlich werden darf.--Komm, Werner,
du sollst mit mir essen.

Werner
An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken.

Tellheim
Bei mir auf der Stube.

Werner
So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen.


Tellheim
Das gefllt mir nicht bel! (Geht ab.)



11. Szene

(Paul Werner. Franziska.)


Franziska
Nun, Herr Wachtmeister?--

Werner
Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter
kommen?

Franziska
Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts
wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut
gegen Ihn sein mssen.--Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei,
Herr Wachtmeister!

Werner
Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die
Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl
an einem Ringe genug. Und hundert--und aberhundertmal habe ich den
Major sagen hren: "Das mu ein Schurke von einem Soldaten sein, der
ein Mdchen anfhren kann!"--So denk ich auch, Frauenzimmerchen.
Verla Sie sich darauf!--Ich mu machen, da ich ihm nachkomme.--Guten
Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.)

Franziska
Gleichfalls, Herr Wachtmeister!--Ich glaube, der Mann gefllt mir!
(Indem sie hineingehen will, kmmt ihr das Frulein entgegen.)



12. Szene

(Das Frulein. Franziska.)


Frulein
Ist der Major schon wieder fort?--Franziska, ich glaube, ich wre
jetzt schon wieder ruhig genug, da ich ihn htte hierbehalten knnen.


Franziska
Und ich will Sie noch ruhiger machen.

Frulein
Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den
ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte
mir seine Liebe.--Er wird es wohl gemerkt haben, da wir den Brief
gelesen.--Mag er doch, wenn er nur kmmt. Er kmmt doch gewi?--Blo
ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Auffhrung
zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glck nicht wollen zu danken
haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark
merken lt, Franziska--

Franziska
So wollen Sie seiner entsagen?

Frulein
Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe
Nrrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein
Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit hnlichem
Stolze ein wenig zu martern.

Franziska
Nun, da mssen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Frulein, wenn Ihnen
schon wieder Streiche beifallen.

Frulein
Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen
haben. (Sie gehen herein.)




4. Akt



1. Szene

(Die Szene: Das Zimmer des Fruleins.) (Das Frulein vllig und reich,
aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf,
den ein Bedienter abrumt.)


Franziska
Sie knnen unmglich satt sein, gndiges Frulein.

Frulein
Meinst du, Franziska? Vielleicht, da ich mich nicht hungrig
niedersetzte.

Franziska
Wir hatten ausgemacht, seiner whrend der Mahlzeit nicht zu erwhnen.
Aber wir htten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken.

Frulein
Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht.

Franziska
Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und
Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter trgt
Kaffee auf.) Hier kmmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen
kann. Der liebe melancholische Kaffee!

Frulein
Grillen? Ich mache keine. Ich denke blo der Lektion nach, die ich
ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska?

Franziska
O ja; am besten aber wre es, er ersparte sie uns.

Fralein
Du wirst sehen, da ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich
jetzt mit allen Reichtmern verweigert, wird mich der ganzen Welt
streitig machen, sobald er hrt, da ich unglcklich und verlassen bin.


Franziska
(sehr ernsthaft). Und so was mu die feinste Eigenliebe unendlich
kitzeln.

Frulein
Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit,
jetzt auf Eigenliebe.--Nun, la mich nur, liebe Franziska. Du sollst
mit deinem Wachtmeister auch machen knnen, was du willst.

Franziska
Mit meinem Wachtmeister?

Frulein
Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.--Ich habe ihn
noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt
hast, prophezeie ich dir deinen Mann.



2. Szene

(Riccaut de la Marliniere. Das Frulein. Franziska.) Riccaut (noch
innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major?


Franziska
Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Tre gehend.)

Riccaut
Parbleu! Ik bin unriktig.--Mais non--Ik bin nit unriktig--C'est sa
chambre--

Franziska
Ganz gewi, gndiges Frulein, glaubt dieser Herr, den Major von
Tellheim noch hier zu finden.

Riccaut
I so!--Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je
cherche. Ou est-il?

Franziska
Er wohnt nicht mehr hier.

Riccaut
Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit
mehr hier? Wo logier er denn?

Frulein
(die auf ihn zukmmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame--Mademoiselle--
Ihro Gnad verzeih--

Frulein
Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr
natrlich. Der Herr Major hat die Gte gehabt, mir als einer Fremden,
die nicht unterzukommen wute, sein Zimmer zu berlassen.

Raccaut
Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major!


Frulein
Wo er indes hingezogen--wahrhaftig, ich mu mich schmen, es nicht zu
wissen.

Riccaut
Ihro Gnad nit wi? C'est dommage; j'en suis fache.

Frulein
Ich htte mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden
ihn seine Freunde noch hier suchen.

Riccaut
Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad--

Frulein
Franziska, wit du es nicht?

Franziska
Nein, gndiges Frulein.

Riccaut
Ik htt ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine
Nouvelle, davon er sehr frlik sein wird.

Frulein
Ich bedauere um so viel mehr.--Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu
sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht
erfhrt, so erbiete ich mich, mein Herr--

Riccaut
Ik versteh.--Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que
je la vois!--La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez,
Mademoiselle.--

Frulein
Mein Herr--

Riccaut
Nit? Sie sprek nit Franzsisch, Ihro Gnad?

Frulein
Mein Herr, in Frankreich wrde ich es zu sprechen suchen. Aber warum
hier? Ich hre ja, da Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein
Herr, werde Sie gewi auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen
beliebt.

Riccaut
Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.--Sachez donc,
Mademoiselle--Ihro Gnad soll also wi, da ik komm von die Tafel bei
der Minister--Minister von--Minister von--wie hei der Minister da
drau?--in der lange Stra?--auf die breite Platz?--

Frulein
Ich bin hier noch vllig unbekannt.

Riccaut
Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.--Da haben ik zu Mittag
gespeisen--ik speisen a l'ordinaire bei ihm--und da i man gekommen
reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence,
car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres
entre nous--Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, da die
Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er
habe gemakt ein Rapport an den Knik, und der Knik habe darauf
resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.--Monsieur, m'a dit Son
Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont
on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait
un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous
l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu
cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien?
 Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que
ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous
autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.--Was sag Ihro
Gnad hierzu? Nit wahr, das i ein brav Mann? Ah que Son Excellence a
le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit
schon bekommen habe une Lettre de la main--eine Knikliken Handbrief,
da er heut infailliblement msse bekommen einen.

Frulein
Gewi, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim hchst
angenehm sein. Ich wnschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen
nennen zu knnen, der so viel Anteil an seinem Glcke nimmt--

Riccaut
Mein Namen wnscht Ihro Gnad?--Vous voyez en moi--Ihro Gnad seh in mik
le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la
branche de Prensd'or.--Ihro Gnad? steh verwundert, mik aus so ein
gro, gro Familie zu hren, qui est veritablement du sang Royal.--Il
faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la
maison a jamais eu.--Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire
d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Papstliken
Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen und den Staaten-
General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle,
que je voudrais n'avoir jamais vu ce pays-la! Htte man mik gela im
Dienst von den Staaten-General, so mt ik nun sein aufs wenikst
Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar
sein ein abgedankte Capitaine--

Frulein
Das ist viel Unglck.

Riccaut
Qui, Mademoiselle, me voila reforme, et par-la mis sur le pave!

Frulein
Ich beklage sehr.

Riccaut
Vous etes bien bonne, Mademoiselle.--Nein, man kenn sik hier nit auf
den Verdienst. Einen Mann wie mik su reformir! Einen Mann, der sik
nok dasu in diesem Dienst hat rouinir!--Ik haben dabei sugesetzt mehr
als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je
n'ai pas le sou, et me voila exactement vis-a-vis du rien.--

Frulein
Es tut mir ungemein leid.

Riccaut
Vous etes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein
jeder Unglck schlepp nak sik seine Bruder; qu'un malheur ne vient
jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnete-homme von mein
Extraction kann anders haben fr Ressource als das Spiel? Nun hab ik
immer gespielen mit Glck, solang ik hatte nit vonnten der Glck.
Nun ik ihr htte vonnten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui
surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag i vergangen keine, wo sie
mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je
sais bien, qu'il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi
mes pontes se trouvaient certaines dames--Ik will niks weiter sag.
Man mu sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir,
mir su geben revanche; mais--vous m'entendez, Mademoiselle.--Man mu
erst wi, wovon leben, ehe man haben kann, wovon su spielen--

Frulein
Ich will nicht hoffen, mein Herr--

Riccaut
Vous etes bien bonne, Mademoiselle--

Frulein
(nimmt die Franziska beiseite). Franziska, der Mann dauert mich im
Ernste. Ob er mir es wohl belnehmen wrde, wenn ich ihm etwas
anbte?

Franziska
Der sieht mir nicht darnach aus.

Frulein
Gut!--Mein Herr, ich hre--da Sie spielen, da Sie Bank machen; ohne
Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich mu Ihnen bekennen,
da ich--gleichfalls das Spiel sehr liebe--

Riccaut
Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d'esprit aiment
le jeu a la fureur.

Frulein
Da ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage,
der--zu spielen wei.--Wren Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in
Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu gnnen?

Riccaut
Comment, Mademoiselle, vous voulez etre de moitie avec moi? De tout
mon coeur.

Frulein
Vors erste nur mit einer Kleinigkeit--(Geht und langt Geld aus ihrer
Schatulle.)

Riccaut
Ah, Mademoiselle, que vous etes charmante!--

Frulein
Hier habe ich, was ich ohnlngst gewonnen, nur zehn Pistolen--ich mu
mich zwar schmen, so wenig--

Riccaut
Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.)

Frulein
Ohne Zweifel, da Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist--

Riccaut
Jawohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafr
interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf
ein Dreiteil sollen sein--etwas mehr. Dok mit einer schne Damen mu
man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in
liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence a bien augurer de
ma fortune.

Frulein
Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr.

Riccaut
Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike
Leut untereinander.

Frulein
Wenn wir glcklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil
schon bringen. Sind wir aber unglcklich--

Riccaut
So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad?

Frulein
Auf die Lnge drften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld
daher ja wohl, mein Herr.

Riccaut
Wofr seh mik Ihro Gnad an? Fr ein Einfalspinse? fr ein dumme
Teuf?

Frulein
Verzeihen Sie mir--

Riccaut
Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik
bin von die Ausgelernt--

Frulein
Aber doch wohl, mein Herr--

Riccaut
Je sais monter un coup--

Frulein
(verwundernd). Sollten Sie?

Riccaut
Je file la carte avec une adresse--

Frulein
Nimmermehr!

Riccaut
Je fais sauter la coupe avec une dexterite--

Frulein
Sie werden doch nicht, mein Herr?--

Riccaut
Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau a plumer, et--

Frulein
Falsch spielen? betrgen?

Riccaut
Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betrgen? Corriger la
fortune, l'enchainer sous ses doigts, etre sur de son fait, das nenn
die Deutsch betrgen? Betrgen! Oh, was ist die deutsch Sprak fr
ein arm Sprak! fr ein plump Sprak!

Frulein
Nein, mein Herr, wenn Sie so denken--

Riccaut
Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an,
wie ik spiel?--Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit
hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit--Votre tres-humble,
Mademoiselle, votre tres-humble--(Eilends ab.)

Frulein
(die ihm mit Erstaunen und Verdru nachsieht). Ich wnsche das letzte,
mein Herr, das letzte!



3. Szene

(Das Frulein. Franziska)


Franziska
(erbittert). Kann ich noch reden? O schn! o schn!

Frulein
Spotte nur; ich verdiene es. (Nach einem kleinen Nachdenken und
gelassener.) Spotte nicht, Franziska; ich verdiene es nicht.

Franziska
Vortrefflich! Da haben Sie etwas Allerliebstes getan, einen
Spitzbuben wieder auf die Beine geholfen.

Frulein
Es war einem Unglcklichen zugedacht.

Franziska
Und was das beste dabei ist: der Kerl hlt Sie fr seinesgleichen.--Oh,
ich mu ihm nach und ihm das Geld wieder abnehmen. (Will fort.)

Frulein
Franziska, la den Kaffee nicht vollends kalt werden, schenk ein.

Franziska
Er mu es Ihnen wiedergeben; Sie haben spielen. Zehn Pistolen! Sie
hrten ja, Frulein, da es ein Bettler war! (Das Frulein schenkt
indes selbst ein.) Wer wird einem Bettler so viel geben? Und ihm noch
dazu die Erniedrigung, es erbettelt zu haben, zu ersparen suchen? Den
Mildttigen, der den Bettler aus Gromut verkennen will, verkennt der
Bettler wieder. Nun mgen Sie es haben, Frulein, wenn er Ihre Gabe,
ich wei nicht wofr, ansieht.--(Und reicht der Franziska eine Tasse.)
Wollen Sie mir das Blut noch mehr in Wallung bringen? Ich mag nicht
trinken. (Das Frulein setzt sie wieder weg.) "Parbleu, Ihro Gnad,
man kenn sik hier nit auf den Verdienst." (In dem Tone des Franzosen.)
Freilich nicht, wenn man die Spitzbuben so ungehangen herumlaufen lt.


Frulein
(kalt und nachdenkend, indem sie trinkt). Mdchen, du verstehst dich
so trefflich auf die guten Menschen: aber, wenn willst du die
schlechten ertragen lernen?--Und sie sind doch auch Menschen.--Und
fters bei weitem so schlechte Menschen nicht, als sie scheinen.--Man
mu ihre gute Seite nur aufsuchen.--Ich bilde mir ein, dieser Franzose
ist nichts als eitel. Aus bloer Eitelkeit macht er sich zum falschen
Spieler; er will mir nicht verbunden scheinen, er will sich den Dank
ersparen. Vielleicht, da er nun hingeht, seine kleine Schulden
bezahlt, von dem Reste, soweit er reicht, still und sparsam lebt und
an das Spiel nicht denkt. Wenn das ist, liebe Franziska, so la ihn
Rekruten holen, wenn er will.--(Gibt ihr die Tasse.) Da, setz weg!--
Aber, sage mir, sollte Tellheim nicht schon da sein?

Franziska
Nein, gndiges Frulein, ich kann beides nicht, weder an einem
schlechten Menschen die gute, noch an einem guten Menschen die bse
Seite aufsuchen.

Frulein
Er kmmt doch ganz gewi?--

Franziska
Er sollte wegbleiben!--Sie bemerken an ihm, dem besten Manne, ein
wenig Stolz, und darum wollen Sie ihn so grausam necken?

Frulein
Kmmst du da wieder hin?--Schweig, das will ich nun einmal so. Wo du
mir diese Lust verdirbst; wo du nicht alles sagst und tust, wie wir es
abgeredet haben!--Ich will dich schon allein mit ihm lassen, und dann--
Jetzt kmmt er wohl.



4. Szene

(Paul Werner (der in einer steifen Stellung, gleichsam im Dienste,
hereintritt). Das Frulein. Franziska.)


Franziska
Nein, es ist nur sein lieber Wachtmeister.

Frulein
Lieber Wachtmeister? Auf wen bezieht sich dieses Lieber?

Franziska
Gndiges Frulein, machen Sie mir den Mann nicht verwirrt.--Ihre
Dienerin, Herr Wachtmeister; was bringen Sie uns?

Werner
(geht, ohne auf die Franziska zu achten, an das Frulein). Der Major
von Tellheim lt an das gndige Frulein von Barnhelm durch mich, den
Wachtmeister Werner, seinen untertnigen Respekt vermelden und sagen,
da er sogleich hier sein werde.

Frulein
Wo bleibt er denn?

Werner
Ihro Gnaden werden verzeihen; wir sind noch vor dem Schlage drei aus
dem Quartier gegangen, aber da hat ihn der Kriegszahlmeister
unterwegens angeredt, und weil mit dergleichen Herren des Redens immer
kein Ende ist: so gab er mir einen Wink, dem gndigen Frulein den
Vorfall zu rapportieren.

Frulein
Recht wohl, Herr Wachtmeister. Ich wnsche nur, da der
Kriegszahlmeister dem Major etwas Angenehmes mge zu sagen haben.

Werner
Das haben dergleichen Herren den Offizieren selten.--Haben Ihro Gnaden
etwas zu befehlen? (Im Begriffe wieder zu gehen.)

Franziska
Nun, wo denn schon wieder hin, Herr Wachtmeister? Htten wir denn
nichts miteinander zu plaudern?

Werner
(sachte zur Franziska und ernsthaft). Hier nicht, Frauenzimmerchen.
Es ist wider den Respekt, wider die Subordination.--Gndiges Frulein--

Frulein
Ich danke fr Seine Bemhung, Herr Wachtmeister.--Es ist mir lieb
gewesen, Ihn kennenzulernen. Franziska hat mir viel Gutes von Ihm
gesagt. (Werner macht eine steife Verbeugung und geht ab.)



5. Szene

(Das Frulein. Franziska.)


Frulein
Das ist dein Wachtmeister, Franziska?

Franziska
Wegen des spttischen Tones habe ich nicht Zeit, dieses dein nochmals
aufzumutzen.--Ja, gndiges Frulein, das ist mein Wachtmeister. Sie
finden ihn ohne Zweifel ein wenig steif und hlzern. Jetzt kam er mir
fast auch so vor. Aber ich merke wohl, er glaubte, vor Ihro Gnaden
auf die Parade ziehen zu mssen. Und wenn die Soldaten paradieren--ja
freilich scheinen sie da mehr Drechslerpuppen als Mnner. Sie sollten
ihn hingegen nur sehn und hren, wenn er sich selbst gelassen ist.

Frulein
Das mte ich denn wohl!

Franziska
Er wird noch auf dem Saale sein. Darf ich nicht gehn und ein wenig
mit ihm plaudern?

Frulein
Ich versage dir ungern dieses Vergngen. Du mut hierbleiben,
Franziska. Du mu bei unserer Unterredung gegenwrtig sein!--Es fllt
mir noch etwas bei. (Sie zieht ihren Ring vom Finger.) Da, nimm
meinen Ring, verwahre ihn, und gib mir des Majors seinen dafr.

Franziska
Warum das?

Frulein
(indem Franziska den andern Ring holt). Recht wei ich es selbst
nicht, aber mich dnkt, ich sehe so etwas voraus, wo ich ihn brauchen
knnte.--Man pocht--Geschwind gib her! (Sie steckt ihn an.) Er ist's!




6. Szene

(v. Tellheim in dem nmlichen Kleide, aber sonst so, wie es Franziska
verlangt. Das Frulein. Franziska.)


Tellheim
Gndiges Frulein, Sie werden mein Verweilen entschuldigen--

Frulein
Oh, Herr Major, so gar militrisch wollen wir es miteinander nicht
nehmen. Sie sind ja da! Und ein Vergngen erwarten, ist auch ein
Vergngen.--Nun? (indem sie ihm lchelnd ins Gesicht sieht) lieber
Tellheim, waren wir nicht vorhin Kinder?

Tellheim
Jawohl, Kinder, gndiges Frulein; Kinder, die sich sperren, wo sie
gelassen folgen sollten.

Frulein
Wir wollen ausfahren, lieber Major--die Stadt ein wenig zu besehen--,
und hernach meinem Oheim entgegen.

Tellheim
Wie?

Frulein
Sehen Sie, auch das Wichtigste haben wir einander noch nicht sagen
knnen. Ja, er trifft noch heut hier ein. Ein Zufall ist schuld, da
ich einen Tag frher ohne ihn angekommen bin.

Tellheim
Der Graf von Bruchsall? Ist er zurck?

Frulein
Die Unruhen des Krieges verscheuchten ihn nach Italien; der Friede hat
ihn wieder zurckgebracht.--Machen Sie sich keine Gedanken, Tellheim.
Besorgten wir schon ehemals das strkste Hindernis unsrer Verbindung
von seiner Seite--

Tellheim
Unserer Verbindung?

Frulein
Er ist Ihr Freund. Er hat von zu vielen zu viel Gutes von Ihnen
gehrt, um es nicht zu sein. Er brennet, den Mann von Antlitz zu
kennen, den seine einzige Erbin gewhlt hat. Er kmmt als Oheim, als
Vormund, als Vater, mich Ihnen zu bergeben.

Tellheim
Ah, Frulein, warum haben Sie meinen Brief nicht gelesen? Warum haben
Sie ihn nicht lesen wollen?

Frulein
Ihren Brief? Ja, ich erinnere mich, Sie schickten mir einen. Wie war
es denn mit diesem Briefe, Franziska? Haben wir ihn gelesen, oder
haben wir ihn nicht gelesen? Was schrieben Sie mir denn, lieber
Tellheim?--

Tellheim
Nichts, als was mir die Ehre befiehlt.

Frulein
Das ist, ein ehrliches Mdchen, die Sie liebt, nicht sitzen zu lassen.
 Freilich befiehlt das die Ehre. Gewi, ich htte den Brief lesen
sollen. Aber was ich nicht gelesen habe, das hre ich ja.

Tellheim
Ja, Sie sollen es hren--

Frulein
Nein, ich brauch es auch nicht einmal zu hren. Es versteht sich von
selbst. Sie knnten eines so hlichen Streiches fhig sein, da Sie
mich nun nicht wollten? Wissen Sie, da ich auf Zeit meines Lebens
beschimpft wre? Meine Landsmnninnen wrden mit Fingern auf mich
weisen.--"Das ist sie", wrde es heien, "das ist das Frulein von
Barnhelm, die sich einbildete, weil sie reich sei, den wackern
Tellheim zu bekommen: als ob die wackern Mnner fr Geld zu haben
wren!" So wrde es heien: denn meine Landsmnninnen sind alle
neidisch auf mich. Da ich reich bin, knnen sie nicht leugnen; aber
davon wollen sie nichts wissen, da ich auch sonst noch ein ziemlich
gutes Mdchen bin, das seines Mannes wert ist. Nicht wahr, Tellheim?

Tellheim
Ja, ja, gndiges Frulein, daran erkenne ich Ihr Landsmanninnen. Sie
werden Ihnen einen abgedankten, an seiner Ehre gekrnkten Offizier,
einen Krppel, einen Bettler, trefflich beneiden.

Frulein
Und das alles wren Sie? Ich hrte so was, wenn ich mich nicht irre,
schon heute vormittage. Da ist Bses und Gutes untereinander. Lassen
Sie uns doch jedes nher beleuchten.--Verabschiedet sind Sie? So hre
ich. Ich glaubte, Ihr Regiment sei blo untergesteckt worden. Wie
ist es gekommen, da man einen Mann von Ihren Verdiensten nicht
beibehalten?

Tellheim
Es ist gekommen, wie es kommen mssen. Die Groen haben sich
berzeugt, da ein Soldat aus Neigung fr sie ganz wenig, aus Pflicht
nicht viel mehr, aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was knnen
sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere
meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand
unentbehrlich.

Frulein
Sie sprechen, wie ein Mann sprechen mu, dem die Groen hinwiederum
sehr entbehrlich sind. Und niemals waren sie es mehr als jetzt. Ich
sage den Groen meinen groen Dank, da sie ihre Ansprche auf einen
Mann haben fahren lassen, den ich doch nur sehr ungern mit ihnen
geteilet htte.--Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen
weiter keinen Herrn.--Sie verabschiedet zu finden, das Glck htte ich
mir kaum trumen lassen!--Doch Sie sind nicht blo verabschiedet: Sie
sind noch mehr. Was sind Sie noch mehr? Ein Krppel: sagten Sie?
Nun (indem sie ihn von oben bis unten betrachtet), der Krppel ist
doch noch ziemlich ganz und gerade; scheinet doch noch ziemlich gesund
und stark.--Lieber Tellheim, wenn Sie auf den Verlust Ihrer gesunden
Gliedmaen betteln zu gehen denken: so prophezeie ich Ihnen voraus,
da Sie vor den wenigsten Tren etwas bekommen werden; ausgenommen vor
den Tren der gutherzigen Mdchen wie ich.

Tellheim
Jetzt hre ich nur das mutwillige Mdchen, liebe Minna.

Frulein
Und ich hre in Ihrem Verweise nur das Liebe Minna--Ich will nicht
mehr mutwillig sein. Denn ich besinne mich, da Sie allerdings ein
kleiner Krppel sind. Ein Schu hat Ihnen den rechten Arm ein wenig
gelhmt.--Doch alles wohl berlegt: so ist auch das so schlimm nicht.
Um soviel sichrer bin ich vor Ihren Schlgen.

Tellheim
Frulein!

Frulein
Sie wollen sagen: Aber Sie um soviel weniger vor meinen. Nun, nun,
lieber Tellheim, ich hoffe, Sie werden es nicht dazu kommen lassen.

Tellheim
Sie wollen lachen, mein Frulein. Ich beklage nur, da ich nicht
mitlachen kann.

Frulein
Warum nicht? Was haben Sie denn gegen das Lachen? Kann man denn auch
nicht lachend sehr ernsthaft sein? Lieber Major, das Lachen erhlt
uns vernnftiger als der Verdru. Der Beweis liegt vor uns. Ihre
lachende Freundin beurteilet Ihre Umstnde weit richtiger als Sie
selbst. Weil Sie verabschiedet sind, nennen Sie sich an Ihrer Ehre
gekrnkt; weil Sie einen Schu in dem Arme haben, machen Sie sich zu
einem Krppel. Ist das so recht? Ist das keine bertreibung? Und
ist es meine Einrichtung, da alle bertreibungen des Lcherlichen so
fhig sind? Ich wette, wenn ich Ihren Bettler nun vornehme, da auch
dieser ebensowenig Stich halten wird. Sie werden einmal, zweimal,
dreimal Ihre Equipage verloren haben; bei dem oder jenem Bankier
werden einige Kapitale jetzt mitschwinden; Sie werden diesen und jenen
Vorschu, den Sie im Dienste getan, keine Hoffnung haben
wiederzuerhalten: aber sind Sie darum ein Bettler? Wenn Ihnen auch
nichts briggeblieben ist, als was mein Oheim fr Sie mitbringt--

Tellheim
Ihr Oheim, gndiges Frulein, wird fr mich nichts mitbringen.

Frulein
Nichts als die zweitausend Pistolen, die Sie unsern Stnden so
gromtig vorschossen.

Tellheim
Htten Sie doch nur meinen Brief gelesen, gndiges Frulein!

Frulein
Nun ja, ich habe ihn gelesen. Aber was ich ber diesen Punkt darin
gelesen, ist mir ein wahres Rtsel. Unmglich kann man Ihnen aus
einer edlen Handlung ein Verbrechen machen wollen.--Erklren Sie mir
doch, lieber Major--

Tellheim
Sie erinnern sich, gndiges Frulein, da ich Ordre hatte, in den
mtern Ihrer Gegend die Kontribution mit der uersten Strenge bar
beizutreiben. Ich wollte mir diese Strenge ersparen und scho die
fehlende Summe selbst vor.--

Frulein
Jawohl erinnere ich mich.--Ich liebte Sie um dieser Tat willen, ohne
Sie noch gesehen zu haben.

Tellheim
Die Stnde gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei
Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen
lassen. Der Wechsel ward fr gltig erkannt, aber mir ward das
Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spttisch das Maul, als
ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklrte ihn
fr eine Bestechung, fr das Gratial der Stnde, weil ich so bald mit
ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich
nur im uersten Notfalle zu begngen Vollmacht hatte. So kam der
Wechsel aus meinen Hnden, und wenn er bezahlt wird, wird er
sicherlich nicht an mich bezahlt.--Hierdurch, mein Frulein, halte ich
meine Ehre fr gekrnkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert
haben wrde, wenn ich ihn nicht bekommen htte.--Sie sind ernsthaft,
mein Frulein? Warum lachen Sie nicht? Ha, ha, ha! Ich lache ja.

Frulein
Oh, ersticken Sie dieses Lachen, Tellheim! Ich beschwre Sie! Es ist
das schreckliche Lachen des Menschenhasses! Nein, Sie sind der Mann
nicht, den eine gute Tat reuen kann, weil sie ble Folgen fr ihn hat.
 Nein, unmglich knnen diese ble Folgen dauren! Die Wahrheit mu an
den Tag kommen. Das Zeugnis meines Oheims, aller unsrer Stnde--

Tellheim
Ihres Oheims! Ihrer Stnde! Ha, Ha, ha!

Frulein
Ihr Lachen ttet mich, Tellheim! Wenn Sie an Tugend und Vorsicht
glauben, Tellheim, so lachen Sie so nicht! Ich habe nie
frchterlicher fluchen hren, als Sie lachen.--Und lassen Sie uns das
Schlimmste setzen! Wenn man Sie hier durchaus verkennen will: so kann
man Sie bei uns nicht verkennen. Nein, wir knnen, wir werden Sie
nicht verkennen, Tellheim. Und wenn unsere Stnde die geringste
Empfindung von Ehre haben, so wei ich, was sie tun mssen. Doch ich
bin nicht klug: was wre das ntig? Bilden Sie sich ein, Tellheim,
Sie htten die zweitausend Pistolen an einem wilden Abende verloren.
Der Knig war eine unglckliche Karte fr Sie: die Dame (auf sich
weisend) wird Ihnen desto gnstiger sein.--Die Vorsicht, glauben Sie
mir, hlt den ehrlichen Mann immer schadlos; und fters schon im
voraus. Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen
sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat wrde ich nie begierig
gewesen sein, Sie kennenzulernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in
die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam blo
Ihrentwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben--ich
liebte Sie schon!--in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich
Sie auch so schwarz und hlich finden sollte als den Mohr von Venedig.
Sie sind so schwarz und hlich nicht; auch so eiferschtig werden
Sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, Sie haben doch noch viel
hnliches mit ihm! Oh, ber die wilden, unbiegsamen Mnner, die nur
immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! fr alles
andere Gefhl sich verhrten!--Hierher Ihr Auge! auf mich, Tellheim!
(Der indes vertieft und unbeweglich mit starren Augen immer auf eine
Stelle gesehen.) Woran denken Sie? Sie hren mich nicht?

Tellheim
(zerstreut). O ja! Aber sagen Sie mir doch, mein Frulein: wie kam
der Mohr in venetianische Dienste? Hatte der Mohr kein Vaterland?
Warum vermietete er seinen Arm und sein Blut einem fremden Staate?--

Frulein
(erschrocken). Wo sind Sie, Tellheim?--Nun ist es Zeit, da wir
abbrechen.--Kommen Sie! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)--
Franziska, la den Wagen vorfahren.

Tellheim
(der sich von dem Frulein losreit und der Franziska nachgeht). Nein,
Franziska, ich kann nicht die Ehre haben, das Frulein zu begleiten.--
Mein Frulein, lassen Sie mir noch heute meinen gesunden Verstand, und
beurlauben Sie mich. Sie sind auf dem besten Wege, mich darum zu
bringen. Ich stemme mich, soviel ich kann.--Aber weil ich noch bei
Verstande bin: so hren Sie, mein Frulein, was ich fest beschlossen
habe, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll.--Wenn nicht noch
ein glcklicher Wurf fr mich im Spiele ist, wenn sich das Blatt nicht
vllig wendet, wenn--

Frulein
Ich mu Ihnen ins Wort fallen, Herr Major.--Das htten wir ihm gleich
sagen sollen, Franziska. Du erinnerst mich auch an gar nichts.--Unser
Gesprch wrde ganz anders gefallen sein, Tellheim, wenn ich mit der
guten Nachricht angefangen htte, die Ihnen der Chevalier de la
Marliniere nur eben zu bringen kam.

Tellheim
Der Chevalier de la Marliniere? Wer ist das?

Franziska
Es mag ein ganz guter Mann sein, Herr Major, bis auf--

Frulein
Schweig, Franziska!--Gleichfalls ein verabschiedeter Offizier, der aus
hollndischen Diensten--

Tellheim
Ha! der Leutnant Riccaut!

Frulein
Er versicherte, da er Ihr Freund sei.

Tellheim
Ich versichere, da ich seiner nicht bin.

Frulein
Und da ihm, ich wei nicht welcher Minister, vertrauet habe, Ihre
Sache sei dem glcklichsten Ausgange nahe. Es msse ein knigliches
Handschreiben an Sie unterwegens sein--

Tellheim
Wie kmen Riccaut und ein Minister zusammen?--Etwas zwar mu in meiner
Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklrte mir der Kriegszahlmeister,
da der Knig alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret
worden, und da ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher
von hier zu gehen, als bis man mich vllig entladen habe, wieder zurck-
nehmen knne.--Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen
laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll
mich hier das uerste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren--

Frulein
Hartnckiger Mann!

Tellheim
Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre--

Frulein
Die Ehre eines Mannes wie Sie--

Tellheim
(hitzig). Nein, mein Frulein, Sie werden von allen Dingen recht gut
urteilen knnen, nur hierber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme
unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen--

Frulein
Nein, nein, ich wei wohl.--Die Ehre ist--die Ehre.

Tellheim
Kurz, mein Frulein--Sie haben mich nicht ausreden lassen.--Ich wollte
sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthlt, wenn meiner
Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein
Frulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der
Welt nicht wert zu sein. Das Frulein von Barnhelm verdienet einen
unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswrdige Liebe, die kein
Bedenken trgt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist
ein nichtswrdiger Mann, der sich nicht schmet, sein ganzes Glck
einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zrtlichkeit--

Frulein
Und das ist Ihr Ernst, Herr Major?--(Indem sie ihm pltzlich den
Rcken wendet.) Franziska!

Tellheim
Werden Sie nicht ungehalten, mein Frulein--

Frulein
(beiseite zur Franziska). Jetzt wre es Zeit! Was rtst du mir,
Franziska?--

Franziska
Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt.--

Tellheim
(der sie zu unterbrechen kmmt). Sie sind ungehalten, mein Frulein--

Frulein
(hhnisch). Ich? im geringsten nicht.

Tellheim
Wenn ich Sie weniger liebte, mein Frulein--

Frulein
(noch in diesem Tone). O gewi, es wre mein Unglck!--Und sehen Sie,
Herr Major, ich will Ihr Unglck auch nicht.--Mann mu ganz
uneigenntzig lieben.--Ebensogut, da ich nicht offenherziger gewesen
bin! Vielleicht wrde mir Ihr Mitleid gewhret haben, was mir Ihre
Liebe versagt.--(Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.)

Tellheim
Was meinen Sie damit, Frulein?

Frulein
Nein, keines mu das andere weder glcklicher noch unglcklicher
machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major;
und Sie haben zuviel Ehre, als da Sie die Liebe verkennen sollten.

Tellheim
Spotten Sie, mein Frulein?

Frulein
Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurck, mit dem Sie mir Ihre Treue
verpflichtet. (berreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen
einander nicht gekannt haben!

Tellheim
Was hre ich?

Frulein
Und das befremdet Sie?--Nehmen Sie, mein Herr.--Sie haben sich doch
wohl nicht blo gezieret?

Tellheim
(indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna
sprechen!--

Frulein
Sie knnen der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige
in keinem sein. Ihr Unglck ist wahrscheinlich; meines ist gewi.--
Leben Sie wohl! (Will fort.)

Tellheim
Wohin, liebste Minna?

Frulein
Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen
Benennung.

Tellheim
Was ist Ihnen, mein Frulein? Wohin?

Frulein
Lassen Sie mich.--Meine Trnen vor Ihnen zu verbergen, Verrter!
(Geht ab.)



7. Szene

(v. Tellheim. Franziska.)


Tellheim
Ihre Trnen? Und ich sollte sie lassen? (Will ihr nach.)

Franziska
(die ihn zurckhlt). Nicht doch, Herr Major! Sie werden ihr ja
nicht in ihr Schlafzimmer folgen wollen?

Tellheim
Ihr Unglck? Sprach sie nicht von Unglck?

Franziska
Nun freilich, das Unglck, Sie zu verlieren, nachdem--

Tellheim
Nachdem? was nachdem? Hierhinter steckt mehr. Was ist es,
Franziska? Rede, sprich--

Franziska
Nachdem sie, wollte ich sagen--Ihnen so vieles aufgeopfert.

Tellheim
Mir aufgeopfert?

Franziska
Hren Sie nur kurz.--Es ist fr Sie recht gut, Herr Major, da Sie auf
diese Art von ihr losgekommen sind.--Warum soll ich es Ihnen nicht
sagen? Es kann doch lnger kein Geheimnis bleiben.--Wir sind
entflohen!--Der Graf von Bruchsall hat das Frulein enterbt, weil sie
keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verlie, alles
verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlossen uns,
denjenigen aufzusuchen, dem wir--

Tellheim
Ich habe genug!--Komm, ich mu mich zu ihren Fen werfen.

Franziska
Was denken Sie? Gehen Sie vielmehr und danken Ihrem guten Geschicke--

Tellheim
Elende! fr wen hltst du mich?--Nein, liebe Franziska, der Rat kam
nicht aus deinem Herzen. Vergib meinem Unwillen!

Franziska
Halten Sie mich nicht lnger auf. Ich mu sehen, was sie macht. Wie
leicht knnte ihr etwas zugestoen sein.--Gehen Sie! Kommen Sie
lieber wieder, wenn Sie wiederkommen wollen. (Geht dem Frulein nach.)



8. Szene

(v. Tellheim)


Tellheim
Aber, Franziska!--Oh, ich erwarte euch hier!--Nein, das ist dringender!
--Wenn sie Ernst sieht, kann mir ihre Vergebung nicht entstehen.--Nun
brauch ich dich, ehrlicher Werner!--Nein, Minna, ich bin kein Verrter!
(Eilends ab.)




5. Akt



1. Szene

(Die Szene: Der Saal.) (v. Tellheim von der einen und Werner von der
andern Seite.)


Tellheim
Ha, Werner! ich suche dich berall. Wo steckst du?

Werner
Und ich habe Sie gesucht, Herr Major; so geht's mit dem Suchen.--Ich
bringe Ihnen gar eine gute Nachricht.

Tellheim
Ah, ich brauche jetzt nicht deine Nachrichten: ich brauche dein Geld.
Geschwind, Werner, gib mir, soviel du hast; und denn suche so viel
aufzubringen, als du kannst.

Werner
Herr Major?--Nun, bei meiner armen Seele, habe ich's doch gesagt: er
wird Geld von mir borgen, wenn er selber welches zu verleihen hat.

Tellheim
Du suchst doch nicht Ausflchte?

Werner
Damit ich ihm nichts vorzuwerfen habe, so nimmt er mir's mit der
Rechten und gibt mir's mit der Linken wieder.

Tellheim
Halte mich nicht auf, Werner!--Ich habe den guten Willen, dir es
wiederzugeben, aber wenn und wie?--Das wei Gott!

Werner
Sie wissen es also noch nicht, da die Hofstaatskasse Ordre hat, Ihnen
Ihre Gelder zu bezahlen? Eben erfuhr ich es bei--

Tellheim
Was plauderst du? Was lssest du dir weismachen? Begreifst du denn
nicht, da, wenn es wahr wre, ich es doch wohl am ersten wissen
mte?--Kurz, Werner, Geld! Geld!

Werner
Je nu, mit Freuden! hier ist was!--das sind die hundert Louisdor und
das die hundert Dukaten. / (gibt ihm beides.)

Tellheim
Die hundert Louisdor, Werner, geh und bringe Justen. Er soll sogleich
den Ring wieder einlsen, den er heute frh versetzt hat.--Aber wo
wirst du mehr hernehmen, Werner?--Ich brauche weit mehr.

Werner
Dafr lassen Sie mich sorgen.--Der Mann, der mein Gut gekauft hat,
wohnt in der Stadt. Der Zahlungstermin wre zwar erst in vierzehn
Tagen, aber das Geld liegt parat, und ein halb Prozentchen Abzug--

Tellheim
Nun ja, lieber Werner!--Siehst du, da ich meine einzige Zuflucht zu
dir nehme?--Ich mu dir auch alles vertrauen. Das Frulein hier--du
hast sie gesehn--ist unglcklich--

Werner
O Jammer!

Tellheim
Aber morgen ist sie meine Frau--

Werner
O Freude!

Tellheim
Und bermorgen geh ich mit ihr fort. Ich darf fort, ich will fort.
Lieber hier alles im Stiche gelassen! Wer wei, wo mir sonst ein
Glck aufgehoben ist. Wenn du willst, Werner, so komm mit. Wir
wollen wieder Dienste nehmen.

Werner
Wahrhaftig?--Aber doch wo's Krieg gibt, Herr Major?

Tellheim
Wo sonst?--Geh, lieber Werner, wir sprechen davon weiter.

Werner
O Herzensmajor!--bermorgen? Warum nicht lieber morgen?--Ich will
schon alles zusammenbringen--In Persien, Herr Major, gibt's einen
trefflichen Krieg; was meinen Sie?

Tellheim
Wir wollen das berlegen; geh nur, Werner!--

Werner
Juchhe! es lebe der Prinz Heraklius! (Geht ab.)



2. Szene

(v. Tellheim)


Tellheim
Wie is mir?--Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein
eignes Unglck schlug mich nieder, machte mich rgerlich, kurzsichtig,
schchtern, lssig: ihr Unglck hebt mich empor, ich sehe wieder frei
um mich und fhle mich willig und stark, alles fr sie zu unternehmen--
Was verweile ich? (Will nach dem Zimmer des Fruleins, aus dem ihm
Franziska entgegenkmmt.)



3. Szene

(Franziska. v. Tellheim.)


Franziska
Sind Sie es doch?--Es war mir, als ob ich Ihre Stimme hrte.--Was
wollen Sie, Herr Major?

Tellheim
Was ich will?--Was macht dein Frulein?--Komm!--

Franziska
Sie will den Augenblick ausfahren.

Tellheim
Und allein? ohne mich? wohin?

Franziska
Haben Sie vergessen, Herr Major?--

Tellheim
Bist du nicht klug, Franziska?--Ich habe sie gereizt, und sie ward
empfindlich: ich werde sie um Vergebung bitten, und sie wird mir
vergeben.

Franziska
Wie?--Nachdem Sie den Ring zurckgenommen, Herr Major?

Tellheim
Ha!--Das tat ich in der Betubung.--Jetzt denk ich erst wieder an den
Ring.--Wo habe ich ihn hingesteckt?--(Er sucht ihn.) Hier ist er.

Franziska
Ist er das? (Indem er ihn wieder einsteckt, beiseite.) Wenn er ihn
doch genauer besehen wollte!

Tellheim
Sie drang mir ihn auf mit einer Bitterkeit--Ich habe diese Bitterkeit
schon vergessen. Ein volles Herz kann die Worte nicht wgen.--Aber
sie wird sich auch keinen Augenblick weigern, den Ring wieder
anzunehmen.--Und habe ich nicht noch ihren?

Franziska
Den erwartet sie dafr zurck.--Wo haben Sie ihn denn, Herr Major?
Zeigen Sie mir ihn doch.

Tellheim
(etwas verlegen). Ich habe--ihn anzustecken vergessen.--Just--Just
wird mir ihn gleich nachbringen.

Franziska
Es ist wohl einer ziemlich wie der andere; lassen Sie mich doch diesen
sehen; ich sehe so was gar zu gern.

Tellheim
Ein andermal, Franziska. Jetzt komm--Franziska (beiseite). Er will
sich durchaus nicht aus seinem Irrtume bringen lassen.

Tellheim
Was sagst du? Irrtume?

Franziska
Es ist ein Irrtum, sag ich, wenn Sie meinen, da das Frulein doch
noch eine gute Partie sei. Ihr eigenes Vermgen ist gar nicht
betrchtlich; durch ein wenig eigenntzige Rechnungen knnen es ihr
die Vormnder vllig zu Wasser machen. Sie erwartete alles von dem
Oheim, aber dieser grausame Oheim--

Tellheim
La ihn doch!--Bin ich nicht Manns genug, ihr einmal alles zu
ersetzen?--

Franziska
Hren Sie? Sie klingelt; ich mu herein.

Tellheim
Ich gehe mit dir.

Franziska
Um des Himmels willen nicht! Sie hat mir ausdrcklich verboten, mit
Ihnen zu sprechen. Kommen Sie wenigstens mir erst nach.--(Geht herein.)



4. Szene

(v. Tellheim ihr nachrufend.) Melde mich ihr!--Sprich fr mich,
Franziska!--Ich folge dir sogleich!--Was werde ich ihr sagen?--Wo das
Herz reden darf, braucht es keiner Vorbereitung.--Das einzige mchte
eine studierte Wendung bedrfen: ihre Zurckhaltung, ihre
Bedenklichkeit, sich als unglcklich in meine Arme zu werfen; ihre
Beflissenheit, mir ein Glck vorzuspiegeln, das sie durch mich
verloren hat. Dieses Mitrauen in meine Ehre, in ihren eigenen Wert
vor ihr selbst zu entschuldigen, vor ihr selbst--Vor mir ist es schon
entschuldiget!--Ha! hier kmmt sie.--



5. Szene

(Das Frulein. Franziska. v. Tellheim.)


Frulein
(im Heraustreten, als ob sie den Major nicht gewahr wrde). Der Wagen
ist doch vor der Tre, Franziska?--Meinen Fcher!

Tellheim
(auf sie zu). Wohin, mein Frulein?

Frulein
(mit einer affektierten Klte). Aus, Herr Major.--Ich errate, warum
Sie sich nochmals herbemhet haben: mir auch meinen Ring wieder
zurckzugeben.--Wohl, Herr Major; haben Sie nur die Gte, ihn der
Franziska einzuhndigen.--Franziska, nimm dem Herrn Major den Ring ab!
--Ich habe keine Zeit zu verlieren. (Will fort.)

Tellheim
(der ihr vortritt). Mein Frulein!--Ah, was habe ich erfahren, mein
Frulein! Ich war so vieler Liebe nicht wert.

Frulein
So, Franziska? Du hast dem Herrn Major--

Franziska
Alles entdeckt.

Tellheim.
Zrnen Sie nicht auf mich, mein Frulein. Ich bin kein Verrter. Sie
haben um mich in den Augen der Welt viel verloren, aber nicht in den
meinen. In meinen Augen haben Sie unendlich durch diesen Verlust
gewonnen. Er war Ihnen noch zu neu; Sie frchteten, er mchte einen
allzu nachteiligen Eindruck auf mich machen; Sie wollten mir ihn vors
erste verbergen. Ich beschwere mich nicht ber dieses Mitrauen. Es
entsprang aus dem Verlangen, mich zu erhalten. Dieses Verlangen ist
mein Stolz! Sie fanden mich selbst unglcklich; und Sie wollten
Unglck nicht mit Unglck hufen. Sie konnten nicht vermuten, wie
sehr mich Ihr Unglck ber das meinige hinaussetzen wrde.

Frulein
Alles recht gut, Herr Major! Aber es ist nun einmal geschehen. Ich
habe Sie Ihrer Verbindlichkeit erlassen; Sie haben durch Zurcknehmung
des Ringes--

Tellheim
In nichts gewilliget!--Vielmehr halte ich mich jetzt fr gebundener
als jemals.--Sie sind die Meinige, Minna, auf ewig die Meinige.
(Zieht den Ring heraus.) Hier, empfangen Sie es zum zweiten Male, das
Unterpfand meiner Treue--

Frulein
Ich diesen Ring wiedernehmen? diesen Ring?

Tellheim
Ja, liebste Minna, ja!

Frulein
Was muten Sie mir zu? diesen Ring?

Tellheim
Diesen Ring nahmen Sie das erstemal aus meiner Hand, als unser beider
Umstnde einander gleich und glcklich waren. Sie sind nicht mehr
glcklich, aber wiederum einander gleich. Gleichheit ist immer das
festeste Band der Liebe.--Erlauben Sie, liebste Minna!--(Ergreift ihre
Hand, um ihr den Ring anzustecken.)

Frulein
Wie? mit Gewalt, Herr Major?--Nein, da ist keine Gewalt in der Welt,
die mich zwingen soll, diesen Ring wieder anzunehmen!--Meinen Sie etwa,
 da es mir an einem Ringe fehlt?--Oh, Sie sehen ja wohl (auf ihren
Ring zeigend), da ich hier noch einen habe, der Ihrem nicht das
geringste nachgibt?--

Franziska
Wenn er es noch nicht merkt!--

Tellheim
(indem er die Hand des Fruleins fahren lt). Was ist das?--Ich sehe
das Frulein von Barnhelm, aber ich hre es nicht.--Sie zieren sich,
mein Frulein.--Vergeben Sie, da ich Ihnen dieses Wort nachbrauche.

Frulein
(in ihrem wahren Tone). Hat Sie dieses Wort beleidiget, Herr, Major?

Tellheim
Es hat mir weh getan.

Frulein
(gerhrt). Das sollte es nicht, Tellheim.--Verzeihen Sie mir,
Tellheim.

Tellheim
Ha, dieser vertrauliche Ton sagt mir, da Sie wieder zu sich kommen,
mein Frulein, da Sie mich noch lieben, Minna.--

Franziska
(herausplatzend). Bald wre der Spa auch zu weit gegangen.--

Frulein
(gebieterisch). Ohne dich in unser Spiel zu mengen, Franziska, wenn
ich bitten darf!

Franziska
(beiseite und betroffen). Noch nicht genug?

Frulein
Ja, mein Herr, es wre weibliche Eitelkeit, mich kalt und hhnisch zu
stellen. Weg damit! Sie verdienen es, mich ebenso wahrhaft zu finden,
als Sie selbst sind.--Ich liebe Sie noch, Tellheim, ich liebe Sie
noch, aber demohngeachtet--

Tellheim
Nicht weiter, liebste Minna, nicht weiter! (Ergreift ihre Hand
nochmals, ihr den Ring anzustecken.)

Frulein
(die ihre Hand zurckzieht). Demohngeachtet--um so viel mehr werde
ich dieses nimmermehr geschehen lassen; nimmermehr!--Wo denken Sie hin,
Herr Major?--Ich meinte, Sie htten an Ihrem eigenen Unglcke genug.--
Sie mssen hierbleiben; Sie mssen sich die allervollstndigste
Genugtuung--ertrotzen. Ich wei in der Geschwindigkeit kein ander
Wort.--Ertrotzen--und sollte Sie auch das uerste Elend, vor den
Augen Ihrer Verleumder, darber verzehren!

Tellheim
So dacht' ich, so sprach ich, als ich nicht wute, was ich dachte und
sprach. rgernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt;
die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glckes konnte sich
darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid,
die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und
alle Zugnge meiner Seele den Eindrcken der Zrtlichkeit wiederum
ffnet. Der Trieb der Selbsterhaltung erwacht, da ich etwas
Kostbarers zu erhalten habe als mich und es durch mich zu erhalten
habe. Lassen Sie mich, mein Frulein, das Wort Mitleid nicht
beleidigen. Von der unschuldigen Ursache unsers Unglcks knnen wir
es ohne Erniedrigung hren. Ich bin diese Ursache; durch mich, Minna,
verlieren Sie Freunde und Anverwandte, Vermgen und Vaterland. Durch
mich, in mir mssen Sie alles dieses wiederfinden, oder ich habe das
Verderben der Liebenswrdigsten Ihres Geschlechts auf meiner Seele.
Lassen Sie mich keine Zukunft denken, wo ich mich selbst hassen mte.
--Nein, nichts soll mich hier lnger halten. Von diesem Augenblicke an
will ich dem Unrechte, das mir hier widerfhrt, nichts als Verachtung
entgegensetzen. Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne
auf? Wo darf ich nicht hinkommen? Welche Dienste wird man mir
verweigern? Und mte ich sie unter dem entferntesten Himmel suchen:
folgen Sie mir nur getrost, liebste Minna; es soll uns an nichts
fehlen.--Ich habe einen Freund, der mich gern untersttzet.



6. Szene

(Ein Feldjger. v. Tellheim. Das Frulein. Franziska.)


Franziska
(indem sie den Feldjger gewahr wird). St! Herr Major--

Tellheim
(gegen den Feldjger). Zu wem wollen Sie?

Feldjger
Ich suche den Herrn Major von Tellheim.--Ah, Sie sind es ja selbst.
Mein Herr Major, dieses knigliche Handschreiben (das er aus seiner
Brieftasche nimmt) habe ich an Sie zu bergeben.

Tellheim
An mich?

Feldjger
Zufolge der Aufschrift--

Frulein
Franziska, hrst du?--Der Chevalier hat doch wahr geredet!

Feldjger
(indem Tellheim den Brief nimmt). Ich bitte um Verzeihung, Herr Major;
Sie htten es bereits gestern erhalten sollen, aber es ist mir nicht
mglich gewesen, Sie auszufragen. Erst heute auf der Parade habe ich
Ihre Wohnung von dem Leutnant Riccaut erfahren.

Franziska
Gndiges Frulein, hren Sie?--Das ist des Chevaliers Minister.--"Wie
heien der Minister da drau auf die breite Platz?"--

Tellheim
Ich bin Ihnen fr Ihre Mhe sehr verbunden.

Feldjger
Es ist meine Schuldigkeit, Herr Major. (Geht ab.)



7. Szene

(v. Tellheim. Das Frulein. Franziska.)


Tellheim
Ah, mein Frulein, was habe ich hier? Was enthlt dieses Schreiben?

Frulein.
Ich bin nicht befugt, meine Neugierde so weit zu erstrecken.

Tellheim
Wie? Sie trennen mein Schicksal noch von dem Ihrigen?--Aber warum
steh ich an, es zu erbrechen?--Es kann mich nicht unglcklicher machen,
als ich bin; nein, liebste Minna, es kann uns nicht unglcklicher
machen--wohl aber glcklicher!--Erlauben Sie, mein Frulein!
(Erbricht und lieset den Brief, indes da der Wirt an die Szene
geschlichen kmmt.)



8. Szene

(Der Wirt. Die Vorigen.)


Wirt
(gegen die Franziska). Bst! mein schnes Kind! auf ein Wort!

Franziska
(die sich ihm nhert). Herr Wirt?--Gewi, wir wissen selbst noch
nicht, was in dem Briefe steht.

Wirt
Wer will vom Briefe wissen?--Ich komme des Ringes wegen. Das gndige
Frulein mu mir ihn gleich wiedergeben. Just ist da, er soll ihn
wieder einlsen.

Frulein
(das sich indes gleichfalls dem Wirte genhert). Sagen Sie Justen nur,
da er schon eingelset sei; und sagen Sie ihm nur, von wem; von mir.


Wirt
Aber--

Frulein
Ich nehme alles auf mich; gehen Sie doch! (Der Wirt geht ab.)



9. Szene

(v. Tellheim. Das Frulein. Franziska.)


Franziska
Und nun, gndiges Frulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein.


Frulein
Oh, ber die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst
bald lsen mte.

Tellheim
(nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Rhrung). Ha! er hat sich
auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Frulein, welche Gerechtigkeit!--
welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene!
--Mein Glck, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich trume
doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals
zu berzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wnsche!--Lesen Sie selbst,
 mein Frulein, lesen Sie selbst!

Frulein
Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major.

Tellheim
Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er
enthlt--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie mssen ihn lesen;
lesen Sie doch!

Frulein
Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den
Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu
wissen, da der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu
Eurem Vorteil aufgeklret hat. Mein Bruder war des nhern davon
unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch fr mehr als unschuldig
erklret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewuten Wechsel
wieder auszuliefern und die getanen Vorschsse zu bezahlen; auch habe
ich befohlen, da alles, was die Feldkriegskassen wider Eure
Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure
Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich mchte nicht gern
einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer
wohlaffektionierter Knig" etc.

Tellheim
Nun, was sagen Sie hierzu, mein Frulein?

Frulein
(indem sie den Brief wieder zusammenschlgt und zurckgibt). Ich?
Nichts.

Tellheim
Nichts?

Frulein
Doch ja: da Ihr Knig, der ein groer Mann ist, auch wohl ein guter
Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein Knig.

Tellheim
Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Rcksicht auf uns selbst?

Frulein
Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant,
Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen.

Tellheim
Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glck so viel
zurckgibt, als genug ist, die Wnsche eines vernnftigen Mannes zu
befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst
noch jemanden wieder zugehren soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei
mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Groen sind gefhrlich
und lohnen der Mhe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie
kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Mnnern nichts
als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich
selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich
ward Soldat aus Parteilichkeit, ich wei selbst nicht fr welche
politische Grundstze, und aus der Grille, da es fr jeden ehrlichen
Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um
sich mit allem, was Gefahr heit, vertraulich zu machen und Klte und
Entschlossenheit zu lernen. Nur die uerste Not htte mich zwingen
knnen, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen
Beschftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr
zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein
ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen,
liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft
unvernderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und
sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten
bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen,
dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glckliches Paar. Da wollen
wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Frulein?
(Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Rhrung zu verbergen
sucht.)

Frulein
(sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glck so
reizend darzustellen, dem ich entsagen mu. Mein Verlust--

Tellheim
Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna
verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das seste,
lieblichste, holdseligste, beste Geschpf unter der Sonne, ganz Gte
und Gromut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner
Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser!
Minna wre sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren mte,
den ich nicht lieben knnte. (Ergreift ihre Hand, sie zu kssen.)

Frulein
(die ihre Hand zurckzieht). Nicht so, mein Herr!--(Wie auf einmal so
verndert?--Ist dieser schmeichelnde, strmische Liebhaber der kalte
Tellheim?--Konnte nur sein wiederkehrendes Glck ihn in dieses Feuer
setzen?--Er erlaube mir, da ich bei seiner fliegenden Hitze fr uns
beide berlegung behalte.--Als er selbst berlegen konnte, hrte ich
ihn sagen, es sei eine nichtswrdige Liebe, die kein Bedenken trage,
ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.--Recht, aber ich bestrebe
mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.--Jetzt, da ihn die
Ehre ruft, da sich ein groer Monarch um ihn bewirbt, sollte ich
zugeben, da er sich verliebten Trumereien mit mir berliee? da
der ruhmvolle Krieger in einen tndelnden Schfer ausarte?--Nein, Herr
Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals--)

Tellheim
Nun wohl! Wenn Ihnen die groe Welt reizender ist, Minna--wohl! so
behalte uns die groe Welt!--Wie klein, wie armselig ist diese groe
Welt!--Sie kennen sie nur erst von ihrer Flitterseite. Aber gewi,
Minna, Sie werden--Es sei! Bis dahin, wohl! Es soll Ihren
Vollkommenheiten nicht an Bewundrern fehlen, und meinem Glcke wird es
nicht an Neidern gebrechen.

Frulein
Nein, Tellheim, so ist es nicht gemeint! Ich weise Sie in die groe
Welt, auf die Bahn der Ehre zurck, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen.
--Dort braucht Tellheim eine unbescholtene Gattin! Ein schsisches
verlaufenes Frulein, das sich ihm an den Kopf geworfen--

Tellheim
(auffahrend und wild um sich sehend). Wer darf so sprechen?--Ah,
Minna, ich erschrecke vor mir selbst, wenn ich mir vorstelle, da
jemand anders dieses gesagt htte als Sie. Meine Wut gegen ihn wrde
ohne Grenzen sein.

Frulein
Nun da! Das eben besorge ich. Sie wrden nicht die geringste
Sptterei ber mich dulden, und doch wrden Sie tglich die bittersten
einzunehmen haben.--Kurz, hren Sie also, Tellheim, was ich fest
beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll--

Tellheim
Ehe Sie ausreden, Frulein--ich beschwre Sie, Minna!--berlegen Sie
es noch einen Augenblick, da Sie mir das Urteil ber Leben und Tod
sprechen!--

Frulein
Ohne weitere berlegung!--So gewi ich Ihnen den Ring zurckgegeben,
mit welchem Sie mir ehemals Ihre Treue verpflichtet, so gewi Sie
diesen nmlichen Ring zurckgenommen: so gewi soll die unglckliche
Barnhelm die Gattin des glcklichern Tellheims nie werden!

Tellheim
Und hiermit brechen Sie den Stab, Frulein?

Frulein
Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe.--Die glckliche
Barnhelm wnschte, nur fr den glcklichen Tellheim zu leben. Auch
die unglckliche Minna htte sich endlich berreden lassen, das
Unglck ihres Freundes durch sich, es sei zu vermehren oder zu lindern.
--Er bemerkte es ja wohl, ehe dieser Brief ankam, der alle Gleichheit
zwischen uns wieder aufhebt, wie sehr zum Schein ich mich nur noch
weigerte.

Tellheim
Ist das wahr, mein Frulein?--Ich danke Ihnen, Minna, da Sie den Stab
noch nicht gebrochen.--Sie wollen nur den unglcklichen Tellheim? Er
ist zu haben. (Kalt.) Ich empfinde eben, da es mir unanstndig ist,
diese spte Gerechtigkeit anzunehmen, da es besser sein wird, wenn
ich das, was man durch einen so schimpflichen Verdacht entehrt hat,
gar nicht wiederverlange.--Ja, ich will den Brief nicht bekommen haben.
Das sei alles, was ich darauf antworte und tue! (Im Begriffe, ihn
zu zerreien.)

Frulein
(das ihm in die Hnde greift). Was wollen Sie, Tellheim?

Tellheim
Sie besitzen.

Frulein
Halten Sie!

Tellheim
Frulein, er ist unfehlbar zerrissen, wenn Sie nicht bald sich anders
erklren.--Alsdann wollen wir doch sehen, was Sie noch wider mich
einzuwenden haben!

Frulein
Wie? In diesem Tone?--So soll ich, so mu ich in meinen eigenen Augen
verchtlich werden? Nimmermehr! Es ist eine nichtswrdige Kreatur,
die sich nicht schmet, ihr ganzes Glck der blinden Zrtlichkeit
eines Mannes zu verdanken!

Tellheim
Falsch, grundfalsch!

Frulein
Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in meinem Munde zu schelten?

Tellheim
Sophistin! So entehrt sich das schwchere Geschlecht durch alles, was
dem strkern nicht ansteht? So soll sich der Mann alles erlauben, was
dem Weibe geziemet? Welches bestimmte die Natur zur Sttze des
andern?

Frulein
Beruhigen Sie sich, Tellheim!--Ich werde nicht ganz ohne Schutz sein,
wenn ich schon die Ehre des Ihrigen ausschlagen mu. So viel mu mir
immer noch werden, als die Not erfordert. Ich habe mich bei unserm
Gesandten melden lassen. Er will mich noch heute sprechen.
Hoffentlich wird er sich meiner annehmen. Die Zeit verfliet.
Erlauben Sie, Herr Major--

Tellheim
Ich werde Sie begleiten, gndiges Frulein.--

Frulein
Nicht doch, Herr Major, lassen Sie mich--

Tellheim
Eher soll Ihr Schatten Sie verlassen! Kommen Sie nur, mein Frulein,
wohin Sie wollen, zu wem Sie wollen. berall, an Bekannte und
Unbekannte, will ich es erzhlen, in Ihrer Gegenwart des Tages
hundertmal erzhlen, welche Bande Sie an mich verknpfen, aus welchem
grausamen Eigensinne Sie diese Bande trennen wollen--



10. Szene

(Just. Die Vorigen.)


Just
(mit Ungestm). Herr Major! Herr Major!

Tellheim
Nun?

Just
Kommen Sie doch geschwind, geschwind!

Tellheim
Was soll ich? Zu mir her! Sprich, was ist's?

Just
Hren Sie nur--(Redet ihm heimlich ins Ohr.)

Frulein
(indes beiseite zur Franziska). Merkst du was, Franziska?

Franziska
Oh, Sie Unbarmherzige! Ich habe hier gestanden wie auf Kohlen!

Tellheim
(zu Justen). Was sagst du?--Das ist nicht mglich!--Sie? (Indem er
das Frulein wild anblickt.)--sag es laut; sag es ihr ins Gesicht!--
Hren Sie doch, mein Frulein!--

Just
Der Wirt sagt, das Frulein von Barnhelm habe den Ring, welchen ich
bei ihm versetzt, zu sich genommen; sie habe ihn fr den ihrigen
erkannt und wolle ihn nicht wieder herausgeben.--

Tellheim
Ist das wahr, mein Frulein?--Nein, das kann nicht wahr sein!

Frulein
(lchelnd). Und warum nicht, Tellheim?--Warum kann es nicht wahr
sein?

Tellheim
(heftig). Nun, so sei es wahr!--Welch schreckliches Licht, das mir
auf einmal aufgegangen!--Nun erkenne ich Sie, die Falsche, die
Ungetreue!

Frulein
(erschrocken). Wer? wer ist diese Ungetreue?

Tellheim
Sie, die ich nicht mehr nennen will!

Frulein
Tellheim!

Tellheim
Vergessen Sie meinen Namen!--Sie kamen hierher, mit mir zu brechen.
Es ist klar!--Da der Zufall so gern dem Treulosen zustatten kmmt!
Er fhrte Ihnen Ihren Ring in die Hnde. Ihre Arglist wute mir den
meinigen zuzuschanzen.

Frulein
Tellheim, was fr Gespenster sehen Sie! Fassen Sie sich doch, und
hren Sie mich.

Franziska
(vor sich). Nun mag sie es haben!



11. Szene

(Werner mit einem Beutel Gold. v. Tellheim. (Das Frulein.
Franziska. Just.)


Werner
Hier bin ich schon, Herr Major!--

Tellheim
(ohne ihn anzusehen). Wer verlangt dich?--

Werner
Hier ist Geld! tausend Pistolen!

Tellheim
Ich will sie nicht!

Werner
Morgen knnen Sie, Herr Major, ber noch einmal so viel befehlen.

Tellheim
Behalte dein Geld!

Werner
Es ist ja Ihr Geld, Herr Major.--Ich glaube, Sie sehen nicht, mit wem
Sie sprechen?

Tellheim
Weg damit! sag ich.

Werner
Was fehlt Ihnen?--Ich bin Werner.

Tellheim
Alle Gte ist Verstellung, alle Dienstfertigkeit Betrug.

Werner
Gilt das mir?

Tellheim
Wie du willst!

Werner
Ich habe ja nur Ihren Befehl vollzogen.--

Tellheim
So vollziehe auch den und packe dich!

Werner
Herr Major! (rgerlich) ich bin ein Mensch--

Tellheim
Da bist du was Rechts!

Werner
Der auch Galle hat--

Tellheim
Gut! Galle ist noch das Beste, was wir haben.

Werner
Ich bitte Sie, Herr Major--

Tellheim
Wievielmal soll ich dir es sagen? Ich brauche dein Geld nicht!

Werner
(zornig). Nun, so brauch es, wer da will! (Indem er ihm den Beutel
vor die Fe wirft und beiseite geht.)

Frulein
(zur Franziska). Ah, liebe Franziska, ich htte dir folgen sollen.
Ich habe den Scherz zu weit getrieben.--Doch er darf mich ja nur hren
--(Auf ihn zugehend.)

Franziska
(die, ohne dem Frulein zu antworten, sich Wernern nhert). Herr
Wachtmeister!--

Werner
(mrrisch). Geh Sie!--

Franziska
Hu! was sind das fr Mnner!

Frulein
Tellheim!--Tellheim! (Der vor Wut an den Fingern naget, das Gesicht
wegwendet und nichts hret.)--Nein, das ist zu arg!--Hren Sie mich
doch!--Sie betrgen sich!--Ein bloes Miverstndnis--Tellheim!--Sie
wollen Ihre Minna nicht hren?--Knnen Sie einen solchen Verdacht
fassen?--Ich mit Ihnen brechen wollen?--Ich darum hergekommen?--
Tellheim!



12. Szene

(Zwei Bediente nacheinander, von verschiedenen Seiten ber den Saal
laufend. Die Vorigen.)


eine Bediente
Gndiges Frulein, Ihro Exzellenz, der Graf!--

andere Bediente
Er kmmt, gndiges Frulein!--

Franziska
(die ans Fenster gelaufen). Er ist es! er ist es!

Frulein
Ist er's?--Oh, nun geschwind, Tellheim--

Tellheim
(auf einmal zu sich selbst kommend). Wer? wer kmmt? Ihr Oheim,
Frulein? dieser grausame Oheim?--Lassen Sie ihn nur kommen, lassen
Sie ihn nur kommen!--Frchten Sie nichts! Er soll Sie mit keinem
Blicke beleidigen drfen! Er hat es mit mir zu tun.--Zwar verdienen
Sie es um mich nicht--

Frulein
Geschwind umarmen Sie mich, Tellheim, und vergessen Sie alles--

Tellheim
Ha, wenn ich wte, da Sie es bereuen knnten!--

Frulein
Nein, ich kann es nicht bereuen, mir den Anblick Ihres ganzen Herzens
verschafft zu haben!--Ah, was sind Sie fr ein Mann!--Umarmen Sie Ihre
Minna, Ihre glckliche Minna; aber durch nichts glcklicher als durch
Sie! (Sie fllt ihm in die Arme.) Und nun, ihm entgegen!--

Tellheim
Wem entgegen?

Frulein
Dem besten Ihrer unbekannten Freunde.

Tellheim
Wie?

Frulein
Dem Grafen, meinem Oheim, meinem Vater, Ihrem Vater--Meine Flucht,
sein Unwille, meine Enterbung--hren Sie denn nicht, da alles
erdichtet ist?--Leichtglubiger Ritter!

Tellheim
Erdichtet?--Aber der Ring? der Ring?

Frulein
Wo haben Sie den Ring, den ich Ihnen zurckgegeben?

Tellheim
Sie nehmen ihn wieder?--Oh, so bin ich glcklich!--Hier, Minna!--(Ihn
herausziehend.)

Frulein
So besehen Sie ihn doch erst!--Oh, ber die Blinden, die nicht sehen
wollen!--Welcher Ring ist es denn? Den ich von Ihnen habe, oder den
Sie von mir?--Ist es denn nicht eben der, den ich in den Hnden des
Wirts nicht lassen wollen?

Tellheim
Gott! was seh ich? was hr ich?

Frulein
Soll ich ihn nun wiedernehmen? soll ich?--Geben Sie her, geben Sie
her! (Reit ihn ihm aus der Hand und steckt ihn ihm selbst an den
Finger.) Nun? ist alles richtig?

Tellheim
Wo bin ich?--(Ihre Hand kssend.) O boshafter Engel!--mich so zu
qulen!

Frulein
Dieses zur Probe, mein lieber Gemahl, da Sie mir nie einen Streich
spielen sollen, ohne da ich Ihnen nicht gleich darauf wieder einen
spiele.--Denken Sie, da Sie mich nicht auch gequlet hatten?

Tellheim
O Komdiantinnen, ich htte euch doch kennen sollen.

Franziska
Nein, wahrhaftig; ich bin zur Komdiantin verdorben. Ich habe
gezittert und gebebt und mir mit der Hand das Maul zuhalten mssen.

Frulein
Leicht ist mir meine Rolle auch nicht geworden.--Aber so kommen Sie
doch!

Tellheim
Noch kann ich mich nicht erholen.--Wie wohl, wie ngstlich ist mir!
So erwacht man pltzlich aus einem schreckhaften Traume!

Frulein
Wir zaudern.--Ich hre ihn schon.



13. Szene

(Der Graf von Bruchsall, von verschiedenen Bedienten und dem Wirte
begleitet. Die Vorigen.)


Graf
(im Hereintreten). Sie ist doch glcklich angelangt?

Frulein
(die ihm entgegenspringt). Ah, mein Vater!--

Graf
Da bin ich, liebe Minna! (Sie umarmend.) Aber was, Mdchen? (Indem
er den Tellheim gewahr wird.) Vierundzwanzig Stunden erst hier und
schon Bekanntschaft und schon Gesellschaft?

Frulein
Raten Sie, wer es ist?--

Graf
Doch nicht dein Tellheim?

Frulein
Wer sonst als er?--Kommen Sie, Tellheim! (Ihn dem Grafen zufhrend.)

Graf
Mein Herr, wir haben uns nie gesehen, aber bei dem ersten Anblicke
glaubte ich, Sie zu erkennen. Ich wnschte, da Sie es sein mchten.--
Umarmen Sie mich.--Sie haben meine vllige Hochachtung. Ich bitte um
Ihre Freundschaft.--Meine Nichte, meine Tochter liebet Sie.--

Frulein
Das wissen Sie, mein Vater!--Und ist sie blind, meine Liebe?

Graf
Nein, Minna, deine Liebe ist nicht blind, aber dein Liebhaber--ist
stumm.

Tellheim
(sich ihm in die Arme werfend). Lassen Sie mich zu mir selbst kommen,
mein Vater!--

Graf
So recht, mein Sohn! Ich hre es; wenn dein Mund nicht plaudern kann,
so kann dein Herz doch reden.--Ich bin sonst den Offizieren von dieser
Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind
ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in
welchem Kleide er will, man mu ihn lieben.

Frulein
Oh, wenn Sie alles wten!--

Graf
Was hindert's, da ich nicht alles erfahre?--Wo sind meine Zimmer,
Herr Wirt?

Wirt
Wollen Ihro Exzellenz nur die Gnade haben, hier hereinzutreten.

Graf
Komm, Minna! Kommen Sie, Herr Major! (Geht mit dem Wirte und den
Bedienten ab.)

Frulein
Kommen Sie, Tellheim!

Tellheim
Ich folge Ihnen den Augenblick, mein Frulein. Nur noch ein Wort mit
diesem Manne! (Gegen Wernern sich wendend.)

Frulein
Und ja ein recht gutes; mich dnkt, Sie haben es ntig.--Franziska,
nicht wahr? (Dem Grafen nach.)



14. Szene

(v. Tellheim. Werner. Just. Franziska.)


Tellheim
(auf den Beutel weisend, den Werner weggeworfen). Hier, Just!--Hebe
den Beutel auf, und trage ihn nach Hause. Geh!--(Just damit ab.)

Werner
(der noch immer mrrisch im Winkel gestanden und an nichts
teilzunehmen geschienen, indem er das hrt). Ja, nun!

Tellheim
(vertraulich auf ihn zugehend). Werner, wann kann ich die andern
tausend Pistolen haben?

Werner
(auf einmal wieder in seiner guten Laune). Morgen, Herr Major, morgen.
--

Tellheim
Ich brauche dein Schuldner nicht zu werden, aber ich will dein
Rentmeister sein. Euch gutherzigen Leuten sollte man allen einen
Vormund setzen. Ihr seid eine Art Verschwender.--Ich habe dich vorhin
erzrnt, Werner!--

Werner
Bei meiner armen Seele, ja!--Ich htte aber doch so ein Tlpel nicht
sein sollen. Nun seh ich's wohl. Ich verdiente hundert Fuchtel.
Lassen Sie mir sie auch schon geben; nur weiter Keinen Groll, lieber
Major!--

Tellheim
Groll?--(Ihm die Hand drckend.) Lies es in meinen Augen, was ich dir
nicht alles sagen kann.--Ha! wer ein besseres Mdchen und einen
redlichern Freund hat als ich, den will ich sehen!--Franziska, nicht
wahr? (Geht ab.)



15. Szene

(Werner. Franziska)


Franziska
(vor sich). Ja gewi, es ist ein gar zu guter Mann!--So einer kmmt
mir nicht wieder vor.--Es mu heraus! (Schchtern und verschmt sich
Wernern nhernd.) Herr Wachtmeister!--

Werner
(der sich die Augen wischt). Nu?--

Franziska
Herr Wachtmeister--

Werner
Was will Sie denn, Frauenzimmerchen?

Franziska
Seh Er mich einmal an, Herr Wachtmeister.--

Werner
Ich kann noch nicht; ich wei nicht, was mir in die Augen gekommen.

Franziska
So seh Er mich doch an!

Werner
Ich frchte, ich habe Sie schon zuviel angesehen, Frauenzimmerchen!--
Nun, da seh ich Sie ja! Was gibt's denn?

Franziska
Herr Wachtmeister--braucht Er keine Frau Wachtmeisterin?

Werner
Ist das Ihr Ernst, Frauenzimmerchen?

Franziska
Mein vlliger!

Werner
Zge Sie wohl auch mit nach Persien?

Franziska
Wohin Er will!

Werner
Gewi?--Holla! Herr Major! nicht gro getan! Nun habe ich
wenigstens ein ebenso gutes Mdchen und einen ebenso redlichen Freund
als Sie!--Geben Sie mir Ihre Hand, Frauenzimmerchen! Topp!--ber zehn
Jahr' ist Sie Frau Generalin oder Witwe!


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Minna von Barnhelm, von Gotthold
Ephraim Lessing.











End of Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing

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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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