The Project Gutenberg EBook of Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski

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Title: Auf silbernen Gefilden
       Ein Mond-Roman

Author: Jerzy Zulawski

Translator: Kasimir Lodygowski

Release Date: March 7, 2016 [EBook #51386]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***




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                  Zulawski / Auf silbernen Gefilden
                            Zweite Auflage




                        Auf silbernen Gefilden


                            Ein Mond-Roman

                                 von
                          Jerzy von Zulawski

                    Deutsch von Kasimir Lodygowski

               Mnchen 1914 / Verlegt bei Georg Mller




                               Vorwort


Fast fnfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den
wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgefhrt wurden.
Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schnen
Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des Assistenten am dortigen
Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der
Autor behauptete, da er Nachrichten ber das Schicksal der vor fnfzig
Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der
Expedition in Hnden habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf,
obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von
dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehrt oder gelesen hatten, wuten,
da die khnen Abenteurer ihr Leben einbten und zuckten die Achseln,
da die fr tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten
vom Monde schicken sollten.

Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte
Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte
Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript
vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentmliche Art
aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ru und
Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert
werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er
erklrte, da es aus verkohlten Papieren bestnde, deren Inhalt er erst
mit Hilfe knstlicher photographischer Aufnahmen, die mit groer Mhe
und Vorsicht gemacht werden mten, ablesen knne. Diese
Geheimnistuerei, und vor allem, da der Assistent beharrlich verschwieg,
wie er in den Besitz der mysterisen Kugel gekommen war, machte die
Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete
mit einem gewissen Mitrauen die versprochenen Aufklrungen und begann
indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fnfzig Jahre
zurckliegenden Ereignisse zu vergegenwrtigen. Und pltzlich fing man
an, sich zu wundern, da alles das so schnell vergessen wurde .... Es
gab doch in jener Zeit keine Tagesbltter, keine Wochen- oder
Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fhlten, in
jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhrten und unwahrscheinlichen
Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von
Berichten ber den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in
dem Waggon, der durch den Planetenraum fahren und die khnen Reisenden
auf die Oberflche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin
lediglich aus den vorzglichen, im Licke-Observatory gemachten
photographischen Aufnahmen kannte. ber alle Einzelheiten des
Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Portrts und ausfhrlichen
Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten berall auf. Fast Entrstung
erregte die Nachricht, da einer von ihnen im letzten Augenblicke
zurcktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur
Abfahrt. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen albernen und
abenteuerlichen Plan der Expedition verhhnten und die Teilnehmer
Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt
interniert zu werden, waren jetzt emprt ber die Feigheit und das
Zurcktreten eines Menschen, der es offen aussprach, da er hoffe, auf
der Erde ein gleich ruhiges und ungleich spteres Grab zu finden, als
seine Kameraden auf dem Monde. Das grte Interesse jedoch erweckte die
Person, die sich fr die freigewordene Stelle meldete. Es hie
allgemein, da man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen knne, da die
Zeit zu kurz fr das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem
sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen muten. Sie waren
schlielich zu geradezu unerhrten Resultaten gelangt. Man erzhlte
sich, da sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen
vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze
Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden fr die Gesundheit
in einer Luft zu atmen, die viel dnner war als die Erdatmosphre auf
den hchsten Bergen. Das Staunen war daher gro, als man erfuhr, da der
Neuling von den Lunatikern, wie man sie nannte, aufgenommen sei und
ihre Zahl vervollstndigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller
Verzweiflung, da sie nichts Nheres ber diesen geheimnisvollen
Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemhungen der Reporter lie er
keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen
weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen
geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hllten sich
ebenfalls in tiefstes Schweigen ber ihn, und erst zwei Tage vor der
Abreise erschien eine nhere, im hchsten Grade phantastische Nachricht.
Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen,
den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die
verblffende Mitteilung, da dieses Expeditionsmitglied eine Frau in
Mnnerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war
brigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschftigen. Der groe
Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Hhepunkt.
An der Mndung des Kongo, von wo aus die Expedition die verwegene Fahrt
antreten sollte, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein
Stelldichein gegeben.

Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden,
-- ber hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.

An der afrikanischen Kste, zirka zwanzig Kilometer von der Mndung des
Kongo entfernt, ghnte die breite ffnung eines dafr konstruierten
Schlundes aus Gustahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit
den darin eingeschlossenen fnf waghalsigen Forschern hinausschieen
sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau
smtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorrte und
Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!

Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkndete ein betubender,
durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt -- in einem Umkreis
von einigen hundert Kilometern -- den Beginn der abenteuerlichsten aller
Fahrten ...

Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der
Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung
der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tgliche Drehung der
Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mchtige Parabel von
Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in
der bezeichneten Stunde in die Sphre der Anziehung des Mondes, fast
senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in
der Gegend des Sinus Medii. Der Lauf des Projektils, der von
verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen
beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung
bereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der
Richtung von Osten nach Westen zurckzuweichen, zunchst viel langsamer
als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde
entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der
Erde, der gegenber das Projektil zurckblieb.

Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nhe des Mondes, selbst
durch die strksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hrte
die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil
eingeschlossenen Reisenden noch lngere Zeit hindurch keinen Augenblick
auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen
vorzglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug,
der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von
dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde
trennten, funktionieren mute. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen
als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen
Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend
Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungengende Kraft
des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des
Apparates wegen auf eine grere Entfernung unmglich. Aber die letzte
Depesche klang ganz aufmunternd: Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen
vorhanden.

Sechs Wochen spter schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition
aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten
dafr bedeutend grere Nahrungsvorrte und notwendige Instrumente bei
sich; auch einen weit strkeren telegraphischen Apparat als ihre
Vorgnger. Es war kein Zweifel, da er zur bersendung von Nachrichten
vom Monde gengen mute; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von
dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition,
direkt vor dem Fallen auf die Mondoberflche, abgesandt. Die Nachricht
lautete nicht besonders gnstig. Das Projektil wich, aus einem
unerklrlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht
senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schrg, in einem ziemlich
scharfen Winkel, und da es fr einen solchen Fall nicht konstruiert war,
frchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befrchtungen
schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere
mehr folgte.

Unter solchen Umstnden gab man eine beabsichtigte dritte Expedition
auf. Man konnte sich bezglich des Schicksals der Unglcklichen nicht
tuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die
begeistertsten Anhnger der interplanetarischen Kommunikation
verstummten, und man sprach und schrieb ber die Expeditionen nur noch,
da sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in
einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.

Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des
bis dahin gnzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgesprch gewordenen
Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem
brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lftete allmhlich die
Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Unglubigen nicht fehlte,
begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte
sich alle Welt dafr, und schlielich legte der Assistent auch klar, auf
welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und
wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten
berreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzge zu
besichtigen.

Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaen:
Eines Nachmittags, erzhlte der Assistent, als ich bei der
Aufzeichnung der tglichen meteorologischen Beobachtungen sa, meldete
mir der Stationsdiener, da ein junger Mann mich zu sprechen wnsche. Es
war mein Kollege und guter Freund, der Eigentmer eines benachbarten
Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mute ihn warten lassen, um
erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er
erklrte mir sofort nach der Begrung, da er mir eine Nachricht
bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wute, da ich
mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschftigte
und kam mir mitzuteilen, da vor einigen Tagen ein Meteor von grerer
Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein,
der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, htte man nicht
gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wre er gerne bereit, mir
Arbeiter zum Hervorholen zur Verfgung zu stellen. Natrlich wollte ich
den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr
ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz
zweifelloser Merkmale und schwerer Mhen konnten wir nichts finden. Nur
ein Stck bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser
Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich
zweifelte schon an einem Resultat und lie die weiteren Arbeiten
einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte.
Sie sah in der Tat sehr merkwrdig aus. Ihre Oberflche war mit
Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem
Erglhen whrend des Durchganges durch die Erdatmosphre bilden. Sollte
_sie_ etwa jener herabgefallene Meteor sein?

In diesem Augenblicke kam mir pltzlich der Gedanke an die Expedition
vor fnfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich mu
hinzufgen, da ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten
Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren
Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu frh, Vermutungen
auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der grten Vorsicht an mich und
brachte sie nach Hause, fast sicher, da sie wertvolle Fingerzeige ber
jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhltnismig geringen Gewicht
erriet ich, da sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich
war mir klar darber, da Papiere, die eventuell in der Kugel
eingeschlossen waren, bei dem Erglhen des Eisens in der Erdatmosphre
verkohlt sein muten. Man durfte daher die Kugel nur so ffnen, da die
berreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, lt sich aus
ihnen doch noch etwas entziffern.

Die Arbeit war beraus mhsam, besonders dadurch, da ich niemanden zu
Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren hchst unsicher und, wie ich
zugeben mu, zu -- phantastisch, als da verfrht etwas darber
verlauten durfte.

Ich bemerkte, da die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man
aufdrehen mute und befestigte sie also in einem starken Schraubstock,
um sie vor einer Erschtterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschdigen
knnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach
langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem
ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfate mich ein Freudentaumel,
und zugleich schnrte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mute
die Arbeit unterbrechen, da mir die Hnde zitterten; erst nach einer
Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder
aufnehmen.

Die Schraube bewegte sich langsam, als ich pltzlich ein seltsames
Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast
gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hrte das
Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem,
obwohl es jetzt etwas schwcher war. Endlich begriff ich alles! Das
Innere der Kugel war vollstndig leer! Das Zischen entstand durch das
Eindringen der Luft vermittels einer ffnung, die sich durch die
Lockerung der Schraube gebildet hatte.

Dieser Umstand bestrkte mich in der berzeugung, da die in der Kugel
vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein
drften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben
mute, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphre, erglhte!
Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach
Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wnde mit
einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Pckchen verkohlter,
aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus
Furcht, die wertvollen Schriften zu beschdigen. Ich nahm sie mit der
grten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. Auf dem verkohlten
Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so
mrbe, da es mir beinahe in der Hand zerfiel.

Trotzdem beschlo ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu
fhren und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte
ich darber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flchtete
ich mich zu den Rntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich spter zeigte,
richtig an, da die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente,
mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr
berschwrzten Stellen den Rntgenstrahlen einen greren Widerstand
leisten wrden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig
jedes Blatt des Manuskripts auf eine dnne Haut, die ich in einen Rahmen
gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels
Rntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der
bertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben,
wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich
miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht
unmglich abzulesen.

Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so
weit vorgeschritten, da ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit
weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der ber den
Vorfall berichtete ... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit,
geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, da es
von einem der fnf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem
Monde verfat und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.

Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen fr sich
selbst sprechen.

Dieser Erklrung, die der Verffentlichung des Manuskriptes vorausging,
fgte der Assistent einen kurzen Bericht ber die Vorgeschichte der
damaligen Expedition bei.

Er erinnerte daran, da der Gedanke von dem irlndischen Astronomen
O'Tamor ausgegangen war, der einen glhenden Anhnger in dem jungen,
seinerzeit in Brasilien berhmten portugiesischen Ingenieur, Peter
Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen
Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermgen zur
Verfgung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur
Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den
Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes
und wandte sich dann an Fachautoritten betreffs Ausarbeitung der
Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschftigten
sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die
ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Nheres ber diesen
Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen
Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es
auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein
Kapital zur Verfgung, das zur Ausrstung mehrerer Expeditionen gengte,
von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.

Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fnf Personen bestehen,
darunter O'Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden
Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fnfte
Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurcktrat; statt
seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In
das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die
Brder Remogner.

Nach dieser kurzen bersicht erging sich der Assistent ausfhrlicher
ber die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins
kleinste Detail die Konstruktion der mchtigen Kanone, von der Form
eines sthlernen Brunnens; berichtete ber den Bau des Projektils, das
man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberflche des Mondes in einen
hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen
besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die
Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie
beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und
endlich zhlte er alle Gegenstnde der inneren Einrichtung und die
Vorrte des transportablen Zimmers auf.

Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon
lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und -- einseitig kennen. Trotz
der groartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des
zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen
Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen,
da man alle Einzelheiten seiner Oberflche erforschen knnte. Sich in
der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern
um die Erde drehend, scheint er durch Glser mit tausendfacher
Vergrerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu
sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stck Wegs bedeutet.
Schrfere Glser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden,
da man bei strkerer Vergrerung, infolge einer zu geringen Helligkeit
der Erdatmosphre, nur ein unklares Bild erhlt, so da es sogar
unmglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwchere Glser
ganz deutlich beobachten kann.

berdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugnglich.
Der Mond macht nmlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig
Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine
Drehung um seine Achse, so da er immer mit derselben Seite seiner
Oberflche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine
zufllige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nhert sich,
seiner Form nach, einem etwas lnglichen Ei. Die Anziehungskraft der
Erde bringt es mit sich, da jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr
kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden
knnte.

Die den Astronomen bekannte Hlfte des Mondes gengt jedoch, ihn ganz
und gar bei denjenigen zu mikreditieren, die vom Bewohnen anderer
Planeten als der Erde trumen. Die Oberflche unsres Satelliten, deren
Ausdehnung zweimal so gro als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen
als eine wasserlose, wste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren
Anzahl mchtiger, kraterhnlicher Ringberge best ist. Diese Bergriesen,
deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen
Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nrdlichen Teil der uns
zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe groer, kreisfrmiger
Flchen, die die ersten Selenographen Meere nannten. Diese Ebenen mit
steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet
werden, sind nach verschiedenen Richtungen von groen Spalten
durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen
versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine hnlichen Erscheinungen
vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal ber hundert Kilometer lang und
einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefhr tausend Metern und
mehr.

Wenn wir uns noch vergegenwrtigen, da diese Oberflche fast gar keine
Atmosphre hat, da der Tag auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn
unserer Tage gleichkommt, da whrend dieses endlosen Tages ein
bestndiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhrte Spannung
annimmt, da hingegen die vierzehntgige Nacht einen Winter
reprsentiert, der klter ist als die Winter in unseren antarktischen
Lndern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt,
diesen Planeten als stndigen Wohnsitz zu whlen! Um so mehr ist der
Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich
in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern
und sichere Nachrichten ber das der Erde am nchsten liegende Gestirn
geben zu knnen.

Die Reisenden hatten brigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel
so schnell wie mglich zu durchdringen und auf die andere Seite des
Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne
Grund, ertrgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl
der ber den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, da auch auf
der anderen Seite die Atmosphre zu dnn sei, um atmen zu knnen; aber
O'Tamor nahm, sich auf langjhrige Forschungen und Berechnungen
sttzend, an, da er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens
vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdrftigsten
Nahrung gengend. Diese tollkhnen Forscher waren bereit ihr Leben zu
wagen, nur um dem sternenbesten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse,
die er so eiferschtig vor den Menschen htet, zu entreien. Der
Gedanke, da dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie
ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurckgebliebenen, mit Hilfe des
mitgenommenen telegraphischen Apparates, wrden mitteilen knnen,
verstrkte noch ihren Wagemut. Sie trumten, von der Gre ihres
Vorhabens berauscht, da sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des
Mondes ein mrchenhaft seltsames Paradies vorfinden knnten, eine neue
Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie trumten, dann neue
Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu
gewinnen, -- von der Grndung einer neuen Gemeinschaft dort auf der
hellen Seite der in die stillen Nchte leuchtenden Kugel, -- von einer
neuen, vielleicht glcklicheren Menschheit ...

Indessen mute man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft-
und wasserlose wste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde
zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine
Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes betrgt fast elftausend Kilometer;
wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten
Scheibe fallen wrden, htten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu
machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen
und leben zu knnen. Das Projektil, in der Form eines lnglichen, auf
der einen Seite kegelfrmig geschlossenen Zylinders, war so
eingerichtet, da es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln
lie, und reichlich mit Vorrten von verdichteter Luft, Wasser,
Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die fr fnf Personen auf
ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heit also noch fr lnger, als
man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.

Auerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen,
eine kleine Bibliothek und -- eine Hndin mit zwei Jungen. Es war dies
eine schne groe englische Sprhndin, die Tom Woodbell gehrte, und
die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte.

All diese Dinge wurden durch die ausfhrlichen, in K.... erschienenen
Artikel aufgefrischt, als quasi Ergnzung zu dem kurz darauf
herausgegebenen Manuskripte.

Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der
ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfat, setzten
sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden
sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des
wundersamsten Schicksals eines Schiffbrchigen bildet, der an ein
fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen
Meter ber der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt.

Hier folgt der wrtliche Abdruck jenes Manuskriptes, von dem Assistenten
des Observatoriums in K.... herausgegeben und zusammengestellt ...




                             Erster Teil


                          Ein Reisetagebuch.

                                               Auf dem Monde den .....

Mein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene mchtige Explosion,
durch die wir uns von der Erde hinausschleudern lieen, zersprengte uns
das Dauerndste und Festgeprgteste, was dort existiert, -- zersprengte
und zerstrte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu bedenken,
da es hier keine Jahre, keine Monate, keine Wochen gibt, noch unsere
kurzen, wonnigen Erdentage ... Die Uhr sagt mir, da bereits vierzig
Stunden seit dem Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen;
wir fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht aufgegangen.
Wir drfen erst in einigen zwanzig Stunden hoffen, sie zu sehen. Sie
wird aufgehen und sich trge am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal
langsamer als dort auf der Erde. Dreihundertvierundfnfzig Stunden wird
sie ber uns leuchten, und dann kommt wiederum die Nacht, die
dreihundertvierundfnfzig Stunden dauert. Und nach der Nacht der Tag,
wie der vorhergehende, und abermals die Nacht und dann der Tag, und so
endlos weiter, ohne Vernderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, ohne
Monate ...

Wenn wir es erleben werden ...

Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in unserem Fahrzeug
und warten auf die Sonne. Oh, diese furchtbare Sehnsucht nach der Sonne!

Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere Nchte dort
auf der Erde whrend des Vollmondes. Der mchtige Halbkreis der Erde
ruht unbeweglich ber uns am Zenit des schwarzen Himmels und berflutet
mit weiem Licht diese entsetzliche Wste um uns her. In diesem
seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... und der Frost
... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! Sonne!

O'Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum Bewutsein gekommen.
Woodbell, obwohl selbst verwundet, weicht nicht einen Augenblick von
seiner Seite. Er frchtet, da es eine Gehirnerschtterung ist und hat
wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, wrde er ihn durchbringen. Aber
hier, in dieser frchterlichen Klte, hier, wo wir als einzige Nahrung
nur Vorrte von knstlichem Eiwei und Zucker haben, wo wir mit Luft und
Wasser sparen mssen ... Es wre entsetzlich, O'Tamor zu verlieren,
gerade ihn, der die Seele unserer Expedition ist! ...

Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den beiden Jungen, wir sind
gesund. Martha scheint nichts zu wissen und zu fhlen. Sie folgt nur
bestndig Woodbell mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. Der
glckliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt!

Oh, diese Klte! Es scheint, da unser verschlossenes Fahrzeug sich
gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. Die Feder gleitet
mir aus den erstarrten Fingern. Wann wird die Sonne endlich aufgehen!?

                          In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden
                                                               spter.

Mit O'Tamor wird es immer schlimmer; man kann sich nicht tuschen -- das
ist schon die Agonie. Tomas verga, bei ihm wachend, seine eigenen
Wunden und ist jetzt selbst so schwach, da er sich hinlegen mu. Martha
vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau so viel Kraft?
Seitdem sie sich von der ersten Betubung des Falles erholt hat, ist sie
am ttigsten von uns allen. Ich glaube, da sie noch gar nicht
geschlafen hat.

Oh, diese Klte! ...

Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien zusammengekauert
liegt Selena. Er sagt, da es ihnen beiden so wrmer ist. Die Jungen
haben wir ins Bett gelegt, neben Tomas.

Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die Klte lt mich
nicht schlafen -- und dieses gespensterhafte Licht der Erde ber uns!
Man sieht nur wenig mehr als die Hlfte ihrer Scheibe. Das ist ein
Zeichen, da die Sonne unverzglich aufgehen mu. Wir knnen nicht genau
berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht wissen, auf welchem
Punkte der Mondscheibe wir uns befinden. O'Tamor htte das mit
Leichtigkeit aus dem Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt
bewutlos danieder. Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen mssen
und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt.

Wir htten nach der Berechnung auf den _Sinus Medii_ fallen mssen, aber
Gott allein wei, wo wir uns wirklich befinden. Auf dem _Sinus Medii_
mte um diese Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir
weiter nach Osten gefallen, wie man auf der Erde die Seite des Mondes
bezeichnet, wo fr uns die Sonne untergehen wird, jedoch nicht weit von
der Mitte der Mondscheibe, da die Erde ber uns fast im Zenite steht.

Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrcke, da ich sie nicht
zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem dieses unerhrte, geradezu
entsetzliche Gefhl der Leichtigkeit. Wir wuten auf der Erde, da der
Mond, der neunundvierzigmal kleiner und einundachtzigmal leichter als
die Erde ist, uns sechsmal schwcher anziehen wrde, obwohl wir uns
seinem Schwerpunkte nher befinden; aber es ist zweierlei -- etwas zu
wissen oder etwas zu fhlen. Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem
Monde und knnen uns noch nicht daran gewhnen. Wir sind noch nicht
imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem kleineren Gewicht der
Gegenstnde anzupassen, ja sogar nicht dem kleineren Gewichte unseres
eigenen Krpers. Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe
einen Meter in die Hhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol wollte
vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der an der Wand unserer
Behausung befestigt war, einen Haken biegen; er fate ihn mit der Hand
-- und hob sich ganz in die Hhe! Er verga, da er jetzt statt zirka
siebzig Kilo nicht ganz dreiig Pfund wiegt! Jeden Augenblick wirft
einer von uns gewaltsam die Gegenstnde um sich, whrend er sie nur
rcken will. Das Einschlagen eines Nagels ist geradezu unmglich, weil
der Hammer, der auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige
hundertsiebzig Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, fhle
ich kaum in der Hand.

Martha sagte vor kurzem, da sie den Eindruck habe, als wenn sie schon
ein krperloser Geist geworden sei. Das ist eine ganz gute Erklrung. Es
liegt wirklich etwas Unheimliches in dem Gefhl dieser fabelhaften
Leichtigkeit ... man knnte tatschlich glauben, da man nur noch Geist
ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel strahlt wie der
Mond, nur vierzehnmal grer und heller als das die Erdkugel
erleuchtende Nachtgestirn. Ich wei, da dies alles wahr ist -- und
trotzdem scheint es mir immer, als wenn ich trume oder mich in einem
Theater befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick,
denke ich, mu der Vorhang fallen, und diese Dekorationen werden
verschwinden -- wie ein Traum ...

Wir wuten doch vor unserer Abfahrt genau, da die Erde ber uns wie
eine mchtige, unbewegliche Lampe, die mitten am Himmel hngt, scheinen
wrde. Ich wiederhole mir immer wieder, da dies ganz natrlich ist: der
Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite der Erde zugewendet;
infolgedessen mu sie den vom Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich
erscheinen. Ja, das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich
dieses leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden
unbeweglich und hartnckig aus dem Zenite anstarrt, in Schrecken.

Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand des Fahrzeugs
angebracht ist, und unterscheide mit bloem Auge die dunklen Flecken der
Meere und die hellen Flchen der Lnder. Sie gleiten langsam an mir
vorber, brechen der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa,
Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus und gehen
unter, um nach vierundzwanzig Stunden wiederum zu erscheinen.

Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in ein weitaufgerissenes
Auge verwandelt htte, das unbarmherzig, wachsam und staunend, auf uns
niederstarrt; auf uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten
aller ihrer Kinder!

Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewutsein kamen und die eisernen
Deckel abschraubten, die die runden Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten,
sahen wir sie ber uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens.
Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt senkt sich
ber diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmhlich das Lid des
Schattens. In dem Moment, da die Sonne wie eine flammende Kugel am
schwarzen Himmel, ohne vorhergehende Dmmerung, emporsteigt, wird dieses
Auge sich zur Hlfte schlieen und wenn die Sonne senkrecht ber uns
steht, das Augenlid sich gnzlich niedersenken ...

                                                  Drei Stunden spter.

Ich unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die langen Stunden
ausflle, die wir gezwungenerweise tatenlos verbringen, als ich zu
O'Tamor gerufen wurde. Niemals haben wir mit der furchtbaren
Eventualitt gerechnet, da wir allein, ohne ihn bleiben knnten. Wir
waren auf den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht
gemeinsamen, nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine Rettung ...
Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt den Kranken zu behandeln,
bedarf er selbst der Pflege. Martha weicht keinen Augenblick von ihrer
Seite, sich einmal zu Woodbell, dann wieder zu O'Tamor wendend und wir
stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun sollen.

O'Tamor ist noch nicht wieder zum Bewutsein gekommen und wird es auch
nicht mehr! Sechzig Jahre hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein,
nein, ich kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er!
Gleich bei der Ankunft ...

Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar kalten Nacht!

Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie pltzlich von diesem
Gefhl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit erfat wrde, mit
zusammengefalteten Hnden vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief
immer wieder: Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert ihr
nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? Seht, Tomas ist krank!

Armes Mdchen! Was sollten wir ihr antworten?

Sie wei so gut wie wir, da unser Apparat schon ungefhr hundertzwanzig
Millionen Meter vor dem Monde zu funktionieren aufgehrt hat ... Endlich
erinnerte Peter sie daran, aber als wenn die bersendung von Nachrichten
die Kranken retten knnte, drngte sie fieberhaft, da man die Kanone
aufstellen solle, die wir fr den Fall des Unbrauchbarwerdens des
telegraphischen Apparates von der Erde mitgenommen haben. Dieser Schu
ist jetzt die einzige, letzte Mglichkeit, uns mit denen, die dort
zurckgeblieben sind, zu verstndigen.

Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem Fahrzeug heraus. Ich
gestehe es, da die Angst vor diesem Schritt mich schttelte. Dort,
hinter den uns schtzenden Wnden ist in der Tat schon nichts mehr als
Leere ... Das Barometer zeigt nmlich drauen ein Vorhandensein von
Atmosphre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten Teil
unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, da die Atmosphre, wenn auch in
einer solchen Verdnnung, berhaupt existiert, ist fr uns beraus
gnstig, da er uns hoffen lt, da wir sie, auf der _anderen Seite_, in
zum Atmen gengender Dichte vorfinden werden. Ach, mit welchem Zagen
steckten wir vor einigen Stunden das Barometer nach auen! Anfangs sank
das Quecksilber so gewaltig, da es uns schien, als wenn es bis zum
Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst schnrte uns die Kehle zu; das
hiee -- eine absolute Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber
nach einer Weile hob sich das Quecksilber in der Rhre auf 2,3
Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser Luft eigentlich gar
nicht atmen kann! Und nun sollten wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in
diese Leere hinausgehen! Nachdem wir unsere Taucheranzge angelegt und
ber dem Nacken die Behlter mit verdichteter Luft befestigt hatten,
stellten wir uns in der Vertiefung, die sich in der Wand des Fahrzeugs
befand, bereit. Martha verschlo hinter uns die Innentr ganz dicht,
damit nicht die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte,
und dann ffneten wir den ueren Deckel ...

Wir berhrten mit den Fen den Mondgrund, und in diesem Augenblick
umfate uns eine entsetzlich betubende Stille. Ich sah durch die
Glasmaske auf Peters Gesicht und bemerkte, da er die Lippen bewegte;
ich dachte mir, da er spreche, aber ich hrte keinen Laut. Die Luft ist
hier zu dnn, als da sie eine Menschenstimme bermitteln knnte. Ich
hob einen Stein auf und warf ihn. Er fiel langsam, langsamer als auf der
Erde und ohne jegliches Gerusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich
glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein.

Wir muten uns durch Gesten verstndigen. Die Erde, die uns genhrt hat,
verhalf uns dazu durch ihr Leuchten.

Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach auen zu ffnenden
Seitenwand untergebracht war, und ein Gef mit Explosionsmaterial, das
fr sie besonders hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht
vonstatten, da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, was
ihr Gewicht auf der Erde betrug.

Jetzt hie es nur das aufgestellte Geschtz genau bis zur Bleischnur zu
laden, nachdem man in die hohle Kugel eine Karte gelegt hatte; bei der
Leichtigkeit der Gegenstnde auf dem Mond mute diese Explosionskraft
vollstndig gengend wirken, um sie in gerader Linie auf die Erde zu
befrdern. Aber es war uns unmglich, diese Arbeit zu vollenden. Eine
unbeschreiblich entsetzliche Klte schnrte uns wie mit eisernen Krallen
die Brust zusammen. Seit ungefhr dreihundertundzehn Stunden hat hier
die Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphre ist nicht dicht
genug, so lange Zeit hindurch die Wrme der whrend des langen Tages
sicherlich erglhten Steine festzuhalten ...

Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurck, das uns wie ein Paradies an Wrme
erschien, obwohl wir mit dem Feuer sparen. Vor dem Aufgang der Sonne,
die diese Welt erwrmen wird, ist es unmglich, die Versuche,
hinauszugehen, zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht kommen!

Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie uns bringen?

                          Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach
                                                 Ankunft auf dem Mond.

O'Tamor ist gestorben.

                                  Der erste Mondtag, drei Stunden nach
                                                        Sonnenaufgang.

Wir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die Reise an. Alles
ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem die Rder befestigt sind
und nach Aufstellung des Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns,
diese Wste durcheilend, dem Lande zufhren soll, wo wir leben und atmen
knnen ... O'Tamor wird hier bleiben ...

Wir sind von der Erde geflohen, -- aber der Tod, der mchtige Herr des
Erdengeschlechtes, hat mit uns den Weltenraum durchflogen und uns gleich
im Anfang in Erinnerung gebracht, da er bei uns ist -- unbarmherzig,
siegreich -- wie dort! Wir fhlten seine Gegenwart und Nhe, seine
Allherrschaft so lebhaft wie niemals auf der Erde. Wir sehen uns
unwillkrlich an: Wer kommt jetzt an die Reihe? ...

Es war noch Nacht, als pltzlich Selena aus der Ecke hervorkam, wo sie
seit einigen Stunden zusammengekauert gelegen und, die Schnauze dem
durch das Fenster leuchtenden Halbmond der Erde entgegenstreckend,
entsetzlich zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer
inneren Kraft in die Hhe geworfen.

-- Der Tod kommt! schrie Martha.

Woodbell, der sich besser fhlte, stand am Lager O'Tamors und wandte
sich langsam zu uns:

-- Er ist schon gekommen, sagte er.

Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In diesem felsigen Grunde
ist es unmglich ein Grab zu graben. Der Mond will unsere Toten nicht
beherbergen -- wie wird er uns Lebende aufnehmen?

Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen auf den Rcken,
das Gesicht der am Himmel leuchtenden Erde zugekehrt und sammelten die
hier und da auf der Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein
Grab zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit einem nicht
allzu hohen Wall, konnten jedoch keine gengend groe Steinplatte
finden, um ihn zu bedecken. Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere
Kpfe verband und so eine Verstndigung ermglichte:

-- Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, da er auf die
Erde blickt?

Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit verglasten, weit
aufgerissenen Augen in das Auge der Erde zu starren, das sich immer mehr
schlo, immer mehr vor dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die
bald aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ...

Aus zwei Eisenstben, den Bruchstcken des zerschmetterten Gerstes, das
uns whrend des Falles vorm Zermalmen bewahrt hatte, machten wir ein
Kreuz und befestigten es auf dem Steinwall ber dem Haupte O'Tamors.

Da -- als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten und zum Fahrzeug
zurckkehren wollten, geschah etwas Seltsames. Die Gipfel der Berge, die
vor uns in dem fahlen Schein der Erde auftauchten, frbten sich
pltzlich, ohne jeglichen bergang, blutigrot und dann erstrahlten sie
in einem weilich glhenden Glanze auf dem Hintergrunde des
tiefschwarzen Himmels. Der Fu der Berge erschien jetzt, durch den
Kontrast der Beleuchtung gnzlich verdunkelt, fast unsichtbar; nur die
hchsten Kappen hingen ber uns, wie ein im Feuer erglhter Stahl, sich
allmhlich, aber stetig vergrernd. Infolge des Mangels der
Luftperspektive, die auf der Erde die Schtzung der Entfernung
ermglicht, schienen diese weien Flecke auf dem Hintergrunde des
schwarzen Himmels, inmitten der Gestirne, gerade ber unseren Huptern
zu hngen, wie abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der
Dmmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, aus Furcht,
diese Stcke des lebendigen Lichtes zu berhren.

Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als wenn sie sich uns in
langsamer, unerbittlicher Bewegung nherten; bald waren sie so dicht vor
uns, da wir unwillkrlich zurckwichen ... gnzlich vergessend, da
diese Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern von uns
entfernt sind.

Pltzlich sah Peter sich um und stie einen Schrei aus. Ich wandte,
seiner Bewegung folgend, den Kopf und -- stand wie festgebannt vor einem
unerhrten, nicht zu schildernden Schauspiel im Osten!

ber dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die blasse, silberne Sule
eines Zodiakallichtes. Wir starrten, einen Augenblick den Toten
vergessend, auf diesen Punkt, als unten an der Sule, dicht an der
Grenze des Horizontes, kleine, springende rote Flmmchen im Kranze zu
flackern begannen.

Die Sonne ging auf! Die mit so heier Sehnsucht erwartete,
lebenspendende Sonne, die O'Tamor hier nicht mehr sehen soll!

Wir weinten beide wie Kinder.

Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und wei. Jene zuerst
wahrgenommenen roten Flmmchen waren Protuberanzen, starke Ausstrmungen
glhender Gase, die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen
hinschieen und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphre verblassen,
nur whrend einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar sind. Hier,
beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns das Erscheinen der Sonnenscheibe
an und werden es noch lange jeden Tag so anzeigen, fr kurze Augenblicke
einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in blendender Weie
im vollen Tagesglanz erglhen.

Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten Flammenkranzes ein
weies Segment der Sonnenscheibe ber dem Horizont; eine volle Stunde
brauchte diese Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen.

Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen Klte, mit den
Vorbereitungen zur Reise beschftigt. Jeder Augenblick ist wertvoll; man
darf die Abfahrt nicht lnger hinausschieben. Jetzt ist schon alles
bereit.

Es ist seit Aufgang der Sonne wrmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie
noch schrg fallen, wrmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die
Atmosphre abgeschwcht sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein
seltsamer Anblick! ...

Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf
einem mchtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die
durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich qulen: Wei und
Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit
einer unermelichen Anzahl von Sternen berst; rings um uns breitet
sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung
des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hlfte schimmernd wei vom
Sonnenglanz, zur Hlfte dagegen in tiefes Schwarz gehllt. Es fehlt jene
Atmosphre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe
verleiht, die, selbst von Licht bersttigt, die Sterne vor
Sonnenaufgang verrinnen lt und wonnige Dmmerungen schafft; die sich
beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen trnkt,
mit Wolken verfinstert und feine bergnge vom grellen Licht zur milden
Dmmerung malt.

Nein, unsere Augen sind nicht fr dieses Licht und diese
Landschaftsbilder geschaffen!

Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie
und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung
erstrecken. Im Westen (_Osten_ und _Westen_ unsrer Welt bezeichne ich,
bereinstimmend mit der _tatschlichen_ Lage, also _umgekehrt_ wie wir
dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man
steile Hgel, ber denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat
eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmhlich, jedoch,
wie es scheint, zu bedeutender Hhe. Nach Osten zu werden unzhlige
Spalten, Gebirgsvorsprnge und kleine Schluchten, die knstlich
ausgegrabenen Vertiefungen hneln, sichtbar, und gegen Sden erstreckt
sich eine unabsehbare Flachebene.

Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des
Hhenstandes der Erde am Himmel, da wir uns tatschlich auf dem _Sinus
Medii_ befinden, wohin wir nach den Berechnungen htten fallen mssen.
Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die
im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nmlich die aus den
Karten bekannten: _Mosting_, _Sommering_, _Schroter_, _Bode_ und
_Pallas_, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Hhe nach dem, was wir
hier vor uns sehen. Aber schlielich ist es einerlei! Wir fahren nach
Westen, um lngs dem quator, wo nach den Karten der Mondgrund am
gleichmigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf
seine _andere Seite_ zu gelangen.

Bald wird von uns hier nichts mehr brig sein! Nur das Grab mit dem
Kreuze bezeichnet fr ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten
Menschen auf dem Monde gelandet sind.

Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser
neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser
Vater, der du uns von der Erde entfhrtest und beim Eintritt ins neue
Leben verlassen hast! Das Kreuz, das ber deinem Grabe steht, gleicht
einer Standarte, die Zeugnis dafr ablegt, da der siegreiche Tod mit
uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat
... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurck, ruhiger als wir, auf
die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen
treuer Bekenner du warst, ber deinem Haupte.

                        Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig
                             Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium,
                              11 westlicher Lnge, 17 21' nrdlicher
                                                           Mondbreite.

Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer,
erbarmungslos langer Tag, was fr eine entsetzliche Sonne, die ihre
Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen
Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und
sie steht noch immer fast senkrecht ber unseren Huptern, inmitten
einer Flle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaten
Erde, die von einem Hof lichtdurchtrnkter Atmosphre umgeben ist. Wie
seltsam dieser Himmel ber uns! Alles um uns herum hat sich verndert,
nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus
gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trbt, sind
unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie
mit Sand von ihnen berstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie
farbige Punkte, grn, rot oder blulich, nicht in der uns bekannten
Silberfarbe zerflieend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen
farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird
sich im Gegenteil seiner unermelichen Tiefe bewut und bedarf keiner
Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder nher
liegt. Blickt man auf den Groen Wagen, bemerkt man, da einige seiner
Sterne tief zurckliegen, im Vergleich mit anderen nhergerckten,
whrend er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine
glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstrae ist hier kein
loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die
schwarzen Untiefen wlzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein
wundervolles Stereoskop auf den Himmel she.

Und was das Merkwrdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in
strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwchste der
himmlischen Lichter ...

Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen mten zu schmelzen
beginnen und zerflieen wie an schnen Mrztagen das Eis auf unsern
Flssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und
ihren erwrmenden Strahlen und jetzt mssen wir vor ihr fliehen, um
unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde
einer tiefen Spalte, die sich vom Fue des zerklfteten Berges
_Eratosthenes_ den _Apennin_ entlang in die Tiefe des _Regenmeeres_
erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberflche, fanden wir
Schatten und etwas Khle ...

Nachdem wir hierher geflchtet, schliefen wir vor Erschpfung zehn
Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, da ich mich noch
auf der Erde befinde, in grnen, khlen Hainen, wo von frischem Moos
umrahmt ein kristallklarer Bach pltscherte. Weie Wolken glitten am
blauen Himmel dahin; ich hrte den Gesang der Vgel, das Summen der
Kfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.

Selenas Bellen weckte mich auf.

Ich ffnete die Augen, war aber so verschlafen, da ich lange nicht
begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser
verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so de und
wild! Endlich wurde mir alles klar -- und ein unaussprechliches Weh
schnrte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, da ich nicht
schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie
mich mit ihren verstndigen Augen gro an und es schien mir, da ich in
ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend
ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen
umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese
Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschpfe, die hier froh sind.

Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines
Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand
ausstreckt, um ihr ppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann
strahlt ihr schmchtiges Antlitz in hellem Lcheln und ihre groen,
schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten,
der noch bis vor kurzem so mnnlich schn war und jetzt vom Fieber
verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern,
ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, da sie ihn liebt und
in seiner Nhe glcklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist,
glcklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht
erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen
ber seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten lt; wie
sie die Lider seiner kalten, mden Augen kt und ihn liebkosend wie ein
kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, fr
uns unverstndliche Weisen singend. Er hrte sie wohl von denselben so
hei kssenden Lippen dort -- in ihrem Heimatlande -- am malabarischen
Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, mu er von den suselnden
Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres trumen ... Dieses Weib bewahrte
ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die fr uns
unwiederbringlich verloren ist.

Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe.
Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, da Braun
zurcktritt. Wir saen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von
dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen ber
diesen Rcktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.

Da meldete man uns, da eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir
berlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins
Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Tchter reicher Eingeborener im
sdlichen Indien. Das Gesicht, ungewhnlich schn, hatte einen halb
verngstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt
auf, Tomas aber erblate und starrte, sich ber den Tisch neigend,
aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an
der Tr stehen.

-- Martha, du hier! rief endlich Woodbell.

Sie kam nher und erhob das Haupt. In ihren Zgen war keine Spur mehr
von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft sdlndische
Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten
schwarzen Augen.

Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geffnet,
streckte sie Tomas die Hnde entgegen und antwortete, zu ihm
aufblickend:

-- Ich bin dir gefolgt und werde dir berallhin folgen, selbst auf den
Mond!

Woodbell war bla wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Hnden an den
Kopf und rief fast sthnend:

-- Das ist unmglich!

Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schlieend, da O'Tamor
unser Fhrer sei, warf sie sich ihm zu Fen, so schnell, da er nicht
Zeit hatte, sie aufzuhalten.

-- Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch!
Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich fr ihn hingegeben,
er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hrte, da einer
Eurer Genossen zurcktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt
mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will
eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und
Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am
malabarischen Strand und hinterlie groe Schtze. Ich bin auch krftig
genug, seht!

Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus.

Varadol stammelte:

-- Aber fr eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist
etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach
Marseille!

Da begann sie zu erzhlen, wie sie ohne Tomas' Wissen im geheimen
dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, da es ihr im
letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen.
Jetzt benutzte sie Brauns Rcktritt, die seit langem gefate Absicht
auszufhren. Sie wei wohl von Tomas, da man dort auf dem Mond den Tod
finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie
uns an.

Da wandte sich O'Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage
zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfhig ein
Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die
ppigen Haare des Mdchens und sprach langsam und feierlich:

-- Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des
neuen Geschlechtes erkoren -- mge es glcklicher sein als das irdische!

So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...

Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man mu ihm Chinin geben.

                                                  Zwei Stunden spter.

Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer grer. Wir flchteten noch
tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze
andauert ist es unmglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die
Angst schttelt mich, wenn ich mir sage, da wir fast noch dreitausend
Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer brgt uns
dafr, da man dort leben kann? ... Der einzige, O'Tamor, der nicht
daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns.

Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, da wir bereits
hundertsiebenundsechzig Kilometer zurckgelegt haben; die Zeit
zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten
uns doch verhltnismig ziemlich schnell vorwrts ...

Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach
Westen. In dem Glauben, da wir uns auf dem _Sinus Medii_ befinden,
wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen _Sommering_ und
_Schroter_ gelangen und von dort den _Sommering_ von Norden und Westen
umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem quator zu nhern und an ihm
entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes _Gambart_ und des
hheren, weiter gegen Westen auf dem quator liegenden _Landsberg_
vorzudringen.

Der Grund war ausnahmsweise gleichmig, fast ohne Spalten, so da der
Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfllten unsere
Herzen; es war uns warm und leicht -- nur die Erinnerung an O'Tamor
trbte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor
Glck, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Plne zu schmieden.
Der Weg schien uns nicht lang, die Mhe nicht allzu gro. Wir
bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung groartigen Landschaft
oder bemhten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus
die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol
erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O'Tamors, nach denen die
entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben
gengen und dabei interessant und ber alle Beschreibung erhaben sein
sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die
jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglnzen und
auerdem noch frisches Grn und Wasser, lohnt es wohl der Mhe,
dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurckzulegen, um diese
Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und
Martha, wie gewhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Plne
fr das zuknftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als
sie die munteren Stimmen hrte, frhlich zu bellen und im ganzen Wagen
mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.

So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreiig Kilometer
zurckgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu
stehen, den Wagen pltzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher,
stumpfer Steinwall, der sich von Sden nach Nordwesten erstreckte. Man
htte den Wall mit Leichtigkeit berwinden knnen, aber es handelte sich
darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwrtsbewegen
sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklftete, mchtige Berge,
die wir fr die Gipfel des Kraters _Sommering_ hielten. Jener Krater,
wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt
sich zwar nur eintausendvierhundert Meter ber der benachbarten Ebene,
whrend diese Berge uns ungleich hher vorkamen, aber wir schrieben dies
der leicht erklrlichen optischen Tuschung zu. Auerdem ist es aber
auch mglich, da wir mit unserem Projektil auf den sdwestlichen Teil
des _Sinus Medii_, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem
breiten Halbkreis des Zirkus des _Flammarion_ zu ffnet und jetzt zur
Rechten den Krater _Mosting_, von der ansehnlichen Hhe von
zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Flle mute jener
Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprnglichen Plan zu
ndern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen
zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt
keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die
heiere Zeit, wo wir infolge der groen Glut wrden Aufenthalt machen
mssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde
immer schwieriger und fhrte allmhlich in die Hhe; hie und da trafen
wir Spalten an, denen wir ausweichen muten, fter ganze Felder von
massivem Gestein, dem Gneis hnlich, mit vielen losgelsten Felsstcken
berst. Wir bewegten uns immer langsamer und mit groer Mhe vorwrts.
An einigen Stellen muten wir, nachdem wir die Luftbehlter angelegt
hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden
Felsblcke fortzurumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft
des Mondes, durch die es uns mglich war, derartige Felsstcke von der
Stelle zu rcken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem
erschien der andere Gefhrte, wenn er die mchtigen Klumpen bewegte, wie
ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurck, da
er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der
Wunden aufgehrt hatte, zu sehr geschwcht war.

Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte,
von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner
und beraus steiler Hgel, hinter denen sich phantastische Gipfel
erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Hhe und aus dem
mchtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor.
Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.

Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen,
als wir auf die glatte Flche von massivem Gestein gelangten, auf der
man sich schneller vorwrtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir
anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung
der Landschaft immer mehr.

Wir waren bereits berzeugt, da wir uns in einer anderen Gegend des
Mondes als auf dem _Sinus Medii_ befanden. Man mute demnach endlich
genaue Messungen vornehmen.

Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die
astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom
Zenite 6 gegen Osten und 2 gegen Norden entfernt -- wir befanden uns
also unter dem 6. westlicher Mondlnge und dem 2. sdlicher Breite,
das heit, an der Grenze des _Sinus Medii_, neben dem Krater _Mosting_.
Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen
waren ganz genau.

Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ndern. Als wir den
Weg antreten wollten, rief Varadol pltzlich:

-- Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurckgelassen!

In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, da unsere Kanone, das
einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verstndigen, mit
dem Gescho und der Kugel beim Grabe O'Tamors zurckgeblieben war. Sein
Tod und Begrbnis hatten uns so verwirrt, da wir beim Aufbrechen
vergaen, die fr uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein
unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstrung
der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerri, der uns
mit der Erde verband. Wir fhlten uns pltzlich so grenzenlos
vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte
von Kilometern von dem Globus entfernt htten, der schon Hunderttausende
von Kilometern hinter uns lag.

Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem
bestand Woodbell darauf, da er es fr ntig hielt, uns mit der Erde zu
verstndigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht
aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, da wir hier mgliche
Lebensbedingungen gefunden haben.

Wenn wir umkommen mssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben
opfern. Ihr wit doch, da die Brder Remogner zur Fahrt bereit sind.
Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat
funktioniert nicht. Man mu sie zurckhalten, wenigstens noch fr einige
Zeit.

Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist
von hchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlngerung die
Nahrungs- und Luftvorrte ausgehen knnen, wodurch wir zum sicheren Tode
verurteilt wren. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O'Tamors zu
lange aufhalten mssen und wer konnte dafr brgen, da wir die Stelle
wiederfinden, wo die Kanone zurckblieb?

Varadol bemhte sich, Tomas' Bedenken zu zerstreuen. Die Brder
Remogner, fhrte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie
keine Nachrichten von uns erhalten. Im brigen wei man nicht, ob die
hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fllt, wo sie
jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die
Hnde derjenigen, fr die sie bestimmt ist.

Auch fiel uns noch der Umstand ein, da wir die Kanone, die lediglich
fr einen senkrechten Schu konstruiert war, nur in der Nhe des
Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen knnten, wo sich die Erde im
Zenite ber uns befindet. Fr einen parabolischen Schu von einer andern
Stelle des Mondes aus gengte die Kraft des Geschosses nicht und selbst
wenn sie gengen wrde, htten wir keine Mglichkeit, die Kanone genau
so aufzustellen, um sicher zu sein, da die Kugel, eine krumme Linie
beschreibend, trotzdem ihr Ziel -- die Erde -- nicht verfehlt. So htten
wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten,
wren alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schu neue
Kameraden herbeizurufen, falls wir -- bis zur Grenze der von der Erde
aus sichtbaren Mondscheibe gelangt -- dort gnstige Lebensbedingungen
antreffen sollten. Auf diese Weise wren wir hier zu einer ewigen
Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brder Remogner trotz
alledem hierher kommen, so wrden sie vielleicht einen strkeren
telegraphischen Apparat mit sich fhren und wir so durch sie eine
dauernde Art der Verstndigung mit den Erdbewohnern erhalten.

Alle diese Umstnde sprachen dafr keine Zeit mit dem Suchen der Kanone
zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise
fort.

Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon
gegen hundertdreiig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28
ber dem Horizont und die Hitze wurde immer grer. Wir konstatierten
dabei eine interessante Erscheinung. Whrend sich nmlich die Wand des
Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, da sie geradezu
brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefhl der
Klte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines
Felsvorsprunges fuhren, die wir immer hufiger unterwegs antrafen. Der
Grund fr diese gewaltsamen bergnge zwischen Wrme und Klte ist das
Fehlen der Atmosphre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der
Sonnenstrahlen vermindert, sich dafr aber selbst erwrmt und diese
Wrme gleichmig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen
derselben durch Ausstrahlen verhindert.

Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht.
Das Licht, das nicht in der Atmosphre verbreitet ist, dringt nur an
solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Htten wir nicht
den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde,
mten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere
elektrischen Lampen aufflammen lassen.

Wir hatten jene abschssige glatte Flche passiert und begannen uns nach
Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater _Mosting_ zu umkreisen, nur
mit groer Mhe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande
vorwrtsdringend.

Die Landschaft hnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der
Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskmmen, die die Gipfel
miteinander verbinden, ppige Tler, die durch das Wirken des Wassers im
Laufe von Jahrtausenden ausgehhlt worden sind; hier ist keine Spur von
alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewlbt und mit einer
unermelichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit
vorspringenden Rndern angefllt, oder auch mit glatten, vereinzelten
Hgeln, oft von ganz ansehnlicher Hhe. Die Stelle der Tler nehmen
tiefzerklftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen,
als wenn sie mit einem mchtigen Beile in gerader Linie bis auf den
Grund gespalten wren. Ich zweifle nicht daran, da es sich hier um ein
Bersten der erlschenden und sich krmmenden Mondoberflche handelt.

Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde
so bermchtigen Erosion. Ich glaube auch, da dieses Land niemals Luft
und Wasser gehabt hat.

Wir staunten anfangs ber die groe Menge des Gesteins, das auf dem
felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefhr dreiig Stunden spter, als
die Spannung der Hitze sich auf ein unerhrtes Ma steigerte, erkannten
wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen
Gestein unserem Marmor auerordentlich hnlich war, als sich pltzlich
vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser
vom Gipfel loslste und, in Kieselsteine zerstubend, jhlings in die
Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen
Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hrten wir kein Gerusch; nur der
Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond pltzlich wankte.
Die Felsen, die in der Nacht durch die Klte wie durch einen eisernen
Reifen zusammengepret werden, erweitern sich whrend der furchtbaren
Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist;
die ungleichmige Verteilung von Hitze und Klte mu das Zerspringen
und Zerbrckeln vereinzelter Blcke dieser gigantischen Steinwelt
verursachen.

Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mchtigen Flchen
bersten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser
Fahrzeug sich vermittels der Rder absolut nicht vorwrtsbewegen konnte.
Dort lieen wir die Tatzen aus, die dem Wagen ermglichten die grten
Hindernisse zu berklettern wie ein behendes, leichtfiges Tier. So
kamen wir glcklich ber die sich auftrmenden Steinmassen hinweg. Trotz
der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten,
hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen,
lnger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die
damit verbundene Schwere nur um die Hlfte grer wre, htten wir in
diesem Gestein, unfhig uns von der Stelle zu rhren, elend zugrunde
gehen mssen.

Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorbergegangen,
whrend dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird
unertrglich. In der dumpfen, glhenden Luft des Wagens und durch die
heftigen Bewegungen gerttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden,
die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberflche davontrug,
beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glck, da wir drei wenigstens
heil davongekommen sind! Noch jetzt erfat mich ein Schaudern bei dem
Gedanken an jene furchtbare Erschtterung!

Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil
angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten,
dann ein Druck auf den Knopf -- das schtzende Stahlgerst breitete sich
aus und ... Nein, das lt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah
nur noch, wie Martha sich aus der Hngematte herausbeugte und ihre
Lippen auf Tomas' Mund prete. O'Tamor rief: _Wir sind da!_ -- und ...
ich verlor das Bewutsein.

Als ich die Augen ffnete, lag O'Tamor blutberstrmt am Boden, Woodbell
ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmchtig ... Aus
den Trmmern des Stahlgerstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe
O'Tamors errichtet.

Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor
Erschpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, da wir uns dem
Gipfel des Berges nherten, den wir mit so groer Mhe erkletterten.
Whrend dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des
Tages auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und
beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten.

Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.

Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns
tatschlich vorm lebendigen Verbraten durch die unertrglichen
Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden
schon erwachte ich sehr gestrkt; die andern schliefen noch. Ich wollte
sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehlter und ging allein aus dem
Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus
dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glhenden
Httenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr -- eine wahre
Feuersbrunst ergo sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Fe durch
die dicken Sohlen des Luftbehlters. Ich mute meine ganze Willenskraft
zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurckzukehren.

Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus
massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung
endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in
eine hinter jenen Hgeln nach Sden laufende Ebene berging. Diese Hgel
verhllten mir die Aussicht nach Norden und Sden. Nur nach Osten war
der Blick ber den Weg frei, den wir gerade zurckgelegt hatten. Ich sah
auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprngen, Spalten und Gipfeln
-- und traute meinen eigenen Augen kaum, da wir mit unserem groen,
schweren Wagen da hindurchkommen konnten.

Auf der Erde, bei dem sechsmal greren Gewichte, wre das geradezu
unmglich gewesen.

In diesem Augenblicke fhlte ich, da mich jemand berhrte. Ich sah mich
um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte,
gleich mir, den Luftbehlter angelegt und den Wagen verlassen, da er
aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht
verstndigen. Ich sah nur, da er bla und furchtbar erregt war. Ich
glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und strzte zum Wagen
zurck. Er folgte mir.

Kaum hatten wir uns der Luftbehlter entledigt, als Varadol mit vor
Aufregung zitternder Stimme sagte:

-- Wecke die andern nicht auf und hre: es ist etwas Furchtbares
geschehen, ich habe mich geirrt.

-- Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich
handelte.

-- Wir sind nicht auf den _Sinus Medii_ gefallen.

-- Wo sind wir also?

-- Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit
dem Mond-_Apennin_ verbindet.

Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wute aus den auf der Erde
gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberflche, da der Grat,
auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen
zu gelegene mchtige Flche des _Mare Imbrium_ abfllt.

-- Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.

-- Ruhig. Gott allein wei es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem
_Sinus Aestuum_. Sieh ...

Er schob mir eine Karte und einige Bltter zu, die mit Reihen von
Ziffern beschrieben waren.

-- Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum
gebend.

-- Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen
Messungen waren ganz genau, ich verga nur, da sich damals die Erde
nicht im Zenite ber dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du
weit doch, da der Mond whrend der Drehung um die Achse kleinen
Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde
nicht gnzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine
Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom
Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach
die Mondlnge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte,
falsch bezeichnet. Jetzt knnen wir das alle mit dem Leben bezahlen!

-- Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Krper bebte.
Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.

Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war
jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung
vorgenommen war, zeigte es sich, da wir auf dem _Sinus Aestuum_ unter
dem 7. 35' westlicher Mondlnge und dem 13. 8' nrdlicher Mondbreite
herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch lngs den
steilen Bergen, zu Fen des mchtigen _Eratosthenes_, vor uns den nicht
groen, aber auerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier
schon beginnenden _Apennin_ eingeschlossen ist. Gegenwrtig befanden wir
uns unter dem 11. westlicher Mondlnge und dem 15. 51' nrdlicher
Mondbreite.

Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt
sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns
hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter ber dem _Mare Imbrium_.

Es ist doch seltsam: whrend die Astronomen auf der Erde aus der
Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Hhe
eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Lnge des
Schattens, den er wirft, messen, muten wir, die wir uns auf diesem
Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flchten, um
konstatieren zu knnen, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der
Atmosphre macht die barometrischen Messungen der Hhe unmglich. Die
Vernderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, da das
Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Hhe, auf welcher
wir uns befanden war eine absolute Leere.

Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmglich ihnen die
entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere
Erffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte
die Stirn und bi die Lippen zusammen, whrend sich Martha, soweit ich
aus ihrem Benehmen schlieen konnte, keine klare Rechenschaft ber das
Grauen der Lage zu geben vermochte.

-- Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder
umkehren ...

Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war
doch nur ein reiner Zufall, da wir den Weg gefunden haben, der uns
hierher fhrte! Und umkehren? -- So viel vergebliche Mhen und verlorene
Stunden? ...

Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen,
ob wir uns nicht auf die Ebene _Mare Imbrium_ herablassen knnten. Nach
einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund!

Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu
unseren Fen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer,
erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene _Mare Imbrium_, von
einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der
Luftperspektive brachte es mit sich, da auch die ziemlich entfernt
liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem mrchenhaft
schimmernden Wei vom schwarzen Hintergrund des sternenbesten Himmels
abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, ber den wir fr einen
Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaen.

Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermelichen Flche, wie
eine Insel im Meere, der majesttische Krater _Timocharis_, vierhundert
Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fu hoch.

Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der
unklaren Luft eine blabluliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel,
in der Sonne erglnzend, wie ein wei erglhter Stahl, mit groen
schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer
Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am
Himmel die Zacken des Kraters _Lambert_, der kleiner und weiter entfernt
war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere
Hhenzge und Felsen, sich mit der uns viel nher liegenden Kette der
Mond-_Karpaten_ vereinigend, die das _Mare Imbrium_ von Sden her
einschlieen.

Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels
erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Sdwesten her die auf
kleineren Hgeln gesttzten mchtigen Gipfel des _Kopernikus_, eines der
grten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, da der _Timocharis_ wie
glhender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur
Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von
Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergo,
der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat!

Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des
_Archimedes_. Der Blick nach Osten und Sden war uns verschlossen -- von
der einen Seite durch die Kette des Mond-_Apennins_, von der andern
durch den _Eratosthenes_, der durch den Pa, auf dem wir gerade stehen,
mit dem _Apennin_ verbunden ist.

Und in diesem Rahmen das _Regenmeer_. Wie ironisch erschien uns diese
Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde!
Eine entsetzliche Wste, kalt und grau, hie und da durch groe Spalten
zerrissen, die, zu lnglichen Garben gedehnt, sich vom _Timocharis_ zum
_Eratosthenes_ erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fue der
mchtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte,
kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbluliche Adern
von Felsschichten.

Wir starrten schweigend vor uns hin und wuten nicht, welchen Weg wir
whlen sollten. Wenn wir die Flche des _Regenmeeres_ erreichten, htten
wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwrtsbewegen
knnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin
gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand
hinablassen?

Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fu nach Sden, in der Hoffnung, da
es uns vielleicht gelingen knnte, abseits vom Krater des _Eratosthenes_
einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Flche, die zwischen
den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem _Mare Imbrium_ zu
ffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, da wir schon
umkehren wollten, weil es uns unmglich schien hier mit dem Wagen
durchzukommen. Zum Glck erinnerte uns Martha, die uns begleitete, da
wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht groe, uns
den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen liee. Wir
passierten sie daher, ber den schwindelnden Abgrund schlpfend, und
gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher
wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Sden zu. Rechts und
links starrten die Riesengipfel des Ringes des _Eratosthenes_.

Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen
neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, da
Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurckprallte. In
der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das
Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.

Immer in sdlicher Richtung vorwrtsdringend, gelangten wir, ohne zu
wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des _Eratosthenes_
lag. Zur Rechten und zur Linken trmten sich zerrissene Gipfel, von
denen der eine weischimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, whrend sich
der andere im Schatten in tiefes Schwarz hllte. Und vor uns ... Nein,
wer vermag das zu beschreiben! -- Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare,
bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser
Majestt des Schreckens und der Starrheit, da mich noch jetzt Schauer
der Angst schtteln, wenn ich daran zurckdenke!

Wir sahen in das Innere des Kraters des _Eratosthenes_.

Ein mchtiger Bergwall, wie eine Sge mit Zacken besetzt, bildete einen
geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf
diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das
menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter ber den
Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in
seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprngen
herabwlzten. Die Mulde, die im Verhltnis zu der Oberflche des durch
den Wall abgetrennten _Mare Imbrium_ zweitausend Meter tiefer lag,
erschien uns noch unergrndlicher durch die mchtigen sich daneben
auftrmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft
einhllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte
kegelfrmige Gipfel, die beinahe die halbe Hhe des benachbarten Walls
erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine,
dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich
infolge der fehlenden Atmosphre sofort wieder, um sich am Fue der
Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, da wir hier noch
nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.

Die grellen Gegenstze von Licht und Schatten vergrerten noch das
Gefhl des Grauens. Der ganze stliche Rand des Innern war in
geheimnisvolle Dmmerung gehllt, die mit dem schwarzen Himmel
zusammenzuflieen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der
Sonne wie eine weie, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit
unzhligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintrmen, die
auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Sden
zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den
Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu
unseren Fen -- ein schwindelnder Abgrund.

Und ber all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die
feurige, strahlenlose Sonne, immer nher der Erde, die, in starrem
Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrmmt, ber
diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes.

Unwillkrlich drhnten mir die Worte Dantes in den Ohren:

   Vero  che in su la proda mi trovai
   della valle d'abisso dolorosa ....

Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und
Entsetzen geschwchten Gehirne Visionen der Danteschen Hlle auf, die
nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am
Boden des mchtigen Kessels sich wlzende Rauch schien mir der
Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers
mchtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen
Augen annahm ... Geister -- Geister -- eine entsetzliche Prozession der
Verfluchten! Sie ziehen dahin, flieen in mchtigen Fluten ber die
felsigen Abhnge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wlzen -- drngen
sich. Einige wollen sich erheben, auf -- auf -- zur Sonne -- sie reien
sich vom Boden los und strzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen
auf dieselbe Stelle, -- hinab -- hinab zur ewigen Verdammnis ...

Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen
Stille ab ...

Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fhlte, da ich einer
Ohnmacht nahe war.

Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, da ich im ersten Augenblick
wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hren. Aber diesmal war
es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreiendes Weinen, das durch
das Rohr, das die Kpfe unserer Luftbehlter verband, zu mir drang.

Ich erwachte aus meiner Betubung und blickte um mich. Woodbell stand da
wie versteinert, den Rcken an den Felsen gelehnt, bla, mit gesenktem
Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden
Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die
Lnge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er
zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete
am Boden, von einem Schluchzen, das durch die hchste Erregung der
Nerven hervorgerufen wurde, geschttelt.

Ein grenzenloses Erbarmen erfate mich. Ich nherte mich ihr und legte
langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen
und rief, wie in jener denkwrdigen langen Nacht vor dem Tode O'Tamors:

-- Auf die Erde! Auf die Erde!

In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschtternde Verzweiflung, da
ich kein Wort finden konnte, sie zu trsten. Wie sollte ich das auch
anfangen? Unsere Situation war tatschlich eine verzweifelte. Ich wandte
mich zu Varadol:

-- Was soll jetzt werden?

Peter zuckte die Achseln.

-- Ich wei, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmglich, hier
herunterzukommen.

-- Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.

-- O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.

Varadol schien ihr Weinen nicht zu hren. Er sah eine Zeitlang vor sich
hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend:

-- Umkehren ... Hchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe
Hindernis zu stoen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren
haben. Sieh!

Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte ber die
unabsehbare Flche des _Mare Imbrium_.

-- Wenn wir dorthin gelangen knnten, sagte er, wrden wir einen
verhltnismig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wre das zu
ermglichen ... Hchstens wenn wir uns kopfber ...

Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das _Regenmeer_,
glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies,
im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des _Eratosthenes_. Es begann
fast dicht unter unseren Fen, scheinbar so nahe, da ein Sprung
gengen wrde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht
abstrzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene.

Wir drngten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher
Sehnsucht hinunter. Wir fhlten weder Ermattung, noch die brennenden
Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze ber uns
aufging.

Nach einer Weile wiederholte Peter:

-- Dorthin werden wir nicht gelangen ...

Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fhig war sich zu
beherrschen, antwortete ihm.

-- Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe
dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen!

Da trat pltzlich Tomas hervor.

-- Sei still -- und du weine nicht; wir werden auf das _Mare Imbrium_
hinberkommen, -- holen wir den Wagen.

Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, da
wir seine Weisung sofort ausfhren wollten und nicht wagten uns zu
widersetzen oder auch nur zu fragen.

Woodbell hielt uns noch zurck.

-- Seht, sagte er, auf die ueren, dem _Regenmeere_ zugewandten Abhnge
des _Eratosthenes_ zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fnfzig Meter
tiefer am Fue der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt
sie sich ziemlich sanft bis zur Flche; da werden wir hinunterfahren
knnen ...

-- Aber diese Wand ... flsterte ich, unwillkrlich auf den senkrecht
herabstrzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat
der Kante trennte.

-- Unsinn, wir sind doch gebt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie
seitlich leicht umgehen knnen.

-- Und der Wagen? ...

-- Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen
festgebunden haben. Verget nicht, da wir auf dem Monde sind, wo alles
sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Hhe von fnfzig
Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht!

Tomas' Rat wurde also befolgt.

Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang
des _Eratosthenes_ hinabzufahren, um zum _Mare Imbrium_ zu gelangen.
Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die
dicht zu unsern Fen lag. Den grten Teil des Weges legten wir zu Fu
zurck, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden
Sonnenstrahlen geqult, vor Ermattung und Erschpfung fast umsinkend.
Den Wagen muten wir aus einer Hhe von zirka fnfzig Metern
herablassen; er blieb unbeschdigt. Aber die Hunde, die wir einschlieen
muten, waren, trotz unserer grten Vorsicht, schrecklich zerschlagen
und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung
aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so
ertrglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch
Zerklftungen und Vorsprnge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren
oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir berall den
Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen muten. Oft
packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das
Fieber und die Wunden geschwcht, am meisten Geistesgegenwart und
Willensstrke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu
verdanken.

Ich wei nicht, ob wir whrend dieser drei Tage mehr geschlafen haben
als zwlf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle
heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schtzen. Manchmal nahm
die mrderische Glut uns gnzlich das Bewutsein.

Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht ber uns, neben
der verblaten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen
lichtdurchtrnkter Atmosphre umgeben war, als wir, bis zum uersten
erschpft, endlich auf der Ebene anlangten.

Die Glut war so gro, da sie uns den Atem nahm; in den Schlfen klopfte
und hmmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz
mehr! Die glhenden Felsen flammten berall wie im Feuer, wie der Rachen
eines Httenofens.

Selena keuchte mit heraushngender Zunge, die Jungen winselten und lagen
bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern,
ohnmchtig und glaubten, da uns der Tod am Eingang der so ersehnten
Ebene ereilen msse. Nur vor der Sonne fliehen -- aber wohin?

Da erinnerte uns Martha daran, da wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe
Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmigkeit des
Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten
Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein
Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heit eine Schlucht, durch das
Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert
breit, im brigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise hnlich.

Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen knnen, einige zehn
Kilometer parallel der _Apenninkette_ hin. Auf den Mondkarten ist sie
nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des
Schattens, in den sie immer gehllt sein mu, da sie in der Nhe hoher
Berge liegt.

Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe
hinab, tausend Meter unter der Oberflche des _Mare Imbrium_ und fanden
dort erst ein wenig Khle ....

Der Schlaf hat uns gestrkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine
eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so
geschwcht, da er sich nicht rhren kann. Trotzdem werden wir in zirka
zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach
Westen zu neigen. Dort auf der Ebene mu die Glut immer noch entsetzlich
sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. brigens
knnen wir sie nach der Rast leichter ertragen.

Nach langer berlegung nderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach
Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir
gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten,
glatten Weg durch die Ebene _Mare Imbrium_ vor uns, was die Fahrt
bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nhernd, in
eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch ber dem Horizonte
steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fllt; wir hoffen
dort also eine ertrglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher
Mittag wie heute -- und unser Tod wre unabwendbar.

                          Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden
                                                   nach Sonnenaufgang.

Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14 Stunden wird die Sonne
untergehen, die jetzt ber den fernen, runden Hgeln im Westen steht, --
kaum einige Fu ber dem Horizonte. Jede Ungleichmigkeit des Terrains,
jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten,
die die mchtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung
zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote
Wste, von Sden nach Norden in lange Steinfurchen gepflgt, die jene
schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren
die hchsten Bergspitzen, die wir vom _Eratosthenes_ aus gesehen haben
und deren Fu jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhllt
ist.

In dem Mae wie wir uns vom quator entfernen, neigt sich die glserne
Erde ber uns vom Zenit nach Sden. Sie nhert sich bereits dem ersten
Viertel und leuchtet hell -- wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der
schwcher werdende Glanz der Sonne nicht dringt, frbt sich ihr
gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei
Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, strkere, gelb
und das andere blablulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hlfte
grellgelb und zur Hlfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, frben sich
die Wste und die weit entfernten Gipfel des Mond-_Apennins_ gelb; von
Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, blulich und in Dmmerung
gehllt. Und ber der zweifarbigen Wste immer dieser schwarzsamtene
Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem
Staub vom feinsten goldenen Sand berst ...

Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verknder ausgesandt, den
einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dmmerung und Abendrte geblieben
ist ... Ihr voran geht die Khle ber die Wste, setzt sich in jede
Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, -- frh wird die Sonne
vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft
berlassend ...

Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die
Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfat unsere durchwrmten
Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nhe spricht
...

In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen
ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll
wieder Plne oder spielt mit der Hndin und ihren Jungen; Woodbell ist
bedeutend wohler; er unterhlt sich jetzt, am Steuer stehend, mit
Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor
allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam.
Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft kten. Ihre
Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter,
schneller Bewegung hebt und senkt. Whrend der Glut des Tages war ihre
Brust entblt; sogar fr sie, die die indische Sonne braun gebrannt
hat, war die Hitze unertrglich. Jetzt hllt sie sich bis zum Halse ein
... Es ist unsinnig, da ich so viel an diese Frau denke, -- aber sie
ist ja berall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt
hat, ist die ganze Atmosphre von ihr durchtrnkt. Sogar Varadol! Er
spielt mit den Hunden, aber ich wei, da er sie verstohlen anblickt.
Mich rgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und brigens -- was geht
es mich an?

Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fhrt ununterbrochen.
Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben
etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu fllen. Um
Brennmaterial, das wir in der nchtlichen Klte noch viel verbrauchen
werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich
ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren muten
wir fllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht
gengen.

Wir bewegen uns so schnell vorwrts, wie es das Terrain irgend zult.
Grere Ungleichmigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir
die _Spalte der Erlsung_ verlieen, uns sofort nach Norden zu wenden.
(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem _Eratosthenes_ mit diesem
Namen, da sie uns durch ihre Khle tatschlich vom Tode erlste.) Unter
dem 12. westlicher Lnge stieen wir auf einen jener Lichtstreifen, die
wie Strahlen vom Berge des _Kopernikus_, auf Hunderte von Kilometern im
Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwchere
Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in
Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen berzeugt haben, sind dies einige
Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins.
Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklren ...
berhaupt ist hier so vieles fr uns ein Rtsel, selbst Dinge, die wir
fast mit Hnden greifen knnen. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der
wir uns befinden, -- wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von
Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Hhe? Da dies
keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde
behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des _Eratosthenes_
und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den
Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mchtige Ring selbst war niemals
ein Krater! Dagegen spricht -- abgesehen von seinen riesigen Dimensionen
-- sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die
Einsenkung des Bodens, der unter der Oberflche der ihn umgebenden
Ebenen liegt und viele andere Dinge, die besttigt zu finden wir
Gelegenheit hatten.

Ich glaube man mu, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen
grauen Zeiten zurckkehren, da der Mond noch eine flssige,
glhende Kugel war, die erst auf der Oberflche in dem kalten,
interplanetarischen Weltenraum zu erlschen begann. Da haben diese
ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft berschreitenden
Explosionen von Gasen, die durch die flssige Masse verschlungen und
whrend ihres Erlschens ausgestoen wurden, seine noch nachgiebige
Oberflche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen
erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene
herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Spter hat die Sonne
ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische
Krfte bildeten in ihrem Innern kegelfrmige Krater und so sind sie
heute -- durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht
vernichtet -- Zeugen der Schpfermacht im Weltall, fr die die Planeten
und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem
mchtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.

So lebhaft sprechen die groen Berge und die kleinen, hnlich wie sie
entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich
umgebende Landschaft zu mir, da es mir manchmal scheinen will, die von
der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glhende,
flssige und fast lebendige Masse; bald, dnkt mich, msse die ganze
Flche wie ein Meer zu gren beginnen, sich biegen und beugen und
wachsen und sich bumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem
schwarzen Himmel mit der ursprnglichen Lava emporschumen, die zu
mchtigen Ringbergen erstarrt ist.

Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten
dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwhrend krmmend, erloschen
und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkrfte brannten
riesige Strahlenstreifen verglserten Gesteins in ihr aus und hier, wo
einst entfachte Schpferkrfte, wild miteinander ringend, rasend tobten,
herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend,
da uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschmt und wunder nimmt
...

Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen
Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins
gebildet wurde, die vom _Kopernikus_ ausging. Sie dient uns als
bequemer, gleichmiger Weg. Ihre nordstliche Richtung ist uns sehr
gelegen, da sie uns direkt auf die Flche zwischen dem _Archimedes_ und
_Timocharis_, die wir durchqueren mssen, fhren wird. Den _Archimedes_
sieht man jetzt, wo wir uns auf der Flche befinden, nicht mehr. Kleine,
steile Erhebungen, Felseninseln im Meere hnlich, verdecken ihn in
dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der Krater, die sich unter
dem 11. westlicher Lnge und dem 19. nrdlicher Mondbreite erhebt. Wir
hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden,
immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, --
neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt ber unseren
Kpfen, -- die mrderische Sonne wie ein rasendes Ungetm am Zenite
bumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne,
-- diese trge, weie, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein
hllischer und hhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und
wir vier -- wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in
dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir mssen ihm entfliehen, ehe er
zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament
hervorbricht ...

Varadol, der Tomas ablste, ruft mir vom Motor zu, da jetzt die Reihe
an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon.
Martha, wie gewhnlich aus ihrer Hngematte geneigt, den Kopf auf der
Brust dieses -- unter uns einzigen glcklichen Menschen.

                                 Den ersten Mondtag, vier Stunden nach
                                              Sonnenuntergang auf Mare
                                        Imbrium, 10 westlicher Lnge,
                                        20 28' nrdlicher Mondbreite.

Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, fr die die Erdentage
kleinere Teilchen sind als die Stunden fr die ganze Erdennacht. Wie
eine groe, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Sden neigend, die Erde
ber uns. Nach dem Gleiten des Schattens ber ihre Scheibe knnen wir
leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten
Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein
bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr
spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten
knnen wir die Stunden erkennen, die die Minuten fr unsere
siebenhundertneunstndige Zeit sind.

Nach Sonnenuntergang wurde es pltzlich so kalt, da wir das Gefhl
hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser
gesprungen wren, doch wurde uns dabei eine wundervolle berraschung
bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen
sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem
Glanz der Erde rang und unseren Dmmerungen hnlich war.

Jener Glasstreifen, auf dem wir ber hundert Kilometer weit gefahren
waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater,
von denen ich vorher gesprochen hatte, verlieen. Wir nherten uns,
jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis,
als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gertet, sondern im
Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont
zu sinken begann. Und pltzlich erfate uns eine furchtbare Sehnsucht
nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen
wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster
unseres Wagens. Martha erhob ihre Hnde zu dem untergehenden Gestirne
und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen,
mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied
nehmen.

Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverstndlichen Stzen aus den
heiligen Bchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in
Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den
uferlosen Ozean tauchen sah.

Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am
Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die
ausgestreckten Arme des Mdchens und flackerte auf ihren weien Zhnen,
die zwischen den sich ffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich
des Eindrucks nicht erwehren, da sie beide miteinander sprechen mssen
-- dieses Mdchen und diese Sonne.

Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe
sichtbar. Die Steinwste verfinsterte sich unter diesem hellen
Lichtstreifen, als htte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und
da nur schimmerten glatte Steine, die das blabluliche Licht der Erde
wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die
Wste starrend, den Kopf an Tomas' Schulter gelehnt.

Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfat; sogar Peter, der am
wenigsten zur Rhrung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte
die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.

Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der
Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem
inneren Auge vorber. Ich trumte von Weichselebenen und von den
finsteren Gipfeln der Tatra -- und alles war von einer unabsehbaren
Menge teurer -- fr ewig verlorener Menschen bevlkert ... fr ewig! ...

Da pltzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine
feurige Zungen noch eine Zeitlang ber dem Horizont, endlich
verschwanden auch sie -- und in der ber die Wste hereinbrechenden
Dmmerung geschah etwas so Unerwartetes, da wir uns unwillkrlich
aneinanderdrngten, als wenn wir uns vor etwas schtzen wollten, das
sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nmlich,
als der letzte Sonnenstrahl verschwand, scho im Westen eine lichte
Sule empor, die wie eine Kuppel gewlbt war und einer wundervollen
Fontne schillernden Staubes hnelte.

Das Zodiakallicht erglnzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der
Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese
glhende Sule, die leicht nach Sden geneigt, mit verschiedenfarbigen
Sternen best war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten,
umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht
zurck.

Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch ber uns und die Sterne,
-- die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel -- nicht
flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der
Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so
staunenerregend, da ich mich nicht daran gewhnen kann, obwohl sie doch
whrend des ganzen Mondtages ber uns glitzerten.

Die Erde gibt uns so viel Licht, da wir bei ihrem Schein die Reise ohne
Unterbrechung fortsetzen knnen. Das ist fr uns ein sehr gnstiger
Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und whrend der Nacht
so weit nach Norden vordringen knnen, da wir den senkrechten
Sonnenstrahlen des nchsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur
der Gedanke an die nchtliche Klte, die uns schon zu schtteln beginnt,
erfat uns mit Grauen.

Der Boden ist wieder ungleichmig, was uns zu vielen Abbiegungen und
Umwegen veranlat, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir
eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie knnten
wir leicht in irgendeine Spalte strzen, die bei dem schwachen Licht der
Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen,
da wir mit dem Kompa nicht recht fertig werden knnen auf dieser
seltsamen Welt. Dabei verndern die Metallwnde des Wagens die Lage der
Nadel.

                      Auf Mare Imbrium, 7 45' westlicher Lnge 24 1'
                            nrdlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten
                                                            Mondtages.

Mitternacht ist schon vorber und wir haben beinahe vergessen, wie die
Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns ber ihre Glut
beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang
verflossen, sind wir einem so unerhrten Froste ausgesetzt, da wir das
Gefhl haben, die Gedanken im Hirne mten uns einfrieren. Unsere fen
arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern
vor Klte.

Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rcken
und gleichzeitig fhle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und
erstarrt. Die Hunde drngen sich an uns und bellen unaufhrlich, uns
aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem
merkwrdigen Ha an, als wenn einer von uns daran schuld wre, da die
Sonne hier dreihundertvierundfnfzig und eine halbe Stunde lang nicht
leuchtet und wrmt ...

Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrcke von der Reise nach
Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, da ich nicht fhig bin
auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrcken ... Mein Gehirn ist
eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhngend
durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden.
Manchmal habe ich die Empfindung, da ich mit offenen Augen schlafe. Ich
sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen -- und ich wei nicht,
was das bedeutet, ich wei nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme,
weshalb ...

Ja -- weshalb ...

Ich wollte darber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht.
Es mu eine Ursache gewesen sein, da ich mit diesen Menschen die Erde
verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht -- das Denken erschpft mich.

Es scheint mir, da wir stehen. Ich hre das Zischen des Motors nicht,
ich mu hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich wei, da
weder ich noch sie -- da niemand dies tun wird. Wir mten uns vom Ofen
entfernen. Eine wahnsinnige Klte!

Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet
sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten
...

Das ist alles seltsam und gleichgltig ...

Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr
mde und ich wei, da ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde,
wenn ich einschlafe ... Man mu den Schlaf abschtteln, zum Bewutsein
kommen ...

Es ist sonderbar, da die Klte whrend der ersten Nacht auf dem _Sinus
Aestuum_ nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener
Flche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwrmen.

Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben
...

Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -- in stets
strkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Klte.
Unter dem 9. westlicher Lnge und dem 21. nrdlicher Breite
durchdrangen wir die niedrigen, runden Wlle, die uns den Weg
versperrten. Wir nderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten
wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring
des _Archimedes_ ausdehnen, in der Hoffnung, da wir hier irgendeinen
ttigen Krater finden und in ihm ein wenig Wrme. Wir sind an der Grenze
dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren
in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich
erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen,
um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor,
da dies eine Erhhung ist, die auf den Mondkarten gewhnlich mit dem
Buchstaben ^E^ bezeichnet wird und unter dem 7. 45' westlicher Lnge,
24. 1' nrdlicher Mondbreite liegt.

Klte, Klte, Klte ... Aber man mu sich berwinden und nicht schlafen.
Nur nicht schlafen, das wre der Tod! Dieser Tod mu hier irgendwo in
der Nhe sein. Dort auf der Erde mten sie ihn auf dem Monde sitzend
malen, denn das ist sein Knigreich ...

Weshalb stehen wir? Ach -- richtig! Es ist alles einerlei!

Ja, man mu sich berwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das
seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Sden geffnet.
ber ihm hngt, wie eine Lampe, die Erde. Der hchste Gipfel im Norden,
direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwlfhundert Meter hoch. Das
alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater fr Riesen, fr Ungeheuer --
fr Skelette von Riesen. Ich wrde mich gar nicht wundern, wenn sich
diese Abhnge pltzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten
anfllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Pltze
der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschdel derjenigen, die am hchsten
Platz genommen haben, wrden am Hintergrunde des schwarzen,
sternenbesten Himmels wei leuchten! Es scheint mir, da ich das alles
sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander:
Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere
groe, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel -- es ist Zeit, zu
beginnen. Und dann zu uns: Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir
sehen zu ...

Schauer schtteln mich ...

                            Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte
                                              delta, 7 36' westlicher
                                     Lnge, 26 nrdlicher Mondbreite.
                             Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.

Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche
Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug,
sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch -- dieser Tod ...

Ruhe, Ruhe, das fhrt doch zu nichts. Man mu sich mit dem ausshnen,
was unabwendbar ist. brigens ist es fr uns doch nichts Unerwartetes.
Als wir diese Reise antraten -- noch dort auf der Erde -- wuten wir,
da wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht
pltzlich ber uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns
gezeigt und nhert sich so langsam, da man jeden seiner Schritte
berechnen kann, -- da wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand
an der Gurgel packen und wrgen wird ...

Ja, wrgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft
wird uns bei hchster Sparsamkeit noch fr kaum dreihundert Stunden
ausreichen. Und dann ... Nun ja, man mu sich beizeiten darauf
vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich
der letzte Behlter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der
uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der
Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell
und warm sein -- sogar hei, vielleicht zu hei. Einige Zeit hindurch --
mehrere Stunden -- wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir
langsam eine Schwere fhlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des
Herzens ... Die Atmosphre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns
schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns
ausgeatmeten Kohlensure berfllt sein. Jetzt beseitigen wir sie
knstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen
Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann
beginnen, uns mit dieser Kohlensure zu vergiften. Ein Blutandrang, --
eine Schwere, -- dumpfe Luft -- Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht,
unberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod
erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hngematte wahrscheinlich
herausbeugen und ihren Kopf an Tomas' Brust lehnen, wie gewhnlich ...
Dann beginnen wir zu trumen ... Erde, heimatliche Lnder, Wiesen, Luft
-- oh! Luft -- viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer!
Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es
scheint mir, da ich ihn schon fhle! Er zerbricht die Rippen, wrgt an
der Gurgel, schnrt das Herz zusammen. Eine wtende Angst erfat uns.
Man mchte sie abschtteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die
Trume. Auf dem Monde, inmitten der mchtigen Flche _Mare Imbrium_,
werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.

Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr
haben werden, ffnen wir die Tr des Wagens -- sperrangelweit. Eine
Sekunde -- und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus
dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schieen; einige krampfartige,
verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wtendes Herzklopfen und --
Schlu.

Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich berhaupt? Das hat
doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.

                                                   Eine Stunde spter.

Ich kehre zum Schreiben zurck. Ich mu mich mit etwas beschftigen,
denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unertrglich. Wir gehen im
Wagen auf und ab und lcheln sinnlos vor uns hin oder sprechen ber ganz
gleichgltige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal
eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hhnern mit Kapern bereitet.
Whrenddessen dachten wir alle und auch er daran, da wir in
zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.

Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar -- warum frchten wir ihn so
sehr? Er ist doch ...

Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei ber den Tod!
Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen,
spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich hre ruhige, kleine
Metallschlge und ich wei, da dies die Schritte des nahenden Todes
sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen
Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspten ...

Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenfrmigen Felsen, vor
Klte erstarrt, als Varadol, der zufllig auf den Manometerzeiger des
Luftbehlters sah, einen markerschtternden Schrei ausstie.

Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Hhe, nach der Richtung
blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder
Hand deutete.

Es berlief mich hei und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck
an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behlter, der in der Wand
angebracht war, infolge der ungeheuren Klte verflssigt ... Ich ffnete
den Hahn -- der Behlter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und
fnfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.

Da packte uns das Entsetzen. Ohne ber die Ursache der fr uns
rtselhaften Entleerung der Behlter nachzudenken, ohne zu wissen, was
wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns pltzlich alle
auf den Motor und fhlten keine Klte, keine Erschpfung, keinen Schlaf
mehr -- nichts, nichts -- nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen,
fliehen, fliehen -- als wenn man vor dem Tode fliehen knnte.

In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen
Felsen eingeschlossenen Flche hinausgekommen, sausten wir mit der
ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des
_Archimedes_ erstrecken und ber den ganzen westlichen Teil des hier an
das Regenmeer grenzenden _Palus Putredinis_ ausbreiten. Das Terrain war
auerordentlich ungleichmig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte,
hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir
achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und
waren nur von dem einen Gedanken erfllt, da es uns gelingen knnte,
auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat
an Luft zu Ende geht!

Welch ein lcherlicher Gedanke! Die Luft wird kaum fr dreihundert
Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader
Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hlfte auf bergiges
und undurchdringliches Land fllt!

Die Klte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den
Atem in der Brust zurck, aber wir fhlten es kaum; wir sausten
unaufhrlich ber Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten,
durch schwarze Mulden, ber steinbeste Ebenen -- nur weiter, weiter,
weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu berwltigen drohte,
dachte niemand mehr.

In dieser hllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt
uns ein pltzliches Hindernis auf. Blindlings vorwrtsstrmend stieen
wir auf eine Spalte, die der _Spalte der Erlsung_ unter dem
_Eratosthenes_ hnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir
bemerkten sie so spt, da wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe
hinabgesaust wren.

Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die
Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos
dahinrasten, war pltzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer
unaussprechlichen, ohnmchtigen Bedrckung Platz machend. Es war uns auf
einmal alles vollstndig gleichgltig. Warum sich anstrengen, wenn es
doch zwecklos ist. Wir mssen sterben.

Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen
versunken. Die Klte qulte uns immer furchtbarer, aber wir kmmerten
uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Klte oder
durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorbergegangen. Wir wren zweifellos
erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster fate, uns beschworen
htte, ernst ber unsere Situation nachzudenken.

-- Suchen wir einen Ausweg, eine Mglichkeit der Rettung, sagte er, wenn
wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das
uns beschftigt, unsere Gedanken fr einen Augenblick vom Tode abwendet,
der wie ein Alp auf uns lastet.

Der Rat war gut, aber wir waren so erschpft und erstarrt, da wir ihn
ganz gleichgltig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen
Tomas' antworteten.

Ich erinnere mich, da ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen
bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige,
was mich in jenem Augenblick beschftigte, war: wie wird er wohl nach
dem Tode aussehen?

Mit irrsinniger Hartnckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und ri
in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblte ich ebenso
seinen Schdel, seine Rippen, seine Knochen -- und auf einen lebenden
Menschen sehend, hatte ich pltzlich ein Gerippe vor Augen, das mit
einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen --
in kurzer Zeit!

Als Tomas sich endlich berzeugte, da mit uns nichts mehr anzufangen
war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser
Wagen lngs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde
erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der
Verzweiflung erfat und fortgerissen, wie wahnsinnig:

-- Wir knnen die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum
Pol, dort, wo es Luft gibt!

Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren htte, auf das
Steuer; Tomas stie ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber
entschieden:

-- Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.

Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an -- dann strzte er sich
pltzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und
packte ihn bei der Gurgel.

-- Mrder! brllte er, Wrger! Du willst uns tten, und ich will leben,
leben! Hrst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!

Er schumte und schrie und da er strker war als Tomas, warf er ihn, ehe
wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang
mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine
Verwirrung, die das Bellen der verngstigten Hunde begleitete. Wir
packten ihn endlich bei den Schultern, als er pltzlich aufschrie und
unter unsern Hnden schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschpft
und bla.

Da neigte sich der Wagen; ich fhlte eine gewaltsame Erschtterung und
verlor das Bewutsein.

Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, da ich auf meiner Matte lag;
Tomas stand ber mich gebeugt und rieb mir die Schlfen mit ther ein.
Martha und Varadol saen finster und schweigend neben mir.

Tomas ist wirklich ein tchtiger Mensch. Whrend er mit Peter rang, fuhr
der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen
Felsen. Durch diese Erschtterung nach vorn geworfen, prallte ich mit
dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmchtig.

Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso
Varadol, der bewutlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall
erschpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagersttten zu legen, und
lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem
Grunde, wo es unvergleichlich wrmer ist als auf der Oberflche, begann
er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte
sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte.
Endlich kam auch ich wieder zu mir.

Fr den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in
dieser tiefen Spalte die Klte nicht so bermig war. Scheinbar ist das
Innere des Mondes, hnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die
eigene Wrme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die
Erde, auch bedeutend frher erkalten mute.

Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu
ermglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei,
nachdem wir vor der jeden Gedanken erttenden Klte Schutz gefunden.

Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, da es vielleicht gelingen
wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphre so weit
zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu knnen. Dieser
Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch
sofort an seine Ausfhrung. Jedoch nach einer Stunde schweren und
angestrengten Arbeitens berzeugten wir uns, da sich dies nicht
verwirklichen lt. Die Mondatmosphre ist hier so dnn, da sie sich
nach dem vollstndigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so
weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu berwinden und
die Klappe zu ffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in
einem der leeren Behlter zu verdichten, nachdem wir den Ri fest
verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das
erwies sich als unmglich.

Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gnzlich erschpft waren,
lieen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemhte sich noch
uns damit zu trsten, da wir vielleicht etwas weiter gegen Norden
dichtere Atmosphre finden wrden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen
liee, aber ich wei, da er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen
mchtigen Strecke des _Mare Imbrium_ wird sie gleich dnn sein und ehe
wir diese zurcklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was
unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden mssen wir sterben.

Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wrmer wird, aus dieser
Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das fhrt freilich zu
nichts, aber auch das Hierbleiben fhrt zu nichts. Und vielleicht ...
vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphre
finden ...

                             An derselben Stelle, siebzig Stunden nach
                                                          Mitternacht.

Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorrte
verloren haben. Die Behlter wurden whrend des Herabgleitens des Wagens
von den Abhngen des _Eratosthenes_ beschdigt. Ein scharfer Stein, der
auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief
eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das brige. Die Risse
sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens,
da der Druck der verdichteten Luft die beschdigten Behlter aus Erz
nicht zersprengte, und zweitens, da wir den Verlust nicht frher
bemerkten ... Ich zerbreche mir ber diese Rtsel den Kopf, als wenn
ihre Lsung unsere Lage irgendwie ndern knnte.

Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses
Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die
Gewiheit, da wir sterben mssen, und uns dabei vollstndig gesund
fhlen. Das vergrert das Grauen dieses Furchtbaren, das ber uns
kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe,
besonders aus seinem Benehmen Martha gegenber, da auch er unaufhrlich
daran denkt. Er lt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand ber
ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung
bitten wollte. Und sie kt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und
den Augen zu ihm sagend: Grme dich nicht, Tom, -- alles ist gut, wir
werden ja zusammen sterben ...

Fr sie ist das vielleicht ein Trost, da sie zusammen sterben, aber fr
mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals
in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bumt sich so malos
gegen dieses Ungeheuerliche auf, da alle Reflexionen vergebens sind.
Ich bemhe mich klar und nchtern zu denken, -- ich versuche mir ber
alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, da ich
zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines
bermchtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen
und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam
ein, da ich mich mit diesem Schicksal ausshnen und Ruhe bewahren mu.
Und trotz all dieser Reflexionen fhle ich immer nur eins: Angst,
grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah -- es ist so grauenhaft,
unerbittlich, und es nhert sich so langsam ...

Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem
frchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer
Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine
lcherliche Parodie des Lebens ist! ...

                                                   Eine Stunde spter.

Nein, ich kann es nicht! Ich wei nicht, was mich zurckhlt, aber ich
kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne,
dem guten Stern des Tages, der bald ber uns aufgehen soll, vielleicht
ein lcherlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch
einige Stunden zhlen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen,
gnzlich haltlosen Hoffnung ...

Ich wei, da nichts uns erretten kann und begehre so sehnschtig
danach, zu leben -- und so sehr ... ngstige ich mich ...

Meinetwegen! -- Mag geschehen was will.

Ich bin entsetzlich mde, -- mchte es doch endlich kommen, dieses
Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, da ... Es ist einerlei ...

                                                    Bei Sonnenaufgang.

In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glnzt
schon ber uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wste
hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die
Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht
...

Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich wei es nicht. Niemand
von uns wei es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird
langsam neben uns gehen, ber die Steinfelder, ber die Berge und Tler,
und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehlter sich dem
Nullpunkt nhert, wird der Tod in den Wagen kommen.

Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder
von uns bemht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschftigen,
vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen
Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschftigen, der
wei, da alles was er tut, zwecklos ist?

Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!

                        Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag.
                        Auf Mare Imbrium, 8 54' westlicher Lnge, 32
                       16' nrdlicher Mondbreite, zwischen den Kratern
                                                               ^c--d^.

Wir sind gerettet! -- Und die Rettung kam so pltzlich, so unerwartet
und auf so seltsame und -- schreckliche Weise, da ich mich bis jetzt
nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit
der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns
abgewandt und entfernt hat.

Er hat sich entfernt, -- aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich
niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu
leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein
Pfand fr sie ... wo er es eben findet -- ohne Wahl ...

Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus
irgendeinem wohlberlegten Grunde. Wir waren sicher, da wir den Abend
dieses langen Tages nicht erleben wrden. Wir fuhren schweigend mit
diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte sa und ruhig auf den
Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, wrgende Umarmung nehmen
sollte. Wir fhlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und
sichtbares Wesen wre -- und wir sahen uns erstaunt um, da wir es nicht
tatschlich bemerkten.

In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war
es eine ber alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es
nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst ber dreihundert
Stunden leben konnten! Ich bertreibe nicht, wenn ich sage, da wir in
jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, da wir unabwendbar sterben
mssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.

Jetzt kommt mir das alles wie ein wster, grauenhafter Traum vor und ich
mu meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, da es
Wirklichkeit war.

Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurckgelegt
haben.

Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer
gleichmig schnell nach Norden -- und wir sahen wie im Traume auf die
vorberfliegenden Landschaften. Jetzt fhle ich erst, da alle Eindrcke
in mir in einen zusammengeflossen sind, -- in diesen Eindruck des
unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden.
Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns
auf der Grenze zwischen _Palus Putredinis_ und _Mare Imbrium_, zu
unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen
Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe,
wellenfrmige Berge berging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt
erstreckend. Hinter diesen Bergen glnzten die Gipfel des _Timocharis_,
die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet
waren.

Nur das Grauen blieb mir im Gedchtnis und der sich so seltsam damit
verbindende unerhrte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die hchsten
Spitzen des Kraters waren wei, aber von ihnen aus erstreckten sich nach
unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich
wei nicht, wie das zu erklren ist; sollte der _Timocharis_, ein
Ringberg von der Hhe des _Eratosthenes_, einstmals ein ttiger Krater
gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern
ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrhren?
Ich kann diese Rtsel nicht lsen und damals dachte ich nicht darber
nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem -- von
Mrchen und Zauberlndern -- von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und
starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten
besten, in der Sonne erglhenden Gipfel. Gleichzeitig schttelte mich
ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und
Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins,
in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...

Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des _Timocharis_ vor
uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters _Beer_; nachdem wir ihn
passiert hatten, weiter, lngs dem Fue des dicht neben ihm liegenden
Kraters _Feuille_ und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich
sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nrdlichen Grenze des
_Mare Imbrium_. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des
_Timocharis_ fast hinter uns; dafr zeigte sich uns gegen Nordosten an
der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehllte Wall des
Ringes des _Archimedes_.

Ich hatte pltzlich den Eindruck, da wir durch ein mchtiges Tor jagen,
das gegen die Ebene des Todes weit geffnet war. Wieder erfate mich
eine grenzenlose, wrgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn
zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken -- nur nicht in
diese weite Ebene hineinfahren, die wir -- ich wute es -- nicht
lebendig verlassen wrden.

Ich glaube, da dieses Gefhl nicht nur in mir erwachte; die drei andern
sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns ffnende
Steinwste.

Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen,
lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht
zu erkennen waren; dann lie er langsam den Blick ber den Zeiger des
Manometers gleiten, der an dem letzten Behlter mit verdichteter Luft
befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber
unaufhrlich ...

Da tauchte pltzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft gengt
nicht fr _vier_, aber sie wird fr _einen_ ausreichen. Einer wrde mit
diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphre des
Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu
knnen.

Dieser widerwrtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und
kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war strker als mein
Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des
Manometers nicht losreien, und in den Ohren drhnte es mir fort und
fort: Fr vier wird sie nicht ausreichen, aber fr einen ...

Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden -- heimlich wie ein Dieb
und -- Entsetzen fate mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich
denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein
dumpfes, bedrckendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und
sagte ruhig:

-- Wenn wir es tun, so mu es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich
noch verringert ...

Wir wuten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich
fhlte eine brennende Rte im Gesicht, aber widersprach nicht.

-- Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu
dem Herauswrgen dieser Worte zwingend. Aber -- hier stockte seine
Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ...
ich wollte ... euch bitten, da ... Martha am Leben bleibt ... wie auch
...

Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:

-- Fr zwei wird es nicht gengen ...

Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurck:

-- Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.

Nach diesen Worten nahm er vier Streichhlzer, brach einem den Kopf ab,
versteckte sie so in der Hand, da nur ihre Enden zu sehen waren und
hielt sie uns entgegen.

Whrend dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hrte kein
Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen
wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollstndig ruhiger
Stimme:

-- Was tut ihr?

Und dann zu Tomas:

-- Zeige, was du in der Hand hast ...

Und sie nahm diese Streichhlzer, die das Todesurteil fr drei von uns
sein sollten, damit der vierte leben konnte.

Und das geschah so schnell und unerwartet, da wir keine Zeit hatten,
sie zu hindern. Eine tiefe Rte der Scham berflog unsere Wangen; wir
fhlten, da uns dieses Mdchen bei dem widerwrtigen Verbrechen des
Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns
pltzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurckgehaltenes Weinen
ausbrechend.

Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein
prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der
gegenseitige, durch die Nhe und Unabwendbarkeit des Todes
hervorgerufene Ha jetzt in das Gefhl einer herzlichen Zrtlichkeit
verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes ber uns. Wir
setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen,
schlanken Krper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit
leiser Stimme, ber eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der
Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm fr uns jetzt eine
groe Bedeutung an, wir fhlten, da diese Unterredung der Abschied des
Lebens sei.

Und der Wagen sauste unaufhrlich nach Norden, durch die unermeliche,
todbringende Ebene.

Stunden und Erdentage gingen vorber; der Zeiger des Manometers fiel
stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgeshnt. Wir
sprachen, aen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wre. Ich
fhlte nur ein seltsames Drcken in der Gegend des Herzens und der
Gurgel -- wie ein Mensch, der einen groen Verlust erlitten hat und sich
vergebens ihn zu vergessen bemht ...

Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis.
Die Glut, obwohl sie sehr stark war, qulte uns nicht mehr so wie am
vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60
ber dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen
Hhe am Himmel steht, war verblat, als die strahlenlose Sonnenscheibe,
den flammenden Reifen ihrer Atmosphre berhrend, langsam hinter ihr zu
versinken begann.

Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und
sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.

Der leuchtende Reifen der Erdatmosphre wurde in dem Augenblick, als die
Sonne ihn berhrte, einem Kranze blutigroter Blitze hnlich, in dessen
Mitte ein mchtiger schwarzer Fleck lagerte, -- die einzige Stelle am
Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die
Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden
Flammen unterzugehen. Whrend dieser Zeit wurde der Kranz immer
intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war
das Licht bereits so stark, da man die Linien der Landschaften erkennen
konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der
schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der ghnende Schlund eines
seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesten Himmel ausgehhlt, von
einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkrnzt war; dieser ging
stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht ber, um sich
schlielich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weien Leuchten
zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten
zwei Strahlengarben, zwei Fontnen goldenen Lichtstaubes hervor: es war
das Zodiakallicht, das man whrend der Finsternis sehen konnte, hnlich
wie nach dem Untergang der Sonne.

Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn
Blutstrme ber die vor uns in Dmmerung gehllte Wste ausgegossen
wrden.

Wir muten halten, da es unmglich war, in diesem schwachen rtlichen
Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach
Schwinden der Sonne eine empfindliche Klte ein. Nachdem wir uns
eingehllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, da sich
die Sonne wieder zeige. ber uns brannte in unerhrter Pracht der
leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als pltzlich die
Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und
verzweifelter. Ein eisiger Schauer berflog uns bei diesem Bellen. Wir
erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O'Tamors, als Selena ebenso
bellte, den Tod begrend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle
empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze,
grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, da
diese Feuer dort oben wie zum Hohn ber den Huptern von uns Sterbenden
flammten ...

In dem Behlter hatten wir nur noch Luft fr ungefhr zwanzig Stunden.

Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der
westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende
Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlschen. Beim Anblick
der Sonne berkam mich zunchst ein Gefhl des Erstaunens; ich hatte
mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewhnt, sie erschien mir
als die Verknderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns whrend
der Abwesenheit der Sonne einhllen sollte, da der strahlende Tag fr
mich etwas ganz Unfabares war. Und dann pltzlich -- ich wei nicht
woher -- stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem
Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten msse.

-- Wir werden leben! rief ich so pltzlich und mit einer solchen
berzeugung, da aller Augen fragend -- wie gebannt -- an meinem Munde
hingen.

Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt
unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir
ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das
Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem
wir sie aufgerissen, zeigte es sich, da der Apparat wirklich klopfte,
als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemhten wir
uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder
hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen:
Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem
Winkel ... mge ... _Frankreich_ ... die andern ... und wenn ... der Tod
...

Grenzenloses Staunen erfate uns. Varadol sprang an den Apparat und
telegraphierte: Wer lt sich vernehmen?

Wir warteten einen Augenblick -- keine Antwort. Peter wiederholte die
Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.

Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.

Eine halbe Stunde der vollstndigen Stille ging vorber; wir begannen
schon anzunehmen, da die ganze Sache auf einer unfabaren Tuschung
beruhte.

Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am
Himmel. Die Glut wurde wieder grer.

Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und
gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Fen, wie eine von einer
Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und
Verwunderung auf. An das Fenster strzend, bemerkten wir eine Masse von
metallischem Glanz, die, auf der Oberflche des Mondes abprallend, vor
unseren Augen einen mchtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum
aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in
ungeheuren Sprngen nach Nordosten jagend.

Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklren, bis
Peter pltzlich aufschrie:

-- Die Brder Remogner kommen!

Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen,
seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also
gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat
klopfte unter dem Einflu der Depesche, die die Brder Remogner aus der
Nhe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er lie sich vielleicht schon
frher vernehmen, nur da uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der
Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brder Remogner
anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der
Vorbereitung zum Fall beschftigt waren.

Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, whrend wir in
fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen
Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in
der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fhlten und
dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brder Remogner
fhren Luft mit sich!

In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das
Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher
Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trmmer des
zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.

Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehlter an und nachdem wir
sie mit dem Reste unseres Vorrates gefllt hatten, gingen wir aus dem
Wagen. Unsere Erschtterung, unser Beben wurde -- wozu es verheimlichen!
-- weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die
Angst hervorgerufen, da ihre Luftbehlter bei der Katastrophe
beschdigt worden sein knnten.

Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der
zertrmmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.

Wir waren gerettet!

Ein Freudentaumel erfate uns, der wenig im Einklang stand mit dem
Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -- wir waren dreihundertfnfzig
endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, da
wir leben werden!

Nachdem wir uns bezglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten
wir erst ber das furchtbare Los, das die Brder Remogner getroffen,
nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner
Zufall -- eine Ungenauigkeit in der Berechnung, lie sie hier vor uns
niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem
Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall,
der uns mit Luftvorrten versorgte, hat sie gettet. Sie fielen, in
dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberflche,
sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den
Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerst geschtzt war und einige Male
abprallend, mute es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem
Gedanken, da uns dasselbe htte widerfahren knnen ...

Nachdem wir die Leichen sorgfltig zwischen den Steinen begraben hatten,
machten wir uns an ihren Nachla. Wir haben alles aus den Trmmern
hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die
kostbaren Behlter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen
hinbertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorrte und einige
weniger beschdigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach
ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, da er vielleicht stark
genug sein wrde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen.
Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trgerisch. Der Apparat wurde bei
der Katastrophe beschdigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der
astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir
mit, obwohl er stark gelitten hat.

Welch unbeschreibliches Glck fr uns, da gerade die kupfernen
Luftbehlter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.

Nachdem wir den Nachla der bedauernswerten Brder Remogner an uns
genommen hatten, traten wir unverzglich die Weiterreise nach Norden an,
da die Glut, die durch die Khle whrend der Sonnenfinsternis
unterbrochen wurde, wieder strker einsetzte und wir irgendeine Erhebung
finden muten, die uns Schatten gewhrte.

Hier erst, zwischen den Kratern ^c--d^, blieben wir stehen.

Diese steilen Kegel, die sich am Fue fast berhren, sind zweifellos
vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend frbt sich
gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die
Abhnge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen
vorzglichen Schutz vor der brennenden Glut.

Wir sind gerettet und dennoch verlt uns die tiefe Niedergeschlagenheit
keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstmmelten
Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an
ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, da wir durch
ihn gerettet wurden ...

Ich bin erschpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschpft von
dem langen Schreiben. Ich mu mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor
der weiteren Fahrt. Die Mhen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind
wohl noch lange nicht fr uns vorbei.

In diesem Moment fllt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren
Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ...
Merkwrdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine
Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu
opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu tten, die doch
ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu
verlngern, die uns -- wie wir glaubten -- zum Leben brig blieb! Wie
entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert htten und dabei
die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!

Die Gefahr ist zunchst vorber, und es ist gut, da die Hunde leben.
Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns
gegenseitig in Erinnerung bringen knnen. Mit Rhrung blicke ich auf
diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde
losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur
noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brder
Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der
Erde zu verstndigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet
-- aber wir sind dafr zur ewigen Vereinsamung verurteilt.

                            Auf Mare Imbrium, 9 westlicher Lnge, 37
                                                nrdlicher Mondbreite.
                                 Zweiter Tag, einhundertzweiundfnfzig
                                                  Stunden nach Mittag.

Seit ungefhr hundert Stunden, das heit fast vier Erdentage, schleppen
wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge
reicht -- nichts -- keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung,
auf der der Blick ausruhen knnte. Eine entsetzliche Gleichmigkeit der
Landschaft bedrckt und erschpft uns. Ich machte einmal auf der Erde
eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein
buntes Mrchenland, gegenber dieser trostlosen de, die uns hier
umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenfrmigen
Sanderhebungen, hinter denen sich oft grne Kronen der Palmen zeigen,
die auf ppigen Oasen wachsen; ber der Sahara wlbt sich ein blauer
Himmel, der sich abwechselnd silbern frbt, dann im Mittagsglanz
leuchtet, durch die Abendrte schillert oder sich mit einem
sternenbesten Schleier berzieht. Durch die Sahara wehen Strme und
dieses Sandmeer aufwhlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben;
hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflgter Boden,
auf der Oberflche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe
grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit
ber dreihundert Stunden sich fast nicht verndert hat! Wo seid ihr --
Wind -- Wasser -- Leben -- Himmelsblau und grne Triften? ...

Alles das erscheint uns wie ein wunderschnes Mrchen, das man einst
gehrt und durchlebt hat, in der Jugendzeit -- lang, lang ist's her --
ach, sehr lange ...

Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf
dem Mond, aber uns scheint es, da schon ein Menschenalter verflossen
ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewhnen uns langsam an
die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr ber das, was
uns umgibt, wir wundern uns vielmehr ber die Erinnerungen, die uns
sagen, da dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am
schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern
ber uns hngt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen
sind, das so verschieden ist von diesem -- und so schn -- so zauberhaft
schn! ...

Oh! Die Menschen knnen die Schnheit der Erde nicht schtzen! Wenn sie
hierher gelangten, wrden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie,
die ewig Verlorene! Und sie wrden von ihr trumen -- so wie wir -- in
Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fiebertrumen,
voll von qulender Sehnsucht ... Ach, wie diese Trume erschpfen! Ich
wache nach einigen Stunden auf und sehe, da die Sonne am Himmel steht,
fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war,
da unser Wagen, trotz der unaufhrlichen Fahrt, immer noch auf
derselben Wste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und
beginne fast zu glauben, da es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum,
sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!

Um uns zu zerstreuen und in dieser Wste nicht wahnsinnig zu werden,
erzhlen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen
die von der Erde mitgebrachten Bcher. Wir haben einige
naturwissenschaftliche Werke, eine ausfhrliche Geschichte der
Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen
wir vor allem sehr oft. Gewhnlich liest Woodbell mit wohlklingender,
deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...

Wir hren zu, wie Gott die Erde erschaffen hat fr den Menschen, damit
er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nchtliches Licht
habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hie, wie er Adam aus dem
blhenden Paradies in ein wstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir
hren, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das
Menschengeschlecht zu erlsen. Wie er mit einer treuen Schar ber die
wonnigen Wiesen und grnen Hgel von Galila dahinging, wie er litt und
starb; wir hren all dem zu -- auf die Erde blickend, die einer
silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch
die wsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich
trge fortschleppend, vergit, uns Tage und Stunden anzugeben.

Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzhlungen und wenn
Tomas zu lesen aufhrt, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame
Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwrtige Lage ... Vor kurzem
sagte sie zu Tomas: Wir sind beide hier wie Adam und Eva. In der Tat,
sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wste
hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen.
Aber ich und Peter -- was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in
unserem gegenwrtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die
Berechtigung ihres Seins, aber wir -- wozu leben wir?

Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu
dieser Reise rsteten: Wir begeben uns dorthin der _Erkenntnis_ wegen!
Jetzt sehe ich, da die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt,
wenn es keine Mglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen
Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat
und bemerken staunend, da uns das ziemlich gleichgltig ist -- eben
weil wir niemandem sagen knnen, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch
-- unwillkrlich -- untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir
untersuchen knnten und mten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur
Verstndigung mit der Erde htten! Ohne diese ist unser Leben ziellos.
Glcklicher Tomas und glckliche Martha! Sie leben, weil einer fr den
anderen lebt!

Ein Fieber schttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke.
ber dreiig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehrte zu den --
Wahnsinnigen, -- heute kann ich es nicht anders bezeichnen, -- fr die
nur eine Liebe existiert: das Wissen -- und nur ein Trachten: nach
Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnschtig nach diesem groen Geheimnis
des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen
Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart -- nach der Liebe ...

Ha! Ha! Wie lcherlich sieht dieser Satz -- hier niedergeschrieben --
aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich
berfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben
zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das
wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...

Martha ... Ich wei nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe.
Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese
Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die
erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste
Geheimnisse zu entrtseln, getrieben hat, sondern die banale,
alltgliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und
dennoch denke ich unaufhrlich an sie, hartnckig, fast schmerzhaft. Wir
sind hier drei Mnner, krftig und klug, und dennoch haben nicht wir den
Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverstndige,
schmchtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie
ausgewhlt hat ...

Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit
unserm Gehirn -- wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.

Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er?
...

Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu
nehmen: Ich werde eure Sklavin sein. Und in Wirklichkeit sind wir ihre
Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemhen,
ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre
Sklaven, da wir unwillkrlich, -- obwohl auf verschiedene Weise, dem
Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue
Menschheit zu schaffen.

Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes
vor meinen Augen entschwunden, so trume ich schon mit der alten
Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfllen wird.
Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land,
ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben
bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen
haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt,
hier leben zu knnen! Wir haben schon Hunderte von Kilometern
zurckgelegt, ohne eine Vernderung in der Gestalt der Grundoberflche
zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphre. Die Luft bleibt hier
immer so dnn, da sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag,
noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu frben; auf dem felsigen
Boden finden sich nirgends Spuren, da einstmals Wasser war und wirkte.

Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere
Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir
erst auf der _anderen_ Seite sein werden ... Wie wird die _andere_ Seite
aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da
wir diese Reise von der Erde antraten, das heit: wir wissen absolut
nichts.

                       Unter den Drei Kpfen, 7 40' westlicher Lnge,
                                                     43 6' nrdlicher
                                       Mondbreite. Vor Mitternacht des
                                                        zweiten Tages.

Wir befinden uns am Fue des Berges, der sich im nrdlichen Teil des
_Mare Imbrium_ erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen
Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige
vierzig Fu ber dem Horizonte steht, fllt schrg auf die Felsen, die
einer mchtigen gotischen Kirche oder einem Mrchenschlo fr Riesen
hnlich sind.

Der nchtliche Glanz ist hier bedeutend schwcher als dort, wo die Erde
im Zenite ber uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch
die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines
Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der
Ring selbst mu durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstrt
worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.

Wir sagen schon: durch das Wirken des Wassers, und obwohl das nur eine
Vermutung ist, berluft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit
wre ... Denn wenn hier Wasser _war_, so kann man annehmen, da dort auf
der anderen Seite Wasser _ist_, und wenn dort Wasser ist, so mu auch
Luft in gengender Dichte vorhanden sein, um atmen zu knnen. Trotz des
Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwcher als in der vorhergehenden
Nacht, empfindlich qult, gingen wir fr kurze Zeit aus dem Wagen und
erforschten beim schrgen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu
finden, die unsere Annahme besttigen. Etwas Sicheres wissen wir noch
nicht, aber es ist zweifellos, da andere Ursachen bei der Entstehung
dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen
ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand
empor mit drei mchtigen Gipfeln, gewissermaen ein Stck Zyklopenmauer
mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit _Drei
Kpfe_. Die Mauer erstreckt sich in nordstlicher Richtung und ist uns
mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel
frben sich wei, an den der Erde zugekehrten Flchen und sehen wie drei
silberne Helme auf schwarzen Kpfen aus. Der ganze Berg ist vom
Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, da auf seinem Schwarz
keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel berst ist. Seine Form
erscheint uns ungefhr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am
schwarzen, aber sternenhellen Himmel.

Wir sind in vollstndiges Dunkel gehllt, da der Berg uns die Erde
verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das
erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen
langen Schatten und wir mssen uns mit der grten Vorsicht vorwrts
bewegen, um nicht in einer Unebenmigkeit oder Zerklftung des Bodens
stecken zu bleiben, die wir hier immer hufiger antreffen. Ich glaube,
wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurcklegen knnen, vor
allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht strker wird, uns
wahrscheinlich zum lngeren Aufenthalt an einer geschtzten Stelle
zwingen drfte. Wir mchten vorher wenigstens bis zum Gipfel _Pico_
vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von
uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, da es in der
Nhe der Berge bedeutend wrmer ist als auf der Ebene. Wir erklren uns
diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es
mssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.

Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu
versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich mu das Schreiben
unterbrechen, da es whrend der Bewegung unmglich ist, auch nur daran
zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht
der zum Horizont geneigten Erde wirft, mssen wir alle auf dem Posten
sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, da immer nur einer
schlft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In
diesem Augenblick schlft Martha. Ich hre ihr gleichmiges, ruhiges
Atmen, ich sehe bei dem gedmpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das
aus einer Flle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig
geffnet, wie zum Lcheln oder Kssen ... Wovon trumt sie wohl? ...
Ach, Unsinn! -- Wir fahren weiter.

                        Dritter Tag, dreiig Stunden nach Mitternacht,
                    auf Mare Imbrium, 9 14' westlicher Lnge, 43 58'
                                                nrdlicher Mondbreite.

Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...

Ungefhr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den _Drei Kpfen_
aus fort. Der Weg war auerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir
jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten.
Mehrere Male im Verlauf einer Stunde muten wir anhalten und mit Hilfe
des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen
vornehmen bezglich des Hhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige
Wegweiser fr uns sind. Es ist unmglich, etwas zu erkennen, mit
Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade
deswegen ...

Im Verlauf von dreiig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig
Kilometer zurckgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen
grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der
Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrmmten Bogen und hebt sich
mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwste ab.
Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer
sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder
einer Stadt hnlich sieht. Einer Stadt? ...

Wir fahren weiter, lngs diesem Streifen, der einen bedeutend
gleichmigeren Weg fr uns darstellt, als die mit Steinen berste
Wste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen
ziemlich schnell vorwrts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt
immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile
erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Tuschung von
Turmruinen und Gebuden hervorrufen. Ich wei nicht, was ich von alledem
denken soll. Ich bemhe mich, darber klar zu werden ... wahrhaftig, es
ist zu seltsam! Eine fast aberglubische Furcht berkommt mich ...
Sollte das ...

                         Dritter Tag, sechsunddreiig Stunden auf Mare
                                                              Imbrium.

Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste
Fieber schon so erschpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn
wir werden sonst ... diese Totenstadt ...

                      Neunundfnfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare
                     Imbrium am Pico, 9 12 'westlicher Lnge, 45 27'
                                                nrdlicher Mondbreite.

Ich sammle meine Gedanken. Ich mu sie endlich niederschreiben.

Ich erinnere mich -- als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte,
blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief
unwillkrlich:

-- Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!

Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem
Interesse die nherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine
Worte schnell zu mir. In seinen Zgen malte sich eine starke Erregung.

-- Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender
Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...

-- Was!?

Wir strzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter
verlie das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die
seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...

-- Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trmmer eines
Steintores. Man sieht die beiden Sulen und oben hlt sich noch das
Stck eines Bogens ... Oder hier, -- ist das nicht ein Turm, zur Hlfte
zerfallen? Und dort, seht nur, ein mchtiges Gebude, mit einer
niedrigen Sulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich
bin berzeugt, da diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen
berst ist, eine Strae war ... Jetzt ist alles zertrmmert und starr
... Eine Totenstadt.

Ich kann das Gefhl nicht beschreiben, das sich meiner bemchtigte.

Je lnger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, da Tomas
recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Trme, Bogen und
Sulen, Teile eingefallener Mauern und steinberste Straen. Das Licht
der Erde frbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus
einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor -- wie
Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein
Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben,
sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mchtiger, viel mehr Tod in
dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.

Varadol zuckte die Achseln und murmelte:

-- Ja, das ist wahrhaftig Trmmern verteufelt hnlich ... diese Felsen
... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.

-- Wer wei, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder
Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor
Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die
Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...

-- Das ist mglich, flsterte ich in tiefem Nachdenken.

-- Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das
beweist, da hier niemals Wasser war, was wiederum fr das Fehlen der
Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.

Woodbell lchelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:

-- Und dieser Sand? Und die _Drei Kpfe_, an denen wir vor kurzem
vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der
vom Wasser abgesplt ist. Man kann nicht behaupten, da es hier niemals
Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Klte und
Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...

Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell pltzlich:

-- Ich glaube, da wir das interessanteste Rtsel vor uns haben, dem wir
berhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man mu es lsen.

-- Wie meinst du das? fragte ich.

-- Nun, wir werden an diese Trmmer heranfahren und sie untersuchen ...

Ich wei nicht weshalb, aber ein Frsteln durchlief mich bei diesen
Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr hnlich ist. Diese
Trmmer der -- Gebude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser
unermelichen Wste.

Peter zuckte unwillig die Achseln:

-- Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu
besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebuden etwas
hnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.

Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit
Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.

-- Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flsterte sie, als
uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den
Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.

-- Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lchelnd, aber
glaube mir, da sie einst von Lebenden erbaut werden mute.

-- Oder durch Naturkrfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick
blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.

Wir strzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte
gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so berst mit
groen Steinen, da keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein
konnte. Als Tomas dies bemerkte, zgerte er einen Augenblick und sagte
dann:

-- Ich werde zu Fu hingehen!

Wir wollten ihn alle zurckhalten, ohne uns klar darber zu sein,
weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefhl dessen, was geschehen sollte!

Er blieb jedoch bei seinem Entschlu. Peter fluchte unter dem
Schnurrbart hervor und meinte, da man ein kompletter Idiot sein msse,
die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der
furchtbaren Klte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich
erklrte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, da er
allein gehen wolle, drngte ich nicht weiter. Ich wei noch immer nicht,
was mich eigentlich zurckgehalten hat, die Angst vor der Klte oder
auch dieses unerklrliche Gefhl der Furcht beim Anblick dieser toten
Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...

Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen
Trmmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde
klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwrts, sich oft bckend,
wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Fr einen Augenblick
verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn
wieder, schon bedeutend weiter. Pltzlich geschah etwas Merkwrdiges.
Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurckgelegt
hatte, reckte sich in die Hhe, stand wie erstarrt und begann dann in
wahnsinnigen Sprngen zum Wagen zurckzulaufen.

Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklren. Da,
einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel.
Als wir bemerkten, da er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu
Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da
wir erst die Luftbehlter anlegen muten. Dann strzten wir zu ihm; er
lag bewutlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.

Nachdem wir ihm den Luftbehlter heruntergerissen hatten, bot sich uns
ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und blulich,
ganz von Blut berstrmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den
Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl
wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.

Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich ber den Geliebten
strzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurckhalten. Ich begann
indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, da er
einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den
Luftbehlter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das
Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen
hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und
infolgedessen war die Luft aus dem Behlter entwichen. Ehe wir ihm zu
Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehlter fast gnzlich entleert, was den
Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er
so gelaufen war, blieb uns allen zunchst ein Rtsel.

Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewutsein zu bringen.
Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer,
krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde
herausscho. Dann ffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an;
er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Pltzlich
schrie er entsetzt auf und streckte die Hnde aus, als wenn er etwas von
sich stoen wollte, dann wurde er von neuem ohnmchtig. Wir versuchten
zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel
in ein Fieber, das die Vorbotin einer lngeren Krankheit war.

Nachdem wir Tomas aufs sorgfltigste gebettet hatten, fuhren wir weiter.
An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand
mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge,
so schnell wie nur mglich aus dieser grauenvollen Gegend
herauszukommen.

In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhngen des _Pico_
vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen
hier bleiben.

Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich
zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal
springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stt
unverstndliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der
unglcklichen Brder Remogner herauszuhren. Solchen Anfllen folgt
meist eine vollstndige Erschlaffung. Er sieht dann leichenbla aus, als
wenn in seinem ganzen Krper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wre.

Wir sind durch das alles im hchsten Grade beunruhigt. Martha verliert
vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer
wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege
bedarf. Wir trsten sie so gut wir knnen und verheimlichen ihr unsere
eigenen Befrchtungen.

Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rtsel. Ich
begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht
veranlassen konnte, die schlielich die Ursache seines Unglcks geworden
ist. Denn es ist sicher, da sich die Glasmaske erst bei seinem Fall
zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wre, den
von ihm zurckgelegten Weg zu erforschen, vielleicht htte uns das etwas
Klarheit gebracht ... Denn es mu dort etwas Unerhrtes geschehen sein!
Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen lie, so war es
Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den
frchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was
konnte ihn berhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht
einmal die Hlfte des Weges zu den Toren jener mutmalichen Stadt der
Toten zurckgelegt ...

                        Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach
                                                          Mitternacht.

Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, da es uns gelingen wird,
Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, da
die Krisis berstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur mglich,
sprechen sogar nur im Flsterton, um ihn nicht zu stren. Vielleicht
wird ihn dieser Schlaf erretten.

Wir frchten nur sehr, da die Hunde mit ihrem Bellen Lrm machen
knnten, -- denn Tomas jetzt aufzuwecken, hiee ihn morden.
Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen
bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glck verhalten
sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hndin, sitzt neben
dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn.
Ich bin berzeugt, da dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas
vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nhern, brummt Selena leise, wie
warnend, da sie wacht und ihm kein Unrecht zufgen lt, und dann
schwnzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, da sie an unsere guten
Absichten glaubt und ber unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem
liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.

Auch Martha weicht nicht von Tomas' Seite. Fast hundert Stunden bereits
spricht sie kein Wort. Sie ffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns
bezglich der Pflege verstndigen mu. Ich kann mir keinen greren
Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie
ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen,
trockenen Lippen, den weitgeffneten Augen liegt etwas so Trostloses,
da es uns geradezu das Herz zerreit. Wir mchten sie beruhigen, ihr
Hoffnung und Mut zusprechen -- und wagen nicht, uns ihr zu nhern, so
achten wir sie und ihren groen Schmerz. Und sie blickt so seltsam
gleichgltig auf uns; wir fhlen, da wir sie nur so weit angehen, als
wir ihr bei Tomas' Rettung behilflich sind. Auerdem existieren wir
nicht fr sie.

                           Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.

Der hchste Gipfel des _Pico_ flammt in der Sonne auf! Drei oder vier
Stunden -- und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die
ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des
mchtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit
dem in der Sonne glhenden Gipfel grau und dunkel.

Wie die _Drei Kpfe_ ist auch der _Pico_ kein Krater, sondern vielmehr
die letzte mchtige Felsenpartie eines zerstrten Ringberges. Wir stehen
unter seinem hchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht
hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim
Anblick dieser enormen Hhe, die sich noch strker dadurch abhebt, da
sich ringsherum eine glatte Flche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich ber
zweitausendfnfhundert Meter.

Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur
die vor uns liegenden Reste brig blieben, veranlat hat. Vielleicht ist
der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einflu der
Temperaturvernderungen zerbrckelt -- oder hat ihn das Wasser
untersplt?

Schon das zweitemal whrend unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung.
Auch der Umstand spricht dafr, da man nirgends einen Wall von
Felsstcken sieht, der htte entstehen mssen, wenn diese Berge durch
Klte und Sonne zerfressen wren.

Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich
jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar
vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der groen Klte fr einen
Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er
konnte sich nicht lnger aufhalten, aber er brachte ein Stck Gestein
mit, dem hnlich, das sich im Wasser ansetzt ...

Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht
Nheres erfahren.

Tomas schlft andauernd fast seit dreiig Stunden. Wir sind dadurch
etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu
beunruhigen. Eine beklemmende Angst befllt uns, wenn wir auf dieses
totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen
sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt
regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal
glaube ich, da ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor
mir sehe. Wie froh wre ich, wenn er endlich aufwachte.

Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von
Mdigkeit berwltigt, schlft sie manchmal so sitzend ein. Aber das
dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit
weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den
Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich fr ihre Gesundheit zu
frchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank wrde! Aber alle
Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mhe knnen wir sie
dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll,
wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir mchten sofort
weiterfahren, frchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen.
Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom _Pico_ nach Osten zu wenden, um
die _Alpenkette_ zu umkreisen, die die nordstliche Grenze des _Mare
Imbrium_ bildet, aber schlielich fahren wir direkt nach Norden, dem
mchtigen Ringe des _Plato_ zu. Peter glaubt, nach ausfhrlichem Studium
der Karten, da es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt
auf das _Mare Frigoris_ zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land
auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das wrde uns den Weg
bedeutend verkrzen.

                           Auf Mare Imbrium, 10 westlicher Lnge, 47
                                                nrdlicher Mondbreite,
                                    zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang
                                                    des dritten Tages.

Wir nhern uns endlich der Grenze des unermelichen _Regenmeeres_, zu
dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei
Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal
erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich
im Neumond verfinstert.

Seit mehreren Stunden sehen wir den mchtigen Wall des _Platoringes_ vor
uns. Sein stlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine
mchtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch
Nacht. Die hheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden
der erhabenste und mchtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir
sind jedoch durch den Zustand Tomas' so niedergedrckt, da wir fast gar
nicht beachten, was uns umgibt.

Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an
und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Krfte versagten ihm,
er fiel schlaff zurck. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn,
ob er etwas wnsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.

Tomas wunderte sich zuerst, da es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts
aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war
seinem Gedchtnis entschwunden. Als ich ihn erwhnte, dachte er kurze
Zeit nach, und dann erblate er pltzlich, wenn man vom Erblassen eines
Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu
sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Hnden, und mit einem
Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwhrend: Das war
entsetzlich, entsetzlich! -- Schauer schttelten ihn.

Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich
vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren
Folgen so verhngnisvollen Flucht veranlat hatte. Aber alle meine
Bemhungen waren umsonst. Er schwieg hartnckig oder fertigte mich mit
Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schlielich gab ich das
zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, da ich ihn nur damit peinigte
und ermdete. Statt dessen mute ich ihm ausfhrlich erzhlen, in
welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit.
Er hrte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von
Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umstnden und
Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehrt hatte, wandte
er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:

-- Ich glaube, da ich sterben werde.

Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:

-- Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe
ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, da
ich berhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst,
zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehlters. Da ich nicht
sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, da ihr frh genug
zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behlter befindliche Luft nach auen
gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand
erzhlst, nehme ich jedoch an, da die Atmosphre in meinem Luftbehlter
schon auerordentlich dnn gewesen sein mu. Durch den erhhten inneren
Druck strzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar
durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden versptet
httet, wrdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich
wundere mich brigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die
vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark
sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so
schwachen Herzttigkeit ... aber schlielich habe ich das Fieber
berstanden und lebe, -- doch das bedeutet durchaus noch nicht, da ich
leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fhlt man kaum, leg'
mir die Hand auf die Brust, du fhlst nicht einmal, da das Herz
schlgt. Auf der Erde wrde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen
die Bedingungen.

Er brach erschpft ab und fiel in die Kissen zurck. Ich dachte, da er
wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstt unter den
gesenkten Lidern und folgten unaufhrlich Martha, die mit der
Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte,
beschftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte
einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:

-- Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?

Ein Krampf schnrte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es
mir, da mir eine widerwrtige, teuflische Stimme ins Ohr flsterte:
Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehren, vielleicht dir ...

Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon
diesen Gedanken in meinen Zgen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott
schwre, da er krzer war als die kleinste Sekunde.

Er lchelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen derchen
durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fgte er hinzu:

Zankt euch nicht um sie. berlat ihr ... achtet ... achtet ...

Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem
geschpft hatte, sagte er hart, den Ton pltzlich ndernd:

-- Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewi, da ich
sterben mu.

Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein
Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu
verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen
und Ohnmachten. Ich wei, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr
erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen;
auf uns blickt er wie auf Feinde.

Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht
von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gesprch darauf brachte,
verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen
Angst an, da ich es nicht mehr ber mich bringe, ihn mit Fragen zu
qulen. Schlielich, was liegt mir daran? Es gengt, da ein Unglck
geschehen ist, -- wenn es nur damit seine Bewandtnis htte!

                         Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach
                        Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach
                                                                Osten.

Die Annahmen Varadols haben sich als vollstndig irrig erwiesen. Mit dem
Wagen durch die Mitte des _Platoringes_ zu kommen, ist eine reine
Unmglichkeit. Wir mssen die _Alpenkette_ umkreisen, was unsere Reise
auerordentlich verlngert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.

Kaum mehr als dreiig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in
dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurck, allerdings
auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fue des
_Plato_ haltgemacht.

Der mchtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zhlende
_Platoring_ erhebt sich an der nrdlichen Grenze des _Regenmeeres_.
Nordstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum
_Palus Nebularum_, der das _Mare Imbrium_ mit dem _Mare Serenitatis_
verbindet.

Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende
Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes,
die zum _Mare Frigoris_ fhrt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol
hindurch mssen. Im Westen des _Plato_ erstreckt sich ein hoher,
steiler, im Halbkreis gekrmmter Rand, in den sich noch der breite
_Abhang des Regenbogen_ hineinzieht. Der _Platoring_ selbst ist aus
einem Bergwall entstanden, der eine innere Flche von ungefhr
siebentausendfnfhundert Quadratkilometer Raum umfat. Die hchsten
Gipfel im stlichen Teil des Walls erreichen eine Hhe von
zweitausendfnfhundert Metern.

Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten
wir, da sich im nrdlichen Wall des _Plato_, dicht neben dem in ihm
eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine
Art von breitem Pa bildet.

Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkrzen, ber
diese Einsattelung auf die mittlere Flche gelangen und, sie in
nrdlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Hhe suchen,
die sich schon sanft nach dem _Mare Frigoris_ senkt.

An den Abhngen des _Plato_ angelangt, fanden wir leicht die auf der
Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater
behilflich, der sich ber der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien
nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmhlich und es
waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es
nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir muten uns
vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.

Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurckgelassen hatten,
traten Peter und ich den Weg zu Fu an. Der Wagen sollte auf unsere
Rckkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des _Plato_ von
Osten aus, immer hher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie
es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgrnde an,
die wir umgehen muten. Trotzdem waren wir berzeugt, mit dem Wagen
durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide
erfat. Die Sonne stand noch nicht hoch ber dem Horizont und erwrmte
uns gengend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich
wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhnge der Felsen, die von
schwarzen Schatten durchbrochen waren, glnzten, von der blendenden
Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der kstlichsten Regenbogenfarben.
Wir schritten ber Schtze hinweg, fr die man auf Erden htte
Knigreiche und Kronen kaufen knnen: zwischen den zerbrckelten Steinen
schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie
Grasflchen, auf denen zerstreute Stcke von Onixen und Topasen den
Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal scho pltzlich aus einer
Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontne von Glanz,
eine wahre Orgie des Lichts, das in den mchtigen Prismen des
Gebirgskristalls verteilt war.

Dieser malose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle
ausgeschttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewhnten wir
uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schtze, da wir
auf ihnen schritten wie auf gewhnlichen Kieselsteinen.

Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir
waren glcklich und guter Dinge. Wir vergaen Kummer und Sorgen, die
Krankheit Tomas', die berstandenen Mhen und Unglcksflle, die
Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gnzlich unsichere Zukunft,
der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder ber diesen
einzig schnen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehlter hatten wir
uns schon vollstndig gewhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der
wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trbte, trotz des
neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Frhlichkeit nicht.

Von unserm leichten Krpergewicht auf dem Monde und einer nicht
geschwchten Muskelkraft profitierend, setzten wir ber mchtige Felsen
oder sprangen von hohen Wnden herab.

Diese Ausbrche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit
der baldigen Umkehr eingedmmt. Luft und Nahrung hatten wir nur fr
vierzig Stunden mitgenommen und wir muten bedenken, da irgend etwas
Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem lngeren Aufenthalt
ntigte.

In ungefhr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns
ffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des _Plato_. Der
nrdliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt
lag, erschien wie eine mchtige Sge, die in unzhlige Zacken zerrissen
war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Flche,
dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie
hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf
zerstreut lagen und flachen Mulden hnlich waren. Zu unsern Fen brach
der Felsen im Innern auerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon,
da wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.

Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen de an. Es wre
unmglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und
mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und trge
zur Tiefe, -- die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den
Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mhe und ungern erhoben htten,
weil man sie auf Wache stehen hie und jene mchtige, graue Ebene zu
umgrenzen.

All unsere Frhlichkeit war spurlos verschwunden ...

Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute
lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wste
nicht abwenden, und ein immer greres Leid bedrckte mich, ich wei
nicht, warum und um wen ... So gleichgltig war mir alles geworden, so
wertlos, und so berflssig erschien mir jede Anstrengung und so
verlockend der Tod-Erlser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so
hllischen Angst erfllte.

Ich fhlte, da mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht lnger
ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von
ihm loszureien.

Ich wandte den Blick nach Sden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu.
ber den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient
hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das _Regenmeer_ vor mir
auf. Diese mchtige zurckgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie
einst von der Einsattelung unter dem _Eratosthenes_, nur da sie damals
noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten
Lande fhrte -- jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...

Grau war sie, tot und unermelich wie damals; aber statt der in der
Sonne flammenden Gipfel des _Timocharis_ und _Lambert_ erhoben sich die
in Schatten gehllten Spitzen: _Pico_ und weiter nach Osten _Piton_ vor
meinen Augen.

Die Erdsichel stand ber diesem Meere, dem Horizont schon nher als der
Himmelswlbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite
Strae, die von dieser Erde hierherfhrt. Welch ein furchtbarer,
beschwerlicher Weg und wie weit! Whrend wir ihn zurckgelegt haben, ist
zweimal die Sonne ber uns dahingegangen wie eine glhende und lebendige
Flamme, zweimal umhllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten.
Und wieviel Mhen, ngste und Qualen! Der Abstieg vom _Eratosthenes_,
die tdliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Klte und dieses
Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der
Brder Remogner, der unglckselige Vorfall und Woodbells Krankheit ...
Mit dem Tode O'Tamors hat unser Weg begonnen -- aber er ist noch nicht
zu Ende ...

Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfllt von einer immer
strker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in
der Ferne ber der unabsehbaren Flche sichtbar war, als mich ein Schrei
Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um,
schon frchtend, da wieder irgendein Unglck herannahe, aber Peter
stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der
Richtung, in der sich der weite nrdliche Wall des _Plato_ entlangzog.
Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie
den flchtigen Schatten einer Wolke, die den Fu der Berge verhllte,
den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.

Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus,
als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der
Stelle zu rhren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie
besessen durch das Rohr:

-- Eine Wolke! Also dort ist Atmosphre, dort ist Luft, dort wird man
atmen knnen!

Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten
Worten. Wahrhaftig, ber dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte,
zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke
beweist zwar noch nicht, da der Mensch bei dieser Atmosphre schon
atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, da die Luft dort dichter
ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden
und halten knnen, wenn auch nicht allzu hoch ber der Oberflche. Der
Rauch der Krater senkte sich auerhalb des _Eratosthenes_ sofort zu
Boden wie Sand.

Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestrkt, da auf der anderen
Seite des Mondes und vielleicht schon frher gengend dichte Luft sein
msse, begaben wir uns wieder zum _Mare Imbrium_ hinab. Wir waren in
freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht
erreicht worden war, da wir den Weg durch den _Platoring_ nicht gefunden
hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darber, was weiter zu tun
sei. Vielleicht wrden wir im Westen des _Plato_ eine Stelle ausfindig
machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhhung gelangen
konnten, aber es schien fast unmglich, dies zu wagen. Wenn es uns
nmlich nicht gelingen sollte, mten wir tausend Kilometer zurcklegen,
um die Grenze des _Mare Imbrium_ von Westen her zu umkreisen. Es ist
also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende
gelingt es uns, das schon erwhnte Quertal in der _Alpenkette_ zu
durchdringen und sollte sich auch dies als undurchfhrbar erweisen, so
werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhltnismig
keinen allzu groen Umweg machen.

Unter diesen Erwgungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie gro war
jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten,
an der wir ihn verlassen hatten. Zunchst glaubten wir, uns verirrt zu
haben, aber nein -- die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen,
unter denen wir den Wagen zurcklieen. Trotz der Ermdung strmten wir
vorwrts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir
bemhten uns, die Spuren seiner Rder zu entdecken, um zu wissen, in
welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war
keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere
Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser
hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr fr
einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er verga, da ich das einzige
Wesen war, das sein Schreien hier -- durch das Sprachrohr mit ihm
verbunden -- hren konnte.

Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab,
sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir
nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle
zurckkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende
und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde --
den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder
Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer
Rckkehr davonzueilen.

Pltzlich scho es mir durch den Kopf, da Tomas vielleicht absichtlich
geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte
Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und
von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die
Wut schttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstrmen, ihm nach,
mich rchen, morden ...

Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns
langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer
gleich bleibenden traurigen Lcheln an. Wir strzten beide auf sie zu
und redeten abwechselnd voll Entrstung und Freude auf sie ein. Martha
blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich
heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu
geben, da sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, da sie
infolge des Luftmangels nichts hren konnte und pltzlich war alle Wut
und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus.
Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, da wir zu dem Wagen
zurckkehren wollten. Martha fhrte uns hin; der Wagen stand nicht weit
hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.

Hier erst hat sich alles aufgeklrt. Einige Zeit nachdem wir fort waren,
ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem
Felsen unter, so da sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann
vor Klte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und
blieb mehr nach Sden stehen, wo die Sonne den Kranken gengend
erwrmte. Als wir zurckkehrten und ber das Verschwinden des Wagens
entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns
nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns
befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns
von neuem entfernten, da wir eine andere Seite der Gegend erforschen
wollten und wartete geduldig auf unsere Rckkehr. Erst als wir uns, zum
zweitenmal zurckkommend, dem Fahrzeug nicht nherten, kam sie uns
entgegen, ohne zu ahnen, da wir den Wagen nicht wieder fanden. Der
ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er fr uns mehr als
verhngnisvoll htte werden knnen.

Woodbell trafen wir in verhltnismig gutem Zustand an. Whrend unserer
Abwesenheit war er nur viermal ohnmchtig geworden. Jetzt ist er ruhiger
und sagt, da er sich besser fhle. Sein leichenblasses und jammervoll
abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, da
er der Genesung entgegengeht. Fr den Anfang ist es schon genug der
Opfer -- und des Schreckens ...

Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach
Osten zu, stets den mchtigen Gipfel des _Plato_ vor unseren Augen. Bald
werden wir an der _Alpenkette_ angelangt sein.

Mit Rcksicht auf Tomas' Gesundheit tut die grte Eile not. Je eher wir
eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei
atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung.
Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von
dieser Wste zu entfernen und dem Pole nher zu kommen, wo
wahrscheinlich Luft und Wasser ist.

                         Unter den Alpen, 3 westlicher Lnge, 47 30'
                                                nrdlicher Mondbreite,
                                       einhunderteinundsechzig Stunden
                                 nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir
fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit
und Tomas stirbt uns indessen unter den Hnden. Wir zittern vor Unruhe
und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den
Weg versperrt, uns in nordstlicher Richtung zu halten, so da wir uns,
statt dem ersehnten Pol nher zu kommen, zunchst noch von ihm entfernen
mssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des _Quertals_ sein;
wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken knnte! Bis jetzt haben wir
zur Linken immer nur die steilen Wnde der _Alpen_, neben denen unser
Wagen wie ein winziger Kfer hinter der Mauer einer riesigen Festung
aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, da sich das Tor dieser Mauer vor
uns ffne und mit ihm ein hundertfnfzig Kilometer langer Felsengang,
der zum _Mare Frigoris_ fhrt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen,
aber steilen Felsen, die wie Sulen vor dem Eingang dieses Tales stehen,
ein Zeichen, da wir uns ihm nhern.

Woodbell fragt fortwhrend, ob es noch weit sei. Er mchte so schnell
wie mglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom _Sinus
Aestuum_ kaum den halben Weg zurckgelegt! Eine grliche Angst befllt
mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint's, die Entfernung ganz
vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und
Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen
wird der nchste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer
nichts davon bringen, das ist gewi! Tomas glaubt immer fester an seine
Genesung -- je mehr er die Krfte verliert. Er schmiedet Plne fr die
Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich
beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, da das ein bses
Zeichen bei einem Kranken ist.

Martha hrt all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lcheln.
Gott, was mu sie leiden! Es ist doch unmglich, da sie nicht wei, wie
es um ihn steht ...

                       Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.

Eine innere Stimme sagt mir, da alles vergebens ist. Die Verzweiflung
packt mich, denn ich will, da er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich
in meinem Hirn eine giftige Schlange fhle, die mir trotz meines
Aufbumens dagegen zuflstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von
euch gehren -- vielleicht dir. Nein, nein, er mu leben, er mu! Und
wenn er sterben sollte, wei ich, da Martha ihm folgen wird. Was dann?
Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte
einst, da wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fhle ich, da dieser
Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode
wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fhig sein, aus
uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden
niemandem etwas ntzen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...

Hchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem
von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlnge, ihre Lippen
so auf den Mund prete wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefhl, als wenn
eine Kugel voll heier Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem
zurckhielte und Feuer in alle meine Adern ergsse ...

Fort, fort mit diesem Gedanken! brigens knnte dieser Eine auch Varadol
sein ... Nein, es wre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wre. Ich
bemerke zu meinem Entsetzen, da ich den Tod Woodbells herbeizusehnen
und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in
die Zge des sterbenden Geliebten.

Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod.
Jeden Augenblick erzhlt er, wie um seiner eigenen berzeugung zu
trotzen, da er leben wird und lt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm
zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu
und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: Ja, du
wirst leben, du mein Einziger ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in
einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich fr
mglich halten, da in diesem ausgetrockneten Krper ohne Kraft, ohne
einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was wrde
ich dafr geben!

Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so gro wie an den
vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir mssen
uns, aus Rcksicht fr Tomas, auerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in
der Mitte des _Quertals_; vor Sonnenuntergang mssen wir bis zum _Mare
Frigoris_ vordringen.

Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene
zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, pltzlich bei dem breiten
Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der _Alpen_ bricht hier ab und
weicht nach Osten zurck, durch die Gurgel der mchtigen Klamm
unterbrochen. Die Flche des _Mare Imbrium_ verengt sich in einem groen
Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfnglich durch einen
terrassenfrmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein
mchtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen
Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-_Montblanc_ gegen
viertausend Meter ber der benachbarten Flche.

Wir zgerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes
Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere
solcher Hindernisse antrfen, wrde unsere Reise sich immer mehr
verlngern, da wir jedesmal steile Abhnge erklimmen mten.

Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberflche,
obwohl sie uns schon fter getuscht haben; das letztemal auf dem
_Plato_. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser
Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer berlegung, in das Tal
einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er
drngte mit der Hartnckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch
duldet, da man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, da die
zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den _Palus
Nebularum_ ihn zweifellos tten wrde.

Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Frher ruhig,
entschieden, voll berlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er
jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder
Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn
zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollstndigen
Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rcken liegt,
einer Leiche hnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch
unaufhrlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme
versichern wollte, da er noch lebt. Nur sobald einer von uns
unvorsichtigerweise den unglcklichen Vorfall erwhnt, verstummt er
sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich
mir den Kopf, was das fr ein Geheimnis sein kann ...

Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten,
das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit groer Mhe fanden wir einen
Weg, der es uns zu erklimmen ermglichte. Als wir auf der Hhe standen,
blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende _Mare Imbrium_, das
wir bald fr immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft,
so mu ich gestehen, da ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser
Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mhen, Qualen und Verzweiflung
gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir
durcheilten diese endlose Flche whrend voller sechzig Tage, von einem
Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so
schnell wie mglich hinter uns zu haben -- und jetzt blicke ich fast mit
Sehnsucht nach ihr zurck ...

Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhltnismig leicht vorwrts;
die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die
nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht
jetzt so am Himmel, da sie die Rnder des Tales erleuchtet. Zu beiden
Seiten erhebt sich ein mchtiger, gegen viertausend Meter hoher
Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich
gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine
mchtigen Wnde einander nherten und wir uns in einem enormen,
schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen
den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen
Aushhlung zwischen weien Felsen gleicht, die durch ein Stck Himmel
ausgefllt ist. Ich wei nicht, ob mich mein Blick nicht tuscht, aber
es scheint mir, da der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne
weniger zahlreich daran erglnzen. Dies wrde von dem Vorhandensein
einer dichteren Atmosphre ber dem _Mare Frigoris_ zeugen ... Unser
Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der
Zone bringen knnten, wo gengende Luft zum Atmen ist! ...

                          Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden
                                                  nach Mittag, dritter
                                                              Mondtag.

Wir haben seit Sonnenaufgang schon fnfhundert und einige Kilometer
zurckgelegt und nhern uns dem Ausgang des _Quertales_. Die ungeheure
Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wlle zu beiden Seiten werden
immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das _Mare Frigoris_, deutlich
vor uns sichtbar, scheint sich in dem Mae als wir uns ihm nhern zu
erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren
Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Flche
hinausfahren -- gebe Gott, da wir _alle_ hinausfahren ...

Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl
dreiig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Gerusch auf Woodbells
Lager blickend: -- etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darber
besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur
immerwhrend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, --
die glhende Sehnsucht zu leben! Und wir knnen ihm nicht helfen ...

Die letzte Erschtterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest
gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir,
unter dem 3. stlicher Lnge ungefhr, auf ein Hindernis stieen, das
uns beinahe gezwungen htte auf das _Mare Imbrium_ zurckzukehren. Die
Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des
Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehllt, der kaum hie und
da durch schrge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir
muten uns am Fue des stlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht
zu verlieren. Der Wall erreicht hier die grte Hhe; er erhebt sich
steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte _Alpenwand_, unter der
wir vormittags hindurchfuhren.

Da pltzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen
schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte.
Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht
gesehen. Als wir uns ihm nherten, zeigte es sich, da dieser Streifen
eine Spalte war, die beide Felsenwlle und den Grund des Tales quer
durchschneidet. Sie lag bis an die Rnder im Schatten, so da wir nicht
in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswnde waren bis zum
Fue durch sie zerrissen.

Ratlos standen wir vor diesem neuen, unberwindlichen Hindernis.

Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch da sie
die Hochebene durchschneidet, die das _Mare Imbrium_ vom _Mare Frigoris_
bis zu den nrdlichen Abhngen des _Plato_, in sdstlicher Richtung,
trennt; aber wir nahmen nicht an, da sie sich bis auf den Grund des
_Quertales_ erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die
Oberflche der benachbarten Hhen, die sich hinter den Wllen
ausdehnten, lag. Ich fhlte, da mir beim Anblick dieser Untiefe der
Schwei auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.

Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt,
fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu
sagen; er jedoch, unseren Ausflchten scheinbar keinen Glauben
schenkend, strengte den Rest seiner Krfte an, erhob sich und blickte
durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er
sich wieder und sagte fast gleichgltig:

-- Sie wollen nicht, da ich lebe ...

-- Wer? frug ich erstaunt.

-- Die Brder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schlo die
Augen, als wenn er den Tod erwartete.

Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, ber die
Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten
mute, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rckkehr auf das _Mare
Imbrium_ in Erwgung, als Peter auf die glckliche Idee kam, mit Hilfe
des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns ber
ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genhert hatten,
warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die
an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich
ganz von Schutt angefllt, aus dem mchtige Felsstcke hervorragten,
eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mchtigen
Gebirgsstromes gemahnte. Und wer wei, ob hier nicht tatschlich einmal
Wasser geflossen, den Weg ausntzend, der durch andere Krfte gebildet
ward?

Der Schein des Reflektors glitt ber die schwarzen, sich wild
bereinandertrmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen,
unregelmigen Zerklftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu
einem Entschlu zu kommen, als sich Martha uns nherte.

-- Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie
uns einen Befehl erteilte.

Und dann fgte sie, auf Tomas deutend, hinzu:

-- Ich mu leben, fr ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts
zu befrchten ...

Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie
niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen
Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Wrde, eine
selbstbewute Hoheit. Oh, wie schn ist dies Weib und wie begehrenswert!
... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich
pltzlich eine rasende Wut. Ich rttelte ihn brutal bei der Schulter und
schrie:

-- Siehst du nicht, da wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir
zurck oder vorwrts?

Peter wandte sich hastig zu mir und wir maen uns eine Weile, wie
bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes,
hhnisches und verchtliches Lachen Marthas lie sich vernehmen. Ich
hatte das Gefhl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins
Herz bohrte. Wir lieen beide beschmt den Blick sinken. Mir scheint,
da ich dies Weib zu hassen beginne.

Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am
Boden zerstreuten Steine bentzend, zu berklettern. Das war freilich
leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der
stlichen Wand des Quertales einen schrgen Abhang entdeckt hatten
begannen wir den Wagen mit der grten Vorsicht dort hinabgleiten zu
lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der
Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde
dringen, so da wir uns in vollstndiger Nacht befanden. Es ist mir
unmglich, die Mhen zu schildern, die uns der Weg ber diese paar
hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete
nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu
orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fu voraus, whrend der
zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Hhe,
schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken,
da wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten
wir an die gegenberliegende Seite der Spalte. Zum Glck neigte sich
hier der Boden ein wenig, so da wir auf der so entstandenen Senkung mit
Hilfe der Tatzen hinaufklettern konnten.

Ungefhr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.

Der bergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so
pltzlich, da ich vor der uns berflutenden Welle die Augen schlieen
mute; als ich sie wieder ffnete, hatte ich das Gefhl, da der ganze
frchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige
hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jh in den Boden senkende
Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwrze von uns getrennt war.
Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, da wir uns vor wenigen
Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien,
grundlosen Zerklftung, in undurchdringlicher Nacht, da wir uns
hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mchtige Felsen, die vor uns im
elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts
herausgewachsen, in Nichts wieder zerflieen wrden -- aber an die
Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.

An der Oberflche des _Quertales_ angelangt, blieben wir stehen, um die
Tatzen abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa
beschdigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren.
Alles -- mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen
Erschtterungen hatten ihn so geschwcht, da er ein paar Stunden wie
tot dalag, nur manchmal leise sthnend.

Wir waren schon ein gutes Stck Wegs gefahren, als Tomas pltzlich
aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen
Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens
beschftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit
irren Blicken an, dann rief er pltzlich:

-- Martha, ich werde sterben!

Martha erblate und neigte sich zu ihm:

-- Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Rte
bergo ihr Gesicht.

Tomas schttelte leicht das Haupt, aber sie bckte sich noch tiefer zu
ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich
verstand die Worte nicht, aber ich sah, da sie einen groen Eindruck
auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein
unendlich trauriges Lcheln darber und schlielich fllten sich seine
Augen mit Trnen. Wimmernd kte er das ppige Haar des auf seine Brust
gebeugten Mdchenkopfes.

So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen
ausgetrockneten gelben Hnden pressend. Bald jedoch versuchte er von
neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint's, der Atem.

-- Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und
sie antwortete unermdlich: Du wirst leben. Fr gewhnlich verstummte
er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter trstet. Aber
diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:

-- Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fgte er
hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brder Remogner
...

Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurckhalten und fragte ihn, alle
Rcksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brder Remogner mit
seiner Krankheit gemein htten.

Er zgerte, dann sagte er schmerzlich:

-- Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...

Und er begann zu erzhlen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen
und die Atemnot unterbrochen wurde.

-- Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wste
hinter den _Drei Kpfen_? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren
zertrmmerten Trmen und halbzerfallenen Toren ... Ich wei, da ich
sterben mu, und doch tut es mir noch immer leid, da ich sie nicht
aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen
verlassen hatte, mute ich ber viel aufgehuftes Gestein klettern, das
dem zerstrten Pflaster eines alten rmischen Kastells irgendwo in der
Schweiz oder im italienischen Apennin hnlich war ... Endlich kam ich an
eine etwas gleichmigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie
auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mchtige Tor mit dem
halben Bogen und den hohen Sulen, als pltzlich, pltzlich ...

Er griff nach unseren Hnden und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen
hatte er weit geffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grn.

-- Ich wei, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ...
einst ... da die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die
Erfahrung sttzt und sich in mathematische Formeln fassen lt. Und
dennoch gibt es unfabare und seltsame Dinge ... Ihr mgt ber mich
lachen, aber das ndert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt
sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...

Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich
vergewissern wollte, ob wir nicht etwa ber seine Worte spttelten, aber
wir saen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr
in der unterbrochenen Erzhlung fort:

-- Da ... erblickte ich ... zwei Schatten -- nein, zwei Menschen,
Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ...
Die Knie wankten mir. Ich schlo die Augen und wollte das Hirngespinst
verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fnf
Schritte vor mir -- die Brder Remogner! Sie standen beide da, sich bei
der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden
haben. Und beide starrten mich so grlich an ... Ihr kennt mich, da
ich nicht ngstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage
ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich
und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rhren --
mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen!
Und ich hrte ihre Stimmen wie ich euch hre, obwohl dort keine Luft war
...

-- Und was haben sie gesprochen? stie ich unwillkrlich hervor.

-- Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, da ich es hren
mute, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich
sterben wrde und wie ihr sterben werdet, ihr -- beide ... Sie
bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, da man nicht
ungestraft die Erde verlt und in die Geheimnisse zu dringen versucht,
die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wre besser
gewesen, wenn wir dort gestorben wren, auf dem _Mare Imbrium_, statt
ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu
verlngern, ja, der Qualen ... Wir sind euch gefolgt, sagten sie, ich
hrte es ganz deutlich, und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch
ihr ... Bei diesen Worten blinzelten sie haerfllt mit den erloschenen
Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lcheln.
Da bemerkte ich, da hinter ihnen O'Tamor stand, bla und vertrocknet
... Er lchelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte
voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die
ganze Willenskraft zusammennehmend, ri ich die erstarrten Fe vom
Boden los und strzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt -- an
gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und
aufstehen, aber da fhlte ich, da ich keine Luft hatte und verlor das
Bewutsein ...

Er verstummte erschpft, und uns erfate eine seltsame Beklemmung. Ich
bin in tiefstem Herzen berzeugt, da das alles nur eine Tuschung war,
wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls fr eine Tuschung,
hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber
ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.

Und brigens ... wei ich es? ... Uns umgeben so unlsbare Rtsel -- so
unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind
Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem
Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes
Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen,
jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...

Tomas schlief nach dieser Erzhlung ein. Als er aufwachte frug er wo wir
seien. Ich sagte ihm, da wir uns dem Ende des _Quertales_ nherten und
bald auf das _Mare Frigoris_ gelangen wrden. Er hrte zu, als wenn er
meine Worte nicht verstnde.

-- Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich trumte, da ich auf
der Erde war ...

Dann wandte er sich zu Martha:

-- Martha, erzhle mir, wie es auf der Erde ist.

Und Martha begann zu erzhlen:

-- Auf der Erde ist blaue Luft und ber sie dahin wandeln die Wolken.
Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mchtige Meere. Am Strande der
Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut,
und dann gibt es Wiesen, auf denen se, wonnige Blumen blhen, und
Vgel singen in den Wldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das
Meer auf, und die Wlder brausen, und die Bltter suseln ...

So erzhlte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hrten ihren
Worten zu, wie dem schnsten Zaubermrchen ... Der Kranke bewegte
langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wlder
brausen, und die Bltter suseln ...

-- Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.

Ein herzzerreiendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich
nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrckt,
erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen.

-- Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berhrend.

Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns
und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit groer
Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen:

-- Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht
hier! Hier ist's so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch
... leben ... Martha ...

Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die drren Hnde nach uns
aus.

Was sollten wir ihm antworten? ...

Wir nhern uns dem Ausgang des Tales, und die Flche des _Mare Frigoris_
liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewiheit, da wir sie
allein zurcklegen werden -- ohne Tomas!

                                   Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag,
                                           dreiundzwanzig Stunden nach
                                                      Sonnenuntergang.

Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich
bewahrheitet. Auf die Ebene _Mare Frigoris_ fuhren wir allein. Tomas
Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben.

Eine frchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind
geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen,
entsetzlichen Tod Woodbells.

Die Sonnenscheibe berhrte bereits mit dem unteren Rande den Horizont,
als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor
uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen
vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei
ihren frheren Untergngen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont
zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen
Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses
Zeichen, da die Atmosphre hier dichter ist. Wir stellten auch einen
zweiten, sehr gnstigen Umstand fest: Das _Mare Frigoris_ ist ganz mit
Sand bedeckt, was darauf schlieen lt, da diese Ebene tatschlich
einstmals Meeresgrund gewesen ist.

Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich
scheinbar ein wenig besser fhlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es
schien uns, da wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue
Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein wrden! Da
wir das Wehen des Windes fhlen, das Rauschen des Wassers hren, das
Grn der Wiesen wiedersehen sollten ...

Allein wie anders wollte es das Schicksal!

Wir waren kaum einige Meter auf der Flche gefahren, als Tomas uns bat,
den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung qulte ihn unsagbar ...

Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne
schauen, bevor sie untergeht.

Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die
ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht
herabflieen lie. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten,
dann wandte er sich zu Martha:

-- Martha, wie ist das: Sonne, du lichter Gott ... Wie geht das
weiter?

Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen
Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hnde aus und die
trnenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb
sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tnende Hymne:

Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Lndern, die wir nicht
kennen!

Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen
in Trauer zurcklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der
irdischen Hlle erlst sind ...

Die, aus den Krpern erlst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie
Gefangene, die man fr eine Spanne Zeit freilie, damit sie einen Tag
der Stille und Ruhe genieen, ehe sie zum Gefngnis, in ihre Ketten
zurckkehren.

Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfabare, der einen Tag der Stille
zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ...

In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die
Seelen derjenigen erlst, die den Kampf schon beendet haben, dahin
heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.

Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer
zurck -- mit unserer Sehnsucht ...

Woodbell hrte zu und schien einzuschlafen. Pltzlich rief er angstvoll:

-- Martha, O'Tamor ist gestorben?

-- Ist gestorben.

-- Die Remogners sind gestorben?

-- Sind gestorben.

-- Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den
Augen auf uns.

-- Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen
berzeugung.

-- Ah, ja ... flsterte der Kranke, aber was hilft es mir ...

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf
das Lager und leckte die herabhngende Hand ihres Herrn. Er blickte auf
sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln
wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Krfte.

-- Meine, meine Hndin ... flsterte er nur.

Dann sagte er, da er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, da
er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel ber den
Felsen im Sden. Er blickte lange, die Hnde ausstreckend, in heiem
Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der
Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten
erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.

-- Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.

-- Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo.

-- Dort waren wir glcklich ...

-- Ja, glcklich.

Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.

-- Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich
will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wste ... in dieser
Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ...

Martha schwieg und lie den Kopf sinken, Tomas drngte wieder und wieder
...

-- Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde?

Ein krampfhaftes Schluchzen erschtterte ihren Krper, aber sie berwand
sich und antwortete mit trnenerstickter Stimme:

-- Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, fr einen Tag der Stille
... aber dann wirst du zu mir zurckkehren.

Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhngenden Hnde
waren blulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flsterte kaum
hrbar:

-- Martha, wie ist es auf der Erde? ...

Und Martha erzhlte von neuem vom rauschenden Meer, von blhenden
Wiesen, von duftenden Blumen!

Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lcheln und
die Augen begannen sich langsam zu schlieen. Noch einmal ffnete er sie
fr einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der
nur noch ein schmaler Streifen ber der Wste sichtbar war -- seufzte
leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlschenden Tages ...

In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand
bedeckt.

Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.

Wir fahren auf ebener, sandiger Wste und passierten schon beim Ausgang
aus dem _Quertale_ den fnfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich
nur noch 40 ber dem Horizont, aber zum Glck gibt es auf dieser Flche
keine schattenwerfenden Erhhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze
Nacht ohne Unterbrechung vorwrtseilen.

Eine namenlose Trauer bedrckt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da,
fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Fen heult Selena nach ihrem
verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen,
aber Selena nimmt nichts; sie war gewhnt, nur von Tomas gefttert zu
werden.

                         Auf Mare Frigoris, 0 6' stlicher Lnge, 55
                                           nrdlicher Mondbreite, nach
                                            Mitternacht, zu Beginn des
                                                        vierten Tages.

Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden,
das heit, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher
Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurckgeblieben, sehr weit ...
Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben
haben.

Die ganze Zeit ber fliet der Sand durch die Rder unseres Wagens,
whrend nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne
Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt
da, stumm, mit zusammengepreten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in
denen die Trnen schon vertrocknet sind.

Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr
fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehrigen
Gegenstnde und was seine Hand nur einmal berhrt hatte beschnffelnd.
Schlielich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn
einer von uns sich nhern wollte. Wir frchteten, da sie die Tollwut
bekme, und muten sie tten, obwohl es uns unendlich leid tat. brigens
bin ich berzeugt, da sie auch so nicht mehr lange gelebt htte.

Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir -- was
knnen Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares
geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den
Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser
Tod ist ein unermeliches Unglck, -- eine wahnsinnige Ironie des
Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in
gleichem Mae hei begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne da mich
ein Schauer erfat und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser
-- Schndung, gegenber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir,
da Woodbells Geist uns noch nahe ist, da er mir ins Herz sieht, diese
meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen -- ich
kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle
Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, da ich sie
vor mir sehe -- immer -- mit einer furchtbar unerhrten Deutlichkeit,
auch wenn ich die Augen schliee. Ich versuche meine Gedanken von ihr
abzulenken, sie mit Gewalt zurckzudrngen wie eine Meute toller Hunde,
aber sie reien sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf
sie, reien ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen,
schlngeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lsternen
Schnauzen, und da sie sehen, da sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie
zu bellen, mit den Zhnen zu fletschen, nach ihr zu beien und sie hin
und her zu zerren ... Oh, diese schndlichen Gedanken, wie sie mich
peinigen und qulen!

Varadol ergeht es ebenso; ich wei, ich fhle, ich sehe es! Und er wei
ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Ha
zwischen uns. Weshalb soll man sich tuschen, weshalb die Dinge mit
schnen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie
steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser frchterlichen
Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, da einer von uns
zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die
Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem
entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die
Fenster eines im Innern flammenden Hauses.

Ob ich ihn frchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich wei, da er
mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrcks
niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, whrend ich
schreibe und er hinter mir steht und meinen entblten Nacken sieht. Ein
Schauer durchluft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem
Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene
Gemeinheit sehe.

Im brigen frchte ich mich absolut nicht vor einem pltzlichen,
unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann ber allen Ausdruck furchtbar,
wenn er sich langsam nhert und unabwendbar. Ich wei das aus Erfahrung.
Ich frchte nur eins, da er diese Frau besitzen knnte, auf die er kein
greres Recht hat als ich; da er vielleicht ihre vom Kummer noch
bleichen Wangen durch Ksse rten, ihre Brust, die noch in ungestilltem
Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann.
Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit
unserer Eifersucht, da sie, solange wir beide leben, ohne jegliche
Gefahr ist!

Aber manchmal packt mich die Wut. Ich mchte mir ins Gesicht speien und
dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beien
wir uns, wie zwei tolle Wlfe um eine Wlfin, unsicher des kommenden
Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt,
kmpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die fr uns nichts
fhlt als Gleichgltigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute
um sie, ehe wir morgen sterben!

Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich
mich verachte!

Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich
fhig wre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen
Mund durch Schlge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei
zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wre das besser ... Wir
wrden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann
sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten wrde nichts zwischen uns
sein ...

Wozu lebt sie? Was hlt sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie
diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er fr sie alles gewesen ist
und mit ihm fr sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie
ist gemein! Das Tier, die unvernnftige Hndin, hat mehr Anhnglichkeit
gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht berleben. Und diese
Hndin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet,
hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau
berhuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer wei, wer wei, vielleicht
wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und
erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht
keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der
Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich whlen, um das ewige
Werk des Weibes zu erfllen? ...

Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprnglicher,
elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger
Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurckblicken, mit der
Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken lt. Und
dennoch ist fr mich das alles so ekelhaft -- so widerwrtig --
ungeheuerlich! ...

Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?

Und ich fhle, da ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden knnte.

                        Auf Mare Frigoris, 0 30' stlicher Lnge, 61
                                                nrdlicher Mondbreite,
                                 vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig
                                             Stunden nach Mitternacht.

Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, da ich
das damals nicht gleich verstanden habe!

Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer
sitzend, bemerkte, da Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen
machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte.
Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber
gleichzeitig freute es mich auch. Ich fhlte, da die Zeit endlich
gekommen war, dieser unertrglich drckenden Situation durch eine
Aussprache ein Ende zu machen.

Ich frug ihn also so hflich wie nur mglich:

-- Wnschst du etwas von mir?

-- Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir
reden ...

Ich bemerkte, da er sich zu einem Lcheln zwang, aber seine Zge
zuckten krampfhaft dabei. Unwillkrlich blickte ich auf seine Hnde. Und
er, als wenn er meinen Blick verstanden htte, errtete und zog die
Hnde leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er
etwas stockend:

-- Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, da wir
diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Klte nicht so empfindlich
ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont
steht; im brigen wirst du zugeben, da man sich eilen mu, also ...

Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter.
Pltzlich nderte er den Ton und schrie heftig:

-- Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden?

-- Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.

Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und
begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darber, was in ihm
vorging; ich wute, wovon er mit mir sprechen wollte, und da er ber
gleichgltige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte,
das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenberstellte, die frher oder
spter schlielich fallen mute. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte
Freude ber seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir pltzlich so
unendlich leid, da ich fhig gewesen wre, mich ihm an den Hals zu
werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwren, ihm alles
mgliche zu sagen, da ich ihm das Weib abtreten wolle, -- oder ihn zu
bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklren -- ah, ich wei
selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich
sofort; das fhrt absolut zu nichts. Ich fhlte indes, da es unmglich
war, die endgltige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben.

-- Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.

Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme
betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lchelte er traurig
und fuhr mit der Hand ber die Stirn. Ich bemerkte, da seine Hand wie
im Fieber zitterte.

-- Ja, in der Tat, ich wollte -- berdies ...

Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zgern sagte er mit
abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht
verstehen konnte:

-- Was werden wir mit diesem Weibe tun?

Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein
Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in
den Schlfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum
Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende
Augenblick war gekommen.

Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, bla wie eine Leiche und starrte
mir hartnckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode
nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hndisches Flehen
-- und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.

Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darber zu
sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasa und irgend
etwas nhte. Er folgte mir.

-- Warum lebst du, Weib? Diese unerhrte und, wie mir jetzt scheint,
lcherliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stie
ich ganz unvermittelt hervor.

Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte
langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen
wollte:

-- Ich warte auf Tomas' Rckkehr ...

Eine rasende Wut packte mich.

-- Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, ber die
sie sich neigte, aus den Hnden reiend. Ich wei nicht, was weiter
geschehen wre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das
Stck Leinwand, an dem sie nhte, geworfen htte: Es war ein Kinderhemd.

Ich verstand pltzlich alles. Unfhig, ein Wort hervorzubringen,
streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er
schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.

Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen
berzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!

Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters
geborene Kind die Seele des Verstorbenen ber. Sie wartet also, fest
berzeugt, da Tomas in dem Kinde zu ihr zurckkehren wird, nachdem er
als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser
Sehnsucht erfllte! Sie mute ihm die frohe Kunde gebracht haben, da
sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor
seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr
mich wie ein Blitz.

Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine
Hemdchen verborgen, das aus der Wsche des Verstorbenen
zurechtgeschnitten war.

Und pltzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefhl, als
wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wre, irgendein widerwrtiges
Geschwr und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen.
Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem
Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal she! Das war nicht mehr das
Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund
und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war
die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das groe
Geheimnis des Lebens und der Liebe.

Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfllte meine Seele; Dankbarkeit
dafr, da wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und da
sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schtzte, vor uns,
die wir -- blind! -- in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten
gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und kte ihre Hand.
Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung,
denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz
ber die neue und anerkannte Wrde aufleuchtete.

Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles lst ja die
uns qulende Frage durchaus nicht, sondern rckt sie nur fr eine
bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig,
als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wre. Wir haben die
berzeugung, da dieses Weib keinem von uns Lebenden gehrt, sondern
demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz
vergessend, da vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...

Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!

Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!

                             Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des
                                                    vierten Mondtages.

Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine
solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung,
wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, da der
Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den
ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten wrde. Jedoch bevor
dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe
an, als wenn ihn ein opalweier Nebel umhllte. Zuerst glaubten wir, da
sich unter dieser bedeutenden Breite -- wir passierten bereits den
sechzigsten Parallelkreis -- das Zodiakallicht, das in der Nhe des
quators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise
zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel frbte
sich weit und breit leicht silbern ber dem Horizont und die Sterne
verblaten in diesem weien Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des
_Timaeus_ -- jener Krater, dem wir uns nherten, -- in der Sonne auf,
aber -- o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart
erglhende Rosen erblht. Es war unmglich noch lnger daran zu
zweifeln, da diese Dmmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft
verkndeten, die schon gengte, durch die sie durchgleitenden
Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu rten.

Eine berauschende Freude erfate uns; ich lchelte Peter zu, der mit der
ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu
Martha.

-- Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen
knnen wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem
traumhaft zarten Gold berzog, das den ganzen Horizont erfllte -- wie
unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...

Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage,
denn sie stieg nicht gerade in die Hhe, sondern erhob sich hinter dem
stark nach Sden geneigten und niedrig ber dem Horizont hngenden Bogen
der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in
einem groen Kreise wie von weiem Nebel, der langsam ins Blaue berging
und sich allmhlich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nhe der
Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glnzten nur noch weiter von
ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist
geschwunden; sie hneln immer mehr jenen glitzernden Flmmchen, mit
denen sich der nchtliche Himmel ber der Erde schmckt.

Noch ein, hchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen
knnen und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!

In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stck Wegs zurck! Die
Nachtklte ist hier in der Nhe des Pols bedeutend geringer als am
quator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fllt; wir
brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei
Sonnenuntergang auf das _Mare Frigoris_, das wir jetzt bereits hinter
uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der
_Timaeus_ ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.

Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer
breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten
zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht
so eben wie das _Mare Frigoris_, im Gegenteil, ganz mit kleinen und
gleichlaufenden Hgeln best, die uns jedoch die Reise nicht erschweren
werden, da sie sanfte Abhnge haben. Wir mssen diese Strecke
zurcklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so da wir beim Anbruch der
nchsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen
sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert
Kilometer, nachdem wir schon so viele zurckgelegt haben!

Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen
uns sind verflogen; der qulende Alp, der whrend der Nacht auf uns
lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der
Gedanke, da wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den
Keim eines neuen Lebens tragen, strkt uns und macht uns so froh und
ruhig, da es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde
nicht mehr trauerten ...

Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was wrde ich
dafr geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen knnten!
...

                          Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach
                             Sonnenaufgang, 0 2' stlicher Lnge, 65
                                                nrdlicher Mondbreite.

Eine seltsame Niedergeschlagenheit befllt mich. Ich wei nicht, woher
sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten,
der Himmel berzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis
jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkndet die
Nhe jener versprochenen Erde, wo wir endlich nach allen, nun schon
vier Monate whrenden Mhen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu
freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrckt. Was ist daran
schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt
und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen
verlieren werden, vielleicht diese Grber, die unseren Weg durch die
entsetzliche, luftlose Mondwste bezeichnen, vielleicht diese inneren
Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann,
vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in
einem unbekannten Land fr ein unbekanntes Schicksal geboren werden
soll.

Ich bin ruhig, -- nur diese unertrgliche Traurigkeit und diese
Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden
Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flchen und zerklfteten Berge
ermdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wsserchen,
ein Teich, ein grner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wre ...

Die uns umgebende Gegend ist wie ein mchtiger Kirchhof. Wir fahren auf
dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf
angesetzten, an der Oberflche zerbrckelten Kalkbnken, aus denen sich
die Reste ursprnglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zersplt
worden sind.

Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen
Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe
zwischen den Wolken, die ber den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur
der Strand erhebt sich noch ber der ausgetrockneten Mulde, steil,
riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen
Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen berreste
verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr -- nur Leere und Starrheit
...

Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh,
nur so schnell wie mglich, die Krfte knnten erlahmen!

Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natrlich! Sie
hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, da sie an diese Welt sogar
mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie,
ber der Arbeit sitzend, pltzlich die Hnde sinken lt und in die
Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulchelnd. Ich bin berzeugt,
da sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie
es die Hndchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein
tiefer Seufzer dieses glckselige Lcheln, und ihre Augen fllen sich
mit Trnen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen
wird ... Aber dann lchelt sie wieder, denn sie wei, da seine Seele
nicht in ihrem Kinde zu ihr zurckkehren knnte, wenn er am Leben
geblieben wre.

Martha ist immer mit ihren Gedanken beschftigt und spricht wenig mit
uns; nur einmal sagte sie zu mir:

-- Es ist gut, da ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm
aufs neue das Leben geben ...

Wie sollte sie sich nicht glcklich fhlen, wenn sie so von sich
sprechen kann?

                         Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf
                                                 der Hochebene vor dem
                                   Goldschmidt, 1 3' stlicher Lnge,
                                         69 3' nrdlicher Mondbreite.

Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis
zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentmlich; sie ist wie
berst mit einzelnen kreisfrmigen Bergen, zwischen denen sich hohe,
weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns
liegende mchtige _Goldschmidt_ und der sich mit ihm im Osten berhrende
und noch hhere _Barrow_. Es kommt mir jetzt erst zum Bewutsein, wie
seltsam es ist, da wir hier Berge und Lnder vorfinden, die noch kein
menschlicher Fu betreten hat, und die doch schon von Menschen
bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.

Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene.
Wenn wir hinter uns blickten, wrden wir ber dem Horizont der Wste die
verblate Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhllt ist,
bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphre glnzte durch diese
Verhllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht ber der
Erde, ihre mchtige schwarze Kugel fast berhrend, stand die Sonne.

Ich habe den Eindruck, da die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate
vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole
nhernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gnzlich anderes.
Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch ber dem Horizonte steht,
qult uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze.
Traurig und mde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf
der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel frbt sich nach
Norden zu immer blulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser
Richtung, obwohl sie im Sden noch bla und weilich scheinen, in einem
breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.

Ich bin ber alle Beschreibung mde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen
Krpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefhl, da Kopf und Hnde
und Fe aus Blei sind. Ich habe Angst, da ich krank werde. So
unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die
sichersten Zeichen dafr haben, da sie bald beendet ist, zu zweifeln,
ob wir berhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... brigens -- Ziel?
Welches Ziel? Ach, alles ist so ermdend und traurig!

Martha ist von einer malosen Gte. Ich glaube, wenn sie nicht wre,
htte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rhren, um das Steuer des
Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung
entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermdung und versteht
es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht
zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Gte ihrerseits verdient? Etwa
durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schndlichen Gedanken
zugefgt habe? Ich bin so mde, da mir alles gleichgltig ist, mit
Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glckes dieser Frau. Ich mchte
leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer wei, ob ich
leben werde.

Vor uns Berge, groe steile Berge. Man mu sie berwinden. Diese und
andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe
keine Krfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen
mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich
sagen wollte. Ich mchte mich am liebsten auf der Hngematte ausstrecken
und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die
immerfort lchelt -- im Gedanken an ihr Kind. Die Glckliche!

                         Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und
                          Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach
                                         Mittag des vierten Mondtages.

Ich kmpfe mit dem Rest meiner Krfte gegen die mich berfallende
Ermdung an. Ich fhle, da ich krank bin und habe Angst davor. Wie
werden sie sich zu zweit helfen knnen -- ohne mich? Der Weg wird immer
beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr
Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O'Tamor und Woodbell nun die
Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...

Es wre mir hart, jetzt sterben zu mssen. Ich mchte das Kind noch
sehen, das geboren werden soll, ich mchte, wenn auch nur noch einmal,
mit voller Brust aufatmen knnen.

Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen,
sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte
groe Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der
Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen
haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen
wenden, lngs den nrdlichen Abhngen des _Goldschmidt_, dann wieder in
nrdlicher Richtung die Ringe _Challis_ und _Main_ passieren, im Osten
den Ring _Gioja_ umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem
Parallelkreis zu erstreckt, berfahren und auf eine Ebene gelangen, die
von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette
getrennt ist.

So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser
Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als
ungenau. Dazu kommt, da der grte Teil des Weges in der Nacht, die
schon beginnt die Berge zu verhllen, zurckgelegt werden mu.

Von unserer Hhe sehen wir bereits ein Stck dieser Welt vor uns, aber
nur die Gipfel der rtlich in der Sonne erglnzenden Berge. Die Tiefen
berflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen,
werden die Sterne unsere einzigen Fhrer sein.

In meinem Kopfe ist etwas zerstrt oder unterbrochen, nur mit der
grten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Trume im
Halbschlaf, Angstgefhle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne.
Habe ich etwa Fieber? Ich beie in meine Finger, um zur Besinnung zu
kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den
Augen; ich sehe ein Meer der Dmmerung mit darauf schwimmenden blutigen
Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden
Augenblick in diese Untiefe hinabstoen werden ... Ich bin so
entsetzlich mde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln?
Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns
geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurckkehren,
niemals! ...

In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mhle; ich glaube, ich habe
Fieber.

                           Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen
                                                               Bergen.

Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle
mich niederlegen, aber was wei sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu
schreiben -- ich wei es nicht mehr, aber ich mu mich daran erinnern.
Ich bin berzeugt, da wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es
nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so
dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, mu
zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an,
wchst; ist jetzt so gro wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, da
wir auf dem Monde sind; aber vielleicht trume ich es nur? Denn wo in
aller Welt kmen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit
ihm geschehen, aber ich wei nicht was. Tomas hie er mit Vornamen ...

Jemand steht bei mir und sagt, da ich mich hinlegen msse, weil ich
Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es
mir nicht erlaubt? ...

Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ...
Ich wei nicht, was das alles bedeutet -- ich hre nur zwei Stimmen
neben mir -- ich kann nicht mehr ...

                       Ende des ersten Teiles.




                             Zweiter Teil


                        Auf der andern Seite.




                                  I.


Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen
Krankheit, die mir das Bewutsein geraubt hatte, gegen Ende jener
entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwste die Augen
wieder ffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf
diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so
lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem
verflossen wren. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zhle, sehe ich,
da auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die
Mondoberflche gefallen sind, vorbergegangen ist und zehn Jahre, seit
wir den Wagen verlieen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen
waren. Jetzt atmen wir lngst wieder mit voller Brust, unter freiem
Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres,
und blicken auf Wlder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd
erscheinen, aber ebenfalls grn und voll von eigenem Leben sind.
Hundertvierunddreiigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an
die wir uns fast schon gewhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu
ergrauen, und neben uns wchst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht
von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorvter, wie diese einst von der
Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer
mchtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird,
wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wste vordringen sollten, fr eine
Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten
gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, fr uns ist es
die Mutter, die wir fr immer verlassen und verloren haben. Aber den
einzigen und strksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten
wir nicht zerreien -- die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende
Sehnsucht.

Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorbergehen, und wir
werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue
Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit
hindurch fr ein heiliges Buch halten, _Exodus_, bis hier ein Kritiker
erscheint und unzweifelhaft nachweist, da die berlieferung von der
Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.

Ich denke daran wie an eine ganz natrliche Sache; erscheint mir doch
schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein
phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, whrend der ich einen
ganzen Mondtag hindurch ohne Bewutsein daniederlag, in meinem Leben
eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so da es mir zuerst schwer
wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah
und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den
Fiebertrumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war
beraus seltsam.

Ich ffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich
befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von
Hgeln umgeben, die mit frischem ppigem Grn bedeckt waren. Und alles
von einem eigenartigen Halblicht berflutet, den Dmmerungen auf der
Erde hnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen
Gipfel der hohen Berge glhten in vollem roten Lichte. ber ihnen wlbte
sich der blablaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier berzogen.
Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da
erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich
jeden Augenblick bckten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie
herum sprangen zwei Hunde, frhlich bellend.

Ich glaubte zuerst, da ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten
Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich
pltzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem
geschlossenen Wagen durch die Mondwsten. Ich blickte noch einmal rings
umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer
war, als wenn er mit Blei angefllt wre. Wo ist der Wagen geblieben, wo
sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen
habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nhe befanden, aber
pltzlich berfiel mich eine so starke Ermattung, da ich keinen Laut
hervorbringen konnte. Im brigen begann ich anzunehmen, da alle diese
unerhrten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition
auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen,
wer wei, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es trumte mir nur,
da ich wirklich dorthin gelangte, da ich mit furchtbaren
Schwierigkeiten kmpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ...
Das eine ist nur merkwrdig, da ich diese Gegend nicht kenne.

Eine unklare Erinnerung an eine schwere, berstandene Krankheit tauchte
in meinem Gedchtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in
Fiebertrumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, da diese
Phantasiegespinste vorber sind. Ich fhlte eine wahre Erleichterung bei
dem Gedanken, da das alles nur ein Traum war, da ich mich auf der Erde
befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es berkam
mich ein wohliges, glckseliges Gefhl, nach einer Weile empfand ich,
da ich abermals zu trumen beginne.

Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, da ber mein Lager
gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und
halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hren:
er schlft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das
wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, da ich
wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb
geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir
schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend
nicht gendert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die
ber mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine
Augen sich an dieses schwache Licht gewhnt hatten, schienen mir diese
Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen
besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die
an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer
gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von
einer anderen Seite auf sie fiel.

In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm. ber der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen,
stand ein mchtiger grauweier Reifen, zur Hlfte aus dem Horizont
geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die
Erde -- dort, am Himmel leuchtend!

Das Bewutsein, da ich mich tatschlich auf dem Mond befinde, kehrte in
seiner ganzen Klarheit zurck und durchlief mich wie ein eisiger
Schauer. Ich stie einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und
Martha -- sie waren es, die ich vor einer Weile ber mich gebeugt
gesehen hatte -- kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fhlte nur
einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.

Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich
begann langsam gesund zu werden, obwohl noch ber hundert Stunden
verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder
gehen zu knnen. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rhrender
Frsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte
nur darber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen
hatte. Ich wute nun, da wir whrend meiner Krankheit das so ersehnte
Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber da dies auf ganz
natrliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch
nicht klar machen. Es fiel mir nmlich schwer, daran zu glauben, da ich
einen vollen Erdenmonat bewutlos gelegen, und der Wagen, sich indessen
immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige
hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager
geworfen hatte.

Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land!
Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dmmerung, wo es keine
Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Sden, nicht
Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die
Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel,
sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen.
Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nhe gibt, erscheint
diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich trge direkt am
Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte,
das stets von einer anderen Seite auf sie fllt; seitdem die Welt
besteht, gibt es fr diese Berge keine Nacht. Aber dafr haben die
grnen Tler zu ihren Fen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im
Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dmmerung. Ihr frisches
dunkles Grn sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne gerteten
Gipfel, die einem mchtigen Kranze blasser Rosen hnlich sind. Nur
selten, whrend einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der
Libration des Mondes etwas ber dem Horizont erhoben, in irgendeinem
tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so
einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleiendes Gold gehllter
Cherub. Dann ergiet sich ein mchtiger Lichtstrom durch die Klamm,
fllt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dmmerigen Wiese
einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorber, die
Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum berflutet ein
sanftes Dmmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dmmerung von
der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames,
schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen hnlichen Leuchten
unterbrochen -- das ist die Morgenrte auf dem Mondpol. Sie verhlt sich
zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein
Traum, der schn und rein und traurig ist.

Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarlnder
des Mondes. Ich erinnere mich, da ich bei ihrem Anblick die Empfindung
hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysischen Zaubergefilde
befnde. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister ber die Erde;
kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwhrender,
herrlicher, wenn auch khler Frhling herrscht in diesem Lande, das wir
schon ber ein halbes Jahr bewohnen und whrend dieser Zeit hat sich der
blablaue Himmel nur einmal mit Wolken berzogen. Es regnet fast niemals
und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bche.
Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefllt, da diese Feuchtigkeit
fr die Entwicklung der Pflanzen vollstndig gengt. Unsere Grser,
Bume und Blumen wrden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese
Lnder am Mondpol haben eine besondere, den Verhltnissen angepate
Flora ...

Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf
der Erde hnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die
Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhhtem Mae. Sie nehmen
so viel Wasser in sich auf, da wir durch Ausdrcken der Pflanzen die
zum Leben ntige Quantitt dieser Flssigkeit erhalten. Das Getrnk
gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon
schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafr
verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen,
die groen Schnecken ohne Schalen hneln, doch hatten wir nichts, uns
eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat
an Brennmaterial war bald erschpft und in der ganzen weiten Gegend
nichts zu sehen, womit wir es htten ersetzen knnen. Sogar die
dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesttigt,
da wir sie unmglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr
Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphre war gar nicht zu denken. Der
Torf, den wir in groen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser,
wenn man ihn nur in der Hand zusammendrckte.

Ich war schon krftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt
verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen
vollstndigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen
diesbezglich groe Beratungen und machten verschiedene vergebliche
Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die
strkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreten Torf auf die Berge
tragen, da er hoffte, da sie dort in der Sonne leichter trocknen
wrden, wie in diesem immer gleich dmmerigen Tale. Aber auch auf den
Hhen war die Wrme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm
der ausgeprete Torf durch die Dmpfe der Luft von neuem so viel
Feuchtigkeit auf, da die Arbeit sich als vergeblich erwies.

Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenstnden
irgend entbehren konnten und schrten damit ein letztes groes Feuer an,
um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wre uns
das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit
neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde.
Aber diese Hoffnung erwies sich als trgerisch. Wir erhielten, nachdem
wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener ste und
Torf. Es zeigte sich, da zum Austrocknen einer gewissen Menge von
Brennmaterial das Dreifache ntig gewesen wre. Unser ewiges Feuer
erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, da
wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens
lud.

So hie es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf
durchtrnkte, immer gleichmig temperierte Luft bewahrte aufs
glnzendste die sprliche Sonnenwrme, so da uns die Khle nichts
anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu
gewhnen. Die Reste der Vorrte an knstlichen, fr die Verdauung
entsprechend zubereiteten Eiwei- und Zuckerprparaten hoben wir fr den
Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine
Nahrung liefern sollte, sorgfltig auf. Wir lieen nmlich die Absicht
niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten
Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Grnde von
der Ausfhrung dieses Planes zurck: vor allem war ich nach der
berstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise
ertragen zu knnen, und auch Martha, die in Krze der Geburt des Kindes
entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schlielich gesellte
sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den
langen, kalten Nchten hinzu, die ber uns hereinbrechen wrden, sobald
wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmig fahlen Lichtes,
entfernten.

Trotz aller Entbehrungen und Befrchtungen sind die auf dem Pol
verbrachten Monate die einzigen schnen Erinnerungen meines Lebens auf
dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau
am Polpunkt auf, so da wir die Konstellation des Drachen, wo der
Polarstern des Mondes leuchtet, direkt ber uns hatten. Diesen Stern,
der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, whrend der
Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten.
Die Sterne, die auf der luftlosen Wste Tag und Nacht sichtbar sind,
zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der
Erdscheibe untergeht und diese Lnder der ewigen Dmmerung in kurze
Nacht versinken.

Das Zelt bentzten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit
verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der
Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren
eigenartig ergreifenden Reiz nicht fr uns verloren hat. Alles ist so
seltsam harmonisch auf einen gleichmig ruhigen Ton gestimmt: grne und
rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, khle, mit dem
balsamischen Duft der Pflanzen durchtrnkte Luft! In unsere Seelen zog
ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm
kleinen Kreise. Alle Krnkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und
Miverstndnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wsten, die
wir durcheilen muten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern
erfllten.

Die Zeit flo unmerklich dahin, whrend wir uns ganze Stunden lang von
der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des
Vollseins in Gestalt einer grauweien Wolke ber dem Horizont zeigte;
dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Grbern der Wsten
schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer
wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von
Lndern, die wir sehen wrden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen
Sache ... Wir berhrten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in
Zukunft Martha gehren solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube
wirklich, da wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens
dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen
... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute
auszudrcken fhig bin, aber diese Liebe war seltsam ...

Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das
immer ein trumerisches Lcheln umspielte, ihre zarten weien Hnde, die
stets mit irgendeiner Arbeit beschftigt waren, schien sie mir jener
Martha, die ich einst kannte, so unhnlich zu sein, und ich fhlte eine
ganze Welt von Zrtlichkeit fr dieses so sanfte, gute und
bedauernswerte Wesen. Wie gern htte ich oftmals mit der Hand ihr Haar
berhrt und ihr gesagt, da ich bereit sei, alles fr sie zu tun und zu
opfern, auf alle eigenen Wnsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig
glcklich wre -- aus Dankbarkeit, da ich sie sehen darf.

Auf der Erde wrde man ber eine solche Liebe lachen; wenn ich heute
daran zurckdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich wei, da ich
nichts fr sie zu tun vermochte, obwohl ich das grte Opfer gebracht
habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.

Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als
mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit
wiedergegeben, und auch heute hlt mich allein der Gedanke an sie
aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte
ich noch nicht, wie sich alles gestalten wrde, und daher sagte ich mit
Recht, da das die glcklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war.
Ich hatte Martha stets um mich. Whrend meiner Krankheit wachte sie ber
mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflge in das Tal
und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kruter, mit
denen sie dann das Innere des Zeltes schmckte.

Als ich wieder zu Krften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die
Berge, um die Sonne zu sehen und den mchtigen blassen Reifen der Erde
am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle
Lnder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu
denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurck; sie
durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.

Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf
dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzhlte mir von all den
Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kmpfen hatte,
in eine undurchdringliche Nacht gehllt, mit mir, dem schwer Kranken,
und mit Martha, die noch von dem Schmerze ber den Verlust des Geliebten
halb von Sinnen war.

-- Ich mute alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich
die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen
oder mute zurckfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten
war. Oft dachte ich, da wir nicht lebend ans Ziel kmen. In solchen
Momenten erfllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob,
mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum,
nachdem wir die Ebene hinter dem _Gioja_ erreicht hatten. Die Astronomen
der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewi
nicht, da er fr uns eine wrtliche Bedeutung haben wrde, da uns nach
den unermelichen Mhen und Qualen hier tatschlich endlich die _Freude_
lcheln sollte ...

Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, da
das in der ziemlich dichten Atmosphre zerstreute Licht der Sonne, die
nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dmmerung
hervorbrachte, bei der man die Gegenstnde unterscheiden konnte. Dort
wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehlter zu
verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die
Atmosphre war noch dnn, und ich mute krftig mit der Brust arbeiten,
um atmen zu knnen; aber ich werde niemals das Gefhl vergessen, als ich
zum ersten Male Mondluft schpfte.

Er erzhlte mir dann weiter, welche ungeheuren Mhen er beim
Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mute, die die Ebene
unter dem _Gioja_ vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte
er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend,
unaufhrlich ihrer Pflege bedurfte; er mute daher bei dem schwachen
Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang fhren, der mit
verwitterten Steinen berst war.

Ungefhr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung
angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.

-- Es schien mir, sagte er, da ich die versprochene Erde sehe; vor
meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wsten gewhnt waren,
breitete sich diese mchtige grne Ebene aus ... Die Freude hielt mir
fast den Atem in der Brust zurck, und Trnen strzten mir aus den
Augen. Durch Freudentrnen schaute ich auf die dmmerigen Wiesen und auf
die rote Sonne, die von meiner Hhe aus ber ihnen sichtbar war, obwohl
noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen
mute.

Als er das sagte, wandten wir uns unwillkrlich der Sonne zu. Sie stand
am Horizont in der Himmelsrichtung, die fr uns bis jetzt Norden war und
von nun ab Sden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel
des Mondes war es Tag.

Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese
geheimnisvollen Lnder, ber denen gerade die Sonne stand, kennen zu
lernen. Nach unserer Rckkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran
und begann im Zelte sogleich die Plne der weiteren Fahrt
zurechtzulegen.

Peter war ebenfalls der Meinung, da man nach Sden, zur Mitte der
unbekannten Halbkugel vordringen msse.

-- Hier haben wir es gut, sagte er, und wir knnten hier schlielich das
ganze Leben verbringen, aber leben knnten wir noch ruhiger auf der
Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu
erforschen!

So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick
hielt uns nur die Rcksicht auf Martha zurck. Auf den Zeitpunkt
wartend, da es mglich sein wrde, die Reise fortzusetzen, trafen wir
unsere Vorbereitungen und sammelten Vorrte.

Vor allem haben wir den Wagen genau geprft und Vernderungen
vorgenommen. Es htte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit
uns zu fhren. Wir wollten zunchst seine obere Hlfte abnehmen, wodurch
er einem tiefen Boote auf Rdern hnlich geworden wre. Aber der
Gedanke, da wir in Gegenden mit kalten Nchten geraten knnten, wo uns
der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein wrde,
hielt uns davon zurck. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen
hinteren Teil, der sich abschrauben lie und bis dahin unsere Magazine
enthielt. Zum Verschlieen der so entstandenen ffnung hatten wir eine
Aluminiumplatte, die vorher den Verschlu der Magazine von innen her
bildete. Auerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstrkung
der Wnde dienten und jetzt unntig waren. Den einst den unglcklichen
Brdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging,
ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschdigt
werden sollte.

Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und
Wasservorrte, die wir mhsam aus dem Moos auspressen muten, nahmen
mehr als drei Monate in Anspruch. Schlielich war alles zur Weiterreise
bereit.

Das fnftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der
Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug
zurckkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist
mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen!
Gehrte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu
vergrern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es
hrte, warf ich die Bndel mit dem gesammelten Emoos hin und strzte in
das Zelt. Da lag Martha bla und erschpft, aber vor Freude strahlend.
Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze
Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschpf, das in weie Tcher gewickelt
war und aus Leibeskrften schrie. Sie drckte es mit wahrer Leidenschaft
an sich und flsterte fortwhrend: Mein Tom, mein Tom, mein schner,
lieber Sohn! Dabei lchelte sie glckselig durch ihre Trnen. Neben ihr
am Lager schwnzelten beide Hunde und streckten die neugierigen
Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu
beschnuppern.

Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt ber seine finstere Miene.
Er sa in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf
Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darber
nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich ber ihr Kind
freue, wie ich sie segne fr dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte
kein Wort hervorbringen.

Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas
Unverstndliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst
bemerkt htte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte
mir, da ich ihr so gleichgltig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein
kann. Eine groe Traurigkeit erfate mich und sie bemerkte dies
scheinbar, denn sie lchelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich
zugefgte Krnkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind
zeigend:

-- Sieh, Tomas ist zurckgekehrt, mein Tomas ...

Da verstand ich, da keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser
Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehren, in
dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des
Verstorbenen liebt.

Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung fr Martha.
Peter ging mit mir aus dem Zelte.

-- Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir drauen waren.

Ich wute zunchst nicht, was ich antworten sollte.

-- Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach
einer Weile.

-- Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.

Ich wollte nicht weiter fragen, ich wute, woran er dachte. Wie aus
Furcht das zu berhren, was alle unsere Gedanken beschftigte, sprachen
wir von jetzt ab fast ausschlielich von der bevorstehenden Reise.
Martha kam schnell zu Krften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte
keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nchsten ersten
Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf
dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem
entlang wir uns dem quator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten
Viertel der Tag beginnt. Wir wrden demnach zwei Erdenwochen hindurch
Licht vor uns haben und knnten, falls wir keine gnstigen Bedingungen
vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurckkehren.

Indessen verblate zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und whrenddem
hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen
sollten.

Der ersten, dort auf der Wste, whrend wir, von der Angst vor dem uns
drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine
Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser
wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen
kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hgel, der
dem Pol am nchsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen
konnte.

Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben
resultatlos. Der niedrige Stand der Erde ber dem Horizont, bei einer
mit Wasserdampf gesttigten Atmosphre, lie keine genauen Messungen zu
und strte die Beobachtungen derartig, da wir einige Minuten nach
Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente
hinwarfen, um mit bloem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu
bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der
Morgenrte in Gestalt eines mchtigen schwarzen Halbkreises, von dem
dunkel erglhenden, mit Sternen bersten Himmel umgeben. Ein Anblick,
als wenn am nchtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder
jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nhe der Pole
glht, pltzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken
ins Ungeheure dehnend, erloschen wre.

Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es
schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im
Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschtterndes.
Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser
entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und
dann mu ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als
eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.

Ich konnte diesen ber allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen
Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die
ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle ber
mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren
Winternchten. Ich blickte mit heiem Verlangen auf sie, wie auf gute
alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte
Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem
heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden
Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hren gbe.

Pltzlich bemerkte ich, da die Sterne verblaten; ich rieb mir die
Augen, weil ich glaubte, die Trnen, die diese Erinnerung mir entlockte,
verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Tuschung: die
Sterne wurden immer schwcher und schwcher. Auch Peter bemerkte es, und
wir beunruhigten uns, da wir fr diese Erscheinung keine Erklrung
fanden. Die Sterne verschwanden gnzlich, ja sogar die Morgenrte wurde
in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer
undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten spter hllte uns eine
sternenlose Nacht ein; nur in sdlicher Richtung war noch ein leichter
roter Schein am Himmel zu erkennen. Da pltzlich fhlten wir einen
starken Windsto, etwas in dieser Gegend fr uns vollstndig Neues. Vor
Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rhren.

Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel
hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf,
denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend
erkennen. Alles versank in einem dichten milchweien Nebelschleier ...

Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fllt weder
Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmig erwrmt
ist; es fehlt also die Anregung fr das Ausscheiden des Wasserdampfes.

Dies gilt sozusagen unter gewhnlichen Bedingungen, aber heute fiel
whrend der Finsternis pltzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind
erhob und der Wasserdampf sich in klterer Luft zu Nebel verdichtete.

Diese natrliche Erklrung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns
zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche
Klte schttelte uns, und in dieser Dmmerung war es unmglich, den Weg
ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu qulte mich der Gedanke an
Martha. Aber es blieb nichts brig, wir muten uns setzen und besseres
Licht abwarten ....

Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer
halben Stunde ffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel
hherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter
wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in
grter Eile den Abstieg vom Hgel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur
Hlfte zurckgelegt hatten, blitzte es ber uns auf und fast
gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre
Sndflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollstndig
durchnt. Durch den niederstrmenden dichten Regen konnte man absolut
nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.

So ging es ungefhr zwei Stunden lang, whrend deren wir uns,
durchkltet und durchnt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines
Felsens, der uns brigens nur einen sehr schwachen Schutz gewhrte,
flchteten. Als der Regen aufhrte, wollten wir sofort den Rckweg
antreten, aber kaum hatten wir das schtzende Felsdach verlassen, als
sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen
lie. An Stelle der grnen Mulde lag ein breiter See zu unseren Fen.

Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die
Stelle, wo das Zelt stand, mu berschwemmt sein. Ich strzte zum See,
ohne auf Peter zu achten, der mich zurckhalten wollte. Als ich das
Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunchst war es
nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hften. Einen Augenblick
zgerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter
hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang
mich, an das Ufer zurckzukehren.

Meine Situation war frchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb
mir den Schwei auf die Stirne, und doch mute ich Peter recht geben,
da ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.

-- Wenn Martha die berschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und
sich auf dem Hgel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe
augenblicklich nicht ntig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das
Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen
knnen, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Flle
zu spt.

Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich
schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den
furchtbaren Gedanken darin zu lesen: Lieber soll sie zugrunde gehen,
als jemals dein sein! ...

-- Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.

-- Geh, antwortete er und setzte sich gleichgltig ans Ufer.

Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und
brigens -- wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter
dem Wasser suchen?

Ich setzte mich neben Peter, wtend und verzweifelt, und starrte ratlos
ins Wasser. Auf seiner Oberflche schwammen hier und da abgerissene
Moosstengel, im brigen war es ruhig und glatt, von keinem Windsto
getrbt. Ich dachte eben darber nach, wie in so kurzer Zeit so
unendlich viel Wasser aus der Atmosphre herabflieen konnte und wie
lange Stunden vergehen wrden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die
Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr
daran, da sie umgekommen waren), als ich pltzlich bemerkte, da die
Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also
anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, da das Wasser
irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung
beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen lie, da wir auf das
Fallen des Wassers nicht allzu lange wrden warten mssen. Um mich von
der Richtigkeit dieser Annahme zu berzeugen, ging ich das Ufer entlang,
den anscheinenden Lauf der Strmung verfolgend.

Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den
ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter
diesem Bach berzeugt, da ich auf der Oberflche erhabenere Stellen sah,
die aus der Flut wie flache grne Inselchen hervortauchten.

Dies alles bot einen schnen, uerst interessanten Anblick, vor allem,
da sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grnen Inseln,
die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne
rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten
auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschftigte:
Martha. Ich fhlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir
diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren wrde ... Ich
konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung
hatte, auf welche Weise sie sich htte retten knnen, fhlte ich im
tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, da sie leben
msse und eilte immer schneller vorwrts, als wenn ihre Rettung davon
abhinge, da ich so bald als mglich den Abflu dieses Wasser erreichte.
Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu knnen. Nur eines fhlte
ich klar, da ohne dieses Weib, das nicht mir gehrte und ohne dieses
Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir
lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals fr mich zu verlangen,
wenn ich sie dadurch retten knnte ... Wer wei, ob das Schicksal nicht
manchmal die stillen Gelbnisse des Menschen hrt ...

Zwlf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als
mich ein brausender Flu am Weitergehen hinderte. Durch eine breite
Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen
die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese
Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wute
nicht, was ich nun beginnen sollte.

Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar.
bermdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose
aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den
Himmel, der sich wieder so ruhig und bla ber mir wlbte wie vor jener
verhngnisvollen Sonnenfinsternis.

Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf
und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals,
doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen
Seite der zu einem Flu verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne
Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfate
mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand
bald neben ihr. Das berma des Glcks erstickte mir die Stimme, ich
konnte nur ihre Hnde mit Kssen bedecken, was sie mir, selbst stark
erschttert, nicht wehrte.

-- Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie fter mit
blassen, aber lchelnden Lippen.

Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzhlte sie mir, wie sie
whrend des Unwetters die herannahende berschwemmung bemerkte und es
ihr, als das Wasser schon das Zelt untersplte, noch gelang mit dem
Kinde und den fr uns wertvollsten Gegenstnden in den Wagen zu
flchten, der in der Nhe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach
Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um
sich auf der Oberflche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen
Regengu und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwlzenden Bche
immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhrlicher
Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah,
ihr um so hnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem
Globus vor dem Untergang bewahrte.

Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Mglichkeit hatte,
ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale
hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die
Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regengu endlich nachlie
und das Wasser aufhrte zu schwellen, bemerkte Martha, da der Wagen in
einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, da ihn der Strom
eines abflieenden Wassers mitri, was ihre Angst noch vergrerte. Der
Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine
entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmglich
gewesen wre, ihn wieder zu finden.

Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hgel aus
dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen
jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren
vergeblich. Sie hrte schon das Sausen des Stromes, der durch diese
Klamm abflo, ber der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste
vorbereitet, als durch einen glcklichen Zufall der Wagen pltzlich von
einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha bentzte mit
Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geffnete Fenster
auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise
in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorber und das Wasser
so gesunken, da der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden
hatte. Einige Stunden spter waren nur noch kleine Tmpel vorhanden, die
wie Glasscheiben inmitten der grnen Wiesen aussahen.

Auf Peter muten wir noch geraume Zeit warten, schlielich fhrten ihn
die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er ma uns mit einem
mitrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an
die Untersuchung der geretteten Vorrte und Instrumente. Ein
merkwrdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen
und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft ber
seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Khnheit,
Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von
Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine wei ich bestimmt: er
ist gnzlich unberechenbar.

Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefgt. Wir haben bei der
berschwemmung viele notwendige Gegenstnde verloren; andere muten wir
mhevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt
konnten wir zunchst nicht finden. Es war ein Glck, da sich in
Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise
der grte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der berschwemmung schon
im Wagen befand. Und auerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren
Nutzen gebracht, indem uns nmlich das abflieende Wasser den Weg
zeigte, auf dem wir weiter nach Sden fahren sollten.

Unsere diesbezgliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so
schnell abflieen konnte, mute die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen
fhren, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine grere
Wasseransammlung vorfinden wrden, einen See oder das Meer, und
infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die
ntigsten Lebensbedingungen. Lngere Zeit vor dem uns gesetzten Termin
der Abfahrt waren wir vollstndig reisefertig. Der Wagen stand mit allem
versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt
geffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der
Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung
besaen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stck Wegs im
voraus erforscht, indem wir zu Fu in der Klamm vordrangen. Sie bot
durchaus keine feste Strae, vor allem, weil die letzten Wassermassen
den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man
hier ruhig fahren, ohne sich greren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir
warteten also nur eine gnstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die
nach Sden wiesen, zu folgen -- in ein unbekanntes Land der Wunder,
dessen lange Nchte die silberne Scheibe der Erde, die ber den Wsten
leuchtet, niemals erhellt.




                                 II.


Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt
angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten,
war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Lnder erleuchten.

Nicht ohne ein Gefhl der Wehmut, ja sogar der grten Besorgnis haben
wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wuten, was es uns
geben konnte, whrend alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis
gehllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den
brennenden langen Tagen und nchtlichen Klten aussetzen, wir sollten
von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wsten durchdringen auf
der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wuten, ob es uns
aufnehmen wird und ernhren kann. berdies beunruhigte uns der Mangel an
Brennmaterial. Was wrde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer
Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die
Maschine nicht mehr in Bewegung setzen knnten. Werden wir dann zu Fu
vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurckzukehren imstande
sein, um uns vor der Klte, die um so bedrohlicher fr uns wird, weil
wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir
die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser
Befrchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurckkehren
wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen,
in der Atmosphre zerstreuten schrgen Sonnenstrahlen wrmend und uns,
wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nhrend. Aber
das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren strker.
Die Nahrungsvorrte konnten fr lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch
etwas ausgepreten Torf mit, weil wir hofften, da es uns in sonnigen
Gegenden gelingen wrde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu
knnen. brigens haben wir fr den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der
halben Ladung der Akkumulatoren, die Rckkehr zum Polarlande
beschlossen.

In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die
Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole hnlich
sah, nur bedeutend grer war. Hier mute ebenfalls krzlich eine
berschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne
waren hier und da noch groe, flache Tmpel zu sehen. Sehr verwunderte
uns die bereits gnzlich vernderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum
einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten
Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger
Farbe berzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und
spiralfrmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkruter,
aus der Erde. Die Klte machte sich empfindlich bemerkbar, whrend der
Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dmmerung
gleicht, da die Sonne kaum einige Fu unter den Horizont sinkt. Wir
erwrmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde
die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflcken
und zu versuchen, ob man Feuer damit machen knne.

Wir gingen sofort an die Arbeit; wie gro war aber mein Staunen, als der
erste Stengel bei der Berhrung mit der Hand sich zu strecken, dann
wiederum zu krmmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich lie ihn
unwillkrlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck
erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich
schnitt eine davon mit dem Messer ab und berzeugte mich, da es groe,
lngliche und fleischige Bltter waren, doppelt zusammengerollt nach
vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenfrmig gewunden,
hnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der ueren, hellgrnen Seite
sah man zahlreiche rosige derchen. Die ganze Pflanze war, solange sie
lebte, mit der Fhigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefhr wie unsere
Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, da diese
zusammengerollten Bltter bedeutend wrmer waren als die Umgebung;
scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen
Prozesse sich selbst die Wrme, die ihm whrend der langen Nchte
fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die
Ausntzung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher
unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen
Strahlen bald die Gegend erwrmen wrden.

Zu der Klte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wuten nicht,
welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung
fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies
auf der Ebene, die whrend der berschwemmung ganz berflutet war, zu
erkennen. Als wir noch darber nachdachten, bemerkte Peter in der
Entfernung von einigen hundert Metern einen groen weien Gegenstand.
Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den
Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hgel
festgesetzt hatte. Wir freuten uns ber dieses Wiederfinden doppelt,
erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaen, tatschlich
unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise ber die
Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die
Klamm, die wir eben zurckgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns
daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir
uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefhre Richtung des abflieenden
Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Sden, mit einer
kleinen Biegung nach Westen.

Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine
kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde
passiert hatten, gelangten wir in ein breites grnes Tal, das sich
direkt nach Sden erstreckte.

Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in
ihrem Massiv steckenden Kratern, denen hnlich, die die luftlose
Halbkugel des Mondes anfllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee
bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch
noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht
hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden
Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen
schnell dahinflo.

Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem
wir uns berzeugt hatten, da der weitere Weg nach Sden uns bei so
frher Tageszeit einer empfindlichen Klte in den Gegenden aussetzen
wrde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wrme des
Tages und der Nacht immer intensiver wird.

Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil
ihres tglichen Weges zurckgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im
Tal war gnzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die
wir hier zwischen den kleinen Pflnzchen vorwiegend fanden, begannen
sich unter dem Einflu der Sonnenwrme schnell zu mchtigen, in
verschiedenen grnen Schattierungen gemalten Blttern zu entfalten. Ihre
Form war beraus mannigfaltig; die einen sahen groen Fchern hnlich,
die mit zarten, flatternden Fransen behngt waren, andere wieder, mit
allerhand Farben betupft -- unter denen Rot und Dunkelblau am meisten
hervortraten -- erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch
solche, deren Rnder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und
mit Dornen berst waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt,
einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem
goldgrnen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte,
-- mit einem Wort, die grte Verschiedenheit der Farben und Formen, und
alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berhrung krmmend.

Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht,
langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrne Schlangen oder Fden, mit
Blumen von starkem berauschenden Duft behngt. An anderen Stellen, wo
das Wasser sich ausbreitete und die Strmung aufhrte, entwickelten sich
zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nchtlichen Frost berstanden,
das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten
Spitzengeweben aus violetter und grner Seide vergleichbar.

Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem
Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht
krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschpfe, langen
Eidechsen mit einem Auge und vielen Fen hnlich. Sie schauten
neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des
Wagens. Auf eines dieser Tiere strzten sich die Hunde und fingen es.
Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir
konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Krper
bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das
Knochengerst erstreckte sich bis zu dem lnglichen Ring, der sich aus
beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der
Haut lagen. Den ganzen Schdel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn
lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir fr die Fe
hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer
sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.

Bedeutend spter fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwrdige
Geschpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das
beraus typisch fr die hiesige Fauna ist.

berhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Mrchentraum,
voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen
schnell dahin und immer von neuem nderte sich der Blick. Stellenweise
verengerte sich das Tal, felsige Psse bildend, durch die wir mit Mhe
dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schumenden Strom
angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite,
kreisfrmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem groen See ausbreitete
mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In
den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der
Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vgel mit dicken
Hlsen und langen Schwnzen aussahen. Aber das seltsamste ist, da alle
Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzhligen Stimmen
des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wldern der Erde tnen; nur
wenn der Wind weht suseln die Bltter der Pflanzen, zugleich mit dem
Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.

Die ppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden
Augenblick muten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen
Farrenkruter abwickeln, die die Bewegung der Rder hemmten; manchmal
wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, da der Wagen fast darin
stecken blieb. ber diese Verzgerungen waren wir nicht gerade erfreut,
besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil
wir fter anhalten muten, um zu schlafen oder uns zu strken, auch die
Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung
fanden wir gengend vor. Unschtzbare Dienste erwiesen uns hierbei die
Hunde. Immer herumsuchend und -schnffelnd, fanden sie ebare fleischige
Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem
Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar
ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir muten sparsam damit
umgehen, denn der Vorrat war nicht gro, und in der ganzen Gegend war
nichts zu finden, womit wir htten Feuer machen knnen. Bume, wie sie
auf der Erde sind, gibt es hier berhaupt nicht und jene breiten Bltter
sind so saftig, da sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf,
der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit
hinter uns gelassen.

Indessen nherte sich der Mondmittag und wir muten uns schlielich
entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht
zu dem Polarlande zurckkehren sollten. Zunchst hatten wir die Absicht,
das letztere zu tun; vor allem drngte Martha, die den starken Frost mit
Rcksicht auf Tom frchtete, zur Rckkehr. Ich war ebenfalls dafr, aber
Peter redete entschieden dagegen.

-- Jetzt umkehren, sagte er, hiee uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem
Polarlande verurteilen. berlegt, da wir gegenwrtig die Akkumulatoren
noch geladen haben und diese Fllung fr den Rckweg ausreichen wird;
aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes
aufbrechen wollten, knnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht
laden, wenn wir keine Mglichkeit zum Feuermachen htten.

-- Aber die Fahrt nach Sden fhrt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich,
denn wir setzen uns damit der nchtlichen Klte aus, die wir ohne Feuer
nicht berstehen wrden ...

-- Vor der Nacht knnen wir noch Brennmaterial finden ...

-- Wir knnen es aber auch ebensogut nicht finden.

-- Ja, aber das ist nur eine Vermutung, whrend wir mit vollster
Sicherheit wissen, da wir es am Pol niemals finden werden. brigens
haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat knnen wir im uersten
Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir
dem Suchen widmen.

Wir konnten gegen Peters Ausfhrungen nichts einwenden und fuhren
infolgedessen weiter in der Richtung des quators.

Einige Stunden nach Mittag berzog sich der Himmel mit Wolken und es
fiel reichlicher Regen, der fr uns ein sehr erwnschter Gast war, da er
die glhende und schwle Luft erfrischte. Kaum war der Regengu
herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein
seltsames Brausen vernahmen.

Wir hielten dies zunchst fr das Rauschen eines angeschwollenen
Flusses, aber bald berzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser
Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal,
nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so da man das Ende nicht
bersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein
ber alle Beschreibung prachtvoller Anblick.

Einige hundert Meter vor uns brach das Tal pltzlich ab, in breiten
Terrassen zu einer unbersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an
die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Flu strzte in schumenden
Kaskaden ber diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener
Teiche bildend, bis er die Flche der Ebene erreichte und sie in einem
gewundenen silbernen Bande durchflo, das sich endlich in unermelicher
Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur
in der Nhe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute
Ringhgel, die mit Wasser angefllt waren, wie dafr geschaffene
Behlter. Derartige kleine und runde Gewsser waren berall auf der
ganzen Ebene verstreut. Die nher gelegenen sahen wie groe Pfauenaugen
aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf blulichgrnem Plsch
aufgenht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bche und grere
Flsse.

Wir verlieen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse
stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!

Endlich sagte Martha:

-- Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schn! ...

In der Tat war es schn, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten
uns unwillkrlich diese Frage, whrend wir uns zum Hinabfahren ber die
steilen Terrassenabhnge vorbereiteten.

Als wir nach vielen Mhen unten anlangten, lieen wir den Wagen am Ufer
des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach
Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Lnge
nach, gruben tiefe Lcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder
irgendeine Steinkohlenader, pflckten verschiedene Pflanzen, um zu
versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wren, aber alles
vergeblich. In ungefhr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen,
als wir gnzlich erschpft das fruchtlose Suchen aufgaben.

Unsere Lage war beraus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das
Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schttelte uns
bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen wrde. Torf hatten wir nicht
viel; wir muten auerordentlich sparsam damit umgehen, damit er fr die
ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich,
da auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal
fr einen kleinen transportablen Ofen gengte.

-- Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen mssen, sagte
Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.

Peter zuckte die Achseln:

-- Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir
keinen Torf haben; wir mssen uns gut zudecken.

-- Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird
die Klte nicht ertragen, er ist so klein und zart.

-- Ach, Tom! zischte Peter rgerlich durch die Zhne.

Schon fter hatte ich bemerkt, da jede Erwhnung des Kindes ihn
erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst
das prchtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen.
Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie
sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst
vereinte, auf Peter richtete. Sie lie das Kind auch niemals bei Peter
allein, whrend sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschftigt
war.

-- Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn
er auch erfrieren sollte ...

Martha ertrug hnliche Bemerkungen fr gewhnlich schweigend, aber heute
sprang sie pltzlich auf und strzte mit flammenden Augen auf Peter zu.

-- Hre! rief sie mit gedmpfter Stimme, Tom _ist_ die wichtigste Person
und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich tten und mit deinen
Knochen diesen Ofen heizen!

Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen
Spitze man dort gewhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wuten bis
zu dieser Zeit gar nicht, da sie diese gefhrliche Waffe bei sich
fhrte.

Peter wich unwillkrlich zurck. Dann versuchte er zu lcheln, aber in
der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche
Drohung, da er erblate und sich vergeblich bemhte seine Verwirrung zu
verbergen ...

Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung
abzuschwchen.

-- Martha sorgt fr ihr Shnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter,
wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nchtlichen Frost in
Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!

Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Krften gruben wir ein
tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn
dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und
abgeschnittenen Blttern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, da der
Wagen nicht allzuviel Wrme verlieren wrde und sich dementsprechend
leichter erwrmen liee.

Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten.
Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die
Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendrte erleuchtete die
sich langsam in Dmmerung hllende Ebene, auf der die nher gelegenen
Seen schimmerten, wie mit flssigem Silber gefllte Pokale oder, wenn
man gegen die Morgenrte auf sie schaute, wie mit Blut angefllt ...

Wir setzten uns zusammen auf den Hgel, aber die Unterhaltung wollte
nicht recht in Flu kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken
Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald
nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit
zusammenflieenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte
indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tnen, auf
die in der Dmmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich
pltzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich
sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der
Ebene aus:

-- Sieh, sieh!

Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Mae, wie der Himmel sich
verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunchst schien es, als wenn eine
Handvoll kleiner, blulichglnzender Funken am Ufer des Flusses
ausgestreut wren. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten
rechts, links, vor uns, berall auf. Eine halbe Stunde spter schimmerte
die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesten
Nebelschleier berzogen wre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke
aus.

Martha hrte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses
bezaubernde Bild.

Nachdem wir uns von unserem Staunen ber diese Erscheinung erholt
hatten, berzeugte ich mich, da sie auf einer Phosphoreszierung jener
seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Flche bedeckten. Die
innere Oberflche dieser Bltter glnzte wie morsches Holz im Dickicht
unserer Wlder.

Aber dieser mrchenhaft schne Anblick verschwand so schnell, da wir
keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flmmchen erloschen, eins
nach dem andern; die Bltter schlossen sich und rollten sich unter dem
Einflusse der Klte zu einem zweiwchentlichen Schlaf zusammen.

Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war hchste Zeit, uns in den
schtzenden Wagen zu flchten.

Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir berstanden, dank
unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaregeln. Den Wagen
verlieen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wrme einzuben. Was
drauen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte,
ganz mit Erde und Blttern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen
waren wir somit von der Auenwelt gnzlich abgeschnitten. Erst als
unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich,
hinauszugehen. Um mich vor der Klte zu bewahren, zog ich den
Luftbehlter an, dessen Strke und entsprechend konstruierte Wnde einen
vorzglichen Schutz bildeten. Drauen angelangt, berzeugte ich mich,
da meine Vorsicht durchaus nicht berflssig war.

Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne
zunchst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die
vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflchen waren zum Teil unter
dem Schnee verschwunden, zum Teil glnzten sie in matten Eisscheiben. Es
schien mir, als wenn ich pltzlich in arktische Lnder hinbergetragen
wre.

Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurck, da man noch
nicht hinausgehen drfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige
Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatschlich hatten wir die
ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Klte gelitten als bei
Tagesanfang, ehe es Frhling wurde. Noch drei Erdentage muten wir auf
ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach
siebzigstndigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der
Schnee flo in Strmen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bche
schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten
sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mchtige verschieden
geformte Bltter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge
bedeckte noch ein weier Schleier.

Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, muten wir noch
verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten
wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Whrend einem der
vielen Ausflge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin
unternahmen, kamen wir zufllig an ein tiefes Loch, das wir am
vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort
anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rndern mit
Wasser angefllt. Ich ging gleichgltig daran vorber, aber Peter,
scheinbar durch etwas Ungewhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen
und begann sich die ffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stck
Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hrte:

-- Jan, komm! Jan, komm so schnell wie mglich und sieh!

Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand sttzte er sich auf den Rand
des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das ber
die ffnung geneigt war, brannte vor Erregung.

-- Was ist geschehen?

Statt zu antworten, schpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von
sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.

-- Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.

Peter nickte mit triumphierendem Lcheln. Um mich zu berzeugen, ob wir
uns nicht tuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flssigkeit und
steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die
wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben
verkndete.

Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.

Die Auffindung der Petroleumquelle hatte fr uns eine ungeheure
Bedeutung.

Jetzt konnten wir weiter nach Sden fahren oder hier bleiben, ohne die
kalten Nchte zu frchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige
zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines groen Vorrates dieser
gesegneten Flssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe
Lcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur
irgend mglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefllt.
Jetzt hielten wir groen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am
vernnftigsten wre es hier zu bleiben, in der Nhe der
Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns
weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaungen nicht weit
entfernt sein konnte. Auer der Neugierde sprach fr die Reise auch der
Umstand, da wir am Strande infolge der groen Wasseransammlung ein
bedeutend milderes und bestndigeres Klima antreffen muten, obwohl wir
uns dem quator nherten. Im brigen hatten wir nun einen so bedeutenden
Vorrat an Brennmaterial, da wir es wagen konnten, die Reise auch nur
versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungnstiger
Verhltnisse zu den Petroleumquellen zurckzufinden, wenn wir uns
hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten wrden.

Diesen Tag und die nchste Nacht verbrachten wir noch an derselben
Stelle der _See-Ebene_, wie wir jene groe Flche genannt haben, in der
Absicht, den Antritt der Reise bis zum nchsten Tage zu verschieben, da
es bedeutend angenehmer wre, ber dreihundert sonnige Stunden vor uns
zu haben, whrend deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Klte
nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir frh,
sowie nur die erste Dmmerung den Schnee rosig frbte, auf, nicht einmal
den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fhlbar
machte.

Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen mte:
Frhjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von
der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, ber sechs
Wochen gestanden hatten. Zunchst beunruhigte uns das Schmelzen des
Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, da die Fahrt geradezu
unmglich wurde. Zum Glck erinnerten wir uns rechtzeitig, da sich der
Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfgen von
Schaufeln in die Rder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln
liee, und wir demnach eine berschwemmung nicht zu frchten brauchten;
im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den
Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war beraus
glcklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser fr uns war,
der uns zum Meere fhren sollte. Zum berflu sparten wir dabei eine
Unmenge Brennmaterial, da die starke Strmung uns von selbst so schnell
davontrug, da wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelrder gar
nicht bentigten.

Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten
ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend
nher zu besichtigen.

Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwrtsbewegt,
da der Flu sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief
genug fr unser kleines Fahrzeug war.

Der Anblick und Charakter der Landschaft nderte sich unaufhrlich. Eine
Zeitlang fuhren wir ber eine breite und, wie es schien, trockene
Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gnzlich
verschieden von den blttrigen Gebschen, die hher am Strome wuchsen.
Es war etwas unermelich Trauriges in der Eintnigkeit dieser Gegend.

Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefllt, und die runden Seen
mit den felsigen, wenig ber die Oberflche erhobenen Ufern zwischen
aufgeworfenen Hgeln, lieen wir schon weit hinter uns zurck. Jetzt
erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrne Flachebene,
von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen
oder gelbe Sandbnke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen
anfllten. Der Strom breitete sich hier aus und flo so trge, da wir
den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelrder schneller
vorwrts zu kommen.

Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge
nherten, die jene Steppe nach Norden abschlo. Der Flu war hier auf
einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepret, da
die Fahrt hchst gefahrvoll wurde. Die Strmung ri uns jeden Augenblick
fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des
Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu
verdanken, da wir so davongekommen sind.

Hinter diesem Felsentor ergo sich der Strom in einen groen See. Seine
Ufer bildeten kleine Hgel, mit einer unerhrt ppigen Flora bedeckt und
von zahlreichen Bchen durchzogen. Einer der schnsten Anblicke, die wir
bis jetzt auf dem Monde antrafen.

Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt
fast immer heiter war, sich pltzlich mit dunklen Wolken berzog. Im
ersten Augenblick waren wir froh darber, da die unertrgliche Hitze uns
schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen,
das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hrte schon von weitem das
dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in
blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwrts
abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschtzten Strmung in
Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.

Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenlnder, aber
so etwas Ungeheuerliches htte ich mir nie vorstellen knnen. Betubende
Donner flossen in ein unaufhrliches Drhnen zusammen; vor unseren Augen
standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht
nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ...
Nein, das war kein Regen mehr! Die Sndflut des aus den Wolken
herabstrzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphre in einen
hngenden, von wtenden Strmen hin und her geschleuderten See. Die
Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war
so mit Elektrizitt geladen, da sie aus sich selbst aufblitzte, -- ein
seltsames, hllisches Schauspiel: unter den von unten blutig gerteten
Wolken war die Atmosphre mit einem Feuer von faustgroen Tropfen
angefllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.

Manchmal lie das Gewitter pltzlich nach; die Wolken ffneten sich wie
ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf
den blauen Himmel und die Sonne gewhrend, aber kaum hatten wir Zeit,
aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum
begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Sden
daherstrmte, die Donner zu krachen und Strme von Wasser
herabzustrzen.

Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden.
Erschpft, verngstigt und betubt schauten wir auf die ungeheure
Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit
Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten,
frchteten wir, da die Strmung, die sich wie ein wildes Tier in der
Agonie hin und her warf, uns auf den strmenden See hinausschleudern
knnte, den Winden und Wellen zum Fra.

Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die
hochgehenden Bche zwischen den Hgeln rauschten noch dahin, die
strmische Oberflche des Sees aufwhlend. Die Wasser hatten enorm
zugenommen. Wir muten noch ber zwlf Stunden warten, bevor sie
wenigstens so weit gefallen waren, da wir die Fahrt wieder aufnehmen
konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strmung des
hochgehenden Flusses um vieles strker geworden war. Unterwegs trafen
wir berall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Lnderstriche
waren weggesplt, mchtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte
Wlder sonderlich verflochtener Bltter und langer, dicker, fleischiger
Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stcke gerissen am Boden. Aus jeder
Spalte schossen Kaskaden trben Wassers; auf den Ebenen standen flache
Tmpel, ber denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten
ansammelte, die den Insekten hnlich waren.

Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir,
da diese furchtbaren Strme hier eine tgliche Erscheinung sind, in des
Sinnes wrtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhrten Hitze
in der Nachmittagszeit und sind fr diese Welt, trotz ihres Grauens,
eine Wohltat, da sie die Atmosphre erfrischen und den Boden
austrocknen. Ohne sie wre das Leben hier eine Unmglichkeit.

Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne
besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft nderte sich stetig und mit
ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken mu, da die Flora auf diesem
Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintniger ist
als auf der Erde.

Der Abend nherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der
der Strom sich auszubreiten und unzhlige Flachstellen zu bilden begann,
die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, da dies die Vorboten
der nahen Mndung sein mten.

-- Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne
zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch
ausreichen wrde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.

Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf
seichten Stellen stecken, so da wir endlich beschlossen, das Schiff
wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.

Der Sonnenuntergang traf uns am Fue niedriger, sprlich mit Gras
bewachsener Sandhgel an. Wir fhlten die Nhe des Meeres, wir glaubten
sogar, ein mchtiges gedmpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen
Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der
Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dmmerung die Fahrt
nicht.

Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener
Sandhgel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu
sehen, aber es war unmglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte
nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte
Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines
flutenden Wassers zu hren, es glitten dichte weie Nebel oder Wolken
vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wuten im
Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der
Anhhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich pltzlich ein Wind
erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthllte, der
zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Abstzen in natrliche Bassins
flo, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir
nur whrend einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs
neue verhllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren
drang. Die ungewhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in
Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald
befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Rder des Wagens
drhnten auf steinigem Boden.

Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, da wir
uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme
Luft entgegenwehte.

-- Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.

In der Tat muten sich in der Nhe heie Quellen befinden, da das
Wasser, das im Strome abflo und sich in den Bassins ausbreitete,
zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der
Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem
glcklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu
verbringen, das uns eine betrchtliche Menge Wrme spendete. Die Nacht
war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter
Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, da wir, um uns vor der Klte
zu schtzen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoen
muten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind
fr Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel
auseinandertrieb, sahen wir die in der Hhe leuchtenden Sterne. Dann
zeigte sich uns auch im Sden ein Streifen blauen Lichtes, der sich
lngs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns ber
diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die
phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfnglich fr die Ursache dieses
Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns
unerklrliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Klte, fern
von den warmen Quellen, schon uerst heftig sein mute.

Noch eine andere Wahrnehmung beschftigte und beunruhigte uns. Gegen
Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fhlbar, zu der
sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig
bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich
sulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen,
aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen
vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem hllischen Geist,
der sich im Nebel und in der Nacht ber der schneebedeckten Wste zeigt,
vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die
fortwhrenden Erschtterungen des Grundes grte, hob sich noch
erheblich, so da wir eher am berflu als an Mangel an Wrme zu leiden
hatten.

Schon in der Nacht, whrend der Dauer der Erscheinung, die uns
anfnglich beunruhigte, ahnten wir, da sich irgendwo in der Nhe ein
Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach
dafr auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in
vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag besttigte unsere
Vermutungen. Wir konnten zunchst trotz der Helligkeit nichts sehen, da
die Nebel uns die Aussicht verhllten. Erst vierzig Stunden nach
Sonnenaufgang verlieen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag
an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im
dichten Nebel, -- da pltzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben
htte, erffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie
erstarrt, erschttert vor Bewunderung und Freude.

Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern
von der Stelle, wo wir standen, lag -- das Meer. Es waren seine von
kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die ber dem blassen
Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.

Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unbersehbare, an den Ufern
durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und
bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserflche erstreckte sich von
unseren Fen bis an die Grenzen des Horizontes.

Wir waren von diesem so beraus sehnschtig herbeigewnschten Anblick so
begeistert, da wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach
geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht
bewunderten Majestt sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend
nher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glnzte die
breite, von zahlreichen Sandbnken unterbrochene Mndung des Stromes,
auf dessen Fluten wir den grten Teil der Reise der vorhergehenden Tage
zurcklegten. Im Osten war die Landschaft auerordentlich wild und
mannigfaltig. Vor allem zog der mchtige, mit Schnee bedeckte
Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn
Kilometern ber den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere
Aufmerksamkeit auf sich. Die sdlichen Abhnge dieser sich zum Meere
neigenden Berge waren von dichten Wldern sonderbarer groer, seltsam
ineinandergewundener blttriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem
nchtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; nher vor
uns spritzten zwischen phantastisch bereinandergetrmten Felsen und
kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weie Nebelwolke
gehllte Geiser. Der von ihnen abflieende Bach sprang ber Terrassen,
wlzte sich in die Bassins, flo von den Felsstcken, immer tiefer
murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora
verschwand, zum Meere eilend.

So sollte unsere Odyssee enden ...




                                 III.


Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres
gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all
dieser Zeit gendert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns
die lange Nacht mit den erglhten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten
wiederholen sich die Ausbrche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an
unsern teuren Freund _Otamor_ genannt haben. Ebenso sprudeln die
Geiser, und der Bach murmelt, ber die Steine springend; nur ber dem
einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfhlen ein Winterhuschen und
tiefer am Meeresstrande eine Laubhtte, die uns als Sommerwohnung dient.
Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit
einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder
sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns lngst an diese Welt
gewhnt. Wir staunen nicht mehr ber die langen kalten Nchte noch ber
die Tage, whrend denen die trge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet;
die nachmittglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle
siebenhundertneun Stunden ber uns dahinziehen, haben aufgehrt uns zu
schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt,
die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten
Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafr wird die Erde in
unserer Erinnerung immer mehr einem Traume hnlich, der vorbergezogen
und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnschtigen Herzen
zurcklie. --

Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen ber sie -- lange,
lange! Wir erzhlen uns viel von den kurzen Tagen, den Wldern, dem
Gesang der Vgel, von Lndern und von Menschen, die sie bewohnen, von
einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein
Interessantem, und als wenn alles nur ein schnes Mrchen wre. Tom ist
schon ziemlich gro und vernnftig und hrt, aufmerksam folgend, wie
einem wirklichen Mrchen zu. Er war niemals auf der Erde ...

Schlielich haben wir uns das Leben hier ziemlich ertrglich
eingerichtet. Zu Fen des Otamor, auf dem zerbrckelten vulkanischen
Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stmme und mchtige Wurzeln
gengendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bume ersetzen kann.
Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten groen
Bltter, die beraus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und
aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher
Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen
einen Braunkohlenfltz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die
bedeutend nher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel
und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer
liefert uns zur Genge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von
dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.

Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die
verschiedensten ebaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse
darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Auerdem sammeln wir im
Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschpfen kommt lebend
auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort.
Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfhig und beraus
schnell in der Sonnenwrme ausgebrtet. Wir bereiten auch gute, krftige
Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich
gedeihen.

Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber
jetzt haben wir uns schon vollstndig daran gewhnt. Alle hiesigen Tiere
haben ein zhes, belriechendes Fleisch, das ungeniebar ist. Nur die
Hunde verachten es nicht.

Einige Mondtage gingen vorber, bevor wir uns hier irgendwie
zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und
Brennmaterial, worauf wir auf Pfhlen, die aus starken Wurzeln gefertigt
wurden, ein Winterhuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der
Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten.
Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflge in die
Umgegend, die wir vorwiegend zu Fu zurcklegten. Ein Wgelchen mit
Vorrten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit
uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den
Mondgeschpfen zchten wir nur eine gewisse Art von groen beflgelten
Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.

Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns lngs dem Ufer haltend. Der
Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich
zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch
tiefe, landeinwrts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder
solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen
mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die
Eigentmlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl
nun bis zum Tode bleiben werden.

Nach dreizehn Mondtagen, das heit nach einem Erdenjahr, unseres
Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut.
Auer dem Wohnhause hatten wir Werksttten, eine kleine Htte, Magazine,
einen Stall fr die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns fr das Leben
hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit
nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer
war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde ber uns. Das waren
qualvoll frchterliche Zeiten; ich erinnere mich, da wir unserer
bedrckten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenberstanden. Am
Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum
oder sammelten Nahrungsvorrte; aber whrend der Nacht packte uns die
Verzweiflung. In dem kleinen Huschen ber dem warmen Teiche
eingeschlossen, tatenlos und trge, bemhten wir uns, nur so viel wie
mglich zu schlafen.

Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saen wir schweigend da,
erschpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig
betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, da nichts die Menschen
gegenseitig so verbittert wie das Unglck und die Langeweile. Ich hatte
leider Gelegenheit, das mehrfach besttigt zu finden.

Man htte sich wohl mit so manchem beschftigen, irgendwelche
Verbesserungen einfhren, fr die Zukunft sorgen knnen, aber der
Gedanke, da wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu
absolut unfhig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, da
sie den grten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewut, dem Gefhl
verdanken, da sie nicht nur fr sich, sondern auch fr diejenigen, die
nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist
alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und
wenn er keinen Ausweg, keine Mglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn
oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrgen, findet? Bei Gott, ich
glaube, da kein anderer Gedanke auer diesem einen furchtbaren: _ich
werde sterben_, in seinem Kopfe Raum htte! Es gibt verschiedene
Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben
an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der
Mensch verlngert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene
Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, da
auch dann noch eine Spur seiner Arbeit brig bleibt, und so wird er in
seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen
Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafr mu er wissen, da nach ihm
Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht
erwhnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem
Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und
seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen
selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewutsein einen
Wandel hervorruft, ist tot.

Das sind alles auerordentlich einfache und natrliche Folgerungen, aber
ich bin mir erst auf dem Monde, whrend jener langen taten- und
hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht
klar darber geworden.

Manchmal dachte ich: Es wre gut, die Grenzen dieses groen Wassers zu
erforschen, das Land in seiner Lnge und Breite zu durchqueren, seine
Berge und Flsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu
beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern
die hhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig,
wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzhlen, was ich kennen lernen
werde, wem das zurcklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber
der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas spter, aber
das ndert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser
Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein
Ende nehmen ...

Dieses Bewutsein lhmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses
staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der
Mond angefllt ist wie ein silberner Becher, der seinen ueren Boden
der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren
Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werksttten, an
die Anlage eines Gartens und Tierkfigs, mit einem Worte, an die Hebung
des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.

Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefhl der Notwendigkeit,
hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten
sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu
rechtfertigen, denn ich wei, da es Verbrechen und Egoismus war. Auch
damals wute ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden
Preis und auf jede Art, nur leben -- das ist alles!

Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschlu, vor allem, weil wir ihn
kalt und nchtern faten, wenigstens was mich betrifft ...

Ich hatte mich an Martha mit einer groen Liebe gewhnt, einer stillen,
selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie fr mich begehrte, fr meine
Sinne und mein Glck, war lange vorbei und, wie es mir schien,
unwiderruflich. Ich wei es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich
glaube, der Grund lag in der berzeugung, da sie mich nicht
wiederliebte und niemals lieben wrde, stets nur mit all ihren Gedanken
an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hngend.

Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an
kleine frohe Mdchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten
knnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich
ertrumte mir das als hchstes Glck, denn dann war unsere Arbeit nicht
vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen wrde denjenigen, die
nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten,
Frchte tragen.

Ich will nicht sagen, da diese meine Trumereien gnzlich unpersnlich
waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir
unwillkrlich vor, da es meine Kinder wren und hinter ihren frhlich
lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, -- meiner
Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn
ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmglich zu sein ...

Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht fr Menschen
geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwrfe. Wie wird, dachte ich,
das Schicksal der zuknftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von
uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben
eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus
gengend kennen gelernt, um zu wissen, da sich die Menschheit auf ihm
niemals wrde entwickeln knnen wie auf der Erde. Der Mensch wird hier
immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -- zu spt gekommen
ist. Ja, zu spt. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mgen,
ein absterbender Globus.

Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhrt kleinen Teil der
Oberflche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die
groartig und ppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische
besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind,
kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, da ich auf die Pracht einer
untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehrt sich zu
entwickeln. Es ist reif, berreif sogar, und wartet auf das Ende. Und
diese Natur, die hier seit unvergleichlich lngeren Zeiten arbeitet als
auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, frher als sie
erkaltet und frher Welt geworden ist), hat es nicht vermocht, ein
vernnftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte,
ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor
allem die Tatsache, da dieser Globus heute nicht mehr fr derartige
Wesen geeignet ist.

Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen
stiegen wohl in mir auf, aber das Gefhl ist strker als der abstrakte
Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, da hier nach uns
Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte
mir einzureden, da ich die Menschheit fr Tom wolle, um ihn vor dem
schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch
zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht fr
mich, um meiner selbst willen.

Ich wei nicht, wie Peter dachte und fhlte; aber sicher ist, da ihn
dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorber, ehe wir beide
uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha
war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide
saen schweigend am Meeresstrande.

Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann
zhlte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.

-- Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.

-- Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch
die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und whrend denen wir
in Wirklichkeit keine Untergnge hatten ...

-- Und was weiter? fragte Peter.

Ich zuckte die Achseln.

-- Nichts. Noch einige Untergnge, vielleicht einige zehn oder hundert,
und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.

-- Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fgte er
hinzu:

-- Jedenfalls steht es schlecht.

Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:

-- Martha ...

-- Ah, ja, Martha, wiederholte ich.

-- Man mu etwas beschlieen!

Mir schien es, da in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich
mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das _Mare Frigoris_ nach
Woodbells Tod erinnerte. In mir emprte sich etwas. Ich sah ihm fest in
die Augen und sagte mit Nachdruck:

-- Man mu.

Er lchelte seltsam und antwortete nichts.

An diesem Tage sprachen wir nicht mehr ber diese Angelegenheit. Die
lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz
wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschftigt. Wir
beobachteten ihre grenzenlose, mtterliche Zrtlichkeit, und wer wei,
ob nicht gerade damals, wenn auch unbewut, der schndliche,
widerwrtige Plan der Ausntzung ihrer Liebe fr das Kind in uns
aufkeimte, um sie unseren Wnschen geneigt zu machen. Jedenfalls
bestrkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, da man absolut
etwas beschlieen msse.

Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wlder zu
Fen des Otamor. Whrend dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit
endgltig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und
der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.

Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer
sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie,
als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich wei nicht, vielleicht
tuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns
beiden sollten wir Martha berlassen, und erst wenn sie keine Wahl
treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, da eine
sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich
weigern wrde, zu whlen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf
und erreichte so viel bei ihm, da er wenigstens damit einverstanden
war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich
bemerkte, nur ungern nach und als er endlich ja sagte, hatte er ein
eigenartiges Lcheln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam
tckisch.

Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch
lange hinaus, denn wir waren uns gewi darber, da Martha uns nur mit
Widerstreben anhren wrde. Peter ging nachdenkend und finster auf und
ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschftigt wre; ich irrte
am Meere herum, das Herz von einer unklaren, qulenden Angst erfllt. An
diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.

Und endlich kam der Mittag, schwl und hei. Die Sonne, die seit
hundertdreiig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer
unertrglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden
Regen warteten. Am Himmel, in sdstlicher Richtung, wo die Sonne schon
ber den quator gezogen war, trmten sich dichte schwarze Wolken auf.
In geringen Zwischenrumen, whrend denen die Luft erkaltet und schwer
ber uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die
Meeresfluten an den Strand, lie die Wlder erbrausen, brach die
perlenden Fontnen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die
tgliche Gewitterzeit verkndend.

Wir siedelten aus dem Sommerhuschen am Strande zu der Hhle in der
Gegend der Geiser ber, die uns fr gewhnlich als Schutz whrend des
Gewitters diente. Wir saen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom
spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Fen um
diesen Sttzpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf
und sich dann mit dem Ausdruck eines pltzlichen Entschlusses zu Martha
wandte.

Mein Herz schlug so heftig, da ich es im Halse fhlte. Das herannahende
Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich
noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem
befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen
Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in
ungleichmigen Atemzgen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke.
Ich blickte ihn in ngstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne
jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:

-- Martha, welchen von uns beiden wrdest du whlen?

Martha, durch diese pltzliche Frage berrascht, schien zuerst nicht zu
verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann
Peter an, dann wiederum mich und zuckte verchtlich die Achseln.

Peter wiederholte:

-- Martha, wen von uns beiden wirst du whlen?

Sein hartnckig auf sie gerichteter Blick mute ihr mehr sagen als diese
Frage, da sie pltzlich, alles verstehend, erblate und mit einem
leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder
das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.

-- Von euch niemanden! rief sie.

Peter trat ihr einen Schritt nher:

-- Und dennoch mut du whlen und ... und auswhlen! sagte er mit
Nachdruck.

Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vgel. Es
schien mir, da sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem
flehenden Ausdruck oder Zgern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein,
das mute eine Tuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie
im nchsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:

-- Ich werde niemanden whlen, und ich bin neugierig, wer es von euch
wagt, sich mir zu nhern! Ich will keinen von euch!

Und abermals schien es mir, da die letzten Worte weicher von ihren
Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war
unzweifelhaft eine Tuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott,
ich will und mu glauben, da es nur eine Tuschung war!

Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und
schaute interessiert der ganzen Szene zu.

Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.

-- Fort! schrie sie ngstlich, fort! Komm' ihm nicht zu nah'! Er ist
mein!

Peter rhrte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen,
starrte er Martha hartnckig mit einem verchtlichen Lcheln an.

-- Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.

Martha zgerte.

-- Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast
verstndnislos.

-- Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...

Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie ri die Augen weit auf, als
wenn sie pltzlich vor einem Abgrunde stnde, den sie bisher nicht
bemerkt hatte, seufzte tief und lie sich auf einen Stuhl fallen, da sie
anscheinend die Krfte verlieen.

-- Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flsternd, mit ratloser
Verzweiflung auf das Kind sehend.

Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklren, da sie aus
Liebe zu Tom einen von uns whlen msse. Sie werde doch nicht ihren
geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor
allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem
Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf
diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch,
der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft
Unabwendbare denken: den Tod.

Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem
Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die
menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat,
wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wste
zerstreut, wo man nichts dafr kaufen kann. Vielleicht werden ihm
schlielich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren
Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein
mssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer
ausdrcken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen;
wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird
an seinem Lager nur das grauenhafte, hhnisch grinsende Gespenst des
Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glcklicher als er,
weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr
fhig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein
treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund
und Kamerad war, lnger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich,
entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen,
angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte,
werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit
bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.

Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem
Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafr, half ihm,
sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die
rmste zu berzeugen, da sie um Toms willen einen von uns whlen msse
...

Martha hrte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zgen malte sich
anfnglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung,
Resignation.

Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha
sa stumm da.

Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen
von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehrt zu haben. Erst
als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als
wenn sie aus einem Traum erwacht wre. Sie schaute uns an und sagte dann
dumpf, mit Mhe die Worte hervorstoend:

-- Ich wei, da es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ...
Ihr habt recht ... Ich werde ... fr Tom ... alles tun ... Sie seufzte
krampfartig und verstummte.

-- Bravo! rief Peter, das lt sich hren! Also, fgte er, sich zu ihr
neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?

Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkrlich zurck,
als wenn sie von Widerwillen geschttelt wrde, beherrschte sich aber
sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es
mir, da ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick
eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden
Wildes.

Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreten Herzen zum Hirne. Auch
Peter mute ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblate und wandte
sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.

In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen
aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:

-- Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!

Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlsen knne.
Peter trat ungeduldig einen Schritt zurck.

-- Es ist Unsinn, noch lnger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen
wir Lose.

Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwl und furchtbar
zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; ber dem Meer
flammten blendende Blitze auf.

Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen.
Ich nherte mich ihm behutsam:

-- Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter
berhrend.

-- Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwrtigen! ...

-- Ziehen wir Lose! drngte Peter.

Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei
Taschentuchenden haltend.

-- Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am
Boden Liegende.

In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fhlte ich eine
seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als
wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewlzt htte. Ich
betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand
hervorsahen, und zuerst beschftigte mich die Einsumung, die an einer
Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf
dem _Mare Imbrium_, wo wir ebenso Lose ziehen sollten -- um den Tod ...
wie jetzt um ... die Liebe!

Peter wurde ungeduldig.

-- Zieh! rief er.

Ich blickte ihn an. Seine Zge waren verzerrt, seine Augen starr auf
mich gerichtet. Ich verstand pltzlich alles. Wenn ich das Los ziehe,
werde ich diesen Mann sofort tten mssen, da er, im entgegengesetzten
Falle, mich ermordet. Unwillkrlich schob ich die Hand in die Tasche und
suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, da ebensogut Peter
das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf
dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewutsein, da nur ein
elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn
empren? Perlender Schwei bedeckte mir die Stirn.

Wenn ich wte, da Martha mich lieber hat, da sie fr mich auch nur
ein ganz klein wenig mehr empfindet als fr Peter, wrde ich auf das Los
nicht warten.

Aber so ...

Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwrtigen ... Ihr!

Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder
mich vor dem Zufall beugen?

Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehrt zu weinen und sa still da,
auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wte, da wir hier,
einige Schritte von ihr entfernt ...

Ein grenzenloses, herzzerreiendes Mitleid mit diesem Weibe erfate
mich.

Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkrlich berhrte ich wieder
den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich
blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom,
den wir zum Werkzeug der Tortur fr sie gemacht hatten.

Pltzlich lie diese unerhrte Spannung der Nerven nach, und alles lste
sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgltigkeit und --
der Stolz. Ich ffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.

-- Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.

-- Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschlu.

-- Wie?

-- Wir werden keine Lose ziehen.

Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche,
und ich hrte das Knacken des Revolverabzuges.

Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getuscht. Mit einer
blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Hnden. Er beugte sich
nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fuste; in
seinen Augen flammte das hchste Entsetzen.

Ich hrte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick
schien es mir, da in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte
ich, da sie sich vielleicht um Peter ngstige. Ich schaute ihn an; er
blickte mir in die Augen mit einer ohnmchtigen, verzweifelten Wut. Es
schien mir, da er den Tod erwartete. Ich lchelte und schttelte den
Kopf.

-- Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und lie ihn los.

Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann
lchelte er gezwungen:

-- Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jnger, also
mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du
mir, da niemals ... niemals ...

Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.

Ich sah ihm in die Augen.

-- Ja, ich wei, es ist nicht ntig ... Ich danke dir, du bist ... sagte
er schnell.

Ein unbeschreiblicher Widerwille schttelte mich. Peter zgerte, wandte
sich dann schnell um und nherte sich Martha ... Auch ich schaute auf
sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach
jetzt Ha und eine grenzenlose Verachtung.

-- Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.

-- Ich wei es.

Ihre Worte klangen ganz gleichgltig.

-- Martha ...

-- Was?

-- Das Gewitter kommt heran ...

-- Ich sehe es ...

Peter seufzte nervs ...

-- Komm, flchten wir uns in die Hhle.

In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die
krampfhaft zusammengepreten Kiefer drangen nur mhsam die abgerissenen
Stze hervor und seinen Krper schttelten Fieberschauer.

Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hrte nur ihre gedmpfte,
gleichgltige Stimme:

-- Gut. Ich komme ...

Peter zgerte noch:

-- Martha, gib mir zuerst das Stilett.

Sie warf es auf die Erde, da die Schneide auf den Steinen klirrte, und
ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim
Hndchen und lief ihr nach.

Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen
Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Drhnen des Donners
verkndete den Anfang des Gewitters. Strmender Regen strzte herab und
erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!

Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in
verzweifeltes, unmnnliches Weinen ausbrechend ...

ber mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in
endlosen Regengssen.

So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.




                                 IV.


Es begannen fr mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen
zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich
mich nicht berwinden, ihr so zu begegnen wie frher. Etwas stand
zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefhl der Scham beiderseits oder
sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden,
kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und bla, fast hlich, verschlossen,
wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie
allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder
bewirken, da ihre finsteren Zge sich fr einen Augenblick im Lcheln
des Glcks erhellten. Der Sohn war fr sie alles. Sie dachte nur an ihn.
Sie nahm ihn oft auf den Scho, liebkoste ihn leidenschaftlich oder
erzhlte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von
der Erde, die wir zurckgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater,
der in dem Grabe auf der furchtbaren Wste schlief, von sich selbst ...

Peter war eiferschtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das
Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, da ich, der
ich seinen Charakter kannte, zitterte, er knne ihm ein Leid antun.
brigens war er auch auf mich eiferschtig, obwohl ich alles vermied,
was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein
und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie
und da ein Wort mit ihr wechselte, fhlte ich stets seinen unruhigen,
haerfllten Blick.

Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube,
er war der Unglcklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen
Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfllung
eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von
Eifersucht geqult an der Seite des heibegehrten, ihm kalt und
gleichgltig gegenberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich
habe mich unwillkrlich von ihm zurckgezogen und Martha gab zwar allen
seinen Wnschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, da sie ihn
lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn
den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte.
Ich habe niemals gehrt, da sie auch nur ein wrmeres, herzlicheres
Wort zu ihm gesprochen htte; wenn er ihre Hnde oder ihr Antlitz mit
Kssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie sa unbeweglich und
gleichgltig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermdung und ... des
Ekels.

Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein
Gefhl fr sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man
Liebe erzwingen knnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich
bemhte ihr seine bermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann
gleichgltig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu
widersetzen, zeigte sich in ihren Zgen. Wenn er etwas befahl, tat sie
es ohne zu murren, aber auch ohne zu lcheln, genau wie wenn er sie um
etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, da er manchmal in
ihr Ha und Emprung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren
Gleichgltigkeit herauszureien. Er ergriff also das letzte Mittel: er
verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu
berhren; ich sagte ihm einmal, da ich ihm den Schdel zertrmmern
wrde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufgte und er wute, da
ich seit jenem denkwrdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber
sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel spter und
zufllig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort
zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurckgab, nachdem
sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.

Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere
fallend, zu ihren Fen und schluchzte und flehte um Erbarmen.

Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade
von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurck und
hrte, als ich mich dem Hause nherte, lautes Sprechen und dann Peters
Weinen. Martha sa auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hgel
angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die
Berge erffnete. Zu ihren Fen im Sande lag Peter. Die
zusammengefalteten Hnde sttzte er auf ihre Knie und betete frmlich zu
ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.

-- Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht,
was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur
Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes
Weinen unterbrach seine Worte.

Martha zuckte nicht einmal.

-- Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.

-- Ich will deine Liebe!

-- Du bist mein Mann ...

-- Liebe mich!

-- Gut. Ich liebe dich ...

Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren
Gleichgltigkeit, da sogar mich ein frostiges Gefhl durchlief.

Peter sprang auf.

-- Weib, reize mich nicht! schrie er auer sich.

-- Ich werde dich nicht reizen.

Peter packte sie mit beiden Hnden bei den Schultern; seine Zge hatten
sich in ohnmchtiger Wut verzerrt. Unwillkrlich griff ich zum Revolver;
mein Blut hmmerte in den Adern, aber ich fhlte, da mir die Hand nicht
zittern wrde.

-- Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als
wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?

-- Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...

-- Gut. Schlage mich ...

Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.

Ich nherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt
ein Ende zu machen.

Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kmpfe
mitanzusehen, war mir im hchsten Mae qualvoll, und da auch sie mich
zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so
ergab es sich, da ich den grten Teil der langen Mondtage in vollster
Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewhnt. brigens
konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und
Langeweile ausfllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte.
Wohl hatte ich mir die Ehe eines von uns mit Martha anders
vorgestellt: Ich trumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von
Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das
unsern kleinen Kreis vereinen knnte, von langen, mit gedmpfter Stimme
gefhrten Plaudereien, die sich um das Glck und die Sorge und die
Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen wrden.
Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schnen Trume vernichtete, so
hatte sie mir doch ein unschtzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein
neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von
mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen
Wanderungen dachte ich unaufhrlich an sie. Fr sie sammelte ich
Vorrte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; fr
sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube
hervor und ordnete die Bcher; fr sie habe ich Ziegelsteine gefertigt
und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines
astronomisches Observatorium; fr sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder
aus dem Silber, das sich hier in groen Massen findet, verschiedene
Gerte geschmiedet, Glas, Papier und andere fr den zivilisierten
Menschen unentbehrliche Gegenstnde hergestellt. Ich habe mich so
unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden
sollten! Ich glaubte, da sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum
Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drckend
schwle Atmosphre verwehen mten, die zwischen uns herrschte.

Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz
einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Tchter. Sie kamen in der Nacht
zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom sa, ihr erstes
schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude
erfat, aber in demselben Augenblick schnrte mir ein furchtbarer
Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mhe die aufsteigenden
Trnen zurckhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen
lauschend, die aus dem anderen Zimmer herberdrangen.

-- Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint
dort so? Etwa Mtterchen?

-- Nein, Kind, nicht Mtterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie
du, vielleicht noch kleiner.

Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.

-- Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt.

Ich wute nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an.

-- Onkel, und weshalb weinst du? fragte er pltzlich.

Ja, wahrhaftig, Trnen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich?

-- Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken
antwortend als ihm.

Das Kind schttelte mit groer Wrde den Kopf.

-- Das ist nicht wahr! Ich wei, Onkel, da du nicht dumm bist.
Mtterchen sagte nicht so. Mtterchen sagte, da der Onkel gut ist, sehr
gut, nur ... nur ...

-- Nur was? Wie sagte dir Mtterchen?

-- Ich habe vergessen ...

In diesem Augenblick ffnete sich die Tr, und auf der Schwelle stand
Peter. Er war bla und sichtlich erschttert. Er lchelte mir bitter zu,
aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte:

-- Zwei Tchter ...

Und dann:

-- Jan, Martha will, da du ihr Tom bringst.

Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie
beide Hnde nach ihm aus.

-- Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das
ist fr dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst
verzeihen ... Aber das ist fr dich, nur fr dich, mein Liebster,
einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das
Kind an ihre Brust drckend.

Tom dachte nach.

-- Mtterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun?

-- Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen,
kssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und fr dich
arbeiten, wenn sie gro sind, hrst du?

-- Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind _meine_
Kinder!

Sie sah ihn khl an:

-- Ich wei es, Peter, das sind _deine_ Kinder ...

Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie strzen wollte,
aber er hielt sich zurck und sich ihrem Lager nhernd, sagte er so
sanft er konnte:

-- Das sind _unsere_ Kinder, Martha. Hast du fr mich kein Wort? Nichts?
...

-- O ja. Ich danke dir.

Darauf begann sie wieder das helle Kpfchen des Sohnes zu streicheln und
leidenschaftlich zu kssen:

-- Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Shnchen ...

Peter strmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwl und
bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschlielichen Liebe der
Mutter.

Die Geburt dieser zwei Mdchen, Lilli und Rosa, nderte nicht viel in
unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und
Peters blieben immer dieselben. Ich fhlte seit langem alles mit Martha;
aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid fr Peter zu empfinden. Er
wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner
Bewegungen lag eine tdliche Ermdung und Niedergedrcktheit. Einige
Jahre jnger als ich, ging er gebckt, und sein Haar begann zu ergrauen.
Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals
htte ich gedacht, da ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten
Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die
unerhrten Mhen der Reise durch die Wste berstanden hatte, brechen
knne. Der Grund war schlielich Martha, und doch konnte ich ihr keine
Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; auer
fr ihn und fr ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen --
das war das ganze Unglck.

Es schien mir sogar, da sie die Tchter nicht liebte. Sie kmmerte sich
zwar frsorglich um sie, aber es war ersichtlich, da sie dies nur mit
dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten fr sie nur die Bedeutung wertvoller
Spielzeuge fr den Sohn, die man nicht beschdigen darf, seltener Tiere,
die der Aufmerksamkeit und Pflege bedrfen, weil ihr Verlust kostspielig
wre. Sogar die Art, wie sie von den Tchtern sprach, bewies das, denn
sie sagte stets: Toms Mdchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch
finsterer.

Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem
in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise
war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das
Kind war sehr verstndig und ber sein Alter entwickelt. Er frug mich
ber alle mglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In
kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewhnt, da es mir unmglich war,
ohne seine Gesellschaft zu sein. Whrend meiner einsamen Mondtage war
ich unaufhrlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die
weiten Ausflge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn
sie wute, da er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause,
da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.

Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu
gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond gengte uns
dieses Gespann vollstndig, bequem und schnell von einem Ort zum andern
fahren zu knnen. Manchmal machten wir weitere Ausflge, die zwei und
mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rcksicht auf die kalten
Nchte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen
und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt
hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war auer fr Tom
und mich noch fr zwei Hunde Platz, ebenso fr reichliche
Nahrungsvorrte und Brennmaterial.

Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nrdlichen Strand des
Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so
weit, bis uns die schon dnner werdende Luft an den Grenzen der Wste
zur Rckkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerckte Punkt,
wohin wir gelangten, war das _Mare Humboltianum_, eine Ebene, die
ungefhr unter derselben Mondbreite gelegen wie das _Mare Frigoris_,
manchmal von der Erde, whrend gnstiger Librationen des Mondes,
sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wlkchen auf dem rechten Segment
des oberen Teiles der silbernen Scheibe.

Und wir erblickten von dort aus die Erde, die ber dem Horizont
emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwchige Nacht daselbst
aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen,
seit lnger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.

Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Flle (wir befanden uns
nmlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren
Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glhende, etwas
gertete Scheibe bemerkte und die ber sie gleitenden hellen Linien
Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heie Sehnsucht nach
diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, da ich,
hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung
fr eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit
einer unverstndigen beinah kindlichen, aber nicht zurckzuhaltenden
Bewegung die Hnde nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn
auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die
Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte:
schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine
unbeschreibliche Traurigkeit kam ber mich.

Aller Jammer, alles Unglck und Elend, alle wilden Leidenschaften, die
dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar
der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf
diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit
thronte. berall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn berallhin
trgt er in sich selbst den Keim des Unglcks.

Tom weckte mich aus meinem finsteren Grbeln. Er stand neben mir, eben
aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte
leuchtende Rund am Himmel.

-- Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Hndchen nach
oben deutend.

-- Du weit doch, das ist die Erde, ich sagte dir fter, da ich dich
hierherfhren wrde, um sie dir zu zeigen. brigens sahst du sie ja
bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht?

-- Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders,
auf der einen Seite zackig und diese ist rund.

-- Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach.

-- Onkel ...

-- Was?

-- Ich wei es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich
morgens entrollt wie diese groen Bltter.

Ich bemhte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Vernderung der
Erde zu erklren. Er hrte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht,
was ich sagte.

Endlich unterbrach er mich mit der Frage:

-- Onkel, und was ist das, diese Erde?

Ich erzhlte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, da dort Meere sind,
Berge und Lnder und Flsse wie auf dem Monde, nur weit grer und
schner; da es dort viele Huser gibt, nebeneinanderstehend, die man
Stdte nennt und in diesen Stdten viele, viele, unzhlige Menschen
wohnen und kleine Kinder. Ich erzhlte, da wir von dort auf den Mond
gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht
mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen
er so gerne spielt.

Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzhlung mit groem
Interesse zuhrte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart
streichelnd:

-- Das wei ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach' bitte keinen Spa,
sondern sage ganz vernnftig, was ist das, diese Erde?

Beide Hunde standen neben uns, und die Kpfe zur Seite biegend, schauten
sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rckfahrt an. Die Erde,
durch den Tagesglanz verblat, schien hinter uns nur noch wie eine
aschgraue, kreisfrmige Wolke, die ber dem Horizont sichtbar war.

Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Sden. Der Strand
des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefhr zwischen
dem fnfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des
140. stlicher Mondbreite gegen den quator zurck, eine mehrere
Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge,
die sich mit den Lndern der sdlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte
mich darber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies
gelang mir nur bis zum dreiigsten Parallelkreis. Weiter nach Sden zu
war das Klima unmglich zu ertragen. Die Nchte waren trotz der Nhe der
Meere so kalt, da sie mich an die Frste erinnerten, die auf der
luftlosen Halbkugel herrschten, und whrend der furchtbaren Glut des
Tages hrten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war
felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts --
nur eine tote Wste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die
scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten
durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhllt waren.
fter whrend dieses Ausfluges bedauerte ich schon, da ich Tom mit mir
genommen hatte, weil ich frchtete, wir wrden beide ums Leben kommen.
Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht
vorwrtskamen, hielten wir uns an dem stlichen Strand, wo sich zu Fen
wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene
erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die
von der Anziehungskraft der hier sehr krftigen Sonne hervorgerufen ist,
so gestiegen, da seine Oberflche fast die Oberflche des Strandes
erreichte. Da ich eine berschwemmung des Weges, den wir passierten,
befrchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um,
als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die
mchtigen Wogen ergossen sich ber den Strand; eine davon traf unseren
Wagen und warf ihn zurck, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es
war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an
dem Felsen, und nachdem ich ihn von auen dicht geschlossen hatte begann
ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich
habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals.
Mit den Fen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen,
mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefat, der vor Entsetzen
zitterte; unter mir das tobende, schumende Meer und ber mir eine
Wolke, aus der sich die Donner entluden und strmender Regen
herabstrzte. Zum Glck schtzte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan,
sonst wre ich unzweifelhaft mit den Steinblcken, die, durch den Sturm
vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe
geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den
Wagen, der unten zurckgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen
die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen
zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschdigten, wren wir
unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fu, ohne Lebensmittelvorrte,
ohne Schutz vor der Klte, unmglich nach Hause gelangen konnten. Als
ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen,
zudecken und so festbinden konnte, da er vor dem Sturme in Sicherheit
war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurck, um den Wagen besser zu
befestigen. Nach vielen Mhen glckte es mir endlich, ihn in eine Kluft
zu bringen, wo er vor den Wellen geschtzt war.

Wieder bei Tom angelangt, sa ich einige Stunden mit ihm, das Ende des
Gewitters abwartend. Das verngstigte Kind schmiegte sich an mich und
frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht
antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die
Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond
gekommen sind ...

Durch die Erfahrung betreffs der Rckkehr vorsichtiger geworden, whlte
ich einen Weg, der hoch ber dem Meeresspiegel fhrte.

brigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns whrend der
Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflge legten wir ohne
Abenteuer in froher Stimmung zurck.

Wir hatten auch ein groes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der
sich einst im Besitz der unglcklichen Remogners befand, haben Peter und
ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung
der treibenden Schraube. Die Schaluppe bentzten wir zu
Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich fter darin mit Tom des Vormittags
oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.

Whrend einem dieser Ausflge entdeckte ich eine Insel, die in jeder
Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich ber ihre
Gestalt ...

Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder
durch Vulkane an die Oberflche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom
Wasser berfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich
sofort den Eindruck des berrestes eines vom Meere verschlungenen
Landes. Sie war gro und ziemlich flach, lediglich im Sdwesten erhob
sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm
zerbrckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die
Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem groen Umkreis so flach
und mit Sandbnken angefllt, da es uns schwer fiel, mit der nicht
tiefgehenden Schaluppe zu landen.

Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stckchen Boden, das
den uns bekannten Mondgegenden so gnzlich unhnlich war. Vor allem nahm
uns die vollstndig verschiedene Flora wunder. Weniger ppig wie
anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich grere
Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde
traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits
bekannt waren, aber dafr eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner
anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie
machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, berall
ausgestoenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten,
existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen
Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Lnder waren und das
Wasser andere Gegenden berflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die
Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht
viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten.
Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und
Verhalten. Als ich mich nherte, krochen diese gebrechlichen,
degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten
mich verstndig und prfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund,
den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die
Flucht vor ihm und stieen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus.
Wie ich mich berzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich
geben konnten.

Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich ber alles und blieb
fortwhrend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel
beschftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die
Stellung der Bltter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade
einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:

-- Onkel, Onkel, komm her und sieh, was fr schne Stcke!

Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer
Unmenge weier dnner langer Knochen umgeben. Ich prfte sie nher und
wute auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrhren konnten.

Nach lngerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen
merkwrdigen Gegenstand: es war ein Stck dicken, auf der einen Seite
stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer
erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn
dies wirklich ein knstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf
dem Monde einst verstndige Wesen gelebt.

Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem _Mare
Imbrium_ vor uns auftauchte und die so denkwrdig war durch den
entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten
damals jene Felsen, die Ruinen so tuschend hnlich sahen, nicht nher
betrachten knnen, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das fr
die Existenz vernnftiger Geschpfe hier lange, lange vor unserer
Ankunft zu sprechen schien.

Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Fen
der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich htte von der
Richtigkeit meiner Vermutungen berzeugen knnen. Zwar schien es mir,
da ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer
zweckmig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah
ich zwei, drei Stck versteinerter Wurzeln, die gewissermaen
Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den
Teich zu ergieen, schien mir knstlich erbaut zu sein. In einer anderen
Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der berrest einer
zertrmmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls
sein oder nicht verstndiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben
doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.

Ich konnte also dieses wichtige Rtsel nicht lsen, aber die
vorgenommenen Untersuchungen bestrkten meine Vermutungen, da diese
Insel das berbleibsel eines greren, im Meere verschwundenen Stck
Landes sei, und gaben ein annherndes Bild von der Mondwelt und des sich
auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwrtigen
Epoche vorausgingen.

Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher,
um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne
golden gefrbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der
Rest dieses Landes versank und ein wer wei wie seltsames und reiches
Leben.

Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, ber denen
der finstere, fast unaufhrlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mchtige
Otamor thronte. Das Meer schumte, seine Wogen zu der am Himmel trge
wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen,
das etwas vom Rauschen dahingegangener onen, etwas von der
geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in
Halbschlaf gewiegt, trumte, was wohl an diesem Globus vorbergezogen
sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.

Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht khlte sich damals die
Erde, in dem frostigen Weltenraum hngend, erst auf der Oberflche ab,
und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des
Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher ber
diese Lnder und Meere, dem ppig erwachenden Leben kurze Tage und
Nchte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne
unertrgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht ber der
furchtbaren Wste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und
untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose
Ebene.

Es konnten doch lange, unerhrt lange Zeiten der Starre auf dieser
Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor
und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des frheren Lebens
verwischen, da es heute scheint, als wenn sie eine Wste gewesen wre
seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.

Ich schlo die Augen und stellte mir vor, da ich in dem unaufhrlichen
eintnigen Brausen die Stimmen jenes ursprnglichen Lebens vernehme.
Wlder von hohen mchtigen Bumen, die sich vor dem Froste der langen
Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen,
ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, krftig,
riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten
Nachkmmlinge; zwischen den sten schlagen die Flgel fliegender
Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort ber den
Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund
der Erde.

Und wer wei, wer wei, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den
Mauern herrlicher Stdte, von schlanken Trmen herab verstndige Augen
schauten? Ob sich nicht Hnde diesem Lichte entgegenstreckten, um den
silbernen Schutzengel, der die langen Nchte erleuchtet, zu gren?

Wer wei, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, da auf
diesem mchtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls
denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?

Und unwillkrlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie ri
sich vom Monde los wie ein aus dem Kfig flatternder Vogel und eilte
weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde,
die mir die Sehnsucht so gttlich schn gestaltete und so zauberisch
malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.

Tom unterbrach gewhnlich diese Trume auf der Friedhofinsel; das lange
Schweigen machte ihn ungeduldig.

Dann kehrten wir nach Hause zurck, wo die Mutter den Kleinen
sehnschtig erwartete.

Hier gehrte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zrtlich in ihre
Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Ksse beendet
waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich
stets wiederholende Erzhlung von dem jungen, schnen und guten
Englnder, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter
dem Sande der groen, stillen Mondwste schlummerte. Eigentlich erzhlte
sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heien Trnen flossen
auf das helle Kpfchen des Kindes.

Peter grbelte gebrochen und niedergedrckt im Hause ber etwas nach
oder ging nach den Mdchen zu sehen.

Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurck, um in der
Einsamkeit zu trumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschftigen.

Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre
schwanden, mhsam an den Mondtagen gezhlt; Tom wurde grer und die
Mdchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber fr mich hat
sich nichts gendert.

Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wsten Lande umher, verbrachte
lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam,
blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und
auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ...

Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen
und wuchs mit den Jahren, bis sie schlielich eine furchtbare,
unertrgliche, mich zu Boden drckende Last wurde. Um mich vor ihr zu
schtzen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm groe
Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der
Unterbrechung, wenn ich mde und erschpft niedersank, kehrte sie wieder
-- sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Zge meiner
Kameraden hier und gaukelte mir Trume vor von jenen dort, die ich auf
ewig verlassen hatte ...




                                  V.


Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der
Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen,
dort auf der Erde, nherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende,
seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter
werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn
sie hoffte, da es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum
Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer
Unterbrechung heranrckte, sagte sie zu uns:

-- Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener
und Sklaven gebe ...

Sie sagte das scheinbar gleichgltig, als wenn sie eine ganz natrliche
Sache erwhnte, aber ich hatte das Gefhl, aus ihrem Ton noch etwas
Unausgesprochenes herauszuhren ...

Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Sthnen
eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen
Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfllt, da er sie
getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last
zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.

Peter war vollstndig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie
verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat
und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es
unbewut geschhe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals,
nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lchelte
verchtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er fate den
Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn
lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber fr sein
Alter auffallend schmchtig. Der Stiefvater schob den breiten rmel der
Bluse des Kindes zurck und entblte seine zarte Schulter, schlug
leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hften und
Knie, klopfte auf die Brust, lchelte wieder hhnisch, und die Hand auf
den Kopf des verngstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend,
jedes Wort betonend, durch die Zhne:

-- Ja ... Tom ist stark genug, um den Mdchen zu befehlen, aber sein
Bruder kann strker sein.

Martha erblate und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis
dauerte nicht lange. In den glnzenden Augen des Kindes las sie
scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schpfer einer neuen
Ordnung geschrieben stand, denn sie lchelte nur und antwortete kurz:

-- Tom wird strker sein, wenn auch der andere grer sein sollte.

In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjhriger Knabe,
ungewhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte
sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz
anders, wie sich fr gewhnlich das Gemt der Kinder dort auf der Erde
entwickelt. Beizeiten lernte er Selbstndigkeit und hatte einen so
ausgeprgt praktischen Sinn, da wir manchmal staunten. Es war keine
Spur einer kindlichen Schwrmerei an ihm zu entdecken; Tom war nchtern,
so entsetzlich nchtern, da es mir manchmal weh tat, wenn ich auf
dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von
keinerlei Trumereien getrbt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter
dem kahlen Schdel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel
Herz: er liebte die Mutter zrtlich und hing sehr an mir; nur Peter
konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewut, wie sein Vater,
war er in Peters Gegenwart verngstigt und verwirrt. brigens wei ich
es nicht einmal, ob ich die Ausdrcke recht gewhlt habe, um zu
beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters
vorgehen mute. Tom schwieg alsdann stets so hartnckig, da es schien,
als wenn er lieber alle Qualen ausstehen wrde als die Lippen ffnen.
Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber
auch Trotz, Verbissenheit, Ha und Widerwille lagen darin. Peter fhlte
und sah das, und es schien mir, da er schon damals dieses seltsame Kind
frchtete.

Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen
geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden
Geistes der Englnder in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen
Radschas aus Travancore.

Daher bin ich auch berzeugt, da, wenn er einen Bruder bekommen sollte,
der grer und strker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen
und ebenso demtig in seine Augen schauen wrde, wie die beiden kleinen
Schwestern Lilli und Rosa.

Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mdchen zur Welt,
das wir Ada tauften.

Martha begrte ohne Freude und Rhrung die Geburt dieses Kindes.

-- Tom, sagte sie einige Stunden spter, als wir auf ihren Wunsch den
Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr
haben, aber du hast dafr drei Schwestern. Sie mssen dir gengen als
Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ...

Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mdchen, was er mit
der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa
um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie
gewhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berhrte
leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskrften schreiende Geschpf
und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend:

-- Sie werden gengen, Mtterchen, sie werden gengen ...

-- Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des
Kindes unangenehm berhrt, du mut gut zu ihnen sein.

-- Weshalb? fragte er naiv.

-- Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.

-- Sie lieben mich auch so ...

-- Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mdchen fast einstimmig.

-- Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben
dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine knnte dich
vielleicht auch _nicht_ lieben ..

Tom antwortete nichts; ich bemerkte, da er voller Mimut auf das
Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog.

Schlielich ist es ganz gut, da Tom kein Bruder geboren wurde, er wre
sein Sklave oder -- sein Feind geworden.

Ich verlie das Zimmer und dachte lange ber die furchtbare Ironie des
menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte.
Zu O'Tamor eilten meine Gedanken. Edler Trumer! Wie er es sich so schn
vorstellte, da hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas',
die vor dem schlechten Einflu der irdischen Zivilisation bewahrt
blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblhen wrde, dem alles fremd
und unbekannt wre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglcks auf
der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, da der kluge,
edle O'Tamor nur eines vergessen hat, nmlich da die Nachkommenschaft
des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die
in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der
menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste
Ironie, da der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die
Sterne hinbertrgt, die am fernen Himmel ber ihm leuchten?

Es ist gut, da Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit
der Bruderkmpfe und Feindseligkeiten hinausgerckt, und wir werden
vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen
...

Und die Mdchen? ... Es scheint mir, da sie dazu geschaffen sind, ihm
zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefgte
Unrecht verstehen, sondern glcklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und
Herr sich ihnen gegenber manchmal gndig zeigt ... Bezglich Lilli und
Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie
ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um
irgendwelche Vermutungen bezglich ihrer zuknftigen Stellung zu dem
Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, da sie ihn nicht so liebt
wie die lteren. Tom ist ihr gegenber ebenfalls sehr gleichgltig.

Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen
Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige,
wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich
den Bedingungen der Mondwelt, die fr uns von der Erde Gekommenen immer
fremd und unertrglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben,
vortrefflich angepat. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel fr
uns die Regulierung des Schlafes. Whrend des langen Tages mssen wir
fast ebensoviel schlafen wie whrend der Nacht. Das bringt das
Unangenehme mit sich, da wir den dritten Teil der Zeit, whrend der die
Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas
Unnatrliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafr sitzen
wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Klte, der Dunkelheit
und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile geqult. Die Kinder,
die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, hchstens
zwei Stunden in zwanzigstndigen Pausen, aber dafr schlafen sie fast
die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach
Sonnenuntergang berkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie
in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, hchstens vier
Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die
Zieselmuse oder Vgel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte
Dmmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkndet.

Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die
Hitze schwcht sie nicht in dem Mae und ruft nicht die Erregung noch
den Schlaf hervor wie bei uns.

Aber am meisten wundert es mich, da die Kinder auch gegen die Klte
viel abgehrteter sind als wir lteren. Am Morgen, wenn es am kltesten
ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und
entfernen sich, sogar ziemlich weit, whrend wir uns alsdann nur im
uersten Notfalle ins Freie wagen.

Der Anfhrer dieser morgendlichen Ausflge ist immer Tom. Die beiden
lteren Mdchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend
von derselben blinden Anhnglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese
Mdchen bilden den stndigen Hof Toms.

Ich glaubte anfnglich, da die Kinder im Schnee spielen gehen, der frh
nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in
der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich
berzeugt, da die kleine Schar unter der Fhrung Toms in aller Frhe --
auf die Jagd geht! Seltsam, da wir noch nicht auf diesen Einfall
gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Klte
in die Erde ein und schlafen whrend der Nacht.

Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzgliche Witterung hat,
herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der
verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie
aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon
bemerkte, nicht zu genieen, aber dafr liefern ihre Hute uns schne
dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr hnlich ist.
Das Jagen ist whrend des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch
den sie verfolgenden Hunden gegenber mitrauisch geworden sind. Wie
gro war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Hute
brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam
gegerbt! Diese letzteren stammten von frheren Jagden. Der Junge sah,
wie wir die von den toten Tieren gerissenen Hute mit scharfen Muscheln
gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande
befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht
viel schlechter als wir!

Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau
unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder
Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials.
Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber fr
Bcher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was
einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kmmert er sich sehr wenig.
Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der
dortigen Vlker, ihn mit den seinem Verstande zugnglichen Meisterwerken
groer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, da
ihn das absolut nicht interessierte, so groes Interesse er auf anderen
Gebieten zeigte. Zunchst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich
glaubte, da ich in ihm einen historischen und sthetischen Sinn wecken
knne; erst als er mich whrend einer derartigen Lehrstunde einmal ganz
unvermittelt fragte:

-- Onkel, warum erzhlst du mir das alles? -- gab ich die
diesbezglichen Bemhungen auf.

Ich wute nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu?
... Und er sagte weiter:

-- Das alles, was du mir da erzhlst, soll wahrscheinlich auf der Erde
sein, die ich, wie ich mich erinnere, whrend eines Ausfluges gesehen
habe, wie eine groe leuchtende Kugel, und von der du, Onkel,
hierhergekommen sein sollst, nicht wahr?

-- Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der
berhaupt die Menschen stammen.

Der Knabe sah mich an, als wenn er zgerte zu sagen was er dachte, und
endlich kam es mit etwas schchterner Miene heraus:

-- Aber ich wei nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.

Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem
man Dinge erzhlt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm
gesehenen Planeten abspielen, ganz natrlich ist.

-- Hast du dich jemals berzeugt, da ich die Unwahrheit spreche?

-- Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser
hinzufgte:

-- Aber jetzt kann ich mich nicht davon berzeugen, da du die Wahrheit
sprichst ...

Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.

-- Weit du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, da ich oder Peter
oder deine Mutter ein solches Werk herstellen knnen? Du siehst auch
Bcher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir
gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von
der Erde mitgebracht htten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen
sind, so mssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht.

Der Knabe dachte nach.

-- Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen?

-- Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.

-- Weit du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bcher und
Vergrerungsglser machen und erzhle mir nicht mehr davon, wie man da
von einem Europa nach Amerika fhrt, oder was dieser Alexander der Groe
gemacht hat und der andere, Napoleon ...

Ich mute in meinem Innern zugeben, da Tom recht hatte. Er war doch
niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzhlen, was
mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese
Belehrungen sind nutzlos fr ihn; und wenn er oder seine
Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der
vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, da man sie, die
Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen
der toten Wste aus sehen kann, so werden diese Bcher, die wir
mitgebracht haben, den zuknftigen Mondbewohnern mrchenhafter
erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus
Tausendundeiner Nacht.

Seitdem beschlo ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem
zuknftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert fr ihn hat. Dazu
zeigte er auch eine ungewhnliche Lust.

Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, da sie ihm von
Nutzen sein knnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die
Astronomie sehr wenig, aber er beschftigte sich mit wahrem Feuereifer
mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man
aus der Messung des Hhenstandes der Sterne ziehen kann.

Ich bin berzeugt, da, wenn wir die Bcher nicht mit hierhergebracht
htten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale
Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde berlieferten geistigen
Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des
unzweifelhaft befhigten, aber unerhrt nchternen Tom wrde sie sicher
nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses knftige
Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht
wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, da der menschliche
Geist mchtig ist, da er Groes und Schnes schafft und seinen Gott
ber den goldenen Sternen sucht! Da er unaufhaltsam vorwrtsdringt und
in glhendem Begehren nach Wahrheit und Schnheit strebt. Da dieser
Geist die strkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn
umgebenden Natur ist, und sie ihn schtzen lernen und aus seiner Kraft
Nutzen ziehen.

Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so
wenig Verstndnis dafr hat; ich lechze danach, als wenn ich frchtete,
da mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle
sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes
nur mehr er sein und diese alten Bcher, die zugleich mit den Menschen
von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden.

Als ich ihm einst sagte, er msse fleiig sein und alles lernen, nicht
nur das, was ihm gefllt, denn er wrde in Zukunft der Erzieher des
neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte:

-- Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ...

-- Ich werde dann nicht mehr leben.

-- Wer wird dich tten?

Tom verstand nicht, da es einen natrlichen Tod gibt. Er sah die
getteten Tiere und ttete sie selbst, aber er sah noch nie ein
sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu
erklren. Er hrte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich pltzlich,
indem er rief:

-- Also wird auch Peter sterben?

-- Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schlielich du selbst
...

Tom schttelte den Kopf:

-- Ich werde nicht sterben, denn ... was htte ich davon?

Ich lachte unwillkrlich ber diese kindliche Bemerkung und setzte ihm
abermals auseinander, da der Tod nicht von dem menschlichen Willen
abhnge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas
anderes. Endlich sagte er mit gedmpfter Stimme und wie zgernd:

-- Onkel, wenn Peter sterben mu, so soll er frher sterben wie du,
zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollstndig
unntig. Dann wrdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es
wre uns allen wohl ...

Ich erklrte dem Knaben, da er niemandem den Tod wnschen drfe und um
so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa
sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:

-- Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir
viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist berflssig.

Ich fhlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und
gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in
letzter Zeit auch mir fter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht
anklagen. Ich hielt den einmal gefaten Entschlu und harrte auf dem
freiwillig gewhlten und so unerhrt lcherlichen Posten eines
gutmtigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekmpft, was ich
gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.

Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser
Welt, stets um mich, ich sah, da sie unglcklich war und manchmal
redete ich mir sogar ein, da sie mit mir glcklicher wre. Es gab Tage,
wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche
prete, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zhne hielt, weil ich
glaubte, es nicht lnger ertragen zu knnen.

Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das
Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust
zusammenschnrte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen,
die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn
nahe brachten.

An jenem unvergelichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten,
dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, da ich mit der Zeit ruhiger
wrde und vergessen knnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin,
vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete
ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das knftige Geschlecht:
Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich
nach langer, dank ihrer Pflege glcklich berstandener Krankheit, mit
ihr auf den wonnigen, in Dmmerung gehllten Wiesen wandelte, ber
gleichgltige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.

Meine Muskeln und Sehnen sind krftig und rstig, aber mein Geist
beginnt zu altern, ich fhle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf
meiner Seele und eine immer grere Trauer greift um sich in meinem
Innern: Ich sehe nicht nur durch Trnen, nein, ich denke auch nur noch
durch Trnen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht lter und
schwcher werden, im Gegenteil, sie wchst mit dem Alter, zugleich mit
der mich immer mehr bedrckenden Sehnsucht. Ich wei, da ich lcherlich
bin, und ich kann nicht einmal ber mich lachen.

Manchmal versuche ich es, zu sptteln. Ich wiederhole mir brutal, da
ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde
ist und nicht mir gehrt; da dieses erhabene Gefhl ein nur in dem
Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang
ist, und viele, viele hnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum
hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkrlich Martha und
ich fhle, da ich mich freudig ans Kreuz schlagen liee, wenn ich
dadurch ein einziges heiteres Lcheln auf ihre Lippen zaubern knnte.

Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem
anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefhl des
Rechts. Ich wei nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf
einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, da es
in uns lebt und sich laut vernehmen lt, sogar da, wo es niemanden
gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen knnte.

Martha gehrte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser
Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurck, was ich
sonst vielleicht getan htte. Ich bemhte mich, sie zu meiden, um meinen
Verdacht vor mir selbst, da ich mich ihr zu gefallen bemhte, zunichte
zu machen. brigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich
bemerkte sogar, da meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfllte. Aber
das alles hat sich seit der Geburt des jngsten Mdchens gendert, da es
nach dieser zum vollstndigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen
ist.

Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang,
saen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf
das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die,
leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu
phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war
vollstndig blutig gefrbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die ber dem
Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe.

Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verndern, ohne
uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann
sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging,
da ihre Stimme anfangs zitterte.

-- Ich habe ein groes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt
meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafr
ben, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkrperungen ...
Aber ihr wit, da ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in
dem er selbst wiedergeboren ist und fr mich lebt. Ich habe niemals
daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr
hattet, geht mich nichts an; ich wollte, da Tom Schwestern und einen
Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und
ich denke, da ich meine Pflicht erfllt habe ... Eine schwere Pflicht,
du weit es, Peter. Du tust mir leid, denn du tuschtest dich, da du
mir etwas mehr sein knntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber
jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurck zur Freiheit! Ich
frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme
sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ...

Sie seufzte tief auf und verstummte.

Wir waren so berrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die
Art, wie sie sie hervorbrachte, da wir eine Weile schweigend dasaen,
ohne eine Antwort finden zu knnen. Was sollte man ihr auch erwidern?
Sie wartete ja nicht einmal darauf ... Ich nehme mir die Freiheit ...
Ich bin nicht mehr dein Weib ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese
Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang drhnten sie mir in den Ohren wie
die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich
nicht einmal zu ertrumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr
schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser
eine Satz all das Traurige, das an mir vorbergegangen, verwischte und
vernichtete; in der Brust empfand ich eine Flle, ein Glcksgefhl; das
Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen.

Ich blickte auf Martha.

Sie sa unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein
unsagbar trauriges Lcheln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen
wollte.

Ich nehme mir die Freiheit ... so hatten diese Lippen vor kurzem
gesprochen.

Aber ihre Augen und ihr Lcheln sagten jetzt deutlich, da sie diese
Freiheit nicht als Flgel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind,
sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Da diese
Freiheit fr sie keine Dmmerung ist, die den Tag verkndet, vielmehr
eine Dmmerung, die dem Ausruhen vorangeht.

In ihren Augen erglnzten Trnen, und durch diese Trnen starrte sie
unaufhrlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer.

Das Herz schnrte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich
begriff endlich, da man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber
da es unmglich ist, sie auszulschen.

Peter indessen sagte trocken:

-- Mir ist alles einerlei.

Und nach einer Weile fgte er hinzu:

-- Was beabsichtigst du jetzt zu tun?

Martha zuckte zusammen:

-- Nichts ... Noch ein wenig fr Tom zu leben, fr die Kinder. Und dann
...

-- Fr die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.

Vom Strande kamen gerade die beiden Mdchen gesprungen, lachend,
strahlend, die Schrzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und
Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mhlen
baute.

Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.

-- Fr die Kinder ... wiederholte er noch einmal und sttzte den Kopf
auf die Hnde.

Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berhrte
schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu
frben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der
Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande
zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der
Kinder.

Pltzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.

-- Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn
schon lange nicht mehr bei ihr gehrt hatte, vergib, ich war vielleicht
... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann
nicht ... Es tut mir leid, da du durch mich ... ein solches Leben
hattest ...

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre
ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach pltzlich in
ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.

-- Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel
Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine
neue Wahl? Ha! ha! ha! Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.

Er lachte wie toll und stie verschiedene unverstndliche Worte hervor.
Dann brach er pltzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause.

Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens
und der Demtigung in den Zgen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam
verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach -- zum erstenmal seit
damals, als sie Peters Weib wurde.

Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrckter als gewhnlich.

Die lange, vierzehntgige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu
sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten
gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die blichen
Tagesbeschftigungen, sprachen sogar zusammen wie frher, die
Scheidung nicht erwhnend, die sich seit jenem Abend tatschlich
vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha
waren derart, da wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden.
Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Vernderung in Marthas
Stimmung. Ich will nicht sagen, da sie heiterer war, aber der Druck,
der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach
freimtiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die
herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies.

Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rtsel
bleiben.

Scheinbar hatte er alles gleichgltig hingenommen, und das widerwrtige
Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeifhrte, war die
einzige uerung seiner verborgenen Gefhle. Und dennoch, wie viel Leid,
wie viel Demtigung und Schmerz mute sich in der leidenschaftlichen
Seele dieses Mannes angehuft haben! Und welche Kraft des Willens
gehrte dazu, um all das herunterzuwrgen und in sich zu verschlieen!
Denn er liebte sie trotz alledem -- und liebt sie bis zu diesem
Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.

Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich
gerade von einem Ausflug auf das Meer zurckkehrte und das Boot an einem
Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als
wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte
nicht. Dann, als wenn er pltzlich einen Entschlu gefat htte, packte
er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend:

-- Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich
Martha nahm, gegeben hast ...

Ich blickte ihn erstaunt an und wute noch nicht, wo er hinauswollte.

-- Du hast mir damals versprochen, da du dich niemals darum bemhen
willst, Martha fr dich zu gewinnen -- niemals! Erinnerst du dich?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.

Peter lchelte bitter.

-- brigens wie du willst. Das ist lcherlich. Wie du willst. Aber erst
... knalle mich nieder.

Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft,
da mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen,
aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.

Seit dieser Zeit begannen fr mich die furchtbarsten Kmpfe und Qualen.
Martha gehrte in der Tat keinem von uns und dennoch fhlte ich, da es
ein zweifaches Verbrechen wre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein
Verbrechen ihr gegenber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der
Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um
ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrckt und unglcklich war,
da jedes ihm zugefgte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wre.
Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten
mute, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wnschte,
und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen
qulten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende
Zuneigung fr mich zu entdecken. Sie lchelte mir oft zu und nannte mich
wie frher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich
sagte mir, wenn Peter nicht wre, knnten wir beide miteinander
glcklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernchterung. Martha ist
mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals
zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten
getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefhle verletzte, nie
ihren Krper berhrte noch ihre Seele, die sie fr alle Ewigkeiten nur
jenem geweiht hat, der unter dem Sande des _Mare Frigoris_ schlft, fr
mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert htte ...

Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...

Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters
Otamor. Die Mdchen lieen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man
sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus
durch das Gestrpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wlder
mchtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf
eine abschssige Ebene, die einer weiten Alm hnlich und mit flach am
Boden wachsendem, groblttrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns
der Weg schon fter gefhrt, jedoch wollten wir hher hinauf, wenn es
mglich wre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den groartigen Anblick
zu genieen, der sich von der Spitze dieses hchsten Berges der ganzen
Gegend bieten mute.

Das Vorwrtskommen war nicht leicht, denn man mute ziemlich steil in
die Hhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der
erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen
Teile bis an die Rnder mit Schnee verschttet war. Hier auf dem Monde
ist es zwar eher mglich, einen solchen Weg zurckzulegen als auf der
Erde, wo der menschliche Krper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem
war es keine geringe Mhe.

Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der
Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als
vollstndig ausgeschlossen. Oben auf der Hhe taute der Schnee durch die
heien Dmpfe, die unaufhrlich aus dem mchtigen Trichter, dessen
Rnder jetzt ber uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser
gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glnzenden Eisdecke,
auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der
Unmglichkeit eines weiteren Emporklimmens berzeugt hatten, setzten wir
uns in den Schnee, um uns vor der Rckkehr auszuruhen und die Gegend
anzusehen.

Der Blick war unvergleichlich schn. Dicht vor uns, hinter den schwarzen
Wldern zu unseren Fen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose
Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln berst, die
kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder
buntumrnderten Pfauenaugen hnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten
sich hinter der sich erhebenden Kante geschwrzte Gipfel und Ringe
kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches
glnzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine
weie Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in
Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie
Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von
grnen Bergen angelehnte Seen leuchteten.

Wir saen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns
ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dmpfe, die sich
ber dem Krater erhoben, wurden schwrzer und drngten sich zu einem
mchtigen Knuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns
herniederzustuben begann. Man mute so schnell wie mglich umkehren, da
anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht
mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in
jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wldern endete,
zurckgelegt, als pltzlich unter strkerem unterirdischen Drhnen die
Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis
dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.

Wir flchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick
erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel
ber uns war mit dichten Rauchknueln bedeckt und glich einem feurigen
Hllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von
Schwefeldnsten und feiner Asche erfllte Luft wrgte uns und benahm uns
den Atem. Von oben fielen schon grere heie Schlacken herab, die den
schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir muten
uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde
gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergo, eiligst flchten.

Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschtterungen des Bodens, die
wir fhlen konnten, muten eine groe Ausdehnung auch am Fu der Berge
annehmen, denn als der Wind fr kurze Zeit den erstickenden Dampf und
den Aschenstaub auseinanderwehte, ffnete sich der Blick vor uns, und --
wir sahen auf das strmende, schumende Meer.

Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der
Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mndend nach zwei Seiten
auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt,
verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha
zitterte fr die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft
und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner
Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich qulte der
Gedanke, da, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst
berlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wren. Peter war
gleichgltig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.

Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich pltzlich vom
Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dnner werdenden
Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hrte
auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rckkehr
aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen ber uns von neuem
beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu
sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden
Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstie. Ein glhender
Lavastrom strzte drhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, da
Peter zu uns zurckkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich
ein Orkan, der diesem Ergu des flssigen Feuers voranging und fegte ihn
vor unseren Augen fort, da wir anfangs nicht wuten, was mit ihm
geschehen war.

Eine unertrgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide
Bergrinnen waren bereits von einer flssigen, rotleuchtenden Masse
ausgefllt, die sich drhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in
die Tiefe hinabwlzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der
Feuerstrom strker werden sollte, wrde uns die Lava die Rckkehr
abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen
ausfllen oder, was schlimmer wre, unsern Steinwerder zermalmen und
davontragen, wie die Strmung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln
davontrgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im
ersten Augenblick fr verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck
ohnmchtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell
wie mglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den
Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.

Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die
Felsen, an denen sich die hllische Flut brach, bebten unter meinen
Fen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den
Wind fhrt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing
ohnmchtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im
hchsten Mae hemmte. Ich mute alles tun, um nicht auszugleiten, denn
jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.

Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heien
Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem grlichen Sausen
betubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf
die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann
ich heute nicht mehr sagen.

Wir waren jedoch gerettet. Die Lava flo irgendwo seitwrts durch die
Wlder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterlie in der Mitte ein
mchtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine ber ihr
sich erhebende Kante bildete, whrend die Basis der Meeresstrand schuf,
der sich ber tausend Meter unter uns erstreckte.

Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die
Augen aufgeschlagen und sich berzeugt hatte, da uns keine Gefahr mehr
drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, da Tom zu Hause sei
und wir ihn gewi gesund und munter wiedersehen wrden, noch ehe der
Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hnde entgegen und sagte, wie
damals im Polarlande, als ich sie nach der berschwemmung gesucht hatte:

-- Mein Freund, mein lieber Freund ...

In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Ses, das meinen
Krper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf
zusammenschnrte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht
verrieten.

-- Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem
wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flsterte sie und prete meinen
Kopf an ihre Brust.

Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter
dem Halse aufgerissen. Nun berhrte ich mit der Stirn diese entblte
Brust, und gleichzeitig fhlte ich ihre Trnen mein Haar benetzen.

Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch
so schn und so ber alle Maen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte
nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reien, mit Kssen zu
bedecken, in glhenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor
den Augen, in den Ohren drhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich
fhlte die Wrme und Weichheit ihres Krpers, sein Duft berauschte mich
und machte mich wahnsinnig ...

Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem
Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen
...

Und brigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an,
wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zrtlichkeit, ein unermeliches
Glcksgefhl berstrmte mein ganzes Wesen.

Nein!

Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurck. Peter liegt
vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb
tot und wartet auf Rettung, whrend ich ...

Martha schaute mich an und -- verstand.

-- Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich
kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter.

Dann erhob sie sich und drckte mir die Hand.

Ich fand Peter tatschlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn
hinabgestoen hatte. Er lag bewutlos an einen spitzen Felsen gelehnt,
der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir
trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mhen gelang es, ihm die
Gesundheit wiederzugeben.

Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den
Augenblick der Schwche denkend, bemhe mich um so eifriger, mit meinem
Willen stets ber diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die
menschliche Seele ausmacht.

Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der
Schwelle des Hauses und vielleicht, ich wei es nicht, vielleicht tut es
ihm leid, da er auf den Abhngen des Otamor sein Leben damals nicht
lassen durfte.

Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder
meiner nicht mehr bedrfen. Ich will mir ein Grab errichten -- auf der
Friedhofinsel.




                                 VI.


                                                  Nach sechs Tagen ...

Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen
niederschrieb und meine Augen trben sich, nicht mehr von Trnen, denn
die sind lngst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und
Verzweiflung sie mir wie mit heiem Sande geblendet htten. Nicht fr
mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...

Weshalb ... weshalb!

Eine ewig stumme, qualvolle Frage -- ohne Antwort.

Ich bin allein geblieben.

Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte
Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen
sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O'Tamor, den Remogners,
sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.

Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefrchtet und -- am wenigsten
erwartet habe.

Und wenn ich bedenke, da das alles so schnell geschehen konnte! Sechs
Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer htte das damals geglaubt! Und
zum drittenmal schon ist diese trge Sonne ber diesem Meer aufgegangen,
seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft
allein, da ich whrend der finstern Nchte aufspringe und herumlaufe
und am Tage jedes Gerusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden
Pflanzenungeheuer frchte.

Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder knnen mir nicht nahe stehen. Das
sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung.

Was wrde ich dafr geben, wenn auch nur fr einen Augenblick, Martha
oder Peter hier bei mir zu haben!

Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, da das so furchtbar
enden sollte.

Ich bemerkte zwar schon lange, da ihr Organismus erschpft war von all
dem, was sie durchgemacht hatte, da Kummer und Trauer an ihrem Leben
nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern!

Am letzten Mondtage begann Martha zu krnkeln. Noch stiller und
nachdenklicher wie gewhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit
den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar
die Mdchen, die sehr erstaunt waren ber die so seltene Zrtlichkeit
der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, da
sie nach Hause zu den Teichen zurckkehren msse, da die Gewitter im
Anzuge seien, lchelte sie mir zu und wiederholte einigemal:

-- Ja, es ist Zeit nach Hause zurckzukehren, es ist Zeit,
zurckzukehren ...

All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedchtnis, stehen
so klar vor meiner Seele, da ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen
habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme hre und es nicht fassen
kann, da sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ...

Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jngste, Ada, bei der Hand und
frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schttelte den Kopf:

-- Nein, ich liebe ihn nicht.

Martha wurde traurig.

-- Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?

-- Weil Tom nicht gut ist. Tom will, da ich ihm gehorche.

-- Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mut Tom gehorchen und ihn
lieben, denn du bist sein ...

-- Nein. Ich gehre nicht Tom. Lilli und Rosa gehren Tom. Ich bin mein.

Ich lachte laut ber diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die
Trnen in die Augen.

-- Es ist unmglich, sich selbst zu gehren, unmglich, flsterte sie
mehr zu sich selbst und kte das Kind herzlich.

Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen
hatte, erzhlte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine
Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames
Mrchen bildeten, eine Hymne fr den verstorbenen Geliebten. Tomas war
ein tchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas
wurde sein Bild gttlich, die Verkrperung von allem, was gut und gro
und schn ist.

Sie ermahnte Tom, da er zu seinen Schwestern gut sein msse. Das setzte
mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde
gehrt.

Gegen Abend begann sie ber eine allgemeine Schwche zu klagen, ber
Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewhnlich ertrug sie alle
Unplichkeiten schweigend, so da wir nur aus ihren Zgen erraten
konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut ber ihre Lippen,
noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir
bemerkten, da sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle,
schttelte sie den Kopf und sagte lchelnd:

-- Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorber, ich werde noch nicht
sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.

Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr.
Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des
erlschenden Tages, da Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre
Augen schwarz umrndert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem
frheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Trnen vermochten
nicht den Strahl dieser Augen zu trben, aber sie leuchteten jetzt in
einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener frheren
sternenklaren Helligkeit!

Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt
hatte, mehr infolge der Schwche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu
werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, da sie fieberte.
Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich,
kaum hrbar flsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des
Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und
klagte sich der Geburt dieser armen Mdchen an, ja sogar wegen ihrer
Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrcken knnen. Ich
glaube, da ihrer berzeugung nach diese Mutterliebe ausschlielich
ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer uerungen den Tchtern
gegenber ihr als ein Tom und dem Toten zugefgtes Unrecht erschien.

Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich sa mit Peter an
ihrem Lager, angstvoll und niedergedrckt; vor allem peinigte uns der
Gedanke, da wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenber
ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geffneten Augen an
und frug dann pltzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich
antwortete ihr, da die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.

-- Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Drauen ist
es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht
gleich bemerkt. Und dort auf dem _Mare Frigoris_, was ist jetzt dort?

-- Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.

-- Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt ber Tomas' Grab,
nicht wahr? Und dieselbe Sonne ber diesem Grabe wird hierher zu uns am
Morgen kommen?

Ich nickte schweigend.

-- Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke,
da diese Sonne tglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab
schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem
Grabe zurckkehrte, ihm zu erzhlen, was sie hier gesehen hat!

Sie bedeckte die Augen mit den Hnden und begann am ganzen Krper zu
zittern.

-- Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.

Peter lie den Kopf sinken. Es schien mir, da ich in seinem gelben,
verdorrten Gesicht eine dunkle Rte aufsteigen sah, die sich bis in die
gefurchte Stirne ergo. Dies mute auch Martha bemerkt haben, denn sie
wandte sich zu ihm:

-- Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... brigens bist du
nicht schuld daran, wie httest du mich zwingen knnen, dein Weib zu
werden, wenn ich es nicht selbst gewollt htte ... fr Tom ...

Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise:

-- Ich mchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der
Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wste zu suchen. Wenn
hier der Tag beginnt, wird dort ber dem _Mare Frigoris_ die Erde
leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich
wei nicht, ob ich den Mut htte, in den vollen Glanz der Sonne zu
schauen ...

Martha, was sprichst du? rief ich unwillkrlich.

Sie sah mich an und antwortete kurz:

-- Ich werde sterben ...

Gegen Mitternacht stieg eine wrgende Angst, da sie wirklich sterben
knne, in mir auf. Eine Krankheit, fr die wir nicht einmal einen Namen
fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen auerordentlich
schnellen Krfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden
Fieber nichts Gutes ankndigte.

brigens, was bedeuten alle rztlichen Benennungen! Ich wei nur zu gut,
welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genge, sie heit Leben!
Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewutsein, sie kost mit ihm und
spielt und tndelt, und whrend des Spielens reit sie und zerrt an ihm
herum und drckt und berwindet und vernichtet ihn schlielich. Mit
dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt fr sie kein
Heilmittel als den Tod!

Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf
seine finsteren, unbeweglichen Zge und dachte, trotz der tdlichen
Angst, die mich erfat hatte, darber nach, was fr Gefhle sich unter
dieser undurchdringlichen Maske verbergen knnten. Ich sollte es frh
genug erfahren!

Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dmmerung brachte ihr
ein wenig Linderung.

-- Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen
Lippen zu lcheln.

Jetzt sa ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen
bermdet, gab schlielich meiner berredung nach und legte sich in dem
benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendmmerung drang durch die
Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten,
herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf
den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dmpfe, die sich stets ber
den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster
eine groe glitzernde Flche.

In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurckgeworfenen Schein des
nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe
kmpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, da sie in
kurzer Zeit fr immer von uns gehen wrde. Ihr Gesicht war lang und
bla; die einst so vollen verfhrerischen roten Lippen nahmen die
bla-bluliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast
durchsichtigen Lidern sahen erlschende und ber alle Beschreibung
traurige Augen hervor.

Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und bi die Zhne
zusammen, um nicht in lautes, unmnnliches Weinen auszubrechen, das in
meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette.

Indessen wurde es drauen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel
glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorber wie weie
Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhllte die
Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die
pltzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und
weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weie Felsstreifen und
wolkenumhllte, perlende Sulen der Geiser und weiter oben am
Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in
den ersten Strahlen der Sonne rtlich frbte.

Martha frug nach den Kindern; als sie hrte, da sie noch schliefen,
lie sie sie jedoch nicht aufwecken.

-- Mgen sie schlafen, flsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor
die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, da es so still ist.

Dann wandte sie sich zu mir:

-- Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr?

-- Ja, antwortete ich mit trnenerstickter Stimme.

-- Und du wirst sie niemals verlassen?

-- Nein.

-- Schwrst du mir das?

-- Ja, ich schwre es.

Sie streckte die Hand nach mir aus:

-- Du bist gut, mein Freund, flsterte sie, nun kann ich ruhig sterben,
weil ich wei, da du sie nicht verlassen wirst.

Ich ergriff ihre Hand und prete sie leidenschaftlich an die Lippen.
Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drcken wollte.
Eine so eisige Klte entstrmte ihnen, da meine heien Lippen sie nicht
mehr erwrmen konnten.

-- Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen,
da du mir ... teuer warst. Ich machte mir darber grere Vorwrfe, als
da ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehrt htte,
statt ihm, vielleicht wre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn
gelenkt, glcklicher und lnger gewesen ...

Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlschenden Stimme, in
mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hnde
sinnlos mit Kssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Trnen
erstickte, unzusammenhngende Worte der Liebe hervor -- der Liebe, die
ich so lange verbergen und zurckhalten mute und die jetzt mit
Allgewalt berschumte, gegenber der Sterbenden.

Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt.

Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich wei ... Weine nicht ... es ist so
besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe
fr Tom, ich wei es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem,
vielleicht wre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und
den Verstorbenen getreten wrst, der allein ein Recht auf mich hatte.
Ruhig, weine nicht, du weit es schon. Ich denke, da Tomas es mir
verzeihen wird, da ich das fr dich fhlte und es dir jetzt in der
Todesstunde sage.

Ich war malos unglcklich.

Sie verstummte erschpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust
verbergend, zitterte am ganzen Krper, von einem inneren Schluchzen
geschttelt.

Martha versuchte abermals zu sprechen:

-- Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das
letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...

Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefhl der Scham ihre Stimme
ersticken machte, aber ich wute wohl, von welchem Mittag sie sprach!

Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Pltzlich
rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:

-- Warum hast du Peter nicht gettet?

In diesem Augenblick hrte ich ein unterdrcktes Sthnen hinter mir. Ich
wandte mich um; in der Tr stand, die Hand an die Pfosten gesttzt,
Peter, bla wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geffneten
Augen. Er mute schon ziemlich lange dort stehen und hrte
wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte.

Als er sah, da ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte
nach vorn und stammelte etwas Unverstndliches.

Martha kehrte sich mit einem unterdrckten Schrei des Ekels zur Wand.

-- Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich
wollte nicht ...

Da ertnten im Nebenzimmer helle Stimmen.

-- Die Kinder! rief Martha und streckte die Hnde aus. Aber die Mdchen
waren befangen und blieben in der Tr stehen, nur Tom strzte zu ihr;
sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hnde und drckte ihn an sich.

Peter beobachtete sie und trat an mich heran:

-- Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha,
fr alle Kinder zu sorgen ... fr alle! In gleicher Weise ... Bevor ich,
durch diese seltsamen Worte berrascht, antworten konnte, war er nicht
mehr im Zimmer.

Durch die am Fenster vorbergleitenden Nebel drang schon der erste
Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stcke leuchtenden
Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphre des
Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlschendem Blick in den Streifen
des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand
und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette nherte. Die Mdchen
schlichen auf den Fuspitzen heran und schauten erstaunt auf die
blassen, unbeweglichen Zge der Mutter.

Mir war es schwl; im Munde fhlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser
anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn,
denn ich wute, da mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der
Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ...

Pltzlich schrie Tom:

-- Onkel, Onkel, ich ngstige mich! Mtterchen blickt so furchtbar!

Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel,
erleuchtete Marthas Zge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in
die Sonne.

-- Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer wrgenden, mir selbst
fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verngstigt um das
Lager drngten. Dann beugte ich mich ber sie, um ihre Augenlider zu
schlieen.

In demselben Moment ertnte ein Schu.

Ich strzte zur Tr: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit
zerschmettertem Schdel, den rauchenden Revolver in der Hand.

Ich wankte wie ein Betrunkener.

Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst
erwiesen: Ihre Krper wickelte ich in groe, aus Pflanzenfasern gewebte
und mit Harz getrnkte Tcher und trug sie auf meinen Armen in das Boot,
das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saen neben mir
und den Leichen vier Kinder. Die drei lteren drngten sich um die
Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschchtert,
sa schweigend zu Fen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den
Hndchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie
noch die ihnen gebhrenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die
Mdchen im Leben so sprlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen
in dem Boote. Nur die Jngste nherte sich ihr, und das Tuch
streichelnd, flsterte sie leise:

-- Armes Vterchen, armes ...

Unserer traurigen Fahrt war ein gnstiges Wetter beschieden. Die Sonne,
die noch nicht hoch ber dem Horizont stand, erleuchtete golden die
mchtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen
gepflgte Meeresflche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln
auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehllt. Und niemals im
Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die
in der sich immer gleichbleibenden Schnheit der Natur liegt, der Freude
wie dem Schmerze des Menschen gegenber gleichgltig! Denn ich fuhr doch
in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf
diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten;
ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich fr mich
gebaut hatte, um dann fr immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete
die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als
glckliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir
entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.

Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rcken zum Grabe, das ich
auf der Hhe in der schnsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen
waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein wrden, und
ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein
Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glckes zu Grabe!

Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich fr mich bestimmt hatte.
Fr Peter errichtete ich eine andere Ruhesttte, etwas tiefer gelegen.

Und ich mu weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der
Sehnsucht zu Boden drckt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus
fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen
sind: O'Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber
dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, da
ich die Kinder nicht verlassen werde. Fr sie mu ich leben. Ich bin
jetzt zum Leben verurteilt, wie ich -- so lange sie lebte, zur Liebe
verurteilt war. Und diese zwei hchsten Gter des Menschen sind mir zur
Qual, zur namenlosen Qual geworden.

Meine Tage gehren diesen Kindern. Ich bemhe mich mit allen Krften,
stets an sie zu denken, beschftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie
mit mir, schtze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem
lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.

Aber whrend der Nchte kehre ich auf die Erde zurck und spreche mit
den Toten.

Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstrt und unterbrochen, oder die
Trauer hat mein Denken in Nebel gehllt, denn die Wirklichkeit erscheint
mir als Traum, und die Trume de Schlafes sind fr mich wirkliches
Leben.

Ich sehne mich nach den Trumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und
ksse voll Rhrung ihre Bume und Blumen, sogar den Staub und die
Steine, und es ist mir dann, als htte mich niemals das wahnsinnige
Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des
sternenbesten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.

Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht
der greise O'Tamor und beschuldigt sich, er, der die Gte selbst war,
da er uns leichtsinnig auf diesen den Globus, der wie eine Lampe fr
die Erde zwischen den Himmeln hngt, hinausgefhrt hat. Dann sehe ich
die Remogners. Sie beklagen sich, da sie uns gefolgt sind und dadurch
den Tod gefunden htten. Woodbell erscheint bla und fragt, was wir mit
Martha getan haben. Ob sie glcklich mit uns war. Und Peter erzhlt mir
im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen
Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu
Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspne, von dem
furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des
Glcks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel,
Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so hei begehrten Weibe
erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz
hinunterwrgen mute, wie sich die beleidigte Manneswrde in ihm
aufbumte. Er erzhlt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele
vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah,
und spter, als er den Revolver an die Schlfe setzte.

Diesen traurigen Geisterreigen beschliet Martha. Sie erscheint mir --
still, mit einem schmerzlichen Lcheln auf den Lippen -- und dankt mir,
da ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als
mache sie mir einen Vorwurf, da ich es nicht war ... Mein ganzes Innere
ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...

So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu
sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut
zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen.

Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwchst, ist so anders. Es sind
noch Kinder und dennoch fhle ich, da sie schon jetzt eine besondere
Welt fr sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd
sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen,
verschlossen ist.

Und doch mu ich, der Bruder dieser sechs Grber, die auf dem Monde
verstreut liegen, mit denen leben, fr die dieser Globus die Heimat ist
-- und wer wei, wie lange noch ... wie lange ...

                       Ende des zweiten Teiles.




                             Dritter Teil


                         Das neue Geschlecht.




                                  I.


                                                        Im Polarlande.

Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger
ntig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um
auf die Erde zu schauen und allein zu sein.

Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon
zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem
Tode Marthas und Peters.

Ich wundere mich, da ich nicht sterbe ...

                   *       *       *       *       *

Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner
Heimat, der Erde, qult mich immer mehr. Sie lt mich sogar dieses
Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde bergeben
wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glcklich. Als ich fortging,
erwachten Frhlingsgefhle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ...
schmerzlich war es fr mich, auf diesen Frhling zu schauen ...

Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...

                   *       *       *       *       *

Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine
verkohlte Leiche ber dem goldenen Regenbogen und Gsse und
berschwemmungen ...

Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage.

Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurckkehren
mssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen.

Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...

                   *       *       *       *       *

Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtgiger
Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingefhrt.

Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.

Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom
ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter.
Ada, glaube ich, wird noch kleiner.

Whrend meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des
Otamor, der grte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die
sdliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der
zweihundertachtunddreiigste Mondtag seit unserem EXODUS -- vierzehn
Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.

Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir
genommen -- sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes
mehr als je. Es ist furchtbar, da es mir noch immer nicht erlaubt ist,
zu sterben!

Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfnfzig Mondtage nach unserem
EXODUS. Tom bemhte sich, mich zurckzuhalten, aber ich fhlte trotzdem,
da er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht
ungern meine Achtung seinen Frauen gegenber. Es ist ihm auch lieb, da
Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich
ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist.

                   *       *       *       *       *

Fahl und khl ziehen die Stunden vorber, wie dieses Licht der
unsichtbaren Sonne auf dem Pol -- eine lange, lange, unendliche Reihe
von Stunden ...

Nur mit Mhe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht
viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem
grnen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren ber die rosa
beleuchteten Gipfel der Berge.

Und ich? ...

Seit langem habe ich aufgehrt der Gegenwart zu leben und noch mehr der
Zukunft. Ich sehe zurck und schaue unaufhrlich meinen Erinnerungen in
die Augen. Eine trbselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer
und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.

                   *       *       *       *       *

Eine lange Zeit ist vorbergegangen, seit ich die letzten Notizen
niederschrieb. Ada wird grer und beginnt sich nach den Geschwistern zu
sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will.

Auch ich denke, da es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurckzukehren.
Ich werde lter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wre
Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurckkehren, obwohl Gott
wei, wie gern ich hierbleiben und sterben mchte, auf die Erde
schauend!

Und ich frchte fast, da dieses Kind schon zu lange mit mir, dem
Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind --
und auch das ist seltsam, da wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu
nhern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit
geffneten Augen, und ich fhle, da sie vieles denkt, worber sie nicht
zu mir spricht.

Ich mu es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mdchen
zusammen bin, es ist mir unmglich, mich an sie zu gewhnen, im
Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein mchte ich sein
und ungestrt ber die Vergangenheit nachdenken ... ber die Erde ...

Und dennoch mu ich zurckkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit
Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der
einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit
lebte. Ich mu zurck ... wir mssen zurck -- Ada ...

Es ist mir noch nicht vergnnt, zu sterben ...




                                 II.


                                      Am Meere bei den warmen Teichen.

Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen,
das heit, fast achtunddreiig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts
mehr auf diesen Blttern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur
Hand, um den Tod Rosas zu notieren.

Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und
Bruders, meines geliebten einstigen Zglings Tom, der sie im Zorn mit
einem Stein erschlagen hat!

Die zweite Frau Toms und seine lteren Kinder haben diese Tat schweigend
hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu tten,
die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der
Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten.
Ohne Worte, ohne einen Gefhlsausbruch, nur mit drohender Miene und
erhobenen Hnden ging das Mdchen auf ihn zu, und er wich ngstlich
zurck, obwohl er sie mit einem Faustschlag htte niederschmettern
knnen, weil er grer und strker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm
entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend,
erhob sie die andere ber seinem Haupte und rief:

-- Fr das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten
Menschen!

(Alter Mensch ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben
hat.)

Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und
sagte zu Ada, indem er sich bemhte, seinen Worten einen harten,
herrischen Klang zu geben:

-- Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte
... sie zu ernhren oder zu tten. Warum war sie unfolgsam?

Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn
ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, da Tom seine Frau mit
der Absicht sie zu tten getroffen hat, haben mir pltzlich drei Dinge
klar gemacht, ber die ich mir bis jetzt keine gengende Rechenschaft
gab.

Ich sehe vor allem die Brutalitt Toms und glaube, da ich sie
verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen
Charakter anders zu formen. Ferner htte ich nicht einsame Jahre auf dem
Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal berlassen
drfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus
ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst
nachtrglich erinnere, so manches, worauf ich nicht gengend achtgegeben
habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner
Familie. Es scheint mir, da sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem
frchten jene dieses Mdchen, das jngste aus dem ersten Geschlecht
dieser Menschen. Sie hlt sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie
eine Priesterin, obwohl ich nicht wei, ob dieses Wort ihr Verhltnis zu
den andern richtig ausdrckt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und
wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie
tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr
eigentlich sein mte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer
Beziehung zu mir liegt mehr eine aberglubische Verehrung als Liebe.
Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ...

Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am
nchsten angeht: sie halten mich fr ... Aber nein, vielleicht tusche
ich mich nur! Was ist's, da Ada Tom in _meinem Namen_ verflucht hat?
Ich bin doch der lteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und
dennoch, wenn es so wre? Sollte ich auch dieses ... Gtzentum
verschuldet haben?

Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich
belegten: Der Alte Mensch ...

                   *       *       *       *       *

Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren
unaufhrlich qult und es mit sich bringt, da ich mich in dieser Welt
immer fremder fhle ...

Ich trumte, da ich auf der Erde war.

Aber heute war das ganz besonders seltsam.

Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich ber die
Angelegenheiten des Staates, der Vlker, des Fortschritts sprach. Man
sagte mir, da sich die Grenzen einiger Lnder vernderten, seit der
Zeit, da ich die Erde verlassen habe, da jetzt andere Rechte herrschen
und vieles von dem frheren Glauben hinfllig wurde. All das hatte mich
interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen
Augen besichtigen, um mich zu berzeugen, wie es dort aussieht.

Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte
Gegenden und Stdte. Es hatte sich tatschlich vieles gendert. Wie ein
Vogel durchflog ich die Lnder und wunderte mich, da an Stelle der
alten Metropolen Trmmer waren, an Stelle blhender Fluren sah ich
Wsten und Brandsttten, und dort, wo sich einst Wsten ausdehnten, traf
ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstdte
umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um
mir bekannte Huser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die
sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf
antworten. Man schttelte nur die Kpfe und sagte: Wir wissen nichts
davon, oder: Wir haben es vergessen.

Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, da
diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr hnlich sah, die ich
gekannt habe.

Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern
Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde
ist es schwer, die langen, einander hnlichen Tage zu zhlen, ich habe
ihrer wohl viele aus dem Gedchtnis verloren ... Ich komme auf die Erde,
die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt.

Und pltzlich fhlte ich mich so namenlos unglcklich! Fremd auf dem
Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf
die ich durch irgendein Wunder zurckgekehrt bin -- zu spt! Wo ist noch
Raum fr mich, wo werde ich Ruhe finden?

Ich eilte also weiter durch die Lfte, eine grenzenlose Leere im Herzen
-- und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten
Sterne erglnzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang
vorwrtsgetrieben, schon ber der uferlosen Flche des Ozeans befand.
Unter mir wlzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlngelnde
Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen
Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen.

Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts gendert.
Das Meer war unermelich wie frher und ebenso wild bewegt und
vernderlich.

Aber whrend ich noch darber nachdachte, bemerkte ich, da sich das
Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte.
Jetzt erst sah ich auch, da direkt ber mir der Vollmond stand. Ich
erschrak ber die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Hhe und
wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber
pltzlich fehlten mir die Krfte. Ich fhlte, da ich auf die sich immer
hher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen
mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos
langen Hlsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden hher und immer
hher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs
vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der
ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier.
Es schien mir, da in seiner Scheibe die sich herausneigenden Kpfchen
der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr
boshaftes Rufen hrte:

-- Kehre zu uns zurck! Kehre zu uns zurck! Alter Mensch, du bist nicht
von der Erde!

Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der
Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das
durchlief im Sturme meine Seele. Ich stie einen gellenden Schrei aus
und strengte meine ganzen Krfte an, um gegen die mich in den Weltenraum
schleudernden Fluten anzukmpfen. Ich griff mit den Hnden nach dem
Wasser, schlug mit den Fen die Luft ...

Vergebens! Ich fhlte pltzlich, da die Erde statt unter meinen Fen
schon ber meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurckfalle ...

Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ...

                   *       *       *       *       *

Seit unserm EXODUS fnfhundertundein Mondtag.

Tom hat mit seinen beiden ltesten Shnen zu Schiff die Fahrt nach dem
Sden angetreten. Aus seinen Erzhlungen schliee ich, da sie fast bis
zum quator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie
furchtbare tropische Meeresstrme zurck. Und so muten sie resultatlos
umkehren.

Tom redete nach der Rckkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner
Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzhlte er mir von
der Expedition und schilderte die Kmpfe und Mhen, die er zu bestehen
hatte. Schlielich verfiel er in Nachdenken und sagte, er frchte, da
dies seine letzte Fahrt gewesen sei.

Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum
halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wre er jetzt in
der Blte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend frher reif und
altern frher. Desto erstaunlicher ist es, da ich lebe.

Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer
Weile des Zgerns:

-- Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, da du der Alte Mensch bist.

Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.

-- Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an
kennst, was sagst du ber mich?

Tom konnte mir keine Antwort geben.

                   *       *       *       *       *

Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterlie zwlf
Kinder, fnf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe
ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Grbern. Dort
ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jngstes, dreizehntes Kind,
das kurz nach der Geburt gestorben ist.

Lilli ist verzweifelt ber den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, da
auch sie ihm bald folgen wird.

Nur Ada ist still und gleichgltig.

Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der lteste Sohn Rosas und
Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.

Ada sagte mir heute mit tiefer berzeugung, da ich niemals sterben
wrde ... Ich wei nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr
dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hrt und ihr scheinbar glaubt,
oder bin ich wirklich eine seltsam unerhrte Ausnahme zwischen diesen
Menschen? ...

Denn in der Tat -- woher lebe ich noch?

                   *       *       *       *       *

Lilli ist gestorben.

Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.

Seit unserm EXODUS fnfhundertsiebzehn Mondtage ...

                   *       *       *       *       *

Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht
verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Vlkchen
kam whrend des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewhnlich
und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses
Vlkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin
Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im
Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa
begangenen Mord, der sie furchtbar erschtterte, bemerkte ich eine
Verstrtheit an ihr, jetzt sehe ich, da sie wirklich geisteskrank ist.
Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und
halten sie fr geheiligt! Und heute, unter ihrer Fhrung, -- es ist
furchtbar, es auszusprechen! -- beteten sie zu mir, da ich die Strme
niederwerfen und die unter ihren Fen wankende Erde beruhigen sollte!
Also sie halten mich wirklich fr ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich
in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!

                   *       *       *       *       *

Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek
und meiner Papiere gemacht, und pltzlich berkam mich der Wunsch, alles
zu verbrennen -- auch dieses Tagebuch.

Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bcher und Papiere blieben zerstreut
auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand
auszustrecken, um sie aufzuheben.

Mgen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich
niemand mehr anrhren ...




                                 III.


So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nchte ... Ich glaube,
da ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu
zhlen, die einander so hnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen
meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt,
ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem
Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche
Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermelichen
Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden
vorbergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du
mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der
Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...

Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich wei es nicht. Dort auf
der Erde mssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich
die Grber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin
bettete. Dieser Grber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe
Ruhesttten fr Tom, fr Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren,
als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum
wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese
Welt kamen, und ich lebe noch immer.

Das ist so erstaunlich, da ich mein Wesen schon selbst nicht mehr
begreife und fast fhig wre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht
verbreitete Legende zu glauben, da ich niemals sterben werde ...

Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, fr immer
verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten
Naturforschers, da der Tod eine unbegreifliche und zufllige
Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens
ergeben mu. Die Angst schttelt mich, wenn ich denke, da er mich
vielleicht vergessen hat und nicht kommen knnte.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich recht zhle, sind schon fnfzig Jahre vorbergegangen, seit ich
mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe.

Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch
wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf
den Mond gefahren sind, hrten, werden lngst grau sein und die Namen
jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon fr tot und
verloren hielt.

Fnfzig Jahre! Wie vieles mu sich seit dieser Zeit auf der Erde
gendert haben! Vielleicht wrde ich mir einst vertraute Gegenden nicht
mehr erkennen. Auch mein Gedchtnis wird schwcher ... Es hat eine
Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des
Nachdenkens spiele, aber ich sehe, da die Bilder der Erinnerung immer
loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glnzender
Steine gleich, die schon zerbrckelt und auseinanderfllt.

Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die
Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergnze ich
durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verndere ich die
Bilder und spiele im Alter mit diesen Schtzen der Erinnerung wie ein
Kind mit einem Kaleidoskop.

Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine
Trnen auf sie blicke!

Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch
Menschen sehen, wirkliche, mir hnliche Menschen! Gott, wenn ich das
Rauschen der Wlder hren knnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die
im Winde flatternden Bltter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen,
den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vgel
lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grnen Fluren im
Frhling oder im Sommer die goldene hrenflut sehen drfte!

Ja, vieles mu sich auf der Erde gendert haben, aber die Menschen sind
dieselben geblieben und auch die Bume, die Blumen und die Vgel!

Manchmal erinnere ich mich an das goldene Mrchen, da die menschliche
Seele, vom Krper befreit, nach Gutdnken in den Welten herumwandern
knne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der
auf der Erde wohnte, trumte ich davon und dachte an die Reisen im
sternenbesten Weltenraum. Jetzt mchte ich nur noch auf der Erde sein,
ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst berfllt, da
die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fnfzig Jahren kannte,
dann erinnere ich mich, da dort doch auch jetzt noch Menschen sind und
Wlder und singende Vgel, da es dort blhende Fluren und duftende
Blumen gibt! Das gengt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die
Freiheit erlangt hat.

Wie lange habe ich den Gesang der Vgel nicht gehrt! Und ich erinnere
mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfllt waren ...
Die Dmmerung beginnt, der Himmel verblat, dann frbt er sich
allmhlich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andchtige Stille! Nur
das Gerusch der von den Blttern der Bume herabfallenden groen
Tauperlen ist vernehmbar. Da pltzlich das erste kurze, abgebrochene
Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ...
Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bume und
Strucher erwacht und lebendig geworden wren: rings umher ein Pfeifen,
Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunchst kann man die einzelnen Laute noch
gar nicht unterscheiden; hier lt sich die Amsel vernehmen, dort aus
dem Walde tnt das Schreien des Habichts, wieder nher die Meisen, die
Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die
Lerche, die in den Lften schmettert, und in lauschigen Bschen schlgt
die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Bltter und Blumen
und Grser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel
wird rter und rter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament
emporsteigt ...

Hier schleicht sie langsam und trge, diese Sonne! Man knnte fast
glauben, da sie sich nicht beeilt, weil keine sen Stimmen sie rufen.
Die mehrstndige graue Dmmerung, whrend der die Gegend in Frost und
Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier
erhebt sich die Sonne ber einer toten Welt, die in eine grauenhafte
Stille gehllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn
gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein
Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der
Hhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor
der Klte Schutz zu suchen. Still ist es, still, whrend des ganzen
langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer,
das um die Felsen braust, oder das entfernte Drhnen eines Vulkans,
sonst nichts, nichts ...

                   *       *       *       *       *

Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich
durchwhle die vergilbten Bltter des Tagebuches, und wenn ich fr eine
Minute die Augen schliee, so scheint es mir, da ich das Gerusch des
Wagens hre, der uns durch die frchterlichen Mondwsten fhrt, da ich
diesen grundlosen Himmel ber mir sehe und die in seiner Dunkelheit
leuchtende Erde. Die mchtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten
Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen
den verschiedengefrbten Sternen zu der eine immer engere Sichel
bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann
tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor
meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich
Martha, traurig und bla, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute
schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich
nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich
von ihnen gehrt hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen
Geschlecht erzhlt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute
ist sie nach mir die lteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren
sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, da sie mich auch
noch frchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht wei weshalb, denn
ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.

Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen
Geschpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam
einfltigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht
war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und
seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus.
Ihre Gre wie ihre Krfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt
angepat: ihren kleineren Maen und dem verringerten Gewicht der Dinge.
Dem heutigen Geschlecht gegenber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel
Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich frh reifen,
reichen mir kaum bis zu den Hften und beugen sich unter der Last von
Gegenstnden, die ich mhelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des beraus
zarten Krpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze
und Klte abgehrtet.

Die langen Nchte verschlafen sie zum grten Teil, aber wenn es nottut,
arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Klte mit einer Ausdauer, die
meine Bewunderung erregt.

Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gnzlich zurckgeblieben. Die
armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit
hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich
und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die
Bezeichnung Mensch kaum einen Anspruch mehr haben. Sie knnen lesen
und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider
nhen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung
verschiedener Meinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich
reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt franzsischer und
englischer Bcher, aber untereinander reden sie ein erbrmliches
Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und
portugiesischen Worten zusammenwrfeln. Unter ihren engen Schdeln
flieen die Gedanken trge und schwerfllig und es scheint, da sie sie
nur mit der grten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Hnden
gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern
Afrikas oder auf den sdlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...

Und eine unermeliche Trauer erfllt mich, wenn ich auf diese dritte
Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese
Trauer wird dadurch um so grer, da ich mich in dem Gefhl des eigenen
Hherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen
gegenber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an
dem hier begangenen Verbrechen betrachten mu. Denn wir haben
tatschlich verbrecherisch die Wrde des Menschengeschlechts geschndet,
indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem fr seine Entwicklung nicht
geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da,
wo sie im Triumphzuge vorwrtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens
erfllend, immer neue und immer hhere Formen schafft, wie auch dort, wo
sie beleidigt zurckweicht und das widerruft und verneint, was sie
geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens
versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Hhe zu erhalten, die
die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete
Resultat all meiner Bemhungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte
Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin fr sie nicht nur ein
Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das wei, was sie nicht
wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fhig sind.

Und dabei erzhlt ihnen Ada immer wieder von neuem, da im Norden ein
Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, da sich eine grenzenlose
Wste dort erstreckt und ber dieser Wste ein mchtiger goldener Stern
leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um
die Kpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals
dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im
Polarlande und erzhlt ihnen Wunder, und sie hren ihr mit angehaltenem
Atem zu und blicken ngstlich auf mich, auf meine im Verhltnis zu ihnen
riesenhafte Gestalt.

Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!

                   *       *       *       *       *

Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander
schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trben
Gedanken.

Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und
Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum
und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit
kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada
erscheint regelmig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine
Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft,
stellt sie mir immer dieselben gleichgltigen Fragen; dann sitzt sie
noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich
wieder meinen Gedanken berlassend.

Es scheint, da sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenber und
gewissermaen als Zeremonie, die dem Alten Menschen gebhrt, auffat.

Diese Frau, die scheinbar vollstndig klar und bei Sinnen ist, lebt in
einem seltsamen Wahn. Sie hlt mich fr ein bermenschliches Wesen, das
diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die
Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschtterlich an sie glaubt.

Sie verkndet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die
sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzhlungen von der Erde und
unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle
erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt
ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich berzeugte mich
schlielich, da ich in dieser Beziehung vollstndig machtlos bin. Ich
setzte Ada lang und breit auseinander, da ich genau derselbe Mensch sei
wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an
die sie sich ja noch erinnern msse. Ich versuchte ihr klar zu machen,
da meine der spteren Generation berlegene Kraft und Krpergre nur
darin ihren Grund haben, da ich auf einem anderen, greren Planeten,
nmlich auf der Erde geboren bin. Sie hrte aufmerksam und schweigend
zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flsterte sie, mich mit einem
flchtigen Lcheln streifend:

-- Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und
meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt htte? Woher
weit du, was kein anderer wei? Und vor allem, warum stirbst du nicht
wie die andern?

Ich schalt sie und verbot ihr ein fr allemal, derartige Mrchen von mir
zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden spter hrte
ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu
mir gehen wollte, sagte:

-- Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, da man
wisse, da er ... ein Alter Mensch ist.

Jan wurde traurig.

-- Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade
bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen
Shnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann.

-- Man mu ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel
Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem,
-- hier legte sie den Finger an den Mund -- sprecht nichts vor ihm!
Wehe! Denn er will es nicht.

Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung zuhrte,
hervor, machte Ada abermals Vorwrfe und begab mich zu Jans Haus, um ihm
den Dienst zu erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen
hrte ich noch, wie Ada dem bekmmerten Patriarchen zuflsterte:

-- Siehst du, er hrt und wei alles!

Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? Ich wei es nicht,
bin aber fest berzeugt, da er den Inhalt ihres ganzen Wesens bildet
und der Grund des groen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke
geniet. Rosa und Lilli frchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar
Tom, der ihr gegenber nicht immer zum Nachgeben geneigt war, zitterte
vor ihr. Heute wrden seine Kinder es nicht wagen, sich irgendeinem
ihrer Befehle zu widersetzen. Mich emprt es, da sie diese Verwirrung
in den armen Kpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und
gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn ich fhle,
da sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, whrend deren sie sich
anscheinend klar darber ist, da sie in Hirngespinsten lebt, und
dadurch entsetzlich leidet ...

Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht zum Bewutsein
brachte: Es war bereits nach Mitternacht, als Ada zu mir kam. Ich
staunte ber ihren Besuch zu so ungewhnlicher Zeit, vor allem der
empfindlichen Klte wegen, whrend der man das Haus des Nachts nicht gut
verlassen konnte.

Sie traf mich ber ein Buch geneigt und da sie mich nicht zu
unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in der Ecke des
Zimmers. Ich sah, da sie mit mir sprechen wollte, aber ich tat
absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. Ada sa eine Zeitlang
schweigend da, bis sie sich mir endlich nherte und leise, ganz leise
meine Schulter mit der Hand berhrte:

-- Herr ...

Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch niemals
angeredet. Sie nannte mich immer nur Alter Mensch, und als ich jetzt
das Wort Herr hrte, stiegen geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war
es Freude darber, da jemand in altgewohnter menschlicher Weise zu mir
sprach, und andererseits emprte mich wiederum diese Anrede.

-- Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen.

-- Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur konnte. Ich mute
diese Frage einige Male wiederholen, bis sie mir endlich antwortete.

-- Ich wollte fragen, ich wollte wissen ...

-- Was?

-- Herr, ich wei nichts! rief sie pltzlich mit einer Verzweiflung in
der Stimme und in den auf mich starrenden Augen, da ich die Vorwrfe,
die ich ihr abermals wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren
machen wollte, gewaltsam zurckdrngte. Sie indessen fuhr fort:

-- Ich wei absolut nichts ... und ich wollte dich bitten, da du mir
endlich sagen mgest, was das alles bedeutet; wer du eigentlich bist und
was wir sind? Ich sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und gro,
aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, da sie
ebenfalls anders waren als wir heute, dir hnlich ....

Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, mir in die Augen
schauend:

-- Sage, wer du bist und was wir sind?

Und in meiner Brust drngten sich die widerstreitendsten Gefhle. Es
schien mir zwar, da ich ihr auf diese Frage schon oft und vor langer
Zeit geantwortet habe, aber trotzdem grte in mir ein Verlangen, zu
sprechen, menschlich zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal
menschlich denkend und fhlend vor mir stand. Eine tiefe Rhrung kam
ber mich; mein Herz wurde weich, und Trnen traten mir in die Augen und
schnrten mir die Kehle zu, da ich zunchst keinen Laut hervorbringen
konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie ein Echo:

-- Wer ich bin! ...

Es schien mir, da ich es eigentlich selbst nicht mehr recht wute ...
Und Ada fragte abermals:

-- Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle der Alte Mensch,
aber ich dachte heute lange nach ... und bin zu dir gekommen, dich
anzuflehen, sage mir die Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist?

Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, sprach sie
jetzt mit einer aberglubischen Furcht aus und dmpfte dabei
geheimnisvoll ihre Stimme.

-- Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von _dort_, von
jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen bist und du alles tun
kannst, was du willst. Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du
uns, auf die Erde zurckkehrend, verlt, der Vernichtung anheimfallen,
so wie wir es denken?

Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre glnzenden, unruhig
flackernden Augen starrten auf mich.

Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick noch wollte ich
ihr mein ganzes Innere enthllen, noch einmal so recht von Herzen
sprechen, ihr alles sagen, was ich schon so oft gesagt hatte, und von
der Erde reden, von unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen
Kameraden, aber als ich ihre Worte hrte, stieg pltzlich die
berzeugung in mir auf, da alles vergeblich sein wrde. Sie will nun
einmal in dem Glauben bestrkt sein, da ich der Alte Mensch sei, das
heit, nach ihren Begriffen ein bernatrliches Wesen.

Ich suchte und konnte lange keine Worte finden.

-- Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe es dir doch schon
so oft erklrt.

-- Ja ... aber ich mchte, da du mir ... die Wahrheit sagst!

Ich erinnerte mich, da vor vielen, vielen Jahren der kleine Tom hnlich
zu mir gesprochen hatte, als ich ihm die Erde zeigte und erzhlte, da
ich von dort gekommen wre. Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit! hatte
er mir damals geantwortet.

-- Sage mir, drngte Ada weiter, sage, ob es wahr ist, da du mit meinen
Eltern von jenem mchtigen Stern gekommen bist, den du Erde nennst.

Sie fate mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden Augen an.
Niemals hatte ich sie so gesehen.

-- Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen Leuten und sie
glauben an dich!

Die letzten Worte stie sie wie einen Angstschrei hervor, der mich
geradezu entsetzte. Ich htte niemals gedacht, da in diesem stillen,
halb geisteskranken alternden Mdchen noch derartige Seelenkmpfe toben
und ein so heies Gefhl flammen kann. Sie glauben an dich! Darin
fate sie in diesem Augenblick die ganze Tragdie ihres Lebens zusammen.
Sie hat dem Mondvolke einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und
jetzt, da sich in ihr pltzlich der Zweifel an dem regte, was sie selbst
verkndete, kam sie zu mir, um aus meinem Munde die Besttigung ihrer
Lehre zu hren. Und sie glauben an dich! In diesem Schrei lag etwas
wie eine Klage darber, da diese Menschen so arm und so elend mir
gegenber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, ihnen nicht
das Hchste, ihren Glauben, zu nehmen.

Ich blickte sie lange an und es schien mir, da in ihren Augen Trnen
glnzten.

-- Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt sagen werde?

-- Ich will glauben, ich will glauben!

Ich zgerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die irdische
Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den Glauben erweckte, da ich auf
dem Monde geboren bin wie sie, wrden sie am Ende aufhren, mich fr ein
hheres Wesen zu halten? Aber pltzlich erschien es mir als etwas so
Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, da mir bei dem bloen Gedanken
daran der Schwei auf die Stirne trat. Mag kommen was will; ich
beschlo, Ada auseinanderzusetzen, da ich zwar ein alter Mensch bin,
aber durchaus nicht _der_ Alte Mensch, wie sie es verstehen, und da
sie das endlich begreifen mten, wenn ihnen auch der Verlust ihres
Glaubens oder besser des unter ihnen verbreiteten Aberglaubens
schmerzlich wre.

-- Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, begann ich, aber Ada
lie mich nicht zu Ende sprechen.

-- Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick warf Ada sich
mir zu Fen und umschlang meine Knie.

-- Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir zu verzeihen, da
ich es wagte ... jetzt wei ich, da du der Alte Mensch bist!

Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch klar und
verstndig auf mir geruht hatten, brannte jetzt wieder dieses
unheimliche Feuer; ihre Hnde zitterten, und ihre Wangen bedeckten rote
Fieberflecke.

-- Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich werde gehen und es
dem Volk verknden ...

Ehe ich mich noch von dem Erstaunen ber diese unerwarteten Worte Adas
erholen konnte, war sie verschwunden. Es blieb mir keine Zeit, sie
zurckzuhalten oder zu rufen.

Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere mich nur, da die
Nachkommenschaft Toms ihren Worten so bedingungslos glaubt; ich wundere
mich, da all diese Mrchen einen so ergiebigen Boden bei diesen
Degenerierten gefunden haben.

Ich denke oft darber nach, wie das alles gekommen ist. Ich bin wohl
auch zum Teil selbst daran schuld: Ich hatte mich zu sehr von dem neuen
Mondgeschlechte zurckgezogen, und als ich bemerkte, da es meine Person
mit einer Legende umgab, hielt ich das zuerst fr eine Kinderei und
bemhte mich nicht gengend, sie im Keim zu ersticken. Als ich endlich
die Tragweite zu ermessen begann und dagegen auftreten wollte, war es zu
spt.

Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, da unter seinen Kindern
phantastische Gerchte ber mich herumgingen. Aus zufllig gehrten
Worten entnahm ich, da sie mein Wissen und meine im Verhltnis zu ihnen
ungewhnliche Kraft fr etwas bernatrliches hielten. Ich galt in ihren
Augen zum wenigsten fr einen mchtigen Gaukler. Tom hat zwar diese
Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich wei, auch nicht
widersprochen.

Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach
dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich frchte, da
ich heute fr dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben,
da ich alles wei und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie
von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht
will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Strme zu
beschwichtigen und mir gesagt, da Ada dies leider nicht gelinge,
trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwrt. Und sie sandten sie
zu mir, denn -- ich kann alles!

Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu
verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen
prophezeit, da dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie frchten mein
Fortgehen!

Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den
Kpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ndern;
vielleicht bin ich auch zu trge, den Kampf mit dieser Naivett
aufzunehmen. Alles qult mich, alles drckt mich zu Boden. Ich bin froh,
wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum
geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde trumen
kann.

Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wlder, Vgel, Wiesen,
duftende Blumen ...

Oh, dort! ...

Und ich sehne mich immer glhender, auf ewig von hier fortzugehen!

Ach, wenn ich es knnte, wie sie denken, auf die Erde zurckkehren! Ich
bin ganz erfllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch
beschftige, er kehrt immer wieder und lt mir am Tage und in der Nacht
keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen
Augen vorber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde!
Erde! ...

Einst, als ich noch dort lebte, waren das fr mich verschiedene Lnder,
verschiedene Erdteile und Vlker und Gesellschaften, jetzt hat sich
alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und
Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die
Grenzen der Staaten, noch die Vlker verschiedener Zungen und
Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fliet in
meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und
dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glnzt und
strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel ber den Wsten!

Erde! Erde! Erde!

                   *       *       *       *       *

Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glcklichen Zeiten, als er noch
ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in
der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen,
Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf.

Und wenn ich so sehnschtig an ihn zurckdenke, empfinde ich klar und
schmerzlich, da er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den
ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn
betraf!

Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den
Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zhlte,
war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden lteren
Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf
blhende Blumen, die ihrer Reize noch unbewut, aber schon wonnig und
vielleicht instinktiv fhlen, da sie reizvoll sind, -- da sich in
ihnen ein Geheimnis erfllt, eine unerklrliche Macht von ihnen ausgeht,
durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.

Ihr Verhalten Tom gegenber nderte sich vollstndig. Frher waren sie
zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf
herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm
ntzlich zu sein. Er dagegen, seine groe bermacht ber die Schwestern
fhlend, hielt dieses Verhalten der Mdchen ihm gegenber fr etwas ganz
Natrliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er
wirklich einmal in einer zrtlichen Anwandlung die ppigen weichen Haare
einer der Schwestern streichelte oder gar kte, so tat er dies immer
mit der herablassenden Miene eines gtigen Herrschers, der die
Anhnglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafr
Sorge trgt, da sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und
Zufriedenheit bermtig werden. Dieses Verhltnis Toms zu den Schwestern
empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben
wiederholt, wenn ich sah, da er den Schwestern gegenber egoistisch und
rcksichtslos war und dafr von ihnen noch verlangte, da sie ihn lieben
sollten. Ich ahnte nicht, da sich das, fr eine gewisse Zeit
wenigstens, vollstndig ndern wrde.

Bald begannen nmlich die Mdchen ihren Stiefbruder zu meiden und in
ihren Liebesuerungen zurckhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es
nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und errteten,
wenn er sich ihnen nherte. Im Verhltnis wie sie Tom gegenber khler
wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.

Diese Vernderung ging so schnell und unmerklich vor sich, da ich mir,
als ich sie bemerkte, nicht klar darber war, wie und wann sie
eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fhlte ich, wenn ich diese drei
... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend,
betrachtete, da sich hier vor meinen Augen eine vollstndige Umwlzung
vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich spter
an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rchen
sollte.

Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ...
Sie selbst verstanden das natrlich noch nicht. Tom bemhte sich mit den
Schwestern wie frher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den
rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in
ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmchtigen Mdchen hatten jetzt
entschieden das bergewicht ber den zuknftigen Herrscher der Mondwelt
erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu bentzen.
Er brachte ihnen Nahrung, kmmerte sich um ihre Bekleidung, ihre
Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und
Bernstein fr sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr
sie zu schnen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflgen
nahm ich gewhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mdchen, die mit Tom
erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten,
wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom
vor, mich, weil ich strker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber
er lie es nie zu. Ich bemerkte wohl, da ihm nicht daran lag, mich zu
schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen
Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.

Eine uralte, ewig neue Komdie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr
gerne zu. Es schien mir, da ich drei Vgel vor mir habe und meine Hand
auf ihre pochenden Herzen halte; ich wei genau, wie diese Herzen
schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich
glaube, da dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast
glcklich fhlte.

Von diesen Kindern, in denen sich das groe Geheimnis des Lebens und der
Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frhlingsluft. Und das sind
heute schon alte Erinnerungen! Voll Rhrung rufe ich sie mir ins
Gedchtnis zurck, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage
erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern knnte. Nur
eins -- und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe
Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein
Herz hher schlagen lie und neu belebte, brachte auch dieser Welt das
degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen
Teiche bevlkert.

So oft mir das in den Sinn kommt, schttle ich mich, als wenn ich in
einem Rosenkorb pltzlich ekelhafte Wrmer gefunden htte.

brigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenber. Sie sind
vor allem arm, so arm, da mein ganzes Inneres sich in Schmerz und
Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch ber
ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war
energisch und verstndig und hatte in den Augen noch das, was ich
vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.

Das alles ist so schmerzlich fr mich, da es mir fast schwer fllt, es
niederzuschreiben.

Und warum mute es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende
Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren,
weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurcklie, weil ich auf sie
verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen nher stand, weil sie gestorben
ist und ich leben blieb, das heit, immer diese eiserne, unerbittliche
Notwendigkeit, die die Sterne leuchten lt und wieder auslscht und
sich um die Wnsche und das Glck des Menschen kmmert wie der Wind um
ein Krnchen des Sandmeeres, das er davontrgt.

                   *       *       *       *       *

Ich lese, was ich auf diesen Blttern in der letzten Nacht
niedergeschrieben habe und frage mich unwillkrlich, warum und fr wen
ich das niederschreibe ...

Damals, als ich die Erlebnisse whrend der Fahrt durch die de Wste
notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte
ich, da ich dieses Tagebuch den Mondvlkern zurcklassen wrde, damit
ihre knftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir
alles erdulden und durchkmpfen muten, bis es uns gelungen ist,
ertrgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch
lcherlich -- dieser Gedanke! Die Mondvlker, so wie sie sind, werden
das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, da sie es lesen sollen.
Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefhle, Schmerzen
an? Knnten sie sie verstehen? Wrden sie in diesen Blttern etwas mehr
als eine phantastische und fr sie unklare Erzhlung erblicken? Und
brigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen knnten, wissen, da
sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem
Geiste ber ein fernes und schnes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo
sie das erfahren wrden, knnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und
Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Mge denn die
hiesige Menschheit lieber gnzlich vergessen, was sie einst auf einem
anderen Planeten gewesen ist und von keiner metaphysischen Sehnsucht
geqult werden.

Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur fr mich.
Wenn ich davon trumen drfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu
befrdern, wrde ich es wie einen Brief an meine frheren Brder richten
und auf jeder Seite die blhenden Fluren gren und segnen; die
Getreidefelder, Blumen und Frchte, die Wlder und Grten, die Menschen
und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer
ist!

Aber ich wei nur zu gut, da dies niemals geschehen wird, da ich nicht
ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich
nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der
Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine ber den
Wsten leuchtende Heimat zu sehen.

Ich schreibe also fr mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise.
Und wenn es mir hier und da gelingt, mich fr einen Augenblick der
Tuschung hinzugeben, da ich das alles den Menschen mitteile, die auf
der Erde geblieben sind, dann schlgt mein Herz schneller und meine
Augen leuchten, denn es scheint mir, da ich einen Faden spinne zwischen
mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen
Planeten!

Dann mchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben
hier erzhlen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und
ber die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...

Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!

                   *       *       *       *       *

Dann schrieb ich ausfhrlich ber den einzigen Frhling, den ich auf
diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe
zwischen Tom und den Mdchen erfreute.

Vielleicht htte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn
ich fr einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frhling zu
verlngern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurckkehren, wo
ich die reife Frucht vorfnde.

Ich alter Narr! Es wre kein kleineres Wunder gewesen, einen
herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, da man sich von ihm abwendet.
Das Leben ging seinen gewhnlichen Gang!

Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte,
ans Meer zurckkam, begrte mich Tom mit einer seltsamen Wrde und
fhrte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.

-- Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben
nichts angerhrt. Nur Ada hat whrend deiner Abwesenheit hier gewohnt
und deine beiden alten Hunde, die du zurckgelassen hast.

-- Und du? frug ich, und die lteren Mdchen? Wo seid ihr gewesen?

Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, da
sich nicht weit, am Ufer des hheren warmen Teiches, ein beinahe
fertiges neues Huschen erhob.

-- Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.

-- Wozu? frug ich mit unverhllter Verwunderung.

Tom zgerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade
nhernden Mdchen und sagte, mir fest in die Augen blickend:

-- Das sind meine Frauen!

-- Welche? frug ich fast unbewut.

Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mdchen schauten uns
ngstlich an.

-- Welche von ihnen? frug ich abermals.

-- Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!

Mit diesen Worten nahm er die Mdchen bei den Hnden und fhrte sie zu
mir.

-- Segne uns, Alter Mensch!

Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute
schon fr immer mit mir verwachsen ist.

Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Vernderung, die
scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem
kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen
eine eigene, in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Mae enger
wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.

Mit jedem Tage fhlte ich mehr, da ich auf dieser Welt unntig wurde,
und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so
entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben flo dahin, immer
unaufhaltsam seinen alten Lauf!

Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den
Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unvernderlich bis
zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu
despotisch. Sogar ich hatte den alten Einflu auf ihn verloren. Zum Teil
waren diese unerquicklichen Verhltnisse auch die Veranlassung, da ich
zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir
nahm.

Nach meiner abermaligen Rckkehr beginnt schon, wie ich glaube, der
Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragdie, der bis auf den
heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, spter der
Tod Toms und Lillis bedrcken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde
und die entsetzliche Einsamkeit martern und qulen mich mit jedem Tage
mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer grer wird.

Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft,
sechs Shne und sieben Tchter, von denen die jngste einige Mondtage
nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat
sich der lteste Sohn Rosas, ungefhr fnfzehn Jahre zhlend, mit der
Tochter Lillis verheiratet; spter haben sich alle in dem Mae des
Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel
vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ltestem Sohn, der
schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig
Menschen, die diesen Globus bevlkern. Ihre Niederlassungen errichten
sie lngs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblhen
schreitet auch die Zivilisation vorwrts. Huser erheben sich,
Schmieden und Hundezwinger.

Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl
bis zum Tode bleiben, den ich so hei herbeisehne! Und so bin ich schon
eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde
verpflanzt, so frh reif werden und so frh sterben ...




                                 IV.


Ich glaube, ich wre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein
Zeichen geben knnte, da ich hier lebe und an sie denke. Das ist so
wenig, und es wrde mich so namenlos glcklich machen!

Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, da mich viele Hunderttausende
von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals
zurckgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich
geboren bin, trennen!

Wie viel zufriedener mssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur
damit beschftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich
ausfllt, der Salat gut aufwchst und die verwilderten Hunde nicht die
eiertragenden Eidechsen in den Umzunungen zerreien ...

                   *       *       *       *       *

Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ...
Frher, vor vielen Jahren, sa ich dort gerne und dachte ber die
Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich
wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Grbern bedeckten
Hgel am grnen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an
mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde.
Gerade heute, als ich so dort bei ihnen sa und auf die stille
Meeresoberflche blickte, berfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so
trostloses Weh, da ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hnde
ausstreckte zu den Grbern und sie bat, sich zu ffnen und zu mir zu
sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.

Ich fhlte, da es mir unmglich ist, lnger zu leben. Was hlt mich
auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste
Vereinsamung, alles das habe ich zur Genge ausgekostet; seit langem bin
ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!

Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese
helle Kugel schauen, die am Himmel hngt, auf die Erdteile, die langsam
darber kreisen und die dahingleitenden weien Flecke der Wolken. Ich
will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land,
wo ich geboren bin, und dann ...

Als ich zum Strande zurckruderte, war mein Entschlu gefat. Ich werde
zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.

Ich nherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt
und die dafr ntigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des
Sommerhuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewhnlichen Stunde
gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine
Rckkehr.

Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von
ferne, wiederzusehen, da ich mich nicht zurckhalten konnte, Ada meine
Absicht mitzuteilen.

-- Hre! rief ich, als sie mich begrte, bald werde ich von euch gehen!

Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Wrde an, die sie mir gegenber
stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zgern:

-- Ich wei, da du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...

Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschpfe, mit mir
umzugehen, an die ich mich schlielich schon htte gewhnt haben mssen,
derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnrte sich mir das Herz im
Gefhl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein
unbezwinglicher Zorn.

-- Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fu stampfend. Ich werde
fortgehen, wann es mir gefllt und wann ich will, aber daran ist nichts
Geheimnisvolles, nichts Ungewhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, da ich
morgen frh die Hunde fr den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.

Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.

Ungefhr zwei Stunden spter bemerkte ich eine ungewhnliche Bewegung
vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen
nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblten
Hauptes, schweigend und ngstlich auf meine Tr blickend. Ada trat aus
ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in
feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu
den Hften herab hingen Schnre von blutigrotem Bernstein und blaue
Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes,
die geglttet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.

-- Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!

Eine unbeschreibliche Wut erfate mich. Ich wollte die an der Wand
hngende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem
Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder
leid. Was knnen sie dafr.

Ich hielt mich zurck und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal
den Versuch zu machen, ihnen vernnftig zuzureden. Der wilde Lrm des
Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte
sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hrte in der Stille nur
noch den jngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flstern der
Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...

Da berkam mich das Gefhl eines grenzenlosen Mitleids.

-- Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.

Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines
ratlosen, verngstigten Zwerges in die Augen und sagte schlielich,
nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu
schpfen:

-- Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, da du noch nicht von uns
fortgehen mchtest.

-- Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend ber dreiig
Personen.

Es lag eine solche Angst und eine derartig instndige Bitte in ihren
Worten, da ich mich von einer tiefen Rhrung ergriffen fhlte.

-- Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als
ihnen vorlegend.

Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher
Mhe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:

-- Wir wren allein ... Es wrde die lange Nacht und die groe Klte
kommen. Oh, die bse Klte, die wie ein Hund beit, und wir wrden
allein sein ... Dann wrde die Sonne aufgehen, und du wrest nicht bei
uns, Alter Mensch ... Ada -- hier blickte er auf die neben ihm stehende
Priesterin -- Ada sagte uns, da du dich mit der Sonne kennst und noch
mit einem anderen Stern, der grer ist als die Sonne und geheimnisvoll
und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen
hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, da du von dort
gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in
einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen mssen. Wir
frchten uns, da du von dort nicht wieder zu uns zurckkehren knntest,
denn wir wrden allein bleiben. Wir bitten dich also ...

-- Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz
Jans beendend.

Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten
sollte. Die Mnner und Frauen umringten mich, streckten die Hnde aus
und baten mit angstvollen Stimmen:

-- Bleibe bei uns, bleibe!

Ich fhlte, da es zwecklos wre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich
ihnen schon so oft gesagt hatte, da ich ein gewhnlicher Mensch sei,
durchaus mit keinen geheimnisvollen Krften begabt und ebenso wie sie
alle dem Tode verfallen. Ich wute nicht, was ich tun sollte; in den
Ohren tnte es mir nur unaufhrlich, gleichmig wie eine Litanei:
Bleibe bei uns!

Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit
einer auerordentlichen Wrde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir,
da ich auf ihren Lippen ein Lcheln bemerkte -- halb spttisch, halb
wehmtig ...

-- Weshalb hast du sie hierhergefhrt? frug ich.

Sie lchelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.

-- Du hrst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.

Rings umher drhnte es unaufhrlich: Bleibe bei uns.

Das war mir zu viel.

-- Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht
bleiben, denn ...

Und abermals wute ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen
erklren, da ich gehe, um die Erde zu sehen, den mchtigen und hellen
Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem
wahnsinnigen Irrtum zu bestrken, da ich ein bernatrliches Wesen bin?
... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten
und bemerkte, da diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken,
da ich sie verlassen wrde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht,
aber in ihren trnenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut
eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie
dauerten mich unbeschreiblich.

-- Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch
nicht jetzt. Ihr knnt ruhig schlafen!

Ich hrte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen
entrang ...

-- Und wenn ich einmal die Reise antrete, fgte ich hinzu, von einem
pltzlichen Gedanken erfat, die Reise, dort nach Norden, wo der
schnste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehrt habt,
dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und spter
euren Kindern und Kindeskindern davon erzhlen knnt.

-- Du bist gro, Alter Mensch, gro und gndig! antworteten mir
zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern,
von dem du sprichst!

-- Wenn ich fortgehen knnte, seufzte ich unwillkrlich, aber leider bin
ich nur ein Mensch, so wie ihr.

In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich
untereinander an, und es schien mir, da ich auf ihren breiten Lippen
etwas bemerkte, das einem schnellen Lcheln des Einverstndnisses glich
und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, da
der Alte Mensch aus irgendeinem unerklrlichen Grunde nicht will, da
wir wissen sollen, da er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfate
mich der Mimut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem
Hause entstand Lrm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada
scharten, die lebhaft etwas erzhlte, wahrscheinlich von mir und meiner
bernatrlichkeit.

Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das
Mondvlkchen hat sich schon lngst in seinen Husern zerstreut, die sich
in langer Reihe an den steinigen, nach Sdwesten laufenden Ufern der
warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem
langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten
Menschen versprochenen Fahrt trumen und von der Erde, dem mchtigen,
seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzhlungen kennen
...

                   *       *       *       *       *

In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde
sein.

Aber jetzt ist berall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich
vor dem Hause Jans seine Shne zu schaffen machen; nicht weit davon
beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald
hereinbrechenden Nacht.

Ich wei nicht, ob ich gut daran tue, mich noch lnger unter diesem
Vlkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein berlegen mehr, denn ich habe
ihnen versprochen, da ich noch bleibe.

Und nur einen Trost fhlt mein altes, schwergeprftes Herz -- lange wird
es nicht mehr schlagen mssen. Noch einige Tage, einige Mondtage
hchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das
Leben zu beenden, -- den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.

Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich wei es, und
mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf
diesen letzten Weg; mgen sie die Erde sehen und dann zu den Brdern
zurckkehren -- ohne mich.

Eine qulende Sehnsucht drckt mich. Es tut mir leid, da ich
nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der
Gedanke ngstigt mich, es knne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an
Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor
Augen habe, anzutreten.

Aber nein, meine Krfte werden noch gengen! Ich wundere mich manchmal
selbst ber die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich
nhere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, da mich
jeder Tag, statt meine Krfte zu erschpfen und meine Gesundheit zu
untergraben, nur noch mehr strkt und fester macht.

Und wiederum denke ich unwillkrlich an jene zugleich lcherliche und
entsetzenerregende berlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist,
da ich niemals sterben werde.

Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur
des Menschen an ihr Widersprechendes gewhnen, die Seele niemals! Mein
Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie
wachsen unaufhrlich ins Ungeheure, Riesenhafte.

Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heien
Glcksgefhl daran, da ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde.
Das Herz schlgt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjhriger Jngling
wre, der zu einem Stelldichein mit einer ertrumten und ber alles
geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Trumen zu sprechen
gewagt hat.

Aber ich wei, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar;
ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die
undurchdringlichen Himmelsrume rufen, sie wird weder meine Stimme hren
noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.

Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand
seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dnkt mich, da ich an diesen
entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem
langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich
in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reien kann. Und so an
diese unerreichbare Welt gebunden, fhle ich, da mir der Boden unter
den Fen fremd ist und immer fremd bleiben wird.

Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde
ist fr mich nur noch ein Stern, den ich ber alles liebe. Wenn es
Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden
Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in
der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten
Qualen, wie auch ich sie erdulden mu.

Wie oft am Tage wiederhole ich mir, da jenes armselige, von mir so
bemitleidete Mondvlkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem
Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glcklicher ist als ich.

Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um
ihre kleinen Huser herum, unterhalten sich, lcheln einander zu und
sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natrliche Recht des
ltesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein fr
allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger
Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen.
Frher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich
diese Abendversammlungen gewhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder
andere zum Lesen bestimmte Bcher erklrt und von der Erde erzhlt und
von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am
Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum
verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner
Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch
phantastische Legenden entstellen und verwirren?

Und dennoch, ich mu es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran?
Ist es ihre Schuld, da sie alles, was sie hren, auf sich beziehen,
unfhig, sich in Gedanken ber diesen Landstreifen zu erheben, den sie
bewohnen? Sind sie schuld daran, da sie beim Lesen der Bcher der
Genesis an ihren Grovater Peter denken, dessen Grab sie auf der
Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer
Gtzenanbetung auf mich richten? Da Menschen eine andere Welt bewohnen
knnen, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht ber ihnen
leuchten, halten sie fr etwas, woran man glauben mu, weil ich es
gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmglich ist.

Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und
erst dann meine Bemhungen aufgegeben, als ich mich von der gnzlichen
Unmglichkeit berzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwrfe
machen, und trotzdem fhle ich die auf mir lastende furchtbare
Verantwortung fr diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir
anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer
Weise glcklich, und ich grme mich ihretwegen und vergrere durch eine
qulende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...




                                  V.


Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese
Bltter in Hnden hatte. Heute ffne ich das Tagebuch, um das Datum zu
notieren, wo ich dieses Land am Meer fr immer verlasse. Ich gehe
endlich zum Polarland!

Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.

                   *       *       *       *       *

Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hlfte kleiner
gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial
versehen, die mir fr eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland
gengen werden -- lnger vielleicht, als ich es bentige ... denn ich
bin alt ... Ich sollte heute frh aufbrechen, aber es ist ein Umstand
eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzgern wird.

Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum
quator, die er fast mit dem Leben bezahlen mute, hatte ich streng
verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest berzeugt,
da sie zu keinem Ziel fhren und die Teilnehmer nur unntig in Gefahr
bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und
ich glaubte bestimmt, da es immer so bleiben wrde, besonders in
Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit
seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltglichen Dingen
und Lebensbedrfnissen hngt.

Und dennoch habe ich mich getuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch
jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der
Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt
bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean
fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, da einige der
Mnner mit sehnschtigen Augen nach Norden schauen, ber das weite Meer.
Sie frugen mich einst, was wohl dort sein knne hinter dem groen
Wasser, und ich antwortete ihnen, da ich es nicht wei. Sie aber, wie
in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten
mich vielmehr im Verdacht, da ich es ihnen nur nicht sagen wollte.

Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen,
mit der Zubereitung der Vorrte fr die Reise zum Polarland beschftigt.
Als ich am Morgen ans Meer zurckkehrte, mich von dem Mondvolke zu
verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr
ich, da drei Mnner, die krftigsten und khnsten, meine Abwesenheit
bentzend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzhlten. Sie
bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor
unter und nahmen auer den ntigen Lebensmitteln zwei Hunde und
verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene
Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenberliegende Ufer auf
der nrdlichen Halbkugel zu gelangen.

Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin berzeugt, da sie niemals
zurckkehren werden, aber indessen mu ich den Bitten Jans und Adas
nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie
heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.

Ich frug die Frau Kaspars, des ltesten der drei Abenteurer, weshalb sie
nach Norden gegangen wren. Sie antwortete, da sie sehen wollten, was
dort sei ... Darber hinaus konnte sie mir keine Erklrung geben.

Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen
und sind tchtig, wie sie es bewiesen haben.

                   *       *       *       *       *

Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen
Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich
den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.

So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch wei,
da ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.

Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten
Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...

Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht.
Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich
auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hgel
mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im
weiten Lande sterben werde.

Es ist Zeit, da ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir
Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie
wissen, da es so sein mu. Ada, Jan und zwei seiner Brder sollen mich
zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.

Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals
heimkehren. Aber ich will nicht mehr lnger warten. brigens sind alle
meiner Abreise wegen so niedergedrckt, da sie nicht einmal an sie
denken.

Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwhnt und hinzugefgt:

-- Es ist ihnen ein Unglck zugestoen, denn sie sind aufgebrochen, ohne
den Alten Menschen um Rat zu fragen.

Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.

-- Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie
und drngten sich weinend um mich.

Fast scheint es mir, da diese Menschen mich lieben. Eine seltsame
Entdeckung -- in diesem letzten Augenblick ...

Aber das alles ist gleichgltig! Es ist Zeit fr mich, aufzubrechen!

                   *       *       *       *       *

                                          Unterwegs auf der See-Ebene.

Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, da nun das
Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im
Polarland -- unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus -- und dann
-- der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel
leuchtenden Heimat.

Langsam wird alles Traum fr mich, mein vergangenes Leben und diese
Menschen, die ich dort am Meere zurckgelassen habe; alles das zerrinnt
in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch
das flammende Rund der Erde glnzt.

Ich bin schon voller Ungeduld und mchte sie so schnell wie mglich
sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und
der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch
Schreiben die langen Stunden zu verkrzen.

Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten
Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und
wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurck, das schon so weit
hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und
Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...

Ach, fort mit diesen qulenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Krfte
anspannen mu, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!

Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch mu ich
zugeben, da mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden.
Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der
Gewohnheit! Man kann sich, scheint's, selbst an die Gitter des
Gefngnisses gewhnen ...

Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz
niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die
ganze Bevlkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster
und traurig und warteten. Ich zhlte sie, am Fenster stehend; es waren
alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.

Ich lie meinen Blick noch einmal ber diese Rume gleiten, in denen ich
fnfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, da man diese
Wohnsttte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa aberglubisch verehrt,
steckte ich sie mit allem, was noch darin zurckgeblieben ist und was
ich einst gebraucht hatte, eigenhndig in Brand und ging hinaus zu den
mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tr und
Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.

Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedmpfter kurzer Schrei. Sie
schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rhrte
sich, um das Feuer zu lschen: Sie fhlten, da ich es so wollte ... und
alle schwiegen.

-- Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu
sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers
unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte
ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte.
Ich zweifle daran, da ich jemals hierher zurckkehren werde, ihr aber,
wenn ihr wollt, knnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.

Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des
Daches und auf mich; ich sah, da einigen von ihnen Trnen ber die
Wangen liefen.

Ich atmete schwer; ich hatte das Gefhl, als wenn eine drckende Last
sich auf meine Brust wlzte.

-- Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit
Mhe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und
von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, da ihr
Menschen seid, denkt daran!

Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit uerster Anstrengung
fortfahren:

-- Ich gab euch manche Lehren, verget sie nicht! Ich lasse euch das
Buch zurck, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe,
das von der Erschaffung der Welt und von der Erlsung und Bestimmung des
Menschen erzhlt; lest es oft und lebt, wie es sich gehrt.

Ich brach wieder ab, da ich fhlte, da ich zwecklose Dinge redete.

Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:

-- Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, da der Mann
die Frau schlgt?

Diese Worte waren wie eine Losung. Im nchsten Augenblick umringten mich
Frauen und Mnner und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:

-- Alter Mensch, sage, ob es recht ist, da der ltere Bruder den
jngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwcher ist?

-- Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Htte zu
treiben, die sie einst selbst erbaut haben?

-- Sage, ob es billig ist, da einer aus dem Volke spricht: Das sind
meine Felder! und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.

-- Ob es recht ist, da einer dem andern die Frau nimmt?

-- Da er die Handwerkszeuge beschdigt?

-- Da er sich fr die ihm zugefgte Unbill rcht?

-- Da er zum eigenen Vorteil lgt?

-- Sage, ob das recht ist!

-- Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bcher haben
gelehrt, da man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es
tglich in unserer Mitte!

Ein stechender Schmerz schnrte mir die Brust zusammen. Dieses Volk
verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung
schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond
verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde
hierhergekommen!

-- Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen
derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?

-- Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.

Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich
fortgehe?

Ich lie den Kopf sinken wie ein Schuldbewuter, ohne zu wissen, was ich
erwidern sollte.

Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hren und
ein dumpfes, entferntes Drhnen des Vulkans.

Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fhlten scheinbar
dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, da meine Abfahrt das
unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen wrde.

-- Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurckkehren. Lebt indessen
in Frieden und menschlich, murmelte ich und wute gar wohl, da ich
ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.

-- Du wirst nicht zurckkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort
gesprochen hatte.

Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fgte sie mit erhobener Stimme
hinzu:

-- Der Alte Mensch verlt euch!

Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie
mit einem Schauer berlief.

-- Es mu so sein! sagte ich dumpf.

Eine Stunde spter befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei
ihrer Neffen gen Norden ...

                   *       *       *       *       *

Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute
aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Hhe steigend, sondern
schleppte sich am Horizont, gertet kaum einige Fu ber der blulichen
Linie der Berge im Sdosten. Das ist ein Zeichen, da wir uns dem Ziel
unserer Fahrt nhern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich
unterscheide schon mit bloem Auge die hchsten, ewig von der Sonne
beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde
bildet.

Das Herz schlgt mir zum Zerspringen ...

Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die
Sonne auf dieser Halbkugel untergehen mte, werden wir schon auf dem
Pol sein, im Land der ewigen Dmmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig
Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht fr die verschiedenen Meridiane
ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Fen hat.

Und dort -- werde ich die Erde sehen!

                   *       *       *       *       *

                                                        Im Polarlande.

Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den
Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der groe
Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen,
die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.

Mit einer tiefen Rhrung betrat ich dieses Land, die Augen nach der
Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und
als ich sie pltzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis
ins Innerste der Seele erschttert, da ich zunchst meine Begleiter
ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien
erhob (denn kniend begrte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit
ausgestreckten Hnden, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah
ich auf meine Umgebung. Jan und sein ltester Sohn wie seine beiden
Brder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblten
Huptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zgen, die
starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die
Arme zu dem Sterne der Wste erhoben. Geraume Zeit ging vorber, bis sie
sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:

-- Von dort ist _er_ gekommen, sagte sie mit gedmpfter Stimme, als wenn
sie nicht wollte, da ich es hre, und dorthin wird er zurckkehren,
wenn die Zeit erfllt ist. Werft euch zu Boden.

Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre
Vter einst gelebt haben ...

Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu
nhern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rhrung
zitternder Stimme die Erscheinung zu erklren, die sie vor sich hatten.
Sie drngten sich um mich, verngstigt, von Grauen geschttelt, als wenn
sie unsicher wren, ob ich mich nicht im nchsten Augenblick ber ihre
Kpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen
wrde!

Ach, wenn ich es knnte!

Und als ich so zu ihnen sprach, so gnzlich unverstanden, beschftigte
mich pltzlich dieser Gedanke derartig, da ich unwillkrlich
verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fhlte, da ich diesen
Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.

Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas nher
zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoen begannen und, auf die Erde
zeigend, flsterten:

-- Sieh, sieh, _er_ ist von dort gekommen.

-- Damals, als es hier noch niemanden gab ...

-- Ja ... _Er_ hat den Grovater Peter hierhergebracht und seine Frau
Martha ... Und einen, der der Vater unseres Grovaters war, hat er auf
der Wste tot zurckgelassen ... so lehrt Ada.

-- Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von
Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...

-- Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er
ebenfalls von dort mitgebracht.

-- Ja, alles hat _er_ geschaffen; fr die ersten Menschen hat _er_ hier
Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...

Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hrte, schnell um und die
halblaut gefhrte Unterhaltung verstummte sofort.

Ich wollte sie tadeln, aufklren, aber es fiel mir wieder ein, wie
vergebliche Mhe das wre. Ich sagte ihnen deshalb nur, da sie das Zelt
aufschlagen mchten, da wir hier lngere Zeit bleiben wrden. Und
seitdem flieen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den
rosagefrbten Berggipfeln aufgezeichnet, flieen fr sie, scheint es,
langsam, fr mich aber viel zu schnell dahin!

So teuer ist mir dieses Polarland, da Angst und Schmerz mich bei dem
Gedanken schtteln, dorthin zurckzukehren, dorthin zu den Warmen
Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, da ich mich schon im
letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, da von
hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur
Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wste
hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so
lange gelebt habe.

Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr
dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier
hat sie mir gehrt, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen
haben; hier stand sie ber meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier
wandelte sie mit mir auf den grnen ppigen Wiesen oder kletterte auf
die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort
schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demtigung, selbst
gedemtigt und von Schmerz zerrissen.

Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen
sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Fen,
und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hngend, nur der
Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was
unwiederbringlich dahin ist ...

Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du
das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die
Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern -- was
willst du noch?

                   *       *       *       *       *

O meine Brder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor
meinen Augen leuchtet!

O meine fernen Brder! O meine unbekannten und ber alles teuren Brder!

O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte ber den
Wsten!

Erde, du Paradies der hchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter
Smaragd, in die lasurblauen Meere gefat, o herrlichste Blume, duftender
Weihrauch! Wie Vogelstimmen tnende Harfe!

O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!

Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Trnen
mehr, dich zu beweinen, Stern, ber Wsten leuchtend! Welt, ber alle
anderen der glhendsten Liebe wert!

Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der
unglcklichste deiner Shne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner
goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!

Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest,
und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterscho:

Erde!

Vergib, da ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach
Erkenntnis, die du selbst in mir grogezogen, getrieben und verwirrt.
Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verfhrt, den du vor Zeiten
von dir geworfen, da er deine Nchte erleuchte und deine Meere
einwiege!

Ich flehe zu dir, dein fr ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute
gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die
seine Augen erfreuen, und Vgel, an deren Gesang er sich laben konnte,
und Brder, da er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene,
grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurckfindende Sohn und der Kinder
schlechtestes auf deinem breiten Schoe:

Erde!

Vergi mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des
ersehnten Todes umhllt! ...

Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich
mit deinem gesegneten Lichte!

Dein Licht, zurckgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen
Gipfeln und grnen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blttern der
Bume, von blhenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet,
von Bauernhtten und von ragenden Trmen der Kirchen, von menschlichen
Zgen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende
von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wste zu mir eilend, und
ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grn deiner
Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prchtigste Farbe und des
menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten
Augen spiegelt!

O Erde, meine Erde!

Wann wird mein Geist, von der krperlichen Hlle befreit, endlich auf
diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt
hier gespannt sind, zu deinem Mutterscho zurckgelangen und in
balsamischen Lften alles mit Kssen bedecken, was er geliebt und wonach
er sich so grenzenlos sehnt!

O Erde!




                                 VI.


Ich habe seltsame Ahnungen, da ich bald sterben werde. Dieser Gedanke
umkreist mich bestndig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen
Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und
die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fhlte ich
so wie jetzt, da der Tod nahe ist.

Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber -- was
erstaunlicher ist -- auch ohne Freude, die doch die endlich nahende
Erlsung in mir erwecken mte ...

Es scheint, da mir noch etwas zu tun brig bleibt, etwas ungemein
Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann.
Und das bedrckt mich, und das ist die Ursache, da ich ihn nicht mit
Freuden begre -- den Tod-Erlser!

Im Traume hre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls
im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so malos danach, zu
euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...

Fhrt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wste? ...

                   *       *       *       *       *

Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die
Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der pltzlich die
ganze Polarmulde berflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie
gesehen, da ich fter auf die benachbarten Berge steige, um auf die
Erde oder die Wste zu blicken, die hier schon an der Grenze des
Horizontes sichtbar ist. Sie drngte mich, da ich sie einmal mitnehmen
mchte, damit auch sie betrachten knne, worauf ich schaue und wonach
ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten
Priestergewnder an und sagte zu Jan, da sie auf die Heimat des Alten
Menschen schauen werde. Unterwegs mute ich ber ihre Wrde lachen; wenn
man sie ansah, schien es, da sie auf diesen Berg schreite, um ein
heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, da die Leute, die wir in dem
Zelt im Tal zurcklieen, zum wenigsten davon berzeugt waren. Sie
blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen
wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkrlich in mir geregt hatte als
ich Adas Priestergewnder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort
von mir; ich habe sogar vergessen, da dieses Geschpf hinter mir ging.
Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich
vorwrtsschritt, ber dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier
schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenberliegenden Seite des
Horizontes stand. Unter meinen Fen breitete sich ein wahrer Teppich
von Pflanzen, die dem Heidekraut hnlich und von der Sonne rosig gefrbt
waren, ber meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung berkam mich! Es schien mir, da ich mich,
diesen Berg ersteigend, schon fr immer von den Mondleuten entfernte und
von dieser ganzen mir so widerwrtigen Welt; es schien mir, da ich
wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk
vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurckkehrt, dort inmitten der
Sterne ... Und die rotglhende Sonne liegt schon in meinem Rcken und
nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mhe und Schmerz und
Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mchtig, hell
erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Scho aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick
der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorbergleitenden
hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die ber
Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her
verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glnzten wie
ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen
Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der
Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen
schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so
unerwartet und bezaubernd fr mich, da ich einen Augenblick mit
zurckgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich pltzlich
wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel -- dort oben
auf dem Gipfel des Mondberges.

Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, da Ada zu
meinen Fen kniete und helle Trnen ber ihr Gesicht herabflossen.

-- Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.

Sie aber, statt mir zu antworten, umfate meine Knie und weinte
herzzerreiend. Endlich hrte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen
Worte heraus:

-- Du bist unglcklich, Alter Mensch.

-- Und deshalb weinst du?

Sie erwiderte nichts, unterdrckte nur ihr Schluchzen und starrte auf
die goldene Scheibe der Erde.

Und wieder verflo eine lange Zeit in Schweigen.

Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig
durchdringenden Blick in die Augen.

-- Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglcklich, sogar du, sagte
sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...

Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:

-- Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?

-- Ich wei es nicht.

Ich sagte die Wahrheit; ich wei in der Tat nicht, warum ich nicht
sterbe ...

Und wieder berkam mich die schreckliche Angst, denn ich mute an jenes
furchtbare Mondmrchen denken, da ich niemals sterben wrde.

Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:

-- Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglcklich.

-- Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkrlich.

Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich pltzlich an einer Biegung
das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen
war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Tuschung gaukelte mir
vor, da mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust,
erwarte und Peter, wie gewhnlich in Nachdenken versunken, aber noch
jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.

Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die
sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstrt.

Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte
es.

-- Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.

Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkrlich nach der Erde um
und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am
Horizont sichtbar.

Ada fing meinen flchtigen Blick auf und legte flehend die Hnde
zusammen:

-- Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.

Sie frchtete, da ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.

-- Denkst du, da ich auf die Erde zurckkehren kann? sagte ich.

-- Du kannst alles, was du willst, antwortete sie -- aber ... wolle
nicht!

Als ich ermdet und niedergedrckt zum Zelt zurckgekehrt war, legte ich
mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem lie mich
einige Stunden hindurch das Flstern meiner Begleiter hinter der
Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir
aus, was ich whrend meines Ausfluges gesprochen und getan htte ... Ihr
Geschwtz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, trumte
mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwste und von der
Erde! ... Von der Erde ...

Ach, wie mich diese Trume qulen ...

                   *       *       *       *       *

Ich mchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen
sind, ermden mich unsagbar. Es scheint mir, da sie unaufhrlich
zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele
werfen ...

Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich
bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorrte zusammen,
als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa
der Tuschung hin, da es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur
Umkehr zu bewegen?

Wer wei, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr
staune ich ber diese Frau. Manchmal wei ich tatschlich nicht mehr, ob
ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen
mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht
wunderbar, da diese Wahnsinnige eigentlich die Verstndigste von all
den hier Geborenen ist?

Und brigens, was kmmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer
anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so mde, so furchtbar
mde durch das, was dieses Leben ihm brachte.

Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein
lassen wollten!

O Erde, Erde! Du weit nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben,
und wie gerne ich sterben mchte! Morgen, heute, sofort ...

                   *       *       *       *       *

Welch eine Lsterung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich
sterben, und heute will ich leben, mu ich leben, noch einige Mondtage,
dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein
unaussprechlich wonniges Gefhl will mir die Brust zersprengen. So ist
es, so ist es! Ich mu es erfllen, ich mu!

Gott, wie danke ich dir, da ich unseren alten Wagen mit mir habe und
gengende Vorrte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, da ich nicht
frher daran gedacht habe!

O Erde! O meine Brder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch
abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel,
euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben
bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!

Ich werde auf der Wste sterben, im vollen Glanz meines geliebten
Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...

                   *       *       *       *       *

Ach, da ich sie finden mchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr
trume ich, und wahrhaftig, ich wei nicht, ob ich jemals im Leben den
Anblick des geliebten Weibes so hei begehrt habe, wie ich heute
begehre, sie wiederzufinden -- diese Kanone, die wir vor fnfzig Jahren
am Grabe O'Tamors zurckgelassen haben! ...

Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, berkam mich
ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir
das Mittel zur Verstndigung mit meinen Brdern auf der Erde zeigte.

Denn, in der Tat, fnfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein
einziges Mal auch nur daran gedacht, da dort, auf dem _Sinus Aestuum_,
inmitten der Steinwste, am Grabe O'Tamors, eine Kanone steht, die genau
auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken
wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde
entgegenzuschleudern.

So ist es. Ich werde auf die Wste hinausgehen und diese Kanone suchen;
ich werde die Leiche des greisen O'Tamor in dem felsigen Grabe
auffinden. O'Tamor, der diese Kanone seit fnfzig Jahren bewacht, die
leeren Augenhhlen der Erde zugewendet ... Ich wei, da ich von dieser
Expedition nicht zurckkehre; ich bin zu alt und zu erschpft, und vor
allem habe ich nichts, wohin ich zurckkehren knnte. Der Tod hat mich
verschmht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm
entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Knigreich sein mu.

Und ich werde dort ruhen, neben O'Tamor und der abgeschossenen Kanone,
auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es
doch bald wre -- so bald wie mglich!

Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hmmert! Vorher werde ich dieses
Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den
knftigen Mondvlkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust
pressen und kssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer
Stahlhlle, zu euch senden, ihr entfernten Brder! Ich trume davon mit
klopfenden Schlfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel
findet, -- nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten.
Und nachdem er sie geffnet, ein Bndel Papiere herausnimmt ...

Dann werdet ihr, meine unbekannten Brder, lesen, was ich im
unaufhrlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde,
geschrieben habe. Ihr kennt sie im grnen Kleide, in der ppigen Pracht
der Blten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch
vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten
ber dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!

Ihr wit nicht, geliebte Brder, wie schn eure Mutter ist, wenn man sie
durch die Abgrnde der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne
und nach euch -- und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl
er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!

                   *       *       *       *       *

Die Sonne stand schon zum drittenmal ber der Wste und zum drittenmal
verblate die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mhseliger Fahrt
im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf
den Hgeln berraschte, zu mir trat und sprach:

-- Alter Mensch, es ist Zeit, zurckzukehren!

Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit
der Erde beschftigt, da ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern
glaubte, er rufe mich zur Rckkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...

Aber er sagte weiter:

-- Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den
warmen Teichen zurckzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter
Mensch.

Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich
in seinen Zgen einen unerschtterlichen Entschlu. Und pltzlich
berkam mich eine unsgliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir
hierhergekommen und denken jetzt an die Rckkehr, an ihre Familien, an
die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden
-- und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort -- am
Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurckkehren, obwohl an mir sicherlich
eine hundertmal heiere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig
verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stckchen Mond, am
Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemchtigte sich meiner.

-- Kehrt zurck! sagte ich trocken.

-- Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend.

-- Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm,
gesagt, da ich gehe, um niemals wiederzukehren.

-- Ja, flsterte Jan, aber ich dachte, da mit der Zeit vielleicht doch
... Hier ist es nicht gut fr Menschen ...

-- Kehrt also zurck. Ich bleibe.

Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von
einem Wurf in den Nacken getroffen wre und entfernte sich eiligst. Zu
Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen.

Ich hatte mich nicht getuscht. Nach einer Weile kam die
Mondpriesterin. Ich war auf eine lcherliche Szene mit Bitten,
Beschwrungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der
Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada
allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur
sagte:

-- Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.

-- Aber du wirst doch nicht _dorthin_ gehen?

Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die
unter ihr liegende Mondwste.

Unwillkrlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, als zum erstenmal
der Gedanke in mir auftauchte, da ich mich dorthin begeben knnte, auf
die Wste, die ich vor fnfzig Jahren mit meinen Kameraden zurckgelegt
hatte, um mich wenigstens fr kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde nher
zu fhlen, sie direkt ber mir zu haben. Heute erfllt mich dieser
Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich
kann mich nicht eine Minute von ihm losreien. Aber damals war es kaum
ein erstes Aufblitzen, das ich zunchst in mir erstickte, denn ich
glaubte, da es etwas Unmgliches sei; als wenn der Tod an der Grenze
der Mglichkeit stnde und es unmglich wre, etwas zu kaufen, was man
mit dem Leben bezahlen mu.

-- Dorthin wirst du also nicht zurckkehren, wiederholte die Priesterin.

Ich zgerte.

-- Nein. Noch nicht.

-- So ... knntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere
wohnen? Sie mchten dich so gern in ihrer Mitte haben.

-- Nein! antwortete ich hart, da ich sah, da ich wieder mit Bitten
bestrmt werden sollte. Ich will hierbleiben.

-- Wie es dir gefllt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber
... wie es dir gefllt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurckkehren,
werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der
Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber
werden die Kpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber
wie es dir gefllt. Schlielich wissen sie, da du ein Gast unter ihnen
bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren mssen.

-- Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan
gehorcht dir und achtet deinen Willen.

-- Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.

Ich sah sie erstaunt an; sie zgerte, dann glitt sie langsam zu meinen
Fen nieder:

-- Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.

-- Sprich.

-- Jage mich nicht fort!

-- Wie?

-- Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben.

-- Bei mir, hier im Polarland?

-- Ja, bei dir im Polarland.

-- Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe
stehen, dort am Meeresstrande.

-- Ich wei, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen
Stern gekommen; ich wei es, aber erlaube mir dennoch ...

Ich dachte ber diese seltsame Bitte nach.

-- Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal.

Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme:

-- Ich liebe dich, Alter Mensch.

Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:

-- Ich wei es, da es eine strafwrdige Khnheit ist, wenn ich zu dir
sage, da ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fhle, nicht anders
bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich wei nur
noch, da sie unglcklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner
Kindheit, und ich sehe in dir alles Groe, Lichte, Mchtige, etwas, das
ich nicht kenne, aber ich wei, da es von den Sternen mit dir
hierhergekommen ist.

Sie verstummte. Und als ich noch in hchstem Staunen ihre sonderbaren
Worte an meiner Seele vorberziehen lie, begann sie von neuem:

-- Und dabei warst auch du unglcklich und so einsam, einsam das ganze
Leben hindurch, einsam wie ich. Ich wei nicht, weshalb du von dem dort
leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ...
Ich wei, da du alles tust, was du willst, -- du gengst dir und
bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir
zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Groer, du Guter und Kluger!

Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Fen und
verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.

-- Und wenn du dann fortgehen willst, zurckkehren zu deiner am Himmel
strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde
ich dich bis an die Grenze dieser groen, toten Wste begleiten und von
dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen
Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande
zurckkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich
sterben.

Whrend sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flsternd und
trumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die
Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit
angehaltenem Atem. Und pltzlich hrte ich Jan leise sagen:

-- Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde!

Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und
sonderbar! Fr gewhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen
auf und reizte mich, jetzt aber, ich wei nicht, ob durch die
unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele
erschttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte
Reise auf die Wste hinaus -- im Angesicht der leuchtenden Erde, --
genug, es berkam mich eine groe Trauer, ein herzzerreiendes Mitleid.

Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick
ermutigt, kam einige Schritte nher und sagte, mir in die Augen
schauend:

-- Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du
deine Ankunft schon angekndigt? Mssen wir allein bleiben? In diesem
Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke:
Das Geschtz!

Ja, das Geschtz, am Grabe O'Tamors, dort in der Wste!

Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drckte beide Hnde aufs Herz,
das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment
der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne
jagte und drngte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wste, Kanone,
der Schu, meine Erdenbrder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer
Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fhlte, das ist der Tod!

Ich verga, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in
hchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum
erreichte mich nur noch die Stimme Adas:

-- Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns
verlassen.

Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein.

Ich verstand, da das eine Offenbarung war, da ich in die Wste gehen,
das Geschtz finden, die letzte Kunde und den letzten Gru auf die Erde
senden und dann -- sterben mu.

Eine Weile spter teilte ich Ada und Jan meinen Entschlu mit; sie
nahmen ihn mit traurig gesenkten Kpfen auf, aber ohne ein Wort des
Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren.

Von ihrer Rckkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen
hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise.

Gegenwrtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne
zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die
de Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.

                   *       *       *       *       *

Meine Mondtragdie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem
Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grn erblickte.
Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wste hinter mir, jetzt will
ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.

Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes
Leben an mir vorberziehen, und es dnkt mich, da es Zeit ist, mit dem
Gewissen abzurechnen. Ich mchte mich, wie es die Menschen auf der Erde
tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Snden beichten, und seltsam,
auf meine Lippen drngt sich nur mein Unglck. Sollte beides ein und
dasselbe sein?

Du also, _Herr_, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hrst, wie das
Getse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich
hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast,
nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, da ich sndig war --
und unglcklich!

Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du fr mich
geschaffen hast, und ich flog auf Flgeln der Sehnsucht mit all meinen
Gedanken zu diesen am Firmamente glnzenden Welten und entzog mich den
Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu trumen, die Du
geschaffen hast -- _nicht_ fr mich! Ich war sndig, _Herr_, -- und
unglcklich ...

Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den
Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und
ich trumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier
aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sndig war ich und
unglcklich ...

Und kaum war ich ein Mann, erfate mich die Begierde, den Weltenraum zu
durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von
den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wre und nicht ber Abgrnden
schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verlie leichten Herzens
die nhrende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz
des Mondes verfhrt ... Sndig war ich, _Herr_, und ich bin unglcklich.

Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so
erbrmlich, um ein wenig Luft, die ich fr die Erhaltung des Lebens
bentigte, mit ihnen zu kmpfen, oder um die Frau, die keinem von uns
gehrte, die wir verlangend die Hnde nach ihr ausstreckten. Und als ich
Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld
getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sndig war
ich und unglcklich ...

Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener
Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht
anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine
Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur
Verachtung fr die Unglcklichen und habe es geduldet, da sie mich
verehrten, whrend nur _Dir_ allein die Ehre gebhrt ... Ich war sndig,
_Herr_, und unglcklich ...

Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschpft, verlasse
ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Fhrung
bergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im
Angesicht der Erde! Ich bin sndig, _Herr_, und unglcklich!

Mein Leben ist in zwei groe Teile zerfallen: Der eine heit Verlangen
nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und
beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ...

Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich
bin kaum einen elenden Schritt vorwrtsgekommen im Weltall, und ich
kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich
befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Rume der
Himmel durchflogen, eine Wste durchwandert, die furchtbarer ist als
irgendeine auf der Erde, vergebens fnfzig Jahre auf diesem Globus
gelebt. Die Rtsel, die mich umgeben, sind heute so ungelst wie vor
einem halben Jahrhundert.

Wonach ich mich auch sehne, ich wei, da ich es niemals erreichen
werde.

Und das ist mein ganzes Leben!

Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, da es ende ...

Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wste, auf die ich frh den Wagen
lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ...

Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben
... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir
und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenrte
verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurckkehren und sagen:
Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...

Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine
Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt!

Sndig bin ich ...

Es nhert sich die Zeit der Abreise ...




                                 VII.


                                                    Auf Mare Frigoris.

Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich
diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, da ich schon gestorben bin
und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten
Lndern.

Und ich kenne doch diese Wste und sah diese Berge, die sich dort am
Horizont malen. Ich bin schon einmal hier gewesen, vor langen Jahren!
Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel
Kraft, bis zum Grabe O'Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich
dich mehr.

Ich habe dem Mondvlkchen versprochen, aus der Wste zurckzukehren,
wenn meine Krfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens
bei ihnen zu bleiben; aber ich wei, da ich aus der Wste nicht
zurckkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den
warmen Teichen notwendiger wre als jemals.

Wenn das wahr ist ...

Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner
Abreise.

Hrt es, Menschen auf der Erde:

Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der
kleinen Schar der Zurckbleibenden, als ich pltzlich am Eingang zu der
Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, da dies
eine Tuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei
Zwerge nherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stie
einen Schrei aus:

-- Sie senden nach uns! Es mu etwas Schlimmes geschehen sein!

Die Vermutung hatte ihn nicht getuscht. Die beiden Abgesandten kamen
vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht.

Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die
khnen Abenteurer, die ich fr verloren hielt, von der Expedition nach
der sdlichen Halbkugel zurckgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der
dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden
beschlo man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur
Rckkehr ans Meer zu bewegen.

Die zwei, die sie fr diese Mission ausgewhlt hatten, hielten sich bei
ihrer Wanderung lngs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den
Weg aus Adas Erzhlungen kannten; so gelangten sie auf die Hhe ber der
See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde.

Ich hrte ungeduldig ihren weitlufigen Beschreibungen zu und wollte
endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewhnlichen Reise bewogen
hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich
gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzhlen.

Aus dem Durcheinander ihrer ungefgigen Stze erfuhr ich nur so viel,
da ihre drei Kameraden bei gnstigem und beraus starken Winde im
Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das
zugefrorene Meer im Fluge zurckgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum
gegenberliegenden Strande auf der sdlichen Halbkugel gelangten. Das
war klar, aber das weitere nur mit Mhe aus ihren konfusen Reden
herauszufinden. Und auerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen,
auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und
halb Tier, die sich vor der Klte in tiefen Hhlen verkriechen. Diese
Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene,
in Trmmer zerfallene Stdte herum ausgegraben. Und mit diesen
entsetzlichen, raubgierigen Geschpfen muten unsere Zwerge Kmpfe
bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des
Besitzes von Schuwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie
in wilder Flucht zurck, denn jene Unholde verfolgten sie hartnckig auf
dem Eise.

-- Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzhler und zitterte bei
der bloen Erinnerung dessen, was er gehrt hatte; klein, aber
frchterlich! Die Unseren muten fliehen, da ihrer viele, viele waren!
Sie haben Schnbel statt des Mundes und scheuliche, lange Hnde. Kaspar
haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in
eine jener Hhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist
herrlich, aber diese Geschpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten
erzhlten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten
den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu
entfliehen, obwohl mit groer Mhe. Und seltsam ist das Land dort im
Sden hinter dem Meere. Da stehen groe Trme, die aber zerfallen sind,
und mchtige Maschinen oder Fabriken, zerstrt und berwachsen. Und
diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Trmen, es
scheint jedoch, da sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie
wohnen in Hhlen und sind entsetzlich anzusehen.

Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nhere Einzelheiten ber
diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten
mir keine Antwort geben. Ich hrte nur noch die Geschichte der Heimfahrt
der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen
nicht gnstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht ber
das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu
schmelzen, als sie glcklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort
verbrachten sie, vor der furchtbaren quatorhitze Schutz suchend, den
ganzen Tag in einer Hhle und erwarteten die Nacht und die Klte, um auf
dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann
der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Ma des Unglcks voll
zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so da sie, mit
unsagbaren Mhen kmpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fu zurcklegen
muten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande
berlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen
Teiche, um zu erfahren, da der Alte Mensch sie verlassen hat.

-- Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwrdige Erzhlung
zu Ende war.

-- Schtze uns, Alter Mensch, schtze uns! riefen beide gleichzeitig; es
geht uns schlecht und Unglck kommt ber uns! Diese raubgierigen
Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben,
unzweifelhaft ber das Meer kommen und mit uns kmpfen, uns
niederdrcken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel
mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!

Sie warfen sich mir mit erhobenen Hnden zu Fen; ich fhlte ngstlich
fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brder auf mich gerichtet, nur
Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgltig. Und ich stand, im
Innersten erschttert, zgernd und im Zweifel, was ich sagen und tun
sollte. Es war nicht die Mglichkeit eines berfalles jener Wesen auf
die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, da hier auf
diesem Globus Geschpfe leben und, wie es scheint, sogar verstndige,
die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatschlich daran,
auf das letzte Glck zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brder
auf der Erde, Nachrichten von mir zu bersenden, und hierzubleiben unter
dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Vlker kennen zu lernen, die hinter
dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte,
nach fnfzigjhrigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die
Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schtzen.

Aber dieses Zgern whrte nicht lange. Was gingen mich die Mondvlker,
die von der Erde gekommenen und jene, die berreste irgendeines alten
Mondstammes, an, die wie Maulwrfe in Hhlen rings um verfallene Stdte
wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mgen
sie einander bekriegen, mgen sie kmpfen, sich gegenseitig vernichten.
Was kmmert es mich? Ich bin alt und wei nicht, ob ich noch lange genug
leben werde, um jene weite Reise ber die luftlose Wste zu berstehen.
Soll ich die letzten Krfte jetzt eines lcherlichen Mitleids willen
vergeuden oder fr eine kindische Neugierde? Und wer brgt mir dafr,
da die Erzhlung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht
stehen dort gar keine zerfallenen Stdte, sondern aufeinandergetrmte
Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvlker nur unvernnftige
Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu berzeugen,
denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein
der Erde.

-- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an
euch. Ich mu eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg fhrt
nach einer anderen Richtung als der eure.

-- Ich wute, da du so antworten wrdest, flsterte Ada, whrend ich
schon den Fu auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berhrte noch
einmal meine Knie:

-- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich
uns, da du zu uns zurckkehren willst, wohin du auch zu fahren
beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird
uns in den Kmpfen aufrechterhalten, die wir bestehen mssen!

Ich zgerte.

-- Wenn ich die Krfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich
zurckkehren!

Ada wandte sich zu der kleinen Schar:

-- Er wird zurckkehren, aber dorthin!

Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde,
das ber dem Horizont glnzte.

Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten
Worte noch mein Ohr erreichten:

-- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach
Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfllt ist ...

                              Auf Mare Imbrium, unter den Drei Kpfen.

Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brder! Starres
Entsetzen berkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke,
an die grauenhafte Fahrt ber Zerklftungen, Berge und endlose Wsten.
Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Hllen
vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Klten. Und Leere ... Leere
...

Ein anderer Weg als der, den wir damals zurcklegten, hat mich dieses
Mal hergefhrt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der
ich ein Steckenbleiben des Wagens befrchtete, umgehen wollte, umkreiste
ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und
erreichte so die groe Ebene, auf der ich bis zum Fue des
_Eratosthenes_ gelangen werde.

Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzhlen? Es wartet
meiner wohl noch Schlimmeres.

Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen
haben. Aber ich fand nur eine glatte Wste dort; weder Felsen noch jene
ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne
getuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so da ich von
fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte
vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen
haben und weitergezogen sein durch die Wste -- auf die grenzenlose
Ebene des Todes? ...

Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner
grauenhaften letzten Einsamkeit ...

Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten
am schwarzen Samthimmel -- grausig, frchterlich ... Und warum soll ich
die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, frh
genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?

                                               Unter dem Eratosthenes.

Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte
Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Sden umkreisen und so auf den
_Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen
O'Tamor ...

Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der
Flle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.

Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch
die Krfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich
habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit
der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war,
nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_,
verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst
glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hren, die
mich anflehten, zu ihnen zurckzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu
schtzen, die ber das quatormeer gekommen wren und ihnen die Htten
verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir
gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden.
Sie begrten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten
unter Schatten, mit ihnen fr ewig die Wste zu durchirren ... Und
endlich trumte mir, da man mich von der Erde riefe -- und das war die
einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.

Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brder auf der
Erde! Ich wei, da ich nicht mehr einschlafe, bis da es mir vergnnt
sein wird, im letzten Schlaf die mden Augen zu schlieen.

Das whrt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ...

                               Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde.

Gott dem Hchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle
gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fu zum erstenmal den Boden
berhrt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf
die Erde senden kann.

Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, da er
jnger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind ber ihn
dahingegangen, ohne ihn zu berhren, wie ein leichter Wind ber
Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine
Zerstrung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir
ihn verlassen haben und starrt mit weit geffneten toten Augen
unaufhrlich auf die glnzende Erde, whrend ich, der ich als Jngling
von diesem Grabe fortging, jetzt ber ihm gebeugt stehe mit weiem Bart
und weien Haaren und mit Entsetzen in den erlschenden Augen ... Zu
lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt!

Das Geschtz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstrt; es
wartete auf mich ber fnfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten
Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschliee, die sie auf die
Erde tragen wird.

Die Nahrungsvorrte sind schon erschpft, die Luft wird kaum mehr fr
zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich mu mich eilen.

Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage.

O Erde! O verlorene Erde!
...................................................................

         Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde
                herabgefallenen Kugel gefunden wurde.

               Gedruckt bei M. Mller & Sohn in Mnchen




Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die Namen der Mondkrater Msting, Schrter und Smmering sind im
Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering.
Dies wurde so belassen.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 180]:
   ... frischem ppigen Grn bedeckt waren. Und alles von ...
   ... frischem ppigem Grn bedeckt waren. Und alles von ...

   [S. 239]:
   ... -- Jedesfalls steht es schlecht. ...
   ... -- Jedenfalls steht es schlecht. ...

   [S. 349]:
   ... ganzes Innere sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...
   ... ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...






End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***

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