The Project Gutenberg EBook of Die drei Nsse, by Clemens Brentano

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Title: Die drei Nsse

Author: Clemens Brentano

Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4505]
Release Date: October, 2003
First Posted: January 26, 2002

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Michael Pullen.  HTML version by Al Haines.










Die drei Nsse

Clemens Brentano



Daniel Wilhelm Mller, Professor und Bibliothekar zu Altorf, lebte im
Jahr 1665 in Kolmar als Hofmeister der drei Shne des Brgermeisters
Maggi.  Im Oktober dieses Jahres hatte der Brgermeister einen
reisenden Alchimisten zum Gaste, und als bei dem Nachtische der
Abendmahlzeit unter anderm Obste auch welsche Nsse auf die Tafel
gesetzt wurden, sprach die Gesellschaft mancherlei von den
Eigenschaften dieser Frucht.  Da aber die drei Zglinge Mllers etwas
unmig zu den Nssen griffen und sie lustig nacheinander aufknackten,
verwies Mller es ihnen freundlich und gab ihnen folgenden Vers aus
der Schola Salernitana zu verdeutschen auf: "Unica nux prodest, nocet
altera, tertia mors est."--Da bersetzten sie: "Eine Nu ntzt, die
zweite schadet, der Tod ist die dritte."  Mller aber sagte zu ihnen,
diese bersetzung knne unmglich die rechte sein, da sie die dritte
Nu lngst genossen und doch noch frisch und gesund seien; sie
mchten sich eines Bessern besinnen.  Kaum waren diese Worte
gesprochen, als der Alchimist mit Bestrzung pltzlich vom Tische
aufsprang und sich in der ihm angewiesenen Stube verschlo, worber
alle Anwesende in nicht geringer Verwunderung waren.  Der jngste
Sohn des Brgermeisters folgte dem Fremden, um ihn auf Befehl seines
Vaters zu fragen, ob ihm etwas zugestoen sei; da er aber die Tre
verschlossen fand, sah er durch das Schlsselloch den Fremden auf den
Knien liegen und unter Trnen und Hnderingen mehrere Male ausrufen:
"Ah, mon Dieu, mon Dieu!"

Kaum hatte der Knabe seinem Vater dies hinterbracht, als der Fremde
sich von dem Diener zu einer einsamen Unterredung melden lie.  Alle
entfernten sich.  Da trat der Alchimist herein, fiel auf die Knie,
umfate die Fe des Brgermeisters und flehte ihn unter heftigen
Trnen an: er mge ihn nicht vor Gericht bringen, er mge ihn vor
einem schmhlichen Tode erretten.

Der Brgermeister, heftig ber seine Rede erschrocken, frchtete, der
Mensch mge den Verstand verloren haben, hob ihn von der Erde auf und
bat ihn freundlich: er mge ihm sagen, wie er auf so schreckliche
Reden komme.  Da erwiderte der Fremde: "Herr, verstellen Sie sich
nicht, Sie und der Magister Mller kennen mein Verbrechen; der Vers
von den drei Nssen beweist es: tertia mors est, die dritte ist der
Tod; ja, ja, eine bleierne Kugel war es, ein Druck des Fingers, und
er schlug nieder.  Sie haben sich verabredet, mich zu peinigen, Sie
werden mich ausliefern, ich werde durch Sie unter das Schwert kommen."

Der Brgermeister glaubte nun die Verrcktheit des Alchimisten gewi
und suchte ihn durch freundliches Zureden zu beruhigen.  Er aber lie
sich nicht beruhigen und sprach: "Wenn Sie es auch nicht wissen, so
wei es doch Ihr Hofmeister gewi, denn er sah mich durchdringend an,
als er sagte: tertia mors est."  Nun konnte der Brgermeister
nichts anders tun, als ihn bitten, ruhig zu Bette zu gehen, und ihm
sein Ehrenwort zu geben, da weder er noch Mller ihn verraten wrden,
wenn irgend etwas Wahres an seinem Unglcke sein sollte.  Der
Unglckliche aber wollte ihn nicht eher verlassen, bis Mller gerufen
war und ihm auch heilig beteuerte, da er ihn nicht verraten wolle;
denn da auch er nicht das mindeste von seinem Unglcke wisse, wollte
er sich auf keine Weise berreden lassen.

Am folgenden Morgen entschlo sich der Unglckliche, von Kolmar nach
Basel zu gehen, und bat den Magister Mller um eine Empfehlung an
einen Professor der Medizin.  Mller schrieb ihm einen Brief an den
Doktor Bauhinus und reichte ihm denselben offen, damit er keine Art
von Verdacht schpfen knne.  Er verlie das Haus mit Trnen und
nochmaligem Flehen, ihn nicht zu verraten.

Im folgenden Jahre um dieselbe Zeit, etwa drei Wochen spter, als der
Brgermeister mit den Seinigen wieder Nsse a und sie sich dabei
alle lebhaft an den unglcklichen Alchimisten erinnerten, lie sich
eine Frau bei ihm melden.  Er hie sie hereintreten; sie war eine
Reisende in anstndiger Tracht, sie trauerte und schien vom Kummer
ganz zerstrt, doch hatte sie noch Spuren von groer Schnheit.  Der
Brgermeister bot ihr einen Stuhl an, stellte ihr ein Glas Wein und
einige Nsse vor; aber sie geriet bei dem Anblick dieser Frucht in
eine heftige Erschtterung, die Trnen liefen ihr die Wangen herab:
"Keine Nsse, keine Nsse!" sagte sie und schob den Teller zurck.

Diese ihre Weigerung, mit der Erinnerung an den Alchimisten, brachte
unter den Tischgenossen eine eigene Spannung hervor.  Der
Brgermeister befahl dem Diener, die Nsse sogleich wegzubringen, und
bat die Frau, nach einer Entschuldigung, da er ihren Abscheu vor den
Nssen nicht gekannt, um die Angabe des Geschftes, das sie zu ihm
gefhrt.

"Ich bin die Witwe eines Apothekers aus Lyon", sagte sie, "und
wnsche mich hier in Kolmar niederzulassen.  Die traurigsten
Schicksale ntigen mich, meine Vaterstadt zu verlassen."--Der
Brgermeister fragte sie um ihre Psse, auf da er versichert sein
knne, da sie ihr Vaterland frei von allen gerichtlichen Ansprchen
auf sie verlassen habe.  Sie bergab ihre Papiere, die in der besten
Ordnung waren und ihr den Namen der Witwe des Apothekers Pierre du
Pont oder Petrus Pontanus gaben.  Auch zeigte sie dem Brgermeister
mancherlei Atteste der medizinischen Fakultt von Montpellier, da
sie im Besitz der Fabrikationsrezepte vieler trefflicher Arzeneien
sei.

Der Brgermeister versprach ihr alle mgliche Untersttzung bei ihrer
Niederlassung und bat sie, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen, wo er
ihr Empfehlungen an einige rzte und Apotheker der Stadt schreiben
wollte.  Als er nun die Frau die Treppe hinauf fhrte und oben ber
den Flur weg, kam dieselbe bei dem Anblick eines kindischen Gemldes
in eine solche Bestrzung, da der Brgermeister frchtete, sie
mchte an seinem Arme ohnmchtig werden; er brachte sie schnell auf
seine Stube, und sie lie sich unter bittern Trnen auf einen Stuhl
nieder.

Der Brgermeister wute die Veranlassung ihrer Gemtsbewegung nicht
und fragte sie, was ihr fehle.  Sie sagte ihm: "Mein Herr, woher
kennen Sie mein Elend, wer hat das Bild an die Stubentre geheftet,
an welcher wir vorbergingen?"  Da erinnerte sich der Brgermeister
an das Bild und sagte ihr, da es die Spielerei seines jngsten
Sohnes sei, welcher eine Neigung habe, alle Ereignisse, die ihn nher
interessierten, in solchen Malereien auf seine Art zu verewigen.  Das
Bild aber bestand darin, da der Knabe, welcher das Jahr vorher den
Alchimisten kniend und die Hnde ringend in dieser Stube: "Ah, mon
Dieu, mon Dieu!" hatte ausrufen hren, diesen in derselben Stellung
und ber ihn drei Nsse mit dem Spruche: "Unica nux prodest, nocet
altera, tertia mors est!" auf eine Pappe gemalt und an die Stubentre,
wo der Alchimist gewohnt, befestigt hatte.

"Wie kann Ihr Sohn das schreckliche Unglck meines Mannes wissen?"
sagte die Frau; "wie kann er wissen, was ich ewig verbergen mchte,
und weswegen ich mein Vaterland verlassen habe?"

"Ihres Mannes?" erwiderte der verwunderte Brgermeister; "ist der
Chemiker Todnus Ihr Mann?  Ich glaubte nach Ihrem Passe, da Sie die
Witwe des Apothekers Pierre du Pont aus Lyon seien."

"Die bin ich", entgegnete die Fremde, "und der Abgebildete ist mein
Mann, du Pont; mir zeigt es die Stellung, in welcher ich ihn zuletzt
gesehen, mir zeigt es der fatale Spruch und die Nsse ber ihm."

Nun erzhlte ihr der Brgermeister den ganzen Vorfall mit dem
Alchimisten in seinem Hause und fragte sie, wie er sich befinde, wenn
er wirklich ihr Mann sei, der vielleicht unter fremdem Namen bei ihm
gewesen wre.

"Mein Herr", erwiderte die Frau, "ich sehe wohl, das Schicksal selbst
will, da meine Schmach nicht soll verborgen bleiben; ich erwarte von
Ihrer Rechtschaffenheit, da Sie mein Unglck nicht zu meinem
Nachteil bekanntmachen werden.  Hren Sie mich an.  Mein Mann, der
Apotheker Pierre du Pont, war wohlhabend; er wrde reich gewesen sein,
wenn er nicht durch seine Neigung zur Alchimie vieles Geld
verschwendet htte.  Ich war jung und hatte das groe Unglck, sehr
schn zu sein.  Ach, mein Herr, es gibt schier kein greres Unglck
als dieses, weil keine Ruhe, kein Friede mglich ist, weil alles nach
einem verlangt und verzweifelt und man in solche Bedrngnisse und
Belagerungen kmmt, da man sich manchmal gar, nur um des ekelhaften
Gtzendienstes los zu werden, dem Verderben hingeben knnte.  Eitel
war ich nicht, nur unglcklich; denn ich mochte mich auch absichtlich
schlecht und entstellend kleiden, so wurde doch immer eine neue Mode
daraus, und man fand es allerliebst.  Wo ich ging und stand, war ich
von Verehrern umgeben, ich konnte vor Serenaden nicht schlafen, mute
einen Diener halten, die Geschenke und Liebesbriefe abzuweisen, und
alle Augenblick mein Gesinde abschaffen, weil es bestochen war, mich
zu verfhren.  Zwei Diener in der Apotheke meines Mannes vergifteten
einander, weil ein jeder von ihnen entdeckt hatte, da der andere ein
Edelmann sei, der aus Leidenschaft zu mir unter fremdem Namen in
unsre Dienste gegangen war.  Alle Leute, die in unsrer Offizin Arznei
holten, waren dadurch schon im Verdacht, liebeskrank zu sein.  Ich
hatte von allem diesem nichts als Unruhe und Elend, und nur die
Freude meines Mannes an meiner Gestalt hielt mich ab, mich an meiner
Larve zu vergreifen und mich auf irgendeine Weise zu entstellen.  Oft
fragte ich ihn, ob er denn an meinem Herzen und guten Willen nicht
genug habe; er mchte mir doch erlauben, mein Gesicht, das so vieles
Unheil stifte, durch irgendein beizendes Mittel zu verderben.  Aber
er erwiderte mir immer: Schne Amelie!  Ich wrde verzweifeln, wenn
ich dich nicht mehr ansehen knnte; ich wrde der unglcklichste
Mensch sein, wenn ich den ganzen Tag in meinem ruigen Laboratorium
vergebens geschwitzt habe und meine Augen abends nicht mehr an deinem
Anblick erquicken knnte.  Du bist der einzige klare Punkt in meiner
finstern Bestimmung, und wenn ich alle meine Hoffnung habe nach
schwerem Tagewerk zum Rauchfang hinausfliegen sehen, tritt mir alle
meine Hoffnung am Abend in deiner Schnheit wieder entgegen. Er
liebte mich zrtlich, aber Gott segnete unsre Liebe nicht, wir hatten
keine Kinder.  Als ich ihm meine Trauer hierber einst sehr lebhaft
mitteilte, ward er finster und sprach: So Gott will und mir nicht
alles milingt, wird uns auch diese Freude werden. An einem Abend
kam er spt nach Hause, er war ungewhnlich froh und gestand mir, da
er heute mit einem sehr tief eingeweihten Adepten sich unterhalten
habe, der einen lebhaften Anteil an ihm und mir zu nehmen scheinen
und unsre Wnsche wrden bald erfllt werden.  Ich verstand ihn nicht.

Nach Mitternacht erwachte ich durch ein Gerusch; ich sah meine ganze
Stube voll fliegender, leuchtender Johanniskfer; ich konnte nicht
begreifen, wie die Menge dieser Insekten in meine Stube gekommen sei;
ich erweckte meinen Mann und fragte ihn, was das nur zu bedeuten habe.
Zugleich sah ich auf meinem Nachttische ein prchtiges
venetianisches Glas voll der schnsten Blumen stehen und daneben neue
seidene Strmpfe, Pariser Schuhe, wohlriechende Handschuhe, Bnder
und dergleichen liegen.  Mir fiel ein, da morgen mein Geburtstag sei,
und glaubte, mein Mann habe mir diese Galanterie gemacht, wofr ich
ihm herzlich dankte.  Er aber versicherte mir mit den heiligsten
Schwren, da diese Geschenke nicht von ihm herrhrten, und die
heftigste Eifersucht fate zum erstenmal in ihm Wurzel.  Er drang
bald auf die rhrendste und dann wieder heftigste Weise in mich, ihm
zu erklren, wer diese Dinge hierher gebracht; ich weinte und konnte
es ihm nicht sagen.  Aber er glaubte mir nicht, befahl mir
aufzustehen, und ich mute mit ihm das ganze Haus durchsuchen, aber
wir fanden niemand.  Er begehrte die Schlssel meines Schreibepultes,
er durchsuchte alle meine Papiere und Briefschaften, er entdeckte
nichts.  Der Tag brach an, ich verzweifelte in Trnen.  Mein Mann
verlie mich sehr unmutig und begab sich nach seinem Laboratorium.
Ermdet legte ich mich wieder zu Bett und dachte unter bittern Trnen
ber den nchtlichen Vorfall nach; ich konnte mir auch gar nicht
einbilden, wer den Handel knne angestellt haben, und verwnschte,
indem ich mich selbst in einem Spiegel sah, der meinem Bette
gegenberstand, meine unglckliche Schnheit; ja, ich streckte gegen
mich selbst, vor innerem Ekel, die Zunge heraus; aber leider blieb
ich schn, ich mochte Gesichter schneiden, wie ich wollte.  Da sah
ich in dem Spiegel, aus einem der neuen Schuhe, die auf dem
Nachttische standen, ein Papier hervorsehen.  Ich griff hastig
darnach und las unter heftiger Bestrzung folgendes Billett:



Geliebte Amelie!  Mein Unglck ist grer als je; Dich mute ich
meiden bis jetzt, und nun mu ich auch das Land fliehen, in dem Du
lebst; ich habe in meiner Garnison einen Offizier im Duelle erstochen,
der sich Deiner Begnstigung rhmte; man verfolgt mich, ich bin hier
in verstellter Kleidung.  Morgen ist Dein Geburtstag; ich mu Dich
sehen, zum letzten Male sehen.  Heute abend vor dem Tore findest Du
mich in dem kleinen Wldchen, unter den Nubumen, etwa hundert
Schritte vom Wege, bei der kleinen Kapelle rechts.  Wenn Du mir
einiges Geld zu meiner Hlfe mitbringen kannst, so wird Dir es Gott
vergelten.  Ich Tor habe es nicht unterlassen knnen, die letzten
wenigen Louisdore meines Vermgens an das kleine Geburtstagsgeschenk
zu verwenden, das Du vor Dir siehst.  Wie Du es erhalten, und was ich
dabei gelitten, sollst Du selbst von mir hren.  Schweigen mut Du,
kommen mut Du, oder meine Leiche wird morgen in Deine Wohnung
gebracht.

Dein unglcklicher Ludewig.



Ich las diese Zeilen mit der heftigsten Trauer; ich mute ihn sehen,
ich mute ihn trsten, ich mute ihm alles bringen, was ich hatte,
denn ich liebte ihn unaussprechlich und sollte ihn auf ewig verlieren."

Hier schttelte der Brgermeister lchelnd den Kopf und sprach: "So
haben Sie also doch, meine Dame, fr einen fremden Mann Zrtlichkeit
empfunden?"

Die Fremde erwiderte mit einem ruhigen Selbstgefhl: "Ja, mein Herr;
aber verdammen Sie mich nicht zu frh, und hren Sie meine Erzhlung
ruhig aus.  Ich raffte den ganzen Tag alles, was ich an Geld und
Geschmeide hatte, zusammen und packte es in einen Bndel, den ich mir
gegen Abend von unserer Magd nach einem Badehaus in der Gegend jenes
Tores, vor welchem Ludewig mich erwarten sollte, tragen lie.  Dieser
Weg hatte nichts Auffallendes, ich war ihn oft gegangen.  Als wir
dort angekommen waren, sendete ich meine Magd mit dem Auftrage zurck,
mir um neun Uhr einen Wagen an das Badehaus zu senden, der mich nach
Hause bringen solle.  Sie verlie mich, ich aber ging nicht in das
Badehaus, sondern begab mich mit meinem Bndelchen unter dem Arm vor
das Tor nach dem Walde, wo ich erwartet wurde.  Ich eilte nach dem
bestimmten Orte, ich trat in die Kapelle, er flog in meine Arme, wir
bedeckten uns mit Kssen, wir zerflossen in Trnen; auf den Stufen
des Altares der kleinen Kapelle, die von Nubumen beschattet waren,
saen wir mit verschlungenen Armen und erzhlten uns unter den
zrtlichsten Liebkosungen unsre bisherigen Schicksale.  Er
verzweifelte schier, da er mich nun nie, nie wiedersehen sollte.
Der Abschied nahte; es war halb neun Uhr geworden, der bestellte
Wagen erwartete mich.  Ich gab ihm das Geld und die Juwelen, und er
sagte zu mir: Amelie, htte ich mich nur heute nacht vor deinem
Bette erschossen, aber der Anblick deiner Schnheit im Schlafe
entwaffnete mich.  An dem Rebengelnder deines offenen Fensters bin
ich in deine Stube geklettert und habe die Johanniskfer fliegen
lassen, an denen ich auf meiner ganzen Reise gesammelt, weil ich mich
erinnerte, da du sie liebtest; dann legte ich dir die neuen Schuhe
und Strmpfe hin und nahm mir die mit, welche du am Abend abgelegt
hattest; dein trocknet, ehrlicher Mann schien mir ber seinen tollen
Gedanken zu trumen, ich habe ihn gestern schon gesprochen, er
begegnete mir hier im Walde botanisierend; es war schon dster, und
da ich selbst Waldblumen dir zum Straue suchte, hielt er mich fr
seinesgleichen, und wir gerieten in ein langes alchimisches Gesprch.
Ich teilte ihm die Anweisung eines Mnches mit, der mich auf meiner
letzten Reise in der Provence, als ich in einem Kloster bernachtete,
lange von dem Geheimnis unterhielt, einen lebendigen Menschen auf
chemischem Wege in einem Glase heraus zu destillieren.  Dein guter
Mann nahm alles fr bare Mnze, umarmte mich herzlich und bat mich,
ihn bald zu besuchen, worauf er mich verlie; ach, er wute nicht,
da ich ihn in derselben Nacht wirklich auf halsbrechendem Wege
besuchen sollte.  Wie mu ich dich bedauern, da du kinderlos und
eines solchen Toren Gattin bist!

Ich war noch unwillig auf meinen Mann wegen seiner nchtlichen
Eifersucht und sagte:Ja, ich habe ihn als einen Toren kennengelernt.
 Aber da die Zeit der Trennung fast verflossen war und ich meine
Arme um ihn schlang und ausrief: Lebe wohl, lieber, lieber Ludewig!
Sieh, wie diese heilige Stunde des Wiedersehens verflossen ist, so
geht auch bald das ganze elende Leben dahin, habe ein wenig Geduld,
alles ist bald zu Ende, da brach er drei Nsse von einem Baume bei
der Kapelle und sprach. Diese Nsse wollen wir zu ewigem Angedenken
noch zusammen essen, und sooft wir Nsse sehen, wollen wir aneinander
gedenken. Er bi die erste Nu auf, teilte sie mit mir und kte
mich zrtlich; ach, sagte er, da fllt mir ein alter Reim von den
Nssen ein, er fngt an: Unica nux prodest, eine einzige Nu ist
ntzlich; aber es ist nicht wahr, denn wir mssen bald scheiden.  Die
folgenden Worte sind wahrer: Nocet altera, die zweite schadet; jawohl,
jawohl, denn wir mssen bald scheiden! Da umarmte er mich unter
heftigen Trnen und teilte die dritte Nu mit mir und sagte: Bei
dieser sagt der Spruch wahr; o Amelie, vergi mich nicht, bete fr
mich!  Tertia mors est, die dritte Nu ist der Tod!--Da fiel ein
Schu, Ludewig strzte zu meinen Fen; tertia mors est! schrie
eine Stimme durch das Fenster der Kapelle; ich schrie: O Jesus, mein
Bruder, mein armer Bruder Ludewig erschossen!"

"Allmchtiger Gott!  Ihr Bruder war es?" rief der Brgermeister aus.

"Ja, es war mein Bruder", erwiderte sie ernst; "und nun erwgen Sie
mein Leid, da mein Mann, als der Mrder, mit einer Pistole vor mich
trat; er hatte noch einen Schu in dem Gewehr, er wollte sich selbst
tten; ich aber entri ihm die Waffe und warf sie in das Gebsch.
Flieh, flieh! rief ich aus, die Gerechtigkeit verfolgt dich, du
bist ein Mrder geworden! Er war in Schmerzen versteinert, er wollte
nicht von der Stelle; wir hrten Leute, die sich auf den Schu von
der Landstrae nahten, ich gab ihm das Geld und die Geschmeide, die
ich meinem Bruder bestimmt hatte, und stie ihn aus der Kapelle
hinaus.

Nun lie ich meinem Wehgeschrei vollen Lauf, und die Ankommenden,
unter welchen Mnner waren, die mich kannten, brachten mich, wie eine
halb Wahnsinnige, nach Hause.  Der Leichnam meines Bruders ward auf
das Rathaus gebracht; es begann eine grliche Untersuchung.
Glcklicherweise fiel ich in ein hitziges Fieber und war lange genug
ohne den Gebrauch meiner Sinne, um meinen Gemahl nicht eher verraten
zu knnen, als bis er bereits in vlliger Sicherheit ber der Grenze
war.  Kein Mensch zweifelte, da er der Mrder sei, weil er an
demselben Abend verschwunden war.  Die Verleumdung fiel nun mit ihren
greulichsten Zungen ber mich her.--Alles, was andre Frauen von mir
sagten, die mich meines Elends, meiner Schnheit wegen beneideten,
alle Schandreden der Mnner, welche nichts an mir rgern konnte als
meine Tugend, will ich hier nicht wiederholen; genug, wenn ich sage,
da man mir den Beweis, der Ermordete sei mein Bruder, durch den
schndlichsten Verdacht zu erschweren suchte.  Alles wollte mich in
den Staub treten, um ber meine gehssige Tugend zu triumphieren.
Dabei geno ich der ekelhaftesten Teilnahme aller jungen Advokaten
und war im Begriffe, vor Bedrngnis und Jammer wirklich den Verstand
zu verlieren.  Auf ein Testament meines Mannes, zugunsten meiner,
lie ich die Apotheke unter Administration setzen und zog mich auf
mehrere Jahre in ein Kloster zurck.  So verstummte endlich das
Gesprch, und ich beschftigte mich whrend dieser Zeit mit der
Zubereitung der Arzneien fr die Armen, welche die Klosterfrauen
verpflegten."

"Ihr Unglck rhrt mich ungemein", entgegnete der Brgermeister,
"aber die Art, wie Sie von dem Betragen ihres Bruders sprachen,
machte auch mir eher den Eindruck eines Geliebten als eines Bruders."

"O mein Herr", erwiderte die Fremde, "dies eben war eine Hauptursache
meines Leides; er liebte mich mit grerer Leidenschaft, als er
sollte, und mit der krftigsten Seele arbeitete er dieser bsen
Gewalt meiner Schnheit entgegen.  Er sah mich manchmal in mehreren
Jahren nicht, ja, er durfte mir selbst nicht mehr schreiben; nur die
Not hatte ihn bei dem letzten Vorfalle zu mir getrieben, und so
konnte ich ihm meinen Anblick doch nicht versagen.  Mein Mann kannte
ihn nicht, und ich hatte ihn allein geheiratet, um die Leidenschaft
meines Bruders entschieden zu brechen.  Ach, er hat sie selbst
gebrochen mit seinem Leben!  Mein Mann, von seiner Eifersucht
beunruhigt, hatte sein Laboratorium frh verlassen; die Magd sagte
ihm, da ich nach dem Badehause sei; es fuhr ihm der Gedanke an
Verrat durch die Seele, er steckte eine doppelte Pistole zu sich und
suchte mich in dem Badehause auf.  Er fand mich nicht, aber hrte die
Aussage der Bademeisterin, sie habe mich zum nahgelegenen Tore
hinausgehen sehen.  Da erinnerte er sich des Fremden, der gestern mit
ihm in dem Wldchen geredet und ihn auch nach seiner Frau gefragt
hatte; er erinnerte sich, da derselbe Johanniswrmer gefangen, sein
Verdacht erhielt Gewiheit; er eilte nach dem Wldchen, nahte der
Kapelle, hrte das Ende unsrer Unterredung: tertia mors est--er
beging die schreckliche Tat."

"O, der unglckliche, arme Mann!" rief der Brgermeister aus; "aber
wo ist er, was macht er, was fhrt Sie hieher, konnten Sie ihm
verzeihen, werden wir ihn hier wiedersehen?"

"Wir werden ihn nicht wiedersehen, ich habe ihm verziehen, Gott hat
ihm verziehen!" versetzte die Fremde; "aber Blut will Blut, er konnte
sich nicht selbst verzeihen!  Acht Jahre lebte er in Kopenhagen an
dem Hofe des Knigs von Dnemark, Christian des Vierten, als
Hoflaborant; denn dieser Frst war den geheimen Knsten sehr zugetan.
Nach dem Tode desselben zog er an manchen norddeutschen Hfen herum.
Er war immer unstet und von seinem Gewissen gepeinigt, und wenn er
Nsse sah und von Nssen hrte, fiel er oft pltzlich in die
heftigste Trauer.  So kam er endlich zu Ihnen, und als er hier den
unglcklichen Vers hrte, floh er nach Basel.  Dort lebte er, bis die
Nsse wieder reiften; da ward seine Unruhe unaufhaltsam; seine Zeit
war abgelaufen; er reiste ab nach Lyon und lieferte sich selbst den
Gerichten aus.  Er hatte vor drei Wochen ein rhrendes Gesprch mit
mir, er war gut wie ein Kind, er bat mich um Vergebung--ach, ich
hatte ihm lngst vergeben.  Er sagte mir, ich solle nach seiner
schimpflichen Todesstrafe Frankreich verlassen und nach Kolmar reisen,
dort sei der Brgermeister ein sehr redlicher Mann.  Zwei Tage
hierauf ward er unter unzhligem Volkszulauf, bei der Kapelle, wo der
Mord geschehen, enthauptet.  Er kniete nieder in dem Kreise, brach
drei Nsse desselbigen Baums, welcher meinem Bruder die Todesnu
getragen hatte, teilte sie alle drei mit mir und umarmte mich
nochmals zrtlich; dann brachte man mich in die Kapelle, wo ich
betend an den Altar niedersank.  Er aber sprach drauen: Unica nux
prodest, altera nocet, tertia mors est, und bei diesem letzten Worte
machte der Schwertstreich seinem elenden Leben ein Ende.--Dieses ist
meine Geschichte, Herr Brgermeister."

Mit diesen Worten endete die Dame ihre Erzhlung, der Brgermeister
reichte ihr gerhrt die Hand und sagte: "Unglckliche Frau, nehmen
Sie die Versicherung, da ich von Ihrem Unglcke tief gerhrt bin und
das Vertrauen Ihres armen Mannes auf meine Redlichkeit auf alle Weise
zu Ihrer Beruhigung wahr machen will."

Indem er dies sprach und, seine Trnen unterdrckend, auf ihre Hand
niedersah, bemerkte er einen Siegelring an ihrem Finger, der einen
lebhaften Eindruck auf ihn machte; er erkannte auf ihm ein Wappen,
das ihn ungemein interessierte.  Die Dame sagte ihm, es sei der
Siegelring ihres Bruders.--"Und sein Familienname heit?" fragte der
Brgermeister lebhaft.--"Piautaz", erwiderte die Fremde; "unser Vater
war ein Savoyarde und hatte einen Kram in Montpellier."

Da wurde der Brgermeister sehr unruhig, er lief nach seinem Pulte,
er holte mehrere Papiere hervor, er las, er fragte sie um das Alter
ihres Bruders, und da sie zu ihm sagte: "Heute wrde er
sechsundvierzig Jahre alt sein, wenn er noch lebte", sagte er mit
freudigem Ungestme: "Recht, ganz recht!  Heute ist er so alt, denn
er lebt noch.  Amelie, ich bin dein Bruder!  Ich bin von der Amme
deiner Mutter gegen das Shnlein des Mechanikus Maggi ausgewechselt
worden; dein Bruder hat dich nicht geliebt, es war Maggis Sohn, der
deines Bruders Namen trug und eines so unglcklichen Todes starb.
Wohl mir, da ich dich fand!"

Die gute Dame konnte sich in diese Rede gar nicht finden; aber der
Brgermeister berzeugte sie durch ein ber diesen Austausch von der
Amme auf ihrem Todesbett aufgenommenes Protokoll, und sie sank ihrem
neugefundenen Bruder in die Arme.

Sie soll nachher dem Brgermeister drei Jahre die Haushaltung gefhrt
haben und, als er gestorben, in das Kloster zu St. Klara in Kolmar
gegangen sein und demselben ihr ganzes Vermgen vermacht haben.










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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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