Project Gutenberg's Smmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I

Author: Nikolaj Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Otto Buek

Release Date: March 1, 2017 [EBook #54262]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 1: DIE ***




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                             Nikolaus Gogol
                              Tote Seelen

                              Erster Band




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 1


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909

                                E. R. W.


                             Nikolaus Gogol




           Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen


                               bertragen
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 1


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909

                                E. R. W.


               Von diesem Buche wurden 100 Exemplare auf
               van Geldern abgezogen, in der Presse
               nummeriert und in Ganzleder gebunden. Der
               Preis eines solchen Exemplares betrgt 16
               Mark. Den Druck besorgten _Mnicke_ und
               _Jahn_ in Rudolstadt. Titel und Einband
               zeichnete _E. R. Wei_.




                        Vorrede des Herausgebers


Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner besonderen
Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung in sich selbst. Unter allen
groen Meistern des Romans, die die russische Literatur im XIX.
Jahrhundert hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere und
einzigartige Stellung ein; mgen die Vorgnger oder Nachfolger ihn, was
Weite des Horizonts, Tiefe der Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der
Kunstform anbetrifft, erreichen oder gar bertreffen, an _Originalitt_
und Ursprnglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst hat immerdar zu
seinem lteren Zeitgenossen Puschkin als dem unerreichten Vorbild einer
reinen idealisierenden Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer
berhmten Apostrophe der Toten Seelen dieser Differenz und dem Abstand
zwischen seiner Begabung und der Puschkins in beredten Worten Ausdruck
gegeben, doch selbst Puschkin bleibt bei seinem groen und einzigen
Talent nur ein Zweig und Schling am Stamm der groen europischen
Literatur. In Gogol aber schuf sich das junge russische Volk zum ersten
Mal eine adquate vollgltige dichterische Form, in ihm realisierte sie
einen literarischen Typus, der von da ab das Muster und Ideal fr alle
kommenden Schriftstellergenerationen Rulands geworden ist. Das ganze
jngere Dichtergeschlecht von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das
Interesse der westlichen Vlker eroberte und unsere Aufmerksamkeit auf
Ruland hinlenkte, geht auf Gogol als seinen Ursprung zurck. In ihm
liegen alle Motive und Ideen, die _sie_ entwickeln und entfalten, wie im
Keime beschlossen, _er_ gab das Thema an, das sie in mannigfachen
Paraphrasen und Modulationen variieren; er schuf die Kunstform, an der
sie sich schulten; sie dachten und dichteten in seiner Sprache. Und
nicht in unsicheren unausgereiften Anstzen vollzog er diesen
Schpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit dem Siegel der
Kraft und der Flle der Vollendung rief er sein Werk -- die russische
Literatur -- fast wie aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen
Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine Linie des groen
Talents, und es gibt unter ihnen schlechterdings nichts Minderwertiges
und Unbedeutendes. Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus des
russischen _Dichters_ geschaffen, indem er in sich jenen ewigen
Gegensatz, der das Leben der grten russischen Knstler beherrscht, zur
Ausprgung brachte; den Gegensatz zwischen dem _Dichter_ und dem
_Propheten_, die in ihnen stndig im Streite liegen. Bei keinem aber
tragen die Werke selbst trotz aller Objektivitt so sehr den Stempel des
Persnlichen, wie bei Gogol, sind sie so sehr das treue Spiegelbild der
eigenen geistigen Lebenskmpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und
Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde wird fr das
Verstndnis dieser so komplizierten und originalen Persnlichkeit der
berblick ber das Gesamtschaffen des Dichters zur Notwendigkeit.

Einen solchen berblick soll die vorliegende Ausgabe ermglichen. Es
wurde dabei von einer chronologischen Anordnung der Werke abgesehen und
eine solche nach fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die
inhaltlich und formal zusammengehrigen Schpfungen sollen hier auch
zusammen erscheinen. Da die Chronologie darber nicht zu kurz kommt,
dafr ist durch ausfhrliche redaktionelle Noten gengend gesorgt, die
sich im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden zwei Bnden
sind vor allem der Roman Die toten Seelen und drei einzelne Novellen
vereinigt, die auch durch einen ideellen Zusammenhang miteinander
verknpft sind und sich gegenseitig beleuchten und erklren. Beide Bnde
fhren den Leser sogleich auf den Gipfel des Gogolschen Schaffens und
gewhren ihm einen groen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt
seiner Dichtung. Die Toten Seelen sind das grte Prosawerk des
modernen Rulands und eines der Hauptwerke der humoristischen und
satirischen Literatur berhaupt: ein grauenhaftes Bild der Korruption
und der allgemeinmenschlichen und spezifisch russischen Verkommenheit.
Daneben ein soziologisches Gemlde eines historischen Zeitalters, in dem
der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert ist. Was aber dem Ganzen --
neben diesen wahrlich nicht geringen Vorzgen -- seinen Ewigkeitswert
sichert -- das ist das Menschliche und Typische, das es in sich birgt:
die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von der kulturell-zuflligen
Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, wenn das Rangverhltnis der Triebe
verkehrt, und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealitt entblt
wird. Es ist der Gerichtstag ber die moderne Kultur, die den
_Erwerbstrieb_ sanktionierte und heiligte und das Denken und Trachten
des modernen Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung der
Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz nur in ihren Anfngen, in
ihrer Entstehung beobachten knnen, aber er hat mit dem
bewunderungswrdigen Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen
dieser Erscheinung fr das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden
Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die nivellierende und alles
erstickende Trivialitt eines auf das Blostoffliche gerichteten Wesens.
Es gab keinen strkeren Schilderer des _Gemein_menschlichen,
Alltglichen und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, der
in den Toten Seelen das grandiose Symbol und in dem irrenden Ritter
des Erwerbs Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -- den unsterblichen Typus
fr das Triviale und Mittelmige fand, das die groe Masse unseres
Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. -- Ein Gegenstck zu
dem groen Gemlde der Toten Seelen ist die romantische Novelle Das
Portrt, in der der Dichter die verheerenden Folgen desselben
Grundtriebes fr Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich ein
erschtterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der zwei Seelen, in dem
sich Gogols Leben aufzehrte; der einen, die von einem glhenden Drange
nach dem Idealen ergriffen, sich in der Welt der Krper nie dauernd wohl
fhlte, und der andern, die wie keine zweite mit dem Blick frs
Irdische begabt, das Auge nie von der Erdenwelt und allem
Menschlich-Allzumenschlichen abzuziehen vermochte.

Eine ausfhrliche Analyse der in diesem Bande vereinten Dichtungen
findet der Leser in der Einfhrung des bekannten Gogolforschers und
Mitgliedes der Petersburger Akademie der Wissenschaften, Nestor
Kotljarewski, die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine
Gepflogenheit, der wir auch bei den folgenden Bnden treu zu bleiben
gedenken.

Zum Schlu wage ich noch den Wunsch auszusprechen, da der deutsche
Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die freie Empfnglichkeit
entgegenbringen mge, die das Werk eines Dichters beanspruchen kann, der
zwar der Gegenwart nicht mehr angehrt, doch aber lebendig in ihr wirkt,
und dessen Schtzung in seinem Vaterlande mit dem zeitlichen Abstand nur
noch steigt und in fortwhrendem Wachstum begriffen ist.

_Charlottenburg_, den 24. Dezember 1908.

                                                        Dr. Otto Buek.




                               Einfhrung


                                   I.

Gogols Roman Die toten Seelen nimmt in der russischen
Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und
einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von knstlerischem
Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein groes und treues Bild
ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines
groen Knstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergit der
russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persnlichen
Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen,
die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzhlungen einzuflechten
pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte
Wahrheit auszusprechen ber die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er
lebt.

In diesem Sinne stellen die Toten Seelen ein knstlerisches Denkmal
dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue ra
erffnet.

In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts -- dem Zeitalter der
sogenannten Romantik und des Sentimentalismus gab es fr den
russischen Dichter nur _ein_ Objekt, das ihn stetig beschftigte, seine
eigene Persnlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres fr ihn als sein
eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel
seiner Phantasie. Er wute vor allem davon zu erzhlen, wie die gesamte
Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein
Verhltnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten
Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfhrt jedoch dieses subjektive
Verhalten des Knstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr
rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von
nun ab geht das Streben des Knstlers vor allem darauf, das Leben so
treu und vollstndig als nur mglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln;
das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem
Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand
seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren,
um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu
reproduzieren. Der Knstler sieht sein grtes Verdienst darin, seine
eigenen Sympathien und Antipathien zurcktreten zu lassen und womglich
ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu
bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als mglich zu erfassen und
restlos in sich aufzunehmen.

Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Knstlers zur objektiven
Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhllt ans Licht. Im
Revisor und in den Toten Seelen besitzen wir zwei streng
realistische Gemlde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus' I. So
wurde Gogol zum Begrnder der sogenannten naturalistischen Schule, die
den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin
sind alle russischen Knstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle
die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und grndlichen Studiums
machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr
objektiv doch zugleich knstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die
Arbeitsmethode aller groen russischen Knstler; von Turgenjew,
Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und
Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen
Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer
Liebe bei _den_ Gestalten verweilte, die ihm selbst am nchsten standen;
wenn er mitten hinein in die Gemlde realer Wirklichkeit rein
persnliche Betrachtungen einflocht, und sich's erlaubte, eine Art
Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor
allem und in erster Linie ein groes und detailliertes Bild der
lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es
blieb stets die Hauptsorge des Knstlers: nicht seine persnlichen
Ansichten und Gefhle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den
Umri des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte.

So wird es verstndlich, welch einen gewaltigen Einflu das Schaffen
Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mute. Der
sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische
Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen
lyrischen Herzensergieungen in Prosa traten immer mehr zurck, um den
Raum fr die Milieuerzhlung -- fr die realistische wirklichkeitstreue
Novelle mit ihrem groen und weiten Horizont frei zu machen: fr eine
Prosaerzhlung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das
Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte.


                                  II.

Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen hatte, eine
Annherung zwischen Kunst und Leben herbeizufhren -- Nikolaus
Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) -- war von Natur nichts weniger als ein
nchterner, kaltbltiger Beobachter, oder ein Mann von kritischem
Verstande und einer Phantasie, die es versteht, ihre strmischen Triebe
zu bndigen.

Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele zur Welt gekommen, und
doch wurde es seine Mission, der Dichtkunst reine Muster einer
realistischen, khlen und nchternen Naturdarstellung zu schenken. In
diesem Widerspruche liegt die ganze Tragdie seines Lebens beschlossen.

Gogol gehrt unbedingt zu jener Gattung von Menschen, fr die die
Gegenwart nur ein Hinweis auf ein zuknftiges Ideal ist, und die ein
starker Glaube an ihre providentielle Sendung beseelt.

Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn immer in eine andre
Welt empor -- eine Welt der Vollkommenheit, in die er alles verlegt, was
ihm wert und teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschtterlichen
Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine ewige Liebe und eine
jedem Wandel entrckte Wahrheit. Diese ideale Welt begleitet ihn durch
das ganze Leben, sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der
Finsternis. berall und jederzeit findet er in ihr seinen Lohn oder
seine Strafe und Verurteilung, _sie_ beschftigt ununterbrochen seinen
Verstand und seine Phantasie, und oft absorbiert sie seine
Aufmerksamkeit so vollstndig, da sie ihn die Erde vergessen lt; noch
hufiger aber ist sie dem Menschen die einzige Sttze, die ihn aufrecht
erhlt bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und Formung des
irdischen Daseins.

Was immer fr berzeugungen solch ein Mensch haben mag, stets wird er
entweder hinter dem Leben zurckbleiben oder ihm weit voraneilen. Er
vermag sich nicht zu ergeben und zu demtigen vor dem Unabwendlichen und
Tatschlichen. Immer fast wird er das reale Leben entwerten, und es
gewhnlich verachten. Er vergewaltigt seinen Begriff und seine
Vorstellung von der Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt
sich meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der Regel
aber lebt er vom Vorgeschmack einer schneren Zukunft: ein
nchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen bleibt ihm versagt, weil
er diese Tatsachen stets im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in
die Lebensprinzipien hineinzwngt, an die er glaubt, _entgegen_ allen
Tatsachen. Er ist es nicht gewhnt, sein Streben mit seinem Krftevorrat
in Einklang zu bringen, und er vermag es nicht, ngstlich und peinlich
innerhalb der Grenzen seiner Fhigkeit an seinem Lebenswerke ttig zu
sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht lsbar, zugleich
aber kann ihm schon der kleinste Mierfolg, wie er keinem erspart
bleibt, das Gleichgewicht rauben und mimutig machen. Er ist verliebt in
jenen idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt hat,
und darum wird es ihm so schwer, sich in die irdische Prosa
hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches und notwendiges
Erbteil unseres Lebens bildet.

Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen Romantiker zu bezeichnen,
indem wir uns eines alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das
bergewicht des Gefhls ber den Verstand, und der Schwrmerei ber das
Interesse des Augenblicks in der menschlichen Seele kennzeichnen soll.

Die ganze Tragdie des Menschen und des Schriftstellers Gogol besteht
eben darin, da der romantische Zug seines Geistes in einen Widerspruch
mit seinem eigenen Schaffen geraten mute. Er war ein _Romantiker_ mit
allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. Er liebte es, sich in
einer phantastischen Welt, in einer Welt der Sehnsucht und Erwartung zu
bewegen, d. h. entweder beschnigte und schmckte er das Leben aus,
indem er es in ein Mrchen verwandelte, oder er stellte es sich vor, wie
es gem seinen religisen und sittlichen Begriffen sein sollte. Er litt
furchtbar unter dem Zwiespalt, der stndig zwischen seinem Traume und
dem klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang ihm nie, das
Gefhl der Qual und des Sehnens durch eine gesunde Kritik am Bestehenden
und Unabwendlichen zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in
jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und -- was die
Hauptsache ist -- er hielt sich fr berufen, das Herannahen dieses
Ideals zu beschleunigen und seinen endgltigen Triumph auf Erden
vorzubereiten. Er war nicht nur ein _trumender_, sondern auch ein
_kmpfender_ Romantiker.

Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besa Gogol eine wundersame
Gabe, die das ganze Glck und die Schnheit, und zugleich das ganze
Unglck seines Lebens ausmachte: er besa die seltene Fhigkeit, die
ganze Erbrmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit und den
Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken und berall zu erkennen. All
jene prosaischen Seiten des Lebens, die der Romantiker gewhnlich
absichtlich nicht beachtet, die er bersieht oder bersehen _will_, sie
alle drngten sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach
einer knstlerischen Verkrperung. Nur selten hat die Natur einen
Menschen hervorgebracht, der von Natur ein solcher Romantiker und
zugleich ein solcher Knstler in der Darstellung alles _Un_- und
_Wider_romantischen war, wie Gogol. Es ist daher ganz natrlich, da der
Knstler bei einer solchen Spaltung und Zerklftung seines Gemts und
einer schpferischen Begabung zu schwerem Leiden verurteilt war, und
sich nie von dem harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit dem
Siege _einer_ dieser beiden Seelenkrfte endigen konnte: entweder mute
das Talent, das Leben in seiner nackten Prosa darzustellen, im Knstler
das romantische Drngen seiner Seelen ertten, oder die romantische
Stimmung mute umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer
Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst ersticken und zerstren.

Tatschlich fand schlielich das Letztere statt: Gogols groes Talent
zur realistischen Lebensschilderung erlosch, und er verwandelte sich
immer mehr in den reinsten und aufrichtigsten Verkndiger religiser und
sittlicher Gedanken. Doch vor dem endgltigen Erlschen leuchtete dieses
realistische Talent noch einmal hell auf, um sich in den Toten Seelen
zum letzten Male in seinem ganzen Glanze zu entfalten.


                                  III.

Dieser Roman ist eine spte Frucht des Gogolschen Genies. Ein Werk, das
erst nach einem langen Kampfe zwischen den romantischen Neigungen seiner
Phantasie und seiner starken Begabung fr die scharfe und treue
Lebensbeobachtung vollendet werden konnte.

Schon in seinen ersten Novellen, den Abenden am Weiler bei Dikanka
(1831-32), machten sich die ersten Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar.
In diesen Novellen trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und
der niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller Poet,
der die alten Sagen und Legenden schpferisch neugestaltete und belebte.
Dieses frheste Werk lt ganz deutlich eine Mischung beider Stile
erkennen, wobei freilich der trumerisch-phantastische noch die Oberhand
behlt. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik vieler von
den handelnden Personen ist in diesem Stile gehalten -- was Gogol
freilich nicht hinderte, andere Personen und Situationen mit
unverflschter Schlichtheit und im Geiste einer wahren und echten
Realistik darzustellen. In dieser Vermischung zweier Stile, wie in dem
alternierenden Wechsel von Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen,
zeigte es sich deutlich, da das Schaffen des Dichters noch keine feste
Richtung angenommen hatte, daneben aber kam darin der innere Kampf zum
Ausdruck, der sich schon damals in des Knstlers Seele abspielte: der
Idealismus des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit der
starken Begabung des Realisten, der mit seinem Blicke die ganze
Hlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen durchdrang, welches er doch
selbst in einem andern, hheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu
deuten strebte.

ber diese hohe und ideale Bedeutung des knstlerischen Schaffens hat
Gogol in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Ttigkeit sehr
viel nachgedacht. Ihn beschftigte damals ganz besonders das bei den
Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der Trumer, der
Idealist und der Knstler ganz notwendig auf sich nehmen mu, wenn ihn
das Schicksal schonungslos zusammenstoen lt mit der hlichen,
unbarmherzigen Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem von
Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgefhrt in seiner Novelle Das
Portrt (1834).

Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzhlung von E. Th. A.
Hoffmann. Sie behandelt das Seelendrama eines jungen Knstlers, der
Verrat bt an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier in
den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn stirbt, als er
erkennt, da er sein Talent zugrunde gerichtet hat. Der bse Genius
dieses unglcklichen Knstlers ist ein phantastisches Portrt des
Antichristen, das mit einer so realistischen oder vielmehr
naturalistischen Kunst dargestellt ist, da ein Teil der Seele des
Antichristen in dieses Bildnis bergegangen ist.

Die Kunst soll dem _Ideale dienen_ und nicht der _Reproduktion des
Wirklichen_ in seiner ganzen Nacktheit und Hlichkeit -- dies ist der
Grundgedanke dieser Erzhlung -- deren Moral ebenso durch den tragischen
Tod des Knstlers, der sich der Jagd nach dem Golde und der Mode ergab,
wie aus dem verderblichen Einflu des Portrts, zu uns spricht: dieses
Portrts, das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war.

Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol von einem hohen, beinahe
religisen Glauben an die Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung
vermochte doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhllen, der
immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm Leben besteht. Er sah
den Abgrund, der zwischen diesen beiden Welten klafft, bestndig vor
Augen, und dieser Anblick hatte fr ihn etwas Furchtbares und
Schreckenerregendes. Es gibt nur eine Mglichkeit, ihn zu vergessen: sie
liegt in der Erschtterung und in dem Verlust des seelischen und
geistigen Gleichgewichts. Dies ist das Thema der beiden Erzhlungen Der
Newski-Prospekt und Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen.

Aber ganz allmhlich vollzieht sich im Schaffen Gogols eine
entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente nach, er unterwirft sich
ihm, und geht zur Darstellung der Realitt, der Wirklichkeit ber; er
beschnigt sie nicht und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie
sie ist, in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von jeher
so stark in die Augen stach. Und nun stt er mit dieser gemeinen
trivialen und schmutzigen Wirklichkeit auf dem Felde der Kunst zusammen,
und da erhebt sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon im
Portrt hingewiesen hat: dient die Kunst auch dann noch ihrer hohen
Mission, wenn sie den Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und
zwar so natrlich und lebendig zur Darstellung bringt, da es fast den
Anschein hat, als bleibe ein Stck von diesem Schmutz und diesem Laster
auf dem Kunstwerk selber haften?

Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer nicht Widerstand
bieten. So kam es, da er seine Kunst immer mehr dem Leben annherte.
Diese Annherung macht sich besonders stark fhlbar in der
Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit seinen romantischen
Erzhlungen erschien, und die den Namen Mirgorod trgt.

Eine dieser Novellen die Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit ist ein
schlichtes Idyll, die Geschichte zweier zur Neige gehender
Menschenleben: ein psychologisches Essay, von einer Tiefe und Poesie,
wie sie von keiner romantischen Idylle erreicht wird. Die sentimentalen
und romantischen Schriftsteller liebten solche dankbare Sujets, wie die
Erzhlung von zwei liebenden Herzen, die sich inmitten des Friedens der
Natur und fern von allen Lockungen der Kultur zusammenfinden. Die
Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit sind ein glcklicher Versuch,
die romantischen Elemente in diesem Stoff durch reale und kulturelle zu
ersetzen. An die Stelle der einsamen und wsten Gegenden tritt hier ein
kleinrussisches Dorf -- an die Stelle der blasierten und enttuschten
Helden und der schwermtigen oder leidenschaftlichen Heldinnen -- ein
altes Ehepaar; aber trotz dieser Schlichtheit und Durchsichtigkeit ist
diese Novelle berall von einer tiefen Wahrheit und Poesie durchdrungen.
Sie stellt in dem Schaffen Gogols einen der entscheidenden Siege des
Realismus' ber die Romantik dar.

Ein ganz anderer poetischer Horizont tut sich vor uns in der
historischen Erzhlung Taras Bulba auf. Auch hier bemerkt man eine
deutliche Wendung von dem frheren idealisierenden Stil zum Realismus,
natrlich in dem Mae, als dies in einem historischen Romane mglich
ist. Es gibt eine Ansicht, nach der Taras Bulba Gogols grtes Werk
darstellt, und dieser Wertung fehlt es nicht an einer gewissen
Berechtigung. Der Inhalt dieser Erzhlung ist vielleicht nicht weniger
umfassend und vielgestaltig wie der der Toten Seelen; auch hier findet
man denselben Reichtum an den mannigfaltigsten Typen und Episoden, die
gleiche Kraft und das gleiche schnelle Tempo der Handlung. Die
psychischen Regungen und Bewegungen sind im Taras Bulba vielleicht
sogar noch tiefer als in irgend einem andern Gogolschen Werke, schon aus
dem Grunde, weil die Gefhle und Empfindungen der Helden hier ernster
und komplizierter sind, als die der handelnden Personen in den Toten
Seelen. Taras Bulba -- das ist ein heroisches Epos, das einer
gewissen Idealitt nicht entbehrt. Es lebt etwas darin vom Geist der
alten Sage, trotzdem aber bleiben die Seelenregungen der handelnden
Menschen stets wahr und frei von jeder romantischen berspannung. Die
alte Zeit des Saporoger Kosakentums mit ihrem Kostm, ihrem huslichen
Leben, ihren Kriegen und Schlachten, die Beziehungen zwischen Juden und
Polen -- das alles ist im Taras Bulba mit einer wunderbaren Echtheit
und Wahrheit geschildert; dazu kommen die beschreibenden und
schildernden Elemente, die mit groer Geschicklichkeit in die Handlung
eingeflochten sind; sie beschweren sie nicht, sondern verleihen ihr blo
noch mehr Lebhaftigkeit und Kolorit. Taras Bulba ist in seiner Art
eine kleinrussische _Ilias_, sowohl was das epische Gleichma der
Darstellung und den kriegerischen Geist des Werkes, als vor allem die
strenge Durchfhrung der Charaktere und die Plastizitt der Episoden
anbetrifft. -- Soweit also der Realismus in einer historischen Erzhlung
als knstlerisches Element neben dem legendren und der Archeologie
mglich und zulssig ist, ist er in dieser Epope zum Durchbruch
gekommen.

Aber so recht heimisch in der realistischen Darstellungskunst wurde
Gogol erst mit der Vollendung seiner berhmten Komdie: Der Revisor
(1836).

Gogol gehrt zu jener wenig zahlreichen Dichtergruppe, die das
russische Theater schuf und die russische Lebenswirklichkeit
ungeschminkt und ohne Beschnigung auf die Bhne brachte. Die Geschichte
des russischen nationalen Theaters hat man von den Komdien Von Wisins
zu datieren. In diesen Stcken ist das Leben der adligen Gutsbesitzer,
der Epoche Katharinas I., mit gengender Treue geschildert, doch macht
sich hier noch ein Element unliebsam bemerkbar: das sentimentale
Rsonnement. Gleichfalls der Adel, diesmal aber der stdtische
Beamtenadel, ist das Milieu, in dem Gribojedows Verstand schafft
Leiden spielt, diese geniale Satire, aber keineswegs auch geniale
Komdie. Auch hier erscheint die Wahrheit in einer gewissen Verzerrung:
ein Zugestndnis an die literarischen Traditionen der franzsischen
Vorbilder.

Im Revisor endlich betritt die russische Beamtenwelt die Bhne. Auf
den Gegenstand dieser Komdie waren die Zuschauer schon in gewissem
Sinne vorbereitet durch eine Reihe von freilich recht farblosen Stcken,
in denen die Schriftsteller des XVIII. und der ersten Hlfte des XIX.
Jahrhunderts die Korruption gegeielt und moralische Tiraden gegen die
Bestechlichkeit zum besten gegeben hatten. Der Revisor berragt alle
diese Stcke um Haupteslnge, schon deshalb, weil die in ihm
gezeichneten Typen wirkliche lebendige Menschen waren, denen der
Zuschauer jederzeit -- wenn auch nicht allen zugleich, so doch in
einzelnen Reprsentanten -- in seiner nchsten Nachbarschaft begegnen
konnte. Nach Gogol war es Ostrowski, der in seinen Dramen den
Kaufmannsstand auf die Bhne brachte und so das Gemlde des russischen
Lebens um einige bedeutsame Typen bereicherte. Das waren die drei
finsteren Reiche -- die Welt des _Adels_, des _Beamtentums_ und des
_Kaufmannsstandes_, die von nun ab den Russen von der Bhne herab an
jene dunklen Seiten der Wirklichkeit mahnten, die er stets zu
idealisieren geneigt war. In letzter Zeit ist diese Reihe noch um ein
neues Gemlde vermehrt und vervollstndigt worden -- um das Bild der
dunkelen Welt des niederen Volkes: in dem Drama Die Macht der
Finsternis von Tolstoi.

In seiner Komdie schwang Gogol die Geiel des Spottes ber eine ganze
Kategorie gesellschaftlicher Mistnde und Laster, die mchtig in das
soziale Leben eingriffen: er brachte die Dummheit, die Gemeinheit und
Hohlheit der Administration auf die Bhne und strafte die offizielle
Welt, indem er sie dem Spott und Hohn eines Windbeutels, des hohlsten
aller Schwtzer preisgab, und sie durch ihn brandschatzen lie. Zu guter
Letzt aber stellte er sie vor ihren gesetzlichen Richter und sandte
ihnen einen Gendarmen, der sie zur Vernunft bringen sollte. Die Komdie
bleibt in ihrem ersten Akt streng objektiv und sachlich, im letzten
freilich drngt sich die Moral recht deutlich vor. Der Polizeimeister
erscheint in seiner ganzen Dummheit, gibt sich selbst dem Gelchter und
der Verachtung preis und geizt nicht mit starken Worten zu seiner
eigenen Charakteristik. Der Gendarm erscheint, wie im letzten Akt des
Tartffe, als der Vertreter des Gesetzes zur Beschwichtigung und
Beruhigung der Zuschauer; er erinnert sie daran, da das Auge der
Regierung bestndig wacht, auch dann noch, wenn man glaubt, da es
schlafe. Aber der auerordentliche knstlerische Takt des Dichters hat
es so einzurichten verstanden, da die Moral die Wahrheit der
Situationen und die Lebendigkeit der Typen nicht beeintrchtigte. Bis
dahin waren es die Zuschauer gewhnt, mitten in der Handlung allerhand
erhebende und erbauliche Reden von der Bhne zu vernehmen, im Revisor
aber fehlten diese Reden vollstndig. Diese Komdie war eine vllig
neue, originale Tat; sie pate in keine der bekannten Formen der
dramatischen Kunst hinein, denn sie war weder eine sentimentale Komdie,
noch eine Posse, noch ein moralisches Schauspiel.

Dieses Werk trug seinem Schpfer einen groen Schmerz und
viele Enttuschungen ein, denn es regte die heftigsten und
leidenschaftlichsten Anklagen gegen ihn auf. Er suchte Rettung und
Heilung von seiner geistigen Schwermut und der Gereiztheit gegen seine
Mitbrger in einer Reise. Dies war das stndige Mittel Gogols, das er
gegen seine Melancholie und gegen seine geistige Mdigkeit anwandte, und
es wirkte in der Tat weit sicherer und unfehlbarer als alle Medikamente.
Diese Neigung zum Wandern, zum Wechsel des Aufenthaltes war in seiner
romantischen Veranlagung begrndet. In dieser Beziehung hatte er viel
hnlichkeit mit einem jener Schwrmer, die von Sehnsucht, Melancholie
oder Grimm getrieben, ihre Heimat verlieen, um den Ufern eines neuen
fernen Vaterlandes zuzustreben. Auch Gogol besa solch ein fernes
Vaterland, obwohl er Ruland mit einer geradezu abgttischen Liebe
liebte, und sich unter fremden Menschen nie wohl fhlte. Er hatte noch
eine andere groe Liebe: Italien.

Gogol hat oft ber seine Leidenschaft fr das Wandern und Reisen
gegrbelt, und nach Grnden gesucht, um sein Nomadenleben zu
rechtfertigen; er begrndete sie mit seiner Krankheit, die ihm einen
hufigen Wechsel des Klimas zur Notwendigkeit machte, und mit dem rein
geistigen Bedrfnis des Knstlers, der eine Distanz zwischen sich, den
Menschen und dem Leben suchte, wenn er sie in seinen Werken zur
Darstellung bringen wollte. Zuweilen freilich, wenn er in lngeren
Abstnden wieder nach Ruland zurckkehrte, fhlte er etwas wie
Gewissensbisse und ein mchtiges Anschwellen der Liebe zu seiner Heimat;
aber diese Gefhle blieben ohnmchtig gegenber dem unklaren Drange, der
ihn in die Ferne zog. Seine Seele trug die Spuren jener Krankheit an
sich, die einst zu Beginn des Jahrhunderts im Westen herrschte, die
Menschen von der Heimat losri und sie zu fernen Gestaden hintrieb --
jene Krankheit an der ein Byron und ein Chateaubriand litten, und fr
die Schubert in seinem Liede Der Wanderer, dem Lieblingslied aller
russischen Jnglinge und Jungfrauen der dreiiger Jahre einen so
wundervollen musikalischen Ausdruck fand.

Allein was Gogol von seiner fnfjhrigen Reise im Auslande (von
1836-1841) mitbrachte, war weder ein pessimistisches Tagebuch, noch ein
sentimentales Epos. Er brachte den ersten Teil der Toten Seelen mit:
einen Roman oder eine Dichtung, in der der junge russische Realismus
seinen hchsten Triumph feierte. Es war der letzte Sieg, den Gogol im
Felde der Dichtung erringen sollte.


                                  IV.

Whrend seines Aufenthaltes im Auslande und besonders in Italien war
Gogol sehr fleiig und die Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die
Zeit, wo seine Schpferkraft in voller Blte stand. Die romantischen
Neigungen, die noch zum letztenmal in der schnen Novelle Rom zum
Ausbruch gekommen waren, traten allmhlich zurck und machten einer
nchternen, ruhigen und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich
immer strker entfaltende Talent des Schilderers, das zu einer innigen
Verschmelzung der knstlerischen Wahrheit mit der Lebenswahrheit
hinstrebte -- gewann immer mehr die Oberhand, was nicht nur in der
Zurckstellung und Aufgabe aller frheren Plne, die noch im Geiste des
alten romantischen Stils konzipiert waren, zum Ausdruck kam, sondern
auch in der Art wie Gogol seine lteren Werke umschuf und neu
bearbeitete.

In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol zu dieser Zeit
seine Erzhlungen Das Portrt und Taras Bulba um. Am strksten und
freiesten aber entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und
Lebensschilderers, die in dieser Epoche ihre hchsten Siege ber die
sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen des Dichters
feierte, in der Novelle: Der Mantel. Dieses Werk nimmt eine ganz
besondere Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. Es
ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste Beispiel dieser
Gattung, die spter eine groe Verbreitung fand und eine groe soziale
Bedeutung gewann. Es ist eine Seite aus der Geschichte der Erniedrigten
und Beleidigten, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski unter seinen
besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte dieses Eintreten fr die
Schwachen und Benachteiligten durch die Literatur und durch die Tat etwa
um dieselbe Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung der
sozialistischen Ideen ein. In Ruland aber rhrte der erste Versuch, die
Gesellschaft fr jene groe Masse derer zu interessieren, an denen sie
achtlos vorbergeht, von Gogol her, der ganz unbeeinflut von den
westeuropischen Tendenzen in seinem Mantel ein Werk schuf, das man
mit Recht als den Ausgangspunkt und Ursprung der sogenannten
Anklageliteratur in Ruland erklrt hat. Man mu dabei nur im Auge
behalten, da in Gogols Erzhlung der Protest und die Anklage sehr
abgedmpft erscheinen und mehr durch ein weiches Gefhl der Teilnahme
und des Mitleids ersetzt sind. Der Dichter lt uns mit seinem
unscheinbaren Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben;
wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam von jedem Rubel
Groschen auf Groschen in sein kleines Bchschen zurcklegt, alljhrlich
das kleine Huflein Kupfergeld nachzhlt, um es durch Silbermnzen zu
ersetzen, wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine Kleider
auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig werden, und wo er
einsam in seinem Schlafrock dasitzt, die ewige Idee des Mantels in
seinem Geiste tragend; wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn
ebensowenig beachtet, wie eine vorber schwirrende Fliege, wo man ihn
verspottet, ihm Papierschnitzel auf seinen Kopf schttet, wo er jahraus,
jahrein hinter seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfltig aufs
Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu seinem eigenen
Vergngen kopieren will. Der phantastische Schlu, den Gogol dieser
Erzhlung gegeben hat, ist zwar etwas willkrlich, aber beraus
glcklich erfunden und trgt einen ganz anderen Charakter als seine
frheren phantastischen Erzhlungen. Das Phantastische enthlt eine
solche starke Beimischung von Spott, Humor und Frhlichkeit, da es fast
vllig gegen das letztere Element zurcktritt und seinen romantischen
Charakter gnzlich einbt. Der Autor braucht das Wunderbare nur um der
paar kleinen Genrebilder willen, mit denen er seine Novelle beschliet.

So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von seiner alten Manier abwandte
und seinem scharfen Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf
lie.

Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen lernen will, der mu
zu der tragikomischen Dichtung Die toten Seelen greifen. Hier legt
jede Seite ein beredtes Zeugnis dafr ab.


                                   V.

Die Arbeit an den Toten Seelen war fr den Verfasser eine hohe Freude
und ein groer Schmerz. Noch nie hatte er einen so erhabenen Genu und
eine solche innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, wenn
ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst aus der Feder flossen, und
nie hat er so gelitten, als in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf
die ersehnte Inspiration warten mute. Diese Arbeit hat Gogol 16 Jahre
lang beschftigt: von 1835, als er die ersten Seiten des Werkes
niederschrieb, bis zum Beginn des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder
aus der Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von 1835-1841 --
whrend der er natrlich noch an andern Dichtungen arbeitete -- um den
ersten Teil zu vollenden. Die ihm noch brig bleibenden 10 Jahre waren
ganz mit Versuchen ausgefllt, eine Fortsetzung fr sein Werk zu finden.

Nach der Idee des Autors sollten die Toten Seelen eine Dichtung
werden, in welcher Ruland in der ganzen Mannigfaltigkeit seines
staatlichen und sozialen Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen
Seiten erscheinen sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das alte Epos
wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl mit bewuter Anspielung auf
die Homerischen Gesnge seinen Roman -- ein Poem d. h. eine Dichtung.
Der Gesamtplan des Werkes stand natrlich im Geiste des Verfassers nicht
gleich vllig fertig da, und nahm mit den Jahren eine recht seltsame
Richtung an. Die ruhige, uninteressierte epische Erzhlung verwandelte
sich immer mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der Wunsch,
Ruland mglichst vollstndig nach all seinen Seiten darzustellen, trat
immer mehr hinter dem Ideal zurck, der ganzen Menschheit eine neue
Lehre zu knden, die die Seele erheben und ihr Leben erhhen sollte.

Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung fr sich und sprach nur
selten und ganz im Allgemeinen zu seinen nchsten Freunden davon, wie
gro und tief sein Plan war. Die bertrieben stolzen Reden Gogols ber
sein Werk erregten die heftigste Opposition unter seinen Freunden und
Bekannten, sie rgerten und verstimmten sie. Htten sie gewut, wie
groartig dieser Plan des Knstlers tatschlich war, sie htten ihm
vielleicht seine berhebung verziehen, die um so verzeihlicher war, als
Gogol nicht so sehr auf sein Knstlertum stolz war, als vielmehr darauf,
da er im Besitze der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fhlte
sich verpflichtet, seinen Nchsten diese Wahrheit zu verknden, sobald
er dieser hohen Aufgabe wrdig geworden war.

Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim hielt, ist es dennoch
mglich, nach gelegentlichen uerungen und Anspielungen, nach seinen
Unterhaltungen mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen Briefen und
den Fragmenten des zweiten Teiles, das Geheimnis des Schriftstellers mit
gengender Genauigkeit zu enthllen; es ist zugleich das Geheimnis des
Knstlers und Moralisten.

Gott hat mich erschaffen, sagt Gogol einmal, und er hat mir nichts
von meiner Mission verheimlicht. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine
_Epoche in der Literaturgeschichte_ zu begrnden. Mein Beruf ist weit
einfacher und naheliegender: er besteht darin, woran berhaupt jeder
Mensch und nicht ich allein vor allem denken sollte. Mein Gebiet ist die
Seele, die starke, solide Sache des Lebens. Und daher mu auch mein
Handeln und mein Schaffen stark und solide sein. Die toten Seelen
sollten in ihrem Gesamtaufbau ein solch solides, starkes Werk werden,
auf das der Mensch sich zu sttzen vermochte, wenn Gewitterstrme ber
seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus seiner Rettung
sein. Diese Dichtung sollte dem Menschen ein Fhrer zu seiner sittlichen
Wiedergeburt werden, wie es fr den Verfasser ein reinigendes Gebet war,
nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, und nachdem er Bue
getan hatte fr seine eigenen Snden.

Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen knnen?

Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und
zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen
frhesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben
bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese
Lyrik in seinem Fhlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen
Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzhlungen neben einem
unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den
Schmerz ber die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben
Mae, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer
strker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Groes zu
erschaffen, und so kam es, da ihn die sittlichen Tendenzen immer
mchtiger erfllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Auffhrung
des Revisor berzeugte er sich, da er wirklich die Kraft zu einer
sittlichen Einwirkung auf die Masse besa, und von da ab war er
entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer groen Sache zu stellen
und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu
verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht
bewut war, trumte er davon, etwas Groes zu leisten, der Wohltter und
Lehrer seiner Nchsten und ein Held und Kmpfer fr das Vaterland zu
werden. Um diese hohe Mission durchzufhren, setzte er seine ganze
Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner wrdigen Aufgabe
d. h. nach einem groen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem
Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer
wirklichen Wohltat fr die Nchsten werden sollte.

So konnte die Anekdote von dem Kauf der toten Seelen schnell ihren
komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln,
fr den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen
passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab
die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner
eigenen sittlichen berzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen
Stoff stndig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Hhe
jenes groen Gegenstandes emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich
sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frhesten
Jugend trumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, da eine solche
Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam
und allmhlich vor sich gehen konnte, und da der Autor selbst bei
Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei
ihrer Vollendung annehmen werde.

Neben dieser _ethischen_ Tendenz gewann auch die _patriotische_ Absicht
des Dichters einen mchtigen Einflu auf die Dichtung. Gogols
Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der
Dichter an die Ausfhrung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum
Vaterland bereits zu einer stark _konservativen_ Weltanschauung mit
einer ausgesprochenen religisen Frbung zusammengeschlossen. Und dieser
Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu
weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte
noch mehr in dem Mae, als der Dichter an der stndigen Erweiterung und
Vertiefung seines Werkes ttig war. Gogol mute in seinem Roman ber
Ruland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten
Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung
seiner Dichtung dachte, lie er uns seine Heimat nur von einer Seite
sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des
Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von
einer geradezu erbrmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen -- das bedeutete
grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hie ber
seine guten Seiten, hie ber alle Russen schweigen, die einen Anspruch
auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum
Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbrgern in seiner Dichtung auch
ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr
sich der Rahmen der Erzhlung erweiterte, um so drngender empfand er
diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur
Verherrlichung Rulands und zur Bewunderung der russischen Tugenden
fort. Er wollte ihnen einen gebhrenden Platz in seiner Dichtung
einrumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er
wute, da der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der _besten_
Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche
entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefhl Folge leistete, fing
er an, nach neuen positiven Typen fr sein Werk zu suchen und seine
Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner frheren Werke
emporzustimmen.

Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung.
Einen kaum geringeren, wenn nicht noch strkeren Einflu auf des
Dichters Schaffen gewann die religise Stimmung, die Gogol mit jedem
Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm
die berzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfllen habe. Ihn
beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an
ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in
seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natrlich,
da er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten
begann, eine Pflicht, fr die sich der Mensch lange krftigen und
sthlen mu, wenn er die groe Aufgabe erfllen will, die Gott in seine
Hnde gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische
Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er arbeitete stndig an
sich selbst, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er
fr unheilig und sndhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf
seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklrten
Gemt glaubte er seine hohe Sendung erfllen zu knnen, und diese
Stimmung fand natrlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese
sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbrger und
Mitbrder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen
Snden.

So verschmolz fr Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der
eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde fr ihn zu einem
reinigenden Opfer. Die Snden, von denen er in ihr sprach, forderten
Shne und Ahndung -- die Snden seiner _Helden_, wie seine _eigenen_.
Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklrung und
Erleuchtung einer sndhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe
mystische Bedeutung an -- einen hnlichen Sinn wie das groe Epos
Dantes, das Gogol stets mit ehrfrchtiger Bewunderung las.

Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum
Licht, aus der Hlle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden
mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Bue aus sndigen zu,
wenngleich nicht _heiligen_, so doch _edlen_ und _sittlichen_ Menschen
zu machen, ergriff und erschtterte die Seele des Dichters aufs tiefste.
Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur
Ausfhrung kommen, aber Gogol kam nie ber das Nachdenken und Entwerfen
hinaus, und berantwortete schlielich das, was er davon
niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in
vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der
erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sndenfall des Russen, die
Erzhlung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und
Gemeinheit.


                                  VI.

Wenn wir jene Stellen in den Toten Seelen, wo der Verfasser auf den
geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile
hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter
selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaen die
direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des
Revisors. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit
erschtterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im
Revisor waren Beamte, zu denen sich in den Toten Seelen noch
Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemlde erscheint hier
unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und
Bewegungen der Helden des Revisors waren noch wenig differenziert und
nicht sehr vielgestaltig -- ganz anders verhlt es sich in den Toten
Seelen, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker
Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt
sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe
ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite
der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die
wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich
der Held: Pawel Iwanowitsch _Tschitschikow_; ihn verbindet kein engeres
Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von auen
hereingeschneit wie _Chlestakow_ im Revisor. Dieser Held ist vom Autor
mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das
sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Fhrer in diesem
Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder
einzeln und fr sich genommen so unendlich komisch und lcherlich wirkt,
und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck
hervorrufen.

Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gndig verfahren. Es ist
keine Frage, da Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften
moralischen Qualitten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht
unerfreulichen Aktualitt ist. Als Mensch und Brger ist er ein Gauner
und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persnlichkeit der
typische Reprsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral,
die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber
selber lebt und leben lt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit
dieser khlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswrdigen
und hflichen Rubers begngt; er erzhlt uns die ganze Geschichte
seiner Jugend, er erklrt uns, wie in Tschitschikow diese ruberischen
Instinkte entstehen konnten, und lt uns darber nachsinnen, ob die
ganze Verantwortung fr die Spitzbbereien und Gaunereien seines Helden
wirklich auf Tschitschikow allein fllt, oder ob nicht die grere
Hlfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs,
abgewlzt werden mu. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, da er dem
Leser geradezu die Frage vorlegt: Ist Tschitschikow denn tatschlich
ein solcher Lump? Und er fhrt fort: Warum gleich ein Lump? Warum
sollen wir so streng gegen unsere Nchsten sein? -- Er ist einfach das,
was man einen guten _Wirt_ und ein _Erwerbsgenie_ nennt.

Der _Erwerbstrieb_ trgt die Schuld an allem: er ist die Ursache, da
Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet.
Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft und es gibt
Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt.

Wenn es aber mglich war, schon fr Tschitschikow soviel mildernde
Umstnde geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen
Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren.
Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit groer Milde; vor
allem gegen die Adligen, die er mit noch grerer Nachsicht behandelt,
als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende
Menschen, aber eine besondere Entrstung und eine allzu groe Emprung
regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl ber sie, wir bemitleiden
sie, aber schlielich wrden auch wir mit ihnen leben knnen, ohne da
uns allzu groe Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was
liee sich schlielich gegen den so vertrauensseligen und gutmtigen
Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten
voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch lt sich fast ertragen: dieser
grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder
durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die brigens fr
seine Nchsten vllig unschdlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka
verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst,
der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit
ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer
voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin
in der glcklichsten, schon weit zurckliegenden Zeit seines Lebens, und
wir verstehen, da ein Unglcklicher vor uns steht, der ein Opfer der
Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kmpfen vermag. Der Dichter
spricht mit tiefem Schmerz von der Erbrmlichkeit, Kleinheit und
Hlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf
diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir
aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge
verhrtende Mannesalter, uns mit einem mglichst groen Vorrat von
Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht
leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen
Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, da sie
nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Trne des Mitleids
entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit,
Spitzbberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmtiges und von jeder
Bswilligkeit Freies verliehen, da er uns beinahe vllig entwaffnet und
die Fhigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zrnen.

So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit
seinem Helden zusammenfhrte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die
keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger
gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten,
mit andern Worten, wenn sie Beamte waren.

Wie der Revisor, so enthalten auch die Toten Seelen keine Spur von
einer politischen Anspielung. Die Satire berhrte auch nicht mit einem
Wort die hhere Obrigkeit und setzte sich blo mit den niederen Klassen
des Beamtenstandes auseinander.

Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher
konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die
sich _gegen_ die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme
etwa der schicksalsreichen Geschichte vom Hauptmann Kopeikin, die der
Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden
nderungen und Zugestndnissen seitens des Autors die Zensur passierte.
Diese Geschichte war die einzige gegen die souverne Gewalt gerichtete
Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fllen whlte
er sich blo die ausfhrenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe,
wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner
Helden abstufte. Je hher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn
der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung
durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der
Erwgung leiten lie, da ein hohes Ma von Intelligenz den Menschen
auch zu einer hheren Sittlichkeit verpflichte.

So sind denn in den Toten Seelen alle hheren Beamten, selbst
abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte
und liebenswrdige Mnner, die hchstens ein paar Seltsamkeiten oder
Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt
dem Moralisten nur wenig Anla zur Betrbnis, ja, er knnte sich nach
Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fhlen.

Aber das Bild wechselt jh und mchtig, wenn wir aus dem Kreise dieser
relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphren
hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten
bevlkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im
Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen
Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind
zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstnde
unter den gerade anwesenden, grtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten
ausgewhlt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstck die
Sanktion des Gesetzes erhlt, wobei dem letzteren aus reiner
Liebenswrdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebhren
abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs
Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in
einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrgern, denen jede Spur
von Sentimentalitt, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist,
und die einem nchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen.

Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land
begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken,
wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem
weichen und zrtlichen Herzen, der alle Drfer heimsucht und sie wie
eine verheerende Epidemie durchstreift, wofr er dann schlielich auch
von den Bauern ins Jenseits befrdert wird. Diese Seite, die uns von den
Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die khnste in der
gesamten Dichtung.

Der erste Teil der Toten Seelen ist somit tatschlich eine Epope der
menschlichen Erbrmlichkeit und Nichtigkeit. Erbrmlich ist dieser
_Erwerbsritter_ mit dem Instinkte des Raubtieres, erbrmlich und
armselig -- diese ganze Stadtgesellschaft, Mnner wie Frauen --
erbrmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses
prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschrnktheit, dieser Klatsch
und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, da
auch der _Bauern_stand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei
Gelegenheit handelte, in den Toten Seelen vorzglich nach seiner
unansehnlichen und erbrmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist
weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch bse, sondern nur
armselig, beschrnkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen
Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele
sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen
taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der
Satiriker getan htte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Snden
und Laster unserer rmeren und schwcheren Mitbrder lenken will, um
sein Nachdenken und sein Interesse fr sie zu wecken.

Da der Dichter ein herzliches Mitgefhl fr diese seine Mitbrder
hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die
Betrachtungen, die Tschitschikow ber das Schicksal der von ihm
gekauften Bauern anstellt, gengt, um sich zu berzeugen, da sich der
Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach
ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in
lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem
Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hren auer dem
trichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen
Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas
von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spren lt, wo
er uns durch jene geistigen und seelischen Fhigkeiten erfreut, von
denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne
Grund zu erzhlen wuten.


                                  VII.

Dies ist in seinen wesentlichen Zgen der Inhalt des _ersten_ noch
erhaltenen Teils dieser groen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte
dieses Werk fr seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen;
es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und
erbrmlichen Menschen vorzufhren, um uns dann ein schnes Bild ihrer
Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an
sein Vaterland gerichtete Verheiung, da es sich einst von allem
Hlichen und Schmutzigen reinigen und der gttlichen Liebe wrdig
erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch
seine religisen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches,
mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, da Gogol als Anklger des
Lasters, der Schwche, der Gemeinheit, der Trgheit und Indolenz, mit
einem Wort, aller nur mglichen persnlichen und sozialen Schden, einer
der fortgeschrittensten russischen Mnner gewesen ist, und dieses hohe
Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreien oder zu
schmlern.

Aber bei einer nheren Bekanntschaft mit seinen Werken berzeugt man
sich leicht, da seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage
und Geielung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher,
milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wute gegen dieselben Menschen
gerechte Nachsicht zu ben, die er in seinen Werken an den Pranger
stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch fr den
Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu
sprechen und zog es vor, sie Schwchen zu nennen, wobei er den Leser
stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte.
Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sndhaftigkeit. Nicht
sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Snden, als
vielmehr dadurch, da er in ihnen das Mitleid fr ihre Nchsten weckte,
die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglck geraten waren.

Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die
groe Bedeutung der Toten Seelen fr die Literatur und das Leben
Rulands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser
erlebte nichts von den khnen Verheiungen des Dichters. Der Leser
behielt nichts in seiner Hand zurck, als eine groe Anklageschrift
gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich,
die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines
groen realistischen Knstlers stammte.

Die Toten Seelen sind das erste Muster eines groen realistischen
Romans in der Literatur Rulands, und das Schicksal, das oft sein
ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, da dieses groe
Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem
Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit
einem romantischen Traum begann und sie mit einer religisen Predigt
beschlo.

Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege
gelegt, er besa wie kein anderer die Fhigkeit einer reinen,
ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung
-- und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt
erreichte, um schnell und fr immer zu erlschen, erschuf der Dichter
dieses groartige Gemlde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum
erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von
verblffender Treue erblickte.

                                                  Nestor Kotljarewski.




                Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
                                  oder
                           Die Toten Seelen.
                              Erster Teil


                             Erstes Kapitel

Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein
schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewhnlich
Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D.,
Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. -- mit
einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren
mittleren Ranges nennt. Im Wagen sa ein Herr von nicht gerade
berwltigender Schnheit, aber doch von angenehmem ueren; er war
weder allzu dick noch allzu dnn, man konnte nicht sagen, da er alt
war, doch war er andererseits auch nicht bermig jung. Seine Ankunft
erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von
keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der
Tre der dem Gasthof gegenberliegenden Schenke standen, machten ein
paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefhrt, als auf den
Insassen bezogen. Sieh dir mal das Rad an, sagte der eine zum andern.
Was meinst du? Wrde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder
nicht? -- Gewi, antwortete der andere. Aber bis Kasan wird es wohl
nicht halten, denk ich. -- Bis Kasan wohl kaum, versetzte der andere.
Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe
hielt, ging noch ein junger Mann vorber. Er trug kurze, sehr enge weie
Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein
Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form
einer bronzenen Pistole schmckte. Der junge Mann drehte sich um, sah
sich den Wagen an, whrend er seine Mtze, die der Wind fortzublasen
drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege.

Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder
Aufwrter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt,
empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, da es ein Ding der
Unmglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszgen zu gewinnen.
Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen,
ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock,
dessen Taille beinahe in der Hhe des Nackens sa, schttelte seine
Mhne und fhrte den Herrn flink durch den langen hlzernen Flurgang, um
dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. -- Das Zimmer
war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der
bekannten Art, wie nmlich alle Gasthfe in den Provinzstdten sind, wo
die Reisenden fr zwei Rubel tglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit
Schwabenkfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit
einer Kommode vor der Tr, die ins anstoende Gemach fhrt, in dem der
Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber uerst neugieriger Mann,
der sich aufs lebhafteste fr den Reisenden und alle Einzelheiten seiner
Person interessiert. Die uere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus
dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war
nicht geweit und lie noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen,
die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen
Witterungsumschlge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war
gelb angestrichen, wie berall. Unten waren Lden, wo Pferdegeschirr,
Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger
im Fenster des Ladens sa ein Sbitenverkufer[1] mit einem Samowar aus
Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar,
soda man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster stnden
zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart
gehabt htte.

Whrend der Reisende sich noch sein Zimmer nher ansah, wurde sein
Gepck hereingetragen. Zunchst ein etwas abgenutzter Koffer aus weiem
Leder, dem man es ansah, da er nicht zum erstenmal eine Reise machte.
Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem
kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein
Bursche von etwa dreiig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock,
der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen
und mrrischen Eindruck und hatte groe dicke Lippen und eine ebensolche
Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kstchen aus Mahagoni mit
eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar
Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues
Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher
Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte,
whrend sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete,
einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit
diesem einen merkwrdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm
eigentmlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit
allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf
hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges
dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer
Matratze hnlich sah, flach und zusammengedrckt wie ein Pfannkuchen und
vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem
Gastwirte geben lassen.

[Funote 1: Sbiten: ein Getrnk aus Wasser, Honig und Lorbeerblttern
oder Salbei, das von den niederen Klassen statt Tee getrunken wird.]

Whrend die Diener mit der Einrichtung beschftigt waren, begab sich der
Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende wei aus Erfahrung, wie
so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe
gestrichenen Wnde, die oben vom Rauche geschwrzt und tiefer unten wie
poliert sind durch die Rcken der Reisenden und mehr noch durch die der
einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch
hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe
rauchige Decke, derselbe geschwrzte Kronleuchter mit einer Unzahl
herabhngender Glaskristalle, die jedesmal herumhpften und klirrten,
wenn der Kellner ber den abgeriebenen Lufer von Wachstuch sprang und
dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen
ruhte, wie Vgel am Meeresstrande; dieselben lgemlde, die eine ganze
Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie berall, hchstens mit
dem Unterschied, da auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen
Brsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat.
brigens begegnet man hnlichen Naturspielen auf vielen historischen
Gemlden, von denen man nicht wei, woher sie, wann sie und von wem sie
zu uns nach Ruland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere
vornehmen Wrdentrger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf
Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mtze
hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es
unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhndig zu hkeln pflegen, wobei sie
stets noch allerhand ntzliche Lehren hinzufgen, wie das Tuch umgelegt
werden mu; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich
nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott wei es, ich habe nie ein solches
Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte,
bestellte er sich ein Mittagessen. Whrend die verschiedenen Speisen,
die einem gewhnlich in den Gasthfen vorgesetzt werden, aufgetragen
wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Bltterteig, die
wochenlang fr die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden,
ferner Hirn mit Schoten, Wrstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde,
eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrtige
Splittertrtchen; whrend also dies alles aufgetragen wurde, aufgewrmt
oder kalt, lie er sich von dem Diener oder Kellner allerhand trichte
Geschichten erzhlen: wer den Gasthof frher besessen habe, wer sein
jetziger Besitzer sei, wie gro die Einnahmen seien, ob der Herr ein
groer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab:
Oh! ein groer Spitzbube! gndiger Herr! Wie in dem aufgeklrten
Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklrten Ruland eine Menge
hchst ehrenwerter Leute, die es nicht ber sich bringen, in einem
Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm
ihre Scherze zu treiben. brigens stellte der Ankmmling nicht nur
sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur,
nach dem Gerichtsprsidenten und Staatsanwalt der Stadt -- mit einem
Wort: er berging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast
noch grerer Ausfhrlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden
Grogrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen
habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er fr einen
Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach
den Zustnden, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht
Krankheiten oder Epidemieen, wie tdlich verlaufende Fieber, Blattern u.
s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und
Ausfhrlichkeit, die weit mehr als bloe Neugierde erkennen lie. Im
Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er
sich ungewhnlich laut. Es lt sich kaum sagen, wie er das machte,
jedenfalls tnte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser
scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die
Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm,
seine Mhne schttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas
von seiner Hhe herabsinken lie und fragte: Wnschen der Herr
vielleicht etwas? Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und
lie sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rcken,
das in den russischen Gasthusern statt mit weicher Wolle mit einem
Etwas gestopft wird, das die grte hnlichkeit mit Kieseln oder
Ziegelsteinen hat. Er begann zu ghnen und lie sich in sein Zimmer
fhren, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern.
Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen
Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie
sich's gehrt, der Polizei mitgeteilt werden knnten. Als der Kellner
die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen:
Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in
eigenen Angelegenheiten. Whrend der Kellner den Zettel noch immer zu
entziffern suchte, verlie Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof,
um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck
auf ihn machte; denn er fand, da sie sich durchaus mit jeder andern
Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das
bescheidene Dunkelgrau der hlzernen Huser fielen besonders ins Auge.
Die Huser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den
stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen
Architekten besonders schn waren. Stellenweise schienen diese Huser
wie verloren inmitten der Strae, die breit wie ein Feld war, und
zwischen den Bretterzunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern
Punkten dagegen stieen sie eng aneinander, und hier machte sich auch
mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen
verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein
Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte:
Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschft, mit Mtzen und Hten
und einem Schild mit der Inschrift: Der Auslnder Wassili Fjodorow.
Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in
Frcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gste zu tragen
pflegen, die im letzten Akte auf der Bhne erscheinen. Die Spieler waren
in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoe
ausholen, mit ein wenig zurckgezogenen Armen und gekrmmten Beinen, als
ob sie soeben einen Luftsprung gemacht htten. Unter diesem Bilde befand
sich die Inschrift: Hier ist eine Schenke! Hie und da standen unter
freiem Himmel auf der Strae Tische mit Nssen, Seife, und Honigkuchen,
die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine
Garkche, auf deren Aushngeschild ein mchtiger Fisch abgebildet war,
in dem eine Gabel steckte. Am hufigsten aber begegnete man den
zweikpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die
lakonische Inschrift: Ausschank ersetzt sind. Das Pflaster war berall
ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den stdtischen
Garten, der aus ein paar dnnen Bumchen bestand, welche offenbar sehr
schlecht fortkamen und unten von Pfhlen gesttzt wurden, die ein
Dreieck bildeten und mit grner lfarbe angestrichen waren. brigens
hie es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhhe
erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: Dank der Frsorge
unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller
breitkroniger, schattenreicher Bume verschnt, die an heien
Sommertagen angenehme Khle spenden. Weiterhin hie es: Es sei rhrend
anzusehen, wie die Herzen der Brger in berquellender Dankbarkeit
erzitterten und Trnenstrme in warmer Anerkennung der Verdienste
unseres verehrten Stadtoberhauptes vergssen. Der Herr erkundigte sich
bei einem Polizisten ausfhrlich nach dem krzesten Wege zur Domkirche,
zu den Amtsgebuden, zum Gouverneur und begab sich schlielich zum Flu
hinab, der mitten durch die Stadt flo. -- Unterwegs ri er einen
Reklamezettel ab, der an einer Plakatsule klebte, um ihn zu Hause in
Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht
angenehmem ueren, die auf den Holzbrettern des Brgersteiges an ihm
vorberging, begleitet von einem Knaben in militrischem Aufputz, der
ein Bndel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick
auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die rtlichkeit grndlich
einzuprgen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu
seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht
untersttzte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an
seinen Tisch, lie sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der
Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig
zukniff. brigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man
gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein
Frulein Sjablowa die Kora spielten. Die brigen Personen waren noch
unbedeutender. Trotzdem las er smtliche Namen durch, bis auf die Preise
der Parterrepltze und erfuhr, da der Zettel in der stdtischen
Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu
berzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rckseite stehe. Aber da er
nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und
legte ihn in das Kstchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was
ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion
kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem
festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, hnlich dem
Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres
gerumigen russischen Vaterlandes auszudrcken pflegt. --

Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich
allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen
Achtungsbesuch, der, wie sich's herausstellte, ebenso wie Tschitschikow
weder dick noch dnn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man
sich erzhlte, selbst Prtendent des Sternes war; im brigen war er ein
gutmtiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tllstickereien
versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt,
zum Gerichtsprsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpchter und
Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht,
all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzhlen; genug, unser Reisender
entwickelte eine lebhafte Geschftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar
zum Inspektor der Sanittsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen
seine Aufwartung zu machen. Und lange noch sa er in seinem Wagen, bei
sich erwgend, wem er wohl noch einen Besuch machen knne, aber leider
fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglckt
htte. Im Gesprch mit den Machthabern verstand er es vorzglich, einem
jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie
beilufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im
Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als fhre man ber
Samt; und er fgte hinzu, die Regierung, welche es verstnde, weise
Mnner auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das hchste
Lob und die grte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas hchst
Schmeichelhaftes ber die stdtischen Polizisten und den Vizegouverneur
und den Gerichtsprsidenten, die erst Staatsrte waren, nannte er im
Gesprche zweimal wie im Versehen Exzellenz, was ihnen sichtlich
Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, da der Gouverneur ihn
noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause
einlud; auch von den brigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen
zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee.

ber sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn
er etwas sagte, so waren es meist Gemeinpltze. Er drckte sich mit
einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gesprch bewegte sich in
diesen Fllen in Redewendungen aus der Bchersprache, wie etwa folgende:
er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, da
man sich viel um ihn kmmere. Er habe in seinem Leben schon viel
erfahren und durchgemacht, fr die Wahrheit gelitten und sich viele
Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er
sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Pltzchen, wo er
ungestrt leben knne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt fr
seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Reprsentanten des
Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen.
Das war alles, was man in der Stadt ber den Fremden in Erfahrung
bringen konnte, der nicht zgerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu
erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute
zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche
peinliche Aufmerksamkeit fr seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur
selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschlfchen lie er sich
ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen
mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drckte. Dann
nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein
rundliches Gesicht berall sorgfltig ab, indem er bei den Ohren anfing
und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er
vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, ri sich zwei aus der
Nase hervorragende Hrchen aus und stand gleich darauf in einem
preielbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine
Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr
durch die ungemein breiten Straen, welche von dem sprlichen Lichte
beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des
Gouverneurs war indessen so glnzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor
dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus
der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herber; mit einem Wort, es war
alles so, wie es sich gehrte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mute
er die Augen fr einen Moment schlieen, weil der blendende Glanz der
Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu berwltigend war. Alles
war wie mit Licht bergossen. Schwarze Frcke schwirrten einzeln und in
Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heien
Julitag, whrend ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen
Fenster in weie leuchtende Stcke zerschlgt: alle Kinder umstehen sie
und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hnde,
welche den Hammer schwingen, whrend geflgelte Schwadronen von Fliegen
von einem leichten Winde emporgetragen, khn herbeifliegen, als wren
sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das
Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die sen
Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren.
Gesttigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere
Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen,
sondern blo um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren,
eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfchen zu wetzen und sie an
den Flgelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpftchen
vorstreckend, sich das Kpfchen zu krauen und mit einer khnen Wendung
davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwrmen
wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der
Gouverneur ihn schon am Arme fate und der Gouverneurin vorstellte. Auch
bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der
Dame ein Kompliment, wie es sich fr einen Mann in mittleren Jahren
schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind.
Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die
Wand drckten, stand er, die Hnde auf dem Rcken gekreuzt, da, und
betrachtete die Tnzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von
den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre
dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen
lt. Die Herren zerfielen hier wie berall in zwei Kategorien: die
einen waren sehr dnn und hager und drehten sich bestndig um die Damen
herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger
Herren htte unterscheiden knnen; sie hatten ebenso sorgfltig
gepflegte Backenbrte, und ihre Barttracht war ebenso wohl berlegt und
geschmackvoll, oder sie hatten einfach hbsche, glattrasierte Ovale,
nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut
franzsisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in
Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder
die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch
wiederum zu dnn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten,
sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob
nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grnen Tisch fr
das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und
wohlgenhrt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie
trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Bscheln, noch Locken, noch >_a la
Diable m'emporte_< (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen.
Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekmmt, wie
geleckt, und ihre Gesichtszge waren rund und krftig. Das waren die
geachteten Wrdentrger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es
besser, auf dieser Welt Geschfte zu machen als die Dnnen. Die Dnnen
sind meist Beamte fr besondere Auftrge oder werden blo in den Listen
gefhrt und treiben sich mig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu
Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen
nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer
die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so
sitzen sie fest und sicher, soda eher der Sitz unter ihnen kracht oder
sich biegt, als da sie herunterfallen. Jeder uere Glanz ist ihnen
verhat, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dnnen,
dafr sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen.
Der Dnne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht
verpfndet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da --
pltzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf
den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner
ein kleines Gut in der Nhe des Stdtchens und ein Stck Land mit allem
Zubehr. Und schlielich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem
Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat,
seinen Dienst, verlt die Stadt und wird Landwirt, ein prchtiger
russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und
herrlich und in Freuden. Seine dnnen Erben aber bringen wiederum nach
guter russischer Sitte den ganzen vterlichen Besitz im Eilposttempo
durch. Es lt sich nicht verheimlichen, da unseren Tschitschikow
hnliche Betrachtungen beschftigten, whrend er sich die Gesellschaft
nher ansah, und die Folge hiervon war, da er sich schlielich zu den
Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war
der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein
wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: kommen
Sie doch ins Nebenzimmer, ich mchte Ihnen etwas erzhlen -- brigens
ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines
Mnnchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtsprsident,
ein sehr verstndiger und liebenswrdiger Herr -- sie alle begrten ihn
wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch,
aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die
Bekanntschaft eines sehr hflichen und freundlichen Herrn, eines
Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn
Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fu trat und Bitte um
Entschuldigung dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte,
als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen
hflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grnen Tisch, und
blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung
hrte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich
an eine ernste Beschftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr
redselig war, so erhielt doch auch _sein_ Gesicht einen nachdenklichen
Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte
whrend des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur
ausspielte, dann schlug er mit der Hand krftig auf den Tisch. War es
eine Dame, dann fgte er hinzu: Raus, alte Popin! War es dagegen ein
Knig, so rief er: Raus mit dem Tambower Bauern! Der Prsident aber
antwortete: Dem geb ich's auf den Schnauzbart! Dem geb ich's auf den
Schnauzbart! Zuweilen entschlpften ihnen Ausdrcke, wie die folgenden,
whrend sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: Ach was: Was nicht
is, is nicht, in solchen Fllen spielt man Schellen! oder einfache
Ausrufe wie: Herzen! Herzchen! Pikentia! oder Piekchen, Piekchen,
Pickelchen! oder einfach Pikkolo. Lauter Namen, mit denen sie in
ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung
eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut
gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit,
aber er wute das so geschickt zu machen, da alle zwar sahen, da er
auch mitstritt, doch aber immer liebenswrdig blieb. Er sagte niemals:
Sie spielten ... sondern stets: Sie hatten die Gte ... zu spielen
oder: ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen u. s. w. Um seine
Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine
emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren,
die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten
interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und
Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich
sogleich nach ihnen beim Prsidenten und beim Postmeister, die er
hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen
vorlegte, lieen erkennen, da der neue Gast nicht nur sehr wibegierig,
sondern auch sehr grndlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung
zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen bese, und in welcher
Verfassung sich ihre Gter befnden; erst hierauf fragte er auch nach
ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wute er sie alle zu
bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit
Augen s, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz
begeistert von ihm. Er drckte ihm lange die Hand und bat ihn instndig,
ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er
fgte hinzu, sein Gut wre nur fnfzehn Werst vom Stadttor entfernt,
worauf Tschitschikow mit hflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem
Hndedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht
nur mit dem grten Vergngen nachkommen, sondern halte es sogar fr
seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: Ich bitte
gleichfalls darum, dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den
Fu ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen
steckte, da man wohl vergeblich nach einem zweiten Fu suchen wrde,
der zu diesem Stiefel gepat htte, besonders zu unserer Zeit, wo die
Recken und Ritter in Ruland im Aussterben begriffen sind.

Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer
Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem
Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte
bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch
die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr
gewandten Herrn von dreiig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu
duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow
gleichfalls und behandelte sie hchst familir; aber als man sich
hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der
Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die
er machte, und lieen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den
nchsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtsprsidenten, der seine
Gste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing.
Dann besuchte er eine Soire beim Vizegouverneur, ein groes Diner beim
Branntweinpchter und ein _kleines_ Diner beim Staatsanwalt, das sich
brigens neben dem groen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein
Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und
gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine
Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende
verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich
berall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wute
immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so
wute auch er etwas ber die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den
Vorzgen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine
Bemerkungen; unterhielt man sich ber eine Untersuchung, die vom
Gerichtshof angestellt wurde, -- so lie er merken, da ihm auch die
gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom
Billardspiel -- so gab er sich auch beim Billardspiel keine Ble; kam
das Gesprch auf die Tugend -- so konnte er auch sehr schn, und sogar
mit Trnen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die
Branntweindestillation zu sprechen, auch ber Branntweindestillation
wute er Bescheid -- oder auf die Zollwchter und Zollbeamten -- er
sprach auch ber diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwchter
gewesen wre. Das Merkwrdigste dabei war, da er bei alledem eine
gewisse Wrde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und
vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise,
sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite
man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom
Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut ber die Ankunft
dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklrte ihn fr einen
wohlgesinnten Mann -- der Staatsanwalt fr einen tchtigen Mann -- der
Gendarmerieoberst fr einen gelehrten -- der Gerichtsprsident fr einen
hochgebildeten und ehrenwerten -- der Polizeimeister fr einen
ehrenwerten und liebenswrdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters
fr einen _sehr_ liebenswrdigen und galanten Mann. Ja selbst
Sabakewitsch, der selten gut ber seine Mitmenschen redete, sprach, als
er spt abends aus der Stadt zurckkehrte, whrend er sich entkleidete
und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: Schatz, ich war heute abend
beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die
Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht
habe: ein uerst angenehmer Herr! Worauf seine Gemahlin Hm machte
und ihm einen leichten Futritt gab.

Diese fr unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt
sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentmlichkeit des
Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der
Provinz auszudrcken pflegt, von der der Leser in Krze Nheres erfahren
soll, nahezu die ganze Stadt aufs hchste in Staunen und Zweifel
versetzten.


                            Zweites Kapitel

Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er
bestndig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu
sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich
entschlo er sich, seine Besuche auch ber die Stadtgrenze auszudehnen
und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem
Versprechen gem seine Aufwartung zu machen. Mag sein, da ihn hierzu
noch ein anderer triftigerer Grund veranlate, eine ernstere
Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird
der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas
erfahren, vorausgesetzt, da er die Geduld hat, diese lange Erzhlung
durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und
freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nhert, welches unser
Werk krnen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde
in aller Frhe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka
aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem
Koffer zu bewachen. Es wird fr den Leser nicht berflssig sein, die
Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl
beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persnlichkeiten,
sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges
sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgnge und die Federn dieser
Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie hchstens einmal berhren
oder leichthin streifen; -- der Verfasser liebt es nun einmal so sehr,
in allen Dingen mglichst grndlich und ausfhrlich zu sein, und so
mchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau
und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel
Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem
hinzuzufgen bleibt, was der Leser schon wei, wie z. B. dies, da
Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn
gehrt hatte, und da er wie alle Leute seines Schlages eine groe Nase
und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur
Geschwtzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h.
zur Lektre beseelt, worin er sich nicht irre machen lie, auch wenn er
den Inhalt der Bcher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen
gleichgltig, was er las, ob es nun Die Abenteuer eines verliebten
Ritters, eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, -- er las alles
mit der gleichen Aufmerksamkeit; htte man ihm ein chemisches Lehrbuch
in die Hand gegeben, -- er htte auch dieses nicht verschmht. Ihn
freute nicht das, _was_ er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger
der Proze des Lesens, da sich nmlich aus den Buchstaben stets irgend
ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel
selbst entrtseln mochte. Diese Lektre wurde gewhnlich im Vorzimmer in
liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die
infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrckt und dnn wie ein
Pfannkuchen war. Auer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die
zwei weitere Charakterzge seiner Person bildeten: er liebte es zu
schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem
bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphre,
jenen ihm eigentmlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft
eines Wohnzimmers erinnerte, so da er nur irgendwo sein Bett
aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen
brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, da dieses Zimmer seit
zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand
darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der
leicht Ekel empfand, rmpfte gewhnlich die Nase, wenn er morgens
gleichsam auf nchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft
einzog, schttelte den Kopf und murmelte: Hol' dich der Teufel, Kerl!
Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad! Worauf Petruschka gar nichts
erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die
Brste, um den an der Wand hngenden Frack seines Herrn auszubrsten,
oder er begann einfach die Stube aufzurumen. Woran dachte er wohl,
whrend er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: Du bist
mir auch der Rechte! Bist du's noch immer nicht satt, vierzigmal ein und
dasselbe zu wiederholen ... Gott mag es wissen, es ist schwer zu
erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm
gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunchst ber Petruschka
sagen lt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber
der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der
unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung wei, wie ungern sie
die Bekanntschaft der niederen Stnde machen. So ist nun einmal der
Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten
zu machen, ja mit ihnen familir zu werden, die auch nur um _einen_ Rang
hher stehen als er, und der Gru eines Grafen oder Frsten gilt ihm
mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige
Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch
allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche
bereits den Rang eines Generals erreicht haben -- werden am Ende gar,
was Gott verhte, einen jener verchtlichen Blicke auf ihn werfen, wie
sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Fen einherkreucht,
oder werden was noch schlimmer wre, mit einer Nichtachtung an ihm
vorbeigehen, die fr den Autor tdlich wre. Doch so betrbend beides
auch sein mag, wir mssen dennoch zu unserem Helden zurckkehren.
Nachdem er also noch am Abend smtliche notwendigen Anordnungen
getroffen hatte, erwachte er in aller Frhe, wusch sich, rieb sich vom
Kopf bis zu den Fen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des
Sonntags zu tun pflegte -- doch traf es sich gerade so, da der Tag ein
Sonntag war --, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und
Gltte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten
preielbeerfarbenen Frack und darber einen mit Brenfell geftterten
Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter
dem Arm fate und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite
untersttzte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des
Gasthofes auf die Strae hinaus rollte. Ein vorbergehender Pope lftete
seinen Hut und grte; ein paar Straenjungen in schmutzigen Hemden
streckten ihre Hand aus und murmelten: Lieber Herr, eine Gabe fr uns
arme Waisen! Als der Kutscher bemerkte, da der eine nicht bel Lust
hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der
Peitsche und der Wagen polterte weiter ber die Steine. Man war nicht
wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum
erblickte, der anzeigte, da die Qualen des holperigen Pflasters und
noch manche andere bald berstanden seien. Und nachdem Tschitschikow
noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen
jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen,
da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten
und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstrae: kleine mit Moos
bewachsene Erdhgel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dnne
Fichtenstmme, angekohlte Baumstmme, wildes Heidekraut und hnliches
Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Drfern, deren
Huser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Htten waren
mit grauen Dchern gedeckt und mit hlzernem Schnitzwerk verziert, das
die Form eines gestrkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein
paar Bauern saen wie gewhnlich in Schafpelzen auf den Bnken vor der
Tr. Die Buerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnrten Brsten
sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte
ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit
einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fnfzehn Werst zurckgelegt
hatten, erinnerte sich Tschitschikow, da nach Manilows Beschreibung
sein Gut nicht mehr fern sein knne; aber auch der sechzehnte
Streckenpfosten flog vorber, ohne da etwas von dem Gute zu entdecken
gewesen wre. Und wenn sie nicht zufllig zwei Bauern begegnet wren,
wre es ihnen sicher nicht geglckt, das Gut zu erreichen. Auf die
Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die
Mtzen ab, und der eine von ihnen, der etwas klger zu sein schien und
einen Spitzbart trug, antwortete: Vielleicht meinen Sie Manilowka und
nicht Samanilowka? --

Nun ja, Manilowka --

Manilowka! Wenn du noch eine Werst fhrst, dann bist du da, d. h. dann
liegt es gerade rechts. --

Rechts? sagte der Kutscher.

Rechts, sagte der Bauer. Das ist der Weg nach Manilowka. Ein
Samanilowka gibt es berhaupt nicht. Es heit so, d. h. sein Name ist
Manilowka. Ein Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf dem
Berge wirst du ein steinernes, zweistckiges Haus erblicken. Das ist das
Herrenhaus. Da wohnt nmlich der Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein
Samanilowka gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben.

Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. Nachdem sie noch zwei
Werst gefahren waren, kamen sie an einem Feldweg vorber. Dann fuhren
sie noch zwei, drei oder sogar vier Werst; aber das zweistckige,
steinerne Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte sich
Tschitschikow, da, wenn uns ein Freund auf ein Landgut einldt, das
fnfzehn Werst entfernt ist, die Entfernung dann sicherlich dreiig
Werst betrgt. Die Lage des Dorfes Manilowka hatte gewi wenig
Verlockendes. Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhhe und war jedem
Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. Der Abhang des Berges, auf
dem es stand, war mit schn geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da
standen Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben Akazien.
Fnf bis sechs Birken streckten stellenweise in kleinen Gruppen ihre
dnnbelaubten, schmchtigen Wipfel empor. Unter zweien von ihnen befand
sich eine Laube mit einer flachen grnen Kuppel auf blauen, hlzernen
Sulen, welche die Inschrift trug: Tempel einsamer Betrachtungen;
etwas weiter unten lag ein Teich ganz im Grnen, was brigens in den
englischen Grten der russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am
Fue dieser Anhhe und teilweise auch lngs des Abhanges schimmerten
berall kleine Blockhuser, welche unser Held aus irgend einem Grunde
sofort zu zhlen begann und deren er mehr als zweihundert zhlte. Sie
standen ganz nackt da, nirgends erblickte man ein Bumchen oder etwas
frisches Grn. Nichts wie die kahlen Balken starrten einen an. Die
Landschaft wurde durch zwei Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch
aufgesteckten und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich
wateten und an zwei Stcken ein zerrissenes Netz hinter sich her
schleiften, in dem sich zwei Krebse und eine silbern schimmernde Forelle
gefangen hatten. Die Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und
traktierten einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der Ferne
schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem Blau. Auch das Wetter
entsprach ganz der Stimmung, der Tag war weder klar noch trbe, sondern
zeigte eine Art hellgraue Frbung, wie man sie nur an den alten
Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, dieses zwar recht
friedlichen, aber besonders an Sonntagen recht unmigen Truppenteils.
Zur Vervollstndigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die
Rolle eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag
vorausverkndigte. Und obwohl sein Kopf von den Schnbeln anderer Hhne
wegen gewisser Liebeshndel vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt
war, krhte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar noch mit den
Flgeln, die zerfetzt und zerzupft waren, wie ein Paar alte zertretene
Matten. Als Tschitschikow sich dem Tore nherte, bemerkte er den
Hausherrn, der in einem grnen Rock von Wolle auf der Freitreppe stand
und die Hnde wie einen Schirm ber die Augen hielt, um den
heranrollenden Wagen besser betrachten zu knnen. In dem Mae, als der
Wagen sich dem Hause nherte, wurden seine Augen munterer und
verbreitete sich ein Lcheln ber sein Gesicht.

Pawel Iwanowitsch! rief er schlielich aus, whrend Tschitschikow aus
dem Wagen stieg. Endlich haben Sie sich doch an uns erinnert!

Die beiden Freunde kten sich sehr herzlich, und Manilow fhrte seinen
Freund ins Zimmer. Obwohl die Zeit, whrend der sie den Flur, das
Vorzimmer und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, wollen
wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie uns zunutze zu machen, um
ein paar Worte ber den Hausherrn zu sagen. Hier aber mu der Autor
leider gestehen, da ein solches Unternehmen seine groen
Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter von einer
gewissen Gre zu schildern. Da braucht man die Farben nur so mit der
Hand auf die Leinewand zu werfen -- schwarze flammende Augen, dicke
buschige Augenbrauen, die groe Stirnfalte, der schwarze oder feuerrote
Mantel khn ber die Schulter geworfen -- und das Portrt ist fertig;
aber all diese Herrschaften, deren es so viele auf der Welt gibt, die
sich uerlich so sehr hnlich sehen, und doch bei nherem Studium
und Anblick eine ganze Reihe uerst feiner, kaum fabarer
Eigentmlichkeiten aufweisen -- diese Leute sind uerst schwer zu
portrtieren. Da mu man seine Aufmerksamkeit bis aufs uerste
anspannen, ehe es einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden
Zge hervortreten zu lassen, und es wird berhaupt ntig, den durch die
Menschenkenntnis geschrften Blick bis tief auf den Grund der
Menschenseele hinabzusenken.

Nur Gott allein htte vielleicht sagen knnen, was Manilow fr einen
Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man
folgendermaen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht
dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan,
wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht knnte man Manilow zu
_ihnen_ zhlen. uerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck;
seine Zge waren nicht unliebenswrdig, aber diese Liebenswrdigkeit war
zu stark mit einer gewissen Sigkeit versetzt; in seinem Betragen und
Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung
zu erwerben. Er lchelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue
Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, htte ein jeder im ersten
Augenblick ausgerufen: Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch!
Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen
Augenblick spter denkt man sich: >Pfui Teufel!< und macht, da man
fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fhlt man eine
geradezu tdliche Langeweile. Nie hrte man ein lebhaftes oder
anmaendes Wort von ihm, wie man es von jedem hren kann, wenn man einen
Gegenstand berhrt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein
Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es
so vor, als ob er ein groer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen
dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales
Mittagessen; ein vierter bemht sich eine Rolle zu spielen, die um
wenigstens einen Zoll hher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein
fnfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schlft und trumt
davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem
Flgeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und
Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein
sechster hat eine so krftige Hand, da ihm der unnatrliche Wunsch
kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen
Hieb zu versetzen, whrend die Hand des Siebenten sich durchaus nicht
enthalten kann, berall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn
Stationschefs oder die Postillons heranzumachen -- mit einem Wort, ein
jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts
derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und
philosophierte, worber er aber nachdachte, das wei wohl auch nur Gott
allein. Man konnte auch nicht sagen, da er sich mit der Landwirtschaft
beschftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von
selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: Gndiger Herr,
es wre doch gut, wenn wir es so und so machten, dann antwortete er
gewhnlich Ja, ja, gar nicht bel! whrend er ruhig seine Pfeife
weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in
der Armee angenommen hatte, wo er fr einen der bescheidensten und
hflichsten Offiziere gehalten wurde. Ja, ja, durchaus nicht bel!
wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und
sprach: Gndiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das
Geld fr die Steuern zu verdienen, dann sagte er: Geh nur! und fuhr
fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam,
da der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete
er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete
er sich wohl darber, wie schn es doch wre, wenn man vom Hause aus
einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brcke ber den
Teich bauen knnte, zu dessen beiden Seiten Buden lgen, wo Kaufleute
allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilbten. Hierbei hatten
seine Augen etwas ungemein Ses und sein Gesicht nahm einen uerst
zufriedenen Ausdruck an. brigens blieb es trotz aller Projekte stets
nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem
Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er
bestndig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im
Salon standen prachtvolle Mbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen
und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte
wohl fr die letzten zwei Lehnsthle nicht gereicht, denn sie standen
noch immer so da, blo mit Sackleinwand berspannt; brigens warnte der
Hausherr seine Gste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf
einen der Sthle niederzulassen und sagte: Setzen Sie sich nicht auf
diese Sthle, sie sind noch nicht fertig. In einzelnen Zimmern standen
berhaupt keine Mbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu
seiner Frau gesagt hatte: Herz, wir mssen morgen dafr sorgen, da wir
uns wenigstens fr die erste Zeit Mbel kommen lassen. Abends wurde ein
hchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken
Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt,
neben ihm aber stand irgend ein gewhnlicher kupferner, hinkender,
verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr
noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken.
Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden.
Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren,
schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nsse und
sprachen mit einer rhrend zrtlichen Stimme, welche von inniger Liebe
zeugte: Mach doch dein Mndchen auf, Herzchen, ich will dir dies
Stckchen hineinstecken. Es versteht sich von selbst, da sich das
Mndchen in solchen Fllen uerst grazis ffnete. Zum Geburtstag
bereitete man sich allerhand berraschungen -- man schenkte sich z. B.
ein Perlenfutteral fr die Zahnbrste usw. Und es geschah gar nicht
selten, da, whrend sie beide auf dem Sofa saen, ohne besonderen Grund
_er_ seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken lie, die sie bis dahin in
der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Ku auf die Lippen
zu drcken, whrenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre htte
ausrauchen knnen. Mit einem Worte, sie waren das, was man glcklich
nennt. Man knnte freilich einwenden, es gbe im Hause noch manches
andre zu tun, als sich lange Ksse zu geben und berraschungen zu
bereiten, man knnte berhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden
z. B. die Speisen so schlecht und so tricht zubereitet? Warum waren die
Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushlterin? Warum waren die
Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte
bestndig oder lungerten mig herum? Aber dies alles sind gemeine
Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt
wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen
Pensionaten gibt es, wie jedermann wei, drei Gegenstnde, die die
Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die franzsische Sprache,
deren man fr das husliche Glck der Familie bedarf: das Klavierspiel,
das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und
schlielich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Hkeln von
Geldbeuteln und hnlichen berraschungen. brigens gibt es mancherlei
Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in
neuerer Zeit: es hngt eben alles von der Verstndigkeit und der
Fhigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so,
da zuerst das Klavier, dann die franzsische Sprache und erst zuletzt
der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade
umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Hkeln von kleinen
Geschenken usw., dann erst die franzsische Sprache und endlich das
Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wre es am
Platze, noch die Bemerkung zu machen, da Frau Manilow .... allein, ich
mu gestehen, da ich mich ein wenig frchte, ber die Damen zu reden,
und auerdem ist es lngst Zeit, da ich zu unseren Helden zurckkehre,
die schon seit einigen Minuten vor der Tre des Salons stehen und sich
gegenseitig bitten, doch voranzugehen.

Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstnde, bitte nach
Ihnen, sagte Tschitschikow.

Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast, antwortete Manilow
und zeigte mit der Hand auf die Tr.

Aber ich bitte, bemhen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemhen Sie
sich nicht; bitte gehen Sie doch voran, sagte Tschitschikow.

Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, da mein
Gast, ein so liebenswrdiger und feingebildeter Herr, nach mir
eintrete.

Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!

Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.

Warum denn nur?

Nun, so! sagte Manilow mit einem freundlichen Lcheln. Endlich
zwngten sich beide Freunde seitwrts durch die Tr, wobei einer den
andern leicht zusammendrckte.

Erlauben Sie, da ich Ihnen meine Frau vorstelle, sagte Manilow.
Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch.

Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte,
whrend er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie
war ziemlich hbsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand.
Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut sa;
die kleine schmale Hand lie schnell etwas auf den Tisch fallen und
prete ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob
sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow kte ihr
nicht ohne ein gewisses Vergngen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer
etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine groe Freude mit
seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, da ihr Mann sich
seiner nicht erinnere.

Ja! murmelte Manilow, meine Frau hat mich oft gefragt: >Warum kommt
denn dein Freund nicht?< Ich aber antwortete: >Warte nur, er wird schon
kommen!< Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche
beehrt. Sie haben uns wirklich einen groen Genu bereitet -- es ist wie
ein Maitag, wie ein Fest des Herzens. ...

Als Tschitschikow vernahm, da schon von Festen des Herzens die Rede
war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann
von berhmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel.

Sie besitzen alles, unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden
Lcheln, Sie besitzen alles und sogar noch mehr!

Wie haben Sie unsere Stadt gefunden? fragte jetzt Frau Manilow. Haben
Sie Ihre Zeit angenehm verbracht?

Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt! versetzte
Tschitschikow, ich habe dort wunderschne Stunden verlebt; die
Gesellschaft ist uerst liebenswrdig und zuvorkommend!

Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen? fragte Frau Manilow
weiter.

Nicht wahr? ein uerst ehrenwerter und liebenswrdiger Mann? fgte
Manilow hinzu.

Sehr richtig, sagte Tschitschikow, ein hchst ehrenwerter Mann! Und
wie vortrefflich er seine Stellung ausfllt, welches Verstndnis er fr
sie hat! Es wre zu wnschen, wir htten mehr solche Menschen!

Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen
Handlungen den richtigen Takt zu wahren, fuhr Manilow lchelnd fort,
und dabei kniff er vor Vergngen die Augen zusammen wie ein Kater, den
man sanft hinter den Ohren krabbelt.

Ein ungemein liebenswrdiger und hflicher Mann! sagte Tschitschikow,
und welch ein Knstler! Ich htte mir gar nicht vorstellen knnen, da
er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine
Brse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen,
die so schn sticken.

Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr? bemerkte
Manilow und kniff die Augen wieder zusammen.

Eine uerst wrdige und hochachtbare Persnlichkeit! versetzte
Tschitschikow.

Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister
gefallen? Auch ein sehr liebenswrdiger Herr? Nicht wahr?

Oh, ein uerst liebenswrdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist!
Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtsprsidenten bis
zum frhen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein wrdiger
Herr!

Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters? fragte hier
Frau Manilow. Finden Sie nicht auch, da es eine uerst liebenswrdige
Dame ist?

Oh, das ist eine der wrdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen
gelernt habe! erwiderte Tschitschikow.

Auch der Gerichtsprsident und der Postmeister wurden nicht vergessen;
so nahm man allmhlich wohl smtliche Beamten der Stadt durch, und es
zeigte sich, da es lauter hchst ehrenwerte Mnner waren.

Leben Sie immer auf dem Lande? fragte endlich Tschitschikow.

Den grten Teil des Jahres! antwortete Manilow. Wir fahren auch wohl
hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu
sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gnzlich vor der
Welt verschliet.

Sehr wahr, sehr richtig! versetzte Tschitschikow.

Es wre ja natrlich etwas andres, fuhr Manilow fort, wenn man
angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen htte, mit dem man
sich sozusagen aussprechen, ber die guten Manieren und feinen
Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben knnte, --
wissen Sie, so was frs Herz, was einen ber sich selbst hinaushebt ...
Er wollte noch etwas hinzufgen, da er aber merkte, da er sich ein
wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und
sagte: Dann htten natrlich das Land und die Einsamkeit viele
Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatschlich niemanden. Hchstens liest
man einmal den Sohn des Vaterlandes.

Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fgte hinzu, es
knne in der Tat gar nichts Schneres geben, als ganz fr sich allein zu
leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genieen und nur hin und
wieder ein Buch zu lesen ...

Aber wissen Sie, versetzte Manilow, wenn man keinen Freund hat, dem
man sich mitteilen kann ...

Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig! unterbrach ihn
Tschitschikow, was knnten uns denn alle Schtze der Welt helfen?
>_Gute Freunde sind besser als alle Reichtmer der Erde_< hat einmal ein
weiser Mann gesagt.

Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch, sagte Manilow und machte dabei ein
freundliches oder vielmehr unangenehm sliches Gesicht, gleich einer
Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen
besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, dann
sprt man einen ganz besonderen, sozusagen -- geistigen Genu ... Wie
zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glck, ich mchte
sagen, das seltene, ungetrbte Glck verschaffte, mich mit Ihnen
unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genieen zu knnen ...

Nein, ich mu doch bitten, was fr eine angenehme Gesellschaft? ... Ich
bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts, erwiderte
Tschitschikow.

Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich wrde
mit Freuden die Hlfte meines Vermgens hingeben, um nur einen Teil
Ihrer groen Vorzge zu besitzen!

Im Gegenteil, ich htte vielmehr allen Anla, mich zu freuen ...

Es lt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefhlsergu der beiden
Freunde geendigt htte, wenn nicht der Diener eingetreten wre, um zu
melden, das Essen sei aufgetragen.

Darf ich bitten, sagte Manilow.

Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen
aufwarten knnen, wie Sie es wohl in den Hauptstdten und in vornehmen
Husern gewohnt sind: bei uns ist's nur einfach, nach russischer Sitte,
nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so
freundlich.

Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten
solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschlo und sich seitwrts
durch die Tr drckte.

Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Shne; sie befanden sich
in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch
auf hohen Sthlen sitzen lt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der
sich hflich lchelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die
Suppenterrine; der Gast mute zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau
Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor.

Was fr reizende Knaben! sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die
Kinder. Wie alt sind sie?

Der ltere ist sieben Jahre, der jngere ist gestern sechs Jahre alt
geworden, erklrte Frau Manilow.

Themistokljus! sagte Manilow und wandte sich an den lteren, der sein
Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener
vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Hhe,
als er diesen halbgriechischen Namen hrte, dem Manilow aus einem
unbekannten Grunde die Endung _jus_ gegeben hatte; aber er beeilte sich,
seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen.

Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schnste Stadt in
Frankreich?

Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus,
als wolle er ihm in die Augen springen, aber schlielich beruhigte er
sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete:
Paris.

Und welches ist bei uns die schnste Stadt? fragte Manilow wieder.

Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben.

Petersburg! antwortete Themistokljus.

Und weiter?

Moskau, sagte Themistokljus.

Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge! sagte Tschitschikow. Sagen sie
blo ..., fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck hchsten
Erstaunens an Manilow wandte. So jung und schon ein solches Wissen. Ich
mu Ihnen gestehen, dieses Kind hat auerordentliche Fhigkeiten!

Oh, Sie kennen ihn noch nicht! erwiderte Manilow, er ist ungemein
scharfsinnig. Bei dem Jngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser
dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Kfer oder ein
Wrmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich luft er hin und merkt
sich's. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen.
Themistokljus! fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte,
willst du Gesandter werden?

Ja antwortete Themistokljus, whrend er an seinem Brot kaute und mit
dem Kopfe hin und her wackelte.

Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten
die Nase ab, und das war ntig, sonst wre ihm ein groer, recht
berflssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gesprch wandte sich
jetzt den Genssen des stillen und zurckgezogenen Landlebens zu und
wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau ber das Stadttheater
und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die
Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, da
sie ihre Gesichter zu einem Lcheln verzogen, machte er seinen Mund weit
auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemt
und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise fr die gute Behandlung
erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte
streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm
gegenbersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund,
denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen
zusammenkniff, den Mund weit ffnete und in ein klgliches Geschrei
ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, da er dadurch um die se
Speise kommen wrde, brachte er den Mund wieder in seine frhere
Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, whrend ihm die
Trnen ber die Wangen liefen, die nur so vom Fette glnzten.

Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow:
Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen, worauf
Tschitschikow regelmig versetzte: Ich danke bestens, ich bin satt.
Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schnste
Leckerbissen. Dann stand man vom Tische auf. Manilow war uerst
zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er
ihm die Hand auf den Rcken legte und ihn sanft untersttzte, als
Tschitschikow pltzlich mit hchst bedeutungsvoller Miene erklrte, er
msse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen.

Dann mchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen, versetzte
Manilow und fhrte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf
den blulich schimmernden Wald hinausging. Dies ist mein kleiner
Winkel, sagte Manilow.

Ein freundliches Stbchen, sprach Tschitschikow und lie seinen Blick
durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei
Annehmlichkeiten: die Wnde waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb
blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Sthlen,
einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten
Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwhnt haben, ein paar
vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte.
Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als
Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Hufchen auf dem Tische
herum. Auf beiden Fensterbnken sah man auch ein paar Huflein
Pfeifenasche, die sorgfltig in hbschen und regelmigen Abstnden
angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, da diese Beschftigung dem
Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente.

Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen, sagte
Manilow. Hier sitzen Sie bequemer.

Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!

Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben! sagte Manilow lchelnd.
Dieser Lehnstuhl ist nun einmal fr den Gast bestimmt. Ob Sie nun
wollen oder nicht -- Sie mssen drin Platz nehmen!

Tschitschikow setzte sich.

Gestatten Sie, da ich Ihnen eine Pfeife anbiete!

Nein danke, ich rauche nicht! sagte Tschitschikow freundlich und wie
bedauernd.

Warum nicht? fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des
Bedauerns.

Ich bin es nicht gewhnt und frchte mich, es mir anzugewhnen; man
sagt, das Rauchen sei schlecht fr die Gesundheit!

Erlauben Sie mir, zu bemerken, da dies ein Vorurteil ist. Ich bin
sogar der Ansicht, da das Pfeifenrauchen weit gesnder ist als das
Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen
herrlichen, auerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife
nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu
sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig
Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur mglich.

Tschitschikow wandte ein, da dies in der Tat vorkomme; berhaupt gbe
es viele Dinge in der Natur, die auch ein groer Geist nicht begreifen
knne.

Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ... fuhr er
mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer
Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch
Manilow sah sich um, ohne da man htte sagen knnen weshalb. Wie lange
ist es her, da Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?

Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich
erinnere mich nicht mehr.

Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?

Das wei ich leider nicht; darnach mu man den Verwalter fragen.
Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er mu heute hier sein.

Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig
Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar
fhrte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und
wohlgenhrt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen uglein waren ein
Beweis dafr, da er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste
vertraut war. Man sah sofort, da er seine Laufbahn vollendet hatte,
gleich allen Leibeigenen, die die Gter ihrer Herrn verwalten; erst war
er ein gewhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn
aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend
eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer
Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich
Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich
natrlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich
mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den rmeren noch neue Lasten
auf, stand morgens frh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine
Teemaschine und trank Tee.

Hr mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir
die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben?

Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben, sagte der
Verwalter, rlpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund.

Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht, nahm jetzt Manilow das Wort,
es sind sehr viele gestorben! Hierbei wandte er sich an Tschitschikow,
indem er noch hinzufgte: Wirklich sehr viele!

Und wieviel werden es ungefhr sein? fragte Tschitschikow.

Ja, wie viele ungefhr? fiel Manilow ein.

Ja, wie soll ich sagen -- wie viele ungefhr. Das wei man ja nicht,
wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezhlt.

Natrlich, sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, das
dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr gro; wir wissen gar
nicht, wie viele gestorben sind.

Bitte, zhle sie doch einmal, sagte Tschitschikow, und stelle mir ein
ausfhrliches Verzeichnis aller Namen auf.

Jawohl, aller Namen! sagte Manilow.

Der Verwalter sagte: Zu Befehl! und entfernte sich.

Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafr? fragte Manilow,
nachdem der Verwalter fortgegangen war.

Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem
Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung
bemerkbar, die ihn sogar ein wenig errten lie -- die Anstrengung, die
man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich
nicht fgen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hren bekam, waren
so seltsame und unerhrte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr
vernommen hat.

Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich htte
Lust, die Bauern zu kaufen, sagte Tschitschikow, fing an zu stottern,
und schlo seine Rede.

Und darf ich mir die Frage erlauben, sagte Manilow, wie wollen Sie
die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also
ohne Land?

Nein, ich will eigentlich keine Bauern, sagte Tschitschikow, ich
mchte tote ... haben.

Wie? Verzeihen Sie ..., ich hre ein wenig schlecht, mir schien, ich
htte ein ganz seltsames Wort gehrt ...

Ich mchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision
noch als lebendig eingetragen sind, erklrte Tschitschikow.

Manilow lie die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf
und sa ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde,
die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen
hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie
zwei Portrts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des
Spiegels aufzuhngen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah
seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein
Lcheln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht blo einen Spa
erlaubt htte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil,
das Gesicht erschien ihm noch ernster und wrdevoller als gewhnlich.
Dann berlegte er ein wenig, ob der Gast nicht pltzlich verrckt
geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber
seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden,
unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen
flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehrt. Und so sehr
Manilow auch darber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu
tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in
feinen Strahlen auszublasen.

Ich mchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatschlich toten, aber
vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, berweisen
oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.

Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, da er ihn nur ansah, ohne
ein Wort finden zu knnen.

Mir scheint, Sie knnen sich nicht dazu entschlieen? bemerkte
Tschitschikow.

Ich ... oh nein, das ist es nicht, sagte Manilow, aber ich kann nicht
verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natrlich nicht in der Lage,
mir eine so glnzende Bildung anzueignen, von der gewissermaen jede
Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe,
mich so kunstvoll auszudrcken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier
... hinter Ihrer Erklrung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ...
Vielleicht war es nur eine stilistische Schnheit, um deretwillen Sie
sich so auszudrcken beliebten?

Oh nein! fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, nein, ich nehme den
Gegenstand ganz buchstblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die
Seelen, die tatschlich schon gestorben sind.

Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fhlte, da hier etwas geschehen,
da er ihm irgend eine Frage stellen msse, und doch konnte nur der
Teufel wissen, was das fr eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er
schlielich fand, bestand wiederum darin, da er eine Wolke Tabakrauch
ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die
Nasenlcher.

Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so knnen wir mit Gottes
Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen, sagte
Tschitschikow.

Wie? Ein Kaufvertrag ber tote Seelen?

Nein! Das nicht! antwortete Tschitschikow. Wir sagen natrlich, sie
seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich
pflege nie von den brgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich
schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht
anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz
mu ich verstummen.

Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den
eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu
antworten, nahm er ein paar so heftige Zge aus seiner Pfeife, da diese
zu tnen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der
Pfeife eine Ansicht ber diesen geradezu unerhrten Fall herausholen
wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Tne von sich und sonst nichts.

Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?

Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie drfen nicht etwa glauben, ich
htte ein ... gewissermaen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre
Persnlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses
Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrcken ... dies
Geschft ... wird dieses Geschft nicht am Ende im Widerspruch mit den
brgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rulands stehen?

Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah
Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag
in all seinen Zgen und besonders in den zusammengepreten Lippen ein so
ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz
beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewhnlich klugen Minister,
und auch bei dem nur, whrend er ber ein ganz besonders schwieriges
Problem nachsann.

Aber Tschitschikow erklrte einfach, ein solches Unternehmen oder
Geschft knne den brgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven
Rulands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fgte nach einem Augenblick
noch hinzu, es wrde dabei sogar noch etwas fr den Fiskus abfallen, da
der Staat ja seine gesetzlichen Gebhren erhalte.

So meinen Sie also ...?

Ich glaube, es geht sehr gut!

Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich
nichts dagegen, sagte Manilow vllig beruhigt.

Jetzt mssen wir uns noch ber den Preis einigen ...

Wie? ber den Preis? sagte Manilow wieder ein wenig verblfft. Sie
glauben doch nicht, da ich Geld fr Seelen nehmen werde, die doch
gewissermaen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine,
ich mchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann wrde ich fr
meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergtung berlassen und auch den
Kaufvertrag auf mich nehmen.

Der Geschichtsschreiber, der ber die hier mitgeteilten Begebenheiten
berichtet, verdiente sicherlich den schrfsten Tadel, wenn er an dieser
Stelle zu erwhnen unterliee, da unser Gast von einer hohen Freude
erfllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hrte. So gesetzt
und besonnen er auch war, er htte am liebsten einen Luftsprung gemacht,
wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche hchster Freude
geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, da der wollene
Stoff, mit dem der Sitz berzogen war, platzte; auch Manilow wurde
aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner
berquellenden Dankbarkeit _berschttete_ ihn der Gast frmlich mit
Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errtete, eine
abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklrte, das sei
ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis fr seine
herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen,
und tote Seelen -- das sei doch sozusagen eine Bagatelle -- die reinste
Lumperei.

Durchaus keine Lumperei, sagte Tschitschikow und drckte ihm die Hand.

Hierbei stie er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er
groe Lust, sein Herz auszuschtten; und nicht ohne Ausdruck und Gefhl
sprach er zuletzt folgende Worte: Oh! wenn Sie wten, was Sie einem
Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur
eine Kleinigkeit ist, fr einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was
habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wtender
Wogen ... Was fr Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher
Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu
blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen
Witwen und armen Waisen entgegenstreckte! Und hierbei wischte er sich
sogar eine Trne aus dem Auge.

Manilow war ganz gerhrt. Beide Freunde drckten sich fortwhrend die
Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schne Trnen
blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der
seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drcken, da jener kaum
noch wute, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft
zurckgezogen hatte, sagte er, es wre gut, wenn man den Kaufkontrakt
gleich aufsetzen knnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die ntigen
Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und
verabschiedete sich.

Wie? Sie wollen schon fahren? fragte Manilow, der wie aus einem Traum
erwachte und beinahe erschrocken war.

In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer.

Lisanka! sagte Manilow mit etwas klglicher Miene, Pawel Iwanowitsch
will uns verlassen!

Pawel Iwanowitsch ist unser wohl berdrssig, versetzte Frau Manilow.

Gndige Frau! sagte Tschitschikow, hier, sehen Sie hier -- und dabei
legte er seine Hand aufs Herz -- Ja hier werde ich mir die Erinnerung
an die schnen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und
glauben Sie mir, ich kann mir keine grere Seligkeit vorstellen, als
mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in
nchster Nachbarschaft zu leben!

Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch! sagte Manilow, dem dieser Gedanke
offenbar sehr gefiel, es wre doch wirklich herrlich, wenn wir so
zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander
philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen knnten ...

Oh, das wre himmlisch! sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. Leben
Sie wohl, gndige Frau! fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand
kte. Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte
nicht!

Oh, seien Sie ganz ruhig! erwiderte Manilow, wir trennen uns doch
nicht auf lnger als zwei Tage!

Sie betraten das Speisezimmer.

Adieu, meine lieben Kleinen! sagte Tschitschikow, als er Alcid und
Themistokljus erblickte, die mit einem hlzernen Husaren spielten, der
brigens weder Hnde noch Nase mehr hatte. Lebt wohl, liebe Kinder.
Verzeiht, da ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich mu
gestehen, ich wute ja gar nicht, da ihr auf der Welt seid. Aber wenn
ich das nchstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir
bringe ich einen Sbel. Willst du einen Sbel haben? Wie?

Ja! antwortete Themistokljus.

Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du mchtest doch eine
Trommel haben? fuhr Tschitschikow fort, indem er sich ber Alcid
beugte.

Ja, eine Prommel, sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte.

Schn also, ich will dir eine Trommel kaufen. -- Weit du eine feine
Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta
machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu! Er kte ihn auf den Kopf und wandte
sich mit jenem Lcheln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an
alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will,
wie unschuldig doch die Wnsche ihrer Kinder sind.

Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch! sagte Manilow,
als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. Sehen Sie doch,
was dort fr Wolken heraufziehen!

Das sind nur kleine Wlkchen, meinte Tschitschikow.

Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?

Danach wollte ich Sie gerade fragen.

Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklren! Und Manilow machte
dem Kutscher die Sache in der liebenswrdigsten Weise klar, und sagte
sogar einmal _Sie_ zu ihm.

Als der Kutscher hrte, da er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen
und erst bei der dritten einbiegen msse, sagte er: Wir werden's schon
finden, und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgren
der Gatten, die noch lange auf den Fuspitzen standen und ihre
Taschentcher schwenkten.

Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem
davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon lngst nicht
mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da.
Endlich ging er wieder ins Haus zurck, lie sich auf einem Stuhl nieder
und versank in Sinnen, von Herzen froh, da er seinem Gast eine kleine
Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne da er es
merkte, zu anderen Gegenstnden hinber, um endlich, Gott wei wo, zu
landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schn es doch
wre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in
Gedanken eine Brcke ber den Flu und darauf ein Haus mit einem
gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er
stellte sich vor, wie herrlich es sein mte, dort abends im Freien
seinen Tee zu trinken und sich ber angenehme Gegenstnde zu
unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in
eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle
Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzckung versetzen, und wie
dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehrt hatte, sie
zu Generlen ernennt, und so trumte er immer weiter; was nun noch alles
folgte, wei Gott allein, wute er es doch selbst nicht mehr genau. Aber
pltzlich drngte sich Tschitschikows seltsame Bitte jh in seine
Trumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er
mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar
ber ihn werden. So sa er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis
das Abendessen auf dem Tische stand.


                            Drittes Kapitel

Unterdessen sa Tschitschikow vergngt in seinem Wagen, der schon seit
einiger Zeit auf der Landstrae dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel
konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner
Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder,
wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen,
berschlge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem
Gesichte spiegelten, muten hchst angenehmer Art sein, denn sie
hinterlieen in einem fort die Spuren eines vergngten Lchelns auf
seinen Zgen. Ganz mit seinen Gedanken beschftigt, achtete er gar nicht
darauf, was fr treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem
Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows uerst befriedigt war,
an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr
schlau, und _tat_ blo so, als ob er den Wagen auch vorwrts ziehe,
whrend sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das
den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft
hatte, aus allen Krften abqulten, das Gefhrt weiter zu bringen, so
da man ihnen das Vergngen, welches ihnen das bereitete, von den Augen
ablesen konnte: Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch
nichts! Ich will dich doch berlisten! sagte Seliphan, indem er sich
etwas erhob und dem Trgen einen Peitschenhieb versetzte. Tu deine
Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd,
der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Ma Hafer
mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor -- der ist auch ein
gutes Pferd ... Nun, was schttelst du die Ohren? Dummkopf, pa auf,
wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren,
du Esel! Seh einer, wo der hin will! Hierbei gab er ihm wieder eins mit
der Peitsche und murmelte: Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter! Dann
rief er allen miteinander ein: He! Ihr Lieben! zu, und gab allen
dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum
Beweise, da er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine
Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: Du
glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen.
Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, da man Achtung vor dir
haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren -- das
sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern,
ein guter Mensch -- das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm
setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein
guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel --
den achten alle Leute, hrst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient
hat und Skollegenrat ist ....

In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und
abstraktesten Materien angelangt war. Htte Tschitschikow aufmerksam
zugehrt, er htte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person
Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen
Angelegenheiten beschftigt, da erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus
seinen Trumen weckte und ihn veranlate, sich ein wenig umzusehen; der
ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und groe Regentropfen trafen die
staubige Chaussee. Ein zweiter noch strkerer Donnerschlag folgte dem
ersten aus noch grerer Nhe, und pltzlich prasselte der Regen in
Strmen wie aus Giekannen nieder. Zuerst fiel er in schrger Richtung
herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des
Kutschbocks, dann nderte er seine Angriffsmethode und rieselte
senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins
Gesicht spritzten. Er lie also das lederne Wagendeck mit den zwei
kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die
Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren.
Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, da jetzt
nicht Zeit zum Sumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff
unter dem Bock hervor, steckte die Hnde in die rmel, ergriff die Zgel
und spornte die drei Gule durch einen Zuruf an, welche unter dem
Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwche in den Beinen
sprten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich
absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich
hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache berlegt
und ber den Weg nachgedacht hatte, kam er zur berzeugung, da sie
schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein
Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne
lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei
dem nchsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden
zurief: Hh! liebe Freunde! und dann jagte er im Galopp dahin, ohne
sich viel Gedanken darber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg
fhren werde.

Der Regen schien indessen nicht bald aufhren zu wollen. Der Staub, der
die Landstrae bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es
wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen
fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da
noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner
Berechnung nach htten sie schon lngst da sein mssen. Er blickte nach
beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er
konnte nichts sehen.

Seliphan! rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte.

Ja, Gndiger Herr? antwortete Seliphan.

Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen!

Nein, gndiger Herr, es ist nichts zu sehen! und Seliphan schwang
seine Peitsche und stimmte etwas wie einen Gesang an. Ein Lied konnte
man es nicht nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Lnge, da es
gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte alles darin unter, alle
aufmunternden und anspornenden Rufe, mit denen man im weiten Ruland,
von einem Ende bis zum andern, die Pferde zu beglcken pflegt, und alle
nur mglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, wie sie ihm gerade auf die
Zunge kamen. Schlielich ging er sogar so weit, da er seine Pferde
Sekretre nannte.

Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, da sein Wagen von einer
Seite auf die andre schwankte, wobei der Insasse jedesmal einen
krftigen Sto erhielt; das brachte ihn auf den Gedanken, da sie von
der Strae abgekommen seien und wahrscheinlich ber ein gepflgtes
Ackerfeld fhren. Auch Seliphan mute es wohl bemerkt haben, aber er
sagte kein Wort.

Auf was fr einem Wege fhrst du eigentlich? du Spitzbube! schrie
Tschitschikow.

Was ist zu machen, gndiger Herr, es ist halt schon spt am Abend. Ich
sehe nicht einmal meine Peitsche, so finster ist es! Bei diesen Worten
neigte sich der Wagen so sehr auf die Seite, da Tschitschikow sich mit
beiden Hnden festhalten mute. Erst jetzt bemerkte er, da Seliphan
einen tchtigen Rausch hatte.

Halt! Halt! Du wirfst mich um! rief er ihm zu.

Nicht doch, gndiger Herr, wie knnen Sie denken, da ich Sie umwerfe,
sagte Seliphan. Das wre schlecht von mir, wenn ich das tte, das wei
ich selbst; o nein, das tue ich nicht, unter keinen Umstnden werfe ich
Sie um! Hierauf versuchte er den Wagen umzuwenden, aber er drehte und
wendete ihn so lange, bis er ihn ganz umwarf. Tschitschikow fiel mit
Fen und Hnden in den Dreck. brigens gelang es Seliphan wenigstens
die Pferde zum Stehen zu bringen; wahrscheinlich aber wren sie auch
schon von selber stehen geblieben, weil sie sehr mde waren. Dieses
unerwartete Ereignis brachte Seliphan ganz aus der Fassung. Er kroch von
seinem Bock herunter, stellte sich vor den Wagen hin, stemmte beide
Hnde in die Seite und sagte, whrend sein Herr sich im Schmutze
herumwlzte und sich vergeblich zu erheben versuchte: Ist das Ding also
doch umgefallen!

Du bist betrunken wie ein Schwein! sagte Tschitschikow.

Nicht doch, gndiger Herr! Wie knnte ich auch betrunken sein! Ich wei
doch, da es schlecht ist, betrunken zu sein. Ich hab' nur ein wenig mit
einem guten Freunde geplaudert; mit einem guten Menschen darf man doch
sprechen -- das ist doch nichts Schlimmes -- und nachher haben wir
zusammen gegessen. Das ist doch auch nichts Unrechtes -- ein wenig mit
einem guten Menschen zu schmausen.

Was habe ich dir gesagt, als du das letztemal betrunken warst, wie?
Hast du's schon wieder vergessen? sagte Tschitschikow.

Gewi nicht, Euer Gnaden, wie knnte ich so etwas vergessen? Ich kenne
doch meine Pflicht! Ich wei doch, wie unrecht es ist, betrunken zu
sein. Ich habe doch nur mit dem braven Menschen da gesprochen, es ist
doch nicht ...

Ich lasse dir eine Tracht Prgel geben, dann wirst du schon wissen, was
es heit, mit einem braven Menschen zu sprechen ...

Wie es Euer Gnaden belieben wird, antwortete Seliphan, der mit allem
zufrieden war. Wenn's denn Prgel geben soll, nun gut, ich widersetze
mich nicht. Warum sollte es keine Prgel geben, wenn man's verdient hat;
das steht ganz bei Ihnen, dafr sind Sie der Herr! Der Bauer _mu_
mitunter Prgel haben, sonst sticht ihn der Haber. Ordnung mu sein.
Wenn ich's verdient habe, dann la mich nur durchprgeln, warum sollte
es auch keine Prgel geben?

Auf eine solche berlegung fand Tschitschikow keine Antwort. In diesem
Augenblick aber schien sich das Schicksal selbst seiner erbarmen zu
wollen. Pltzlich erklang Hundegebell aus der Ferne. Hocherfreut gab
Tschitschikow Seliphan den Befehl zum Aufbruch und schrfte ihm ein,
recht schnell zu fahren. Ein russischer Kutscher hat einen feinen
Instinkt, wo ihn seine Augen verlassen; so kann es geschehen, da er die
Augen zumacht, im Galopp dahinjagt und dennoch irgend ein Ziel erreicht.
Obgleich Seliphan nichts mehr sah, steuerte er mit seinen Pferden gerade
auf das Dorf los und machte erst Halt, als der Wagen mit der Deichsel
auf einen Zaun stie, und durchaus nicht mehr weiter kommen wollte.
Tschitschikow konnte durch die dichte Nebelhlle nichts auer einem
Fleck entdecken, der wie ein Dach aussah. Er gab Seliphan den Auftrag,
nach dem Tor zu suchen, was ohne Zweifel recht lange gedauert htte,
wenn es in Ruland nicht statt des Portiers flinke Hunde gbe, die in so
lauter Weise Meldung von seiner Ankunft erstatteten, da er sich die
Ohren mit den Fingern zustopfte. In einem Fenster leuchtete ein Licht
auf, dessen trbe Strahlen auch auf den Zaun fielen, und unseren
Reisenden den Weg zum Tore wiesen. Seliphan klopfte an, worauf sich bald
eine Pforte auftat und eine in einen Schlafrock gehllte Gestalt sehen
lie. Herr und Diener hrten eine heitere Frauenstimme, die ihnen
zurief: Wer klopft da? Wer lrmt hier so?

Wir sind Reisende, Mtterchen, wir suchen ein Nachtquartier, sagte
Tschitschikow.

So? Seh einer den Leichtfu! murmelte die Alte. Kommt zu so spter
Abendstunde angefahren. Hier ist keine Herberge. Hier wohnt eine
Gutsbesitzerin.

Was soll ich machen, Mtterchen? Wir haben uns verirrt. Wir knnen doch
bei dem Wetter nicht im Freien bernachten.

Ja das Wetter ist trbe und schlecht, bemerkte Seliphan.

Schweig! Esel, sagte Tschitschikow.

Wer sind Sie? fragte die Alte.

Ein Edelmann, Mtterchen.

Das Wort _Edelmann_ schien einigen Eindruck auf die Alte gemacht zu
haben. Wart' ich will's der gndigen Frau melden, murmelte sie,
entfernte sich und kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand
wieder zurck. Das Tor ffnete sich. Jetzt wurde auch das andere Fenster
hell. Der Wagen fuhr durch das Tor und machte vor einem kleinen Huschen
halt, das in der Dunkelheit nur mit Mhe zu erkennen war. Nur die eine
Seite war von dem Lichte erleuchtet, das aus den Fenstern fiel; vor dem
Hause sah man noch eine Pftze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte
laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender Bach in eine
daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten in allen Tonarten; der eine
hatte den Kopf hoch empor geworfen und stie fortgesetzt lange klgliche
Tne hervor; dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als ob
er Gott wei wieviel dafr bezahlt bekme; ein anderer produzierte sich
mit der Fertigkeit eines Ksters; zwischendurch erklang ununterbrochen
wie ein Postglckchen der Diskant eines wahrscheinlich noch jungen
Kters, und dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen Ba
eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur ausgestattet war,
denn er schnarrte wie der Konterba eines Gesangchors, wenn das Konzert
in vollem Gange ist; die Tenre stellen sich auf die Fuspitzen, um die
hohen Tne besser herauszubringen, alles strebt in die Hhe, und wirft
die Kpfe in den Nacken; nur _er_ allein, der Konterbaspieler, steckt
das unrasierte Kinn in den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast
am Fuboden, und schmettert nun pltzlich von dort aus seine Note in die
Luft, da alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. Schon allein das
Hundegebell, das von diesen Musikanten herrhrte, brachte einen auf die
Vermutung, da dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb
erfrorener und durchnter Held dachte an gar nichts mehr, auer an ein
warmes Bett. Noch ehe der Wagen halten konnte, sprang er hinaus,
stolperte und wre beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur trat
jetzt eine andere Frau, die etwas jnger war als die erste, aber ihr
dennoch recht hnlich sah. Sie geleitete Tschitschikow ins Zimmer. Hier
angelangt, warf er einen flchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war
mit alten gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wnden hingen ein paar
Bilder, auf denen allerhand Vgel abgebildet waren, und zwischen den
Fenstern waren kleine altertmliche Spiegel mit dunklen Rahmen
aufgehngt, die die Form zusammengerollter Bltter hatten. Hinter jedem
Spiegel steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf oder
dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit einem geblmten Zifferblatt
... Tschitschikow konnte nicht alles bersehen. Er fhlte, da seine
Augen zufielen und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn sie jemand
mit Honig bestrichen htte. Nach ein paar Minuten erschien die Hausfrau,
eine ltere Dame mit einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile
aufgesetzt hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von jenen
Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer ber Miernte und
Verluste jammern und den Kopf hngen lassen, whrend sie ganz im
Stillen, wenn auch langsam ein Geldstck nach dem andern in ihren bunten
Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode verschlieen.
In den einen Geldsack legen sie die Rubel, in den nchsten die
Fnfzigkopeken-, in den dritten die Fnfundzwanzigkopekenstcke, und
doch sieht es so aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wsche,
Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, der sich in ein
neues Kleid verwandelt, wenn das alte vor dem Fest beim Backen von
Stollen und Pfefferkuchen anbrennt oder von selbst verschleit. Wenn das
Kleid jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhlt, dann lt unsere
sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt in der Schublade liegen,
um ihn in ihrem Testament, zugleich mit manchem anderen Germpel, irgend
einer Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen.

Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, die er ihr
mit seiner Ankunft verursacht habe. Macht nichts, macht nichts! sagte
die Hausfrau, zu wie spter Stunde Sie auch der Herrgott hierher
gefhrt hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen Weg sollte
ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, aber es ist schon so spt in
der Nacht; ich kann nichts mehr herrichten!

Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwrdiges Zischen
unterbrochen, soda Tschitschikow nicht wenig erschrak. Es war ein
Gerusch, als wenn sich das Zimmer pltzlich mit Schlangen angefllt
htte; aber ein Blick nach oben gengte, um ihn vllig zu beruhigen; er
berzeugte sich, da der Ton von der Wanduhr herrhrte, die offenbar
schlagen wollte. Auf das Zischen folgte denn auch gleich ein Schnarren,
und endlich schlug sie, nachdem sie alle Krfte zusammengenommen hatte,
zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit einem Stock auf einen
zerbrochenen Topf klopfte, worauf das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im
ruhigen Takte hin- und herzubewegen.

Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, er brauche gar
nichts, sie mge sich nur nicht beunruhigen, auer dem Verlangen nach
einem Bett habe er keine anderen Wnsche. Zugleich erkundigte er sich,
wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch weit von hier bis
zum Gut des Herrn Sabakewitsch sei, worauf die Alte erklrte, sie htte
diesen Namen noch nie gehrt, einen Gutsbesitzer dieses Namens gbe es
berhaupt nicht.

Kennen sie wenigstens Manilow? fragte Tschitschikow.

Wer ist das, Manilow?

Ein Gutsbesitzer, Mtterchen.

Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehrt, einen solchen Gutsbesitzer
gibt es nicht.

Was gibt es denn hier fr Gutsbesitzer?

Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako.

Sind es reiche Leute oder nicht?

Nein, Vterchen, allzu reiche gibt's hier nicht. Der eine hat zwanzig,
der andere hat dreiig Seelen; solche mit hundert gibt's hier zu Lande
nicht.

Jetzt erst merkte Tschitschikow in was fr eine abgelegene Gegend er
sich verirrt hatte.

Knnen Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es von hier bis zur Stadt
ist?

Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir wirklich leid, da ich
Ihnen gar nichts vorsetzen kann! Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee,
Vterchen?

Danke schn, Mtterchen. Ich brauche nichts als ein Bett.

Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will man sich ordentlich
ausruhen. Sie knnen sich hier auf diesem Sofa ausstrecken, Vterchen.
He! Fetinja, bring doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott,
was fr ein Wetter! Wie das strmt! Die ganze Nacht hindurch brennt bei
mir die Kerze vor dem Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rcken und die
eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. Wo hast du dich
denn so schmutzig gemacht?

Gott sei dank, da ich blo schmutzig bin; ich kann froh sein, da ich
mir nicht das ganze Rckgrat zerbrochen habe!

Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht etwas, um dir den
Rcken einzureiben?

Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich nicht! Bitte sagen Sie
nur Ihrem Mdchen, sie mchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und
rein machen!

Hr mal, Fetinja! sagte die Hausfrau, indem sie sich an das Weib
wandte, das mit dem Licht auf die Treppe hinausgetreten war und schon
ein Unterbett hereinbrachte, welches sie mit beiden Hnden
aufschttelte, soda eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer flog.
Nimm doch den Rock und den Mantel und trockne ihn am Feuer, wie du es
dem seligen Herrn zu tun pflegtest, und klopfe und brste ihn nachher
grndlich aus.

Jawohl, gndige Frau! sagte Fetinja, indem sie ein Laken ber das
Unterbett breitete und ein paar Kopfkissen darauflegte.

So, nun ist das Bett fertig! sagte die Hausfrau. Gute Nacht,
Vterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht noch irgend etwas? Vielleicht
bist du es gewhnt, da dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger
Mann konnte ohne das gar nicht einschlafen.

Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergngen. Die Hausfrau ging
hinaus, worauf er sich schleunigst entkleidete. Er gab Fetinja seine
ganze Rstung, die obere wie die untere, und sie zog mit den nassen
Trophen ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewnscht
hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht ohne Vergngen in die
Betrachtung seines Bettes, das beinahe bis an die Decke reichte. Er
stellte einen Stuhl daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter
ihm beinahe bis zum Fuboden herabsank, und die aus ihren Schranken
verdrngten Daunen flogen nach allen Richtungen im Zimmer auseinander.
Nachdem er das Licht ausgelscht hatte, zog er sich die Kattundecke ber
den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen und schlief
ohne Verzug ein. Am andern Tage wachte er ziemlich spt auf. Die Sonne
schien ihm durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, die
gestern abend ruhig an den Wnden und an der Decke geschlafen hatten,
wendeten ihm jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm
auf die Unterlippe, eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten,
sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so unvorsichtig war,
gerade unterm Nasenloch Platz zu nehmen, zog er beim Erwachen mit einem
Atemzuge in die Nase hinein, was ihn natrlich veranlate, krftig zu
niesen -- ein Umstand, der den Grund fr sein Erwachen abgab. Er warf
einen Blick auf das Zimmer und bemerkte jetzt, da nicht nur Vogelbilder
an der Wand hingen, es fand sich auch ein Portrt von Kutusow und ein
lgemlde, das einen alten Mann in einer Uniform mit roten Aufschlgen,
wie man sie unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr
schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau guckte zur Tre hinein
und verschwand sofort wieder, denn Tschitschikow hatte seine smtlichen
Kleidungsstcke abgelegt, um besser einschlafen zu knnen. Das Gesicht
kam ihm brigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, wer das wohl
gewesen sein knnte, und besann sich schlielich darauf, da es die
Wirtin selbst war. Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen
trocken und reingebrstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte,
trat er vor den Spiegel und nieste noch einmal so laut, da ein
Truthahn, der sich gerade dem Fenster genhert hatte -- es lag nicht
sehr hoch ber dem Erdboden -- pltzlich laut zu gackern anfing und ihm
in seiner seltsamen Sprache ganz schnell etwas zurief, wahrscheinlich
sollte es soviel bedeuten als Prosit, worauf ihn Tschitschikow einen
Trottel nannte. Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen;
das Fenster ging, wie es schien, auf den Hhnerhof hinaus; wenigstens
war der kleine enge Hof, der vor ihm lag, voller Vgel und anderer
Haustiere. Eine unendliche Anzahl von Hhnern und Puten tummelte sich
dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen Schrittes ein
Hahn, schttelte seinen Kamm und legte seinen Kopf auf die Seite, als
lausche er auf etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; das
alte Mutterschwein whlte in einem Schutthaufen herum, wie im
Vorbeigehen verschlang es ein Kchel und fuhr gleich darauf wieder ruhig
fort, die Schalen alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu
fressen. Dieser kleine Hof oder Hhnerhof wurde von einem Bretterzaun
umgrenzt, hinter dem sich groe Gemsegrten mit Kohl, Zwiebeln,
Kartoffeln, roten Rben und anderen Gemsearten ausdehnten. In den
Gemsegrten bemerkte man hie und da Apfelbume und andere Obstbume,
die zum Schutz gegen die Elstern und Sperlinge mit Netzen bedeckt waren.
Und in der Tat schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schrge Wolke
von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde waren mehrfach
Vogelscheuchen auf langen Stangen und mit ausgebreiteten Armen
aufgestellt; eine von ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. Auf
den Gemsegarten folgten Bauernhtten, die zwar recht zerstreut dalagen
und keine regelmige Huserflucht mit Pltzen und Straen bildeten,
aber doch nach Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner
zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das Bretterdach war
berall renoviert, wo es alt und schlecht zu werden begann, nirgends sah
man ein schiefes verfallenes Tor, und in den gedeckten Scheunen und
Stllen, in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte er
meist _einen_, hufig aber auch zwei beinah neue Reservewagen. Hm! Das
Drflein ist gar nicht so klein! sagte er zu sich selbst und beschlo
sogleich, mit der Hausfrau zu sprechen, um sie nher kennen zu lernen.
Er guckte durch die Trspalte, durch die sie ihren Kopf hineingesteckt
hatte, und als er sie am Teetisch sitzen sah, trat er ins Zimmer und
ging ihr heiter und freundlich entgegen.

Guten Tag, Vterchen! Wie haben Sie geruht? sagte die Hausfrau, indem
sie sich von ihrem Platze erhob. Sie war heute eleganter gekleidet als
gestern und hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Hubchen auf dem
Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit allerhand Tchern umwickelt.

Vortrefflich, ausgezeichnet, sprach Tschitschikow und lie sich im
Lehnsessel nieder. Und Sie, Mtterchen?

Schlecht! Vterchen!

Wieso?

Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, und mein Bein schmerzt
mich, hier ber'm Knchel.

Das geht vorber, Mtterchen, achten Sie nur nicht darauf.

Gott gebe, da es schnell vorbergeht. Ich habe es schon mit
Schweinefett und Terpentin eingerieben. Was nehmen Sie zum Tee? Dort im
Glas ist Fruchtsaft.

Der Leser wird wohl schon bemerkt haben, da Tschitschikow trotz seiner
Freundlichkeit sich viel ungezwungener ausdrckte und berhaupt nicht
viel Umstnde machte. Man kann zugeben, da Ruland vielleicht noch in
mancher Hinsicht hinter dem Ausland zurcksteht: was aber das feine
Benehmen anbelangt, so haben wir die Auslnder weit hinter uns gelassen.
Die vielen Schattierungen und Finessen in unseren Verkehrsformen sind
gar nicht aufzuzhlen. Ein Franzose oder ein Deutscher kommen ihr Lebtag
nicht dahinter, nie werden sie die Eigenart und die feinen Unterschiede
in unserem Verhalten verstehen; sie sprechen fast in dem nmlichen Ton
und mit derselben Stimme mit einem Millionr und mit einem kleinen
Tabakkrmer, wenn sie sich auch in ihrer Seele vor dem ersteren noch so
sehr beugen und erniedrigen. Bei uns ist das ganz anders: wir haben
solche Knstler, die mit einem Gutsherrn, der zweihundert Seelen hat,
ganz anders sprechen, wie mit einem solchen, der dreihundert besitzt;
und mit diesem sprechen sie wieder ganz anders, wie mit einem, dem
fnfhundert gehren; und den letzteren behandeln sie wiederum anders,
wie einen reichen Gutsbesitzer, der ber achthundert Seelen gebietet; so
kann man meinetwegen bis zu einer Million weiter fortgehen, immer findet
sich eine bestimmte Nance. Nehmen wir einmal an, es gbe, nicht bei
uns, sondern irgendwo in einem fernen Knigreiche, eine Kanzlei, und
nehmen wir ferner an, diese Kanzlei habe einen Vorsteher oder Chef. Ich
bitte den Leser, sich diesen Mann einmal anzusehen, wenn er mitten unter
seinen Untergebenen dasitzt -- ich wette, das Wort wrde ihm vor
Schrecken im Munde stecken bleiben. Stolz und Edelmut -- und was nicht
alles _noch_ liegt in seinem Blick? Man mchte zum Pinsel greifen und
ihn malen, um ihn in dieser Stellung festzuhalten: der reinste
Prometheus! wahrhaftig: ein Prometheus! Er blickt wie ein Adler, und
sein Gang ist biegsam, gesetzt und fest. Aber seht euch einmal diesen
Adler an, wenn er den Saal verlt und sich dem Zimmer seines Chefs
nhert, er ist kaum wiederzuerkennen; wie ein flchtiges Schneehuhn eilt
er mit seinem Aktenbndel unterm Arme dahin, da ihm fast der Atem
ausgeht. In einer Gesellschaft oder auf einer Soiree, wo nicht allzu
hochstehende Persnlichkeiten zugegen sind, bleibt unser Prometheus ein
echter Prometheus, aber es braucht nur einer da zu sein, der etwas hher
steht als er, und mit unserem Prometheus geht eine solche Verwandlung
vor, wie sie sich selbst ein Ovid nicht trumen liee: eine Fliege kann
nicht kleiner sein, er ist ganz wie vernichtet, wie ein Sandkorn! Aber
das ist doch nicht Iwan Petrowitsch! sagt man sich, wenn man ihn
erblickt, Iwan Petrowitsch ist grer, der da ist ja ganz klein und
mager; jener spricht laut, hat eine Bastimme und lacht niemals, aber
dieser hier, Teufel auch, der piepst ja wie ein Vogel und lacht
immerzu. Kommt man aber nher und sieht genauer zu -- dann ist es
_doch_ Iwan Petrowitsch. Aha, soso! sagt man zu sich selbst .... Aber
wenden wir uns wieder zu den handelnden Personen. Wie wir sahen, war
Tschitschikow entschlossen, keine Umstnde zu machen; so nahm er denn
eine Tasse Tee und etwas Fruchtsaft und sagte:

Sie haben aber ein schnes Gut, Mtterchen. Wieviel Seelen hat es
wohl?

Etwas weniger als achtzig, sagte die Hausfrau, leider haben wir blo
so schlechte Zeiten; voriges Jahr gab's wieder eine Miernte, da Gott
erbarm!

Aber die Bauern sehen doch recht krftig aus, und die Htten sind ganz
stattlich. Gestatten Sie mir brigens eine Frage: Wie ist Ihr
Familienname? Ich war so zerstreut, als ich gestern so spt ankam ....

Karobotschka,[2] Kollegiensekretrswitwe.

Danke bestens. Und Ihr Vor- und Vatername?

Nasstassja Petrowna.

Nasstassja Petrowna? Ein schner Name! -- Nasstassja Petrowna. Ich habe
eine leibliche Tante, die Schwester meiner Mutter, die heit auch
Nasstassja Petrowna.

Und wie ist Ihr Name? fragte die Gutsbesitzerin. Sie sind doch
Assessor? Nicht?

Nein, Mtterchen, antwortete Tschitschikow lchelnd. Ich bin nicht
Assessor; ich reise in eigenen Geschften.

So sind Sie Lieferant? Wie schade! ich habe meinen Honig so billig
verkauft; du httest ihn mir sicher abgenommen, Vterchen, wie?

Nein, Honig htte ich wohl kaum gekauft.

Nun, dann was anderes. Vielleicht Hanf? Davon habe ich jetzt zwar auch
nicht mehr viel -- ein halbes Pud hchstens.

Ach nein, Mtterchen, ich brauch' eine andere Ware; sagen Sie mal, sind
bei Ihnen viele Bauern gestorben?

[Funote 2: Kstchen.]

Oh je! Vterchen, achtzehn Mann! sagte die Alte seufzend. Und lauter
so prchtige Leute, alles tchtige Arbeiter. Es ist ja freilich auch
Nachwuchs da, aber was hat man davon, lauter schmchtiges Volk, und der
Steuereinnehmer kommt und will seine Steuer fr jede Seele haben. Sie
sind doch schon tot, und doch mu man fr sie zahlen, wie wenn sie noch
am Leben wren. Vorige Woche ist mir ein Schmied verbrannt, ein so
geschickter Schmied! Der hat auch das Schlosserhandwerk verstanden.

War denn im Dorfe eine Feuersbrunst, Mtterchen?

Gott verhte ein solches Unglck! Eine Feuersbrunst, das wre ja noch
viel schrecklicher. Nein, er ist ganz von selbst verbrannt. Das Feuer
ist da irgendwo im Innern bei ihm entstanden; er hat auch gar zu viel
getrunken, man sah nichts wie ein blaues Flmmchen, und so ist er
allmhlich verkohlt, bis er auch ganz schwarz wurde wie eine Kohle; ach
war das ein geschickter Schmied. Jetzt kann ich gar nicht mehr
ausfahren. Es ist niemand da, der die Pferde beschlagen kann.

Das war wohl Gottes Wille, Mtterchen, sagte Tschitschikow seufzend,
gegen Gottes Weisheit darf man nicht murren. Wissen Sie was? berlassen
Sie sie mir, Nasstassja Petrowna?

Wie Vterchen?

Nun, all diese Leute, die gestorben sind.

Wie kann ich sie Ihnen denn berlassen?

Nun sehr einfach. Oder meinetwegen, ich kann sie Ihnen auch abkaufen.
Ich will Ihnen Geld fr sie geben.

Ja wie denn nur? Wirklich, ich verstehe Sie noch nicht. Willst du sie
aus der Erde ausgraben?

Tschitschikow merkte, da die Alte bers Ziel hinausgeschossen hatte,
und hielt es daher fr notwendig ihr klar zu machen, worum es sich
handele. Er erklrte ihr mit wenigen Worten, da die Abtretung oder der
Verkauf nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen als lebende gelten
sollten.

Ja, wozu brauchst du sie nur, sagte die Alte, indem sie ihn verwundert
anstarrte.

Das ist schon meine Sache!

Aber sie sind doch tot!

Ja wer sagt denn, da sie lebendig sind? Es ist doch Ihr eigener
Schade, da sie tot sind. Sie zahlen doch Steuern fr sie, und ich will
Sie von dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? Und nicht
nur befreien; ich will Ihnen noch fnfzehn Rubel dazu schenken. Nun,
ist's Ihnen jetzt klar?

Ich wei wirklich nicht, sagte die Alte zgernd, Tote habe ich noch
niemals verkauft.

Das ist doch kein Wunder! Es wre eher eins, _wenn_ Sie schon welche
verkauft htten. Oder glauben Sie tatschlich, da sie berhaupt irgend
einen Wert haben?

Nein, das glaube ich freilich nicht. Was knnten sie auch fr einen
Wert haben? Sie sind ja zu nichts ntze! Mich beunruhigt blo dies eine:
da sie schon tot sind.

Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf, dachte Tschitschikow. Hren
Sie, Mtterchen; denken Sie doch ein wenig nach! Das ist doch eine
bedeutende Einbue fr Sie. Sie mssen doch fr jeden die Steuern
bezahlen, als ob er noch am Leben wre.

Ach, Vterchen, erinnere mich blo nicht daran, unterbrach ihn die
Gutsbesitzerin. Vor drei Wochen habe ich erst wieder hundertfnfzig
Rubel einzahlen mssen, und dabei mute ich noch den Steuerbeamten
grndlich spicken.

Sehen Sie, Mtterchen, und nun denken Sie mal, von heute ab brauchen
Sie den Beamten nicht mehr zu spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern
und nicht Sie. Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des
Kaufvertrags. Verstehen Sie!

Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, da das Geschft
nicht so bel wre; nur war es schon gar zu neu und unerhrt, und sie
frchtete, der Kufer knne sie wohl gar bers Ohr hauen. War er doch
Gott wei woher und noch zu so spter Stunde herein geschneit.

Also schlagen Sie ein, Mtterchen, sprach Tschitschikow.

Wahrhaftig, Vterchen, Verstorbene habe ich noch nie verkauft.
Lebendige schon fters, so noch vor drei Jahren: da habe ich dem
Protopopoff zwei Mdchen berlassen, jede fr hundert Rubel; und er war
sehr zufrieden. Es sind vorzgliche Arbeiterinnen geworden. Sie knnen
sogar Servietten weben.

Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott mit ihnen! Ich brauche
Tote!

Wirklich, ich frchte vor allem, ein schlechtes Geschft zu machen. Du
willst mich am Ende betrgen, Vterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten
sie gar viel mehr.

Hren Sie, Mtterchen ... Wie Sie sich blo anstellen! Was knnen sie
denn wert sein; berlegen Sie sich es doch nur! Das ist doch nichts!
Begreifen Sie doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unntzeste
Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: selbst der hat noch
einen Wert; den kauft Ihnen noch der Lumpenhndler ab. Aber die da, die
braucht doch berhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind sie
ntze!?

Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts ntze. Mich hlt
auch nur ab, da sie schon tot sind.

Herr Gott, ist das eine klotzige Dickkpfigkeit, sagte Tschitschikow
zu sich selber, und fing bereits an, die Geduld zu verlieren. Mit der
soll einer auskommen. Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte! Und er
nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Schwei von
der Stirne. brigens hatte Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu
seinem rger. Es gibt hchst achtbare Leute, sogar unter den
Staatsmnnern, die, wenn man nher zusieht, auch nicht besser wie
Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was in den Kopf gesetzt, so
bringst du es mit zehn Pferden nicht wieder heraus. Mach ihm Einwnde
soviel du willst. Sie mgen so klar sein wie der lichte Tag, sie prallen
doch immer wieder zurck wie ein Gummiball von einer Steinmauer. Nachdem
sich Tschitschikow den Schwei abgetrocknet hatte, kam er auf den
Gedanken, noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelnge, sie von
einer anderen Seite her auf den rechten Weg zu bringen.

Mtterchen, sagte er, entweder Sie wollen mich nicht verstehen, oder
Sie reden das alles nur, um nur berhaupt etwas zu reden ... Ich gebe
Ihnen Geld, fnfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das ist doch
Geld und liegt nicht auf der Strae. Wie teuer haben Sie zum Beispiel
Ihren Honig verkauft? Gestehen Sie mal!

Fr zwlf Rubel das Pud.

Versndigen Sie sich nicht, Mtterchen! Zwlf haben Sie gewi nicht
dafr bekommen.

Bei Gott, Vterchen!

Nun also sehen Sie, dafr war das auch Honig. Sie haben vielleicht ein
Jahr gebraucht, voller Sorgen und Mhe und Arbeit, bis Sie ihn
einsammeln konnten. Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen
geplagt. Sie einen ganzen Winter ber im Keller gefttert. Sehen Sie
wohl! Dagegen die toten Seelen, die sind doch nicht von dieser Welt. An
die haben Sie keinerlei Mhe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes
Wille, da sie diese Welt verlassen und ihrem Hause Abbruch tun muten.
Dort haben Sie fr alle Ihre Sorge und Mhe zwlf Rubel bekommen, und
hier sollen Sie fr ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht zwlf,
sondern sogar fnfzehn Rubel und nicht in Silber, sondern in lauter
schnen blauen Scheinen ausbezahlt erhalten. Nachdem Tschitschikow so
starke und berzeugende Grnde ins Feld gefhrt hatte, zweifelte er kaum
noch, da die Alte endlich nachgeben werde.

Nein wirklich, versetzte die Gutsbesitzerin, ich bin eine arme und
unerfahrene Witwe, lieber will ich noch ein wenig warten, bis noch
andere Kufer kommen. Damit ich mich ber den Preis vergewissern kann.

Schmen Sie sich, Mtterchen! Denken Sie blo selbst, was Sie da reden.
Wer wird denn so etwas kaufen wollen. Was soll er denn blo damit
anfangen.

Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der Wirtschaft
verwenden ... erwiderte die Alte. -- Aber sie vollendete ihre Rede
nicht, machte den Mund auf und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an,
gespannt auf seine Antwort harrend.

Die Toten in der Wirtschaft! -- Herr Gott, wozu Sie sich wieder
verstiegen haben! Etwa um nachts die Spatzen in Ihrem Garten zu
scheuchen?! Wie?

Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge du da sprichst,
sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug.

Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? brigens das Grab und die
Knochen knnen sie ja behalten. Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere
statt. Nun also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten eine
Antwort.

Die Alte versank wieder in Nachdenken.

Woran denken Sie blo, Nastassja Petrowna?

Wirklich, ich wei nicht recht, was ich da machen soll? Kaufen Sie mir
lieber etwas Hanf ab!

Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was ganz anderes von Ihnen, und
Sie schwatzen mir Ihren Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf
bleiben! Wenn ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht
auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna?

Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich noch nie was zu tun
gehabt habe.

Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner Wut packte er einen
Stuhl, stie ihn auf die Erde und wnschte ihr den Teufel an den Hals.

Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs hchste entsetzt.

Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm! rief sie aus und
erbleichte. Noch die ganze vorige Nacht hab ich ihn fortwhrend im
Traume gesehen, den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch
einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar zur Strafe
hergesandt. So greulich sah er aus. Seine Hrner waren lnger als die
eines Ochsen.

Ich wundere mich, da sie Ihnen nicht zu Dutzenden erscheinen! Mich
leitet nichts wie die reinste Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe,
die sich plagt und Not leidet ... Da du doch krepiertest zusamt deinem
Gute.

Ach, was fr schreckliche Flche du da ausstt, sagte die Alte und
sah ihn entsetzt an.

Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie ein -- entschuldigen
Sie den harten Ausdruck -- wie ein Kettenhund, der auf seinem Stroh
liegt; frit das Stroh selbst nicht und lt doch keinen andern ran. Ich
wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen
abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen fr den Staat bernehme ... Hier
log er etwas hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht berlegt zu
haben, aber sehr geschickt.

Diese Lieferungen fr den Staat machten einen tiefen Eindruck auf
Nastassja Petrowna; wenigstens sagte sie mit beinahe flehender Stimme:
Warum wirst du denn gleich so zornig? Htte ich frher gewut, da du
so wild werden kannst, dann htte ich lieber garnicht widersprochen.

Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze Sache ist keine ausgeprete
Zitrone wert. Und ich sollte mich rgern?

Schn, schn, ich will sie dir ja fr 15 Rubelscheine lassen. Nur eins,
Vterchen, vergi mich nicht bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen
oder Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen solltest.

Nein, nein, Mtterchen, ich werde dich schon nicht vergessen, sagte
er, whrend er sich den Schwei mit der Hand abtrocknete, der in drei
Sturzbchen ber sein Gesicht flo. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie
nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, einen Vertreter
oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschlu des Kaufkontraktes und
aller brigen notwendigen Manahmen bevollmchtigen knnte. Gewi, den
Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht, sagte Karobotschka.
Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine Vollmacht zu schicken, ja er
bernahm es sogar, diese selbst aufzusetzen, um der Alten jegliche
unntze Arbeit zu ersparen.

Es wre doch gut, dachte unterdes Karobotschka, wenn er mir etwas
Mehl und Vieh fr den Staat abnhme. Ich mu ihn fr mich gewinnen. Es
ist noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal hingehen und der
Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen backen. Auch eine Eierpastete von
Butterteig wre nicht bel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht
viel Zeit weg. Damit ging die Hausfrau hinaus, um ihren Plan mit der
Pastete auszufhren und ihn noch durch andere Produkte der huslichen
Koch- und Backkunst zu ergnzen. Tschitschikow aber ging in den Salon,
in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die notwendigen Papiere aus
seiner Schatulle zu holen. Das Zimmer war schon lngst aufgerumt, die
ppigen Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor dem Sofa
stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er setzte seine Schatulle auf
ihn und lie sich auf das Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er
fhlte, da er ganz in Schwei gebadet sei: alles, was er am Leibe trug,
vom Hemd bis zu den Strmpfen, war vollstndig na. Hat die mir
zugesetzt, die verfluchte Alte, sagte er, nachdem er ein wenig
ausgeruht hatte, und ffnete die Schatulle. Der Autor ist berzeugt, da
mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und die innere
Fchereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. Meinetwegen, warum
sollte ich diese Neugierde nicht befriedigen. Also, da habt ihr sie, die
Einteilung; in der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den
Seifennapf folgen sechs bis sieben schmale Fcher fr die Rasiermesser.
Dann kommen zwei viereckige Behltnisse fr die Streusandbchse und das
Tintenfa. Zwischen beiden ist eine Rille fr Federn, Siegellack und
Gegenstnde von lngerer Statur. Weiter folgten allerhand Fcher _mit_
Deckel und _ohne_ Deckel, fr die krzeren Gegenstnde, welche mit
Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, Theaterbilleten und anderen Zetteln
angefllt waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze obere
Kstchen mit all seinen Fchern lie sich herausheben. Unter ihm ffnete
sich ein weiter Raum, in dem Ste von Papier in Bogengre
aufgeschichtet lagen. Darunter befand sich ein kleines verborgenes
Kstchen, das sich unauffllig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu
bewahren pflegte. Dieses Kstchen wurde von seinem Besitzer stets mit
einer solchen Geschwindigkeit auf- und im selben Augenblick wieder
zugemacht, da man nicht mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es
enthielt. Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die Feder
zurecht und begann zu schreiben. In diesem Moment trat die Hausfrau ins
Zimmer.

Hast du aber einen schnen Kasten, Vterchen! sagte sie, indem sie
sich neben ihn setzte, den hast du wohl in Moskau gekauft?

Ja, in Moskau, antwortete Tschitschikow und fuhr fort zu schreiben.

Ich wei, dort kriegt man's nur gut. Vor zwei Jahren hat meine
Schwester geftterte Stiefel fr die Kinder von dort mitgebracht.
Vortreffliche Ware! So dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast
du viel Stempelpapier, fuhr sie fort, whrend sie einen Blick in die
Schatulle warf. Und in der Tat, es war sehr viel Papier darin. Du
knntest mir ein paar Bogen schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel
daran. Es kommt doch vor, da man ein Schreiben ans Gericht zu senden
hat. Dann ist immer kein Papier da.

Tschitschikow erklrte ihr, das sei kein Papier, wie sie es wnschte. Es
sei nur fr Kaufkontrakte, und nicht fr Gesuche geeignet. brigens gab
er ihr, um sie zu beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel.
Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, lie er sie unterschreiben und
bat sie um ein kurzes Verzeichnis der Bauern. Es stellte sich heraus,
da die Gutsbesitzerin gar keine Listen ber ihre Bauern fhrte, sondern
ihre Namen nur auswendig wute. Er forderte sie auf, ihm diese zu
diktieren. Mehrfach geriet er in hchstes Erstaunen ber ihre
Familiennamen und mehr noch ber ihre Spitznamen, soda er jedesmal beim
Hren ein wenig innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern
Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew genannt der
Waschtrogverchter, soda er sich nicht enthalten konnte, auszurufen:
Ist das aber ein langer Kerl! Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen.
Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. Nachdem er mit dem
Schreiben fertig war, sog er die Luft tief durch die Nase ein und roch
den Duft einer in Butter schmorenden Speise.

Bitte bedienen Sie sich, sagte die Wirtin. Tschitschikow sah sich um
und bemerkte, da der Tisch mit leckeren Gerichten reich besetzt war; da
gab es Pilze, Gebck, Spiegeleier, Pfannkuchen, Ksekeulchen,
Splittertrtchen und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit
Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, Pastetchen mit
Stinten und wei Gott, was sonst noch alles.

Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefllig? sagte die
Wirtin.

Tschitschikow rckte nher an die Eierpastete aus Butterteig heran, und
sprach sich sehr lobend ber sie aus, nachdem er eine gute Hlfte von
ihr verspeist hatte. Und in der Tat, die Pastete war schon an und fr
sich nicht bel; nach all den Plackereien und dem Geplnkel mit der
Alten aber schmeckte sie noch weit vorzglicher.

Nehmen Sie Pfannkuchen? sagte die Wirtin. Als Antwort auf diese Frage,
spiete Tschitschikow gleich drei Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen,
tauchte sie in die geschmolzene Butter und befrderte sie in den Mund,
worauf er sich Lippen und Hnde mit der Serviette abwischte. Nachdem er
dieses etwa dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau die Pferde
anspannen zu lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den
Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar heie Pfannkuchen
mitzubringen.

Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mtterchen, sagte Tschitschikow,
indem er sich ber die frischen Pfannkuchen hermachte.

Ja, das versteht meine Kchin sehr gut, versetzte die Hausfrau,
leider war nur die Ernte so schlecht, und das Mehl ist nicht so gut
geraten. Aber warum eilen Sie so? Vterchen? fuhr sie fort, als sie
sah, da Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, der Wagen
ist ja noch gar nicht fertig.

Oh der ist schnell fertig, Mtterchen. Bei mir geht das sehr schnell.

Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen?

Nein, nein, sagte Tschitschikow, whrend er in den Flur hinaustrat.

Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen? sagte die Hausfrau, indem
sie ihn hinausbegleitete.

Warum nicht? Gewi kaufe ich Ihnen welchen ab. Nur nicht gleich jetzt.

Zu Ostern werde ich schnen Speck haben.

Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich kaufe ihnen alles ab,
was Sie wollen, auch Schweinespeck.

Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Whrend der Weihnachtsfasten werde
ich auch Daunen haben.

Schn, schn, sagte Tschitschikow.

Siehst du wohl, Vterchen, dein Wagen ist noch nicht fertig, sprach
die Hausfrau, als sie auf die Treppe hinaustraten.

Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir blo, wie ich auf die groe
Landstrae gelange.

Wie mache ich das nur? sagte die Hausfrau. Es ist nicht leicht, dir
das klar zu machen, man mu so oft wenden; vielleicht ist es das Beste,
ich gebe dir ein Mdchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf
dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann.

Natrlich.

Nun gut, dann gebe ich dir das Mdel mit, sie kennt den Weg, entfhrt
sie mir nur nicht gar, hrst du, neulich haben mir schon ein paar
Kaufleute einmal eine weggeholt.

Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mdchen nicht zu entfhren
und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes
zurck. Erst glotzte sie die Haushlterin an, welche eine hlzerne Kanne
mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf
einen Bauern, -- der im Torweg erschien, um allmhlich immer mehr in
ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschftigen wir uns eigentlich
so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow,
wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es
nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man
sich's versieht, in Trauer ber, wenn man sich gar zu lange bei ihr
aufhlt, und Gott wei, was sich einem dann fr Gedanken aufdrngen! Man
knnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich
so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher
Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie
von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines
aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gueisernen
Treppen beschtzen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren
Teppichen prunken. Von ihr, welche ghnend neben ihrem halbgelesenen
Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmnnisch-geistreichen
Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld erffnet, wo
sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen
kann. -- Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze
Stadt wochenlang beschftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen,
was in ihrem Hause und auf ihren Gtern vorgeht, die in Unordnung
geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche
Umwlzung in der franzsischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung
der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu ber
diese Dinge reden? Aber warum fllt bisweilen in Augenblicken froher,
sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in
uns hinein? Noch fand das Lcheln kaum Zeit, dem Gesichte zu
entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in
ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz?

Da ist er, da ist ja mein Wagen, rief Tschitschikow, als er seine
Kutsche heranrollen sah, was hast du nur solange getrdelt, du Esel!
Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.

Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort.

Leben Sie wohl, Mtterchen! Nun wo ist Ihr Mdchen?

Heh! Pelagia! rief die Alte einem Mdchen von etwa elf Jahren zu, das
in der Nhe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes,
farbiges Leinenkleid an. Sie war barfig, und schien doch Stiefeln
anzuhaben, denn ihre Fe waren bis oben hinauf mit frischem
Straenschmutz bedeckt. Zeig dem Herrn den Weg!

Seliphan half dem Mdchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fu auf
das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig
beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich
neben Seliphan niederlie. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fu auf
das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem
Gewichte nach rechts beugte. So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie
wohl Mtterchen! mit diesen Worten verabschiedete er sich von der
Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an.

Seliphan war den Weg ber sehr ernst und streng und widmete sich seinem
Dienst mit groer Aufmerksamkeit, was immer dann zu geschehen pflegte,
wenn er etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. Die Pferde
waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. Das Kummet bei dem einen,
welches gewhnlich zerlocht und zerfetzt war, soda das Werg unter dem
Leder hervorquoll, war sorgfltig genht und ausgebessert. Er war
whrend des ganzen Weges sehr schweigsam, schwang nur hin und wieder die
Peitsche und unterlie es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden
zu beehren, obwohl der Schecke natrlich gerne eine Belehrung
entgegengenommen htte. Denn whrend einer solchen Rede pflegte der
wortfrohe Wagenlenker die Zgel immer recht lose in der Hand zu halten,
und er lie auch die Peitsche nur _pro forma_ ber den Rcken der Pferde
hpfen. Aber der finstere Mund lie dieses Mal nur monotone und
unfreundliche Ausrufe vernehmen, wie: Hh! Hh! alte Krhe! was
trdelst du! sonst nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor
waren nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und Achtung
zollendes Wort zu hren bekamen. Der Schecke erhielt sogar hufig
uerst unangenehme Schlge auf seine weichen, wohlgerundeten
Krperteile. Sieh mal, was in den gefahren ist!? dachte er sich, indem
er seine Ohren ein wenig spitzte. Der wei auch, wohin er haut; sucht
sich nicht etwa den Rcken aus, sondern gerade die empfindlichsten
Stellen. Schlgt einem die Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar
an den Bauch.

Rechts? Wie? Mit dieser trockenen Frage wandte sich Seliphan an das
neben ihm sitzende Mdchen, indem er mit der Peitsche auf den vom Regen
geschwrzten Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grn
leuchtenden Feldern dahinzog.

Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen! antwortete das
Mdchen.

Nun, wohin denn? fragte Seliphan, als sie sich dem Kreuzweg nherten.

Dorthin! sagte das Mdchen, indem es mit dem Finger die Richtung
anzeigte.

Ach! du! sagte Seliphan, das ist doch rechts! Kann rechts und links
nicht unterscheiden.

Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Strae derartig schmutzig, da
der Kot an den Wagenrdern kleben blieb und sie bald wie mit einer
Filzschicht bedeckte, was die Equipage am Fortkommen hinderte. Dazu war
der Boden noch sehr locker und lehmig. Dieses war die Ursache, da sie
die Landstrae nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mdchen wre es
ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil die Wege nach allen
Richtungen auseinanderliefen, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus dem
Netze schttet. Und Seliphan htte sich ohne seine Schuld leicht
verirren knnen. Bald darauf zeigte das Mdchen mit der Hand auf ein
Gebude, das in der Ferne sichtbar wurde, und sagte: Da ist die
Poststrae.

Und was ist das fr ein Gebude? fragte Seliphan.

Ein Wirtshaus, sagte das Mdchen.

So, nun werden wir schon selbst den Weg finden. Du kannst jetzt nach
Hause gehen.

Er hielt an und half ihr beim Absteigen, whrend er vor sich
hinmurmelte: Du Dreckbein!

Tschitschikow gab ihr eine Kupfermnze, und sie lief munter nach Hause,
hocherfreut, da sie auf dem Kutschbock hatte fahren drfen.


                            Viertes Kapitel

Als man sich dem Wirtshause nherte, lie Tschitschikow anhalten und
zwar aus zwei Grnden. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und
dann wnschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu
strken. Der Autor mu gestehen, da er diese Art Leute um ihren guten
Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Fr ihn haben jene groe
Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und
deren ganze Zeit im Nachdenken darber aufgeht, was sie morgen zu Mittag
speisen werden, und was fr ein Menu sie fr bermorgen zusammenstellen
knnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie
ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere
Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schlu nach Karlsbad oder in
den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des
Autors wachrufen knnen. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf
_einer_ Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nchsten ein
Spanferkel, auf der dritten ein Stck Str oder Bratwurst mit Knoblauch,
und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wre, und
zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und
Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zhnen, begleitet von
Fischpasteten oder einer Welspirogge, soda bei jedem Unbeteiligten der
Appetit rege werden mu. -- Diese Leute erfreuen sich einer
beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den groen Herren wrde
sofort die Hlfte seiner Bauern und der verpfndeten und unverpfndeten
Gter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland
hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so
ein Mann des guten Brgerstandes. Das Unglck ist leider nur, da man
sich weder fr Geld noch Gter mit und ohne Errungenschaften einen
solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stnde
besitzt.

Das hlzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein
gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Sulen ruhte, die groe
hnlichkeit mit altertmlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus
war eine Art russische Bauernhtte, nur in etwas grerem Mastab. Die
mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster
herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wnden ab.
Auf den Fensterlden waren Krge mit Blumen abgebildet.

Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er
den breiten Flur. Hier stie er auf eine Tr, welche sich knarrend
auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das
ihn mit folgenden Worten anredete: Hierher, bitte! In dem Gastzimmer
fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hlzernen
Wirtshusern an der Landstrae begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar,
die glatt gehobelten Wnde aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit
Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den
Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bndern hingen, eine Katze,
die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen
vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen lie,
endlich Strue aus wohlriechenden Krutern und Nelken, welche hinter
die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, da
jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann,
sonst aber unbefriedigt blieb.

Haben Sie Spanferkel? Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an
die dicke Alte.

Gewi!

Mit Meerrettich und saurer Sahne?

Freilich mit Sahne und Meerrettich.

Her damit!

Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und brachte einen Teller,
eine Serviette, steif gestrkt wie getrocknete Baumrinde, ferner ein
Messer mit einem gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dnn wie die
eines Federmessers und schlielich eine zweizinkige Gabel und ein
Salzfa, das durchaus nicht geradestehen wollte.

Unser Held lie sich nach seiner Gewohnheit sogleich in ein Gesprch mit
ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie selbst die Besitzerin des Gasthofes
oder ob noch ein Wirt da sei; wieviel das Geschft abwerfe; ob ihre
Shne bei ihr wohnten; was der lteste Sohn fr einen Beruf habe und ob
er schon verheiratet oder noch Junggeselle sei; was er fr eine Frau
genommen habe, mit oder ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden
und ob der Sohn nicht rgerlich gewesen sei, da er zu wenig
Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, er verga nicht das
Mindeste. Es versteht sich von selbst, da er auch Erkundigungen darber
einzog, was fr Gutsbesitzer in der Nhe wohnten, und er erfuhr, da es
deren verschiedene gbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, Mylny,
Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. Ah! du kennst Sabakewitsch? fragte
er die Alte, und er hrte sogleich, da sie nicht nur Sabakewitsch,
sondern auch Manilow kenne, und da Manilow etwas dewikater sei als
Sabakewitsch. Er bestellte sofort ein Huhn oder Kalbsbraten; gibt es
Hammelleber, so verlangt er auch Hammelleber und it von allem nur ein
wenig. Dagegen bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, das
er dann aber auch ganz aufit. Ja, er verlangt sogar noch eine grere
Portion fr dasselbe Geld.

Whrend er sich in dieser Weise unterhielt und vergngt sein Spanferkel
verzehrte, von dem nur noch ein kleines Stck auf dem Teller brig
blieb, hrte er pltzlich das Rdergerassel einer heranrollenden
Equipage. Er blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche
vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden bespannt war. Aus
dem Wagen stiegen zwei Herren heraus. Der eine von ihnen war blond und
von hohem Wuchs, der andere etwas kleiner und brnett. Der Blonde trug
eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewhnliche buntgestreifte
Morgenjacke aus Bucharischem Stoffe an. Von ferne sah man noch ein
leeres Wgelchen herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann mit
zerrissenen Halsbgeln und Halftern von Hanf gezogen wurde. Der Blonde
lief sofort die Treppe hinauf, whrend der Dunkelhaarige noch ein wenig
unten blieb, den Wagen untersuchte und, whrend er sich mit dem Knechte
unterhielt, dem herankommenden Gefhrt allerhand Zeichen gab.
Tschitschikow kam seine Stimme ein wenig bekannt vor. Whrend er ihn
betrachtete, hatte der Blonde bereits die Tr gefunden und ffnete sie
eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht oder, wie
man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten Zgen und kleinem roten
Schnurrbart. Nach seiner gebrunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er
schon oft im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so doch im
Tabaksdampf. Er verbeugte sich hflich gegen Tschitschikow, worauf jener
mit einer gleichen Verbeugung antwortete. Sie htten sicherlich schon
nach wenigen Minuten eine Unterhaltung angeknpft und nhere
Bekanntschaft mit einander gemacht, weil der erste Schritt dazu ja schon
getan war und beide fast zu gleicher Zeit ihre Freude darber uerten,
da der Staub auf der Landstrae durch den gestrigen Regen vollstndig
niedergeschlagen und da die Reise jetzt angenehm und khl sei, wenn
nicht sein schwarzhaariger Gefhrte pltzlich ins Zimmer getreten wre;
er ri seinen Hut vom Kopfe und warf ihn auf den Tisch, indem er sich
mit einer khnen Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann von
mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen Wangen,
schneeweien blitzenden Zhnen und pechschwarzem Backenbart. Dazu hatte
er so frische Farben wie Blut und Milch; sein Gesicht strotzte frmlich
vor Gesundheit.

Ba, Ba, Ba, rief er pltzlich und breitete beim Anblick Tschitschikows
die Arme weit aus. Was fhrt Sie hierher?

Hier erkannte Tschitschikow, da es Nosdrjow war, jener Herr mit dem er
beim Staatsanwalt gespeist und der sich mit ihm schon nach wenigen
Minuten so vertraut gemacht hatte, da er ihn zu duzen begann, obwohl
ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste Veranlassung dazu
gegeben hatte.

Wo warst du? fragte Nosdrjow und fuhr ohne die Antwort abzuwarten,
sogleich fort: Ich komme von der Messe lieber Freund; du kannst mir
gratulieren. Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. Du
wirst mir's nicht glauben, da ich noch nie in meinem Leben so blank
war. Ich habe mir eine Droschke mieten mssen. Sieh einmal aus dem
Fenster; da steht sie noch! Hierbei drckte er Tschitschikows Kopf
herunter, soda dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoen htte. Sieh
doch die Klepper an, die verdammten Viecher haben mich kaum bis hierher
geschleppt. -- Ich mute schlielich sogar in seinen Wagen steigen. Bei
diesen Worten zeigte Nosdrjow mit dem Finger auf seinen Gefhrten:

Ah -- ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager Mishujew! Wir haben
schon den ganzen Morgen von dir gesprochen. >Pa mal auf,< habe ich
gesagt, >wenn wir Tschitschikow treffen.< Nein, wenn du wtest, Bruder,
wie blank ich bin. Glaub's oder nicht, ich bin nicht nur meine vier
Gule los geworden, ich habe tatschlich alles verjuchzt. Ich habe nicht
mal mehr Uhr und Kette. Tschitschikow sah ihn an und berzeugte sich,
da er wirklich weder Uhr noch Kette trug. Ja, es schien ihm sogar, da
die eine Hlfte seines Backenbartes etwas kleiner und dnner war, als
die andre.

Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der Tasche gehabt htte, fuhr
Nosdrjow fort, genau zwanzig und nicht mehr noch weniger, ich htte
wahrhaftig Alles wieder gewonnen, d. h. ich htte es nicht nur
wiedergewonnen, sondern, -- so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich
htte jetzt noch dreiigtausend dazu in der Tasche.

Das hast du auch schon da gesagt, wandte ihm hier der Blonde ein.
Aber als ich dir die fnfzig Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf
verspielt.

Ich htte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig nicht. Htte ich
damals keine Dummheit gemacht, so bese ich sie noch jetzt.

Htte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben keine Ecke geschlagen,
ich htte die ganze Bank sprengen knnen.

Du hast sie doch aber nicht gesprengt, sagte der Blonde.

Natrlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur rechten Zeit
geschlagen habe. Du glaubst wohl, da dein Major sehr schn spielt?

Schn oder nicht schn, er hat dich doch gerupft.

Auch was Groes, sagte Nosdrjow.

So htte ich ihn auch reinlegen knnen. Er sollte mal versuchen,
Doublet zu spielen, dann wollen wir mal sehen, was der Kerl kann. Dafr
haben wir aber auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund
Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war groartig. Selbst die
Kaufleute sagen, da es noch niemals so ein Leben gab. Wir haben alles,
was von meinem Gut kam, zu den hchsten Preisen losgeschlagen. Ach,
Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch daran denke, Teufel
.... es ist doch schade, da du nicht dabei warst. Stell dir vor, drei
Werst vor der Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur,
smtliche Offiziere, soviel berhaupt da waren, ich glaube, an die
vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, und als dann erst das Saufen
losging ...... der Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein
famoser Mensch; -- hat der einen Schnurrbart, -- -- -- so gro. Statt
Kognak sagt er einfach Jckchen. >Bring mir doch schnell ein Jckchen,<
ruft er dem Kellner zu. Leutnant Kufschinnikow ... Weit du, Freund, ein
zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann man wohl sagen. Wir
waren immer zusammen. Und was uns der Ponomarjow fr einen Wein
vorgesetzt hat! Der ist nmlich ein Gauner, mut du wissen. Bei dem darf
man nichts kaufen. Der Teufel mag wissen, womit der den Wein vermengt.
Der Kerl frbt ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark;
wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, das er sein Allerheiligstes
nennt, eine Flasche herausschmuggelt, wahrhaftig Freund, dann glaubt man
sich gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten wir, sage ich
dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs das reinste Weibier. Stell dir
vor, nicht Cliquot, sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaen
ein potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine Flasche
franzsischen Wein, Marke Bonbon. Na, der Geruch -- ff., wie
Rosenknospen und sonst noch alles, was dein Herz begehrt .. Donner,
haben wir gezecht! .. Nach uns kam noch ein Frst hin. Der lie nach
Champagner schicken. -- Denk dir, in der ganzen Stadt keine Flasche
aufzutreiben: die Offiziere hatten den ganzen Sekt ausgetrunken. Du
kannst mir's glauben, ich allein hab whrend des Diners siebzehn
Flaschen hinter die Binde gegossen!

Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn doch nicht fertig,
bemerkte der Blonde.

So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie doch ausgetrunken.

Du magst reden was du willst. Ich sage dir, du kannst nicht einmal zehn
bewltigen.

Was gilt die Wette!?

Wozu denn wetten!

Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in der Stadt gekauft hast!

Ich mag nicht.

Ach was, tu's doch, versuch's nur!

Ich will's aber nicht versuchen.

Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! Hr mal, Freund
Tschitschikow, hab ich's aber bedauert, da du nicht dabei warst. Ich
bin sicher, du httest dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen
knnen. Ihr httet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie der
Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgren unserer Stadt, die fr jede
Kopeke zittern. Der macht alles mit: einen Landsknecht, Pharao, ein
Pokerchen, hlt ein Bnkchen und alles, was du willst. Ach,
Tschitschikow, nun was htte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, du
bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir 'nen Ku! Ich hab dich
schrecklich lieb. Nimm mal den Mishujew, das Schicksal hat uns
zusammengefhrt; was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines schnen
Tages angefahren, Gott wei woher! Zuflliger Weise mu ich auch gerade
hier wohnen .... Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging
alles ins Groe, weit du. Engros! Ich hab auch mal Fortuna versucht und
zwei Bchschen Pomade, eine Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen.
Dann hab ich nochmal mein Glck probiert und alles wieder verloren, so
'ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. Wenn du wtest, was fr ein
Don Juan der Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bllen mit ihm
zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: Rschen und Spitzen, und
wei der Teufel, was die nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte
mir immer, Teufel! Der Kufschinnikow aber -- so 'ne Bestie, was? --
Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie auf franzsisch. Du kannst
mir's glauben, der wrde nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das
nennt er Erdbeeren pflcken. Es waren auch herrliche Fische, und vor
allem Stre angekommen. Ich habe einen mitgebracht -- noch gut, da mir
der Gedanke kam einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo reist
du denn jetzt hin?

Ach, ich will zu einem Menschen hier, sagte Tschitschikow.

Zu was fr einem Menschen? Ach was, la ihn laufen! Komm! wir fahren
zusammen zu mir nach Hause!

Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun.

Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! Oh du Opodeldok Iwanowitsch!

Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas sehr Wichtiges!

Ich mchte darauf wetten, du lgst! Also sag mal, zu wem fhrst du?

Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch.

Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle Lachen aus, dessen nur ein
frischer und gesunder Mensch fhig ist, der dabei seinen Mund weit
auftut, uns die ganze Reihe seiner Zhne sehen lt, die tadellos und
blendend wei sind wie Zucker, whrend seine Gesichtsmuskeln hpfen und
springen, soda der Nachbar im dritten Zimmer, das durch zwei Tren von
ihm getrennt ist, aus dem Schlaf in die Hhe fhrt, die Augen aufreit
und ausruft: Was mag blo in den gefahren sein!

Was gibt es hier zu lachen? sagte Tschitschikow, der sich ein wenig
ber das Gelchter rgerte.

Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu lachen, indem er
zwischendurch rief: Nein, bitte, verschone mich; ich berste vor
Lachen!

Das ist durchaus nicht lcherlich: ich habe ihm mein Wort gegeben,
sagte Tschitschikow.

Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn du zu ihm hinfhrst;
das ist doch ein ganz gemeiner Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne
doch deinen Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum,
wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu einem kleinen Spielchen,
eine gute Flasche Bonbon oder sonst was. Hr mal, lieber Freund! Hol
doch der Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze dir einen
Str vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat nur immer Kratzfe gemacht
und versichert: >Ich tue es nur fr Sie! Sie knnen die ganze Messe
absuchen und werden keinen solchen finden.< brigens ein durchtriebener
Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht gesagt: >Sie und unser
Branntweinpchter, ihr seid die grten Gauner, die es auf der Welt
gibt,< hab ich ihm gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den
Bart. Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem Laden
gefrhstckt. Richtig, lieber Freund, beinah htte ich vergessen, es dir
zu sagen: ich wei zwar, du wirst mich nicht in Ruhe lassen, aber ich
sage es dir im voraus, du kriegst ihn nicht einmal fr zehntausend
Rubel! He Porphyr! rief er seinem Diener zu, indem er ans Fenster
trat. Dieser stand mit einem Messer in der einen Hand da, whrend er in
der andern eine Brotrinde und ein Stck Str hielt, das er mit einem
glcklichen Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen
holen wollte. He, Porphyr! schrie Nosdrjow, bring doch mal den
kleinen Kter herauf! Ein feiner Kter! Was! fuhr er fort, indem er
sich an Tschitschikow wandte. Natrlich gestohlen! Der Besitzer wollte
ihn um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune Stute dafr,
weit du, die, welche ich vom Chwostyrjow erstanden habe. brigens
hatte Tschitschikow sein Lebtag weder Chwostyrjow noch die braune Stute
gesehen.

Wollen der gndige Herr nichts zu sich nehmen? sagte jetzt die Alte,
indem sie sich ihm nherte.

Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben gebummelt! brigens kannst
du mir einen Schnaps geben! Was habt ihr fr welchen?

Anis, antwortete die Alte.

Nun meinetwegen, einen Anis, rief Nosdrjow.

Dann gib mir gleich auch ein Glschen! sagte der Blonde.

Im Theater war eine Sngerin, die sang ganz wie 'ne Nachtigall, so'ne
Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir sa, sagte zu mir: >Weit du
Freund das wr so was! Da mcht ich mal Erdbeeren pflcken!< Ich glaube
die Zahl der Mebuden war allein grer als fnfzig. Thenardi drehte
sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmhle. Hierbei nahm er das
Glschen aus der Hand der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. Her
mit ihm! rief er pltzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit einem
jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war ebenso gekleidet wie sein Herr,
auch er trug eine wattierte bucharische Joppe, die nur ein wenig
fettiger war.

Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fuboden!

Porphyr legte das Hndchen auf den Fuboden, welches seine vier Pfoten
weit ausstreckte und die Diele zu beschnffeln begann.

Das ist ein Hund! sagte Nosdrjow, indem er das Tier am Wickel nahm und
mit einer Hand in die Hhe hob. Das Hndchen stie einen recht
klglichen Ton aus.

Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen habe, sagte Nosdrjow
zu Porphyr gewendet, whrend er den Bauch des Hndchens aufmerksam
betrachtete. Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kmmen.

Nein, ich habe ihn gekmmt.

Wo kommen denn die Flhe her!

Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, vielleicht hat er sie
sich im Wagen geholt!

Du lgst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume eingefallen, ihn zu
kmmen; ich glaube, der Esel hat ihm noch von den seinigen abgegeben.
Sieh nur, Tschitschikow, sieh nur, was fr Ohren! Komm doch, streichele
ihn mal!

Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut, sagte Tschitschikow.

Nein, streichele ihn nur mal; befhle mal die Ohren!

Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und nahm den Hund bei den
Ohren. Ja, es wird ein schnes Tier, fgte er hinzu.

Und fhle mal seine kalte Schnauze an! Nimm doch die Hand! Um ihn
nicht zu beleidigen, befhlte Tschitschikow auch die Schnauze, indem er
bemerkte: Kein bler Riecher!

Ein echter Bullenbeier! fuhr Nosdrjow fort. Ich mu gestehen, ich
habe schon lange nach einem Bullenbeier gefahndet. Da, Porphyr, trage
ihn fort.

Porphyr nahm das Hndchen beim Bauche und brachte es in den Wagen
zurck.

Hr mal, Tschitschikow, du mut jetzt unbedingt zu mir kommen. Es sind
ja nur fnf Werst von hier. Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst
du meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren.

Hm! dachte Tschitschikow, ich knnte ja schlielich auch einen Besuch
bei Nosdrjow machen. Er ist am Ende nicht schlimmer als die andern. Ein
Mensch wie alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist zu allem
fhig. Dem werd ich schon umsonst etwas abtrotzen. -- Also gut,
meinetwegen! Nur eins, du darfst mich nicht zurckhalten; meine Zeit ist
mir teuer.

Siehst du, Herzchen, so gefllst du mir; das ist nett von dir. Komm,
la dir einen Ku dafr geben! Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten
und kten sich herzlich. Famos, jetzt fahren wir zu dritt!

Nein, mich mut du schon entschuldigen, sagte der Blonde. Ich mu
nach Hause.

Ach, Torheiten, Freund! Ich la dich nicht fort.

Nein wirklich, meine Frau wird sonst bse; brigens kannst du ja jetzt
in seinen Wagen steigen.

Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken.

Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren Charakter man zuerst
einen gewissen Starrsinn zu entdecken glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund
zu ffnen, da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals
werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise widerspricht. Es scheint
einem, da sie nie einen Dummen klug nennen und vor allem niemals nach
der Pfeife eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es sich, da
in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges liegt, da sie schlielich
gerade das zugeben, was sie erst bestritten haben, das Dumme -- klug
nennen und den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife auffhren. Sie
fangen forsch an und enden schmhlich.

Ah, Torheiten, antwortete Nosdrjow auf einen Einwand des Blonden,
drckte ihm den Hut auf den Kopf und -- der Blonde folgte ihnen auf dem
Fue.

Gndiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt, rief die Alte ihnen
nach.

Schon recht, schon recht, Mtterchen! Sei so gut, lieber Schwager,
bezahle du fr mich! Ich habe nicht mal Kupfer in der Tasche.

Was bekommst du? fragte der Schwager.

Es ist nicht der Rede wert, Vterchen. Es macht ja nur achtzig
Kopeken.

Du lgst! Gib ihr 'nen halben Rubel! das ist mehr als genug.

Ein bissel wenig, gndiger Herr, sagte die Alte. Indessen nahm sie das
Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Tre zu ffnen. Sie
hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil
von dem, was sie gefordert hatte.

Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz.
Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein
Schwager saen, her, und so konnten sich alle drei whrend des ganzen
Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den drren
Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr
zurck. In ihm sa Porphyr mit dem jungen Hunde.

Da das Gesprch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich
kein groes Interesse fr den Leser haben drfte, werden wir gut tun,
diese Zeit zu benutzen, um einige Worte ber Nosdrjow selbst zu sagen,
der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen
wird.

Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt.
Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal
begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in
der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre
Prgel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht
Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schlieen schnell
Freundschaften, und eh man sich's versieht, duzen sie einen schon. Sie
schwren immer ewige Freundschaft, und fast scheint's, da sie ihr
Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, da
der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle
durchprgelt. Das sind stets Schwtzer, Zechbrder, feine Jungens, mit
einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fnfunddreiig
Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es
noch immer, zu bummeln und sich zu amsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im
geringsten verndert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins
bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurcklie, die er
absolut nicht brauchen konnte. brigens hatte er die Aufsicht ber die
Kinder einer recht appetitlichen Wrterin anvertraut. Er konnte es zu
Hause nie lnger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf
fnfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen
zusammenkamen und Feste und Blle gefeiert wurden; im selben Augenblick
war er da, stiftete Streit und Unordnung am grnen Tisch, denn er war,
wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon
aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und
sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststcken, und daher
gab's am Ende des Spiels gewhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam
eine Tracht Prgel und ein paar tchtige Futritte oder man zupfte ihn
an seinem schnen dicken Backenbart, so da er manchmal nur mit einer
Bart-Hlfte nach Hause kam, die auch nur noch recht drftig aussah. Aber
seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden
von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, da der
Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schner wurde, als frher. Und
was dabei das Merkwrdigste war, und sicherlich nur allein in Ruland
passieren kann, -- schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen
Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrte sich, wie
wenn nichts vorgefallen wre, und auch er tat seinerseits nicht im
geringsten beleidigt.

Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persnlichkeit.
Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend
eine Geschichte passierte. Irgendeine Geschichte gab es immer:
entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefat und aus dem
Saal gefhrt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn
hinauszubefrdern. Und wenn es nicht gerade dies war, _etwas_ ereignete
sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wre, sei es, da er
sich in der Restauration so sehr betrank, da er garnicht aus dem Lachen
herauskommen konnte, oder da er sich so in seine eigenen Lgen
verstrickte, soda ihm zuletzt selbst davor bel wurde. Dazu log er ohne
jeden Grund und Anla. Pltzlich konnte es ihm einfallen, zu erzhlen,
er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder
irgend einen hnlichen Bldsinn, bis alle Anwesenden weggingen und
sagten: Na Bruder, mir scheint, du fngst an zu schwindeln! Es gibt
Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nchsten einen blen
Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es
zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem uern und mit einem Stern auf
der Brust, die einem freundlich die Hand drcken, sich ber die tiefsten
und erhabensten Gegenstnde unterhalten, welche unseren Geist
beschftigen, um einem pltzlich ganz offen vor aller Augen einen
niedertrchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewhnlichen
Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes wrdig ist, der einen
Stern auf der Brust trgt und ber die tiefsten und erhabensten
Gegenstnde spricht, die unseren Geist beschftigen, soda man dasteht
und staunt, und hchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte
diese merkwrdige Liebhaberei. Je nher sich einer ihm anschlo, um so
rger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmgliche Gerchte,
wie sie sich kaum trichter und dmmer erfinden lassen, machte
Verlobungen rckgngig, verdarb einem das Geschft und hielt sich dabei
keineswegs fr den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fgte es sich
so, da man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem hchst
freundschaftlich entgegen und sagte sogar: Du bist doch ein ganz
gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals? Nosdrjow war in mancher
Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen
Stteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle
vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden
Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte
fr ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu
gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und
Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglckt, auf der
Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann
kaufte er alles Mgliche zusammen, was er im ersten besten Laden
vorfand: Halsbgel fr seine Pferde, Rucherkerzchen, allerhand Tcher
fr das Kindermdchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne
Waschschssel, hollndische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen,
Heringe, Bilder, Schleifsteine, Tpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis
ihm das Geld ausging. brigens passierte es nur hchst selten, da er
all die schnen Dinge mit nach Hause brachte: gewhnlich wurde er sie
noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern
glcklichern Spieler verspielte, der hufig noch die eigne Pfeife, den
Tabakbeutel und ein Mundstck, oder wohl gar noch das ganze Viergespann
mit allem Zubehr: Wagen und Kutscher dazu bekam, soda der Herr selbst
in einem kurzen Rckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche
nach einem Freunde gehen mute, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war
Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und
sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die
Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so
bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist berall, mitten unter uns, und
trgt vielleicht zuflligerweise nur einen andern Rock; aber die
Menschen sind leichtsinnig und oberflchlich; wie oft halten sie jemand,
wenn er nur einen andern Rock anhat, auch fr einen ganz andern
Menschen!

Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des
Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen fr ihren
Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf
einer Stehleiter, weiten die Wnde und sangen ein monotones Lied dazu,
das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fuboden war mit Kalk
bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich
mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nchste Zimmer,
um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gste hrten, wie er beim Koch
ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen
Appetit versprte, ersah daraus, da sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu
Tische setzen wrden. Nosdrjow kam bald darauf zurck, um seine Gste zu
einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle
Sehenswrdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als
zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht
eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu
zeigen brig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man
zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen
Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber
Nosdrjow versicherte und schwor, da er zehntausend Rubel fr ihn
bezahlt habe.

Zehntausend waren es sicher nicht, bemerkte der Schwager, der ist
noch keine tausend wert.

Bei Gott! Er kostet zehntausend! sagte Nosdrjow.

Du kannst schwren, soviel du willst, erwiderte der Schwager.

Nun gut, willst du wetten? sagte Nosdrjow.

Aber der Schwager wollte nicht wetten.

Dann zeigte Nosdrjow den Gsten einen leeren Verschlag, in dem frher
ein paar gute Pferde gestanden hatten. Daselbst befand sich auch ein
Ziegenbock, der nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall
fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar recht gut
vertrug, denn er spazierte unter ihren Buchen hindurch, als ob er zu
Hause wre. Dann fhrte Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen
einen kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. Das ist ein
junger Wolf! sagte er, ich fttere ihn absichtlich mit rohem Fleisch!
Dann sah man sich noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows
Worten, Fische von solcher Gre befanden, da mindestens zwei Menschen
dazu gehrten, um einen davon aus dem Wasser zu ziehen. brigens
unterlie es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu uern.
Hr mal Tschitschikow, sagte Nosdrjow, ich will dir ein paar
herrliche Hunde zeigen: man glaubt gar nicht, was die fr krftige
Muskeln haben! Und die Nase! So spitz wie eine Nadel! Mit diesen Worten
fhrte er sie zu einem hbschen kleinen Huschen, das von einem groen
und ringsum eingefriedigten Hof umgeben war. Als sie diesen betraten,
erblickten sie eine ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und
schlichthaarige aller nur mglichen Farben und Rassen, dunkelbraune,
schwarze, schwarz- und braungefleckte, halbgescheckte, getigerte,
braungescheckte, schwarzohrige, grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man
smtliche Hundenamen und alle nur mglichen Imperative zu hren wie
Bei, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, Gottseibeiuns, Strenfried,
Stich, Pfeil, Schwlbchen, Schtzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte
sich unter ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen alle
mit freudig erhobenen Schwnzen, die man in der Jgersprache Ruten
nennt, auf die Gste zugestrzt und begrten sie lebhaft. Etwa zehn
Stck sprangen an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf die
Schultern. Schimpf bezeugte dieselbe Freundschaft fr Tschitschikow
und versetzte ihm, indem er sich auf die Hinterbeine stellte, einen
herzhaften Ku, soda jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur
Besichtigung der Hunde ber, deren Muskelkraft Nosdrjows Stolz bildete
-- und in der Tat, die Hunde waren gut. Hierauf sah man sich noch eine
Hndin aus der Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows Worten
bald verrecken mute. Vor zwei Jahren sei es noch eine recht gute Hndin
gewesen. Man nahm auch diese Hndin in Augenschein, und siehe da, sie
war wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um eine Wassermhle
anzusehen, der die Achse fehlte, an welcher der obere Mhlstein
befestigt ist, und um die er sich mit groer Geschwindigkeit dreht, oder
an der er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern herauf und
herunter hpft, weswegen er auch der Hpfer genannt wird. Nun kommt
bald die Schmiede, sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten erblickten
sie tatschlich eine Schmiede, deren Betrachtung man gleichfalls einige
Augenblicke widmete.

Auf diesem Felde, sagte Nosdrjow, indem er mit dem Finger hinzeigte,
gibt es eine solche Unmenge von Hasen, da man die Erde garnicht sieht.
Ich selbst habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterlufen
erwischt.

Na, weit du, mit der Hand erwischst du keinen Hasen.

Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig! antwortete Nosdrjow. So,
nun will ich dich an die Grenze meines Gutes fhren, setzte er hinzu,
indem er sich an Tschitschikow wandte.

Nosdrjow fhrte seine Gste ber das Feld, das stellenweise mit kleinen
Mooshgeln bedeckt war. Die Gste muten den Weg ber Brachland und
geeggte Saatfelder nehmen. Tschitschikow versprte eine gewisse
Ermdung. An vielen Stellen sanken ihre Fe in dem Sumpfe ein: so tief
war das Land gelegen. Anfangs nahmen sie sich in acht und traten
vorsichtig auf, da sie aber sahen, da das doch nichts half,
marschierten sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am
hchsten lag. Nachdem sie ein betrchtliches Stck Weges zurckgelegt
hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, welche durch einen
hlzernen Pfahl und einen schmalen Graben markiert wurde.

Das ist die Grenze, sagte Nosdrjow. Alles was diesseits liegt -- dies
alles ist mein Eigentum, und sogar jener Wald, den ihr da auf der
anderen Seite schimmern seht, und das ganze Stck, das hinter dem Walde
liegt, gehrt mir.

Seit wann ist denn das dein Wald? fragte der Schwager. Hast du ihn
etwa neulich angekauft? Frher gehrte er dir doch nicht.

Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft, sagte Nosdrjow.

Wie ging denn das so schnell?

Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen mssen,
wei der Teufel!

Aber du warst doch die ganze Zeit ber auf der Messe?

Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und
zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner
Abwesenheit hat der Verwalter das Gehlz gekauft.

Es mte denn schon der Verwalter sein, sagte der Schwager, noch immer
zweifelnd und schttelte den Kopf.

Die Gste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurck. Nosdrjow
fhrte sie in seine Stube, in der brigens nichts von alledem zu
entdecken war, was man gewhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden
pflegt, d. h. weder Bcher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein
Sbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu
achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schttelte
blo den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige
trkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift Meister
Sawelij Sibirjakow, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben
worden war. Darnach bekamen die Gste eine Drehorgel zu sehen, auf der
Nosdrjow sogleich irgend ein Stck vortrug. Die Drehorgel hatte keinen
unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein,
denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging pltzlich in das Lied:
Held Malborough zog in die Schlacht ber, und dieses schlo wiederum
mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr,
aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum
Schweigen zu bringen war und noch lange fr sich allein weitertnte.
Dann ging man zu den Tabakspfeifen ber, deren Nosdrjow eine ganze
Kollektion besa: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und
nicht eingerauchte, mit Lederberzgen und ohne solche usw.; man sah
sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst
vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das
Geschenk einer Grfin, welche sich auf einer Poststation bis ber die
Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Hndchen das subtilste
Superflh waren, ein Ausdruck, der fr ihn wahrscheinlich soviel wie
die hchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten
Str zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fnf Uhr zu Tisch.
Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr
bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr groen Wert auf die
Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch
nicht ganz gar. Der Koch lie sich wahrscheinlich mehr durch eine
gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der
Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand
zuflligerweise die Pfefferdose in seiner Nhe, dann schttete er
Pfeffer in den Kochtopf -- lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er
auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu -- mit
einem Wort: er schttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache
war, da das Gericht recht hei war, irgend einen Geschmack wrde es
schon haben! Dafr legte Nosdrjow ein groes Gewicht auf die Weine: die
Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gsten schon
ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz-
und in den Kreisstdten gibt es nmlich keinen gewhnlichen Sauterne.
Dann lie Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, wie ihn selbst
der Feldmarschall nicht besser getrunken hat. Und in der Tat, der
Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den
Geschmack ihrer Kunden -- der Gutsbesitzer kannten, die einen
_krftigen_ Madeira liebten, versetzten ihn tchtig mit Rum und
bisweilen auch mit Knigswasser, in der richtigen Erwgung, da ein
russischer Magen alles vertragen knne. Zuletzt lie sich Nosdrjow noch
eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von
Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und
links mit groem Eifer die Glser voll und erwies dabei seinem Schwager
und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow
die Beobachtung, da er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte.
Dies veranlate ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins
Gesprch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas
vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines
Glases in den Teller zu schtten. Bald darauf wurde auch eine Flasche
Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie
Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur krftig nach Fusel roch.
Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich
sogar uerst schwer aussprechen lie, und den der Wirt selbst bei der
nchsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war lngst
zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gste saen noch
immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht
entschlieen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers ber den
Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager
war schlielich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte
nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt
werden. brigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm
gefhrlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehrig geladen,
er sa nmlich stumm auf seinem Stuhle und sank bestndig mit dem Kopf
vornber. Endlich mute er wohl selbst gemerkt haben, da er sich in
einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn
doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und mden
Stimme, als zge man -- um mich eines volkstmlichen russischen
Ausdrucks zu bedienen -- dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange ber den
Kopf.

Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort! sagte Nosdrjow.

Qul mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren! bat
der Schwager, du mut mich nicht so peinigen!

Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen kleinen Pharao.

Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich nicht, meine Frau
wird es mir sehr bel nehmen; ich mu ihr auch noch von der Messe
erzhlen. Wahrhaftig Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr
dies kleine Vergngen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf!

Hol doch die Frau der T....! Als ob das so was wichtiges wre, was ihr
miteinander zu tun habt!

Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine Frau -- so brav und treu,
eine musterhafte Gattin! Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir
glauben, ich bin oft gerhrt, bis zu Trnen gerhrt. Nein, suche mich
nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin --
ich mu fahren. Ich gebe dir mein Wort darauf! Hand aufs Herz!

La ihn doch fahren, was haben wir von ihm? sagte Tschitschikow leise
zu Nosdrjow.

Du hast eigentlich recht! meinte Nosdrjow, ich kann diese Waschlappen
nicht leiden! und er fgte laut hinzu: Nun dann hol dich der Teufel.
Geh! fahr nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld!

Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld schelten! antwortete
der Schwager: ich verdanke ihr mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb,
so gut, so sanft und zrtlich .... mir stehen oft die Trnen in den
Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe gesehen habe -- ich
mu ihr alles erzhlen -- sie ist so lieb ....

Also mach, da du fortkommst, und schwindele ihr irgend einen Bldsinn
vor!

Nein, hr mal, lieber Freund! du darfst nicht so von ihr sprechen,
damit beleidigst du gewissermaen auch mich, sie ist so gut und lieb.

Nun dann packe dich doch! Mach, da du zu ihr kommst!

Ja, tatschlich, Freund, ich will fahren; verzeih, da ich nicht
bleiben kann. Ich wre von Herzen froh, aber ich kann wahrhaftig nicht.
Der Schwager stammelte noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu
merken, da er lngst im Wagen sa, schon durchs Tor gerollt war und
sich unter freiem Himmel auf offenem Felde befand. Man darf annehmen,
da seine Frau recht wenig von der Messe zu hren bekommen hat.

So ein Dreckkerl! sagte Nosdrjow, der ans Fenster getreten war und der
davonjagenden Equipage nachblickte. Da fhrt er! Das Beipferd ist nicht
bel, ich fahnde schon lngst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja doch
nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts!

Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter herein und
Tschitschikow bemerkte pltzlich ein Spiel Karten in der Hand des
Hausherrn, ohne da er htte sagen knnen, woher er es genommen hatte.

Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund! sagte Nosdrjow, indem
er das Spiel zusammendrckte und wieder los lie, soda das Kreuzband
zerri und zu Boden fiel. So zum Zeitvertreib weit du. Ich will die
Bank mit dreihundert Rubeln halten!

Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehrt htte, wovon
eigentlich die Rede war und sagte, wie wenn er sich pltzlich auf etwas
besnne. Ach ja, um es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte
an dich!

Was fr eine Bitte?

Aber versprich mir zuerst, da du sie erfllen willst!

Was ist das fr eine Bitte?

Nein, versprich mir's erst! Hrst du!

Also gut. Meinetwegen!

Dein Ehrenwort!

Mein Ehrenwort!

Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von toten Bauern besitzen,
die noch nicht aus den Revisionslisten gestrichen sind.

Natrlich! und was soll das hier!

bergib sie mir. bertrage sie auf meinen Namen!

Und wozu brauchst du sie?

Ich brauche sie.

Nein, sag wozu?

Ich brauche sie eben .... das ist doch meine Sache -- mit einem Wort,
ich habe sie ntig.

Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher irgend einen Plan mit
ihnen ausgeheckt. Gesteh's nur. Was ist's?

Ach was fr ein Plan! Solch eine Bagatelle. Was knnte ich damit
vorhaben?

Ja, wozu brauchst du sie denn dann?

Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck mit der Hand
befhlen, und wohl gar noch dran riechen!

Ja, warum willst du es denn nicht sagen?

Was hast du denn davon, wenn ich's dir sage? Ganz einfach, es ist so
eine Laune von mir!

Nun gut, wenn du's mir nicht sagt, dann tu ich's eben nicht!

Hr mal, das ist wirklich unanstndig von dir. Hast mir dein Wort
gegeben, und willst es jetzt wieder zurcknehmen!

Schn, wie du willst. Ich tu's halt nicht, bevor du mir's sagst.

Was knnte ich ihm blo sagen? dachte Tschitschikow; er berlegte ein
wenig und erklrte dann, er brauche die toten Seelen, um sich Gewicht
und Einflu in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine groen
Besitzungen, und daher mchte er wenigstens einstweilen ein paar Seelen
haben.

Du schwindelst, sagte Nosdrjow, indem er ihm ins Wort fiel, du
schwindelst Bruder!

Tschitschikow mute sich selbst gestehen, da er nicht gerade geschickt
gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht eigentlich recht schwach war.
Nun gut, dann will ich dir die Wahrheit sagen, sagte er, indem er sich
verbesserte, ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter zu plaudern.
Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; aber leider sind der Vater
und die Mutter meiner Braut hchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus
wollen. Eine verfluchte Geschichte! ich rgere mich beinahe, da ich
mich berhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen partout, da der
Brutigam mindestens dreihundert Seelen haben solle, und da mir beinahe
ganze hundertfnfzig daran fehlen, so .....

Ne Bruder, du schwindelst! rief Nosdrjow wieder.

Nein wirklich, diesmal hab' ich auch nicht einmal _so_viel gelogen,
sagte Tschitschikow, indem er mit dem Daumen auf ein winziges Stck des
kleinen Fingers wies.

Den Kopf zum Pfande, da du schwindelst!

Hr mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn eigentlich? Warum soll ich
denn durchaus lgen?

Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein groer Spitzbube -- gestatte
mir bitte, dir das einmal in aller Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein
Chef wre, ich liee dich am ersten besten Baum aufhngen.

Tschitschikow fhlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. Jeder grobe,
die Grenzen der Schicklichkeit verletzende Ausdruck berhrte ihn
peinlich. Alle Familiaritten seitens anderer Personen waren ihm in der
Seele zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei denn, da
sie von hochgestellten Leuten ausgingen. Daher fhlte er sich jetzt im
Innersten gekrnkt.

Bei Gott, ich liee dich hngen! wiederholte Nosdrjow, ich meine das
ganz aufrichtig und sage das nicht um dich zu beleidigen, sondern
erlaube es mir als dein Freund.

Alles hat seine Grenzen, sagte Tschitschikow mit Wrde. Wenn du dich
mit solchen Redensarten brsten willst, dann geh doch lieber in die
Kaserne. -- Und er fgte hinzu: Willst du sie mir nicht schenken, so
verkaufe sie mir wenigstens.

Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist ein Hallunke. Du wirst ja
doch nicht viel dafr geben.

Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst wohl, sie sind von
Edelstein, wie?

Da siehst du es, ich kenne dich doch.

Nein hre mal, Freund, was ist das fr ein knickeriges Benehmen. Du
solltest sie mir wahrhaftig schenken.

Also gut, um dir zu beweisen, da ich nicht so ein Filz bin, will ich
dir garnichts fr sie abnehmen. Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst
du sie gratis.

Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst? sagte Tschitschikow,
hchst verwundert ber diesen Vorschlag.

Was du damit sollst? Ich habe zehntausend Rubel fr den Racker bezahlt,
und du sollst ihn fr viertausend haben.

Aber was soll ich blo damit anfangen! Ich habe doch kein Gestt.

Ja hre doch nur, du versteht mich noch nicht. Ich nehme dir doch jetzt
nur dreitausend ab. Die brigen tausend kannst du mir ja spter
bezahlen.

Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht brauchen kann! Gott mit
ihm!

Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab!

Ich kann auch keine Stute brauchen.

Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, das du vorhin gesehen
hat, fr zweitausend Rubel.

Ich brauche keine Pferde! sagte Tschitschikow.

Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder Messe kriegst du das
Dreifache fr sie.

Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir einen so groen Gewinn
davon versprichst.

Ich wei, da ich dabei gewinne: aber ich mchte dir auch einen kleinen
Vorteil zukommen lassen.

Tschitschikow dankte ihm fr seine freundliche Gesinnung und verzichtete
rundweg auf die braune Stute und das graue Ro.

So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da ein Prchen fr dich; da
luft dir gleich ein Freudenschauer ber den Rcken. Einen
stichelhaarigen mit borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie
die Stacheln eines Igels, und die Rippen -- die reinsten Fareifen. Dazu
die klumppatschigen Pfoten -- die berhren kaum die Erde! ...

Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch kein Jger.

Aber ich mchte gerne, da du ein paar Hunde hast.

brigens weit du, wenn du die Hunde nicht haben willst, dann kauf mir
die Drehorgel ab. Ein feines Stck, sage ich dir. Sie hat mich selbst,
so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. Dir
will ich sie fr neunhundert lassen.

Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich bin doch kein Deutscher,
da ich mit ihr von Haus zu Haus wandern und um Geld betteln knnte!

Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die Deutschen haben. Das
ist eine Orgel, sieh sie dir mal genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm,
ich will sie dir noch mal zeigen! Und Nosdrjow ergriff Tschitschikows
Hand und zog ihn nach sich in das Nebenzimmer, er mochte sich struben,
die Fe gegen den Fuboden stemmen und versichern, soviel er wollte, er
kenne die Drehorgel zur Genge, es ntzte ihm alles nichts, er mute
noch einmal hren, wie Malborough in die Schlacht zog.

Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen wir es folgendermaen,
weit du. Ich gebe dir die Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich
habe und du berlt mir dafr deine Kutsche und zahlst nur noch
dreihundert Rubel drauf.

Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen?

Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in den Stall, ich will
ihn dir gleich zeigen! Du mut ihn nur neu anstreichen lassen. Dann ist
es eine herrliche Kutsche!

Ist der von einem unruhigen Geiste besessen, dachte Tschitschikow und
fate den heroischen Entschlu, Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln
und allen mglichen und unmglichen Hunden, trotz der geradezu
unerhrten, fareifenhnlichen Rippen und klumppatschigen Pfoten ein fr
alle Mal loszuwerden.

Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, die Drehorgel und die
toten Seelen.

Ich will aber nichts, sagte Tschitschikow noch einmal.

Warum willst du blo nicht?

Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta!

Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht verkehren wie mit einem
guten Freunde oder Kameraden. Wirklich so ein .....! Man merkt gleich,
da du ein doppelzngiger Mensch bist.

Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir Dinge anschaffen, die
ich absolut nicht brauchen kann.

Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut.

So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, hre mal, machen wir ein Partiechen
Pharao. Ich setze alle toten Seelen auf eine Karte und die Drehorgel
dazu.

Nein, mein Bester, ein Glcksspiel verlieren, das hiee sich dem
dunklen Zufall aussetzen, sagte Tschitschikow, whrend er nach den
Karten schielte, die jener in der Hand hielt. Beide Spiele machten einen
recht wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch die Rckseite
sah recht verdchtig aus.

Warum denn dem Zufall, sagte Nosdrjow, das ist doch kein Zufall; wenn
das Glck dir gnstig ist, Hlle und Teufel, was kannst du da nicht
alles gewinnen. Sieh doch nur, welch ein Glck, du hast, sagte er,
indem er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust
anzuregen. Nein, solch ein Glck, solch ein Glck! Das flutscht nur so.
Siehst du, da ist die verfluchte Zehn, durch die ich alles verloren
habe. Ich ahnte es, da sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte
die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu's nur Verrterin!

Whrend Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr eine Flasche herein. Aber
Tschitschikow lehnte entschieden ab und wollte weder spielen noch
trinken.

Warum willst du denn nicht spielen? sagte Nosdrjow.

Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich berhaupt
kein Freund vom Spiel.

Warum bist du denn kein Freund davon?

Weil ich halt kein Freund davon bin, sagte Tschitschikow und zuckte
die Achseln.

Jammerlappen, du!

Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen hat.

Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Frher hielt ich dich doch
wenigstens noch fr einen etwas anstndigeren Menschen. Aber du hast ja
keine Ahnung vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen wie mit
einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der
reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump!

Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? Bin ich denn schuld, da
ich nicht spielen kann? Verkauf mir doch die Seelen, wenn du schon so
ein Kerl bist, der um jeden Dreck zittert!

Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. Ich wollte sie dir
zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst du berhaupt nichts, und wenn
du mir ein Knigreich dafr btest, ich geb sie nicht her. So ein
Beutelschneider! So'n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab will ich mit dir
berhaupt nichts zu tun haben. Porphyr geh mal runter und sag dem
Stalljungen, er soll seinen Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen
nichts wie Heu zu fressen.

Dieser Schlu kam Tschitschikow in der Tat unerwartet.

Htt' ich dich doch lieber gar nicht gesehen! sagte Nosdrjow.

Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und seinen Gast nicht,
zusammen zu Abend zu speisen, obwohl diesmal keine Weine mit
komplizierten und merkwrdigen Namen auf dem Tische prangten. Nur eine
einzige Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der aber im
brigen nichts anderes war, als was man einen sauren Krtzer zu nennen
pflegt. Nach dem Abendessen fhrte Nosdrjow Tschitschikow in ein
Seitengemach, wo bereits ein Bett fr ihn aufgeschlagen war und sagte:
Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute Nacht wnschen.

Mit diesen Worten ging er hinaus und lie Tschitschikow in der
allerschlechtesten Laune zurck. Er rgerte sich innerlich ber sich
selbst, und machte sich Vorwrfe, da er mitgefahren war und seine
schne Zeit unntz verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten
verzeihen konnte, war dies, da er ber seine eigenste Angelegenheit mit
ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig von ihm gewesen, er
hatte gehandelt wie ein Tor; denn die Sache selbst war durchaus nicht
von der Art, da sie Nosdrjow -- anvertraut werden konnte ... Nosdrjow
war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, wei der
Teufel, was fr Lgen darber verbreiten, und schlielich konnte noch
eine dumme Klatschgeschichte daraus entstehen ... Fatal, hchst fatal!
Ich bin doch wirklich ein Esel! sprach er zu sich selber. Er schlief
die Nacht ber sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz kleiner aber
uerst kecker und zudringlicher Insekten verfolgten ihn fortwhrend mit
ihren Bissen, die unertrglich schmerzhaft waren, so da er sich mit der
ganzen Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: Hol euch
der Teufel, mitsamt Nosdrjow! Es war noch sehr frh, als er erwachte.
Sein erster Gang, nachdem er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war
nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, wo er Seliphan
den Auftrag gab, die Pferde sofort anzuspannen. Auf dem Rckwege traf er
Nosdrjow, der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife im
Munde, im Hofe entgegen kam.

Nosdrjow grte ihn freundschaftlich und fragte, wie er die Nacht
geschlafen habe.

Sehr mig! antwortete Tschitschikow trocken.

Ich auch, Freund ... sagte Nosdrjow ... weit du, die ganze Nacht hat
mich dies verdammte Viehzeug geplagt, ich mag's garnicht erzhlen; dazu
habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack im Munde, wie wenn
eine ganze Schwadron drin bernachtet htte. Denk dir, mir trumte, da
ich Ruten bekomme. Wahrhaftig! Und weit du von wem? Ich mchte wetten,
da du's nicht errtst: vom Stabsrittmeister Pozelyjew und von
Kufschinnikow.

Ja ja, dachte Tschitschikow, es wre wirklich nicht schlecht, wenn du
einmal grndlich durchgeblut wrdest.

Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich bin sogar davon aufgewacht;
und in der Tat, es juckte mich am ganzen Krper; das verdammte
Gelichter, diese Flhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich
komme gleich wieder zu dir. Ich mu nur dem Schuft von Verwalter noch
mal den Kopf waschen.

Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich zu waschen und
anzuziehen. Als er gleich darauf ins Speisezimmer trat, stand schon ein
Teeservice und eine Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch
Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; Brste und Besen hatten
noch ihres Amtes nicht gewaltet. Auf dem Fuboden lagen Brodkrumen und
selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von Tabakasche
herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf hereinkam, hatte nichts an,
auer einem Schlafrock, unter dem die offene mit dichten Haaren
bewachsene Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der einen, und
mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, in der anderen Hand, wre er
so recht ein Bild fr einen Maler gewesen, welcher die gelockten und
gekruselten oder kurz geschorenen Kpfe nicht leiden kann, wie man sie
auf den Aushngeschildern der Barbierlden abgebildet findet.

Nun also, wie denkst du? fragte Nosdrjow nach einer kurzen Pause,
willst du um die Seelen spielen oder nicht?

Ich hab dir doch schon gesagt, da ich nicht mag; abkaufen -- tue ich
sie dir gern.

Verkaufen will ich sie nicht: das wre nicht freundschaftlich. Ich will
doch nicht wei der Teufel wovon die Decke runterziehen. Ein Spielchen
-- das ist eine andre Sache. Zieh doch eine Karte!

Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht.

Und tauschen willst du auch nicht?

Nein!

Nun dann hre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst du -- so gehren sie
dir -- alle zusammen. Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der
Revisionsliste gestrichen werden mssen. He Porphyr! Bring doch mal das
Damenbrett herein!

Bemhe dich bitte nicht: ich spiele _doch_ nicht!

Aber das ist doch kein Glcksspiel; hier kann doch weder von Glck noch
von Betrug die Rede sein, es hngt doch alles vom guten Spiel ab.
brigens mache ich dich darauf aufmerksam, da ich sehr schlecht spiele;
du mut mir etwas vorgeben.

Vielleicht ist's das beste, ich setze mich hin und versuche es, dachte
Tschitschikow. Ich habe doch frher einmal garnicht bel Dame gespielt,
zudem wird es ihm hier schwer werden, zu mogeln.

Also schn! Meinetwegen, eine Partie Dame will ich allenfalls mit dir
spielen.

Die Seelen -- gegen hundert Rubel? Gut?

Warum? Ich denke fnfzig sind auch genug.

Nein, hr mal, fnfzig, das ist doch kein Einsatz? Dann setze ich
lieber noch einen gewhnlichen Jagdhund oder eine goldene Petschaft
dazu, weit du, so eine, wie man sie an der Uhrkette trgt.

Nun gut! ich bin's zufrieden, sagte Tschitschikow.

Und wieviel gibst du mir vor? fragte Nosdrjow.

Wie kme ich dazu? Natrlich nichts.

La mich wenigstens die ersten zwei Zge machen!

Nein, ich spiele selbst schlecht genug.

Das kennt man schon, dies schlechte Spiel! sagte Nosdrjow, whrend er
anzog.

Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen, sprach
Tschitschikow, der gleichfalls einen Zug machte.

Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel, sagte Nosdrjow und zog
wieder.

Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen, sprach
Tschitschikow und rckte weiter vor.

Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel, sagte Nosdrjow, whrend
er wieder einen Zug machte, und dabei mit dem rmel seines Schlafrockes
einen andern Stein verschob.

Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen! .... He,
was soll das lieber Freund? nimm mal den Zug wieder zurck! rief
Tschitschikow.

Was?

Den Stein da sollst du zurckziehen, sagte Tschitschikow; aber jetzt
erblickte er pltzlich dicht vor seiner Nase noch einen zweiten Stein,
der eben im Begriff war, ins Damenfeld einzurcken. Wie der dahin
gekommen war, das wute wohl nur Gott allein. Nein, sagte
Tschitschikow, mit dir kann man unmglich spielen. Man macht doch nicht
drei Zge auf einmal!

Wieso denn drei? Das war doch nur ein Versehn. Der eine hat sich nur
zufllig verschoben; ich zieh ihn wieder zurck, wenn du willst.

Und wie kommt der hierher?

Welchen meinst du?

Hier diesen, der in die Damenreihe einrckt.

Da haben wir's! Als ob du's nicht weit!

Nein, mein Bester, ich habe alle Zge gezhlt und erinnere mich sehr
gut an alles, du hast ihn erst eben vorgeschoben. _Da_ ist sein Platz!

-- Was -- dort? sagte Nosdrjow errtend, du phantasierst wohl,
Freund!

Nein, Bester, _du_ scheinst zu phantasieren, aber leider nur mit wenig
Glck.

Fr wen hltst du mich, sagte Nosdrjow, glaubst du etwa, ich mogele?

Ich halte dich fr gar nichts, ich werde mich nur hten, jemals wieder
mit dir zu spielen.

Nein, jetzt kannst du nicht mehr vom Spiel zurcktreten, ereiferte
sich Nosdrjow, das Spiel ist angefangen!

Ich darf doch wohl verzichten, da du nicht spielst wie ein anstndiger
Mensch!

Du lgst! Du hast kein Recht, so etwas zu behaupten!

Nein, mein Bester, du bist es, der da lgt!

Ich habe nicht gemogelt, und du kannst nicht mehr verzichten. Du mut
die Partie zu Ende spielen!

Dazu kannst du mich nicht zwingen, sprach Tschitschikow kaltbltig,
trat ans Brett und warf die Steine durcheinander.

Nosdrjow wurde rot vor Zorn und ging auf Tschitschikow los, so da
dieser zwei Schritte zurcktrat.

Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. Das ntzt dir nichts,
da du das Brett umgestoen hast! Ich erinnere mich an smtliche Zge!
Wir knnen das Spiel wieder aufstellen.

Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und damit Basta!

Du willst also nicht spielen? wie?

Du mut doch selbst einsehen, da man nicht mit dir spielen kann!

Nein, sag's gradheraus: Willst du spielen oder nicht? sagte Nosdrjow,
indem er Tschitschikow noch nher auf den Leib rckte.

Nein, sprach Tschitschikow, whrend er seine Hnde vor das Gesicht
hielt, er war auf alles gefat und fhlte, da es einen heien Kampf
geben wrde. Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow holte
aus, und es htte leicht passieren knnen, da eine von den schnen
runden Backen unseres Helden mit nie zu verwischender Schmach bedeckt
worden wre; aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows
kampflustige Hnde und hielt sie fest in den seinen.

Porphyr, Pawluschka! schrie Nosdrjow wie ein Rasender, indem er
versuchte sich loszuringen.

Bei diesen Worten lie Tschitschikow, der die Knechte nicht gern zu
Zeugen dieser uerst interessanten Szene machen wollte, und zugleich
fhlte, da es doch keinen Wert hatte, Nosdrjow lnger festzuhalten,
seine Hnde fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das Zimmer,
gefolgt von Pawluscha, einem handfesten Burschen, mit dem nicht gut
Kirschen essen war.

Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen? sagte Nosdrjow. Sag
ja oder nein.

Es ist mir unmglich, sie zu Ende zu spielen, sprach Tschitschikow und
warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und
neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er
vorfahren knnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen,
denn in der Tre standen zwei krftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows.

Du willst also die Partie nicht beendigen? wiederholte Nosdrjow,
dessen Antlitz vor Zorn glhte.

Wenn du spielen wrdest, wie ein anstndiger Mensch .... aber so ....
Nein!

Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, da du verlieren mut, _kannst_
du auf einmal nicht! Haut ihn! schrie er pltzlich in rasender Wut,
indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein
Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein
Stck Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fhlte, da seine Lippen
sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben.

Haut ihn! schrie Nosdrjow, whrend er mit seinem Weichselrohr auf ihn
losstrzte, zornglhend und schwitzend, als ob er gegen eine
unbezwingliche Festung Sturm liefe. -- Haut ihn! schrie er mit der
Stimme eines tollen Leutnants, der whrend eines gewaltigen
Sturmangriffes seiner Kompagnie: Vorwrts, Kinder! zuruft, und dessen
unsinnige Khnheit solch eine Berhmtheit erlangt hat, so da die Ordre
ausgegeben werden mute, whrend eines heftigen Gefechtes, ihn an Hnden
und Fen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon
betrt; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des
Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das groe Ziel winkt
und blindlings strzt er darauf zu. Vorwrts, Kinder! schreit er und
schon fliegt er voran, ohne zu berlegen, wie sehr er damit dem
wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, da
Millionen von Bchsenlufen aus den Schiescharten der unbezwinglichen,
von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, da seine ohnmchtige
Kompagnie in die Luft fliegen mu wie leichter Federflaum und da die
verhngnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu
schlieen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine
Festung anstrmenden tollkpfigen Leutnant darstellte, die Festung
_selbst_, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien
keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fhlte eine derartige
Furcht, da ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl,
mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Hnden
gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als
lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem
Rcken in Empfang zu nehmen, und Gott wei, was ihm noch sonst alles
htte blhen knnen. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die
Schultern und alle wohlgepflegten Krperteile unseres Helden zu retten.
Ganz unerwartet erklangen pltzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten,
die Tne eines Glckchens, das Rdergerassel einer vorfahrenden Kutsche
und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der
erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkrlich ans
Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock
stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt
hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem
Schreck hatte erholen knnen und whrend er sich noch in der
jmmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat.

Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist? sagte der
Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem
Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben
aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann.

Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe? sagte Nosdrjow
auf ihn zugehend.

Ich bin der Kreisrichter!

Und was wnschen Sie?

Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu
berbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen
Beschlufassung in dem gegen Sie schwebenden Proze.

Ach Unsinn! Was fr ein Proze? sagte Nosdrjow.

Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow verwickelt, anllich
einer persnlichen Beleidigung, die Sie ihm in trunkenem Zustande durch
Verabfolgung von Rutenschlgen zugefgt haben sollen.

Sie lgen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow berhaupt nicht.

Geehrter Herr! Gestatten sie, da ich Sie darauf aufmerksam mache: ich
bin Offizier. Sie knnen das ihrem Diener sagen, aber nicht mir.

Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was Nosdrjow darauf
antworten wrde, schleunigst seine Mtze, schlpfte hinterm Rcken des
Kreisrichters zur Tre hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl
Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte.


                            Fnftes Kapitel

Unser Held hatte brigens gehrige Angst bekommen. Obwohl der Wagen in
wildem Galopp dahinjagte und Nosdrjows Gut hinter Hgeln, Feldern und
Anhhen verschwunden war, blickte er sich immer noch furchtsam um, wie
in Erwartung, da die Verfolger bald angesprengt kmen. Er atmete
schwer, und als er seine Hand aufs Herz legte, fhlte er, da es hpfte
wie eine Wachtel im Kfig. Herr Gott, hat der mich schwitzen machen.
Bist du ein Kerl! Dann wnschte er ihm den Teufel und seine Gromutter
an den Hals. Ja, es fielen sogar ein paar unschne Ausdrcke; aber was
ist da zu machen: ein Russe, und noch dazu wenn er zornig ist! Zudem war
die Sache durchaus nicht scherzhaft: Man mag sagen, was man will,
sprach er zu sich selber, wre der Kreisrichter nicht auf der
Bildflche erschienen, wer wei, ob ich mich jetzt noch des Anblickes
dieser schnen Gotteswelt erfreuen knnte! Vielleicht wre ich geplatzt,
wie eine Blase auf dem Wasser, ohne eine Spur meines irdischen Daseins,
ohne Nachkommen, ohne meinen Kindern und Kindeskindern Geld und Gut und
einen ehrlichen Namen zu hinterlassen! Unser Held war sehr besorgt um
seine Nachkommenschaft.

So ein bser Herr! dachte Seliphan. Solch einen Herren hab' ich in
meinem Leben noch nicht gesehen. Wahrhaftig, dem sollte man ins Gesicht
spucken fr dieses Betragen. Einen Menschen mag man noch eher hungern
lassen, aber einem Pferde mu man doch zu fressen geben. Denn so ein
Gaul liebt nun mal den Hafer. Das ist sozusagen seine Nahrung; was fr
uns die Kost, ist fr ihn der Hafer sozusagen. Das ist doch seine
Nahrung.

Auch die Pferde schienen sich eine ungnstige Meinung von Nosdrjow
gebildet zu haben. Nicht nur der Braune und der Assessor, selbst der
Schecke war schlechter Laune. Obgleich er fr seinen Teil immer etwas
geringeren Hafer bekam und Seliphan ihm diesen nie anders in den Trog
schttete, als mit den Worten: Da, du Lump!, es war doch immer Hafer
und nicht gewhnliches Heu: er kaute mit Vergngen daran und steckte
sein langes Maul hufig in die Krippe seiner beiden Nachbarn, um zu
kosten, was fr eine Nahrung sie bekmen. Besonders tat er dies, wenn
Seliphan nicht im Stalle war. Aber dieses Mal nichts wie Heu -- das war
nicht schn! Sie alle waren unzufrieden.

Aber bald wurden die Unzufriedenen mitten in ihren Herzensergieungen
durch ein ganz pltzliches und unerwartetes Ereignis unterbrochen, alle
Beteiligten mit Einschlu des Kutschers kamen erst wieder zur Besinnung,
als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen gegen sie anrannte und das
Schreien der in dem Wagen sitzenden Damen und das Geschimpf und die
Drohungen der Kutscher fast ber ihren Kpfen erklangen. Ach, du
Spitzbube, verdammter, ich habe dir doch laut zugerufen: Weich aus nach
rechts, alte Krhe! Du bist wohl besoffen, wie? Seliphan mute sich
gestehen, da er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte; aber da der
Russe seine Schuld vor andern Leuten nicht gerne zugibt, warf er sich in
die Brust und rief: Und was jagst du so blind darauf los?! Hast wohl
deine Augen in der Schenke gelassen? Hierauf zog er die Zgel krftig
an, um den Wagen zurckzulenken und aus dem Knuel herauszuwickeln.
Aber, ohweh, seine Bemhungen waren vergeblich; die Pferde hatten sich
mit ihrem Geschirr verhakt. Der Schecke beschnupperte neugierig seine
neuen Freunde, die ihn umringten. Unterdessen blickten die in dem Wagen
sitzenden Damen mit ngstlichen Gesichtern auf die allgemeine
Verwirrung. Die eine war schon alt, die andere ein sechzehnjhriges
junges Mdchen mit goldigem Haar, welches glatt gescheitelt ihr Gesicht
kleidsam einrahmte. Das reizende Oval ihres Antlitzes rundete sich wie
ein junges Eichen und schimmerte gleich diesem von weiem durchsichtigen
Glanze, wenn es frisch gelegt von der braunen, prfenden Hand der
Schlieerin gegen das Licht gehalten wird, und die hellen Strahlen des
Sonnenscheines es durchdringen. Ihre zarten, dnnen Ohrmuskeln
erzitterten, als glhten sie, von der sie durchflutenden Wrme. Dazu der
Ausdruck des Schreckens, der auf ihren offnen erstarrten Lippen lag, die
Trnen, die im Auge schimmerten, dies alles war so reizend, da unser
Held sie einige Minuten lang traumverloren anblickte, ohne im geringsten
auf den Wirrwarr von Kutschen, Pferden und Kutschern zu achten. Zurck!
Du Nowgorodsche Krhe! rief der fremde Kutscher Seliphan zu. Dieser zog
die Zgel an, sein fremder Kollege tat dasselbe, die Pferde stemmten
sich rckwrts, um sogleich wieder zusammenzuprallen und sich aufs neue
im Riemenwerk zu verwickeln. Bei dieser Gelegenheit machte die neue
Bekanntschaft einen so tiefen Eindruck auf unsern Schecken, da er
durchaus nicht wieder aus der Rinne heraus wollte, in die er durch ein
unverhofftes Schicksal geraten war. Er legte seine Schnauze auf den Hals
des neuen Kameraden und schien ihm etwas ins Ohr zu flstern:
wahrscheinlich irgend ein schreckliches Blech. Denn dieser schttelte
bestndig die Ohren. Whrend der groen Unordnung waren indessen Bauern
aus einem Dorf, das zum Glck nicht sehr weit entfernt war, hilfsbereit
herbeigeeilt. Da ein solches Schauspiel fr einen Bauern eine wahre
Himmelsgabe ist, wie fr den Deutschen seine Zeitungen oder sein Klub,
so hatte sich bald eine vielkpfige Schar um die Wagen gesammelt, und
nur die alten Weiber und Wickelkinder waren zu Hause geblieben. Man
schnrte die Riemen los, der Schecke bekam ein paar krftige Pffe vor
die Schnauze, die ihn zum Rckzug veranlaten: mit einem Wort, die
Pferde wurden getrennt und beiseite gefhrt. Aber war es der rger der
neuangekommenen Pferde, da man sie von ihren neuen Freunden getrennt
hatte, war es Eigensinn, -- der Kutscher mochte auf sie loshauen soviel
er wollte, sie blieben wie angewurzelt stehen. Die Teilnahme und das
Interesse der Bauern wuchs bis zu ungeheuren Dimensionen an. Alle
drngten sich um die Wette mit weisen Ratschlgen vor. Geh,
Andrjuschka, fhr mal das rechte Beipferd vor. Onkel Mitjaj soll sich
auf das mittlere setzen. Schwing dich auf, Onkel Mitjaj! Der lange und
hagere Onkel Mitjaj, ein Mann mit einem roten Bart, bestieg das
Mittelpferd. So glich er dem Glockenturm einer Dorfkirche oder richtiger
einem Brunnenhaken, mit dem man das Wasser aus dem Brunnen heraufzieht.
Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber es wollte nicht fruchten,
auch Onkel Mitjaj konnte nicht viel ausrichten. Halt! Halt! riefen die
Bauern, setz dich lieber aufs Beipferd, Onkel Mitjaj; Onkel Minjaj soll
aufs Mittelpferd steigen! Onkel Minjaj, ein breitschultriger Bauer mit
einem kohlschwarzen Bart und einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem
das se Zwetschengetrnk fr die frierenden Scharen gekocht wird, die
einen ganzen Markt bevlkern, schwang sich vergngt aufs Mittelpferd,
welches sich unter seiner Last fast bis zur Erde beugte. Jetzt wird's
schon gehen, riefen die Bauern: Hau zu! Hau doch zu. Versetz ihm eins
mit der Knute: hrst du, jenem Hellen, da! -- was strubt und spreizt
sich's wie 'ne Wassermcke. Aber da sie sahen, da die Sache doch nicht
von der Stelle kam, und alle Prgel nichts ntzten, setzten sich beide,
Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj zusammen auf das Mittelpferd und lieen
Andrjuschka auf das Beipferd steigen. Endlich verlor der Kutscher die
Geduld und jagte alle beide: Onkel Mitjaj samt Onkel Minjaj zum Teufel.
Und er tat gut daran, denn die Pferde dampften so, als ob sie eine ganze
Poststation zurckgelegt htten, ohne auch nur einen Augenblick Halt
gemacht zu haben. Er lie sie sich erst verschnaufen, worauf sie den
Wagen ganz von selbst fortzogen. Whrend sich dieser Vorgang abspielte,
war Tschitschikow ganz in die Betrachtung der fremden jungen Dame
versunken. Er versuchte es mehrmals, sie anzureden, aber es wollte ihm
immer nicht recht gelingen. Unterdessen waren die Damen davongefahren,
das reizende Kpfchen mit den feinen Gesichtszgen und der schlanken
Gestalt war verschwunden, wie eine Vision; und wieder befand sich
Tschitschikow auf der Landstrae, in seiner Kutsche mit den drei
Pferden, die der Leser schon kennt, und in Gesellschaft von Seliphan,
den den, leeren Flchen der rings sich dehnenden Felder gegenber.
berall im Leben, in seinen harten, rauhen und rmlichen, in den
unsaubern, schimmelbedeckten niederen Schichten -- wie in der sauberen
Korrektheit und Monotonie der hheren Stnde -- berall begegnet uns,
wenn auch nur ein einziges Mal im Leben eine Erscheinung, die nichts
gemein hat mit alledem, was wir bisher gesehen, die wenigstens _einmal_
ein neues Gefhl in uns entzndet, das keine hnlichkeit mit jenen hat,
die uns durch unser ganzes Leben begleiten. Bei jedem von uns bricht
einmal ein heller Strahl der Freude durch das Dunkel jener Leiden und
trben Erfahrungen, aus denen unser Leben gewebt ist, so wie bisweilen
eine glnzende Equipage mit goldgezumten malerischen Rossen und
blitzenden Fensterscheiben ganz pltzlich und unerwartet an einem den
elenden Dorf vorbeijagt, welches nie ein andres Gefhrt, als den
bekannten Bauernwagen gesehen hat: und lange noch stehen die Bauern
staunend mit offenem Munde da, und wagen es nicht, ihre Mtzen wieder
aufzusetzen, obwohl die herrliche Equipage schon lngst verschwunden und
ber alle Berge ist. So ist auch die junge Blondine ganz pltzlich und
unerwartet in unserer Erzhlung aufgetaucht, um auf dieselbe Weise
wieder zu verschwinden. Wre ihr statt Tschitschikow irgend ein
zwanzigjhriger Jngling begegnet -- ein Husar, oder ein Student oder
auch nur ein gewhnlicher Sterblicher, der eben im Begriff ist, seinen
Lebensweg anzutreten. -- Du lieber Gott, was wre nicht alles in ihm zum
Leben erwacht, was htte nicht alles nach Ausdruck gedrngt! Er htte
wohl noch lange wie betubt auf demselben Flecke gestanden, whrend
seine Augen stumm die Ferne suchten, htte den Weg und das Reiseziel und
alle Vorwrfe und Verweise, wegen seiner Saumseligkeit, ja er htte sich
selbst vergessen, seinen Dienst, die Welt und berhaupt alles, was auf
der Welt existiert!

Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren Jahren und hatte einen
khlen, ruhigen, umsichtigen Charakter. Auch er versank in Sinnen und
dachte ber vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer Natur:
seine Gedanken waren bei weitem nicht so unklar und unbestimmt, sondern
weit genauer und grndlicher. Ein herrliches Weibchen! sagte er, indem
er seine Tabakdose ffnete und eine Prise nahm. Was aber das Beste an
ihr ist .... das Beste an ihr ist, da sie soeben aus einem Institut
oder Pensionat entlassen zu sein scheint und da sie noch nichts
spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zgen, die das ganze
Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr
ist schlicht und einfach; sie spricht, wie ihr's ums Herz ist und lacht,
wenn ihr darnach zumute ist. Es lt sich noch alles aus ihr machen, sie
kann ein herrliches Geschpf, aber ebensogut auch ein verkrppeltes
Wesen werden -- und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die
Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahr
mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, da ihr eigener Vater sie nicht
wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen
annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und
knicksen, sich den Kopf darber zerbrechen, _was_ sie, mit _wem_ sie und
wie _viel_ sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken mu usw. usw.;
wird fortwhrend in der grten Angst schweben, ob sie nun kein
berflssiges Wort gesagt hat, schlielich garnicht mehr wissen, was sie
zu tun hat, und wie eine groe Lge durch das Leben wandeln. Pfui
Teufel! Hier verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort:
brigens wte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer mag ihr Vater
sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer oder nur ein rechtschaffen
denkender Mensch, der sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat?
Wenn die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekme -- das wre wei
Gott kein bler -- gar kein bler Bissen. Ein ordentlicher Mensch knnte
mit ihr sein Glck machen. Die Zweimalhunderttausend erschienen ihm in
so reizendem Lichte, da er sich innerlich Vorwrfe zu machen begann,
weswegen er sich whrend des Trubels mit den Equipagen nicht beim
Vorreiter nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch das jetzt
sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute seine Gedanken und
lenkte sie auf ihren eigentlichen Gegenstand zurck.

Das Dorf kam ihm recht gro vor; eine Birken- und eine Fichtenwaldung
rahmten es von beiden Seiten ein, wie zwei Flgel, von denen der eine
etwas dunkler erschien als der andre; in der Mitte stand ein hlzernes
Haus mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen -- oder
richtiger rohen Wnden -- eins von jenen Husern, wie sie bei uns fr
Soldaten und Kolonisten gebaut werden. Man merkte deutlich, da der
Baumeister bei der Ausfhrung seines Planes bestndig mit dem Geschmack
des Besitzers zu kmpfen hatte. Der Baumeister war ein Pedant und liebte
die Symmetrie, der Hausherr aber wollte es vor allem recht bequem haben
und hatte aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle
korrespondierenden Fenster zumauern und statt ihrer nur eine kleine
runde ffnung stehen lassen, die zu einer dunklen Kammer gehrte. Auch
der eine Erker war nicht in der Mitte des Hauses angebracht, so sehr
sich der Architekt bemht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte
durchaus die eine Sule beseitigt wissen, und so war es gekommen, da
statt der vier Sulen nur drei dastanden. Der Hof war von einem
krftigen und ungewhnlich dicken Staketenzaun umgeben. berhaupt schien
der Gutsherr vor allem auf Dauerhaftigkeit und Soliditt bedacht zu
sein. Zum Bau der Stlle, der Scheunen und der Kche waren schwere dicke
Balken verwandt worden, die auf die Ewigkeit berechnet zu sein schienen.
Auch die Bauernhtten waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine mit
Schnitzwerk verzierten Wnde noch sonstiger Firlefanz -- es war alles
dicht und wie es sich gehrt aneinandergepat und verkittet. Selbst der
Brunnen war mit so krftigem Eichenholz eingefat, wie es sonst nur bei
Windmhlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit einem Wort -- alles was
Tschitschikow sah, war solide, und stand fest auf der Erde, in Reih und
Glied; wie es schien, nach einer plumpen unerschtterlichen Ordnung. Als
der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow zwei Gesichter,
die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: ein weibliches, das so
lang und schmal war, wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug,
und ein rundes mnnliches, so breit wie einer jener moldauischen
Krbisse, die man in Ruland Flaschen nennt und aus denen man bei uns
die Balalaiken, jene leichten mit zwei Saiten bespannten
Musikinstrumente macht -- den Stolz und die Freude aller kecken und
lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche den sie
umstehenden Mdchen mit weiem Hals und Busen, die gekommen sind, ihrem
sanften Saitengeklimper zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen.
Beide Gesichter verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen Blick
durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer grauen Jacke mit
einem blauen Stehkragen trat auf die Freitreppe hinaus und geleitete
Tschitschikow in den Flur, wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er
den Gast erblickte, sagte er kurz: Ich bitte, worauf er ihn in die
inneren Gemcher fhrte.

Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf Sabakewitsch
warf, kam er ihm diesmal wie ein Br von mittlerer Gre vor. Und wie um
die hnlichkeit zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die
Farbe des Brenfells: rmel und Hosen waren sehr lang, seine Fe
steckten in mchtigen Filzpantoffeln, dazu hatte er einen so
tolpatschigen Gang, da er andern Leuten bestndig auf die Fe trat.
Seine Gesichtsfarbe war glhend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es
gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, ber deren
detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur nicht viel Kopfzerbrechens
gemacht, bei der sie keine feineren Instrumente wie Feile, Bohrer usw.
gebraucht, sondern die sie einfach mit ein paar krftigen Axthieben
herausgehauen hat. Ein Hieb -- und siehe da es entstand die Nase -- ein
zweiter -- und die Lippen saen am rechten Fleck; dann machte sie noch
ein Paar Lcher an Stelle der Augen mit dem groen Bohrer und der ganze
Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und zu gltten,
sandte sie ihn mit den Worten: er lebt in die Welt. Solch eine
festgefgte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte Gestalt war auch
Sabakewitsch: seine Haltung war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur
selten drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit
seinen Mitunterredner nur selten an, sondern blickte stets auf die
Ofenecke oder auf die Tr. Tschitschikow warf noch einmal einen
Seitenblick auf ihn, als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder
fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: ein Br, wahrhaftig ein
vollkommener Br. Welch seltsames Spiel des Schicksals: zu alledem
mute er noch Michael[3] Semjonowitsch heien. Da Tschitschikow
Sabakewitschs Gewohnheit, andern Leuten auf die Fe zu treten, kannte,
trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn vorausgehen lie. Der
Hausherr schien sich brigens dieser schlechten Angewohnheit selbst
bewut zu sein, denn er fragte immerfort: Habe ich Sie vielleicht
beunruhigt? Aber Tschitschikow dankte und versicherte hflich, er habe
bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt.

Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch auf einen Lehnstuhl und
sagte wieder: Bitte. Tschitschikow nahm Platz, warf aber zuvor noch
einen kurzen Blick auf die Wnde und die Bilder, welche sie zierten. Es
waren alles lebensgroe Stahlstiche, welche lauter tchtige Kerle, d. h.
griechische Feldherrn, wie Miauli, Kanari und Maurokordato darstellten,
letzteren in Uniform mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der
Nase. All' diese Helden hatten so starke Lenden und so gewaltige
Schnauzbrte, da einen schon eine Gnsehaut berlief, wenn man sie blo
ansah. Unter diesen griechischen Athleten war wie durch einen
wunderbaren Zufall auch Frst Bagration geraten, ein magerer, dnner
Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar Kanonen zu seinen Fen, der
noch dazu in einem ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine
griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein grer waren, als
die ganze Figur eines jener Stutzer, die heute unsere Salons bevlkern.
Der Hausherr, der selbst ein ausnehmend gesunder und krftiger Mann war,
wollte offenbar auch, da lauter gesunde und krftige Leute die Wnde
seiner Zimmer zieren sollten. Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing
noch ein Vogelkfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen weien
Pnktchen hervorguckte, die gleichfalls groe hnlichkeit mit
Sabakewitsch hatte. Der Wirt und der Gast hatten noch keine zwei Minuten
stumm nebeneinander gesessen, als die Tre sich auftat, und die Frau des
Hauses, eine groe Dame in einer Haube mit Bndern, die zu Hause gefrbt
zu sein schienen, ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang und
hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme.

[Funote 3: In Ruland werden die Bren wie bei uns Petz mit dem Namen
Mischa, dem Diminutivum von Michael gerufen.]

Das ist meine Feodulia Iwanowna, sagte Sabakewitsch.

Tschitschikow kte Feodulia Iwanowna die Hand, die sie ihm fast in den
Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit machte er die Beobachtung, da ihre
Hnde mit Gurkenwasser gewaschen waren.

Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow vorstellen!
fuhr Sabakewitsch fort. Wir haben uns beim Gouverneur und beim
Postmeister kennen gelernt.

Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu nehmen, indem sie
gleichfalls Bitte sagte, und eine Kopfbewegung dazu machte, wie jene
Schauspielerinnen, die eine Knigin darzustellen haben. Dann setzte sie
sich auf das Sofa, hllte sich in ihr wollenes Tuch ein und zuckte von
nun ab weder mit den Augen noch mit den Brauen.

Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und wieder fiel ihm
Kanari mit seinen starken Lenden und dem nicht endenwollenden
Schnauzbart, die Bobelina und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen.

Fast fnf Minuten beobachteten alle ein feierliches Schweigen, das nur
durch das Lrmen der Amsel unterbrochen wurde, die fortwhrend mit dem
Schnabel gegen den Holzboden des Vogelkfigs pochte, wenn sie ein paar
Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich noch einmal im Zimmer um:
auch hier war alles klobig, fest und ganz ungewhnlich derb, und hatte
eine merkwrdige hnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In der Ecke des
Salons stand ein bauchiges Schreibpult auf vier uerst plumpen Fen --
ein richtiger Br. Der Tisch, die Sthle, die Lehnsessel -- alles trug
einen schwerflligen und geradezu gefhrlichen Charakter, jeder
Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: Ich bin auch ein
Sabakewitsch oder Auch ich bin Sabakewitsch hnlich.

Wir haben beim Gerichtsprsidenten Iwan Grigorjewitsch von Ihnen
gesprochen, sagte endlich Tschitschikow, als er sah, da keiner von den
Anwesenden Anstalten machte, das Gesprch zu beginnen: Es war am
vorigen Donnerstag. Ich habe dort einen sehr schnen Abend verbracht.

Ja! ich war damals nicht beim Gerichtsprsidenten, sagte Sabakewitsch.

Ein prchtiger Mensch! Nicht wahr?

Wen meinen Sie? sagte Sabakewitsch, indem er die Ofenecke anblickte.

Den Gerichtsprsidenten!

Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen: er ist zwar Freimaurer, aber ein
solcher Esel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Tschitschikow wurde ein wenig stutzig durch diese denn doch etwas zu
starke Charakteristik, aber er fand seine Fassung bald wieder und fuhr
gleich darauf fort: Natrlich, ein jeder Mensch hat seine Schwchen;
aber nicht wahr? der Gouverneur, das ist doch ein ganz ausgezeichneter
Mensch?

Wie? der Gouverneur -- ein ausgezeichneter Mensch?

Ja! hab ich nicht Recht?

Ein Bandit, wie's keinen zweiten gibt.

Wie? -- Der Gouverneur ein Bandit?! sagte Tschitschikow, der durchaus
nicht begreifen konnte, wie der Gouverneur unter die Banditen geraten
war. Ich mu gestehen, das htte ich wirklich nicht gedacht, fuhr er
fort. Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine Handlungen sind gar
nicht derart; man knnte eher sagen, da er einen sehr weichen Charakter
hat. Und wie zum Beweise fhrte er die Geldtaschen an, die jener
gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung ber den freundlichen
Ausdruck seines Gesichtes.

Aber das ist doch ein Banditengesicht! sagte Sabakewitsch. Geben Sie
ihm ein Messer in die Hand und schicken Sie ihn auf die Landstrae
hinaus, -- der schlachtet Sie kaltbltig ab -- um einen Groschen! Er und
der Vizegouverneur, -- das sind die reinsten -- Gogs und Magogs.

Hm, die haben wohl was miteinander gehabt, dachte Tschitschikow. Ich
will mal mit ihm ber den Polizeimeister reden, der ist, glaub' ich,
sein Freund. -- brigens, was mich betrifft, fuhr er fort, so mu
ich gestehen, da mir der Polizeimeister bei weitem am besten gefllt.
Was ist das doch fr ein gerader und offener Charakter; er hat etwas so
Schlichtes und Treuherziges an sich.

Ein Gauner! sagte Sabakewitsch ganz kaltbltig, der ist fhig, Sie
zuerst zu betrgen und zu verraten und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag
zu essen. Ich kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so ist
die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem andern, alles Judasse
und niedertrchtige Verrter. Der einzige, der noch was taugt, ist der
Staatsanwalt -- aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund.

Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas kurzen biographischen
Charakteristiken, sah Tschitschikow ein, da eine Erwhnung der brigen
Beamten sich kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, da Sabakewitsch
den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte.

Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische? sagte Frau Sabakewitsch
zu ihrem Gatten.

Bitte, sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch zu; Wirt
und Gast tranken zuerst nach altem gutem Brauch einen Schnaps und lieen
sich's gut schmecken, wie das im ganzen weiten Ruland in Stdten und
Drfern blich ist, wo man stets, eh man sich zum Mittagessen hinsetzt,
zuvor einen kleinen Imbi aus allerhand gesalzenen und appetiterregenden
Speisen und allen mglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich
alle ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die Hausfrau, wie ein
schlanker Schwan. Den kleinen Tisch schmckten vier Gedecke. Der vierte
Platz wurde bald von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen
war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein Frulein, eine
Verwandte, eine Haushlterin oder nur irgend eine Gesellschafterin, die
mit im Hause wohnte -- ein Wesen von etwa dreiig Jahren, ohne Haube und
mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschpfe in dieser
Welt, die nicht die selbstndige Existenz eines Objekts besitzen,
sondern gewissermaen nur die Flecken oder Pnktchen auf einem
Gegenstande darstellen. Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben
alle dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie fr ein
Mbelstck zu halten, und kann sich nicht denken, da sie je in ihrem
Leben den Mund geffnet haben, um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man
sie nur im Mdchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, um
sich zu berzeugen, da sie es faustdick hinter den Ohren sitzen haben.

Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz, sagte
Sabakewitsch, whrend er die Suppe kostete und sich dazu ein mchtiges
Stck Saugbeutel vorlegte, von jenem berhmten Gericht, das gewhnlich
zur Kohlsuppe gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn und
Kncheln gefllten Hammelmagen besteht. So eine Pastete, fuhr er zu
Tschitschikow gewendet fort, finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort
setzt man Ihnen, wei der Teufel was vor!

Beim Gouverneur it man brigens gar nicht schlecht, meinte
Tschitschikow.

Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet werden? Sie wrden den
Appetit verlieren, wenn Sie das wten!

Wie die Speisen zubereitet werden, darber kann ich freilich nicht
urteilen; aber die Schweinekoteletts und der Fisch waren vorzglich.

Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen. Ich wei genau, da sie auf dem
Markte einkaufen. Der Schurke von Koch, der bei einem Franzosen in der
Lehre war, kauft einfach einen alten Kater, zieht ihm das Fell ab, und
serviert ihn dann als Hasen.

Pfui! Was fr hliche Sachen du da erzhlst! sagte Sabakewitschs
Gattin.

Was kann ich dafr, Schtzchen! So macht man's nun einmal dort; ich bin
doch nicht schuld, da das bei all den Leuten so Sitte ist. Alle
Abflle, alles was unsere Akula mit Verlaub zu sagen in den Mlleimer
wirft, das tun die in die Suppe. Immer rein, alles rein.

Immer redest du bei Tisch solche Sachen! warf wiederum Frau
Sabakewitsch ein.

Was schadet denn das, Schtzchen, versetzte Sabakewitsch. Ja wenn
ich's noch selbst so machte, aber ich sage dir's ganz offen: solch ein
ekelhaftes Zeug wrde ich nie essen. Nie wrde ich einen Frosch in den
Mund nehmen, und wenn er in Zucker kandiert wre, ebensowenig wie eine
Auster; ich wei ganz gut wie so'ne Auster aussieht. Bitte nehmen Sie
doch noch ein Stck Hammelbraten, fuhr er fort, indem er sich an
Tschitschikow wandte. Das ist Hammellende mit Brei, und kein Frikass,
wie es die vornehmen Herren lieben, wozu man Hammelfleisch nimmt, das
schon vier Tage lang auf dem Markte herumliegt. Das sind alles Finessen,
wie sie die Herrn Doktoren, die Deutschen und Franzosen erfunden haben;
ich wrde sie dafr am liebsten alle hngen lassen. Die Dit -- das ist
auch so eine von ihren Erfindungen. Schne Methode das -- einen mit
Hunger zu kurieren. Weil sie selbst eine so dnnbltige Natur haben,
bilden sie sich ein, sie knnten auch mit dem russischen Magen fertig
werden. Nein, das ist alles nichts Richtiges -- das sind lauter
Torheiten, das ist alles ... Hierbei schttelte Sabakewitsch sogar
zornig den Kopf. Da reden sie immer von Aufklrung, und doch ist ihre
Aufklrung nichts als ein .... ff ....! Ich htte fast was gesagt, aber
sowas schickt sich ja nicht bei Tische. Bei mir ist das ganz anders.
Wenn's bei mir Schweinebraten oder Gansbraten gibt, dann kommt gleich
ein ganzes Schwein oder eine ganze Gans auf den Tisch. Lieber will ich
nur zwei Gerichte haben, aber mich dafr auch ordentlich satt essen, bis
die liebe Seele Ruhe hat. Und Sabakewitsch untersttzte seine Worte
eindrucksvoll durch die Tat: er legte sich den halben Hammelrcken auf
den Teller, schlang ihn hinunter und nagte noch die Knochen ab, bis
nichts mehr brig blieb.

Ja, ja, dachte Tschitschikow, der wei auch, was gut tut.

Bei mir ist das anders, sagte Sabakewitsch, indem er sich die Hnde
mit der Serviette abwischte: ich bin nicht so, wie irgend ein
Pljuschkin; der hat 800 Seelen und lebt und it dabei schlechter als
unser Kuhhirt.

Wer ist dieser Pljuschkin? fragte Tschitschikow.

Ein Hallunke, versetzte Sabakewitsch. So ein Geizhals, das kann man
sich gar nicht einmal vorstellen. Die Zuchthusler leben noch besser als
der: er lt ja all seine Leute verhungern.

Wahrhaftig? unterbrach ihn hier Tschitschikow mit teilnehmender Miene.
Ist das wirklich so, wie Sie sagen, da bei dem so viele Bauern
sterben.

Wie die Fliegen.

Nein, wirklich? Wie die Fliegen? Und darf ich fragen, wohnt er weit von
hier?

Es werden etwa fnf Werst sein.

Fnf Werst! rief Tschitschikow aus, und dabei fing sogar sein Herz ein
wenig an zu klopfen. Wenn man das Tor verlt, liegt dann sein Gut
rechts oder links?

Es ist besser, Sie wissen gar nicht, wie Sie zu diesem Hunde hinkommen!
Ich rate Ihnen, kmmern Sie sich lieber gar nicht darum, sagte
Sabakewitsch, es ist noch verzeihlicher, wenn jemand in ein
unanstndiges Lokal geht als zu dem.

Nein, ich frage ja auch nicht, weil ich irgend welche Absichten ... ich
erkundigte mich blo, weil ich ein groes Interesse fr Land und Leute
habe, entgegnete Tschitschikow.

Nach dem Hammelrcken gab es Ksekuchen, von denen jeder allein grer
war als ein Teller, und dann noch einen Truthahn von der Gre eines
Kalbes, der mit allerhand guten Sachen gefllt war: mit Reis, Eiern,
Leber und wei Gott mit was sonst noch, was einem nachtrglich wie ein
Stein im Magen liegt. Damit war das Mittagessen zu Ende; aber als man
sich erhob, fhlte sich Tschitschikow um einen ganzen Zentner schwerer.
Man begab sich in den Salon, wo bereits ein kleiner Teller mit Kompott
und Marmelade auf dem Tische stand; -- es lie sich nicht recht
definieren, was es eigentlich fr ein Kompott darstellte -- es waren
weder Birnen, noch Pflaumen, noch Himbeeren -- brigens rhrte weder der
Wirt noch der Gast die Marmelade an. Die Hausfrau ging hinaus, um noch
ein paar Fruchttellerchen hereinzubringen. Diesen Augenblick benutzte
Tschitschikow, um sich an Sabakewitsch zu wenden, der ausgestreckt in
einem Lehnstuhl lag und nur noch sthnte; so satt war er; hin und wieder
ffnete er den Mund, um ein paar unartikulierte Laute von sich zu geben,
wobei er das Kreuz schlug und sich die Hand vor den Mund hielt.
Tschitschikow also wandte sich zu ihm und sagte: Ich mchte gern ber
eine Sache mit Ihnen sprechen!

Nehmen Sie nicht noch etwas Eingemachtes! sagte die Hausfrau, die mit
einem Fruchtteller zurckkehrte. Es sind Rettichschnitten, in Honig
gekocht!

Nachher! sagte Sabakewitsch, geh jetzt mal auf dein Zimmer, Pawel
Iwanowitsch und ich mchten uns die Rcke ausziehen und ein wenig
ruhen!

Die Hausfrau wollte sogleich Unterbetten und Kopfkissen holen lassen,
aber Sabakewitsch erklrte: La nur, wir ruhen uns schon im Lehnstuhle
aus, und seine Gattin entfernte sich.

Sabakewitsch streckte den Kopf ein wenig vor, um zu hren, um was fr
eine Sache es sich handle.

Tschitschikow holte sehr weit aus, sprach zuerst ganz allgemein von dem
russischen Staate, dessen Gerumigkeit und Gre er nicht genug loben
konnte, meinte, selbst die alte rmische Monarchie sei nicht so gro
gewesen, die Auslnder htten ganz recht, wenn sie sich wunderten ...
(Sabakewitsch lauschte noch immer mit vorgestrecktem Kopfe) und nach den
bestehenden Gesetzen zhlten in diesem Reiche, dessen Ruhm ihm kein
anderes Land streitig machen knne, die in die Revisionslisten
aufgenommenen Seelen, selbst wenn sie ihren irdischen Lebenslauf
abgeschlossen htten, bis zur Aufstellung neuer Revisionslisten, genau
so viel, wie die Lebenden, weil doch die zustndigen Behrden nicht noch
mit neuen zeitraubenden Pflichten und Aufgaben belastet werden knnten,
welche mit solchen beraus zahlreichen und detaillierten Erhebungen fr
sie verbunden wren; auch wrde durch eine solche Maregel die
Kompliziertheit des ja ohnedies so verwickelten Staatsmechanismus noch
gesteigert werden, (Sabakewitsch streckte den Kopf noch immer vor und
hrte zu) indessen msse man doch gestehen, da diese Maregel trotz
ihrer unbestreitbaren Legalitt doch fr manchen Gutsbesitzer recht
lstig sei, da sie ihn dazu verpflichte, nach wie vor seine Steuern fr
die Bauern zu bezahlen, ganz ohne Rcksicht darauf, ob sie noch leben
oder nicht, doch sei er, Tschitschikow, bereit, aus einer besonderen
persnlichen Hochachtung fr ihn, einen Teil dieser so beraus
drckenden Verpflichtung auf sich zu nehmen. ber den Hauptpunkt uerte
sich Tschitschikow nur mit groer Zurckhaltung und sprach nie von
verstorbenen, sondern nur von nichtexistierenden Seelen.

Sabakewitsch sa noch immer mit etwas vorgebeugtem Kopfe da und schien
ihm aufmerksam zuzuhren, aber sein Gesichtsausdruck lie nicht das
leiseste Zeichen einer verborgenen Seelenregung erkennen. Man htte
beinahe glauben knnen, da man einen leblosen und unbeseelten Krper
vor sich habe, jedenfalls aber sa die Seele bei ihm nicht dort, wo sie
eigentlich sitzen soll, sondern weilte wie beim unsterblichen
Koschtschej[4] irgendwo in der Ferne hinter Bergen und Tlern und war
mit einer so dicken Schale umgeben, da alles, was sich auf ihrem Grunde
regte, nicht die geringste Erschtterung an der Oberflche hervorrief.

Nun also? sagte Tschitschikow und wartete nicht ohne innere Aufregung
auf die Antwort.

Sie brauchen tote Seelen? sagte Sabakewitsch ganz ruhig, ohne jeden
Ausdruck des Erstaunens, wie wenn hier von Roggen oder Weizen die Rede
wre.

[Funote 4: Spielt in dem russischen Sagenkreis die Rolle des Thanatos,
d. h. des Todes.]

Ja, antwortete Tschitschikow, indem er versuchte, dem Wort etwas von
seiner Hrte zu nehmen und hinzufgte: solche, die nicht mehr
existieren.

Es werden sich schon welche finden, gewi! Warum nicht? sagte
Sabakewitsch.

Ja, nicht wahr? Und wenn Sie welche haben sollten, werden Sie ohne
Zweifel froh sein, sie los zu werden?

Bitte sehr! Ich bin gern bereit, die Ihnen zu verkaufen, versetzte
Sabakewitsch, indem er den Kopf wieder emporrichtete. Offenbar witterte
er schon, da der Kufer irgend einen Vorteil dabei haben mute.

Teufel! dachte Tschitschikow, der Kerl verkauft sie mir, noch ehe ich
berhaupt ein Wort fallen lie! Und er fgte laut hinzu: Und darf man
fragen: was Sie wohl dafr nehmen wrden? Obwohl ... das eigentlich ein
Gegenstand ist ... bei dem man nicht gut von einem Preise reden kann
...

Also! um nicht viel zu verlangen: Hundert Rubel pro Stck, sagte
Sabakewitsch.

Hundert Rubel! rief Tschitschikow aus, indem er den Mund weit aufri
und Sabakewitsch erschrocken ins Gesicht starrte; er war sich nicht ganz
klar, ob er sich verhrt, oder ob vielleicht Sabakewitschs Zunge infolge
ihrer Schwerflligkeit eine ungeschickte Wendung gemacht habe, und mit
einem falschen Wort herausgeplatzt sei.

Ja finden Sie denn das zu teuer? sagte Sabakewitsch und fgte sogleich
hinzu: Und was ist Ihr Preis?

Mein Preis? Wir befinden uns wohl in einem kleinen Irrtum oder
verstehen uns gegenseitig nicht und haben vergessen, worum es sich hier
eigentlich handelt. Hand aufs Herz. Ich denke achtzig Kopeken -- das ist
das uerste.

Herrgott! Ist das ein Einfall! Achtzig Kopeken?

Nun, was denn? Meiner Ansicht nach kann man nicht mehr wie achtzig
Kopeken dafr bieten.

Ich handle doch nicht mit alten Schuhen!

Sie mssen aber doch auch zugeben, da es keine Menschen sind.

Ja, glauben Sie wirklich, Sie finden jemand, der Ihnen eine
eingetragene Seele fr zwei Groschen verkauft!

Nein, erlauben Sie, warum sagen Sie >eingetragene<? Die Seelen sind
doch schon lange tot. Was von ihnen brig geblieben ist, ist ja doch nur
ein den Sinnen unfabarer Schall. brigens, um nicht noch viel Worte
drber zu verlieren, anderthalb Rubel will ich Ihnen allenfalls geben,
aber auch keinen Heller mehr.

Schmen Sie sich doch, von einer solchen Summe berhaupt zu reden!
Seien Sie ehrlich, nennen Sie den richtigen Preis!

Ich kann nicht, Michael Semjonowitsch; bei meiner Ehre, ich kann nicht!
Was nicht geht, das geht nicht. sagte Tschitschikow, bot aber aus
Politik sogleich noch etwas mehr.

Warum wollen Sie so knausern, sprach Sabakewitsch, es ist wahrhaftig
nicht zu teuer. Geraten Sie mal an einen andern, der wird Sie tchtig
bers Ohr hauen und Ihnen irgend einen Schund anstelle der Seelen
aufhalsen. Bei mir dagegen kriegen Sie lauter auserlesene, vollkernige
Exemplare, alles Handwerker und krftige Ackerleute. Passen Sie mal auf,
nehmen Sie zum Beispiel den Michejew, den Wagenbauer, der hat berhaupt
nur Federwagen gebaut, und das war keine Moskauer Arbeit, die grad fr
eine Stunde reicht. Nein, was der machte, hatte Hand und Fu; und dazu
polsterte und lackierte er den Wagen noch selbst.

Tschitschikow erlaubte sich den Einwand, da Michejew denn doch schon
lange nicht mehr auf der Welt sei, aber Sabakewitsch war so sehr in den
Redestrom geraten, da er sogar beredt wurde und in immer reiendere
Wortgeflle gelangte.

Und Stepan Probka, der Zimmermann? Ich setze meinen Kopf zum Pfande,
da Sie keinen besseren Arbeiter finden werden. Wenn der in der Garde
gedient htte, wozu der's noch gebracht htte! Der war einen Meter 86
gro!

Tschitschikow wollte wieder einwenden, da doch auch Probka nicht mehr
auf der Welt sei; aber Sabakewitsch wurde offenbar vom dem Redeflu
fortgerissen. Der Wortschwall ergo sich wie ein rauschender Giebach,
da es eine Lust war ihm zuzuhren.

Und dann Milaschkin, der Tpfermeister, der setzte Ihnen einen Ofen
hin, wo Sie nur wollten in jedem Hause. Oder Martin Teljatnikow, der
Schuster, ein Stich mit der Ahle, und er hatte ein paar Stiefel fertig;
und was fr Stiefel! Dabei nahm er nie einen Tropfen Schnaps in den
Mund. Und Jeremej Sorokobljochin! Der ist allein soviel wert als die
andern zusammen. Der war in Moskau Hndler, brachte allein 500 Rubel
Erbzins jhrlich ein. Das sind Kerle! Nicht so ein Plunder, wie ihn euch
ein Pluschkin verkaufen wird.

Aber erlauben Sie, sagte Tschitschikow endlich, betroffen von solchem
berschwang der Rede, die wie es schien, gar kein Ende nehmen wollte.
Wozu zhlen Sie mir alle ihre Vorzge auf? Jetzt hat man ja doch nichts
mehr davon. Das sind doch lauter tote Leute! Mit Toten kann man
hchstens Vgel scheuchen, wie das Sprichwort sagt.

Freilich sind sie tot, sagte Sabakewitsch, der erst jetzt zu sich zu
kommen und sich darber klar zu werden schien, da es sich in der Tat um
Tote handele, fuhr aber sogleich fort: brigens diese sogenannten
Lebenden, was sind das fr Leute! Es sind Fliegen und keine Menschen.

Dafr sind sie doch wenigstens lebendig! Aber jene sind doch eigentlich
nur ein Traum.

O nein, durchaus kein Traum; ich sage Ihnen solch einen Kerl wie den
Michejew finden Sie nicht so leicht wieder; so ein Gestell, der geht
Ihnen nicht in dies Zimmer. Nein, das ist kein Traum. Hat der Kerl eine
Kraft in den Schultern gehabt, da kommt ein Pferd nicht gegen auf. Ich
mchte doch wissen, ob Sie noch anderswo so einen Traum antreffen
werden. Bei den letzten Worten wandte er sich schon nicht mehr an
Tschitschikow, sondern an die die Wnde zierenden Portrts Kolocotronis
und Bagrations, wie das oft bei Unterhaltungen zu geschehen pflegt, wenn
der eine der Mitunterredner aus einem unbekannten Grunde sich nicht an
die Person wendet, an die seine Worte gerichtet sind, sondern an irgend
einen zufllig hereingeschneiten Dritten, den er vielleicht garnicht
kennt, und obwohl er wei, da er von ihm weder eine Antwort, noch eine
uerung, noch ein Zeichen der Zustimmung zu gewrtigen hat. Und doch
heftet er seinen Blick auf ihn, als rufe er ihn zum Schiedsrichter an,
worauf der Unbekannte zunchst ein wenig verlegen wird und nicht recht
wei, ob er sich zu der Frage uern soll, von der er nichts gehrt hat,
oder lieber zur Wahrung der Anstandsregeln noch ein wenig stehen bleiben
und dann erst fortgehen soll.

Nein, mehr als zwei Rubel kann ich nicht geben, sagte Tschitschikow.

Schn, damit Sie sich nicht beklagen knnen, da ich zuviel verlangt
habe und Ihnen garnicht ein bichen entgegengekommen bin, bin ich
bereit, sie Ihnen fr 75 Rubel das Stck -- aber in Papiergeld -- zu
lassen. Wirklich, ich tue es nur aus Freundschaft.

Was fllt dem Kerl ein, dachte Tschitschikow; er hlt mich wohl fr
einen Esel! Und er fgte laut hinzu: Es ist doch wirklich merkwrdig,
es sieht fast so aus, als ob wir hier Theater oder Komdie spielen.
Anders kann ich es mir nicht erklren! Sie machen doch den Eindruck
eines klugen Mannes, der den gesamten Bildungsstoff beherrscht. Was ist
denn das Objekt, um das es sich handelt. Das ist doch blo Ppff, ein
reines Nichts! Was fr einen Wert hat es, wer braucht es!?!

Sie wollen es aber doch kaufen; also brauchen Sie es doch wohl! Hier
bi sich Tschitschikow auf die Lippen, ohne eine Antwort finden zu
knnen. Er murmelte etwas von Familienverhltnissen, aber Sabakewitsch
erklrte blo:

Ich will garnichts von Ihren Verhltnissen wissen; ich mische mich nie
in Familienangelegenheiten -- das ist Ihre persnliche Sache. Sie
brauchen Seelen, und ich biete Ihnen welche an. Sie werden es noch
bereuen, da Sie mir keine abgekauft haben.

Zwei Rubel, sagte Tschitschikow.

Ach sind Sie ein Mensch! Der Pirol pfeift stets dasselbe Lied, wie das
Sprichwort sagt: Hat sich da auf die zwei Rubel versteift und kann nun
durchaus nicht wieder davon loskommen. Nennen Sie doch einen
vernnftigen Preis.

Na, hol ihn der Teufel! dachte Tschitschikow, meinetwegen, ich will
ihm noch einen halben Rubel spendieren, dem Hund! damit er sich was
zugute kommen lassen kann. Also gut, ich gebe Ihnen zwei Rubel fnfzig!

Schn, dann will ich Ihnen auch mein letztes Wort sagen: Fnfzig Rubel!
Wahrhaftig. Sie kommen mir selbst teurer; billiger werden Sie sie
nirgends kriegen, lauter so tchtige Leute!

Ist das aber ein Geizhals! dachte Tschitschikow und fuhr rgerlich
fort: Nein hren Sie mal! Sie tun wirklich so, als ob es sich hier um
eine ernste Sache handelt! Jeder andere wrde sie mir umsonst geben. Ich
kriege sie berall gratis, weil jeder froh ist, wenn er sie los werden
kann. Das mte doch wirklich ein groer Esel sein, der sie behalten und
Steuern fr sie zahlen wollte.

Aber wissen Sie auch, da solche Kufe -- ich sage das ganz unter uns
und in aller Freundschaft, nicht berall erlaubt sind; und wenn ich oder
ein anderer davon erzhlen wollte, so wrde ein solcher Kufer jedes
Vertrauen einben; niemand wrde einen Kontrakt mit ihm schlieen
wollen, und er kme in die grte Verlegenheit, wenn er seine Lage
verbessern wollte.

Schau, schau, wo der hinaus will, der Schuft! dachte Tschitschikow,
aber er verlor seine Geistesgegenwart nicht und erklrte mit der grten
Kaltbltigkeit: Ganz wie Sie wnschen; wenn ich Ihnen den Plunder
abkaufen will, so tue ich das nicht, weil ich es ntig htte, sondern
aus einer gewissen Laune, aus einem Hang meines Charakters. Wenn Ihnen
zwei Rubel fnfzig zu wenig sind, dann lassen wir es eben. Leben Sie
wohl!

Den bringt man nicht aus der Fassung! Der gibt nicht so leicht nach!
dachte Sabakewitsch. Also gut, Gott mit Ihnen, geben Sie dreiig Rubel
und sie gehren Ihnen.

Nein, ich sehe, Sie wollen sie nicht verkaufen; Leben Sie wohl.

Erlauben Sie, erlauben Sie, sagte Sabakewitsch, ohne seine Hand los zu
lassen, und trat ihm dabei auf den Fu; unser Held hatte nmlich
vergessen, sich in acht zu nehmen, und mute jetzt zur Strafe
aufschreien und auf einem Fue hpfen.

Bitte um Entschuldigung. Ich glaube, ich habe Sie etwas beunruhigt.
Bitte setzen Sie sich doch, hierher, ich bitte. Er geleitete ihn zu
einem Lehnstuhl und hie ihn hier Platz nehmen. Er tat das sogar mit
einiger Geschicklichkeit, wie ein Br, der schon mit Menschen in
Berhrung gekommen ist, ein paar Tanzdrehungen zu machen gelernt hat und
auch einige Kunststcke auszufhren wei, wenn man zu ihm sagt: Zeig
mal, Petz, wie es die Weiber im Dampfbad machen und wie stehlen kleine
Kinder Nsse?

Nein, wirklich ich verliere nur unntz Zeit. Ich mu fort, ich habe
Eile!

Bleiben Sie doch noch ein Augenblickchen. Ich will Ihnen gleich etwas
sagen, was Ihnen Freude machen wird. Und Sabakewitsch rckte nher an
ihn heran und flsterte ihm ins Ohr, wie wenn er ihm ein Geheimnis
mitzuteilen htte. Wollen Sie eine Stange?

Sie wollen sagen 25 Rubel? Nein, nein, nein! noch nicht den vierten
Teil. Keine Kopeke mehr.

Sabakewitsch antwortete nichts und auch Tschitschikow wurde still.
Dieses Schweigen whrte etwa zwei Minuten. Frst Bagration verfolgte von
seinem Wandplatz diesen Kauf mit der grten Aufmerksamkeit.

Also was ist Ihr hchstes Angebot? sagte Sabakewitsch endlich.

Zwei Rubel fnfzig!

Ihnen scheint eine menschliche Seele auch nicht mehr zu gelten als eine
abgebrhte Rbe. Geben Sie doch wenigstens drei Rubel!

Ich sehe, mit Ihnen ist nichts anzufangen.

Ich verkaufe mit Schaden! Aber was soll ich tun? Ich habe nun mal so
'ne Hundegutmtigkeit. Ich kann halt nicht anders, ich mu meinem
Nchsten immer eine kleine Freude bereiten. Wir werden wohl einen
Kaufvertrag aufsetzen mssen, damit alles seine Ordnung hat.

Natrlich!

Sehen Sie, wir werden also in die Stadt fahren mssen!

Damit war die Sache erledigt. Man beschlo, gleich am folgenden Tage in
die Stadt zu fahren, um den Kauf zum Abschlu zu bringen.

Tschitschikow bat um die Liste der Bauern. Sabakewitsch war
einverstanden; er begab sich ins Bro, um die Bauernseelen
aufzuschreiben, die er nicht nur alle namentlich aufzhlte, sondern auch
durch Aufzhlung all ihrer Vorzge charakterisierte. Unterdessen
musterte Tschitschikow, da er nichts Besseres zu tun hatte, die
voluminse Silhouette seines Wirtes. Als er seinen Rcken, der so breit
war wie der eines kurzstmmigen Wjatkapferdes, und seine Fe erblickte,
welche groe hnlichkeit mit ein paar Chausseepfeilern hatten, konnte er
sich nicht enthalten auszurufen:

Hat dich aber der liebe Gott verschwenderisch ausgestattet, da kann man
wirklich sagen, schlecht zugeschnitten aber gut genht, wie es im
Sprichwort heit. Bist du _gleich_ als ein solcher Br geboren, oder
haben dich das Leben in der Wildnis, die Landwirtschaft, die Scherereien
mit den Bauern dazu gemacht, da du jetzt das geworden bist, was man
einen Halsabschneider nennt; doch nein, ich glaube, du warst immer
derselbe und wrst es auch geblieben, selbst wenn du in Petersburg die
neueste, modernste Erziehung genossen httest und dann erst losgegangen
wrest, selbst wenn du dein ganzes Leben lang in Petersburg und nicht in
der Wildnis gelebt httest. Der ganze Unterschied besteht nur darin, da
du jetzt deinen halben Hammelrcken mit Brei nebst einem Ksekuchen von
der Gre eines Suppentellers verschlingst, whrend du dort Kottelets
mit Trffeln zu Mittag gegessen httest. Dafr herrschest du jetzt
friedlich ber deine Bauern, mit denen du so gut auskommst, und die du
natrlich nicht krnkst und nicht zu kurz kommen lt. Sind sie doch
dein Eigentum, und du selbst httest ja nur den Schaden davon, wenn du
anders handeltest. Dort in der Stadt aber wrdest du ber Beamte
herrschen, die du krftig schuriegeln wrdest, da du ja wtest, da sie
nicht deine Leibeigenen sind, und du ttest die Krone nach Noten
plndern. Wer nun mal eine Teufelsfaust besitzt, dem glttest du sie
nicht zum Sammetpftchen. Und biegst du ihm auch einen oder zwei Finger
gerade, um so mehr ist der Teufel los. Hat er erst einmal ein paar
Tropfen von irgend einer Kunst oder Wissenschaft genippt und hat er sich
zu einer hervorragenderen Gesellschaftsstellung emporgeschwungen, dann
wehe denen, welche tatschlich etwas von dieser Kunst und Wissenschaft
verstehen; dann fllt es ihm wohl gar noch ein zu sagen, ich mu euch
doch mal zeigen, wer ich bin. Und dann lt er euch pltzlich eine so
weise Verordnung vom Stapel, da vielen Hren und Sehen vergeht. O, wenn
doch alle diese Halsabschneider ...!

Die Liste ist fertig, sagte Sabakewitsch mit einer Wendung des Kopfes.

Fertig? Bitte geben Sie sie doch einmal her! Er berflog sie und war
erstaunt, mit welcher Genauigkeit und Pnktlichkeit sie aufgestellt war:
nicht allein da der Beruf, das Handwerk, das Alter und die
Familienverhltnisse sorgfltig registriert waren, am Rande standen auch
noch besondere Notizen ber das Betragen, die Nchternheit usw. des
Betreffenden. Mit einem Wort, es war eine wahre Freude, die Liste
anzusehen.

Und nun bitte ich Sie um eine kleine Anzahlung, sagte Sabakewitsch.

Wozu eine Anzahlung? Sie bekommen die ganze Summe in der Stadt.

Na, Sie wissen doch, es ist mal so Sitte, wandte Sabakewitsch ein.

Ich wei nicht, wie ich es machen soll? Ich habe leider kein Geld
mitgenommen. brigens hier, nehmen Sie diese zehn Rubel!

Ach was zehn! Geben Sie wenigstens fnfzig!

Tschitschikow machte allerhand Ausflchte, er habe nicht soviel Geld bei
sich usw.; aber Sabakewitsch erklrte so kategorisch, er habe doch
welches, da jener endlich noch einen Zettel aus der Tasche zog und
sagte: Na, meinetwegen! da haben Sie noch fnfzehn. Das macht also im
ganzen fnfundzwanzig. Ich bitte jedoch um eine Quittung.

Wozu denn eine Quittung?!

Wissen Sie, es ist doch sicherer! Das Glck ist nun mal launisch! Es
kann soviel passieren.

Gut, dann geben Sie das Geld her!

Warum nur? Ich halte es ja in der Hand. Schreiben Sie erst die
Quittung, dann sollen Sie es sogleich haben!

Ja, erlauben Sie mal, wie kann ich denn quittieren? Ich mu doch zuvor
das Geld gesehen haben.

Tschitschikow lie die Banknoten los, und Sabakewitsch griff eiligst zu.
Er ging an den Tisch, und whrend er das Geld mit ein paar Fingern der
linken Hand bedeckte, bescheinigte er mit der anderen auf einem
Zettelchen, da er fnfundzwanzig Rubel in staatlichen Banknoten fr die
verkauften Seelen erhalten habe. Nachdem er die Quittung ausgestellt
hatte, prfte er noch einmal das Papiergeld.

Der eine ist ein bissel alt, murmelte er, whrend er einen der Scheine
ans Licht hielt! und auch ein bissel zerrissen und abgenutzt. Na, aber
unter Freunden achtet man schlielich nicht darauf.

Ein Halsabschneider! Ich sagte es ja, dachte Tschitschikow. Und noch
'ne Bestie dazu!

Knnen Sie nicht Seelen weiblichen Geschlechtes brauchen?

Nein, ich danke!

Ich htte sie Ihnen billig gelassen. Aus Freundschaft fr Sie, schon
fr einen Rubel das Stck.

Nein, das weibliche Geschlecht hat fr mich keine Reize.

Freilich! Wenn dem so ist, ist jedes weitere Wort Verschwendung. ber
den Geschmack lt sich nicht streiten: Der eine liebt den Popen, der
andre des Popen Frau, wie das Sprichwort sagt.

Ich wollte Sie noch bitten, da diese Angelegenheit ganz unter uns
bleibt, sprach Tschitschikow, indem er sich verabschiedete.

Aber selbstverstndlich! Einen dritten geht das doch garnichts an: was
zwei nahe Freunde im Vertrauen miteinander verhandeln, mu natrlich
unter ihnen bleiben. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen fr Ihren Besuch
und bitte Sie, mich auch weiterhin nicht zu vergessen! Kommen Sie doch,
wenn es Ihre Zeit erlaubt, wieder einmal zum Mittagessen. Dann plaudern
wir ein Stndchen zusammen. Vielleicht findet sich noch einmal eine
Gelegenheit, einander einen Dienst zu erweisen.

Nein, danke, mein Bester! dachte Tschitschikow, indem er in den Wagen
stieg. Hat mir zwei und einen halben Rubel fr eine tote Seele
abgegaunert, dieser verfluchte Leuteschinder!

Tschitschikow war uerst emprt ber Sabakewitschs Betragen. Er war
doch immerhin ein Bekannter von ihm. Sie hatten sich ja schon beim
Gouverneur und beim Polizeimeister gesehen, und doch hatte er ihn
behandelt wie einen gnzlich Fremden und ihm Geld fr irgend einen
Plunder abgenommen. Als der Wagen durch das Hoftor rollte, sah er sich
noch einmal um: Sabakewitsch stand noch immer auf der Treppe und schien
aussphen zu wollen, welche Richtung der Gast einschlagen werde.

Er steht noch immer da, der Schuft! murmelte Tschitschikow durch die
Zhne; und er befahl Seliphan, den Weg durch das Dorf zu nehmen und so
zu fahren, da man die Equipage vom Herrensitz aus nicht mehr sehen
knne. Er hatte die Absicht, Pluschkin aufzusuchen, bei dem, nach
Sabakewitschs Worten, die Menschen wie die Fliegen starben. Aber er
wollte nicht, da Sabakewitsch dies erfhre. Als der Wagen am Ende des
Dorfes war, rief er den ersten besten Bauern zu sich heran. Dieser hob
gerade einen dicken Balken, der am Wege lag, auf die Schulter und wollte
ihn wie eine unermdliche Ameise nach seiner Htte schleppen.

Heh! Du Langbart! Wie gelangt man denn von hier zu Pluschkin, ohne an
dem herrschaftlichen Wohnhause vorber zu kommen?

Dem Bauern schien diese Frage einige Schwierigkeiten zu bereiten.

Na, du weit es wohl nicht?

Nein, gndiger Herr, ich wei nicht.

Ach, du! Und dabei kriegt der Kerl schon graue Haare! Kennt den
Geizhals Pluschkin nicht, der seine Leute verhungern lt.

Ach so, der geflickte! rief der Bauer aus. Er lie diesem
Eigenschaftswort der geflickte auch noch ein sehr treffendes
Substantivum folgen, das wir jedoch unterdrcken, weil es in der Sprache
der bessern Welt nur selten gebraucht wird. brigens wre es nicht
schwer zu erraten gewesen, da dieser Ausdruck ein uerst
kennzeichnender war, weil Tschitschikow noch lange weiter lachte, als
der Wagen schon ein betrchtliches Stck Weges zurckgelegt und die
Insassen den Bauern schon lngst aus den Augen verloren hatten. Es liegt
eine gewaltige Kraft in der Ausdrucksweise des russischen Volkes. Wird
mal einer mit einem solchen Wrtchen bedacht, so erbt es sich fort von
Geschlecht zu Geschlecht; er schleppt es mit sich in den Dienst und in
die Pension, bis nach Petersburg, und bis ans Ende der Welt. Mach
Winkelzge soviel und welcher Art du willst, such deinen Spitznamen zu
veredeln, la meinetwegen gedungene Schreiberseelen ihn fr reichlichen
Geldlohn von einem alten Frstenadel ableiten, es hilft dir alles
nichts. Dein Spitzname krchzt ohne dein Zutun aus voller Rabenkehle und
verkndigt klar, woher der Vogel stammt. Ein treffend ausgesprochenes
Wort ist wie ein schwarz auf wei gedrucktes. Es lt sich mit keiner
Art herausbringen. Und wie wunderbar treffend ist alles, was aus den
tiefsten Tiefen Rulands hervordringt, wo es weder deutsche, noch
finnische noch irgend welche anderen Volksstmme gibt, sondern alles ein
urwchsiges Urprodukt des lebendigen wagemutig-kecken russischen Geistes
ist, der nicht lange nach dem rechten Worte sucht, der es nicht
erbrtet, wie die Henne ihre Kcken, sondern es mit einem Ruck in die
Welt setzt, wie einen Reisepa fr die Ewigkeit. Da brauchst du nicht
erst hinzuzufgen, was du fr eine Nase und was fr Lippen hast, mit
einem Strich bist du umrissen vom Scheitel bis zur Sohle.

Wie das fromme heilige Ruland mit einer unbersehbaren Menge von
Klstern und Kirchen mit Spitzen, Kuppeln und Kreuzen berst ist, so
stoen und drngen, schillern und wogen unzhlbare Scharen von Vlkern,
Geschlechtern und Stmmen auf dem Angesicht der Mutter Erde. Und jedes
dieser Vlker, das in sich das Unterpfand der Kraft trgt, das
ausgestattet ist mit schpferischen Geistesmchten, mit einer
helleuchtenden Eigenart und anderen Gottesgaben, hat sich sein
eigentmliches Geprge gegeben, in einem selbst eigenen Worte, mit dem
es in der Bezeichnung eines Objekts einen Teil seines eigensten
Charakters wiederspiegelte. Herzenskenntnis und tiefe Lebensweisheit
klingt uns aus dem Worte des Britanniers entgegen; leicht beschwingt und
elegant blitzt auf und zerflattert das kurzlebige Wort des Franzosen;
klug und schlau ersinnt sein nicht leichtfalich drres Rtselwort der
Deutsche; aber es gibt kein Wort, das so weit ausladend, so keck sich
losringt aus den tiefsten Tiefen des Herzens, so brodelt, glht,
vibriert von innerstem Leben, wie ein treffend urwchsiges, russisches
Wort.


                            Sechstes Kapitel

Einst, vor langer langer Zeit, in den Tagen meiner Jugend, meiner
unwiederbringlich entschwundenen Jugend, da machte es mir stets Freude,
wenn ich an einem unbekannten Ort vorberfuhr: ganz gleich, ob es ein
kleines Dorf, ein armes Kreisstdtchen, ein Flecken oder eine grere
Ortschaft war. Wieviel Interessantes entdeckte da nicht der neugierige
Blick des Kindes! Jedes Gebude, alles was den Stempel einer scharf
ausgeprgten Eigenart an sich trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich
und hinterlie einen tiefen Eindruck in der Seele des Knaben. Ein
steinernes Haus oder ein Staatsgebude von der bekannten Bauart, mit den
vielen gemalten Fenstern, das in einsamer Hhe aus dem Haufen
einstckiger Blockhuser der Stadtbewohner hervorragte; eine runde
regelmige, mit weiem Eisenblech gedeckte Kuppel, die sich ber der
schneeweien neuen Kirche erhob, ein Marktplatz, ein kleinstdtischer
Galan, der im Stdtchen umherschlenderte -- nichts entging dem scharf
aufmerkenden kindlichen Sprsinn -- und ich steckte meine Nase aus
meinem Zeltwagen heraus und betrachtete neugierig einen Rock von mir
gnzlich unbekanntem Schnitt, die offenen Holzkisten mit der weithin
leuchtenden Schwefelblte, mit Ngeln, Seife und Rosinen, die mir
zugleich mit allerhand Schachteln und Bchsen voll vertrockneter
Moskauer Bonbons aus der Tr eines Gemseladens entgegenschimmerten;
oder ich sah mir einen vorbergehenden Infanterie-Offizier an, den
irgend eine seltsame Schickung hierher in die Langeweile der Kreisstadt
verschlagen hatte, oder einen Kaufmann in einem langen Rock, der auf
einem Rennwagen an mir vorbeijagte -- und lie mich von meinen Gedanken
weit forttragen in ihr armseliges Dasein. Ging ein Beamter des
Stdtchens an mir vorber, so fing ich schon an zu trumen und zu
grbeln: wo mag er wohl hingehen? Zu einer Abendgesellschaft bei einem
seiner Brder oder vielleicht nur zu sich nach Hause, um ein halbes
Stndchen vor der Haustr zu sitzen, bis die Nacht sich niedersenkt und
sich dann mit Frau und Mutter, der Schwgerin und der ganzen Familie an
den Tisch zum frhen Abendmahl zu setzen? Und wovon wrden sie wohl
sprechen, wenn das Mdchen mit dem Perlenbande, oder ein Knabe in einer
dicken Hausjacke nach der Suppe den unverwstlichen Leuchter mit der
Talgkerze hereintrgt? Nherte ich mich dem Dorfe irgend eines
Gutsbesitzers, dann blickte ich neugierig auf den hohen, schmalen
hlzernen Glockenturm oder die alte gerumige hlzerne Kirche. Wie
anheimelnd blickten dann zwischen dem dichten Bltterwerk der Bume das
rote Dach und die weien Schornsteine des Herrenhauses hindurch, und ich
wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo es aus seinem Gartenverstecke
heraustreten und daliegen wrde mit seiner so gar nicht den oder
langweiligen Front. Und dann suchte ich wohl aus dem ueren zu erraten,
wer der Besitzer sei, ob er dick oder dnn sei, ob er Shne oder wohl
gar ein halbes Dutzend Tchter habe, die das Haus mit ihrem hellen
Mdchenlachen, ihren Mdchenspielen und Scherzen beleben, eine lustige
Mdchenschar mit der unvermeidlichen Jngsten und Schnsten; ob sie
schwarzugig seien und er selbst ein lustiger Bruder sei oder finster
und mrrisch blicke, wie ein spter Septembertag, bestndig in sein
Notizbuch und in den Kalender sehe und von nichts anderem spreche, als
von dem fr die Jugend, ach! so langweiligen Weizen oder Roggen.

Heute fahre ich gleichmtig an jedem fremden Dorfe vorber und blicke
gleichgltig auf seine elende Auenseite, mein erkalteter Blick fhlt
sich nicht angeheimelt, nichts reizt mich mehr zum Lachen, und was
frher, in vergangenen Jahren, meinem Gesicht eine Bewegung oder ein
Lcheln, und dem Munde nie versiegende Reden entlockte, das huscht jetzt
an mir vorbei, und teilnahmloses Schweigen schliet mir die Lippen. O
meine Jugend, o meine herrliche Frische!

Whrend Tschitschikow in Sinnen versunken war und heimlich in sich
hineinlchelte wegen des schnen Spitznamens, mit dem die Bauern
Pluschkin bedacht hatten, hatte er garnicht darauf geachtet, da der
Wagen mitten durch ein groes und weitlufiges Dorf mit zahlreichen
Straen und Husern hindurchrollte. Allein dies wurde ihm bald zum
Bewutsein gebracht durch einen recht krftigen Sto, der ihm von dem
Knppeldamm appliziert wurde, im Vergleich mit dem das stdtische
Straenpflaster das reinste Kinderspiel war. Diese Knppel hoben und
senkten sich wie die Tasten eines Klaviers, und der Reisende, der sich
nicht in acht nahm, hatte jeden Augenblick eine Beule am Hinterkopf oder
einen blauen Fleck an der Stirn zu gewrtigen, oder er lief sogar
Gefahr, sich eigenzhnig die Zungenspitze abzubeien, was ja auch nicht
gerade zu den grten Annehmlicheiten unseres irdischen Daseins gehrt.
Die Bauernhuser machten alle einen morschen, verfallenen Eindruck. Die
Balken waren wurmstichig und altersgrau. Manche Dcher glichen einem
Sieb. An andern bemerkte man nichts von der Dachbekleidung auer dem
Firstbalken, und darunter ein paar Latten, die sich wie die Rippen eines
Skeletts ausnahmen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer selbst die
Bretter und Schindeln heruntergeholt, in der wichtigen Erwgung, da man
eine Htte doch nicht zum Schutz gegen den Regen baut, und da es bei
heiterem Himmel ja nicht von selbst in den Eimer tropft, andererseits
aber auch kein Grund vorliegt, gerade in ihr mit dem Weibe auf dem Ofen
zu liegen, da ja anderswo Platz genug dazu da ist: in der Schenke, an
der Landstrae -- mit einem Wort, wo es dein Herz nur begehrt. berall
fehlten die Scheiben. Hie und da waren die Fensterffnungen mit einem
alten Lappen oder einem Kleidungsstck zugestopft. Die kleinen Altane
unter dem Dachvorsprung mit der bekannten Brstung, die sich aus einem
unbekannten Grunde an vielen russischen Bauernhusern finden, hatten
sich gesenkt und waren nachgedunkelt, was nicht einmal einen malerischen
Anblick darbot. Hinter den Htten sah man an mehreren Stellen lange
Reihen von Getreidehaufen, die offenbar schon recht lange unbenutzt
dalagen: ihre Farbe glich der eines alten schlechtgebrannten
Ziegelsteins. Oben auf dem Haufen wuchs allerhand Plunder und an der
Seite hatten Schlingpflanzen Wurzel geschlagen. Das Getreide gehrte
anscheinend dem Gutsherrn; hinter den Kornhaufen und den morschen
Dchern ragten bald rechts bald links, je nach den Wendungen, die der
Wagen machen mute, zwei Dorfkirchen empor, die ihre Trme in die klare
Luft reckten. Beide lagen dicht nebeneinander, die eine von Holz, die
andere von Stein mit gelb angestrichenen Mauern, die groe
Schmutzflecken und klaffende Risse zeigten. Hie und da blickte das Haus
des Gutsherrn durch, bis es schlielich frei vor den Augen dastand, wo
die Huserkette abri und statt dessen ein freier Platz sich ffnete,
der etwas wie einen Gemse- oder Kohlgarten darstellte und von einem
niedrigen, stellenweise stark mitgenommenen Zaun eingefriedigt war. Wie
ein hinflliger, altersschwacher Invalide sah dieses sich hier endlos
hinstreckende Schlo aus. Stellenweise hatte es nur ein Stockwerk,
stellenweise auch zwei. Auf dem dunklen Dach, das sein Alter nicht immer
sicher beschtzte, befanden sich gerade gegenber zwei Aussichtstrme,
beide schon altersgebeugt und verblichen, da die Farbe, die sie
einstmals deckte, lngst verschwunden war. Hie und da lieen die Mauern
die nackten Fachwerkfelder sehen. Offenbar hatten sie schon viel unter
Regengssen, Wirbelstrmen, Ungewittern und Herbstschauern zu leiden
gehabt. Nur zwei von den Fenstern waren offen; die brigen waren mit
Lden verdeckt oder sogar mit Brettern vernagelt. Die beiden offenen
Fenster waren jedoch ihrerseits auch schon ein wenig erblindet und das
eine mit einem blauen Papierdreieck verklebt.

Ein groer, alter Garten, der hinter dem Hause lag, sich von dort weit
bis bers Dorf hinaus erstreckte und in den Feldern verlor, belebte
allein, obwohl auch schon verwildert und zugewachsen, dieses groe Dorf
und bot in seiner malerischen Wildheit einen pittoresken Anblick dar.
Wie grne Wolken und unregelmige Kuppeln von zitternden Blttern
ruhten im klaren Himmelsblau die verschlungenen Wipfel der Bume, die in
ungebndigter Freiheit sich ppig hatten entfalten knnen. Der mchtige
weie Stamm einer Riesenbirke ohne Krone, die der Sturm oder Blitz
gebrochen hatte, erhob sich aus diesem grnen Dickicht und rundete sich
in der Luft wie eine schlanke, schngeformte Marmorsule. Die schrge,
scharfkantige Bruchstelle, in die sie auslief statt in ein Kapitl, hob
sich von dem schneeweien Grund ab wie ein Hut oder ein schwarzer Vogel.
Grnschimmernder Hopfen, der mit seinem dichten Geflecht
Holunderstruche, Ebereschen und Haselbsche in seinen engen Umarmungen
zu ersticken versuchte, kletterte am Stamm empor und rankte sich um die
halbgeborstene Birke. Auf halber Hhe lie er sich wieder herabfallen,
um sich an andere Baumwipfel zu klammern, oder er senkte seine langen
Ranken in die Luft hinab, indem er seine Hkchen zu Ringen aufrollte,
die im sanften Winde schaukelten. Hie und da trat das im hellen
Sonnenlichte daliegende grne Dickicht auseinander und lie einen
dunkelen schattigen Grund sehen, der wie ein finsterer Rachen aufghnte;
dieser war ganz in Schatten getaucht, man konnte mehr ahnen, als
erkennen, was einem aus der dunklen Tiefe entgegenschimmerte: einen
engen, schmalen Fupfad, ein umgefallenes Gelnder, eine verfallene
Laube, den hohlen morschen Stamm einer Weide, silbergraues Strauchwerk,
das stachelicht und dicht hinter der Weide hervorguckte, vertrocknete
Bltter und ste, die in der allgemeinen Verwilderung wirr durcheinander
lagen, und endlich einen jungen Ahornschling, der seine grnen
gelappten Bltter weit ausstreckte, und deren _eines_ ein Sonnenstrahl,
der sich Gott wei auf welche Weise bis hierher den Weg gebahnt hatte,
in einen durchsichtig goldigglhenden Stern verwandelte, welcher aus der
dichten Finsternis herrlich hervorleuchtete. Ganz abseits am Rande des
Gartens standen einige hochgewachsene, alle andern Bume weit
berragende Espen, die ein paar mchtige Krhennester in ihren
zitternden Baumkronen trugen. Hie und da lie eine von ihnen einen
gebrochenen, aber noch lose am Stamm haftenden Ast mit seinen
vertrockneten Blttern traurig herabhngen. Mit einem Wort es war alles
sehr schn, wie weder Natur noch Kunst es _fr sich allein_
hervorzubringen vermgen, und wie es nur dort zu gelingen pflegt, wo
sich beide zu gemeinsamem Werke vereinigen, wenn die Natur noch einmal
ber die oft ohne Sinn und Geschmack zusammengestoppelte Schpfung des
Menschen mit ihrem Meiel drbergeht, ihr den letzten Schliff gibt, die
schweren Massen belebt, ihnen etwas Leichtes, Schwebendes verleiht, die
grobe handgreifliche Regelmigkeit und Symmetrie verwischt und die
elenden Mngel und Schnitzer beseitigt, welche die nackte Absicht allzu
aufdringlich zur Schau stellen, um jene wundersame Wrme ber alles zu
ergieen, was in der frostigen Klte wohldurchdachter, errechneter
Sauberkeit und Peinlichkeit entstand.

Nachdem der Wagen noch einige Wendungen gemacht hatte, blieb er endlich
vor dem Hause selbst stehen, das jetzt fast noch dsterer und
trbseliger erschien. Die Mauern und das Tor waren mit grnem Schimmel
bedeckt. Im Hofe standen allerhand Gebude: Vorratskammern,
Kornspeicher, das Gesindehaus usw. dicht nebeneinander -- auch sie alle
gleichfalls mit den deutlichen Spuren des Alters und der Bauflligkeit;
rechts und links sah man je ein Tor, das nach einem andern Hofe fhrte.
Alles legte Zeugnis davon ab, da hier einmal in ganz groem Mastabe
gewirtschaftet worden war, heute aber blickte alles trbe und finster.
Da gab es nichts, was das traurige Bild ein wenig erheitert htte: --
keine sich auftuenden Tren, keine ein- und ausgehenden Menschen, keine
lebendigen huslichen Sorgen! Nur das Haupttor stand offen, und auch
dies nur, weil ein Mann mit einem schwerbeladenen Wagen, der mit
Bastmatten zugedeckt war, in den Hof fuhr; wie mit Absicht, um diesen
den toten Ort ein wenig zu beleben: zu einer andern Zeit wre auch
dieses Tor fest verschlossen gewesen, denn an der eisernen Krampe hing
ein mchtiges Riesenschlo. Vor einem der Gebude entdeckte
Tschitschikow bald eine Gestalt, die sich mit dem Wagenfhrer zankte. Er
konnte sich lange nicht darber klar werden, welchem Geschlechte die
Gestalt angehrte; ob es ein Mann oder eine Frau war. Das
Kleidungsstck, das sie anhatte, war vllig undefinierbar, und hatte
eine gewisse hnlichkeit mit einem Frauenrock; dazu trug sie noch eine
Kappe auf dem Kopf, wie sie die Dorfweiber zu tragen pflegen.
Wahrhaftig, ein Weibsbild! dachte er, er fgte aber gleich hinzu:
Nein, doch nicht! -- Natrlich ein Weibsbild! sagte er endlich,
nachdem er sich die Gestalt nher angesehen hatte. Diese beobachtete ihn
ihrerseits gleichfalls mit groer Aufmerksamkeit. Der Ankmmling schien
fr sie eine Art Weltwunder zu sein, weil sie nicht blo ihn, sondern
auch Seliphan und selbst die Pferde vom Maule bis zum Schwanze aufs
grndlichste musterte. Nach dem an ihrem Grtel hngenden Schlsselbund
und den krftigen Schimpfworten, mit denen sie den Bauern berhufte,
urteilte Tschitschikow, da dies wohl die Schlieerin sein msse.

Hr mal, Mtterchen, sagte er, whrend er aus dem Wagen stieg, was
macht der Herr?

Ist nicht zu Hause! versetzte die Schlieerin, ohne den Schlu der
Frage abzuwarten, und sie fgte gleich hinzu, und was wollen Sie von
ihm?

Ich komme in einer geschftlichen Angelegenheit.

Dann treten Sie bitte ins Zimmer, sagte die Schlieerin, indem sie die
Tre ffnete, ihm den mit Mehlstaub bedeckten Rcken zuwandte und dabei
ein groes Loch in ihrem Rocke sehen lie.

Er betrat den groen dunklen Flur, aus dem ihn Grabesklte wie aus einem
Keller anwehte. Aus dem Flur gelangte er in ein dunkles Zimmer, in das
nur wenig Licht aus einer breiten Spalte unter der Tr hineinfiel. Er
ffnete diese Tr und befand sich endlich in hellem Tageslicht. Die
Unordnung, die sich ihm berall aufdrngte, erregte sein Erstaunen. Es
sah fast so aus, als ob im ganzen Hause die Dielen gewaschen wrden und
whrend dessen smtliche Mbel in dieser Stube untergebracht worden
wren. Auf einem Tische stand sogar ein zerbrochener Stuhl, daneben eine
Uhr mit einem zerbrochenen Pendel, das eine Spinne bereits mit ihrem
Gewebe umsponnen hatte. Hier standen auch ein seitlich an die Wand
gelehnter Schrank mit altem Silbergert und allerhand Karaffen aus
chinesischem Porzellan. Auf dem Schreibpult, das mit Perlmuttermosaik
ausgelegt, stellenweise seines Schmuckes entkleidet war und an seiner
Stelle die mit trockenem Leim gefllten Lcken sichtbar werden lie, lag
allerhand bunter Kram beieinander: ein Haufen eng beschriebener Zettel,
auf denen ein grnlich angelaufener Briefbeschwerer von Marmor mit einem
kleinen Ei als Griff ruhte, ein alter Schweinslederband mit rotem
Schnitt, eine trockene ausgeprete Zitrone, die nicht grer war als
eine Walnu, die abgebrochene Lehne eines Stuhles, ein Schnapsglas mit
einer roten Flssigkeit und drei darin schwimmenden Fliegen, das mit
einem Briefbogen bedeckt war, ein Stckchen Siegellack, der Fetzen eines
irgendwo aufgelesenen Lappens, zwei Schreibfedern, die mit Tinte
beschmiert und ganz vertrocknet waren, wie wenn sie die Schwindsucht
htten, ein gelblicher Zahnstocher, mit dem sich sein Herr wohl noch vor
der Einnahme Moskaus durch die Franzosen die Zhne gereinigt haben
mochte, usw. An den Wnden hingen nahe beieinander und in recht
geschmackloser Anordnung mehrere Bilder: ein schmaler Stahlstich von
irgend einer Schlacht, auf dem man frchterliche Trommeln, schreiende
Soldaten mit Dreimastern auf den Kpfen und ersaufenden Pferden
erblickte. Der Stich befand sich in einem Rahmen von Mahagoniholz mit
schmalen Bronzeleisten und Bronzerosetten in den Ecken, jedoch ohne
Deckglas. Daneben hing ein gewaltiges nachgedunkeltes lgemlde, das die
halbe Wand einnahm, und auf dem Blumen, Frchte, eine zerschnittene
Wassermelone, die Schnauze eines Wildebers und der herunterhngende Kopf
einer wilden Ente abgebildet waren. Von der Mitte der Decke hing ein in
einem Leinewandsack eingenhter Kronleuchter herab, der so dicht mit
Staub bedeckt war, da er dem Kokon eines Seidenwurmes glich. In einem
Winkel des Zimmers lag ein Haufen alter Sachen; dies waren gewissermaen
die grberen Gegenstnde, die nicht gewrdigt wurden, auf dem Tisch zu
liegen. _Was_ das eigentlich fr Sachen waren -- das lie sich nicht
leicht angeben; denn es lastete eine so dicke Staubschicht auf ihnen,
da jede Hand, die sie berhrte, groe hnlichkeit mit einem Handschuh
bekam; die einzigen Objekte, die sich mit einiger Deutlichkeit von dem
Schutthaufen abhoben, waren: ein Stck von einer zerbrochenen hlzernen
Schaufel und eine alte Schuhsohle. Kein Mensch htte geglaubt, da dies
Zimmer von einem lebenden Wesen bewohnt werde, wenn nicht eine alte
abgetragene Kappe, die auf dem Tische lag, davon Zeugnis abgelegt htte.
Whrend unser Held noch in die Betrachtung dieser merkwrdigen
Zimmerausstattung versunken war, ffnete sich eine Seitentr, und
dieselbe Schlieerin, die er auf dem Hofe getroffen hatte, trat herein.
Jetzt aber sah er, da dies eher ein Schlieer, als eine Schlieerin
war: wenigstens pflegte sich eine Schlieerin gewhnlich nicht den Bart
zu rasieren, dieser Mensch aber tat es und zwar, wie es schien, recht
selten, denn sein Kinn und die untere Partie seines Gesichts glich einem
Striegel aus Eisendraht, mit dem man die Pferde im Stalle zu putzen
pflegt. Tschitschikows Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an; er
wartete mit Ungeduld darauf, was ihm der Schlieer sagen wrde. Dieser
schien jedoch seinerseits wiederum auf Tschitschikows Anrede zu warten.
Endlich entschlo sich der letztere, dem diese beiderseitige
Unentschlossenheit recht peinlich wurde, zu der Frage:

Nun, was macht dein Herr? Ist er zu Hause?

Der Hausherr ist hier! antwortete der Schlieer.

Wo denn nur? wiederholte Tschitschikow.

Sie sind wohl blind, Vterchen? Was? versetzte der Schlieer.
Herrjeh! Ich bin doch der Herr des Hauses!

Hier wich unser Held unwillkrlich ein wenig zurck und sah jenen starr
an. Er hatte in seinem Leben mancherlei Leute kennen gelernt, selbst
solche wie wir, lieber Leser, sie wohl nie zu sehen bekommen. Aber einem
hnlichen Wesen war er noch nie begegnet. An seinem Gesichte war nichts
Besonderes zu bemerken. Es unterschied sich kaum von dem der meisten
hagern alten Leute; nur das Kinn sprang etwas weit vor, und er mute es
immer mit einem Taschentuch bedecken, um es nicht mit seinem Speichel zu
befeuchten. Die kleinen uglein waren noch nicht erloschen und bewegten
sich unter den buschigen Augenbrauen hin und her wie zwei Muschen, wenn
sie die zierlichen Schnuzchen aus dem finsteren Loche stecken, die
Ohren spitzen, mit ihren feinen Schnurrbarthrchen spielend,
hinauslugen, ob nicht irgendwo ein Kater oder ein mutwilliger Knabe
versteckt liegt und argwhnisch in der Luft herumschnffeln. Das Kostm
war noch interessanter. Es wre eine vergebliche Bemhung gewesen,
herauskriegen zu wollen, woraus sein Schlafrock eigentlich
zusammengeflickt war: die rmel und die Kragensche waren so schmutzig
und glnzend, da sie dem Juchtenleder glichen, aus dem man Stiefel
macht; hinten baumelten ihm statt zweier vier Rocksche hinunter, aus
denen das Futter sich in Knueln ans Tageslicht drngte. Um den Hals
hatte er auch ein undefinierbares Etwas geschlungen, von dem man nicht
sagen konnte, ob es ein alter Strumpf, eine Leibbinde oder eine Bandage
war. Ein Halstuch war es jedenfalls nicht. Mit einem Wort, htte ihn
Tschitschikow in diesem Aufzug vor irgend einer Kirche getroffen, er
htte ihm sicherlich einen Kupfergroschen gereicht; denn, zur Ehre
unseres Helden sei es gesagt, er hatte ein sehr mitleidiges Herz und
konnte sich niemals enthalten, einem armen Mann eine Kupfermnze zu
reichen. Aber der Mensch, der vor ihm stand, war kein Bettler, sondern
ein vornehmer Gutsherr. Und dieser Gutsherr besa mehr als tausend
Seelen, ja man htte lange nach einem zweiten suchen knnen, der soviel
Getreide, Mehl und Ackerfrchte in seinen Speichern barg, dessen
Vorratskammern, Scheuern und Tennen gleich vollgepfropft waren mit Tuch
und Leinewand, rohen und gegerbten Schafsfellen, getrockneten Fischen,
mancherlei Gemsearten und Frchten. Man brauchte blo einen Blick in
seinen Hof zu werfen, wo Holz aller Art und allerhand Geschirr
aufgestapelt lagen, welches nie verwendet wurde -- und man htte sich
auf den Moskauer Holzmarkt versetzt geglaubt, wo sich tglich die
geschftigen Schwiegermtter und Basen versammeln, begleitet von ihren
Kchinnen, um ihre Einkufe zu machen, und wo uns ganze Berge von
geschnitztem, gedrechseltem, geflochtenem und verzahntem Holze
entgegenschimmern: Fsser, Bottiche, Teereimer, Kannen mit und ohne
Maul, Wannen, Krbe, Hechelbretter, durch welche die Frauen ihren Flachs
und anderes Zeug ziehen, Kstchen aus dnnem, gebogenem Espenholz,
Krbchen aus geflochtener Birkenrinde und noch vieles, vieles andere zum
Bedarf des reichen und armen Russenlandes. Man htte meinen sollen, wozu
brauchte Pluschkin eine solche Unmenge verschiedenartigster Erzeugnisse?
Selbst zwei so groe Gter, wie das seine, htten mehrere Menschenalter
lang keine Verwendung fr sie gefunden. Ihm aber war auch das noch nicht
genug. Unzufrieden ging er alltglich durch die Straen seiner Drfer
und blickte unter Brcken und Stege und alles, was ihm in den Weg kam:
eine alte Schuhsohle, irgend ein Fetzen eines alten Kleiderstcks, ein
eiserner Nagel, eine Dachziegelscherbe -- alles trug er mit sich fort
und warf es auf jenen Haufen, den Tschitschikow in dem Winkel des
Zimmers bemerkt hatte. Da geht unser Fischer wieder auf die Jagd,
pflegten die Bauern zu sagen, wenn sie ihn beutelstern nach allen
Seiten aussphen sahen. Und in der Tat: die Strae brauchte man hinter
ihm nicht mehr zu fegen; hatte ein vorberfahrender Offizier einen
seiner Sporen verloren -- eh man sich's versah, lag sie auf dem Haufen;
hatte ein Weib in ihrer Bldigkeit einen Eimer am Brunnen stehen lassen,
-- flugs schleppte er auch schon den Eimer mit sich fort. brigens, wenn
ein Bauer ihn dabei ertappte, dann widersetzte er sich nicht lange und
lieferte den geraubten Gegenstand gutwillig wieder aus; aber lag dieser
einmal im Haufen, dann war alles vorbei: er schwur und rief Gott zum
Zeugen an, da er das Ding dann und dann, und da und da gekauft, oder
wohl gar von seinem Grovater geerbt habe. War er bei sich zu Hause,
dann hob er alles auf, was auf dem Fuboden lag: ein Stckchen
Siegellack, einen Papierfetzen, eine Feder, und legte alles auf das
Schreibpult oder auf die Fensterbank.

Und doch gab es eine Zeit, wo er nur ein _sparsamer Hausherr_ gewesen
war! Auch _er_ war einst ein braver Ehemann und Familienvater, und seine
Nachbarn besuchten ihn, um bei ihm zu Mittag zu speisen, die Kunst des
Haushalts und weise Sparsamkeit von ihm zu lernen. Damals flo das ganze
Leben noch rasch und wohlgeordnet dahin: die Mhlen und Walzen
klapperten lustig, die Tuchfabriken, die Drechselbnke und Websthle
arbeiteten unermdlich; in alle Ecken und Winkel des gerumigen
Landgutes drang das scharfblickende Auge des Herrn und glitt wie eine
fleiige Spinne besorgt und geschftig von einem Ende des
Wirtschaftsnetzes zum andern. In seinem Antlitz spiegelten sich freilich
niemals allzu starke Leidenschaften und Gefhle, aber aus seinem Auge
blitzte ein heller Verstand, aus seinen Reden sprachen Erfahrung und
Weltkenntnis, und seine Gste hrten ihm gerne zu; die liebenswrdige
redselige Hausfrau war berhmt wegen ihrer Gastfreundschaft; zwei
liebliche Tchter begrten den Ankmmling, beide blond und frisch, wie
junge Rosen, der Sohn, ein lebhafter, munterer Junge kam ihm
entgegengesprungen, und kte den Gast, ohne viel danach zu fragen ob es
diesem angenehm war, oder nicht. Alle Fenster im Hause standen offen. Im
Zwischenstock wohnte der franzsische Gouverneur, welcher stets gut
rasiert war und fr einen glnzenden Schtzen galt: jeden Tag brachte er
ein Birkhuhn oder ein paar Enten, oder zuweilen gar einige Sperlingseier
zum Mittagessen mit, aus denen er sich einen Eierkuchen backen lie, den
auer ihm kein Mensch im ganzen Hause a. Im selben Stock wohnte auch
eine Landsmnnin von ihm, die Gouvernante der beiden Mdchen. Der
Hausherr selbst erschien immer in einem schwarzen Rock, der zwar schon
ein wenig abgetragen, aber stets ordentlich und sauber war, zu Tische;
die Ellenbogen waren noch nicht durchgerieben, und er war auch noch
nicht geflickt. Aber die gute Hausfrau starb, und ein Teil der Schlssel
und der kleinen Sorgen fielen von nun ab ihm zu. Pluschkin wurde
unruhig, geizig und argwhnisch, wie alle Witwer. Auf seine lteste
Tochter Alexandra Stepanowna wollte er sich nicht in allem verlassen,
und darin hatte er recht, denn Alexandra Stepanowna lief bald darauf mit
einem Stabsrittmeister irgend eines Kavallerieregiments davon und lie
sich in aller Eile in einer Dorfkirche mit ihm trauen, da sie wute, da
der Vater die Offiziere nicht leiden konnte: er hatte nmlich das
merkwrdige Vorurteil, sie seien alle Spieler und Verschwender. Der
Vater sandte ihr seinen Fluch nach, aber es fiel ihm nicht ein, ihr
nachzureisen und sie zurckzuholen. Das Haus wurde von nun ab noch
leerer und der. Der Geiz des Besitzers trat immer offener zutage; die
ersten grauen Haare, die bei ihm aufblitzten, die treuen Begleiter der
Habsucht, begnstigten noch ihre Entwickelung. Der franzsische
Hauslehrer erhielt seinen Abschied, weil der Sohn in den Staatsdienst
treten sollte; Madame wurde weggejagt, weil sie nicht ganz unbeteiligt
an der Entfhrung Alexandra Stepanownas war. Der Sohn, den der Vater in
die Provinzhauptstadt geschickt hatte, um ihn hier den Staatsdienst
grndlich kennen lernen zu lassen -- nmlich wie der Vater ihn verstand
-- trat in ein Regiment ein, und schrieb dem Vater einen Brief, in dem
er ihn -- bereits nachdem er Offizier geworden war -- um Geld fr die
Uniformierung bat; natrlich erhielt er hierauf nur das, was man im
Volke eine Nase zu nennen pflegt. Schlielich starb auch noch die letzte
Tochter, die bei Pljuschkin im Hause lebte, und der Alte blieb
mutterseelenallein auf dieser Welt zurck als Hter, Wchter und
alleiniger Besitzer all seiner Reichtmer. Das einsame Leben gab der
Habsucht neue, reiche Nahrung, denn der Geiz hat bekanntlich einen
rechten Wolfshunger und wird nur um so unersttlicher, je mehr er
verschlingt: die menschlichen Regungen, die ja ohnedies nicht allzutief
in ihm wurzelten, wurden beinahe stndlich leichter und flacher, und
jeder Tag brckelte von dieser verfallenen Ruine noch ein weiteres
Stckchen ab. In solch einem Augenblicke geschah es, da der Sohn, wie
absichtlich, um die schlechte Meinung des Vaters vom Offiziersstand noch
zu besttigen, sein ganzes Vermgen im Kartenspiele verlor; da sandte
ihm Pljuschkin seinen aufrichtigen vterlichen Fluch, und von da ab
kmmerte er sich berhaupt nicht um ihn, und interessierte sich nicht
mehr dafr, ob er noch auf der Welt sei oder nicht. Jedes Jahr wurde ein
neues Fenster im Gutshause verschlossen oder zugenagelt, bis schlielich
nur noch zwei brig blieben, von denen eins, wie der Leser schon gehrt
hat, mit Papier verklebt wurde; jedes Jahr verlor er ein neues richtiges
Stck von seinem Haushalt aus dem Auge, und sein enger Blick wandte sich
immer mehr allerhand Zettelchen und Federchen zu, die er in seinem
Zimmer vom Fuboden auflas; er wurde immer unzugnglicher und
unnachgiebiger gegen die Kufer, welche angereist kamen, um ihm etwas
von seinen landwirtschaftlichen Produkten abzukaufen; sie handelten und
feilschten mit ihm, gaben ihn endlich ganz auf und erklrten, dies sei
ein Teufel und kein Mensch; sein Heu und sein Korn verfaulten, seine
Vorrte und Heuschober verwandelten sich in reinen Dnger, es fehlte
blo, da man auf ihnen Kohl pflanzte; das Mehl in den Kellerrumen
wurde hart wie Stein, so da man es mit dem Hammer zerklopfen mute; die
Leinwand, die Wolle und die zu Hause gewebten Stoffe durfte man gar
nicht berhren, wenn sie sich nicht in Staub auflsen sollten.
Pljuschkin wute selbst nicht mehr recht, was er alles besa; das
einzige, dessen er sich noch erinnerte, war: ein Regal im Schrank, -- wo
eine Karaffe mit irgend einem Likrrest stand, auf der er ein Zeichen
eingeritzt hatte, damit sich nur niemand etwas vom Inhalt aneigne, --
und ein Platz, wo eine Feder oder ein Stckchen Siegellack lag. Die
Einknfte aber liefen ein wie frher! Der Bauer mute nach wie vor
seinen Zins bezahlen, die Weiber hatten noch immer dieselbe Ration Nsse
abzuliefern, die Weberin war noch immer verpflichtet, eine bestimmte
Menge ihres Ertrages an Gewebe dem Herrn abzugeben. Das wurde alles in
den Vorratskammern aufgespeichert, wo es verfaulte und sich in Schutt
verwandelte, und auch er wurde schlielich zu einem menschlichen
Schutthaufen. Alexandra Stepanowna besuchte ihn ein paar Male mit ihrem
kleinen Shnchen, in der Hoffnung, etwas von ihm herauszubekommen; das
Nomadenleben mit dem Stabsrittmeister war offenbar doch nicht so
reizvoll, wie es ihr vor der Hochzeit erschienen war. Pljuschkin verzieh
ihr und schenkte dem kleinen Enkel sogar einen Knopf zum Spielen, der
gerade auf dem Tische lag, aber mit Geld wollte er nicht herausrcken.
Ein andres Mal kam Alexandra Stepanowna mit zwei Kindern angefahren und
brachte ihm einen Stollen zum Tee mit, sowie einen neuen Schlafrock,
weil der Vater einen solchen Schlafrock trug, da es nicht nur peinlich,
sondern geradezu eine Schande war, ihn anzusehn. Pljuschkin liebkoste
und streichelte beide Enkelkinder, setzte einen auf sein rechtes und den
andern auf sein linkes Knie, und lie sie auf- und niederhopsen, wie
wenn sie auf einem Pferde sen; den Stollen und den Schlafrock nahm er
dankbar an, ohne jedoch der Tochter ein Gegengeschenk zu machen, so da
Alexandra Stepanowna unverrichteter Sache zurckkehren mute.

So also war der Mann, der jetzt vor Tschitschikow stand! Man mu
zugeben, da solche Gestalten einem in Ruland nicht allzuoft begegnen,
wo sich der Mensch eher auszubreiten und zu entfalten, als
zusammenzuziehen und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung
setzt einen um so mehr in Erstaunen, als man gleich daneben in der
nchsten Nachbarschaft einen Gutsbesitzer treffen kann, der sein Leben
mit jenem breit ausladenden Elan geniet, und sein Hab und Gut mit jener
vornehmen Groartigkeit bis auf den letzten Heller verschwendet, die den
Russen nun einmal auszeichnen. Ein Reisender, der noch nicht viel von
der Welt gesehen hat, wrde beim Anblick eines solchen Herrensitzes
stutzig werden und sich fragen, wie es nur mglich sei, da ein so
mchtiger Prinz mitten unter diese kleinen unscheinbaren Bauern geraten
sei: schier wie Palste ragen seine weischimmernden steinernen Huser,
mit ihren zahlreichen Schornsteinen, Aussichtstrmen und Seitenflgeln,
die von einer ganzen Schar von Nebengelassen und Wohnrumen fr die
Besucher und Gste umgeben sind. Was gibt es da nicht alles! Theater,
Blle, Maskenfeste, die ganze Nacht hindurch liegt der feenhaft
illuminierte Garten im bunten Laternenglanze da, und rauschende Musik
erfllt die Luft. Die halbe Provinz lustwandelt in reichem Festtagsputze
unter den Bumen, niemand merkt und empfindet etwas von der wilden
drohenden Disharmonie dieser gewaltsamen Helligkeit, wenn aus dem
Baumdickicht von falschem Lichte beleuchtet sich pltzlich ein Ast
theatralisch hervorstreckt; kahl ragen seine des lichten Bltterschmucks
beraubten Arme in die Lfte, hoch oben ber allem breitet sich noch
ernster fast und dunkler und furchtbarer als sonst, der nchtliche
Himmel, und tief hinein in ewige Finsternis flchten die rauhen Wipfel
der Bume und grollen ob des Flitterglanzes, der ihre Wurzeln bestrahlt.

Schon mehrere Minuten stand Pljuschkin schweigend da, ohne ein Wort zu
sagen; auch Tschitschikow wollte es nicht gelingen, ein Gesprch
einzuleiten, da er durch den Anblick seines Wirtes und der ganzen
seltsamen Umgebung immer wieder von seinem Vorhaben abgelenkt wurde. Es
wollte ihm lange nichts einfallen, mit welchen Worten er seinen Besuch
motivieren sollte. Es kam ihm schon der Gedanke, etwa folgendes
zu sagen: da er von den Tugenden und den ausgezeichneten
Charaktereigenschaften Pljuschkins gehrt habe, habe er es fr seine
Pflicht gehalten, ihm persnlich einen Beweis seiner Achtung zu geben;
aber er besann sich noch zur rechten Zeit und sagte sich, da das denn
doch zu weit gegangen wre. Er warf noch einen verstohlenen Blick auf
die ganze Zimmereinrichtung, und hatte die Empfindung, da die Worte
Tugend und seltene Charaktereigenschaften mit Erfolg durch die Worte
Sparsamkeit und Ordnungsliebe ersetzt werden knnten; so verbesserte er
denn seine Rede in dem angegebenen Sinne, und sagte: da er von der
Sparsamkeit und der vortrefflichen Verwaltung der Pljuschkinschen Gter
gehrt habe, habe er es fr seine Pflicht gehalten, ihn nher kennen zu
lernen und ihm persnlich den Ausdruck seiner Hochachtung zu Fen zu
legen. Es wre selbstverstndlich mglich gewesen noch einen anderen
besseren Grund anzufhren, aber es wollte ihm, wie gesagt, durchaus
nichts Hbscheres einfallen.

Pljuschkin murmelte etwas, wobei er nur die Lippen bewegte, -- denn er
hatte keine Zhne mehr --; was er eigentlich sagen wollte, lt sich
nicht mit Bestimmtheit angeben, wahrscheinlich aber hatten seine Worte
etwa folgenden Sinn: Wenn du doch zum Teufel gingest, mit deiner
Hochachtung! Aber da bei uns die Gastfreundschaft fr eine der ersten
Pflichten und Tugenden gehalten wird, soda selbst der Geizhals ihre
Gesetze nicht ungestraft bertreten darf, so fgte er etwas deutlicher
hinzu: Bitte nehmen Sie geflligst Platz!

Es ist schon sehr lange her, da ich keine Gste mehr empfangen habe,
sagte er, wenn ich offen sein soll, kommt auch wenig dabei heraus. Da
haben die Leute die hchst berflssige und unsinnige Mode eingefhrt,
sich gegenseitig Besuche zu machen -- und dann wundert man sich noch,
da zu Hause alles drunter und drber geht ... dazu mu man auch noch
immer Heu fr die Pferde bereit halten! Ich habe schon lngst zu Mittag
gespeist, meine Kche ist auch so niedrig und hlich, und der
Schornstein ist ganz eingefallen: ich darf den Herd gar nicht anheizen,
damit es kein Schadenfeuer gibt.

Steht es so! dachte Tschitschikow, gut, da ich bei Sabakewitsch ein
Stck Quarkkuchen und einen Happen Lammfilet gegessen habe!

Denken Sie blo, was fr ein Pech! Wenn ich nur einen Bschel Heu im
Hause htte! fuhr Pljuschkin fort. Und in der Tat, woher soll man es
blo nehmen? Ich habe nur wenig Land, der Bauer ist faul, liebt nicht zu
arbeiten und denkt nur immer an die Schenke ... man mu sich in acht
nehmen, da man auf seine alten Tage nicht noch betteln gehen mu!

Man hat mir aber doch gesagt, wandte hier Tschitschikow bescheiden
ein, da Sie mehr als tausend Seelen haben!

Wer hat Ihnen das gesagt, Sie htten dem Kerle ins Gesicht spucken
sollen, der solche Gerchte verbreitet, Vterchen! Das ist wohl ein
Spavogel, der sich ber Sie lustig machen wollte. Da sagt man: tausend
Seelen, aber wenn man nachrechnet, dann bleibt nicht viel brig! Im
vergangenen Jahr sind mir durch das verdammte Fieber ein ganzes Schock
Bauern weggestorben.

Wahrhaftig? Sind es wirklich so viele, rief Tschitschikow teilnehmend
aus.

O ja, sehr viele!

Und darf ich fragen, wie viele?

An die achtzig Mann!

In der Tat?

Ich lge nicht, Vterchen!

Und darf ich mir noch eine Frage erlauben? Diese Zahl bezieht sich doch
auf die ganze Zeit nach der letzten Revision?

Das wre ja noch gut! sagte Pljuschkin, _so_ gerechnet sind es noch
viel mehr: etwa hundert und zwanzig Seelen!

Wirklich? Ganze hundert und zwanzig? rief Tschitschikow aus und ri
sogar den Mund vor Verwunderung auf.

Ich bin schon zu alt, um noch zu lgen, Vterchen: ich bin schon ber
die sechzig hinaus! sprach Pljuschkin, der sich durch Tschitschikows
beinahe freudigen Ausruf gekrnkt zu fhlen schien. Tschitschikow sah
ein, da eine solche Klte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes Leid in
der Tat nicht schn sei, daher stie er schnell noch einen Seufzer aus
und uerte sein Bedauern.

Ihr Bedauern ntzt mir leider nichts! Ich kann es doch nicht in den
Beutel stecken! sagte Pljuschkin. Sehen Sie, da wohnt neben mir ein
Hauptmann. Wei der Teufel, wie der hier hereingeschneit ist. Will ein
Verwandter von mir sein: das geht immer Onkelchen hin, Onkelchen her,
und dabei kt er mir stets die Hand; wenn der anfngt einem seine
Teilnahme zu uern, dann erhebt er ein wahres Geheul, da man sich rein
die Ohren zuhalten mchte. Der Mann hat ein ganz blaurotes Gesicht, er
liebt wohl die Branntweinflasche zu sehr. Wird sein Geld beim Regiment
durchgebracht haben, oder irgend eine Schauspielerin hat es ihm aus der
Tasche gelockt. Das wird der Grund sein, warum er so mitleidig ist!

Tschitschikow versuchte ihm zu erklren, da seine Teilnahme ganz
anderer Art als die des Hauptmanns, und da er bereit sei, sie nicht
allein mit Worten sondern auch durch die Tat zu beweisen; er schob daher
die Sache nicht lnger auf und erklrte ohne alle Umschweife seine
Bereitwilligkeit, die schwere Pflicht der Steuerzahlung fr smtliche
Bauern, die durch einen so unglcklichen Zufall hinweggerafft worden
wren, auf sich nehmen zu wollen. Dieses Angebot brachte Pljuschkin
anscheinend vllig aus der Fassung. Seine Augen quollen hervor und
starrten ihr Gegenber lange Zeit unverwandt an. Endlich sagte er:
Waren Sie etwa beim Militr?

Nein! antwortete Tschitschikow schlau ausweichend, ich war nur im
Zivildienst ttig.

Im Zivildienst! wiederholte Pljuschkin und kaute dabei an seinen
Lippen, wie wenn er einen Bissen im Munde htte. Ja, wie denn nur? Das
wre ja doch nur zu Ihrem eigenen Schaden.

Ihnen zu Gefallen wrde ich selbst diesen Schaden auf mich nehmen.

Ach, Vterchen! Ach, du mein Wohltter! rief Pljuschkin aus, ohne in
seiner Freude zu merken, da ihm ein Stckchen Schnupftabak wie dicker
Kaffeesatz aus der Nase quoll, was keinen gerade malerischen Anblick
bot, und da die zurckgeschlagenen Sche seines Schlafrockes die
Unterkleidung sehen lieen, welche auch nicht appetitlich anzuschauen
war. Sie tun ein gutes Werk an einem armen Greise! O, du mein Gott, du
mein Heiland! Mehr brachte Pljuschkin nicht heraus. Aber es verging
keine Minute, als die Freude, die so pltzlich in den erstarrten Zgen
aufgeleuchtet war, ebenso schnell wieder verlosch, ohne eine Spur zu
hinterlassen, und sein Gesicht nahm wieder den alten besorgten Ausdruck
an. Er wischte es sich sogar mit dem Taschentuch ab, ballte es zu einem
Klumpen zusammen und rieb sich damit die Oberlippe.

Wollen Sie denn wirklich -- ich mchte Sie unter keinen Umstnden
erzrnen -- mit Verlaub zu sagen, jedes Jahr diese Steuern bezahlen? Und
soll _ich_ oder die Krone das Geld erhalten?

Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir schlieen einen
Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie noch am Leben wren und Sie sie
mir verkauft htten.

Ja, einen Kaufkontrakt ... sagte Pljuschkin, wurde ein wenig
nachdenklich und begann wieder an seinen Lippen zu kauen. Sie sagen,
einen Kaufkontrakt -- das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten beim
Gericht sind so unverschmt! Frher waren sie schon mit einem halben
Rubel in Kupfer und einem Sack Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber
verlangen sie gleich eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen
als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich begreife garnicht,
da das niemand an die ffentlichkeit bringt. Wenn man ihnen doch
wenigstens eine Moralpredigt halten wollte. Mit einem guten Wort kann
man schlielich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was man will: einer
tchtigen Moralpredigt widersteht niemand!

Na na, du wrdest ihr gewi widerstehen, dachte Tschitschikow; aber er
fgte gleich darauf laut hinzu, da er aus persnlicher Hochachtung fr
ihn bereit sei, auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen.

Als Pljuschkin hrte, da sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages
zu bernehmen gedenke, schlo er hieraus, da er ein vollendeter Narr
sein msse, und sich blo so _anstelle_, als ob er im Zivildienst
gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich
mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es
jedoch nicht, seine Freude zu unterdrcken und berhufte den Gast mit
allerhand Segenswnschen fr ihn selbst und seine Kinder, ohne sich
brigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans
Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: Heh!
Proschka! Gleich darauf hrte man, wie jemand atemlos ber den Flur
rannte, sich dort geruschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln
aufstampfte. Endlich tat sich die Tre auf und Proschka, ein
dreizehnjhriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an,
da er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich
so groe Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin
besa fr seine smtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer
im Vorzimmer stehen muten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen
Gemcher beordert wurde, mute erst quer ber den ganzen Hof einen Tanz
ausfhren, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um
in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers
entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fubekleidung und trat den
Rckweg auf seinen hchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit
und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus
dem Fenster geblickt htte, so htte er sich des schnen Anblicks
erfreuen knnen, was fr prchtige Sprnge Pljuschkins Diener
vollfhrten.

Sehen Sie nun diese Visage, Vterchen, sagte Pljuschkin zu
Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. Der Kerl
ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie blo etwas liegen,
schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel?
Ja, was denn nur? Hier machte er eine kleine Pause, whrend der
Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. Stell den Samowar auf!
Hrst du? Hier hast du den Schlssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie
soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback
von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll
sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du
ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hr mich doch
erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein
bissel mit dem Messer abschaben; aber da sie mir die Krumen nicht
wegwirft! Die mssen fr die Hhner brig bleiben. Und da du mir nicht
mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt's was mit der Birkenrute,
verstehst du? da du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so
einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir
nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier
vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen, fuhr er fort,
indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen
Siebenmeilenstiefeln bereits in der Tre verschwunden war. Hierbei warf
er einen argwhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer
geradezu unerhrten Gromut und Groherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich
und verdchtig vor, und er dachte sich: Wei der Teufel, vielleicht ist
er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender!
Lgt einem was vor, um ein Stndchen zu verplaudern und ein paar Tassen
Tee zu trinken und macht dann, da er fortkommt! Er sagte daher teils
aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fhlen, da es
nicht bel wre, den Kaufvertrag so bald als mglich abzuschlieen, denn
der Mensch sei ein gar unzuverlssiges und gebrechliches Ding: heute
rot, morgen tot.

Tschitschikow erklrte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu
unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis smtlicher Bauern.

Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, da er irgend einen
Plan berdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlsselbund hervor,
nherte sich dem Schrank, ffnete ihn, suchte lange unter den Glsern
und Schalen herum und rief schlielich aus: Jetzt kann ich ihn nicht
finden; ich hatte da doch einen feinen Likr; wenn die Bande ihn nur
nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen.
Ah da ist er schon? Tschitschikow bemerkte in seinen Hnden eine kleine
Karaffe, die in einer Staubhlle steckte wie in einem Trikothemd. Der
stammt noch von meiner seligen Frau her, fuhr Pljuschkin fort, die
Schlieerin, diese Spitzbbin hat ihn hier stehen lassen und sich
berhaupt nicht mehr um ihn gekmmert, nicht einmal zugekorkt hat sie
ihn, die Kanaille! Wei Gott was fr Wrmer und Fliegen und sonstiger
Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt
ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Glschen einschenken.

Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und
bemerkte, da er schon gegessen und getrunken habe.

Schon gegessen und getrunken! sagte Pljuschkin. Freilich, freilich.
Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er
hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man
fttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der
angefahren kommt, dann heit es gleich: >Onkelchen, haben Sie nicht
etwas zu essen?< Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein
Grovater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen,
darum treibt er sich berall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis
von all diesen Faulenzern? Natrlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie
alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel
geschrieben, um sie bei der nchsten Revision gleich streichen zu
lassen. Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren
herumzuwhlen. Dabei lste er die Schnur von so manchem Pckchen und
warf die Papiere so durcheinander, da eine Staubwolke dem Gaste in die
Nase stieg, und dieser niesen mute. Endlich zog er einen Zettel hervor,
der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so
dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es
einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar
ein gewisser Grigorij Immerlangsamvoran aus der ganzen Menschenflut
hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig.
Tschitschikow lchelte unwillkrlich als er diese stattliche Zahl
bersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklrte Pljuschkin, er
werde wohl zum Abschlu des Kaufes nach der Stadt fahren mssen.

Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht
sich selbst berlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und
Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, da ich keinen Nagel
mehr brig behalte, an dem ich meinen Rock aufhngen knnte.

Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?

Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen
nichts mehr von mir wissen. Ach ja, _doch_, Vterchen! Wie denn
nicht! Natrlich habe ich einen, rief er pltzlich aus. Der
Gerichtsprsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich frher oft
besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund.
Wie oft sind wir zusammen ber so manchen Zaun geklettert. Keinen
Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich knnte doch an
ihn schreiben?

Aber natrlich.

Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!

Und ber das erstarrte Gesicht huschte pltzlich etwas wie ein warmer
Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz
eines Gefhls belebte die toten Zge; wie wenn auf der Oberflche eines
Gewssers ganz pltzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und
nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber
vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brder das rettende
Seil aus und warten ungeduldig darauf, da sich eine Schulter oder der
vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke -- er war zum
letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird's ringsumher, und
schrecklicher noch, und der erscheint jetzt die glatte ruhige Flche
des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der
Schimmer eines Gefhls darber hinweggeglitten war, fast noch klter,
gemeiner und gefhlloser.

Auf dem Tisch lag doch ein Stckchen reines Papier, sagte er, aber
ich wei nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von
Dienstboten! -- Und er guckte _unter_ den Tisch und _auf_ den Tisch,
kramte berall herum und rief schlielich: Mawra, he! Mawra! Auf sein
Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem
Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes
Gesprch zwischen beiden:

Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?

Bei Gott, gndiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, auer dem
Stckchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben.

Man sieht dir's ja an den Augen an, da du es stibitzt hast.

Wie kme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wte doch nichts damit
anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben.

Das lgst du, du hast es zum Kster hingetragen, das ist ein
Tintenklexer, dem wirst du's wohl gegeben haben.

Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Kster
hat Ihren Papierfetzen berhaupt nicht zu sehen bekommen!

Warte nur! Die Teufel werden dir beim jngsten Gericht tchtig zusetzen
mit ihren eisernen Halseisen. Pa einmal auf, wie die dich plagen
werden!

Wofr sollten sie mich denn qulen, wenn ich doch das Papierstckchen
garnicht in der Hand gehabt habe. Sie knnen mir jede andere weibliche
Schwche vorwerfen, aber da ich stehle, das hat mir noch niemand
gesagt.

Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du
dafr, da du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich
mit ihren glhenden Zangen zwacken!

Dann werd' ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin
unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem
unntze Vorwrfe!

Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen
Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: Na was regst du dich
denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie
kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh', bring mir etwas
Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir
womglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er,
und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!

Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm
die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in
den Fingern hin und her; er berlegte wohl, ob er nicht noch die Hlfte
davon abschneiden knne, aber schlielich sah er wohl ein, da das nicht
ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfa, das mit einer
verschimmelten Flssigkeit angefllt war, in der eine Menge Fliegen
herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die
groe hnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mute
fortwhrend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in
bermtigen Sprngen erging. ngstlich fgte er Zeile an Zeile mit dem
lebhaften Bedauern, da trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen
ihnen brig blieb.

Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbrmlichkeit
konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat
das berhaupt noch den Schein der Wahrheit? -- Jawohl! -- Es gibt
berhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen
geschehen! Ein feuriger Jngling von heute wrde vielleicht mit
Entsetzen zurckprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen
Greisenalters vorhielte. O, htet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr
heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste hrtende
Mannesalter -- o, htet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet,
verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder!
Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es
liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurck. Das Grab selbst
ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift
stehen: hier liegt ein Mensch begraben. Aber kein Schriftzeichen
belebt die kalten gefhllosen Zge des menschlichen Alters.

Haben Sie nicht vielleicht einen Freund, sagte Pljuschkin, whrend er
den Brief zusammenfaltete, der flchtige Bauern brauchen knnte?

Haben Sie auch flchtige? fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem
Traume erwachend.

Das ist es ja gerade, da ich welche habe. Mein Schwager hat schon
Erkundigungen eingezogen, und sagt, er htte gar keine Spur von ihnen
entdecken knnen; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen
klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemhen wollte, so
....

Und wieviel werden's wohl sein?

So an die siebzig Mann, mindestens.

Wahrhaftig?

Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne da mir ein paar davonlaufen. Die
Leute sind heutzutage alle so unmig; tun den ganzen Tag nichts und
wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ...
Wahrhaftig ich wrde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens
doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er
ein hbsches Smmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die
fnfhundert Rubel wert.

Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen! dachte
Tschitschikow, und erklrte, da er leider keinen solchen Freund bese,
und da allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen wrden; die
Gerichte hlt man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da mu man ja
selbst noch die Rocksche hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich
in einer so bedrngten Lage befnde, dann sei er, Tschitschikow, aus
Sympathie fr ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das
sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert
sei.

Und wieviel wrden Sie geben? fragte Pljuschkin, der vor Habgier
bebte, und seine Hnde zitterten wie Espenlaub.

Ich knnte fnfundzwanzig Kopeken pro Stck anlegen.

Und zahlen Sie bar?

Ja, Sie knnen das Geld gleich bekommen.

Hren Sie Vterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie knnten mir
wirklich vierzig Kopeken geben.

Verehrtester, ich wrde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern
selbst fnfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem grten Vergngen,
denn ich sehe, da ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner
Gutmtigkeit Not leidet.

Ja, nicht wahr! Bei Gott! sagte Pljuschkin, lie den Kopf hngen und
schttelte ihn heftig. Das macht alles die Gutmtigkeit.

Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte
ich nicht fnfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht
vermgend; fnf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet
jede Seele rund dreiig Kopeken.

Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Vterchen!

Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch,
sagten Sie nicht siebzig?

Nein, es sind sogar achtundsiebzig.

Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreiig Kopeken, das macht ... hier
dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick lnger nach
und sagte, das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken! Er
war sehr stark in der Arithmetik. Dann lie er Pljuschkin die Quittung
schreiben und hndigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Hnden
ergriff und mit ngstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als
hielte er in seinen Hnden eine Flssigkeit, die er jeden Augenblick zu
verschtten frchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die
Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der
Schubfcher, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp
und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen
Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des
Schwiegersohnes -- und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit
ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen
hatte, lie er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien,
einen neuen Gesprchsstoff finden zu knnen.

Wie, Sie wollen schon fahren, sagte er, als er Tschitschikow, der im
Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen
sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, da es in der Tat zwecklos sei,
sich hier noch lnger aufzuhalten. Ja, es ist Zeit! sprach er und
griff nach dem Hute.

Wollen Sie denn keinen Tee?

Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum
Tee vor.

Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn
ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein
teures Getrnk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhrt
gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den
Zwieback bringst du der Mawra! Hrst du? Sie soll ihn wieder auf den
alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon
selbst hintragen. Leben Sie wohl, Vterchen; Gott segne Sie! Und den
Brief geben Sie dem Gerichtsprsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen!
Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.

Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwrdig
eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow
davongefahren war, lie Pljuschkin das Tor sofort schlieen. Dann
schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu
berzeugen, ob auch alle Wchter an ihrem Platze seien, die an jeder
Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Fa statt auf eine
Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Kche, sah dort
nach, ob auch das Essen fr die Dienstboten gut und schmackhaft
zubereitet sei, was fr ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst
grndlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schlielich
noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Auffhrung tchtig
gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein
Zimmer zurck. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die
Idee, sich dem Gast gegenber fr dessen beispiellosen Edelmut
erkenntlich zu erweisen: Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk
machen, dachte er -- es ist doch eine schne silberne Uhr, und nicht
etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er
kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht
eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder
nein! -- fuhr er nach einigem Nachdenken fort: ich will sie ihm lieber
vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich
spter noch meiner erinnert.

Aber unser Held war auch ohne Uhr in hchst vergngter Stimmung. Eine so
unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen
lie sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen,
sondern auch noch einige Dutzend flchtige dazu: zusammen etwa
zweihundert Stck! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als
er sich Pljuschkins Landgute nherte, da es hier was zu verdienen geben
wrde, aber auf ein so gutes Geschft hatte er nicht gerechnet. Den
ganzen Weg ber war er auergewhnlich lustig, pfiff und sang vor sich
hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in
eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam
und sonderbar klang, da selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf
schttelte und sagte: Sieh mal an, wie mein Herr singen kann! Es war
schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt nherten. Licht und Finsternis
gingen vollkommen ineinander ber, und alle Gegenstnde schienen
zusammenzuflieen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte
undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der
Schnurrbart hoch ber den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien
berhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Rder und die
Luftsprnge, die die Equipage machte, lieen erkennen, da man sich
bereits wieder auf der gepflasterten Strae befand. Die Laternen waren
noch nicht angezndet, hie und da blitzte in den Fenstern der Huser ein
Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten
Vorgnge ab; man hrte es munkeln und flstern, was um die nchtlichen
Stunden in Stdten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten,
Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von
Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strmpfe, die an den
Straenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermuse. Aber Tschitschikow
bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit
Spazierstckchen in der Hand wohl von einer Promenade auerhalb der
Stadt zurckkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von
weiblichen Stimmen herzurhren schienen: Das lgst du, du bist wohl
besoffen; ich htte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt! oder du
suchst wieder Hndel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will
ich dir's schon zeigen. Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein
Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjhrigen Jngling wirken,
wenn er aus dem Theater zurckkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle
Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem
Kopfe trgt. Welch wundersame Trume, welche tollen Phantasien wirbeln
in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu
schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab -- da
schlagen pltzlich jene verhngnisvollen Worte wie ein Donnerschlag
neben ihm ein, er fhlt sich wieder auf die Erde zurckversetzt, ja
sogar auf den Heumarkt in die nchste Nhe einer Schenke, und aufs
neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue de.

Endlich machte der Wagen noch einen krftigen Satz und tauchte wie in
einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka
empfangen, welcher, einen seiner Rocksche in der einen Hand haltend --
denn er liebte es nicht, da die Sche sich entzweiten -- mit der
anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer
Kerze, die Serviette ber die Schulter geworfen, angelaufen. Es lt
sich nicht sagen, ob Petruschka ber die Ankunft seines Herrn sehr
erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verstndnisinnig
mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein
wenig zu erhellen.

Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht, sagte der
Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete.

Ja, sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. Und wie gehts bei
euch?

Gottlob! antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. Gestern ist ein
Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.

Ein Leutnant?

Ich wei nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.

Schn, schn! Benimm dich auch fernerhin gut! sagte Tschitschikow und
trat in sein Zimmer. Whrend er durch den Flur schritt, rmpfte er die
Nase und sprach zu Petruschka gewandt: Du httest auch die Fenster
aufmachen knnen.

Ich habe sie ja aufgemacht, entgegnete Petruschka; aber er log.
Uebrigens wute sein Herr selbst, da es eine Lge war. Doch er wollte
nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemchtigte sich eine starke
Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte
Abendplatte, die nur aus einem Stck Spanferkel bestand, entkleidete
sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen,
festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glckspilze
kennen, welche nichts ahnen: weder von Hmorrhoiden, noch von Flhen,
noch von einer allzu regen Geistesttigkeit.


                           Siebentes Kapitel

Glcklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit
ihrer Klte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern,
ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren
Postknechten, Schmieden und hnlichen Vagabunden, endlich das traute
Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt -- schon
taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten
Zimmern auf, schon hrt er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden
Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelrm der Kinder, stille
sanfte Worte unterbrochen von glhenden Zrtlichkeiten, die die Kraft
haben, alles vergangene Leid aus dem Gedchtnis zu tilgen. Glcklich der
Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem
Hagestolzen! Glcklich der Schriftsteller, der an den langweiligen,
widerwrtigen, durch ihre traurige Ble erschreckenden Gestalten der
Wirklichkeit flchtig vorber eilend sich Charakteren nhert, welche des
Menschen hohe Wrde verkrpern und erscheinen lassen, der aus dem groen
Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest,
der auch nicht _einmal_ dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward,
der nie von seiner eigenen Hhe zu seinen armseligen, schwachen Brdern
herab stieg und, ohne das Irdische zu berhren, sich selig strzte in
den erdentrckten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist
sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der
Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit
Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhllt, mit Zauberworten
nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des
Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schnen Menschen weisend.
Hndeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwrmt jauchzend seinen
Wagen. Einen groen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume
schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar ber allem
hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen
glhenden Herzen, Trnen der Sympathie erglnzen in jedem Auge ... An
Macht kommt ihm kein Wesen gleich -- er ist ein Gott! Wie ganz anders
ist das Los des Schriftstellers, der sich erkhnte, all das ans Licht zu
ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgltigen
Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben
umstrickt, die ganze abgrndige Tiefe jener kalten zerklfteten
Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft den Erdenweg bevlkern, und
mit dem krftigen Schlag des unerbittlichen Meiels es wagte, sie klar
und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des
Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Trnen und der
einmtigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im
Innersten aufwhlte; ihm fliegt keine sechzehnjhrige Jungfrau
entzckten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich
nicht berauschen am sen Klang der Tne, die er der eigenen Leier
entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem
heuchlerisch gefhllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am
eignen warmen Busen genhrten Geschpfe armselig, gemein und nichtig
nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener
Schriftsteller, die die Menschheit schnden, ihm die Charakterzge
seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den gttlichen
Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt
nicht an, da gleich bewundernswrdig _jene_ Glser sind, in denen sich
die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen
unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages
erkennt nicht an, da hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann
mit hohem lyrischen Schwunge, und da ein Abgrund ghnt zwischen jenem
und den unwrdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages
versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf fr den
verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein
heimatloser Wanderer steht er allein auf der Strae. Schwer und hart
ist sein Beruf und bitter fhlt er seine Einsamkeit.

Und lange noch ist mir's von der geheimnisvollen Schicksalsmacht
beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das
ganze gewaltig treibende Leben zu berschauen, durch das aller Welt
_sichtbare_ Lachen und die keinem bekannten _unsichtbaren_ Trnen. Und
noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie
ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschtterten flammenden
Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majesttischen Donner
anderer Reden lauschen wird ...

Vorwrts! Vorwrts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der
grmlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Lat uns geschwind wieder
untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelrm und
Schellengeklingel: lat uns zusehen was Tschitschikow macht.

Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn
er hatte das behagliche Gefhl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem
er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rcken gelegen hatte, schnalzte
er mit den Fingern, und sein Gesicht verklrte sich bei dem Gedanken,
da er jetzt nahezu vierhundert Seelen besa. Dann sprang er aus dem
Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick
auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz
besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen
Freunden, ganz besonders whrend des Rasierens. Sieh mal, pflegte er
dann gewhnlich zu sagen, was ich fr ein schnes rundes Kinn habe.
Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen
einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog
sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an,
mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt,
welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung
findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen
Hemdchen zwei khne Luftsprnge, wobei er sich nicht ohne
Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort
ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergngt die Hnde wie
ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung
vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich ber
das Kstchen und holte ein Pckchen Papier hervor. Er wollte die Sache
so schnell als mglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu
schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des
Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhndig, um sich die Unkosten
fr den Notar zu sparen. Auf die Formalitten verstand er sich
vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, groen Buchstaben die
Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er
mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst
drum und dran hngt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er
danach auf diese Bltter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche
tatschlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken,
Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht
einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames,
unheimliches Gefhl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu
besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentmliche Wesensart
zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehrt hatten, trugen alle
irgend einen Spitznamen als Anhngsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich
durch Krze und Gedrngtheit des Stiles aus: oft standen nur die
Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten.
Sabakewitschs Register setzte durch seine auerordentliche
Ausfhrlichkeit und Vollstndigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch
so geringe Eigentmlichkeit, die nicht sorgfltig gebucht war: von einem
hie es: Ein guter Tischler, von einem andern: Er versteht seine
Sache und suft nicht. Ebenso sorgfltig waren die Eltern eines jeden
aufgezhlt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von
einem gewissen Fedotow stand vermerkt: Der Vater ist unbekannt, die
Mutter ist eine meiner Dienstmgde, namens Kapitolina, die jedoch einen
guten Charakter hat und nicht stiehlt. All diese Einzelheiten verliehen
dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als htten die
Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow berlas die Namen noch einmal
genau und sorgfltig. Eine seltsame Rhrung erfate ihn, er seufzte und
sprach leise vor sich hin: Herrgott welche Menge da dichtgedrngt
beieinander steht! Was mgt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben
lang, ihr Lieben? Wie mgt ihr euch durchgeschlagen haben? Und seine
Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkrlich angezogen von
einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der
Trogverchter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehrt
hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrcken: Herrjeh,
ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl
gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer,
und wie hat der Tod dich ereilt? War's in der Schenke, oder hat dich gar
auf breiter Strae eine plumpe Fuhre berfahren, du Schlafmtze? --
Stepan Probka, der Tischler, _ein braver nchterner Mann_. -- Sieh da
bist du ja, mein Stepan Probka, du groer Held, der du fr die Garde
geboren warst! Hast wohl manch weites Stck Weges durchwandert, die Axt
am Grtel und die Stiefel ber die Schulter geworfen, fr einen Groschen
Brod verzehrt und fr zwei Groschen gedrrten Fisch und du brachtest
dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nhtest
dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir
in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des
gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder
gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerst herabgestrzt zu
Fen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und
mitleidig murmelte: >Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!< um sich
sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle
hinaufzuklettern. -- Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He?
>Besoffen wie ein Schuster<, sagt ein Sprichwort. Ich kenn' dich, kenne
dich, mein Liebling; willst du's, so erzhle ich dir deine ganze
Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch
allesamt ftterte, fr eure Nachlssigkeit mit dem Riemen zchtigte und
nie auf die Strae lie, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein
wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob
nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden
ber dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir
selbst: >Jetzt will ich mir ein eigenes Huschen kaufen, aber ich will's
nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich
will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!< Und du zahltest deinem
Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest
dir einen Haufen Auftrge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum
Drittel des Preises ein Stck halbverfaulten Leders auf und verkauftest
jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon
nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich krftig aus, wie du's
verdientest. So kam es, da es in deinem Laden leer ward, du fingst an
zu trinken, dich auf der Strae herumzutreiben und sprachst: >Ist das
eine schlimme Welt! Wir Russen knnen rein verhungern: und an alledem
ist niemand schuld als der Deutsche!< -- Und was ist das fr ein Mann:
Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild!
Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit
hineingeschmuggelt! Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich
eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wute Gott
allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, da man
sie von ferne wirklich fr ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname
hatte sogar die mnnliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt
Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rcksicht darauf und strich
sie einfach aus der Liste. -- Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was
warst du wohl fr ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein
Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim,
dem trauten Winkel fr immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf
den Jahrmrkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf,
brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen
Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen
ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber
krftigen Pferde, oder fiel's dir vielleicht ein, derweil du auf deinem
Lager lagst und vor dich hingrbeltest, pltzlich ohne jeden Grund und
Anla in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein
Eisloch, so da keine Menschenseele wei, wo du verschwunden bist? Oh du
mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natrlichen Todes zu
sterben! -- Und ihr meine Lieblinge, fuhr er fort, indem er einen Blick
auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flchtige Seelen verzeichnet
standen: ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was fr einen Wert
habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure
schnellen Fe! Hattet ihr's wirklich gar so schlecht bei dem
Pljuschkin, oder machte es euch blo Spa im Walde herumzustreichen und
die Reisenden auszuplndern? Sitzt ihr vielleicht im Gefngnis oder habt
ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflgt?
Jeremej Leichtfu, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt
man's schon an euren Namen an, da ihr gute Lufer seid; Popor, der
Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf's Lesen und
Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und
sich ein hbsches Vermgen zusammengestohlen. Pa auf! paloses
Individuum, du fllst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hnde.
Zwar stellst du mutig deinen Mann: >Wer ist dein Herr?< fragt dich der
Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet,
seine Worte mit einem krftigen Fluch: -- >Gutsbesitzer Soundso,<
antwortest du keck. >Und wie kommst du hierher?< fragt dich der
Hauptmann. >Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,<
erwiderst du ohne Zaudern. >Wo ist dein Pa?< >Bei meinem Herrn, dem
Kleinbrger Pimenow.< Pimenow wird gerufen. >Bist du Pimenow?< >Jawohl.<
>Hat er dir seinen Pa gegeben?< >Nein, er hat mir keinen Pa gegeben.<
>Du lgst also?< sagt der Polizeihauptmann und lt wieder ein krftiges
Wort folgen. >Zu Befehl,< antwortest du frech: >ich gab ihm den Pa
nicht, weil ich sehr spt nach Hause kam, ich habe ihn dem Glckner zur
Aufbewahrung gegeben.< -- >Der Glckner soll herkommen! Hat er dir
seinen Pa gegeben.< -- >Nein, ich habe keinen Pa von ihm bekommen.<
>Warum lgst du schon wieder!< fragt der Polizeihauptmann aufs neue und
flicht zur Besttigung abermals ein krftiges Wrtlein ein. >Wo ist denn
dein Pa?< >Ich wei genau, da ich ihn bei mir hatte,< antwortest du
sicher, >wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren
haben.< -- >Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer
einen Kasten mit Kupfermnzen gestohlen?< sagt der Polizeihauptmann,
indem er zur Bekrftigung wiederum ein kerniges Wrtlein anfgt.
>Wahrhaftig nicht,< sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, >beim
Stehlen hat mich noch keiner ertappt.< >Und wie kommt es, da man den
Mantel bei dir gefunden hat?< >Ich wei nicht, wahrscheinlich hat ihn
ein anderer bei mir liegen lassen!< -- >O, du Hallunke, du Bestie!< sagt
der Polizeihauptmann kopfschttelnd, und stemmt die Hnde in die Seiten.
>Legt ihm Fuschellen an und fhrt ihn ins Gefngnis.< -- >Zu Befehl,
ich habe nichts dagegen,< antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose
aus der Tasche, reichst sie gutmtig den zwei Invaliden, die dir die
Fuschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist,
da sie beim Militr waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben.
Und dann wanderst du ins Gefngnis und bleibst ruhig drin sitzen,
whrend das Gericht deine Sache prft. Schlielich fllt es seinen
Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefngnis
transportiert. Das dortige Gericht lt dich nach Wessjegonsk oder sonst
wohin weiterbefrdern usw.; so wandert du aus einem Gefngnis ins andre
und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: >Nein das
Wessjegonskische Gefngnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da
kann man auch einmal das Knchelspiel spielen, und da gibt's auch mehr
Gesellschaft.< -- Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher
Gegend treibst du dich herum? Lebst _du_ vielleicht irgendwo an der
Wolga und bist ein Fhrmann geworden, weil du ein freies Leben liebst?
... Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich.
Worber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows,
oder war es jene natrliche, fast selbstverstndliche Nachdenklichkeit,
die jeden Russen in jedem Lebensalter berfllt, welchem Stande und
Berufe er auch angehren mag, wenn er an die Lust eines freien
ungebundenen Lebens denkt? In der Tat wo war jetzt Fyrow?
Wahrscheinlich spazierte er laut und frhlich am Landungsplatze herum,
sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bndern an den
Hten plaudert und lrmt der ganze Tro der Bootsfhrer, welche sich von
ihren schlanken, hohen Frauen und Schtzen verabschieden, die
Perlenbnder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt
sich der Reigen, helle Lieder ertnen aus frhlichen Kehlen, der ganze
Landungsplatz wogt auf und nieder, whrend die Last- und Gepcktrger
unter Lrmen, Geznk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun
Pud schwere Ballen auf den Rcken laden, Weizen und Erbsen geruschvoll
in gerumige Schiffe schtten und Scke mit Hafer und Buchweizen
fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer
Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getrmter Scke und Ballen, die
den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze
Getreidearsenal empor, bis es in all' die gerumigen Barken und
Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem
Frhjahrseise den Flu hinabschwimmt. Da gibt's Arbeit fr euch in Hlle
und Flle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwrmt
und ber alle Strnge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im
Schweie eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesngen,
die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst!

Herrjeh! Schon zwlf Uhr! rief Tschitschikow pltzlich aus, indem er
auf die Uhr blickte. Was sume ich blo so lange? Wenn ich noch etwas
Vernnftiges getan htte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug
und versinke dann noch in trichte Trumereien! Ich bin doch ein rechter
Narr! Wahrhaftig! Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches
Kostm mit einem europischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an,
um sein krftiges Buchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte
sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die
Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die
Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil
er sich zu verspten frchtete -- davor brauchte er keine Angst zu
haben, denn der Prsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch
die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der
die Tage verlngerte und frhe Nchte herabsandte, wenn er den Streit
seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand
geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den
lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als mglich zum Abschlu zu
bringen; solange dies nicht geschehen war, fhlte er sich unruhig und
unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, da es
sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und da es in
solchen Fllen besser sei, eine solche Last mglichst schnell
abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hllte er sich in einen warmen Pelz
von braunem Tuch, der mit Brenfell gefttert war, und kaum war er auf
die Strae getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn
zusammenstie, der gleichfalls einen mit Brenpelz geftterten berwurf
um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen
auf dem Kopfe trug. Der Herr stie einen Freudenschrei aus -- es war
Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fnf
Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Ksse, die sie
austauschten, so krftig und inbrnstig, da ihnen beiden nachher den
ganzen Tag ber die Vorderzhne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben
vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen brig, seine Augen waren
berhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fnfzehn Minuten lang hielt er
Tschitschikows Hand in seinen beiden Hnden, bis sie ganz warm wurde. In
der feinsten und liebenswrdigsten Weise erzhlte er ihm, wie er
herbeigeflogen wre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schlieen,
und er schlo seine Rede mit einem Kompliment, wie man es hchstens
einem jungen Mdchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert.
Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geffnet, ohne noch recht zu
wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten
Bogen Papier, der mit einem roten Bndchen zusammengebunden war, aus
seinem Pelze hervorholte.

Was ist das?

Das sind die Bauern.

Ah! -- Er rollte den Bogen sogleich auf, berflog ihn schnell mit den
Augen und war erstaunt ber die Schnheit und Sauberkeit der
Handschrift. Ist das aber schn geschrieben! sagte er, man braucht es
gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer
hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!

Ach fragen Sie lieber gar nicht, sagte Manilow.

Sie?

Meine Frau!

O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, da ich Ihnen soviel Mhe
gemacht habe!

Fr Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mhe zu gro!

Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, da er nach
der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschlieen, erklrte
Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faten sich
unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhhung, bei jedem
Hgel, oder jeder Stufe sttzte Manilow Tschitschikow mit der Hand und
hob ihn beinahe in die Hhe, wobei er angenehm lchelte und hinzufgte,
er werde es nie zugeben, da Pawel Iwanowitsch sich weh tue.
Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wute, wie er sich erkenntlich
erweisen solle, denn er fhlte, da er nicht ganz leicht war. So halfen
sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das
Gerichtsgebude lag -- ein groes dreistckiges Haus, das so wei war,
wie ein Stck Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm
ttigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Huser, die sich noch sonst
auf dem Platze befanden, konnten sich an Gre nicht im geringsten mit
dem steinernen Amtsgebude messen. Dies waren: ein Wchterhuschen, vor
dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standpltze fr
Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen
Bretterzunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit
Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen,
oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrcken pflegt, _schnen_ Platze
zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein
paar unbestechliche Hupter der Themispriester heraus, um im selben
Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef
gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde _traten_ nicht ein, sondern
liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte
beschleunigte, da er nicht wollte, da Manilow ihn mit der Hand
untersttzen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er
Tschitschikow nicht mde werden lassen wollte, und so kam es, da beide
ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der
Korridor noch die Sle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders
auf. Damals kmmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal
schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und
angenehmeres ueres an. Themis empfing ihre Gste ganz so wie sie war,
im Neglig und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die
Kanzleirume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten,
aber der Autor hat eine groe Ehrfurcht vor allen Amtsgebuden. Selbst
wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres hchsten Glanzes, in
einem gleichsam veredelten und verschnten Zustande kennen zu lernen und
zu durchwandeln, das heit, wenn die Dielen frisch gewichst und die
Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demtig gesenktem Blicke
hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles
fhlt und wie dort alles blht und gedeiht. Unsere Helden sahen
gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, ber den Tisch
gebeugte Kpfe, breite Nacken, Frcke und Rcke von kleinstdtischem
Schnitt, oder sogar eine ganz gewhnliche hellgraue Jacke, die recht
stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die
Schulter gebeugt, soda er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen
Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von
einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der
ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genu seines
Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm
irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hrte man ein paar Worte
oder kurze Stze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden:
Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer
werfen Sie den Deckel von dem Tintenfa weg; er gehrt doch dem Staat!
Dazwischen hrte man eine majesttische Stimme, die ohne Zweifel einem
Kanzleichef angehrte, gebieterisch rufen: Da, schreib das ab, sonst
la ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, da du mir sechs
Tage lang nichts zu essen kriegst! Das Gerusch vom Federgekritzel war
sehr stark und erinnerte an den Lrm, den ein paar Fuhren mit Reisig
verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fu
hoch mit drren Blttern bedeckt sind.

Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei
jngere Beamten saen, und fragten diese: Bitte! Knnen Sie uns sagen,
wo hier die Abteilung fr Kaufvertrge ist?

Was wollen Sie? sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich
umwandten.

Ich habe ein Gesuch einzureichen!

Haben Sie etwas gekauft?

Ich mchte zuvor wissen, wo die Abteilung fr Kaufvertrge ist? Hier
oder anderswo?

Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann
werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden mssen. So geht es doch
nicht!

Tschitschikow merkte sogleich, da die Beamten einfach neugierig waren,
wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und
Bedeutung geben wollten.

Hren Sie, meine verehrten Herren, sagte er, ich wei sehr gut, da
alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufvertrge beziehen, in ein und
dasselbe Ressort gehren, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen,
wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen
Rumen vorgeht, dann mssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen!
Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte blo mit
einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr sa, der damit
beschftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow
schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war
ganz in seine Ttigkeit versunken.

Darf ich fragen, sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, ob dies
die Abteilung fr Kaufvertrge ist?

Der Alte sah auf und sagte gedehnt: Nein, hier ist keine Abteilung fr
Kaufvertrge.

Wo denn?

Die ist in der Kontraktabteilung.

Und wo ist die Kontraktabteilung?

Bei Iwan Antonowitsch.

Und wo ist Iwan Antonowitsch?

Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf
Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan
Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie
von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder ber sein
Papier und schrieb eifrig weiter.

Darf ich fragen, ob dies die Abteilung fr Kaufvertrge ist, sagte
Tschitschikow mit einer Verbeugung.

Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehrt zu haben, denn er war ganz in
seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, da dies ein
Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwtzer und
Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er
hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts
trat stark hervor und schien sich gewissermaen in der Nase konzentriert
zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei
uns gewhnlich als Kannenschnauze zu bezeichnen pflegt.

Darf ich fragen, wo hier die Abteilung fr Kaufvertrge ist?
wiederholte Tschitschikow.

Hier, sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rssel ein wenig empor
hob und sogleich wieder zu schreiben begann.

Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen
Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu
Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er
mu blo noch unterschrieben werden.

Und sind die Verkufer zugegen?

Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten.

Haben Sie das Gesuch mitgebracht?

Jawohl, ich habe es hier! Ich mchte gern ... Ich habe groe Eile ...
Knnte ich die Sache nicht schon heute erledigen?

Hm! Heute! Nein heute geht es nicht, sagte Iwan Antonowitsch. Man mu
noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfndet sind.

brigens ist Iwan Grigorowitsch, der Prsident, ein guter Freund von
mir; da liee sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun.

Es handelt sich hier doch nicht blo um Iwan Grigorowitsch; es sind
doch noch andere da, sagte Iwan Antonowitsch mrrisch.

Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: Die
anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und
kenne den Instanzenweg.

Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch, sagte Iwan Antonowitsch etwas
besnftigt. Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll
es nicht liegen.

Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan
Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn
sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam
machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu
verstehen, da er das nicht wnsche!

Der da wird Euch in die Kanzlei fhren! sagte Iwan Antonowitsch, indem
er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern,
welcher Themis mit solchem Eifer opferte, da seine beiden rmel an den
Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Lchern hervorquoll,
wofr er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte,
bernahm die Fhrerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei
Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnsthle
standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Bchern
der Prsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fhlte sich der neue
Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, da er sich durchaus nicht
entschlieen konnte, seinen Fu ber die Schwelle zu setzen. Er kehrte
daher um, indem er den Freunden seinen Rcken zuwandte, welcher
abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hhnerfeder klebte.
Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, da der Prsident nicht allein
war, neben ihm sa Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt
wurde. Die Ankunft der Gste entlockte den Anwesenden ein paar freudige
Rufe, und der Prsidentensessel wurde geruschvoll beiseite geschoben.
Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen rmeln von
allen Seiten sichtbar da. Der Prsident umarmte Tschitschikow, und das
Amtszimmer hallte wieder von den Kssen der Freunde. Man erkundigte sich
gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, da
beide an Hexenschu litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs
Konto setzte. Wie es schien war der Prsident von Sabakewitsch schon
ber das Kaufgeschft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow
aufs herzlichste, was unsern Helden zunchst ein wenig in Verlegenheit
setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden
Verkufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt
hatte, sich nun Aug in Auge gegenberstanden. Er bedankte sich indessen
beim Prsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte:

Und wie befinden Sie sich?

Gott sei Dank, ich kann nicht klagen, sagte Sabakewitsch, und in der
Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher htte sich ein Stck
Eisen erklten und den Husten bekommen knnen, als dieser wunderbar
gebaute Gutsbesitzer.

Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rhmen, sagte der
Prsident. Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie.

Ja, der ging auch allein auf die Brenjagd! antwortete Sabakewitsch.

Mir scheint, Sie wrden es auch fertig bringen, einen Bren
umzuschmeien, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten, meinte
der Prsident.

Nein, das bringe ich doch nicht fertig, antwortete Sabakewitsch. Mein
seliger alter Herr war doch krftiger als ich, und er fuhr seufzend
fort: Nein, heutzutage gibt's keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie
z. B. gleich mein Leben. Was ist das fr ein Leben, nur so, so, lala
...

Und warum ist Ihr Leben nicht schn? fragte der Prsident.

Nein, schn kann man es wirklich nicht nennen, sagte Sabakewitsch
kopfschttelnd. Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin
schon in den Fnfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch
nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwr, oder einen Furunkel
gehabt htte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch
einmal rchen ... Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr
melancholisch.

Da dich der ...! dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der
Prsident: Worber der nicht zu klagen hat!

Ich habe auch einen Brief fr Sie, sagte Tschitschikow, whrend er
Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog.

Von wem? fragte der Prsident. Er nahm den Brief in Empfang,
entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: Von Pljuschkin! Existiert der
auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch fr
ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...

Ein Schweinehund! sagte Sabakewitsch. So ein Schuft, der lt all
seine Leute verhungern!

Gern, mit Vergngen! rief der Prsident, nachdem er den Brief gelesen
hatte, ich will ihn gerne vertreten! Wann wnschen Sie den Kauf
abzuschlieen? Jetzt gleich oder etwas spter?

Gleich! versetzte Tschitschikow: Ich mchte Sie sogar bitten, dafr
zu sorgen, da es gleich _heute_ geschieht. Ich mchte nmlich schon
morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich
mitgebracht!

Das ist alles sehr schn und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so
frh knnen wir Sie unmglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch
heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschlieen
mssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order
erteilen, fuhr er fort, indem er die Tr der Kanzlei ffnete, welche
ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen
umschwrmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulssig
ist: Ist Iwan Antonowitsch hier?

Ja! Hier! antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers.

Er soll herkommen!

Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser
schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote
Verbeugung.

Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufvertrge und
...

Iwan Grigorjewitsch! fiel hier Sabakewitsch ein, bitte vergessen Sie
nicht, da wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder
Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu
tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine
Arbeiten; einen greren Ruber wie den gibt's auf der Welt nicht
wieder! Der Sanittsinspektor ist auch nicht sehr beschftigt, und ist
wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt
und Karten spielt; ach, und dann gibt's ja noch eine ganze Reihe von
Leuten, die hier in der Nhe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin --
lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Miggang zur Last
fallen!

Richtig! Sehr richtig! sprach der Prsident, und schickte sofort einen
Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen.

Ich habe noch eine Bitte, sagte Tschitschikow: Schicken Sie doch
bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich
auch ein kleines Geschft abgeschlossen habe -- es ist der Sohn des
Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.

Mit Vergngen, ich will ihn gleich holen lassen! sprach der Prsident:
es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten
nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen. Hierauf gab er Iwan
Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen
schien. Die Vertrge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den
Prsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, da die Kaufsumme
nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten
lang in die Augen und sagte schlielich: Sehen Sie wohl, Pawel
Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht!

Sehr richtig! antwortete Tschitschikow.

Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl
getan!

Ja, jetzt sehe ich selbst, da ich nichts Besseres tun konnte. Mag es
sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgltig
fixiert, solange er nicht festen Fu auf dauerndem Grunde gefat hat,
und noch irgend einem chimrischen Jugendideal der Freidenker nachjagt.
Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte ber
die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts
wegen. Aber, was sehr merkwrdig war, es lag in seinen Worten noch immer
eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen
wollte: >Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!< Ja, er
wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich
frchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen.
Aber seine Sorge war unntz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rhrte
sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schnen Rede,
schttelte blo den Kopf vor Vergngen, und geriet dabei in eine solche
seelische Verzcktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu
bemchtigen pflegt, wenn die Sngerin noch die Violine berbietet und
einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine
Vogelkehle nicht herauszubringen vermag.

Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich
gekauft haben? bemerkte Sabakewitsch. Und Sie, Iwan Grigorjewitsch?
Fragen Sie denn garnicht, was fr einen Kauf er gemacht hat? Wten Sie
nur, was fr prchtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe
ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft.

Wahrhaftig? Nein? versetzte der Prsident. Ich kenne den Michejew;
der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke
repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir
denn nicht gesagt, da er gestorben ist? ...

Wer? Michejew tot? fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen
Augenblick die Fassung verlor. Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist
allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der
fhlt sich noch wohler als frher. Vor kurzem hat er mir noch eine
solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der
sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.

Ja, Michejew ist ein Meister, versetzte der Prsident, ich wundere
mich eigentlich, da Sie sich so leicht von ihm trennen konnten.

Ja, wenn's nur der eine Michejew wre! Stepan Probka, der Tischler, der
Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow -- sie gehen
alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft. Und als der Prsident
fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter ntzliche
Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen knne,
antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgltige Handbewegung
machte: Ich wei nicht, es ist mir mal so'ne dumme Idee in den Kopf
gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab'
sie dann dummer Weise wirklich verkauft! Hierauf lie er den Kopf
hngen, wie wenn es ihn jetzt tatschlich reute, und er fgte hinzu: Da
wird man alt und grau und wird doch nicht klger!

Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch, sagte der Prsident. Wozu
kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu
Ansiedelungszwecken?

Natrlich zu Ansiedelungszwecken!

So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln?

In dem .... Im Gouvernement Cherson.

O, da gibt es ausgezeichneten Boden! sprach der Prsident, und er
sprach sich sehr lobend ber die Hhe und Gte des dortigen Grases aus.

Und haben Sie auch Land genug?

Vollkommen genug -- genau soviel, als ich brauche, um die Bauern
anzusiedeln.

Gibt's dort auch einen Flu oder nur einen Teich?

Einen Flu. brigens ist auch ein Teich da. Bei diesen Worten sah
Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso
unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es
Tschitschikow doch, als lse er in dessen Gesichte die Worte: Du
schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, da dieser Teich und Flu
und das ganze Land berhaupt existieren.

Whrend die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmhlich
die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit
dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanittskommission,
ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach
Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Migang zur Last fallen.
Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen
wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur
den _Sohn_ des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den
Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine
Unterschrift mit Auffhrung all seiner Titel und Wrden unter das
Dokument, der eine in runder, der andre in schrger Schrift; bei einem
dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren,
oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet
garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und
sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in
die Bcher und wohin sich's sonst noch gehrt, eingetragen, nachdem die
ein halbes Prozent betragenden Gebhren und Spesen fr die Ankndigung
im Amtsblatt erhoben worden waren, soda Tschitschikow nur eine
Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Prsident gab sogar Order ihm
nur die Hlfte von den Gebhren anzurechnen, whrend die andre Hlfte
einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das
fertig brachte, wei der liebe Himmel.

Und nun, sagte der Prsident, nachdem alles glcklich erledigt war,
htten wir das Geschft nur noch zu begieen.

Mit Vergngen, sagte Tschitschikow. Ich berlasse es Ihnen, die Zeit
zu bestimmen. Es wre eine Snde, wenn ich meinerseits mich weigern
wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu
lassen.

Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst, sagte
der Prsident; das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind
unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen
wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger
Zauberknstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung
vorbergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein
glnzendes Frhstck da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser
Gelegenheit knnen wir auch eine Partie Whist machen.

Ein solch vernnftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen
lief schon bei der bloen Erwhnung des Fischmarktes das Wasser im Munde
zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mtze, und die Sitzung war zu
Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch -- die
Kannenschnauze -- mit einer hflichen Verbeugung zu Tschitschikow: Sie
haben fr hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur
fnfundzwanzig fr meine Mhe bekommen.

Ja, was sind denn das fr Bauern, flsterte ihm Tschitschikow leise
zu: lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die
Hlfte wert. Iwan Antonowitsch begriff, da er einem Mann von festem
Charakter gegenberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen wrde.

Wieviel hat Ihnen Pljuschkin fr die Seele abgenommen? flsterte ihm
Sabakewitsch ins andere Ohr.

Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt? antwortete ihm
Tschitschikow.

Welchen Sperling? fragte Sabakewitsch.

Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a
geschrieben.

Von diesem Sperling wei ich nichts, sagte Sabakewitsch und mischte
sich unter die anderen Gste.

Die Gste begaben sich schlielich _in corpore_ nach dem Hause des
Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatschlich ein Zauberknstler;
kaum hatte er gehrt, worum es sich handelte, als er schon einen
Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich
heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr
flsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: Hast du verstanden?, und
schon erschienen im andern Zimmer, whrend die Gste noch ihren Whist
droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Stre, Hausen,
gerucherter Lachs, frischer und gepreter Kaviar, Hering, Wels,
allerhand Ksesorten, gerucherte Zunge -- dies wenigstens war das Menu,
soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus
dem eigenen Haushalt und der eigenen Kche stammten: eine Fischpastete,
die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Strs gefllt
war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig,
Splittertrtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater
und der Wohltter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Brger ganz
wie im eigenen Familienkreise, und in den Lden oder auf dem Tuchmarkt
wute er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war berhaupt,
wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus
dem ff heraus. Es wre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob _er_
fr sein _Amt_ oder sein _Amt_ fr _ihn_ geschaffen war. Er wute seinen
Posten so gut auszufllen, da seine Einnahmen sich beinahe auf das
Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgnger erhalten hatten, und doch
war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schtzten
ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der
Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und
obwohl er sie tchtig bluten lie, machte er doch auch dies mit einer
ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich
auf die Schulter und lchelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein,
lie sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus:
wie die Geschfte gehen und wie es sonst stnde; wenn er erfuhr, da
eins der Kinder krank sei, dann wute er gleich Rat und verschrieb ihm
die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam
er in seinem Wagen daher gefahren, um berall fr Ordnung zu sorgen,
dann hatte er immer fr den einen oder andern das rechte Wort bereit:
Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.
-- Freilich, Alexei Iwanowitsch, antwortet dieser und zieht die Mtze,
freilich sollten wir! Hr doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu
mir und sieh dir mein Rennpferd an; das luft noch schneller als das
deine; la es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann
wollen wir sehen! Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war,
lchelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und
sagte: Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch! Selbst die
Ladendiener nahmen hierbei ihre Mtzen ab und sahen sich vergngt an,
wie wenn sie sagen wollten: Alexei Antonowitsch ist doch ein prchtiger
Mensch! Mit einem Wort, er war sehr populr, und die Kaufleute hatten
eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: Alexei Antonowitsch nimmt
zwar ein bissel viel, dafr hlt er aber auch sein Wort.

Als der Polizeimeister sich berzeugte, da das Frhstck fertig sei,
forderte er seine Gste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle
begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer
Geruch bis in die Nebengemcher verbreitete. Dieser Geruch hatte die
Nasen unserer Gste schon lngst in angenehmer Weise gekitzelt, und
Sabakewitsch schielte fortwhrend durch die Tre nach dem Tisch, da er
bereits von dem Str Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem
groen Teller lag. Nachdem die Gste erst einen Likr von jener
dunkelgrnen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den
durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in
Ruland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln
bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt,
der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte,
indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter
an den Kse heranmachte. Sabakewitsch wrdigte indessen all diese
Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nchster Nachbarschaft
vom Str ein; whrend jene aen, tranken und sich unterhielten,
verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde vllig ein, und als
der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: Und
was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren! zugleich die
andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den
Str hintrat, da merkte er, da von dem Naturprodukt nur noch der
Schwanz brig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die
Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von
den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen
getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Str verarbeitet hatte,
lie sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und a und trank von da
ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der
Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der
erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf
das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite
galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glcklichen Ansiedlung.
Dann trank man auf die Gesundheit seiner knftigen reizenden Ehehlfte,
was unserm Helden ein freundliches Lcheln entlockte. Dann drngten sich
alle um ihn und suchten ihn zu berreden, da er doch noch wenigstens
zwei Wochen in der Stadt bleiben mge. Nein, Pawel Iwanowitsch! Das
hiee ja die Wohnung kalt werden lassen: ber die Schwelle und gleich
wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen
Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir
verschaffen ihm eine Frau?

Ja, ja, eine Frau! fiel der Prsident ein, struben Sie sich mit
Hnden und Fen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts
da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da drfen Sie sich nicht
beklagen, wir lieben nicht zu spaen!

Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Hnden und Fen dagegen stemmen?
Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, da man darber gleich ...
Wenn nur eine Braut da wre.

Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich
alles finden, alles was Sie nur wollen.

Nun, unter diesen Umstnden ...

Bravo, er bleibt! schrieen alle: Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch,
Hurrah! Und alle traten mit den Glsern in der Hand auf Tschitschikow
zu, um mit ihm anzustoen. Tschitschikow stie mit allen an.

Nein, noch einmal! sagten die Tollsten, und die Glser muten noch
einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoen, und so
machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle
auerordentlich lustig. Der Prsident, welcher in angeheitertem Zustande
ein uerst lieber Mensch war, schlo Tschitschikow mehrmals in seine
Arme und stammelte im berma seines Gefhles: Mein liebes Herz, mein
liebes Mamachen! Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um
Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte:
Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk. Nach dem Sekt ging man zu
den Ungarweinen ber, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr
zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar
vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich ber alle
mglichen und unmglichen Dinge -- ber Politik, ja sogar ber
militrische Fragen, man fhrte freie Reden, fr die ein jeder unter
gewhnlichen Umstnden seine eigenen Kinder durchgeprgelt htte. Bei
dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe hchst schwieriger Probleme
zur Lsung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und
heiter gefhlt, er kam sich tatschlich schon als Chersonscher
Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und
Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glck und der
Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte
Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen
blinzelte, denn er sa in seinem Lehnstuhl und fhlte nach dem Str eine
starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, da er
sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er
nicht einen Wagen bekommen knne und benutzte schlielich die Equipage
des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es
sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt
die Zgel in der einen Hand, whrend er die andere zurckstreckte, um
den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So
langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange
Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten
Backen und einem Grbchen auf der rechten Wange, von Chersonschen
Gtern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar
verschiedene Auftrge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so
sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und
jeden einzeln aufrufen. Seliphan hrte lange schweigend zu und verlie
dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: Geh, kleide den
Herrn aus! Petruschka versuchte es zunchst, Tschitschikow die Stiefel
auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen
htte. Schlielich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie
es sich gehrt, wlzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum,
welches gewaltig krachte und chzte, und schlief tatschlich als
Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und
den preielbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus,
hngte sie ber den hlzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so
krftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbrste, da der ganze Korridor
in eine Staubwolke gehllt zu sein schien. Als er die Kleider oben
herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der
soeben aus dem Stall zurckkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie
verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr
schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen
Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder
ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein
Wort ber ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz
gleichgltigen Gesprchen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht
allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen blo ber die Strae, bewegten
sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenberlag, und traten
durch eine niedrige rauchgeschwrzte Glastr, die in eine Art Kellerraum
fhrte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand
Leuten ihrer wartete: da gab's Rasierte und Unrasierte, Mnner mit
Pelzen und ohne solche, im bloen Hemd und hie und da auch einen in
einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, --
wei nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm
und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein
schienen und sich gegenseitig auf jede Straenecke aufmerksam machten.
Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne
einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis
auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka
blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwgend,
wie er sich wohl am besten darin plazieren knnte, dann legte er sich
quer darber, soda seine Fe den Fuboden berhrten. Seliphan stieg in
dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er
hatte ganz vergessen, da dies ja nicht seine eigentliche Schlafsttte,
und da sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den
Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von
gewaltiger Kraft und Strke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen
Zephyrsuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im
ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemchtigte sich aller
Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher
Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine
groe Leidenschaft fr Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich
bereits vier Paar Schuhe bestellt, und lie sich nun schon das fnfte
Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel
auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu
entschlieen: die Stiefel saen wirklich vorzglich und immer wieder hob
er den Fu in die Hhe und betrachtete wohlgefllig den schneidigen,
wunderbar geformten Absatz.


                             Achtes Kapitel

Tschitschikows Einkufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgesprches
geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darber, ob es
vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von
diesen Debatten zeichneten sich durch Grndlichkeit und Sachlichkeit
aus: Natrlich ist das so, sagten die einen, das lt sich nicht
bestreiten, der Boden ist in den sdlichen Gouvernements wirklich gut
und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser
anfangen? da gibt's doch gar keine Flsse. -- Das wre noch nicht
schlimm, da es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan
Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache.
Man wei ja, wie so'n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfruliche
Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben -- und dabei ist
nichts da -- weder Haus noch Hof -- ich sag Ihnen, der luft davon, das
ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an,
macht da er fortkommt, dann knnen Sie lange suchen, bis Sie ihn
finden! -- Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin
durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem
Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fhig und
gewhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme
Handschuhe, dann knnen Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen
bis nach Kamtschatka, der luft ein bichen herum, bis er warm ist,
nimmt die Axt und baut sich eine neue Htte. Aber lieber Iwan
Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht
bercksichtigt, was das fr Leute sind, die Tschitschikow da gekauft
hat. Du vergit ganz, da ein Gutsbesitzer doch einen tchtigen Kerl
nicht so leicht ziehen lt, ich mchte meinen Kopf dafr geben, da das
lauter Sufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind. --
Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, da niemand einen
tchtigen Kerl verkaufen wird, und da Tschitschikows Leute
wahrscheinlich grtenteils Trinker sind, aber man mu doch beachten,
da ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es
vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, knnen
pltzlich brave und tchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch
nicht der erste Przedenzfall in der Welt und in der Geschichte. Nie
-- niemals, versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: glauben Sie
mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden
sich jetzt zwei mchtige Feinde erheben. Der eine Feind -- das ist die
Nhe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der
Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden
sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite
Feind -- das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den
sich die Bauern durch die bersiedelung erwerben werden. Es mte denn
sein, da Tschitschikow sie bestndig im Auge behlt und beaufsichtigt,
er mte sie sehr streng behandeln, fr jede Kleinigkeit hart bestrafen
und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst
berall, wo es ntig ist, Pffe und Maulschellen austeilen. -- Wozu
soll Tschitschikow denn die Pffe selbst austeilen? Dazu kann er sich
doch einen Verwalter nehmen. -- Ja finden Sie geflligst einen guten
Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken! -- Sie sind nur darum
Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen. --
Das ist richtig, fielen hier viele ein. -- Wenn der Gutsherr nun
selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt --
dann wird er immer einen tchtigen Verwalter finden. Aber der Direktor
der Staatsfabriken wandte ein, fr weniger als 5000 Rubel knne man
keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Prsident, man knne
auch schon fr 3000 einen haben, worauf der Direktor erklrte: Wo
wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie knnen ihn sich doch nicht aus der
Nase ziehen? worauf der Prsident versetzte: Aus der Nase freilich
nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nmlich
Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn
Tschitschikow fr seine Bauern braucht! Viele versuchten sich in
Tschitschikows Lage zu versetzen, und die groe Schwierigkeit, eine
solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfllte sie
mit Angst und Besorgnis; jemand uerte sogar die Befrchtung, es knne
noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern
Tschitschikows es wren, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister,
einen Aufruhr brauche man nicht zu befrchten; um dies zu verhindern,
gebe es ja Gottlob eine Macht: nmlich den Kreisrichter; der
Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu
begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut wrde schon
gengen, um die Bauern zur Raison zu bringen, soda sie sich zerstreuen
und ruhig nach Hause gehen wrden. Viele uerten ihre Ansichten und
machten Vorschlge, wie der aufrhrerische Geist niederzuhalten sei, der
Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darber gingen recht
weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse
militrische Strenge und berflssige Grausamkeit auszeichneten, und
dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausstrmten. Der
Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer
heiligen Pflicht gegenber; er knne gewissermaen der Vater seiner
Bauern werden, und, wie er sich auszudrcken beliebte, eine wohltuende
Aufklrung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterlie er
es nicht, sich hchst lobend ber die Lancastersche Methode des
gegenseitigen Unterrichts zu uern.

So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten
Tschitschikow aus persnlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm
gute Ratschlge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch
sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Fr die Ratschlge
dankte Tschitschikow hflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit
zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte
und erklrte, sie sei vollstndig berflssig; die von ihm gekauften
Bauern htten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie wrden
den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrten ihn sogar freudig. Von
einem Aufruhr knne berhaupt nicht die Rede sein.

All diese Gesprche und Unterhaltungen hatten indessen fr Tschitschikow
die allergnstigsten Folgen, die er fr sich nur erhoffen konnte. Es
verbreitete sich nmlich das Gercht, er sei nicht mehr und nicht
weniger als ein Millionr. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im
ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz
geschlossen. Nach diesen Gerchten aber gewannen sie ihn noch weit
lieber. brigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave,
gutmtige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf
freundschaftlichem Fue miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen
trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: Lieber
Freund, Ilja Iljitsch! Hr mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!
Du schwindelst, Mtterchen, Iwan Grigorowitsch! Zum Postmeister, der
Iwan Andrejewitsch hie, pflegte man gewhnlich zu sagen: Sprechen Sie
deutsch, Iwan Andreitsch?

Mit einem Wort, es ging dort sehr familir zu. Viele waren nicht ganz
ohne Bildung: der Gerichtsprsident kannte sogar die Ludmilla von
Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit
hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so
zum Beispiel den Vers: Es schlft der Wald, die Tler schlummern, ganz
besonders schn aber klang das Wort hu in seinem Munde, soda man
tatschlich zu sehen glaubte, wie die Tler schlummerten; um die
hnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit
auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der
Philosophie zu und las ganze Nchte hindurch sehr fleiig in Youngs
Nchten, sowie im Schlssel zu den Geheimnissen der Natur von
Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich
bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. brigens war
er ein groer Witzbold, er hatte eine beraus blhende Sprache und
liebte es, wie er sich selbst ausdrckte, seine Rede auszuschmcken.
Und zwar schmckte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus,
als da sind: Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, knnen
Sie sich vorstellen, gewissermaen, sozusagen und andre mehr, mit denen
er nur so um sich warf; ferner schmckte er seine Reden noch recht
geschickt durch ein verstndnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er
das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen
Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die brigen
Herren waren meist recht gebildete und aufgeklrte Leute: der eine las
Karamsin, der andre die Moskauer Nachrichten und ein dritter las sogar
berhaupt _nichts_. Der eine war was man eine Schlafmtze zu nennen
pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen krftigen Rippensto
geben mu, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz
einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Brenhaut lag
und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wre, ihn berhaupt
aufzurtteln, da er ja doch nicht aufgestanden wre. Was ihr ueres
anbelangt, so waren sie natrlich alle hbsche, stattliche,
vertraueneinflende Leute -- einen Schwindschtigen gab es unter ihnen
nicht. Sie gehrten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in
zrtlichen Schferstndchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu
geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein
Schnudelchen, mein Tnnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen
war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein
Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am
Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde
gewissermaen einer der ihren. -- Dies traf aber noch mehr auf
Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich
das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz,
da er garnicht wute, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er
hrte immer nur: Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine
einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch -- mit einem Worte, er wurde
geradezu auf Hnden getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber
unvergleichlich viel strker und bedeutender, ja hchst erstaunlich und
wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um
das einigermaen verstndlich zu machen, mten wir eigentlich
mancherlei ber die Damen selbst sagen, ber ihre Gesellschaften usw.,
mten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen
leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer.
Einerseits hlt ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den
Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja
andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt
N. waren ... nein es geht unmglich: tatschlich, ich habe Angst. -- Was
an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu
seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen
wre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern berlassen mssen,
der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner
Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns
darauf beschrnken mssen, zwei, drei Worte ber ihr ueres und das,
was gewissermaen mehr an der Oberflche liegt, zu sagen. Die Damen der
Stadt N. waren das, was man prsentabel nennt, und in dieser Beziehung
drften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen,
was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des
Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren
letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den
Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlnge voraus. Sie kleideten
sich mit groem Geschmack, fuhren in schnen Equipagen durch die Stadt:
wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit
goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine
Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem
Karo-A stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem groe
Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer
Visitenkarte ganz auseinander -- eine von ihnen hatte es nmlich
unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich
ihre Mnner und Verwandten nachher bemhten, sie wieder zu vershnen, es
war vergebens -- es stellte sich vielmehr heraus, da alles auf der Welt
mglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu vershnen, die sich
wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen
verharrten also in gegenseitiger Abneigung, wie sich die Gesellschaft
der Stadt ausdrckte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebhre, gab es
auch eine Menge uerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals
hchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschtzerrolle
entstehen lieen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natrlich nicht,
weil sie alle Zivilbeamte waren; dafr aber suchten sie einander etwas
am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umstnden
weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der
Stadt N. sehr streng und voll edler Entrstung gegen alle Laster und
Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwche, wo sie nur
eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam,
was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im
Geheimen ab, und niemand lie sich merken, was eigentlich vorgegangen
war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig
vorbereitet, soda er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder
davon hrte, kurz und bndig antworten konnte: Was ich nicht wei,
macht mich nicht hei, wie das Sprichwort sagt. Hier mu noch erwhnt
werden, da die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger
Gefhrtinnen stets einer groen Vorsicht und eines sicheren Taktes in
Worten und Ausdrcken befleiigten. Niemals hrte man sie sagen: Ich
habe mich geschneuzt. Ich schwitze. Ich habe ausgespuckt, sondern
sie drckten sich stattdessen folgendermaen aus: Ich habe mir die Nase
geputzt oder Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht. Unter
keinen Umstnden aber durfte man sagen: Dieses Glas oder dieser Teller
stinkt. Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine
Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man whlte stattdessen
einen Ausdruck wie den folgenden: Dieses Glas benimmt sich nicht gut
oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu
veredeln, wurde nahezu die Hlfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch
verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Franzsischen nehmen
mute. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Franzsischen waren noch
ganz andere, weit krftigere Worte gestattet als die oben erwhnten. Das
also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflchlich
gesprochen, sagen lt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte,
so wrden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr
gefhrlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der
Oberflche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwrdigerweise
nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natrlich, was
seine angenehmen und weltmnnischen Umgangsformen anbelangt, volle
Gerechtigkeit widerfahren lieen. Aber seitdem sich das Gercht von
seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf
seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. brigens waren unsere Damen
keineswegs eigenntzig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort
Millionr -- nicht der Millionr selbst, sondern eben das Wort allein
schuld; denn in dem bloen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung
auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher
Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche
weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit
einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionr hat den
Vorzug, da er die ganz uneigenntzige Niedertracht, die reine
Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht,
vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, da sie
nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf
haben, und doch laufen sie vor ihm her, lcheln ihm freundlich zu,
nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem
Mittagessen, an dem der Millionr teilnehmen wird. Man kann nicht sagen,
da diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt
wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darber zu reden, da
Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schnheit, aber doch ein stattlicher
Mann sei, wie er sein soll, und da er schon nicht mehr so hbsch wre,
wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wre. Bei dieser
Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte ber die
dnnen Mnner: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Mnner. An
den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergnzungen
wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein groes Gedrnge, man schob
und stie sich dort geradezu. Es war die reinste Kirme. Soviel
Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie
sahen, da ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und
wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden knnen,
eine gesuchte Ware wurden und reienden Absatz fanden. Whrend des
Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine
Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, da er die ganze Kirche
einnahm, und da der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen
mute, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurckzuziehen, um das
Kleid der Gndigen nicht zu beschdigen. Auch Tschitschikow mute
schlielich etwas von der ungewhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die
ihm gezollt wurde. Als er eines schnen Tages zu sich nach Hause kam,
fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es lie sich durchaus nicht
herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der
Kellner erzhlte, der berbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der
Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar
folgendermaen: Nein, ich mu dir schreiben! Dann war davon die Rede,
da es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand
ihre Bekrftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen,
welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige
Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, da
wir es fast fr unsere Pflicht halten, sie hier anzufhren: Was ist
unser Leben? -- Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben.
Was ist die Welt? -- Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet.
Hierauf erwhnte die Schreiberin, da sie die Briefe ihrer zrtlichen
Mutter, welche seit fnfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei,
mit Trnen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wste zu
folgen und die Stadt fr immer zu verlassen, wo die Menschen in der
Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende
des Briefes strmte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende
Zeilen bildeten den Abschlu:

   Zwei Turteltubchen bringen
   Dich flugs zum Grabesstein,
   Sie werden girren und singen
   Dir von meiner Todespein.

In der letzten Zeile war zwar das Versma nicht ganz in Ordnung, aber
das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit. Auch
fehlte die Unterschrift, der Vor- und Familienname, selbst Datum und
Jahreszahl fehlten. In einem Postskriptum hie es blo, Tschitschikows
eigenes Herz msse die Schreiberin des Briefes erraten, und auf dem Ball
des Gouverneurs, der morgen stattfinde, werde das Original persnlich
zugegen sein.

Das war alles sehr interessant. In der Anonymitt lag soviel Reiz und
Lockung, soviel was die Neugierde herausforderte, da Tschitschikow den
Brief noch ein zweites und drittes Mal berlas und schlielich ausrief:
Es wre doch hchst interessant, zu erfahren, wer eigentlich die
Schreiberin ist! Mit einem Wort, die Sache begann ersichtlich eine
ernste Wendung zu nehmen; mehr als eine Stunde sann er ber sein
seltsames Abenteuer nach, dann machte er eine nachlssige Gebrde, lie
den Kopf herabsinken und murmelte: Der Brief hat doch etwas
auerordentlich Geziertes! Hierauf wurde der Bogen, wie sich das von
selbst versteht, sorgfltig zusammengefaltet und in die Schatulle
gelegt, wo er in nchster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel und
einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun schon sieben Jahre
unberhrt auf demselben Flecke lag. Bald darauf brachte man ihm
tatschlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur. Das ist in
Provinzstdten etwas sehr Gewhnliches: wo es einen Gouverneur gibt, da
mu es auch Blle geben, sonst knnte es der Adel leicht an der
gebhrenden Liebe und Achtung fehlen lassen.

Er lie nun sofort alles nicht zur Sache Gehrige liegen und machte sich
davon frei, um sich voll und ganz den Vorbereitungen zum Balle zu
widmen; denn dazu gab's so manchen Sporn und Stachel. Dafr ist aber
wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel Zeit und Sorgfalt
auf die Toilette verwendet worden. Die Besichtigung und Prfung des
eigenen Angesichts vor dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in
Anspruch. Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und Skala
verschiedenartigster Ausdrcke zu verleihen: bald sollte es Ernst und
Wrde, bald eine gewisse durch ein Lcheln gemilderte Achtung, bald
wieder nur Achtung ohne jedes Lcheln widerspiegeln; dann verbeugte er
sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von einigen
unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige hnlichkeit mit
franzsischen Worten hatten, obwohl Tschitschikow absolut kein
Franzsisch verstand. Hierbei bereitete er sich selbst eine Menge hchst
angenehmer berraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen und den
Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein paar Mal hin und her; du
lieber Gott, was macht man nicht alles, wenn man mit sich allein und
sich bewut ist, da man ein schner Mann ist, und noch dazu die sichere
berzeugung hat, da niemand durch das Schlsselloch guckt. Endlich
kraute er sich noch ein bichen am Kinn und sagte: Ei, ei, du kleiner
Bullenbeier! und begann sich anzuziehen. Whrend dieses Prozesses
befand er sich die ganze Zeit ber in der glcklichsten Stimmung: wenn
er die Hosentrger anlegte, oder sich den Schlips umband, machte er
Kratzfe, anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, obwohl er
nie tanzen gelernt hatte. Dieser Luftsprung hatte nun allerdings einige
Folgen, die brigens recht harmloser Natur waren: die Kommode fing an zu
zittern, und die Kleiderbrste fiel vom Tisch herunter.

Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz auerordentlichen
Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm entgegen -- der eine hatte noch ein
Spiel Karten in der Hand, ein anderer brach das Gesprch am
interessantesten Punkte ab, als er gerade sagte: Und denken Sie,
hierauf erwiderte das Kreisgericht ... Was das Kreisgericht eigentlich
erwiderte, fhrte er gar nicht mehr aus, und strmte auf unseren Helden
los, um ihn zu begren: Pawel Iwanowitsch! O, mein Gott, Pawel
Iwanowitsch! Lieber Pawel Iwanowitsch! Verehrtester Pawel
Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch, Herzchen! Da sind Sie ja Pawel
Iwanowitsch! Da ist er, _unser_ Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie sich
umarmen, Pawel Iwanowitsch! Her mit ihm, seien Sie recht herzlich
gekt, mein teurer Pawel Iwanowitsch! Tschitschikow fhlte, wie er
fast gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte noch nicht Zeit,
sich aus der Umarmung des Gerichtsprsidenten zu befreien, als ihn schon
der Polizeimeister in _seine_ Arme schlo, dieser gab ihn an den
Inspektor des Sanittswesens weiter, der Inspektor an den
Branntweinpchter, der Branntweinpchter an den Stadtbaumeister .... Der
Gouverneur, der whrenddessen mit ein paar Damen zusammenstand und in
der einen Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern ein
Bologneserhndchen hielt, lie, als er Tschitschikow erblickte, beides
-- Zettel und Hndchen -- auf den Boden fallen, soda das Hndchen laut
aufheulte ... mit einem Wort, der Ankmmling verbreitete Heiterkeit und
Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das nicht vor Vergngen
strahlte, oder doch wenigstens etwas von der allgemeinen Freude
widerspiegelte. So glnzen die Gesichter der Beamten whrend des Besuchs
ihres Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden Ressorts
zu inspizieren; nachdem der erste Schreck vorber ist, bemerken sie, da
manches seinen Beifall findet, ja da er sich sogar leutselig zu einem
kleinen Scherz herablt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm dazu
lchelt -- und nun lachen die ihn umringenden, ihm zunchst stehenden
Beamten doppelt herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die
gesprochenen Worte kaum gehrt und noch weniger verstanden haben, ja
selbst der weit abseits an der Tr stehende Polizist, der noch nie in
seinem Leben gelacht, und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat --
selbst er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion und der
Nachahmung sein Gesicht zu einem Lcheln, welches aber so wenig
hnlichkeit mit einem Lcheln hat, da man eher meinen knnte, er habe
eine starke Prise genommen und msse nun niesen. Unser Held beglckte
alle und jeden einzelnen mit einer Antwort und fhlte sich ganz
auergewhnlich leicht und sicher: er verneigte sich nach rechts und
nach links, und zwar etwas seitwrts, wie das seine Gewohnheit war, aber
doch so ungezwungen, da er alle Anwesenden entzckte. Die Damen
umringten ihn sogleich wie eine glnzende Girlande und hllten ihn in
eine Wolke von Wohlgerchen aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die
andere brachte den Duft von Veilchen und Frhling mit, die dritte
strmte einen starken Resedaduft aus. Tschitschikow hob blo die Nase
und zog den sen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten sie
unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, Atlas- und
Tllstoffe waren von einer so modernen Blsse und Mattigkeit, da es
schwer wre, auch nur einen Namen fr jede Nuance zu finden -- eine
solche Hhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier erreicht!
Schleifen, Bnder und Blumenstrue umflatterten die Kleider in
malerischer Unordnung, obwohl an dieser Unordnung manch ordentlicher
Kopf sich viele Stunden abgemht hatte. Der leichte Kopfputz ruhte
allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: Halt! Ich fliege fort!
Schade nur, da ich meine Schne nicht mit mir forttragen kann! Sie
hatten alle stark und eng geschnrte Taillen, welche dem Auge feste und
angenehme Formen darboten. (Bei dieser Gelegenheit mu ich erwhnen, da
alle Damen der Stadt N. sich durch eine gewisse Flle auszeichneten,
aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnren und hatten dabei
so angenehme Umgangsformen, da man es ihnen garnicht anmerkte, da sie
dick waren). Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht
und Ueberlegung: der Hals und die Schultern waren nur gerade so weit
entblt, als es unumgnglich notwendig war, auch nicht um einen Zoll
weiter: eine jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als
nach ihrem eigenen Gefhl und ihrer berzeugung ntig war, um einen Mann
zugrunde zu richten; der Rest war mit groem Takt und Geschmack verhllt
und zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, das noch
leichter und luftiger war, als jenes Gebck, welches unter dem Namen
Baiser oder Ku߫ bekannt ist, schlang sich therisch um den Hals,
oder es ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand aus
feinem Battist hervor, die man bei uns zu Lande Sittenschild zu nennen
pflegt. Diese Spitzenwand bedeckte vorn und hinten all das, was zwar
keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber den Argwohn rege
hielt, da gerade hier das eigentliche Verderben lauere. Lange
Handschuhe, die nicht ganz bis zu den rmeln reichten, lieen die
reizenden Teile des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei
vielen eine beneidenswerte Flle erkennen lieen; bei manchen waren die
Glachandschuhe sogar geplatzt, da sie zu hoch hinaufgeschoben waren --
mit einem Wort, es war so, als ob ein jedes Ding htte sagen wollen:
Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris! Nur hie und da guckte
pltzlich eine Haube, wie noch nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine
Pfauenfeder, oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer
Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. Aber ohne das
geht es halt nicht ab -- das ist nun einmal die Eigentmlichkeit einer
Provinzstadt: es gibt immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle
fllt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte sich: Welche ist
denn nun aber die Verfasserin des Briefes? Er versuchte es, einen
Augenblick seine Nase hervorzustrecken; aber da stie er mit ihr gegen
eine ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlgen, rmeln, Schleifen,
duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde Galoppade jagte wie toll an
ihm vorber: die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit
einer blauen Feder, eine Dame mit einer weien Feder, der Georgische
Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus Petersburg, ein Beamter aus
Moskau, ein Franzose namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr
Berebendowski -- dies alles wuchs pltzlich vor ihm aus der Erde und
strmte davon ....

Da haben wir die Provinz! murmelte Tschitschikow, indem er zurckwich.
Aber als sich dann die Damen auf ihre Pltze begaben, fing er wieder an,
auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts und der Augen
erkennen knne, welche die Verfasserin des Briefes sei; allein weder die
Gesichter noch die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte sei.
berall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum Merkliches, unendlich
Feines -- oh! wie Feines ...! Nein, sagte Tschitschikow zu sich
selbst: Die Frau -- das ist ein Objekt -- hierbei machte er eine
sprechende Handbewegung -- darber ist berhaupt kein Wort zu
verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu erzhlen oder
wiederzugeben, was ber ihr Gesicht huscht, all diese Schlangenwindungen
und dies Wellengekrusel ... das lt sich eben garnicht ausdrcken!
Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses Reich, wenn sich
da ein Mensch hinein verirrt, dann ist er verloren! Da holt ihn kein
Haken und keine Winde wieder heraus. Versuch' doch mal einer ihren Glanz
zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersen Glanz ... Gott
allein wei, was es nicht alles fr Arten solchen Glanzes gibt: einen
harten und weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich
ausdrcken, >wonnetrunkenen< Glanz und dann wieder einen ohne
Trunkenheit, der aber noch weit gefhrlicher ist -- der einen nur so
beim Herzen packt und wie mit dem Fidelbogen ber die Seele fhrt. Nein,
da findet man kein Wort dafr: Es ist halt die >jalante< Hlfte des
Menschengeschlechts und weiter nichts!

Oh weh! Ich frchte, unserem Held entschlpfte ein Wort, das er von der
Strae her kannte. Aber was soll ich tun? Das ist nun einmal das Los des
Schriftstellers in Ruland! Aber selbst wenn ein Wort von der Strae in
dies Buch hineingetragen wre, so ist das nicht die Schuld des
Schriftstellers, sondern die der Leser und vor allem der Leser aus den
besseren Gesellschaftskreisen: sie sind die ersten, von denen man kein
anstndiges russisches Wort zu hren bekommt, sie beglcken euch mit
deutschen, franzsischen und englischen Reden in solchem berma, da
man gern darauf verzichten wrde, und selbst mit Beibehaltung und
Wahrung jeder nur mglichen Aussprache: sprechen das Franzsisch durch
die Nase oder schnarren es, reden englisch wie irgend ein Vogel es nicht
besser fertig brchte, ja sie machen ein richtiges Vogelgesicht dazu und
lachen einen noch aus, wenn man ihnen dies nicht nachmachen kann. Das
einzige, was sie sorgfltig vermeiden, ist alles Russische -- hchstens
lassen sie sich auf dem Lande eine Villa in russischem Stile bauen. So
sind nun mal die Leser aus den hheren Stnden, und alle, die sich
selbst zu den hheren Stnden rechnen! Aber andererseits wieder: welche
Strenge, welche Ansprche! Sie wollen durchaus, da alles in einem
absolut korrekten, reinen und edlen Stile abgefat werde -- wollen mit
einem Wort, da die russische Sprache wie von selbst, ganz reif und
fertig aus den Wolken herabfalle und sich ihnen auf die Zunge setze,
soda sie nur den Mund zu ffnen und ihr freien Lauf zu lassen brauchen.
Die weibliche Hlfte des Menschengeschlechts ist freilich hchst
rtselhaft; aber ich mu gestehen, die verehrten Herren Leser sind mir
oft noch weit rtselhafter.

Unterdessen wurde Tschitschikows Ratlosigkeit immer grer, wie er die
Verfasserin des Briefes unter allen anwesenden Damen herauserkennen
sollte. Er machte noch einen Versuch, jede einzelne von den Damen mit
forschendem Blick zu mustern und bemerkte, da in den Augen der holden
Weiblichkeit ein Etwas aufblitzte, was Hoffnung und se Qual ins Herz
des armen Sterblichen einziehen lie, soda er schlielich ausrief:
Nein, es ist vergebens, ich errate es doch nicht! Das hatte indessen
nicht den geringsten Einflu auf seine gute Laune, die ihn die ganze
Zeit ber nicht verlie. In seiner galanten ungezwungenen Art wechselte
er ein paar liebenswrdige Worte mit einigen Damen, ging mit schnellen
kleinen Schritten bald auf die eine und bald auf die andere zu, wie das
jene alten Gecken auf hohen Abstzen, welche man in Ruland
Musehengste nennt, zu tun pflegen, die sich gewandt und leicht um die
Damen herumbewegen. Wenn er sich schnell und sicher zwischen den
einzelnen Menschengruppen durchgewunden hatte, machte er einen Kratzfu
und schlug dabei mit dem Fchen ein wenig aus, was gewissermaen die
Bedeutung eines Schnrkels oder eines Hkchens am Namenszug hatte. Die
Damen waren sehr glcklich und befriedigt und entdeckten an ihm nicht
nur einen ganzen Haufen von angenehmen und liebenswrdigen Seiten,
sondern fanden sogar etwas Majesttisches, Kriegerisches und
Martialisches im Ausdruck seines Gesichts, was den Frauen bekanntlich
sehr gefllt. Ja man htte sich seinetwegen beinahe ein wenig gezankt:
es war bald von vielen bemerkt worden, da Tschitschikow meist in der
Nhe der Tre stand, und nun suchte alles die der Tre zunchstehenden
Sthle zu besetzen, und als hierbei eine der Damen einer andern
zuvorkam, htte es beinahe einen unangenehmen Auftritt gegeben, wobei
viele, die es selbst gern ebenso gemacht htten, hchst emprt ber
diese Unverfrorenheit und Taktlosigkeit waren.

Tschitschikow verwickelte sich bald in eine lebhafte Unterhaltung mit
den Damen, oder wurde vielmehr von diesen in eine lebhafte Unterhaltung
verwickelt, wobei er von ihnen mit einer wahren Flle hchst feiner und
geistreicher allegorischer Bemerkungen berschttet wurde, die alle
gedeutet und entrtselt werden muten, so da ihm der Schwei auf die
Stirn trat, und er sogar die vornehmste Anstandsregel zu erfllen
verga: nmlich der Frau des Hauses seine Aufwartung zu machen. Er
erinnerte sich erst daran, als er dicht neben sich die Stimme der Frau
Gouverneurin vernahm, die ihm schon einige Minuten lang gegenberstand.
Die Gouverneurin schttelte freundlich den Kopf und sagte in zrtlichem
und etwas schelmischem Tone zu ihm: So sind Sie also, Pawel
Iwanowitsch! ... Ich kann die Rede der Gouverneurin hier nicht genau
reproduzieren, ich wei nur, da sie ihm einige uerst freundliche und
liebenswrdige Worte sagte, in der Art, wie sich die Damen und Kavaliere
in den Romanen und Erzhlungen unserer vornehmsten Schriftsteller
auszudrcken pflegen, die mit besonderer Vorliebe das Leben in unseren
Salons beschreiben und bei dieser Gelegenheit merken lassen, da sie
groe Kenner des feinen Tones sind: sie sagte etwa: Hat man sich
bereits so sehr Ihres Herzens bemchtigt, da darin gar kein Pltzchen,
ja nicht einmal ein kleiner Winkel fr die brig geblieben ist, die Sie
in so hartherziger Weise vergessen konnten? Unser Held wandte sich
sogleich an die Gouverneurin und war schon im Begriff, ihr mit einer
Antwort aufzuwarten, die sicherlich nicht schlechter gewesen wre, als
die, welche wir in unseren modernen Romanen und Novellen von den
Swonskijs, Linskis, Lidins, Gremins und andern weltmnnisch-gewandten
Militrpersonen hren knnen, als er unwillkrlich die Augen aufschlug
und pltzlich wie vom Schlage gerhrt stehen blieb.

Vor ihm stand die Gouverneurin, aber nicht allein: sie hielt ein
sechzehnjhriges junges Mdchen am Arm, eine frische Blondine, mit
feinen regelmigen Zgen, spitzem Kinn und schn gerundetem Oval des
Gesichts, das wohl einem Knstler als Modell zu einer Madonna htte
dienen knnen, wie man es in Ruland nur selten findet, wo alle Dinge
mehr ins Weite schweifen: Berge und Wlder, Steppen, Gesichter, Lippen
und Fe -- es war dieselbe Blondine, welcher er unterwegs begegnet war,
als er von Nosdrjow kam, und als ihre Wagen durch die Dummheit der
Kutscher oder der Pferde auf so seltsame Weise zusammenstieen und mit
ihrem Geschirr in einander gerieten, und als Onkel Mitjai und Onkel
Minai den Knoten der Verwirrung lsen wollten. Tschitschikow wurde so
verlegen, da er kein vernnftiges Wort ber die Lippen bringen konnte
und einen so tollen Bldsinn herausstotterte, wie ihn allerdings weder
Gremin noch Swonskij noch Lidin jemals vom Stapel gelassen htten.

Kennen Sie meine Tochter noch nicht? sagte die Gouverneurin. Sie hat
soeben das Pensionat verlassen.

Er erwiderte, er habe bereits das Vergngen gehabt, ganz unerwartet ihre
Bekanntschaft zu machen; dann wollte er noch etwas hinzufgen, aber das
miglckte ihm vollstndig. Nachdem die Gouverneurin noch ein paar Worte
gesagt hatte, entfernte sie sich mit ihrer Tochter nach dem andern Ende
des Saals, um sich den andern Gsten zu widmen, und lie Tschitschikow
wie angewurzelt stehen. Lange noch stand er auf demselben Fleck wie ein
Mensch, welcher heiter auf die Strae hinaustritt, um einen Spaziergang
zu machen, dessen Augen jedem Eindruck der Umgebung offen stehen, und
der pltzlich stehen bleibt, weil er sich erinnert, da er noch etwas
vergessen hat; man kann sich berhaupt nichts Unbehilflicheres
vorstellen, als solch einen Menschen: Mit einem Schlage ist die
unbesorgte Miene von seinem Gesichte verschwunden. Mhsam sucht er sich
zu erinnern, was er denn eigentlich vergessen hat: das Taschentuch? Aber
das Taschentuch steckt in der Tasche! Sein Geld? Aber auch das Geld ist
da! Nichts scheint zu fehlen, und doch raunt ihm ein unbekannter Dmon
ins Ohr, er habe dennoch etwas vergessen. Verwirrt und kopflos blickt er
auf die vorberwogende Menge, die vorbeijagenden Equipagen, auf die
Helme und Gewehre der Soldaten, die Aushngeschilder usw. und doch kommt
ihm nichts klar zu Bewutsein. So auch wurde Tschitschikow allem
entfremdet, was um ihn her vor sich ging. Unterdessen flogen ihm von
duftigen Frauenlippen mancherlei Fragen und Anspielungen zu, die
Feinheit und Zrtlichkeit atmeten. Drften wir armen Erdenbewohner uns
wohl erkhnen, Sie zu fragen, worber Sie nachsinnen? -- Wo liegen die
seligen Gefilde, wo Ihr Gedanke weilt? -- Kann man den Namen
derjenigen erfahren, die Sie in dieses holde Tal der Trume gelockt
hat? Aber er beachtete keine dieser Fragen, und die freundlichen Worte
waren wie in den Wind gesprochen, ja er war so unliebenswrdig, da er
die Damen ruhig stehen lie und sich nach der andern Seite des Saales
begab, um auszusphen, wohin die Gouverneurin mit ihrer Tochter
entschwunden war. Aber die Damen wollten ihn doch nicht so leichten
Kaufes davonkommen lassen -- eine jede von ihnen war innerlich fest
entschlossen, keins von jenen Mitteln, die unsern Herzen so gefhrlich
werden und keinen ihrer strksten Reize unbenutzt zu lassen. Hier mu
ich einschalten, da einige Damen, ich sage einige und keineswegs alle
-- an einer kleinen Schwche leiden: wenn sie etwas Reizvolles an sich
bemerken, sei es nun die Stirn, der Mund oder die Hnde -- dann denken
sie gleich, dieser hchste Vorzug msse auch allen anderen sofort
auffallen, soda alle wie ein Mann ausrufen sollten: Seht, seht doch
nur, was sie fr eine herrliche griechische Nase hat! oder Welch eine
entzckende regelmige Stirn! Hat aber gar eine schne Schultern, dann
ist sie im voraus berzeugt, da alle jungen Leute von ihrem Anblick
ganz benommen sind und unbedingt ausrufen werden, wenn sie vorbergeht:
Nein, was hat sie fr herrliche Schultern! whrend sie Gesicht, Haare,
Augen und Stirne keines Blickes wrdigen, und wenn sie doch hinsehen,
diese Dinge als etwas ganz Nebenschliches behandeln werden. Wie gesagt,
so denken einzelne unter den Damen. Diesen Abend aber hatte sich eine
jede geschworen, beim Tanz so entzckend wie mglich zu erscheinen und
die Vorzge ihrer grten Reize in vollem Glanze erstrahlen zu lassen.
Die Frau Postmeisterin lie, whrend sie sich nach den Klngen eines
Walzers drehte, ihr Kpfchen so matt und mde auf die Schulter sinken,
da man sich wirklich in eine hhere Welt versetzt glaubte. Eine uerst
liebenswrdige Dame, welche garnicht in der Absicht zu tanzen auf den
Ball gekommen war, und bei der sich eine kleine Unannehmlichkeit oder
Inkommoditt, wie sie sich selbst ausdrckte, in Form eines Hhnerauges
von der Gre einer Erbse auf dem rechten groen Zeh eingestellt hatte,
soda sie sogar Plschstiefel hatte anziehen mssen, -- selbst diese
litt es nicht auf ihrem Platze, und auch sie machte einige Walzertouren
in ihren Plschstiefeln, nur damit der Postmeisterin ihre Triumphe nicht
allzusehr zu Kopfe stiegen.

Aber dies alles bte nicht die gewnschte Wirkung auf Tschitschikow; er
blickte kaum hin auf die Pas und Figuren, welche die Damen ausfhrten,
sondern erhob sich nur immer auf den Zehenspitzen, um ber die Kpfe
hinweg auszuschauen, wo sich die interessante Blondine gerade befand;
bald hockte er wieder ein wenig nieder, um zwischen Schultern und Armen
etwas von ihr zu erhaschen; und jetzt endlich hatte er gefunden, er sah
sie neben der Mutter sitzen, ber deren Haupt sich majesttisch eine Art
orientalischer Turban mit einer Feder schaukelte. Fast schien es, als
wolle er die Festung im Sturme nehmen. War es die Frhlingsstimmung, die
so stark auf ihn wirkte, oder gab es jemand, der ihn von hinten stie?
Genug, er drngte sich entschlossen und unter Miachtung aller
Hindernisse bis zu ihnen durch: der Branntweinpchter erhielt von ihm
einen Rippensto, da er sich nur mit Not auf einem Beine zu erhalten
vermochte, was noch ein Glck war, da er sonst den ganzen Reigen bei
seinem Falle in Mitleidenschaft gezogen htte; auch der Postmeister
sprang zurck und sah ihn mit Staunen an, in das sich etwas wie feine
Ironie mischte; aber Tschitschikow wrdigte sie keines Blickes: er hatte
fr nichts ein Auge, als fr die ferne Blondine, die gerade im Begriff
war, einen langen Handschuh anzuziehen und sicherlich vor Verlangen
brannte ber das Parkett dahinzuschweben. Whrenddessen holzten in der
andern Ecke schon vier Paare eine Mazurka ab: die Abstze zerstieen
fast den Boden, und ein Hauptmann der Armee arbeitete mit Leib und
Seele, Hnden und Fen, indem er sich in solchen Figuren produzierte,
wie sie die lebhafteste Phantasie sich nicht htte trumen lassen.
Tschitschikow scho fast ber die Fe der Tnzer hinweg geradenwegs auf
den Platz zu, wo die Gouverneurin mit ihrer Tochter sa. Allein, er
nherte sich ihnen doch nur sehr zaghaft und trippelte nicht so forsch
und keck mit den Fen, ja er wurde sogar etwas verlegen und in all
seinen Bewegungen kam eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck.

Es lt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in unserm Helden sich
wirklich etwas wie Liebe regte; es ist sogar zweifelhaft, ob Mnner wie
er, oder solche, die nicht gerade dick, aber doch auch nicht allzu dnn
sind, berhaupt der Liebe fhig sind; und doch spielte sich hier etwas
so Seltsames ab, da er es sich selbst nicht erklren konnte: es kam ihm
so vor, wie er es nachher selbst eingestand, als ob der ganze Ball mit
all seinem Rausch und Trubel auf einige Augenblicke wie in weite Ferne
gerckt sei, die Geigen und Trompeten schienen wie hinter den Bergen zu
verhallen, und alles lag wie im Nebel gehllt da, der einem nachlssig
hingemalten Felde auf einem Gemlde glich. Und von dem Hintergrunde
dieses trben, nachlssig auf die Leinwand geworfenen Feldes hoben sich
allein die feinen Zge der entzckenden jungen Blondine scharf und
deutlich ab: das reizende Oval ihres Gesichtes, ihre schlanke elastische
Gestalt, wie man sie nur bei einem jungen Mdchen trifft, das eben aus
dem Pensionate kommt, ihr beinahe schlichtes weies Kleid, welches sich
frei und leicht an die zarten jungen Glieder schmiegte, und berall die
herrlichen reinen Linien erkennen lie. So glich sie einem wunderbaren,
kunstvoll geschnitzten Spielzeug aus Elfenbein; sie allein leuchtete
schneewei, klar und hell aus der trben dunkelen Masse hervor.

Es ist wohl nicht anders auf dieser Welt; offenbar werden auch die
Tschitschikows einmal in ihrem Leben, wenn auch nur fr einen kurzen
Augenblick, zu Dichtern; doch das Wort _Dichter_ ist ein wenig
bertrieben. Wenigstens kam er sich in diesem Moment ganz wie ein junger
Mann oder gar wie ein fescher Husar vor. Sowie ein Stuhl neben der
Schnen frei wurde, nahm er sofort auf ihm Platz. Das Gesprch wollte
zuerst nicht recht vom Flecke kommen, aber nach einiger Zeit kam es in
Flu, er bekam sogar Mut, aber .... Hier mu ich zu meinem groen
Bedauern bemerken, da ltere, wrdige Leute, die wichtige mter im
Staate bekleiden, gerade in der Unterhaltung mit Damen ein bichen
schwerfllig werden; so richtig raus haben das nur die Leutnants,
dagegen gilt dies nicht mehr fr die hheren Offiziere, vom Hauptmann
aufwrts. Wie sie das anfangen, das wei der liebe Gott: es sind doch
wahrhaftig keine abgrundtiefen Dinge, die sie da vorbringen, aber die
jungen Mdchen schtteln sich auf ihren Sthlen vor Lachen; dagegen kann
euch ein Staatsrat die wundersamsten Dinge erzhlen: sich etwa darber
verbreiten, da Ruland ein gewaltiges Reich ist, oder ein Kompliment
vom Stapel lassen, das natrlich nicht ohne Geist ist, aber dies alles
schmeckt doch zu sehr nach Bcherweisheit, und wenn er etwas Komisches
sagt, dann lacht er sicherlich unvergleichlich viel mehr darber, als
seine Dame. Ich mache diese Bemerkung an dieser Stelle, damit die Leser
verstehen, warum unsere Blondine whrend der Erzhlungen unseres Helden
zu ghnen begann. Unser Held aber schien das garnicht zu bemerken und
fuhr fort all die schnen Dinge auszukramen, die er schon mehrfach und
bei verschiedenen Gelegenheiten zum Besten gegeben hatte, und zwar: im
Gouvernement Simbirsk bei Sophron Iwanowitsch Bespetschny, in Gegenwart
von dessen Tochter Adelheide Sophronowna und drei Schwgerinnen: Marha
Gawrilowna, Alexandra Gawrilowna und Adelheid Gawrilowna; ferner bei
Fjoder Fjodorowitsch Perekrojew im Gouvernement Rjasan; bei Frol
Wossiljewitsch Pobedonski im Gouvernement Pensa und bei dessen Bruder
Pjotr Wassiljewitsch, in Gegenwart von dessen Schwgerin Katarina
Michailowna und deren Enkelkindern: Rosa Fjodorowna und Emilia
Fjodorowna; und endlich im Gouvernement Wjatka bei Pjotr
Waronowjewitsch in Gegenwart der Schwester seiner Schwiegertochter
Pelageja Jegorowna und seiner Nichte Sofja Rostislawna und deren beiden
Stiefschwestern Sofja Alexandrowna und Maklatura Alexandrowna.

Tschitschikows Benehmen erregte das Mifallen aller Damen. Eine von
ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, um ihm dies zu verstehen zu geben,
und streifte die Blondine sogar etwas nachlssig mit der breiten
Schleppe ihres Kleides, whrend sie den Shawl, der um ihre Schultern
flatterte, so dirigierte, da sie die junge Dame mit dem Zipfel gerade
ins Gesicht traf; um dieselbe Zeit entfloh dem Munde einer anderen Dame
hinter Tschitschikows Rcken zugleich mit dem Veilchengeruch der von ihr
ausstrmte, eine recht boshafte und bissige Bemerkung. Aber sei es nun,
da er in der Tat nichts davon gehrt hatte, sei es, da er blo so tat,
als ob er nichts hre, genug, seine Handlungsweise war in diesem Falle
nicht sehr korrekt und schn, denn man soll etwas auf die Meinung der
Damen geben: er sollte seinen Fehler bereuen, aber leider erst nachher,
als es schon zu spt war.

Eine wirklich berechtigte Emprung malte sich in vielen Zgen. So gro
auch Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft war, so sehr man davon
berzeugt war, da er Millionr sei, und obwohl sein Gesicht einen
majesttischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, -- es gibt Dinge,
welche die Damen keinem Manne verzeihen, er mag sein, wer er will, und
sein Untergang ist besiegelt. Es gibt Flle, wo die Frau, so
charakterschwach sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, pltzlich
nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der _Mann_, sondern _als
alles in der Welt_. Die Miachtung, die Tschitschikow, ohne es
eigentlich selbst zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, fhrte wieder
zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall mit dem Stuhl
beinahe in die Brche gegangen wre. In den von ihm leicht hingeworfenen
ganz unwichtigen und belanglosen Reden entdeckte man pltzlich boshafte
und spitzige Anspielungen. Um das Unglck zu vollenden, hatte noch ein
junger Mann ein paar satirische Strophen auf die Tnzer gedichtet, ohne
das es bekanntlich bei Bllen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort
wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die Emprung wurde immer
grer, die Damen standen in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen
und tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche uerungen
ber ihn fielen; die arme Blondine aber ward vollkommen vernichtet, ihr
Todesurteil war unterschrieben.

Inzwischen wartete unseres Helden eine hchst peinliche berraschung;
whrend seine junge Nachbarin ghnte, und er ihr allerhand Geschichten
aus den entferntesten Zeitluften erzhlte, und sogar den griechischen
Philosophen Diogenes erwhnte, erschien pltzlich Nosdrjow auf der
Bildflche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer in den Saal trat.
Kam er aus dem Restaurationsraum oder war er aus dem kleinen grnen
Zimmer entsprungen, wo nicht blo Whist, sondern weit weniger harmlose
Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stcken, oder war er
herausgeschmissen worden, genug, er trat pltzlich frhlich und sehr
aufgerumt in den Saal, den Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine
ganze Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte
seine Stirne und schaute nach allen Seiten aus, wahrscheinlich weil er
darber nachsann, wie er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter
befreien knne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unertrglich.
Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee -- natrlich nicht ohne Rumzusatz
heruntergeschlrft und sich Mut getrunken. Jetzt log er wieder, da sich
die Balken bogen. Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschlo
er sich sogar ein Opfer zu bringen, das heit seinen angenehmen Platz zu
verlassen, und sich so schnell als mglich zu entfernen: denn er
versprach sich nichts Gutes von dieser Begegnung. Aber wie zum Trotz
tauchte pltzlich der Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine groe
Freude darber auszudrcken, da er Pawel Iwanowitsch endlich gefunden
habe, und hielt ihn fest, indem er ihn bat, Schiedsrichter in einem
kleinen Streit mit zwei Damen zu sein; man konnte sich nmlich nicht
darber einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; jetzt
aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging geradewegs auf ihn zu:

Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner Gutsbesitzer! schrie er,
whrend er nher kam und so laut lachte, da seine frischen Backen, die
so rot waren wie Frhjahrsrosen, nur so zitterten: Nun? Hast du viel
Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz! schrie er aus vollem Halse,
indem er sich an den Gouverneur wandte, er handelt mit toten Seelen!
Bei Gott! Hr mal Tschitschikow! Hr doch, ich sag dir's in aller
Freundschaft, wir sind doch hier unter lauter Freunden, da ist ja auch
Seine Exzellenz, ich wrde dich hngen lassen, bei Gott, ich lasse dich
hngen!

Tschitschikow wute nicht mehr, wie ihm wurde. Sie werden mir's nicht
glauben, Exzellenz! fuhr Nosdrjow fort: wie er mir sagte: >Hr mal,
verkauf mir doch deine toten Seelen,< da bin ich fast geplatzt vor
Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da sagt man mir, er habe drei
Millionen Bauern gekauft, die er zur Kolonisation verwenden will, schne
Kolonisation das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hr mal
Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Da
ist ja auch seine Exzellenz, nicht wahr, Herr Staatsanwalt?

Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so verlegen und verwirrt,
da sie gar keine Antwort fanden; unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der
ein wenig angeheitert war, ohne auf irgend jemand Rcksicht zu nehmen,
in seiner Rede fort: Ja, ja mein Bester ... ich lasse dich nicht eher
los, als bist du mir sagst, wozu du die toten Seelen gekauft hast. Hr
mal, Tschitschikow, du solltest dich schmen; du weit ja selbst, da du
keinen besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja auch Seine
Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Sie werden es nicht
glauben, Exzellenz, wie wir aneinander hngen, tatschlich, wenn Sie
mich fragten -- hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: >Nosdrjow, sag
mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, dein eigener Vater oder
Tschitschikow!< so mte ich sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ...
Herzchen komm la mich dir einen Ku, einen Baiser geben. Sie werden
wohl erlauben, da ich ihn ksse, Exzellenz. Strube dich doch nicht
Tschitschikow, la mich dir doch ein Baiserchen auf deine schneeweie
Wange drcken! Aber Nosdrjow kam mit seinem Baiser so bel an, da er
beinahe auf den Boden geflogen wre. Alle zogen sich von ihm zurck und
hrten nicht mehr auf ihn. Allein seine Worte von dem Kauf der toten
Seelen waren doch so laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von
einem so schallenden Gelchter begleitet worden, da sie selbst die
Aufmerksamkeit _der_ Gste auf sich lenkten, die sich in den
entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese Nachricht klang so
seltsam, da alle starr und stumm, mit einem halb fragenden, halb
trichten Ausdruck auf dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte,
wie mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten und sich boshaft
und gehssig zulchelten, und er glaubte in manchen Gesichtern etwas
ganz Eigentmliches und Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine
Verlegenheit noch verstrkte. Da Nosdrjow ein Erzlgner und Schwindler
war, das wute jedermann, und es wre keinem Menschen aufgefallen, wenn
er etwas ganz Unsinniges und Trichtes von ihm gehrt htte; aber der
sterbliche Mensch ist -- nein, es ist wirklich schwer zu verstehen, wie
dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen ist; so albern und
lppisch eine Neuigkeit auch sein mag, wenn es nur eine _Neuigkeit_ ist,
so wird er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn auch
nur um zu sagen: Was sie da wieder fr ein Lgenmrchen verbreiten!
Und der andre Sterbliche wird hchst vergngt die Ohren spitzen, wenn er
auch spter sagen wird: Aber das ist doch eine gemeine Lge, der man
gar keine Beachtung schenken sollte! Und gleich darauf wird er sich
aufmachen und sich einen dritten Sterblichen suchen, um ihm die
Geschichte zu erzhlen und dann mit ihm zusammen in edler Emprung
auszurufen: Was fr eine gemeine Lge! Und so wird das Gercht die
Runde durch die ganze Stadt machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer
da sind, werden solange ber die Sache sprechen, bis sie sie satt
kriegen, und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht wert, da
man ber sie rede.

Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose Begebenheit hatte
unseren Helden indessen merklich verstimmt. So dumm und albern auch die
Reden eines Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen klugen
Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fhlte sich pltzlich sehr
unbehaglich und peinlich berhrt, wie wenn er mit einem schngeputzten
Stiefel in eine schmutzige, stinkende Pftze getreten wre; mit einem
Wort, es war nicht schn, garnicht schn! Er versuchte es, nicht daran
zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, setzte sich sogar an den
Whisttisch, aber es ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal
spielte er die falsche Farbe aus, er verga sogar einmal, da er eine
Karte nicht stechen durfte, holte mit der Hand aus und bertrumpfte
seine eigene Karte. Der Gerichtsprsident konnte es durchaus nicht
verstehen, wie es blo mglich war, da Pawel Iwanowitsch, der ein so
guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, sich solche Schnitzer
zuschulden kommen und sogar seinen Pique-Knig bertrumpfen lassen
konnte, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den
lieben Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natrlich machten sich der
Postmeister, der Gerichtsprsident und sogar der Polizeimeister, wie das
zu geschehen pflegt, ein wenig ber unsern Helden lustig und neckten ihn
damit, da er wohl gar verliebt sei und da Pawel Iwanowitsch, wie sie
ja wten, ein leicht entzndliches Herz habe. Auch sei es ihnen
bekannt, wer es verwundet htte. Aber dieses war kein Trost fr ihn, so
sehr er es auch versuchte, zu lcheln und die Scherze mit Scherzen zu
beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht gelingen, sich so
recht zur Geltung zu bringen, obwohl die Tischgesellschaft sehr angenehm
war und trotzdem man Nosdrjow schon lngst hinausbefrdert hatte, weil
selbst die Damen schlielich anerkennen muten, da sein Benehmen gar zu
skandals war. Whrend des Kotillons hatte er nmlich ganz pltzlich auf
dem Parkett Platz genommen und die Tnzer bei den Frackschen gepackt,
was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz unmgliches Betragen
war. Das Abendessen war sehr lustig: Alle Gesichter, die zwischen den
dreiarmigen Leuchtern, Blumen, Flaschen und Schsseln mit Konfekt
hindurchschimmerten, glnzten vor eitel Freude und Befriedigung. Die
Offiziere, die Damen und die befrackten Herren -- flossen alle ber vor
Liebenswrdigkeit bis zum berdru. Ein Oberst berreichte sogar seiner
Dame die Saucenschssel, indem er sie auf der nackten Degenspitze
balancierte. Die lteren Herren, in deren Mitte auch Tschitschikow sa,
debattierten eifrig, und jedes treffende Wort wurde von einem kernhaften
Bissen Fisch oder Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man
stritt gerade ber die Gegenstnde, fr die sich Tschitschikow immer
lebhaft interessiert hatte, und doch glich er heute Abend einem
Menschen, der mde und zerschlagen von einem langen Wege heimgekehrt
ist, dessen Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr
einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das Ende des Soupers ab,
und fuhr viel frher nach Hause, als dies sonst seine Gewohnheit war.

Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, mit der Kommode, die
vor der Tre stand, und den hie und da aus den Ecken herausguckenden
Schwabenkfern, wollten indessen sein Geist und seine Gedanken ebenso
wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige Lehnstuhl, in dem er sa. Es war
ihm sehr schwer ums Herz. Eine lastende Leere qulte ihn: Wenn doch
alle die Menschen, welche diese Blle erfunden haben, der Teufel holte!
rief er wtend. Welchen Anla haben sie nur, so zu jubeln? In der
Provinz herrschen Miernte, Teuerung und Hungersnot, und sie geben
Blle! Auch was Rechtes: hllen sich da in alte Weiberlappen. Denken
Wunder was sie sind, wenn sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe
tragen! Das mu doch schlielich der Bauer mit seiner Steuer bezahlen,
und am Ende fllt es gar auf unsereinen zurck. Man wei doch, weswegen
die Herren so heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer Frau
einen teuren Shawl, Roben und wei der Teufel wie sie es sonst noch
nennen zu kaufen! Und wozu das alles? Damit nur ja keins von diesen
liederlichen Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe ein
besseres Kleid angehabt, -- deswegen schmeit man tausend Rubel aus dem
Fenster. Da schreit man: ein Ball, ein Ball, wie amsant! Ich mache mir
einen Dreck aus so 'nem Ball, das entspricht dem russischen Wesen gar
nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. Pfui Teufel noch
einmal: kommt da pltzlich ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen
Frack wie ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt mit
den Beinen hin und her. Und ein anderer steht wohl gar mit einem andern
zusammen, unterhlt sich mit ihm ber eine ernste Angelegenheit und
fhrt rechts und links allerlei Arabesken auf dem Fuboden aus ... Das
ist alles nichts wie Nachfferei; nichts wie Nachfferei. Weil der
Franzose mit vierzig Jahren noch gerad so ein Kind ist, wie mit
fnfzehn, darum mssen wir's auch so machen! Nein wirklich, nach jedem
Ball ist mir zumute als htte ich irgendein Verbrechen begangen, man
mchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf ist einem so leer wie
nach einem Gesprch mit einem vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was
vor, berhrt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, was er sich
aus Bchern zusammengerafft hat; das klingt alles sehr schn und nett,
und doch ist einem der Kopf grad so leer, wie vordem; so da man
schlielich berzeugt ist, da eine Unterhaltung mit einem einfachen
Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschft, es dafr aber auch
grndlich und aus dem ff kennt, mehr wert ist als all diese
Kinkerlitzchen. Was hat man nun von solch einem Ball? Wenn es zum
Beispiel einem Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern,
genau so wie sie sich abgespielt hat? Sie wrde sich doch in einem Buche
genau so tricht und albern ausnehmen wie in Natur. Man wei wirklich
nicht, wie sie wirken wrde: sittlich oder unsittlich? Wei der Teufel,
was das ist. Man wrde nur ausspucken und das Buch zuklappen! So
unfreundlich uerte sich Tschitschikow ber die Blle im allgemeinen;
aber ich glaube, sein Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was
ihn am meisten rgerte, war in Wahrheit garnicht der Ball, sondern der
Umstand, da er hereingefallen, pltzlich vor allen Leuten in Gott wei
was fr einem Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und
hchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn er das
Vorgefallene mit dem Auge eines vernnftigen Menschen berschaute, sah
er, da das alles nur Kleinigkeiten waren, und da ein trichtes Wort
gar nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache bereits
glcklich vollendet und erledigt war. Aber -- so seltsam ist nun einmal
der Mensch: was ihn so tief betrbte, war dies, da er sich die
Zuneigung derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst nicht
achtete, ber die er so hart urteilte und die er wegen ihrer Eitelkeit
und Putzsucht so scharf getadelt hatte. Das rgerte ihn um so mehr, als
er sich bei genauerer Prfung eingestehen mute, da er selbst einige
Schuld daran trug. Trotzdem zrnte er sich selber nicht im geringsten
und darin hatte er natrlich recht. Wir leiden alle an dieser kleinen
Schwche, da wir uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend
einen von unseren Nchsten aussuchen, an dem wir unseren rger auslassen
knnen, entweder einen Diener oder einen von unseren Untergebenen, der
uns gerade in den Weg luft, oder unsere Frau, oder endlich gar einen
Stuhl, den wir gegen die Tre oder wei der Teufel wohin schleudern,
soda ein Bein oder die Lehne bricht, damit die Herrschaften unseren
Zorn einmal grndlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow bald
einen Nchsten, der alles auf seinen Schultern davon tragen mute, was
ihm sein Zorn eingab. Dieser liebe Nchste war Nosdrjow, und es lt
sich nicht leugnen, da er so krftig von hinten und vorne und von allen
Seiten vermbelt wurde, wie hchstens noch irgend ein Spitzbube von
einem Dorfschulzen oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem
Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umstnden auch von einem
General vermbelt wird, welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten,
die er ihm an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern
unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist entspringen.
Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde hergenommen, und vielen Mitgliedern
seiner Familie in aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt.

Aber whrend Tschitschikow so von trben Gedanken geplagt, schlaflos in
seinem harten Lehnstuhle sa und Nosdrjow samt seiner ganzen Familie
tchtig durchhechelte, whrend das Talglicht langsam niederbrannte,
dessen Docht schon ellenlang verkohlt war, soda die Kerze jede Minute
zu verlschen drohte, whrend undurchdringliche nchtliche Finsternis
durchs Fenster blickte, und bei der nahenden Morgenrte schon im Begriff
war, in blaue Dmmerung umzuschlagen, whrend sich in der Ferne ab und
zu ein paar Hhne ihren Weckruf zukrhten, und irgendwo ein
Unglcklicher von unbekanntem Stand und Herkommen in einfachem
Wollmantel heimlich durch die stillen Straen der verschlafenen Stadt
schlich, er, der nur den einen (leider nur den einen!) von dem
unbndigen russischen Volke ausgetretenen Weg kennt -- spielte sich am
andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher die peinliche Lage unseres
Helden noch verschlimmern sollte. Durch die entlegenen Straen und
Gchen rasselte nmlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefhrt,
fr welches nicht gleich ein Name zu finden wre. Es hatte weder
hnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch mit einer Kutsche, noch mit
einer Equipage, sondern glich eher einer pausbckigen, dickbauchigen
Wassermelone, die man auf ein paar Rder gestellt hatte. Die Backen
dieser Wassermelone, d. h. die Wagentren, welche noch Spuren von gelber
Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht wegen des blen Zustandes, in
dem sich die Klinken und Schlsser befanden, die nur notdrftig mit ein
paar Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone war mit
Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen oder gewhnliche
Kissen aussahen, und mit Scken voll Getreide, Semmeln, Wecken und
Bretzeln aus gebrhtem Teig angefllt. -- Oben guckten sogar eine
Hhner- und eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine
Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten Jacke. Sie
war unrasiert, und ihre Haare begannen schon zu ergrauen. Mit einem
Wort, es war die bekannte Figur, die bei uns zu Lande Bursch genannt
zu werden pflegt. Der Lrm und das Gerassel der eisernen Klammern und
rostigen Schrauben weckten den Wchter am andern Ende der Stadt, soda
er seine Hellebarde aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle:
Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, da niemand da war, und nur ein
starkes Rasseln aus der Ferne herber tnte, machte er sich flugs daran
ein Tierchen, das auf seinem Kragen sa, zu fangen, worauf er sich der
Laterne nherte, um hier eigenhndig das Todesurteil auf seinem Nagel zu
vollstrecken. Dann lie er die Hellebarde wieder aus der Hand sinken, um
nach den Satzungen seines Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde
stolperten ber ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und
weil sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht gengend kannten.
Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, indem sie aus einer Strae
in die andere einbog, und nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse
an der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorber, um vor dem Hause der
Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus dem Wagen kroch ein Mdchen in
einem Flausrock und einem Tuch um den Kopf, und hmmerte mit beiden
Fusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. (Der Bursche in dem
gesprenkelten Rock wurde erst nachher an den Fen von seinem Standort
heruntergezogen, denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die Hunde
fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit ffnete sich auch das Tor und
verschlang, wenn auch nicht ohne Mhe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen
rollte in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und in dem sich
mehrere Hhnerstlle und andere Stlle befanden; zuletzt stieg noch eine
Dame aus dem Wagen; dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretrin
Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise unseres Helden in
groe Unruhe und Aufregung darber geraten, da sie von ihm betrogen
sein knnte, und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nchten
endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl die Pferde nicht
beschlagen waren, um dort Erkundigungen darber einzuziehen, welchen
Kurs die toten Seelen htten, und ob es nicht am Ende eine groe Torheit
war, als sie sich berreden lie, sie so billig zu verkaufen. Was ihre
Ankunft fr Folgen hatte, kann der Leser aus einer Unterhaltung
entnehmen, welche bald darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese
Unterhaltung .... doch diese Unterhaltung mag lieber im nchsten Kapitel
stattfinden.


                            Neuntes Kapitel.

Eines Morgens, noch vor der Stunde, wo in der Stadt N. die Besuchszeit
beginnt, flatterte aus der Tre eines orangefarbenen, hlzernen Hauses
mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Sulen, eine Dame in
einem eleganten gestreiften Kleidchen heraus, begleitet von einem Lakai
in einem Mantel mit mehreren Kragen und einem runden glnzenden Hut mit
goldenen Tressen. Die Dame hpfte eilig die steile Treppe hinab, um
gleich darauf in dem vor der Tre haltenden Wagen zu verschwinden. Der
Lakai warf sogleich die Wagentre zu, sprang auf das Trittbrett und
schrie dem Kutscher Vorwrts! zu. Die Dame brachte eine Neuigkeit mit,
die sie soeben erfahren hatte, und sprte ein schier unberwindliches
Verlangen, sie auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden
Augenblick aus dem Fenster und mute sich zu ihrem unendlichen rger
berzeugen, da sie kaum mehr als die Hlfte des Weges zurckgelegt
hatte. Jedes Haus kam ihr heute lnger vor als gewhnlich, das armselige
Asyl fr alte Frauen mit seinen schmalen Fenstern schien gar kein Ende
nehmen zu wollen, so da die Dame es schlielich nicht mehr aushielt und
ausrief: Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer nicht zu Ende!
Der Kutscher hatte schon zweimal den Befehl erhalten, sich doch zu
beeilen: Schneller, schneller, Andrjuschka! Du fhrst ja heute
unertrglich langsam! Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche hielt
vor einem einstckigen hlzernen Haus von dunkelgrauer Farbe mit weien
Basreliefs ber den Fenstern, vor denen sich ein hohes Holzgitter
befand; ein schmaler Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter
standen ein paar magere Bumchen, die bestndig mit Straenstaub bedeckt
waren und daher ganz wei aussahen. An den Fenstern sah man einige
Blumentpfe, einen Papagei, der sich in seinem Kfig schaukelte, indem
er sich mit seinem Schnabel an ein Stbchen anhakte, und zwei Hndchen,
die in der Sonne schliefen. In diesem Hause wohnte eine treue und
aufrichtige Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor ist in
groer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen soll und zwar so, da
ihm niemand deswegen zrne, wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend
einen Familiennamen erfinden -- das wre zu gefhrlich. Was er auch fr
einen Namen whlen wrde -- es wrde sich ganz sicher in irgend einem
Winkel unseres Landes -- gro genug ist es dazu -- jemand finden, der
denselben Namen trgt, ihm ganz ernstlich bse sein, sein Todfeind
werden und sagen wrde, der Autor sei allein deswegen hingereist, um im
geheimen zu erforschen und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich
sei, in was fr einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher Frau Agrafena
Iwanowna er verkehre, und was seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne
ihn bei seinem Rang und Titel -- so begibst du dich in eine noch grere
Gefahr. Gott behte! Heutzutage sind alle Berufe und Stnde bei uns so
empfindlich geworden, da sie alles, was sie in einem Buche gedruckt
lesen, sofort fr eine persnliche Beleidigung halten: das liegt nun mal
so in der Luft. Man braucht nur zu erklren: in der und der Stadt gebe
es einen dummen Kerl -- sofort ist's eine persnliche Beleidigung: im
Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr wrdigem ueren und
schreit einen an: Ich bin doch auch ein Mensch, also bin ich wohl
dumm? Mit einem Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich
handelt. Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen Eventualitten
aus dem Wege zu gehen, _die_ Dame, welche den Besuch erhielt, so nennen,
wie sie fast einstimmig von der ganzen Stadt N. genannt wurde: nmlich:
die _in jeder Beziehung angenehme_ Dame. Diesen Namen hatte sie von
Rechts wegen erhalten, denn sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut,
um im hchsten Grade angenehm und liebenswrdig zu erscheinen, obwohl
freilich aus ihrer Liebenswrdigkeit oft die ganze Schlauheit und
Gewandtheit des weiblichen Charakters hervorblickte, und in manch einem
ihrer stets angenehmen Worte eine ganz gefhrliche Spitze verborgen lag!
Garnicht erst davon zu reden, was fr ein Grimm gegen jede in ihrem
Herzen kochte, die es gewagt htte, auf irgend eine Weise in eine erste
Stellung einzurcken. Aber dies alles kleidete sich in das Gewand
feinster weltmnnischer Formen, wie man sie nur in einer Provinzstadt
finden kann. Jede ihrer Bewegungen war geschmackvoll, sie schwrmte sehr
fr lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr Kpfchen
trumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, mit einem Wort, alle
waren einverstanden, da sie wirklich eine _in jeder Beziehung angenehme
Dame_ sei. Die andre Dame, das heit jene, welche soeben angekommen war,
hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, und daher wollen wir
sie _blo die angenehme Dame_ nennen. Ihre Ankunft weckte die Hndchen,
welche sich auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adle, die sich
bestndig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rden Potpourri,
der zwei Paar uerst dnne Beinchen hatte. Beide strzten mit
geringelten Schwnzen und unter lebhaftem Gebell ins Vorzimmer, wo die
neuangekommene Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in
einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, mit einer langen Boa
um den Hals dastand. Ein intensiver Jasmingeruch verbreitete sich durch
das ganze Zimmer. Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame von
der Ankunft der blo angenehmen Dame erfahren, als auch sie schon ins
Vorzimmer gelaufen kam. Beide Freundinnen ergriffen sich bei der Hand,
kten sich und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mdchen, die sich
bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat wieder treffen, bevor noch
die beiden Mtter ihnen klar gemacht haben, da der Vater der einen
rmer und kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. Sie
kten sich so laut, da beide Hndchen wieder zu bellen begannen, wofr
sie einen sanften Schlag mit dem Tuche erhielten, -- und beide Damen
begaben sich in den natrlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa,
ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, um die sich Efeu
rankte; nach ihnen kam die zottige Adle und der groe Potpourri mit den
langen Beinen knurrend ins Zimmer gelaufen. Hierher, hierher, in dieses
Eckchen! sagte die Hausfrau, indem sie den Gast in einer Ecke des Sofas
Platz nehmen lie. So ist's schn, so ist's recht! Da haben Sie auch
ein Kissen! Mit diesen Worten schob sie jener ein schn gesticktes
Kissen in den Rcken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern dar,
wie sie gewhnlich auf Tlle gestickt werden: seine Nase hatte groe
hnlichkeit mit einer Treppe und die Lippen waren viereckig. Wie froh
ich bin, da Sie ... Ich hre jemand vorfahren und denke mir, wer knnte
das wohl sein, schon so frh? Parascha meinte, es sei die Frau
Vizegouverneur, und ich sage noch zu ihr: sollte die dumme Person schon
wieder gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte mich schon
verleugnen lassen ...

Die andre Dame war schon im Begriff zur Sache zu kommen und ihre
Neuigkeit auszukramen, aber ein Ausruf, den die in jeder Beziehung
angenehme Dame in diesem Augenblick tat, gab dem Gesprch eine ganz neue
Wendung.

Was fr ein hbscher heller Kattunstoff! rief die in jeder Beziehung
angenehme Dame, whrend sie das Kleid der blo angenehmen Dame
aufmerksam musterte.

Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja Fjodorowna findet aber,
da es hbscher aussehen wrde, wenn die Karos noch etwas kleiner und
die Pnktchen nicht braun, sondern blau wren. Ich habe meiner Schwester
einen Stoff geschickt; der ist so entzckend! ich kann's gar nicht
sagen! Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf blauem
Grunde, so schmal wie man sich's berhaupt nur vorstellen kann und
zwischen zwei Streifen immer uglein und Pftchen, uglein und Pftchen
.... Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, etwas
Schneres hat es noch nie auf der Welt gegeben.

Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt.

Oh nein! Gar nicht bunt!

Oh doch! Viel zu bunt!

Hier mu ich einschalten, da die in jeder Beziehung angenehme Dame in
gewissem Sinne Materialistin war, eine starke Neigung zur Negation und
zum Zweifel hatte und sehr vieles an diesem Leben verneinte.

Jetzt aber erklrte die blo angenehme Dame, da es durchaus nicht zu
bunt sei, und rief: Ach ja, ich gratuliere, man trgt keine
Faltenbestze mehr!

Wieso trgt man keine mehr?

Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen!

Ach! Festons sind doch aber nicht hbsch!

Ja man trgt nur noch Festons, nichts wie Festons. Pelerinen aus
Festons, auf den rmeln Festons, Aufstze aus Festons, unten Festons,
mit einem Wort berall Festons.

Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons sind nicht hbsch!

Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, ganz entzckend, man
nht sie so: erst faltet man sie zweimal, lt einen breiten Schlitz und
oben ... Aber warten Sie, jetzt mu ich Ihnen etwas erzhlen, worber
Sie sich wundern werden und sagen werden, da ... Ja wundern Sie sich
nur: die Taillen werden jetzt viel lnger getragen, vorn laufen sie ein
wenig spitz aus und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der
Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifrcken, und sogar
hinten ein wenig wattiert, ganz _ la belle femme_.

Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das mu ich denn doch sagen! rief
die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, machte eine emprte
Kopfbewegung und richtete sich im Gefhl ihrer Wrde stolz auf.

Sehr richtig, das geht zu weit, das mu ich auch sagen! antwortete die
blo angenehme Dame.

Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, aber da tue ich nicht
mit!

Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, was nicht alles Mode wird
... da hrt doch alles auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt
gebeten, blo so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie ist eben am
Nhen.

Was, Sie haben den Schnitt? rief die in jeder Beziehung angenehme Dame
aus, nicht ohne da man ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt
htte.

Natrlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht!

Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen heilig ist!

Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna versprochen. Vielleicht
nach ihr?

Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja Iwanowna schon getragen hat?
Ich fnde das sehr merkwrdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer
nchsten Freundin vorzgen!

Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades?

Ach, was ist das fr eine Tante. Sie sind doch nur durch Ihren Mann mit
ihr verwandt ... Nein, Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hren
-- Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon satt bekommen
und wollen die Bekanntschaft mit mir abbrechen ...

Die arme Sofja Iwanowna wute garnicht, was sie anfangen sollte. Sie
merkte sehr gut, in welch ein Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von
der Wichtigtuerei! Sie htte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln zerstechen
mgen.

Nun, und was macht unser Galan? fuhr jetzt die in jeder Beziehung
angenehme Dame fort.

Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze Zeit ber mit Ihnen
zusammen. Eine schne Geschichte! Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich
Ihnen fr eine Neuigkeit mitgebracht habe? Hier ging ihr der Atem aus,
ein ganzer Schwall von Worten drngte sich ihr auf die Zunge wie eine
Schar von Habichten, die wie ein Sturmwind dahinjagen und sich in
schnellem Fluge zu berholen streben. Es gehrte schon die ganze
unmenschliche Hrte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin dazu, um ihr
an dieser Stelle ins Wort zu fallen.

Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, soviel Sie wollen,
sagte sie mit einer ungewhnlichen Lebhaftigkeit. -- Und ich sage Ihnen
-- ich will es ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein
nichtswrdiger Mensch; ein _nichts_wrdiger, nichts_wrdiger_ Mensch!

Ja aber hren Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen habe!

Da redet alle Welt davon, da er schn sei, und dabei ist er nichts
weniger als schn, nichts weniger -- seine Nase -- er hat eine geradezu
widerwrtige Nase.

Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzhlen, Herzchen,
Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzhlen. Das ist ja eine
ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte >B kon apell
istoar<, sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster
Verzweiflung und mit flehender Stimme. -- Es ist vielleicht nicht
berflssig, bei dieser Gelegenheit zu erwhnen, da beide Damen sehr
viel fremde Worte und sogar lange franzsische Phrasen in ihr Gesprch
einflochten. Aber so gro die Ehrfurcht ist, die der Verfasser fr die
franzsische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie fr unser
Vaterland hat, so gro seine Achtung vor jener lblichen Sitte unserer
besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten,
natrlich nur aus innigster Liebe fr ihr Vaterland, zu ihrer
Verstndigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht ber sich gewinnen,
einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung
hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort.

Was fr eine Geschichte?

Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich blo vorstellen
knnten, in was fr einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da
kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater
Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie
wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie blo zu ihm?

Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur?

Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wre noch nicht das schlimmste! Nein,
hren Sie blo, was die Frau Oberpfarrer mir erzhlt hat! >Denken Sie
sich,< sagte sie, >kommt da pltzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka
bleich wie der Tod zu mir gestrzt und erzhlt mir, nein, Sie glauben
garnicht, was die mir erzhlt hat. Hren Sie doch nur, was die mir
erzhlt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, whrend
im Hause schon alles schlief, hrt sie pltzlich einen Hllenlrm, wie
man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans
Tor geklopft, und sie hrt eine menschliche Stimme rufen: >Macht auf!
Macht auf! Sonst sto ich das Tor ein ...< Nun, wie gefllt Ihnen das?
Was sagen Sie blo zu unserm Galan?

Ja, ist denn die Karobotschka jung und hbsch?

Ach, was! Eine alte Schachtel!

Das sind aber schne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte
rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann
man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!

Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie
vermuten. Denken Sie sich, pltzlich steht er bis an die Zhne bewaffnet
vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brllt sie an: >Verkaufe mir
die Seelen derer, die gestorben sind,< sagte er. Die Karobotschka
antwortet natrlich ganz vernnftig: >Ich kann sie nicht verkaufen; sie
sind doch schon tot.< -- >Nein,< ruft er, >sie sind nicht tot. Das ist
meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,< sagte er. >Sie sind
nicht tot, sind nicht tot!< schreit er. >Sie sind nicht tot!< Mit einem
Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf luft zusammen,
die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den
andern, kurz: ein Orrrrr, Orrrrr, Orrrrr! Sie knnen sich garnicht
vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies
alles hrte. >Liebe gndige Frau,< sagt meine Maschka zu mir. >Besehen
Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!< >Ach, jetzt ist mir
nicht darum zu tun,< sage ich, >ich mu schnell zu Anna Grigorjewna
hinfahren und es ihr erzhlen.< Ich lasse sofort anspannen. Mein
Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe
kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blde ins Gesicht. Ich glaube
wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrckt geworden. Ach, Anna
Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen knnten, wie mich das
aufgeregt hat!

Hm! Das ist sehr merkwrdig! sagte die in jeder Beziehung angenehme
Dame. Was hat das wohl zu bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich mu
gestehen, von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts.
Jetzt hre ich bereits zum zweiten Male von diesen toten Seelen. Und da
behauptet mein Mann, da Nosdrjow lgt! Irgend etwas steckt sicher
dahinter!

Nein, aber denken Sie sich blo in meine Lage hinein, Anna Grigorjewna,
wie mir zu Mute war, als ich das hrte!Und jetzt, sagt Karobotschka,
wei ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich gezwungen irgend
eine falsche Urkunde zu unterschreiben, sagt sie, und mir dann
fnfzehn Rubel in Papier auf den Tisch geworfen. Ich, sagt sie, bin
eine unerfahrene hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen Sachen.
Das ist 'ne Geschichte! Nein, wenn Sie sich blo vorstellen knnten, wie
mich das alles aufgeregt hat.

Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt es sich nicht um die toten
Seelen! Da steckt etwas ganz anderes dahinter.

Ich mu gestehen, ich dachte schon selbst daran, sagte die blo
angenehme Dame ein wenig erstaunt. Sie wurde sofort von der heftigsten
Begierde gepeinigt, zu erfahren, was wohl dahinter stecken knne, und
daher sprach sie gedehnt: Und was glauben Sie, was dahinter steckt?

Nun, was denken Sie wohl?

Was ich denke ...? Ich mu sagen ich stehe wie vor einem Rtsel.

Ich mchte aber doch wissen, was Sie sich wohl dabei gedacht haben?

Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und daher schwieg sie. Sie
konnte sich blo ber die Dinge aufregen, aber feine Vermutungen und
Kombinationen aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand
sie mehr als jede andere ein starkes Bedrfnis nach zrtlicher
Freundschaft, Rat und Beistand.

Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was diese toten Seelen zu
bedeuten haben, sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame und ihre
Freundin horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten sich wie von
selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, soda sie das Sofa kaum noch
berhrte und obwohl sie etwas kompakt war, wurde sie pltzlich beinahe
schlank und leicht wie Federflaum, soda man htte glauben knnen, ein
noch so leichter Lufthauch mte sie mit sich emportragen.

So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein Hundefreund, Jger und
Draufgnger, wenn er sich dem Walde nhert, aus dem eben ein von den
Treibern halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem Ro und
der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand in einem geronnenen
Augenblick in ein Pulverfa zu verwandeln, in das im nchsten Moment der
zndende Funke fallen soll. Seine Augen mchten die trbe Luft
durchbohren, und fr das arme Tier gibts kein Entrinnen mehr. Er setzt
ihm unaufhaltsam nach, und selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder
sich gegen ihn erhben, die ihm mit ganzen Garben silberner Sterne Mund
und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen und die kostbare Bibermtze
berschtteten.

Die toten Seelen .. sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame.

Wie? Was? fuhr die Freundin ganz aufgeregt dazwischen.

Die toten Seelen ...!

Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen!

Sind eine bloe Erfindung und nichts wie ein Vorwand. Hier handelt es
sich in Wahrheit um folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs
entfhren.

Diese Schlufolgerung kam in der Tat sehr unerwartet und war in jeder
Beziehung ungewhnlich. Als die angenehme Dame dieses hrte, blieb sie
wie versteinert auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde bla wie
der Tod, und geriet diesmal ernstlich in Aufregung. Oh mein Gott! rief
sie, indem sie die Hnde zusammenschlug: das htte ich mir wirklich
nicht trumen lassen!

Ich mu sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, da wute ich schon,
worum es sich handelt antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame.

Was soll man aber nach alledem von der Erziehung im Pensionat denken.
Die liebe Unschuld!

Schne Unschuld! Ich habe die Dinge reden hren! wahrhaftig ich htte
nicht den Mut gehabt, so etwas auszusprechen.

Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu schmerzlich, wenn man
sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit geht!

Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich dagegen mu gestehen,
da ich nichts an ihr finden kann.

Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unertrglich affektiert.

Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein Marmorbild, ohne den
geringsten Ausdruck im Gesicht.

Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, Gott, wie
affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben mag? Aber ich habe noch nie
ein Mdchen gesehen, das ein so geziertes Wesen gehabt htte.

Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie der Tod.

Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, sie legt ja Rot auf, da
es 'ne Schande ist.

Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie ist ja bleich wie Kreide,
ganz wie Kreide.

Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die Schminke sitzt ihr
ja fingerdick auf den Wangen, und brckelt stckweise ab wie der Kalk
von der Wand. Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine
abgefeimte Kokette, aber die Tochter ist der Mutter noch ber.

Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei ich schwren soll,
ich gebe gleich alles hin, meinen Mann, meine Kinder, all mein Hab und
Gut, wenn sie auch nur ein bichen, ein Fnkchen, auch nur einen Anflug
von Farbe hat!

Ach, was reden Sie blo, Sofia Iwanowna, sagte die in jeder Beziehung
angenehme Dame, und schlug die Hnde zusammen.

Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna Grigorjewna, ich sehe Sie
blo an und staune! sagte die angenehme Dame, und schlug gleichfalls
die Hnde zusammen.

Der Leser darf sich nicht darber wundern, da beide Damen sich durchaus
nicht ber das einigen konnten, was sie doch fast zu gleicher Zeit
gesehen hatten. Es gibt tatschlich sehr viele Dinge auf der Welt, die
diese merkwrdige Beschaffenheit haben; werden sie von _einer_ Dame
betrachtet, so sind sie ganz wei; betrachtet sie dagegen eine andre
Dame, so sind sie ganz _rot_, rot wie Preielbeeren.

Nun, da haben Sie _noch_ einen Beweis dafr, da sie bla ist, fuhr
die angenehme Dame fort: ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn
es heute wre, da ich neben Manilow sa und zu ihm sagte: >Sehen Sie
doch, wie bleich sie ist!< Wirklich, man mu schon so unvernnftig sein,
wie unsere Herren, um sich fr sie zu begeistern. Und unser Herr Galan
... Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwrtig war! Sie
knnen sich garnicht vorstellen, wie er mir widerwrtig war!

Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht ganz gleichgltig war.

Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das knnen Sie doch wirklich nicht
sagen. Niemals, niemals!

Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch noch andre Frauen auf
der Welt!

Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben Sie mir zu bemerken, da
ich mich sehr gut kenne; das trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht
andre Damen, die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen.

Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen Sie sich sagen, da
ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte verwickelt war. So etwas
mag vielleicht jeder andern begegnen, aber mir nicht, Sie mssen mir
schon gestatten, Ihnen dieses zu bemerken.

Warum sind Sie denn so gekrnkt? Auer Ihnen waren doch noch andre
Damen anwesend, welche den Stuhl an der Tre zu allererst besetzen
wollten, um mglichst nahe bei ihm zu sitzen.

Man htte meinen sollen, diese Worte der angenehmen Dame htten
unbedingt ein Ungewitter zur Folge haben mssen; aber merkwrdigerweise
verstummten beide Damen ganz pltzlich, und der erwartete Sturm blieb
aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erinnerte sich noch zur
rechten Zeit, da der Schnitt zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand
war, und die blo angenehme Dame war sich darber klar, da sie noch gar
keine Einzelheiten ber die Entdeckung ihrer besten Freundin wute, und
daher schlo man sehr schnell wieder Frieden. brigens kann man nicht
sagen, da beide Damen von Natur das Bedrfnis hatten, sich
Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht eigentlich einen
boshaften Charakter, es kam gleichsam ganz von selbst, da sich whrend
des Gesprches der fast unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander
einen kleinen Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, da
es der einen von beiden eine kleine Freude machte, der Freundin bei
Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu sagen: Da hast du's! nimm und fri
es! So verschieden sind Herzensbedrfnisse beim mnnlichen und
weiblichen Geschlechte.

Ich kann nur eins nicht verstehen, sagte die blo angenehme Dame, wie
Tschitschikow, der doch hier nur auf der Durchreise ist, sich zu einem
so tollkhnen Abenteuer entschlieen konnte. Er mu doch irgend welche
Helfershelfer haben.

Und Sie glauben wohl er hat keine?

Und was meinen Sie, wer knnte ihm dabei helfen?

Nun, zum Beispiel -- Nosdrjow!

Glauben Sie wirklich -- Nosdrjow?

Warum nicht. Der ist doch zu allem fhig. Wissen Sie denn nicht, er hat
seinen leiblichen Vater verkaufen oder richtiger am Kartentisch
verspielen wollen.

Gott, was fr interessante Neuigkeiten ich von Ihnen erfahre! Ich htte
nie gedacht, da auch Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei.

Und ich hab es mir gleich gedacht!

Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfllt! Sagen Sie blo, wer
htte es damals vermuten knnen, als Tschitschikow zum Besuch in unsere
Stadt kam, da er solche tolle Sprnge machen wrde? Ach Anna
Grigorjewna, wenn Sie wten, wie mich das aufregt! Wenn ich Sie nicht
htte, Ihre Freundschaft und Ihre Gte .... Ich stnde wirklich wie vor
einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? Meine Maschka schaut mich an,
sieht da ich bleich bin wie der Tod, und sagt zu mir: >Liebe gndige
Frau, Sie sind ja bleich wie der Tod!< Und ich sage ihr noch: >Ach
Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken im Kopf herum!< Nein so
etwas! Und der Nosdrjow steckt auch dahinter! Schne Geschichte das!

Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere Details ber die
Entfhrung d. h. etwas ber den Tag, die Stunde und so weiter zu
erfahren, aber sie verlangte zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme
Dame erklrte ganz einfach, sie wte nichts darber. Und sie log
niemals: eine khne Hypothese aufstellen -- das war eine andre Sache,
aber auch dies gelang ihr nur dann, wenn diese Hypothese auf einer
tiefen inneren berzeugung beruhte; war diese innere berzeugung aber
wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame auch fr sie einzustehen,
da htte es der grte Advokat, der berhmteste Wortfechter und Sieger
ber fremde berzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im
Wettkampfe zu messen --: hier htte er erst gemerkt, was das bedeutet:
eine innere Ueberzeugung.

Da beide Damen zuletzt ganz fest davon berzeugt waren, was sie vordem
auf die bloe Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht
merkwrdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte
Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafr sind
unsere gelehrten Errterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die
Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und
fast schchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: Hat nicht dies Land
seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde? oder Gehrt nicht
vielleicht diese Urkunde einer anderen, spteren Zeit an? oder Mssen
wir nicht dies Volk fr das und das Volk halten? Hierauf zitiert er
sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend
eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was _er_ fr eine Anspielung
hlt, so legt er auch schon im khnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt
mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen,
richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen
beantwortet, und er hat pltzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener
Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als she
er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschliet
seine Betrachtung mit den Worten: Und so ist es gewesen. Dies Volk also
war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt
werden mu! Und dann wird es feierlich vom Katheder verkndet, da alle
es hren knnen -- und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um
weitere Anhnger und Bewunderer zu gewinnen.

Whrend unsere beiden Damen eine so hchst verworrene und komplizierte
Sache so glcklich und mit soviel Scharfsinn geklrt und entwirrt
hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen
Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon.
Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzhlten ihm von
dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des
Gouverneurs zu entfhren und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz
konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem
linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem
Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In
einer solchen Verfassung berlieen ihn die Damen sich selbst und
strmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu
setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben
Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewhlt, alles befand sich
in wilder Ghrung und bald begriff kein Mensch berhaupt noch etwas. Die
Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, da
alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mchtig waren.
Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine
Kameraden whrend des Schlafes eine Papierdte mit Tabak, oder wie man's
bei uns nennt einen Husaren in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und
mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schlfer den Tabak
ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen
Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet,
und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der
schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fllt, das Gelchter der
Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht,
das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem
tausende von Vogelstimmen wiedertnen, das in der Morgensonne
erstrahlende Flchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in
dessen glnzender Flut sich unzhlige feuchte Knabenleiber tummeln, und
zum Bade laden -- und nun erst merkt er, da ihm der Husar in der Nase
steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten
unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die
Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und
Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in
ihren Kpfen durcheinander; erst spter, nachdem die erste Verwirrung
sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln
voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft
zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, da durchaus keine
Klarheit ber die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. Was ist denn das
fr eine Fabel, nein wirklich, was ist das fr ein Gefasel von den toten
Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten
Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen
solchen Esel, der so etwas tte? Und fr was fr ein unntzes Geld wird
er sie denn kaufen? Und schlielich, wozu kann er diese toten Seelen
blo brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der
Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entfhren wollte, warum sollte
er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedrfen? Und wenn er sich tote
Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu
entfhren? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was fr einen
Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder fr eine
Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten ber
einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur berhaupt irgend einen Sinn
htte! ... Andererseits aber mu doch etwas dahinter stecken, sonst wre
doch dies Gercht nicht entstanden. Irgend einen Grund mu es doch
haben. Aber was knnten die toten Seelen fr ein Grund sein? Da fehlt es
doch sogar an einem vernnftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so
wie: ein hlzernes Eisen, ein paar weichgekochte Stiefel oder ein
glserner Stelzfu! Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man
tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den
toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und
von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von
Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es
durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Smtliche
Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafrcken hinter
dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge
Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen
Kutscher schoben, kamen aus ihren Hhlen gekrochen, all die, welche
lngst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen
hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Brenhuter und
Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berhmte Namen, die von den Ausdrcken
auf der Brenhaut liegen und hinterm Ofen hocken abgeleitet und bei
uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und
Schlummers einen Besuch abstatten jenen totenhnlichen Schlaf auf der
Seite, auf dem Rcken und in allen mglichen anderen Lagen, bezeichnen
soll, der von einem krftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsuseln durch
die Nase und allem sonstigen Zubehr begleitet ist); alle die, welche
man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit
meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf
der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit
einem Worte, es zeigte sich, da die Stadt menschenreich und gro war,
und da ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur
wnschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und
ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie
etwas gehrt hatte; in den Salons erschien pltzlich ein baumlanger Kerl
mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Gre, wie
sie berhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straen sah man gedeckte
Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperksten, Rumpelkutschen -- und
der Brei war eingerhrt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen
Umstnden htten diese Gerchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden,
aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war
whrend der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man
in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen
pflegt und was bekanntlich fr eine Stadt unter Umstnden ebenso wichtig
ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevlkerung der
Stadt teilte sich pltzlich in zwei vllig entgegengesetzte Parteien,
die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die mnnliche und die
weibliche. Der Standpunkt der Mnner war ganz unvernnftig und tricht;
sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei
beschftigte sich dagegen ausschlielich mit der Entfhrung der Tochter
des Gouverneurs. In dieser Partei -- zur Ehre der Damen sei es gesagt --
herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und berlegung. Es ist offenbar
schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und berall fr
die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein
bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an,
alles klrte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein
vollendetes scharf umrissenes Gemlde. Jetzt kam es an den Tag, da
Tschitschikow schon lngst in jene Person verliebt war, da sie sich im
Garten beim Mondenschein getroffen, da der Gouverneur Tschitschikow
seine Tochter lngst zur Frau gegeben htte, weil jener reich wie ein
Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden
war, dazwischen gestanden htte (woher man erfahren hatte, da er
verheiratet war, wute niemand anzugeben), da diese Frau, die eine
hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rhrenden Brief an den
Gouverneur geschrieben, und da sich Tschitschikow angesichts der
entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entfhrung
entschlossen habe. In manchen Husern wurde diese Geschichte allerdings
etwas anders erzhlt: darnach hatte Tschitschikow berhaupt keine Frau,
htte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die
Tochter haben wollte, zunchst an die Mutter gemacht, und mit dieser
eine kleine Herzensaffre angebahnt, erst spter habe er um die Hand der
Tochter angehalten; die Mutter aber htte gefrchtet, hier knne leicht
ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion
zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz
kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen,
die Tochter zu entfhren. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklrungen
und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die
Gerchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel
der Stadt eindrangen. Bei uns in Ruland haben auch die unteren
Schichten der Gesellschaft eine groe Vorliebe fr Klatschgeschichten,
die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in
solchen Husern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow
berhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklrungen
und Gerchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm
mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so
schlielich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau
Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fhlte sich, als Mutter
einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten
aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur
vermutet hatte, und geriet in eine groe und auch in jeder Beziehung
berechtigte Emprung. Die arme Blondine hatte ein hchst unangenehmes
Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjhriges junges Mdchen
zu berstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwrfen,
Ermahnungen und Drohungen ergo sie ber das arme Mdchen, soda diese
in Trnen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort
von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order
Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen.

Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nmlich die Gouverneurin
betraf, erfllt hatten, nahmen sie sich die mnnliche Partei vor, um sie
fr sich zu gewinnen. Sie erklrten die Sache mit den toten Seelen fr
eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und
so den Mdchenraub ungestrt ausfhren zu knnen. Viele von den Mnnern
lieen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an,
trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwrfen ihrer Genossen
aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberrcke nannten -- zwei
Epitheta, die bekanntlich fr das mnnliche Geschlecht einen recht
krnkenden Sinn haben.

Aber so sehr sich auch die Mnner wappnen, so groen Widerstand sie auch
leisten mochten, es fehlte in ihrer Partei schlielich doch an jener
Ordnung und Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei ihnen
war alles plump, ungeschickt, unzweckmig, unharmonisch und schlecht;
in den Kpfen herrschte Unordnung und Wirrwarr, in den Gedanken
Unklarheit und Verworrenheit -- mit einem Worte, es kam eben die
unglckliche Natur des Mannes so recht zum Vorschein, diese grobe plumpe
schwerfllige Natur, die weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen,
noch tiefer ehrlicher berzeugungen fhig ist, diese kleinglubige,
trge, von ewigen Zweifeln, von ngstlichkeit und Furcht zerrttete
Natur. Die Mnner behaupteten, das seien alles Torheiten, die Entfhrung
einer Gouverneurstochter sei weit eher etwas fr einen Husaren, als fr
eine Zivilperson, so etwas wrde Tschitschikow auf keinen Fall tun, den
Frauen sei nicht zu trauen, sie lgen alle, ein Weib sei wie ein leerer
Sack, was man in ihn hineinschtte, das kme auch wieder aus ihm heraus:
der Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten msse, das seien die
toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, was sie zu bedeuten htten,
sicherlich aber stecke etwas sehr Schlimmes und Hliches dahinter.
Warum es den Mnnern aber schien, da etwas so Hliches und Schlimmes
dahinter stecke -- dies werden wir sogleich erfahren. Es war soeben ein
neuer Generalgouverneur fr die Provinz ernannt worden -- bekanntlich
ein Ereignis, das die Beamten stets in einen Zustand voller Unruhe und
Aufregung versetzt: da gibt's dann immer allerhand Untersuchungen und
Rffel, da wird einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt,
da mu man von Amts wegen alle Suppen ausessen, mit denen der
Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren pflegt. -- Herr Gott!
dachten die Beamten, wenn er auch nur das erfhrt, da in der Stadt
solche Gerchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, sondern
ernstlich zornig werden. Der Inspektor der Sanittsverwaltung wurde
pltzlich ganz bleich, ihm fiel etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht
das Wort tote Seelen eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei
der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften
Vorsichtsmaregeln in den Husern und Lazaretten gestorben waren, und ob
Tschitschikow nicht am Ende ein Beamter aus der Kanzlei des
Generalgouverneurs sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die
Wege leiten solle. Er teilte seine Befrchtungen dem Gerichtsprsidenten
mit. Der Gerichtsprsident erklrte sie fr Torheiten, erblate aber
gleich darauf selbst bei dem Gedanken: wie aber, wenn die von
Tschitschikow gekauften Seelen wirklich tot wren? Hatte er es doch
zugelassen, da der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu selbst
die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin bernommen. Wie, wenn
das dem Generalgouverneur zu Ohren kme, was dann? Er teilte diesem und
jenem seine Besorgnisse mit, und pltzlich erblate auch dieser und
jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und teilt sich in einem
Augenblicke mit. Alle entdeckten pltzlich solche Snden an sich selbst,
wie sie sie garnicht mal begangen hatten. Die Worte tote Seelen hatten
einen so unbestimmten Klang, da sogar der Argwohn laut wurde, ob es
sich hier nicht um zwei Flle handle, wo zwei Menschen zu frh begraben
worden waren. Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurck. Das
erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk passiert, welche
zur Messe in die Stadt gekommen waren und nach Erledigung ihrer
Geschfte mit ein paar befreundeten Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine
solenne Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer Art
aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, Bowlen usw. Diese Zecherei
endigte natrlich, wie das gewhnlich zu passieren pflegt, mit einer
weidlichen Prgelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen aus
Ustssyssolsk tchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls ein paar
krftige Rippenste und Pffe in die Bauch- und Magengegend erhielten,
welche von den ungeheuerlichen Dimensionen der Fuste zeugten, mit denen
die seligen Prgelhelden begabt waren. Dem einen von den Siegern war
sogar der Erker eingetrommelt, wie sich unsere Boxer auszudrcken
pflegen, d. h. die Nase derart platt geschlagen, da kaum mehr als ein
Fingerglied von ihr brig war. Die Kaufleute gestanden ihre Schuld ein
und erklrten, sie htten sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man sprach
sogar davon, da sie fr jeden der von ihnen Erlegten je vier
Hundertrubelscheine bezahlt htten; brigens aber blieb das eine sehr
dunkle Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen ging
hervor, da die Kaufleute von Ustssyssolsk an Kohlengasvergiftung
zugrunde gegangen seien. Und so wurden sie denn auch als solche
begraben. Der andere Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war
folgender: die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Spe hatten sich
mit ebensolchen Bauern der Drfer Borow, Borowka und Sadirailowo
vereinigt und angeblich die Gendarmerie in der Person eines gewissen
Schffen, namens Drobjaschkin vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d.
h. der Schffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen und
allzuoft ihr Dorf heimgesucht haben, was unter Umstnden fast so
gefhrlich war, wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, da die
Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwche den Weibern und Dorfmdeln
gar zu eifrig nachgestellt habe. Ganz klar ist zwar die Sache nicht,
obwohl die Bauern geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lstern
gewesen, wie ein Kater, mehr als einmal htten sie _ihn_ vertreiben und
einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhtte hinausjagen mssen.
Natrlich hatte die Gendarmerie wegen ihrer Herzschwche eine harte
Strafe verdient, andererseits lie sich aber die Eigenmchtigkeit der
Bauern von Wschiwaja Spe und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen und
verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde teilgenommen hatten.
Immerhin blieb es doch eine ganz dunkle Sache; man fand die Gendarmerie
am Wege liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen von
Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. Die Sache kam vor die
Behrden und schlielich vor das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz
unter sich errterte und in folgendem Sinne entschied: da es unbekannt
sei, wer von den Bauern eigentlich an dem Tode der Gendarmerie Schuld
trug, alle zusammen jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da
Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und daher wenig davon
haben wrde, wenn er den Proze gewnne, die Bauern hingegen noch am
Leben seien, weshalb denn auch eine gnstige Wendung des Prozesses von
groer Bedeutung fr sie sei, so habe das Gericht beschlossen: da der
Schffe Drobjaschkin selbst die Schuld an seinem Tode trage, weil er die
Bauern von Wschiwaja Spe und Sadirailowo in ungerechter Weise bedrckt
und verfolgt habe, und da er demgem, als er eines Abends in seinem
Schlitten nach Hause zurckkehrte, an einem Schlaganfall gestorben sei.
Die Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; pltzlich
aber fingen die Beamten an zu glauben, da es sich in diesem Falle um
die genannten toten Seelen handele. Dazu kam noch, da gerade um die
Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer schwierigen Lage
befanden, beim Gouverneur zwei Papiere eingingen. Das eine enthielt die
Mitteilung, da auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein
Falschmnzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle und sich
hinter verschiedenen Namen verstecke. Und daher sei es ntig, eine
strenge Untersuchung in die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt
eine Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz ber einen Ruber,
der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen hatte, und die
Aufforderung, wenn in der Provinz des Herrn Kollegen eine verdchtige
Person auftauchen sollte, welche weder Pa, noch sonstige
Legitimationspapiere vorlegen knne, diese sofort zu verhaften. Beide
Papiere riefen eine allgemeine Bestrzung hervor; alle bisherigen
Vermutungen und Folgerungen waren pltzlich ber den Haufen geworfen. Es
lag natrlich nicht der geringste Anla zur Annahme vor, da sich auch
nur ein Wort davon auf Tschitschikow bezge. Wenn man sich dagegen
berlegte und daran erinnerte, da eigentlich niemand recht wute, wer
Tschitschikow sei, da er sich selbst nur sehr unklar und unbestimmt
ber seine Person geuert und blo erklrt hatte, da er in seiner
Karriere Schiffbruch gelitten, weil er der Wahrheit htte dienen wollen,
so mute das frischen Verdacht erregen. Aber das alles war doch zu
unklar und verschwommen. Und wenn er weiter sagte, er habe sich viele
Feinde erworben, die ihm nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr
Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr geschwebt, also
wurde er doch verfolgt: also mute er doch irgend etwas begangen haben
... Ja wer war er denn nun eigentlich? Man durfte natrlich nicht
annehmen, da er falsches Papiergeld verfertige, oder gar ein Ruber sei
-- hatte er doch eine so gesinnungstchtige Physiognomie; aber bei
alledem: wer war er denn nun tatschlich? Und jetzt endlich stellten
sich die Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, d. h.
im ersten Kapitel dieser Dichtung, htten stellen sollen. Man beschlo
noch einige Nachforschungen bei all den Leuten anzustellen, die ihm die
toten Seelen verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das fr ein
Geschft gewesen sei, was man nun eigentlich unter diesen toten Seelen
zu verstehen habe und ob Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen
zufllig oder so nebenher etwas von seinen Plnen und Absichten verraten
oder ihnen erzhlt htte, wer er sei. Zuerst wandte man sich an die
Karobotschka; aber aus der war nicht viel herauszubekommen: er htte
halt fr fnfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch Daunen ein,
ja er habe versprochen, ihr noch alles mgliche andere abzunehmen. Er
liefere auch Speck an den Staat und sei daher ganz gewi ein Gauner;
denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr Daunen abgekauft und
Specklieferungen an den Staat bernommen habe. Der habe alle miteinander
bers Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze hundert Rubel
betrogen. Mehr war nicht aus ihr herauszuholen; sie wiederholte immer
nur ein und dasselbe, und die Beamten berzeugten sich bald, da
Karobotschka ganz einfach eine dmliche alte Schachtel sei. Manilow
erklrte, fr Pawel Iwanowitsch werde er stets einstehen wie fr sich
selber. Er wrde gerne sein ganzes Gut dafr hingeben, wenn er nur einen
hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften bese, die
Pawel Iwanowitsch zierten; berhaupt uerte er sich in der
schmeichelhaftesten Weise ber ihn, indem er die Augen zusammenkniff und
noch einige Gedanken ber Freundschaft von sich aus zugab. Diese
Gedanken zeugten natrlich in ausreichender Weise von den zarten
Regungen seines Herzens; aber sie klrten die Sache selbst eigentlich
doch nicht auf. Sabakewitsch erwiderte: seiner Ansicht nach sei
Tschitschikow ein braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine
besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder Hinsicht wohlauf
und munter seien; aber er knne natrlich nicht dafr garantieren, was
in Zukunft nicht noch alles geschehen knne. Wenn sie die Strapazen der
bersiedelung nicht berstehen und unterwegs sterben sollten, so sei das
nicht seine Schuld; das liege in Gottes Hand. Es gbe ja genug Epidemien
und andere tdliche Krankheiten in der Welt, und es habe schon Flle
gegeben, wo ganze Drfer ausgestorben seien. Die Herren Beamten nahmen
noch zu einem andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu
vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur Anwendung kommt. Sie
lieen die Bedienten Tschitschikows auf allerhand Umwegen durch
befreundete Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten
aus der Vergangenheit und den Lebensverhltnissen ihres Herrn bekannt
seien. Aber auch hier bekamen sie nur wenig zu hren. Von Petruschka
nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen Geruch der Wohnstube,
und Seliphan erklrte nur kurz: Er ist frher Beamter gewesen und hat
beim Zollamt gedient. Das war alles. Diese Klasse von Menschen hat eine
seltsame Gewohnheit: wenn man sie direkt nach etwas fragt, dann knnen
sie sich nie auf etwas besinnen. Sie knnen sich die Dinge in ihrem
Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, da sie nichts wissen.
Fragt man sie aber nach etwas anderem, dann bringen sie alles vor, was
ihr nur wnscht, und erzhlen es euch mit solchen Einzelheiten, wie ihr
sie gar nicht mal hren wollt. Alle Nachforschungen, die von den Beamten
angestellt wurden, machten ihnen nur eins klar, da sie wirklich nicht
wuten, wer Tschitschikow eigentlich war, und da er doch aber sicher
etwas sein mte. Schlielich beschlossen sie, sich endgltig ber
diesen Gegenstand zu einigen, und wenigstens eine definitive
Entscheidung zu treffen, was hier zu tun sei, welche Maregeln sie
ergreifen und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er ein Mensch,
den man als politisch unzuverlssig arretieren und verhaften msse, oder
vielmehr ein solcher sei, der _sie selbst_ als politisch unzuverlssig
arretieren und verhaften knne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich,
im Hause des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja schon
als Vater und Wohltter der Stadt kennengelernt hat.


                            Zehntes Kapitel.

Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser
schon als Vater und Wohltter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die
Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie
eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den bestndigen Sorgen und
Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen
Generalgouverneurs, dann die krzlich eingegangenen Papiere so
bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen -- dies
alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst
die Frcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig
heruntergekommen: der Gerichtsprsident, der Inspektor der
Sanittsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja
sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem
Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger,
den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein
wenig abgemagert. Natrlich gab es darunter auch ein paar von jenen
verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die
Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab
eigentlich nur einen einzigen den man dazu zhlen konnte, nmlich den
Postmeister. Er allein blieb vllig unverndert in dem ruhigen Gleichma
seines Wesens und sagte wie gewhnlich in derartigen Fllen: euch kennt
man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher
dem anderen Platz machen mssen, ich aber stehe bald dreiig Jahre auf
meinem Posten. Worauf die andern Beamten gewhnlich zu erwidern
pflegten: Sie haben es gut Herr! Sprechen Sie deutsch, Iwan
Andreitsch. Dein Geschft ist der Postdienst -- du hast blo die
eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst
hchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu frh schlieen und dann
irgend einem Kaufmann, der sich versptet hat, fr die Annahme des
Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert
vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter
diesen Umstnden kann natrlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze
dich mal in unsere Lage, wo dir tglich der Teufel in eigner Person
erscheint und dir fortwhrend etwas in die Hnde spielt. _Du selbst_
willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir
ist das Malheur nicht so gro; du hast blo ein Shnchen. Mir aber hat
Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, da sie mich jedes
Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da wrdest
du auch auf einer anderen Flte pfeifen. So sprachen die Beamten. Ob es
aber in der Tat mglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen,
das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium,
das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzglich
der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den
gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. berhaupt sind wir, wie es
scheint, nicht so recht geschaffen fr reprsentative Versammlungen. Bei
all unsern Sitzungen von denen der lndlichen Bauerngemeinden an bis zu
allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine
leitende Persnlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher
Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist;
wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, da ihm nur _die_
Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine
Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf
deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten
Dingen vorhanden. Pltzlich fllt es uns ein, wenn der Wind gnstig ist,
irgend welche Wohlttigkeits-, Hilfs- und Gott wei was fr andere
Vereine zu grnden. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann
man sicher sein, da nichts dabei herauskommt. Vielleicht rhrt das
daher, da wir gleich im Anfang, d. h. zu frh, befriedigt sind, und
glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine
Gesellschaft mit wohlttigem Zweck grnden wollen und schon bedeutende
Summen dazu gestiftet haben, mssen wir unbedingt, um unsere so lbliche
Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen
der Stadt geladen sind und das mindestens die Hlfte der gezeichneten
Summe verschlingt. Fr die andere Hlfte richtet sich das Komitee eine
prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen
Summe fnf und ein halber Rubel brig bleiben. Aber auch hier sind sich
die Mitglieder des Komitees noch nicht einig ber die Verwendung und
Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante
oder Base vor. brigens war das Kollegium, das sich heute versammelt
hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedrfnis hatte die Anwesenden
zusammengefhrt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme
oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging
jeden Beamten persnlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die
allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn
sich alle Beteiligten unter solchen Verhltnissen einmtiger und enger
zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen
ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und
Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen
vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und uerungen der
Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwrdige Unentschlossenheit zum
Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche
Staatspapiere her, fgte jedoch gleich darauf hinzu: vielleicht ist es
aber auch nicht so, ein anderer erklrte, er sei ein Beamter aus dem
Bro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und
meinte brigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann
man es einem Menschen doch nicht ablesen. Gegen den Verdacht aber, da
er ein verkleideter Dieb oder Ruber sei, lehnten sich alle in gleicher
Weise auf, man war der Ansicht, da er doch ein vertraueneinflendes
und gesinnungstchtiges ueres besitze, aber auch in seinen Worten lge
nichts, was auf einen Menschen schlieen liee, der einer solch
gewaltttigen Handlungsweise verdchtig sei. Pltzlich rief der
Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden
hatte -- sei es nun, da ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war,
sei es aus einem andern Grunde -- ganz unerwartet aus: Wissen Sie,
meine Herren, wer er ist? Er hatte diese Worte mit einer Stimme
herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschtterndes an sich hatte, so
da sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: Nun
wer? Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein
anderer, als der Hauptmann Kopeikin![5] Und als ihn darauf alle
zugleich fragten: Wer ist denn dieser Kopeikin? antwortete der
Postmeister erstaunt: Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin
ist?

Alle erwiderten, sie htten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin
gehrt.

Der Hauptmann Kopeikin, versetzte der Postmeister, indem er seine
Tabakdose nur ganz wenig ffnete, weil er sich frchtete, es knnte am
Ende noch einer von den ihm Zunchststehenden mit den Fingern
hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht berzeugt war; pflegte
er doch zuweilen sogar zu sagen: Wei schon, wei schon, mein Bester,
wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mgen! Tabak -- das ist ein
Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein
will. -- Der Hauptmann Kopeikin, wiederholte er, nachdem er eine
Prise genommen hatte: ja -- brigens, wenn ich Ihnen von ihm erzhlen
wollte -- das gbe eine hchst interessante Geschichte; selbst fr einen
Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema.

[Funote 5: Groschen.]

Alle Anwesenden uerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses fr
einen Schriftsteller so interessante Poema, wie sich der Postmeister
ausgedrckt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaen:


                Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr, hub der Postmeister
an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer
saen, nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen
Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett
eingeliefert. Ein Bruder Leichtfu und launenhaft wie der Teufel, hatte
er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache
gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje
oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein
Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab's noch keine
von den bekannten Einrichtungen fr die Verwundeten: dieser
Invalidenfond, das knnen Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst
viel spter gegrndet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, da er
arbeiten mu, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nmlich
den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der
Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht auch noch ernhren;
ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst mit knapper Not
meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie
wohl, Verehrtester, da beschlo er nach Petersburg zu reisen und sich an
die Behrden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Untersttzung
zukommen lassen knnten, er habe doch gewissermaen, sozusagen sein
Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem
Gepckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt,
sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mhe und Not nach
Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich _nun_ dieser
selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in
der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Pltzlich ist es um ihn herum
licht und hell, gewissermaen ein weites Feld des Lebens, so eine Art
mrchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur,
pltzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine
Erbsenstrae oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt
irgend so ein Turm in die Luft und dort _hngen_ ein paar Brcken,
wissen Sie, so ohne jegliche Sttzen und Pfeiler, mit einem Wort die
reinste Semiramis. Tatschlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine
Weile in den Straen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war
ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das
Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien,
Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital
nur so mit Fen. Man geht ber die Strae, und die Nase merkt schon von
ferne, da es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze
Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fnf blauen Scheinen
und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein
Landgut lt sich dafr nicht kaufen, d. h. es liee sich vielleicht
kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig
Tausend mu man sich erst beim Knig von Frankreich leihen. Genug, er
mietet sich schlielich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, fr einen
Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gngen, eine
Kohlsuppe und ein Stck Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, da sein
Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich
wenden soll. >Wohin knntest du dich wenden,< sagt man ihm. >Die Beamten
der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist
alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurck. Aber es gibt hier eine
sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie's,< sagt man ihm,
>vielleicht knnen Sie dort was ausrichten.< -- >Nun gut, dann gehe ich
zur Kommission,< spricht Kopeikin. >Ich werd' es ihnen schon klar
machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut
vergossen und gewissermaen mein Leben geopfert.< So stand er denn also
eines Morgens etwas frher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen
Bart, denn, sehen Sie wohl, wre er zum Barbier gegangen, so htte das
in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und
begab sich auf seinem Holzfu einherhinkend zum Vorsitzenden der
Kommission. Stellen Sie sich blo vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende
wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehrt ihm. Eine
richtige Bauernhtte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange
Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem
Wort, die Sinne schwinden einem. So 'ne Trklinke aus Metall, der
feinste Komfort, soda man zuerst in den Laden laufen, sich fr einen
Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hnde
reiben mu, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen
Sie, da steht ein Portier mit einem groen Sbel, mit so 'ner
Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops
... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfu ins Vorzimmer,
setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein
Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen
Sie wohl, zu stoen. Sehen Sie wohl, natrlich mute er eine halbe
Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der
Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein
Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen
Sie wohl, wo man sich drin wscht. Mein Kopeikin wartet also vier
Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt:
>Gleich kommt der Prsident!< Und schon fllt sich das Zimmer mit
allerhand Epauletten und Achselbndern. Mit einem Worte die Menschen
drngen sich wie Bohnen in der Schssel. Endlich, Verehrtester, tritt
auch der Prsident herein. Na, Sie knnen sich natrlich vorstellen: der
Prsident in eigener Person sozusagen. Und, natrlich, seinem Rang und
Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie.
Aus allem spricht die Condewite des Grostdters. Erst geht er zu
einem dann zum andern: >Warum sind Sie hier?< >Und Sie?< >Was wnschen
Sie?< >In welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein
Kopeikin an die Reihe: >So und so,< sagt er, >ich habe mein Blut
vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht
mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine
Untersttzung, irgend so 'ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine
Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.< Der
Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfu und der rechte rmel
baumelt leer herunter. >Gut!< sagt er, >fragen Sie nach ein paar Tagen
mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz selig. >Na,< denkt er, >die Sache
macht sich.< Er ist in einer Laune, knnen Sie sich vorstellen; hpft
geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um
einen Schnaps zu nehmen, a in der Stadt London zu Mittag, lie sich
eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand
Filets, nebst einer Flasche Wein -- mit einem Wort, es war eine feudale
Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er pltzlich eine Englnderin
kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein Kopeikin,
dessen Blut in Wallung geriet, luft ihr trach, trach, trach auf seinem
Stelzfu nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei einstweilen
der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin
schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.< Dabei hatte er an diesem
einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hlfte seines Geldes
durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder
in die Kommission zum Prsidenten: >Ich bin gekommen,< sagt er, >um mir
Bescheid zu holen, so und so, infolge der berstandenen Krankheiten und
meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw.,
verstehen Sie wohl.< Alles in der amtlichen Sprache, natrlich! >Ja,
ja,< sagt der Prsident, >zunchst aber mu ich Ihnen mitteilen, da ich
in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag.
Sie sehen selber, was das fr eine Zeit ist. Die kriegerischen
Operationen sind gewissermaen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten
Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin
noch ein wenig. Sie knnen berzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen.
Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist
alles was ich geben kann ...< Na, Sie verstehen, er gab ihm natrlich
nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprchen htte man bis zum
Entscheidungstermin damit auskommen knnen. Aber mein Kopeikin hatte
keine Lust dazu. Er dachte er wrde gleich morgen ein paar Tausender
erhalten: >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amsier dich!<;
statt dessen aber mu er warten und wei nicht einmal, bis zu welchem
Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Englnderinnen
und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so'n Uhu,
oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Prsidenten heraus
-- hat den Schwanz eingezogen und lt die Ohren hngen. Das Leben in
Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem
hatte er auch schon gekostet. Und nun heit es: sieh zu, wie du
weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie
wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem
Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an
irgend so einem Restaurant vorber: und nun stellen Sie sich vor: der
Koch ist ein Auslnder, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem
offenen Gesicht, trgt immer nur die feinste hollndische Wsche, und
eine Schrze, so wei wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor
seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit
Trffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, da unser
Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen htte vor Appetit. Oder
er kommt an den Miljutinschen Lden vorbei: lacht ihm da sozusagen
irgend so ein gerucherter Lachs, oder ein Krbchen mit Kirschen -- zu
fnf Rubel das Stck, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer
Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem
Narren, der einen berflssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen
Sie, mit einem Wort, nichts wie Verfhrungen auf Schritt und Tritt, es
luft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, fr ihn aber
heit's: warte geflligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor:
einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und
andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm
morgen wieder._< >Ach was,< denkt er, >mgen Sie dort machen, was sie
wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die
Vorsitzenden in Bewegung und erklre: nein, bitte schn, das geht nicht
so weiter!< Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, -- je
weniger einer im Oberstbchen los hat, desto mehr Mut hat er -- kommt er
also in die Kommission: >Nun was wnschen Sie?< fragt man ihn, >was
wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.< -- >Ich
bitt' Sie,< sagt er, >ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund
leben. Ich mu doch meine Kottelette und eine Flasche franzsischen
Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins
Theater gehen, verstehen Sie,< sagte er -- >Nein, da mssen Sie uns
schon entschuldigen,< sagte da der Vorsitzende .. >Was das anbelangt, so
mssen Sie sich schon gewissermaen gedulden. Sie haben doch etwas
bekommen, um sich ber Wasser zu halten, bis die Order von oben
eingelaufen ist, und Sie knnen berzeugt sein, da Sie nach Gebhr
entschdigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, da bei uns
in Ruland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaen, sozusagen,
einen Dienst geleistet hat, da der unversorgt geblieben wre. Aber,
wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater
gehen wollen, nein, wissen Sie, dann mssen Sie schon entschuldigen.
Dazu verschaffen Sie sich nur geflligst selbst die Mittel. Da mssen
Sie sich schon selbst helfen.< Aber denken Sie blo, mein Kopeikin
verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer
Wand. Er erhob ein groes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in
Aufruhr. Er lie ein wahres Hagelwetter ber all diese Regierungsbeamten
und Sekretre los ... >Ja dann seid ihr ja dies und jenes,< sagte er,
>ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr
Gesetzesverdreher!< Mit einem Wort, er wischte ihnen allen krftig eins
aus. Zufllig kam ihm auch noch irgend so'n General aus einem andern
Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie
wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so
einem rasenden Kerl anfangen? Der Prsident sieht, es gibt keinen andern
Ausweg, man mu gewissermaen, sozusagen, zu strengeren Maregeln seine
Zuflucht nehmen. >Schn,< sagte er, >wenn Sie nicht damit zufrieden sind
was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die
Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in
Ihre Heimat abschieben. Der Feldjger soll kommen und ihn nach der
Heimat transportieren!< Der Feldjger aber, verstehen Sie wohl, der
steht schon da und wartet schon hinter der Tr: so'n baumlanger Kerl,
wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst fr den Kurierdienst
geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser
braver Knecht Gottes in den Wagen befrdert und ab geht's in Begleitung
des Feldjgers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das
Reisegeld. Auch dafr bin ich den Herren dankbar.< So fhrt er denn,
Verehrtester, mit dem Feldjger, und whrend er so an der Seite des
Feldjgers sitzt, spricht er gewissermaen, sozusagen, zu sich selber:
>Schn,< sagt er, >du erklrst mir, ich soll mir selbst helfen und die
Mittel suchen! Gut, schn,< sagt er, >ich will mir die Mittel schon
verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befrdert, und wohin
er eigentlich gebracht wurde, darber ist nichts bekannt geworden. Und
daher sind denn auch die Nachrichten ber den Hauptmann Kopeikin im
Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie,
wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier
schrzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also
Kopeikin verschwunden ist, das wei niemand; aber stellen Sie sich vor,
es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wldern von Rjasan eine
Ruberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Ruberbande, sehen Sie
wohl, war kein anderer als ...

Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch, unterbrach ihn pltzlich der
Polizeimeister, du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein
Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...

Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die
Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte
garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser
Erzhlung eingefallen war, und erklrte, das russische Sprichwort: der
Verstand des Russen ist von hinten am strksten! sei vollkommen wahr.
Aber gleich darauf fing er an, Winkelzge zu machen und versuchte sogar
sich aus der Affre zu ziehen, indem er behauptete, die Englnder
htten, wie man aus den Zeitungen ersehen knne, die Mechanik sehr
vervollkommnet, und einer htte sogar hlzerne Fe mit einem solchen
Mechanismus erfunden, da man nur auf eine Spirale zu drcken brauche,
damit diese Fe einen in unbekannte Gegenden forttrgen, soda man den
Menschen berhaupt nicht mehr auffinden knne.

Aber trotzdem zweifelten alle, da Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin
sei, und fanden, da der Postmeister schon gar zu weit ber das Ziel
hinausgeschossen habe. brigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht
lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle
Hypothese des Postmeisters, womglich noch weiter. Unter den vielen in
ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so
seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, da Tschitschikow
vielleicht _Napoleon_ sein knne, der sich verkleidet in ihrer Stadt
aufhielte; die Englnder seien schon lngst eiferschtig auf Ruland,
auf seine Macht und seine Gre, und es wren schon mehrmals Karikaturen
erschienen, auf denen ein Russe im Gesprch mit einem Englnder
abgebildet war: der Englnder steht da und hlt einen Hund an der Leine,
dieser Hund aber soll _Napoleon_ vorstellen: >Pa auf,< sagt der
Englnder, >wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf
dich.< Wer wei, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena
losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in
Ruland umher, whrend er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei.

Natrlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber
sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen
die Sache berlegte, konnte er sich's nicht verhehlen, da
Tschitschikows Profil eine verdchtige hnlichkeit mit dem Napoleons
hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht
hatte, hatte Napoleon persnlich gesehen und mute gleichfalls zugeben,
da er sicherlich nicht grer als Tschitschikow und auch von Statur
weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dnn
gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles fr sehr
unwahrscheinlich halten, -- nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe
zuzugestehen, da die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum
Tort mute sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzhlen, was
um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege,
sondern in nchster Nhe von beiden Hauptstdten lag. brigens darf man
nicht vergessen, da all diese Ereignisse bald nach der glorreichen
Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere
Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten
und ungebildeten Leute wenigstens fr die ersten acht Jahre
eingefleischte Politiker geworden. Die Moskauer Nachrichten und der
Sohn des Vaterlandes wurden so zerlesen, da sie an den letzten Leser
nur noch als ein Huflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu
gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den
Scheffel Hafer verkauft, Vterchen? -- Was denken Sie vom gestrigen
Schneefall? -- hrte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung?
-- Ist Napoleon nicht wieder entwischt? -- Besonders die Kaufleute
frchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung
eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker sa. Dieser
neue Prophet war pltzlich -- kein Mensch wute woher -- in Bastschuhen
und in Felle gehllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der
Stadt aufgetaucht und hatte verkndigt, Napoleon sei der Antichrist, der
jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette
schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze
Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins
Gefngnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte
er seine Mission erfllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bichen
Verstand gebracht. Und lange noch, selbst whrend des flottesten
Geschftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier
beim Tee ber den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten
und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, ber
die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung,
welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben,
der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn
zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse
wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch
die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie
wieder zur Besinnung und merkten, da ihre Phantasie schon allzu ppig
wucherte, und da die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und
dachten her, berlegten her und berlegten hin, und kamen schlielich
zur berzeugung, da es vielleicht nicht bel wre Nosdrjow einmal
grndlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit
den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte,
in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mute er doch etwas ber
dessen Lebensverhltnisse wissen; und so beschlo man denn, erst einmal
zu hren was Nosdrjow sagen werde.

Hchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter
aller anderen Berufe: sie wuten doch ganz genau, da Nosdrjow ein
Lgner sei, da man ihm kein Wort glauben knne, selbst da nicht, wo es
sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre
Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott,
aber glaubt dafr, da er unbedingt sterben msse, wenn ihm seine Nase
juckt; er geht gleichgltig an einer Schpfung des Dichters vorbei,
welche so deutlich fr sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz
durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um
sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu strzen, der ihm
irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und
vergewaltigt. Und das gefllt ihm. Da tut er den Mund weit auf und
schreit mit lauter Stimme: Seht ihr! das ist reine Herzenskndigung!
Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die rzte, um am Ende zu einem
alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke
kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug,
weil ihm pltzlich die tolle Idee kommt, es knne ihm etwas gegen seine
Krankheit ntzen. Man htte natrlich die Herren Beamten mit ihrer
schwierigen Lage entschuldigen knnen. Man sagt ja, da ein Ertrinkender
nach einem Strohhalm greife, und da er nicht soviel berlegung habe, um
sich zu sagen, auf einem Strohhalm knne hchstens eine Fliege einen
Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fnf Zentner wiegt;
aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese berlegung berhaupt
nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere
Herren schlielich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb
ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu
speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit
freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm
seinen Sbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das
Schreiben zu berbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen
Gegenstande beschftigt; schon den vierten Tag verlie er das Haus
nicht, empfing keinen Menschen und lie sich sogar das Mittagessen durch
das Fenster reichen -- mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah
beinah grn im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die grte
Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und
Zusammenstellung _eines_ Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem
ganzen _Schock_. Dabei mute die Zeichnung aber so scharf sein, da man
sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche
Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Whrend dieser ganzen Zeit
mute Porphyr dem kleinen Bullenbeier den Nabel mit einer besonderen
Brste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war
sehr rgerlich, da er in seiner Einsamkeit gestrt wurde; zuerst
schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem
Polizeimeister erfuhr, da sich heute abend ein kleines Geschftchen
machen liee, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er
sofort milder gestimmt; er schlo also sein Zimmer schnell ab, kleidete
sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows
Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu
denen der Herren Beamten, da selbst ihre _khnsten_ Hypothesen ber den
Haufen geworfen wurden. Dies war tatschlich ein Mensch, fr den es
berhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schchtern und
vorsichtig _ihre_ Vermutungen waren, so fest und sicher waren die
_seinen_. Er antwortete sogleich, _ohne_ auch nur einen Moment zu
stocken auf alle Fragen. Er erklrte, Tschitschikow habe fr einige
tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm
welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun
solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wre,
um herumzuschnffeln, antwortete Nosdrjow: natrlich sei er ein Spitzel;
schon in der Schule, die sie zusammen besucht htten, sei er allgemein
eine Petze gescholten worden, smtliche Kameraden, und unter ihnen auch
er, htten ihn dafr einmal so krftig durchgeblut, da man ihm nachher
allein an den Schlfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mute -- er
hatte ursprnglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren
ihm wie von selbst entschlpft. -- Auf die Frage, ob er nicht falsches
Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natrlich mache er welches. Bei
dieser Gelegenheit erzhlte er eine Geschichte von Tschitschikows
unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nmlich
herausgekommen, da er in seinem Hause fr zwei Millionen falsches
Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich
gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tr
gestellt; Tschitschikow aber htte die Banknoten in einer Nacht alle
miteinander vertauscht, soda man am anderen Tage, als die Siegel gelst
wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow
tatschlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entfhren,
und ob es denn wahr sei, da er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand
dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewi habe er ihm geholfen, und
wenn er nicht dabei gewesen wre, so wre die ganze Sache miglckt.
Hier stockte er ein wenig; er sah nmlich, da er ohne allen Grund
gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte,
aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten knnen. Und dies war
auch keine Kleinigkeit, denn es drngten sich seiner Phantasie gleich so
interessante Einzelheiten auf, da es tatschlich ein Ding der
Unmglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar
das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden
sollte; dies sei nmlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heie Pater
Sidor, die Trauung sollte fnfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber
htte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm
Tschitschikow nicht gedroht htte, er werde es bekannt machen, da jener
den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow,
habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfgung gestellt und auf allen
Stationen fr Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details,
da er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es
jemand, Napoleon zu erwhnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh,
denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar
keine hnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung
unmglich war, soda die Beamten schlielich aufstanden und seufzend
weggingen; nur der Polizeimeister hrte ihm noch lange aufmerksam zu,
weil er immer noch erwartete, da sich was aus ihm herausholen liee,
aber schlielich machte auch er eine hoffnungslose Gebrde und sagte
nur: Pfui Teufel! Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden,
jede weitere Bemhung gliche wahrhaftig blo dem Versuch, den Bock zu
melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher,
und man kam zum Schlu, da es ganz unmglich sei, herauszukriegen, wer
nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans
Licht, was fr ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernnftig
und weise, wo es sich um Sachen handelt, die _andere_ Leute, nicht aber
_ihn selbst_ was angehen. Mit was fr umsichtigen und wohlberlegten
Ratschlgen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! Welch
ein gescheiter Kopf! ruft die Menge: welch ein unbeugsamer Charakter!
Aber lat nur einmal irgend ein Unglck ber diesen gescheiten Kopf
hereinbrechen, lat ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen --
wo ist da pltzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann
steht vllig fassungslos da, er hat sich in einen erbrmlichen Feigling,
in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen
verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrcken liebte.

All dies Gerede, diese Gerchte und Hypothesen machten aus irgend einem
Grunde den grten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck
war so stark, da er nach Hause ging, zu grbeln begann und so ins
Grbeln hineinkam, da er sich eines schnen Tags ganz pltzlich, und
ohne da man htte sagen knnen, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn
ein Schlag gerhrt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem
Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fuboden aus. Wie das
in solchen Fllen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor
Schrecken; schlugen die Hnde zusammen, riefen: Ach Gott, ach Gott!
lieen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und berzeugten sich
schlielich, da der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war.
Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, da der Verstorbene
tatschlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner
Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die
Erscheinung des Todes _hier_ genau so schrecklich, wo sie sich nur an
einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem groen
manifestiert htte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt
war, sich bewegt, Whist gespielt, alle mglichen Papiere unterschrieben
und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen
unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke
Auge blinzelte nicht mehr, und blo die eine Augenbraue war noch ein
wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck
verlieh. Was das wohl fr eine Frage war, die auf seinen Lippen
schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er
gestorben sei -- das wei Gott allein.

Aber das ist doch unmglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch
garnicht sein, da die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und
Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der
Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mute, um was es
sich hier handelte! So wird mancher Leser sprechen und dem Autor
vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmgliche Dinge vor, oder
man wird die armen Beamten fr Narren erklren, weil der Mensch ja
bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte _Narr_ und zwanzigmal am
Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf
zu werfen. Es gengt schon, da man eine trichte Eigenschaft unter zehn
vernnftigen habe, um trotz alledem fr einen Narren erklrt zu werden.
Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen
Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der
ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo
der Mensch nur gerade _die_ Gegenstnde erkennen kann, die sich
unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der
Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und fr
berflssig erklren mchte. Wie reich an Irrtmern ist doch die Welt,
an Irrtmern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wte. Was fr
seltsame Schlangenwindungen, was fr enge, verwachsene, unzugngliche,
abseitsfhrende Wege whlte die Menschheit in ihrem Streben nach der
ewigen Wahrheit, whrend der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie
der Weg, der in das prunkende Heiligtum des kniglichen Palastes fhrt.
Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze
liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten
die Menschen an ihm vorbei in dsterer Finsternis, oft schon stieg die
Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch
schreckten sie zurck, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab,
verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wste Gegenden
zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die
Augen zu weben, und trgenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgrnden
vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo
gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit
wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich ber die Verirrungen, es
lacht ber die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, da
diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, da
jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkndet, da auf allen Seiten der
mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes
Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner
selbst bewut beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, ber welche
die Nachkommen ebenso stolz lcheln werden.

Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte
er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkltung, Reien im Gesicht
und eine kleine Halsentzndung zugezogen, eine von jenen Krankheiten,
mit denen das Klima vieler unserer Provinzstdte die Einwohner besonders
freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jhes Ende
nhme, ehe er noch Zeit gehabt, fr seine Nachkommenschaft zu sorgen,
beschlo er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Whrend dieser
Zeit gurgelte er bestndig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche
er jedesmal mit Genu verzehrte, auch trug er ein kleines Sckchen mit
Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen,
legte er sich ein ausfhrliches Verzeichnis ber die von ihm gekauften
Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallire,
das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und
Schelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und berflog
manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte
durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, da kein einziger von
den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu
erkundigen, whrend doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor
seiner Tr gehalten hatte -- bald der des Staatsanwalts, bald der des
Postmeisters, bald der des Prsidenten. Er zuckte fortwhrend mit den
Achseln, whrend er im Zimmer auf- und abging. Endlich fhlte er sich
etwas besser, und er war ganz glcklich, als er wieder soweit
hergestellt war, da er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich
ohne Verzug an die Toilette, ffnete die Schatulle, go etwas warmes
Wasser in ein Glas, nahm Seife und Brste heraus und ging daran, sich zu
rasieren, wozu es brigens schon lngst Zeit war, denn als er sein Kinn
mit der Hand befhlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: Das ist
ja der reinste Wald! Und in der Tat: wenn's auch gerade kein Wald war,
so lie sich's doch nicht leugnen, da auf Kinn und Wangen die Saat
ppig sprote. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz
schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er
angezogen; er besprengte sich noch mit Klnischem Wasser, hllte sich
recht warm in seinen Mantel und trat auf die Strae hinaus, nachdem er
sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden
hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen
-- etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm
freundlich zuzulcheln, die Huser und die Bauern auf der Strae, die
eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon
mancher seinen Bruder bers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte
dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den
Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug
sogar ein wenig ber die Schnur, und er begann ber sich selbst zu
lachen und sich ber sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung
fand er sich pltzlich dem Hause des Gouverneurs gegenber. Schon hatte
er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel
abzulegen, als der Portier pltzlich auf ihn zuging und ihn durch
folgende Worte berraschte: Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht
vorzulassen!

Wie? Was fllt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch
ordentlich an! fiel Tschitschikow erstaunt ein.

Gewi habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal,
sagte der Portier. Sie _allein_ darf ich ja gerade nicht vorlassen;
jeden andern, nur Sie nicht!

Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?

So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben, sagte der
Portier und fgte noch ein Ja hinzu, worauf er in nachlssiger Haltung
vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lcheln, mit dem er
ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte.
Wahrscheinlich dachte er sich: He! wenn dich die Herrschaften von der
Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet!

Unbegreiflich! dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum
Gerichtsprsidenten; aber der Prsident wurde bei seinem Anblick so
verlegen, da er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein
trichtes Zeug zusammenschwatzte, da alle beide verlegen wurden.
Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mgliche Mhe,
herauszubekommen, was der Prsident eigentlich gemeint, und was seine
Worte fr einen Sinn gehabt htten, aber es wollte ihm durchaus nicht
gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum
Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn
zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, fhrten so
eigentmliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwrdig,
da er wirklich annehmen mute, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er
machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund
dieser Vernderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht
glcken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu
knnen, ob er selbst verrckt sei, oder die Beamten den Kopf verloren
htten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne trichte Wirklichkeit
sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spt am Abend, als
es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurck,
den er in so glnzender Stimmung verlassen hatte, und lie sich vor
rger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grbeln ber die
Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein,
als sich pltzlich die Zimmertr auftat und Nosdrjow, den er am
allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat.

Fr einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt, rief
dieser und nahm seinen Hut ab: ich komme eben vorber und sehe Licht in
deinem Fenster. >Wahrscheinlich schlft er noch nicht, denke ich mir,
ich mu doch mal rauf gehen und nachsehen.< Ah! das ist aber schn, da
du Tee hast, ich trinke mit Vergngen ein Tchen mit: ich hab' heute
allerhand Zeug gegessen und fhle schon, da mein Magen zu rebellieren
beginnt! La mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine
Pfeife?

Ich rauche doch keine Pfeife, sagte Tschitschikow trocken.

Unsinn, als ob ich nicht wei, da du ein enragierter Raucher bist. He!
Wie heit doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hr mal!

Er heit nicht Bachrameus, er heit Petruschka.

Wie? Du hattest doch frher einen Bachrameus?

Ist mir nicht eingefallen! sagte Tschitschikow. Richtig, es ist ja
wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der
Derebin fr ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn
gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem
Derebin ihr ganzes Vermgen zugeschrieben. Das wr doch fein, wenn unser
einer so eine Tante htte, weit du, das wren schne Aussichten, was?
Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich
pltzlich so von uns allen zurck, man sieht dich ja berhaupt nicht
mehr. Ich wei, du beschftigst dich mit wissenschaftlichen
Gegenstnden, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schlo, da unser Held
sich mit wissenschaftlichen Gegenstnden beschftigt und sehr viel
liest, das knnen wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen mssen,
leider nicht verraten, noch weniger aber htte es Tschitschikow knnen).
Hr mal Tschitschikow! Wenn du blo gesehen httest ... das wr' was fr
deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen
Geist haben sollte -- ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber
Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt,
nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort
war, sagte immer, >wenn doch Tschitschikow blo hier wre, das wre was
fr ihn!< (Tschitschikow hatte Pererependjew berhaupt nie gesehen.)
Nein, gesteh's nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir
gehandelt, weit du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen
... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol's der Teufel, ich
kann halt nicht lange bse sein. Neulich beim Prsidenten ... Ach ja,
ich mu dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht!
Sie glauben, da du falsches Papiergeld machst .. Pltzlich fallen alle
ber mich her -- na, ich stelle mich natrlich wie ein Berg vor dich hin
-- ich habe ihnen was vorerzhlt: da wir zusammen in die Schule
gegangen sind, und da ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort,
ich habe ihnen tchtig was vorgeschwindelt!

Ich soll falsches Papiergeld machen? rief Tschitschikow aus und sprang
vom Stuhl auf.

Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt? fuhr Nosdrjow
fort, sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich fr einen
Spitzel und Ruber. -- Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck
gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen
gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben
Angst, es knnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den
Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, da er
mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnsig ist und gar
zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man
kann sich natrlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball
geben, aber was ntzt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hr mal,
Tschitschikow, du hast da eine gefhrliche Sache unternommen?

Was fr eine gefhrliche Sache? fragte Tschitschikow unruhig.

Na, das mit der Entfhrung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich
habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich
euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: >Na! denke ich mir, der
Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...< brigens hast du keine gute
Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine
andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das
ist ein Prachtmdel! Da kann man sagen: Einfach entzckend!

Was redest du da fr ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des
Gouverneurs entfhren. Was fllt dir ein? sagte Tschitschikow und
starrte ihn verstndnislos an.

Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrmer! Ich will
ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir
meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und
dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfgung stellen, nur unter einer
Bedingung: du mut mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt
ntig, ich bin in einer verzweifelten Lage.

Whrend dieser trichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow
mehrmals die Augen, um sich zu berzeugen, ob er nicht etwa trume. Das
falsche Papiergeld, die Entfhrung der Tochter des Gouverneurs, der Tod
des Staatsanwalts, dessen Ursache _er_ sein sollte, die Ankunft des
Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein.
Oh weh, wenn die Sache so steht, dachte er, dann darf ich nicht
lnger sumen, dann mu ich mich schleunigst davonmachen.

Er suchte sich Nosdrjow mglichst schnell vom Halse zu schaffen, lie
sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu
halten, weil er am nchsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle.
Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen
ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel
Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Tre stehen, ohne
sich vom Fleck zu rhren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer
unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht
bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen
einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstnde und warf alles, was ihm
unter die Hnde kam, in einen Korb hinein: Strmpfe, Hemden, die _reine_
und die _schmutzige_ Wsche, Stiefelbrsten, einen Kalender usw. Dies
alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am
selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unntz Zeit
zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Tre und
verlie dann leise das Zimmer. Ganz bedchtig und so langsam, wie man
sich's nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den
Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurcklie.
Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet
diese Gebrde? und was hat sie berhaupt zu bedeuten? War es der rger,
da die fr morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen
in einem ebenso rmlichen Pelze und einem hnlichen Grtel um die Taille
in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte
sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffre angesponnen, und nun
sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem
hflichen Hndedrcken abends in der Dmmerung, wenn die Burschen im
roten Hemde vor den Mgden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte
Volksmenge nach des Tages Last und Mhe leise Reden wechselt -- oder war
es nur der Schmerz, das warme Pltzchen in der Kche am Ofen unter dem
Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie
nur in der Stadt bekommt, verlassen zu mssen, um sich aufs neue in den
Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise
auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen -- errate wer's will. Gar
vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den
Ohren kratzt.

[Funote 6: Ein Saiteninstrument: eine Art Guitarre.]


                            Elftes Kapitel.

Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich
wachte er viel spter auf, als er beabsichtigte -- dies war die erste
Unannehmlichkeit -- dann stand er auf und schickte sofort jemand
hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt
und alles zur Abreise bereit sei, mute aber zu seinem Leidwesen
erfahren, da die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten
zur Abreise getroffen seien -- und dies war die zweite Unannehmlichkeit.
Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem
Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstber zu versetzen, und
wartete mit Ungeduld, was der wohl fr eine Ausrede zu seiner
Entschuldigung vorbringen wrde. Bald erschien Seliphan auch in der Tr,
worauf sein Herr das Vergngen hatte, dieselben Reden ber sich ergehen
zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hren bekommt, wenn man
verreisen will und groe Eile hat.

Man mu doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel
Iwanowitsch!

Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht frher
gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt?

Hm, ja, Zeit htt' ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch
was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen
aufsetzen mssen, der Weg hat so viele Gruben und Lcher, und ist so
holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock
ist entzwei, der ist so wackelig, da er keine zwei Stationen mehr
halten kann.

Schurke! schrie Tschitschikow, schlug die Hnde zusammen und ging auf
Seliphan los, da dieser Angst bekam, sein Herr knne ihm ein recht
unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurcktrat.

Willst du mich umbringen? Willst du mich tten? Was? Du willst mich
wohl am Wege ermorden, wie ein Ruber und Strauchdieb? Du Schwein du, du
Meerungeheuer! Drei Wochen lang rhren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn
er nur ein einziges Wort gesagt htte, der nichtsnutzige Kerl! Statt
dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon
alles so weit ist, da man einsteigen und fortfahren mchte, gerade da
mu er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch
gewut? Hast du es etwa nicht gewut? Wie? Antworte! Nun?

Freilich! antwortete Seliphan und lie den Kopf hngen.

Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie? Auf diese Frage erfolgte
keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und
schien zu sich selbst zu sprechen: Siehst du wohl, wie das gekommen
ist: ich hab's doch gewut, und trotzdem nicht gesagt!

So, lauf jetzt zum Schmied und la ihn kommen. In zwei Stunden mu
alles fertig sein, verstanden? Sptestens in zwei Stunden! Wenn's dann
nicht fertig ist, dann -- dann nehm ich dich und binde dich zu einem
Knoten zusammen! Unser Held war ganz auer sich vor Wut.

Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn
auszufhren; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und
sagte: Wissen Sie, gndiger Herr, den Schecken, den sollte man
eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke
... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur!

So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern.
Was?

Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so krftig aus; in
Wirklichkeit ist er hchst verschlagen und unzuverlssig, so ein Pferd
gibt's gar nicht wieder ...

Esel! Wenn es mir pat, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hlt der
Kerl hier noch lange Reden! Pa mal auf; wenn du mir nicht gleich ein
paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und
fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstber, da du nicht weit, wo
dir der Kopf steht! Mach, da du raus kommt! Marsch! Seliphan verlie
das Zimmer.

Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann,
und warf seinen Sbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die
Leute in Furcht und Respekt zu halten, wtend auf den Boden. Mehr als
eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit
ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz
abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, da
Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie
Diebe, Ruber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten;
er versuchte es sogar, sie mit dem jngsten Gericht zu schrecken; aber
auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben
fest, und lieen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern
brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fnfeinhalb, um den Wagen
in Ordnung zu bringen. Whrend dieser Zeit konnte Tschitschikow in
vollen Zgen jene schnen Minuten genieen, die jeder Reisende so gut
kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stcke
Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer
herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht
ruhig zu Hause bleiben kann, und schlielich ans Fenster tritt, um sich
die Leute anzusehen, die unten auf der Strae vorber gehen oder eilen,
ber ihre Groschen sprechen, ihre blden Blicke neugierig auf ihn
richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der
durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der
vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im
gegenberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das
mit kurzen Gardinen verhngte Fenster tritt, -- alles widert ihm an, und
doch kann er sich nicht entschlieen, vom Fenster wegzugehen. Er rhrt
sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er
vergit _sich_ und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den
vertrauten Gegenstnden zurckzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er
alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrckt schlielich
rgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und
ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein
Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in
Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehrte, das Rad
hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die
Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezhlt
und Tschitschikow eine glckliche Reise gewnscht hatten. Endlich waren
auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei
warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt,
auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock
angebracht war, und unser Held verlie den Gasthof, um seinen Wagen zu
besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock
anhatte, und grend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern
und Lakaien, die teils zum Gasthof gehrten, teils herbeigelaufen waren,
um zu sehen, wie der fremde Herr abfhrt; nebst allem sonstigen Zubehr,
wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in
die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange
unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu
langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. Gott sei Dank! dachte
Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche,
Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm
neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen
Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rcken, wobei er die
beiden warmen Bretzel krftig zusammendrckte, und der Wagen setzte sich
aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches
ja bekanntlich eine betrchtliche Schwungkraft besa. Mit einem
seltsamen unklaren Gefhl blickte Tschitschikow auf die Huser, die
Mauern, die Zune und Straen, die gleichfalls auf und ab zu hpfen
schienen und langsam an seinen Augen vorberzogen. Wei Gott, ob es ihm
beschieden sein wrde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen.
Bei einer Straenkreuzung mute der Wagen Halt machen, er wurde nmlich
durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Strae entlang
dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte
Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte
sich heraus, da es der Staatsanwalt war. uerst unangenehm berhrt,
lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurck, lie den Wagen
aufklappen und zog die Vorhnge zu. Whrend die Equipage still stand,
nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mtzen ab und sahen sich den
Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders fr die Wagen und ihre
Insassen zu interessieren und genau nachzuzhlen schienen, wie viele von
den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fu gingen; auch ihr Herr,
der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von
den bekannten Lakaien zu gren, sah sich den Zug durch ein kleines
Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblten Hauptes
dem Sarge. Tschitschikow frchtete sich einen Augenblick, sie knnten
seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie
unterhielten sich nicht einmal ber jene praktischen Fragen, welche
gewhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All
ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darber
nach, was der neue Generalgouverneur wohl fr ein Mann sei, wie er die
Geschfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die
Beamten, welche zu Fu gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen
Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den
Bewegungen ihrer Hnde und Lippen mute man schlieen, da sie in einer
lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie
ber die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, uerten ihre Vermutungen
ber die Blle die er geben wrde und sorgten schon jetzt fr ihre neuen
Rschen und Aufstze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter
den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange
nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er
lie das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte:
Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt
werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum groen
Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets
ein geachteter Brger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten
gewesen sei; was werden sie nicht _noch_ alles schreiben: vielleicht
fgen sie auch noch hinzu, da die Trnen der Witwen und Waisen ihn bis
ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nhe an, und
geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts
merkwrdig, auer deinen buschigen Augenbrauen. Und er rief Seliphan
zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: Eigentlich ist es
doch ganz gut, da wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es
bedeute Glck, wenn ein Leichenwagen vorberfhrt.

Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die den und leeren Straen der
Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange
Bretterzune, welche das Ende der Stadt ankndigten. Nun hrte auch
schon das Straenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag
hinter den Reisenden -- man befand sich auf der den einsamen
Landstrae. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen
altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen,
Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Drfern mit
ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen brtigen
Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem
Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon
siebenhundert Werst zurckgelegt hat, den munteren Stdtchen mit ihren
hlzernen Lden, Mehlfssern, Bastschuhen, Bretzeln und dem brigen
Plunder, den scheckigen Schlagbumen, den ewig in Reparatur befindlichen
Brcken, den unbersehbaren Feldern hben und drben, den Erntewagen,
dem reitenden Soldaten, der einen grnen Kasten voll Artilleriefutter
mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich
fhrt, den grnen, gelben oder frisch aufgeworfenen _schwarzen_ Streifen
Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne
herberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem
Nebeldunst, dem verhallenden Glockengelute, den Scharen wilder Raben,
die vorberziehen gleich Fliegenschwrmen und dem endlosen grenzenlosen
Horizont ... Oh, Ruland! mein Ruland! ich sehe dich, sehe dich aus
meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und
unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrnt von
frechen Wunderwerken khner Kunst -- erheitern oder schrecken hier den
Blick, keine Stdte mit vielfenstrigen hohen Palsten in wilde Felsen
eingebaut, keine malerischen Bume und Efeuranken, in Huser
eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserflle; nicht braucht das
Haupt sich zurckzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Hhe
emporgetrmten Gebirgsblcken folgen zu knnen; nicht blitzen hinter
langgestreckten, dunklen Sulengngen, um die sich Rebenzweige, Efeu und
Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die
ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln
verlieren. Frei, wst und offen liegst du da; wie kleine Pnktchen oder
Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Stdte auf: nichts
lockt, verfhrt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch
unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt
unaufhrlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze
unermeliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns
im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und
lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind
das fr Tne, die unsere Seele so zrtlich umschmeicheln und kssen, zum
Herzen dringen und es s umspinnen? O, Ruland! sag, was willst du nur
von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknpft? Was blickst
du mich so an, und warum hlt alles, alles was dich erfllt, seine Augen
so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh' ich zweifelnd
und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein
Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner
grenzenlosen Ausdehnung. Was verheit diese unermeliche Freiheit und
Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoe, auch der unendliche Gedanke
geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held
erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf da _er_ sich entfalte und
ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfngt mich der
majesttische Raum, der tief mein Inneres erschttert mit all seinen
Schrecken; von einer bernatrlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ...
O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Ruland!
...

Halt, halt, du Esel! rief Tschitschikow Seliphan zu.

Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter! schrie ihn ein
vorbersprengender Feldjger an, der einen Schnurrbart von der Lnge
eines Meters hatte. Siehst du denn nicht, da das ein staatlicher Wagen
ist? hol dich der Teufel! Und wie eine Vision verschwand unter Donner
und Staubwolken das Dreigespann.

Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte:
Landstrae! Und wie _herrlich_ ist sie selbst, diese _Landstrae_! Ein
heller Tag, Herbstbltter, die Luft ist kalt ... Hll dich tiefer in
deinen Regenmantel! Die Mtze ber die Ohren, und schmieg dich enger und
gemtlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch luft uns ein
Schauer durch unsere Glieder, und schon durchstrmt uns behagliche
Wrme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die
Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das
Lied: Nicht weier Schnee ..., das Schnauben der Pferde und das
Rasseln der Rder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar
tief in die Wagenecke drckst. Doch nun erwachst du: fnf Stationen
liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fhrst durch eine
unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertmlichen Holzkuppeln und
dunkelen Turmspitzen, an finsteren hlzernen und weien steinernen
Husern vorber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden
Mondlichts, gleich als ob weie Leinentcher ber Wnde und Straen
gebreitet wren, kohlschwarze Schatten legen sich schrg darber, wie
flimmerndes Metall glnzen die helleuchtenden Holzdcher: und keine
Seele rings umher: alles schlft. Nur ein einsamer Lichtschein fllt
hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Brgersmann, der
seine Stiefel stopft, oder ein Bcker, der sich beim Ofen zu schaffen
macht? -- was kmmert's dich, o, welche Nacht! Himmlische Mchte! welch
eine Nacht webt droben in der Hhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher
Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfabar klar und
helltnend ber uns breitest! ... Khl weht dir in die Augen der kalte
Atem der Nacht und lullt dich ein in sen Schlaf; nun schlummerst du,
vergit dich ganz und schnarchst -- doch zornig bewegt und schttelt
sich dein armer, in die Ecke gezwngter Nachbar unter deiner allzu
schweren Brde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder
und Steppen; leer ist's um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die
Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorber; der Morgen
steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter
Goldstreifen, khler und krftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hll
dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Klte! Wie wunderbar
umfngt aufs neue dich der Schlummer! Ein Sto und abermals erwachst du.
Die Sonne steht schon im Zenith. Vorsicht, Vorsicht! ruft's neben dir,
der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fhre: ein
breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glnzt;
ein Dorf, mit malerischen Htten an den Hngen; wie ein Stern blitzt
abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tnt der Bauern
munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ...
Mein Gott, wie schn ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg!
Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und
Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und
rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und
Trume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie
viele beglckende Eindrcke erfllen schon die Seele! ... Indessen auch
Freund Tschitschikows Trume waren durchaus nicht so ganz prosaischer
Art. Sehen wir einmal zu, was fr Gefhle ihn beseelten! Anfangs empfand
er berhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich
berzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm lge; aber als
er sah, da sie lngst verschwunden war, und keine Schmiede, keine
Mhle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen
pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weien Spitzen der
steinernen Kirchen lngst in die Erde gesunken waren, da richtete sich
seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach
links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor _langer, langer_
Zeit, in seiner frhesten Kindheit dort gewesen wre. Schlielich fing
auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und
lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor mu gestehen, da er sich
eigentlich darber freut, da er doch _so_ endlich einmal Gelegenheit
findet, einige Worte ber seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er
ja immer -- der Leser wei es ja selbst -- bald durch Nosdrjow, bald
durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch,
oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst
dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen
immer fr hchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie
noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite
legen und uns ganz der Sache selbst widmen.

Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen
wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das lt sich schon
im Voraus mit Bestimmtheit behaupten -- denn die Damen wollen, da ihr
Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der
kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es fr immer
vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein
Bild reiner zurckstrahlen lassen, als ein Spiegel -- der Mann htte
doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Flle und das
Alter Tschitschikows mssen ihm sehr schaden: diese Flle wird man
unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verchtlich
abwenden und sagen: Pfui, wie hlich er ist! Ach ja! Das alles ist
dem Autor wohl bekannt, und dennoch -- und trotz alledem kann er sich
keinen tugendhaften Menschen zum Helden whlen ... Allein ... vielleicht
wird man in dieser selben Erzhlung noch nie angeschlagene Saiten
vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen
Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit gttlichen Vorzgen und
Tugenden an uns vorberschreiten, oder ein herrliches russisches
Mdchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet,
ausgestattet mit allen Schnheiten der weiblichen Seele voll
hochherzigen Strebens und zu jedem hchsten Opfer bereit! Verblassen und
dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Mnner und Frauen
anderer Stmme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum
Lichte drngen werden sich alle mchtigen Regungen der russischen Seele,
.. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift
und festhlt, was nur die Oberflche fremder Vlker streifte ... Allein,
warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich's
fr den Dichter, der lngst des Mannes reifes Alter erreichte, und den
die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nchternheit der
Einsamkeit hrteten und sthlten, dem Knaben gleich sich zu vergessen.
Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward
nicht der Tugendhafte zum Helden erwhlt. Wir knnen es sogar sagen
warum er nicht erwhlt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen
Tugendbold etwas Ruhe zu gnnen; weil das Wort tugendhafter Mensch
fortwhrend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen
zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller
mehr gibt, der nicht bestndig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt
mit seiner Peitsche und Gott wei womit sonst noch, vorwrts treibt;
weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, da bald auch
nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein
paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm brig bleiben
werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet.
Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu
spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen!

Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern
waren Edelleute, ob freilich von altem oder _nur_ von persnlichem Adel
-- das wei der liebe Gott. uerlich zeigte er keine hnlichkeit mit
ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen
war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu
nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: Ach
herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er
sollte eigentlich der Gromama von mtterlicher Seite hnlich sein, das
wre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das
Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern 'nem wandernden
Junker. Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mrrisch, wie durch
ein trbes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund,
noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stbchen, mit kleinen
Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geffnet wurden; sein
Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell geftterten
Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er ber die nackten Fe zog;
bestndig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den
Sandnapf in der Ecke, ewig mute der Knabe auf der Bank sitzen, die
Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die
unvermeidliche Vorschrift vor Augen: Du sollst nicht lgen, sollst die
lteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen! Das ewige Klappern
und Schlrfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge
Stimme: Machst du schon wieder Dummheiten? die sich immer dann
vernehmen lie, wenn das Kind, angewidert von der Einfrmigkeit seiner
Beschftigung, irgend ein Hkchen oder Schnrkelchen an einem Buchstaben
anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefhl, das
den Worten folgte, wenn die Ngel der langen Finger sich von hinten
heranbewegten und das Ohrlppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das
ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine
schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ndert sich alles
schnell und pltzlich: eines schnen Tages, als die ersten Strahlen der
Frhlingssonne die Erde erwrmten, und die Bche zu rauschen begannen,
nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen
Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde,
einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehndler Elstern zu nennen
pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt,
dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater
gehrte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs
bernachtete man einmal, setzte ber einen Flu, nhrte sich von kalten
Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten
Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den
Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straen, da er
den Mund vor Erstaunen weit aufri. Dann plumpste die Elster mitsamt
dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschssigen und
ganz mit Schmutz bedeckten Strae bildete; lange arbeitete sie dort aus
aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und
ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die
Kutsche schlielich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof
landete; dieser lag an einem kleinen Hgel; vor dem alten Huschen
standen zwei blhende Apfelbume und hinter demselben befand sich ein
kleines niedriges Grtchen, das nur aus ein paar Ebereschen,
Hollunderbschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen
hlzernen Httchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und
ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine
Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mtterchen, die
aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strmpfe an der
Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute
sich darber, da er so dick und wohlgenhrt aussah. Hier sollte er von
nun ab bleiben und die stdtische Schule besuchen. Der Vater blieb die
Nacht ber bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den
Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne
verabschiedete, vergo er keine Trne: er gab ihm einen halben Rubel
Kupfergeld fr die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem
wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: Merk dir's Pawluscha,
lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten
Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu
gefallen. Wenn du's deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles
gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine groen Fortschritte in
den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschler
berholen. La dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir
nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann whle
dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie knnen dir
helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei,
sondern mache es immer so, da die anderen dich einladen und freihalten;
vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich
eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden
werden dich bers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglck
verlassen, der Pfennig aber wird dich _nie_ verlassen, weder in Not noch
Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles
erreichen, wonach dein Herz nur begehrt. Nach diesen weisen Lehren
verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rckreise
mit seiner Elster an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er
bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele.

Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen.
Besondere Fhigkeiten fr eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an
den Tag; er zeichnete sich mehr durch Flei und Ordnungsliebe aus; dafr
aber kam bei ihm bald eine andere Fhigkeit zum Durchbruch: ein groer
praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und
benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn
gelehrt hatte, d. h., er lie sich stets einladen und freihalten, er
selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter
die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie spter bei Gelegenheit an
den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich
alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten
hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fgte noch im selben Jahre etwas zu
dieser Summe hinzu, wobei er einen groen Unternehmungsgeist an den Tag
legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hbsch an und
verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit
andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte
Ewaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten
waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, da einem
Kameraden schlecht wurde -- was ein Zeichen des eintretenden
Hungergefhles war -- lie er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die
Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brtchens sehen. Hatte er ihn dann
ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in
einem gewissen Verhltnisse zur Gre seines Appetites stand. Zwei
Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer
Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hlzernen Kfig eingesperrt
hielt; er brachte es endlich soweit, da sich die Maus auf die
Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete,
worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich
auf diese Weise ungefhr fnf Rubel zurckgelegt hatte, nhte er sie in
ein Sckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem
Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klger. Niemand verstand es so
gut, wie er, muschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier mssen wir
bemerken, da der Lehrer ein groer Freund der Ruhe und eines guten
Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte;
es schien ihm immer, da diese ber ihn lachten. Es braucht nur einer,
der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf
der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den
Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz
unbarmherzig. Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsssigkeit
austreiben! rief er, ich kenne dich durch und durch, so wie du dich
selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie
der Hunger schmeckt! Und der arme Knabe mute sich die Kniee
durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum.
Fhigkeit, Begabung, Talent -- das ist alles Unsinn! pflegte der
Lehrer zu sagen, ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schler, der
sich anstndig benimmt, wrde ich auch dann noch die besten Noten in
allen Fchern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich
dagegen jenen bsen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke
-- da gibt's eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!
So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher hate er auch Krylow so
ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: Sauf
meinethalben, doch verstehe deine Sache! Auch erzhlte er immer mit
groer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie
in der Schule, in der er frher unterrichtet hatte, eine solche Stille
geherrscht habe, da man eine Mcke durchs Zimmer fliegen hren konnte;
da keiner von den Schlern whrend des ganzen Jahres auch nur _einmal_
zu husten und sich whrend der Stunde zu schneuzen wagte, und da bis
zum Glockenzeichen niemand htte entscheiden knnen, ob jemand in der
Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfate sofort den Geist und die
Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen
verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte whrend der ganzen Stunde auch
nicht _einmal_ mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken,
soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertnte, strzte
Tschitschikow kopfber an die Tre, um dem Lehrer als erster die Mtze
zu reichen -- der Lehrer trug eine gewhnliche Bauernmtze; hierauf
verlie er zuerst die Klasse und suchte ihm recht hufig auf der Strae
zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein
Verhalten war vom schnsten Erfolge gekrnt. Die ganze Zeit ber,
whrend er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei
seinem Abgang erhielt er ein vorzgliches Zeugnis mit den besten Noten
in smtlichen Fchern und auerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in
goldenen Lettern: Fr lobenswerten Flei und musterhaftes Betragen.
Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jngling von recht
anziehendem ueren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs
Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterlie
seinem Sohne vier vllig abgetragene Flaushemden, zwei alte Rcke, die
mit Lammfell gefttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der
Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er
selbst aber hatte nur wenig zurckgelegt. Tschitschikow verkaufte
sogleich das alte Huschen samt dem dazugehrigen drftigen Grund und
Boden fr tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es
bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst
niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde
sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte,
wegen seiner Unfhigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen;
er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht
einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und
verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als
seine frheren Schler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer
Ungehorsam und Aufsssigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren,
veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung fr ihn, und
verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer
entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflchte, er
habe nichts, und opferte blo ein armseliges silbernes Fnfkopekenstck,
das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Fe
warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Hnden, als er
von dieser Handlung seiner frheren Schler erfuhr; die Trnen strzten
ihm in Bchen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlschenden Augen.
Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Trnen! rief er mit
schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie
Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fgte hinzu: Ach, Pawluscha,
Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verndert! Was fr ein braver
artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so
weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch
betrogen! ...

Und doch kann man nicht sagen, da die Natur unseres Helden so rauh und
hart, und da sein Gefhl so abgestumpft war, da er weder Mitleid noch
Teilnahme kannte. Beide Gefhle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wre
zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu
groen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umstnden htte er die
Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem
Wort, der vterliche Rat: sei sparsam und ehre den Pfennig war auf
guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes
selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die
ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er
sich leiten lie; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und
berflu, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt,
schmackhafte Diners -- das war es, was ihn ganz erfllte und fortwhrend
beschftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich
selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen wrde, all
diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in
einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem
Geschirr an ihm vorberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen,
und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: Und er war doch
ein gewhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekruseltes Haar! Alles,
was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck
auf ihn, da er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er
die Schule verlie, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war
sein Wunsch, so schnell als mglich ans Werk zu gehen und in den
Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzglichen Zeugnisse gelang
es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten;
selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus!
Schlielich fand sich doch noch ein kleines Pstchen, mit einem Gehalt
von dreiig bis vierzig Rubel jhrlich. Aber er war fest entschlossen,
sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu
berwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhrte
Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schrnkte seine Bedrfnisse
auf das Allernotwendigste ein. Vom frhen Morgen bis zum spten Abend
sa er unermdlich hinter seinem Tische, ohne da seine geistigen und
krperlichen Krfte nur im geringsten nachlieen, schrieb und schrieb,
verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief
in der Kanzlei auf dem Tische, a mitunter mit den Hausknechten und
Wchtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes
wohlgepflegtes ueres zu bewahren, sich anstndig zu kleiden, seinem
Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen
Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man mu sagen, da die Beamten
der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und
Hlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht
gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die
Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit
einem Wort es sah gar nicht hbsch aus. Sie fhrten alle eine sehr
strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen
durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen,
da sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten
haben; ja sie kamen sogar hufig etwas angeheitert in den Dienst, so da
es im Amtszimmer recht ungemtlich wurde, da man die Luft nichts weniger
als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mute Tschitschikow
natrlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil
von ihnen; seine Zge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch
enthielt er sich aller geistigen Getrnke. Und doch wurde ihm die
Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten
Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefhllosigkeit und
Unerschtterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein
Lcheln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grend entgegen, oder
erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders
gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder
auf der Strae; nie uerte er das geringste Interesse oder etwas wie
Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, da er
betrunken gewesen wre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht
htte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst
der Ruber in Augenblicken des Rausches tut; -- von alledem war auch
nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Gte,
aber gerade in diesem vollstndigen Mangel aller starken Gefhle und
Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an
dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein
Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion.
Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es berst war,
machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts
Erben drischt. Man sollte meinen, es htte ber alle Menschenkraft gehen
mssen, einem solchen Menschen nher zu treten und seine Zuneigung zu
gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte
er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefllig zu
erweisen; er untersuchte sorgfltig wie die Federn geschnitten waren,
mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der
genannten Art, und legte sie so hin, da jener sie leicht finden konnte;
er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab;
schaffte einen neuen Lappen fr das Tintenfa an; ferner lief er stets
nach seiner Mtze -- der hlichsten Mtze, die es je auf der Welt gab,
und legte sie jedesmal kurz vor dem Schlu der Sitzung neben ihn hin;
oder er brstete ihm den Rcken ab, wenn er sich an der Wand wei
gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten
Eindruck, gerad als ob es berhaupt nicht geschehen wre. Schlielich
jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben
seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, da er eine erwachsene Tochter
hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob nachts Erbsen darauf
gedroschen wrden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu
bestrmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags
besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste
gekleidet, mit einem prachtvoll gestrkten Vorhemd _vis  vis_ von ihr
auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar lie sich
erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit
gekommen, da Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald
geradezu unentbehrlich zu machen wute; er kaufte Mehl und Zucker ein,
verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar
Papachen und kte ihm die Hand. Im Gericht war alles berzeugt, da
Ende Februar, vor den groen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der
gestrenge Aktuar bemhte sich sogar bei seinem Vorgesetzten fr ihn, und
bald darauf sa Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der
gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annherung
an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage lie er seinen
Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er
sich schon eine andere Wohnung. Er hrte auf, den Aktuar Papachen zu
titulieren und ihm die Hand zu kssen, die Sache mit der Heirat wurde
immer weiter hinausgeschoben, fast als ob berhaupt niemals davon die
Rede gewesen wre. Trotzdem drckte er dem Aktuar auch frderhin, wenn
er ihm begegnete, zrtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so da
der Alte trotz seiner groen Schwerflligkeit und seiner hartnckigen
Gleichgltigkeit jedesmal den Kopf schttelte und murmelte: Hat der
mich beschwindelt, dieser Satan!

Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da
ab ging es leichter und mit noch grerem Erfolge vorwrts. Man fing an,
ihn zu beachten. Besa er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf
dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine
Betragen und den kecken Wagemut in allen geschftlichen Unternehmungen.
Mit diesen Mitteln eroberte er sich in krzester Zeit das, was man ein
warmes Pltzchen zu nennen pflegt, und wute es aufs trefflichste
auszuntzen. Man mu nmlich wissen, da man um diese Zeit streng gegen
die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Manahmen hatten indes fr
ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil
auszunutzen wute, und er legte hierbei einen echt russischen
Erfindungsgeist an den Tag, der sich whrend der Zeiten starken Drucks
stets in seiner hchsten Blte zeigt. Er machte es nmlich
folgendermaen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die
Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten Empfehlungsschreiben
des Frsten Chowanski wie man sich bei uns in Ruland ausdrckt,
hervorzuziehen -- sagte er sogleich mit einem freundlichen Lcheln,
wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: Sie denken wohl, da
ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das
mssen wir auch ohne jede Entschdigung tun! Was das anbelangt, so
knnen Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schnster Ordnung! Darf
ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemhen.
Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt! Der entzckte Bittsteller
kehrte ganz begeistert nach Hause zurck und dachte sich: Endlich mal
ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gbe, das ist ja ein wahres
Kleinod! Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber
seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es
ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei -- man hat seine Papiere noch
garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. Ach entschuldigen
Sie, sagt Tschitschikow sehr hflich, indem er den Herrn bei beiden
Hnden ergreift: Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen,
morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst hchst
peinlich! All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten
begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknpft wurde, so
suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den
Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen,
weder morgen, noch bermorgen, noch berbermorgen. Der Bittsteller
fngt an zu berlegen: Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht? Er
erkundigt sich, und erhlt die Antwort: Die Schreiber mssen was
bekommen! Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen
ihre fnfundzwanzig, meinetwegen sogar fnfzig Kopeken haben. -- Nein,
damit ist's nicht getan, Sie mssen schon mindestens einen _weien_
Zettel[7] hinlegen. Was? den Schreibern einen weien? ruft der
Bittsteller erstaunt aus. Ja, warum regen Sie sich nur so auf?
antwortet man ihm: das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur
ihre fnfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten
weiter! Hier schlgt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und
flucht wtend ber die neue Ordnung, ber die Manahmen gegen das
Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten.
Frher, da wute man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man
dem Geschftsfhrer einen _roten_ Zettel auf den Tisch, und die Sache
war erledigt; jetzt mu man dagegen einen _weien_ opfern und verliert
noch dazu eine ganze Woche, ehe man berhaupt heraus kriegt, was hier
eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigenntzigkeit und die
Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natrlich ganz
recht: aber dafr gibt's eben heute keine Bestechungen mehr: alle
geschftsfhrenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur
die Schreiber und Sekretre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch
tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Ttigkeit auf: es bildete
sich eine Kommission fr den Bau eines groen Staatsgebudes. In diese
Kommission lie auch er sich hineinwhlen, und wurde eins ihrer
ttigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang
bemhte man sich um das Staatsgebude, aber war es nun das Klima, oder
lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht
fortschreiten und kam nicht ber das Fundament hinaus. Dafr aber
schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der
Stadt eine Reihe von schnen Husern in gut brgerlichem Stile an;
offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen
schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine
Familie zu grnden. Erst jetzt und unter den neuen Verhltnissen begann
auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen
Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst
jetzt entschlo er sich zu einer milderen Handhabung der
Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und
nun erst stellte es sich heraus, da er eigentlich nie ein Feind jener
Gensse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so
gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch
nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen
Luxus: schaffte sich einen Koch und feine hollndische Hemden an. Auch
kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs
allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und
glnzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche
Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zgel selbst
in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprnge machen lie;
jetzt wurde auch die Sitte eingefhrt, sich mit einem Schwamm, der in
eine Mischung von Wasser und _Eau de Cologne_ getaucht wurde, zu
waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt
zu erhalten, schon ...

[Funote 7: Fnfundzwanzig Rubel.]

Da wurde pltzlich anstelle der alten Schlafmtze ein neuer Sektionschef
ernannt, ein strenger Herr, der beim Militr gedient hatte, und ein
geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man
Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage
scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte
Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mistnde, sah,
da berall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Huser im
brgerlichen Stil -- und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die
Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Huser im brgerlichen Stil
vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohlttige Anstalten und
Schulen fr Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine
krftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein
Gesicht erregte pltzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das hchste
Mifallen des Chefs -- warum eigentlich -- das wei Gott allein; oft
gibt es berhaupt keinen Grund dafr -- genug, er warf einen tdlichen
Ha auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar
in seinem Zorn! Da er aber schlielich doch nur ein alter Soldat war und
all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es
den andern Beamten durch Vortuschung eines ehrlichen Gesichts und durch
die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und
der General kam bald in die Hand noch weit grerer und schlimmerer
Halunken, die er noch dazu garnicht dafr hielt; ja er war schlielich
sogar noch zufrieden, da er die rechten Leute gefunden habe und rhmte
sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten
und Fhigkeiten zu wrdigen und abzuschtzen. Die Beamten kamen sogleich
hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm
standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und
jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; berall, wo sie
dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner
Harpune einem fetten Str nachjagt, und zwar mit so groem Erfolg, da
ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend
Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den
frheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow
allein wollte es nicht glcken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln;
so sehr sich auch der erste Sekretr des Generals unter dem Eindruck
eines Empfehlungsbriefes des Frsten Chowanski um ihn bemhte und fr
ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der
Nase des Gouverneurs verstand -- er vermochte dennoch nichts
auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich
wohl an der Nase herumfhren lie (brigens ohne, da er es selbst
wute); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt,
dann sa er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt
htte ihn wieder herausziehen knnen. Alles was der kluge Sekretr
erreichen konnte, war, da die alte schmutzige Dienstliste vernichtet
wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem
er an sein Mitleid apellierte und ihm in glhenden Farben das traurige
Schicksal Tschitschikows und seiner unglcklichen Familie ausmalte, die
ja Gott sei Dank garnicht existierte.

Was tun! sprach Tschitschikow: ich hab eingehakt, raufgezogen, und
das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt -- da ist kein Wort zu
verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglck nicht wieder
gut. Man mu ans Werk gehen und handeln! Und er beschlo, seine
Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und
sich wieder zu beschrnken, so schn und herrlich er sich auch vordem zu
entfalten begonnen hatte. Er entschlo sich, in eine andere Stadt
berzusiedeln und dort bekannt und berhmt zu werden. Aber es wollte
alles nicht recht glcken. In ganz kurzer Zeit mute er zwei- oder
dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene
Ttigkeit war hchst unsauber und widerwrtig. Der Leser mu nmlich
wissen, da Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie
kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in
einer unsauberen Gesellschaft bewegen mute, blieb seine Seele doch
immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in
den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie
erlaubte er sich in seinen Reden ein unanstndiges Wort, und es krnkte
ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung
gegen seine Titel und Wrden vermite. Ich glaube, es wird dem Leser
angenehm sein, zu erfahren, da er jeden zweiten Tag seine Wsche
wechselte; im Sommer whrend der heiesten Zeit sogar zweimal tglich:
jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan.
Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn
anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die
Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mdchens;
daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten
unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz
unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch
ein wenig ab und bekam eine grnliche Gesichtsfarbe von all diesen
Widerwrtigkeiten und Schicksalsschlgen. Eben hatte er angefangen, dick
zu werden und sich jene runden und geflligen Krperformen zuzulegen, in
deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste
Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel
betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein
reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lcheln hatte bei
diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens
in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: Heilige
Mutter Gottes, wie hlich ich geworden bin! Und es verging ihm fr
lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held
ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig -- und so erhielt er denn
endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier mssen wir erwhnen, da ein
solcher Posten schon lngst Gegenstand seiner geheimen Wnsche gewesen
war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten fr wunderschne
auslndische Sachen anschafften, was fr herrlichen Batist und Porzellan
sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon
hatte er seufzend ausgerufen: Das wr so etwas fr mich: die Grenze ist
nahe, man ist in der Nhe von gebildeten Leuten, was fr feine
hollndische Hemden man sich da zulegen knnte! Und wir mssen
hinzufgen, da er auch noch an eine besondere Sorte franzsischer Seife
dachte, welche der Haut eine auerordentliche Weie und Geschmeidigkeit
und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das fr eine Marke war,
das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, da sie nur
an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem
Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in
der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurck, und er sagte sich
mit Recht, da das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem
Dache sei, whrend die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der
Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umstnden
beim Zollamt unterzukommen -- und das setzte er denn auch tatschlich
durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal
selbst schien ihn zum Zollbeamten prdestiniert zu haben. Eine gleiche
Geschftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie
vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche
Sicherheit im Zollfach angeeignet, da er buchstblich alles wute: er
brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort
nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und
wenn er ein Gepckstck in die Hand nahm, konnte er sofort sagen,
wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie
seine eigenen Kameraden sich ausdrckten, geradezu eine Witterung wie
ein guter Jagdhund: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden
Knopf befhlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden
Kaltbltigkeit und einer geradezu unglaublichen Hflichkeit. Whrend die
unglcklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle
Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust versprten,
sein angenehmes Gesicht tchtig durchzubluen, verzog er keine Miene und
sagte immer mit der gleichen Liebenswrdigkeit: Wollen Sie nicht die
Geflligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemhen und aufzustehen! oder
Wollen Sie nicht die Gte haben, gndige Frau, und ein wenig ins
Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten mchte ein paar
Worte mit Ihnen sprechen, oder Sie erlauben wohl, da ich Ihnen das
Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne. Und mit
diesen Worten zog er ganz kaltbltig alle mglichen Tcher, Shawls usw.
von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die
Vorgesetzten erklrten, das sei ein Teufel und kein Mensch. berall fand
er etwas: zwischen den Rdern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde
und Gott wei, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den
Kopf kme, etwas zu suchen, und wohin sich hchstens ein Zollbeamter
verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die
Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den
Schwei, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und
murmelte: Na, na! Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen,
der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm
eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem hchsten
Erstaunen krftig durchwalkte. Bald wuten sich die Schmuggler vor ihm
nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der
gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit
waren unvergleichlich und geradezu unnatrlich. Er legte sich nicht
einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den
beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die
unntzen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigenntziger Eifer
im Dienst mute natrlich allgemeines Staunen erregen und schlielich
auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde
befrdert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man
smtliche Schmuggler fangen und dingfest machen knnte. Diesem Projekte
legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen
Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschrnkte
Vollmacht zur Ausfhrung aller mglichen Untersuchungen und
Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit
hatte sich gerade eine groe Gesellschaft von Schmugglern gebildet,
welche ganz bewut und planmig vorgingen: das freche Unternehmen
versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon lngst etwas
davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen,
indem er ganz trocken erklrte, die Zeit sei noch nicht gekommen.
Nachdem er jedoch alle Fden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er
die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen lie: Jetzt ist es Zeit. Er
hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre htte er hier mehr
gewinnen knnen, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige
Dienstttigkeit erwerben konnte. _Vordem_ wollte er sich nicht mit ihnen
einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht
viel erhalten htte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt
konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich
mglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf
seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte
der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen
begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur
Tat. Ihre ersten Operationen waren von glnzenden Erfolgen gekrnt. Der
Leser hat sicher schon jene berhmte Geschichte von der Reise der
gescheidten, spanischen Hammel gehrt, welche die Grenze in doppelten
Huten berschritten und dabei fr eine Million Brabanter Spitzen unter
dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als
Tschitschikow beim Zollamt war. Htte er selbst nicht an diesem
Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt htte es fertig
gebracht, einen hnlichen Streich auszufhren. Nachdem die Hammel die
Grenze drei oder viermal berschritten hatten, stellte es sich heraus,
da beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaen. Ja man
munkelte, da es bei Tschitschikow sogar in die Fnfhunderttausend
gegangen wre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott wei,
welche gewaltige Hhe diese gepriesenen Summen erreicht htten, wenn
nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen ber den Weg gelaufen wre. Der
Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie
gerieten ohne jeden Grund aneinander. Whrend einer lebhaften
Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel
getrunken hatte, den andern Beamten einen _Popensohn_, worauf dieser,
der _wirklich_ der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde
aufs tiefste beleidigt fhlte und ihn sehr heftig und auerordentlich
scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: Das lgst du! Ich bin
Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn, und
dann fgte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu
rgern, noch hinzu: Jawohl, so ist's! Obwohl er unseren Tschitschikow
damit noch bertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemnzte
Schimpfwort zurckgab, und trotzdem die Wendung: Jawohl, so ist's
schon stark genug war, gengte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er
sandte noch auerdem eine geheime Denunziation an die Behrde. brigens
ging die Rede, beide htten berdies noch einen Streit wegen eines
frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten
kernig gewesen sei, wie eine Rbe, ja es seien sogar ein paar krftige
Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen
Gasse tchtig durchwalken sollten; schlielich aber htten beide Beamten
eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich
der betreffenden Dame bemchtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit
zugetragen hat, das wei Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen
mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat
wurde zwar gleichfalls gestrzt, aber er zog seinen Kollegen mit in
seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer
Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach ber ihre
schuldigen Hupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr
Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich
kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der
Staatsrat berlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo
elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand
und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu
bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen
waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und
Ausflchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur
allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine
angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rhrende Reden,
hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden knnen, und
da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte,
mit einem Wort, er wute seine Sache so gut zu fhren, da er wenigstens
keinen so schmhlichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein
Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann.
Freilich: das Kapital und all die schnen auslndischen Sachen waren
dabei draufgegangen; fr diese Dinge hatten sich andre Liebhaber
gefunden. Es gelang ihm, sich hchstens zehntausend Rubel aus diesem
Zusammenbruch zu retten, die er sich fr alle Flle zurckgelegt hatte,
dazu noch zwei Dutzend hollndische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie
Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher
Seliphan und den Bedienten Petruschka, auerdem hatten ihm die
Zollbeamten, aus reiner Herzensgte noch fnf oder sechs Stck Seife
geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte -- das war
alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser
Held. Welch ungeheueres Migeschick war pltzlich ber ihn
hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man
sollte meinen, nach all diesen Strmen, Versuchungen, Schicksalsschlgen
und den bsen Zufllen dieses Lebens htte er sich mit seinen letzten
teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines
Provinzstdtchens zurckgezogen, um dort fr immer einzurosten: da htte
er wohl im geblmten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Huschens
gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wre
vielleicht zur Erholung einmal in den Hhnerhof hinabgegangen, um sich
persnlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte,
und so htte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht
ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man mu der
unbezwinglichen Charakterstrke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren
lassen. Nach all diesen Schlgen, welche gengt htten, einen Menschen
wenn nicht umzubringen, so doch fr immer gegen alles abzukhlen und
zahm zu machen, war in ihm jene unerhrte Leidenschaft noch immer nicht
erloschen. Er war rgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt,
schimpfte ber die Ungerechtigkeit des Schicksals, war emprt ber die
Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue
Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an
den Tag, vor der die trge Geduld des Deutschen zu Nichts
zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen
Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern,
und es bedurfte eines starken, vernnftigen Willens, um all jene Triebe
zu zgeln, welche in ihm nach auen drngten, um sich hier frei zu
ergehen und auszuleben. Er berlegte lange hin und her, und in seinen
berlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin _ich_ es
gerade? Warum mute das Unglck jetzt ber _mich_ hereinbrechen? Wer
sumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach _Erwerb_. Ich habe
doch niemand unglcklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen
Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem berflusse genommen
dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt htte.
Htte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so htten andere
es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glcklich
sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt?
Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge
sehen? Mu ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, da
ich nur die Erde unntz belaste? Und was sollen einst meine Kinder
sagen? -- Seht unsern Vater an, werden sie sagen; er war ein
Schweinehund, und hat uns kein Vermgen hinterlassen.

Wir wissen bereits, da Tschitschikow sehr besorgt um seine Nachkommen
war. Es ist damit eine kitzliche Sache. So mancher wrde nicht so tief
in den fremden Beutel greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame,
unbegreifliche Frage wie von selbst auf die Lippen drngte: Und was
werden meine Kinder sagen? Und der knftige Stammvater greift eilig
nach dem, was ihm zu allererst unter die Finger kommt, wie ein
vorsichtiger Kater, welcher ngstlich zur Seite schielt, ob nicht der
Hausherr in der Nhe ist: sieht er ein Stck Seife liegen, eine Kerze,
ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter die Pfoten, er
nimmt alles mit und verschmht nichts. So jammerte und klagte unser
Held, und doch arbeitete sein Kopf unaufhrlich weiter. Unabllich
wollte sich etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem neu zu
errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er zusammen, wieder begann er
ein hartes Arbeitsleben, wieder schrnkte er sich in allem ein, wieder
stieg er aus der Sphre des Wohlstandes und der Reinheit in den Schmutz
und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung eines Besseren lie er
sich sogar dazu herbei, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu bernehmen,
ein Beruf, der sich bei uns noch nicht das Brgerrecht erkmpft hat,
dessen Trger von allen Seiten Pffe und Ste erdulden mssen, von den
niederen Gerichtsbeamten und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und
zum Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und Beleidigungen
verurteilt sind. Allein die Not machte unsern Helden zu allem fhig.
Unter den mancherlei Auftrgen, mit deren Ausfhrung er betraut wurde,
gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern bei
Vormundschaftsgericht verpfndet werden. Das Gut, zu dem die Bauern
gehrten, stand vor dem Ruin. Furchtbare Viehseuchen, die Miwirtschaft
spitzbbischer Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum Opfer
fielen, Miernten und nicht zum mindesten die Unvernunft des Gutsherrn
hatten es dem Ruin entgegengefhrt. Der Besitzer hatte sich in Moskau
ein modernes Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, dabei
aber war sein ganzes Vermgen bis zur letzten Kopeke draufgegangen, so
da ihm kaum noch was zum Essen brig blieb. So sah er sich denn
gezwungen, sein einziges Gut, das ihm noch brig geblieben war, zu
verpfnden. Hypothekengeschfte mit dem Staate waren damals noch
ziemlich unbekannt und erst vor kurzem eingefhrt, daher entschlo man
sich nicht ohne inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt.
Tschitschikow hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher
smtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte er, da auch alle
Anwesenden in der rechten Stimmung waren (ohne diese vorbereitende
Manahme ist es bekanntlich nicht einmal mglich, die einfachsten
Erkundigungen einzuziehen -- unter einer Flasche Madeira pro Kopf geht's
jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf die es hierbei ankam, in
die rechte Geistesverfassung versetzt hatte, erklrte er ihnen: es gbe
bei dieser Sache noch einen Umstand, der unbedingt bercksichtigt werden
msse: die Hlfte der Bauern sei gestorben, da msse man sich in acht
nehmen, da spter nicht etwa Klagen laut wrden ... Sie stehen aber
doch in der Revisionsliste, nicht wahr? sagte der Sekretr. Freilich,
erwiderte Tschitschikow. Nun was frchten Sie denn dann noch? sagte
der Sekretr. Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, nun gut, dann
ist doch nichts verloren. Wie man sieht, verstand es der Sekretr in
Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden der genialste
Gedanke auf, der je einem Menschen in den Kopf gekommen war. O, ich
Einfaltspinsel! sprach er zu sich selbst, ich suche meine Handschuhe
und sie stecken ruhig in meinem Grtel! Htte ich mir all diese Leute,
welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die neuen Revisionslisten
aufgestellt wurden; htte ich sie mir, sagen wir einmal, fr tausend
Rubel erworben und dann beim Vormundschaftsgericht verpfndet; dann
htte ich zweihundert Rubel fr die Seele bekommen, und das wrde heute
genau zweimal hunderttausend Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade
der gnstigste Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorber, die hat
gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer haben ihr Geld
verspielt, zechen jetzt herum, und haben ihr ganzes Vermgen
durchgebracht; alles will nach Petersburg und in den Staatsdienst
treten: die Gter liegen darnieder, die Verwalter kmmern sich kaum um
sie, mit jedem Jahre wird's schwerer, die Steuern einzutreiben; wie gern
wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, nur um keine Kopfsteuer
fr sie bezahlen zu mssen, ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem
ein paar Kopeken dafr ab. Das ist natrlich nicht leicht, es kostet
viele Mhe, man mu ewig in Sorgen schweben, da man hereinfllt, und
da eine neue Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der Mensch
schlielich seinen Verstand? Das Gute dabei ist ja eben dies: da die
Sache so unwahrscheinlich ist: niemand wird es recht glauben wollen.
Freilich ohne Land kann man sie weder kaufen noch verpfnden; aber ich
werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, natrlich: zu
Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man ja das Land im Gouvernement
Taurien und Cherson fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel
dein Herz begehrt! Ich fhre sie eben einfach dorthin: ins Chersonsche
Gouvernement; da mgen sie meinetwegen leben! Und die Ansiedelung lt
sich ja auf ganz gesetzlichem Wege vollziehen, nach allen Regeln der
Kunst, durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, gut, ich habe
nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde auch ein Zeugnis mit der
eigenhndigen Unterschrift irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut
wird Tschitschikowka oder nach meinem Taufnamen Pawlowskoje
genannt. So kam im Kopfe unseres Helden dieser seltsame Plan zustande;
ich wei garnicht, ob ihm die Leser sehr dankbar fr ihn sein werden,
dagegen lt es sich kaum ausdrcken, wie sehr der Verfasser sich ihm
verpflichtet fhlt; wie dem auch sei, wre Tschitschikow nicht auf
diesen Gedanken gekommen -- nie htte diese Dichtung das Licht der Welt
erblickt.

Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging an die Ausfhrung
seines groen Planes. Indem er vorschtzte, er suche sich ein Pltzchen,
wo er sich niederlassen knne, und noch unter mancherlei anderen
Vorwnden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden unseres Reiches
anzusehen, vorzglich aber die, welche mehr als andere unter allerhand
Unglcksfllen zu leiden hatten, als da sind: Miernten, Todesflle usw.
usw. Mit einem Wort, wo sich ihm die gnstigste Gelegenheit bot, sich
mglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja bedurfte. Dabei wandte
er sich nicht aufs geradewohl an den ersten besten Gutsbesitzer, sondern
whlte sich Leute nach seinem Geschmack aus, nmlich solche, mit denen
sich ein Geschft dieser Art ohne groe Schwierigkeiten abwickeln lie.
Hierbei suchte er zunchst ihre nhere Bekanntschaft zu machen und ihre
Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womglich zum Geschenk zu erhalten
und sie nicht bar bezahlen zu mssen. Daher darf der Leser auch dem
Autor nicht bse sein, wenn die Personen, die bisher im Laufe unserer
Erzhlung auftraten, nicht immer nach seinem Geschmacke waren: das ist
Tschitschikows Schuld; denn hier ist _er_ der Herr der Situation, und
wir mssen ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfllt. Wir
unsererseits knnen, wenn man uns den Vorwurf macht, unsere Personen und
Charaktere seien unscheinbar und bla, nur immer wieder sagen, da man
im Beginn einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze Breite und
Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die Einfahrt in eine Stadt, und sei
es selbst die in die Reichshauptstadt, ist immer uninteressant. Zunchst
erscheint alles grau und einfrmig. Endlose Fabriken und
rauchgeschwrzte Werksttten ziehen sich in trbseliger Monotonie dahin.
Erst spter erscheinen die Ecken sechsstckiger Huser, vornehme Lden,
Aushngeschilder, die langen Zeilen der Straen mit Trmen, Sulen,
Denkmlern, Kirchen, mit ihrem Straenlrm und Glanz und all den
Wundern, die Menschenhand und Menschengeist erschaffen. Wie die ersten
Einkufe zustande kamen hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache
weiter gehen wird, welche Erfolge und Mierfolge unsern Helden erwarten,
was fr Hindernisse weit schwierigerer Art er zu besiegen und zu
berwinden haben wird, wie dann gewaltige Gestalten vor uns auftreten,
wie sich die geheimsten Hebel unserer sich breit ergieenden Erzhlung
in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander treten, und sie
selbst in majesttisch-lyrischem Strome dahinfluten wird, dies werden
wir spter sehen. Ein weiter Weg ist's, den unsere Brigade zurckzulegen
hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer Kutsche, wie die
Junggesellen zu benutzen pflegen, dem Diener Petruschka, dem Kutscher
Seliphan und dem Dreigespann edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind,
vom Assessor bis zum niedertrchtigen Schecken. Da haben wir unsern
Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht wird man noch eine
Charakteristik durch einen letzten Strich von mir verlangen: was ist er
fr ein Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitten? Da er kein
Held, erfllt von allen Tugenden, Vorzgen und allen nur mglichen
Vollkommenheiten ist -- das ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl
ein Schurke? Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng gegen andere
Leute sein? Jetzt gibt's bei uns keine Schurken mehr. Es gibt
wohlgesinnte, gesinnungstchtige, angenehme Menschen, aber solche, die
ihre Physiognomie zur ffentlichen Beschimpfung darbieten mten, um den
Streich auf die Wange in Empfang zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von
dieser Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und selbst sie reden
heute schon laut von der Tugend. Das Richtigste wre es wohl, ihn einen
guten Wirt oder ein Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb -- trgt
die Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affren und Geschfte,
die die Welt nicht ganz sauber nennt. Freilich, so ein Charakter hat
schon etwas Abstoendes an sich, und derselbe Leser, der sich auf seinem
Lebenswege mit so einem Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einfhrt
und manche angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mitrauisch
ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer Dichtung
begegnet. Aber dreimal weise ist der, der berhaupt keinen Charakter
verabscheut, sondern prfend seinen Blick auf ihn heftet und ihn
begreifen lernt in seinen innersten Triebfedern; wie schnell wandelt
sich alles im Menschen: eh man sich's versieht, hat sich im Innern ein
furchtbarer Wurm eingenistet, der wchst und wchst und alle
Lebenskrfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als einmal schon
geschah es, da in einem Menschen, der zu Hherem geboren war, nicht nur
eine bermchtige Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein
oft schon lie ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine hohen
und heiligen Pflichten vergessen und in elenden Nichtigkeiten etwas
Groes und Verehrungswrdiges sehen. Unendlich wie der Sand am Meere
sind des Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, alle
sind sie dem Menschen im Anfang gefgig und gehorsam, die hohen wie die
niedrigen, und erst spter werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist
der zu preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft
erwhlte: er wchst und mehrt sich tglich und stndlich sein
grenzenloses Glck, tiefer und immer tiefer dringt er ein in das
unendliche Paradies seiner Seele. Aber es gibt Leidenschaften, deren
Wahl nicht vom Menschen abhngt. Sie werden mit ihm geboren in der
Stunde, da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, sie weit
von sich zu stoen. Ein hherer Plan ist es, der sie lenkt, und es liegt
etwas in ihnen, das ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben
verstummt. Ihre groe irdische Laufbahn zu vollenden ist ihre
Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten vorberwandeln oder als
herrlich leuchtende Erscheinungen, die den lauten Jubel der Welt
entfachen, indem sie an uns vorberziehen -- ganz gleich -- sie kamen,
um das dem Menschen unbekannte Gute zu erfllen. Und vielleicht stammt
auch die Leidenschaft die unseren Helden Tschitschikow lenkt und
vorwrtstreibt nicht aus ihm selber, und es liegt auch in seinem kalten
frostigen Dasein etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die
Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der Weisheit des Himmels.
Und es ist noch ein Geheimnis, warum diese Gestalt gerade in dieser
Dichtung erscheinen mute, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt.

Aber nicht das ist das Bittere, da man mit unserem Helden unzufrieden
sein wird; weit bitterer und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele
lebt die unumstliche Gewiheit, da die Leser dennoch und trotz
alledem mit diesem Helden, mit demselben Tschitschikow zufrieden sein
knnten. Htte der Autor ihm nicht so tief ins Herz geblickt, htte er
nicht alles aufgerhrt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und nur
dem Blick der Welt entgeht und verborgen bleibt, htte er nicht seine
geheimsten Gedanken enthllt, die kein Mensch dem andern vertraut,
sondern ihn so gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den
anderen -- erschienen war, -- so wren alle Leute sehr befriedigt, und
jeder wrde ihn fr einen uerst interessanten Menschen halten.
Freilich wre dann sein Bild und seine Gestalt nicht so lebendig vor
unser Auge getreten: dafr htte auch keine Erregung in unserer Seele
nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt htten, und wir
knnten uns ruhig wieder an unseren Kartentisch setzen, welcher der
Trost und die Freude ganz Rulands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt
der Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: Warum nur? sprecht ihr,
wozu dient das alles? Wissen wir denn nicht selber, da es gar viel
Verchtliches und Trichtes in der Welt gibt? Auch ohnedies mu man oft
Dinge sehen, die keineswegs trstlich sind. Zeigt uns doch lieber das
Schne, das was entzckt und begeistert! Helft uns, uns lieber selbst zu
vergessen! -- Warum sagst du mir, da es schlecht um meine Wirtschaft
steht, Bruder? sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter ich wei das
auch _ohne_ dich, lieber Freund: kannst du denn wirklich nicht von etwas
andrem reden? Wie? Hilf mir lieber das alles zu vergessen, und nicht
daran zu denken -- dann bin ich glcklich. Und so wird das Geld, das
dazu htte dienen knnen, um das Gut etwas in die Hhe zu bringen, fr
allerhand Mittelchen ausgegeben, um sich selbst zu vergessen. Der Geist
wird eingeschlfert, der vielleicht pltzlich einen Quell gewaltiger
Reichtmer entdeckt htte; das Gut kommt unter den Hammer, der Gutsherr
mu betteln gehen, um sich zu vergessen; mit einer Seele, die zu jeder
uersten Niedertracht und Gemeinheit bereit ist, vor denen er selbst
einst zurckgeschreckt wre.

Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; sie rhrt von den
sogenannten Patrioten her, welche ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich
mit ganz gleichgltigen Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhufen und
sich ein schnes Los auf Kosten anderer bereiten; sowie aber etwas
geschieht, was nach ihrer Meinung dem Vaterland zur Unehre gereicht,
_sowie_ irgend ein Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthlt --
dann kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, wie die
Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die sich in ihr Netz
verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: Ja, ist es denn gut,
solche Dinge ans Licht zu bringen, sie offen zu verknden. All das, was
da beschrieben wird, gehrt ja zu _uns_ -- ist's also klug, so etwas zu
tun? Und was sollen die Auslnder sagen? Ist es denn angenehm, zu hren,
da andre Leute schlecht von uns reden? Und sie denken: tut es uns denn
nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht Patrioten? Auf solch weise
Bemerkungen, besonders hinsichtlich der Auslnder, kann ich keine
passende Antwort finden. Es wre denn etwa diese: In irgend einem
entlegenen Winkel Rulands lebten einmal zwei Mnner. Der eine war der
Vater einer groen Familie und hie Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter
friedlicher Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen Lebens
war. Mit seiner Familie beschftigte er sich kaum; sein Dasein war mehr
der Spekulation gewidmet, ihn beschftigten in erster Linie
philosophische Fragen wie er sie nannte: Nehmt z. B. das Tier,
pflegte er zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, das Tier wird
doch ganz nackt geboren. Warum gerade nackt? Warum nicht vielmehr
befiedert wie der Vogel: warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein,
wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur immer weniger, je
mehr man sich in sie vertieft! So dachte der Brger Kifa Mokiewitsch.
Aber das war noch nicht das Wichtigste. Der andre Brger war Mokij
Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man in Ruland einen
Helden zu nennen pflegt, und whrend sich der Vater mit der Geburt des
Tieres beschftigte, drngte es _seine_ zwanzigjhrige, breitschultrige
Gestalt mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. Er
konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in Angriff nehmen --
stets brach sich jemand dabei den Arm oder er trug eine Beule auf der
Nase davon. Zu Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den
Mdchen auf dem Hofe -- bis auf den letzten Hund -- davon, wenn sie ihn
erblickten, sogar sein eigenes Bett, das in seinem Schlafzimmer stand,
schlug er in Trmmer. So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein
braver, gutmtiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. Das
Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: Ich bitt dich gndiger Herr
Kifa Mokiewitsch, sagten die eigenen und fremden Knechte und Mgde zum
Vater: was ist dein Mokij Kifowitsch doch fr ein Herr? Der lt keinen
Menschen in Ruhe, ist der zudringlich! Ja, ja, etwas mutwillig ist er
schon, erwiderte gewhnlich der Vater: aber was ist da zu tun? Hauen
kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen wrden ber meine Hrte und
Grausamkeit schreien, und dann ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn
ich ihm in Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte -- wrde er sich
wohl in acht nehmen; aber verget auch die ffentlichkeit nicht -- das
ist eben das Unglck. Wenn die Stadt es erfhrt, wird sie ihn gleich
einen Schweinehund nennen. Glaubt ihr denn, da mir das nicht weh tun
wrde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, weil ich mich mit der
Philosophie beschftige und mitunter keine Zeit fr andere Dinge habe,
sei ich nicht Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich _bin_ Vater, jawohl ich
bin _Vater_, zum Teufel noch einmal, das la ich mir nicht nehmen. Mokij
Kifowitsch -- der sitzt mir hier ganz tief im Herzen. Und Kifa
Mokijewitsch schlug sich mit der Faust krftig auf die Brust und geriet
in die grte Erregung: Und wenn er schon sein Leben lang ein
Schweinehund bleiben sollte, so soll man es wenigstens nicht von mir
erfahren; ich kann ihn doch nicht verraten! Nachdem er so von seinem
vterlichen Gefhl Zeugnis abgelegt hatte, lie er Mokij Kifowitsch
ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu seinen geliebten
Gegenstnden zurck, indem er sich pltzlich irgend eine Frage wie etwa
die folgende vorlegte: Hm, wenn die Elefanten Eier legten, mten die
Eierschalen da nicht so dick sein, da keine Kanonenkugel sie
zertrmmern knnte; ja, ja, es ist Zeit ein neues Schiewerkzeug zu
erfinden! So verbrachten unsere zwei Bewohner des friedlichen
Erdenwinkels ihr Leben, sie, die am Schlu unserer Dichtung so pltzlich
wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre bescheidene Antwort auf den
Vorwurf glhender Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange
ganz ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der Vergrerung
ihres Wohlstandes auf Kosten des von ihnen so glhend geliebten
Vaterlandes beschftigten und keineswegs darum besorgt sind, da nur
nichts Bses geschieht, sondern allein darum, da nur ja niemand sage,
sie tten Schlimmes. Doch nein, weder der Patriotismus noch jenes erste
Gefhl sind der Grund all dieser Anklagen und Vorwrfe. Dahinter
versteckt sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? Wer
anders, wenn nicht der Autor htte die Pflicht, die heilige Wahrheit zu
verkndigen? Ihr frchtet den tiefen forschend auf euch gerichteten
Blick. Ihr wagt es nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstnde zu
richten, ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos ber alles
hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen ber
Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor _loben_ und sagen:
brigens, manches hat er wirklich sehr fein beobachtet! Das mu doch
ein Mensch von heiterem Temperament sein! Und nach diesen Worten werdet
ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst zurckkehren, ein
selbstgeflliges Lcheln wird euer Gesicht verklren, und ihr werdet
fortfahren: Man mu doch sagen: in einigen Gegenden Rulands gibt es
wirklich hchst merkwrdige und komische Menschen, und recht abgefeimte
Schurken dazu! Doch wer von euch wird sich voll christlicher Demut,
nicht laut und ffentlich, sondern in aller Stille, in jenen
Augenblicken wo die Seele einsame Selbstgesprche mit sich fhrt, tief
im Innern die Frage vorlegen: Wie? lebt nicht vielleicht auch in _mir_
etwas von Tschitschikow? Warum nicht gar. Lat dagegen irgend einen
Beamten, einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorbergehn --
sofort wird er seinen Nachbarn anstoen, und whrend er sich fast
ausschtten mchte vor Lachen, zu ihm sagen: Sieh, sieh, das ist
Tschitschikow, da geht er vorber! Und er wird allen Anstand, den er
seinem Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein Kind
nachlaufen, ihn verhhnen, necken und ihm nachrufen: Tschitschikow!
Tschitschikow! Tschitschikow!

Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, da unser Held, der
whrend der Erzhlung seiner Lebensgeschichte fest schlief, schon
aufgewacht ist und leicht hren knnte, da man seinen Familiennamen so
oft wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekrnkt fhlt
und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne die schuldige Achtung von ihm
spricht. Dem Leser kann's freilich ziemlich gleich sein, ob ihm
Tschitschikow bse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, so
darf er sich unter keinen Umstnden mit seinem Helden veruneinigen: er
hat noch manches Stck Weges Hand in Hand mit ihm zurckzulegen; noch
liegen zwei groe Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist doch
wirklich keine Kleinigkeit.

He, he! Was fllt dir ein! rief Tschitschikow Seliphan zu, du ...?

Wie? sagte Seliphan langsam.

Wie? fragst du! Trottel du! Wie fhrst du denn? Vorwrts, rhr dich!

Und in der Tat, Seliphan sa schon lange auf seinem Bock und blinzelte
mit den Augen. Nur hie und da schlug er im Halbschlaf die gleichfalls
schlafenden Pferde mit den Zgeln leicht auf den Rcken. Auch Petruschka
hatte schon lange und, Gott wei, wo seine Mtze verloren, er war auf
dem Bock zurckgesunken und sttzte seinen Kopf auf Tschitschikows Knie,
von dem er manchen krftigen Puff empfing. Seliphan wurde munter und
versetzte dem Schecken ein paar tchtige Hiebe, worauf dieser einen
lebhaften Trab anschlug; dann lie er seine Peitsche ber den Rcken der
Pferde sausen und rief mit dnner Stimme gleichsam singend: Nur keine
Furcht! Die Pferde wachten auf und zogen den leichten Wagen mit sich
fort, der wie ein Flaum dahinflog. Seliphan schwenkte blo die Peitsche
und rief: He, he, he! indem er auf seinem Bock rhythmisch hin und her
hopste, whrend der Wagen ber die Berge und Tler der Landstrae
dahinjagte, welche langsam bergab fhrte. Tschitschikow wurde auf seinem
Polster leicht emporgehoben, er lchelte vergngt, denn er liebte das
schnelle Fahren. Und welcher Russe liebt das schnelle Fahren nicht?
Sollte seine Seele, die sich berall und immer nach dem Taumel und
Wirbel sehnt, und oft laut ausrufen mchte: Ach was, hol' doch alles
der Teufel, sollte seine Seele es nicht lieben? Es nicht lieben, wenn
etwas so Wundersames, Beseeligendes darin liegt? Wie eine unbekannte
Gewalt hebt dich's auf seinen Flgel, du fliegst dahin und mit dir alles
um dich her: die Meilensteine, die Kaufleute auf ihren Wagensitzen, der
Wald zu beiden Seiten mit den dunklen Reihen seiner Tannen und Fichten,
dem Lrm der xte und dem Rabengekrchze: der ganze Weg flieht vorber
-- weit fort in unbekannte Fernen; und etwas Furchtbares, Schreckliches
liegt in diesem rasenden Aufblitzen und Verschwinden, wo der
vorbergleitende Gegenstand kaum Zeit hat, feste Formen anzunehmen und
nur der Himmel ber uns, die leichten Wolken und der sich Bahn brechende
Mond allein unbeweglich still zu stehen scheinen. Mein Dreigespann, o du
Vogeldreigespann! wer hat dich erfunden? Nur aus einem kecken mutigen
Volk konntest du hervorgehen -- in jenem Lande, das nicht zu spaen
liebt, sondern sich wie die unendliche Ebene streckt und breitet ber
die halbe Erde: versuch's doch die Meilensteine zu zhlen, ohne da
dir's vor den Augen flimmert! Wahrlich kein schlau ersonnenes Gefhrt
bist du, genietet durch eiserne Klammern. Sondern schnell, aufs
geratewohl mit Axt und Meiel hat dich ein flinker Jaroslawscher Bauer
verfertigt und zusammengefgt. Dich lenkt kein Postillon in deutschen
Stulpenstiefeln, bebartet und behandschuht sitzt er da, der Teufel wei
worauf; und wenn er aufsteht, seine Peitsche schwingt und sein
unendliches Lied anstimmt -- dann strmen die Rosse dahin wie ein
Wirbelwind. Zu einer runden, glatten Flche flieen die Speichen der
Rder zusammen. Es donnert der Weg. Erschrocken schreit der Fugnger
auf und bleibt wie angewurzelt stehen. -- Und dahin fliegt das Gefhrt,
fliegt und fliegt! ... Und schon sieht man in der Ferne nichts wie eine
dichte Staubwolke, und wirbelnd folgt die Luft.

Jagst nicht auch du, Ruland, so dahin, wie ein keckes unerreichbares
Dreigespann? Rauchend dampft unter dir der Boden; es drhnen die Stege.
Und alles bleibt zurck, weit hinter dir zurck. Wie durch ein
gttliches Wunder betubt, steht festgebannt der staunende Zuschauer.
Ist es ein Blitz, der aus den Wolken zuckte? Was bedeutet diese
grauenerweckende Bewegung? Und was fr unbekannte Krfte wohnen in
diesen, nie gesehenen Rossen? Oh, ihr Rosse! Ihr wunderbaren Rosse! Lebt
ein Wirbelwind in euren Mhnen? Bebt ein wachsames Ohr euch in jeder
Ader? Lauscht ihr auf ein trautes altbekanntes Lied von oben, und spannt
jetzt eintrchtig eure ehernen Brste? Kaum rhren eure flchtigen Hufe
die Erde, in eine langgestreckte Linie verwandelt fliegt ihr durch die
Lfte, und fort strmt das ganze, gottbegeisterte! ... Ruland? Wohin
jagst du, gib Antwort! Du bleibst stumm. Wundersam ertnt der Gesang des
Glckchens. Wie von Winden zerfetzt, braust und erstarrt die Luft;
alles, was auf Erden lebt und webt, fliet vorber; und es weichen vor
dir, treten zur Seite, und geben dir Raum alle anderen Staaten und
Vlker.




                         Anhang zum ersten Teil


                                   I.
                                Vorrede
                 zur zweiten Auflage des ersten Bandes
                                  der
                             Toten Seelen
                                  1846


                       Der Verfasser an den Leser

Wer du auch sein magst, lieber Leser, auf welchem Platze du stehst,
welches Amt du bekleidet, ob du Rang und Wrden dein eigen nennt, ein
schlichter Mann von einfachem Stande bist, wenn dir Gott die edle Gabe
des Lesens verliehen hat und dir ein Zufall dieses Buch in die Hnde
spielte, so bitte ich dich, mir zu helfen.

In dem Buche, das vor dir liegt und dessen erste Auflage du
wahrscheinlich schon gelesen hat, ist ein Mensch dargestellt, der mitten
aus dem russischen Staate herausgegriffen ward. Er bereist unser
russisches Vaterland, und trifft hier mit Menschen jeder Art und jedes
Standes, mit vornehmen und einfachen zusammen. Er ward mehr _darum_ zum
Helden ausersehen, um die _Laster_ und _Mngel_, als die _Vorzge_ und
_Tugenden_ des Russen aufzuzeigen; aber auch all die Menschen, die ihn
umgeben, sind so gewhlt worden, da sie unsere Fehler und Schwchen
widerspiegeln, die besseren Menschen und Charaktere sollen erst in den
folgenden Teilen vorgefhrt werden. In diesem Buche ist manches
unrichtig dargestellt, und nicht so, wie die Dinge sich wirklich im
russischen Vaterlande zutragen, weil ich ja nicht alles kennen lernen
und in Erfahrung bringen konnte. Ein ganzes Menschenleben wrde nicht
ausreichen, um auch nur den hundertsten Teil von dem zu erforschen, was
in unserer Heimat vorgeht. Zudem mgen sich infolge meiner eigenen
Unachtsamkeit, Unreife und bereilung mancherlei Irrtmer und
Fehlschlsse eingeschlichen haben, soda es wohl keine Seite in diesem
Buche gibt, an der nicht irgend etwas zu berichtigen wre, und daher
bitte ich dich, lieber Leser, wo du es kannst, mich zu verbessern. Du
darfst diese Mhe nicht gering schtzen. Auf welch hoher Stufe der
Bildung und des Lebens du auch stehen mgest, so unbedeutend und nichtig
dir auch mein Buch erscheinen und so kleinlich und unwichtig dir es
vorkommen mag, mein Werk zu verbessern und deine Bemerkungen dazu
niederzuschreiben, ich bitte dich dennoch darum, es zu tun. Aber auch
du, lieber Leser, von _schlichter_ Bildung und einfachem Stande, sollst
dich nicht fr zu unwissend halten, mich zu belehren. Ein jeder Mensch,
der gelebt, die Welt gesehen hat, und mancherlei Menschen begegnet ist,
hat sicher vielerlei gemerkt, was einem andern entgangen ist, und vieles
erfahren, was andere nicht wissen. Ich mchte daher nicht gerne auf
deine Bemerkungen verzichten. Es ist unmglich, da du nicht etwas zu
irgend einer Stelle meines Buches zu sagen httest, wenn du es nur
aufmerksam durchliest.

Wie schn wre es zum Beispiel, wenn auch nur _einer_ von jenen Leuten,
deren Kenntnisse so gro, deren Lebenserfahrung so reich ist, und die
den Kreis von Menschen, die ich beschrieben habe, genau kennen, seine
Anmerkungen zu dem ganzen Buche niederschreiben und _gar nicht anders_
an die Lektre gehen wollte, als mit einer Feder in der Hand und einem
Stck Papier, das er vor sich auf dem Tische liegen hat. Wie schn wre
es, wenn er jedesmal, nachdem er einige Seiten gelesen hat, sich an sein
ganzes Leben und das aller der Menschen, denen er auf seinem Wege
begegnet ist, an alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten,
und auch an alles das erinnern wollte, was er selbst sah oder hrte, ob
es nun hnlichkeit mit den Begebenheiten hat, die in meinem Buche
geschildert sind, oder ihnen gerade entgegengesetzt ist -- und wenn er
dann alles genau so beschriebe, wie es sich in seiner Erinnerung
darstellt und mir hierauf jedes vollgeschriebene Blatt zusenden wrde,
bis er auf diese Weise das ganze Buch zu Ende gelesen htte. Welch einen
groen wahrhaften Dienst wrde er mir damit erweisen. Der Stil und die
Schnheit des Ausdrucks brauchen ihm hierbei keine Sorge zu machen: hier
handelt es sich nur um die Sache selbst und um ihre Wahrheit und nicht
um den Stil. Auch braucht er sich nicht zu zieren, wenn er mich tadeln,
oder mir einen Vorwurf machen, oder mich auf eine Gefahr und auf den
Schaden hinweisen wollte, den ich durch die falsche und unberlegte
Darstellung einer Sache gestiftet habe, wo doch nur Nutzen und Besserung
meine wahre Absicht war. Fr all dieses wre ich ihm von Herzen dankbar.

Ferner wre es sehr gut, wenn sich ein Mensch aus dem hheren Stande
finden wrde, welcher durch alles -- durch das Leben selbst und durch
seine Bildung -- jenen Kreisen fernsteht, die in meinem Buche
geschildert sind, der aber das Leben des Standes kennt, zu dem er selbst
gehrt, und wenn ein solcher Mensch sich entschlieen knnte, mein Buch
auf die gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der hheren
Stnde an seinem geistigen Auge vorber ziehen zu lassen und streng
darauf zu achten, ob es nicht doch etwas Gemeinsames zwischen allen
Stnden gibt, ob sich nicht doch zuweilen in den hheren Kreisen
dasselbe wiederholt, was in den niederen Sphren zu geschehen pflegt?
Und wenn er nun alles, was ihm hierber einfllt, das heit also jedes
Vorkommnis aus den hheren Gesellschaftskreisen, das zur Besttigung
oder Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so schildern wollte,
wie es sich vor seinen Augen abspielte, ohne die Menschen selbst mit
ihren Sitten, Neigungen und Gewohnheiten zu vergessen oder die
seelenlosen Sachen, die sie umgeben, zu bergehen, von der Kleidung bis
hinab zu den Mbeln und den Mauern der Huser, die sie bewohnen. Ich
_mu_ diesen Stand kennen, der die Blte der Nation reprsentiert. Ich
kann die letzten Bnde meines Werkes nicht in die Welt hinausgehen
lassen, bevor ich das Leben Rulands nach all seinen Seiten kennen
gelernt habe, wenigstens in dem Mae, als dies fr mein Werk notwendig
ist.

Auch wre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, der mit einer reichen
Phantasie und der Fhigkeit ausgestattet ist, sich alle mglichen
menschlichen Verhltnisse recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen
in Gedanken auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten --
mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich in den Geist eines
jeden Autors, den er liest, hinein zu versetzen oder seine Ideen weiter
zu fhren und zu entfalten -- jede Person, die ich in meinem Buche
auftreten lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen wollte, wie sie
sich in diesem oder jenem Falle verhalten mu, was ihr, nach dem Anfang
zu schlieen, im weiteren Verlauf der Erzhlung zustoen mte, was fr
neue Situationen sich hieraus ergeben knnten, und was ich wohl noch zu
meiner Beschreibung hinzufgen sollte; ich wrde nmlich dies alles
sorgsam bercksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in einer neuen,
besseren und wrdigeren Ausgabe vor den Leser treten wird.

Um eines noch mchte ich den, der mich durch seine Anmerkungen erfreuen
will, herzlichst bitten: wenn er sie niederschreibt, soll er nicht daran
denken, da er sie fr einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung
gleich steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken hat, wie er
selbst, und vieles auch ohne weitere Erklrungen verstehen wird;
vielmehr bitte ich ihn, so zu tun, als ob er einen Menschen vor sich
hat, der sich in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und der
fast gar nichts gelernt hat. Es wre vielleicht noch besser, wenn er
sich an meiner Statt irgend einen Wilden vorstellen wrde, der sein
ganzes Leben in einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede
kleinste Einzelheit umstndlich erklren mu, wenn er sie verstehen
soll, und dem gegenber man sich der einfachsten Ausdrucksweise
befleiigen mu, fast wie vor einem Kinde, um nur ja kein Wort zu
gebrauchen, das ber seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im Auge
behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu bereit sind, ihre
Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, das stets im Auge behlt,
dann werden diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und noch
mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; mir aber wird er einen
groen und wahrhaften Dienst erweisen.

Wenn es sich also so fgen sollte, da meine Leser meinen Herzenswunsch
bercksichtigen und erfllen, und wenn sich unter ihnen wirklich ein
paar Menschen von so gutem Herzen finden sollten, die bereit wren,
meine Bitte zu erfllen, dann knnen sie mir ihre Anmerkungen auf
folgendem Wege bersenden: sie mgen ein an mich adressiertes Paket in
ein andres Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten
Personen schicken: entweder an den Rektor der St. Petersburger
Universitt Seine Exzellenz Peter Alexandrowitsch Pletnew (zu
adressieren an die Universitt von St. Petersburg) oder an den Professor
der Moskauer Universitt S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu
adressieren an die Universitt Moskau) je nachdem, welche Stadt dem
Absender nher liegt.

Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und Literaten berhaupt,
meinen aufrichtigen Dank aus fr die Rezensionen und Besprechungen,
welche sie meinem Buche angedeihen lieen; sie haben meinem Herzen und
meiner Seele, trotz mancher Malosigkeiten und bertreibungen, wie sie
nun mal in der menschlichen Natur liegen, einen groen Vorteil und
Nutzen gebracht, und daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit
ihrem Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das aufrichtige
Versprechen geben, da ich alles was sie mir zu meiner Aufklrung und
Belehrung zu sagen haben, mit Dank entgegennehmen werde.


                                  II.
                              Reflexionen,
                 die sich auf den ersten Teil beziehen.

Die Idee einer Stadt -- uerster Grad von Hohlheit des in ihr
herrschenden Treibens. Klatschereien und Zwischentrgereien, die alle
Grenzen bersteigen. Wie dies alles aus dem Miggang entspringt und den
hchsten Grad der Lcherlichkeit angenommen hat, und wie ganz gescheite
Leute schlielich dazu kommen, die grten Dummheiten zu begehen.

Einzelheiten aus den Gesprchen der Frauen. Wie sich in die allgemeinen
Klatschereien noch solche von privatem Charakter mischen, und wie
hierbei keine die andere schont. Wie Gerchte und Vermutungen entstehen.
Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lcherlichkeit erreichen. Wie alle
unwillkrlich an diesen Klatschereien teilnehmen, und wie
Pantoffelhelden und Weiberknechte entstehen.

Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit des Lebens abgelst
werden durch einen trben, nichtssagenden Tod. Wie sinnlos dieses
furchtbare Ereignis eintritt und vorbergeht. Nichts bewegt sich. Der
Tod berrascht dieses vllig unbewegte Leben. Dem Leser mu jedoch die
tote Gefhllosigkeit des Lebens dadurch noch furchtbarer erscheinen.

Die entsetzliche Dmmerung des Lebens zieht vorber, darin liegt ein
tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht etwas ganz Furchtbares? Dieses
sich aufbumende rebellierende mige Leben -- ist es nicht eine
Erscheinung von furchtbarer Gre? ... Leben! ... Im Ballkostm, im
Frack, da, wo man klatscht und Visitenkarten wechselt -- da glaubt
keiner an den Tod ....

_Einzelheiten._ Die Damen zanken sich gerade deswegen, weil die eine
haben mchte, da Tschitschikow dies sei, whrend die andere wnscht,
da er etwas anders sei -- und daher merken sie sich nur die Gerchte,
die zu ihrer Idee von ihm passen.

Andere Damen erscheinen auf der Bildflche.

Die in jeder Beziehung angenehme Dame hat einen Hang zur Sinnlichkeit
und liebt davon zu erzhlen, wie sie diesen Hang zuweilen besiegt habe,
und zwar mit Hilfe ihres Verstandes, und wie sie es immer verstanden
habe, die Mnner in einer gewissen Distanz zu halten. brigens geschah
das eigentlich ganz von selbst und auf ganz unschuldige Weise. Es trat
ihr nie einer zu nahe, aus dem einfachen Grunde, weil sie schon in ihrer
Jugend eine groe hnlichkeit mit einem Nachtwchter hatte, trotzdem sie
so angenehm war und trotz all ihrer guten Eigenschaften. -- Nein, meine
Liebe, wissen Sie, ich liebe es, den Mann erst ein wenig anzulocken, ihn
dann abzustoen und dann _wieder_ anzulocken. So verfhrt sie auch auf
dem Ball mit Tschitschikow. Die andern berlegen sich es gleichfalls,
wie sie sich benehmen sollen. Die eine tritt sehr respektvoll auf. Zwei
Damen fassen sich unter, gehen auf und ab und nehmen sich vor, solange
als mglich zu lachen. Dann finden sie pltzlich, da Tschitschikow
keine guten Manieren hat.

Die in jeder Beziehung angenehme Dame liebt es, Beschreibungen von
Bllen zu lesen. Auch die Beschreibung des Wiener Kongresses
interessiert sie sehr. Ferner interessiert sich diese Dame sehr fr
Toiletten, d. h. sie liebt es, andre Damen daraufhin zu beobachten, ob
ihnen ein Kleid gut sitzt oder nicht.

Whrend sie auf ihrem Stuhl sitzt, beobachtet sie die Eintretenden. Die
N. versteht sich garnicht zu kleiden, nein wirklich sie versteht es
nicht. Dieses Tuch kleidet sie garnicht. -- Wie reizend die Tochter
des Gouverneurs gekleidet ist! -- Aber Liebste, sie ist doch
abscheulich gekleidet. -- Und wenn es selbst so wre -- --

Die ganze Stadt mit ihrem wilden Durcheinander von Klatschereien und
Zwischentrgereien -- ist das Urbild der Tatenlosigkeit und Hohlheit des
menschlichen Lebens in seiner Masse. Das Geschwtz ist in die Welt
gesetzt und mit ihm alle nur mglichen Kombinationen. Die Hauptzge der
Ballgesellschaft.

Das Urbild des Gegensatzes im II. Teil, der sich mit der in sich
zerrissenen und zerklfteten Tatenlosigkeit beschftigt.

Wie knnte man alle Welten der Tatenlosigkeit und des Migganges in all
ihren Spielarten auf die eine Art des stdtischen Migganges
zurckfhren, und wie knnte man den stdtischen Miggang zum Urbild
der Unttigkeit und des Migganges der ganzen Welt erheben.

Dazu mssen alle hnlichen Zge mit eingeschlossen werden, und es mu
eine gewisse Stetigkeit in die Erzhlung kommen.


                                  III.
                       Ende des neunten Kapitels
                        in vernderter Fassung.

Sie dachten nach und berlegten und beschlossen endlich, die Verkufer
auszufragen, mit denen Tschitschikow verhandelt, und denen er diese
rtselhaften toten Seelen abgekauft hatte. Dem Staatsanwalt fiel die
Aufgabe zu, zu Sabakewitsch zu gehen und mit ihm zu sprechen, und der
Prsident erbot sich persnlich zu Karobotschka zu fahren. Wir wollen
uns daher gleichfalls aufmachen, ihnen nachgehen und zusehen, was sie
dort alles erfuhren.


                              Kapitel ...

Sabakewitsch lebte mit seiner Gemahlin in einem Hause, das etwas abseits
von dem lauten und lrmenden Getriebe lag. Er hatte sich ein massives,
solide gebautes Haus gewhlt, wo ihm die Decke nicht berm Kopfe
einzustrzen drohte, und in dem es sich bequem und glcklich leben lie.
Der Besitzer des Hauses war ein Kaufmann namens Kolotyrkin, auch ein
sehr solider Herr. Sabakewitsch hatte nur seine Frau bei sich, seine
Kinder waren nicht mitgekommen. Er fing schon an, sich zu langweilen,
dachte bereits an die Abreise und wartete nur noch auf den Zins fr ein
Stck Land, das drei Brger der Stadt bei ihm gepachtet hatten, um Rben
darauf zu pflanzen, sowie ferner auf ein modernes wattiertes Kleid, das
seine Frau bei einen Schneider bestellt hatte, und das bald fertig sein
sollte. Er wurde bereits ein wenig ungeduldig und schimpfte, whrend er
in seinem Lehnstuhl sa, bestndig auf die Gaunereien und Launen anderer
Leute, wobei er an seiner Frau vorbeisah und auf die Ofenecke blickte.
In einem solchen Moment trat der Staatsanwalt ins Zimmer. Sobakewitsch
sagte: Ich bitte, indem er sich einen Augenblick erhob, um sich jedoch
sogleich wieder zu setzen. Der Staatsanwalt ging auf Feodulia Iwanowna
zu, kte ihr die Hand und nahm gleichfalls auf einem Stuhle Platz. Auch
Feodulia Iwanowna lie sich auf einem Stuhle nieder, nachdem sie den
Handku in Empfang genommen hatte. Alle drei Sthle waren mit grner
lfarbe angestrichen, und die Ecken waren mit gelben Wasserlilien, der
rohen Malerei eines Dilettanten geziert.

Ich bin gekommen, um ber eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu
sprechen, sagte der Staatsanwalt.

Herzchen, geh doch auf dein Zimmer! Die Schneiderin wartet
wahrscheinlich auf dich.

Feodulia ging auf ihr Zimmer.

Der Staatsanwalt begann folgendermaen: Gestatten Sie mir eine Frage:
was fr Bauern haben Sie an Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verkauft?

Wie meinen Sie das: was fr Bauern? sagte Sabakewitsch. Wir haben
doch einen Kaufkontrakt aufgesetzt; da steht es drin, was es fr Leute
waren: der eine ist Wagenbauer ...

In der Stadt kursieren jedoch .... versetzte der Staatsanwalt ein
wenig verlegen .... In der Stadt kursieren Gerchte ....

Es gibt eben zuviel Narren in der Stadt, von denen werden wohl die
Gerchte herstammen, sagte Sabakewitsch ruhig.

Nein, nein, Michael Semjonytsch, das sind so merkwrdige Gerchte, da
einem davon ganz wirr im Kopfe wird, es heit, es handele sich hier
garnicht um Bauern, und ihre Ansiedelung, und man behauptet, dieser
Tschitschikow sei eine hchst rtselhafte Persnlichkeit. Es werden
hchst verdchtige Vermutungen laut, man redet so eigentmliche Dinge in
der Stadt ...

Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Sind Sie etwa ein altes Weib?
fragte Sabakewitsch.

Diese Frage verblffte den Staatsanwalt aufs uerste. Er hatte sich
noch nie gefragt, ob er ein altes Weib sei, oder irgend etwas andres.

Sie sollten sich schmen, solche Fragen zu stellen und noch damit zu
mir zu kommen, fuhr Sabakewitsch fort.

Der Staatsanwalt stammelte einige Entschuldigungen.

Gehen Sie doch zu den alten Klatschweibern, die hinter ihrem Webstuhl
sitzen und sich abends Schauergeschichten ber Gespenster und Hexen
erzhlen. Oder wenn Ihnen mit Gottes Hilfe nichts Besseres einfallen
will, dann spielen Sie doch lieber Knchel mit den kleinen Jungen. Was
kommen Sie und beunruhigen Sie einen ehrlichen Menschen? Bin ich etwa
Ihr Hanswurst, wie? Sie kmmern sich zu wenig um Ihren Beruf, und denken
zu wenig daran, dem Vaterland zu dienen, Ihren Nchsten ntzlich zu sein
und Ihre Kollegen zu schonen. Sie wollen immer der erste sein und laufen
gleich hin, wenn irgend ein Esel Sie irgendwo hinschickt. Passen Sie
auf, Sie werden noch einmal um nichts und wieder nichts zu Falle kommen,
und elendiglich zugrunde gehn, ohne eine gute Erinnerung an sich zu
hinterlassen.

Der Staatsanwalt war ganz bestrzt und wute absolut nicht, was er auf
diese unerwartete Moralpredigt antworten sollte. Ganz beschmt und
vernichtet verlie er Sabakewitsch: dieser aber rief ihm noch nach:
Pack dich zum Teufel, du Hund!

In diesem Augenblick erschien Feodulia: Warum ist der Staatsanwalt so
pltzlich fortgegangen? fragte sie.

Der Kerl hat Gewissensbisse bekommen und ist weggelaufen, versetzte
Sabakewitsch. Da hast du wieder so ein Beispiel, Herzchen. So ein alter
Knabe! hat schon graue Haare und doch wei ich, da er noch immer den
Frauen anderer Leute keine Ruhe lt. Das ist einmal die Art dieser
Menschen: sie sind eben Hundeshne alle miteinander. Nicht genug, da
sie der lieben Erde durch ihren Miggang zur Last fallen, sie machen
solche Sachen, da man sie allesamt in einen Sack stecken und ins Wasser
werfen sollte! Die ganze Stadt ist nichts wie eine Ruberhhle. Wir
haben hier nichts mehr zu suchen. Wir wollen nach Hause fahren.

Frau Sabakewitsch wollte einwenden, da ihr Kleid noch nicht fertig sei,
und da sie sich noch zu den Feiertagen ein paar Haubenbnder kaufen
msse, aber Sabakewitsch erklrte: Das sind alles Modetorheiten,
Herzchen; das nimmt noch ein schlechtes Ende. Er befahl, alles fr die
Reise vorzubereiten; begab sich selbst mit einem Polizeikommissar zu den
drei Brgern der Stadt, um die Pacht fr die Rben einzukassieren; ging
hierauf zu der Schneiderin, nahm ihr das unfertige Kleid, an dem noch
gearbeitet wurde, weg, ganz so wie es war, mit der darinsteckenden Nadel
und dem Faden, um es zu Hause fertig nhen zu lassen, und fuhr bald
darauf zur Stadt hinaus. Unterwegs wiederholte er fortwhrend, es sei
geradezu gefhrlich, in diese Stadt zu kommen, denn hier se ja ein
Schuft und Gauner auf dem andern, und da knne es einem noch leicht
passieren, da man mit ihnen in dem allgemeinen Sumpfe versinke.

Inzwischen eilte der Staatsanwalt in der hchsten Bestrzung ber den
Empfang, den ihm Sabakewitsch bereitet hatte, nach Hause. Er befand sich
in einer solchen Verlegenheit, da er sich nicht einmal darber klar
werden konnte, wie er dem Prsidenten das Resultat seines Besuches
mitteilen sollte.

Indessen auch der Prsident hatte nur wenig zur Aufklrung der Sache
beigetragen. Er fuhr zuerst in seiner Kutsche in die Stadt und geriet
dabei in eine so enge und schmutzige Gasse, da whrend des ganzen Weges
bald das rechte, bald das linke Rad seines Wagens hher stand als das
andre. So kam es, da er erst mit seinem Kinn und dann mit dem
Hinterkopf sehr heftig auf seinen Spazierstock aufstie und seine
Kleider ganz mit Kot bespritzt wurden. Quatschend und schlrfend bahnte
sich der Wagen den Weg durch den Kot, bis man endlich beim Probst
anlangte, wo die Insassen von lebhaftem Schweinegegrunze begrt wurden.
Der Prsident lie seine Kutsche halt machen und ging zu Fu an
allerhand Zimmern und Stuben vorber nach dem Hausflur. Hier bat er sich
zunchst ein Handtuch aus, um sich das Gesicht abzuwischen. Karobotschka
empfing ihn ganz so wie Tschitschikow, mit demselben melancholischen
Ausdruck im Gesicht. Um den Hals hatte sie etwas wie ein Flanelltuch
geschlungen. In dem Zimmer schwirrten unzhlige Scharen von Fliegen, und
auf dem Tisch stand ein undefinierbares Gericht, das ihnen offenbar sehr
widerwrtig war, an das sie sich jedoch schon gewhnt zu haben schienen.
Korobotschka bat ihn Platz zu nehmen.

Der Prsident begann zuerst damit, da er ihren Mann gekannt habe und
ging dann pltzlich zu der Frage ber: Sagen Sie bitte, ist es wahr,
da neulich in der Nacht ein Mensch mit der Pistole in der Hand zu Ihnen
gekommen ist und Ihnen gedroht hat, Sie zu ermorden, wenn Sie ihm nicht,
der Teufel wei was fr Seelen abtreten wollten? Knnen Sie uns nicht
erklren, was er damit eigentlich fr eine Absicht verfolgte.

Gewi, warum sollte ich das nicht knnen! Versetzen Sie sich doch in
meine Lage: fnfundzwanzig Rubel in Banknoten! Ich wei wirklich nicht:
ich bin Witwe und habe ja gar keine Erfahrung; es ist doch so leicht,
mich zu betrgen und noch dazu in einer Sache, von der ich wahrhaftig
auch nicht das Mindeste verstehe, Vterchen. Was Hanf kostet, das wei
ich, Speck habe ich auch schon verkauft, noch voriges ...

Nein, bitte, erzhlen Sie mir doch die Sache erst recht ausfhrlich.
Wie war das doch? Hatte er wirklich eine Pistole in der Hand?

Nein, Vterchen. Gott behte, Pistolen habe ich keine gesehen. Aber ich
bin blo eine Witwe -- ich kann doch wirklich nicht wissen, wie hoch die
toten Seelen im Preise stehen. Nicht wahr Vterchen, Sie werden mich
nicht im Stiche lassen, sagen Sie es mir doch bitte, damit ich den
richtigen Preis erfahre.

Was fr einen Preis? Was fr einen Preis, Mtterchen? Was fr einen
Preis meinen Sie?

Den Preis fr tote Seelen, Vterchen!

Ist sie dumm geboren oder ist sie bergeschnappt? dachte der
Prsident, indem er ihr starr ins Gesicht sah.

Fnfundzwanzig Rubel? Ich wei wirklich nicht, vielleicht sind sie
fnfzig Rubel wert, oder sogar noch mehr.

Bitte zeigen Sie mir doch den Schein, sagte der Prsident und hielt
ihn ans Licht, um sich zu berzeugen, ob er nicht falsch sei. Aber es
war ein ganz gewhnlicher ordentlicher Schein.

Aber so erzhlen Sie doch blo, wie der Kauf zustande kam, und was er
Ihnen eigentlich abgekauft hat. Es will mir nicht in den Kopf ... ich
kann absolut nichts verstehen ...

Gewi hat er mir welche abgekauft, sagte Karobotschka, aber warum
wollen Sie mir blo nicht sagen, was die tote Seele kostet, damit ich
doch ihren richtigen Preis kennen lerne.

Ich bitte Sie, was reden Sie da! Wo hat man denn je davon gehrt, da
tote Seelen verkauft werden?

Warum wollen Sie mir den Preis durchaus nicht sagen?

Ach was Preis! Ich bitte Sie, von was fr einem Preise kann denn hier
die Rede sein? Sagen Sie mir doch ernstlich, wie die Sache war. Hat er
Ihnen mit etwas gedroht? Wollte er Sie etwa verfhren?

Nein, Vterchen, was Sie fr Dinge reden! ... Jetzt sehe ich, da Sie
auch ein Kufer sind. -- Und sie sah ihm argwhnisch in die Augen.

Ach was! ich bin doch Gerichtsprsident, Mtterchen!

Nein, Vterchen, sagen Sie, was Sie wollen, Sie wollen mich wohl auch
.... Sie haben auch die Absicht ... mich zu betrgen. Aber was haben Sie
blo davon? Sie haben doch nur selbst den Schaden davon. Ich htte Ihnen
gern Daunen verkauft: ich werde zu Weihnachten schne Daunen haben.

Mtterchen! Ich sage Ihnen doch, da ich der Gerichtsprsident bin. Was
mache ich mit ihren Daunen, sagen Sie doch selbst! Ich will Ihnen doch
gar nichts abkaufen.

Aber das ist doch ein ganz christliches Werk, Vterchen, fuhr
Karobotschka fort. Heute verkaufe _ich_ Ihnen was und morgen werden
vielleicht _Sie_ mir etwas verkaufen wollen. Sehen Sie, wenn wir uns
gegenseitig bers Ohr hauen, wo blieben da Recht und Gerechtigkeit? Das
wre doch eine Snde gegen Gott!

Ich bin aber doch kein Kaufmann, Mtterchen, ich bin
Gerichtsprsident!

Gott wei, vielleicht sind Sie wirklich der Gerichtsprsident. Ich kann
das doch nicht wissen. Nun also? Ich bin doch eine arme Witwe? Warum
fragen Sie mich denn so aus? Nein, Vterchen, ich sehe, da Sie selbst
... auch ... welche kaufen wollen.

Mtterchen, ich rate Ihnen, sich an den Arzt zu wenden, sagte der
Gerichtsprsident wtend. Bei Ihnen scheint's wirklich dort oben nicht
ganz richtig zu sein -- fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf seine
Stirn zeigte. Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus.

Karobotschka aber blieb dabei, da sie es mit einem Kaufmann zu tun
gehabt habe und wunderte sich blo, wie unfreundlich und bsartig die
Leute heutzutage geworden seien, und wie schwer es doch eine arme Witwe
auf dieser Welt habe. Der Prsident aber gelangte mit Mhe und Not, von
unten bis oben mit Kot bespritzt, nach Hause, nachdem ihm unterwegs noch
ein Wagenrad gebrochen war. Das war das Resultat dieser unfreundlichen
und erfolglosen Reise, wenn man nicht noch die Beule am Kinn mitrechnen
wollte, die er sich mit seinem Stock beigebracht hatte. In der Nhe
seines Hauses traf er den Staatsanwalt, der ihm in einer Kutsche
entgegengefahren kam. Er schien sehr schlechter Laune zu sein und lie
den Kopf hngen.

Nun was haben Sie von Sabakewitsch erfahren?

Der Staatsanwalt senkte das Haupt und versetzte: In meinem ganzen Leben
bin ich noch nicht so behandelt worden. ...

Wieso?

Er hat mir einen Futritt gegeben, sagte der Staatsanwalt mit
betrbter Miene.

Wie?

Er hat mir gesagt, ich sei ein unntzer Mensch und tauge nicht fr
meinen Posten: und doch habe ich meine Kollegen noch nie denunziert.
Andere Staatsanwlte schreiben jede Woche Denunziationen, ich habe doch
unter jedes Aktenstck mein Gelesen gesetzt, selbst in solchen Fllen,
wo es eigentlich meine Pflicht gewesen wre, ber die Kollegen Bericht
zu erstatten. -- Ich habe auch nie eine Sache absichtlich in die Lnge
gezogen.

Der Staatsanwalt war ganz zerknirscht.

Nun und was sagt er ber Tschitschikow? fragte der Prsident.

Was er gesagt hat? Er hat uns alle alte Weiber und Schafskpfe
genannt.

Der Prsident wurde nachdenklich. Doch in diesem Augenblick kam eine
dritte Kutsche angefahren: es war der Vize-Gouverneur.

Meine Herren! Ich mu Sie darauf aufmerksam machen, da wir auf der Hut
sein mssen. Man sagt, unsere Provinz soll wirklich einen
Generalgouverneur erhalten. Der Prsident und der Staatsanwalt rissen
den Mund auf, und der Gerichtsprsident dachte sich: Der kommt auch
gerade zur rechten Zeit, um die Suppe auszuessen, die wir hier
eingebrockt haben, und fr die sich der Teufel selbst bedanken wrde.
Wenn der erfhrt, was fr eine Unordnung in der Stadt herrscht!

Schlag auf Schlag! dachte der Staatsanwalt, der ganz geknickt dastand.

Und wissen Sie nichts darber, wer zum Generalgouverneur ernannt werden
soll, was er fr ein Mensch ist, und was fr einen Charakter er hat?

Davon ist noch nichts bekannt, sagte der Vizegouverneur.

In diesem Moment kam der Postmeister in einer Droschke angefahren.

Meine Herren! Ich gratuliere Ihnen zum neuen Generalgouverneur.

Wir wissen schon, wir wissen schon, aber es ist doch noch gar nichts
bekannt, versetzte der Vizegouverneur.

O, nein, man wei schon, wer es ist, erwiderte der Postmeister: Frst
Odnosorowski-Tschementinski.

Nun und was spricht man von ihm?

Er soll ein sehr strenger Herr sein, sagte der Postmeister, ein sehr
weitsichtiger Mann von sehr starkem Charakter. Er soll frher bei irgend
einer staatlichen Baukommission gewesen sein, verstehen Sie wohl. Da
seien einmal kleine Unregelmigkeiten vorgekommen. Nun, was denken Sie
wohl Verehrtester, er hat alle miteinander zerschmettert, er hat sie
ganz zu Staub zermalmt, soda berhaupt nichts mehr von ihnen brig
blieb, sehen Sie wohl.

Hier in der Stadt sind doch aber die strengen Maregeln garnicht am
Platze.

O je, das ist ein gelehrtes Haus! lieber Herr! Ein Mensch von
kolossalen Dimensionen! fuhr der Postmeister fort. Einmal passierte
was ....

Aber meine Herren, sagte der Postmeister, wir reden hier ganz offen
auf der Strae in Gegenwart unserer Kutscher. Fahren wir doch lieber zu
...

Erst jetzt kamen die Herren wieder zu sich. Auf der Strae hatten sich
nmlich schon mehrere Zuschauer angesammelt, welche dastanden und die
vier Herren, die sich von ihren Droschken aus miteinander unterhielten,
angafften. Die Kutscher spornten ihre Pferde an und die vier Droschken
fuhren eine hinter der andern zum Gerichtsprsidenten.

Da uns der Teufel diesen Tschitschikow auch gerade im ungnstigsten
Augenblick hierher senden mute! dachte der Prsident, whrend er im
Vorzimmer seinen bis oben mit Dreck bespritzten Pelz auszog.

Mir wirbelt alles im Kopfe herum, sagte der Staatsanwalt und legte
gleichfalls den Pelz ab.

Aus dieser Sache werde ich nicht klug, sprach der Vizegouverneur,
indem er sich seines Pelzes entledigte.

Der Postmeister sagte gar nichts und begngte sich damit, seinen Pelz
abzulegen.

Man trat ins Zimmer, wo sofort ein kleiner Imbi hereingetragen wurde.
Die Provinzialbehrden knnen nun mal nicht ohne solch einen Imbi
auskommen, und wenn sich zwei Beamte in einer Provinz zusammenfinden, so
stellt sich der Imbi ganz von selbst als dritter im Bunde ein.

Der Gerichtsprsident trat an den Tisch, go sich ein Glschen bitteren
Wermuth ein und sagte: Schlagt mich tot, ich wei nicht, wer dieser
Tschitschikow ist.

Ich noch weniger, versetzte der Staatsanwalt. Eine so verwickelte
Affre ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe
wirklich nicht den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen.

Und doch! trotzalledem. Was der Mensch fr einen weltmnnischen Schliff
besitzt! meinte der Postmeister, indem er sich erst einen dunklen Likr
einschenkte, ein paar Tropfen von einem rosafarbenen hinzugo und beide
miteinander mischte: Er war sicher in Paris. Ich glaube bestimmt, er
ist etwas hnliches, wie ein Diplomat gewesen.

In diesem Augenblick betrat der Polizeimeister das Zimmer, der
allbekannte und so hoch verehrte Wohltter der Stadt, der Abgott der
Kaufmannschaft und berhmte Knstler und Arrangeur opulenter Diners,
Soupers und sonstiger Festivitten.

Meine Herren, rief er aus, ich habe nicht das Geringste ber
Tschitschikow erfahren knnen. Ich konnte doch nicht in seinen eigenen
Papieren herumstbern: er verlt ja auch sein Zimmer garnicht mehr, und
scheint krank zu sein. Ich habe mich auch bei seinen Leuten erkundigt.
Seinen Bedienten Petruschka und den Kutscher Seliphan ausgefragt. Der
erste war ein wenig betrunken, brigens scheint er sich immer in solch
einem Zustande zu befinden. Bei diesen Worten trat der Polizeimeister
an das Anrichtetischchen und bereitete sich eine Mischung aus drei
Likren. Petruschka behauptet, sein Herr htte mit allerhand Leuten zu
tun gehabt, ich glaube, es sind lauter ehrenwerte Mnner, die er nannte,
so z. B. Perekrojewski ..... er fhrte dann noch eine Reihe von
Gutsbesitzern an -- alles Kollegienrte oder sogar Staatsrte. Der
Kutscher Seliphan erzhlt, alle htten ihn fr einen gescheiten Mann
gehalten, weil er sich im Dienste vortrefflich bewhrt und ausgezeichnet
habe. Er habe im Zollamt gedient und htte in irgend einer staatlichen
Baukommission gesessen! Was das fr eine Kommission gewesen sei, das
konnte er mir jedoch nicht sagen. Er habe drei Pferde: Eins htten sie
vor drei Jahren gekauft, den Schecken htten sie gegen ein anderes von
gleicher Farbe umgetauscht und das dritte htten sie gleichfalls gekauft
..... sagte er. Er erklrt ganz bestimmt, Tschitschikow heie wirklich
Pawel Iwanowitsch und sei Kollegienrat.

Alle Beamten versanken in tiefes Sinnen.

Ein anstndiger Mensch, und dazu noch Kollegienrat! dachte der
Staatsanwalt, und entschliet sich zu einer solchen Sache! Will die
Tochter des Gouverneurs entfhren, kommt auf die wahnsinnige Idee, tote
Seelen zu kaufen und in tiefer Nacht alte Scharteken von
Gutsbesitzerinnen aus dem Schlafe zu stren -- das schickt sich wohl fr
einen Husarenleutnant, aber doch nicht fr einen Kollegienrat!

Wenn er Kollegienrat ist, wie kann er sich denn dann zu einer so
verbrecherischen Handlung, zur Flschung von Banknoten, entschlieen,
dachte der Vizegouverneur, der selbst auch Kollegienrat war, die Flte
spielte und in seinem Innern weit mehr zu den schnen Knsten als zum
Verbrechen neigte.

Sagen Sie, was Sie wollen, meine Herren, aber wir mssen dieser Sache
ein Ende machen! Komme was da wolle! Denken Sie doch, wenn der
Generalgouverneur erscheint und dahinter kommt, da bei uns wei der
Teufel was los ist!

Und wie denken Sie, da wir handeln mssen?

Der Polizeimeister versetzte: Ich glaube wir mssen entschlossen
vorgehen.

Wie meinen Sie das: entschlossen? wandte der Prsident ein.

Wir mssen ihn verhaften lassen, als einen Menschen, der sich
verdchtig gemacht hat.

Ja aber wie? wenn er statt dessen _uns_ als verdchtige Individuen
verhaften lt?

Waaas?

Nun, ich meine, wenn er etwa hierhergesandt worden ist und geheime
Vollmachten hat! Tote Seelen? Hm! Wenn das nur kein Vorwand ist, da er
sie kauft, ein Vorwand, um etwas ber jene Toten zu erfahren, die, wie
es im Bericht heit, >aus unbekannten Ursachen< verstorben sind.

Diese Worte lieen alle verstummen. Der Staatsanwalt war aufs uerste
berrascht. Auch der Prsident, der sie selbst ausgesprochen hatte,
wurde nachdenklich. Beiden ...

Also meine Herren, was sollen wir tun? sagte der Polizeimeister, der
Wohltter der Stadt und der Liebling der Kaufleute, indem er die
wunderbare Mischung aus dem sen und bitteren Likr hinabstrzte und
einen Bissen in den Mund steckte.

Ein Diener brachte eine Flasche Madeira und einige Weinglser herein.

Ich wei wirklich nicht, was wir anfangen sollen? sagte der Prsident.

Meine Herren, erklrte hier der Postmeister, nachdem er ein Glas
Madeira hinabgegossen und ein Stck hollndischen Kse mit Butter nebst
einem Bissen Str verschlungen hatte, ich bin der Meinung, da wir
diese Sache grndlich untersuchen mssen, wir mssen sie grndlich
durchforschen und gemeinsam _in corpore_ beraten, d. h. wir sollten alle
zusammenkommen wie im englischen Parlament, verstehen Sie wohl, um den
Gegenstand zu ergrnden, damit er uns in all seinen feinsten Details
deutlich und durchsichtig wird, verstehen Sie?

Meinetwegen wollen wir uns irgendwo versammeln, sagte der
Polizeimeister.

Ja, wir wollen uns versammeln, fiel der Prsident ein, und gemeinsam
entscheiden, wer dieser Tschitschikow ist.

Ja, das wird das vernnftigste sein -- wir mssen entscheiden, wer
Tschitschikow ist.

Wir wollen jeden um seine Meinung fragen, und dann entscheiden, wer
Tschitschikow ist.

Bei diesen Worten versprten alle zugleich eine unbndige Lust nach ein
paar Flaschen Champagner. Man trennte sich, hchst befriedigt darber,
da das Komitee alles aufklren und den sicheren Beweis erbringen werde,
wer eigentlich Tschitschikow war.


                                  IV.


               A. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.
                   (Nach einer der ersten Fassungen.)

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, werter Herr, hub der Postmeister an,
obwohl nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer anwesend
waren, nach dem Feldzuge von 1812 wurde zusammen mit andern Verwundeten
auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. War es bei
Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, lieber Herr,
er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch,
damals gabs noch keine von den bekannten Veranstaltungen und
Einrichtungen fr die Verwundeten: dieser Invalidenfonds -- das knnen
Sie sich wohl denken -- der wurde sozusagen erst viel spter gegrndet.
Unser Hauptmann Kopeikin sieht also, da er arbeiten mu, aber verstehen
Sie wohl, er hatte ja doch nur einen Arm, nmlich den linken. Er schrieb
also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort:
>Ich kann dich nicht auch noch ernhren.< Denken Sie sich! >Ich verdiene
mir nur selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.< Nun sehen Sie wohl,
werter Herr, da beschlo denn mein Kopeikin nach Petersburg zu reisen
und an die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine
kleine Untersttzung bewilligen wolle: er habe doch gewissermaen,
sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also
in einem Gepckwagen oder in einem staatlichen Transportwagen nach der
Hauptstadt, Verehrtester, und gelangte so mit Mhe und Not nach
Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser
selbe, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin pltzlich in der Hauptstadt, die
sozusagen in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat! Mit einem Male ist
es um ihn herum licht und hell, gewissermaen ein weites Feld des
Lebens, so eine Art mrchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl.
Also denken Sie nur, pltzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder
solch eine Erbsenstrae oder, hol's der Teufel, irgend so eine
Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hngen_
ein paar Brcken, wissen Sie, so ohne jegliche Sttzen und Pfeiler, mit
einem Wort die reinste Semiramis. Verehrtester, tatschlich! Erst trieb
er sich eine Weile in den Straen herum, um sich eine Wohnung zu mieten;
aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und
all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien,
Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital
nur so mit Fen. Man geht ber die Strae, und die Nase merkt schon von
ferne, da es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze
Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fnf blauen Scheinen
das war alles, verstehen Sie wohl. So mietete er sich denn schlielich
ein Zimmer in einem Gasthaus zur Stadt Reval fr einen Rubel pro Tag.
Sie wissen: ein Mittagessen aus zwei Gngen, eine Kohlsuppe und ein
Stck Suppenfleisch dazu. Er sieht also: groe Sprnge kann er da nicht
machen. Er beschlo daher, am folgenden Tage zum Minister zu gehen,
Verehrtester. Der Kaiser war nmlich damals nicht in der Hauptstadt,
denn die Armee war noch nicht aus dem Kriege zurckgekehrt, das knnen
Sie sich wohl denken. So stand er denn eines Morgens etwas frher auf,
kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn sehen Sie wohl, wre
er zum Barbier gegangen, so htte das im gewissen Sinne neue Ausgaben
verursacht, zog sich seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfu
umherhumpelnd zum Minister. Und nun stellen Sie sich vor, er fragt erst
einen Schutzmann, wo der Minister wohnt. >Dort,< antwortet dieser und
zeigt auf ein Haus am Schloquai. Eine feine Bauernhtte kann ich Ihnen
sagen! Groe Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor und berall
Metall, denken Sie sich blo, Verehrtester! So'ne Trklinke, wissen Sie,
da mu man zuerst in einen Laden laufen, sich fr einen Groschen Seife
kaufen und sich sozusagen stundenlang die Hnde reiben, ehe man es wagt
sie anzufassen! Mit einem Wort, nichts als Ebenholz und Lack, da einem
fast die Sinne schwinden, Verehrtester! Am Eingang, verstehen Sie, da
steht so ein Portier: der reinste Generalissimus: so'ne
Grafenphisiognomie, mit einem Sbel in der Hand und einem Battistkragen,
Teufel auch! Wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich
also auf seinem Holzfu ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um
nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so
eine vergoldete Porzellanvase zu stoen, verstehen Sie. Sehen Sie wohl,
natrlich mute er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer
Zeit gekommen war, wo der Minister sozusagen noch kaum aus dem Bette
gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes
Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wscht. Mein
Kopeikin wartet also vier Stunden lang, da kommt endlich der Adjutant
oder ein anderer diensthabender Beamter und sagt: Der Minister wird
gleich erscheinen. Im Vorzimmer aber drngen sich schon die Menschen wie
die Bohnen in einer Schssel. Lauter hohe Beamte der vierten Klasse,
Oberste und hie und da sogar einer mit Markronen auf den Achselklappen,
verstehen Sie wohl, mit einem Wort sozusagen die ganze Generalitt.
Schlielich betritt denn auch der Minister das Zimmer, Verehrtester! Sie
knnen sich vorstellen: er geht erst zum einen und dann zum andern:
Warum sind Sie gekommen? Und Sie? Was wnschen Sie? Zuletzt kommt auch
mein Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt:
>so und so, ich habe mein Blut vergossen und ein Bein und einen Arm
verloren, sozusagen: ich kann nicht mehr arbeiten, und habe daher die
Khnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren.< Der Minister sieht:
der Mann hat einen Stelzfu und der rechte rmel baumelt leer herunter.
>Gut,< sagte er, >fragen Sie nach ein paar Tagen wieder an.< Na also
Verehrtester, es vergehen keine vier oder fnf Tage, da erscheint mein
Kopeikin schon wieder bei dem Minister. Dieser erkennt ihn sogleich
wieder, verstehen Sie wohl. >Ah!< sagt er, >leider kann ich Ihnen
diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rckkunft des Kaisers
zu gedulden. Dann wird sicherlich etwas fr die Verwundeten und die
Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen,
sozusagen, vermag ich nichts fr Sie zu tun.< Hierauf macht er eine
kurze Verbeugung und die Audienz ist zu Ende. Sie knnen sich denken,
da mein Kopeikin sich in einer recht prekren Lage befand, als er den
Minister verlie; hatte er doch gewissermaen weder eine Zusage noch
eine Absage erhalten. Das Leben in der Hauptstadt aber wurde natrlich
immer schwieriger fr ihn, das knnen Sie sich wohl vorstellen. Er denkt
sich also: >ich will doch noch einmal zum Minister gehen und ihm sagen:
Machen Sie was Sie wollen, Exzellenz, ich habe bald nichts mehr zu
essen; wenn Sie mir nicht helfen, dann mu ich gewissermaen vor Hunger
sterben.< Aber wie er zum Minister hinkommt, da heit es: >Es geht
nicht, der Minister empfngt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.<
Am folgenden Tage -- dieselbe Geschichte, der Portier sieht ihn kaum
noch an. Mein Kopeikin hat nur noch ein Fnfzig-Kopekenstck in der
Tasche. Frher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe, und ein
Stck Suppenfleisch dazu, jetzt aber kauft er sich hchstens irgend so
einen Hring oder so eine Salzgurke und fr zwei Groschen Brot -- mit
einem Wort, der arme Kerl hungert tatschlich, und doch hat er einen
Appetit wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorber
und nun stellen Sie sich vor: der Koch das ist ein Teufelskerl, so ein
Auslnder, wissen Sie, der trgt immer nur die feinste hollndische
Wsche, steht vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb
oder Kottelets mit Trffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse,
da unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen htte vor
Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Lden vorbei: lacht ihm da
sozusagen irgend so ein gerucherter Lachs, oder ein Krbchen mit
Kirschen -- zu fnf Rubel das Stck, oder so 'ne Riesin von
Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen,
und sucht nach einem Narren, der einem berflssigen Hunderter in der
Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verfhrungen auf
Schritt und Tritt, es luft einem sozusagen das Wasser im Munde
zusammen, fr ihn aber heit's: warte geflligst bis morgen. Und nun
stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser
Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres
Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Endlich hielt es der
arme Kerl nicht mehr aus und beschlo, sich um jeden Preis noch einmal
eine Audienz zu verschaffen. Er stellte sich also am Eingang auf und
wartete, ob nicht noch irgend ein Bittsteller erscheinen werde;
schlielich schlpft er denn auch mit irgend so einen General, wissen
Sie, ins Haus, und humpelt auf seinem Stelzfu bis ins Vorzimmer. Der
Minister erscheint wie gewhnlich zur Audienz: >Was haben Sie? und was
wnschen Sie?< >Ah,< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen
doch schon erklrt, da Sie warten sollen, bis ber Ihr Gesuch
entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu
essen, sozusagen ...< -- >Was soll ich denn machen? Ich kann nichts fr
Sie tun, Sie mssen sich schon selbst helfen und sich selbst die Mittel
zu verschaffen suchen.< -- >Aber Eure Exzellenz, das knnen Sie doch
selbst gewissermaen beurteilen, was kann ich mir denn fr Mittel
verschaffen, wo mir eine Hand und ein Fu fehlt.< Er wollte noch
hinzufgen: >mit der Nase aber kann ich erst recht nichts anfangen; da
kann man sich hchstens einmal schneuzen, aber selbst dazu mu man sich
ein Taschentuch kaufen.< Allein der Minister, sehen wohl, lieber Herr,
-- sei es nun, da Kopeikin ihn langweilte, oder da er tatschlich mit
wichtigen Staatsangelegenheiten beschftigt war -- der Minister also,
knnen Sie sich vorstellen, wird ganz aufgeregt und zornig. >Gehen Sie!<
ruft er, >solche wie Sie, sind noch viele da, gehen Sie und warten Sie
ruhig, bis die Reihe an Sie kommt!< Jedoch mein Kopeikin antwortete --
der Hunger treibt ihn zum uersten, wissen Sie --: >Tuen Sie was Sie
wollen, Exzellenz; ich rhre mich nicht vom Flecke, bevor Sie die
entsprechende Ordre erteilt haben.< Da aber, lieber Herr, knnen Sie
sich vorstellen, da geriet der Minister ganz auer sich. Und in der Tat,
bis dahin war es wohl in den Annalen der Weltgeschichte noch nie
vorgekommen, da sich sozusagen irgend ein Kopeikin erkhnte, so mit
einem Minister zu sprechen. Sie knnen sich vorstellen, was ein
erzrnter Minister ist, das ist doch gewissermaen ein Staatsmann
sozusagen. >Sie frecher Mensch!< schrie er: >Wo ist der Feldjger? Der
Feldjger soll kommen und ihn nach seiner Heimat abschieben!< Der
Feldjger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon
hinter der Tr: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von
der Natur selbst fr den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein
richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den
Wagen befrdert, und ab geht's in Begleitung des Feldjgers. >Na,< denkt
Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafr bin ich den
Herren dankbar.< So fhrt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjger, und
whrend er so an der Seite des Feldjgers sitzt, spricht er
gewissermaen, sozusagen, zu sich selber: >Schn,< sagt er, >der
Minister erklrt mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen!
Gut, meinetwegen< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!<
Wie er nun an seinen Bestimmungsort befrdert, und wohin er eigentlich
gebracht wurde, darber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn
auch die Nachrichten ber den Hauptmann Kopeikin im Strome der
Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die
Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schrzt
sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin
verschwunden ist, das wei niemand; aber stellen Sie sich vor, es
vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wldern von Rjasan eine
Ruberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Ruberbande, sehen Sie
wohl, war kein anderer als der Hauptmann Kopeikin. Er sammelte sich
allerhand fahnenflchtige Soldaten und bildete aus ihnen gewissermaen
eine ganze Ruberbande. Dies war, knnen Sie sich, natrlich vorstellen,
sogleich nach dem Kriege: da war noch alles an ein ungebundenes Leben
gewhnt, wissen Sie -- das Leben galt damals kaum mehr als einen
Groschen: eine Freiheit und Zgellosigkeit sag ich Ihnen, man pfiff auf
alles -- mit einem Wort, Verehrtester, er hatte eine ganze Armee zu
seiner Verfgung. Kein Reisender konnte mehr ruhig passieren, und dies
alles richtete sich, sozusagen, nur gegen den Reichsschatz. Wenn einer
vorber kam, der in seinen eigenen Geschften reiste -- na, dann fragte
man nur: >was wollen Sie?< und lie ihn laufen! Handelte es sich dagegen
um einen staatlichen Transport; Viehfutter, Proviant oder Geld, -- mit
einem Wort alles, was sozusagen den Namen des Staates trgt -- da gab's
kein Pardon. Nun, Sie knnen sich vorstellen, er brandschatzte den
Beutel des Fiskus grndlich. Oder er hrt etwa, da der Termin fr die
Bezahlung der Staatssteuern vor der Tr steht -- sofort ist er an Ort
und Stelle. Er lt sogleich den Dorfschulzen zu sich rufen und schreit:
>her mit dem Zins und den Staatssteuern.< Na, Sie knnen sich denken,
der Bauer sieht: >so ein hinkender Teufel, sein Rockkragen ist rot und
glnzt vor lauter Gold wie die Federn eines Phnix, Teufel auch, das
schmeckt nach Ohrfeigen.< >Da nimm, Vterchen, aber la uns nur in
Ruhe.< Er denkt natrlich: >das ist irgend so ein Kreisrichter oder
womglich noch was Schlimmeres sozusagen.< Das Geld aber, Verehrtester,
das nimmt er natrlich in Empfang, ganz wie es sich gehrt, und stellt
den Bauern eine Quittung aus, um sie gewissermaen vor den Behrden zu
entschuldigen, und ihnen zu bescheinigen, da sie das Geld wirklich
abgeliefert und ihre Steuern vollzhlich bezahlt haben, empfangen aber
habe es _der_ und _der_ d. h. der Hauptmann Kopeikin; ja er setzte sogar
noch sein Siegel darunter, mit einem Wort, Verehrtester, er raubt und
stiehlt, da es nur so eine Art hat. Mehrere Male wurden
Soldatendetachements ausgesandt, um ihn zu fangen, aber mein Kopeikin
kmmert sich den Teufel darum. Das waren eben lauter Schinderhannesse,
verstehen Sie, die da zusammen gekommen waren ... Schlielich aber bekam
er doch wohl Angst, als er sah, da dies kein Spa war, und da er sich
da sozusagen eine schne Suppe eingebrockt hatte; die Verfolgungen
nahmen jeden Augenblick zu, er selbst aber hatte sich unterdessen ein
recht hbsches Kapitlchen zurckgelegt lieber Herr, na, und da rckte
er denn sozusagen eines Tages ins Ausland aus, ins Ausland,
Verehrtester, verstehen Sie wohl, d. h. in die Vereinigten Staaten. Von
dort aus schreibt er einen Brief an den Kaiser, knnen Sie sich denken,
einen uerst redegewandten und so groartig stilisierten Brief, wie Sie
sich nur vorstellen knnen. All diese Platos und Demosthenesse im
Altertum -- das sind sozusagen die reinsten Waschlappen oder Kster
gegen ihn: >du darfst nicht glauben, Kaiser,< schreibt er, >da ich
dieses und jenes< ... Mit einem Wort, er lie euch Perioden vom Stapel
-- geradezu glnzend! >Nur die Notwendigkeit war die Ursache meines
Handelns,< sagt er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und
gewissermaen mein Leben nicht geschont und nun habe ich, denken Sie
sich blo, nichts mehr zum Leben. Ich bitte dich, meine Kameraden
straflos ausgehen zu lassen,< sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich
habe sie sozusagen verfhrt, be Gnade und verfge, da in Zukunft, wenn
die Verwundeten aus dem Kriege zurckkehren, knnen Sie sich denken,
gewissermaen fr sie gesorgt werde ..< Mit einem Wort, der Brief war
auerordentlich gewandt stilisiert. Na, Sie knnen sich denken, der
Kaiser war natrlich gerhrt. Es tat seinem kaiserlichen Herzen leid um
den Mann, obwohl er tatschlich ein Verbrecher war, und gewissermaen
sozusagen die Todesstrafe verdient hatte, na, und da er sah, wie ein
Unschuldiger sozusagen zum Verbrecher werden kann und zugeben mute, da
hier eine Unterlassungsnde vorlag -- brigens konnte man in jener
unruhigen Zeit auch nicht fr alles sorgen -- Gott allein, kann man wohl
sagen, ist ganz ohne Verfehlungen -- mit einem Wort, lieber Herr, der
Kaiser geruhte diesmal, sozusagen ein einzig dastehendes Beispiel seiner
hochherzigen Gesinnung zu geben: er befahl, die Schuldigen nicht weiter
zu verfolgen und gab zugleich strenge Ordre, ein Komitee zu grnden, das
sich ausschlielich mit der Frsorge um die Verwundeten zu beschftigen
habe sozusagen und dies ... Verehrtester -- war gewissermaen der Anla
fr die Grndung des Invalidenfonds, durch den jetzt sozusagen in jeder
Hinsicht fr die Verwundeten gesorgt ist, und ein hnliches Institut
gibt es tatschlich weder in England noch in allen brigen aufgeklrten
Staaten, knnen Sie sich denken. Das also ist der Hauptmann Kopeikin,
Verehrtester. Nun aber glaube ich folgendes: wahrscheinlich wird er all
sein Geld in den Vereinigten Staaten vertan haben, und ist nun zu uns
zurckgekehrt, um noch einmal zu versuchen, ob es ihm nicht vielleicht
sozusagen, gewissermaen mit einem neuen Unternehmen gelingen mag.


               B. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.
               (In der vom Zensor gestrichenen Fassung.)

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr, hub der Postmeister
an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer
saen, nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen
Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett
eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig
gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie
wissen doch, damals gab's noch keine von den bekannten Einrichtungen fr
die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das knnen Sie sich wohl denken,
der wurde sozusagen erst viel spter gegrndet. Der Hauptmann Kopeikin
sieht also, da er arbeiten mu, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur
einen Arm, nmlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen
Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht _auch_
noch ernhren; ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst nur
mit knapper Not meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptmann
Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, nach Petersburg zu reisen und an
die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine kleine
Untersttzung bewilligen wolle. So und so, er habe doch gewissermaen,
sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen .... Er fuhr also
in einem Gepckwagen oder einem staatlichen Transportwagen in die
Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug er gelangte mit Mhe und
Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich
_nun_ dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das
sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Pltzlich ist es
um ihn herum licht und hell, gewissermaen ein weites Feld des Lebens,
so eine Art mrchenhafte Scheherazade verstehen Sie mich wohl. Denken
Sie nur, pltzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine
Erbsenstrae oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt
irgend so ein Turm in die Luft und dort _hngen_ ein paar Brcken,
wissen Sie, so ohne jegliche Sttzen und Pfeiler, mit einem Wort die
reinste Semiramis. Tatschlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine
Weile in den Straen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war
ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das
Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien,
Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital
nur so mit Fen. Man geht ber die Strae, und die Nase merkt schon von
ferne, da es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze
Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus zehn blauen Scheinen
... Genug, er mietet sich schlielich in einem Gasthaus zur Stadt Reval
ein, fr einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei
Gngen, eine Kohlsuppe und ein Stck Suppenfleisch dazu ... Er sieht
also, da sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich,
wohin er sich wenden soll. Man sagt ihm, es gbe so'ne Oberkommission,
gewissermaen so ein Direktorium sozusagen, an dessen Spitze der General
_en chef_ soundso stehe. Der Kaiser, mssen Sie wissen, war nmlich um
jene Zeit noch nicht in der Hauptstadt, und die Armee, knnen Sie sich
vorstellen, war noch nicht aus Paris zurckgekehrt, alles war noch im
Ausland. So stand denn mein Kopeikin eines Morgens etwas frher auf,
kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wre
er zum Barbier gegangen, so htte das in gewissem Sinne neue Ausgaben
verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfu
einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich blo
vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. >Da< antwortet man ihm und
zeigt auf ein Haus am Schloquai. Eine feine Bauernhtte, knnen Sie
sich vorstellen. Meterlange Spiegelscheiben in den Fenstern, kann ich
Ihnen sagen, soda die Vasen und alles, was sich sonst noch in den
Zimmern befindet, gleichsam drauen vor einem zu stehen scheinen, und
man all diese schnen Dinge geradezu greifen zu knnen glaubt: die Wnde
sind von kostbarem Marmor, wissen Sie, alles ist von Metall, und so'ne
Trklinke, denken Sie sich, da mu man zuerst in einen Laden laufen,
sich fr einen Groschen Seife kaufen und sich dann sozusagen zwei
Stunden lang die Hnde reiben, ehe man sie anzufassen wagt. Dazu alles
lackiert, mit einem Wort die Sinne schwinden einem gewissermaen. Der
Portier sieht aus wie ein Generalissimus: so eine Grafenphisiognomie mit
einem goldenen Sbel in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch,
wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem
Holzfu ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem
Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete
Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoen. Sehen Sie wohl, natrlich
mute er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen
war, wo der General, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und
sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte,
verstehen Sie wohl, wo man sich drin wscht. Mein Kopeikin wartet also
vier Stunden lang; da kommt endlich der Adjutant oder irgend ein
diensthabender Beamter herein und sagt: >Gleich kommt der General!< Im
Empfangszimmer aber drngen sich schon die Menschen, wie die Bohnen in
einer Schssel. Lauter hohe Beamte der vierten und fnften Klasse, nicht
solche elende Sklaven wie unsereiner sondern alles Oberste, und hie und
da sogar einer mit Makronen auf den Achselklappen, mit einem Wort, die
ganze Generalitt sozusagen. Pltzlich geht eine kaum merkliche Bewegung
durch das Zimmer, wie so'n feiner ther, wissen Sie. Hie und da hrt man
jemand Pst ... Pst ... rufen und dann tritt eine frchterliche Stille
ein. Der hohe Staatsbeamte hatte das Zimmer betreten. Na, Sie knnen
sich vorstellen, ein Staatsmann, sozusagen. Natrlich seinem Rang und
Titel entsprechend, so ein _Physionomio_, so ein Ausdruck, verstehen Sie
wohl. Alles was sich im Empfangszimmer befand, stand natrlich sofort
stramm, alles zittert und bebt und wartet auf die Entscheidung seines
Schicksals sozusagen. Der Minister oder Staatsmann geht erst zum einen,
und dann zum andern. >Warum sind Sie hier? Und Sie? Was wnschen Sie? In
welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an
die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt: So und so,
Exzellenz ich habe sozusagen mein Blut vergossen, und gewissermaen
einen Arm und ein Bein verloren. Ich kann nicht mehr arbeiten und habe
die Khnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren. Der Minister
sieht: der Mann hat einen Stelzfu, und der rechte rmel baumelt leer
herunter verstehen Sie wohl. >Gut,< sagt er, >fragen Sie nach ein paar
Tagen mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz seelig: schon allein, da
ihm eine Audienz bewilligt wurde sozusagen, da er gewrdigt wurde mit
einem der ersten Wrdentrger des Staats zu sprechen, knnen Sie sich
denken, und dann die Hoffnung, da sich endlich sein Schicksal,
gewissermaen die Frage nach der Pension entscheiden sollte! Er ist in
der besten Laune, kann ich Ihnen sagen. Er hpft geradezu auf dem
Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkin, um einen Schnaps zu
nehmen; a in der Stadt London zu Mittag, lie sich eine Kotelette mit
Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer
Flasche Wein, ging abends ins Theater -- mit einem Wort, es war eine
feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er pltzlich eine
Englnderin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein
Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, luft ihr trach, trach, trach
auf seinem Stelzfu nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei
einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe.
Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band gekommen.< Nach drei vier
Tagen erscheint mein Kopeikin abermals beim Minister. Der Minister tritt
ein. >So und so,< sagt Kopeikin, >ich bin gekommen um zu erfahren, was
Eure Exzellenz ber das Schicksal der Kranken und Verwundeten zu
verfgen geruht haben ... und dergleichen mehr, knnen Sie sich denken,
in der amtlichen Sprache natrlich!< Der hohe Staatsbeamte, stellen Sie
sich vor, erkennt ihn sogleich wieder. >Ah, gut,< sagt er, >leider kann
ich Ihnen diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rckkunft
des Kaisers zu gedulden; dann wird sicherlich etwas fr die Verwundeten
und Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen,
sozusagen, vermag ich nichts fr Sie zu tun.< Damit verbeugt er sich,
und die Audienz ist zu Ende, verstehen Sie. Sie knnen sich denken, da
sich mein Kopeikin hiernach in einer hchst prekren Lage befand. Er
hatte schon damit gerechnet, da ihm morgen das Geld ausbezahlt werden
wrde. >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amsier dich!<;
statt dessen aber mu er warten und wei nicht einmal, bis zu welchem
Termin. Da kommt er nun wie so'n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit
Wasser begossen hat, vom Prsidenten heraus -- hat den Schwanz
eingezogen und lt die Ohren hngen. >Nee,< denkt er, >ich will doch
_noch_ einmal hingehen und dem Minister erklren, ich habe bald nichts
mehr zu essen, wenn Sie mir nicht helfen, mu ich, sozusagen, vor Hunger
sterben.< Mit einem Wort lieber Herr, er geht wieder an den Schloquai
und fragt nach dem Minister: >Es geht nicht,< heit es, >der Minister
empfngt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.< Am folgenden Tage --
dieselbe Geschichte, der Portier will ihn kaum noch ansehen. Mein
Kopeikin aber hat nur noch einen blauen Schein in der Tasche, verstehen
Sie wohl. Frher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe und ein
Stck Suppenfleisch, jetzt aber kauft er sich hchstens so einen Hring
oder irgend so eine Salzgurke und fr zwei Groschen Brot --, mit einem
Wort, der arme Kerl hungert tatschlich, und doch hat er einen Appetit
wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorber und,
nun stellen Sie sich vor, der Koch -- das ist irgend so ein Auslnder,
so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trgt
immer nur die feinste hollndische Wsche, und eine Schrze, so wei wie
Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet
euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trffeln, mit einem Wort,
irgend so eine Delikatesse, da unser Hauptmann sich am liebsten selbst
aufgefressen htte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Lden
vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein gerucherter Lachs, oder
ein Krbchen mit Kirschen -- zu fnf Rubel das Stck, oder so 'ne Riesin
von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster
entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen berflssigen Hunderter
in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie
Verfhrungen auf Schritt und Tritt, es luft einem sozusagen das Wasser
im Munde zusammen, fr ihn aber heit's: warte geflligst bis morgen.
Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl,
dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein
bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Schlielich
hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und beschlo, die Festung
sozusagen im Sturme zu nehmen, verstehen Sie. Er stellte sich also am
Eingang auf und wartete, ob nicht noch ein Bittsteller erscheinen werde,
und richtig, es gelang ihm denn auch, mit irgend einem General
hindurchzuschlpfen und auf seinem Stelzfu bis ins Vorzimmer zu
humpeln. Der hohe Staatsmann erscheint wie gewhnlich. >Was wnschen
Sie? Und Sie?< >Ah!< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen
doch schon erklrt, da Sie warten sollen, bis ber Ihr Gesuch
entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu
essen, sozusagen ...< >Was soll ich denn machen? ich kann nichts fr Sie
tun, Sie mssen sich gewissermaen einstweilen selbst helfen und sich
selbst die Mittel zu verschaffen suchen.< -- >Aber Exzellenz, da mssen
Sie doch sozusagen selbst einsehen, wie kann ich mir denn die Mittel
verschaffen, wo mir ein Arm und ein Bein fehlt?< >Aber verstehen Sie
doch!< sagte der Minister, >ich kann Sie doch gewissermaen nicht auf
meine Kosten erhalten, wir haben noch viele Verwundete, die knnten doch
alle dieselben Ansprche machen. Wappnen Sie sich mit Geduld. Ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort: wenn der Kaiser kommt, wird er Gnade ben und Sie
nicht im Stiche lassen.< -- >Aber ich kann doch nicht warten,
Exzellenz,< versetzte Kopeikin, und zwar fngt er schon an, grob zu
werden sozusagen. Da aber wurde der Staatsmann etwas rgerlich,
verstehen Sie, und in der Tat: rings herum stehen lauter Generle und
warten auf eine Antwort oder eine Ordre; hier handelte es sich sozusagen
um wichtige Staatsangelegenheiten, die gewissermaen eine schleunige
Erledigung erfordern -- jeder verlorene Augenblick kann von Bedeutung
sein -- und da kommt so ein aufdringlicher Teufel und lt einen nicht
los, knnen Sie sich denken. -- >Entschuldigen, ich habe keine Zeit --
ich habe noch andere wichtigere Dinge zu tun, als mit Ihnen zu reden.<
Er sagt es gewissermaen durch die Blume, es sei nun die hchste Zeit,
da er sich aus dem Staube mache, verstehen Sie wohl. Jedoch mein
Kopeikin antwortet -- der Hunger treibt ihn nmlich zum uersten,
mssen Sie wissen. >Tun Sie, was Sie wollen, Exzellenz, ich rhre mich
nicht vom Flecke, bevor Sie die entsprechende Ordre erteilt haben.< Na,
Sie knnen sich denken: einem Staatsmann so zu antworten, der nur ein
Wort zu sagen braucht, damit man kopfber rausfliegt, soda der Teufel
selbst einen nicht mehr auffinden kann sozusagen ... Wenn ein Beamter,
der auch nur um _einen_ Rang tiefer steht als wir, unsereinem so etwas
sagen wollte, so wrde man es schon eine Frechheit nennen. Nun aber
denken Sie sich -- diese Distanz, diese gewaltige Distanz! Ein General
_en chef_ -- und irgend ein Kopeikin sozusagen! Neunzig Rubel und eine
Null. Der General, verstehen Sie, der ma ihn blo mit einem Blick --
der reinste Kanonenschu sozusagen: da htte keiner Stand gehalten, da
wre jedem das Herz in die Hosen gefallen. Mein Kopeikin aber, knnen
Sie sich vorstellen, rhrt sich nicht vom Flecke und steht da wie
angewurzelt. >Nun? Was warten Sie?< sagt der General und packt ihn mit
beiden Hnden bei den Schultern. brigens, um die Wahrheit zu sagen, er
behandelt ihn noch ziemlich gndig: ein anderer htte ihn so
angeschnauzt, da die ganze Strae noch drei Tage nachher auf dem Kopfe
gestanden und sich mit ihm im Kreise gedreht htte sozusagen, er aber
sagte nur >Gut, wenn das Leben fr Sie hier zu teuer ist und Sie nicht
ruhig in der Hauptstadt auf die Entscheidung Ihres Schicksals warten
knnen, dann lasse ich Sie auf Staatskosten in die Heimat befrdern. Der
Feldjger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!< Der
Feldjger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon
hinter der Tr: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von
der Natur selbst fr den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein
richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den
Wagen befrdert und ab geht's in Begleitung des Feldjgers. >Na,< denkt
Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafr bin ich den
Herren dankbar.< So fhrt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjger, und
whrend er so an der Seite des Feldjgers sitzt, spricht er
gewissermaen, sozusagen, zu sich selber: >Schn,< sagt er, >du erklrst
mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schn,< sagt
er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen
Bestimmungsort befrdert, und wohin er eigentlich gebracht wurde,
darber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die
Nachrichten ber den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit
untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen.
Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schrzt sich, kann man
wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden
ist, das wei niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch
nicht zwei Monate, als in den Wldern von Rjasan eine Ruberbande
auftauchte, und der Hauptmann dieser Ruberbande, sehen Sie wohl, war
kein anderer als ...

                   *       *       *       *       *

1. _Die Toten Seelen, Band I_, sind in der zweiten Hlfte des Jahres
1835 begonnen und 1841 vollendet. Sie erschienen am 21. Mai (2. Juni)
1842. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum: den 9. Mai (21. Mai)
1842. Die vom Zensor gestrichene Geschichte vom Hauptmann Kopeikin
wurde vom Autor in fnf Tagen vom 5.-9. (17.-21.) Mai 1842 umgearbeitet.

2. _Die Vorrede zur zweiten Auflage des I. Bandes der Toten Seelen_
(pag. 431) wurde Ende Juli entworfen und im September 1846 vollendet.
Sie erschien zugleich mit der zweiten Auflage dieser Dichtung. Die
Unterschrift des Zensors trgt das Datum: den 25. August (6. September)
1846.

3. _Die Reflexionen zum ersten Teil der Toten Seelen_ (pag. 436) stammen
wahrscheinlich aus dem Jahre 1846.

4. _Das Ende des IX. Kapitels in vernderter Fassung_ (pag. 439) wurde
etwa im Jahre 1843 niedergeschrieben.

5. _Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin_: _Variante A_ (pag. 452) ist
im August 1841, _Variante B_ (pag. 461), die vom Zensor gestrichen
wurde, im November 1841 vollendet. Der Text der vorliegenden deutschen
Ausgabe geht auf die russischen Ausgaben von N. S. Tichonrawow und W. I.
Schnrock zurck.

                                                    _Der Herausgeber._

                   *       *       *       *       *


                 Druck von Mnicke & Jahn, Rudolstadt.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert.

Einige bertragungsfehler wurden ebenfalls unverndert belassen. Auf
Seite 194 heit es jedes Jahr verlor er ein neues richtiges Stck von
seinem Haushalt aus dem Auge. Tatschlich steht im Original hier
Hauptteil, was wohl eher der Formulierung wichtiges Stck
entsprechen wrde. An zwei Stellen im Anhang heit es Markronen oder
Makronen auf den Achselklappen. Auch dies wurde so beibehalten. Das
russische Original hat aber an dieser Stelle Makkaroni, was wohl eher
die Fransen der Epauletten beschreibt.

Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. XXXV]:
   ... und Leibeigenen gesellen. Aber das Gemlde erscheint ...
   ... und Leibeigene gesellen. Aber das Gemlde erscheint ...

   [S. 8]:
   ... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder eine Paar blaue ...
   ... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue ...

   [S. 11]:
   ... Zum Gouverneuer sagte er wie beilufig, wenn man in ...
   ... Zum Gouverneur sagte er wie beilufig, wenn man in ...

   [S. 12]:
   ... wie es sich gehrte. Als Ttschitschikow den Saal betrat, ...
   ... wie es sich gehrte. Als Tschitschikow den Saal betrat, ...

   [S. 15]:
   ... mssig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ...
   ... mig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ...

   [S. 17]:
   ... Herzen! Herzchen! Pikentia! oder Pieckchen, Piekchen, ...
   ... Herzen! Herzchen! Pikentia! oder Piekchen, Piekchen, ...

   [S. 18]:
   ... mit hflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigen ...
   ... mit hflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem ...

   [S. 18]:
   ... nochkommen, sondern halte es sogar fr seine heiligste ...
   ... nachkommen, sondern halte es sogar fr seine heiligste ...

   [S. 19]:
   ... anfing, gaben der Polizeimeister und Staatsanwalt sehr ...
   ... anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr ...

   [S. 25]:
   ... also noch am Abend smliche notwendigen Anordnungen getroffen ...
   ... also noch am Abend smtliche notwendigen Anordnungen
       getroffen ...

   [S. 29]:
   ... alten Uniformen unserer Garnisonsoldaten bemerken kann, ...
   ... alten Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, ...

   [S. 42]:
   ... werden! ...
   ... werden? ...

   [S. 48]:
   ... aber er konnte nicht derartiges entdecken, im Gegenteil, ...
   ... aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, ...

   [S. 53]:
   ... konnten ... ...
   ... knnten ... ...

   [S. 55]:
   ... sagte er: Wir werden's schon finden, und Ttschitschikow ...
   ... sagte er: Wir werden's schon finden, und Tschitschikow ...

   [S. 72]:
   ... Das geht vorber, Mtterchen, achten sie nur nicht ...
   ... Das geht vorber, Mtterchen, achten Sie nur nicht ...

   [S. 79]:
   ... noch einen Versuch zu machan, ob es ihm etwa gelnge, ...
   ... noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelnge, ...

   [S. 87]:
   ... Nicht war, Sie vergessen mich also nicht bei den ...
   ... Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den ...

   [S. 106]:
   ... Hm! dachte Titschikow, ich knnte ja schlielich ...
   ... Hm! dachte Tschitschikow, ich knnte ja schlielich ...

   [S. 118]:
   ... eine ganze Kollektion besa: Holz-, Ton- und
       Merschaumpfeifen, ...
   ... eine ganze Kollektion besa: Holz-, Ton- und
       Meerschaumpfeifen, ...

   [S. 128]:
   ... Nein, nein Bester, ein Glcksspiel verlieren, das ...
   ... Nein, mein Bester, ein Glcksspiel verlieren, das ...

   [S. 135]:
   ... Fr wen hlst du mich, sagte Nosdrjow, glaubst ...
   ... Fr wen hltst du mich, sagte Nosdrjow, glaubst ...

   [S. 149]:
   ... erblickte, sagt er kurz: Ich bitte, worauf er ihn in die ...
   ... erblickte, sagte er kurz: Ich bitte, worauf er ihn in die ...

   [S. 157]:
   ... Hammelbraten, fuhr er fort, indem er sich an Tschischikow ...
   ... Hammelbraten, fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow ...

   [S. 158]:
   ... links! ...
   ... links? ...

   [S. 169]:
   ... Also was ist Ihr hchstes Angebot! sagte Sabakewitsch ...
   ... Also was ist Ihr hchstes Angebot? sagte Sabakewitsch ...

   [S. 174]:
   ... Wohnhause vorber zu kommen. ...
   ... Wohnhause vorber zu kommen? ...

   [S. 176]:
   ... klingt uns aus dem Worte der Britanniers ...
   ... klingt uns aus dem Worte des Britanniers ...

   [S. 176]:
   ... schlau ersinnt sein nicht leichtfalich drres Rselwort ...
   ... schlau ersinnt sein nicht leichtfalich drres Rtselwort ...

   [S. 195]:
   ... und zu konzentieren liebt, und eine solche Erscheinung ...
   ... und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung ...

   [S. 196]:
   ... den Anblick seines Wirtes uud der ganzen seltsamen ...
   ... den Anblick seines Wirtes und der ganzen seltsamen ...

   [S. 199]:
   ... eine solche Klte und Teilnahmlosigkeit gegen fremdes ...
   ... eine solche Klte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes ...

   [S. 210]:
   ... flchtige Bauern brauchen knnte! ...
   ... flchtige Bauern brauchen knnte? ...

   [S. 212]:
   ... Frage erinnerte jenen daran, das es in der Tat zwecklos ...
   ... Frage erinnerte jenen daran, da es in der Tat zwecklos ...

   [S. 213]:
   ... Wollen Sie denn keinen Tee. ...
   ... Wollen Sie denn keinen Tee? ...

   [S. 233]:
   ... freundlicheres und angenehmeres uere an. Themis ...
   ... freundlicheres und angenehmeres ueres an. Themis ...

   [S. 244]:
   ... es doch lauter ntzliche Leute und Handwerker seinen, die ...
   ... es doch lauter ntzliche Leute und Handwerker seien, die ...

   [S. 245]:
   ... Iwan Antonowitsch erledigt alles gewandt und sicher, die ...
   ... Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die ...

   [S. 251]:
   ... verheiraten. Nicht war, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ...
   ... verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ...

   [S. 256]:
   ... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht ihrer Ansicht, ...
   ... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, ...

   [S. 280]:
   ... Feinheit und Zrtlichkeit atmeten. Drften wir arme ...
   ... Feinheit und Zrtlichkeit atmeten. Drften wir armen ...

   [S. 306]:
   ... nichtwrdiger Mensch; ein nichtswrdiger, nichtswrdiger ...
   ... nichtswrdiger Mensch; ein nichtswrdiger, nichtswrdiger ...

   [S. 309]:
   ... Nein, aber denken Sie sich blos in meine Lage ...
   ... Nein, aber denken Sie sich blo in meine Lage ...

   [S. 309]:
   ... ich das hrte! Und jetzt, sagt Karobotschka, wei ...
   ... ich das hrte!Und jetzt, sagt Karobotschka, wei ...

   [S. 310]:
   ... daher schwieg sie. Sie konnte sich blos ber die Dinge ...
   ... daher schwieg sie. Sie konnte sich blo ber die Dinge ...

   [S. 311]:
   ... in einen geronnenen Augenblick in ein Pulverfa zu ...
   ... in einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfa zu ...

   [S. 313]:
   ... sie auch nur ein bischen, ein Fnkchen, auch nur einen ...
   ... sie auch nur ein bichen, ein Fnkchen, auch nur einen ...

   [S. 318]:
   ... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlied, staubte ...
   ... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte ...

   [S. 335]:
   ... gnstig ist, irgend welche Wohlttigkeit-, Hilfs- und ...
   ... gnstig ist, irgend welche Wohlttigkeits-, Hilfs- und ...

   [S. 336]:
   ... und gesinnungstchtiges uere besitze, aber auch in ...
   ... und gesinnungstchtiges ueres besitze, aber auch in ...

   [S. 338]: (mehrfache Flle)
   ... meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptman Kopeikin, ...
   ... meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptmann Kopeikin, ...

   [S. 339]:
   ... oder einem statlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, ...
   ... oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, ...

   [S. 348]:
   ... aber andererseis auch wiederum nicht allzu dnn gewesen ...
   ... aber andererseits auch wiederum nicht allzu dnn gewesen ...

   [S. 348]:
   ... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgenwo abseits ...
   ... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits ...

   [S. 364]:
   ... Offen gestanden, Sie haben Furcht vor dem neuen ...
   ... Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen ...

   [S. 370]:
   ... In zwei Stunden mu alles fertig sein, Verstanden? ...
   ... In zwei Stunden mu alles fertig sein, verstanden? ...

   [S. 370]:
   ... Esel! Wenn es mir pat, dann verkaufe ich ihm schon ...
   ... Esel! Wenn es mir pat, dann verkaufe ich ihn schon ...

   [S. 377]:
   ... tief mein Inneres erschttet mit all seinen Schrecken; ...
   ... tief mein Inneres erschttert mit all seinen Schrecken; ...

   [S. 378]:
   ... und schon durchstrmmt uns behagliche Wrme. Die ...
   ... und schon durchstrmt uns behagliche Wrme. Die ...

   [S. 378]:
   ... -- was kmmert's dich, O, welche Nacht! ...
   ... -- was kmmert's dich, o, welche Nacht! ...

   [S. 383]:
   ... die sich immer dann vernehmen lie, wenn das Kind,
       angewiedert ...
   ... die sich immer dann vernehmen lie, wenn das Kind, angewidert ...

   [S. 388]:
   ... wo ich dagegen jenem bsen Geist des Widerspruches ...
   ... wo ich dagegen jenen bsen Geist des Widerspruches ...

   [S. 390]:
   ... angegriffen, die er beschlossen htte, nie auszugeben; mit ...
   ... angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit ...

   [S. 392]:
   ... wohlgepflegtes uere zu bewahren, sich anstndig zu kleiden, ...
   ... wohlgepflegtes ueres zu bewahren, sich anstndig zu
       kleiden, ...

   [S. 400]:
   ... berall, wo sie dergleichen sie antrafen, verfolgten sie es,
       so ...
   ... berall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so ...

   [S. 401]:
   ... Mitleid appellierte und ihm in glhenden Farben das ...
   ... Mitleid apellierte und ihm in glhenden Farben das ...

   [S. 408]:
   ... draufgegangen; fr diese Dinge hatten sich andre Liebehaber ...
   ... draufgegangen; fr diese Dinge hatten sich andre Liebhaber ...

   [S. 411]:
   ... Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bgerrecht erkmpft ...
   ... Beruf, der sich bei uns noch nicht das Brgerrecht erkmpft ...

   [S. 413]:
   ... gottlob nicht wenigen das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ...
   ... gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ...

   [S. 425]:
   ... machen krftigen Puff empfing. Seliphan wurde ...
   ... manchen krftigen Puff empfing. Seliphan wurde ...

   [S. 460]:
   ... er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und
       gewissermassen ...
   ... er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und gewissermaen ...

   [S. 460]:
   ... sagt er, >Sie sind unschuldig, denn ich habe Sie sozusagen ...
   ... sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich habe sie sozusagen ...

   [S. 460]:
   ... knnen Sie sich denken, gewissermaen fr Sie gesorgt ...
   ... knnen Sie sich denken, gewissermaen fr sie gesorgt ...

   [S. 460]:
   ... werde ..< mit einem Wort, der Brief war auerordentlich ...
   ... werde ..< Mit einem Wort, der Brief war auerordentlich ...

   [S. 460]:
   ... grnden, da sich ausschlielich mit der Frsorge um ...
   ... grnden, das sich ausschlielich mit der Frsorge um ...

   [S. 461]:
   ... in einem Gepckwagen oder einem stattlichen Transportwagen ...
   ... in einem Gepckwagen oder einem staatlichen Transportwagen ...

   [S. 463]:
   ... in der Hand und einem Battisikragen, Teufel auch, wie ...
   ... in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch, wie ...

   [S. 464]:
   ... Wort, die ganze Generalitt sozuzagen. Pltzlich geht ...
   ... Wort, die ganze Generalitt sozusagen. Pltzlich geht ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I, by 
Nikolaj Gogol

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 1: DIE ***

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