Project Gutenberg's Die Familie Selicke, by Arno Holz and Johannes Schlaf

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Title: Die Familie Selicke

Author: Arno Holz
        Johannes Schlaf

Release Date: August 25, 2016 [EBook #52892]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FAMILIE SELICKE ***




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                          Die Familie Selicke.





                     Arno Holz -- Johannes Schlaf.




                                  Die
                            Familie Selicke.


                        Drama in drei Aufzgen.

                            Vierte Auflage.




                              Berlin 1892.
              Verlag von Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr).




                                Vorwort.


Am 8. April 1890, einen Tag spter nachdem Die Familie Selicke ber
die Freie Bhne gegangen war, schrieb Theodor Fontane in der
Vossischen Zeitung:

Die gestrige Vorstellung der Freien Bhne brachte das dreiaktige
Drama der Herren Arno Holz und Johannes Schlaf: Die Familie Selicke.
_Diese Vorstellung wuchs insoweit ber alle vorhergegangenen an
Interesse hinaus, als wir hier eigentlichstes Neuland haben. Hier
scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu._ Die beiden am
hrtesten angefochtenen Stcke, die die Freie Bhne bisher brachte: G.
Hauptmann's: Vor Sonnenaufgang und Leo Tolstois: Die Macht der
Finsterniss, sind auf ihre Kunstart, Richtung und Technik hin
angesehen, keine neuen Stcke; die Stcke, bezw. ihre Verfasser, haben
nur den Muth gehabt, in diesem und jenem ber die bis dahin traditionell
innegehaltene Grenzlinie hinauszugehen, sie haben eine Fehde mit
Anstands- und Zulssigkeitsanschauungen aufgenommen und haben auf diesem
Gebiete dieser kunstbezglichen, im Publikum gang und gben Anschauungen
zu reformiren getrachtet, aber nicht auf dem Gebiete der Kunst selbst.
Ein bischen mehr, ein bischen weniger, das war Alles; die Frage, wie
soll ein Stck sein? oder, sind Stcke denkbar, die von dem bisher
Ueblichen vollkommen abweichen?, diese Frage wurde durch die
Schnapskomdie des einen und die Knackkomdie des anderen kaum berhrt.
Ich darf diese Worte whlen, weil ich durch mein Eingenommensein fr
Beide vor dem Verdachte des Uebelwollens geschtzt bin.

In seinem Buche: Die Kunst, Berlin, Gustav Schuhr, Herbst 1890,
reproducirt der Jngere von uns diese Stelle und fhrt dann fort:

Ich citire hier diesen Absatz, weil es uns eine Freude ist, konstatiren
zu knnen, dass es grade Theodor Fontane gewesen, der die jhe Kluft,
die uns von aller bisherigen Bhnenproduktion trennt, Ibsen nicht
ausgeschlossen, als _Erster_ wahrgenommen hat.

Nichts kann uns in der That mehr lcheln machen, nichts zeugt mehr von
der urkomischen Verwirrung, die wir Aermsten unter unseren verehrten
Herren Kollegen, den Schreibern der Zeitungen, nun einmal angerichtet
haben, als wenn man uns in seiner Herzensnoth, die nach Schablonen
schreit, als Nachtreter der grossen Auslnder etikettirt.

Mge man es sich daher gesagt sein lassen. In aller Ruhe, bewusst und
aus unserer Ueberzeugung heraus. Uns ist darum nicht bange. Es wird
dereinst erkannt werden: noch nie hat es in unserer Literatur eine
Bewegung gegeben, die von Aussen her weniger beeinflusst gewesen wre,
die so von innen heraus gewachsen, die mit einem Wort _nationaler_ war,
als eben grade diejenige, vor deren weiteren Entwicklung wir heute stehn
und die mit unserm Papa Hamlet ihren ersten, sichtbaren Ausgang
genommen. Die Familie Selicke ist das deutscheste Stck, das unsere
Literatur berhaupt besitzt. Es ist auch nicht ein einziges Element in
ihr und wre es auch noch so winzig, das uns von jenseits der Vogesen
zugeflogen wre, von jenseits der Memel, oder von jenseits der Eider.
Und wenn uns _nichts_ dafr ein Beweis gewesen wre, nicht einmal die
Thatsache selbst, die unerhrten Beschimpfungen, die damals auf uns
niederprasselten, htten uns hinlnglich darber die Augen ffnen
mssen. Stze, wie: diese _Thierlautkomdie_ ist fr das _Affentheater_
zu schlecht! werden sicher nicht allzu oft niedergeschrieben, selbst in
den bewegtesten Zeiten nicht. Und gar als das Stck erst angekndigt war
in den Zeitungen, als acceptirt zur Auffhrung an der Freien Bhne,
schrieb dasselbe Blatt: .... dann wird eben keine Frau, die auf
Reputirlichkeit Anspruch erhebt, sich dort sehen lassen drfen und die
Herren werden sich in diese Vorstellungen hineinstehlen mssen, wie man
das beim Besuche zweifelhafter Lokale thut. Mit einem Wort: Es fehlte
nur noch, dass man den Vorschlag machte, uns ins Irrenhaus zu sperren. O
btise!

Nun, dieser Vorschlag ist unterdessen, wenn allerdings auch noch nicht
gemacht, so doch in der That nur mit Mhe unterdrckt worden.
Vergleiche Die Grenzboten.

Offen gestanden: aber es wre uns doch lieber gewesen, der sogenannte
Idealismus unserer verehrten Herren Gegner htte sich als etwas Anderes
entpuppt.

Als _was_ er sich entpuppt hat?

Nun, unserem Dafrhalten nach, als jene berhmte Heine'sche Wanze,
welche stinkt, wenn man sie tdtet.

_Berlin_, August 1891.

                                                            Arno Holz.
                                                      Johannes Schlaf.




                               Personen:


   Eduard Selicke, Buchhalter.
   Seine Frau.
   Toni,    22 Jahre alt  }
   Albert,  18   "    "   } ihre Kinder.
   Walter,  12   "    "   }
   Linchen,  8   "    "   }
   Gustav Wendt, cand. theol., Chambregarnist bei ihnen.
   Der alte Kopelke.

                 _Zeit_: Weihnachten. _Ort_: Berlin N.




                             Erster Aufzug.


                             Erster Aufzug.

   Das Wohnzimmer der Familie Selicke.

   (Es ist mssig gross und sehr bescheiden eingerichtet. Im
   Vordergrunde rechts fhrt eine Thr in den Corridor, im Vordergrunde
   links eine in das Zimmer Wendt's. Etwas weiter hinter dieser eine
   Kchenthr mit Glasfenstern und Zwirngardinen. Die Rckwand nimmt
   ein altes, schwerflliges, grossgeblumtes Sopha ein, ber welchem
   zwischen zwei kleinen, vergilbten Gypsstatuetten Schiller und
   Goethe der bekannte Kaulbach'sche Stahlstich Lotte, Brod
   schneidend hngt. Darunter im Halbkranze, symmetrisch angeordnet,
   eine Anzahl photographischer Familienportraits. Vor dem Sopha ein
   ovaler Tisch, auf welchem zwischen allerhand Kaffeegeschirr eine
   brennende weisse Glaslampe mit grnem Schirm steht. Rechts von ihm
   ein Fenster, links von ihm eine kleine Tapetenthr, die in eine
   Kammer fhrt. Ausserdem noch, zwischen den beiden Thren an der
   linken Seitenwand, ein Tischchen mit einem Kanarienvogel, ber
   welchem ein Regulator tickt, und, hinten an der rechten Seitenwand,
   ein Bett, dessen Kopfende, dem Zuschauerraum zunchst, durch einen
   Wandschirm verdeckt wird. Ueber ihm zwei grosse alte Lithographieen
   in fingerdnnem Goldrahmen, der alte Kaiser und Bismarck. Am
   Fussende des Bettes, neben dem Fenster schliesslich noch ein kleines
   Nachttischchen mit Medizinflaschen. Zwischen Kammer- und Kchenthr
   ein Ofen; Sthle.

   _Frau Selicke_, etwas ltlich, vergrmt, sitzt vor dem Bett und
   strickt. Abgetragene Kleidung, lila Seelenwrmer, Hornbrille auf der
   Nase, ab und zu ein wenig frstelnd. Pause.)

FRAU SELICKE (seufzend): Ach Gott ja!

WALTER (noch hinter der Scene, in der Kammer): Mamchen?!

FRAU SELICKE (hat in Gedanken ihren Strickstrumpf fallen lassen, zieht
ihr Taschentuch halb aus der Tasche, bckt sich drber und schneuzt
sich).

WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthr. Pausbacken, Pudelmtze,
rothe, gestrickte Fausthandschuhe): Mamchen? darf ich mir noch schnell
'ne Stulle schneiden?

FRAU SELICKE (ist zusammengefahren): Ach, geh du ungezogner Junge!
Erschrick einen doch nich immer so! (ist aufgestanden und an den Tisch
getreten). Kannst Du denn auch gar nich'n bischen Rcksicht nehmen?!
Siehst Du denn nich, dass das _Kind_ krank ist?

WALTER (ist unterdessen auf's Sopha geklettert und trinkt nun
nacheinander die verschiedenen Kaffeereste aus. Den Zucker holt er sich
mit dem Lffel extra raus): Aber ich hab' doch noch solchen Hunger,
Mamchen?

ALBERT (ebenfalls noch hinter der Scene, in der Kammer, deren Thr jetzt
weit aufsteht. Man sieht ihn vor einer kleinen Spiegelkommode, auf der
ein Licht brennt. Knpft sich grade seine Kravatte um. Hemdrmel.): Ach
was, Mutter! Jieb ihm lieber 'n Katzenkopp un denn is jut!

FRAU SELICKE (die jetzt Walter die Stulle schneidet): Na, Du, Grosser,
sei doch man schon ganz still! Du verdienst ja noch alle Tage welche!
Ich denk', Ihr seid berhaupt schon lange weg?

ALBERT (rgerlich): Ja doch! Gleich! Aber ich wer' mir doch wohl noch
erst den Rock abbrschten knnen?

FRAU SELICKE: Na ja, gewiss doch! Steh Du man immer recht vor'm Spiegel
und vertrdle recht viel Zeit! Da werd't Ihr ja Euern lieben Vater
sicher noch finden! Der wird heute grade noch auf'm Comptoir sitzen!

ALBERT: Ach Jott! Nu thu doch man nicht wieder so! Vor Sechs kann er ja
doch heute so wie so nich aus 'm Geschft!

FRAU SELICKE: So! Na! Und wie spt denkste denn, dass es jetz' is? (hat
whrend des Streichens der Stulle einen Augenblick inne gehalten, den
Schirm von der Lampe gerckt, die Brille auf die Stirn gerckt und nach
dem Regulator gesehen) ... Jetz' is gleich Dreiviertel!

ALBERT: Ach, Unsinn! Die jeht ja vor!

FRAU SELICKE (fr sich, fast weinend): Hach nee! Ich sag' schon! Sicher
is er nu wieder weg, und vor morgen frh wer'n wir 'n ja dann natrlich
nich wieder zu sehn kriegen! Nein, so ein Mann! So ein Mann! ...

ALBERT (noch immer in der Kammer und vor'm Spiegel): Hurrjott, Mutter!
Rsonnir' doch nich immer so! Du _weisst_ ja noch gar nich!

FRAU SELICKE: Ach was! Lass mich zufrieden! Beruf' mich nich immer! Ich
_weiss_ schon, was ich weiss! (unwirsch zu Walter) Da -- haste! Klapp se
Dir zusammen und dann macht, dass Ihr endlich fortkommt! Aus Euch wird
auch nischt!

   (Es klingelt.

   Einen Augenblick lang horchen beide. Frau Selicke ist
   zusammengefahren, Walter starrt, die Stulle in der Hand, mit offenem
   Munde ber die Lampe weg nach der Thr, die in's Entree fhrt.)

FRAU SELICKE (endlich): Na? Machste nu auf, oder nich?

   (_Walter_ hat die Stulle liegen lassen und luft auf die Thr zu. Er
   klinkt diese auf und verschwindet im Entree.)

ALBERT (der eben aus der Kammer getreten ist, in der er das Licht
ausgelscht hat. Zieht sich noch grade seinen Ueberzieher an. Aus der
Brusttasche stecken Glacees, zwischen den Zhnen hlt er eine brennende
Cigarrette, an einem breiten, schwarzen Bande baumelt ihm ein Kneifer
herab. Modern gescheitelt. Hut und Stckchen hat er einstweilen auf den
Stuhl neben dem Sopha plazirt. Zu Frau Selicke, indem er mit dem Fusse
die Thr hinter sich zudrckt): Nanu? Das kann doch unmglich schon der
Vater sein?

FRAU SELICKE (die sich wieder mit dem Kaffeegeschirr zu thun macht,
unruhig): Ach wo!

   (Unterdessen ist draussen die Flurthr aufgegangen und man hrt die
   Stimme des alten _Kopelke_: Brrr ... is det heit 'n
   Schweinewetter!? -- Die Thr klappt wieder zu, und jetzt schreit
   _Walter_ laut auf, ausgelassen: Ach! Olle Kopelke! Olle Kopelke!
   -- Nich doch, Kind, nich doch; du thust mir ja weh! Du drickst mir
   ja! Du musst doch abber ooch heer'n! Da -- nimm mir mal lieber hier
   'n bisken det Menneken ab! ... Brrr ... nee ... !)

ALBERT (zu Frau Selicke, sich die Handschuhe zuknpfelnd): Ach, _der_
alte Quacksalber?!

FRAU SELICKE: Na, Du, Grossmaul, wirst doch nich immer gleich das Geld
_geb'n_ fr'n Docter!

ALBERT (aufgebracht): Ach, Blech! Nich wahr? Nu fang wieder _davon_ an!
...

WALTER (noch halb im Entree): Au, Mamchen, sieh mal! 'n Hampelmann!
Mamchen, 'n Hampelmann! (Er kommt mit ihm in's Zimmer getanzt. Zum alten
Kopelke zurck): Wah? den schenken Se mir?

KOPELKE (behutsam hinter ihm drein. Klein, kugelrund, freundlich,
Vollmondsgesicht, glattrasirt. Sammetjoppe, Pelzkappe, Wollshawl):
Sachteken! Sachteken!

ALBERT (hat sich den Stock schnell unter den Arm geklemmt und sich den
Kneifer aufgesetzt, affectirt): Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke!

KOPELKE: 'n Abend! 'n Abend, junger Herr! (Reicht Frau Selicke die Hand)
'n Abend! (Nach dem Bett hin) Na? Und meine kleene Patientin? Ick muss
doch mal _sehn_ kommen?

FRAU SELICKE (weinerlich): Ach Gott ja! Na, ich kann wohl schon sagen!

KOPELKE (sie beruhigend): Ach wat, wissen Se! det ... det ... e ....

WALTER (hat sich unterdessen mit seinem Hampelmann abgegeben, ihm die
Zunge gezeigt, Bah! zu ihm gemacht und tnzelt nun mit ihm um den
alten Kopelke rum, diesen unterbrechend): Olle Kopelke! Olle Kopelke!

KOPELKE (sanft abwehrend): Ach, nich doch, Kind! det 's jo unjezogen! Du
musst nich immer Olle Kopelke sagen! Det jeheert sick nich!

WALTER (Rbchen schabend): Oh ...! Olle Kopelke! ...

ALBERT (wthend): Hrst Du denn nich, Du Schafskopp? Du sollst still
sein!

WALTER (den Ellbogen gegen ihn vor): Nanu? Du hast mir doch jarnischt zu
sagen?

ALBERT (holt mit der Hand aus).

FRAU SELICKE (mit dem Strickstrumpf, den sie unterdessen wieder
aufgenommen hat, dazwischen): Nein! Nein! Nun sehn Sie doch blos! Die
reinen Banditen! Das Kind! Das Kind! Nehmt doch wenigstens auf das Kind
Rcksicht!

ALBERT (der sich achselzuckend wieder abgewandt hat): Natrlich! So is
recht! Bestrk' ihn man noch immer! Dem lsst Du ja Alles durchgehn! Der
kann ja machen, was er will! Aus dem Brschchen erziehst Du ja schon was
Rechtes! Vater hat janz recht!

FRAU SELICKE: Nein! Nein! Nu hren Se doch blos! Und da soll man sich
nich gleich schlag_rhrend_ rgern?

KOPELKE (zu Albert): Sachteken, werther junger Herr, sachteken ... (Zu
Frau Selicke) Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue und det ville
Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reenjanischt! ... Ibrijens ... (Er hat
sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten
in der Luft rum) ... wat ick doch jleich noch sagen wollte ... det ...
det ... riecht jo hier so anjenehm nach Kafffee? ... Hm! Pf! Brrr! ...
Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin -- wahhaftijen Jott -- janz aus de
Puste! (Er hat sich seinen grossen, dicken Wollshawl abgezerrt und
schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum) Kopp wech! (Zu Walter,
den er dabei getroffen hat) He? Wah det _Deine_ Neese?

WALTER (der sich den Schnee von den Backen wischt, vergngt lachend):
Hohohoo!

ALBERT (bereits usserst ungeduldig, den Hut in der Hand): Na,
jedenfalls ich jeh jetzt! Wir kommen ja sonst _wahrhaftig_ noch zu spt!

FRAU SELICKE: Ja, ja! Macht man, dass Ihr fortkommt!

KOPELKE (zu Albert): Aha! Wol zu Pappa'n uf't Contor?

ALBERT (ausweichend): Ach! ja! Das heisst .. e .. wir wollten so ...
blos 'n bischen vorbeijehn!

KOPELKE (ihm mit einer Handbewegung gutmthig zublinzelnd, verschmitzt):
Weess schon! (Zu Frau Selicke, halb in's Ohr) Edewachten kenn ick doch?
... (Wieder zu Albert) Na, denn ... e ... denn beeilen 'sick man! Sowat
looft weg!

ALBERT (schon unter der Thr stehend zu Walter, der sich eben seinen
Hampelmann an die Jacke knpft): Na, willste nu so jut sein oder nich?

WALTER (giebt dem alten Kopelke die Hand): Atchee!

KOPELKE: Atchee, mein Sohn, Atchee! Un jriess ooch Vatern!

FRAU SELICKE: Na, und die Stulle? (Reicht sie ihm noch schnell nach,
Walter beisst sofort in sie hinein) Und dann, sagt, er soll gleich
hierherkommen! Sagt, Toni is auch schon da! Wir warten schon!

ALBERT (hat die Thr bereits aufgeklinkt und macht nun zum alten Kopelke
hin eine stumme, ceremonielle Verbeugung).

KOPELKE: Wah mich sehr anjenehm, werther junger Herr! Wah mich sehr
anjenehm! (Die Beiden verschwinden. Draussen im Entree schlgt _Walter_
hin. Schreit. _Albert_: Na, Du Ochse!)

FRAU SELICKE: Ei Herrgott! Was is denn nu schon wieder ... (Will auf die
Corridorthr zu, draussen schlgt die Flurthr zu): Hach! Gott sei Dank,
dass man die Gesellschaft endlich los ist!

KOPELKE (sich die Hnde reibend, schmunzelnd): Jo! Wahh is't! 'n bisken
wiewe _sind_ se! Abber -- Jotteken doch! det is doch nu mal nich anders!
det ...

   (Vom Bett her Gerusch und Husten.)

FRAU SELICKE (wirft ihr Strickzeug in das Kaffeegeschirr und eilt auf
das Bett zu): Ach, nein! Ich sag schon! Nu haben sie ja das arme Kind
glcklich wieder wachkrakehlt ... Na, mein liebes Herzchen? ... Wie ist
Dir, mein liebes Linchen, he? (Kleine Pause. Frau Selicke hatte sich
bers Bett gebeugt, leises Sthnen.) Hast Du Schmerzen, mein liebes
Puttchen?

LINCHEN (feines, rhrendes Stimmchen): Ma -- ma -- chen?

FRAU SELICKE: Ja, mein Herzchen? Hm?

LINCHEN: Ma -- ma -- chen?

FRAU SELICKE: Hast Du Appetit, mein Schfchen? ... Nein? Ach, Du mein
Muschen!

LINCHEN: Ich -- bin -- so -- mde ...

FRAU SELICKE: Ach, mein Herzchen! Aber, nicht wahr? Du willst jetzt noch
einnehmen?! Onkel Kopelke ist ja da!

LINCHEN: On -- kel -- Ko -- pel -- ke?

KOPELKE (hat sein rothbaumwollenes Schnupftuch gezogen und schneuzt
sich).

FRAU SELICKE (halb zu ihm zurckgewandt): Wollen Sie se mal sehn? Ich
misch' solange die Tropfen! (Lsst ihn an's Kopfende treten und mischt
whrend des Folgenden am Fussende des Bettes, auf dem Nachttischchen,
die Medicin).

KOPELKE (hat sich jetzt ebenfalls ber das Bett gebeugt.
Tppisch-zrtlich): Na, Lin'ken? Kennste mir noch? Ach Jotteken doch,
_die_ Aermken! Nich wah? Det -- watt doch mal, Kind, 'n Oogenblickchen!
-- Det ... thut doch nich weh? ... Na, sehste!! Ick sag' ja! det ... det
is Allens man auswendig! Det 's janich so schlimm! Uf de Woche kannste
all dreist widder ufstehn! Denn jehste for Mamma'n bei'n Koofmann! Denn
jehste mit ihr uf'n Marcht! Inholen! He? Weesste noch? Uf'n Pappelplatz?
Der mit 't Schielooge? _Jungens_ sag' ick, _Bande!_ Wehrt ihr wol det
_Meechen_ sind lassen? Abber da!! Heidi! Wat haste, wat kannste! ...
Nich wah? Nu nehmste abber ooch sauber in? (Zu Frau Selicke, whrend er
diese an's Bett treten lsst): Wat det Kind blos for'n Schwitz hat?!

FRAU SELICKE (besorgt): Nich wahr? Ach Gott ja!

KOPELKE (beruhigend): Abber det .. e .. wissen Se! ... Det ... det is
_immer_ so! Det _is_ nu mal nich anders! Det ... (Schneuzt sich
abermals).

FRAU SELICKE (kommt mit dem Lffel): Na, Linchen? Ist Dir wieder besser?

LINCHEN: Ach -- ich -- will -- nicht -- einnehmen!

FRAU SELICKE: O ja, meine Kleine! Du willst doch wieder gesund werden?!

LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter!

FRAU SELICKE: Nicht weinen, mein Schfchen! ... Komm! ... Sonst zankt
der Herr Doctor wieder! Nicht wahr, Onkel Kopelke?

KOPELKE (eifrig nickend): Ja, ja, Kindken! Det muss nu mal so _sind_!
Det je_heert_ sick!

FRAU SELICKE: Nicht wahr? Hrst Du? Komm, mein Liebling! Ja?

LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter!

FRAU SELICKE: Aber nachher kannst Du ja wieder spazieren gehn, mein
Muschen?! Und Emmchen zeigt Dir auch ihre Bilderbcher! Ja? ... Komm!
... Na, nu mach doch, Linchen! ... Du musst doch aber auch folgen! ...
Gucke doch! ... Ich verschtte ja das ganze Einnehmen? ... (Sie hat ihr
leise die Hand unter's Kpfchen geschoben).

LINCHEN: Au! Au! ... Du -- ziepst -- mich!

FRAU SELICKE: Oh! .... Na so! .... Nicht wahr? ... Fest! Drck' die
Augen zu! ... Schlucke! Tchtig! ... _Siehst_ Du? ... Nicht weinen,
nicht weinen! ... So! Nicht wahr? Nu is alles wieder gut! Nu is alles
vorbei!

LINCHEN (dreht sich jetzt unruhig in ihren Kissen rum und hustet
geqult).

FRAU SELICKE: Mein armes, armes Herzchen! Der alte, bse Husten! ... So!
... Nu rcken wir blos noch 'n bischen das Kissen hher, nicht wahr? und
dann schlfst Du _schn_ wieder ein! (Bckt sich ber sie und ksst
sie.) Ach, Du mein ssses Puttchen! (Nachdem sie den Wandschirm jetzt
noch _nher_ an's Bett gerckt, zum alten Kopelke) Ach, Gott nein! Nu
sagen Se doch blos? Muss man da nich rein verzweifeln? Das geht nu schon
Tage lang so! Sie wacht geradezu nur noch auf Minuten auf!

KOPELKE (die Hnde in den Taschen seiner Joppe, nachdenklich vor sich
hin): Hm! ...

FRAU SELICKE: Und aus dem Doctor wird man auch nicht mehr klug! Der
_sagt_ einem ja nichts! Der _kommt_ kaum noch! Und ... und ... na ja,
wenn wir _Sie_ nicht noch htten ...

KOPELKE (leichthin): Jo! ... na! ... Wissen Se: det kommt jo bei mir
nich so druf an! (Begtigend) det verseimt mir jo weiter nich! det's jo
man immer so in Vorbeijehn! det -- ach wat! det hat jo janischt zu
sagen! det's jo Mumpitz!! .... Abber det, wissen Se, det mit die
Docters, verstehn Se, da hab'n Se eejentlich woll nich so janz Unrecht!
Ick ... nu ja! Se wissen ja! Ick bin man sozusagen 'n janz eenfacher
Mann ... Abber det kann 'k Ihn' versichern: jeholfen hab 'k schon
manchen! ..... Jott! Ick kennt jo wat bei verdienen! Wat meen'n Se woll!
Abber sehn Se ... will 'k denn? Ick ... nu ja! Ick bin nu mal so!
(eifrig) Wissen Se? de Hauptsach' is jetz': man immer scheen wahm
halten! det Ibrije, verstehn Se, det Ibrije jiebt sick denn janz von
alleene! Janz von alleene! Ick sag: man blos nich immer so ville mang
der Natur fuschen, sag ick! ... Det mit die olle Medizin da zun Beispiel
...

   (Es klopft an Wendts Thr.)

FRAU SELICKE: Bitte, Herr Wendt, bitte! Treten Sie nur ein!

WENDT (ist mehr als mittelgross und sehr schlank. Feine, bleiche
Gesichtszge, das halblange, schwarze Haar einfach hinten bergekmmt.
Dunkle, peinlich saubere Kleidung, kein Pastoralschnitt. Die Thr hinter
sich schliessend zu Frau Selicke): Verzeihen Sie! Ich dachte ... (Zum
alten Kopelke, ihm die Hand reichend) Ah! 'n Abend, Herr Kopelke! Wie
geht's?

KOPELKE (geschmeichelt): 'n Abend, werther junger Herr! Och, ick danke!
Immer noch uf een langet un een kurzet Been! ... Is mich sehr anjenehm
... is mich sehr anjenehm ... (Hrt nicht auf, Wendt's Hand zu
schtteln).

WENDT (zu Frau Selicke rber): Frulein Toni wollte doch heute etwas
frher kommen?

FRAU SELICKE (die Achseln zuckend): Ja! Na -- Sie wissen ja! Wie das so
is!

KOPELKE (Wendt zublinzelnd und ihm scherzhaft mit dem Finger drohend):
Freilein Toni? Na wachten Se man, Sie kleener Scheeker! ... Frau
Selicken? Ick sage: passen Se mir ja uf die beeden jungen Leite uf!
(Wieder zu Wendt) Det is mich doch schon lange so? ... he? Sie?

FRAU SELICKE (lchelnd): Ach, lieber Gott, ja!

WENDT (der ebenfalls gelchelt hat, zum alten Kopelke): Na, aber Scherz
bei Seite! Ich wollte ihr mal -- da sehn Sie mal! -- _das_ da zeigen!
(Er hat ein grosses, zusammengeknifftes Papier aus der inneren
Brusttasche gezogen und es dem alten Kopelke berreicht).

KOPELKE: Oh! ... He! ... Na -- ick ... e .. Se meen'n, ick soll det hier
-- lesen, meen'n Se?

WENDT (aufmunternd): Gewiss, gewiss, Herr Kopelke! Ich bitte Sie sogar
darum!

KOPELKE: Oh! ... He! ... Na, ick -- bin so frei! (Ist mit dem Papier zur
Lampe getreten. Zu Frau Selicke) Man ... e ... Hab'n Se da nich wo Ihre
Brille, Frau Selicken?

FRAU SELICKE (umhersuchend): Meine Brille? Ach Gott ja! ich ...

KOPELKE (sie ihr von der Stirn nehmend): Lassen Se man, ick hab ihr
schon! (Setzt sie sich auf.) So! Na! Nu kann't losjehn! (Hat das Papier
sorgfltig entfaltet und liest es nun, die Arme weit von sich weg. Nach
einer kleinen Pause, ber die Brille zu Wendt hinber schielend): Nanu?

WENDT (der ihn lchelnd beobachtet): Na?

FRAU SELICKE (neugierig): Was denn?

WENDT (lchelnd): Ja, ja. Frau Selicke!

FRAU SELICKE (wie unglubig): Ach?

KOPELKE (hat das Papier unterdessen wieder sorgfltig zusammengefaltet
und giebt es nun wieder an Wendt zurck. In komischem Pathos): Nee,
wissen Se! Det kennen Se von mir nich verlangen! Dazu jratulieren Se
sick man alleene!

WENDT (lachend, das Papier wieder einsteckend): Na, na!

FRAU SELICKE (zum alten Kopelke): Was denn? Was denn, Herr Kopelke?

KOPELKE (zu Frau Selicke komisch): Paster! _Land_paster! Mit'ne
Bienenzucht un 'ne lange Feife! (Wieder zu Wendt) Nee, wissen Se! Da
kennen Se sagen, wat Se wollen, verstehn Se, abber for _die_ Brieder
sind Se ville zu schade!

FRAU SELICKE (die Hnde zusammenschlagend): Aber Herr Kopelke?!

KOPELKE: Ach wat! (Hat sich wieder sein Schnupftuch hervorgezogen und
schneuzt sich.)

WENDT (ihm vergngt auf die Schulter klopfend): Na, lassen Sie man! 'n
hbsches Weihnachtsgeschenk bleibt's doch! Was, Frau Selicke?

FRAU SELICKE (immer noch ganz erstaunt): Ach, nein! ..... wahrhaftig?
Also Sie sollen jetzt wirklich Pastor werden?

WENDT: Nun ja! Und ... wie Sie sehn! Ich freue mich sogar von Herzen
drber!

FRAU SELICKE: Ach ja! Und Sie waren ja auch immer so fleissig! Ich habe
Sie wahrhaftig manchmal recht bedauert! Wenn ich so denke, so die ganzen
letzten Wochen, Tag und Nacht, immer hinter den Bchern ...

WENDT: Ach, ich bitte Sie! Was hing aber auch nicht alles davon ab?
Alles! Alles! Geradezu Alles! -- Und dann, was ich Ihnen noch gleich
sagen muss, ich reise jetzt natrlich nicht erst Drittfeiertag, sondern
schon morgen!

FRAU SELICKE: Schon morgen?

WENDT: Ja! Na, die Sachen sind ja schon alle so gut wie gepackt, und ...
e ... aber ich vergesse ganz! (Zum alten Kopelke): Sie sprachen vorhin
von Linchen?

KOPELKE: Ick? Nu ja! Ick .. det heest .. ick .. e ... (sieht zu Frau
Selicke hinber).

FRAU SELICKE: Aber setzen Sie sich doch, Herr Kopelke! Woll'n Se sich
nicht setzen? Ich mach Ihnen noch schnell 'ne Tasse Kaffee!

KOPELKE (zu Wendt): Hm ... ja ... sehn Se, ick ... (Pltzlich zu Frau
Selicke): 'ne Tasse Kafffe? (In sich hineinschmunzelnd, sich vergngt
die Hnde reibend): Hm! ... 'ne Tasse Kafffe is jo wat sehr wat
Scheenet! Wat sehr wat Scheenet! ... Abber ... Nee, Frau Selicken! Nee!
Heite nich! Det verlohnt sick nich! Wahhaftijen Jott! Abber ick muss
heite noch unjelogen hinten in de Druckerei! ... Se wissen ja! Det mit
de ollen, deemlichen Krankenkassen! ...

FRAU SELICKE (nach der Kche hin): Na, denn werd' ich wenigstens noch'n
paar Kohlen unterlegen! (Mit einem Blick auf die Uhr): Toni muss ja
jeden Augenblick kommen! (Verschwindet durch die Kchenthr, hinter der
bald darauf Licht aufblitzt.) 'n Augenblickchen!

KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hnde reibend.
Ihr nachsehend): Scheeniken! Scheeniken!

WENDT (langt seine Cigarrentasche vor): Aber ich darf Ihnen doch
wenigstens 'ne Cigarre anbieten?

KOPELKE: Oh! ... He! ... Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet
Anersuchen -- mbf! -- Jebrauch zu machen, werther, junger Herr! Abber ..
e ... (winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm
hin, Kopelke hlt ihm die hohle Hand an's Ohr) .. ick meen' man! Ick
beraube Ihnen!

WENDT: O, ich bitte Sie!

KOPELKE: Na, wissen Se! So'n junger Student hat det ooch nich immer so
dicke! .. Na, ick meen' man!

WENDT: Junger Student?! Oho!

KOPELKE: A so! (Blinzelt ihm zu.) Na! Ibrijens bin ick darin durchaus
keen Unmensch! (Kneift sich mit den Fingerngeln die Spitze von der
Cigarre und bckt sich ber die Lampe). Abber .. nee, wissen Se! (Mit
einem Blick zum Bett hin) Ick weer' ihr man doch lieber draussen
roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel?

WENDT: Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegentheil! Hier htten Sie sie ja doch
so wie so nicht rauchen knnen! Selbstverstndlich!

KOPELKE: Ja, un denn -- na ja! wat ick also noch sagen wollte! ... Se
mee'n, mit det Kind, mee'n Se?

WENDT: Ja! Ich ... e ... Sie knnen sich ja denken, wie mich das
unmglich gleichgltig lassen kann! ... Der Arzt scheint sich ja,
wenigstens so viel ich darber weiss, berhaupt nicht ussern zu wollen
...

KOPELKE (klopft sich mit der Cigarre auf dem Daumen herum): Ja, wissen
Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich
verdenken! Denn, Se knn'n sagen, wat Se wollen -- ick bin man sozesagen
'n ganz eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann 'k Ihn'n sagen: mit
det Kind is't retour jejangen! Schon wenn se een'n immer so anseht,
verstehn Se! -- wahhaft'jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch
jehn!

WENDT (finster): Hm ... Also Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt?

KOPELKE (ausweichend): Jott! _det_ nu jrade! _Det_ will ick nu jrade
nich gesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier
den Leiten an't Neethichste, wissen Se! (Macht die Bewegung des
Geldzhlens). Die kennen ooch man nich immer so, wie se wollen!

WENDT (geht erregt ein paar Mal auf und ab): Ach Gott, ja! .... Na! Es
wird ja mal .... anders werden!

KOPELKE: Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag't ja
wol noch jehn! Ja. Det liebe Jeld! ... Nehm'n Se _mir_ mal zun Beispiel!
Ick wah ooch nich uf'n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste
in de Schule! Wat meen'n Se woll?! .. Abber de Umstnde, wissen Se! de
Umstnde! Et half nischt! Vater liess mir Schuster weer'n! ... Freilich,
mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen
Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujeniren den kleenen Mann! ...
Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so 'ne verfehlte Existenz nennt!
Nu bin ick sozusagen alles un janischt! ... Ja! ... Da bring 'k mal
een'n durch'n Prozess, da wird mal'n bisken jeschustert, dann mal mit de
Homopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so
kommt, verstehn Se! Ja! ... Freilich! Se haben alle nischt, die armen
Deibels, den'n ick ....

   (Die Uhr schlgt sechs.)

Wat?! Sechsen schon?! Hurrjott! ... (Wickelt sich schnell den Shawl um)
... den'n ick jeholfen hab', meen' ick! ... (Umhersehend): Hanschuh'n
hat ick ja wol zufllig keene nich jehappt? ... Na, abber man krepelt
sick so durch! (Wendt's Hand schttelnd): Wah mich sehr anjenehm,
werther junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ..... Dunnerwettstock, det
wird ja die allerheechste Eisenbahn! (Macht ein paar eilige Schritte auf
die Corridorthr zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um): Na,
ick kann ja denn ooch man jleich hinten rum! (Schon in der Kchenthr):
Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh
seh ick Ihn' doch noch?

WENDT: O, danke, danke! Natrlich!

KOPELKE: Scheeniken! Atchee! (Klinkt die Kchenthr auf.) 'n Abend, Frau
Selicken!

FRAU SELICKE (hinter der Scene in der Kche): Was? Sie wollen schon
gehn?

KOPELKE (whrend er die Kchenthr wieder hinter sich zudrckt): Na, wat
meen'n Se woll? ...

WENDT (einen Augenblick allein. Sieht sich zuerst aufathmend im Zimmer
um und tritt dann vorsichtig an das Bett Linchens. Eine kleine Weile
beobachtet er sie, dann klingelt es pltzlich im Corridor und er geht
hastig aufmachen): Ah, endlich!

TONI (tritt ein. Sie trgt ein grosses, in ein schwarzes Tuch
eingeschlagenes Bndel vor sich her. -- Sie ist mittelgross, schlank,
aber nicht schwchlich. Blond. Schlichter, ein wenig ernster
Gesichtsausdruck. Einfaches, dunkles Kleid, langer, braungelber
Herbstmantel. Schwarze, gestrickte Wollhandschuhe).

WENDT (mit ihr zugleich eintretend und nach dem Bndel fassend): Geben
Sie!

TONI (abwehrend): Ach, lassen Sie ... ich kann ja ...

WENDT (nimmt ihr das Packet ab): Geben Sie doch! (Indem er es auf's
Sopha trgt). Und das haben Sie vom Alexanderplatz bis hierher getragen?

TONI (sich die Handschuhe ausziehend, nickt lchelnd. Etwas
scherzhaft-wichtig): Getragen! Ja!

WENDT: Bei der ....?

TONI: Nun -- ja! Es war etwas unbequem bei der Klte! (Hat die
Handschuhe auf den Tisch zwischen das Kaffeezeug gelegt und tritt nun,
indem sie sich ihren Mantel aufknpfelt, an das Bett Linchens) Sie
schlft? Ach, das arme Puttelchen! (Ist wieder etwas zurckgetreten).
Aber ... nein! Ich will doch erst lieber .. ich habe die Klte noch so
in den Kleidern! (Zu Wendt, der ihr jetzt behilflich ist, den Mantel
abzulegen). Danke, danke schn, Herr Wendt! Wollen Sie so gut sein, da
an den Nagel? (Reicht ihm auch noch ihren Hut hin und stellt sich nun an
den Ofen). Ach, ist der schn!

WENDT (der ihr unterdessen Hut und Mantel an die kleine Kleiderknagge
zwischen der Korridorthr und dem Wandschirm gehngt hat): Wissen Sie
auch, Frulein Toni, dass ich heute schon auf Sie gewartet habe?

TONI: Ach nein! Wirklich? Auf mich?

WENDT (hat sich, die Arme gekreuzt, mit dem Rcken gegen den Tisch, ihr
gegenber gestellt, aber so, dass das Licht der Lampe noch auf sie
fllt): Ja! Und ... na? Rathen Sie mal, weshalb!

TONI (lchelnd): Ach, das rath' ich ja doch nicht! Sagen Sie's mir
lieber!

WENDT: Ja? Soll ich's sagen?

TONI: Ja!

WENDT (zieht sich wieder das Papier aus der Tasche und reicht es ihr):
Na ... da! Lesen Sie mal!

TONI: Was denn? (Sie hat sich, noch immer am Ofen, mit dem Papier etwas
gegen die Lampe gebckt und liest nun): Ah! Grade heute zum heil'gen
Abend! (hat das Papier sinken lassen und sieht einen kleinen Augenblick
in die Lampe. Langsam, leise): Ja! Das ist ja recht schn! Da knnen Sie
sich recht freuen!

WENDT: Nicht wahr?

FRAU SELICKE (aus der Kche, deren Thr sie eben aufgemacht hat): Toni?
Wo bleibst Du denn so lange? (Mit einem Blick auf das Bndel auf dem
Sopha) Ach, Du hast wieder ... Armes Mdchen! ... Wart'! Ich bring Dir
gleich noch 'n bischen heissen Kaffee! (Sie will wieder in die Kche
zurck.)

TONI (die unterdessen das Papier auf den Tisch gelegt hat, auf sie
zutretend): Mutterchen?! -- Wart' mal! ... Hier! (Man hrt Geld
klappern.) Eins -- zwei -- drei ...

FRAU SELICKE: Ach, Gott ja! .. Das liebe Bischen ... das wird wieder weg
sein, man weiss nicht, wie!

TONI: Ist denn der Arzt dagewesen?

FRAU SELICKE: Ach, nein! Du weisst ja! Der alte Kopelke!

TONI: So? Was sagt er denn?

FRAU SELICKE: Bist Du ihm nicht unten begegnet? Er sagt ... (zuckt die
Achseln) nichts Bestimmtes! Man wird ja aus keinem Menschen mehr klug!
(Pltzlich) Ach Gott! Ich hab' so eine Ahnung! Du sollst sehn: wir
behalten sie nicht! (Schluchzt.)

TONI (trstend): Ach Gott! Mutterchen! (Nach einer Weile). Ist denn der
Vater noch nicht da?

FRAU SELICKE (wieder beruhigt): Ach, der!

TONI (abermals nach einer kleinen Pause): Und die Jungens?

FRAU SELICKE: I! die wollten 'n vom Komptoir abholen! Aber die treiben
sich ja doch wieder auf dem Markt rum, die Schlingels! Das is ja doch
die Hauptsache! Die knnen's auch nich satt kriegen! ... Na, ich will
nun ... Du bist ja ganz durchfroren! (Geht wieder in die Kche zurck).

TONI (die wieder zum Ofen getreten ist): Dann .... dann reisen Sie nun
wohl bald?

WENDT (der unterdessen an's Fenster getreten war und die ganze Zeit ber
auf den Hof hinab gesehn hatte. Er hat sich wieder umgedreht und sieht
nun, sich mit den Hnden hinten aufs Fensterbrett sttzend, wieder zu
Toni hinber): Ja! Morgen!

TONI (leicht erschreckt): Morgen schon?

WENDT: Ja!

TONI (nach einer kleinen Pause): Ach, die Handschuhe! (Holt sie sich und
tritt mit ihnen an das kleine Tischchen links, in dessen Schublade sie
sie hineinthut. Lchelnd): Sehn Sie mal! Da hat er wieder den _Spiegel_
neben's Bauer gestellt .... Der Vogel soll denken, es is noch'n andrer
da, mit dem er sich unterhalten kann .... Der Vater spricht mit dem
Vogel, als wenn er ein Mensch wr'!

WENDT (ist vom Fenster weggetreten und steckt sich nun das Papier vom
Tisch wieder in seine Rocktasche): Ja! ja! ...

TONI: Hm? ... Mtzchen! Mtzchen! ... Ordentlich zrtlich ist er mit
ihm! Der Vater ist ein grosser Thierfreund!

WENDT (der unterdess auf sein Zimmer links im Vordergrund zugegangen
ist, sieht ihr, die Hand auf der Klinke einen Augenblick lang
unentschlossen zu. Zgernd): Ja! ich ....

TONI (ihn unterbrechend): Ach, sagen Sie doch! Wie spt ist's denn? (Mit
einem Blick auf den Regulator) der kann doch unmglich richtig gehn?

WENDT (der jetzt die Thr aufgeklinkt hat): Etwas nach Sechs!

TONI: Nach Sechs? Da msste er doch nun ... (Seufzt.)

   (Wendt geht langsam in sein Zimmer. -- Toni, die ihm nachgesehn hat,
   bleibt einen Augenblick in Gedanken stehen, seufzt und geht wieder
   auf den Sophatisch zu. Sie nimmt das Bndel auf den Teppich runter
   und knotet es auf. Frau Selicke kommt mit dem Kaffee.)

FRAU SELICKE: Hier! Nu trink erst! (Setzt die Kanne auf den Tisch.)

TONI (die sich vor dem geffneten Bndel auf dem Teppich niedergekauert
hat): Ja. Gleich!

FRAU SELICKE (hat sich leicht auf den Sophatisch gesttzt und sieht ihr
zu): Mntel? ... Da kannst Du wieder die ganzen paar Feiertage sitzen!
Ach ja! Du hast doch auch gar nichts von Deinem Leben!

TONI (immer noch mit dem Ordnen der Zeugstcke beschftigt): Na! 's ist
doch wenigstens ein kleiner Nebenverdienst!

FRAU SELICKE (aufseufzend): Ach ja, ja!

TONI: Aber ein _Leben_ auf den Strassen? Kaum zum Durchkommen!

FRAU SELICKE (nickend): Das glaub ich! ... Du wirst Dich schn haben
schleppen mssen mit dem alten Bndel! Bist Du denn nich wenigstens ein
Stck mit der Pferdebahn gefahren?

TONI: Ach, Alles voll! Alles voll! Da war gar nicht anzukommen!

FRAU SELICKE (ihr die Tasse zuschiebend): Aber Du trinkst ja gar nicht!
Trink doch erst!

TONI: Ja! (Erhebt sich und schenkt sich den Kaffee ein. Ihn schlrfend,
von der Tasse zu Frau Selicke aufsehend): Schn warm!

FRAU SELICKE: Bist Du der Mohr'n vorhin begegnet?

TONI: Ja, auf der Treppe! Sie hielt mich an!

FRAU SELICKE: Sie wollte mal wieder horchen? Nicht wahr?

TONI: Ja! ... Sie fing natrlich von Linchen an! Und, was wir diesmal
fr'n schlechtes Weihnachten durchzumachen htten und so, na Du weisst
ja!

   (Sie bckt sich wieder zu ihren Mnteln.)

FRAU SELICKE: Nein, solche Menschen! Um was die sich nich alles kmmern!

TONI: Na, von mir bekommt sie nichts raus!

FRAU SELICKE: Die mgen schn ber uns schwatzen! .... Solche Menschen!
Die sollten sich doch lieber an ihre eigene Nase fassen! Die! Die trinkt
Bier wie'n Kerl! Den richtigen Bierhusten hat sie schon! Hast Du noch
nicht gemerkt?

TONI: Na, ja! Lass doch man, Mutterchen! Lass sie alle machen, was sie
wollen! Sie geben uns ja doch nichts dazu! (Ist aufgestanden und steht
nun, die Hnde unter der Tischplatte, da.) Rck doch mal'n bischen den
Tisch! Ich mchte mir da die Mntel zurecht legen! (Frau Selicke hilft
ihr.) Der Vater kann doch jetzt unmglich mehr auf dem Komptoir sein?

FRAU SELICKE (hat vom Tisch wieder ihren Strickstrumpf aufgenommen und
sich die Brille aufgesetzt. Vom Stuhl vor dem Bette Linchens her): I,
ich dachte gar! ... Wer weiss, wo der jetzt wieder steckt!

TONI (hinter dem Tisch auf dem Sopha die Zeugstcke ordnend): Na, er
wird auf dem Weihnachtsmarkt sein und ein bischen etwas einkaufen, fr
Linchen!

FRAU SELICKE: I, jawohl doch! Und .... du lieber Gott, was soll nicht
alles von den paar Groschen bezahlt werden! Wer weiss brigens, ob er
diesmal so viel zu Weihnachten kriegt wie sonst! .... Er thut wenigstens
so! .... Das heisst, auf den kann man sich ja nie verlassen! Der sagt
einem ja nie die Wahrheit! .... Andre Mnner theilen ihren Frauen alles
mit und berathen sich, wie's am besten geht, aber unsereiner wird ja fr
garnichts stimirt! Der weiss ja alles besser! ... Nein, so ein
trauriges Familienleben, wie bei uns .... Pass mal auf: Der hat heute
wieder ein paar Pfennige Geld in der Tasche und kmmt nu vor morgen frh
nich nach Hause!

TONI: Na, ich dachte gar! ... das wre doch! ... Heute!

FRAU SELICKE: Na, du wirst ja sehn! Vergang'ne Nacht hat mir wieder mal
von Pflaumen getrumt, und dann kann ich jedesmal Gift darauf nehmen,
dass es Skandal giebt!

TONI: Ach Gott! darauf kann man doch aber nichts geben!

FRAU SELICKE: Na, pass auf! Meine Ahnungen trgen mich nie!

TONI: Aber wie kann man blos so aberglubisch sein, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Aberglubisch? Nein, gar nicht! Ich bin garnicht
aberglubisch! Aber es ist doch komisch, dass es bis jetzt jedesmal
eingetroffen ist!

TONI: Ach, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Nein, nein! Du sollst sehen! Ich kann mich heilig darauf
verlassen! (weinerlich) Pass mal auf! Pass mal auf!

TONI: Ach siehst Du, Mutterchen! Wenn Du Dich vorher schon immer so
ngstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach's wie ich!
Lass ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Wort! ... Lass ihn
rsonniren, soviel wie er will! Einmal muss er dann doch aufhren und
durch sein Rsonniren wird es ja doch nicht besser.

FRAU SELICKE: Ach Gott ja! Eigentlich ist's auch wahr! Man msste
garnich drauf hren! Wenn ich nur nich so nervs wre! Wenn ich ihn dann
aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen
Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein
unmglich! .... Dann luft mir jedesmal die Galle ber!

TONI: Siehst Du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Lass ihn
schimpfen, die Augen rollen, Fuste machen: Du musst es gar nicht
beachten! Schliesslich thut er ja doch nichts! ... Siehst Du, Du musst
mich nicht falsch verstehn! aber ich glaube, Du hast ihn von Anfang an
nicht recht zu behandeln gewusst, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Ja! 's is auch wahr! ... Er htte nur so eine recht
resolute haben sollen!

TONI: Ach, nein! So meinte ich's nicht! ... Ach!

FRAU SELICKE: Nein! 's ist ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nun
nicht empren! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiss nich vor
Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! und dann
soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das _kann_ ich
einfach nicht! Das _kann_ ich nicht!! ....

TONI (seufzend): Aber dann wrde er sicher anders sein, wenn Du Dich ein
bischen zwngst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar
nicht so schlimm, wie er thut!

FRAU SELICKE: Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt!
Ich _kann_ mich nicht berwinden, freundlich mit ihm zu sein!

TONI: Ach ja, ja! (Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr
Nhzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sophatisch und beginnt zu
nhen.)

FRAU SELICKE: Willst Du heute noch nhen?

TONI: Ja, ein bischen!

FRAU SELICKE: Ach! das ist nun Heiligabend! Das sind Festtage! .... So
ein trauriges Weihnachten haben wir wirklich noch nie gehabt!

TONI: Na! Eine kleine Freude macht er Linchen und den Jungens doch! Und
wir Andern? Liebe Zeit! ...

FRAU SELICKE (ghnt): Ach, bin ich -- mde! ... Nchtelang hat man kein
Auge zugethan und mein Fuss thut auch wieder so weh ....

TONI: Ja! Leg Dich ein bischen hin, Mutterchen! Du strengst Dich
berhaupt viel zu sehr an! Das solltest Du gar nicht!

FRAU SELICKE: Ja ja! Du hast eigentlich auch recht! Ich will mich 'n
bischen schlafen legen! (zum Bett hin.) Ach, mein Muschen! (Ist
aufgestanden, hat ihr Strickzeug zusammengewickelt und es mit der Brille
auf den Tisch gelegt.) Heute Nacht hat man ja doch wieder keine Ruhe!
Das weiss ich schon! Ach ja! ... (Ghnt. Schon in der Kammerthr.) Ja,
und nun geht Herr Wendt auch schon zu den Feiertagen, und eh' man dann
wieder 'n Miether kriegt! .... Ach Gott ja! ... Na! ... (verschwindet in
der Kammer.)

TONI (ber ihre Arbeit gebckt, allein. Pause. Ab und zu seufzt sie.
Fernes Glockengelute, das eine Zeit lang whrend des Folgenden
fortdauert. -- Es klopft an Wendt's Thr. Toni zuckt leicht zusammen.
Dann): Herein?

WENDT (tritt ein): Stre ich?

TONI: O nein! ... Wnschen Sie etwas?

WENDT (zum Tisch tretend): Ich? ... Nein! (Sieht ihr einen Augenblick
zu.) Sie arbeiten heute noch?

TONI: Ja! 's hilft nichts! Ich muss in den Feiertagen damit fertig
werden!

WENDT: In den Feiertagen? ... Mit ... mit all den Mnteln da?

TONI (lchelnd): Ja! Ein tchtiges Stck Arbeit ist es! .. Hren Sie?
Die schnen Weihnachtsglocken!

WENDT (whrend er sich ebenfalls einen Stuhl holt und diesen neben den
Tonis stellt): Ja! Die Weihnachtsglocken! Die Weihnachtsglocken!

TONI: Hren Sie das Glockengelute nicht gern?

WENDT: Die Berliner Glocken sind schrecklich! So eilig! So ... so ...
eh! (macht eine Handbewegung.)

TONI: Wie?

WENDT: Ach! So -- nervs, mein ich!

TONI: Nervs? Ach!

WENDT: Nein! Ich hre die Glocken hier nicht gern!

TONI: Sie wollen doch aber nun Pastor werden?

WENDT: Ja!

TONI: Zu Weihnachten klingen sie immer schn, find' ich! ... Als ich
noch ganz klein war, ging der Vater mit uns am ersten Feiertag Morgen in
die Christmette. Ganz frh. Wir wurden dann tchtig eingemummelt und
jedes hatte ein kleines Wachsstckchen. Das wurde in der Kirche
angezndet, und wenn wir dann wieder nach Hause kamen, kriegten wir
bescheert. Ich muss immer daran denken, wenn ich hier zu Weihnachten die
Glocken hre! ... Freilich so schn klingen sie nicht, wie bei uns zu
Hause!

   (Kleine Pause. Man hrt nur ein wenig strker und nher das
   Gelute.)

WENDT (ein wenig erregt): Ach ja! Das ... damals ... damals waren sie
... Weihnachten war schner damals! ... Hm! -- (Beugt sich zu ihr hin,
ohne sie anzusehen.) Toni! Sagen Sie mal!

TONI: Wie?

WENDT: Ich meine ... hm! Ja! Ich musste -- nur eben wieder daran denken
-- dass ich nun morgen, morgen schon von hier fortgehe!

TONI (ohne aufzusehn): Ja! Sie bekommen ja nun -- eine Stellung!

WENDT: Eine Stellung! (Sich zurcklehnend) Komme nun, sozusagen, in
geordnete, brgerliche Verhltnisse. Ja! Eine Landpfarre!

TONI: Auf's Land kommen Sie?

WENDT: Ja, auf's Land! Auf's Land!

TONI: Ach, das muss Ihnen gewiss recht angenehm sein! Es hat Ihnen ja so
wie so nicht mehr recht hier in der Grossstadt gefallen!

WENDT: Ja, man lernt hier so viel kennen! ... Aber nun! Landpastor also!
... Eine lange Pfeife, wie der Herr Kopelke sagt, eine Bienenzchterei
und ... und hahaha!

TONI (sieht auf): Sie sagen das so sonderbar! Sind Sie mit Ihrer
Stellung nicht zufrieden?

WENDT: Ach, das ... das ist ja gleichgltig!

TONI: Gleichgltig?

WENDT: Ach, das ... Es knnte freilich -- unter Umstnden -- recht schn
sein! (Sieht Toni pltzlich voll an, diese bckt sich noch tiefer ber
ihre Arbeit.) Aber ich wollte ja ... Ich meinte ... (er beugt sich
wieder zu ihr hin.) Alle die Mntel mssen Sie nun also in den --
Feiertagen nhen?

TONI (leise ernst): Ja! Es macht freilich so mehr Mhe mit der Hand!
Aber mit der Nhmaschine geht's jetzt nicht, wo Linchen krank ist.

   (Pause.)

Ja, das wird nun ...

WENDT: Wie meinen Sie?

TONI: Zwei Jahre haben ... Sie nun ... hier gewohnt!

WENDT: Aber die Handarbeit ... das fortwhrende Nhen muss doch Ihre
Gesundheit sehr angreifen!

TONI (mit einem Lcheln): Ach, ich bin nicht schwchlich! Man muss nur
Ausdauer und ein bischen Geduld haben.

WENDT (sich zusammenraffend): Geduld ... Ja! Toni! Ich wollte Sie nun
etwas fragen! ... Ich habe schon einmal ... Sie nahmen's damals fr
Scherz ... und ich sah damals auch ein, dass ich noch kein Recht hatte
... Aber jetzt kann ich Sie ja mit mehr Recht fragen ... Jetzt, wo ich
in -- geordnete Verhltnisse komme! Ich meine ... wollen ... wollen Sie
mir auf meine -- Landpfarre folgen? (Das Gelute hrt auf.)

TONI: Sie ... ob ich -- Ihnen ...

WENDT: Ja! Ob Sie mir jetzt folgen wollen?

TONI: Ach ... (Sie bricht in Thrnen aus.)

WENDT: Sie weinen?!

TONI: Warum ... das ist -- nicht Recht von Ihnen, dass Sie wieder davon
-- sprechen!

WENDT: Nicht Recht?! ... Warum?! ... Toni! Jetzt?

TONI: Das -- geht ja doch nicht! Das geht ja nicht!

WENDT: Das -- geht nicht?!

TONI: Nein! ... Ach Gott!

WENDT: Aber warum denn nicht?

TONI: Ach Gott!

WENDT: Es geht Toni! _Jetzt geht es!_ ... Wissen Sie: in diesen Tagen
fand ich hier ein Buch!

TONI: Ein ... Buch?

WENDT: Ein einfaches Bchelchen! ... Zwei Bogen gelbes Conceptpapier in
ein Stck blaue Pappe geheftet. Mit solchem weissen Zwirn da! Jemand
hatte es hier liegen lassen, aus Versehn!

TONI (sehr verwirrt): Ein ... das ...

WENDT: Ich habe darin gelesen! ... Es waren allerlei Notizen darin!
Tagebuchnotizen! Selbstbekenntnisse, die Eine fr sich gemacht hatte,
die immer so still und bescheiden ist, alles mit sich selbst im stillen
abmacht und auskmpft! ...

TONI (weint heftiger): Ach! ... Warum haben Sie darin gelesen?

WENDT (rckt nher zu ihr und sucht ihr in's Gesicht zu sehen): Ich war
sehr, sehr glcklich, als ich das Alles las!

TONI: Ach! Ich ... aber ich _darf_ doch hier nicht fort!

WENDT: Du _darfst_ nicht?! Toni! Bist Du ... ich meine: Kannst Du's hier
-- aushalten?! Bist Du hier glcklich?!

TONI (immer noch weinend): O Gott! O Gott!

WENDT (sehr erregt): Nein! Nein! Das ist unmglich, Toni! ... Ich habe
vorhin, drin in meinem Zimmer, gehrt, was Du mit Deiner Mutter
sprachst! Ich habe mehr als zwei Jahre hier gewohnt und alle die Scenen
mit angehrt, die furchtbaren Scenen! ... ich habe Euer ganzes,
unglckliches Familienleben kennen gelernt! Zwei Jahre lang hab' ich das
Alles gehrt und gesehen! Zwei Jahre lang! Und es hat mich ... (Sthnt
auf.) Und Du! Wenn man denken muss: zweiundzwanzig Jahre hast Du in alle
dem Elend gelebt und hast es ertragen mssen! Zweiundzwanzig Jahre! ...
Herr mein Gott! Zweiundzwanzig Jahre!

TONI (verlegen -- trotzig): O, der Vater ist gut ... ein bischen
aufbrausend, aber ... Ach Gott! (Schluchzt.)

WENDT (verbittert): Gut! Gut! (Lacht auf, zornig.) Nein! Nein! Du
_darfst_ nicht lnger bleiben! Du _darfst_ nicht lnger in diesem
traurigen Elend leben! Hrst Du! Du verdienst das nicht! Du passt nicht
hierher?

TONI: Aber ich ...

WENDT: Hast Du denn gar kein Bedrfniss nach Glck?!

TONI (schchtern, forschend): Glck?! Ich -- weiss nicht! ... Ich --
verstehe Sie nicht!

WENDT: Ach, ich spreche da! Ich ... ich meine: hast Du denn nicht
manchmal den Wunsch gehabt, hier wegzukommen, in ruhige, schne
Verhltnisse? Wo Du nicht Tag fr Tag -- Herrgott! -- _Tag fr Tag!_ all
das Elend hier vor Augen hast? Wie?

TONI: Aber ...

WENDT (leise, etwas hhnisch): Ich habe auch _davon_ etwas in dem
kleinen, blauen Bchelchen gelesen! Siehst Du? Ich kenne Dich ganz
genau! Du bist auch nur ein Mensch!

TONI: Ach! Warum haben Sie nur ... (Weint von neuem.)

WENDT (fortgerissen): Nein! Es ist ja hier .... Das _kann_ ja kein
Mensch _ertragen_! Dein Vater: brutal, rcksichtslos, Deine Mutter:
krank, launisch; beide eigensinnig; keiner kann sich berwinden, dem
andern nachzugeben, ihn zu verstehen, um ... um der Kinder willen!
Selbst jetzt, wo sie nun alt geworden sind, wo sie mit den Jahren
vernnftiger geworden sein mssten! Die Kinder _mssen_ ja dabei zu
Grunde gehn! Und das ist _ihre Schuld_, die sie gar nicht wieder gut
machen knnen! Einer schiebt sie auf den andern! Keiner bedenkt, was
daraus werden soll! ... Und das nun schon lange, schrecklich lange Jahre
durch! Dabei Krankheit und Sorge ... Furchtbar! Furchtbar!! Wenn man
sich in den Gedanken versenkt ... tt! ... Nein, das ist alles zu, _zu_
schrecklich! Das sind keine vernnftigen Menschen mehr, das sind ... Ae!
Sie sind einfach jmmerlich in ihrem nichtswrdigen, kindischen Hass!
... (Ist aufgesprungen und geht nun mit grossen Schritten im Zimmer
umher.)

TONI (schluchzend): O, wie knnen Sie nur so von Vater und Mutter
sprechen! Sie sind Beide so gut! Wie knnen Sie das nur sagen!

WENDT (sich mssigend. Setzt sich wieder zu ihr, den Stuhl noch nher zu
ihr rckend): O, ich ... t! ... _Hre_ doch nicht, was ich schwatze! Ich
..... Nein! Ich meine ... Du kannst doch _unmglich_ hier _bleiben_! ..
Weine doch nicht, liebe Toni! Missversteh mich doch nicht! Ich meinte ja
nur! ... Sieh mal! Du musst Dich ja bei all' dem Elend _aufreiben_! Es
ist unertrglich, geradezu _unertrglich_, dass Du -- Du! -- hier
verkmmern sollst! ... Und mach Dich doch nicht strker, als Du bist,
Toni! Ich _weiss_ es ja, Toni! Siehst Du? Ich _weiss_ es ja, dass Du
Dich hier heraussehnst!

TONI: O, wenn man mal ... 'n bischen ... ungeduldig ist! ... Das habe
ich nur so -- hingeschrieben!

WENDT: Nur so ...? Ach was! Das glaubst Du ja selbst nicht, Toni! Das
war ja ganz natrlich?! Ganz berechtigt?!

TONI: Ach sprechen Sie doch nicht mehr davon! ... Ich bitte Sie! ...
Sprechen Sie nicht mehr davon!

WENDT: Siehst Du? Du hast Angst, das zu hren! Aber doch! _Grade_ musst
Du das hren! Die Aufopferung muss doch ihre Grenze haben! ...
Zweiundzwanzig Jahre! Einen Tag nach dem andern, Jahr aus, Jahr ein,
immer dasselbe Elend, dieselbe Noth! Das ist ja geradezu der pure
Selbstmord! Nein! Du _musst_ hier fort! Du hast ein _Recht_, an Dich und
Deine Zukunft zu denken! ... Warum sollst Du hier verkmmern?! Warum?!
Was kann Dich dazu verpflichten?! ... Was hat Dein Vater und Deine
Mutter _gethan_, dass sie das verdienen?! Nun?! ... Haben Sie an Deine
Zukunft gedacht?!

TONI: Ich ... ich weiss nicht! ... Ach, reden Sie doch nicht so! Sagen
Sie doch _das_ nicht!

WENDT: Heute, am heiligen Abend, sitzst Du da in Angst und Bangen, wo
sich Jeder freut, und flickst Dich krank! Nein! Das ist -- emprend!!
Das ... Sieh mal, Toni! Warum sollte es nicht gehn? Thust Du ihnen denn
nicht selber einen Gefallen? Es muss ihnen doch nur lieb sein, wenn Du
versorgt bist?! Wenn sie einen Esser wen'ger haben? Ist Dein Vater
nicht vielleicht grade deshalb so, weil er sich ber Deine Zukunft Sorge
macht? Hat er Dir nicht mehr wie einmal vorgeworfen, dass Du noch hier
bist?

TONI: O, das _meint_ er ja nur so!

WENDT: Soso!

TONI: Und dann ... die Mutter! Ich kann doch die Mutter nicht hier so
allein lassen? Sie ist so krank und schwchlich! Sie kann mich garnicht
mehr entbehren!

WENDT (eifrig, fasst ihre Hand): Ach, was _das_ anbetrifft; sieh mal ...

TONI (horcht auf): Warten Sie mal! (Entwindet ihm ihre Hand, steht auf
und schleicht sich auf Spitzzehen zum Bett hin. Einen Augenblick
beobachtet sie die Kranke, dann kehrt sie wieder zurck.) Nein! ... Ich
dachte ... Linchen ... (Pause) ... Und ... (weint noch heftiger).

WENDT (hat sie die ganze Zeit gespannt beobachtet und bricht nun
seufzend zusammen): Ach Gott ja! (Sich auf seinem Stuhl wieder
aufrichtend) Sieh mal! Was _das_ anbetrifft ... und ... Linchen ... Du
meinst Linchen? ... O, sie ist ja in den letzten Tagen ... man kann doch
unmglich sagen, dass es grade schlimmer mit ihr geworden ist! ..
(schneller) Sieh mal! Wenn sie Dich nun versorgt wissen, ist ihnen doch
schon eine grosse Last genommen! Und dann knnten wir sie ja auch
untersttzen, nicht wahr? Und wenn erst ihre _ussere_ Lage etwas besser
ist, dann ist ja auch Vieles, Vieles gleich ganz anders! Und dann ...
ja, dann sind sie ja auch mit den Jahren -- dieses Zusammenleben so
gewohnt geworden! Nicht wahr? Sie wrden vielleicht etwas _entbehren_,
wenn sie's anders htten auf einmal, ich meine -- versteh' mich! -- wenn
sie's _ganz_ anders htten! ... Der Mensch gewhnt sich ja an das
Allerunglaublichste!

TONI: Ach, nein ... nein ...

WENDT (in hchster Aufregung, sich aber noch fassend): Toni! ... Ich
weiss nicht, Du hast so viele Bedenken, so viele ... Sag's! Sag's grade
raus! Hast Du das vielleicht -- _auch_ nur so geschrieben, dass ... dass
Du ... mich lieb hast? _Kannst_ Du mir nicht folgen, weil ... Du mich
... nicht lieb hast?

TONI: Ob ich Dich ...? Aber ... o Gott! Was sag' ich!

WENDT (freudig): O, nicht wahr? (Drckt ihr die Hand.) Liebe!

TONI (schluchzt nur).

WENDT (wieder sehr erregt): Und dann, liebe Toni, siehst Du? muss ich
Dir noch _etwas_ sagen! Ich bin ... ich weiss nicht ... aber Du musst
mich _recht_ verstehen, ich ... ich bin so gut wie -- todt! (Toni sieht
ihn erschrocken an und rckt in naivem Schreck unwillkrlich ein wenig
von ihm ab. Hat aufgehrt zu weinen. Wendt spricht das Folgende immer
noch in grsster Erregung wie zu sich selbst.) Als ich zu studiren
anfing, da war ich frisch und lebendig, voll Hoffnung! Da glaubte ich
noch an meinen Beruf! Da hatte ich noch Ziele, fr die ich mich
begeisterte! ... Aber das hat sich alles gendert! ... Seitdem ich
hierher gekommen bin in dieses ... in die Grossstadt, mein' ich ... und
all das furchtbare Elend kennen gelernt habe, das ganze Leben: seitdem
bin ich -- innerlich -- so gut wie todt! ... Ja! Das hat mir die Augen
aufgemacht! ... Die Menschen sind nicht mehr das, wofr ich sie hielt!
Sie sind selbstschtig! Brutal selbstschtig! Sie sind nichts weiter als
Thiere, raffinirte Bestien, wandelnde Triebe, die gegen einander
kmpfen, sich blindlings zur Geltung bringen bis zur gegenseitigen
Vernichtung! Alle die schnen Ideen, die sie sich zurechtgetrumt haben,
von Gott, Liebe und .. eh! das ist ja alles Bldsinn! Bldsinn! Man ..
man tappt nur so hin. Man ist die reine Maschine! Man ... eh! es ist ja
alles lcherlich! (Mit einer hastigen Bewegung zu ihr.) Siehst Du, liebe
Toni! Deshalb _kannst_ Du und _darfst_ Du einfach gar nicht Nein
sagen! Du bist meine einzige Rettung! ... Ich knnte ohne Dich keinen
_Tag_ mehr leben, oder ich msste verrckt werden, einfach verrckt! Du
... Du bist das Einzige, woran ich nicht zweifle! Alles Andre versteh'
ich! Alles Andre ist mir so unheimlich klar und durchsichtig! Aber Du
... Du?! ... Wenn ich Dich so sehe, so still leidend, so geduldig, da
... mcht' ich Dich -- haben!! ... fr Dich leben, verstehst Du? Und ...
Alles Andre ... hahaha! ... ich pfeife, pfeife drauf! ... Nur Du ...
Du!! ... (Sieht sie an, kommt pltzlich wieder zu sich und springt auf.)
Du! ... Was ... was hab' ich -- gesprochen? Du weinst?! Mdchen! ...
Herrgott! (Rckt ganz nahe zu ihr. Spricht das Folgende sehr sanft.)
Ach, siehst Du! Das war ja alles Unsinn, Thorheit! Ich weiss nicht ...
tt! ... Ich meinte ... siehst Du? ... man lernt so viel kennen in der
Welt, was einen niederdrckt, missmuthig macht ... so _manchmal_, mein
ich! ... Nicht wahr? ... Deshalb wirft man ja aber doch die Flinte nicht
gleich in's Korn?! ... Das geht Allen so! ... Ich meinte nur: wenn zwei,
so wie wir, sich zusammenthten, dann wrd' es ihnen leichter, das Leben
zu ertragen! ... So meint' ich! ... Ich habe da ... ich weiss nicht, wie
ich das alles so hingeschwatzt habe! ... Das ist ja alles
selbstverstndlich! ... Es ist ja weiter gar nichts dabei! ... Es ist
ganz einfach! Weine doch nicht mehr, mein liebes, liebes Mdchen! ....
Nein, ich ... ich ... Narr! .... Beruhige Dich! ... Beruhige Dich doch!
... Hrst Du? ... Hab' ich Dich so erschreckt?

TONI (rckt nher zu ihm, schmiegt sich an ihn): Nein ich ... ich
bedaure Dich so!

WENDT (sie an sich drckend): Du -- bedauerst mich?! Mdchen!

TONI: Kannst Du denn dann aber Pastor werden?

WENDT (glcklich): Ach das ... das ist ja eine Form! Das ist Nebensache!

TONI: Aber wenn Du nicht glaubst, dass ... wenn Du nicht an -- Gott
glaubst?

WENDT: An Gott glaubst! ... Die Hauptsache ist, (innig) wir werden uns
dort beide auf dem Lande so wohl fhlen, so wohl! Wir werden so
glcklich sein! Nicht wahr?

TONI: Aber ...

WENDT: Wir leben dann still fr uns in ruhigen, schnen Verhltnissen!
Wir werden ganz andere Menschen sein! Und dann sollst Du sehn, wie ich
den Leuten predigen werde! Der Katechismusgott soll dann erst lebendig
werden, lebendig! ... _Wir verstehen das Leben! Wir wissen, wie
miserabel es ist, aber wir haben dann auch, was mit ihm vershnt! Und
das ist besser als alle Kanzelphrasen, wenn wir das den Leuten
mittheilen._

TONI: Aber ... ich weiss nicht ... wenn Du doch nicht wirklich glaubst
.....?

WENDT: Kein offizieller Glaube, aber ein besserer, lebendigerer! ...
Lass nur! Du sollst sehen! ... Denke Dir: Eine herrliche Gegend!
Laubwald! Berge! Getreidefelder! Stilles, gesundes Landleben! .... Unser
Haus hinter der kleinen Dorfkirche, ganz von Weinlaub umrankt, mitten in
einem grossen Obstgarten mit einem Hhnerhof. Ringsherum eine grosse,
hohe Mauer und dadrin hausen wir, wir beide, ganz abgeschlossen von der
Welt, aber ohne Hass, und das ist die Hauptsache! Und wenn Du mir dann
Sonntags in den Talar hilfst und ich durch den kleinen Friedhof in die
Sakristei spaziere, dann sollst Du einmal sehen, was ich den Leuten
predigen werde! Sie sollen schon mit dem neuen Pastor zufrieden sein!
Nicht?!

TONI (die ihm aufmerksam, vor sich hinlchelnd, zugehrt hat): O, das
wre schn!

WENDT: Ja! Nicht wahr?! Nicht wahr?!

TONI: Aber hier, was sollen sie denn hier anfangen?

WENDT: Ach, das wird dann auch alles ganz anders! Du sollst sehen! ...
Albert hat dann ausgelernt und verdient mit zu. Walter wird ja auch bald
confirmirt und Du, Du bist dann versorgt: dann werden sie nicht mehr
so viel Grund haben ...

TONI: Ach ja! Vielleicht! ... Ach, das wre so schn, so schn!

WENDT: Nicht wahr?!

TONI: Ja, ja! Das ginge! Vielleicht! ... Dann wrde es wohl hier besser
werden!

WENDT: Sicher! Und dann ... Vergiss doch nicht! Dann sind _wir_ ja
_auch_ da!

TONI: Aber Linchen! Wenn Linchen nur nicht immer so krank wre?!

WENDT (hastig): Ach, siehst Du ... sie ... sie ist ja ....

TONI (zusammenschauernd): O Gott, wenn sie stirbt!

WENDT: Stirbt? (Unruhig.) Ach, wie kommst Du nur darauf?

TONI: Ach, weisst Du! Ich (weint) habe so wenig Hoffnung!

WENDT: Aber ich bitte Dich! Du hrst ja!

TONI: Ach ja, ja! ... Sie ist das Einzige, was Vater und Mutter haben!
Sie ist ihre einzige Freude! Wenn _sie_ nicht noch wre ... Siehst Du,
das ngstigt mich so! Das wre zu schrecklich! Zu schrecklich! (Vor sich
hinstarrend.) Wenn sie stirbt und wenn ich dann _auch_ noch fort wre
... (Wirft sich ihm um den Hals.) Ach nein! Nein! Das _geht_ ja gar
nicht! Das _geht_ ja gar nicht! Dann wre hier Alles noch viel, viel
schlimmer ....

WENDT (sie sanft von sich loslsend): Aber wie kommst Du denn nur
darauf, liebe Toni? Es liegt ja gar kein -- Grund vor! Nein! Wir nehmen
sie dann spter _zu_ uns, dass sie sich in der gesunden, schnen Luft
ganz erholen kann! Qule Dich doch nicht immer so! Es wird und _muss_
jetzt alles besser werden! Ich hab's so im Gefhl: wenn alles am
trostlosesten aussieht, wenn es gar nicht mehr schlimmer werden kann,
dann _muss_ sich alles zum Guten wenden! Nein! Du wirst glcklich
werden, wir alle! Du wirst dort auf dem Lande wieder aufleben! Es wird
eine ganz andre Welt sein! ... Du siehst ja alles nur so schwarz an,
weil Du _nie_, _nie_ in Deinem ganzen Leben etwas anderes als die Noth
hier kennen gelernt hast!

TONI (aufseufzend): Ach ja! Das ist vielleicht auch wahr!

WENDT (beugt sich ber sie): Also, nicht wahr, Toni?

TONI: Ja, ja! -- Wenn ...

WENDT: Still! Still! (Ksst sie.) O, nun wird die Welt so schn werden!
So schn!

TONI: Schn? ... Ach Gott ja!

WENDT: Ja! Schn! ... Trotz alledem! (Ksst sie.)

TONI: Lieber! (Erwiedert seinen Kuss.)

WENDT (nach einer kleinen Pause. Scherzend): Fru Pastern!

TONI (lchelnd): Ach Du!




                            Zweiter Aufzug.


                            Zweiter Aufzug.

   (Dasselbe Zimmer. Es ist Nacht, durch das verschneite Fenster fllt
   voll das Mondlicht. Frau _Selicke_ sitzt wieder neben dem Bett und
   strickt, _Toni_ arbeitet am Sophatisch, auf welchem hinter dem
   grnen Schirm die Lampe brennt, _Albert_ sitzt neben ihr, liest,
   blttert und ghnt ab und zu, _Walter_ steht vor'm Fenster, die Arme
   auf das Fensterbrett gesttzt.)

WALTER (vom Fenster weg zu Frau Selicke hin): Mama! Er kmmt immer noch
nich!

FRAU SELICKE (mde, etwas weinerlich): Ach ja! ... Na, heute knnen wir
uns wieder mal auf was gefasst machen.

WALTER (sich an sie drngend, sie umfassend): Mamchen! Biste wieder gut
mit mir? ... Ja? ... Mamchen!

FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... Wenn Du nur nich immer so ungezogen wrst!

WALTER: Ach Mamchen!

FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... 's is schon gut! .... Lass mich nur!

WALTER (immer noch schmeichelnd): Sag, Mamchen! Biste nu aber auch
wirklich _ganz_ gut mit mir?

FRAU SELICKE (lchelnd, abwehrend): Na ja! Ja, Du Schlingel!

WALTER: Armes Mamchen! (Ksst sie und stellt sich dann wieder vor das
Fenster hin. Nach einer kleinen Pause, whrend welcher Albert sich
zurckgelehnt, die Arme gereckt und laut geghnt hat.) Du, Albert! Au,
kuck mal! Drben bei Krgers brennt noch der Weihnachtsbaum!

ALBERT (hat sich faul erhoben und ist langsam, die Hnde in den Taschen,
zum Fenster getreten): Ach wo, Du Peter! Is ja man 'n Licht in der
Kche! Wo soll denn jetzt noch 'n Weihnachtsbaum brennen?

WALTER (ihn unterbrechend): Halt doch mal! Horch mal! Ging -- da nich
die -- Hausthr?! ... (Nach einer kleinen Pause, weinerlich.) Nee! Ach,
nu kann man sich _wieder_ nich hinlegen!

ALBERT (ghnt faul).

FRAU SELICKE: Leg' Dich doch schlafen! Das wehrt Dir doch Niemand!

WALTER: Ach! ... (Wieder nach einer kleinen Pause.) Du, kuck mal,
Albert! Lauter goldne Flinkerchen hier auf'm Schnee! Wah? Das sieht
hbsch aus!

ALBERT (missgelaunt): Ja, ja!

WALTER: Ob e' was mitbringt, Mamchen? 'n Baum?

FRAU SELICKE (ohne von ihrem Strickzeug aufzusehen): Werden ja sehn! ...
(Ghnt.) Hach ja!

WALTER: Ach ja! Ich glaube! ... 'n Baum hab'n wir doch jedes Jahr
gehabt? Morgen frh knn'n wir'n ja immer noch anputzen! Wah, Mamchen?
Un wenn wir'n dann Abends anbrennen ... wah?

FRAU SELICKE (mde, abgespannt): Ja, ja!

WALTER: Na, un' Linchen bringt er doch auch was mit? Linchen?

FRAU SELICKE: Na! Er wird wohl! (Zhlt ihre Maschen, seufzt.)

ALBERT (ist vom Fenster weg wieder auf den Tisch zugetreten): Nee, so'ne
Unvernunft von dem! (Mit einem Blick nach der Uhr.) 's is nu halb Zwei!

TONI (sieht in die Hhe): Sprich mal nich so vom Vater!

ALBERT (sich zu ihr auf's Sopha setzend und sie schmeichelnd um die
Taille fassend): Ach was, Tnchen! Sei man still! ... 's is doch wahr!
Nh mir lieber nchstens mal 'n paar Stege an die Hosen! He? ...

TONI (ihn sanft von sich abwehrend): Ach, nich doch, Albert! Red' Walter
zu und geht beide zu Bett!

FRAU SELICKE (unwillig vom Bett herber): Ja doch! Str' uns nich immer
und leg' Dich lieber hin fr Dein unntzes Schmkern da!

ALBERT: _Na_, was soll man denn machen!

FRAU SELICKE: Statt den ganzen Tag, wenn Du frei hast, hier
umherzuliegen, knntest Du noch 'n bischen Sprachen lernen! Das braucht
'n Kaufmann heutzutage! Aber Du hast nich 'n bischen Lerntrieb!

ALBERT: Ach was, Mamchen!

FRAU SELICKE: Na, mach' doch, was Du willst! Mir kann's egal sein! ...
Mir wird so wie so bald alles egal sein! ... Ueberhaupt! Nenn' mich nich
immer Mamchen! Was denkste Dir denn eigentlich, Du Gelbschnabel?!

ALBERT: Na, liebe Zeit! Was wollt Ihr denn nur! Ich thu' doch meine
Schuldigkeit im Geschft! Da solltest Du erst mal andre junge Kaufleute
sehn!

FRAU SELICKE: Na, ja ja! Is schon gut! Wissen ja! Lass uns nur
zufrieden!

WALTER: Ach, nu kmmt er immer noch nich!

FRAU SELICKE: Leg Dich zu Bett, Walter! Leg Dich zu Bett!

WALTER: Ach nee! Ich kann ja doch nich schlafen, Mutterchen, wenn Vater
nich da is!

FRAU SELICKE: O, und nun auch noch die _Schmerzen_ in meinem _Fusse_!
... Ich knnte laut _auf_schrei'n! ... Weiter nichts wie Elend und Sorge
und Aufregung hat man! Das ist das ganze bischen Leben! Wenn einen der
liebe Gott doch _endlich_ mal erlsen wollte!

ALBERT (geht mit gesenktem Kopfe verdriesslich auf und ab. Die Hnde in
den Taschen seines Jacketts): Nein, das is auch eine Wirthschaft hier!
Wenn man doch erst mal ... he! ... Sitzt man bis spt in die Nacht rein
und wagt kein Auge zuzuthun und am andern Tag is man dann janz kaputt!

FRAU SELICKE: Ach, geh schlafen und predige uns nich auch noch was vor!
... Walter, leg Dich nun hin!

WALTER (Sieht immer noch aufmerksam zum Fenster hinaus): Ach nein,
Mamachen! Ich warte noch!

FRAU SELICKE: Na, warte man ...

ALBERT: Ae was! Ich leg' mich hin!

FRAU SELICKE: Das machste gescheidt!

ALBERT (mrrisch): Jute Nacht!

TONI: Gute Nacht!

ALBERT (nimmt, whrend er am Sophatisch vorbei geht, von diesem eine
Streichholzschachtel, klappert damit und verschwindet in der Kammer,
nachdem er bereits auf der Schwelle ein Zndhlzchen angestrichen und in
das Dunkel hineingeleuchtet hat).

FRAU SELICKE: Walter!

WALTER: Ach, Mamachen!

FRAU SELICKE: Ach was! Dummer Junge! .... Dir thut er ja nichts!

WALTER: O ja!

FRAU SELICKE: Ach, Dummheit! ... Leg' Dich hin! Geh! ...

WALTER: Au, unten kommt einer!

FRAU SELICKE (zusammenfahrend): Kommt e'?!

WALTER (weinerlich): Is 'n andrer!

FRAU SELICKE: Nein, so ein Mann! So ein Mann! ... Das kann er doch
wirklich nich verantworten! ... Walter! Geh' nun!

TONI (hat ihr Nhzeug auf den Tisch gepackt, ist aufgestanden, an's
Fenster getreten und nimmt nun Walter an die Hand): Komm, Walterchen!

WALTER (hat sie von unten auf umfasst und sieht zu ihr empor): Ach, lass
mich doch! Ich hab' ja solche Angst! ... Ich wart' hier lieber am
Fenster!

TONI: Dann geh ich _auch_ nicht schlafen! Na?

WALTER (weinerlich): Ach! -- (Macht sich von ihr nach dem Fenster zu
los.)

TONI: Komm!

WALTER: Gleich! (Sieht durch das Fenster.) Jetzt! (Lsst sich von ihr
nach der Kammer fhren. Schluchzt. Whrend die Thr aufgeht, sieht man
noch das Licht brennen, das Albert sich angesteckt hat. Toni bckt sich,
ksst Walter und drckt dann die Thr wieder zu. Gute Nacht!)

WALTER: Ach, lass doch die Thr 'n bischen auf!

TONI: Na ja! ... So! ... (Eine Weile noch sieht man durch den Spalt das
Licht, dann verlischt es. Toni macht sich still wieder an ihre Arbeit.)

FRAU SELICKE: Nein! So ein komischer Junge! Sich so abzungstigen! ...
Ueber was man sich nich alles rgern muss? ... Nein! ... Ach! Na -- ich
sage auch schon! ...

   (Kleine Pause. Im Bett Husten und Sthnen.)

LINCHEN: Ma--ma--chen! ...

FRAU SELICKE (beugt sich ber die Kissen): Ach, da biste ja wieder,
meine Kleine?

LINCHEN: Warum -- kommt'n Papa noch nicht?

FRAU SELICKE: Sei nur ruhig! ... Weine nicht! ... Rege Dich nicht auf,
mein Herzchen! Er kommt nun bald! ... Ach Gott, ja!

LINCHEN: Er ist wieder -- betrunken! Nich wahr?

   (Toni lsst ihr Nhzeug sinken und sieht vor sich hin.)

FRAU SELICKE: Ach nein! ... Nein doch, mein Herzchen! ... Er is nur
einen Weg gegangen! ... Er bringt Dir was mit!

LINCHEN: Ach nein! ... Er will Dich nachher wieder schlagen!

FRAU SELICKE: Ach, aber meine Kleine! ... Weine doch nur nicht, mein
Linchen! ... Gott, nein! ... Siehste, Du darfst dich ja nich aufregen?!
Du wirst ja sonst nich gesund? ... Nein, mein Muschen! Er hat nur ein'n
Weg gehabt!

LINCHEN: Bringt er mir wieder Trtchen mit?

FRAU SELICKE: Ja.

LINCHEN: Ach Mamachen! Und 'ne neue Puppe mcht' ich auch so gerne
haben!

FRAU SELICKE: Ja, die kriegst Du! Und auch wieder Wein!

LINCHEN: Solchen sssen?

FRAU SELICKE: Ja.

LINCHEN: Aber weisst Du, Ma--machen .... es muss eine Puppe sein, die
... richtig sprechen kann ...

FRAU SELICKE: Ja! So eine!

   (Toni hrt die ganze Zeit ber in Gedanken versunken zu.)

LINCHEN: Auch ein'n ... Wagen ...?

FRAU SELICKE: Ja?

LINCHEN: Au! Denn ... fahr'n wir die Puppe immer spazier'n ...! Nich
wahr, Tnchen?

TONI: Ja, liebes Kind!

FRAU SELICKE: Ja, meine Kleine! Dann gehst Du wieder mit Tnchen
spazier'n!

LINCHEN: Au ja! ... Bald -- Ma--machen?

FRAU SELICKE: Ja! Bald! Ganz bald!

LINCHEN: Morgen?

FRAU SELICKE: Morgen? Aber, liebes Kind! Du musst Dich doch erst noch 'n
bischen erholen? .. Nich wahr? .. Aber diese Woche vielleicht!

LINCHEN: Bestimmt?

FRAU SELICKE: Ja! ... Bestimmt!

LINCHEN: Ma--machen ... Ja? Ich -- werde doch ... wieder gesund?

FRAU SELICKE: Ja, gewiss mein Muschen! ... Freilich!

   (Kleine Pause.)

LINCHEN: Ma--machen? ...

FRAU SELICKE: Hm?

LINCHEN (lchelnd): Kranksein is hbsch!

FRAU SELICKE: Ach Gott! .. Meine arme, dumme Kleine! ... Warum denn?
(Beugt sich zrtlich zu Linchen hin.)

LINCHEN: Weil .. weil Du dann .. immer ... so ... gut bist ...

FRAU SELICKE: O, aber mein Linchen! ... Bin ich denn sonst _nicht_ gut?

LINCHEN: Liebes Mamachen?

FRAU SELICKE: Was denn, meine Kleine?

LINCHEN: Mamachen?

FRAU SELICKE (rckt ihr etwas nher): Na?

LINCHEN: Nich wahr .... Ma--machen? ... Du -- zankst nich mehr ... mit
mir .. wenn ich ... erst wieder ... gesund ... bin ...

FRAU SELICKE: Ach, meine ... (ksst sie).

LINCHEN: Hast Du ... mich ... lieb, Ma--machen?

FRAU SELICKE: Ach, meine Kleine!

LINCHEN: Bringt Papa ... ein' Baum mit ... und Lichter?

FRAU SELICKE: Ja, Liebchen! Und morgen kommt der Weihnachtsmann!

LINCHEN: Ei! ... Rck mich doch 'n bischen in die Hh', Ma--machen!

FRAU SELICKE: Willst Du denn nicht wieder einschlafen, meine Kleine?

LINCHEN (aufgeregt, hastig): Ach, ich ... bin ... gar nich ... mde ...
(Hustet) Ich .. bin .. ganz ... wohl ... Ma--ma--chen!

FRAU SELICKE: Ach, der alte, bse Husten! ... Na so? (Hat sie ein wenig
hochgerckt.)

LINCHEN: Erzhl' mir ... doch ... 'n bischen was!

FRAU SELICKE: Ach, liebes Kind! ... Ich weiss nichts! (Seufzt.)

LINCHEN: Ma--machen! ... Krieg' ich auch 'n neues Kleid ... wenn ich ...
wieder ... gesund bin?

FRAU SELICKE: Ja! -- Aber sprich doch nich so viel, mein Liebchen! Es
strengt Dich so an? ... Komm! (Legt den Kopf neben sie auf das Kissen.)
Komm! Schlafe! Schlafe, mein liebes Tubchen!

LINCHEN: Lieschen Ehlers sagt immer in der Schule zu mir: Ach pfui ...
Du -- hast so'n ... schlechtes ... Kleid!

FRAU SELICKE: Ja! Tnchen soll Dir ein ganz neues machen! -- Komm! --
Schlafe, meine Kleine!

LINCHEN: Au! Wart' doch -- mal, Ma--machen! Meine -- Hand ...

FRAU SELICKE: O, hab' ich Dir weh gethan, mein Pppchen?

LINCHEN: Lieschen Ehlers is dumm! Nich wahr ... Ma--mach'n?

FRAU SELICKE: Ja! Richtig dumm! ...

   (Kleine Pause. Frau Selicke hat fortwhrend noch ihren Kopf auf dem
   Kissen.)

LINCHEN (schnell, aufgeregt): Und darf ich -- auch wieder -- mit Tnchen
zur -- Tante, auf's Land? ... wenn ich ... wieder gesund ... bin? ...
Ja? ... Weisste, dann ... suchen wir immer .. die Eier .. in der Scheune
.. Tante und ich .. Ma--mach'n! ... Ma--mach'n! Onkel sagt immer ... zu
mir: Giv mi -- mol 'n -- Kuss, min ltt Deern! ... (Lchelnd.) Mama!
'n Kuss! ... Aber -- er hat -- so'n Stachelbart! .. Das kratzt immer ..
Weisste, ich hab'n immer -- seine -- lange Pfeife gestopft ... und dann
-- musst' ich -- immer essen, aber auch -- _immer_ essen! ... Sie --
nudeln ein' orntlich! ... Au! Ich -- _konnte_ manchmal -- gar nich --
mehr! ... Die alte -- Grossmutter -- sagt immer ... Fat tau, Kind! --
Fat -- drist -- tau! -- Na, die -- haben's ja! -- Nich wahr --
Ma--mach'n? -- Sie schlachten -- jedes Jahr -- vier Schweine! ... _Vier_
Schweine! ... Ma--mach'n? Horch mal! (Lchelnd.) Einmal -- hat mir --
Cousin Otto ... den Schweinsschwanz -- hinten an'n ... Zopf gebunden ...
un -- ich hab's erst -- gar nich gemerkt! ... Cousin Otto -- macht immer
-- solche Dummheiten! -- Nich? -- Aber -- er is -- gut! -- Er hat mir
immer -- Weintrauben -- aus dem Garten -- gebracht ... Ja! ...

FRAU SELICKE: Kucke, meine Kleine! Du wirst ja ganz munter? Aber sprich
lieber nich so viel, mein Hschen!

TONI (hat whrend der Erzhlung Linchens freudig berrascht aufgehorcht
und ist nun auch an das Bett herangetreten): Wie unser Linchen erzhlt!
Siehst Du, Mama? Nun wird sie bald, bald gesund sein!

LINCHEN (etwas ungeduldig): Na ja! ... Das -- werd' ich auch!

TONI: Schn! Schn, mein gutes Herzchen!

   (Steht am Bett mit bereinandergelegten Armen und sieht zrtlich auf
   Linchen herab.)

FRAU SELICKE (die Toni zugenickt hat): Aber, hrst Du? Erzhl' lieber
_nicht_ so viel, mein Linchen!

LINCHEN (schnell, aufgeregt): Nein ... wart doch mal ... Ma--machen! ..
Hr doch mal! ... Un Cousine Anna ... _Die_ hat Kleider?! .. _Kleider_
hat die! ... Na, aber auch ... so viele! ... Sonntags ... weisst Du ...
wenn wir in die Kirche ... (Hustet.)

FRAU SELICKE (angstvoll): Kind! Kind!

LINCHEN: Ach ... das ... schadet nichts ... Ma--mach'n! ... So'n --
bischen -- Husten noch! ... Das -- hrt -- morgen wieder auf -- Nich? ..
Sonntags in der Kirche .. ein blaues, ein -- ganz -- himmelblaues .. mit
.. weissen Spitzen! ... Fein, Mamachen! ... Na ... aber auch _alle,
alle_ -- haben -- auf uns -- gekuckt! ... (Etwas ruhiger; nachdenklich):
Ach, wie hbsch -- ist es da -- Mamachen! ... Immer -- so still! ...
Aber -- viel Fliegen! ... Nich wahr, Mamachen? ... wenn es -- recht
heiss is ... Onkhel zankt nich'n -- einziges Mal -- mit Tante! ... Kein
Schimpfwort! ... Und Anna und Otto -- sind auch immer -- so artig!

FRAU SELICKE: Liebes Herzchen! Du wirst ja ganz heiser!

LINCHEN: Weisste ... sie wollten -- mich dabehalten! ... Sie wollten
mich -- gar nich -- wieder fortlassen! ... Tante sagte: ich sollte nu --
ihre Tochter werden! ... Papa -- soll sich's ... berlegen! ..
(nachdenklich): Gut htt' ich's da! ... Nich, Mamachen? ... (Sehr
lebhaft, sich steigernd): Aber Du -- und Papa -- sollen mich -- dann
immer -- besuchen! ... Aber -- ich ziehe nich hin, Mamachen! .... Nich?
... Ich ziehe nich hin! ... Ich bleibe -- hier!

FRAU SELICKE: Uh! Dein Hndchen brennt ja wie Feuer, mein liebes
Puttchen! ... So! ... So! ... Nich wahr, mein Herzchen?

LINCHEN (nach einer kleinen Pause): Ach, Mamachen! Der schne, schne
Mondschein!

FRAU SELICKE: Ja?

LINCHEN (versucht zu singen):

   Wer hat die schnsten Schfchen,
   Die hat der goldne Mond ...

   (Sie bekommt einen Hustenanfall. Toni lsst ngstlich ihr Nhzeug
   sinken.)

LINCHEN: Ach! ... aah! ... aah! ...

FRAU SELICKE: Mein armes Herzchen! Mein armes Herzchen!

   (Linchen liegt einen Augenblick still, von dem Anfall erschpft.)

LINCHEN: Ma--mach'n!

FRAU SELICKE: Hm?

LINCHEN: Ach! -- Ich ... mchte .. aufstehn!

FRAU SELICKE: Aber Kind!

LINCHEN: Es -- is -- so -- langweilig im Bette! (Wirft sich unruhig
herum.)

FRAU SELICKE: Habe nur Geduld, meine Kleine! Morgen oder bermorgen
wollen wir mal sehn! Dann kannst Du wohl 'raus!

LINCHEN: Aber auch ganz gewiss!

FRAU SELICKE: Ja!

LINCHEN (seufzt): Ich will auch -- nie wieder unartig sein -- Mamachen
... wenn ich wieder -- gesund bin! ... Ich gehe dann -- alle Wege! ...

FRAU SELICKE: Ja, ja, mein Liebchen! Aber nich wahr? Nun schlfst Du
auch wieder!

LINCHEN (schlfrig, immer leiser): Ach ja .. ja ..

FRAU SELICKE (nach einer Pause): Sie schlft wieder! ... Ach, mein Fuss!
Mein Fuss! ... (Sthnt auf.)

ALBERT (aus der Kammer): Mama! Das geht einem ja durch Mark und Bein!

FRAU SELICKE: Na wart' nur! ... Du solltst mal erst die Schmerzen
_haben_! ... O Gott! Was hat man nur vom Leben! ...

ALBERT (aus der Kammer): Ach, nu fasst Du das wieder so auf! ... So
meint' ich's ja gar nich!

   (Toni ist zum Fenster getreten.)

FRAU SELICKE: Hrst Du denn immer noch nichts, Toni?

TONI: Nein!

FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! So ein Mann! Nicht ein bischen Rcksicht!
... Das ist ihm hier alles egal, alles egal! ... So ein alter Mann! ...
Er sollte sich doch nu schmen! ... Nein, wahrhaftig! Ich hab' auch nich
'n bischen Liebe mehr zu ihm! Aber auch nich 'n bischen! ... Fr mich is
er so gut, wie todt! ... Ach ja! Ich kann wohl sagen: mir ist alles so
gleichgltig! Wenn das arme Wrmchen nich noch wr'! ... Jahraus,
jahrein dasselbe Elend! ... Ach, ich kann wohl sagen: ich habe mein
Leben _recht_ satt! ... Is gar kein Wunder, wenn man gegen alles
abstumpft! ... Wie gut htten wir's haben knnen! ... Wie leben andre
Leute in unsrem Stande! Wenn man so nimmt! Mohr's! ... Der Mann is 'n
einfacher Handwerker gewesen und hat jetzt sein schnes Haus! Und _die_
Wirthschaft! Was haben _die_ Leute fr 'ne Wirthschaft! ... Na, un bei
uns? ... Un _der_ will nun 'n gebildeter Mann sein! ... Nein, wie das
bei uns noch werden soll? ... Und an allem bin _ich_ Schuld! ... Ich
verzieh' die _Kinder_! Ich vernachlssige die _Wirthschaft_! Alles geht
auf _mich_! ... Und da sollen die Kinder noch Respekt vor einem haben!
... Ach Gott, nu sitzt man wieder hier und zittert und bebt! ... Und
wenn man nur nicht dabei so hinfllig wr'! ...

WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthr): Mutterchen?!

FRAU SELICKE (fhrt herum): Was! ...

WALTER: Mutterchen! Kommt er denn _immer_ noch nich?!

FRAU SELICKE: Ach, Du?! -- Ich denke, Du bist schon lange eingeschlafen?
... Biste denn nur nich gescheidt, Junge?! ... Mach mal gleich, dass Du
wieder in's Bett kommst! Du willst Dich wohl erklten?! Was?!

WALTER: Ach, ich habe ja solche grosse Angst!

FRAU SELICKE: Nein, so was! ... Leg Dich mal gleich hin!

   (Walter schleicht sich wieder zurck.)

Ei, Du lieber Gott! Nein! ... In Schulden sitzt man bis ber beide
Ohren! ... Nichts kann man anschaffen! ... Kaum, dass man das liebe
bischen Brot hat! ... Nein, das kann Euer Vater wirklich vor Gott nich
verantworten! ... Un dabei macht er sich selber ganz kaputt! ... Seine
Hnde fangen schon ordentlich an zu zittern! Haste noch nich gemerkt?

TONI (die whrenddem wieder eifrig genht hat, antwortet nicht.)

FRAU SELICKE: Du armes Thier! Du wirst gewiss auch schn mde sein! ...
Ach nein, so ein Leben! So ein Leben! ... Hm! Womglich is'm was
passirt?! ... Er hat vielleicht Streit gehabt! Er is ja so unvernnftig,
wie 'n kleines Kind! ... Ae! Ich sage auch! Das ganze Leben is -- -- --
(Ghnt nervs, streichelt ber Linchens Hndchen.) Mein armes Wrmchen!
Das arme, magre Hndchen! ... Ach Gott, ja! Du sollst sehn, wir behalten
sie nicht!

TONI: Ach, Mutterchen!

   (Toni tritt wieder an's Fenster.)

FRAU SELICKE: Horch mal! ... Poltert's nich auf der Treppe?!

TONI: Ach, wohl nur die Katze!

FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! (Erhebt sich und geht schwerfllig auf das
Fenster zu.) Wunderhbsch draussen! ... Aber der Himmel bezieht sich
wieder, wir bekommen andres Wetter! ... Ich spr's an meinem Fuss! ...
Nein, noch nichts zu sehn! Ach ja!

   (Geht wieder zurck und setzt sich.)

Ich bin todtmde! Wie zerschlagen!

TONI: Da kommt wer!

FRAU SELICKE: Ach Gott! (Fhrt in die Hhe.)

TONI: Er ist es! ... Endlich!

FRAU SELICKE: Ach! -- Ach! -- Mein Herz! -- Mein Herz! Die Angst
drckt's mir ab!

WALTER (aus der Kammer): Mutterchen! Kommt er?!

FRAU SELICKE: Still! Schlaf!

TONI: Er ist auf der Treppe! -- Hinten! (Sie ist auf Frau Selicke zu
getreten.)

FRAU SELICKE: Ich renne fort! ... Ach! Wohin?

TONI: Sei ruhig, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Ach, meine Angst! Meine Angst! ... Pass auf! ... Es giebt
'n Unglck! Das arme Kind! ...

TONI (sttzt sie): Beruhige Dich doch, Mutterchen! Er ist ja gar nicht
so schlimm, wie er immer thut!

FRAU SELICKE: Ach, trotzdem! ... Meine Nerven sind ja so schwach! Alles
nimmt mich so mit!

TONI: Der Vater ... Nein! 's is wahr .. hach!

FRAU SELICKE: Mich schwindelt! ... Mir .. is .... zum Umkomm'n! (Sttzt
sich gegen Toni.) Horch! ... Er kommt heut wieder hinten rum! Ach, mein
Herz! .. Mein Herz! .. Fhl mal!

WALTER (aus der Kammer in hchster Angst): Mutterchen! Mutterchen! Es
pumpert gegen die Kchenthr!

FRAU SELICKE: Ach Gott, ach Gott! Is der schwer! ... Ruhig, Walter! Sei
still, mein Junge! ... Thu, als ob Du schlfst! ... Toni, mach auf!

TONI: Ja! Geh so lang' vorn raus, Mutterchen! Auf alle Flle! (Toni ab
in die Kche mit der Lampe. Frau Selicke steht einen Augenblick nach der
Kche hin lauschend. Zittert. Presst beide Hnde aufs Herz. Geht dann
auf die Flurthr zu. -- Es poltert in der Kche. Schwere Schritte. Eine
tiefe Bassstimme. Lustiges Lachen. -- Frau Selicke verschwindet schnell
im Flur. Die Kchenthr wird aufgestossen. Noch hinter der Scene die
Stimme Selicke's: Na? .. _Tnchen_ .. _Tnchen_ ..)

SELICKE (tritt in die Stube, welche in diesem Augenblicke nur vom
Mondlicht und von dem Licht der Lampe, das aus der Kche in die Stube
fllt, hell ist. Selicke: ein grosser, breitschultriger Mann mit
schwarzgrauem Vollbart. Schwarzer Sonntagsanzug unter dem offenstehenden
Ueberrock. Er schleift einen kleinen Christbaum hinter sich her; aus den
Taschen sieht Papier von Packeten und Dten vor. Unter den Arm hat er
eine grosse, weisse Dte gequetscht. Er ist angetrunken. Taumelt aber
nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und
schwerfllig. Sagt in sehr guter Laune): Na?! ... Habt Ihr wieder kein
Licht. Ihr Tausendsakramenter. Ihr? ... Hm? ... (Lacht fortwhrend leise
vor sich hin, nickt mit dem Kopf und macht ein pfiffiges Gesicht, als
wenn er eine Ueberraschung vor htte. Toni kommt ihm mit der Lampe nach.
Setzt sie auf den Sophatisch.) Huaach! ... Ne! Wird man -- mde .. wenn
man so auf dem Weihnachtsmarkt rumluft? ... (Lacht und blinzelt Toni
zu, die am Sophatisch in seiner Nhe steht.) ... 'n hbscher Baum --
hbf! -- h? ... Holt man morgen frh gleich die -- hb! -- Htsche vom
Boden! -- Da! Nimm ihn _hin_! -- (Giebt Toni den Baum; thut scherzhaft,
als wenn er sie erschrecken wollte. Sie lchelt gezwungen und stellt den
Baum bei Seite. Er lacht, wendet sich dann zum Tische und fngt an seine
Taschen auszupacken; singt dabei: _Nicht Ross', nicht Reisige_ ...
sich unterbrechend): Wo sind denn ... die Jungens?

TONI: Sie schlafen schon!

SELICKE: Wie -- hb! -- Wie spt is denn -- eigentlich?

TONI: Zwei.

SELICKE (thut sehr erstaunt): Was -- Kuckuck! Zwei?! -- (Hebt, indem er
weiter auspackt, abermals an: _Nicht Ross', nicht Reisige_. Er nimmt
aus einer Dte zwei Pfannkuchen, geht damit auf die Kammer zu und ruft
mit gedmpfter Stimme): He! Walter! -- Walter! -- Willste noch 'n
Pfannkuchen? (Bekommt zuerst keine Antwort.) Na?!

WALTER (in der Kammer, halb ngstlich): Ja!

SELICKE: Da! Fang! (Wirft den Pfannkuchen nach Walters Bett hin und
lacht.) Na, Grosser! Du auch? (Albert antwortet nicht.) Eh! Frisst 'n je
doch! Da! (Wirft auch ihm einen Pfannkuchen zu und geht dann vergngt,
leise vor sich hinpfeifend, zum Tisch zurck.) Ja, ja! Die Jungens!
(_Nicht Ross', nicht Reisige_ ... -- Toni, die solange am Tisch
gestanden, hat abwechselnd ihn beobachtet und zur Flurthr hingesehn. Er
kramt wieder mit den Sachen. Holt das Portemonnaie vor, klappert mit dem
Gelde. Legt ein Goldstck auf den Tisch.) Hier! ... Da knnen wir beide
... morgen frh noch ... Einiges einkaufen ... gehn! Die Jungens knn'n
dann 'n Baum putzen ... und am Abend ... bescheer'n wir! ... Na? Was
machst' denn fr'n Gesicht?!

TONI: Ich? ... O, gar nicht, Vaterchen!

SELICKE (misstrauisch): Ae! Red' nich! ... Das heisst: Kommste wieder
... so spt, he? ... Ja, -- ja, mein Tchterchen! .. Dein Vater darf
sich wohl nich mal'n Tppchen gnn'n? ... Was?! ... Ae, geh weg! Du
altes, dummes Fraunzimmer! ... Ja! Ich mcht' mal sehn ... wenn Euer
Vater ... nich wr'! ... Weisste, mein' Tochter? ... Mir geht viel im
Koppe rum! ... Ich sorge mich -- Euretwegen! ... Ja, ja! Wenn ich Dich
so _sehe_! ... Wie sind _andre_ Mdchen in Deinem Alter! --

   (Die Flurthr ffnet sich ein wenig. Frau Selicke lauscht durch den
   Thrspalt).

Du liegst Dein'm Vater immer noch -- auf'm Halse! ... Ja, ja! ... Ae!
Du! ... Geh weg! ... Ich mag Dich nich mehr -- sehn! ... (Fr sich,
indem er seitwrts tritt und an seinem Rocke herumzerrt, um ihn
auszuziehen.) Ae! Is das -- 'ne Hitze? ...

(Toni versucht ihm beim Ausziehen des Rockes behilflich zu sein. Selicke
brummt missgelaunt vor sich hin): Mach', dass Du wegkmmst! ... Ich --
brauch' Dich nicht! (Toni hilft ihm dennoch. Er streift etwas die Wand.
Endlich hat sie mit zitternden Hnden ihm den Ueberrock und dann auch
den Rock abgestreift und beides an die Knagge neben der Corridorthr
gehngt. Selicke steht nun in Hemdrmeln da. Streicht sich ber die Arme
und schlgt sich dann, vor sich hin kichernd, mit der Faust auf seine
breite, gewlbte Brust): Ae! ... Ja? Siehste? ... Dein Vater is noch'n
Kerl! ... (Lacht.) Was meinste, mein' Tochter! ... Z--zerdrck'n knnt'
ich Dich mit meinen Hnden! .. Z--zerdrcken! .. Das wr' am Ende auch
-- das Beste! ... (Mit dumpfer Stimme, sieht vor sich hin) Ich hng'
Euch -- alle auf! Alle! .. Un dann -- schiess ich mich -- todt! ...
(Toni wankt ein wenig zurck nach der Flurthr zu. -- Selicke geht auf
die Kammerthr zu. Man hrt Walter in der Kammer weinen). Na, was --
haste denn, dummer Junge?! (Mit schwerflligen Schritten, ein wenig
wankend, in die Kammer. Toni ffnet die Flurthr halb. Frau Selicke
steckt den Kopf in's Zimmer).

FRAU SELICKE: So'n Kerl! So'n Kerl!

TONI: Stille, Mutterchen! Stille! .. Um Gotteswillen!

FRAU SELICKE: Das Kind, das arme Kind!

SELICKE (in der Kammer): Komm, mein Sohn! .. Dein Vater hat Dich lieb!
.. Sehr, sehr lieb! ... Ja, ja, mein Junge! ... Er hat auch gesorgt,
dass Du was zu Weihnachten kriegst! ... Ja, wer sollte fr Dich sorgen,
wenn Dein Vater -- nich wr'! ... Na, weine doch nicht! ... Was --
weinste denn? ... Was?! Ae! Sei nich so dumm! ... Dummer Junge!

FRAU SELICKE (in derselben Stellung, etwas mehr im Zimmer, mit Toni nach
der Kammer hinhorchend): Ach Gott, nun weckt er wieder die armen Kinder,
der Kerl!

TONI (ngstlich): Geh wieder zurck, Mutterchen! Um Gotteswillen!

SELICKE (in der Kammer): Ja, ich habe Euch -- hbf! -- doch -- lieb! ...
Alle! .. Ja, ja? ... Na? Wo ist denn Deine Mutter? -- H?

FRAU SELICKE (tritt etwas zurck): Ach Gott, ach Gott!

TONI: Geh wieder zurck, Mutterchen!

SELICKE (in der Kammer, lustig): He! Alte! ... Wieder -- fortgehumpelt?
... Na, humple, humple nur hin! ... (Sucht ihre Stimme nachzumachen) ...
Ach, die -- _arme_ Frau! ... Was _die_ -- fr'n Mann hat! ... Ae!
_Die_ hat's mal schlecht!

TONI (drngt Frau Selicke zurck): Geh zur Thre, Mutterchen! dass Du so
lange raus kannst, bis er schlft!

FRAU SELICKE: Aber, das Kind! Das Kind! ... Ich kann doch nich ...

TONI: Lass nur! Ich will schon sehn! ... (Drngt Frau Selicke sanft noch
mehr zurck.) Armes Mutterchen!

SELICKE (in der Kammer): Die Alte ist Schuld, dass Dein Vater so spt
nach Hause kommt, mein Sohn! ... O, das ist ein Unglck! Ein rechtes
Unglck! ... Und der alte, grosse Schlingel da? .. Hui! hbf! ... Das --
Schnarche nur! Aus Dir wird nichts, mein Sohn! Gar nichts! ... Huste
nich! ... Dummer Junge!! ... Was?!! ... Du willst ...

FRAU SELICKE (schreit unterdrckt auf).

SELICKE (kommt aus der Kammer. Frau Selicke zurck, schliesst die Thr):
Aeh! Da biste ja, mein ssses Weibchen! (Geht auf die Flurthr zu.
Unterwegs macht er aber Halt.) Hm? Mein P -- Putt ... hbf! ... P --
Puttchen? ... Das arme Kind! ... Das arme Kind! (Er holt sich die Dte
vom Tisch und geht mit ihr auf das Bett zu. Walter lugt verstohlen um
den Thrpfosten. Man hrt, dass jetzt auch Albert wach geworden ist. --
Selicke bckt sich ein wenig ber das Bett. -- Leise.) M-- Muschen! ...
Sch--lfste, mein armes -- Herzchen? ... Sst! ... Sie schlft, die --
kleine Tochter!

TONI (kommt ngstlich auf das Bett zu): Vater!

SELICKE: Ich habe Dir -- was mitgebracht? ... K--Kuchen, Kind? --
K--Kuchen?

TONI: Vater! Sie wird ja wach!

SELICKE (richtet sich auf): W .. _Was_ willst Du? H?

TONI: Sie ist ja so krank!

SELICKE (ihr nachffend): Sie ist so krank! ... Ae! Hab' Dich doch,
alte Suse! -- Sie ist so krank! .. Piep, piep, piep! ... Ach, Herr
Jemine! ... Das arme Mdchen! Wie die sich vor ihrem Vater ngstigen
muss! -- Mach, dass Du wegkommst! ... Mag Dich nich sehn! (Die letzten
Worte zornig, bedrohend. Die Flurthr ist ein wenig aufgegangen. Frau
Selicke schreit auf). Aah! ... Sieh mal! .. Da steckste, mein ssses
Lamm? (Lacht, taumelt an Toni vorbei auf die Flurthr zu. Draussen wird
hastig die ussere Flurthr aufgerissen. Es poltert die Treppe hinunter.
-- Selicke ffnet die Thr.) Na, so 'ne Komdie! ... Kuckt, wie die Alte
rennen kann (zeigt in das Entree) mit ihrem schlimmen Fusse! ... Ne! ...
Hhh! ... Wie se humpeln kann! .. Hopp, hopp, hopp! ... Wie der Wind!
... Haste nich gesehn! ... Wie'n Schnelllfer! ... (Lacht, schttelt
dann aber pltzlich die Faust nach dem Flur, ruft unterdrckt) Du, altes
Thier! Du willst 'ne Mutter sein?! ... Ach, Du! -- Du! -- Du! ...
Unglcklich hast Du mich gemacht! Unglcklich! ... (Kommt zurck;
whrend er an Toni vorbeikommt) Na, Du? ... Sie ist so krank! ... Ae!
Weg! ... Lass mich vorbei! (Tappt wieder zum Bett und will sich drber
bcken.)

TONI (ihm nach): Vater! Lass jetzt das Kind! -- (Sie stsst ihm mit der
Hand gegen die Schulter).

SELICKE (richtet sich in die Hhe.): Waaas?!! ... Waaas?!! Du -- willst
-- Dich -- an Deinem _Vater_ -- vergreifen?! Waaas?!! ... I, nu seht
doch mal! (Kommt auf sie zu. Toni ist zurckgetreten und lehnt an der
Wand. Regungslos. Die Hnde zusammengekrampft. Sie sieht ihm starr in's
Gesicht. Ihre Lippen zucken. Die Thrnen laufen ihr ber die Backen.)

TONI: Pfui! Schm' Dich! ... Du bist betrunken!

SELICKE: I! Seht doch! ... Das liebe Tchterchen! ... O, Du bist ja ein
-- reizendes Wesen! (Kommt noch nher auf sie zu.)

WALTER (in der Kammer, ngstlich): Vaterchen! Liebes Vaterchen!

SELICKE (sieht sich um. Bleibt wie verwirrt stehen): Na! Da -- heult
einer und da ... B--bin ich denn -- der reine -- Tyrann?! (Geht von Toni
weg.) Hm! ... Brr! ... So 'n Sausoff! ... (Geht zum Sophatisch, setzt
sich davor nieder und legt den Kopf auf die Arme. Eine Weile ist es
still. Toni beobachtet ihn und will Frau Selicke holen. Selicke scheint
einzuschlafen ... Nach einer Weile richtet er aber den Kopf in die
Hhe.) So 'n Weib! ... So 'n Weib! (Toni bleibt stehen.) So geht man nun
unter! ... (Sie legt die Hnde vor's Gesicht. Bebt vor Schluchzen.)
Ach, mein Fuss! -- Ach, mein Fuss! -- Weiter weisste nichts! ...
Immer ich -- ich -- ich! -- Ich brauchte Dich nicht zu heirathen! -- 's
war mein guter Wille! -- Zu _dumm_ war ich! Zu _dumm_! -- Du alte ...
Ae! Du! -- Wir sind so arm! -- Wir haben kaum's liebe Brot! --
Nichts in die Wirthschaft! -- Wer ist denn Schuld?! -- Wie kannst Du
mir das sagen! -- Verdien' Dir was, dann haste was! ... Ja! Fortrennen!
das kannste! -- Den Leuten was vormachen! Ja! Du armseliges Weib! ...
Ae! -- Du bist ja -- zu _dumm_! -- Zu _dumm_! So ein -- Unglck! -- Oh!
... (Ist eine Weile still. Toni will schon zur Flurthr. Fngt wieder
an.) Wir mssen uns vor jedem schm'n! -- H! Du! -- Ich hatte mir das
anders vorgestellt! -- Ja, ja! -- Eine Ehe ist mehr! -- Ae, Du! -- Was
weisst Du, was eine Ehe ist! -- Du! -- Wie sind -- andre Frauen! -- Sieh
se Dir mal an! -- Aus .... _Nichts_ muss 'ne Hausfrau was machen knnen!
-- Aber alles: _ich_! -- Alles der Mann! -- Ae! Sieh zu, wie Du uns
durchschleppst! -- Und die -- Kinder! -- Die armen, armen Kinder! -- O
Gott, was soll aus den'n werden! -- Verzogen sind sie, die lieben
Shnchen! -- Und Du, Toni! -- Du! -- Du wirst akurat wie Deine Mutter!
Ja, ja? ... Ich habe Dich lieb gehabt, aber _Du_ hast _mich_ nicht lieb
gehabt! -- Du bist niedrig! Niedrig! -- Wir passten nicht zusammen! --
Was will man nun machen?! -- Ae! -- Schleppt man das so mit sich! -- Ae!
Immer hin! -- Immer hin! -- Hui! -- Die armen Kinder! -- Die armen
Kinder! -- Und Du, mein liebes Muschen! -- (Seine Worte gehen in Weinen
ber) Mein armes, liebes Muschen!

TONI (in hchstem Schmerz): O Gott, o Gott! (Presst die Hnde vor's
Gesicht.)

SELICKE (zur Kammer hin): Ja, ja? -- Du! Grosser! -- Nimm Dir 'n
Beispiel an Deinem Vater! -- So was ist ein Unglck! -- Ein grosses,
grosses Unglck! -- Dein Vater war dumm, gut und dumm, mein Sohn! Aber
nicht schlecht! -- Er hat Euch -- alle lieb! -- Alle! -- Auch Eure
Mutter! -- Sie kann's nur nicht verstehn! -- Und das -- ist unser
Unglck! ...

   (Seine Worte gehen in ein dumpfes, undeutliches Murmeln ber. Er
   schlft ein.

   Vom Bett her das Rauschen von Kissen. Toni, die eben zur Flurthr
   wollte, schrickt zusammen.)

LINCHEN (ngstlich): Ma--mach'n .. Ma--mach'n! ... Aah! ... Aaaah! ...

TONI (schnell zum Bett): Mein liebes Herzchen! -- Mama kommt gleich
wieder!

LINCHEN: War -- Papa -- hier?

TONI: Ja! Er schlft schon!

LINCHEN: Hat er mir -- was mitgebracht?

TONI: Ja, Liebchen. (Beugt sich zrtlich zu ihr.) Huh! Du fieberst ja,
mein Herzchen! Das ganze Kissen ist heiss!

LINCHEN (unruhig): Ach -- nein! -- Ich bin -- wieder -- ganz munter,
Tnchen! -- Ich kann -- morgen -- aufstehn! -- 's is immer -- so schnes
Wetter! -- Und ich -- muss immer -- im Bett liegen ...

TONI (kann nicht antworten. Horcht. Selicke schnarcht.)

LINCHEN: Ach, 's is man gut -- dass -- Papa da is! -- Ich hatte schon --
solche Angst! -- (Lchelnd.) Horch mal -- wie er schnarcht! -- Wie 'ne
Sge, was? Du -- weinst ja, Tnchen?? ...

TONI: Ich?! Ach nein?

LINCHEN: Du! -- Du! -- Er is wohl wieder -- betrunken??

TONI: O nein! Ich dachte gar, mein Liebchen!

LINCHEN: Will er auch -- Mama -- nicht schlagen?

TONI: Nein! I bewahre, mein Herzchen!

LINCHEN: Ach nein! -- Das -- thut er auch nicht! -- Er macht immer --
blos so! -- Nicht wahr?

TONI: Freilich! Aber, schlafe wieder ein, mein Linchen!

LINCHEN (unruhig): Ach nein! -- Ich kann gar nicht schlafen! -- Ich bin
ganz -- munter, Du! -- Du! -- Ist bald Morgen? -- Kann ich bald --
aufstehn, Tnchen?

TONI: Nein, Herzchen! Noch nicht!

LINCHEN: Ach! -- Du! -- Du!

TONI (besorgt): Was -- was ist Dir denn, mein Herzchen?!

   (Bckt sich zu ihr und fhrt dann unwillkrlich wieder in die Hhe.)

LINCHEN: Ach! -- Nichts! ... Du! ...

TONI (sie gespannt, ngstlich beobachtend): Ja?

LINCHEN (sehr unruhig): Wo -- is denn -- Mamachen?

TONI (mit bebender Stimme): Warte! Ich rufe sie!

LINCHEN (hastig): Ja! -- Ja! ... (Toni will gehen.) Du! -- Tnchen! --
Die L -- Lampe -- brennt ja -- so trbe ...

TONI (wendet sich erschrocken um): Aber -- n ... nein -- liebes
Muschen?! ... Sie -- ist ja -- ganz hell ...? ... (Steht da, wie
erstarrt.)

LINCHEN (wie vorhin): Schraub -- doch -- hoch! ... Es wird ja -- ganz --
dunkel ...

TONI (mit unterdrcktem Entsetzen): Kind! ... (Wird leichenblass.
Schraubt mit zitternden Fingern an der Lampe. Wendet sich dann mit
wankenden Knieen zur Flurthr und ffnet sie. Vorsichtige Schritte.)

FRAU SELICKE (zur Thr herein): Ist er denn ...

LINCHEN (ngstlich, bang, angestrengt): Ma--ma--chen ...

FRAU SELICKE (aufhorchend): Ja? -- Mein -- Kind?! ...

TONI (bebend): Mutter! -- Komm! -- Schnell! -- Er schlft! -- Komm! --
Linchen ... ich weiss nicht ...

FRAU SELICKE (unterdrckt): Wa ... Was?! ... (Schnell zum Bette hin.)

LINCHEN: Ma--ma--chen ... Ma--ma--chen ...

FRAU SELICKE: Kind??? (Beugt sich forschend ber das Bett. Starrt
Linchen an.)

LINCHEN: Das -- Licht -- geht -- aus ... Das -- Licht -- geht -- ja ...
Ma--ma--chen ... Ach! Lie--bes -- Ma--ma--chen ....

FRAU SELICKE (hastig, erregt vor sich hinflsternd, whrend ihre Blicke
wie gebannt auf Linchen haften): Toni! Toni! ...

TONI (neben ihr. Unterdrckt): O Gott ....

FRAU SELICKE: Mein Liebchen! Mein ssses, ssses Liebchen! (Pause.
Todtenstille. Nur das leise Schnauben Selickes.)

LINCHEN: Ach -- liebes -- Ma ........

FRAU SELICKE: Sie ... Sie ... stirbt! Ach Gott ... Mein Herzchen! --
Mein Herzchen!! (Schreit auf. Strzt sich ber das Bett).

TONI (schnell zum Tisch. Mit jagender Stimme): Vater! -- Vater!!

ALBERT (aus der Kammer): Was ist denn??!

WALTER (weinend aus der Kammer): Vaterchen! ... Vaterchen! ...

FRAU SELICKE (leise wimmernd): Sie ist todt! ... Sie ist todt! ...

ALBERT (mit Walter schnell zum Bett).

Walter: Mutterchen! -- Mutterchen! ... }
                                       } (gleichzeitig.)
Albert: Um Gotteswillen!               }

TONI (weinend): Vater!! -- Vater!! (Rttelt Selicke.)

SELICKE (aufwachend): Ae! -- Na! -- Lass ... Na ... (Hebt verdriesslich
den Kopf. Will wieder zurcksinken).

TONI: Vater!! (Ihn, ausser sich, an den Schultern packend).

SELICKE: Na -- ja doch! -- .. Was -- giebt's denn ... (Starrt um sich
und reibt sich die Stirn.)

TONI (weint heraus): Linchen -- ist todt ....

SELICKE (starrt sie an. Erhebt sich): Was -- Was ist mit -- Linchen?!

TONI: Ach, sie ist -- todt .... (Schluchzt. Selicke wischt sich ber die
Stirn.)

SELICKE: L--Linchen?!! (Zuckt zusammen und geht auf das Bett zu. Toni
wankt ihm schluchzend nach. -- Selicke steht eine Weile stumm vor dem
Bett, dann bricht er schwer, mit einem dumpfen Sthnen, auf dem Stuhl
zusammen. Die andern beobachten ihn stumm.)

TONI (sich pltzlich auf ihn zustrzend und ihm die Arme um den Hals
schlingend): Lieber Vater! -- Mein lieber Vater ...

   (Whrenddem geht Wendt's Thr auf und dieser tritt ins Zimmer.)




                            Dritter Aufzug.


                            Dritter Aufzug.

   (Dasselbe Zimmer. Durch die zugezogenen Fenstervorhnge bricht
   bereits der Morgen. Auf dem Tische, auf welchem Selickes Einkufe
   liegen, brennt noch trbe die Lampe. Der Weihnachtsbaum lehnt noch
   beim Sopha gegen die Wand. -- Draussen auf dem Treppenflur hrt man
   Kinder lrmen und spielen. Eine helle, unbeholfene Stimme singt ein
   Weihnachtslied. Der Gesang wird oft durch Schreien, Jauchzen, Lachen
   und den Ton einer Blechtrompete und dann wieder vom Snger selbst
   unterbrochen. Zuweilen ist er so deutlich, dass man die Textworte
   hren kann: Des freuet sich der Engel Schaar ... Selicke sitzt vor
   dem Bett in stummer, dumpfer Trauer. -- Toni steht etwas seitwrts
   von ihm neben Frau Selicke und hat den Arm um sie geschlagen. Beide
   beobachten ihn mitleidig. -- Walter hockt auf dem Sopha, weint still
   vor sich hin, sieht dann wieder zum Bett und zu Selicke hin, ghnt
   ab und zu aus Uebermdung und zittert vor Frost. -- Albert steht
   neben dem Weihnachtsbaum, zupft in Gedanken an den Nadeln herum und
   schielt dabei ab und zu zum Bett hinber.)

FRAU SELICKE (mit mder Stimme, halb weinend): Die Lampe fngt an zu
riechen, Toni! ... Lsch aus! ... 's is hell draussen! ... Der Lrm auf
dem Flur! ... _Die_ kennen keine Sorgen ....

TONI (lscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurck. Das
Morgenlicht fllt grau durch die verschneiten Scheiben in's Zimmer. --
Toni will auf die Flurthr zugehen und den Kindern verbieten, die
draussen immer noch lrmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie
lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lrm entfernt
sich unten im Hause und hrt dann allmhlich ganz auf.)

FRAU SELICKE: _Die_ sind fidel! ... (Sie tritt zu Selicke hin und legt
ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme):
Vater! ... (Selicke, der, das Gesicht in den Hnden, die Ellenbogen auf
die Kniee gesttzt, vor sich hinbrtet, achtet nicht auf sie.) Vater!
... Komm! ... Vater! ... (Ihre Worte gehen in Weinen ber.)

SELICKE (rhrt sich; dumpf, mit zrtlichem Ausdruck): Du! ... Mein
Linchen! ... (Schluchzt unterdrckt.)

FRAU SELICKE (lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint): Vater,
komm! ... Komm hier fort! ...

SELICKE: Du! ... Mein Linchen! ... Warum _Du_? (Starrt vor sich hin.)

FRAU SELICKE (immer noch in derselben Stellung): Komm. Vater! ... Wir
wollen uns von jetzt ab -- rechte Mhe geben ... Wir wollen vernnftig
sein ... Es soll nun anders werden bei uns .... Nich wahr, Vater?

SELICKE (richtet das Gesicht in die Hhe und sieht sie mit einem todten,
ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile
angstvoll an und richtet sich dann, den Schrzenzipfel vor den Augen,
wieder auf. Selicke, der sich schwerfllig erhoben hat, bckt sich ber
das Bett und ksst die Leiche. Weich, zrtlich): Leb wohl! ... Leb wohl,
mein gutes Linchen! ... _Du_ hast's gut! ... _Du_ hast's gut! ...
(Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die
Hhe und wankt gebrochen in die Kammer, whrend Walter auf dem Sopha
noch lauter zu weinen anfngt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das
Fenster gewandt, laut schneuzt.)

   (Kleine Pause.)

FRAU SELICKE (wieder in Thrnen ausbrechend): Warum hat uns -- der liebe
Gott das -- Kind genommen?! ... und ich ... und ich -- muss mich --
weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muss mir
selber zur Last sein ... und ... Euch allen! ... Siehste? ... Als ich 'm
das eben sagte: er hat mich -- kaum angesehn! ... (Schluchzt krampfhaft
in ihr Taschentuch, in das sie sich, whrend sie sprach, geschneuzt hat.
Laut, sehnschtig): Ach, hol' mich bald nach, mein Linchen! Hol' mich
bald nach! ...

TONI (sie sanft umfassend): Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ...
Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ...

FRAU SELICKE: Unser einz'ges ... unser einz'ges ...

TONI: (Beisst die Lippen zusammen. Ihr Oberkrper zuckt von
unterdrcktem Schluchzen.)

FRAU SELICKE: Was hat sie nun gehabt von ihrem armen, bischen Leben? ...
Und doch ... war sie immer ... so frhlich und munter ... unsre einz'ge,
einz'ge Freude ... (Schluchzt.) Ach, was hatte man weiter von der Welt
...? ...

TONI (drckt Frau Selicke an sich): Mutterchen!

FRAU SELICKE: Was soll nu hier werden? ... Nun kann man sich nur gleich
aufhngen oder ... in's Wasser gehn ...

TONI: Mutterchen! ... Ach Gott! ...

ALBERT (tritt zu Frau Selicke hin und streichelt sie): Lass man,
Mutterchen! ... Es soll schon noch werden! ...

FRAU SELICKE: Ja! Fr Euch! ... Fr Euch wohl ... Fr mich is' es 's
beste, Linchen holt mich nach ... So bald als mglich!

ALBERT: Nein, Mutterchen! ... Es soll Dir noch recht gut gehn! Warte
man!

FRAU SELICKE (weinend): Ach, ja, ja ...

TONI (ist wieder zu Walter gegangen und nimmt ihn bei der Hand): Walter,
komm!

WALTER (mde): Mich friert so!

TONI: Ja! Komm, mein Junge! ... Geh in die Kammer und leg' Dich hin! ...
Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen!

WALTER (steht auf; tritt mit Albert zum Bett. Beide betrachten
neugierig-ernst die Leiche. Walter weint.)

TONI: Geh in die Kammer, mein lieber Junge, und schlaf'!

WALTER (schmiegt sich an Frau Selicke): Mutterchen! ... Mutterchen! ...

FRAU SELICKE: Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg' Dich
schlafen! ... Du bist todtmde! ...

   (Walter und Albert gehn in die Kammer.)

TONI (tritt wieder zu Frau Selicke hin): Du solltest Dich auch 'n
bischen ruh'n, Mutterchen!

FRAU SELICKE (nervs; bitterlich weinend): Siehste? ... Siehste, Toni?
... Kein Wort, kein Sterbenswrtchen hat er wieder fr mich gehabt! ...
Er sah mich grade an, wie: na, was willst 'n _Du_? ... Wer bist 'n _Du_?
... Als ob ich 'n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das fr ein
elendes, elendes Leben gewesen die dreissig Jahre! ... Ach, wollt' ich
_froh_ sein, wollt' _ich froh_ sein, wenn ich an Deiner Stelle wre,
mein Linchen! ... (Betrachtet die Leiche.) ... Sieh mal, Toni! ... Wie
hbsch sie aussieht! ... Wie schn! ... Sie lchelt ein'n ordentlich an!
... Wie schn weiss ... und wie ihre Haare glnzen! ... Ach, die lieben,
blonden Hrchen! ... (Diese Worte gehen wieder in Weinen ber.) Die
lieben, blonden Hrchen! ...

TONI (die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat): Ach nein,
Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! -- Er ist ganz verndert!
...

FRAU SELICKE: Nein! Nein! Der wird _nie_ anders! In dem Blick ..., wie
er mich so ansah ..., da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn _Du_
's doch wrst! ... Ach, und ich wollt 'm ja so _gerne_ Platz machen!
Weiss Gott im hohen Himmel! ... _Ach -- so -- gerne!_

TONI (traurig): Nein! _Das_ hat er _sicher_ nicht gedacht!

FRAU SELICKE: So _gerne_ wollt' ich 'm den Gefallen thun! ... So _recht_
aus _Herzensgrunde_ wnscht' ich das! ... Aber 's is, als ob der liebe
Gott grade _mich_ ausersehn htte ... (Hat wieder zu weinen angefangen.)

TONI: Nein, Mutterchen! Du musst nicht so was denken! ... Siehste, wir
mssen uns jetzt alle recht zusammenschliessen! ... Sei nur recht gut
und geduldig mit ihm ... Du sollst sehn, dann wird es besser ... dann --
wird alles gut werden!

FRAU SELICKE: Ach, _ich_ bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ...
Ich bin ja immer jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich
mit 'm gewesen! .... Ach Gott, schon um 'n lieben Frieden willen! ....
Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach 'n bischen Ruh und
Frieden ... nur ein _bischen_ Ruh und Frieden ...

   (Es klopft an Wendt's Thr.)

FRAU SELICKE (halb fr sich, sich erinnernd): Ach Gott, Herr Wendt!
(laut) Herein?

   (_Wendt_ tritt ein. Er ist bleich und sieht berwacht aus. Seine
   Backen scheinen etwas eingefallen).

FRAU SELICKE (weinend): Herr Wendt! ... Ach, an Sie hab' ich auch noch
nich denken knnen! ... Sie mssen ja gleich abreisen .... Mein armer
Kopf is mir ganz verwirrt ...

WENDT: Oh ... (Macht eine abwehrende Handbewegung und tritt auf sie zu.)
Meine liebe, gute Frau Selicke ... (Drckt ihre Hand.)

FRAU SELICKE (mit der Schrze an den Augen, ist mit ihm an's Bett
getreten. Kann kaum sprechen vor Weinen): Sehn Sie ... da ...

WENDT (steht mit ihr in stummer Trauer vor'm Bett.)

TONI: Mutterchen! Komm!

FRAU SELICKE (sich die Augen trocknend, sich zusammennehmend): Ja, ich
will ... Um elf geht Ihr Zug, Herr Wendt?

WENDT: Ach! (Handbewegung. Frau Selicke will auf die Kchenthr zu.)

TONI (man merkt ihr grosse Ermattung an): Lass nur, Mutterchen! ... Ich
will das schon alles besorgen! Du musst unbedingt ein bischen ruhn!
Komm, Mutterchen! Komm! ...

   (Frau Selicke lsst sich willenlos von ihr langsam zur Kammer
   fhren. Toni drckt leise die Thr hinter ihr zu. Sie bleibt einen
   Augenblick mit allen Anzeichen grosser Mdigkeit bei der Thr
   stehen, nimmt sich dann zusammen und macht ein paar Schritte auf die
   Kchenthr zu. -- Die Uhr schlgt neun.)

WENDT (beim Bett, leise): Und heute -- wollt' ich -- mit Deinen Eltern
reden ...

TONI (usserst abgespannt): Was? .. Neun schon? ... Ach ja, ich muss ja
noch ... Sie mssen ja -- um elf -- fort ...

   (Sie geht mit mden Schritten, wie mechanisch, auf die Kchenthr
   zu.)

WENDT (wiederholend): Fort ...

TONI (stehen bleibend, ihn mit ausdruckslosem Blick ansehend): Was? ...

WENDT (mehr ngstlich, als berrascht): Und -- Toni! Du sagst Sie?!

TONI: Wie? Ach so ... hab' ich ... Ach ja! (Mit einem mden Lcheln):
Das ist nun auch -- vorbei ...

WENDT (wie vorhin): Vor ... vorbei?!

TONI (wie im Selbstgesprch): Das ist jetzt nun -- alles -- anders
gekommen ...

WENDT (seitwrts sehend): Toni!

TONI: Ach! ... Ich bin ganz ... mir ist ... Ah ...

   (Sie sinkt in einem Anfall von physischer Schwche gegen seine
   Schulter.)

WENDT (besorgt): Toni! ... Was ist Dir?! (Beobachtet sie ngstlich. Ihre
Augen sind geschlossen, um ihren Mund liegt ein gequltes Lcheln.)

WENDT (besorgt): Herrgott! ... Liebe Toni!

   (Sie schlgt die Augen wieder auf.)

WENDT: Ist Dir besser?

TONI: Ja ... Es _war_ mir nur ... so ... ein Augenblickchen ...

   (Sie macht sich sanft von ihm frei.)

WENDT (erfasst ihre Hand): Halt aus, meine gute, liebe Toni! ... Halt
aus! ... Nur noch eine Weile! .... Nur noch eine kleine Weile! ... Du
armes Mdchen! ... Alles ist so -- ber uns hereingekommen! (Seufzt.)
Nur noch eine kleine Weile! ... Es wird alles gut! ... Es _muss_ ja
alles wieder gut werden! ..

TONI (hysterisches Weinen.)

WENDT: Toni!!

TONI: Ach, mir ist ... (Fasst sich.) Ja! ... Wir drfen jetzt nicht mehr
-- daran denken! ... Ich habe das nicht nur so -- hingesagt! ... Das ist
nun -- vorbei!

WENDT: Ach, Du weisst ja nicht, was Du .... Wir wissen ja nicht -- jetzt
...

TONI (mde, geqult): Ach, wenn ich doch todt wr'! ...

WENDT (nach einer Pause): Das -- ist dein ...

TONI (bleibt stumm).

WENDT: Du -- sagst das mit -- voller Ueberlegung?

TONI (leise): Ja!

   (Pause. _Wendt_ stumm an dem Tisch, auf welchen er sich schwer
   gesttzt hat; _Toni_ neben ihm, ihn ngstlich beobachtend.)

TONI: Du musst doch selbst sehn, dass es -- jetzt nicht mehr geht.

WENDT: Mit voller Ueberlegung? ... Nein! -- Ach was! -- Das kannst Du ja
gar nicht! .. Siehst Du! Das kannst Du ja gar nicht! ... Es ist ja
unmglich, dass wir die Verhltnisse jetzt klar bersehen knnen! ...

TONI: Ach nein! ... Ich weiss ganz genau, wie jetzt alles kommen wird!
... Wir knnen und _werden_ uns nie heirathen! ...

WENDT: Nie? ...

TONI (traurig mit dem Kopfe schttelnd): Nein! ... Nie! ...

WENDT: Nie! ... (Er hat sich auf den Stuhl vor dem Tisch sinken lassen,
der noch von gestern Abend dasteht. Stumm, finster, den Kopf in beiden
Hnden, vor sich hinstarrend.)

TONI (beunruhigt, mitleidig): Siehst Du! ... Du musst doch _sehn_, dass
ich jetzt -- hier -- nicht fortkann! ... Ach, Du weisst ja! ... Du hast
ja gehrt! ... Diese schreckliche, schreckliche Nacht! ... Ich kann, ich
_kann_ doch nicht anders! ... (Nachdenklich.) Wenn es jetzt auch so
_aus_sieht, als ob sie anders wren! Ach! Das scheint ja nur so! ...
(Traurig.) Das dauert ja doch nicht lange! Bei der nchsten Gelegenheit
-- ist es wieder -- wie vorher, und -- und noch viel -- noch viel --
schlimmer ...

WENDT (dumpf vor sich hin): Noch -- _schlimmer_! ...

TONI (ernst und traurig): Ja! ... Noch _schlimmer_! ... (Pause.) Ja,
wenn Linchen noch ... (Ihre Stimme zittert.) Wenn sie dem Vater so auf
den Knie'n sass beim Essen ... so neben ihm ... wenn sie sich an ihn
schmiegte ... und ihm -- was vorschwatzte ... oder: wenn sie sich
zankten ... wenn sie dann -- weinte ... und bat ... mit ihrem rhrenden
Stimmchen ... Ach! Sie hat sie immer wieder heiter gemacht und --
getrstet ... Ja! Aber jetzt ... (Ist in Weinen ausgebrochen.) Ach, Du
weisst das ja alles gar nich! ...

   (Pause.)

Was soll werden? ... Sag doch selber! ... Zu uns nehmen -- knnten wir
sie ja doch nicht! ... Du weisst ja, wie er is! ... Und -- die Mutter
allein? ... Das lsst er nicht! ... Er hat sie ja viel, viel zu lieb!
... Er kann sich nicht von ihr trennen! ... Und untersttzen? ... (Sie
lchelt mde.) Das siehst Du ja selber: das kann ja gar nichts ntzen!
... Darauf kommt es ja gar nicht an! ... Ach Gott! Ich darf gar nicht
daran denken! ... Die arme, arme Mutter! ... Und dann -- die andern! ..
Der arme Walter! ... Nein! (Leise.) Es ist ganz unmglich, ganz
unmglich, dass ich fort kann! ... Und -- das kann noch lange, lange
Jahre so fortdauern! ...

WENDT (nach einer Weile, halb zu sich selbst, seitwrts, zwischen den
Zhnen): Und -- da musst Du Dich also -- opfern! ...

TONI (nachdenklich): Die armen, armen Menschen!

WENDT: Dein ganzes Leben in diesem Elend verbringen! Dein ganzes Leben!
... Das soll man ertragen?! ... (Ist aufgesprungen.) Das ist ja
unmglich, Toni! Das ist ja unmglich!

TONI (sanft): Ach, doch!

WENDT: Toni!

TONI: Und wenn sie noch _schlecht_ wren! ... Sie sind aber so gut! Alle
beide! Ich habe sie ja so lieb! ...

WENDT (leise; einfach constatirend, nicht vorwurfsvoll): Ja! Mehr als
mich! ...

TONI: Ach, Du bist ja viel glcklicher!

WENDT: Glcklicher? Ich?!

TONI: Ja, Du! Du! ... Du bist ja noch jung und hast noch so viel vor
Dir! ... Aber sie haben ja gar nichts mehr auf der Welt! Gar nichts! ...

WENDT (sthnt auf).

TONI (leise): Wir knnten ja _doch_ nie so recht glcklich sein! ... Ich
htte ja keine ruhige Stunde bei Dir, wenn ich wsste, wenn ich
fortwhrend denken sollte, dass hier ... Nein, nein! ... Das wre ja nur
eine fortwhrende Qual fr mich! ... Das siehst Du ja auch ein!

WENDT: Ich? ... ein?!

TONI: Ja!

WENDT (zuerst vollstndig fassungslos, dann): Gut! Dann bleib' ich hier!
... (Verzweifelt.) Ich habe den Muth nicht, ohne Dich, Toni! ... Toni!
-- (Auf sie zu.)

TONI (erschrocken, schon in seinen Armen. Flehend): Hier?! ... Nein!
Ach, nein! ...

WENDT: Und wenn alles in _Stcke_ geht!

TONI: O Gott! ... Ach, nein! ... _Nein!_ ... Deine Eltern ...

WENDT: Meine Eltern?! -- He! -- Wohl mein Vater?! Dieser orthodoxe,
starrkpfige Pfaffe und ... Ae! Die ist mir ja auch nicht mehr das! ...

TONI: O!

WENDT (bitter): Ja, ja, meine liebe Toni!

TONI: Und Deine Stellung?

WENDT: Meine Stellung?! He! -- Was ist mir denn meine Stellung!
(Leiser.) Ich habe nur _Dich_, Toni! Nur Dich! ...

TONI: Ach! -- Aber sieh doch ... Nein! Das wrde Dir ja _auch_ nichts
ntzen!

WENDT: Nichts ntzen?!

TONI: Nein, nein! ... Ach, nein! Das geht ja nicht! ... Ach, das wrde
ja alles ganz anders werden, als Du Dir's jetzt vorstellst! .... Du bist
ja nicht so an alles das gewhnt! .. Und dann: eh' Du Dir dann wieder
eine _neue_ Stellung verschafft hast! ... Alles das! ... Nein, nein! ...
Es ist so _gut_ von Dir, so _gut_! Aber es ntzte ja doch nichts! ...
Ach, siehst Du denn das gar nicht ein?

WENDT (sthnt schmerzlich auf).

TONI (einen Einfall bekommend): Ach na ... Und dann -- siehst Du! ...
Eigentlich: wir haben ja noch gar nichts verloren? ... Spter knnten
wir ja -- vielleicht -- immer noch zusammenkommen?

WENDT (sie fest ansehend): Spter?

TONI (etwas verlegen): Nun ja? ... Ich ...

WENDT (wie vorher): Spter?

TONI (mit einem gequlten Lcheln): Ich ... Nun ja -- Warum denn nicht?
Ich ... e ... Wir mssten vielleicht noch -- ein paar Jahre warten! ...
Aber unterdessen kannst Du ja ... (Sie hat whrend der letzten Worte
nach dem Bett hingesehn.) Hach?! (Ist zusammengefahren, sich fest an ihn
klammernd.)

WENDT (mit zitternder Stimme): Um Gotteswillen! Was ist Dir denn, Toni?!

TONI (wieder aufathmend und sich ber die Stirn streichend): Mir war --
als wenn sich -- im Bette dort etwas -- bewegte ...

WENDT (gleichfalls unwillkrlich zum Bett hinsehend. Sucht sie zu
beruhigen): Du bist so erregt, Kind!

   (Pause.)

TONI: Wir vergessen ... Wir mssen -- vernnftig sein! ... (Lchelnd.)
Ach! -- Sieh mal? -- Mir -- ist -- schwindlich! ... Ich bin -- doch --
ein bischen -- angegriffen ...

WENDT (sie sttzend): Du hast Dich so erschrocken, Toni! ...

TONI (mit mattem Lcheln): Lass nur! -- Es ist -- schon wieder gut! ...
(Sie ist mit gefalteten Hnden vor das Bett Linchens getreten. Weint.)
Ja! -- Du siehst ... Mein liebes, liebes Linchen! ... Mein
Schwesterchen! ...

WENDT (hinter ihr).

TONI (weinend, wendet sich zu ihm): Sieh doch!

WENDT (abgewandt): Toni ...

TONI: Ich _bitte_ Dich! -- Ich _bitte_ Dich! --

WENDT (sie ansehend. Auf's Tiefste erschttert. Hat ihre Hand ergriffen.
Demthig): Toni! -- O, was bin ich gegen Dich! -- Wie muss ich mich vor
Dir schmen! ...

TONI (abwehrend): Ach ... (Ernst.) Aber: wir drfen nicht! Nicht wahr?

WENDT (sich abwendend): Du hast recht! (Hat ihre Hand wieder fallen
lassen.) ... Ja! Du brauchst mich nicht! -- Du bist gross und muthig und
stark und ich so klein, so feig und -- so selbstschtig! (Beschmt.) Ich
-- Thor ich! ... Ja! Du hast recht! -- (Seufzt tief auf.) Wir drfen
nicht! ...

TONI (seine Hand ergreifend und ihm die ihre auf die Schulter legend;
sieht ihm in die Augen): Nicht _wahr_, Gustav? ... Wir drfen doch nicht
nur an uns denken?!

WENDT (im tiefsten Schmerz. Ihre Hand drckend): Ach! -- Mdchen! --

TONI: Du bist so gut gewesen! ... Du hast's so gut mit uns gemeint! ...

WENDT (geqult): Ist denn nur _keine, keine_ Mglichkeit?! ...
Herrgott!! ...

TONI (schmiegt sich an ihn): Siehst Du: ich muss ja doch auch aushalten!

WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! --

TONI (immer in derselben Stellung. Wieder mit einem Lcheln): Ach, wenn
man so den Tag ber arbeitet, weisst Du ... wenn man sonst gesund ist
und immer tchtig arbeiten kann: da denkt man an nichts! ... Da hat man
keine Zeit, an was zu denken! ... Und Du -- Du weisst so viel! Du kannst
so viel ntzen ...

WENDT (dster): Ich? Ntzen?

TONI: Ach ja!

WENDT: Ntzen! ... Ja frher! Wenn ich noch wie frher wr'! ... Aber
jetzt?! Jetzt?! ...

TONI: Ach, das ist ja nur so fr den Augenblick! ... Du kannst glauben:
das ist nur so fr den Augenblick! ... Wenn Du erst _dort_ bist ... Das
ist so ein schner, schner Beruf, Pastor!

WENDT: Ich glaube an alles das nicht, womit ich die Leute -- trsten
soll, liebe Toni! Und ich kann nicht -- lgen!

TONI (lehnt den Kopf an seine Schulter. Zu ihm auf): Aber wenn nun ...
Wenn Du mich nun ... Httest Du _dann_ gelogen?

WENDT: Wie meinst Du?

TONI: Ich meine: Wenn Du mich -- geheirathet httest und Du wrst dann
Pastor gewesen, dann httest Du doch ebenso gut den Leuten was
vorgelogen, wenn Du berhaupt an das alles nicht _glaubst_? ... Du
sagtest doch gestern -- ich weiss nicht mehr, wie Du's ausdrcktest! ...
Aber -- ... Ja! -- Wir htten dann, was mit dem Leben vershnte! -- So
ungefhr! -- Es war so schn! ...

WENDT: Mdchen! -- Mdchen! --

TONI: Ach, lass doch! -- Du hast dort zu thun und _ich_ -- hier! -- Und
wenn wir dann -- manchmal aneinander denken, dann -- wird es uns
leichter werden! ... Nicht wahr? ... (Mit mildem Scherz.) Ich will mal
sehn, wie oft mir das Ohr klingt! ... Ach ja! Wenn man nichts zu thun
hat, dann denkt man so an alles und dann sieht alles -- viel schlimmer
aus, als es ist! ... Aber wenn man arbeitet, dann schafft man sich alles
vom Halse! ...

WENDT: Ja! Ja! Du hast wieder recht, wieder recht! ... (Sieht sie innig
an.) Ach Mdchen! -- Du wunderbares Mdchen! Wie knnt' ich jetzt ohne
Dich leben! ...

TONI (ngstlich): O nein, nein! ... Das sagst Du ja nur so! -- Das wre
doch schlimm, sieh mal, wenn Du das nicht knntest, wenn Du blos von
_mir_ abhingst! -- Lieber Gott! Ich bin ja so dumm! -- Ich weiss ja
nichts!

WENDT: Ich meine nicht so! -- Du hast recht! -- H! ... Wir mssen uns
darein finden!

TONI (freudig, sich an ihn drckend): Ach, siehst Du! -- Das ist gut von
Dir! Das ist _gut_!

WENDT: Aber, nicht wahr? Ich habe Dich doch _gefunden_ und Du -- Du
machst mich jetzt zu einem anderen Menschen! ... Du hast mich berhaupt
erst zu einem gemacht, liebe Toni! ...

TONI: Ach, ich! ...

WENDT (innig): Ja! Du! ... Das Leben ist ernst! Bitter ernst! ... Aber
jetzt seh' ich, es ist doch schn! -- Und weisst Du auch warum, meine
liebe Toni? Weil solche Menschen wie Du mglich sind! -- ... Ja! So
ernst und so schn! ... (Streichelt ihr ber das Haar.)

TONI (leise, selbstvergessen, glcklich): Ach ja! ... Ach, aber das ist
gut von Dir! ... Ich wusste ja ....

   (Pause. Sie sehen sich in die Augen.)

TONI (schmerzlich, sehnschtig aufseufzend): Ach, Du! ...

WENDT (sie fest an sich pressend): Hm? Du! ... Toni! ...

TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja!

WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! -- (Presst sie eng an sich.)

TONI (mit erstickter Stimme): Still ... Sei still ...

WENDT (verloren): Toni ... (Beugt sich ber sie und will sie kssen.)

TONI (mit erstickter Stimme): Lass! ... Ich -- hre -- die Mutter! ...
Ich muss nun .... Wir mssen nun daran denken! ... Nicht wahr? ..

WENDT: Toni! Ich bleibe noch! ... Einen Tag! ... Einen einzigen Tag!

TONI (wie vorher): Nein! ... Bitte! .. Bitte! .. _Mir_ zu liebe! ...

WENDT: Ach! ... Leb wohl! ... (Ksst sie.)

TONI (seinen Kuss erwiedernd, mit thrnender Stimme): Leb -- wohl! ....
(Sie drckt sich gegen seine Brust.) Leb wohl! ... (Es klingelt. Toni
will aufmachen.)

WENDT (hlt sie zurck): Lass! _Ich_ werde aufmachen! -- 's wird wohl
nur der alte Kopelke sein ... (Er geht aufmachen. Toni zieht sich in die
Kche zurck.)

KOPELKE (noch im Corridor): Danke scheen! Danke scheen! ... Juten
Morjen, werther, junger Herr! -- Na? Schon uf 'n Damm? ... Wie steht't
denn mit unse Kleene? -- Aha! Ick weess schon! ... Se schlft noch!
Scheeniken! ...

WENDT: Nein, sie ... Bitte, treten Sie ein, Herr Kopelke!

KOPELKE (tritt geruschlos ein. Er hat ein kleines Packetchen unterm
Arm. Bleibt einen Augenblick bei der Thr stehen und sieht sich um):
Juten Morjen! ... Nanu?! Keener da?! ... Det is jo hier noch so 'ne
Wirthschaft?! ... (Zu Wendt hinter sich zurckflsternd): Sagen Se mal,
et is doch nich etwa ... He?! ...

FRAU SELICKE (lugt aus der Kammer): Ach, Sie sind's, Herr Kopelke?
(Tritt ein.)

KOPELKE: Ja, ick! .... Juten Morjen, Frau Selicken! ... Ick wollt' mal
.... Sagen Se mal, et ...

FRAU SELICKE (weinend): Ach, Herr Kopelke! ..

KOPELKE (besorgt): Nanu?! Et is doch nich ...

FRAU SELICKE (in Thrnen ausbrechend): Ach! Nun brauchen Sie -- nicht
mehr -- Herr Kopelke ..

KOPELKE (das Packetchen auf den Tisch legend): Det hat sick doch nich --
verschlimmert?!

FRAU SELICKE: Hier! ... Da! ... (Sie ist mit ihm an's Bett getreten).

KOPELKE (steht eine Weile stumm da und giebt einige grunzende Laute von
sich).

FRAU SELICKE: Diese Nacht um zwei ...

KOPELKE (mit bebender Stimme): Biste todt, mein liebet Linken? ....
(Tritt zu Frau Selicke und nimmt ihre Hand.) Frau Selicken! ... Meine
liebe Frau Selicken! ... Det ... Sehn Se! .. Det ... Hm! ... Hm! ... (Er
hlt einige Augenblicke, seitwrts sehend, ihre Hand. Pltzlich:) Wo is
denn Edewacht?

FRAU SELICKE: Drin in der Kammer! .... Er sitzt da und -- und -- rhrt
sich nich .. Wie todt! ... Ach Gott, ach Gott, ach Gott! ...

KOPELKE: Hm! ... (Wendet sich wieder zum Bett und betrachtet die
Leiche.) Un ick dacht' ... Hm! ... Un ick hatt' ihr da -- noch 'ne --
Kleenigkeit -- mitjebracht! ... Hm! ... Nu is det -- nich mehr --
needig! ... Nu hat se det -- freilich -- nich mehr -- needig! ... Hm!
... Hm! ...

   (Toni tritt in die Kchenthr und sieht in die Stube nach Frau
   Selicke.)

Liebet Freilein! ... (Kopelke giebt ihr die Hand. Toni sieht still
seitwrts.) Liebet Freilein! ... (Toni geht zu Frau Selicke.)

TONI: Mutterchen! Da bist Du ja schon wieder? ... Hast Du denn nicht ein
bischen _geschlafen_?

FRAU SELICKE: Nein! -- Kein Auge hab' ich zuthun knnen! -- Nur so ein
bischen gedmmert! ... Wie's klingelte, war ich gleich wieder wach! ...
Haste denn Herrn Wendt ...

TONI: Ja! Lass nur! Ich gehe schon! Leg' Dich aber wieder hin,
Mutterchen! Hrst Du?

FRAU SELICKE: Ja, ja! ... (Toni geht in die Kche zurck.) Warten Sie,
Herr Kopelke! -- Ich werde meinem Manne sagen ... (Ab in die Kammer.)

KOPELKE (tritt vom Bett zu Wendt hin, der die ganze Zeit ber ernst bei
Seite gestanden hat): Die armen Leite! -- Die armen Leite! -- Jott! Ick
sag' immer: warum muss et blos so ville Elend in de Welt jeben? -- Ae,
Jottedoch! -- ... Sie woll'n nu heite ooch reisen?

WENDT (zerstreut): Ja! -- Gleich nach den Feiertagen tret' ich meine
Stellung an.

KOPELKE: Ja, ja! -- Det wird Ihn'n nu ooch so nich passen! -- Na, wissen
Se, werther, junger Herr! Det lassen Se man jut sind! Die Beffkens un
der schwarze Rock un det so: det is jo allens Mumpitz! -- Sowat macht 'n
Paster nich! Damit kenn'n Se sick trsten! -- Da sitzt der Paster!
Verstehn Se? Da! (Klopft sich auf die Brust.) ... Un denn, wissen Se: in
die zwee Jahre haben Se hier wat kennen jelernt, wat mennch eener sein
janzet Leben nich kennen lernt, un wat Bessres, verstehn Se, htt Ihn'n
janich passirn knnen! ... Ick wnsch' Ihn'n ooch 'ne recht jlickliche
Reise! -- Wah mich immer sehr anjenehm, werther, junger Herr! Wah mich
immer sehr anjenehm! ... Un, Se kommen doch spter hier mal widder her?
Wat? ...

WENDT (nachdrcklich): Ja das werd' ich! -- Ueber kurz oder lang! ...
Ich danke Ihnen, Herr Kopelke!

KOPELKE (ihm die Hand drckend): Scheeniken! Scheeniken! _Det_ is recht
von Sie!

   (Frau Selicke kommt aus der Kammer.)

FRAU SELICKE: Es is nichts mit'm anzufangen! -- Gehn Sie nur selber zu
'm rein, Herr Kopelke! ... Ach Gott, ja! ...

KOPELKE (nimmt ihre Hand): Kinder! -- Kinderkens! ... Lasst man jut
sind! Wir kommen ooch noch mal an de Reihe! ... (Verschwindet hinter der
Kammerthr.)

   (Draussen fangen die Glocken zum Frhgottesdienst an zu luten. Das
   Luten dauert bis gegen Schluss.)

FRAU SELICKE: Da luten sie schon zur Kirche! ... Ach, wer htte das
gedacht, dass Sie mal so von uns fortziehen wrden, Herr Wendt! ...
Unter solchen Umstnden! ... (Weint.) Lassen Sie sich's recht gut gehen!
(Giebt ihm die Hand.) Und grssen Sie Ihre Eltern unbekannterweise recht
schn von uns! ... Erleben Sie bessere Feiertage -- und -- denken Sie
manchmal an uns ....

WENDT: Ja! -- _Das_ werd' ich sicher, liebe Frau Selicke!

FRAU SELICKE: Wo bleibt denn Toni? Sie haben ja gar nich mehr so viel
Zeit ....

TONI (kommt mit Frhstck und Kaffeegeschirr; in der andern Hand trgt
sie ein Kfferchen. Im Vorbeigehn zu Wendt): Bitte!

WENDT (nimmt ihr es ab und stellt es neben sich unter den Sophatisch):
Ich danke Ihnen ....

FRAU SELICKE (mit der Schrze vor den Augen. Schluchzend): Ach Gott ja!
Ach Gott ja!

TONI (hat das Frhstck in Wendt's Zimmer getragen und kehrt nun wieder
zu ihrer Mutter zurck. Sie umarmt sie und ksst sie. Zrtlich):
Mutterchen! -- Muttelchen! ...

FRAU SELICKE (zu Wendt, immer noch schluchzend): Ja, grssen Sie sie
nur! Grssen Sie sie nur recht von uns!

WENDT (ihre Hand ergreifend): Ich danke Ihnen, Frau Selicke! Ich danke
Ihnen! Fr -- Alles! (Ihre Hand drckend.) Leben Sie wohl! (Zu Toni, die
mit dem einen Arm noch immer ihre Mutter umschlungen hlt, ebenfalls
ihre Hand ergreifend.) Leben Sie wohl! Ich .... (Toni hat sich an die
Brust ihrer Mutter sinken lassen und vermag ihm nicht zu antworten. Ihr
ganzer Krper bebt vor Schluchzen.)

WENDT (sich pltzlich ber ihre Hand, die er immer noch nicht
losgelassen hat, bckend und sie kssend): Ich komme wieder! ...


             Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr), Berlin SW. 48




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Alle weiteren Korrekturen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 5]:
   ... Kaulbach'schen Stahlstich Lotte, Brod schneidend hngt. ...
   ... Kaulbach'sche Stahlstich Lotte, Brod schneidend hngt. ...

   [S. 8]:
   ... Ah, gut'n Aben, Herr Kopelke! ...
   ... Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke! ...

   [S. 18]:
   ... KOPELKE (mit krummgezogenen Puckel, sich schmunzelnd ...
   ... KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd ...

   [S. 21]:
   ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fllt): Ja ...
   ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fllt): Ja! ...

   [S. 26]:
   ... Ich bin garnicht aberglubisch? Aber es ist doch ...
   ... Ich bin garnicht aberglubisch! Aber es ist doch ...

   [S. 33]:
   ... Elend leben! Hrst Du Du verdienst das nicht! ...
   ... Elend leben! Hrst Du! Du verdienst das nicht! ...

   [S. 89]:
   ... TONI (in Gedanken an ihn vorbeisehend): Ach ja! ...
   ... TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja! ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Familie Selicke, by 
Arno Holz and Johannes Schlaf

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