Project Gutenberg's Briefe an eine Freundin, by Wilhelm von Humboldt

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Title: Briefe an eine Freundin

Author: Wilhelm von Humboldt

Release Date: June 11, 2007 [EBook #21801]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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WILHELM VON HUMBOLDT

BRIEFE AN
EINE FREUNDIN

HERAUSGEGEBEN VON
DR. HUHNHUSER


BERLIN 1921
VOLKSVERBAND DER
BCHERFREUNDE

WEGWEISER-VERLAG G. M. B. H.




Vorbericht von Charlotte Diede.


Die Briefe, welche hier erscheinen, werden gewi als eine willkommene
Zugabe zu den gesammelten Werken Wilhelm von Humboldts empfangen werden.
Oft ist der Wunsch ausgesprochen, da, auer den gelehrten Schriften,
die man allein und getrennt von denen wnschte, die nicht in dieses Fach
gehren, noch mehr Ungedrucktes, besonders Briefe, erscheinen mchten.
Die hier vorliegenden fallen in die Jahre von 1788 bis 1835. Jahre waren
ntig, bis die Herausgeberin den Entschluss fassen und festhalten
konnte, von dem, was ihr verborgenes Heiligtum war, etwas durch den
Druck mitzuteilen. Endlich berzeugte sie sich, da das nicht untergehen
darf, was wesentlich zur Charakteristik eines wahrhaft groen Mannes
gehrt.

Was Wilhelm von Humboldt in bewegter, geschichtlich-wichtiger Zeit dem
Staat war; was er voll hoher Humanitt und edler Freisinnigkeit den
Vlkern, der Menschheit leistete; was er fr Wissenschaft und
Gelehrsamkeit erforschte, bewahrt die Geschichte und verzeichnet ihr
Griffel auf unvergngliche Tafeln. Aber in dem unerschpflichen Reichtum
der Gedanken, der Tiefe der Empfindung, der Mannigfaltigkeit, Hhe und
Reinheit der Ideen, worin der Verewigte lebte, waltete vor allem -- wie
der edle Bruder sich ausdrckt -- das herrliche Gemt, die Seele voll
Hochsinn und Adel, die ihn belebte. Und wer kleidete seine Gesinnungen
in eine so kraftvolle und wrdige Sprache! Doch ist diese, wie schn sie
auch war, nur die uere Schale und Hlle des hohen Geistes. Die ihm
inwohnende Seele war: ein ganz uneigenntziger, sich immer selbst
verleugnender, starker, ganz selbstloser Wille; mit diesem verband sich
der tiefe Sinn, der heilige Ernst, der der Wahrheit entstammt, die Macht
der berzeugung, die liebevollste Schonung, die Milde im Urteilen, und
der unendliche Zauber der zartesten Empfindung, der alles umfate.

Alles das spricht sich hinreiend in diesen Briefen an eine Freundin
aus, die nach dem Ableben derselben fr den Druck hinterlassen worden.
Auerdem, da sie den Verfasser verklren, knnte in der Herausgabe noch
ein anderer, hher belohnender Zweck erkannt werden: die Briefe wirkten
sehr wohlttig einst bei jedem Empfange. Sie waren an eine vom Glck
vergessene Freundin geschrieben, fr sie gedacht und empfunden, dieser
sollten sie segensvoll werden, und sie erreichten ihren Zweck. Sie
knnen nur so auf die Leser wirken, fr welche sie ausgewhlt sind.
Bleibt ja von groen Menschen ihr Geist, oder was aus ihm hervorging,
fortwirkend der Nachwelt, wenn er gleich selbst die Welt verlassen hat.

Die Briefe sind nicht fr jedermann, wie das kein Buch ist. Aber es
sind, fr die rechten Leser und Leserinnen, reiche mannigfache Gaben,
die allerdings immer auf einen Gegenstand sich bezogen, wo sie voll
Verehrung und Dankbarkeit empfangen wurden. Sie berhrten das Auenleben
nur, um einen Anknpfungspunkt fr Ideen daraus zu nehmen. Sie gingen
hervor aus einem unerschpflichen Quell inneren, geistigen Reichtums.
Der eigene Stoff, der nie von auen genommen, nie ausgehen konnte,
belebte alles.

Die Briefe sind nicht gelehrten oder wissenschaftlichen, noch weniger
historisch-politischen, ja nicht einmal sthetischen oder romantischen
Inhalts. Auch wenn sie einmal bei ueren Erscheinungen verweilen,
kehren sie gleich wieder auf das innere _Sein_ zurck, das allen Schein
verschmht. Sie kompromittieren niemand, sie enthalten kein Wort, das
irgend jemand unangenehm sein knnte oder die Zensur frchten drfte.
Sie zeigen, wie ein groer Mann Teilnahme und Freundschaft auszusprechen
und zu beweisen, wie er verschiedene Empfindungen zu sondern und in
reine Harmonie zu bringen, und wie er zu berzeugen wei, oft selbst mit
rhrender Bescheidenheit. So verstand es hchst trostreich der Edle, wie
das viele Briefe beweisen, ber Leben und Schicksale zu erheben, um auf
den Standpunkt zu geleiten, von dem aus er selbst das irdische Dasein
betrachtete.


So weit die Einleitung zum Vorbericht von befreundeter Hand. Das Weitere
kann allein die Herausgeberin wahr und getreu hinzufgen, ja, sie allein
_darf_ es.

Und _wahr_ und _treu_ will ich hinzusetzen, was als Erklrung ntig ist,
doch erst an das Vorhergehende anreihen, was noch dahin gehrt. Dieser
Briefwechsel war seit einer langen Reihe von Jahren mein einziges, mein
hchstes, ungekanntes Glck. Was ich an Teilnahme und Trost bei allem,
was mich traf, an Rat und Ermutigung, an Erhebung und Erheiterung,
endlich an Erkenntnis und Erleuchtung ber hhere Wahrheiten bedurfte,
ich nahm es aus diesem unerschpflichen Schatz, der mir immer zugnglich
und zur Seite war.

Ein solcher Briefwechsel, der durch nichts gestrt und unterbrochen
wurde, ist Umgang, der gegenseitig zu nherer Kenntnis des Charakters
fhrt. Ein Geheimnis kann er nicht sein, die ganze Welt knnte den
Inhalt wissen. Aber sie waren an mich geschrieben, so war es das
_Heiligtum_ meines Lebens; so bewahrte ich schweigend und verborgen, was
nur fr mich geschrieben war, mich entschdigte fr groe Entbehrungen,
mich lohnte fr viele Leiden, mir erschien wie mein zugewogenes
Erdenglck, das mich ganz ausshnte mit Schicksal und Verhngnis.

Wie viel aus einem solchen, das innere Leben vertrauungsvoll berhrenden
Briefe ausgeschaltet werden mu, wie nicht die Hlfte bleiben kann,
auch vieles durch Mitteilung entweiht werden wrde, darf kaum angedeutet
werden. Zugleich ist anderes wieder in dem Schnen und selbst Lobenden
so charakteristisch, spricht den inneren Gemtsreichtum und die Flle
des gtigsten, gerechtesten Herzens so hinreiend aus, da es denen
nicht entzogen werden darf, die jede Erinnerung der Art gewi heilig
verehren. Da alle diese die hier erscheinenden Briefe wie eine
zwiefache Stimme aus einer unsichtbaren Welt, wie ein doppeltes
Vermchtnis ansehen, ist mein Wunsch. Zuerst die teuern Hinterbliebenen
des Verfassers, dann die groe Zahl seiner Verehrer und Freunde, in
deren Herzen gewi nie sein Bild erlschen wird, da ihm die Stelle darin
durch Liebe und Ehrfurcht geweiht ist. Demnchst sind sie ein
Vermchtnis fr den engen Kreis der Freunde der Herausgeberin, welche
alle Papiere sorgfltig gesammelt, bewahrt, geordnet und
treu-gewissenhaft ausgewhlt hat. Jeder, der das Glck hatte, dem
Vollendeten nher zu stehen und den er wrdigte, ihm das Innere seiner
hohen Seele aufzuschlieen, wird ihn in den Briefen, in dem Gange seiner
Ideen und den fteren Selbstzeichnungen wiederfinden.

Manches bedarf, nur um nicht ganz unverstndlich zu sein, einer
Erklrung, wozu ich mich ungern entschliee. Welche Frau, geehrt und
beglckt durch Wilhelm von Humboldts Teilnahme und Freundschaft,
gewrdigt vieljhriger, vertrauungsvoller Briefe und im Besitz so
vieler geistreicher Bltter, knnte den Mut haben, ihre Ansichten und
ihr Geschreibe neben das zu stellen, was aus seiner Feder flo! Ihn
allein reden zu lassen ist geziemend und natrlich. Die Briefe selbst
sind es und sie allein, worauf es ankommt, und welche Tendenz der
Briefwechsel haben sollte, geht klar daraus hervor.

ber den Beginn desselben mchte einige Nachricht dem einen und andern
interessant sein. Kurz und einfach will ich sie geben.

Wir lernten uns in frher Jugend, im Jahre 1788 in _Pyrmont_ kennen, wohin
Herr von Humboldt, der in Gttingen studierte, von dort kam, und wohin
ich, nur wenige Jahre jnger, meinen Vater begleitete, der alljhrlich
ein Bad besuchte. Wir wohnten in einem Hause, waren Tischnachbarn an der
Wirtstafel und lebten in Gesellschaft meines Vaters drei glckliche
Jugendtage von frh bis spt als unzertrennliche Spaziergnger in
Pyrmonts Alleen und reizenden Tlern. Wir hatten uns so viel zu sagen!
so viele Ansichten und Meinungen mitzuteilen! so viele Ideen
auszutauschen! wir wurden nicht fertig. Wie leise diese oder jene Saite
angeschlagen wurde, sie fand den tiefsten Anklang.

Es war die letzte Epoche einer schnen, blten- und hoffnungsreichen,
poetischen Zeit, worin ein Teil der Jugend ideal und begeistert lebte,
whrend der andere, wie heute, im Realismus prosaisch fortschritt. Wir
gehrten beide zu dem ersten. Und es herrschte damals noch die schne
Ruhe vor dem nahen Sturm, der bald furchtbar ausbrach.

Wenn die Jugend auch den klaren Begriff der Gre noch nicht hat, so
ahnt und empfindet sie doch solche. Wilhelm von Humboldts Charakter war
schon im Jngling derselbe, wie er sich spter und bis an das Ende
seines Lebens aussprach. Schon 1788 lebte er in hohen und klaren Ideen,
schon damals war die einzig heitere Ruhe ber sein ganzes Wesen
ausgegossen, die im Umgang hchst wohlttig ergriff und sich jeder
Unterhaltung ebenso mitteilte. Jedes Wort war berzeugend und
beleuchtete hell den Gegenstand, worber er sprach.

Herr von Humboldt reiste nach drei Tagen ab. Wir blieben lnger. Mir
blieb die Erinnerung von drei glcklichen Jugendtagen, die ein
gewhnliches, alltgliches langes Leben an Gehalt aufwiegen. Das
Andenken derselben hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Mein
neuer junger Freund hatte auf mich einen tiefen, nie vorher gekannten,
nie in mir erloschenen Eindruck gemacht, der gesondert von andern
Empfindungen, in sich geheiligt, wie ein geheimnisvoller Faden durch
alle folgenden Verhngnisse meines Lebens ungesehen lies, und fest in
mir verborgen blieb, den ich immer gesegnet und als eine gtige Fgung
der Vorsehung angesehen habe. Es knpften sich an diese Erinnerungen, so
wenig als an die drei Tage selbst, weder Wnsche, noch Hoffnungen, noch
Unruhe. Ich fhlte mich unendlich bereichert im Innern und meine Seele
war mehr noch als vorher aufs Ernste gerichtet. Manches, was wir
besprochen hatten, beschftigte mich noch lange, und das Gefhl frs
Wahre, Gute und Schne wurde klarer und strker in mir.

Wir sahen uns nicht wieder, auch hegte ich nicht die leiseste Hoffnung
des Wiedersehens. Ich schlo die vorbergegangene schne Erscheinung in
das Allerheiligste und gab es nie heraus, sprach nie darber und
sicherte es so vor Entweihung durch fremde Berhrung.

Ein Stammbuchblttchen, ein in jener Zeit mehr als jetzt gebruchliches
Erinnerungszeichen, blieb mir ein sehr teures Andenken durch mein ganzes
Leben. Ich ahnte nicht, wie bedeutend es noch werden wrde, als ein
Dokument, das hierher gehrt, da es beides charakterisiert, den
jugendlichen Humboldt und unser jugendliches Verhltnis.

Bald nach dieser fr mich in den spteren Folgen so wichtigen
Bekanntschaft, im Frhjahr 1789, wurde ich verheiratet. Ich lebte in
dieser kinderlosen Ehe nur fnf Jahre und trat in keine zweite.

Mich trafen ungewhnliche und schmerzlich-verwickelte Schicksale, und
durch rtselhafte, geheime, erst spt enthllte Intriguen und
Feindschaften blieb mein ganzes Leben ein Gewebe von Widerwrtigkeiten,
die ich spter gesegnet habe, da nichts anders sein durfte, als es war,
sollte ich der segensvollen Teilnahme des edelsten Freundes teilhaftig
werden.

In dieser Zeit begannen die groen Weltbegebenheiten und griffen mehr
oder weniger in die Schicksale von Tausenden ein, die nichts damit zu
tun hatten. Auch auf mich bten sie ihre Gewalt, indem sie mich eines
Vermgens beraubten, das eben ausreichte, mir bei migen Wnschen
Unabhngigkeit zu sichern, wodurch mir viele Lebensbitterkeiten fern
blieben, die ich spter kennen lernte.

In der ereignisschweren Zeit 1806 wohnte ich als Fremde in Braunschweig.
Eine Reihe von Jahren hatte ich dort unter der milden Regierung des
alten, allgeliebten, verehrten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand gelebt. Es
war nach der Schlacht bei Jena, wovon man so groe Erwartungen hegte,
als die Besitznahme deutscher Lnder und die franzsische Herrschaft
begann. Braunschweig traf der Schlag zuerst. Wie gewaltsam die Schritte
auch waren, die geschahen, man sah sie als kriegerische Maregeln an,
aber nicht als Vorspiel dessen, was folgte. Man besorgte und befrchtete
keine Fremdherrschaft.

Jetzt erging eine Aufforderung, die allgemeine Last freiwillig oder
gezwungen mitzutragen. An mich erging aber keine Anforderung, gern und
freiwillig gab ich einen groen Teil meines Vermgens. Es war mir gerade
ein Kapital ausgezahlt, das vorerst auf Wechsel stand, worber ich
gleich disponieren konnte; gefhrlich schien es durchaus nicht, die
Obligationen wurden von den Landstnden ausgestellt und garantiert, die
Gelder von ihnen empfangen. Man hielt das fr sehr sicher. Mich hatten
schwere Privatleiden in der Zeit getroffen, so, im Schmerz befangen,
handelte ich wohl nicht vorsichtig genug. Wie es bald mit diesen
Papieren ging, ist bekannt genug und gehrt nicht weiter hierher.

Bald kamen die wichtigen weltgeschichtlichen Jahre 1812, 13 und 14
heran. Wer, der sie erlebte, denkt nicht gern und mit Freuden der
Begeisterung jener Zeit, in der man des eigenen Geschicks verga, wenn
es nicht zu schwer war! Ich lebte in dieser Zeit im Braunschweigischen.
Wer hatte mehr gelitten als der Herzog selbst, wie hing ihm sein Volk an
mit deutscher Treue und Liebe! Auf eine den gtigen Frsten hochehrende
Art war er mit meinen Verlusten und meiner daraus hervorgegangenen Lage
bekannt geworden. Er rechnete mir, als einer Fremden, mein frheres
Darlehn hher an, als es solches verdiente. Freunde von mir standen ihm
nahe und machten ihn genauer mit allem bekannt. Der hchst gtige Frst
bezeigte mir in zwei Briefen seine Teilnahme an meinen Verlusten und den
Wunsch, meine Lage grndlich zu ndern. Man riet mir, das Wohlwollen
gleich in Anspruch zu nehmen und um eine Pension zu bitten. Das
vermochte ich nicht. Ich vertraute dem frstlichen Wort: nach glcklich
beendeter Sache die Sorge fr mich selbst zu bernehmen. Dies Vertrauen
htte mich gewi nicht getuscht, wre er nicht bei Waterloo gefallen. --

Mehrere einflureiche Mnner in hoher Stellung interessierten sich fr
meine Sache, um mir einigen Ersatz zu verschaffen, aber vergeblich.
Meine groen Verluste blieben, wie hart und drckend sie waren,
unersetzt.

Um diese Zeit sprachen die Zeitungen viel in groen, ehrenvollen
Erwartungen von dem Minister von Humboldt, der im Hauptquartier des Knigs
von Preuen und dann als dessen Bevollmchtigter auf dem Kongre in Wien
war. Pltzlich kam mir der Gedanke, mich in die Erinnerung des nie
Vergessenen zurckzurufen, mich offen und ohne Rckhalt gegen ihn ber
meine dermalige Lage auszusprechen und es ihm und seiner Einsicht anheim zu
stellen, _ob_ und _was_ fr mich zu tun sei. So schnell wie der
Gedanke in mir aufstieg, wurde er ausgefhrt. Alles Jugendvertrauen kehrte
whrend des Schreibens zurck. Ich gab dem teuern Freund einen mglichst
kurzen berblick ber viele verhngnisvolle Jahre, verweilte aber lnger
bei der Gegenwart, die mir den Mut gegeben hatte zu diesem Schritt. Das
heilig bewahrte Stammbuchblttchen war eine sprechende Beglaubigung. Von
diesem Brief habe ich damals fr mich eine Abschrift bewahrt und diese
jetzt wiedergefunden, und da er die folgenden veranlate und den
Briefwechsel erffnete, so gehrt er, stckweise, hierher und ich teile das
Ntige daraus mit.

Ich bekam auf der Stelle Antwort.

Jeder, der den Vollendeten kannte, wird seinen Brief, den treuen
Ausdruck des edelsten Gemts, nicht ohne gerhrtes Interesse lesen.


Ehe jedoch zu den wertvollen Briefen bergegangen wird, mchte es ntig
sein zu sagen, wie die Verffentlichung oder vielmehr der Entschlu dazu
entstanden ist. Es mchte dies Pflicht sein in einer Zeit, worin so
viele Briefe von vertrautem Inhalt erscheinen, die neben dem Interesse,
das sie gewhren, notwendig verletzen mssen und gerechten Tadel
verdienen, ohne die Wahrhaftigkeit zu beweisen.

Die Herausgabe _dieser_ Briefe ist wie von einem unsichtbaren Willen
geleitet entstanden. Ich bewahrte viele Jahre meine kstlichen,
neidenswerten Briefschtze, schweigend, wie ein Heiligtum, und sah sie an
wie eine unerschpfliche Quelle hheren Lebens, woraus ich lange Jahre Mut
und Kraft schpfte und die Reife empfing, deren ich fhig war, und nur auf
diese Art teilhaftig werden konnte. Eigentlich bedurfte ich fr meinen
Geist keine weitere Nahrung, fr mein Nachdenken keinen reicheren Stoff,
fr meine Belehrung kein anderes Buch, fr meine Seele kein helleres Licht.
Dabei fand ich in allen Lagen den Trost und die Ermutigung, die mir gerade
ntig waren. Hchst gtig lie der edle Freund sich zu meiner Fassungskraft
herab, so war er mir, worber er auch reden mochte, immer verstndlich,
klar und berzeugend. Wenn wir auch in manchen Meinungen verschieden waren,
so ging diese Verschiedenheit aus ganz verschiedenen uerlichkeiten des
Lebens hervor. Immer aber blieb der Freund meiner Seele das leitende
Prinzip meines geistigen Lebens; ich lebte von einem Brief bis zum andern
mit ihm fort, und es bildete sich fr mich, in einer mhe- und sorgenvollen
Lage und bei untergrabener Gesundheit, ein reiches inneres Leben. Wenn ich
mich immer mehr zurckzog, den Kreis meiner Freunde enger schlo, folgte
ich nur meiner tiefsten Neigung; Vergngen und Freude, und meine stille
Verborgenheit war, ungekannt und ungeahnt von jedermann, hchst belebt und
beseelt, ja _beseligt_, und war es allein durch diesen seelenvollen
Briefwechsel, der nie wieder unterbrochen wurde, weder durch Reisen, noch
durch Krankheiten, und bis in den Tod bestand. Dem mit mir
bereinstimmenden Freunde war es eine besondere Befriedigung, da ich so
_schweigend_ mein Heiligtum whrend eines halben Menschenalters
bewahrte.

Die letzten Jahre meines Lebens gewhrten mir wieder mehr Mue, so
konnte ich mehr und tiefer in den Geist der Briefe, der in allen und
jedem einzelnen weht, mich versenken und vertiefen, in diesen reichen,
hocherleuchteten Geist, voll lauterer himmlischer Gesinnungen! Jahre
habe ich mit diesen Briefen, und nur mit ihnen gelebt.

Oft vertieft in die Ideen des vollendeten Freundes und zugleich versenkt
in Nachdenken ber dies einzige Verhltnis und das, was dadurch fr Zeit
und Ewigkeit in mir gereift war, schien es mir nicht recht, da so viel
Wahres, Groes und Gutes mit mir untergehen sollte. Es war allerdings
nur fr mich geschrieben, fr mich und meine Art zu empfinden berechnet,
aber die berzeugenden Wahrheiten, so klar ausgesprochen, die sicheren
Wege zu innerem Glck und Ruhe so unverkennbar, so klar und milde
gezeigt, da die Erkenntnis heilsam fr jedes gutgeartete Gemt sein
mu.

Und das alles sollte mit mir untergehen? mit mir zernichtet werden? --

Das war vielleicht die erste innere Aufforderung, das Segensreiche so
oder anders zu erhalten!

Ich fing an Auszge zu machen, um solche im Manuskript Freunden zu
hinterlassen, und erkannte bald, wie vergnglich solche Vermchtnisse
sind und wie schnell verlesen. So stiegen nach und nach Grnde auf, so
wertvolle Papiere durch den Druck zu erhalten. Ein groes Hindernis trat
mir entgegen: der Widerwille an aller ffentlichkeit. Was Freunden fr
mich hochehrend erschien, dnkte mir Entweihung. Ein zweites Hindernis
war die Forderung einer strengen Durchsicht, selbst teilweise einer
gnzlichen Umschreibung der gemachten Auszge. Schwierigkeiten aller Art
entstanden. So waren, wie schon gesagt, Jahre ntig, den Entschlu der
Verffentlichung zu reifen. Auch kann diese erst nach meinem Ableben
stattfinden. Die Zeit, die das Unbedeutende bald erbleichen lt,
verklrt das Groe und wird auch den hohen Wert der Gaben steigern, die
ich denen hinterlasse, die sie verstehen, wrdigen und gewi mit Freuden
empfangen.

Als heilige Pflicht erschien es mir nach dem gefaten Entschlu, alle
Auszge selbst zu machen und eigenhndig zu schreiben. So sicherte ich
Wahrheit und Treue auf einer Seite, indem ich auf der andern niemand
verantwortlich machte. So kann ich aber nicht dafr einstehen, da nicht
Wiederholungen vorfallen. Ich bemerke dies im Vorbericht, um nicht
spter bei jedem einzelnen Fall daran zu erinnern. Ich bedarf gewi
Nachsicht und Verzeihung fr solche Fehler, die ich begehen, ja nicht
werde vermeiden knnen, da ich den Entschlu der Herausgabe zu spt
gefat habe, und keine fremde Hilfe erbitten noch zulassen will. Man ist
wohl so gtig, wenn bei aller Sorgfalt Wiederholungen der Art vorfallen,
solche Stellen zu berschlagen. Der Verfasser ist es ja allein, der
Interesse erregt und gewhrt, und was er schreibt, entschdigt
reichlich, wo mich Tadel trifft.

Von meinen Briefen ist, wie ich das gewnscht und erbeten hatte, nichts
erhalten; nur von einzelnen habe ich Abschrift oder Fragmente bewahrt,
um Ereignisse im Gedchtnis festzuhalten, die mir selbst nicht
entschwinden sollten. Dies werde ich als Zustze nachtragen, wo es ntig
ist.


           *       *       *       *       *


_An den Freiherrn von Humboldt_,
K. Pr. Staats-Minister, auf dem Kongre in Wien.

Nicht an Ew. Exzellenz, nicht an den Preuischen Staatsminister, -- an
den unvergessenen, unvergelichen Jugendfreund schreibe ich, dessen Bild
ich eine lange Reihe von Jahren verehrend im Gemt bewahrt, und gern und
viel dabei verweilt habe, der nie wieder von dem jungen Mdchen hrte,
das ihm einst begegnete, mit dem er drei frhliche Jugendtage verlebte
in jenen schnen Gefhlen, die uns spt in Erinnerung beseligen und
erheben. Der Name, auf den die Welt jetzt mit groen Erwartungen blickt,
der Platz, auf den Sie frh durch Geist und Namen gestellt waren, machte
es mir nicht sehr schwer, von Ihnen zu hren und Sie mit meinen Gedanken
zu begleiten. Ich erfreute mich an allem Groen und Schnen, was ich las
oder hrte, nahm meinen Anteil von dem Wahren und Guten, suchte den Sinn
wie frher zu verstehen, dem Geist zu folgen, wenn ich ihn nicht gleich
fate. Das alles lt sich nur durch Worte andeuten, aber nicht sagen.
Nur einmal Sie wiederzusehen, wre es auch nur in der Ferne, war und
blieb mir ein vergeblicher Wunsch. Durch Freunde, welche krzlich einige
Zeit in Berlin lebten, erfuhr ich ausfhrlicher, was ich schon wute,
da Ew. Exzellenz mit einer hchst geistreichen und ebenso edlen Dame
sehr glcklich vermhlt und Vater sehr liebenswrdiger Kinder sind,
welche reiche Hoffnungen geben.

Ich lege hier ein Blttchen ein, das Ihnen drei in Pyrmont verlebte
Jugendtage zurckrufen wird. Ich habe das liebe Blttchen unter den
kleinen Heiligtmern der Jugend sorgfltig vor allen andern bewahrt, als
das einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen
wahren Lebensfreude, die mir das Schicksal zugewogen. Dies Blttchen
(das ich mir zurck erbitten darf) wird Ew. Exzellenz eine Bekanntschaft
zurckrufen, welche die groen Bilder und Erscheinungen des Lebens
lngst verwischt und ausgelscht haben werden. Im weiblichen Gemte
bleiben solche Eindrcke tiefer und sind unwandelbar, um so mehr, wenn
es (welche Bedenklichkeit sollte ich finden, Ihnen nach 26 Jahren diesen
Beweis von Verehrung zu geben?) wie bei mir, die ersten, ungekannten
Regungen erster, erwachender Liebe waren, so geistiger Art, wie sie wohl
bei der edleren Jugend immer sind. Fr die weibliche Jugend und die
Entwickelung des Charakters aber ist es gewi von der hchsten
Wichtigkeit, fr welchen Gegenstand die ersten Gefhle erwachen. Auch
knpften sich, was selten ist, durchaus keine trben oder schmerzlichen
Gefhle daran, sondern sie wurden von groem Einflu auf die Ausbildung
meines Charakters und Gemts.

Die Gefhle wandelte die Zeit. Das tief ins Gemt gesenkte, teure Bild
erbleichte nie mehr. An dies geliebte Bild, das hher und immer hher
erschien, lehnte sich fort und fort mein Ideal von Mnnerwert und
Hoheit. Hier ruhte ich aus, wenn ich unter dem schweren Leben am
Erliegen war, hier ermutigte ich mich, wenn aller Mut sank, hier
richtete ich mich auf im Glauben, wenn der Glaube an Menschen schwankte.
Glauben Sie mir, ewig geliebter Freund! (Sie verzeihen dem Herzen diese
Benennung) ich bin gereift unter groem, mannigfaltigem Schmerz, nicht
entadelt, noch je durch unwrdige Empfindungen entweiht. Ew. Exzellenz
sind, das erkenne ich im eigenen Busen, noch derselbe, der Sie waren,
wie wir uns einst begegneten. Die Hhe des Lebens, der Glanz der ueren
Stellung mgen fr viele Klippen sein -- hohe Naturen erlangen Reife und
Vollendung, gleich viel, ob im Sonnenstrahl des Glcks oder im Schatten
schwerer Verhngnisse. Der Gehalt in unserer Brust, wie die Form unseres
Geistes, beides ist gewi ohne Wandel, beides ewig.

Wie es mir erging? was ich erlebte? das werden Sie jetzt fragen. Es ist
eine lange Reihe von Jahren, von der die Rede sein mu, dennoch lt
sich viel auf ein Blatt bringen, aber das gibt kein Bild, wird Ihnen
nicht genug sein. So will ich suchen, Ihnen im _ueren_ Leben das _innere_
in seiner Tiefe und ernsten Entwickelung zu zeigen. Ob und wie ich mich
bemhen werde um Krze, wird es doch einige Bltter fllen, die Auswahl
und Zusammenstellung kann nur schmerzlich sein, wenn man sich in
Gegenden umsieht, die gleichsam mit unsern Trnen benetzt sind. Wenn ich
daher mich nicht so kurz fassen kann, wie es Respekt fr die Person und
die Zeit des mit den wichtigsten Arbeiten beschftigten Ministers
gebietet, so vertrete mich bei diesem der Jugendfreund. Legen Ew.
Exzellenz die Bltter zurck fr eine Stunde, die den Erinnerungen
gehrt.

Die Zeit, bis wo wir uns kennen lernten, gehrte der ersten Jugend, und
diese war harmlos im stillen, friedlichen Schatten eines gebildeten,
sorgenlosen Familienlebens auf dem Lande hingeflossen. An teuern Eltern
hatte ich nur Rechtschaffenheit und Gte und Beispiele vieler Tugenden
gesehen. Ein mehr als ausreichendes Vermgen erlaubte ihnen in jener
einfachen Zeit viele Annehmlichkeiten des Lebens, besonders auch des
huslichen Lebens; demgem war auch die Erziehung ihrer Kinder; sie war
vor allem, wofr ich sehr dankbar bin, in sittlicher Hinsicht sehr
sorgfltig. Mein Vater, in ziemlich freier, unabhngiger Lage, indem
meine Mutter dem Hause mit seltener Einsicht und Wrde vorstand, lie
sich in seinen Neigungen gehen, die ihn vor allem in die Vorzeit und die
Studien der Vorzeit zogen. Er lebte nur im Klassischen, war nur umgeben
mit klassischen Werken. Die neue Lektre zog ihn nicht an, ja lie ihn
unbefriedigt. Damit in bereinstimmung war auch sein Umgang. Aus den
nicht immer gelehrten, aber immer ernsten Unterhaltungen, die ich still
anhrte, nahm ich vielleicht frh, und frher als andere, den Grund
meiner intellektuellen Bildung, und geno auch frher, als es gewhnlich
ist, das Glck, bedeutenden Personen nher zu stehen, mit groer Gte
behandelt und ihres Anteils gewrdigt zu werden. Auf diese Art wurde
ich, meinen natrlichen Anlagen gem, frh zum Nachdenken gefhrt, und
mehr durch Zuhren als durch Unterricht, mehr durch Nachdenken als durch
Kenntnisse und Talente auf den Weg der Bildung geleitet. Die ernste
Richtung, die so, schon als Kind mchte ich sagen, meine Seele nahm,
schtzte vor vielen jugendlichen Torheiten und Frivolitten, nhrte aber
zugleich mehr, als es wenigstens zum Glck des Lebens gut ist, den Hang
zum Idealen. Dabei bildete sich mehr und mehr, denn es war schon sehr
frh, ja schon in der Kindheit entstanden, ein hohes, beseligendes Bild
von Freundschaft in mir aus, das mir das grte, einzige Erdenglck
erschien. Die erste Erzhlung, die mir durch fteres Lesen genau
bekannt wurde und mich begeisterte, war die allerdings wunderschne
Gesinnung und Handlungsart Jonathans gegen den zurckstehenden David.
Alle Beispiele aus alter und neuer Zeit sammelte ich -- Richardsons
Clarisse gab den vollen Ausschlag. Jeder Aufopferung fhig, glaubte ich,
nur fr dies Glck geboren zu sein, und verlangte nichts Hheres. In
Pyrmont war nun diese berzeugung bis zur Begeisterung gesteigert und
wurde bald die tiefe und unendliche Quelle vielfacher, leidenvoller
Verhngnisse und schmerzlicher Verwickelungen. Verzeihen Sie diese
Einleitung, die ich ntig glaube, um das Folgende richtig zu beurteilen.

Nun gehe ich ber zu der schmerz- und ereignisschweren Vergangenheit,
und von da zu der drckenden und zerdrckenden Gegenwart, die mir
eigentlich zu diesem Schritt den Mut gegeben hat. Es wird schon leichter
werden, da whrend des Schreibens bis hierher nach und nach das
seelenvolle Vertrauen zurckgekehrt ist, womit wir uns einst in den
Pyrmonter Alleen besprachen und verstanden.

       *       *       *       *       *

Darauf folgte eine mglichst kurz zusammengefate bersicht der
hauptschlichsten Ereignisse meines Lebens, worunter die am meisten
herausgehoben und beglaubigt wurden, die mich zum Schreiben ermutigt
hatten: meine groen Verluste an den Staat. Daran knpften sich Plne
fr mein Fortkommen, denen aber berall meine zerstrte Gesundheit, ein
Mangel und Erschpftsein aller Lebenskrfte entgegentraten. Das alles
gehrt nicht hierher und ist nicht erforderlich als Kommentar oder
Einleitung zu den nun folgenden wertvollen Briefen, welche dadurch
entstanden. Der Schlu war dann ungefhr so: Jetzt haben Sie die
Umrisse meines Lebens in dem langen Zeitraum bersehen, geben Sie der
treuen, immer schweigenden Teilnahme etwas zurck! Sie kennen das Herz
der Frauen und wissen besser, als ich das sagen kann, wie teuer uns
alles ist, was dem einst geliebten Manne angehrt und ihn beglckt.
Sagen Sie mir etwas von den teuern Ihrigen, geben Sie mir etwas ab von
Ihrem Glck!

Jetzt schliee ich die vielen Bltter ohne Furcht. Ich lege meine
Angelegenheiten an Ihr Herz, da sind sie gut aufgehoben, und es
geschieht, was geschehen kann. Wie sehe ich einer Antwort entgegen, die
ich gewi empfange!

H., den 18. Oktober 1814.





WILHELM VON HUMBOLDT

_BRIEFE_





_Wien_, 3. November 1814.

Ich habe heute frh Ihren Brief vom 18. Oktober erhalten, und ich kann
Ihnen nicht sagen, wie mich Ihr Andenken gerhrt und gefreut hat. Ich
hatte in unserm Zusammentreffen in Pyrmont immer eine wunderbare Fgung
des Schicksals erkannt, denn Sie irren sehr, wenn Sie glauben, da Sie
in einer flchtigen Jugenderscheinung an mir vorber gegangen sind. Ich
dachte sehr oft an Sie, erkundigte mich auch, aber immer fruchtlos, nach
Ihnen, glaubte Sie verheiratet, dachte Sie mir mit Kindern und in einem
Kreise, wo Sie mich lngst vergessen htten, und bewahrte nur in mir,
was mir jene Jugendtage gelassen hatten. Jetzt erfuhr ich, da Ihr Leben
viel weniger einfach gewesen ist, als ich es mir dachte. Htten Sie mir
damals geschrieben, wie Sie am meisten litten, vielleicht htten Ihnen
meine Worte wohltun knnen. Glauben Sie mir, liebe Charlotte, Sie werden
mir diese vertrauliche Benennung nicht bel deuten, _da ja nur Sie und
ich unsere Briefe lesen_, der Mensch traut nie dem Menschen genug. So
erfahre ich erst jetzt durch Sie, da ich damals einen tieferen Eindruck
auf Sie machte, als ich mir je eingebildet htte. Die Zeilen, die man
nach so langer Zeit von sich selbst wiedersieht, sprechen einen wie aus
einer anderen Welt an. Ich habe das Glck, denn es ist wirklich nur ein
Glck, da ich mich keiner Empfindung schmen darf, die ich in jener
Jugend hegte, und glauben Sie es mir, ich bin noch jetzt gleich einfach
wie damals. Jedes Wort Ihres Briefes hat mich auf das Tiefste ergriffen,
ich versetze mich ganz in Ihre Lage, und ich danke Ihnen recht aus
innigem Herzen, da Sie den Glauben an mich nicht verloren, und da Sie
mich wert hielten, sich mir, wie Sie es tun, zu erschlieen. Schreiben
Sie mir denn, wenn Sie es der Mhe wert halten es ferner zu tun, ohne
Umschweife und mit dem Vertrauen, auf das ich vielleicht ein Recht
erlangt htte, wenn ich Sie wiedergesehen htte. Sehr Unrecht haben Sie,
wenn Sie sagen, da gewisse Eindrcke im weiblichen Gemt tiefer und
lnger haften. Ich knnte Ihnen das Gegenteil aus Ihrem eigenen Briefe
beweisen. Gestehen Sie immer, es soll kein Vorwurf sein -- 26 Jahre
liegen hinter unserer kurzen Bekanntschaft, und wir sehen uns leider
vermutlich nie wieder --, da ich ziemlich aus Ihrem Gedchtnis
verschwunden bin, wie ich Sie verlie. Sie haben sich wenigstens nicht
an mein Versprechen erinnert, Sie wieder zu besuchen, das nicht gehalten
zu haben mich oft sehr ernstlich geschmerzt hat. Ich knnte die Bank in
der Allee noch bezeichnen, wo ich es machte; ich war im Begriff, zu
Ihnen zu kommen, aber eine jugendliche Pedanterie, in der ich es fr
unmglich hielt, eine Woche spter nach Gttingen zurckzukehren, hielt
mich davon ab. Es ist mir ein sicherer Beweis, da wir einander im
Leben nicht nahe kommen sollten, und das Einzige, was mir innig leid
tut, ist, da ich nicht bestimmt war, irgend dauernde Freude in Ihr
Leben zu bringen. Trbe oder schmerzliche Empfindungen konnten sich,
davon seien Sie sicher berzeugt, an den Umgang mit mir nicht knpfen.
Es trifft mich kein Vorwurf dieser Art. Ihr Schicksal hat mich so
ergriffen, wie Sie es nach diesen Gestndnissen sich denken knnen. Ich
habe es auch auf mannigfaltige Weise heut berlegt. Ich bitte Sie aber,
berlassen Sie sich fr den Augenblick mir, folgen Sie blindlings meinem
Rat und glauben Sie dem, der mehr Welterfahrenheit hat als Sie, und
ebenso wie Sie wei, was ein Gemt in Ihrer Lage bedarf. Setzen Sie aber
dabei alle kleinlichen Rcksichten beiseite, seien Sie wirklich
vertrauend, seien Sie gut gegen mich, und erzeigen Sie mir den grten
Gefallen, den Sie mir erzeigen knnen. Was Sie in Ihrer jetzigen Lage
brauchen, Ihre Gesundheit und Ihr Herz, ist Ruhe. Die ngstliche Sorge,
die groe Anstrengung fr Ihre Erhaltung, untergrbt beides. Sie waren,
ich erinnere mich dessen noch sehr gut, gesund und stark, Sie waren es,
so scheint es, spter wieder geworden. Bleiben Sie ein Jahr nur ruhig
und pflegen Ihre Gesundheit, so wird sie wiederkehren, trotz der Strme,
die Sie bestanden haben. Dies ist zugleich der beste Rat fr Ihre
brigen Plne. Glauben Sie mir, wer in dem Augenblick suchen mu, wo er
braucht, findet schwer. Wenn man hingegen nur eine Zeit lang sorglos
leben kann, finden sich die Lagen von selbst. Welcher Ihrer Plne
ausfhrbar sein kann, mu die Zeit erst lehren, ebenfalls was ich
befrdern kann. Ich halte es fr Pflicht, Ihnen darber ganz offen zu
reden. O! Sie htten sehr unrecht, es mir bel zu deuten. Die Briefe des
Herzogs sind sehr gut und machen ihm Ehre, aber er kann, wie Sie aus den
Briefen Ihrer Freunde sehen, _vorerst_ nicht helfen. Diese Dinge mssen
Sie also wenigstens der Zeit und dem Schicksal berlassen. Erlauben Sie
mir das Verdienst, Ihnen diese Zeit zu verschaffen, gnnen Sie mir die
Beruhigung zu wissen, da Ihnen jetzt ein Jahr ungetrbt von kleinen
ueren Sorgen verstrichen ist. Ja, liebe Charlotte, ich bitte Sie
instndig darum; verschmhen Sie mein Anerbieten nicht. Es wre
innerlich die falscheste Delikatesse von der Welt, und Sie knnen sicher
sein, da niemand je _als ich und Sie_ darum wissen wird. Ich bin nicht
reich, aber ich wei sehr gut, was ich tue, und ich sehe aus Ihrem
ganzen Brief und allen seinen Beilagen, da Sie, was meinen Gefallen an
Ihrem Leben und meine wahre Achtung fr Sie vermehrt, sich an eine groe
Einfachheit von Bedrfnissen gewhnt haben. Ich lege Ihnen hier eine
Anweisung ein. Ich begreife, da dies nur fr Monate sein kann. Aber
folgen Sie mir, schreiben Sie mir recht vertraulich, recht ordentlich,
was Sie, eine Badekur eingerechnet, brauchen. Glauben Sie mir, da ich
nie mehr tue, als ich kann, geben Sie es mir zurck, wenn Ihre Lage und
Ihr Schicksal sich ndert, aber begreifen Sie nur recht meinen Plan, der
ganz einfach der ist, da Sie ein Jahr vor sich haben, fr das Sie nicht
zu sorgen brauchen, und in dem Sie mit _Freiheit_ und ohne _ngstlichkeit_
knftige Plne bilden knnen. Ich fhle recht gut dasjenige, dem ich
mich nach der Schilderung, die Sie mir von sich selbst machen, aussetze.
Sie knnen alles ausschlagen, Sie knnen Anmaung in mir finden, mir
Vorwrfe machen. Ich mu aber doch auf meinem Vorschlag beharren, er ist
der einzige Ihrer Lage angemessene. Glauben Sie ja nicht, liebe
Charlotte, da ich irgend etwas Ungeziemendes darin finde, selbst mit
seiner Arbeit Verdienst zu suchen, Sie sollen ja auch nachher ganz frei
sein. Nur bis Ihre Gesundheit wiederhergestellt ist, folgen Sie. Jetzt
ist jede Arbeit Ihnen verderblich. Wenden Sie sich aber an andere, so
glauben Sie mir, niemand antwortet Ihnen so anspruchslos, so
uneigenntzig; andere glauben Ihnen einen Gefallen zu tun; mir erzeigen
Sie einen. -- Jetzt breche ich davon ab und rede Ihnen von mir, weil Sie
es wollen. Ich bin, wie man Ihnen gesagt hat, verheiratet, ich heiratete
drei Jahre, nachdem ich Sie sah, und habe jetzt fnf Kinder; drei habe
ich verloren. Ich heiratete blo und nur aus innerer Neigung, und es ist
vielleicht nie ein Mann in seiner Verbindung so glcklich gewesen. Nur
seit den letzten zwei Jahren habe ich das Unglck, da meine Frau
krnkelt, und mich meine Geschfte oft von ihr fern gehalten haben, wie
es noch jetzt der Fall ist. Da Sie, wie Sie mir sagen, manchmal von mir
hrten, so werden Sie wissen, da ich einige Jahre hindurch Gesandter in
Rom war. Ich nahm die Stelle nur des Landes wegen an, und htte es, ohne
die unglcklichen Ereignisse, nie verlassen. In diesen wurde es aber
gewissermaen zur Pflicht, zu dienen, und so bin ich nach und nach in
verwickelte Verhltnisse gestoen worden. Sie sind aber meiner Neigung
wenig angemessen, und mir wrde ein stilleres und einfacheres Leben mehr
zusagen. Den Krieg hindurch war ich im Hauptquartier, dann in England,
von da ging ich nach der Schweiz, meine Frau zu besuchen, die dort
hingereist war. Jetzt bin ich hier auf dem Kongre, und sie ist auf
ihren Gtern, von denen sie nach Berlin gehen wird. Nach dem Kongre
besuche ich sie dort und gehe als Gesandter nach Paris, wohin sie mir
spter folgen wird. Mein ltester Sohn ist schon Offizier, ging mit 16
Jahren ins Feld, wurde verwundet, ist aber glcklich geheilt und nun
wohlbehalten zurckgekommen. Auer ihm habe ich drei Mdchen und einen
kleinen Jungen. Die beiden jngsten der Mdchen sind eigentlich in
Italien gro geworden und konnten keine Silbe deutsch, wie sie, die
lteste im zehnten Jahre, nach Wien kamen. Ich wnschte, Sie shen sie.
Es sind zwei unendlich liebe Geschpfe. Der kleine Junge ist erst fnf
Jahre. Zwei Shne hatte ich das Unglck in Rom zu verlieren, eine
Tochter, mit der meine Frau, als sie eine Reise nach Paris machte,
niederkam, ohne da ich sie sah. So wissen Sie meine ueren Schicksale.
Von den inneren lt sich nur reden, nicht schreiben.

Nun nehmen Sie noch einmal meinen herzlichen Dank. Ich wei nicht, ob
ich Sie je wiedersehen werde, und ich darf es kaum hoffen. Ich kann mir
auch jetzt kein deutliches Bild von Ihnen machen. Allein wenn daher auch
das, was ich von Ihnen in der Seele trage, eine Erscheinung der
Vergangenheit ist, sogar eine, an die meine Einbildungskraft vieles,
ber die augenblickliche Dauer unseres Zusammenseins hinaus, legte, so
glauben Sie gewi, da es nie eine flchtige war und nie eine solche
sein wird.

Ganz der Ihrige.                H.

Die Originalbriefe und das Erinnerungsblatt schicke ich zurck.



_Wien_, den 18. Dezember 1814.

Ihr Brief, liebe Charlotte, hat mir groe Freude gemacht, und ich danke
Ihnen recht herzlich dafr. Sie legen zu viel Wert auf das, was so
natrlich war und nicht anders sein konnte. Ihr Andenken hat sich nie
bei mir verloren, noch verlieren knnen, allein es fiel mir nicht ein,
zu glauben, da ich je wieder von Ihnen hren wrde, noch weniger, da
Sie meiner auch nur irgend gedachten. Auf einmal rufen Sie mir mit Gte
und mit dem ungezwungenen Gestndnis, da Sie, ohne die Umstnde, die
uns trennten, vielleicht mehr empfunden htten, die Bilder der
Vergangenheit und Jugend zurck. In der Rhrung und in der Freude, die
das in mir weckte, habe ich Ihnen geantwortet und werde ich Ihnen immer
antworten. Erheben Sie mich also nicht deshalb, aber bleiben Sie mir
gut, erhalten Sie mir Ihr Vertrauen; schreiben Sie mir so herzlich, so
vertrauend als jetzt, lassen Sie sich ganz mit mir gehen, wie ich mit
Ihnen, und glauben Sie nicht, da mir Ihre Briefe je zu hufig kommen,
je zu weitlufig sein knnten. Es gibt nichts Beglckenderes fr einen
Mann, als die unbedingte Ergebenheit eines weiblichen Gemts. Ich bin
weit entfernt, den mindesten Anspruch an Sie zu machen. Ich kann kein
Recht dazu besitzen. Sie knnen nur ein schwankendes Bild von mir in der
Seele tragen. Ich mu jetzt, von Geschften, Sorgen, Zerstreuungen
zerrissen, Verzicht darauf tun, Ihnen irgend etwas sein zu knnen. Aber
Sie knnen mir, wenn Sie fortfahren mir zu schreiben, wie Sie tun, mir
von Ihrem uern und innern Leben zu erzhlen, mit mir ohne Rckhalt so
vertraulich umzugehen, wie es Ihren ersten Empfindungen fr mich
entsprochen htte, eine Freude geben, die ich mit inniger und wahrer
Dankbarkeit empfangen werde. Schreiben Sie mir also ja von Zeit zu Zeit.
Sie schreiben natrlich und ausgezeichnet gut auerdem, und lassen Sie
mich die Kinderei gestehen, schon Ihre Hand macht mir Freude, sie ist
hbsch an sich, und ich erinnere mich ihrer von ehemals. Reden Sie mir
aber vor allem von sich selbst. Ihr letzter Brief enthlt kaum ein Wort
ber Ihre Gesundheit. Lassen Sie mich wissen, ob Ihre Krfte, Ihr
gesundes Aussehen, Ihre Heiterkeit zunehmen. Dann mu ich Sie um Eines
bitten: Warten Sie nie eine Antwort ab, mir zu schreiben; seien Sie
gromtig, rechnen Sie nicht um Briefe mit mir. Ich habe sehr wenig
Zeit. Ich kann nur selten, nur abgerissen schreiben, geben Sie mir, und
fordern Sie nicht von mir. Sie finden vielleicht in dieser Bitte mehr
Freimtigkeit, als ich haben sollte. Aber ich leugne es nicht, da ich
eigenntzig mit Ihnen bin, und Sie haben eine zu gute Meinung von mir,
die ich gern zur Wahrheit herunterstimme.

Sie fragen mich, liebe Charlotte, ob Sie vorerst in Gttingen oder
Braunschweig leben sollen, und wollen nichts ohne meinen Willen tun.
Damit berhren Sie eine sonderbare Seite in mir. Ich habe es sehr gern,
wenn man meiner Bestimmung folgt. Ich will also, da Sie nach Gttingen
gehen sollen, und nicht blo aus Geflligkeit fr Sie, weil Sie es
vorziehen, sondern weil es mir lieber ist. Sie werden dies sehr
sonderbar finden und nicht erraten, was mich bestimmen mag. Auch kann
ich es Ihnen kaum recht erklren; allein es ist doch nun so, wre es
auch nur, weil ich Sie von Gttingen aus sah, wie ich in Braunschweig
war, Sie nicht kannte, und in Gttingen sehr oft an Sie dachte.
berhaupt liebe ich Gttingen, weil ich da in einer Zeit einsam lebte,
in der die Einsamkeit bildend ist. Gren Sie in meiner Seele den Wall,
und schreiben Sie mir, wenn Sie da sind, auch von den Menschen dort.

Nun leben Sie wohl, teure Frau, und werden mir nicht wieder fremd. Es
ist ein wunderbares Verhltnis unter uns. Zwei Menschen, die sich vor
langen Jahren drei Tage sahen und schwerlich wieder sehen werden! Aber
es gibt in dieser Art der reinen und tiefen Freuden so wenige, da ich
mich schmen wrde, geizig mit dem Gestndnis zu sein, da Ihr Bild von
damals her, mit allen Gefhlen meiner Jugend, jener Zeit, und selbst
eines schneren und einfacheren Zustandes Deutschlands und der Welt, als
der jetzige ist, innig in mir zusammenhngt. Ich habe berdies eine
groe Liebe fr die Vergangenheit. Nur was sie gewhrt, ist ewig und
unvernderlich wie der Tod, und zugleich, wie das Leben, warm und
beglckend. Mit diesen unwandelbaren Gesinnungen Ihr  H.



_Burgrner_, April 1822.

Es ist sehr lange, da ich ohne Nachricht von Ihnen bin, es tut mir
leid, ja es schmerzt mich, so ganz von Ihnen vergessen zu sein, whrend
ich Ihrer oft gedachte. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, sobald Sie
diese Zeilen empfangen haben, wie es Ihnen ergangen hat und ergeht? Es
mahnte mich schon lange, Ihnen zu schreiben und um Nachricht zu bitten.
Vielleicht bin ich selbst schuld an Ihrem Schweigen. Meine kurzen Briefe
knnen Sie eingeschchtert haben, Sie mochten besorgen, mir lstig zu
werden. Adressieren Sie Ihren Brief nach Burgrner bei Eisleben; ich bin
hier auf einem der Gter meiner Frau. Leben Sie wohl und antworten mir
gleich.     H.



_Burgrner_, April 1822.

Ich lasse meinem kurzen Briefe, den ich Ihnen, liebe Charlotte, vor ein
paar Tagen schrieb, einen zweiten folgen. Einmal, weil ich sehr mich
nach Zeilen von Ihrer Hand sehne und es mir leid tut, da ich so lange
schwieg; dann auch, um noch einen andern Weg einzuschlagen, damit mein
Brief sicher in Ihre Hnde komme. Ich wei Ihre Adresse nicht genau, ja
ich wei nicht einmal, ob Sie noch in Kassel sind. Das aber darf ich mit
Zuversicht hoffen, da Sie mich nicht vergessen haben. Ich vergesse Sie
nie.   Ihr H.



_Burgrner_, den 3. Mai 1822.

Ich habe Ihre beiden lieben Briefe vom 24. und 26. April empfangen, und
sage Ihnen, liebste Charlotte, auf der Stelle meinen herzlichsten Dank.
Sie haben mich recht sehr dadurch erfreut und ganz meinen Erwartungen
entsprochen. Nie knnte ich irre an Ihnen werden oder den Glauben an die
Ausdauer und die Treue Ihrer Gesinnungen und Empfindungen verlieren. Das
sagte ich Ihnen schon neulich, und es ist nur natrlich. Wenn uns jemand
eine so lange Reihe von Jahren, ohne irgend ein Zeichen des Andenkens
empfangen zu haben, die tiefen Empfindungen eines edlen und zarten
Gemts bewahrte, so wre es wahrer und hoher Undank, daran ferner zu
zweifeln. Es ist gewi ein seltenes Glck fr einen Mann, da ihm ein
weibliches Gemt die ersten Empfindungen der jugendlichen Brust heilig
und vertrauungsvoll bewahrt, und ich bin mir bewut, da ich dies Glck,
so wie es ist, wrdige und schtze. Aber ich sage ohne Stolz, der mir
wahrlich nicht eigen ist, allein auch ohne eine kindische
Bescheidenheit, es kann auch Ihnen durch mich vieles kommen, was Ihr
Leben bereichert, erheitert und verschnert. Wenn das Schicksal so etwas
fr zwei Menschen aufbewahrt hat, mu man es nicht hinwelken lassen,
sondern erhalten und in Vereinigung bringen mit allen ueren und
inneren Verhltnissen, da auf diese Harmonie allein alle Zartheit der
Gefhle und alle Ruhe der Seele gegrndet sein kann. Weil nun kein
persnlicher Umgang unter uns stattfinden kann, so wollen wir einen
brieflichen beginnen und feststellen. Ich schreibe zwar nicht gern und
klage mich zum voraus an, Sie werden sehr oft Nachsicht, Geduld und
Gromut zu ben haben, aber ich lese sehr gern Briefe, besonders die
Ihrigen, nicht nur, weil ich gern lese, was Sie schreiben, sondern noch
mehr, weil mich Ihr ueres und noch mehr Ihr inneres Leben in der
innersten Teilnahme interessiert. Sollte ich also einmal seltener
schreiben, so lassen Sie sich das nicht hindern. Schreiben Sie mir immer
den 15., so habe ich immer einen Tag, auf den ich mich freue. Wenn Sie
mir in der Zwischenzeit schreiben, so ist das eine liebe Zugabe, die ich
stets mit Dank empfangen werde.

Ihr Gartenleben und schon die Wahl desselben hat etwas, das mir ungemein
gefllt. Es spricht Ihre Neigungen charakteristisch aus und vereint
Einsamkeit und Annehmlichkeit. Die erste pat zu Ihrem Charakter, Ihren
Empfindungen und Ihrer Lage; die letzte erheitert und verschnert Ihr
Leben. Es ist mir daher am liebsten, Sie so zu denken, zu denken, da
Sie nur selten in die Stadt kommen. Besuche, das fhle ich, knnen Sie
nicht vermeiden, und es ist auch gut, in einigen Verbindungen zu
bleiben, besonders da Sie mir sagen, da diese Verbindungen meist
bewhrte alte Freunde sind.

Da Sie am liebsten in Kassel leben, wo Ihre Jugend, wenn auch nicht
immer schmerzlose, doch auch frohe und heitere Erinnerungen zurcklie,
begreife ich ganz. Auch ist die Gegend schn, und eine grere Stadt
bietet, wie Sie sehr richtig bemerken, vor allen anderen, Freiheit zu
leben, wie es die Neigungen fordern, und daneben, ohne groen Aufwand,
manche Gensse, welche in kleinen Stdten versagt sind. Ich billige also
ganz Ihren Entschlu, dort ferner zu wohnen. Sorgen Sie aber vor allem
in Ihrer lndlichen Wohnung fr Ihre Gesundheit. Zu wenig sagen Sie mir
darber, und doch sind Ihre Ruhe, Ihre Gesundheit, Ihr Glck das, worauf
es mir ankommt. In selbstschtigen Wnschen und Absichten habe ich mich
Ihnen nicht wieder genhert, wenn ich auch einen Wunsch hege, den ich
Ihnen nchstens aussprechen werde.

Ich schliee jetzt, ich bin seit vierzehn Tagen garnicht wohl, leide
zwar nur an einem katarrhalischen Fieber, da ich aber in Jahren nicht
krank war, ist es mir lstig. Mit den herzlichsten, unwandelbarsten
Gesinnungen der Ihrige.   H.



_Burgrner_, Ende Mai 1822.

Ich sage Ihnen heute zuerst, liebe Charlotte, da ich wieder vollkommen
wohl bin, damit Sie sich nicht beunruhigen. Es geht sehr eigen mit
unserm Briefwechsel. Er fing so an, da Sie selten Briefe von mir zu
bekommen glaubten, und jetzt mu ich mich ber Ihr Stillschweigen
beklagen. Sie hatten mir in Ihrem letzten Briefe versprochen, mir
unmittelbar nach dem 15. jedes Monats zu schreiben, das mssen Sie aber
nicht getan haben, da sonst Ihr Brief lngst in meinen Hnden sein
mte, und ich habe weder am vorigen Posttage noch heute das Geringste
bekommen. Es beunruhigt mich, da Sie krank sein knnen, ich suche alles
auf, was Sie verhindert haben knnte. Wie dem sei, so drngt es mich,
Ihnen zu sagen, da ich sehr nach einem Briefe verlange, und die, welche
ich habe, oft wieder durchgelesen habe, und immer in dankbarer
Erinnerung an Ihre mir so wunderbar erhaltenen Gesinnungen. Man knnte
das wohl Eitelkeit nennen, knnte es wohl nur dem Gefhl, sich
geschmeichelt und gehuldigt zu sehen, zuschreiben, wenn man sich durch
die Bewahrung dieser Empfindungen beglckt fhlt. Allein es wre das
doch ein zu harter Ausspruch, und gegen mich wirklich ein ungerechter,
da Eitelkeit mir nie eigen war. Schwerlich hat jemand je sich selbst so
unparteiisch beurteilt und so wenig schonend behandelt, schwerlich je
einer so kalt und richtig erkannt, was an den Lobsprchen anderer
abzuschneiden und an dem, worber sie schweigen, zu tadeln war. Und
einem gewissen Mitrauen in meine Krfte und die mir hier und da
beigelegten Vorzge verdanke ich sogar die vorzglichsten der Erfolge,
die ich in Privat- und ffentlichen Verhltnissen gehabt habe. Allein
ich gestehe gern, da ich immer einen vorzglichen Wert darauf gelegt
habe, die innere Stimmung zu besitzen und zu bewahren, die auf ein
weibliches Gemt Eindruck zu machen fhig ist. Ich wrde nicht so
tricht sein mir einzubilden, da sie mir jetzt noch eigen sein knnte.
Wenn man nun aber auf eine so wahre, natrliche, so ergreifende Weise,
als sich in Ihren Briefen ausspricht, berzeugt wird, da man jenen
Eindruck tief und dauernd erregt hat, so liegt darin ein doppeltes, die
Empfindung s erhebendes Gefhl, das des Selbstbewutseins, und das des
edlen, tiefen Gemts, welches diese Empfindungen zart zu sondern und
fest aufzubewahren verstand. Darum freut mich die Erneuerung unsers
Briefwechsels unendlich, und ich schmeichle mir, da sie auch Ihnen
wohlttig sein wird; mir knnte sie nie anders sein. Ihr Bild ist mir
ein ganzes Leben hindurch geblieben, in allen, auch den wechselvollsten
Verhltnissen, stand es mir freundlich und licht, wie ich Ihnen neulich
schrieb, vor. Ich glaubte nie wieder etwas von Ihnen zu erfahren. Die
Zeit, wie Sie sich mir wieder nahten, trat gerade in die bewegteste
meines Lebens. Diese ist vorber, und so mahnte es mich schon lange,
Ihnen zu schreiben. Da wir uns nach so langer Zeit nur durch einzelne
Briefe nahe gewesen sind, so kann es nicht fehlen, da wir in manchen
Ideen abweichend denken mssen, ber die wir uns bei ruhigem und stillem
Ideen-Umtausch leicht verstndigen werden.

Sie erinnern mich daran, liebe Charlotte, welchen Schatz ein weibliches
Herz bewahrt, und fordern mich auf, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Glauben
Sie gewi, da ich ein unbegrenztes Vertrauen in Sie, in Ihre Wahrheit,
Ihre Treue und die Zartheit Ihrer Empfindungen setze, wie wrde ich
Ihnen sonst selbst so offen und wahr schreiben. Vertrauen Sie aber auch
mir fest. Seien Sie sicher, da das, was Sie mir vertrauensvoll sagen,
bei mir wie im Grabe ruht und verschlossen ist. Glauben Sie auch fest,
da ich es herzlich gut mit Ihnen meine, immer meinte und immer meinen
werde; vertrauen Sie mir auch dann, wenn Sie mich nicht gleich
verstehen. berlassen Sie mir die Sorgfalt fr die Erhaltung unsers
gegenseitigen Verhltnisses, fr die Entfernung jedes strenden
Einflusses. Ich will niemandem, aber am wenigsten Ihnen, auch nur eine
meiner Meinungen aufdringen. Ich habe die unzerstrbare berzeugung, da
Sie nie weder mich noch irgend eine Idee von mir zu verkennen imstande
sind, ja, ich wei, und sie haben es mir recht schmeichelnd wiederholt,
da sie immer gern und mit Freuden sich von mir, wie Sie gtig sich
ausdrcken, berichtigen lassen.

Es ist mir lieb, da Sie niemanden sagen, da Sie Briefe von mir
empfangen. Es geht niemanden was an, da wir einander schreiben; was
heilig in sich ist, mu man nicht gemein machen.

Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie fest auf die Unwandelbarkeit
meiner Gesinnungen.

Ihr                 H.



_Burgrner_, 1822.

Ich will Ihnen, beste Charlotte, heute einen Wunsch, eine Bitte
aussprechen, durch deren Erfllung Sie mir groe Freude machen werden,
die ich gewi recht dankbar empfange. Ihre Lebensgeschichte, besonders
auch die Entwicklung und seltene Ausbildung Ihres inneren Lebens, mchte
ich gern im Zusammenhange bersehen und genau kennen. Dieser Wunsch ist
schon durch Ihre frheren Briefe in mir erregt und entstanden und durch
die jetzigen vermehrt. Schwer kann es ihnen nicht werden, Sie haben sich
eine groe Fertigkeit im Schreiben erworben. Sie schreiben leicht,
gewandt, gelufig, natrlich und ausgezeichnet gut. Die Sprache steht
Ihnen ganz ungewhnlich zu Gebote. Ich sage Ihnen da keine Schmeichelei,
es ist die Wahrheit, die ich mit berzeugung ausspreche und die sich in
jedem Ihrer Briefe darlegt.

Wollen Sie in meine Wnsche eingehen, so tun Sie es auf folgende Weise:
Fangen Sie mit Ihrem Geburtstag und Jahr an, in chronologischer Folge
und in der grten Ausfhrlichkeit. Schreiben Sie aus dem Gedchtnis,
auf was Sie sich besinnen, nicht aus der Phantasie. Gehen Sie zurck in
Ihre Kindheit und Jugend, zurck auf Ihre Eltern und Groeltern, auf
Ihre Vorfahren, wenn Sie davon Nachricht haben. Lieb wre es mir, wenn
Sie in dritter Person redeten. Geben Sie den Orten und Menschen, wenn
sie dahin kommen, auch mir, andere Namen, nur den Namen Charlotte
behalten Sie. Ich habe das mit Goethe gemein, da ich eine besondere
Vorliebe fr Ihren Namen habe. Aber reden Sie ber sich vor allem wie
ber eine Dritte, loben und tadeln Sie sich, wo Sie ein anderer loben
und tadeln wrde.

Was ich besorge, ist, da Sie von schmerzlichen Erinnerungen ergriffen
werden, da ich ja schon wei, da Sie viel gelitten haben. Allein
vorerst sind Sie davon noch fern. Kindheit und Jugend sind meist heiter
und froh, und waren es gewi auch bei Ihnen, und die Schilderung beider
werde ich von Ihnen mit Freude empfangen. Sie schreiben _nur fr mich_,
und kein anderes Auge als das meinige ruht auf dem, was Sie fr mich
schreiben. Ich sehe Ihrem Entschlu und Ihrer Antwort mit Verlangen
entgegen. Leben Sie herzlich wohl! Ihr      H.



_Burgrner_, 1822.

Meine beiden Briefe werden Sie, liebe Charlotte, empfangen haben, ob sie
gleich noch unbeantwortet sind. Beide hatten die Absicht, Sie ber Ihre
Bedenklichkeiten zu beruhigen. Ich hoffe, das ist mir gelungen, und ich
wiederhole Ihnen heute zuerst, was Ihnen mein letzter Brief sagte, da
alles, was Sie mir aus Ihrem Leben und Ihrer Vergangenheit mitteilen,
ganz durch Ihre Empfindungen bestimmt werden mu. Es soll ein
Zurckgehen in die Vergangenheit sein, mit dem, der den innigsten Teil
an Ihnen nimmt, aber kein Aufreien schmerzlich vernarbter Wunden, das
mute ich Ihnen zuerst sagen.

Recht herzlich danke ich Ihnen fr die mir als Probe bersandten wenigen
Bogen. Die Erzhlung beginnt so ganz zu meiner Zufriedenheit, nur
wnschte ich doch hier und da noch mehr Ausfhrlichkeit. Lassen Sie sich
gar keine Furcht angehen, da Sie zu weitlufig werden knnten, und
denken Sie nicht, wie langsam Sie verweilen. Wir leben beide noch sehr
lange, wenngleich Sie lnger. Gerade die Schilderungen Ihres vterlichen
Hauses, bestes Kind! haben ein groes Interesse fr mich, und Sie haben
wieder vllig wahr gemacht, was ich Ihnen immer sagte, da Sie sehr gut
schreiben, sehr wahr, hbsch und natrlich erzhlen. Fahren Sie nur eben
so fort, und wenn es Ihnen manchmal beschwerlich wird oder Ihnen Zeit
raubt, so denken Sie, da Sie mir Freude damit machen. Es verlngert und
erweitert gewissermaen das Leben, wenn man so individuelle
Schilderungen einer Zeit vor sich hat, die man an ganz andern Orten und
in ganz andern Verhltnissen erlebte, und es gibt doch in der Welt
nichts Interessanteres fr den Menschen, als wieder der Mensch. Man kann
eigentlich nie genug sehen und nie genug hren. Es entstehen selbst
durch jedes neue Gesicht, mchte ich sagen, neue Ideen. Erhlt man nun
aber gar bestimmte, ins Detail gehende Schilderungen, so sind es neue
Figuren, die sich vor der Seele bewegen, und mit denen man ebenso lebt,
wie in der Wirklichkeit. Dieser Hang, sich eigentlich an
Menschengestalten zu ergtzen, in ihnen wie unter Anwesenden zu leben,
vertrgt sich doch sehr gut mit dem entschiedensten Hange zur
Einsamkeit. Sobald man mit Menschen umgehen mu, oder noch mehr, sobald
man recht gern mit ihnen umgeht, befindet man sich selbst zu sehr in
Ttigkeit, will sich auch wohl selbst geltend machen, und wird von blo
reiner Beschauung abgezogen. Lebt man aber mit dem Hange zur Einsamkeit
unter Menschen, was man von Zeit zu Zeit nicht vermeiden kann, so gehen
sie mehr wie Figuren der Beschauung vor einem vorber, man richtet seine
Aufmerksamkeit ganz auf sie und nicht auf sich selbst. Wie man auf sie
wirkt, wie man ihnen gefllt, bleibt einem sehr gleichgltig, wenn man
sie nur in ihrer eigentlichen Natur sieht. Kehrt man dann in die
wirkliche Einsamkeit zurck, so hat man viele Bilder um sich, und wenn
man zu innerer Geistesbeschftigung geneigt ist und aufgelegt, so
entstehen aus den wirklichen Menschen idealische in der Phantasie, denen
die wirklichen nur in den ueren Umrissen zum Grunde liegen. Alle
moralischen Fragen, alle tieferen Betrachtungen ber Leben und Zweck des
Lebens, ber Glck und Vollkommenheit, ber Dasein und Zukunft gewinnen
ein reicheres Interesse, erlauben mannigfaltigere Anwendungen, wenn man
sie gleichsam an so vielen Menschengestalten einzeln prfen kann. Denn
in jedem, auch selbst unbedeutenden Menschen liegt im Grunde ein
tieferer und edlerer, wenn der wirklich erscheinende nicht viel taugt,
oder noch edlerer, wenn er in sich gut ist, verborgen. Man darf sich
nur gewhnen, die Menschen so zu studieren, und man kommt unvermerkt aus
einem anscheinend alltglichen Leben in eine ungleich hhere und tiefere
Ansicht der Menschheit berhaupt. Es ist ja eigentlich das, worin das
Geprge jedes greren Dichters liegt, diese Ansicht berall, und da er
nur frei schaffen kann, ganz rein zu geben, oder vielmehr sie mitten aus
aneinander gereihten, oft zufllig scheinenden Begebenheiten
hervortreten zu lassen. Die Geschichte hat etwas hnliches. Das
menschliche Wesen tritt auch schon reiner und grer in ihr hervor, als
in den tausendfltigen kleinen Umgebungen der Gegenwart. Einen
interessanten Charakter mehr im Bilde zu besitzen, ist ein eigentlicher
Lebensgewinn, und mit dem Einzelnen verbinden sich nun bisweilen die von
Stnden, Zeiten, Gegenden. So habe ich immer eine entschiedene Neigung
zu den Landpredigern gehabt, und eine Art romantische fr ihre Tchter.
Das war schon in mir, ehe ich Sie gesehen hatte, und nachher hat es eben
durch Sie unendlich in mir zugenommen, obgleich Sie die Einzige
geblieben sind, die diesen Eindruck auf mich gemacht hat. Einen groen
Teil alles Guten im deutschen Charakter habe ich aus den
Landprediger-Tchtern abgeleitet: die tiefe, nicht tndelnde Empfindung;
die Einfachheit bei hoher Bildung; die Entfernung alles vornehmen
unangenehmen Tons, bei allen Eigenschaften, die man in vornehmen
Zirkeln gern hat. Ich habe davon oft gesprochen und dann bei mir lachen
mssen, da ich das alles im Grunde von Ihnen herleitete, da ich nie
eine andere Prediger-Tochter auch nur irgend nher gekannt hatte. Aber
ich hatte, wie ich Ihnen sage, ein Vorgefhl davon, denn schon zu Ihnen
hat mich diese Neigung, wie wir uns sahen, schnell hingezogen. Nun waren
Sie mir, ein halbgesehenes Bild, entschwunden, und gehrten also ganz
der Phantasie an. Daher hat nun auch alles, was Sie mir von Ihrer
Kindheit, Ihrer Jugend, Ihrem elterlichen Hause sagen, ein besonderes
Interesse fr mich. Ich prfe daran, ob ich richtig oder falsch ahnte,
und befinde mich in der Welt, in die mich meine jugendliche Phantasie
versetzt hatte. Es ist mir jetzt doppelt leid, da ich Ihren Vater und
Sie nicht in demselben Herbste, wo ich Sie zuerst sah, besuchte. Ich war
in Dsseldorf bei Jacobi und wollte von dort zu Ihnen, aber Jacobi hielt
mich lnger auf, und nun eilte ich nach Gttingen zurck. Man hat in der
Jugend oft eine einfltige Pflichtmigkeit. Um ein paar
Kollegienstunden nicht zu versumen, versumte ich etwas, was sich nie
nachholen lt, mir ein lebendiges Bild von Ihnen in jener Zeit, Ihrem
Elternhause, Ihrem ganzen Leben zu verschaffen.

Ich sagte im Anfange, da Sie nicht ausfhrlich genug gewesen wren,
darber werden Sie lachen, da Sie schon alles menschenmgliche Ma
berschritten zu haben glauben. Aber es ist doch so. Ich meine nmlich,
da Ihre Schilderungen noch umstndlicher sein, noch mehr Zge dessen,
wie es um Sie her war, enthalten sollten. Die Frage, die ich hersetzen
will, mssen Sie mir noch in einem Ihrer nchsten Briefe auf einem
besondern Blatte pnktlich und genau beantworten: Wie Ihre Mutter
aussah? Das lt sich doch beschreiben. Sie haben es aber garnicht
getan. Von allen Personen, die oft und viel in Ihrer Erzhlung
vorkommen, mssen Sie das immer tun. Was Sie sich also von den
Gesichtszgen und dem Krperbau Ihrer Mutter erinnern, schreiben Sie ja
ganz genau. Dann haben Sie mir zwar das Innere Ihres elterlichen Hauses
beschrieben, aber nicht bestimmt genug. Ob die Lage des Hauses, des
Orts, die Umgebungen gegen Grten, gegen Nachbarhuser, ob die Gegend
anmutig war, ob Sie aus den Fenstern ins Grne, ob weit ins Ferne sahen,
von dem allen steht kein Wort in Ihrer Erzhlung, und das sind so ganz
wesentliche Umstnde, das holen Sie ja nach und machen Sie die
Schilderung so, da ich mir ein bestimmtes Bild davon entwerfen kann.
Diesen Wunsch mssen Sie mir befriedigen, sonst schwankt alles in der
Phantasie, und selbst die Gedanken und Empfindungen verlieren dadurch in
ihrem Gehalte.

Sie werden mich recht lstig mit meinen Bitten finden, aber Sie haben
sich einmal darauf eingelassen, sie zu erfllen.

Ich bin allein hier und nicht auf lange Zeit. Richten Sie aber doch
Ihren nchsten Brief hierher; vermutlich findet er mich noch hier, und
ist das nicht, so geht er von hier von selbst nach Berlin, wohin ich
zurckkehre. Sie erinnern sich wohl -- Burgrner bei Hettstdt. Leben
Sie herzlich wohl, liebste Charlotte, mit immer unvernderlichen
Gesinnungen Ihr               H.



_Tegel_, den 10. Juli 1822.

Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, da ich Sie bitte, Ihre Briefe,
wenn die meinigen diese berschrift tragen, immer nach Berlin zu
adressieren, sie kommen mir sicherer zu. -- Hier brachte ich meine
Kindheit und einen groen Teil meiner Jugend zu. Ich liebe Tegel sehr.
Die Gegend ist wenigstens die hbscheste um Berlin; auf der einen Seite
ein groer Wald, auf der anderen von Hgeln, die schn bepflanzt sind,
eine Aussicht auf einen ausgedehnten, von mehreren Inseln
durchschnittenen See. Um das Haus und fast berall sind hohe Bume, die
ich in meiner Kindheit erst in miger Strke sah, und die nun mit mir
emporgewachsen sind. Ich baue jetzt ein neues Haus hier, das schon halb
fertig ist, und bringe auch hierher die Gemlde und Marmorsachen, die
wir haben, so wird es ein anmutiger Wohnplatz, von dem ich selten in die
Stadt kommen werde.

Hier bekam ich auch Ihre beiden lieben Briefe, den vom 25. v. M. und den
vom 3. d. M., fr die ich Ihnen herzlich danke. Ich beantwortete den
ersten, in dem Sie mich so sehr bitten, Ihnen augenblicklich zu
schreiben, nicht gleich, weil ich wute, da einer von mir in der Zeit
in Ihren Hnden sein mte.

Da ich ihren Hang zur Einsamkeit tadeln oder einschrnken mchte,
drfen Sie nie frchten. Ihr alter vterlicher Freund Ewald ist aber
doch wohl hier viel gtig-sorglicher gewesen und hat an Ihr Glck
gedacht und geglaubt, Sie htten mehr Vergngen in einer geselligeren
Art zu leben. Ich meine nun das garnicht, allein, wenn ich es auch
meinte, so wrde ich doch mehr zur Einsamkeit raten. Es ist nun einmal
(das lobe ich aber nicht) meine Art so, bei mir (das mchte hingehen),
aber auch bei anderen, viel weniger auf ihr Glck, ihren Genu, als auf
das, was sie in sich sind, auf den vorzglicheren Grad und die
eigentmliche Art ihrer Gemtsstimmung zu sehen. Diese nun ist aber
schon schner, wenn man die Einsamkeit liebt, und wird schner, wenn man
dieser Liebe nachhngt; sie wrde es aber allmhlich auch, wenn man von
Natur die Einsamkeit nicht liebte, und sich nur Gewalt antte, in ihr zu
beharren. Das ist so in vielem meine Theorie.

Da Sie mir gelegentlich erzhlen, da an Ihrem Haus und Garten ein Bach
mit einem Steg ist, hat mir Vergngen gemacht. Solche kleinen Zge
bezeichnen die ganze Lage und versetzen einen in die Gegenwart. Denken
Sie nun auch hbsch an mich, teure Charlotte, hinter Ihrem Bach.

Der Aufsatz, den Sie mir vorerst als Beantwortung meiner Frage senden,
der ursprnglich nicht fr mich bestimmt war, in dem aber eine Stelle
ber mich vorkommt, fr die ich Ihnen sehr dankbar bin, hat mich sehr
interessiert. Ich liebe die Ansichten, die jemand, der bei vielen andern
genauen bereinstimmungen doch sehr verschieden sein mu, ber
Gegenstnde wie ber Schriften hat, mit denen man durch das Leben
gegangen ist. Es mu in solchen Beurteilungen vieles einseitig, selbst
unrichtig sein, aber es ist die wahre, die natrliche und die eigene
Ansicht, diese zieht immer an, weil man von ihr aus wieder Blicke in das
Individuum tut, sie ist auch in hohem Grade belehrend, weil man sie sich
gar nicht so von selbst vorstellen kann, und den Wert, den Eindruck, die
Wirksamkeit der Dinge meist nur nach allgemeinen Mastben mit und nur
gewohnt ist, sich alles im Zusammenhange mit Denkart, Charakter,
Erziehung und ueren Umstnden zu denken. Man wird die individuelle
Ansicht immer ehren, auch wenn man nicht darin bereinstimmen knnte.
Das, was Sie ber mich sagen, ist sehr liebevoll und gtig, aber ich
kann auch gewi hinzusetzen, da das gewi wahr ist, da ich unfhig
wre, je einen Menschen, der mir irgend nahe stand, zu vergessen oder
aufzugeben, ich verfolge vielmehr jede Spur, die aus der Vergangenheit
brig ist. Jede solche Verbindung, ja jedes solches bloes Begegnen,
hngt ja mit so vielen in einem zusammen, und das Leben ist schon ein
solches Stck- und Flickwerk, da man nicht genug trachten kann, die
zusammenhngenden Teile fester aneinander zu knpfen. Freilich kommt es
auch darauf an, da die, an die man sich auf solche Weise erinnert, noch
etwas behalten haben, was dem Bilde entspricht, das in der Seele lebt.
Aber selbst, wenn das nicht ist, wie ich auch deren Beispiele in meinem
Leben habe, so ergtze ich mich doch, wenn mir solche Personen wieder
vorkommen, sie und ihr Treiben zu betrachten, ohne ihnen weiter ein
fortdauerndes Interesse zu beweisen. Bei Ihnen ist das nun aber sehr
anders; Sie haben so lange Jahre mein Andenken treu bewahrt, ohne
irgendein Zeichen des Andenkens von mir zu empfangen; Sie leben gern und
viel in Gedanken mit mir; Sie machen keine Ansprche noch Forderungen an
mich, als die ich gern und mit Freuden erflle.

Sie bitten mich abermals, meine Briefe bewahren zu drfen. Liebe
Charlotte, ich bin ein groer Feind von alten Briefen, und wenn auch gar
nichts darinnen steht, was irgend jemandem im mindesten nachteilig sein
knnte, habe ich das Aufheben nicht gern. Ein Brief ist ein Gesprch
unter Anwesenden und Entfernten. Es ist seine Bestimmung, da er nicht
bleiben, sondern vergehen soll, wie die Stimme verhallt. Bleiben soll
der Eindruck, den er in der Seele hervorbringt, und den dann der zweite
und die folgenden verstrken oder verndern.

Aber Sie legen einen so hohen Wert darauf, Sie bitten mich so instndig
und dringend darum, da ich es Ihnen gewi nicht abschlagen will.
Behalten Sie also immerhin die Bltter. Es ist ja dazu sehr lieb und gut
von Ihnen, da Sie sagen, Sie holen sich immer daraus, was Sie bedrfen.
Ich schreibe nie eine Zeile, die ich nicht mit Fug und Recht verteidigen
knnte, so ist es mir auch nicht gegeben, ber das Schicksal meiner
Briefe unruhig zu sein. Auch war es das nicht, was mich bewog, Sie um
Verbrennung der meinigen zu bitten, sondern, wie ich oben sagte, weil
ich das Aufheben der Briefe berhaupt nicht liebe. Selbst das Lesen
alter Briefe will mir nicht recht einkommen. Ich dchte, man
beschftigte sich lieber mit dem Gegenstande in Gedanken, an dem das
Herz hngt, da der Brief doch sein Leben verloren hat, wenn er nicht
eben von geliebter Hand kommt. Bei Ihnen ist das anders. So behalten Sie
immerhin die Briefe. Es macht mir Freude, Ihnen einen Wunsch zu
gewhren, da Sie so selten einen Wunsch aussprechen. Nun leben Sie
herzlich wohl, liebste Charlotte, und bleiben Sie um mich mit Ihren
Gedanken, die meinigen teilen oft Ihre Einsamkeit. Ihr           H.

       *       *       *       *       *

Sie wundern sich, da eine Liebe zur Beschftigung mit Empfindungen,
eine Milde und Zartheit in denselben, ein Eingehen in fremde
Gemtsstimmungen, mir unter vielen und abziehenden Geschften geblieben
ist. Das kommt doch nur daher, da jenes eigentlich die natrliche
Beschaffenheit meines Gemts ist, und da es mir immer eigen gewesen
ist, gegen das innere und eigentliche Sein, die Geschfte nur wie eine
Art Nebensache zu behandeln, immer ihrer mchtig zu bleiben, statt mich
von ihnen beherrschen zu lassen. Man macht sich darum und auf diese
Weise nur desto besser. Und das, was den Menschen als Mensch berhrt,
die Gefhle, die ihn erfllen, die sich in ihm drngen und stoen, haben
immer einen hauptschlichen Reiz fr mich gehabt. Ich habe zuerst damit
angefangen, mich selbst zu kennen und mich selbst zu beherrschen, und
kein Mensch kann sich klarer durchschauen, keiner sich mehr in seiner
Gewalt haben als ich. Ich habe dabei immer nach zwei Dingen gestrebt:
mich empfnglich zu halten fr jede Freude des Lebens, und dennoch
durchaus in allem, was ich mir selbst nicht geben kann, unabhngig zu
bleiben, niemandes zu bedrfen, auch nicht der Begnstigungen des
Schicksals, sondern auf mir allein zu stehen, und mein Glck in mir und
durch mich zu bauen. Beides habe ich in hohem Grade erreicht, ber keine
Freude und keinen Genu des Lebens bin ich hinweg, wie es die Leute
nennen. Die einfachste Sache, wenn sie nur etwas Anmutiges oder Hheres
an sich trgt, oder wenn sie mir durch irgend etwas besonders zusagt,
gewhrt mir reine Freude. Daher niemand so dankbar ist als ich, weil
wirklich auch wenig Menschen so viel Grund zur Dankbarkeit haben. Teils
begegnet ihnen vielleicht weniger Erfreuliches, teils aber finden sie
auch in dem, was ihnen begegnet, das Erfreuliche nicht so heraus, und
genieen es nicht, wie sie knnten. Aber kein Mensch ist auch so wenig
bedrftig als ich, und darauf beruht ein groer Teil meines Glcks, denn
jedes Bedrfnis ist, wie es befriedigt wird, nur eigentlich Stillung
eines Schmerzes, und alles, was darauf verwendet wird, geht dem reinen,
ruhigen, stillen Genu ab.

Der Fhigkeit, sich einem fremden Willen, blo weil es ein solcher Wille
ist, auch geradezu gegen die Neigung zu unterwerfen, als _Mu_ sich zu
unterwerfen, dieser Fhigkeit bedarf jeder, auch der Mann, und ich wrde
mich sehr tadeln, wenn ich nicht wte, da ich sie htte. Sie macht
berdies das Gemt milder, weicher und, so sonderbar es scheint,
zugleich strker, selbstndiger und der Freiheit wrdiger.

Ohne Kampf und Entbehrung ist kein Menschenleben, auch das glcklichste
nicht, denn gerade das wahre Glck baut sich jeder nur dadurch, da er
sich durch seine Gefhle unabhngig vom Schicksale macht.



_Burgrner_, im Juli 1822.

Ich habe zwei recht liebe Briefe von Ihnen bald nacheinander empfangen,
liebe Charlotte, die mir herzliche, wahre Freude gemacht haben, und
wofr ich Ihnen ebenso herzlich danke. Die Gte und Liebe, die Sie mir
so treu, wahr und natrlich bezeigen, tut meinem Herzen unendlich wohl,
und wenn ich auch fhle, da, wenn Sie von mir reden, das nur nach der
Art ist, wie Sie mich ansehen, nicht gerade wie ich wirklich bin, so
freut es mich, selbst da ich viel abbrechen mu, da ja dies liebevolle
Zusetzen eine Folge und ein Beweis Ihrer Empfindung ist. Die
Erinnerungen an Pyrmont haben mich sehr gefreut, auch mir steht noch
vieles, sehr vieles in der Erinnerung von jener Zeit her. Mancher
Gesprche unter uns erinnere ich mich auch noch. Es war in jener Zeit
und selbst in der Gegend eine Scheide im Urteil ber viele Dinge, auch
ber Dichtungen und Charakterformen, die in jeder Zeit sehr in
Verbindung miteinander stehen. Die einen lebten mehr in Klopstock, den
Stolbergen, und den Dichtern und Theaterstcken, die ruhiger und weniger
excentrisch hinliefen; die andern mehr in Goethe, Schiller, von dem man
damals eigentlich nur die ersten Stcke hatte (Die Ruber, Fiesko), und
allem Regellosen, Excentrischen. Ich stand noch sehr unentschieden. Sie
schienen mir mehr auf die erste Weise gebildet. Ich erinnere mich, da
Sie die Schillerschen Stcke nicht liebten. Alles das ist mir sehr im
Gedchtnis geblieben, und ist mir noch heute, selbst auer der
Persnlichkeit, merkwrdig, weil sich seit jener Zeit, auch in den
inneren Ansichten, viel mehr verndert hat, als die doch nicht so
unendlich lange Reihe der Jahre voraussehen liee. Darum ist es mir auch
sehr angenehm, wenn Sie, liebe Charlotte, gerade in Ihrer Jugend recht
lange verweilen, in der Fortsetzung Ihrer Lebenserzhlung. Ich werde
Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie sich dieser Arbeit recht sorgfltig
unterziehen. Auch wnschte ich genauer zu erfahren, durch welche Bcher
Sie schon frh eine so ungewhnlich ernste Bildung und Stimmung bekommen
haben, und wie und wodurch diese in spteren Jahren sich so sehr
befestigt hat. Ich wiederhole auch hier, Sie knnen in dem allen nicht
weitlufig genug sein. ber das: jemand nach seinem Charakter behandeln,
kann ich nicht ganz Ihrer Meinung sein. Ich tue es immer, einesteils
weil es leicht zum Zwecke fhrt, dann, weil ich nicht berufen bin, auf
den Charakter der Menschen gegen ihren Willen einzuwirken, endlich, weil
die Menschen dabei glcklich und heiter bleiben und man gern Glck und
Heiterkeit um sich verbreitet. Allein, was mich selbst betrifft, so
wnsche ich immer und tue alles dazu, da mich die Menschen nicht nach
meinem Charakter nehmen mgen. Denn was heit das anders, als den
Charakter, wie er nun einmal ist, fr abgeschlossen und unvernderlich
annehmen, und ihn in allem, was er in sich enthlt, zu bestrken? Nun
aber ist keines Menschen Charakter fehlerfrei, es heit also auch, den
Menschen in seinen Fehlern bestrken. Ich wei wohl, da es mich
manchmal tief schmerzt, wenn ich gegen meinen Charakter behandelt werde,
allein ein solcher innerer Schmerz ist allemal heilsam, und das wahre
Glck beruht gar nicht auf Schmerzlosigkeit. In dem Grade nun, da die
Menschen meines vertrauten Umgangs mir zu erkennen geben, da Sie auch
gern mit Kraft und Selbstverleugnung an sich arbeiten, da sie heilsame
Schmerzen nicht scheuen, behandle ich auch sie weniger mit Rcksicht auf
ihren Charakter, und so knnte ich wohl bisweilen gegen die, welche mir
innerlich am nchsten stehen, gerade am wenigsten schonend erscheinen.
-- Es tut mir sehr leid, aus einzelnen uerungen zu erkennen, da Sie
leidend waren, vielleicht noch sind. Schonen Sie sich, liebe, gute
Charlotte, schonen Sie sich auch fr mich, denken Sie, da es mich
unendlich bekmmert, Sie leidend zu wissen. Ihre Ruhe, Ihre Heiterkeit,
vor allem Ihre Gesundheit ist es, worauf es mir ankam. Frauen sind darin
glcklicher und unglcklicher als Mnner, da ihre meisten Arbeiten von
der Art sind, da sie whrend derselben meist an ganz etwas anderes
denken knnen. Ich wrde es ein Glck nennen. Denn man kann ein ganz
inneres Leben fast den ganzen Tag fortfhren, ohne in seinen Arbeiten
oder in seinem Berufe dabei zu verlieren oder gestrt zu werden. Es ist
das auch wohl ein Hauptgrund, warum wenigstens viele Frauen die Mnner
in allem bertreffen, was zur tieferen und feineren Kenntnis seiner
selbst und anderer fhrt. Allein, wenn jene inneren Gedanken nicht
beglckend, oder wenn sie wenigstens das nicht rein und unvermischt
sind, sondern niederschlagend und beunruhigend dabei, so ist allerdings
die Gefahr grer, welche die innere Ruhe bedroht; da Mnner in ihren
Geschften selbst, auch wider ihren Willen, Zerstreuung und Abziehung
von einem das Innere einnehmenden Gedanken finden.

Frchten Sie nie, da mir Ihre entschiedene Vorliebe fr die einsame
Stille, die Sie sich selbst geschaffen haben, mifallen knne. Gerade
das Gegenteil. Die Zeichnung Ihres kleinen Landhauses und Gartens, die
Ihrem letzten Brief beigelegt war, hat mir Vergngen gemacht; es ist
angenehm, sich mit jemand, den man liebt, alle Umgebungen denken zu
knnen. Die Einseitigkeit, welche, wie Sie sagen, Ewald fr Sie
gefrchtet und darum die groe Zurckgezogenheit, worin Sie leben, nicht
ganz gebilligt habe, ist allerdings etwas, das nicht taugt. Einmal aber
ist sie bei Ihnen nicht zu besorgen, andernteils auch kann man doch fr
sehr vieles verstummen, ohne zu verarmen im Innern, oder dem Wahren,
Guten und Schnen abzusterben.

Die Abgeschiedenheit spannt alle Vermgen eines weiblichen, in sich
zarten und tiefen Gemts hher, lutert die Seele und zieht sie ab von
den kleinlichen, zerstreuenden Rcksichten, worein Frauen leichter
verfallen als Mnner. Auch gibt eine Frau, die die Einsamkeit liebt und
in ihr lebt, gleich den Begriff, da sie keine Freude sucht, als die sie
aus der Tiefe ihres eigenen Innern schpft, und das ist das
Haupterfordernis, um einem selbst tiefer und besser fhlenden Mann zu
gefallen und ein bleibendes, unwandelbares Interesse einzuflen.

Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit
liegt, und gerade fr eine Frau liegt. Wenn sie verheiratet ist und
Kinder hat, ist ihr Familienkreis ihre Einsamkeit, im entgegen gesetzten
Fall aber ist es eine absolute, in der man wirklich allein lebt und
wenig Menschen sieht.

Das Glck vergeht und lt in der Seele kaum eine flache Spur zurck und
ist oft gar kein Glck zu nennen, da man dauernd dadurch nicht gewinnt.
Das Unglck vergeht auch (und das ist ein groer Trost), lt aber tiefe
Spuren zurck, und wenn man es wohl zu benutzen wei, heilsame, und ist
oft ein sehr hohes Glck, da es lutert und strkt. Dann ist es eine
eigene Sache im Leben, da, wenn man garnicht an Glck oder Unglck
denkt, sondern nur an strenge, sich nicht schonende Pflichterfllung,
das Glck sich von selbst, auch bei entbehrender, mhevoller Lebensweise
einstellt. Dies habe ich oft bei Frauen in sehr unglcklichen ehelichen
Verhltnissen erlebt, die aber lieber untergingen, als ihre Stelle
verlassen wollten. Leben Sie herzlich wohl. Ihr     H.



_Berlin_, den 2. Dezember 1822.

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, empfangen, und danke Ihnen von
ganzem Herzen dafr. Es gehrt immer zu meinen angenehmsten
Empfindungen, etwas von Ihnen zu erhalten, und jemehr ich darin Ihre
treue und liebevolle Anhnglichkeit erkenne, desto tiefer ist der
Eindruck, den Ihre Zeilen auf mich machen. Die Erinnerung der
Vergangenheit gesellt sich alsdann zu dem Genu der Gegenwart, und ich
rechne es immer zu den gnstigsten Schicksalen meines Lebens, da Sie
mein Andenken haben bewahren wollen, und da, wie mich Ihnen
Beschftigungen, Schicksale genhert haben, Sie fortdauernd Wert auf
meine Teilnahme legen, in meine Ideen eingehen, und es sich selbst fr
ein Glck, ja wohl gar mir zum Verdienst anrechnen, da mir Empfindungen
blieben, die nur mit meinem eigenen Leben aufhren knnen. Es knnte
mich dieser Beifall eigentlich stolz machen, allein dazu habe ich keine
Anlage. Ich kenne mehr, wie irgendeiner, meine Fehler und Schwchen und
wei, da es kein Verdienst genannt werden kann, da, wenn man einmal
vom Schicksal gewrdigt worden ist, das natrlich Treffliche und
Gediegene zu sehen, wenn es sich, auch durch eine Gabe des Glcks, einem
wirklich erschlossen hat, man es nun auch im Tiefsten der Seele festhlt
und sich nicht wieder entreien lt. Fr ein solches Glck halte ich
es, da ich Sie einmal sah und Sie mir blieben, und fortfuhren, mir mit
Treue anzuhngen, sich noch jetzt gern und willig mir unterordnen und
mir erlauben, Ihnen so vertraulich zu schreiben. Ich habe die Stimmung
von der Natur empfangen, die ich fr eine ihrer wohlttigsten Gaben
halte, da ich das Unglck nie frchte, ja, wo es mich betraf, und das
ist doch einigemal auf sehr harte Weise geschehen, es nur als einen
ernsten, aber nicht belwollenden Begleiter betrachte; dagegen das Glck
unendlich schtze, erkenne und geniee. Ich meine aber so das recht
reine Glck, das, von allem Verdienst entblt, uns die Gtter schicken,
ohne da der Mensch dazu das mindeste tut. Ein solches Glck war es, da
Sie mir je begegneten, da mir ein irdisches Bild vor Augen trat, das
mir immer blieb und immer bleiben wird, mit dem nichts meinen Frieden
stren kann und stren wird. Denn selbst, wenn es mglich wre, da Sie
etwas anwandelte, das ich mibilligen mte, so bliebe jenes Bild ewig
rein und unentweiht in mir. Es wre dann etwas, das Ihnen so begegnete,
wie es jedem Menschen wohl begegnen kann, es wre aber nicht in die Zge
verwebt, die den Umri jenes Bildes ausmachen. Denn jeder Mensch trgt
eigentlich, wie gut er sei, einen noch besseren Menschen in sich, der
sein viel eigentlicheres Selbst ausmacht, dem er aber wohl einmal untreu
wird, und an diesem inneren und nicht so vernderlichen Sein, nicht an
dem vernderlichen und alltglichen mu man hngen, auf jenes dieses
zurckfhren, und manches verzeihen, woran jenes tiefere Sein unschuldig
ist. So hatte ich ja auch nie geahnt, welchen Schatz von Liebe und Treue
Sie mir ein langes Leben bewahrten. Wie sollte es mich nicht beglcken!
Diese Empfindungen, die Sie fr mich hegen, die Gefhle, die aus jedem
Ihrer Briefe sprechen, sind ja der Grund, auf dem alles, was wir
miteinander wechseln, rein und schn hinfliet, von dem es die Farbe
annimmt und in dessen Licht es erscheint. Darin liegt auch der groe
Reiz, den Ihre Lebensbeschreibung fr mich hat. Jemehr ich die
Umgebungen kennen lerne, in denen Sie, meine gute Charlotte, aufwuchsen,
jemehr ich Sie mir darin denke, desto mannigfaltiger bewegt schweben mir
die Zge vor, an die meine Einbildungskraft immer gern und lieblich
geheftet ist. Solchen Genu der Phantasie rechne ich zu den hchsten,
die den Menschen gegeben sind, und in vieler Rcksicht ziehe ich ihn der
Wirklichkeit vor. In diese kann immer leicht etwas strend eintreten,
aber jene nhert sich den Ideen, und das Grte und Schnste, das
Menschen zu erkennen imstande sind, bleiben doch die reinen, nur mit dem
inneren Blick erkennbaren Ideen. In ihnen zu leben ist eigentlich der
wahre Genu, das Glck, was man ohne Beimischung irgendeiner Trbheit in
sich aufnimmt. Nur haben wenig Menschen eigentlich Sinn dafr. Denn es
gehrt dazu eine Neigung der Beschauung, die in Menschen unmglich ist,
bei denen Sinnlichkeit und innere moralische Empfindung in Verlangen zur
Wirklichkeit und zum Genu bergehen. Ich bin von diesem Verlangen mein
ganzes Leben hindurch sehr frei gewesen und habe daher mehr durch den
Anblick vom Inneren und ueren genossen, und in beiden Rcksichten mehr
die Wahrheit der Dinge erkannt, ohne mich Tuschungen hinzugeben.

Sie haben mich, liebe Charlotte, schon vor lngerer Zeit gebeten, Ihnen
Nachricht von den Meinigen zugeben; Sie haben den Wunsch leise erneuert
und sprechen ihn jetzt wieder auf eine so zart empfundene Art aus, da
ich mir fast einen Vorwurf darber mache. Sie sagen: die nahen
Angehrigen geliebter Mnner seien fr Frauen unendlich teure,
geheiligte Gegenstnde; die Kinder, Teile seines Wesens, die
Lebensgefhrtin, als die Mutter dieser, wrden in dem Grade, wie sie den
Geliebten beglcken, von der innigsten Zrtlichkeit umfat. Indem ich es
zu wrdigen wei, aus wie edler Quelle dergleichen uerungen kommen,
danke ich Ihnen recht herzlich dafr. Ich habe es nur von Brief zu Brief
verschoben, weil ich gewhnlich das letzte Wort eines Blattes und die
letzte Viertelstunde der Zeit erreichte, ehe ich dazu kam. Ich fange bei
meiner Frau an, da ich mich nicht erinnere, ob Sie wissen, wer sie
eigentlich ist. Wenn ich Ihnen also etwas sage, was Ihnen bekannt ist,
so seien Sie mir darum nicht bse. Sie war ein Frulein von Dacherden,
in ihrer Jugend sehr schn, und, ob sie gleich acht Kinder gehabt hat,
noch viel mehr erhalten, als es Frauen, die nicht in dem Falle sind,
gelungen ist. Sie ist seit einiger Zeit krnklich, aber auf keine Weise,
die Besorgnis erregte, oder ihre natrliche Heiterkeit strte. Burgrner
gehrt ihr und ist eins ihrer Gter, dahingegen Tegel und die
schlesischen mir gehren. Unsere Ehe wurde blo durch gegenseitige
Neigung, ohne alles Zutun von Eltern und Verwandten, geschlossen, sie
hat in den einunddreiig Jahren, die sie nun whrt, nie einen nur
weniger zufriedenen Moment gehabt, unser Glck ist gegenseitig heute,
wie im Anfang, und hat nur die Farbe der verlaufenden Zeit nach und nach
angenommen. Da wir beide von Natur heiter sind, so ist unser Verhltnis
selbst jugendlicher geblieben, als es sonst der Fall sein wrde. Meine
Geschfte haben uns manchmal lange voneinander getrennt, aber seitdem
ich freie Mue geniee, sind wir fast ununterbrochen zusammen, und dies
fortsetzen zu knnen, wird mich vorzglich bewegen, wenn es nicht
durchaus sein mu, nicht wieder in Dienst zu treten. Gleich nach meiner
Verheiratung lebte ich auch auer Dienstverhltnissen ber zehn Jahre
lang, und reiste damals mit meiner Frau nach Frankreich und Spanien.
Jetzt in der Stadt berhre ich fast die Strae mit keinem Fu, und fahre
auch selten aus. Auf dem Lande gehen wir immer zusammen spazieren, oder
sind beide zu Hause. Von unsern acht Kindern haben wir leider drei, eins
in Paris, zwei in Rom, verloren, als ich dort Gesandter war. Jetzt haben
wir noch drei Tchter und zwei Shne. Die lteste Tochter wird sich
schwerlich verheiraten, sie bleibt gern mit uns, und wir wrden sie, da
sie so lange mit uns gewesen ist, noch ungerner missen. Meine beiden
andern Tchter sind verheiratet; die zweite heiratete, ehe sie noch
fnfzehn Jahre alt war, und ihr Mann in den Krieg ging. Sie hat den
Obrist-Lieutenant von Hedemann zum Manne und lebt beraus glcklich. Die
jngste ist an den Geheimrat von Blow verheiratet, der
Legations-Sekretr bei mir in London war, und jetzt hier bei dem
auswrtigen Departement steht. Sie hat eine Tochter, die bald ein Jahr
alt sein wird, und lebt gleichfalls sehr heiter und in ihrer
Huslichkeit zufrieden. Mein jngster Sohn ist noch im Hause und wird
bei mir erzogen. Mein ltester ist Kavallerieoffizier in Breslau und hat
eine schne und liebenswrdige Frau. Sie hat leider noch keine Kinder.
So wissen Sie wenigstens im ganzen so viel, da Sie sich meine Familie
und mein Leben in derselben vorstellen knnen. Auer meiner Familie sehe
ich wenig Leute. In Privathuser gehe ich selten, nur zu einigen alten
Bekannten.

Ich mu nun schlieen, das Papier ist zu Ende. Leben Sie herzlich wohl,
liebe Charlotte. Mit der unwandelbarsten und wrmsten Anhnglichkeit der
Ihrige.                        H.



_Berlin_, den 27. Dezember 1822.

Ich setze mich mit inniger Freude an den Tisch, Ihre beiden Briefe zu
beantworten, die mir, wie alles, was mir von ihnen kommt, sehr teuer
gewesen sind. Es tut mir sehr leid, da mein lngeres Schweigen Sie
einen Augenblick beunruhigt hat, ob ich gleich diesem Umstande einen
Brief mehr von Ihnen verdanke. Sie mssen aber nie unruhig sein, wenn
ich einmal lnger nicht schreibe, als Sie gerade gedacht haben, da ich
es tun wrde. Ich bin so selten krank, da dies garnicht in Berechnung
kommen kann, und eine nderung in meinen Gesinnungen, wie leise sie auch
sein mchte, ist in der Tat unmglich. Es widerspricht meinem Charakter
berhaupt, und widerspricht noch viel mehr meinen einmal fr Sie
gefaten Empfindungen, und kann mit einem Worte nicht eintreten. Da ich
aber einmal weniger oft schreibe, hat ganz zufllige Ursachen, die ich
aber auch nicht gut ndern kann. Ob ich gleich jetzt gar keine
eigentlichen Geschfte habe, so bin ich beschftigter als die meisten,
die selbst viel mit solchen beladen sind, und ich lebe keineswegs so,
wie manche andre, da ich nur auf irgend eine Weise dem Vergngen oder
meinen Einfllen nachhnge. Meine Stunden vom Morgen bis zum Abend, und
vor 1 Uhr gehe ich nie zu Bette, sind regelmig besetzt; mit meiner
Familie bringe ich nur etwa zwei Stunden am Abend, auer dem
Mittagessen, zu. In Gesellschaft gehe ich so gut als garnicht, und in
meiner Stube, in der ich also die meiste Zeit meines Lebens zubringe,
bin ich mit Papieren und Bchern umringt. Ich fhre, seit ich den Dienst
verlassen habe, ein eigentliches Gelehrten-Leben, habe weitlufige,
wissenschaftliche Untersuchungen unternommen, und so kommt es denn
freilich, da der Briefwechsel manchmal stockt, der mit Ihnen aber doch
am wenigsten. Denn ich wundere mich selbst manchmal, wie ich Ihnen so
oft und so lange Briefe schreibe, und dann finde ich es doch wieder so
natrlich, weil ich mich so gern in meinen Gedanken vor Ihnen gehen
lasse, und meine Briefe wieder Veranlassung der Ihrigen sind, die ich so
innig gern lese, wie lang sie sein mchten. Denn zum Lesen habe ich
immer Zeit, da dazu der Entschlu nicht wie zum Schreiben zu nehmen ist,
sondern mit dem erscheinenden Briefe natrlich da ist, so schiebt sich
alles andre so lange zur Seite. Auch das Denken gehrt jeder Stunde an,
nur zum Schreiben kommt man nicht immer, und ich knnte mir darin einen
Zwang antun. Ich klagte mich zum voraus bei Ihnen an, liebe Charlotte,
da ich eigentlich nicht ordentlich und regelmig im Schreiben bin, und
Sie sehen jetzt, da ich nicht unwahr redete.

Da Sie erfreut und zufrieden sind mit den kurzen Nachrichten, die ich
Ihnen ber meine Familie gab, ist mir lieb, ob sie hinzusetzen, wenn
ich sie auch ausfhrlicher gewnscht htte, bin ich doch erfreut und
etwas bekannt mit den Ihrigen und bescheide mich. -- Das ist ganz in
Ihrer Art, und wenn ich Sie darum lobe, so mu ich darber schmlen, da
Sie besorgen, ob Sie sich nicht zu sehr haben gehen lassen in dem
Ausdruck Ihrer Empfindungen? Sie haben in Ihrer Selbstbiographie nur fr
mich geschrieben. Sie haben mir die ersten Empfindungen Ihrer
jugendlichen Brust aufrichtig, edel und offen gestanden, Sie haben mir
diese Gefhle durch ein ganzes Leben gesondert, bewahrt, und mein
Andenken heilig erhalten, ohne irgendein Zeichen des meinigen empfangen
zu haben. Ihr ganzer Besitz waren ein paar Zeilen auf einem Zettel
Papier. Das wrde jeden Mann gerhrt haben. Wer aber so etwas zu
wrdigen versteht, wie ich das von mir sagen darf, der wird es wie ein
seltenes Glck dankbar empfangen und wie eine Zugabe des Himmels
ansehen. Nicht der leiseste, nur scheinbar gerechte Vorwurf knnte Sie
treffen, und die klteste, ruhigste Beurteilung knnte hier nichts zu
tadeln finden. Sie sehen, ich will mir nicht wieder entreien lassen,
was Sie mir einst freiwillig gegeben haben. Ich will es behalten, und
keine kleinlichen Skrupel von Ihrer Seite sollen mir meinen lieben
Besitz rauben. Irre ich, so irrt wenigstens mein Herz nicht. Ich habe
nicht die engherzigen Begriffe ber solche Empfindungspflichten, die
wohl sonst im Schwange sind. Wenn man in sich rein ist, kein Gefhl mit
dem andern vermengt, keine Pflicht verletzt, so habe ich fr mich (ich
will nie fr das Gewissen eines andern reden) kein Arges, mich jedem
Gefhl, das wahr und unentstellt in mir aussteigt, ohne alle
ngstlichkeit hinzugeben. So ist es in mir. Sie sehen, was ich Ihnen
oben sagte, ich will behalten, was ich habe.

Von meinem Familienleben htte ich Ihnen, wenn Sie es nicht ausdrcklich
gefordert htten, und es mir nicht natrlich geschienen, doch auch das
Innere und gerade dasjenige Verhltnis zu berhren, von dem in einem
Familienkreise alle anderen Empfindungen ausgehen, immer geschwiegen.

Also noch einmal, ich will, liebe Charlotte, da Sie nicht eine einzige
Zeile, nicht ein Wort zurckwnschen. Alles, was Sie mir geschrieben
haben, woraus Ihre Gefhle so rein und wahr hervorstrahlen, beglckt
mich in der Erinnerung. Ich wnsche vor allem, da der Briefwechsel mit
mir Ihnen reine, durch nichts getrbte Freude mache. Ich habe ja dabei
keinen andern Zweck, als fr mich Erinnerungen festzuhalten, die mir
ewig teuer sein werden, und fr Sie, Ihnen eben dadurch Freude zu geben.

Da ich Ihnen jene Nachrichten so spt gab, darf Sie nicht wundern, ich
gab sie nur, weil Sie es wollten. An sich ist es meine Art nicht, von
dem, was ich fr einen Menschen fhle, einem andern als ihm selbst zu
sprechen, ja, es ist mir ganz entgegen. Ich wei wohl, da man es so
gemeinhin fr ein Zeichen und ein Bedrfnis der Freundschaft hlt, sich
gegenseitig Freude und Kummer und alles mitzuteilen, den andern, wie man
es nennt, mit sich leben zu lassen. Ich knnte tiefen Kummer und groe
Freude im Herzen haben, und es wrde mich nie drngen, es denen
mitzuteilen, die ich am liebsten habe. Ich tue es auch wirklich nicht,
wenn die Mitteilung nicht andere Veranlassung hat. Ich halte sehr wenig
von den Ereignissen des Lebens und fr mich (Gott wei, nicht fr
andere) wenig von Glck und Unglck, beide, auf mich bezogen, sind die
letzten Rcksichten bei meinem Tun und Handlungen; ich wei, Gottlob!
mit denen, die ich so gern habe, als Sie, immer noch etwas Besseres zu
reden, als was eben um mich herum vorgeht. Ich mache es gerade so mit
meiner Frau und Kindern. Sie wissen von sehr vielem, was mich
beschftigt, garnicht, und meine Frau denkt so gleichgestimmt mit mir
darber, da, wenn sie zufllig etwas erfhrt, was sie nicht wute,
oder ich ihr selbst bei einer Veranlassung davon sagte, es ihr nicht
einfllt, das sonderbar zu finden. Freundschaft und Liebe bedrfen des
Vertrauens, des tiefsten und eigentlichsten, aber bei groartigen Seelen
nie der Vertraulichkeiten.

Leben Sie herzlich wohl! Mit unvernderlichen
Gesinnungen der Ihrige.                    H.



_Berlin_, den 14. Februar 1823.

Sie verstummen ja ganz, liebe Charlotte. Es ist ungewhnlich lange, da
ich keine Zeile von Ihnen erhielt. Schon seit acht Tagen wollte ich Sie
bitten, das Stillschweigen zu brechen. Aber ich hoffte mit jedem Posttag
einen Brief zu erhalten. Wenn Sie nur nicht krank sind! Allein gerade
dann, dchte ich, htten Sie geschrieben, mir wenigstens das zu sagen.
Sie waren aber sehr angegriffen, hatten sich sehr angestrengt, dazu
jetzt die kalte Witterung, das alles knnte Ihnen doch wohl geschadet
haben. Ich bitte Sie instndigst, schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht.
Ich wrde in der Tat sehr unruhig sein, wenn ich auch jetzt keinen Brief
erhielte. Ich bin wohl, aber sehr beschftigt. Mein Bruder war vier
Wochen hier bei mir. Er ist nun nach Paris zurckgegangen; whrend
seiner Anwesenheit hatte ich alles liegen lassen, und so ist schon das,
was sich in meinen Geschften angehuft hat, so ansehnlich, da ich ein
paar Wochen daran aufzurumen haben werde. Darum verzeihen Sie auch die
Krze meiner Zeilen. Da Siegern lange Briefe von mir haben, so wird
Ihnen mein letzter gefallen haben, er fllte den ganzen Bogen, und mit
meiner kleinen Handschrift ist das sehr viel. Leben Sie wohl, und ich
bitte, schreiben Sie mir gleich. Von Herzen und mit unvernderlichen
Gesinnungen der Ihrige.     H.



_Berlin_, den 14. Mrz 1823.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe mit deren Beilagen erhalten und
sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafr. Man kann nicht ordentlicher
sein, als Sie diese zweite Lieferung zu Ihrer Lebensbeschreibung
eingerichtet haben. Sie nennen sie: Einleitungshefte. Die Folge wird das
erst ganz deutlich machen, da alle Ihre Gedanken Klarheit haben. Alles
liest sich leicht und mhelos, wie ein Buch, und was bei Handschriften
immer sehr angenehm ist. Da Sie das Ganze in Lieferungen teilen und
jede in einen angemessenen Abschnitt zusammenfassen, ist uerst
zweckmig. Ich finde es daher auch besser, da Sie knftig sich nicht
gerade an die Zeitpunkte halten, die ich anfangs bestimmt hatte, sondern
jeder Lieferung einen angemessenen, sich nach dem Inhalt richtenden
Abschnitt geben, da er weder allzukurz noch allzulang wird, und
abzusenden, wenn Sie solche Lieferung fertig haben, ohne sich an einen
bestimmten Zeitabschnitt zu kehren. Ich wei, auf der einen Seite, da
Sie Interesse genug an der Sache nehmen, und liebevoll gegen mich
gesinnt, selbst gern meine Wnsche erfllen, und also die Mue, die Sie
auf diese Arbeit verwenden knnen, gewi nicht ohne Not andern Dingen
schenken. Auf der andern Seite aber mchte ich selbst nie, da Sie den
notwendigen Geschften, die Ihnen obliegen, Zeit entzgen, die dann
wieder zu groe Anstrengungen forderten, um das Verschobene wieder
einzubringen. Alles, wozu ich Sie veranlasse, soll nur zu Ihrem
Vergngen und Ihrer Genugtuung dienen, nicht aber Ihnen zur Last noch
Unruhe werden. Was mich bei dieser Lieferung erschreckt, ist, da Sie
schon so weit vorgerckt sind. Sie sehen daraus, wie ich Ihnen immer
sagte, da Ihre Furcht vergeblich sei, da Sie bei einer so groen
Ausfhrlichkeit nie zu einem Ende kommen wrden. Indessen kann ich Ihnen
durchaus ber Mangel an Ausfhrlichkeit keinen Vorwurf machen. Ich
glaube gern und sehe es aus der Schrift selbst, da Sie nichts weiter zu
erzhlen hatten, weil der Gegenstand Ihnen in Ihrem Gedchtnis nicht
mehr darbot. Sie haben nichts bergangen, alle Personen, die Sie
erwhnen, erscheinen in einer vollstndigen Zeichnung mit sehr
bestimmten Umrissen, man sieht zugleich ihre Umgebungen, und es geht dem
Bilde kein Zug ab, dessen Vermissen eine Lcke verursachte. Zwei
interessante Figuren sind Ihre beiden Gromtter, man ist sehr geneigt,
sie in Ihnen wieder zu erkennen. Zwei vorzgliche Frauen waren es gewi.
Es ist in sich natrlich, da die Schilderung des Lebens einer in den
einfachsten Verhltnissen sich befindenden Familie nicht mehr und nichts
Vielfacheres darzubieten imstande ist; auch ist es Ihnen wohl bis dahin
nicht eingefallen, dies Leben in so weiter Vergangenheit zurckzuholen
und zu beschreiben. Das alles, gute Charlotte, erkenne ich mit wahrer
Dankbarkeit, erkenne, wie gern Sie mir Freude machen. Auch hat Ihre
Erzhlung, gerade in dieser Einfachheit eines solchen Lebens, fr mich
und meine individuelle Art zu empfinden einen groen Reiz, den ich auch
wieder bei Lesung Ihrer Bltter empfunden habe. Ich mu diese Lieferung
auch darin noch mehr loben als frher, weil die Erzhlung darin ruhiger,
ununterbrochener, und in einem einzig nur das Geschilderte
heraushebenden Tone fortgeht. So gern ich auch Betrachtungen lese,
welche Sie frher dem Erzhlten einzustreuen pflegten, so besteht der
grte Reiz einer Erzhlung doch gerade darin, da man nur das Erzhlte
erblickt, und da es als etwas ehemals Vorgegangenes und sich selbst vor
dem Auge Bewegendes dasteht, nicht durch den unterbrochen wird, der es
jetzt absichtlich darstellt. Im gegenwrtigen Falle sind nun zwar Sie,
als darstellend und dargestellt, dieselbe Person, allein die
Verschiedenheiten der Zeit bleiben auch so doch gleich beachtungswert,
und Sie, jetzt und selbst erzhlend, werden gegen sich, in jener Zeit
dargestellt, auch wieder gewissermaen eine Fremde. Sie mssen aber
darum nicht glauben, da ich mich durchaus gegen die Einstreuung jeder
Betrachtung erklrte, und Sie sich jede neue verbieten mten. Dies ist
gar nicht meine Absicht. Ich lobe mehr die Art, die ich hier beobachtet
gefunden habe, als ich es tadeln wrde, wenn Sie eine andere angewendet
htten. Denn auch diese knnte auf ihre Weise Reiz gehabt haben, und Sie
wrden es gewi verstanden haben, ihn derselben zu geben. Allein in sich
ist es richtig, da die Erzhlung reiner und anziehender in dem Grade
ist, in welchem sich der Erzhler mehr zurck und in Schatten stellt,
und dieser verliert dabei nicht, denn man sieht ihn und seine
Individualitt in der Art und Natur der Erzhlung gleich klar und
bestimmt, und fhlt sich durch die verstecktere Art, mit der es
geschieht, berrascht. Die Zeichnungen, die Sie beigelegt hatten, haben
mich sehr gefreut. Sie versetzen den, der sie sieht, auf den Schauplatz
der Personen, von denen erzhlt wird, und tragen daher zur Lebendigkeit
der Schilderung und zur Bestimmtheit des Bildes bei. Die uere Ansicht
Ihres elterlichen Hauses hat aber auch etwas in sich Freundliches und
Geflliges. Bei Gelegenheit des Todes Ihrer Mutter erwhnen Sie,
obgleich dunkel und so, da man nicht deutlich und bestimmt sehen kann,
wie es gewesen ist, etwas Geisterartiges. Dies bitte ich Sie nicht zu
bergehen. Ist es, wie es fast scheint, Ihre Absicht, darauf bei einer
andern Gelegenheit in der Folge zurckzukommen, so mag es so bleiben,
und so lese auch ich die genaue Darstellung dieses Ereignisses lieber an
dem Orte, den Sie fr den palichsten halten. Wollen Sie aber nicht
darauf zurckkommen, sondern es bei demjenigen bewenden lassen, was Sie
darber gesagt haben, so mu ich Sie bitten, dieser Sache eine besondere
Zugabe zur zweiten Lieferung zu widmen, sie zuerst und zunchst
auszuarbeiten und mir einzeln zuzusenden. Es hat gerade dies ein ganz
besonderes Interesse fr mich. -- Das Migeschick mit Ihrer Wohnung hat
mich sehr geschmerzt; Sie befanden sich dort einsam und wohl, und hatten
berdies sie sich nach Ihren Neigungen eingerichtet. Das verlassen zu
mssen, ist wirklich hchst unangenehm, und ich nehme nicht nur den
innigsten Anteil daran, sondern begreife auch ihre Niedergeschlagenheit
darber vollkommen.

Da Ihnen meine Teilnahme trstlich, mein Andenken wohlttig ist, und
Sie gern dabei verweilen und ausruhen, wenn Ihnen, wie auch jetzt, weh
ist, dafr, liebe Charlotte, kann ich Ihnen nur sehr dankbar sein. Es
war mein Wunsch und meine Absicht, ich wollte nur glcklich, heilsam und
wohlttig auf Sie einwirken, und es freut mich unendlich, wenn ich
erkenne, da ich das erreiche. Gestatten Sie mir denn auch jetzt diesen
Einflu auf Ihr Gemt, da Sie leiden und gebeugt sind. Richten Sie sich
an mir auf. Ich mchte niemand lieber als Ihnen zur Sttze sein. Leben
Sie fr heute herzlich wohl, und erlauben Sie mir die Wiederholung
meiner Bitte, sich zu beruhigen. Halten Sie den Glauben an die Treue
meiner innigsten, liebevollsten Teilnahme fest, womit ich Ihnen stets
angehre. Ihr              H.



_Berlin_, den 30. Mrz 1823.

Ihr Brief vom 19. dieses, liebe Charlotte, hat mich bekmmert, da er in
groer und sichtbarer Niedergeschlagenheit geschrieben war; es hat mich
aber gefreut zu sehen, da er gegen das Ende hin heiterer wird, weil das
ein sicheres Zeichen ist, da das ruhige Schreiben, das stille Gesprch
mit dem, von dem Sie wissen, da er immer gleichen Anteil an Ihnen
nimmt, eben jene wohlttige Wirkung auf Sie ausgebt hat. Darum hoffe
ich auch, werden Sie nicht bei dem Vorsatz des Verstummens bleiben,
sondern fortfahren, wie bisher, zu schreiben. Jener Vorsatz, den ich
berhaupt nur fr augenblicklich halten will, kann Ihnen nur von einer
dsteren Stimmung eingegeben sein. Es ist sehr liebevoll von Ihnen, da
Sie, wie Sie sagen, mein Leben nicht durch Ihre Niedergeschlagenheit
stren wollen. Allein, wei ich sie darum weniger, wenn ich sie in Ihrem
Verstummen erkenne, und mu sie mich denn nicht gerade darum mehr
beunruhigen, weil ich den Grad, die Farbe, die Art derselben weniger
kenne? Sie knnen versichert sein, da ich immer den herzlichsten und
mitfhlendsten Anteil an Ihnen und allem, was Ihnen begegnet, nehme, und
da ich auch auf dieselbe Weise den Unfall ansehe, da Sie gerade jetzt,
und berhaupt, eine Ihnen zu bequemer und lieber Gewohnheit gewordene
Wohnung aufgeben mssen. Allein ich mchte Ihnen doch, liebe Charlotte,
bei einem solchen Falle mehr Strke, mehr innere, ueren Unfllen
entgegenstrebende Heiterkeit wnschen, da Ihnen so vieles zum inneren
Genu bleibt. Es soll dies gewi auch nicht der fernste und leiseste
Vorwurf sein, ich mchte lieber alles, als Ihnen im mindesten weh tun.
Aber es ist einmal meine Art, zu denen, mit denen ich vertraulich
umgehe, durchaus und ganz wahr zu reden, unverhohlen zu sagen, was mir
nicht zu billigen scheint, und ihnen die Vorstellungen zu machen, durch
die sie meiner berzeugung nach in sich strker, fester und dadurch
selbstndiger und minder abhngig von ueren Zuflligkeiten werden.
Also seien Sie mir um dasjenige, was ich Ihnen hier sage und sagen
werde, nicht bse. Sehen Sie es auch nicht als etwas an, das der leicht
sagen kann, der selbst nur in glcklicher und gengender Lage vor
hnlichen Unfllen sicher ist. Es kommt nicht auf die uere Ursache an,
von welcher der Schmerz oder die Widerwrtigkeit entsteht, und der
Himmel hat Schmerz und Widerwrtigkeit so weise verteilt, da der
uerlich noch so vorzglich Begnstigte darum keinen Augenblick
hindurch freier ist von Anlssen und Ursachen inneren Schmerzes. In
einem schon ziemlich langen und gar nicht in einfachen Verhltnissen
hingegangenen Leben sind mir mannigfaltige Dinge vorgekommen, die mich
augenblicklich oder auf lange aus meinem ganzen gewohnten Lebenswege in
einen andern, in vielen, gerade das Innerste berhrenden Punkten
verschiedenen gestoen haben. Ich bin also den Empfindungen, die Sie
jetzt haben, auf keine Weise fremd, und kann mir jeden Tag, da wir in
der Hand des Schicksals sind, eine hnliche bevorstehen. Ich verkenne
auch darum die Art Ihrer Empfindungen nicht, weil ich, wie Sie
allerdings Recht haben zu sagen, nicht gerade mit der ueren Ursache
sympathisieren kann. Das Wechseln einer Wohnung, das mir so oft von den
angenehmsten zu den unlieblichsten begegnet ist, wrde auf mich
allerdings wenig Einflu haben. Ich lebe zwar auch bestndig in meiner
Stube, bin jetzt zum Beispiel, trotz des Sonnenscheins, seit acht Tagen
mit keinem Fue anders, als zu den durch Gewohnheit bestimmten
Tageszeiten, in das Nebenzimmer zu meiner Familie gekommen. Ich habe
keine Bedrfnisse der Art, jede Stube ist mir gleich, ich brauche keine
Bequemlichkeiten, den Rohrstuhl, auf dem ich sitze, und den Tisch, an
dem ich schreibe, ausgenommen. Sie wrden keinen Spiegel, kein Sofa,
nichts von dem allen bei mir finden. Allein auf die Ursache der Trauer
kommt gar nichts an, es gilt nur diese, und ich sage Ihnen das nur, um
jedem, auch stummem Einwand zu begegnen, da ich bei einem Unfall, wie
er Sie jetzt betrifft, mich nicht in Ihre Lage versetzen knnte. Ich
kann es gewi, da jeden reizbaren und nicht empfindungslosen Menschen
niederschlagende Empfindungen hnlicher Art betreffen. Aber gerade
darum, meine eigenen Erfahrungen benutzend, mu ich Sie doch bitten,
liebe Charlotte, sich durch dies Ereignis nicht auf solche Weise beugen
zu lassen. Ich kann es nach Ihrer eigenen Schilderung nicht sowohl fr
ein empfindliches bel halten, da Sie gerade diese Wohnung verlassen,
sondern mehr, da Sie nicht wieder eine ungenierte Gartenwohnung mit
Stille und Einsamkeit und ohne Mitbewohner gefunden haben. Was Sie mir
einmal von der Klte und Feuchtigkeit der Wnde, auch wo Sie schlafen,
sagten, hat mich sehr geschreckt, und kann Ihnen unmglich zutrglich
gewesen sein. Trotz alledem, was sich da sagen lt, bleibt der Verlust,
bis Sie eine andere lndliche und stille Wohnung finden, sehr gro, und
lt sich nicht wegrsonieren, auf keine Weise. Aber da, liebe
Charlotte, bleibt, auer der Resignation, das zu tragen, was
unabnderlich ist, doch auch der Genu dessen, was Ihnen in Ihrem
inneren Leben unentreibar bleibt, das Andenken an alles, was Ihnen
teuer ist, der Umgang mit einigen Personen, denen Sie geneigt sind, das
Bewutsein eines immer reinen Gemts ein bewegtes Leben hindurch, die
Genugtuung an einem sich selbst geschaffenen Dasein, endlich, darf ich
auch mit Freuden hinzusetzen, nach dem, was Sie mir so oft sagen, die
Beschftigung mit mir, die Sicherheit, wie innig ich alles Weh und alle
Freude teile, die sich in Ihnen bewegen. Einer gewissen Strke bedarf
der Mensch in allen, auch den glcklichsten Verhltnissen des Lebens,
vielleicht kommen sogar Unflle, wie Sie jetzt einen erfahren, um
dieselbe zu prfen und zu ben, und wenn man nur den Vorsatz fat, sie
anzuwenden, so kehrt bald, auch selbst dadurch Heiterkeit in die Seele
zurck, die sich allemal freut, pflichtmige Strke gebt zu haben. -- --


berhaupt, liebe Charlotte, und ich denke das oft, mag es wohl sein, da
ich anders bin, als Sie sich mich manchmal gedacht hatten. Das kann
eigentlich nicht fehlen, wenn man sich fast nie gesehen und nie
miteinander gelebt hat. Ich schrieb Ihnen, im Beginn unsers
Briefwechsels, Sie mssen mich nehmen, wie ich bin, ich kann aus meinem
Wesen, wie es ist, nicht herausgehen. Meine wahren und eigentlichen
Gesinnungen berhaupt und gegen Sie, liebe Charlotte, bleiben immer
dieselben und ndern nie. Ob Ihnen der Ausdruck immer gleich erfreulich
und ansprechend ist, dafr kann ich nicht einstehen. Ich kann meiner
Freiheit, weder in der Hufigkeit, noch in der Art, wie ich schreibe,
etwas nehmen, und mu Sie da, wo ich zufllig nicht mit Ihnen oder Ihren
Bemerkungen bereinstimme, um Nachsicht bitten. Da ich in Wahrheit teil
an Ihnen nehme, da ich Ihnen auch gern schreibe, sehen Sie genug auch
daraus, da ich Ihnen vom Anfange an frei und offen, wie ich immer bin,
sagte, da ich ungern schreibe, da Sie selten und kurze Briefe von mir
bekommen wrden, und da ich doch hufig, und wie selbst dieser zeigt,
sehr lange Briefe wirklich schreibe. Um zu Ihrer Lebenserzhlung
zurckzukehren, so kann ich Ihnen nur wiederholen, da Sie mir durch die
Fortsetzung wahre Freude machen werden, mu aber auch hinzusetzen, da
meine Bitte immer von der Voraussetzung ausgeht, nicht blo, da Sie es
gern tun, das wei ich gewi, sondern auch, da Sie Stimmung und Zeit in
Anschlag bringen, und sich nur dann damit beschftigen, wenn beide es
erlauben; ich wei ja, wie gewissenhaft Sie Ihre Zeit anwenden und
darber denken, und Sie wissen, wie dies meine wahre Achtung fr Sie
erhht. Was Sie mir von den Geistererscheinungen sagen, hat mich noch
neugieriger darauf gemacht. Ich bin ganz der Meinung Ihres verewigten
Vaters. Niemand kennt den geheimen, Zusammenhang der Dinge, und ich
werde keinen Unglauben haben. Leben Sie nun herzlich wohl, liebste
Charlotte! Suchen Sie sich zu erheitern, tun Sie es auch aus Liebe zu
mir, und glauben Sie, da niemand so gern und so oft an Sie denkt, als
ich.                      Ihr H.



_Berlin_, den 12. April 1823.

Ich danke Ihnen recht herzlich fr Ihre wenigen Zeilen, welche Ihnen
Ihre liebevollen Gesinnungen eingaben. Ihre Worte: Nehmen Sie dem
gepreten Herzen die Worte nicht genau, so wenig als den Kleinmut, der
Folge schwerer Verhngnisse ist -- diese Worte haben mich tief gerhrt.
Niemals werden Sie in meinen Gesinnungen den leisesten Wandel erkennen.
-- Ihrem nchsten Briefe sehe ich nun mit groem Verlangen entgegen; aus
einigen uerungen mchte ich schlieen, da ich Ihnen eine angenehmere
Aussicht erffnet habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- H.



_Berlin_, den 25. April 1823.

Ich wollte mich eben hinsetzen, liebe Charlotte, Ihren lieben Brief vom
9. dieses zu beantworten, als ich zu meiner groen Freude den vom 20.
bekam. Ich glaubte schon, Sie wollten, ehe Sie mir schrieben, erst eine
Antwort von mir abwarten. Ich freue mich sehr, Sie nicht in dem Hause zu
wissen, vor dessen unlieblichen Bewohnern Sie mit Recht einen so groen
Abscheu hatten. Sie haben bei Ihrem neuen Etablissement wenigstens an
Ruhe und Einsamkeit gewonnen. Ich begreife indes vollkommen Ihren
Widerwillen vor der Stadt. Wre ich nicht meiner Kinder wegen hier, die
einmal ihrer Verhltnisse wegen die Stadt, zumal im Winter, nicht
verlassen knnen, so wrde ich immerfort auf dem Lande bleiben. Selbst,
wo die Gegend nicht reizend wre, bleibt der Anblick des freien Himmels
schon viel. Der Anblick des Himmels hat berhaupt unter allen Umstnden
einen unendlichen Reiz fr mich, bei sternenhellen, wie bei dunklen
Nchten, bei heiterm Blau, wie bei ziehenden Wolken, oder dem traurigen
Grau, worin sich das Auge verliert, ohne etwas darin zu unterscheiden.
Jeder dieser Zustnde entspricht einer eigenen Stimmung im Menschen, und
wenn man das Glck hat, diese Stimmung nicht gerade von den Elementen
empfangen zu mssen, nicht dster zu werden mit dem dsteren Himmel,
sondern in der aus dem reinen Innern entsprungenen Stimmung, durch den
Anblick des Himmels nur in andere und andere Betrachtungen versenkt zu
werden, so hat man wenigstens kein Mifallen am farblosen Himmel, wenn
man auch dem ruhig und mild strahlenden natrlich den Vorzug gibt. Mir
ist berhaupt das Klagen ber Wetter fremd, und ich kann es an andern
nicht sonderlich leiden. Ich sehe die Natur gern als eine Macht an, an
der man die reinste Freude hat, wenn man ruhig mit allen ihren
Entwicklungen fortlebt, und die Summe aller als ein Ganzes betrachtet,
indem es nicht gerade darauf ankommt, ob jedes Einzelne erfreulich sei,
wenn nur der Kreislauf vollendet wird. Das Leben mit der Natur auf dem
Lande hat vorzglich darin seinen Reiz fr mich, da man die Teile des
Jahres vor seinen Augen abrollen sieht. Mit dem Leben ist es nicht
anders, und es scheint mir daher immer aufs mindeste eine mige Frage,
welches Alter, ob Jugend oder Reife, oder sonst einen Abschnitt man
vorziehen mchte. Es ist immer nur eine Selbsttuschung, wenn man sich
einbildet, da man wahrhaft wnschen knnte, in Einem zu bleiben. Der
Reiz der Jugend besteht gerade im heiteren und unbefangenen
Hineinstreben in das Leben, und er wre dahin, wenn es einem je deutlich
wrde, da dies Streben nie um eine Stufe weiter fhrt, etwa wie das
Treten der Leute, die in einem Rade eine Last in die Hhe heben. Mit dem
Alter ist es nicht anders, es ist im Grunde, wo es schn und krftig
empfunden wird, nicht anderes, als ein Hinaussehen aus dem Leben, ein
Steigen des Gefhls, da man die Dinge verlassen wird, ohne sie zu
entbehren, indem man doch zugleich sie liebt und mit Heiterkeit auf sie
hinblickt, und mit Anteil in Gedanken bei ihnen verweilt. Selbst ohne
auch religise Gedanken an den Anblick des Himmels zu knpfen, hat es
etwas unbeschreiblich Bewegendes, sich in der Unendlichkeit des
Luftraums zu verlieren, und benimmt so auf einmal alle kleinlichen
Sorgen und Begehrungen des Lebens, und der Wirklichkeit ihre sonst
leicht einengende Wichtigkeit. So sehr auch der Mensch fr den Menschen
das Erste und Wichtigste ist, so gibt es gerade nichts gegenseitig mehr
Beschrnkendes, als die Menschen, wenn sie, enge zusammengedrngt, nur
sich vor Augen haben. Man mu erst oft wieder in der Natur ein hheres
und ber der Menschheit waltendes Wesen erkennen und fhlen, ehe man zu
den beschrnkten Menschen zurckkehrt. Nur dadurch auch gelangt man
dahin, die Dinge der Wirklichkeit nicht so wichtig zu halten, nicht so
viel auf Glck oder Unglck zu geben, Entbehrung und Schmerz minder zu
achten, und nur auf die innere Stimmung, die Verwandlungen des Geistes
und Gemts seine Aufmerksamkeit zu richten, und das uere Leben bis auf
einen gewissen Grad in sich untergehen zu lassen. Der Gedanke des Todes
hat dann nichts, was abschrecken oder ungewhnlich bekmmern knnte, man
beschftigt sich vielmehr gern mit ihm, und sieht das Ausscheiden aus
dem Leben, was ihm auch immer folgen mge, als eine natrliche
Entwicklungsstufe in der Folge des Daseins an. Ich komme zum Teil mit
deshalb auf diese Betrachtungen, weil ich eben die Zugabe zu Ihrem
zweiten Heft gelesen habe, fr die ich Ihnen herzlich danke und deren
Inhalt damit enge zusammenhngt. Es ist schwer zu bestimmen, was man
ber die Tatsachen, denn als solche mu man Selbsterfahrenes ansehen,
sagen soll.

Da eine geliebte Person im Augenblick ihres Abscheidens, oder auch
nachher, den Elementen und der Sinnenwelt die Kraft abgewinnt, zu
erscheinen, lt sich zwar auch nicht weiter begreiflich machen, allein
die menschliche Seele empfindet doch selbst Dinge in sich, welche die
Mglichkeit, wenn auch nur in einem Schleier, durchblicken lassen. Wer
je Sehnsucht in sich getragen hat, begreift, da sie eine Strke
gewinnen kann, die von selbst die gewhnlichen Schranken der Natur
durchbricht. Es mag aber auch bei dem, der etwas sehen soll, eine
Empfnglichkeit notwendig sein, die Geistergegenwart zu vernehmen, und
wir mgen manchmal von Geistern umgeben sein, ohne es zu wissen oder zu
ahnen. Warum man weniger Geister sieht, weniger von Erscheinungen hrt,
lt sich eher erklren. Unter den Geschichten von ehemals waren wohl
viele falsch, nicht gerade erfundene, aber ununtersucht gebliebene, oder
nicht verstandene, natrliche Ereignisse. Man hatte mehr Glauben
berhaupt und auch an diese Dinge, man war mehr zur Furcht vordem
bernatrlichen geneigt; die Meinung von einem bsen Geist, der qule
und verfhre, wurde sinnlicher und materieller genommen. Indes mag auch
auerdem richtig sein, da doch auch wahre Erzhlungen, wirklich
bernatrliche Wirkungen, wie die von Ihnen beobachtete, hufiger
waren, und wenn das ist, ist die Erklrung freilich schwierig, zumal wo
so eine Wirkung von mehreren sehr verschiedenartigen Menschen beobachtet
wurde, wie es in Ihrem Hause der Fall war. Denn Erscheinungen und
Gesichter einzelner wrden sich eher erklren lassen. Ich sagte schon
erst, da eine gewisse Empfnglichkeit auch zur Wahrnehmung des
bersinnlichen gehre. Diese mochten die Menschen in jener Zeit mehr
haben, wo sie weniger weltlich zerstreut lebten, ihr Gemt innerlicher
gesammelt, frommer und ernster auf eine Wesenreihe auerhalb der
irdischen Welt gerichtet war. Gerade bei einem Manne von so wrdigem,
tief religis gestimmtem Charakter, wie Ihr Vater war, konnte das
fglich der Fall sein. Wie es sei, so hat er die Sache trefflich
aufgenommen, zugleich ohne Furcht und Unglauben. Die Erzhlung hat mich
ausnehmend interessiert, ich danke Ihnen herzlich dafr, und sehe es als
einen lieben Beweis Ihrer Bereitwilligkeit an, mir Freude zumachen, da
Sie so bald meinen Wunsch in dieser Sache erfllt haben, und zu einer
Zeit, wo Sie durch Ihr Umziehen auch sehr gestrt waren. -- Da das
Wetter so rauh ist, bin ich noch mit meiner Familie in der Stadt, und
gehe auch vorerst nur auf mein nahegelegenes kleines Landgut Tegel.
Nachher vermutlich nach Ottmachau in Schlesien, auf sechs bis acht
Wochen. Leben Sie herzlich wohl und verwahren Sie sich ja in Ihrer
Wohnung gegen die Einflsse der ueren Lust, die noch garnicht
frhjahrmig ist. Ihr                   H.



_Tegel_, den 15. Mai 1823.

Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, von meinem kleinen Landsitze aus,
der Ihnen schon bekannt ist. Ich bin mit den Meinigen seit einigen Tagen
hier, das Wetter aber begnstigt uns sehr wenig. Es ist ein ewiges
Strmen, Regnen, oder wenigstens ein mit Wolken bedeckter Himmel. Den
letztern liebe ich zwar wohl im Sommer. Wenn die Wolken leicht sind und
nur wie ein zarter Schleier das helle Blau verhllen, und es dabei
windstill und warm ist, so hat es etwas Wehmtiges, was einer
gleichgestimmten Seele sehr wohl tut. Das Grn ist noch sehr zurck, die
Eichen im Walde fangen erst an, Laub anzusetzen, und nur die frhesten
Bume, Kastanien, Flieder und solche prangen schon in vollem Laube.
Dagegen sind die Blten der Obstbume reich und schn. Ich denke mir
tglich, da Sie das alles nun auch in Ihrem Garten genieen und bin nur
bange, da der Wind und das schlimme Wetter, da Ihre Wohnung, wie Sie
schreiben, gar nicht dicht genug verwahrt ist, Ihnen darin lstig sein
werden. Die Anwesenheit meines Bruders in Berlin und eine Reihe anderer
kleiner Umstnde hatten gemacht, da ich den ganzen Winter ber in der
Stadt geblieben war und gar keinen Aufenthalt hier gemacht hatte; so ist
mir das Land wie neu und ich geniee es doppelt. Es ist eigentlich
wunderbar, da gerade die freie Natur und die Einsamkeit einen so groen
Reiz fr mich haben, da mein Leben nicht dazu beitragen konnte. Wenn man
immer daran gewhnt gewesen ist, oder wenn man es in sehr langer Zeit
nicht genossen hat, in beiden Fllen kann man eine solche Neigung leicht
erklren. Die Neuheit tritt im letzten Fall an die Stelle der
Gewohnheit. Bei mir war keins von beiden der Fall. Ich bin weder ganz
von Land und Einsamkeit, auch nur auf mehrere Jahre entfernt gewesen,
noch habe ich beide so viel genossen, da sie mir gleichsam zur andern
Natur geworden wren. Als ich viele Jahre lang noch nicht in Geschften
war, reiste ich, oder war sonst unter Menschen, hatte nicht einmal ein
Gut, und wohnte aus eigener, freilich durch andere Dinge bestimmter Wahl
in kleinen Stdten. Die Geschfte zogen mich in groe und vielfache von
aller lndlichen Einsamkeit entfernte Zirkel. Doch auch dann fand ich
Mittel, mich zu isolieren, und war oft mitten in der Gesellschaft
einsam. Man lernt das sehr gut, wenn man nur ein innerliches Interesse
hat, das genug die Seele einnimmt. Ich habe es aber immer als eine wahre
Wohltat des Himmels angesehen, fr die ich dem Geschick nicht genug
danken kann, und empfinde es noch jeden Tag ebenso, da es mich gerade
in meinem Alter in die Lage versetzte, in der ich, wie es auch sonst
immer sein mge, dieser Lieblingsneigung frei nachhngen kann. Die
meisten legen es mir noch als eine Anspruchlosigkeit und Philosophie
aus, da ich nicht blo im Augenblicke, wo es geschah, die
Geschftswirksamkeit mit Gleichmut aufgegeben habe, sondern auch seitdem
ruhig, beschftigt und glcklich lebe, ohne Plan wieder in dieselbe zu
treten und mit sichtbarer Abwesenheit aller Zeichen, da ich auch
versteckt irgend eine Sehnsucht danach habe. Ich mache mir nicht das
mindeste Verdienst daraus, weil ich wei, da ich keins dabei habe. Was
geschehen ist, entsprach meiner Neigung, die sich auf Grundlagen meines
innern Charakters sttzt, so ist es kein Wunder, da sie dauernd ist.
Sie wird nie geschwcht werden. Es ist mir berhaupt immer eine widrige
Idee gewesen, so bis zum Ende des Lebens an Verhltnissen teilzunehmen,
die mit dem Moment des Todes alle gleichsam zu nichts werden, von denen
man nichts jenseits mit hinber nimmt. Und doch ist in Geschften alles
in dieser Art. Ganz anders ist es mit der Beschftigung mit Ideen und
Kenntnissen. Auch wenn die letztern ganz ins Einzelne eingehen, hngen
sie doch zuletzt immer mit Ideen zusammen, die, wenn man sie recht
verfolgt, ihren Mittelpunkt nicht mehr in dieser Welt haben.

Was man in dieser Art erwirbt und ausbildet, behlt man wahrhaft und
trgt es mit sich, so lange noch berhaupt Dasein whrt. Es hat mir
immer unmglich geschienen, da, was einmal in mir denkt und empfindet,
je aufhren knnte zu denken und zu empfinden. Wenn auch Zwischenrume
mangelnden Bewutseins eintreten, wenn die verschiedenen Zustnde des
Seins nicht verknpft sein sollten durch zusammenhngende Erinnerung, so
wirkt die einmal gefate Idee darum nicht minder auf das Wesen und den
inneren Gehalt der Seele. Ganz anders ist es, wenn man die, an uern
Verhltnissen, wirklichen Geschften teilnehmende Arbeit, nicht aus ganz
freier Wahl, nicht aus unmittelbarer Liebe zu ihr, sondern aus andern
Rcksichten und als einen Erwerb treibt. Auf diese Art wrde ich sie
ohne Mhe so lange fortsetzen knnen und fortgesetzt haben, als nur die
Krfte es zulassen. Darin sind Frauen besonders gut daran, da die
Arbeiten, die sie auf diese Weise machen, wenn auch nicht immer ganz,
doch grtenteils mechanischer Art sind, den Kopf wenig, die Empfindung
gar nicht in Anspruch nehmen, und also den bessern, zartern und hhern
Teil des Menschen viel mehr sich selbst berlassen, als das bei Mnnern
der Fall ist. Daher werden Mnner so leicht einseitig, trocken, hlzern
durch ihre Arbeit, Frauen nie, wenn sie auch durch Umstnde und
Widerwrtigkeiten bestimmt werden, einen Erwerb darin zu suchen, wenn in
ihrem frhern Leben sie noch so fern von einer solchen Notwendigkeit
waren.

Was mir aber weniger angenehm ist in meiner Lage, ist, da ich nicht gut
vermeiden kann, auch in demselben Jahre mehrmals den Aufenthalt zu
wechseln. Ich gewhne mich zwar leicht an einen neuen Ort, aber ich
bleibe lieber an einem alten, und es hat vorzglich einen groen Reiz
fr mich, so in demselben die Reihe der Jahreszeiten vorbergehen zu
sehen. Die bloen regelmigen Vernderungen der Zeit haben einen Reiz
fr mich, den ich mir oft selbst vergebens zu erklren versucht habe.
Sie werden sagen, da bei der vlligen Freiheit, die ich geniee, ich
leicht auch hier mein Leben nach meinen Wnschen einrichten knnte.
Allein es gibt doch immer auch fr den Freiesten Umstnde, die ihn mit
einer gewissen Ntigung bestimmen, und so geht es auch mir. Leben Sie
nun herzlich wohl und verzeihen Sie, wenn ich in diesen Zeilen viel von
mir sprach. Ich rede zu Ihnen, wie zu mir selbst, und habe es auch gern,
wenn Sie mir von sich erzhlen. Mit der herzlichsten Anhnglichkeit der
Ihrige.                       H.



_Tegel_, den 26. Mai 1823.

Unsere Briefe haben sich gekreuzt, liebe Charlotte, ich hatte Ihnen
geschrieben, ohne einen Brief von Ihnen abzuwarten, und Sie haben den
Ihrigen frher als gewhnlich abgehen lassen.

Die Stelle in Ihrem Briefe ber das Pfingstfest hat mich sehr gefreut
und spricht ganz Ihr tiefstes Gemtsbedrfen aus. Auch mir ist es
eigentlich das liebste unter den groen Festen. Seine heilige Bedeutung,
das Herabsteigen gttlicher Kraft auf menschliche Wesen, hat etwas
zugleich Trstendes und Erhebendes, und das doch nicht ber der
Fassungskraft unsers Geistes liegt, da man wohl zu begreifen vermag, wie
sich geistig Gttliches und Menschliches mischt. Irdisch genommen aber
ist es ein gar liebliches Fest, weil es den Winter recht eigentlich
beschliet und man nun dem heiteren Sommer entgegengeht. -- Was Sie ber
Schmerz sagen, begreife ich sehr wohl, nmlich, da Sie nicht dahin
gekommen wren, Glck und Unglck, und besonders den Schmerz, nicht sehr
zu achten. Es hat mir schon fter geschienen, als wre Ihnen nicht
gerade viel Strke darin verliehen, und dies ist wohl das Zeichen einer
schnen Weichheit einer weiblichen Seele, wo es unntz und unrecht
zugleich wre, sich abhrten zu wollen. Ich will es daher auch nicht
unternehmen, Sie das zu lehren, sondern vielmehr von innigem Herzen
wnschen, da Schmerz und Unglck, so wie jeder Kummer von Ihnen fern
bleiben mgen. Ich will gern und mit Freuden, wo ich kann, dazu
beitragen. Aber bei einem Manne mu das anders sein. Wenn ein Mann dem
Schmerze Herrschaft ber sich einrumt, wenn er ihn ngstlich meidet,
ber den unvermeidlichen klagt, flt er eher Nichtachtung als Mitleid
ein. So vieles mu in einer Frau anders sein als im Manne. Einer Frau
geziemt es sehr wohl, und scheint natrlich in ihr, sich an ein anderes
Wesen anzuschlieen. Der Mann mu gewi auch das Vermgen dazu besitzen,
aber wenn es ihm zum Bedrfnis wrde, so wre es sicher ein Mangel oder
eine Schwche zu nennen. Ein Mann mu immer streben, unabhngig in sich
dazustehen.....

Ihre Frage, ob ich je wirklich Schmerz gefhlt htte, war sehr
natrlich. Sie knnen aber berzeugt sein, da ich immer von dem zu
reden vermeide, was ich nicht aus eigener, wohlerprfter Erfahrung
kenne...

Indem ich von Herzen wnsche, da es bald besser und recht gut mit Ihrer
Gesundheit gehen mge, wiederhole ich Ihnen die Versicherung meiner
herzlichsten Teilnahme und Anhnglichkeit. Ihr              H.


Glck und Unglck verliert von seinem Wert, wenn es den Kreis der innern
Empfindung verlt. So wie die Wirklichkeit in der Tat immer armselig
und beschrnkt ist, so vermindert sich auch der Reiz jedes angenehmen
Gefhls, wenn man es in Worte kleidet. Im Herzen, wo es entstanden ist,
mu es bleiben und wachsen, und wenn es vergnglich ist, wieder vergehen
und sterben. Mit dem Unglck ist es nicht anders. Der im eigenen Busen
erhaltene Schmerz enthlt etwas Ses, von dem man sich nicht gern mehr
trennen mag, wenn ihn die eigene Brust bewahrt...

Trost wte ich bei einem andern, als mir selbst, nie zu finden. Es
wrde mir ein zweites, noch unangenehmeres Gefhl, als das widrige
Schicksal durch sich einflt, geben, wenn ich nicht selbst Strke genug
bese, mich selbst zu trsten. Dies mag indes bei Frauen billig anders
sein. Wenn es bei einem Manne anders ist, ist es nicht lobenswrdig. Ein
Mann mu sich selbst genug sein...

Mitleid ist gar eine widrige Empfindung, und Teilnahme zwar eine sehr
schne, aber nur in einer gewissen Art...

Es ist mir unendlich viel wert, zu wissen, da Sie an allem, was mir
begegnet, einen so innigen Anteil nehmen, allein diese Teilnahme
wirklich zu erfahren, ihrer gewissermaen zu bedrfen, knnte ich nicht
zu den erwnschtesten Gefhlen rechnen. berhaupt ist mir das _Bedrfen_
ungemein, nmlich fr mich, nur fr mich und mein Gefhl, zuwider. Von
jeher habe ich gestrebt, nichts auer mir selbst zu bedrfen. Es ist
vielleicht nicht mglich, je ganz dahin zu gelangen, aber, wenn man es
erreichte, so wre man erst dann, auf vollkommen reine und
uneigenntzige Weise, der hchsten Freundschaft und der hchsten Liebe
fhig, sowohl sie zu gewhren, als zu genieen. Denn das _Bedrfen_ ist
immer etwas Krperlichem im Geistigen hnlich, und was dem Bedrfnis
angehrt, geht dem wahren Vergngen ab. Befriedigung des Bedrfnisses
ist nur Abhilfe eines bels, also immer etwas Negatives, das wahre
Vergngen aber, krperlich und geistig, mu etwas Positives sein. Wer
also z. B. am wenigsten der Freundschaft bedrfte, der empfindet die,
die ihm gewhrt wird, am vollsten und sesten, sie ist ihm ein reiner
und ungetrbter Genu, ein Zuwachs, den er zu seinem, schon in sich
geschlossenen und beglckenden Sein erhlt; er gewhrt sie dann auch am
beglckendsten fr den andern, denn es ist in ihm keine Rcksicht auf
sich, nur einzig auf den andern dabei. Je strker und sicherer zwei
Wesen, jedes in sich gewurzelt, je einiger mit sich und ihrem Geschick
sie sind, desto sicherer ist ihre Vereinigung, desto dauernder, desto
gengender fr jeden.

Fehlt es dem einen an dieser Sicherheit, so bleibt dem andern fr beide
hinreichend brig. Nur was so die Alltagsbegriffe der Freundschaft und
Liebe von gegenseitigem Sttzen aufeinander sagen, ist schwach und nur
fr sehr mittelmige Menschen und Empfindungen gemacht, denn leicht
strzen dabei beide, indem keinem die Schwachheit des andern Gewhr der
Sicherheit leistet. Nur auf diese Weise mssen Sie mich verstehen, wenn
ich von mnnlicher Selbstndigkeit rede, die ich wirklich fr die erste
Bedingung mnnlichen Werts halte. Ein Mann, der sich durch Schwchen
verfhren, hinreien lt, kann gut, in andern Punkten recht
liebenswrdig sein, er ist aber kein Mann, sondern eine Art Mittelding
zwischen beiden Geschlechtern. Er sollte daher eigentlich, obgleich
dies manchmal sehr umgekehrt ist, nicht ausgezeichneten Beifall bei
Frauen finden. Denn die schne und reine Weiblichkeit sollte nur durch
die schnste und reinste Mnnlichkeit angezogen werden.



_Ottmachau_, den 12. Juli 1823.

Die Gter, welche ich in diesem Augenblicke bewohne, besitze ich erst
seit 1820. Sie sind sehr reizend belegen. Das alte Schlo liegt auf
einem Hgel, von dem man einen Kreis der schlesischen, bhmischen und
mhrischen Gebirge bersieht, und zwischen diesen Hgeln, an deren Fu
die Neisse hinluft, und dem Gebirge sind die anmutigsten cker, Wiesen
und Gebsche, zu denen auch meine Besitzungen gehren. Ich bewohne zwar
dieses Schlo nicht, da es nicht ausgebaut ist und nur einige bewohnbare
Zimmer fr meine Kinder hat, aber ein recht bequemes und gutes Haus, ein
wenig tiefer, dient mir zur Wohnung und hat auch grtenteils dieselbe
Aussicht.

Da ich in einer glcklichen Lage bin, ist sehr wahr, und Sie bemerken
mit Recht, da das mehr die Sache des Glcks als meiner Anstrengungen
ist. Das ist vollkommen wahr, und macht mir mein Glck, wenn ich so
sagen soll, noch glcklicher. Eine Gabe, die mir nur durch das Glck
zufllt, ist mir unendlich lieber, als etwas durch mein Verdienst
Erstrebtes. Wer mit der ersten beschenkt wird, scheint fr das Schicksal
Wert und Wichtigkeit genug zu haben, um Gaben auf ihn zu hufen. Ich bin
auch in vielen andern Dingen glcklich gewesen, die ein anderer nicht
so, als diese uerlichkeiten, beurteilen kann, ja, ich kann wohl sagen,
da sich bis jetzt mein Glck ziemlich in allem bewhrt hat, was ich
unternahm. Manches in ffentlichen und Privat-Angelegenheiten, was nicht
gerade sehr weise angelegt war, hat nicht die blen Folgen gehabt, die
daraus htten entstehen knnen, anderes, das gar nicht sonderliche Mhe
kostete, wurde mit ausgezeichnetem Erfolge belohnt. So bin ich gewohnt,
mich als einen Glcklichen anzusehen, und habe Mut, aber nur immer wie
einer, den das Glck auch in jedem Augenblicke verlassen kann. Daher
macht auch dies Glck mich doppelt vorsichtig. Trfen mich groe
Unglcksflle im uerlichen, oder moralisch, oder in meiner Gesundheit,
so wrde ich dadurch natrlich leiden wie ein anderer, aber sie wrden
mich sehr vorbereitet und gefat finden, ich wrde doch mit Heiterkeit
auf das lang Genossene zurckblicken, und meine innere Ruhe wrde solche
Zustnde nicht zerstren oder nur bedeutend ergreifen. Eben jene
Selbstndigkeit, von der ich erst sprach, gibt Mittel, jedem Unglck so
zu begegnen, da fr mich Glck und Unglck wenigstens ganz andere
Bedeutung, als fr andere Menschen haben. Und das ist mir immer eigen
gewesen. Sie reden in Ihrem Briefe, liebe Charlotte, den ich hier die
Freude hatte vorzufinden und wofr ich Ihnen noch nicht dankte, von der
Sehnsucht und fragen mich, ob ich sie wohl je gefhlt habe? Ich glaube
allerdings. Indes ist es freilich wahr, und ich sage das nicht eben als
ein Lob, da es vielleicht eher eine Selbstanklage ist, da ich frh eine
groe Ruhe gewonnen habe, die nicht leicht durch etwas gestrt wird. Ich
lernte frh mir in meinen eigenen Gedanken und meinen von keiner fremden
Einwirkung abhngigen Gefhlen gengen, und jetzt pat diese Ruhe und
Zurckgezogenheit in sich selbst zu meinen Jahren und ist mir dadurch
doppelt natrlich. Indes bin ich sicher, da diese Ruhe und
Bedrfnislosigkeit nie der Wrme meiner Empfindungen geschadet hat.
Wenige Menschen aber knnen fassen, wie man auf der einen Seite nicht
mit Unruhe wnschen und nicht schmerzlich entbehren und auf der andern
Seite doch voll Dank empfangen und genieen knne. Dennoch kommt es mir
uerst natrlich vor. Sie mssen nun aber darum nicht denken, da ich
Sehnsucht und selbst unruhiges Begehren in andern tadle. Jeder hat und
mu seine eigene Weise haben, und wenn ich auch in der meinigen bleibe
und gewi in keine andere hinberzuziehen bin, so mibillige ich die
fremde nicht und bin Ihnen fr jeden Ausdruck, jede erneute Versicherung
Ihrer immer gleichen Gefhle fr mich sehr dankbar, sie bleiben mir
immer gleich wohlttig. Ich hoffe, Sie haben an Ihrer Lebenserzhlung
wieder gearbeitet und freue mich darauf. In zehn bis zwlf Tagen gehe
ich von hier und hoffe, in Berlin Briefe von Ihnen vorzufinden. Mit
herzlicher Anhnglichkeit der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 11. August 1823.

Ich bin vorgestern nach Berlin und gestern hierher zurckgekommen und
habe mich ungemein gefreut, ein Paket und Briefe von Ihnen, liebe
Charlotte, hier zu finden. Nchstdem danke ich Ihnen recht herzlich fr
das neue Heft Ihrer Lebensbeschreibung, das Sie mir geschickt haben. Ich
habe es, wie Sie selbst ermessen werden, in diesen ersten Tagen noch
nicht lesen knnen, indes habe ich schon hier und da darin geblttert,
und bin mit dem, was ich angetroffen, ausnehmend zufrieden, ich bin also
im voraus berzeugt, da ich es mit dem Ganzen sein werde. Was Sie in
der Vorrede sagen, da man bei einem solchen Aufzeichnen des Vergangenen
sein Leben noch einmal lebt, ist sehr wahr, allein der Eindruck, den die
Wirklichkeit, und derjenige, den die bloe Erinnerung macht, sind
notwendig sehr voneinander verschieden.

Wo die Begebenheiten schmerzlich sind, ist die Wirklichkeit in ihrem
schroffen und starren Wesen, und von der Ungewiheit dessen, was weiter
erfolgen wird, begleitet, niederschlagend und zerreiend. Die
Erinnerung dmpft diese Gefhle bis zur sanften Wehmut. Das Schmerzvolle
ist nicht mehr ein einzelner, abgeschnitten dastehender Moment, sondern
verschmelzt sich mit dem ganzen Leben, und erhlt dadurch einen ungleich
milderen Charakter. Und sehr wohlttig und heilsam ist dann gewi ein
solches rckwrts gehendes Vertiefen in die Vergangenheit, das zugleich
ein Vertiefen in die mannigfachen Falten des eigenen Gemts und Herzens
ist. Wie gut man sich auch schon erkennen mge, so gewinnt das Bild, je
fter man es wieder zu zeichnen versucht, immer mehr Klarheit und
Bestimmtheit, und wird auch wohl in einzelnen Zgen noch berichtigt und
der Wahrheit nhergebracht. Die Furcht, da Sie durch eine
Selbstschilderung bei mir verlieren knnten, drfen und knnen Sie
eigentlich nicht haben. Sie brauchen auch darin nicht, liebe, gute
Charlotte, sich an meine Nachsicht und milde Beurteilung zu wenden.
Gerade ein so ausfhrliches, so das ganze Leben wie aus seiner ersten
Knospe entfaltendes Verwahren bewahrt vor jedem Miverstndnis, jedem
Irrtum, jeder falschen Beurteilung. Es kommt im Menschen, wie Sie auch
gewi denken, immer unendlich mehr auf das Wesen, als auf die einzelnen
Handlungen an. Die gewhnlichen Menschen richten allerdings nur die
letzten, wie es auch die Gesetze tun. Aber die Macht, die die Herzen
durchspht, geht auf die Gesinnung, die Absicht, die ganze
Beschaffenheit und Stimmung des Gemts, und dasselbe tut auch die
Geschichte. Jede zusammenhngende Erzhlung aber, welche die Erfolge aus
ihren Ursachen zu entwickeln strebt, ist Geschichte und bringt denselben
Eindruck hervor, sie mgen Weltbegebenheiten oder die Schicksale eines
einfachen Privatlebens zum Gegenstande haben. berhaupt wnscht man ja
nicht darum die Begebenheiten eines Menschenlebens zu bersehen, um sich
gleichsam zum Richter darber aufzuwerfen, am wenigsten ist ein solches
Beurteilen je mir eigen. Die Anschauung eines interessanten
Gemtszustandes, die Betrachtung seiner Ursachen und Folgen, zieht --
ohne da man nur daran denkt zu urteilen oder zu richten -- das Gemt
des Beschauers an, wenn der Gegenstand ihm wert ist und seinen Anteil
erweckt, ja, wenn das abgesondert werden knnte, so erblickt man in der
einzelnen Gestalt die allgemeine, in dem einzelnen Menschen die
Menschheit selbst. Dagegen bin ich berzeugt und habe es schon an den
bisherigen Heften erfahren, da Ihre Erzhlung mir sehr oft, ohne da
Sie es wollen, ja, ohne da Sie es nur ahnen werden, Veranlassung geben
wird, die Meinung, die Sie mir vor einer langen Reihe von Jahren durch
Ihren Anblick und Ihre Gesprche und nachher durch Briefe und
Schilderungen einflten, und aus der mein warmer, lebhafter und sich
immer gleicher Anteil an Ihnen entsprang, zu besttigen, mit neuen
Beispielen zu belegen und selbst zu erweitern. Fahren Sie also ja, teure
Charlotte, nur mutig und ohne einige Besorgnis, je miverstanden zu
werden, fort.                   H.



Den 10. September 1823.

Ich habe nun das empfangene Heft Ihrer Lebensbeschreibung mit groer
Sammlung und sehr groem Vergngen gelesen und wiederhole Ihnen meinen
wirklich recht herzlichen und aufrichtigen Dank dafr. Ich habe die
Zeiten gewhlt, wo ich am freiesten war, mich in die geschilderten Lagen
zu versetzen, und habe also langsam und mit groem Bedacht jedes
Einzelne erwogen. Einige der Schilderungen sind mir ungemein anziehend
und reizend vorgekommen. Es mu Sie das nicht wundern. Wenn man den
Inhalt dieser Bogen in seinen Resultaten erzhlt, so kann das Leben
eines Kindes nur hchst unbedeutend scheinende geben. Aber wenn man eine
sehr ausfhrliche Schilderung vor sich hat, ist es durchaus anders. Es
ist dann nicht mehr die Sache, das Resultat, es ist die Vernderung, die
dabei in der Seele vorgeht, die innere Entwickelung der Ideen und
Empfindungen, und die ist bei einem Kinde nicht blo ebenso anziehend
als bei Erwachsenen, sondern im Grunde mehr, da das Kind zu mehr
Vergleichen Stoff darbietet. Wie Sie zum Beispiel sich als Kind zeigten,
vergleicht man gern mit der Natur Ihrer beiden Eltern, und mit Ihrem
eigenen spteren Wesen. Diese drei Punkte haben mir beim Lesen immer
gleich deutlich vor Augen gestanden. Es ist vollkommen offenbar, da,
was Sie als Kind charakterisiert hat und was sich berall in Ihrem
knftigen Leben wieder finden wird, wenn Sie in Ihren Schilderungen
fortrcken werden, eine gewisse Innerlichkeit Ihres Wesens ist. Sie
scheinen zwar auch in jenen Jahren der frheren Kindheit sehr aufmerksam
auf dasjenige gewesen zu sein, was um Sie herum vorging, allein doch
nicht sowohl, um darin nun wirklich zu leben, als um sich daraus eine
eigene, innere Welt zu bilden. Es ist ebenso unverkennbar, da Sie
diese, mehr innerliche Natur Ihrem Vater verdanken, in dem sie nur auf
eine andere Weise vorhanden und aus anderen Quellen entsprungen war.
ber Ihre Eltern und ihre gegenseitigen Vorzge zu urteilen, ist nicht
leicht. Wie beide da in der Welt standen, ist man sehr geneigt, sich
doch mehr fr Ihre Mutter zu erklren. Sie ist praktisch ttig, mutig,
besonnen, verstndig und doch nicht von tndelnder, aber doch von sehr
wahrer Liebe und Wohlttigkeit. Der grere Charakter unter beiden ist
sie gewi. Bei dem Vater vermit man das recht ins Leben Eingreifende,
das einem Manne noch mehr als einem Weibe geziemt. Allein man htet sich
mit Recht abzuurteilen. Es ist sichtbar, da man in sein eigentliches,
inneres Wesen nicht gehrig eindringt. Es ist auch hchst
wahrscheinlich, da er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rckhalt
aufzuschlieen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhltnis
nicht stehen. Er htte es spterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht
ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das
werden in der Folge Ihre Bltter zeigen. Allein es ist selten und
schwer, da ein Vater sich ber sich selbst erwachsenen Tchtern
vollkommen ffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters
(ich meine darunter nmlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern,
sich mit sich selbst zu beschftigen) mit etwas, das, wenn man es auch
nicht krperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom
Bewutsein unabhngig und getrennt ist, vermischt. Diese Trume, dieser
gewissermaen natrliche Magnetismus, haben in sich etwas
Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen
lassen, und das immer wie eine unbekannte Gre dasteht, und etwas, das
das Urteil ber den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewi
macht.

Ich gestehe, da ich keine Vorliebe fr diese innere Gemtsstimmung
habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewutseins, da nichts
in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich
besitze, teils von Natur, teils durch die sehr frh begonnene bung
eines langen Lebens, eine groe Gewalt und Strke ber mich selbst, und
mir wrde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der
war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzhlen, er von einem
fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu
werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, ber Ihren Vater mir das
mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein wrde,
der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von
Preuisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener
Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden
auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber fr sehr anziehend,
auerdem, da sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes
schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem
ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch
sehe ich eben, da Sie meinen Rat ber etwas wnschen. Schreiben Sie mir
nur ohne Rckhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewi mit
Freuden. Es ist aber wahr, da ich nichts davon halte, Rat zu fragen,
noch zu erteilen. Gewhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun
wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern ber
mancherlei, auch ber Konvenienz, Pflicht aufklren lassen, aber
entschlieen mu man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl!
Unwandelbar der Ihrige.                          H.



_Berlin_, den 18. Oktober 1823.

Den fr den Augenblick ntigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe
Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus
Ihrem nchsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der
Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt
nicht schaden, und man wei doch nicht, was geschieht. Ich halte immer
sehr viel davon im Leben, die Anlsse, die sich zu etwas darbieten, was
dem gewohnten Gange eine vernderte Richtung geben kann, nicht zu
versumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend
entspinnt, in das brige Leben zu verweben. Vorzglich ist aber dies der
Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und
das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte
Ihnen einmal so gnstige uerungen gemacht, da es schade wre, auf
diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine
Prfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend
ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln
von Erfahrungen das Ntzlichste und wenigstens bei weitem das
Unterhaltendste. Es kann zwar sein, da das nicht so in jeder Natur ist,
aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben
wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn ich in Lagen war, wo ich
ernsthaft selbst mithandeln mute, hat mich diese Freude am bloen
Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen.
Ich habe darin zugleich eine groe Zugabe zu meinem innern Glck und
eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist
leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die
positive Freude am Anblick der wirkenden Krfte, am Weiterrcken der
sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und
dann wird man gleichgltiger gegen den Ausgang, insofern dieser nmlich
uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine
Weise geschwcht werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch
Ruhe, Klte und Besonnenheit. Besonders bei groen Angelegenheiten gibt
diese Ansicht gerade die berzeugung, da sie, wenn sie auch gegen
unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal
feststehenden Plnen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste
dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein ber jedes andere gehendes
geistiges Vergngen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens
bei mir, anders. Es wrde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht
scheinen, die ich mir nie erlauben wrde, wenn ich, was sich mit mir und
meiner Persnlichkeit ereignet, gewissermaen tiefen Plnen im Weltlaufe
zuschieben wollte. Es gehrt freilich auch zum Ganzen, aber wie ein
Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst
betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen,
mit Bescheidenheit im Gnstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht
und seinen Gefhlen schuldig ist, das brige mag auf- und abstrmen, ich
suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch
bei den, von hherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden
Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergngen
der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstnde u. s. f.,
was oft fr so vieles auch wirklich Widrige entschdigt. Es versteht
sich jedoch von selbst, da diese Beschauungslust des Lebens nie aus
bloer Neugierde entstehen mu, da sie nicht sein darf, wie
vergngungsschtige Leute in die Komdie gehen. Sie mu entstehen aus
dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht blo an ihrem
Glck, denn das Glck ist bei weitem nicht das Hchste, sondern an ihrem
innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer
unermdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem
Innern zu erkennen, und so viel es mglich ist, die Rder zu erahnen,
welche die Schicksale der Menschen, oft unauflslich scheinend,
ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander
rollen, da wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie daraus
hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Hhe des Gesichtspunkts
ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der
Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes
und Edles daraus hervorgehen. -- Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung
Ihrer Lebenserzhlung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht
haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem
innigsten Anteil der Ihrige. H.



_Burgrner_, den 29. November 1823.

Ich befinde mich hier sehr wohl. Es ist nicht blo fr diese Jahreszeit
und den sonst oft so schlimmen Monat, sondern wirklich an sich immer
leidliches und oft sehr gutes Wetter. Heute war es wirklich schn, und
die Sonne kam sehr freundlich heran. Zwar erhob sie sich nur wenig ber
eine dichte und finstere Wolke, die den Abendhimmel bedeckte, aber der
brige Teil des Himmels war vollkommen blau. Da ich teils viele
Geschfte hier habe, teils die Zeit zu eigenen Arbeiten benutzen will,
so ist es mir sehr lieb, ganz allein hier zu sein, ich bin so gar keiner
Strung ausgesetzt und liebe an sich die Einsamkeit. Die Freude, mit den
Meinigen zu sein, ist mir nur immer eine unendlich glckliche Zugabe zu
meinem schon glcklichen Leben. Ich habe mir aber nie denken knnen, wie
dasjenige eigentlich ein Glck zu heien verdient, was eine Lcke
ausfllt, die einem Unglck nahe kommt, und es hat mir immer
geschienen, als ginge der wahrhaft edle und hohe Glcksgenu erst an,
wenn man, sich selbst gengend im Gleichgewicht, seine Neigungen und
Empfindungen mit sich verknpft, die diesen, schon in sich
befriedigenden Zustand dergestalt erhhen, da er, damit verglichen,
wirklich mangelhaft erscheint. Heftige Begierden und leidenschaftliche
uerungen sind mir daher immer fremd geblieben. Indes will ich das
nicht eben loben noch in Schutz nehmen. Es knnte leicht auch in einem
Mangel an Feuer liegen, dessen der Mann zu vielen der wichtigsten und
ernsthaftesten Dinge bedarf, es ist auch nicht jene Fremdheit immer in
gleichem Grade in mir gewesen. Jetzt ist sie meinen Jahren freilich
natrlich. Die Jugend mu im Manne immer zuerst in der wirklich nur
jugendlichen Lebendigkeit des Empfindens und dem, was leidenschaftlich
ist, erlschen; zum Entschlu und zur Anstrengung kann dann ihre Kraft
noch lange ausdauern. -- Nun komme ich zu dem letzten Heft Ihrer
Lebenserzhlung zurck. Es hat mir wieder ungemein viel Freude gemacht,
und ich habe es gestern abend ohne Unterbrechung hintereinander gelesen.
Es schadet garnicht, wenn auch einiges, was Sie darin erzhlen, in eine
andere Periode gehrt, wie Sie besorgen. Es ist unmglich, in der
Erinnerung so genau in der Zeitfolge zu bleiben, ich wrde sehr verlegen
sein, sollte ich von einem meiner Kinderjahre so ausfhrlich erzhlen.
Es ist merkwrdig, da Ihnen so viel in der Erinnerung geblieben ist.
Da in diesem Hefte gerade so viel vom Schreiben die Rede ist, so kann
ich Ihnen mit Wahrheit sagen, da diese Erzhlung wieder ganz diesen
Vorzug hat. Alles darin ist trefflich gedacht und empfunden, das ist das
erste darin, und wie Sie selbst richtig bemerken, das unerlliche
Erfordernis jedes guten Schreibens; allein auch das letzte ist bei Ihnen
damit verbunden. Die Art Ihrer Entwickelung hat mich ungemein
interessiert. Sie bemerken sehr richtig, da das, was Ihnen mehr durch
Sie selbst, und zufllig durch Umgang mit Erwachsenen, an Unterricht
zukam, gerade darum so stark und so dauernd wirkte, weil es wenig war,
und in ein auf besseren und reichhaltigeren Unterricht begieriges Gemt
fiel, so mchte ich auch im brigen weiter schlieen. Es sollte mich
aber nicht wundern, wenn doch gerade diese Erziehung mehr oder krftiger
beigetragen htte, Sie so, wie Sie geworden sind, zu bilden, als wenn
alles fein systematisch dabei ausgedacht worden wre. Man mu sich die
Erziehung ja nicht blo und immer als eine direkte Leitung zu
verstndiger Haltung, gutem Charakter und hinlnglichem Reichtum von
Kenntnissen denken. Sie wirkt oft weit mehr als ein Zusammenflu von
Umstnden, deren beabsichtigte Wirkung ganz vereitelt wird, die aber
durch den Streit gegen die Individualitt des zu Erziehenden in ihm
bewirkt, was die direkte Einwirkung nie vermocht htte. Denn das
Resultat der Erziehung hngt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der
Mensch sich auf Veranlassung oder durch den Einflu derselben selbst
bearbeitet. Mit groem Vergngen habe ich auch besttigt gefunden, da
dasjenige, was Ihr Gemt und Ihren Verstand noch jetzt auszeichnet,
Ihnen auch in der Kindheit schon beiwohnte. Es ist immer meine Meinung
gewesen, da sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters
nimmt, nicht eigentlich ndert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl
Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu
sein, ob mehr nach der Auenwelt, oder mehr nach innen gekehrt, ob
heftig oder sanft, ob in die Tiefe der Ideen eingehend, oder auf der
Oberflche verweilend, ob mit khnerem und fettem Entschlu ins Leben
eingreifend, oder Schwche verratend, bleibt gewi von der Kindheit bis
in den Tod die nmliche. Das war fr heute vorerst das Wichtigste, was
ich Ihnen ber dies Heft sagen wollte. Auf ein und anderes komme ich ein
anderes Mal zurck. Immer aber wiederhole ich Ihnen aufs neue meinen
herzlichen Dank fr die Mhe, die Sie mir so liebevoll widmen.



_Berlin_, den 12. Januar 1824.

Ihr Brief, liebe Charlotte, vom 21. v. M. hat mir groe Freude gemacht,
und ich danke Ihnen von ganzem Herzen fr alles Liebevolle, das er
enthlt. Nehmen Sie besonders meinen Dank fr Ihre Wnsche zum neuen
Jahr an, und seien Sie versichert, da ich sie aus recht inniger Seele
erwidere. Niemand kann innigeren Anteil an Ihnen nehmen als ich, niemand
es besser mit Ihnen meinen; so kann auch niemanden die Erfllung der
Wnsche fr Ihr Glck so sehr am Herzen liegen als mir, davon seien Sie
mit unumstlicher Gewiheit berzeugt. Sorgen Sie aber auch selbst,
beste Charlotte, angelegentlich fr Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe. Mir
kommt es immer vor, da die Art, wie man die Ereignisse des Lebens
nimmt, eben so wichtigen Anteil an unserm Glck und Unglck htte, als
diese Ereignisse selbst. Den eigentlich frohen heiteren Genu kann man
sich allerdings nicht geben, er ist eine Gabe des Himmels. Aber man kann
viel dazu tun, das Unangenehme, dessen fr jeden das Leben immer viel
herbeifhrt, ruhiger aufzunehmen, mutiger zu tragen, besonnener
abzuwehren oder zu vermindern. Man kann wenigstens vermeiden, sich
unntige und ungegrndete Besorgnis und Unruhe zu erregen. Wenn man das
eine und das andere tut, sucht man sich damit gleichsam recht frei von
der Abhngigkeit der hheren Mchte zu machen; man geniet ja dadurch
noch lange kein Glck, man bewahrt sich nur vor zu unangenehmen
Empfindungen. Man handelt aber gewi im Sinne und nach dem Willen des
Himmels, wenn man mit so viel Selbstndigkeit, als die individuellen
Krfte zulassen, dem Geschick begegnet und sich seinen Einflssen von
innen heraus weniger zugnglich macht. Ich sage das, liebe Charlotte, um
Ihnen vorzustellen, da Sie sich nicht so um nichts beunruhigen mssen,
wie neulich, wo Sie, geschreckt durch Trume, sich bangen Ahnungen
berlieen. Ihre Worte: Nehmen Sie mir den ngstlichen Kleinmut nicht
strenge auf, ach! nehmen Sie mir die Worte nicht so genau -- das Unglck
macht aberglubig, man frchtet berall, man sieht nur traurige
Vorbedeutungen -- der Glckliche wei nichts von Aberglauben -- diese
Worte haben mich sehr gerhrt und in innigster Teilnahme bewegt, und nur
aus diesen Empfindungen geht das hervor, was ich Ihnen sage. Sie haben
einen viel zu klaren und bestimmten Verstand, haben ber diese Dinge in
dem, was Sie bei Gelegenheit der Stimmung Ihres Vaters in dieser Art mir
geschrieben, so richtig geurteilt, da Sie nicht durch so unbedeutende
Zeichen, wenn man es nur berhaupt Zeichen nennen kann, sich sollten
irgend bewegen lassen. Nehmen Sie, was ich da sage, ja nicht als einen
Vorwurf auf. Ich wrde mir gewi nicht herausnehmen, Ihnen je einen zu
machen. Ich wnsche aber dringend, da Sie sich nicht vergeblich
beunruhigen, nicht Ihrer Gesundheit schaden, sich in Ihren
Beschftigungen stren und sich Ahnungen hingeben, die entweder Kummer
ber Unglcksflle rege machen, die nicht eintreten, oder die Trume
ber wirklich sich ereignende schon im voraus fhlen lassen. Ich halte
es auch nicht fr unangemessen, Ihnen so ausfhrlich darber zu
schreiben, da ich besorge, da die Unruhe, die Sie darber uern, Sie
nicht sobald verlassen mchte, und Sie mir sehr oft die wohltuende
Versicherung geben, da Ihnen meine Worte beruhigend und trstlich sind.
Nun leben Sie herzlich wohl und verscheuchen Sie jede bange Sorge.
Vertrauen Sie den gtigen Mchten des Schicksals, und glauben Sie nicht,
da es solche gibt, die absichtlich das Herz mit Ahnungen plagen, sich
nicht an dem Schmerz ber wirkliches Unglck begngend. Mit den Ihnen
bekannten unvernderlichen Gesinnungen der Ihrige.       H.

                             ____________


Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, da nur
dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit,
wenn etwas Widerwrtiges eintrifft, sind alles, was man dem Schicksale
entgegenstellen kann.

Sie erinnern mich an eine Stelle der Bibel und fragen mich, ob ich sie
gelesen habe? Ich habe die Bibel von einem Ende zum andern mehrmals
durchgelesen, das letzte Mal noch in London, und ich kannte daher sehr
gut das Kapitel des Briefes an die Korinther, das Sie anfhren. Es ist
allerdings eines der schnsten im Neuen Testament, wenn es recht
verstanden wird, allein auch eines von denen, in welche zu leicht ein
jeder etwas von seinem eigenen Gefhl und seiner Individualitt
hineintrgt, und wenn diese auch recht gut und fromm sind, so knnen sie
doch der ursprnglichen Bedeutung fremd sein. Im griechischen Urtext ist
das weniger mglich. Wir haben im Deutschen nur das eine Wort _Liebe_,
welches zwar sehr rein, edel und schn ist, aber doch fr sehr
verschiedenartige Empfindungen gebraucht wird. Im Griechischen gibt es
ein eigenes fr die ruhige, sanfte, leidenschaftlose, immer nur auf das
Hhere und Bessere gerichtete Liebe, das niemals fr die Liebe Zwischen
den Geschlechtern, wie rein sie sein mchte, gebraucht wird, und dies
Wort, welches mehr den christlichen griechischen Schriftstellern als den
frheren eigen ist, steht gerade in diesem Kapitel. Ich mchte damit
aber keineswegs die Lutherische bersetzung tadeln, vielmehr leugne ich
nicht, ist mir unser deutsches Wort lieber als jedes andere, gerade weil
es so vielumfassend ist, und die Empfindungen in der Seele gerade bei
ihrer Wurzel aufnimmt. Was sowohl den Inhalt dieses Kapitels vorzglich
wrdig und gro macht, und auch den Begriff deutlich zeigt, der mit dem
Worte der Liebe nach dem Sinne des Apostels verbunden werden soll, sind,
wie es mir scheint, zwei Dinge: Erstens, da nicht blo auf die Ewigkeit
hingedeutet, sondern die Liebe selbst, als etwas Ewiges, mehreren
andern, auch groen und schtzungswrdigen, aber dennoch vergnglichen
Dingen entgegengesetzt wird, und da die Liebe nicht als ein einzelnes
Gefhl, sondern sichtbar als ein ganzer, sich ber den ganzen Menschen
verbreitender Seelenzustand geschildert wird. Die Liebe, heit es, hrt
nimmer auf. Dies beweist zur Genge, da sie auf Dinge gerichtet sein
mu, die selbst ewig und unvergnglich sind, und da sie dem Herzen auf
eine solche Weise eigen sein mu, da sie in keinem Zustande des Daseins
demselben entrissen werden kann. Es ist nicht sowohl von einer
bestimmten Liebe, nicht einmal der des hchsten Wesens, die Rede,
sondern von der inneren Seelenstimmung, die sich ber alles ergiet, was
der Liebe wrdig ist und worauf sich Liebe anwenden lt. Es ist auf den
ersten Anblick nicht gleich zu begreifen, warum, da alles hienieden
Stckwerk genannt wird, die Liebe allein zu dem, was ganz und vollkommen
ist, gerechnet wird. Denn das brige, welches der Apostel anfhrt, ist
doch offenbar deshalb Stckwerk genannt, weil es in endlichen Wesen
nicht vollkommen sein kann, und die Liebe, wie rein und erhaben sie sein
mge, ist: doch auch nur in endlichen Geschpfen nach der Art, wie sie
in diesem Kapitel genommen ist. Es ist aber wohl deshalb, weil alles
brige, wovon als von Stckwerk die Rede ist, eine Kraft des Wissens und
des Tuns voraussetzt, die sich in menschlichen und endlichen Wesen nicht
befinden kann. Die Liebe hingegen geht selbst von einem bedrfenden
Zustande aus, sie gehrt rein der Gesinnung und dem Gefhle an und ist
berall aufopfernd, gehorchend und hingebend. Sie wird daher durch die
Schranken der Endlichkeit nicht so gehemmt. Allerdings knnte sie im
Menschen nicht wohnen, wenn ihm nicht selbst eine Verwandtschaft mit dem
Unendlichen im Innersten seines Wesens zugrunde lge, denn wenn ihr Odem
ihn einmal beseelt, so kann er sich in ihm mehr, als irgend sonst, dem
Hheren verwandt fhlen. Da aber, wie ich im Anfange sagte, wohl jeder,
ohne auch irgend in Miverstndnisse zu verfallen, gerade diese Stelle
der Bibel nach seiner individuellen Empfindung nimmt, so gestehe ich,
da ich den Ausdruck Liebe hier von aller und jeder einzelnen Empfindung
fr ein Wesen durchaus geschieden und getrennt halte, und darin nur eine
Schilderung des an sich weit hheren Seelenzustandes finde, der, frei
von aller Selbstsucht, fern von jeder Leidenschaftlichkeit, mit
Wohlwollen auf allem verweilt, das gnstige, wie das widrige Schicksal
mit Ergebung und Gelassenheit trgt, und aus dessen Ruhe selbst die
belebende Wrme in alles, was ihn umgibt, bergeht. Darum heit es, da
die Liebe nicht eifert, sich nicht ungebrdig anstellt u. s. f. Darum
werden ihr Glaube und Hoffnung zur Seite gestellt, sie aber ber beide
erhoben; darum besonders wird sie ber die Werke gesetzt. Dies letzte
kann augenblicklich sonderbar scheinen. Allein es ist sehr richtig, da,
wenn die Gesinnung wahrer Liebe da ist, die Werke von selbst aus ihr
entspringen. Diesem Seelenzustande ist das Fordernde, das Unruhige,
Sorgende, auf Ausbung von Recht mehr als auf strenge bung der Pflicht
Bedachte, das sich selbst Lobende und mit sich Zufriedene
entgegengesetzt. So nehme ich diese biblische Stelle, obgleich ich fern
bin zu behaupten, da nicht auch eine andere Ansicht statthaft wre.



_Berlin_, den 12. Mrz 1824.

Ich habe Ihre Bltter vom 21. v. M. erhalten und danke Ihnen auf das
herzlichste dafr. Es hat mir aber leid getan, zu sehen, da Sie sich
wieder vergebliche Besorgnis und Unruhe gemacht hatten. Sie mssen das
mglichst vermeiden, liebe Charlotte, und darin eine grere Herrschaft
ber sich gewinnen. Ich sage Ihnen das gewi nur zu Ihrem Besten und zur
Befrderung Ihrer inneren Ruhe. Es ist so vielen Zuflligkeiten
unterworfen, ob ein Brief einige Tage frher oder spter geschrieben
wird, ob er lnger oder krzer geht, da, wenn eine solche Erwartung
gerade einmal nicht zutrifft, Sie darum sich nicht beunruhigen mssen.
Ich erkenne gewi den ganzen Wert der Gesinnungen, die Sie gerade fr
mich besorgt machen, allein ich bin vollkommen wohl, und Sie brauchen
auf keine Weise fr mich zu frchten. Ich lebe den ganzen Tag mit
ernsthaften und mir wichtigen Dingen beschftigt, ich verlasse kaum
mein Zimmer als in den spten Abendstunden und bin ruhig, ttig und
heiter. Bei solcher Stimmung wrde sich selbst eine schwchliche
Gesundheit erhalten. Die meinige aber ist bisher sehr gut gewesen. Ich
wei freilich, da sich das sehr leicht und von einem Jahre, ja Tage zum
andern ndern kann, indes fr jetzt ist kein Anschein dazu. Wenn es
kommen wird, bin ich auch darauf vorbereitet. Auf meine Stimmung wird
selbst Krnklichkeit keinen Einflu haben, ich habe mich von frher
Jugend an gewhnt und gebt, gegen mich selbst hart zu sein und meinen
Krper als etwas meinem eigentlichen Selbst Fremdes anzusehen. Meinen
Beschftigungen werde ich schon eine Wendung geben knnen, da ich sie
nicht aufzugeben brauche, wenn sie auch gestrt werden, und so drften
Sie sich wirklich mich auch dann nicht unglcklich denken, wenn einmal
der Fall kme, da ich wirklich leidend wrde. Es freut mich sehr, aus
Ihrem Briefe zu sehen, da auch Sie im ganzen leidlich wohl sind, und
der sonderbare Winter Ihnen nicht geschadet hat, wie ich zuweilen
frchtete. Ich liebe im Grunde die Abwesenheit von strenger Klte so,
da ich die andern Unannehmlichkeiten, die ein so gelinder und
wechselnder Winter allerdings mit sich fhrt, leicht bersehe. Die recht
eigentliche Klte hat etwas mehr als blo physisch Erstarrendes, es
kommt einem ordentlich vor, da Menschen ihr nie ausgesetzt sein
sollten, sie gibt der Natur selbst ein so einfrmiges Ansehen und hat
etwas wahrhaft Unbarmherziges fr die Armen. Das niedrige Volk, das nur
wenig Mittel herbeischaffen kann, ist schon darum viel glcklicher in
sdlichen Lndern, weil es wenigstens von dieser Plage befreit ist. --
Sie haben mir, liebe Charlotte, sehr lange nichts von Ihrer
Lebensschilderung geschickt, vermutlich ist der Winter mit seinen
Geschften und krzeren Tagen daran schuld. Wenn Sie aber Mue und
Stimmung haben, so ist es, wie ich Ihnen oft und immer sagte, mein
Wunsch, da Sie fortfahren, wenigstens bis zu Ihrer Verheiratung.
Hernach will ich Sie dann weder bitten noch bereden.

Ich war heute einige Stunden in Tegel, und so wenig gnstig das Wetter
war, so hat es mir doch Vergngen gemacht. Die Annherung des Frhjahrs
sprt sich immer und bringt auch in den Menschen eine Art von
Erneuerung. Man ist lebendiger, man glaubt einem neuen Lebensabschnitt
entgegen zu gehen und vergit gewissermaen, da die schne Gestalt, die
die Natur nun wieder annimmt, nur wenige Monate dauern und dann dasselbe
wiederkehren wird, dem man sich jetzt entgangen zu sein freut. Wenn das
aber auch eine Art von Selbsttuschung ist, so bleibt es das ganze Leben
hindurch eine immer und immer gleich freudig wiederkehrende. Seit meinen
Kinderjahren erinnere ich mich des gleichen oder wenigstens ganz
hnlichen Gefhls. Da Sie in einem Garten wohnen, werden Sie diese
Gefhle auch gewi teilen. Denn in der Stadt gehen freilich die
Jahreszeiten in traurigem Einerlei an einem vorber.

Mit den Ihnen bekannten unvernderlichen
Gesinnungen der Ihrige.               H.



_Berlin_, im April 1824.

Allerdings gehrt das vollkommene Gelingen unserer Unternehmungen der
ursprnglichen Kraft wohl grtenteils an, die der Mensch nicht in
seiner Gewalt hat. Ich teile ganz Ihre Meinung, da es noch mehr von
einem nicht zu erklrenden hheren Segen abhngt, der einzelne
begleitet, und wohl, wie Sie sagen, auf der Lauterkeit Ihrer Gesinnungen
beruht. Ihr Ausdrucke, da es scheine, als ob die Gottheit ihren Segen
nur in reine Gefe ergiee, hat mir ungemein gefallen. Der Mensch
vermag diesen Segen, wenn er ihm entsteht, nicht herbeizuzaubern. Da
dieser Segen wirklich mit den Menschen zusammenhngt auf unsichtbare und
geheimnisvolle Weise, das glaube ich mit Ihnen. Aber die Begriffe von
Glck und Unglck sind selbst bei denen, die richtige Ideen zu haben
pflegen, so unbestimmt und so irrig, da ich von frh an immer gestrebt
habe, mir darber ganz klar zu werden, und wie ich dahin gelangt bin,
habe ich gefhlt, da man des Glckes, bis auf einen gewissen Grad
wenigstens, immer sicher ist, so wie man sich von den ueren Umstnden
unabhngig macht, so wie man lernt, Freude aus allem Erfreulichen in
Menschen und Dingen zu ziehen, aber in Menschen und Dingen nichts
eigentlich zu bedrfen.

Gewi hat man seinen Lohn dahin, indem alles Verdienst aufhrt, wenn man
der Folgen wegen etwas tut.

Was ich beitragen kann, Ihr Leben zu erheitern, werde ich immer mit
Freuden nach meinen Krften tun. Erlauben Sie mir den Rat, sich einmal
einige Erholung zu gnnen in der schnen Jahreszeit; sollte Ihnen nicht
eine Badekur zutrglich sein? Antworten Sie mir vertrauend, liebe
Charlotte, niemand als Sie und ich wei von dem, was Sie mir und ich
Ihnen sage.                       H.



_Tegel_, im Mai 1824.

Sie haben mir durch das mir bersandte neue Heft Ihrer Biographie eine
viel grere Freude gemacht, als Sie es wohl geglaubt haben mgen. Ich
habe es mit dem grten Anteil gelesen. Zuerst und hauptschlich aus
Anteil an Ihnen. In dieser Hinsicht ist es ein sehr erfreuliches Heft,
weil es eine Zeit schildert, die Sie glcklich und froh verlebten und
unter interessanten Menschen zubrachten. Es hat mich lebhaft in die
Vergangenheit und in jene Zeit zurckversetzt. Wenn auch die
verschiedene Lebensart, in von einander entfernten Provinzen
Deutschlands, Sitten und Lebensweise sehr verschieden gestaltet, so
spricht sich doch auch wieder der eine Geist der Zeit gleichmig in
allem aus.

Was Sie als Kind von sich erwhnen, da Sie Bilder in der Phantasie
getragen, fr die Sie Wesenheit wnschten, ersehnten, erwarteten, ist
mir genau ebenso und von der frhesten Kindheit an gewesen, ich glaube
gewi vom sechsten Jahre an, was doppelt frh bei mir ist, da ich erst
im dritten sprechen gelernt habe. Bei Ihnen war es die Sehnsucht nach
einer Freundin, und zum Teil entstanden durch das Lesen der Clarisse.
Bei mir hatte es keine uere Ursache oder Veranlagung, wenigstens ist
mir durchaus keine erinnerlich. Die Gegenstnde, ich meine nicht
eingebildete Personen, sondern die Sachen berhaupt, die sie betraf,
waren allerdings verschieden, aber eine blieb von dieser Zeit der ersten
Kindheit bis jetzt und wird vermutlich bis an meinen Tod bleiben; denn
noch jetzt, wenn ich einmal eine schlaflose Nacht habe, oder allein im
Wagen sitze, oder spazieren gehe, oder sonst eine Zeit habe, die man in
bloer Beschftigung der Einbildungskraft zubringen kann, beschftigt
mich dieselbe Vorstellung noch immer, wie die in meiner Kindheit, aber
natrlich in anderer, oft wechselnder Gestaltung. Da es ein Gegenstand
ist, der garnicht in das Leben bergehen, sondern nur auf die innere
Denkweise einwirken kann, so berhrt es mich auch im Leben nicht,
sondern geht wie eine Dichtung neben der Wahrheit fort; allein im Innern
verdanke ich, im besten Sinne des Worts, dieser Selbstbeschftigung sehr
viel. Es ist ja berhaupt die natrliche Folge aller inneren Ttigkeit
und jeder recht lebendigen Regsamkeit der Einbildungskraft und des
Gefhls, da dadurch die wirklichen Ereignisse des Lebens mehr in
Schatten treten, und das zu groe Gewicht dieser, ihr zu helles Licht zu
vermindern, ist immer heilsam, das Unglck schadet und drckt dann
weniger, und das Glck fesselt nicht an seinen Genu, und macht den
Gedanken ertrglich, da es immer leicht beweglich, vielleicht nicht
immer bleiben wird. Sie werden mir groe Freude machen, wenn Sie
fortfahren, an Ihrer Lebensbeschreibung zu arbeiten. Ganz der Ihrige.  H.



_Herrnstadt_, den 9. Juli 1824.

Nehmen Sie nicht bel, liebe Charlotte, da ich Ihnen mit lateinischen
Lettern schreibe. Aber meine Augen sind schon seit geraumer Zeit so, da
ich sie sehr schonen mu, und da habe ich jetzt die Entdeckung gemacht,
da die kleinen deutschen Buchstaben sie mehr angreifen als die greren
lateinischen. An Deutlichkeit gewinnen auch Sie im Lesen bei dem Tausch.
Es gibt aber Personen, welchen die lateinische Schrift mifllig ist,
und die wenigstens, weil sie ihnen fremd vorkommt, sie nicht gern im
Briefwechsel mit Personen gebraucht sehen, die ihnen wert sind. Ich
halte Sie, nach Ihrer brigen Art zu sein, von solcher gewissermaen
eigensinnigen Ansicht frei. Wren Ihnen indes doch diese Buchstaben
weniger angenehm, so sagen Sie es mir ja, ich kehre dann zu den andern
zurck. -- Wenn ich Ihnen nicht einmal geschrieben habe, da meine
zweite Tochter hier verheiratet ist, so drfte Ihnen der Ort der
berschrift dieses Brief es wohl kaum auf irgendeine Art bekannt sein.
Ich denke aber, da ich es Ihnen einmal aus Berlin, als ich Ihnen ber
die Meinigen schrieb, gesagt habe, so wenig es mir sonst eigen ist, ber
das, was mich umgibt, oder mir begegnet, in Briefen zu reden. Dieser
Ort, eine kleine, sehr unbedeutende Stadt, liegt kaum eine Tagereise von
Breslau entfernt, ich bin seit einigen Tagen hier, gehe aber in wenigen
andern von hier nach Ottmachau auf mein Gut, wohin ich Sie bat, mir zu
schreiben. Es hat, dnkt mich, immer etwas die Phantasie und das Gemt
angenehm Ansprechendes, wenn man wei, da an einem Ort und in einer
Gegend, die einem sonst ganz und gar fremd ist und die man gar nicht
oder kaum dem Namen nach gekannt hat, mit freundschaftlicher Teilnahme
an einen gedacht wird. Diese Empfindung wnsche ich, da die berschrift
dieser Zeilen auf Sie machen mge. Von Ottmachau habe ich Ihnen schon
fter geschrieben. -- Wir haben hier eine warmnasse oder wenigstens
feuchte Witterung, die leicht etwas Melancholisches haben kann, die ich
aber sehr liebe. Die Natur hat dann eine doppelt wohlttige Stille und
ist wie mit einem nebeligen Schleier berzogen, der indes doch die
Gegenstnde nicht verdunkelt, sondern nur ihre Formen und Farben sanfter
hervortreten lt. Ich bin immer und doppelt auf Reisen auf die
mannigfaltigsten Modifikationen aufmerksam, welche die Verschiedenheit
der Luft- und Wolkenbeschaffenheit dem Charakter der nmlichen Gegend
gibt. Man kann eine Gegend immer ihrem Charakter nach, nach Art eines
Menschen betrachten, und jene Modifikationen entsprechen dann den
verschiedenen Stimmungen des Gemts und sind, wie sie, ruhig und bewegt,
sanft und hart, frhlich oder traurig, ja auch wohl launen- und
grillenhaft. Danach machen Sie denn auch ihren Eindruck auf den, der auf
sie zu achten versteht, und ich kann wohl sagen, da ich das Glck habe,
diesen Eindruck nur immer so zu erfahren, wie er fr die Seele Reiz hat,
sie angenehm und lebendig spannt. Unangenehme Wirkungen macht das Wetter
nie auf mich, und wenn es schwermtig oder schauerlich ist, empfinde ich
es ungefhr nur ebenso, wie man auf dem Theater schwermtige oder
schauerliche Szenen aufnimmt. -- Beim Theater fllt mir ein, da Sie es
vermutlich auch garnicht, oder doch hchst selten besuchen. Mein Fall
ist das ganz und gar, vorzglich seitdem meinen Augen der Glanz der
vielen Lichter zu widrig und mein Gehr auch nicht mehr gut genug ist,
um die wenigstens nicht sehr gut und deutlich redenden Schauspieler zu
verstehen. Hier ist jetzt gerade eine herumziehende Truppe, und ob man
gleich hier vor allem Glanz und blendendem Lichte sicher und auch bei
der Nhe der Sitze eher in Gefahr wre, berschrieen zu werden, so bin
ich doch noch nicht dazu gekommen, sie spielen zu sehen. An einem guten
Schauspiel entbehrt man wirklich viel, wenn man darauf, freiwillig oder
durch Umstnde gentigt, Verzicht leistet. Selbst wenn die Schauspieler
nur mittelmig sind, hat das Vortragen eines guten Stcks (denn darauf
kommt freilich alles an) durch Personen, die als selbsthandelnd
auftreten, immer etwas mehr Ergreifendes und Belebendes als selbst ein
viel besseres, einzelnes Vorlesen. Auf der andern Seite aber liegt ein
besonderer Reiz darin, sich von allen Gelegenheiten grerer
Versammlungen zurckzuziehen. Schon jung, dann in mnnlichen Jahren
hatte ich mir das lebhaft gedacht und gleichsam den Reiz vorher
genossen, in den Jahren eine hinreichende Rechtfertigung zu finden, der
Gesellschaft immer mehr und mehr zu entsagen, und jetzt, wo ich diesen
Zustand wirklich erreicht habe, finde ich, was ich damals empfand,
vollkommen besttigt. Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel
reizender als die frheren Lebensepochen gedacht, und nun, da ich dahin
gelangt bin, finde ich meine Erwartungen fast bertroffen. Daher mag es
auch kommen, da ich eigentlich in der Seele gewissermaen lter bin
als krperlich und an Jahren. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und wer ohne
groe krperliche Ermdungen und meist gesund und immer hchst
regelmig und ohne Leidenschaften gelebt hat, welche die Gesundheit
untergraben, kann da noch keine merkliche krperliche Abnahme fhlen.
Allein die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele
unangenehm spannt und aufreizt, die Unabhngigkeit fast von allem, was
man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschftigung geben
kann: diese Dinge sind alle in frheren Jahren schwerer zu erreichen,
sind alsdann oft nur dann vorhanden, wenn, was noch viel schlimmer ist,
sie aus Klte und Unempfindlichkeit entstehen. Dennoch sind sie es
vorzglich, welche ein innerlich glckliches Leben geben und sichern. Es
ist daher nicht ganz richtig, wenn man glaubt oder sagt, da das Alter
abhngiger von anderen Umstnden und Zufllen mache. Krperlich und
uerlich ist es freilich wohl der Fall, allein auch nicht so viel, als
man glaubt, da wenigstens bei gutgearteten und an Selbstbeherrschung
gewhnten Menschen die Begierden und selbstgeschaffenen Bedrfnisse noch
viel mehr im Alter abnehmen als die Kraft, ihnen Befriedigung zu
verschaffen. Auf der andern Seite aber gewinnt eben dadurch die viel
wesentlichere und das Glck weit mehr befrdernde Unabhngigkeit
ungleich mehr. Mangel an Ergebung und Ungeduld sind eigentlich die
Dinge, welche alle bel, welcher Art sie sein mgen, erst recht
empfindlich machen und sie wirklich vergrern. Gerade von diesen beiden
beln heilt das Alter vorzglich, immer eine Gemtsart vorausgesetzt,
die keine einmal eingewurzelten unartigen Gewohnheiten hat, die freilich
ihr Gift sonst in jedes Alter hinbertragen. Der grte Gewinn aber, der
aus dieser greren geistigen Freiheit, aus der Begierden- und
Leidenschaftslosigkeit, dem gleichsam wolkenlosen Himmel, den zunehmende
Jahre ber das Gemt hinfhren, entsteht, ist, da das Nachdenken
reiner, strker, anhaltender, mehr die ganze Seele in Anspruch nehmend
wird, da sich der intellektuelle Horizont erweitert und das
Beschftigen mit jeder Art von Wissenschaft und jedem Gebiet der
Wahrheit immer mehr und mehr, ausschlieend das ganze Gemt ergreift und
jedes andere Bedrfnis, jede andere Sehnsucht schweigen macht. Das
nachdenkende, betrachtende, forschende Leben ist eigentlich das hchste;
allein in gewisser Art lt es sich doch nur im hheren Alter vollkommen
genieen. Frher ist es im Streit mit der Aufforderung und sogar mit der
Pflicht zu handeln, und erfhrt nicht selten Strungen durch sie. Es
wre aber sehr unrichtig, wenn man in dem Wahne stnde, da ein solches
Vergngen an einem garnicht mit dem Leben und dessen Weltlichkeit
zusammenhngenden Nachdenken eine groe Bildung oder viele Kenntnisse
voraussetze. Wo diese gerade bei jemand zufllig vorhanden sind, da
kann das Nachdenken vielfltige Gegenstnde treffen, es ist da
allerdings mehr Mannigfaltigkeit und ein wenigstens scheinbar weiterer
Kreis. Allein gerade die dem Menschen notwendigsten, heiligsten und
wahrhaft erfreulichsten Wahrheiten liegen auch dem einfachsten,
schlichtesten Sinne offen, ja werden von ihm nicht selten richtiger und
selbst tiefer aufgefat, als von dem, den groer Umfang von Kenntnissen
mehr zerstreut. Diese Wahrheiten haben noch auerdem das Eigene, da, ob
sie gleich keines Grbelns bedrfen, um erkannt zu werden, vielmehr sich
von selbst Eingang in das Gemt verschaffen, da immer in ihnen Neues
gefunden wird, weil sie in sich wirklich unerschpflich und unendlich
sind. Sie knpfen sich an jedes Alter an, allein doch am natrlichsten
an dasjenige, was den endlichen Aufschlssen ber alle unendlichen
Rtsel, die eben diese Wahrheiten enthalten, am nchsten steht. So
stirbt zwar in hheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es
ist dies nur eine uere, oft sogar flschlich geschtzte. Die viel
wohlttigere, schnere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit
entfaltet, gehrt vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an.
Ich wei, liebe Charlotte, da Sie ber alle diese Gegenstnde auch sehr
bereinstimmend mit mir denken, und schmeichle mir also, da es Ihnen
nicht unangenehm sein wird, da ich mich gewissermaen gehen lie,
darber zu sprechen. Diese Dinge, ber die sich nur mit wenigen reden
lt, sind ja wohl die natrlichsten Gegenstnde fr einen Briefwechsel,
der, frei von Geschften und ueren einschrnkenden Bedingungen, dann
am meisten erfreut, wenn er ein recht ungezwungener vertraulicher
Austausch persnlicher Stimmungen und Gesinnungen ist. -- In Ottmachau
hoffe ich, unter der Ihnen neulich gegebenen Adresse, einen Brief von
Ihnen zu empfangen. Mit der aufrichtigsten Herzlichkeit der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 12. September 1824.

Ich bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurckgekommen,
liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschftigungen ist, Ihnen zu
schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits
empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schn zu werden, und ich
habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate
der scheidenden besseren Jahreszeit zu genieen. Ich liebe bei weitem
mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so
manches, das man getan oder erlebt hat, zurck, man meint sich sicherer,
weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unflle begegnen knnen. Alles
das ist freilich eine Tuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem
grten. Aber so vieles im Leben, im Glck und im Unglck sogar, ist ja
nichts als Tuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente
verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen fr mich sehr frei, nicht
gerade, weil ich mich weniger Unfllen ausgesetzt glaubte, oder weil ich
mich vor nichts Menschlichem frchte, sondern schon frh das Gefhl in
mir genhrt habe, da man immer vorbereitet sein mu, jedes, wie das
Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht
entschlagen, das Leben wie ein Gewsser zu betrachten, durch das man
sein Schiff mehr oder minder glcklich durchbringt, und da ist es ein
natrliches Gefhl, lieber den krzeren als den lngeren Raum vor sich
zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu
durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mchtiges Mittel geschienen,
dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das
Leben nur stckweise, strebt man nur, einen frhlichen Tag dem andern
beizugesellen, als knne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt
es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der
Faden auf einmal abgebrochen wird.

Das Laub der Bume fngt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die
den Herbst so sehr ziert und gewissermaen eine Entschdigung fr die
Frischheit des ersten Grns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne,
ist vorzglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche groe, schne und
mannigfaltige Bume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch
gewhren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen
es mit einem grnen Fcher. ber das Feld gehen in mehreren Richtungen
Alleen, in den Grten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbume, im
Park ist ein dichtes und dunkles Gebsch, und der See ist vom Walde
umkrnzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bumen und Bschen
eingefat. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bumen und lasse nicht
gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas
Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre
heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus
dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern
langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten mu. berhaupt liegt in den
Bumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und
beschrnkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie knnen,
ber die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der
Natur, was so gemacht wre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht
es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders.
Er ist, wie weit er herumschweifen mge, doch auch an eine Spanne des
Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist
oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und
sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und
Bedrfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurck, oder er bleibt auch
fortwhrend entfernt, und seine Gedanken und Wnsche sind doch dem
ursprnglichen Wohnsitz zugewendet.

Es freut mich, da Sie, liebe Charlotte, in Ihrem Garten auch in einiger
Art wenigstens einen lndlichen Aufenthalt genieen. Ich wei, wie sehr
Sie daran hngen und jede damit verbundene Freude zu schtzen wissen.
Fr meine Beschftigungen ist mir das Herannahen des Sptherbstes und
Winters sehr unangenehm. Meine Augen sind zwar durch den anhaltenden
Gebrauch wirksamer Mittel um vieles besser, sie erfordern indes doch
noch viel Schonung, und bei Licht greife ich sie nicht an. Damit zieht
sich aber der Tag enge zusammen, und wenn man noch abrechnen mu, was
das husliche Leben, Besuche, Zerstreuungen mancher Art, endlich
wirkliche Geschfte wegnehmen, so bleibt wenig brig. Und je lnger ich
fortfahre, ausschlielich meine Zeit den Studien und dem Nachdenken zu
widmen, jemehr kann ich sagen, vertiefe ich mich darin und verliere
Neigung und Geschmack an allem andern. Die Ereignisse der Welt haben
auch nicht das mindeste Interesse fr mich. Sie gehen an mir vorber wie
augenblickliche Erscheinungen, die weder dem Geist noch dem Gemt etwas
zu geben vermgen. Den Kreis meiner Bekanntschaften ziehe ich immer
enger zusammen; die Mnner, mit denen ich frher den anziehendsten
Umgang hatte, sind gestorben, und ich habe es immer fr Glcksflle
gehalten, die man benutzen, nicht aber Bedrfnisse, die man suchen mu,
wenn sich ein solcher Umgang von selbst anknpfte. Dagegen ist das Feld
des Wissens und Forschens unermelich und bietet bestndig neue Reize
dar. Es fllt alle Stunden aus, und man sehnt sich, nur die Zahl dieser
vervielfltigen zu knnen. Ich kann wohl sagen, da ich in meinem Innern
einzig darin lebe, oft Tage lang, ohne diesen Gegenstnden mehr als
flchtige Gedanken zu entwenden. Naturwissenschaften haben mich nie
angezogen. Es fehlte mir auch der auf die ueren Gegenstnde aufmerksam
gerichtete Sinn. Von frh an hat mich das Altertum aber angezogen, und
es ist auch eigentlich das, was mein wahres Studium ausmacht. Wo der
Mensch noch seinem Entstehen nher war, zeigte sich mehr Gre, mehr
Einfachheit, mehr Tiefe und Natur in seinen Gedanken und Gefhlen, wie
in dem Ausdrucke, den er beiden lieh. Zu der vollen und reinen Ansicht
davon kommt man freilich nur durch mhevolle und oft in mechanischer
Beschftigung zeitraubende Gelehrsamkeit; aber auch das hat seinen Reiz,
oder wird wenigstens leicht berwunden, wenn man sich einmal an
geduldiges Arbeiten gewhnt hat. Zu den kraftvollsten, reinsten und
schnsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herbergekommen sind,
gehren die Bcher des Alten Testaments, und man kann es nie genug
unserer Sprache verdanken, da sie, auch in der bersetzung, so wenig an
Wahrheit und Strke eingebt haben. Ich habe oft darber mit Vergngen
nachgedacht, da es nicht mglich wre, etwas so Groes, Reiches und
Mannigfaltiges zusammen zu bringen, als die Bibel, die Bcher des Alten
und Neuen Testaments, enthalten. Wenn sie auch, wie bei uns, dem Volke
gewhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes
menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und
alles dies so, da es schwerlich eine Geistes- oder Gefhlsstimmung
geben knnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fnde. Auch
ist nur weniges so unverstndlich, da es nicht gemeinem, schlichtem
Sinne zugnglich wre. Der Kenntnisreichere dringt nur tiefer ein, aber
keiner geht eigentlich unbefriedigt hinweg.

Ich bleibe diesen und den grten Teil des knftigen Monats hier, ehe
ich nach Berlin ziehe, und auch dann bringe ich wohl nur einige Wochen
dort zu. Sie knnen darauf fr Ihre Briefe mit Sicherheit rechnen. Im
November und Dezember werde ich zwar vermutlich wieder, wie im vorigen
Herbst, eine Reise machen, die sich mit einem Aufenthalt von einigen
Wochen in Burgrner schlieen wird; allein es ist an sich noch nicht
gewi, noch weniger der Zeitpunkt, und ich schreibe es Ihnen vorher.
Ich habe immer Neigung zum Bleiben am nmlichen Ort, und zum Aufsuchen
eines andern, wie Gewicht und Gegengewicht, in mir. Doch ist das Reisen
und der Wechsel des Aufenthalts meist Notwendigkeit, selten
ursprngliche Lust. Leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den
herzlichsten Gefhlen der Ihrige.                    H.



_Burgrner_, den 13. November 1824.

In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmut, zur
Zufriedenheit mit sich und zur Reue, da hat man mit sich, mit andern,
mit dem Geschicke gekmpft, gesiegt und unterlegen; was da gefunden
wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war,
untilgbar wie eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreibar wie ein
der Seele eingewachsener Gedanke; es ist ferner rein von der
ngstlichkeit, der Besorgnis der Zukunft....

Ergebung und Gengsamkeit sind es vor allem, die sicher durch das Leben
fhren. Wer nicht Festigkeit genug hat, zu entbehren und selbst zu
leiden, kann sich nie vor schmerzlichen Empfindungen sicherstellen, ja
er mu sich sogar selbst, wenigstens die zu rege Empfindung dessen, was
ihn ungnstig trifft, zuschreiben....

Es gibt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelnge, wenn man den
rechten Willen dazu mitbringt. Der Mensch vermag eigentlich ber sich
alles, und mu ber andere nicht zu viel vermgen wollen.

Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht blo die edelste und
sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde
Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemtsstimmung, nicht gegen sie zu
streiten, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhltnis erlaubt,
zu fgen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu
verlangen, und am wenigsten mimutig ber das zu werden, was sie
verweigern....

Mit den sogenannten Ahnungen und Vorgefhlen ist es eine sonderbare
Sache. Bisweilen trifft so etwas ein, bisweilen schlgt es fehl. Man
mchte aber doch keineswegs weder das eine noch das andere als etwas
blo Zuflliges ansehen, und darum, weil diese Vorgefhle oft ohne
Erfolg bleiben, sie nicht auch, wenn sie eintreffen, dem Zufall
beimessen, und ihnen das Verdienst wahrer Voranzeige der Zukunft nehmen.
Es geht mit diesen Dingen wie mit allem, was auf innerem Selbstgefhl
beruht. Dies Selbstgefhl kann sich tuschen, man kann fr Vorbedeutung
halten, was es nicht ist, und kann auch wieder die wahre verkennen.
Objektive Sicherheit lt sich darber nicht haben. Es kann keine
sicheren ueren Zeichen der Erkennung der Wahrheit geben. Es sind immer
oft schwache Andeutungen, sie knnen in die Seele gelegt, sie knnen
aber auch aus einem unbestimmten, durch Hoffnung oder Furcht
irregeleiteten Seelenzustand erzeugt sein. Im ersteren Falle lt sich
auf ihre Zuverlssigkeit bauen, im letzteren Falle nicht. Das Weiseste
ist immer, sie auf keine Weise herbeizulocken, bei ihrem Erscheinen sich
die Mglichkeit ihrer Falschheit zu denken, und wenn sie ungnstig, auf
ihre Wahrheit gefat zu sein.               H.



_Berlin_, den 31. Januar 1825.

Sie werden sich wundern, liebe Charlotte, schon vor der Zeit, wo Sie
gewohnt sind, meine Briefe zu erwarten, einen von mir zu empfangen. Aber
ich bin krank, habe ziemlich starkes Schnupfenfieber und Zahnweh, und
beides hindert mich am Arbeiten. Da suche ich gern im Briefwechsei, und
am liebsten in dem mit Ihnen, eine ruhig-erheiternde und die Seele
stimmende Beschftigung. Ich gehre zu den geduldigsten Kranken, ja ich
kann mich oft nicht entschlieen, das Kranksein ein bel zu nennen. Sie
werden sagen, da das nur beweist, da ich nie oder selten ernsthaft
krank war, und darin haben Sie ganz recht. Aber es gibt genug Leute, die
auch schon bei kleinen beln und blo belstigenden Unplichkeiten
klagen. Mir bringt das Kranksein immer eine gewisse Ruhe und Sanftheit
in die Seele. Es ist nicht, da ich gesund sehr das Gegenteil wre. Aber
das gesunde Streben hat, vorzglich im Manne, doch einen Eifer und eine
Lebendigkeit, die immer mehr oder weniger anspannen. Das fllt in
Krankheit weg, man fhlt seine Ttigkeit; gelhmt und erwartet, bis es
besser geht, keine Erfolge. brigens beunruhigen Sie sich ja nicht ber
mein Unwohlsein. Es ist durchaus unbedeutend und geht gewi in wenig
Tagen vorber. Es ist blo die Folge einer Erkltung, der ich nicht
vermeiden konnte mich auszusetzen; ich fhlte gleich auf der Stelle das
Entstehen des bels. Meine Augen -- Sie denken oft liebevoll daran --
haben sich sehr gebessert. Ich leide garnicht in diesem Winter daran.
Ich schreibe es doch der groen Schonung und selbst den lateinischen
Buchstaben zu. Fr Ihren letzten Brief habe ich Ihnen schon meinen
herzlichsten Dank gesagt; ich habe ihn seitdem oft wieder gelesen, jedes
Wort darin macht mir groe und herzliche Freude, fr die ich Ihnen schon
im Stillen viel gedankt habe! Es ist Ihnen eine seltene und natrliche
Gabe eigen, Ihre Empfindungen einfach und wahr auszudrcken, darin liegt
die groe Wirkung, die Ihre Worte haben. Ich wnschte immer, ja ich
wute, da, wenn Sie mich erst nher kennen lernten, sich die
berzeugung mehr und mehr in Ihnen befestigen werde, wie herzlich mein
Anteil an Ihnen und wie unwandelbar meine Gesinnungen gegen Sie sind.
Dies hoffe ich jetzt erreicht zu haben. Es ist mir auch eine
Angelegenheit, es Ihnen bestimmt zu sagen. Beim Schlu des Jahres
drngen sich ganz natrlich die Empfindungen zusammen fr diejenigen,
die uns besonders wert sind, und wir fassen Sie enger zusammen. Ich
halte berhaupt sehr viel auf die Zeitabschnitte auch im gewhnlichen
Leben, und der Anfang einer neuen Epoche ist mir kein gewhnlicher Tag.
Ich passe alles, was ich tue, genau in die Zeit ein, und lasse sie ber
mich herrschen.

Da die Zeit hingehe und geistig erfllt werde, ist das Groe und
Wichtige im Menschenleben. Durchdringt man sich recht von dieser Idee,
so wird man gegen Glck und Unglck, gegen Freude und Schmerz sehr
gleichgltig. Was sind Glck und Unglck, Freude und Schmerz anders, als
ein Hinfliegen der Zeit, von der nichts brig bleibt, als was sich davon
geistig gesammelt hat? Die Zeit ist das Wichtige im menschlichen Leben;
denn was ist die Freude nach dem Verfliegen der Zeit? und das
Trstliche, denn der Schmerz ist ebenso nichts nach ihrem Verflieen,
sie ist das Gleis, in dem wir der letzten Zeit entgegenwallen, die dann
zum Unbegreiflichen fhrt. Mit diesem Fortschreiten verbindet sich eine
reifende Kraft, und sie reift mehr und wohlttiger, wenn man auf sie
achtet, ihr gehorcht, sie nicht verschwendet, sie als das grte
Endliche ansieht, in der alles Endliche sich wieder auflst.

Ihre Ttigkeit achte ich sehr hoch, sie macht Ihnen viel Ehre und
belohnt sich in der selbstndigen Unabhngigkeit, die Sie sich nach
groen und ehrenvollen Verlusten wieder geschaffen haben. Darum
interessiert mich auch alles aufs hchste, was Sie mir ber Ihre schon
an sich interessante Beschftigung sagen.

Ich liebe berall die Arbeitsamkeit, sie ist mir besonders an Frauen
sehr schtzenswert. Diejenigen Arbeiten, welche Frauen vorzunehmen
pflegen, haben noch das Einladende und Reizende, da sie erlauben, dabei
viel mehr in Empfindungen und Ideen zu leben. Ich leite daher die
wirklich feinere und schnere, oft selbst tiefere Bildung her, welche
auch solche Frauen, die keine vorzgliche Erziehung genossen haben,
meistenteils vor den Mnnern voraushaben, welchen sie sonst in
Kenntnissen nachstehen. Zum Teil freilich rhrt aber eben daher auch die
bei Frauen hufigere Schwermut und Verletzbarkeit. Wie die Seele mehr,
fter, tiefer und abgeschiedener in sich gekehrt ist, so berhrt alles
uere sie rauher. Indes ist das ein leicht zu verschmerzender Nachteil.
Es hat immer einen unendlichen Nutzen, sich so zu gewhnen, da man sich
selbst zu einem bestndigen Gegenstand seines Nachdenkens macht. Man
kann zwar auch, und mit gleicher Wahrheit, sagen, da der Mensch wieder
gerade sich garnicht kennt, oder doch wenigstens nie recht. Beides ist
wahr. Er wei nmlich von niemanden so viel, er kennt bei niemanden so
den geheimen Zusammenhang des Denkens und Wollens, die Entstehungsart
jeder Neigung und jedes Entschlusses, und in dieser Art kennt er nur
sich. Aber auf der andern Seite kann er, wie er es auch wollen mge,
nie unparteiisch gegen sich sein; denn der, den er beurteilt, mit dem
beurteilt er auch. Er ist also in Einseitigkeit befangen, und ich habe
daher nichts lieber, als wenn die, mit denen ich lebe, mich auf das
Allerfreieste und ohne allen Rckhalt beurteilen; man wird dadurch
belehrt, man hrt etwas, das man sich selbst so nun einmal nicht sagt,
und auf irgend eine Weise, wenn es nicht mit Absicht verdreht wird, hat
es doch Grund. -- Leben Sie jetzt recht herzlich wohl, und lassen Sie
sich, ich wiederhole es, durch meine Unplichkeit nicht beunruhigen.
Ganz mit den alten und sich nie ndernden Gesinnungen Ihr

Humboldt.



_Berlin_, den 12. Februar 1825.

Meine Gesundheit ist ganz wieder hergestellt, und ich bin wieder im
gewhnlichen Zuge meiner Arbeiten. Es ist mir dies vorzglich lieb, da
ich mit Recht sagen kann, da das mein Leben ist. Es sind lauter
selbstgewhlte Beschftigungen und immer mit Ideen allgemeinerer Art. Da
ich diese Beschftigungen einen groen Teil meines Lebens hindurch
gefhrt habe, so haben sie meinem Wesen auch die Richtung zum Ernst und
zum Halten an Ideen und Gedanken gegeben, die es offenbar hat. Ich habe
alles, was mich umgibt und womit ich in Berhrung komme, in ein gewisses
System gebracht. Ich behaupte darum garnicht, da dies System immer
richtig ist. Vielmehr ist nichts darin, was ich nicht von Zeit zu Zeit
von neuem berdenke und in Betrachtung ziehe, und immer findet sich auch
irgendwo ein Irrtum zu verbessern. Allein so lange ich das, was ich
meine, fr wahr halte, kann ich nicht leiden, da um mich her, soweit
ich Einflu darauf habe, anders gehandelt wird. Ich kann alsdann die
Grundstze jedes Handelns aufweisen, und somit ist doch eine Grundlage
vorhanden, auf die man fuen kann. Denn nichts ist mir so zuwider, als
das bloe launige Wechseln der Ideen, oder das blinde Herumtappen. Es
ist allerdings nicht immer mglich, jede Sache in ihrer Wahrheit zu
ergrnden, jeden Entschlu immer so zu nehmen, wie es am weisesten wre.
Aber man kann dem doch nahe kommen, und alles, auch das Unbedeutende in
Regel und Norm zu pressen, nicht der wechselnden Lust oder Unlust zu
diesem oder jenem zu folgen, sondern sich selbst zur Befolgung dieser
Regel zu ntigen, ist eine heilsame Weise fr den ueren Erfolg und fr
den inneren Charakter. Es ist auch garnicht richtig, da eine solche Art
des Seins den Aufschwung des Geistes hindern sollte, oder dem Ergu der
Empfindung Schranken setze. Der Geist bewegt sich vielmehr zuverlssiger
in einem ihm gegebenen Gleise, in dem er eine feste Richtung und den
gehrigen Anhalt findet, und die Empfindung erlangt mehr Strke, wenn
sie aus ganz geluterten und berichtigten Ideen hervorgeht.

Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte, und seien Sie berzeugt, da ich
sehr oft und immer mit herzlichster Teilnahme Ihrer gedenke. Auf Ihr
Befinden, denke ich, hat der gelinde Winter, den wir haben, einen
wohlttigen Einflu ausgebt. Je lter man wird, desto mehr wird man dem
pltzlichen Wechsel und den Extremen der Witterung gram. Mit den alten,
sich nie ndernden Gesinnungen der Ihrige.                  H.



_Berlin_, den 8. Mrz 1825.

Die Beschreibung Ihres Lebens und Ihres huslichen Daseins vom Jahre
1786 hat mir, liebe Charlotte, eine viel grere Freude gemacht, als ich
Ihnen sagen kann. Es ist auch dieser Lebensabschnitt in Ihrer Jugend,
wie natrlich, ohne gerade wichtige Ereignisse vorbergegangen, aber es
ist Ihnen eine ganz besondere Gabe eigen, die inneren Seelenzustnde zu
schildern. Immer aber sind es doch nur diese, welche die Begebenheiten
selbst erst anziehend machen, sie mgen dieselben nun vorbereiten,
begleiten, oder aus ihnen entstehen. Nichts aber ist gleich reizend, als
der Zustand eines aufblhenden Mdchens in dem Alter, worin Sie damals
gewesen sein mssen. Ich war damals neunzehn Jahre und auch noch nicht
aus dem mtterlichen Hause gekommen. Meinen Vater habe ich schon frher
in meinem zwlften Jahre an einer Krankheit verloren, die blo zufllig
war, da er seinem sonstigen Gesundheitszustande nach noch lange htte
leben knnen. Sie mssen ungefhr vier Jahre jnger sein als ich. Ich
erinnere mich aber hier, da ich Ihr Geburtsjahr nicht genau wei.
Schreiben Sie es mir doch einmal. Mir ist es immer wichtig, ganz genau
zu wissen, wie alt die sind, die ich gern habe, vorzglich bei Frauen.
Ich habe meine eigenen Gedanken ber das weibliche Alter und ziehe ein
weiter fortgercktes eigentlich einem jngeren vor. Sogar der bloe
krperliche Reiz erhlt sich meiner Meinung nach viel lnger, als man
gewhnlich annimmt, und was in dem Innern einer Frau vorzglich fesselt,
gewinnt offenbar bei fortgeschrittenen Jahren. Ich htte auch in keinem
Alter meines Lebens gern in engem Verhltnis mit einem Mdchen oder
einer Frau stehen mgen, die viel jnger als ich gewesen wre, am
wenigsten htte ich eine solche heiraten mgen. Ich bin auch in mir
berzeugt, da solche Heiraten im ganzen nicht gut sind. Sie fhren
meistenteils dahin, da die Mnner die Frauen wie Unmndige und Kinder
behandeln, und es kann bei einer solchen Altersverschiedenheit unmglich
der freie, gegenseitig erhebende und beglckende Umgang, das volle und
reine berstrmen der Gedanken und Empfindungen aus einem Gemt in das
andere stattfinden, die in dem Umgange beider Geschlechter eigentlich
das Beseligende ausmachen. Gleichheit in allen inneren Bedingungen ist
da unentbehrlich notwendig, und der Mann kann nur daran groe Freude
finden, da sich ihm die in jeder Art in Empfindungen und Denken, nach
Magabe der Verschiedenheit der Geschlechter, in ihrer Art Gleiche, in
der mit erlangter Reife vollen Selbstndigkeit ihres Wesens hingibt und
seinen Willen als den ihrigen erkennt.

Ich bin aber von Ihrer Lebenserzhlung abgekommen. Es ist eine sehr
eigentmliche, aber in der Unschuld eines aufkeimenden, noch vor sich
selbst gar nicht entfalteten Gemts, natrliche und liebenswrdige
Richtung in Ihrem Herzen, in jener Zeit, da Sie sich nur nach einer
Freundin sehnten, und jede andere Sehnsucht Ihnen fremd war. Man erkennt
darin recht, was Freundschaft und Liebe unterscheidet. Beide teilen
miteinander das innere Seelenleben, worin zwei Wesen einander
entgegenkommen, und indem sie, jeder seine Art zu sein in dem andern
aufzugeben scheinen, dieselbe reiner und klarer zurckempfangen. Der
Mensch mu etwas auer sich gewinnen, an das er sich anschlieen, auf
das er mit allen vereinten Krften seines Daseins wirken knne. Allein
wenn auch diese Neigung allgemein ist, so ist der Hang und die Sehnsucht
nach wahrer Freundschaft und Liebe doch nur ein Vorrecht zarter und
innerlich gebildeter Seelen. Weniger zarte oder durch die Auenwelt
betubte Gemter heften sich wechselnd und vorbergehend an und
erreichen niemals den wahren Frieden, einer in dem andern. Unter sich
aber sind Liebe und Freundschaft doch immer und unter allen Umstnden in
der Art verschieden, da die erste immer zugleich eine sinnliche Farbe
an sich trgt. Man tut dadurch ihrer Reinheit keinen Eintrag, denn auch
die sinnliche Neigung kann die grte Reinheit in sich schlieen, diese
stammt aus der Seele selbst und verwandelt alles in ihren unbefleckten
Glanz. Bei jungen weiblichen Gemtern, die noch gar nicht bis zum
Gefhl, oder vielmehr bis zum Bewutsein der Liebe gekommen sind, ist es
doch aber eigentlich diese, die das Gewand der Freundschaft annimmt. Die
Gefhle sind da noch nicht so bestimmt und klar geschieden, aber die
beginnende weibliche Reife spielt doch alles, ohne es zu wissen, in die
Liebe hinber. Die Freundschaft selbst von einem Geschlecht zu einer
Person desselben wird dann lebendiger, leidenschaftlicher, hingebender,
aufopfernder; wenn sie auch in spteren Jahren alles dasselbe der Tat
nach leistet, so ist in der frheren doch die Art anders, die Farbe der
Empfindung glhender, die Seele heftiger davon ergriffen und gleichsam
wrmer und heller davon durchstrahlt. So ist es gewi auch Ihnen, liebe
Charlotte, damals mit Ihrer Freundin gegangen. Ich wnsche sehr, da Sie
Ihre Lebenserzhlung fortsetzen. -- Nun leben Sie herzlich wohl und
gedenken Sie meiner, der Ihnen immer mit gleicher Teilnahme zugetan
bleibt.                     H.



_Berlin_, den 22. Mrz 1825.

Ich setze mich mit recht eigentlicher Freude hin, Ihnen zu schreiben,
liebe Charlotte, und wnsche von ganzem Herzen, da Sie dies Blatt
krperlich recht wohl und heiter gestimmt finden mge. Bei dieser
wunderbaren Witterung, wo der Winter es sich recht aufgespart hat, zum
Frhjahr zu kommen, kann es selbst festen Gesundheiten leicht anders
ergehen. Die meinige hat Gottlob! bis jetzt keinen Ansto erlitten, und
ich denke, wenn nicht zum Osterfest, doch gleich nachher, nach Tegel zu
gehen. Wenn man auch dies Jahr lange auf das Grnwerden der Bume wird
warten mssen, so ist es eine se Erwartung, wie die alles Guten, das
unfehlbar ist, weil es aus einer sich immer gleichbleibenden Gte
quillt. Alle Freuden an dem Wechsel der Naturerscheinungen haben das,
da sie zugleich moralische sind fr das sie dankbar empfindende Herz.
Diese Zuverlssigkeit, die in der Natur liegt und sich schon in ihrer
Regelmigkeit ausspricht, durch die die gewhnlichsten Begebenheiten,
ja selbst der tgliche Sonnen-Auf- und -Niedergang etwas Groes und
Wunderbares erhalten, diese Zuverlssigkeit, sage ich, verbunden mit der
Wohlttigkeit alles dessen, was aus der Natur auf den Menschen
herabfliet, erteilt allen Empfindungen, die sich auf sie beziehen, eine
erhebend beruhigende Flle der Sanftheit. In unserm rauhen Norden
mssen wir freilich den bergang zum Frhjahr mit bittern
Winterempfindungen erkaufen und das Bessere langsam erwarten. Aber
dieser groe Wechsel hat doch auch seine Vorzge. Er schafft mehr und
etwas Tieferes in dem Menschen, wenn er nach der Dsterheit, die doch
immer den Winter begleitet, in die Milde heiterer Frhlingssonne
bergeht. Man empfindet das recht, wenn man einige Jahre in sdlichen
Lndern zubringt. Der Winter ist da eigentlich Frhjahr, und man kann
fast nur drei Jahreszeiten unterscheiden, die der groen Hitze, den
Sommer, die der Frchte, den Herbst, und die brigen Monate des Jahres,
wo man auch nicht Klte oder unangenehme Witterung leidet, das Gras auf
Angern und Wiesen frisch und schn, und bei vielen immer grnen Bumen
selbst wenige laublos dastehen. So kommt man in den Winter und Frhling,
ohne eigentlich eine Vernderung zu bemerken, aber man entbehrt auch des
ganzen, bei uns wahrhaft himmlischen Eindrucks, den diese Vernderung
auf das Gemt immer unfehlbar hervorbringt. Die Natur ist es aber auch
allein, an der mir der Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar wird. Die
Menschen pflegen ihn sonst auch noch in ihrer vernderten Lebensweise zu
spren. Das ist nun bei mir nicht der Fall. Ich lebe, einigen Wechsel
des Aufenthalts abgerechnet, ziemlich jeden Monat im Jahr auf die
gleiche Weise. Es ist dies eine natrliche Folge meines wenigen
Ausgehens im Winter und meines ununterbrochenen Arbeitens. Denn wenn
Sie die Stunden von 3 bis 5 und von 8 bis 10 des Tages und die Nacht
ausnehmen, knnen Sie sich mich, liebe Charlotte, immer in meiner Stube,
und da immer an meinem Schreibtische sitzend, denken. Da die wenigen
Gesellschaften, die ich besuche, auch noch meistenteils in die eben
bezeichneten Stunden fallen, so gibt es kaum Ausnahmen. Je tiefer man in
hhere Jahre tritt, je mehr reizt, wenn man dessen einmal fhig ist, der
Ernst der Gedanken. Man kann sogar ohne bertreibung sagen, da das das
Einzige ist, was uns dann noch reizt. Und dieser Reiz steigt mit der
Beschftigung selbst. Es entspringt eines aus dem andern, es entspinnt
sich neu zu Denkendes aus bisher Halbgedachtem, oder nur Geahntem. Man
wird dadurch, von dieser Seite will ich zwar diese Art des einsamen
Denkens nicht unbedingt loben, man wird dadurch nicht anziehender fr
andere, man grenzt sich vielmehr mehr ab, man weist gewisse Dinge
zurck, man hat berhaupt eine Neigung und ein Bedrfnis, sich und seine
Ansicht herrschend zu machen, und zieht sich leicht, wenn es auch nicht
zu billigen wre, zurck, wo man sieht, da sie keinen Eingang findet,
man fhlt gewissermaen, da man nur noch in einem gewissen Gleise
fortgehen kann, und verlangt daher, da die, welche einen noch begleiten
wollen, sich demselben fgen. Alles das mag seine Unbequemlichkeiten
haben, allein alles Menschliche ist damit verbunden, und jenes
beschauliche Leben in sich selbst, das sich seinen Kreis schliet und
diesen Kreis nie wieder verlt, hat und gewhlt einen solchen Ersatz,
da man sich doch darum nicht davon trennen wrde. Ja, wenn es recht die
Weise erreicht, mit der sich ein sonst gut geartetes und tieferes Gemt
wahrhaft beruhigt, so darf man sich sogar aus Pflicht nicht davon
trennen. Denn aus diesem nach eigenen Entschlssen und eigener Wahl
begonnenen Verfolgen von Ideen entsteht immer etwas, das weiter und
wichtig wirkt, und ohne die Selbstndigkeit des Mannes ist eine freie
Anwendung seiner Ttigkeit nicht zu denken.



_Tegel_, den 1. Mai 1825.

Ich habe eine groe Freude daran, in der Vergangenheit zu leben. Von dem
Kleinsten, was mir begegnet ist, habe ich wenig vergessen, und ich
verweile vor allem gern in Gedanken bei den Menschen, mit denen ich
nher zusammen trat. Gerade in den Jahren, wo wir uns sahen, hatte ich
eine Art von Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen, viele
zu sehen und diese genau, und mir in der Seele ein Bild ihrer Art und
Weise zu machen. Ich hatte mir dadurch frh eine Menschenkenntnis
verschafft, die andern sonst wohl viel spter fehlt. Die Hauptsache lag
mir an der Kenntnis. Ich benutze sie zu allgemeinen Ideen,
klassifizierte mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre
Physiognomien, kurz machte daraus, so viel es gehen wollte, ein eigenes
Studium. Indes hat es mir auch fr die Behandlung der Menschen im Leben
sehr viel geholfen. Ich habe gelernt, jeden zu nehmen, wie er nach
seiner Sinnesart genommen werden mu, und was mir recht und dem
Verhltnis gem scheint, mit jedem durchzusetzen. Was ich als junger
Mensch zur bung versuchte, hat mir im mnnlichen Alter oft sichtbar
genutzt. Jetzt kommt es mir lngst nicht mehr vor, in dieser Art eine
Wirkung auf einen Menschen zu bezwecken. Wenn man meine Jahre erlangt
hat, kann man sich teils nicht mehr so in andere Verschiedenheiten
finden, teils mu man es nicht wollen. Man mu seine Individualitt frei
gewhren lassen, mit denen fortwandeln, die sich ihr anpassen und sich
nach ihr richten wollen, und die andern nur mit allgemeinem Wohlwollen
begleiten. -- -- --

Sie sind also auch von der schnellen, wunderartig pltzlichen
Erscheinung des Frhjahrs in diesem Jahr so betroffen gewesen? Ich
meine, ich htte es noch nie so erlebt. In einer einzigen Nacht stand
ein groer alter Kirschbaum hier, der den Tag vorher noch nichts als
nackte Reiser hatte, mit Blten bedeckt da.

Die wehmtige Empfindung, gerade in dem Aufleben der Natur, ist sehr
begreiflich, und ist wohl allen Menschen eigen, die tiefer empfinden und
genauer auf sich achten. Sie hindert darum das frhe Teilnehmen an der
erwachenden Natur garnicht. Sie spriet vielmehr aus der Tiefe dieser
Empfindungen selbst, denn jede wahrhaft tiefe Empfindung im Menschen
wird von selbst wehmtig. Sehr natrlich. Der Mensch fhlt seine
Schwche, sein dem Wechsel und der Vergnglichkeit unterworfenes Dasein;
und indem er nun in diesem, ihn scheinbar nur mit Unglck und
Widerwrtigkeiten bedrohenden Dasein eine unendliche, ihn rund umgebende
Gte erblickt, da die ganze Natur, gerade in diesem ersten Aufkeimen,
berzuquellen scheint, um ihn mit Genssen aller Art zu bereichern, so
ist er darber in seiner innersten Tiefe gerhrt, was sich nur in
wehmtiger Freude aussprechen kann. Eine andere Art der Wehmut, und eine
schmerzlichere, kann auch, nach Beschaffenheit der verschiedenen
Stimmungen, daher entstehen, da man den Eintritt einer so groen Menge,
wenn auch nicht nach menschlicher Art lebender Wesen, in erneuertes
Dasein oder erneuerte Regsamkeit nicht ansehen kann, ohne zugleich an
ihre Rckkehr in Winterschlaf und Tod zu denken, die ebenso pltzlich
eintreten wird. Da alles Leben nur ein der scheinbaren Vernichtung
Entgegengehen ist, wird einem nie so klar, als in dem regelmigen
Wechsel der Jahreszeiten. Die ganze Pflanzenwelt nun mit so harmlos
zuversichtlicher Freude ins Leben treten zu sehen, als ahnte sie
garnicht das winterliche Ersterben, hat ebenso etwas tief Rhrendes, wie
das Leben eines noch keine Gefahren ahnenden Kindes.

Leben Sie herzlich wohl. Unwandelbar mit der herzlichsten,
unvernderlichsten Zuneigung Ihr             H.



_Tegel_, den 15. Mai 1825.

So sehr ich auch die Natur liebe und gern in ihr weile, bin ich doch,
seit ich hier bin, nicht sehr viel ins Freie gekommen. Wenn nicht Besuch
kommt, was bei diesen kalten und regnichten Tagen nicht so hufig der
Fall ist, pflege ich von sechs bis acht Uhr abends drauen zu sein. Ich
ziehe den Abend dem Morgen besonders wegen des Sonnenuntergangs vor.
Nicht leicht versume ich diesen an irgend einem Tage zu sehen. Ich habe
ihn immer werter gehalten als den Aufgang, obgleich das vielleicht nur
daher kommt, da man am Abend, nach vollendeten Geschften, ruhiger und
besser gestimmt ist, sich Natureindrcken zu berlassen. Den ganzen Tag
ber arbeite ich in meiner Stube, die aber nach der Mittags- und
Abendseite die unmittelbare Aussicht nach dem Garten und hohen Bumen
hat. Dies Arbeiten in selbstgewhlten Studien, unabhngigem Denken (denn
meine eigentlichen Geschfte kosten mir verhltnismig sehr wenig Zeit)
kann ich eigentlich als mein Leben ansehen. Meine Ideen, und dies in
Bchern, in Anschauungen, in Erfahrungen, wodurch sie genhrt werden,
beschftigen mich eigentlich allein und ausschlieend; und ich kann mit
Recht sagen, da ich mein sehr heiteres und glckliches Dasein, wenn
nicht allein, doch grtenteils ihnen verdanke. Hat man sich einmal an
dies Leben in Ideen gewhnt, so verlieren Kummer und Unglcksflle ihre
Stachel. Man ist wohl wehmtig und traurig, aber nie ungeduldig noch
ratlos. Ich knpfe, weil ich einmal diese Gewohnheit gefat habe, dies
Nachdenken immer an gelehrte Beschftigungen, aber ich suche mich immer
und an jedem Punkte darin zu freien Ideen zu erheben, die sich dann an
alles, was nicht wirklich, und an alles, was in der Wirklichkeit echten
und wesenhaften Glanz, Gehalt und Reiz hat, knpfen. In dieser hheren
Region werden die Ideen, die als gelehrte Beschftigungen nur fr wenige
bestimmt scheinen, wieder sehr einfach und knpfen sich an alles
allgemein Menschliche an.

Ich freue mich zu denken, da Sie diesen Brief, wie Sie es immer freut,
zum Pfingstfest bekommen. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 16. Juli 1825.

Dies ruhige, schne, meinem Alter und Neigungen angemessene Verhltnis
knnen wir ungestrt so lange fortsetzen, als wir miteinander im Leben
fortwandeln; es ist von meiner Seite nichts da, was es unterbrechen
knnte, und ich wei nichts, was es von Ihrer Seite hindern knnte.
Gengt Ihnen, wie ich denn sicher berzeugt bin, da es Ihnen gengt,
dies, so ist unser Verhltnis so klar und rein, wie es nur immer gedacht
werden kann. Sie brauchen auch garnicht zu denken, da Sie darin blo
die Empfangende sind; ich habe Ihnen oft gesagt, da mir Ihre Briefe,
Ihre natrlichen, weiblichen uerungen Ihrer Ergebenheit, Ihre
Lebensbeschreibung recht groe Freude machen und gemacht haben. Glaube
ich, da Sie mir eine besondere machen knnten, so haben Sie ja gesehen,
da ich es Ihnen frei und natrlich geuert habe. Sagt das Ihnen nicht
zu, so trete ich davon zurck, und gewi ohne Erbitterung, ohne Klage,
ohne, wie ich Ihnen sagte, irgend eine Empfindung, die Ihnen unangenehm
sein knnte, blo in dem Gefhle, da nicht zwei Menschen ganz gleich
denken knnen. Also auch so etwas mssen Sie, liebe Charlotte, nicht
schwer aufnehmen. Es gibt schon sehr vieles, was auch das glcklichste
Leben schwer machen kann, da man es nicht willkrlich vermehren mu.
Willkrlich ist nun zwar eine solche Mistimmung nicht, aber man kann
doch gegen sie arbeiten. Das erfordert freilich Selbstbeherrschung, aber
darauf mu ich auch zurckkommen, da die allen Menschen ntig ist. So
glaube ich, liebe Charlotte, mich so rein ausgesprochen zu haben, da
Ihnen wenigstens in mir nichts dunkel und rtselhaft bleiben kann. Nun
mu ich noch eine Stelle Ihres Briefes berichtigen, wo Sie mich ganz
miverstanden haben, indem Sie sagen, da ich nichts zu meinem Glck
bedrfe als mich. Es ist das allerdings wahr. Aber das kann ich, wie
streng ich mich untersuche, nicht tadeln, es ist vielmehr in mir die
Frucht eines langen und darauf gerichteten Lebens gewesen. Ich lebe
nmlich in Gefhlen, Studien, Ideen; diese sind es eigentlich, die
machen, da ich nichts Fremdes bedarf, und sie sind auf unvergngliche
Dinge gerichtet, sie lassen mich nicht sinken, wenn mir Erwartungen
fehlschlagen, wie ich es oft, wenn mir Unglcksflle zustieen, erlebt
habe. Nur wenn man in diesem Sinne nichts bedarf, kann man mglichst
frei von Egoismus sein, denn da man fr sich nichts fordert, kann man
andern hilfreicher sein. Man geniet auch dann jede Freude mehr, gerade
weil sie kein Bedrfnis ist, sondern eine reine, schne Zugabe zum
Dasein. Alles, was dem Bedrfnis hnlich ist, hat die Eigentmlichkeit,
da man es viel weniger geniet, wenn man es hat, als es schmerzt, wenn
man es entbehrt. Darum aber fhle ich (ich habe es ja mehr als einmal
erfahren) den Verlust geliebter Personen wohl eher tiefer als andere,
wenn auch mit mehr Fassung und Ruhe. Nur die Wehmut setze ich nicht dem
Glcke entgegen, sondern teile das Glck in wehmtiges und heiteres, und
setze jenes nicht gegen dieses zurck. So meinte ich das, was Sie anders
verstanden, und wenn Sie den Inhalt meiner Briefe im ganzen durchgehen,
werden Sie immer dies darin ausgesprochen finden. Dafr, da einzelne
Stellen anders erscheinen knnten, mchte ich nicht einstehen, da man
nicht jedesmal alles begrenzen kann, doch glaube ich es kaum. Leben Sie
nun herzlich wohl, rechnen Sie fest auf die Unvernderlichkeit meiner
Gesinnungen, verscheuchen Sie vor allem jede unntze Besorgnis,
erheitern Sie sich. Denken Sie, da Sie mir Freude damit machen, das tun
Sie ja so gerne. Von Herzen Ihr     H.



_Burgrner_, den 18. August 1825.

Ich bin seit einigen Tagen hier und habe mich schon sehr an dem Gefhle
erfreut, das den Aufenthalt in der Provinz und in einer Gegend, wo man
ganz und gar von grern Stdten entfernt ist, begleitet. Ich finde mich
immer sehr leicht darein und habe daran ein vorzgliches Gefallen. Es
wandelt mich auch nicht die leiseste Neugierde an, und ich kann sehr gut
selbst die Zeitungen entbehren. Ich pflege alsdann auch meine
Beschftigungen fast ganz einfrmig einzurichten und so viel als mglich
bei einem Ideengange zu bleiben. Ich habe von jeher eine groe Neigung
gehabt, mich in eine Sache zu vertiefen, und habe oft Gelegenheit
gehabt, die Vorteile und Nachteile davon an mir selbst zu erfahren. Denn
da diese Vorliebe fr eine und dieselbe oft wiederholte Beschftigung,
dies Grbeln ber eine Idee auch seine beschrnkenden und daher
schdlichen Eigenschaften hat, lt sich nicht leugnen. Die Vertiefung
bringt im Grunde dieselbe Wirkung hervor als die Zerstreuung, sie lt
vieles nicht bemerken, manches ungeschickt betreiben. Der Unterschied
ist nur freilich, da der zerstreute Mensch sich in nichts zersplittert,
und nichts findet, noch besitzt, an dem er zu haften vermchte, da aber
der Vertiefte immer eins hat, was ihn fr die Vernachlssigung des
brigen entschdigt. Am nachteiligsten empfinde ich diesen Hang, sich
einer Sache, die dann meistenteils eine innere Idee ist, hinzugeben
dann, wenn ich mich in der freien Natur befinde. Ich liebe sie
unendlich, und der Genu oft selbst einer einfachen Gegend, geschweige
denn einer schnen, hat fr mich mehr Reiz als fast alles brige sonst.
Aber auch der Eindruck, den die Natur macht, schliet sich immer wieder
an den mich innerlich beschftigenden Gedanken an, und verwandelt sich
selbst in eine allgemeine Empfindung; dagegen entgehen mir eine ganze
Menge Einzelheiten. Ich wrde nie zum Naturbeobachter darum getaugt
haben, und htte sicherlich mitten unter Pflanzen und Steinen sehr
vieles unbemerkt vorbergehen lassen, was ich zu anderer Zeit mit
Bedauern inne geworden sein wrde. Indes mchte ich darum diesen Hang
zur Vertiefung nicht fahren lassen und ihn nicht blo nicht mit dem
entgegengesetzten Extrem vertauschen, sondern mich nicht einmal gern mit
der Mittelstrae zwischen beiden Extremen, die man sonst wohl als die
weisere zu preisen pflegt, begngen. Man lernt doch das, dem man sich
so ganz, so ausschlieend, so in fester Beharrlichkeit widmet, besser
kennen, und je lnger man dabei verweilt, desto mehr scheint an ihm in
der Betrachtung hervorzutreten. Man kann in der Tat nicht sagen, da die
Dinge der Welt dasjenige, was an ihnen zu sehen ist, offen daliegen
haben. Der eine sieht, was dem andern entgeht, und es ist, als wenn der
Blick, wenn er durch gehrige Vertiefung geschrft wird, erst selbst den
Gegenstand erschlsse. Die einfachsten Sachen knnen darum denjenigen,
der einmal diesen Hang hat, sehr lange Zeit, und nicht auf eine leere,
nutzlose Weise beschftigen. Vorzglich finde ich immer, geht bei dieser
anhaltenden Betrachtung, wenn sie nicht bloe Gedanken, sondern
Gegenstnde der Welt betrifft, dasjenige auf, was die Zeit an ihnen
gearbeitet hat, die Spur der Vergangenheit in der Gegenwart, ja oft auch
die leise Ahnung der Zukunft, welcher die Gegenwart entgegengeht. Darin
liegt auch einer der hchsten Reize. Denn alles, was das Laufen und das
ununterbrochene Flieen der Zeit versinnlicht, zieht den Menschen
unendlich und unnennbar an. Sehr natrlich, da er selbst das Geschpf
der Zeit ist, da seine Schicksale auf ihr wie auf einem immer wogenden
Meere schweben, da er nie wei, ob er sich der Gegenwart sicher
vertrauen darf, und ob nicht eine trgerische Zukunft seiner wartet. Das
tiefere Eindringen in die Gegenstnde, das man dem Hange zur Vertiefung
dankt, wre aber noch der mindeste Vorteil. Denn Sie knnten mir
vielleicht mit Recht einwenden, da es gar wenig Dinge gibt, die ein
solches Eindringen verdienen. Das viel Wichtigere dabei ist der Gewinn,
den der Geist in sich, aus diesem Sichsammeln auf einen Punkt, aus
dieser Gengsamkeit mit wenigen Gegenstnden, auf die er sich
vereinzelt, zieht. Es entspringt notwendig daraus eine grere geistige
Innigkeit, eine hhere Wrme, eine Liebe, mit der man das umfat, mit
dem man sich gleichsam allein in der Welt fhlt. Dadurch wird auf den
Charakter selbst gewirkt, oder vielmehr, da nichts ueres hinzutritt,
sondern dieser Hang aus dem Charakter selbst hervorgeht, so entwickelt
sich der Charakter dadurch und bildet sich zu einer hheren Wrde und
gehaltvolleren Schnheit aus. Denn es gibt Ideen, mit denen er gleichsam
zusammengewachsen ist, die er nie aufgeben mchte, die ihn wie
bestndige Leiter, Freunde, Trster begleiten, und diese Ideen, die so
zu ihm treten, sind gerade immer die eigentmlichsten, diejenigen, die
ein anderer oft garnicht, oft erst nach Jahren, verstehen und begreifen
kann, was garnicht darin liegt, da sie ihm, wie man es auszudrcken
pflegt, zu hoch, zu verwickelt wren, sondern nur darin, da sie so
unzertrennbar mit einem andern Individuum verbunden sind. In Ideen
dieser Gattung wrde ich nie von dem Allerkleinsten, ohne vollkommene
nderung meiner frheren berzeugung, zurckgehen; es kann nichts
geben, was fr dies Zurckgehen Entschdigung gewhrte, und welches
Opfer auch einer solchen zu tiefer berzeugung gewordenen Idee gebracht
werden mte, so kann es nie, gegen sie selbst gehalten, zu gro sein.
Die Festigkeit aber, die darin sich ausspricht, ist keine eigensinnige,
sie entsteht nicht einmal allein aus Verstandesberlegung. Denn ob sie
gleich an sich freilich, wie die berzeugung, von demjenigen, was von
dieser Festigkeit begleitet ist, aus dem Verstande entspringt, so
gesellt sich nun in einem Gemte, das den Hang besitzt, eine Idee und
einen sich mit ihr verbindenden Gegenstand ganz und gewissermaen
ausschlieend zu umfassen, dazu Wrme, Empfindung und eigentliche Liebe.
Das ganze Leben wird durch diese Stimmung innerlicher, und wo sie recht
einheimisch geworden ist, dauert sie, wie ich in verschiedenen Perioden
meines Lebens erfahren habe, auch in derselben Innerlichkeit mitten
unter groen ueren Bewegungen fort. Sie macht alsdann denjenigen,
welcher sie besitzt, von allen uerlichkeiten unabhngig, berhaupt
wird durch dieselbe das Bedrfnis, sich gerade mit einem ueren
Gegenstande zu verbinden, vermindert. Denn die Liebe, welche die bloe
innere Idee erweckt, vertritt schon dessen Stelle. Wo aber etwas ueres
mit der Idee zusammentrifft, da ist nun auch die Wirkung doppelt stark
und dauernd. Die Ideen, welche so durch das Leben begleiten, sind auch
natrlich zugleich dann die, welche am besten vorbereiten, das Leben
auch entbehren zu knnen. Denn da das Leben vorzglich nur durch sie
Wert hat, sie aber fest mit den tiefsten Krften des Gemts und der
Seele vereinigt sind, so kann ich mir wenigstens nicht denken, wie nicht
mit ihnen gerade auch das Eigenste, was man besitzt, mit einem
hinbergehen sollte. Es ist wohl zu hoffen und mit Vertrauen zu
erwarten, da sie klarer, heller, und in neuer vielfacherer Anwendung
den Geist umgeben werden. --

Recht herzlich habe ich mich gefreut, in Ihrem Briefe zu erkennen und
ausgedrckt zu finden, da Sie wieder ruhig und heiter werden und aufs
neue erkannt haben, da ich nur beides zu befrdern wnsche. Gewi habe
ich nur diese wohlwollenden Gesinnungen fr Sie gehabt, wie ich vor
einigen Jahren den Briefwechsel mit Ihnen wieder anfing. Ich glaube mir
in meinen Gesinnungen stets gleich geblieben zu sein, und Sie knnen
gewi ferner darauf rechnen. Die Grundstze, nach denen ich handle,
stammen weder aus Eigensinn, noch sind sie eben so wenig auf eigene
Wnsche berechnet. Sehr gefreut hat es mich auch, das volle feste
Vertrauen, wie sonst bei Ihnen, zu diesen Ihnen mit liebevollem Anteil
geweihten Gesinnungen gefunden zu haben. Halten Sie dies unverbrchlich
fest, liebste Charlotte, und nie wird etwas Strendes in unserem
Verhltnis entstehen.

Da Sie der Konsequenz gram und feind sind, wenn sie nichts als
Eigensinn ist, und nur diesen edleren Namen annimmt, darin haben Sie
ganz recht. Es ist dies dann nur eine tadelnswerte Scheinheiligkeit.
Doch mu man nicht alles Eigensinn nennen, wovon man die Grnde nicht
einsieht, oder was auf solchen Grnden beruht, fr die man, wenn man sie
auch kennt, keinen Sinn hat. Das wre wieder auf der andern Seite und in
einem andern Extreme gefehlt. Noch weniger knnte es Konsequenz genannt
werden, wenn man bei Meinungen beharren wollte, die man selbst
abgendert htte und nicht mehr, wie ehemals, fr wahr hlt; das wre
nichts als Rechthaberei, oder die Schwche, nicht vor andern bekennen zu
wollen, da man frher unrecht gehabt hat. Wenn man das selbst fhlt,
mu man auch keine Schwierigkeit darin finden, es vor andern
einzugestehen. Ich halte garnichts davon, in seinen Grundstzen,
Meinungen und Empfindungen so ein fr alle Mal abgeschlossen zu sein und
zu denken, da das nun alles darum so recht wre, weil man es so lange
dafr gehalten hat. Ich prfe vielmehr immer alles aufs neue und wrde
es keinen Augenblick Hehl haben, wenn auch das, woran ich sehr gehangen
htte, mir pltzlich anders erschiene. Ich wrde dann nicht nur selbst
meine vorige Meinung ablegen, sondern es auch ohne allen Anstand
bekennen. Gerade aber, wenn man so gestimmt ist, begegnet einem dies bei
andern viel weniger, denn man ist dann an sich dem Nachdenken geneigt,
und die Grundstze und Meinungen, die man hat, grnden sich dann auch
auf das Nachdenken, solche aber vertauscht man nicht leicht mit andern,
wenn man auch sich neuen Prfungen noch so offen erhlt. Sie sagen, da
Sie in den letzten Wochen zu sehr ernsthaftem Nachdenken ber sich
gefhrt worden sind und Ihre Blicke sehr in die Tiefe Ihres Innern
gerichtet haben. Sie werden dann dabei erfahren haben, wie wohlttig es
ist. Mir kehrt aus solchen Selbstbetrachtungen, die ich fr die hchste
und beste Beschftigung halte, alle Mal eine groe und nicht leicht
wieder zu zerstrende Heiterkeit zurck. Man findet entweder, da der
Zustand des Gemts von der Art ist, wie man nur wnschen kann ihn zu
erhalten, und hat nichts ntig gehabt, als ihn nur besser zu entwirren,
mehr Licht und Klarheit in ihm zu genieen -- und das ist gewi der Fall
bei Ihnen -- oder man mu sich selbst anklagen und unzufrieden mit sich
sein; dann ndert man seinen Sinn, ntigt das Gemt zu dem, was es aus
Irrtum, oder Schwche, oder sonst einer Verkehrtheit versagte, und
geniet gerade wieder in dem Gefhl, sich auf den rechten Weg
zurckgebracht zu haben, einer neuen und nun wahrhaft befestigten
Heiterkeit. Leben Sie herzlich wohl, bleiben Sie ruhig und heiter, und
rechnen Sie auf die Gleichheit und Unvernderlichkeit meiner
Gesinnungen.                      H.



_Burgrner_, den 6. September 1825.

Es ist nahe an Mitternacht, da ich meinen Brief an Sie anfange, er kann
aber, es ist heute Dienstag, erst am Freitag abgehen. Ich habe immer im
Briefschreiben die Sitte, die ich aber nicht unbedingt loben will, mich
im Schreiben nicht an die Posttage zu kehren, sondern meiner Neigung zu
folgen. Bei vertraulichen Briefen, wie die unsrigen sind, ist das
eigentlich nicht gut. Es ist natrlich, solche Briefe sobald als mglich
in die Hnde desjenigen zu wnschen, dem sie bestimmt sind. Aber mit
andern Briefen, die Dinge betreffen, an denen das Gemt keinen oder
wenigen Teil nimmt, ist es nicht bel, sie einige Tage liegen zu lassen.
Man kann dann noch vielleicht ndern.

Was Sie ber den Einflu des schnelleren oder langsameren Umlaufs des
Bluts auf das Gemt sagen, ist vollkommen wahr und darf bei Beurteilung
anderer nicht aus der Acht gelassen werden. Indes ist es eine schne
Eigenschaft im Menschen, und ein ihm von dem Schpfer ausschlielich vor
den brigen Erdengeschpfen eingerumter Vorzug, da er immer fhlt, da
er durch den Gedanken und durch den Entschlu jeden krperlichen
Einflu, wie stark er sein mge, hemmen und beherrschen kann. Es sagt
dem Menschen eine innere Stimme, da er frei und unabhngig ist, sie
rechnet ihm das Gute und das Bse an, und aus der Beurteilung seiner
selbst, die immer strker und strenger sein mu als die anderer, mu man
jene ganz krperlichen Einflsse vllig hinweglassen. Es sind zwei
verschiedene Gebiete, das der Abhngigkeit und das der Freiheit, und
durch den bloen Verstand lt sich der Streit beider nicht lsen. In
der Welt der Erscheinungen sind alle Dinge dergestalt verkettet, da
man, wenn man alle Umstnde bis auf die kleinsten und entferntesten
immer genau wte, beweisen knnte, da der Mensch in jedem Augenblick
gezwungen war, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Dabei hat er aber
doch immer das Gefhl da er, wollte er in das hemmende Rad greifen und
sich von dieser ihn umstrickenden Verkettung losmachen, es vermchte. In
diesem Gefhl seiner Freiheit liegt seine Menschenwrde. Es ist aber
auch das, wodurch er gleichsam aus einer andern Welt in diese eintritt.
Denn im Irdischen allein kann nichts frei, und im berirdischen nichts
gebunden sein. Der Widerstreit ist nur dadurch zu lsen, da es eine
Herrschaft des ganzen Gebiets der Freiheit ber das ganze Gebiet der
Abhngigkeit gibt, die wir nur im einzelnen nicht begreifen knnen, die
aber die Verkettung der Dinge vom Uranfange so leitet, da sie den
freien Beschlssen des Willens entsprechen mu.

Wie ich mir Ihren krperlichen Zustand denke, liebe Charlotte, so hngt
er auch sehr von der Seele ab. Suchen Sie daher vor allem sich zu
erheitern und von allen Seiten zu beruhigen. Es ist dies freilich
leichter zu sagen als zu tun, aber viel vermag es doch, wenn man sich
nur alles, was einem besorglich scheint, recht klar macht und
vollstndig auseinandersetzt, und alles in sich zurckruft, worin man
mit dem Geschick zufrieden sein oder es vielleicht sogar dankbar preisen
kann. Gelingt es dem Geist, die Krankheit oder Krnklichkeit ganz aus
sich zu entfernen und blo in den Krper zu bannen, so ist unendlich
viel gewonnen, und so ertrgt sich danach krperliches bel mit Fassung
und wirklicher, nicht scheinbarer Ruhe, und ertrgt sich nicht blo,
sondern hat sehr oft auch noch etwas die Seele schn und sanft
Reinigendes. Ich selbst bin zwar mehrere Male, und ein paar Mal sehr
gefhrlich, krank gewesen, aber an dauernder Krnklichkeit, eigentlich
schwacher Konstitution, habe ich nie gelitten. Ich bin aber oft mit
Personen umgegangen, Mnnern und Frauen, in denen dieser Zustand der
tgliche war, und die nicht einmal irgend wahrscheinliche Hoffnung
hatten, sich je anders als durch den Tod herauszuwickeln. Zu diesen
Menschen gehrte Schiller vorzglich. Er litt sehr, litt dauernd, und
wute, wie auch eingetroffen ist, da diese bestndigen Leiden nach und
nach seinen Tod herbeifhren wrden. Von ihm aber konnte man wirklich
sagen, da er die Krankheit in dem Krper verschlossen hielt. Denn zu
welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war
sein Geist ruhig und heiter, und aufgelegt zu freundschaftlicher
Mitteilung und interessantem und selbst tiefem Gesprch. Er pflegte
sogar wohl zu sagen, da man besser bei einem gewissen, doch freilich
nicht zu angreifenden bel arbeite, und ich habe ihn in solchen,
wirklich sehr unerfreulichen Zustnden Gedichte und prosaische Aufstze
machend gefunden, denen man diesen Ursprung gewi nicht ansah.

Wenn sich Schwche mit Wallung des Blutes, Unruhe oder gar Bengstigung
vereinigt, und dies Leiden mehrere Jahre dauert, so begreife ich
freilich wohl, da es berdru am Leben berhaupt hervorbringen kann,
diesem aber sollte man doch mit allen Krften immer entgegen arbeiten.
Ich will nicht einmal darauf zurckgehen, da dies offenbar sogar
gebotene Religionspflicht ist, aber das Leben ist schon, selbst wenn es
am lngsten whrt, gegen die unendliche Zeit, wo man wenigstens keinen
Begriff im voraus von der Art des Daseins hat, so kurz, da man nicht
mit seinen Wnschen die Schranken noch nher rcken, sondern sich
vielmehr, so gut es irgend gehen will, darin betten mu, und gewi ist
es fast noch wichtiger, wie der Mensch das Schicksal nimmt, als wie sein
Schicksal ist. Es ist eine sprichwrtliche Redensart, da jeder sich das
seinige schafft, und man pflegt das so zu nehmen, da er es sich durch
Vernunft oder Unvernunft gut oder schlecht bereitet. Man kann es aber
auch so verstehen, da, wie er es aus den Hnden der Vorsehung empfngt,
er sich so hinein pat, da es ihm doch wohl darin wird, wieviel Mngel
es darbieten mge.

Erhalten Sie mir Ihr liebevolles Andenken und seien Sie des meinigen
unbezweifelt gewi. Meine Gedanken begleiten Sie fter, als Sie es wohl
denken. Der Ihrige.               H.



_Tegel_, den 17. Oktober 1825.

Gewi haben Sie in den letzten September- und ersten Oktobertagen auch
die Schnheit des stlichen Sternenhimmels bemerkt. Drei Planeten und
ein Stern erster Gre standen nahe beisammen, Mars und Jupiter im
Lwen, die Venus spter als Morgenstern nahe dem Sirius. Ich bemerke es
nur, damit, im Fall Sie den herrlichen Anblick versumt htten, Sie ihn
noch nachholen knnen. Am schnsten war es zwischen drei und vier Uhr
morgens zu sehen. Ich bin mit meiner Frau fast alle Morgen aufgestanden,
und wir haben lange am Fenster verweilt, und haben uns jedesmal nur mit
Mhe von dem schnen Anblick losreien knnen. Ich habe von meiner
Jugend an sehr viel auf die Sterne und das Beschauen des gestirnten
Himmels gehalten. Meine Frau teilte, wie die meisten, so auch diese
meine Neigung mit mir, und so habe ich mein ganzes Leben hindurch, zu
Zeiten mehr, zu Zeiten weniger, in sternhellen Nchten zugebracht.
Selten ist aber ein Jahr und eine Jahreszeit so gnstig dazu gewesen,
als dieser wunderbar schne, helle und reine Herbst. Ich kann nicht
sagen, da an den Sternen mich so die Betrachtung ihrer Unendlichkeit
und des unermelichen Raumes, den sie einnehmen, in Entzcken setzt,
dies verwirrt vielmehr nur den Sinn, und in dieser Ansicht der
Zahllosigkeit und der Unendlichkeit des Raumes liegt sogar sehr vieles,
was gewi nur auf menschlicher, nicht ewig zu dauern bestimmter Ansicht
beruht. Noch weniger betrachte ich sie mit Hinsicht auf das Leben
jenseits. Aber der bloe Gedanke, da sie so auer und ber allem
Irdischen sind, das Gefhl, da alles Irdische davor so verschwindet,
da der einzelne Mensch gegen diese in den Luftraum verstreuten Welten
so unendlich unbedeutend ist, da seine Schicksale, sein Genieen und
Entbehren, worauf er einen so kleinlichen Wert setzt, wie nichts gegen
diese Gre verschwinden; dann da die Gestirne alle Menschen und alle
Zeiten des Erdbodens verknpfen, da sie alles gesehen haben vom
Anbeginn an, und alles sehen werden, darin verliere ich mich immer in
stillem Vergngen beim Anblick des gestirnten Himmels. Gewi ist es aber
auch ein wahrhaft erhabenes Schauspiel, wenn in der Stille der Nacht,
bei ganz reinem Himmel, die Gestirne, gleichsam wie ein Weltenchor,
herauf- und herabsteigen, und gewissermaen das Dasein in zwei Teile
zerfllt. Der eine Teil, wie dem Irdischen angehrend, in vlliger
Stille der Nacht verstummt, und nur der andere heraufkommend in aller
Erhabenheit, Pracht und Herrlichkeit. Dann wird der gestirnte Himmel,
aus diesem Gesichtspunkte angesehen, gewi auch von moralischem Einflu.
Wer, der sich gewhnt hat, in dergleichen Empfindungen und Ideen zu
leben und oft darin zu verweilen, knnte sich leicht auf unmoralischen
Wegen verirren. Wie entzckt nicht schon der einfache Glanz dieses
wundervollen Schauspiels der Natur? Ich habe schon oft daran gedacht,
da Ihnen gerade, liebe Charlotte, ein kleines Studium der Astronomie
besonders zusagen msse; wenn Sie es wnschen, will ich Ihnen gern
einige Anleitung geben und Ihnen Bcher nennen, die Ihnen behilflich
sein knnen.

Sie fragen mich, ob ich allein oder mit den Meinigen in Burgrner
gewesen bin? Wir waren noch in diesem Sommer mit allen unsern Kindern
und noch andern Verwandten in Burgrner, so da im ziemlich groen Hause
kein Zimmer zu viel war. Es ist nie meine Art gewesen, in Briefen davon
gern zu sprechen, und daher hatte ich auch vergessen, Ihnen zu sagen, ob
ich allein gereist sei oder nicht. Ich halte einmal nichts vom Erzhlen,
Ereignisse und Begebenheiten scheinen mir nur der Gefhle und Gedanken
wegen, die sie hervorbringen, interessant. Auch im Gesprch erzhle ich
nie, wo ich nicht mu, und trage nichts in meiner Familie, was mich und
andere betrifft, herum, um es mitzuteilen. Es hat mir immer eine
gewisse Ideenarmut geschienen, wenn man schriftlich oder mndlich aufs
Erzhlen kommt, wiewohl ich's in andern nicht tadle. Ich bin auch nie
der Meinung gewesen, da es zur Freundschaft gehrt, sich mitzuteilen,
was einem Frohes oder Schmerzliches begegnet. Es mag dies wohl auch
Freundschaft heien und sogar sein, aber es gibt wenigstens Gottlob!
eine hhere, auf Reinerem und Hherem beruhende Freundschaft, die dessen
nicht bedarf und, weil sie mit etwas Edlerem beschftigt ist, darauf
nicht kommt.

Ich gehe noch einmal Ihren letzten Brief durch und verweile bei einer
Stelle, die mir viel Vergngen gemacht hat, und die ich mehr als einmal
gelesen habe. An das zarte Verhltnis unserer dauerhaften Freundschaft
knpfen sich so manche schne und, wenn man sie weiter verfolgt, hhere
und selbst erhebende Ideen. Ich gehe zuerst davon aus, da Sie mir diese
Empfindungen von frher Jugend her gewidmet und zart gesondert erhalten
haben bis ins Alter, ohne irgend eine Absicht, Wunsch oder Forderung
daran zu knpfen. Es gibt also schon hier, unter allem irdischen
Wechsel, den Beweis von Dauer, Unvergnglichkeit, und man mchte sogar
sagen Unendlichkeit; auf der andern Seite, von Festhalten des
Unvernderlichen, von Wrdigung des wahrhaft Wertvollen in wrdiger
Erfassung eines hhern Guts, in Wegweisung kleinlicher, engherziger
Beschrnkung. Denn gerade diese Engherzigkeit, der man so oft begegnet,
und worin sich der, der sie nhrt, meist gefllt, beweist die sinnliche
Unlauterkeit der Gefhle derer, die dergleichen Schranken bedrfen, um
sich dahinter zu verstecken. Die wahre Liebe, die ihrer hheren
Abstammung treu bleibt und gewi ist, erwrmt gleich der Sonne, so weit
ihre Strahlen reichen, und erhellt verklrend alles in ihrem lautern
Glanz. Endlich erhebt eine solche Erscheinung die Seele in Hoffnung und
Glauben. Begleiten uns schon hierin unserer Endlichkeit und
Unvollkommenheit dauernde Treue und Liebe, besitzen wir schon hier
unentreibare Gter, die mit uns hinbergehen, die wir nicht
zurcklassen werden, wie sollte uns nicht die Hoffnung beseelen und
erheben, da wir im berirdischen in hherer Klarheit wiederfinden, was
uns schon hier beseligen konnte als freie Himmelsgabe. Zhlen und
rechnen Sie, teure Charlotte, aber auch fest auf die gleiche und
unwandelbare Gesinnung, womit ich Ihnen angehre. Ihr               H.



_Berlin_, den 8. November 1825.

Ich hoffe gewi, da die Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht
haben werden. Sie sind so genau, da sie ein sehr bestimmtes und
deutliches Bild des Hauses geben mssen, wenn man sie durchgeht. Ich
habe den Ort sehr gerne, bin aber doch im Grunde nicht viel da. In
diesem Jahre verlebte ich kaum vier Monate dort. Im Winter habe ich
mehrere Grnde, in der Stadt zu sein, obgleich meiner Frau und mir das
Leben auf dem Lande auch dann sehr zusagen wrde. Im Sommer ntigen oder
veranlassen mich wenigstens die Angelegenheiten der andern Gter, auch
diese zu besuchen. So kommt man, bei aller anscheinenden Freiheit, doch
nicht immer dazu, das zu tun, was einem das Liebste wre. An Tegel hnge
ich aus vielen Grnden, unter denen doch aber der hauptschlichste die
Bildsulen sind, teils Antiken in Marmor, teils Gipse von Antiken, die
in den Zimmern stehen und die ich also immer um mich habe. Wenn man Sinn
fr die Schnheit einer Bildsule hat, so gehrt das zu den reinsten,
edelsten und schnsten Genssen, und man entbehrt die Gestalten sehr
ungern, an denen sich das Vergngen, wie unzhlige Male man sie sieht,
immer erneuert, ja steigert. So reizend auch Schnheit und
Gesichtsausdruck an lebenden Menschen sind, so sind beide doch an einer
vollendeten Statue, wie die antiken sind, so viel mehr, und so viel
hher, da es gar keine Vergleichung aushlt. Man braucht, um das zu
finden, gar keine besondern Kenntnisse zu besitzen, sondern nur einen
natrlich richtigen Sinn fr das Schne zu haben, und sich diesem Gefhl
zu berlassen. Die Schnheit, welche ein Kunstwerk besitzt, ist
natrlich, weil es ein Kunstwerk ist, viel freier von Beschrnkung als
die Natur, sie entfernt alle Begierde, alle auch auf noch so leise und
entfernte Weise eigenntzige oder sinnliche Regung. Man will sie nur
ansehen, nur sich mehr und mehr in sie vertiefen, man macht keine
Ansprche an sie, es gilt von dieser Schnheit ganz, was Goethe so schn
von den Sternen sagt: Die Sterne die begehrt man nicht, man freut sich
ihres Lichts. Sie werden auf der Zeichnung des Hausflurs einige Statuen
bemerken, unter anderen einen weiblichen Krper ohne Kopf und Arme.
Dieser steht nicht mehr da, sondern ist jetzt mit andern Statuen in
meiner Stube. Ich besitze ihn schon lange und hatte ihn auch in Rom
immer bei mir. Es ist eine der vollendetsten antiken Figuren, die sich
erhalten haben, und es gibt nicht leicht eine andere Bildsule einen so
reinen Begriff streng weiblicher Schnheit....

Sie wollen meine Meinung ber Walter Scott und fragen mich, was Sie
lesen sollen. Da wei ich Ihnen aber schwer Rat zu geben. Ich lese schon
an sich wenig Deutsch, und unter diesen meist solche wissenschaftliche
Bcher, die doch nicht fr Sie sein wrden, ich bin also eigentlich
darin ein schlechter Ratgeber. Einige habe ich auf dem Lande den Abend
bei meiner Frau vorlesen hren, und sie haben mir viel Vergngen
gemacht. Ich empfehle Ihnen vor allen den Astrologen, den Kerker von
Edinburg und Robin den Roten. Es ist eine schne Lebendigkeit und eine
sehr richtige Zeichnung und Durchfhrung der Charaktere in diesen
Romanen, und sie haben noch das Anziehende, da sich mehrere derselben
genau an wirklich geschichtliche Ereignisse anschlieen, und eine in
groe Details eingehende Schilderung von Sitten und Gebruchen
verschiedener Zeitalter enthalten. Auch Quintin Durward und Ivanhoe sind
aber zu empfehlen. Geschichtsbcher wrde ich immer als Lektre
vorziehen, und ich denke mir oft, da, wenn ich einmal das Schicksal
haben sollte, wie es Personen, die ihre Augen viel gebraucht haben,
hufig geht, ganz schwache Augen zu bekommen oder ganz blind zu werden,
wo das eigene Studieren nicht mehr geht, da ich mir, sage ich, da wrde
lauter Geschichtsbcher vorlesen lassen. In der Geschichte interessiert
nun einen mehr das Entferntere, andere mehr das Nahe. Wenn Ihnen das
letzte das liebste wre, so sind seit einigen Jahren eine Menge
interessanter Memoiren in Frankreich erschienen. Ich habe uerst wenige
davon gelesen, aber doch viel davon gehrt, und anziehend sind diese
Schriften gewi. -- Ich wiederhole Ihnen von ganzem Herzen, liebe
Charlotte, die Versicherung meiner herzlichen und immer gleichen
Gesinnungen. Ihr                      H.



_Berlin_, den 25. Dezember 1825.

Ich habe seit Abgang meines letzten Briefes zwei von Ihnen empfangen,
liebe Charlotte, einen vom 6., den andere vom 20. d. Mts., und danke
Ihnen recht herzlich dafr. Es hat mich sehr gefreut, da die
Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht haben, ich hatte das
gewnscht und erwartet, aber nicht, da Ihnen das Haus ein so
stattliches Schlo scheint. Das alte Gebude, aber kleiner als das
jetzige, wie Sie sehen, war ein Jagdschlo des groen Kurfrsten, das
nachher an meine Familie kam. Wegen dieses Besitzes, seiner Kleinheit,
und da es noch ein mir nicht gehrendes Dorf Tegel gibt, heit es in der
Gegend das Schlchen Tegel. Jetzt fangen die Leute an, es _Schlo_ zu
nennen. Ich habe das nicht gern. In Schlesien habe ich ein mehr als noch
einmal so groes altes Schlo mit Turm und Grben, ich nenne es aber das
Wohnhaus. Das Tegelsche Haus aber ist bequem und eigentmlich. Das dankt
es dem Baumeister, dem ich freie Hand gelassen. Mein grtes Verdienst
bei dem Hause ist, da ich nicht meine eigenen Ideen in den Bau gemischt
habe.

Wir sind nun wieder am Schlusse eines Jahres. Schreiben Sie mir, ich
bitte Sie, den 3. Januar, wo wir dann ein neues begonnen haben. Das
jetzige ist mir heiter und glcklich, aber ungeheuer schnell verflossen,
so da es mir ist, als htte ich lange nicht so viel darin getan als ich
mir vorgesetzt hatte, und als auch eigentlich wohl ausfhrbar gewesen
wre. Da ich die herzlichsten Wnsche fr Sie, auch besonders beim
Wechsel des Jahres hege, das wissen Sie, gute, liebe Charlotte. Mge vor
allem Ihre, doch oft leidende, Gesundheit sich strken und Ihre innere
heitere Ruhe sich erhalten. Auf die Unvernderlichkeit meiner Teilnahme
fr Sie und aller Gesinnungen, auf die Sie so gtig Wert legen, knnen
Sie mit Zuversicht immer rechnen. Ich mchte Ihnen immer nach allen
meinen Krften, wo sich Gelegenheit zeigt, mit Rat und Tat ntzlich
sein, und es wrde mich ungemein freuen, wollten Sie sich mit mehr
Vertrauen noch, als Sie tun, im Innerlichen und uerlichen an mich
wenden. Sie werden mich in allem immer gleich finden.

Ich klagte erst ber das schnelle Verfliegen der Zeit, und wie ich es
sagte, so ist es in Absicht der Arbeiten, die mich beschftigen, auch
wahr. Sonst aber kann ich nicht sagen, da mich diese Schnelligkeit
beunruhigt, oder mir lstig ist. Ich scheue das Alter nicht, und den Tod
habe ich, durch eine sonderbare innere Stimmung, vielleicht von meiner
Jugend an, nicht blo als eine so rein menschliche Begebenheit
angesehen, da sie einen, der ber Menschenschicksale zu denken gewohnt
ist, unmglich betrben kann, sondern eher als etwas Erfreuliches. Jetzt
ist meine Rechnung mit der Welt lngst abgeschlossen. Ich verlange vom
langen Leben weiter nichts, ich habe keine weit aussehenden Plne, nehme
jeden Genu dankbar aus der Hand des Geschickes, wrde es aber sehr
tricht finden, daran zu hngen, da das noch lange so fortdauere. Meine
Gedanken, meine Empfindungen sind doch eigentlich der Kreis, in dem ich
lebe und durch den ich geniee, von auen bedarf ich kaum etwas, und
diese Gedanken und Empfindungen sind zu sehr mein, als da ich sie nicht
mit mir hinbernehmen sollte. Niemand kann den Schleier wegziehen, den
die Vorsehung gewi mit tiefer Weisheit ber das Jenseits gezogen hat.
Aber gewi kann die Seele nur gewinnen an innerer Freiheit, an Klarheit
aller Einsicht in das Tiefste und Hchste, an Wrme und Reinheit des
Gefhls, an Reichtum und Schnheit der umgebenden Welt. Ein einziger
Blick in die unermeliche Ferne des Sternhimmels bringt mir das mit
einer inneren Strkung, von der nur derjenige einen Begriff hat, dem sie
zuteil geworden ist, vor das Gefhl, und so erscheint mir das Ende des
Lebens, so lange es von Krankheit und Schmerz frei ist, die ja aber auch
Kindheit und Jugend treffen, vielleicht der schnste und heiterste Teil.

Fr diese Jahreszeit frchte ich immer die zu groe Anstrengung fr Sie
doppelt, bei den wenigen Tagesstunden. Schonen Sie, liebe Charlotte,
Ihre Augen, arbeiten Sie nicht zu tief in die Nacht, schonen Sie sich
berhaupt, und denken Sie daran, da mich der Gedanke beunruhigt, da
gerade Sie, mit Fhigkeit und Bedrfnis im Hheren zu leben, sich fr
das Leben so abmhen. Sie klagen nicht darber, und wenn Sie es tten,
wrde es mich vielleicht weniger rhren. -- Auch wnsche ich, Sie
knnten bald mit freierer Mue an Ihre Lebenserzhlung denken, die mir
so viel Freude macht. Es schien Ihnen, als Sie diese Hefte anfingen, als
wrden Sie nie endigen. Nun haben Sie doch aber schon Ihre ganze
Kindheit geschildert, und so, wenn Sie mit Liebe zu der Arbeit
fortfahren, wird sich auch nach und nach das brige daran reihen. -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Sie sagen mir, da Sie ber manche Ihnen sehr wichtige Wahrheiten und
Meinungen meine Ansichten haben mchten. Ich bin dazu mit Freuden immer
bereit. Sagen Sie mir immer ohne Umstnde, was in Ihrer Seele aufsteigt.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Denken Sie beim Schlu des Jahres meiner, und seien Sie versichert, da
ich mit der aufrichtigsten Teilnahme und Zuneigung Ihrer gedenke.
Der Ihrige.                     H.



_Berlin_, den 14. Februar 1826.

Ich danke Ihnen recht herzlich, liebe Charlotte, fr Ihren langen und
ausfhrlichen Brief vom 25. und 29. Januar. Er hat mir eine ganz
besondere Freude gemacht, und mein Dank ist daher wirklich ein recht
lebhaft empfundener. Ihre Bltter sprechen nicht allein wieder in
gleicher Wrme die liebevollen Gesinnungen aus, auf die ich einen so
groen Wert lege, sondern sie sind auch in der ruhigen Stimmung und
Heiterkeit geschrieben, die ich besonders gern habe. Es ist dies auch
nicht blo eine Eigenheit meiner Gesinnung oder meiner Jahre, diese
heitere Ruhe allem andern vorzuziehen, sondern es ist doch wirklich
wahr, da, wo sie gestrt ist, die Harmonie des Lebens nicht mehr rein
und voll erklingt. Ich meine nmlich die innere Harmonie, die die
notwendige Bedingung des glcklichen Lebens, ja die wahre Grundlage
desselben ist. Wo diese Strung durch Kummer, durch Unruhe, durch irgend
ein inneres Leiden, welcher Art es sein mge, entsteht, begreift sich
das von selbst. Aber ich mchte sagen, auch wo diese Ruhe durch Kummer
und betrbende Ursache, durch Sehnsucht, durch Strke eines Gefhls ins
Schwanken gert, ist der Seelenzustand, wenn er auch augenblicklich s
sein mag, doch nicht so schn, so erhebend, so der innersten und hheren
Bestimmung, nach und nach, und so viel es dem Menschen hier gegeben ist,
sich in die Ruhe und Unvernderlichkeit des Himmels einzuwiegen,
angemessen. Alles Heftigere und Leidenschaftliche trgt mehr Irdisches
an sich. Doch bin ich weit entfernt, darum selbst wahre Leidenschaft,
wenn sie wirklich aus der Tiefe des Gemts flammt und auf einen guten
Zweck gerichtet ist, gewissermaen zu verurteilen. Was ich ausspreche,
mag auch mehr eine Abendansicht des Lebens sein, und berhaupt war ich
nie leidenschaftlich und habe frh die Maxime gehabt, was davon die
Natur in mich gelegt hatte, durch die Herrschaft des Willens zu
besiegen, was mir auch, wenn auch mit Anstrengung, nicht milungen ist.
Wie dem aber sei, so halte ich die Ruhe und die sie hervorbringende und
aus ihr flieende Stimmung immer fr wohlttiger und beglckender als
eine bewegtere, welcher Art sie sei, und da ich den innigsten Anteil an
Ihnen und Ihrem Glck nehme, so reicht mir das hin, am liebsten diese
Stimmung in Ihren Briefen ausgedrckt zu finden. --

Sie bemerken, da es mit dem Berufen doch nicht ohne allen Grund ist.
Obwohl ich indes diesen Aberglauben nicht habe, ist er sehr alt und wohl
unter den meisten Vlkern verbreitet. Mich knnen Sie immer glcklich
nennen, ohne da ich daraus eine ble Ahnung ziehe. Ich erwhnte nur,
da mir der mir wohlbekannte Aberglaube dabei eingefallen wre. Diesem
Aberglauben liegt indes doch wohl eine tiefere Idee zugrunde. Das
Preisen des Glcks, freilich noch mehr, wenn es der Beglckte selbst
tut, ist wohl berall als ein berheben ber den unsteten Gang der
menschlichen Dinge oder als etwas Anmaendes, der Demut und Scheu
Entgegenlaufendes, angesehen worden. Daran hat sich der Begriff
geknpft, da diesem berheben die Strafe nachfolgt, an die sich die
hufige Erfahrung eines solchen Wechsels der Dinge gesellt hat. In
furchtsamen, oder von solcher Scheu sich zu berheben durchdrungenen
Gemtern hat das also ein Streben hervorgebracht, sein Glck lieber zu
verbergen, wenigstens nicht laut werden zu lassen, das Schicksal nicht
daran zu erinnern, da es wohl Zeit sei, nun auch einen Wechsel
eintreten zu lassen. In Beziehung auf andere hat sich der Begriff des
Neides, der Schadenfreude hineingemischt, man hat befrchtet, es sei
dies Anpreisen wohl nicht redlich gemeint, habe wohl gar die heimliche
Absicht, eine Umwandlung herbeizufhren. Dadurch ist das Anpreisen auch
als ein Zaubermittel angesehen worden, und daher mu man wohl das
allerdings alberne Verwahrungsmittel des Unberufen herleiten. Vor
geluterten, auch religisen Ideen fllt das alles ber den Haufen. Wer
sein oder anderer Glck aus reiner Freude daran, mit Dankbarkeit gegen
den Ursprung desselben, rhmt, ist gewi Gott wohlgefllig und setzt
sich dadurch, wenn dies nicht sonst in unerforschlichen Plnen liegt,
keiner Umwandlung als Strafe aus. Vielmehr ist es eine schne
Empfindung, fremdes Glck ohne Neid zu preisen, und sich des eigenen als
einer unverdienten Gabe zu freuen.

Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den Gesinnungen
unvernderlicher Anhnglichkeit der Ihrige.            H.



_Berlin_, den 13. Mrz 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre beiden Briefe vom 13. und 26. v. M. zur
Beantwortung vor mir liegen. Sie knnen sich kaum vorstellen, wieviel
Freude mir der ruhige und vertrauungsvolle Ton macht, der in beiden
herrscht, und der ein treuer Ausdruck Ihrer Gesinnung und
Seelenstimmung ist. Es hat mich auch sehr gefreut, zu sehen, da es doch
mit Ihrer Gesundheit leidlich zu gehen scheint. Bei Ihnen wirkt die
einfache und regelmige Lebensart, die Sie fhren, gewi sehr zur
leichteren Besiegung aller Krankheiten mit, und damit verbinden Sie eine
Ausdauer, die man gewi selten findet. Es ist unglaublich, wie viel es
tut, wenn der ganze Krper in einer steten und immer ununterbrochen
fortgesetzten Ordnung bleibt und von dem Wechsel der Eindrcke frei ist,
der doch immer die krperlichen Funktionen mehr oder weniger strt.
Durchgngige Migkeit ist gewi doch am Ende dasjenige, was den Krper
am lngsten erhlt und am sichersten vor Krankheiten bewahrt. Bei Ihnen,
liebe Charlotte, tritt nur _ein_ berma ein, wofr ich Sie so gern sicher
wte, das nmlich der Arbeit. Ich habe mit lebhafter Freude gesehen,
da Sie darauf bedacht sind, sich mehr Hilfe und eigene Ruhe zu
verschaffen. Sie haben aber sehr recht, und ich habe deutlich erkannt,
da auch der Teil der Arbeit, den Sie sich vorbehalten haben, noch ber
einzelne Krfte ist. Wenn Sie durch dieselbe, wie Sie mir sagen, stets
gentigt sind, bis tief in die Nacht, bis 1-2 Uhr, zu arbeiten, und doch
um 6 Uhr morgens wieder auf zu sein, so ist das gewi eine zu groe
Anstrengung. Ich bleibe zwar auch immer, bis auf wenige Ausnahmen, bis
1 Uhr nachts auf, und jetzt, wo ich Ihnen schreibe, ist es nahe an
Mitternacht. Aber ich bin es aus langer Zeit gewohnt, stehe auch morgens
vor 8 Uhr nicht auf und suche vor dem Schlafengehen in den letzten
Stunden nur leichte, nicht anstrengende Beschftigungen. Gewhnlich
schreibe ich nur Briefe und besorge meine Geschfte. Eigentlich
wissenschaftliche, oder sonst anstrengende Arbeit behalte ich mir immer
fr den Tag, meistenteils fr den Morgen vor.

Es ist sehr lieb und gut von Ihnen, da Sie meine Briefe des letzten
Jahres wieder der Reihe nach durchgelesen haben. Es tut mir aber leid,
da Sie bei denen verweilt haben, die Ihnen mifllig waren. Das war
ohne Nutzen. Es war ein reines Miverstehen, das wir beide knnen ganz
ruhen lassen. Wichtiger und nach ihren Gesinnungen fr mich beruhigend
mu es Ihnen sein, da sich in mir gegen Sie nichts von dem, was vorher
war, gendert hat, da sich nichts ndern wird, da Sie meiner
lebhaftesten Teilnahme und Anhnglichkeit immer gewi sind. Ohne Ihnen
dies als einen Vorwurf zu sagen, ist es doch gewi, und ich sehe aus
Ihren Briefen durchscheinen, da Sie sich noch immer manchmal Sorge und
Kummer deshalb ohne Ursache machen, das tut mir leid, ob ich die
Gesinnung zu ehren wei, da es die stille Heiterkeit hindert, die Sie
doch jetzt haben knnten. Auf mich, meinen Anteil, meine
Bereitwilligkeit, Ihnen zu helfen, knnen Sie rechnen und sicher
rechnen, da in meinem Alter unmglich mehr etwas Leidenschaftliches,
was immer unsicher ist, liegen kann, und in meinem Charakter nichts
Launenhaftes liegt, noch je gelegen hat. Wie ich gegen Sie bin, so
bleibe ich. Auch sehe ich mit Rhrung, da Ihr Kummer noch immer
zuweilen der ist, mir vielleicht in Ihren uerungen mifllig gewesen
zu sein. Nichts davon liegt in meiner Ihnen in der innigsten Teilnahme
zugewendeten Seele. Wollen Sie mir aber einen Beweis geben, da Sie mir
gern einen Gefallen erzeigen, so lassen Sie diese Sache ruhen und
erwhnen derselben nicht wieder. Sie knnen mir auch offen alles sagen,
ich nehme am Kleinsten wie am Grten teil und werde Ihnen immer mit
Ruhe, Vernunft und herzlicher Teilnahme in allen Dingen raten, sie mit
Ihnen prfen und Ihre innere Zufriedenheit, wie Ihr ueres Wohlsein
nach meinen Krften befrdern. In unserm Briefwechsel tue ich es mit
Flei, da ich Ihre Gedanken aufnehme, die meinigen entwickele und
ausspreche, ob beide bereinstimmen oder nicht. Es ist das der
Hauptvorzug eines Briefwechsels, der keinen ueren Gegenstand betrifft,
sondern nur Mitteilung von Gedanken und inneren Stimmungen enthlt. Aber
ich habe darum garnicht die Anmaung, da ich gerade immer recht habe,
und selbst wo ich es glaube, fordere ich nicht, da Sie es finden
sollen; vielmehr ist mir jeder Widerspruch immer erwnscht. So, liebe
Charlotte, sehen Sie mein Verhltnis zu Ihnen an, und gewinnen und
bewahren Sie ungestrtes Vertrauen, Zufriedenheit und Heiterkeit,
verbunden mit der Ruhe, die jedem Alter, vorzglich aber, wie ich an mir
selbst fhle, dem hheren so wohlttig ist.   H.



_Ottmachau_, den 10. April 1826.

Ich bin heute hier angekommen, liebe Charlotte, und habe Ihren lieben
Brief vorgefunden, der hier gewi schon lange gelegen hat. Denn obgleich
ich den 29. Mrz aus Berlin abgereist bin, so habe ich mich, ehe ich
hierher kam, an mehreren Orten ausgehalten. Es wrde mir recht angenehm
gewesen sein, wenn man Ihren Neffen zu mir gebracht htte. Ich habe es
immer zum Grundsatz gehabt, da man in jedem Alter und jeder Lage sehr
zugnglich sein mu, und ich weise auch Unbekannte nie zurck. Man hat
gegenseitig Vorteile davon; ein lebender Mensch ist immer ein Punkt, an
den sich wieder anderes anschliet, und wo man nicht berechnen kann, wo
und wie es sich wieder zu etwas Erfreulichem gestaltet. Leute aber, die
sich mit wissenschaftlichen Gegenstnden beschftigen, haben immer, auch
wenn sie im Anfange ihrer Laufbahn sind, ein hheres Interesse als
andere, und man geht mit ihnen leicht auch in Dinge ein, die einem nach
seiner eigenen Lebensweise und Bildung fremd sind. Denn am Ende hngt
doch, wre es auch nur in den hchsten und allgemeinsten Punkten, alles,
was mit Ideen ausgemessen werden kann, zusammen, und die Berhrung mit
Personen verschieden artiger Ausbildung, wenn diese nur irgendeinen
bedeutenderen Grad erreicht hat, wirkt vorzugsweise belebend auf den
Geist und verhindert die Einseitigkeit, der man sonst selten, und selbst
dann nicht entgeht, wenn man auch im Leben sich mit Menschen aller
Stnde gemischt hat und reich an wechselnden Erfahrungen gewesen ist.

Sie haben unrecht, liebe Charlotte, wenn Sie sagen, da ich jetzt gegen
Sie einen zu hflichen, gleichsam alles billigenden Ton annehme. Meinem
Gefhle nach ist das nicht der Fall, und da ich nicht jede Ihrer
Meinungen teile, oder in alle Ihre Ideen eingehe, hat Ihnen noch mein
letzter Brief bewiesen, wo ich ganz verschiedener Meinung mit Ihnen war.
Dies zeigt Ihnen deutlich, da ich Ihre Ansichten und Ideen prfe. Mit
den Gesinnungen der herzlichsten Anhnglichkeit der Ihrige.          H.



_Glogau_, den 9. Mai 1826.

Meine Reise, liebe Charlotte, hat sich ber meine Erwartung verzgert,
ich bin aber nun auf der Rckreise nach Berlin und schreibe Ihnen von
hier, da ich frher, als ich dachte, hier angekommen bin, und doch nicht
weiter reisen mag, sondern hier bernachten will. Es ist sehr lange her,
da ich keinen Brief von Ihnen erhalten habe. Es war mir, so leid es
mir tat, unmglich, Ihnen einen Ort anzugeben, wo mich Ihre Briefe mit
Gewiheit gefunden htten. Mein Aufenthalt war wechselnd, und obgleich
ich vierzehn Tage in Ottmachau war, sah ich auch das nicht voraus,
sondern meine Geschfte zogen sich nur so von einem Tage zum andern hin.
Jetzt bitte ich Sie, liebe Charlotte, mir den 23. dieses Monats zu
schreiben, da trifft mich der Brief gewi in Berlin, wohin Sie wie
gewhnlich adressieren. Ich hoffe, da alsdann nicht wieder eine solche
Unterbrechung unseres Briefwechsels stattfinden soll, da ich immer sehr
ungern Ihre Briefe und Nachrichten entbehre. Ich frchte, da Ihnen das
kalte und unfreundliche Wetter belbefinden zugezogen hat. Es war hier
wenigstens -- ich meine in Schlesien -- sehr rauh und garnicht der
Jahreszeit gem. Aus Berlin hre ich dieselben Klagen, aber seit drei,
vier Tagen hat es sich gendert, und heute war ein warmer, schner
Sonnenschein, der mich von frh bis Abend im Fahren begleitet hat.
Himmel und Erde boten einen sonderbaren Kontrast dar. Die Luft war
ruhig, der Himmel blau, nur mit leichten Wolken hie und da bedeckt, die
Sonne selten, nur auf Augenblicke, versteckt. Dagegen hatte die Erde
keinen so friedlichen Anblick. Ich mute auf einer Fhre ber die Oder
gehen, und mein Weg fhrte mich auch stundenlang an dem Ufer des Stromes
hin, den ich erst hier verlassen habe. Vorgestern und gestern war der
Flu ungewhnlich gediegen, groe Felder waren berschwemmt, Drfer
wurden ausgerumt, die Menschen waren berall in Bewegung, der Flut zu
wehren, die Dmme zu erhhen und Vorkehrungen aller Art zu treffen.
Menschen konnte nicht leicht ein Unglck begegnen, da die weite
Wasserflche, auer in der Strmung selbst, ruhig und still war. Es sah
wunderbar aus, wie das Gebsch aus dem Wasser hervorblickte. Seit dem
Jahr 1813 hat man keine so groe Flut hier gehabt. Die unfreundliche
kalte Jahreszeit hat vermutlich den Schnee in den hohen Gebirgen
vermehrt, den die Wrme einiger darauf folgenden Tage zu schnellem
Schmelzen brachte. So erklrt man sich wenigstens hier das schnelle
unbegreifliche Anschwellen des Wassers. Die Zeitungen erwhnen diese
berschwemmungen gewi, und Sie werden darin davon lesen. Es ist aber
wohl mglich, fllt mir ein, wie ich dies schreibe, da Sie, liebe
Charlotte, keine Zeitungen lesen. Ich wrde dies wenigstens sehr
begreiflich finden, schon wenn ich Sie nach mir beurteile. Ich habe
wirklich seit dem 29. Mrz, wo ich Berlin verlie, keine Zeitung
angesehen, wenn ich ein paar Bltter ausnehme, die mir zufllig in die
Hand gefallen sind. Mein Leben kann innerlich und uerlich recht gut
fortgehen, ohne da ich in Berhrung mit dem bin, was man
Weltbegebenheiten nennt. Wenn die wirklich groen sich ereignen, und die
Kunde davon gewi ist, erfhrt man es, ohne die Zeitungen zu lesen, und
alle kleinen aufzusammeln, oder die groen von ihrem Entstehen an zu
verfolgen, oder dem Schwanken der Nachrichten ber sie Monate lang
nachzugehen, hat kein erhebliches Interesse fr mich und ermdet bald
meine Geduld. Auch in den Weltbegebenheiten und den Ereignissen, die
ganze Staaten erleben, bleibt doch immer das eigentlich Wichtige
dasjenige, was sich auf die Ttigkeit, den Geist und die Empfindung
einzelner bezieht. Der Mensch ist einmal berall der Mittelpunkt, und
jeder Mensch bleibt doch am Ende allein, so da nur, was in ihm war und
aus ihm ausgeht, auf ihn Wichtigkeit ausbt. Wie der Mensch im Leben auf
Erden mitempfindend, wirksam, teilnehmend, immer sich gesellig
entwickelnd, ist, so macht er den greren Weg, der ber die Grenzen der
Irdischkeit hinausreicht, doch allein, und keiner kann ihn da begleiten,
wenn auch freilich in allen Menschen die Ahnung liegt, jenseits des
Grabes die wiederzufinden, die vorangegangen sind, und die um sich zu
versammeln, die nach uns brig bleiben. Kein gefhlvoller Mensch kann
dieser Ahnung, ja dieses sichern Glaubens entbehren, ohne einen groen
Teil seines Glckes, und gerade den edelsten und reinsten, aufzugeben,
und auch die heilige Schrift rechtfertigt ihn. Ja, man kann ihn in
einigen Schriftstellen als eine ausgemachte und zu den trostreichen
Lehren des Christentums wesentlich gehrende Wahrheit aufgestellt
finden. Allein, das ndert an dem, was ich erst sagte, nichts ab. Ich
meinte nmlich, da hier auf Erden alles, was sich auf andere, und im
ganzen auf knstlich eingerichtete Institute bezieht, doch nur insofern
dem Menschen wahren Gewinn bringt, als es in den einzelnen eingeht.
Alles Erhhen der Bildung, alles Verbessern der Dinge und der
Einrichtungen auf Erden, alle Vervollkommnung der Staaten und der ganzen
Welt selbst besteht nur in der Idee, insofern es sich nicht im einzelnen
Menschen ausspricht, und darum nehme ich in allen, auch den grten
Weltbegebenheiten immer den einzelnen, seine Kraft zu denken, zu
empfinden und zu handeln, heraus. Die Allgemeinheit der Begebenheit
macht nur, da sie zugleich auf viele so wirkt, oder durch ein solches
Wirken vieler entsteht, und die Gre der Begebenheit, da sie
auerordentliche und ungewhnliche Krfte in Bewegung setzt oder zu
Urhebern hat. Dadurch verknpft sich denn auch das Privatleben mit dem
ffentlichen. Was man in diesem an dem einzelnen Menschen bemerkt,
findet sich auch, nur anders, durch andere Triebfedern in Bewegung
gesetzt, zu anderen Handlungen anregend, in jenen. Es ist nur der
Schauplatz, der sich ndert, das Schauspiel, der Gegenstand, an dem man
sich erfreut, ist derselbe. Sieht man so die ffentlichen Ereignisse an,
so gewinnen sie, wenigstens in meinen Augen, ein hheres und
lebendigeres Interesse. So aber knnen die Zeitungen sie eigentlich
garnicht oder nur hchst selten liefern. -- Bei dem, was ich vorher von
dem Wiederfinden nach dem Tode sagte, fllt mir ein rhrender Vers ein,
den ich vor einigen Tagen beim Spazierengehen auf einem Dorfkirchhofe
fand. Eine Frau, die Mutter und Gromutter gewesen war, war mit ihren
Kindern und Enkeln redend und fr sie betend eingefhrt, und das Gebet
schlo mit den Worten: Beht sie, Gott, vor Ungemach, und bringe sie
mir stille nach! Dieser Ausdruck hat etwas ungemein Naives und
Ergreifendes. Ich vermute, da die beiden Verse schon in lteren
Gesangbchern vorkommen, die in der Regel schnere und krftigere Lieder
als die neueren haben, und so sind sie Ihnen vielleicht bekannt. Ich
habe eine eigene Neigung zu Kirchhfen und gehe nicht leicht an einem
vorber, ohne ihn zu besuchen. Vor allem liebe ich sie, wenn sie mit
groen und alten Bumen bepflanzt sind, auch nur einer oder der andere
solcher Bume darauf steht. Das grnende Leben verbindet sich so schn
mit dem schlummernden Tode. Die schnsten Kirchhfe sah ich in dieser
Art in Knigsberg in Preuen. Sie haben ganze Reihen der schnsten,
grten und krftigsten Linden. Ich brachte einen Teil des Jahres 1809
in Knigsberg zu und versumte nicht leicht einen schnen
Sommernachmittag, auf einem dieser Kirchhfe herumzugehen. In Rom liegt
der der Fremden, die nicht katholisch sind, auch sehr schn und hat auch
eine antike Pyramide (auch ein Grabmal), die zufllig da steht.

Wenn ich nach Berlin komme, bleibe ich nur kurze Zeit da und gehe dann
nach Tegel, teils weil ich den Ort liebe und von dem umgeben bin, was
ich liebe, teils der ungestrten Ruhe wegen, in der ich dort wieder
arbeiten kann. Auf der Reise und bei wechselndem Aufenthalt tut man
immer wenig und hat nur eine solche Geschftigkeit, bei der man fr den
Geist eigentlich immer unttig ist.

Leben Sie wohl, liebe Charlotte, mit herzlicher Teilnahme und
unvernderlicher Anhnglichkeit der Ihrige.                H.



_Berlin_, Ende Mai 1826.

Ich bin sehr wohl, aber unendlich beschftigt, da ich Arbeiten, die ich
schon seit Jahren vorbereitet habe, endlich zu endigen denke. Ich habe
mir fr die nchsten Jahre einen regelmigen Plan darber gemacht, und
werde ihnen jetzt, wie ich es seit einigen Wochen tue, alle meine freie
Zeit widmen.

Die Witterung ist so schn, wie sie selten bei uns, in unserm
nrdlichen Klima ist; man fhlt sich dann geistig wie krperlich heiter
und mehr als gewhnlich aufgelegt zu geistigen Beschftigungen. Es ist
gewi ein beneidenswrdiger Vorzug der sdlicheren Himmelsstriche, sich
einer greren Gleichheit der Temperatur zu erfreuen. In anderer
Hinsicht ist diese Gleichheit der Natur wieder freudenloser und
vielleicht gar in geistiger Hinsicht nachteilig. Die Ankunft des
Frhlings ist keine solche reine und mit Ungeduld erwartete
Begebenheit, da ihm der Winter garnicht so unhnlich ist. Dies wirkt
natrlich auf die Seele, und wenn man annehmen kann, wie ich es
wenigstens fr sehr wahr halte, da jede leidenschaftliche oder doch
tiefere Empfindung ihren ursprnglichen Grund in Eindrcken der ueren
groen Natur, auch ohne da wir es selbst im einzelnen bemerken, hat, so
kann einen es wohl bednken, da die Sehnsucht garnicht so in der Seele
und dem Gemte sdlicher Vlker tiefe Wurzeln schlagen knne wie unter
uns, wo seit unserer Kindheit jedes Jahr die groe und tiefe, aus der
dumpf verschlieenden Starrheit des Winters nach dem neu sprieenden und
grnenden Erwachen der Natur zurckfhrt. Dies mu dann aber, da nichts
in der Seele allein steht, auch auf die ganze Empfindungsart
zurckwirken, und so mag es entstehen, da auch in unsern Dichtern alles
mehr in kontrastierenden Farben, mehr mit Schattenmassen, die das Licht
bekmpfen, ausgetragen wird, da vieles freilich dsterer, finsterer
ist, aber auch alles tiefer, ergreifender und bei jeder noch so kleinen
Veranlassung mehr aus dem Licht der ueren Natur in das Dunkel und in
die Einsamkeit des inneren Gemts zurckfhrend erscheint. Die Strke
der Empfindung und der Leidenschaft, die dort als Glut flammt, hat hier
eine andere Art des Feuers, ein mehr innerlich geheim kochendes und
langsam verzehrendes. Diese Empfindung, diese Sehnsucht wird noch
dadurch vermehrt, da wir in diesen wenig Reize darbietenden
Himmelsstrichen auf jene immer wie auf ein Paradies hinblicken, das uns,
wenigstens auf lngeren und bestndigen Wohnsitz, versagt ist. Das
bringt in allen, hauptschlich mit geistigen Dingen beschftigten
Menschen eine zweite groe Sehnsucht hervor, die nur wenigen fremd ist.
Denn wer sich hier auch noch so wohl fhlt und auch nie einen andern
Himmelsstrich gesehen hat, kann doch nicht anders, als empfinden, da es
schnere gibt, und in jeder Art von der Natur reicher begabte. Es kann
damit immerhin verbunden sein, da er doch nicht seinen Aufenthalt mit
einer Reise vertauschen wrde, er kann in Dingen, die er wieder dort
entbehren mte, eine Entschdigung finden, allein darum ist das
Anerkennen, da ihm das minder Schne zuteil geworden ist, immer gleich
gewi, und davon kann eine Sehnsucht, wenigstens auf Augenblicke, nicht
getrennt sein. Auch ist sie in allen deutschen und englischen Dichtern
und spricht sich gleich aus, wie der Zusammenhang Gelegenheit dazu
darbietet. Es hat, wenn man das viel Grere mit dem viel Geringeren
vergleichen drfte, eine hnlichkeit mit der Sehnsucht nach einem mehr
von sinnlichen Schranken befreiten Dasein, die in jeder hher gestimmten
Seele wirklich vorhanden ist, ohne da man doch darum gerade das Leben
augenblicklich zu verlassen wnscht. -- -- -- --

Die Einseitigkeit ist etwas ganz Relatives, und im Manne, der sich nach
einer groen Menge von Gegenstnden hinwenden soll, kann sie wohl zu
frchten sein. Frauen aber haben, wie man es recht eigentlich nennen
kann, das Glck, vielen Dingen ganz fremd bleiben zu knnen, sie
gewinnen meistenteils gerade dadurch, da sie den Kreis ihres Erkennens
und Empfindens zu kleinerem Umfang und grerer Tiefe zusammenziehen,
und es ist also bei ihnen in der Art, wie beim Manne, Einseitigkeit
nicht schdlich. Ich erinnere mich, frher zwei Frauen gekannt zu haben,
die mit allen Mitteln versehen, sich in dem bewegtesten Leben zu regen,
aus reiner Neigung und ohne Unglcksflle eine solche Einsamkeit
bewahrten, da es auch dem einzelnen schwer wurde, ihnen zu nahen, und
die dadurch gewi nicht das mindeste an Interesse eingebt
hatten. -- -- -- --

Sie berhren mit Widerwillen manche Laster in gewissen Beziehungen und
Folgen und wollen meine Ansichten darber. Ich gestehe, da ich die
Ansicht nicht liebe und nicht sonderlich billigen kann, wo man die
Sittlichkeit so in einzelne Tugenden zerlegt, welche man einzelnen
Lastern gegenberstellt. Es scheint mir eine durchaus verkehrte und
falsche. Ich wte nicht zu sagen, wer unter den Hoffrtigen, Geizigen,
Verschwenderischen, Wollstigen mir der am meisten Verhate sei. Es kann
es nach Umstnden jeder sein; denn es kommt auf die Art an, wie es
jeder ist. Ich gehe in meiner Beurteilung der Menschen garnicht darauf,
sondern auf die Gesinnung, als den Grund aller Gedanken, Vorstze und
Handlungen, und auf die gesamte Geistes- und Gemtsstimmung. Wie diese
pflichtmig oder pflichtwidrig, edel oder unedel ist, das allein
entscheidet bei mir. Haben zwei oder drei Menschen in demselben Grade
eine unedle, selbstschtige, gemeine Gemtsart, so ist es mir sehr
einerlei, in welchem Laster sich diese uert. Das eine oder andere kann
schdlicher oder unbequemer sein, aber alle diese Untugenden sind dann
gleich schlecht und erbrmlich. Und ebenso ist es mit den Tugenden. Es
kann einer gar keine Unsittlichkeit begehen, manche Tugend ben, und
dagegen ein anderer z. B. durch Stolz oder Heftigkeit oder sonst fehlen,
und ich wrde doch, wenn der letztere, was sehr gut mglich ist, eine
hhere und edlere Gesinnung hegt, ihn vorziehen. In der Gesinnung aber
kommt es auf zwei Punkte an, auf die Idee, nach und aus welcher man gut
ist, und auf die Willensstrke, durch die man diese Idee gegen die
Freiheit oder Leidenschaftlichkeit der Natur geltend macht. Die
erbrmlichen Menschen sind die, die nichts ber sich vermgen, nicht
knnen, was sie wollen, und die, welche selbst, indem sie tugendhaft
sind, niedrige Motive haben, Rcksichten auf Glck und Zufriedenheit,
Furcht vor Gewissensbissen, oder gar vor knftigen Strafen. Es ist recht
gut und ntzlich, wenn die Menschen auch nur aus diesen Grnden nicht
sndigen, aber wer auf Gesinnung und Seelenzustand sieht, kann daran
keinen Gefallen haben. Das Edle ist nur dann vorhanden, wenn das Gute um
des Guten willen geschieht, entweder als selbst erkanntes und
empfundenes Gesetz aus reiner Pflicht, oder aus dem Gefhl der erhabenen
Wrde und der ergreifenden Schnheit der Tugend. Nur diese Motive
beweisen, da wirklich die Gesinnung selbst gro und edel ist, und nur
sie wirken auch wieder auf die Gesinnung zurck. Tritt, wie das bei
gutartigen Gemtern immer der Fall ist, die Religion dazu, so kann auch
sie auf zweierlei Art wirken. Die Religion kann auch nicht in ihrer
wahren Gre gefhlt, noch von einem niedrigen Standpunkte aus gewonnen
werden. Wer Gott selbst nur in Rcksicht auf sich dient, um wieder dafr
Schutz, Hilfe und Segen von ihm zu erhalten, um gleichsam von ihm zu
fordern, da er sich um jedes einzelne Lebensschicksal kmmern soll, der
macht doch wieder sich zum Mittelpunkt des Alls. Wer aber die Gre und
vterliche Gte Gottes so mit bewundernder Anbetung und mit tiefer
Dankbarkeit in sein Gemt aufgenommen hat, da er alles von selbst
zurckstt, was nicht mit der reinsten und edelsten Gesinnung
bereinstimmt wie der Gedanke, da, was Pflicht und Tugend von ihm
fordern, zugleich der Wille des Hchsten und die Forderung der von ihm
gegrndeten Weltordnung ist, der hat die wahrhaft religise und gewi
tugendhafte Gesinnung. -- -- -- --

Ihrer fortgesetzten Lebenserzhlung sehe ich, nach dem, was Sie mir
sagen, in den nchsten Tagen mit groer Freude entgegen. Leben Sie
herzlich wohl. Mit unvernderlicher, anteilvoller Anhnglichkeit der
Ihrige.             H.



_Tegel_, den 10. September 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe, nebst dem mit Ungeduld
erwarteten neuen Heft Ihrer Lebensgeschichte empfangen und danke Ihnen
recht herzlich dafr. Es sind allerdings wenige Bltter, sie umfassen
einen kurzen, aber inhaltreichen Zeitraum, aber ich habe sie nicht nur
mit groem Interesse, sondern mit inniger Teilnahme gelesen.

Sie hatten mir schon einmal gesagt, da, als ich Sie in Pyrmont kennen
lernte, Sie eigentlich schon versprochen waren, nur noch nicht
ffentlich. Es fiel mir damals sehr auf. Ich hatte, wie wir uns sahen,
keine Ahnung davon. Die Art, wie diese Verbindung sich anknpfte, hat
etwas ganz Eigenes und Sonderbares. -- Allein, was man in solchen Fllen
auch denken und sagen mag, es scheint allerdings, wie Sie sehr richtig
bemerken, ein ewiges Verhngnis im Zusammenhang zu walten, worin niemand
dem Schicksal entgehen kann, was ihn fr seine hhere Bestimmung
entwickeln soll, worauf es doch eigentlich ankommt. Ich teile ganz Ihre
Meinung, da es nicht denkbar ist, da die Vorsehung das, was wir Glck
und Unglck nennen, einer Bercksichtigung wrdige. So trostlos das auf
den ersten Blick scheint, so erhebend ist es zugleich, einer hheren
Ausbildung wert gehalten zu werden. Es ist in solchen Schicksalen, wie
das Ihrige war und sehr frh begann, ein wunderbarer Zusammenhang. Auch
wenn man nicht von andern gestoen und getrieben wird, wenn man nicht
einmal sich selbst recht deutlich machen kann, was einen innerlich stt
und treibt, nhert man sich doch einem Ziele, oder zieht eine Fgung
ber sich heran, von der man beinahe das Gefhl hat, es sei besser, man
stiee sie zurck. Wirklich haben Sie auch weniger getan, sich in das
Schicksal, das sich fr Sie bereitete, zu verwickeln, als Sie nur sich
haben aus Liebe zu Ihrer Freundin gehen lassen, und nicht entgegen
gearbeitet. Es ist ungemein hufig der Fall, da Verbindungen ohne alle
Neigung, ja selbst gegen die Neigung, aus allerhand Grnden, mit
Empfindungen eingegangen werden; die man oft garnicht in sich tadeln
kann, die aber doch bei einem solchen Schritt nicht leitende sein
sollten. In mir und nach meiner Weise kann ich mir das zwar wenig
begreiflich machen. Mir wre es durchaus unmglich gewesen, auch nur den
Gedanken einer solchen Verbindung zu fassen, wenn ich nicht wirklich die
tiefe berzeugung der Empfindung gehabt htte, da die, mit der ich
mich verbnde, die einzige sei, mit der ich ein solches Band eingehen
knnte. Der Gedanke der Ehe, selbst auf eine recht gute und vertrgliche
Weise mit gegenseitiger Achtung und Freundschaft geschlossen, aber ohne
das tiefe und das ganze Wesen ergreifende Gefhl, das man gewhnlich
Liebe nennt, war mir immer zuwider, und es wre meiner ganzen Natur
entgegen gewesen, sie auf eine solche Weise zu schlieen. Es ist zwar
wahr, da die so, wie ich es da von mir sage, geschlossenen Ehen die
einzigen sind, in welchen die Empfindungen bis zum Grabe im gleichen
Grade, nur in den Modifikationen, welche Jahre und Umstnde
herbeifhren, dieselben bleiben. Es ist indes doch recht gut, da diese
Art, die Sache anzusehen, nicht die allgemeine ist, da sonst wenig Ehen
zustande kommen wrden. Auch gelingen so viele Ehen, die anfangs recht
gleichgltig geschlossen werden, so da sich dagegen nicht viel sagen
lt. In Ihrem Fall war es offenbar das Gefhl fr Ihre Freundin, das
Sie leitete, und das war allerdings ein edles und aus dem Besten und
Reinsten im menschlichen Herzen sprieendes. Gerade das aber zeigt sich
recht oft, da die besten, edelsten, aufopferndsten Gefhle gerade die
sind, die in unglckliche Schicksale fhren. Es ist, als wrden durch
eine hhere und weise Fhrung die ueren Geschicke absichtlich in
Zwiespalt mit den inneren Empfindungen gebracht, damit gerade die
letzteren einen hheren Wert erlangen, in hherer Reinheit glnzen, und
dem, der sie hegt, eben durch Entbehrung und Leiden teurer werden
sollten. So wohlttig die Vorsehung waltet, so kommt es ihr nicht immer
und durchaus auf das Glck der Menschen an. Sie hat immer hhere Zwecke
und wirkt gewi vorzugsweise auf die innere Empfindung und Gesinnung.

Die Geschichte der geisterartigen Warnung ist sehr sonderbar -- sie
wurde Ihnen in dem Moment, wie Sie zuerst bestimmt Ihre Zustimmung zu
einer Verbindung niederschrieben, die Sie in unendliche Leiden
verwickelte. Noch sonderbarer, da sie zugleich eine Todesanzeige Ihrer
Mutter war.

Da Sie wirklich sich haben so rufen hren, ist nicht abzuleugnen. Es
ist auch eben so sicher, da kein sterblicher Mensch Sie gerufen hat in
der totalen, abgeschiedenen Einsamkeit, worin Sie die warnende Stimme
vernahmen. In sich haben Sie die Stimme gehrt, wenn sie gleich Ihr
ueres Gehr zu vernehmen schien, und in Ihnen ist die Stimme
erschallt. Es gibt gewi viele, die das nur als eine Selbsttuschung
erklren wrden, die denken, da der Mensch auf natrlichen Wegen, ohne
alle Verknpfung des Irdischen mit dem Geisterreich, blo durch die
innere Bewegung, die in seinem Gemt, seiner Einbildung, seinem Blut
selbst waltet, so etwas uerlich zu vernehmen glaubt. Da es so sein
kann, bisweilen so ist, mchte ich nicht leugnen, wohl aber, da es
nicht auch anders sein kann, und bei gewissen Menschen unter gewissen
Umstnden anders gewesen ist. Sie sagen: Ihrer Seele habe sich in
spterer Zeit und nach und nach die Meinung bemchtigt, die
Jung-Stilling in seiner Theorie der Geisterkunde (ich habe sie nicht
gelesen) aufstelle, da die uns Vorangegangenen, heller Sehenden, mit
Liebe uns Umgebenden, uns oft gern Schtzenden, warnend uns erkennbar zu
werden suchten, und dies gern, um tiefere Eindrcke zu bewirken, an
bedeutende und wichtige Ereignisse knpften, wo es nur darauf allein
ankomme, da sie sich mit uns in Rapport zu bringen vermchten, was
allein davon abhnge, in welcher Entbundenheit der geistige Zustand von
den ueren Sinnen sich befinde. In diesem entbundenen Zustand, worin
sich gewi niemand eigenwillig bringen kann, glauben Sie vielleicht in
jener Stimmung gewesen zu sein, wo Sie ber alle gewhnlichen
Rcksichten hinaus Ihre Entschlieungen niedergeschrieben haben. Diese
Ihre Bemerkungen sind tief gedacht und empfunden. Es gibt unleugbar ein
stilles, geheimnisvolles, mit irdischen Sinnen nicht zu fassendes
Gebiet, das uns, ohne da wir es ahnen, umgibt, und warum sollte da
nicht auf Augenblicke der Schleier reien und das vernommen werden
knnen, wozu in diesem Leben keine vernehmbare Spur fhrt? Sie wurden
hier in dem Augenblicke gewarnt, wie Sie einen bis dahin nur Ihnen
bekannten Gedanken niederschreiben wollten, einen Federzug tun, der Ihr
Leben, in vielfache und unglckselige Verwickelung ziehen sollte, Sie
wurden mit der Stimme derer gewarnt, die bald nicht mehr sein sollte,
und es wurde, wie Sie bemerken, um sicherer Sie zum Nachdenken zu
fhren, der Moment bedeutend bezeichnet, da Ihre Mutter gerade in
demselben Moment acht Tage nachher starb. Das war offenbar nicht von
dieser Welt. Es war eines der Zeichen, die selten, aber doch bisweilen
kund werden von dem, was eine im Leben unbersteigbare Kluft von uns
trennt. Ich danke Ihnen sehr, da Sie dies nicht bergangen haben.

Fr heute Adieu, liebste Charlotte. Mit unwandelbarem Anteil und
Anhnglichkeit der Ihrige.              H.



_Tegel_, im Oktober 1826.

Sie fragen mich, liebe Charlotte, wie ich das meinte, wenn ich sagte,
da die Stimme, die Sie an jenem Novemberabend rief, eigentlich _in Ihnen_
erschallte, da Sie dieselbe doch deutlich hinter sich vernahmen. Recht
ordentlich zu erklren ist so etwas eben nicht, ich mchte hierin auch
meine Ansicht nicht fr die ausgemacht wahre ausgeben, aber ich habe
ber alles, was man Geister und Geistererscheinungen nennt, einen
Glauben, der, wenn ich so sagen darf, den Glauben und Unglauben daran
gewissermaen miteinander vereinigt. Ich glaube, da Menschen solche
Erscheinungen in Tnen und Gesichten und auf jede Weise haben knnen,
und da dies garnicht Einbildungen einer blo erhitzten
Einbildungskraft, Tuschungen und sozusagen wachende Trume sind. Ich
wrde es kaum sonderbar finden, wenn mir selbst etwas dieser Art
begegnete. Ich halte also diese Erscheinungen fr etwas Wirkliches,
durch eine berirdische Macht Hervorgebrachtes, nur da man freilich
sehr genau prfen mu, ob in dem einzelnen Fall die Erscheinung wirklich
eine von der gewhnlichen Ideenverbindung verschiedene und keine bloe
Abirrung dieser Ideenverbindung, also bloe Vorstellung der Phantasie
war. Dagegen glaube ich nicht, da solche Tne oder Gesichte ebenso
auer demjenigen vorgehen, welcher sie vernimmt, als wie wenn ein
leiblicher Mensch ruft oder auftritt. Daher bin ich auch etwas
unglubiger gegen solche Geschichten, wo ein Gerusch von mehreren
gehrt wird. Sind es nur zwei, so kann die Gleichheit der innern
Seelenstimmung wohl gleichzeitige innere Erscheinungen hervorbringen.
Fr innerlich halte ich also Erscheinungen, von denen nicht wirkliche
Beweise des Gegenteils da wren, aber so fr innerlich, da sie im
Innern immer auch durch eine berirdische Macht eingefhrt und geweckt
werden, und daher der Mensch, der sie erfhrt, weil ihn das Bewutsein
berirdischer Gegenwart und von nicht aus ihm kommender Einwirkung
ergreift, sie notwendig auer sich setzt. Wie viel auch schon ber
diese Sache gestritten worden ist, so kann man doch nicht ableugnen, da
etwas wirklich Innerliches von dem, dem es begegnet, als durchaus
uerlich betrachtet werden kann, und der hheren berirdischen Macht
ist die Hervorbringung einer Erscheinung ebenso mglich, wenn sie in der
Tat eine gewissermaen krperlich uere, als wenn sie eine idealisch
innere ist.

Der Gedanke einer verfolgenden Macht wrde mir immer fremd sein. Ich
habe mich niemals mit den Vorstellungen vertragen knnen, die eines
solchen, allem Guten feindseligen, am Bsen Gefallen findenden Wesens
Dasein annehmen. Im Neuen Testament halte ich die dahin einschlagenden
Stellen nur fr bildliche, sich an die Vorstellungen des Judentums
anschlieende Ausdrcke, fr das Bse, das der Mensch, auch wenn er gut
ist und sich ganz schuldlos glaubt, doch immer in sich zu bekmpfen hat.
Es gibt unleugbar Personen, welchen mehr Widerwrtiges als Glckliches
begegnet, und auch die sehr Glcklichen haben krzere oder lngere
Perioden, wo der Verlauf der Umstnde ihnen nicht zusagt, und sie gegen
den Strom zu schwimmen gentigt sind. Dies liegt aber, auch wo es
garnicht eigene Schuld oder Folge unrichtig berechneter Verfahrungsweise
ist, in der natrlichen Verkettung der Umstnde, wo das allgemein
Notwendige oder Unvermeidliche dem Interesse des einzelnen zuwider ist.
Sehr oft, und dies ist mir bei weitem wahrscheinlicher, kann es auch
Fgung der mit weiser und immer wohlttiger Strenge heilsam zchtigenden
und prfenden Vorsehung sein; denn die Zchtigung berirdischer und
bermenschlicher Weisheit setzt nicht gerade immer Schuld voraus. Es
kann in den Wegen und Pfaden der ber alle menschliche Vernunft
hinausreichenden Einsicht liegen, auch ohne Verschulden, zur bloen
heilsamen Zurckfhrung auch den ganz Schuldlosen zu zchtigen. Auch ist
der Beste, wenn er nur die Selbstprfung mit gehriger Strenge anstellt,
nicht von Flecken rein, und es knnen in seinen bewutlosen Empfindungen
solche liegen, die ihn zur Schuld fhren wrden, wo aber der Schuld
durch die heilsam angebrachte Zchtigung vorgebeugt wird. Der Mensch
selbst ist zu kurzsichtig und sein Blick zu trbe, dies einzusehen,
allein die in der Hhe waltende Macht durchschaut es und wei es zu
lenken und zum Besten zu kehren. Alles dies pflege ich mir zu sagen, oft
ohne uere Veranlassung, allein auch besonders da, wo, wie's auch mir
geschieht, das Schicksal den Wnschen entgegenwirkt, und eine Periode
der Widerwrtigkeit oder des wahren Unglcks eintritt. Ich werde dann
vorsichtiger als sonst im Handeln, und ohne mich im geringsten beugen
oder betrben zu lassen; suche ich durchzusteuern, so gut es gehen will.
Wenn ich sage, ohne mich zu betrben, so meine ich damit nicht, da mich
die einzelnen Unflle nicht betrben sollten (was unvermeidlich ist),
sondern nur, da ich ihr Eintreten berhaupt, die Wendung vom Glck zum
Gegenteil nicht als etwas Feindseliges, sondern als etwas Natrliches,
mit dem Weltgang und der menschlichen Natur eng Verbundenes, oft sogar
Heilbringendes nehme. Nach dieser in mir festgewordenen Ansicht kann ich
an eine verfolgende oder gar nur neckende Macht nicht glauben. Ich
gestehe, da ich einen solchen Glauben nicht einmal bei andern dulden
oder unangefochten lassen knnte. Es ist eine finstere, beengte
Vorstellung, die der Gte der Gottheit, der Gre der Natur und der
Wrde der Menschheit widerspricht. Dagegen hat der Glaube an eine, unter
Zuladung und Leitung der hchsten, untergeordnete, schtzende Macht
etwas Schnes, Beruhigendes und den reinsten und gelutertsten
Religionsideen Angemessenes. Ich mchte ihn daher niemand rauben, der
durch seine Natur angeregt wird, ihn zu haben und zu hegen. Mir ist er
jedoch nicht eigen, und er gehrt auf alle Flle zu denjenigen
religisen Vorstellungen, die nicht allgemein geboten sind, sondern bei
denen es auf die individuelle Neigung und Stimmung ankommt.

Es wird mich sehr freuen, wenn Sie Zeit und Stimmung haben, Ihre
Lebenserzhlung fortzusetzen. Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie
fest auf die Dauer der Gesinnungen, die Ihnen immer von mir gewidmet
bleiben. Ihr            H.



_Berlin_, den 8. November 1826.

Ihr lieber Brief hat mir groe Freude gemacht, weil er in den Inhalt
meines letzten eingeht und demselben Grnde und Behauptungen
entgegenstellt. Es ist sehr natrlich und begreiflich, da unsere
Ansichten bisweilen auseinander gehen mssen; es liegt das zuerst im
Geschlecht, dann in der Lebensweise und den einmal angenommenen
Gewohnheiten. Ein Mann, und noch mehr einer, der oft in Verhltnissen
war, in denen er gegen Gefahr und Ungemach nur bei sich Schutz und Rat
suchen konnte, mu mehr von der Selbstndigkeit erwarten und mehr auf
sie dringen. Er mu sich zutrauen, mehr ertragen, Schmerz und Unglck
(von denen kein Mensch frei ist, und zu denen Geschfte und fr andere
bernommene Verantwortlichkeit auch empfindlichere Gelegenheiten
darbieten, als in einfacheren Lagen vorkommen knnen) mit mehr
Gleichgltigkeit ansehen, um sie mehr durch sich selbst bezwingen zu
knnen. Indes mssen Sie nie denken, da dies die Teilnahme an fremdem
Unglck schwcht, oder da es hindert zu begreifen, da jeder die
verschiedenartigen Ereignisse des Lebens nach seiner Weise und seiner
Eigentmlichkeit aufnimmt. Sind Sie aber auch in vielem von dem, was
mein voriger Brief enthielt, anderer Meinung mit mir, so stimmen wir
ganz in dem Wunsche berein, eine Anzeige des bevorstehenden Todes zu
haben. Bis jetzt denke ich mir den Tod als eine freundliche Erscheinung,
eine, die mir in jedem Augenblick willkommen wre, weil, wie zufrieden
und glcklich ich lebe, dies Leben doch immer beschrnkt und rtselhaft
ist, und das Zerreien des irdischen Schleiers darin auf einmal
Erweiterung und Lsung mit sich fhren mu. Ich knnte darum stundenlang
mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese
Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und
dem knftigen Dasein erscheint. Ich hoffe, diese Freudigkeit der
Todeserwartung soll mir bleiben, ich wrde mich dessen, da sie tief in
meiner Natur (die nie am Materiellen, immer nur an Gedanken, Ideen und
reiner Anschauung gehangen hat) gegrndet ist, sogar gewi halten, wenn
nicht der Mensch, wie stark er sich whne, sehr vom augenblicklichen
Zustande seiner krperlichen Gesundheit und selbst seiner
Einbildungskraft abhinge. Ich whne mich aber nicht einmal stark,
sondern fordere nur unbedingt von mir, es zu sein. Ich wrde daher,
bliebe ich wie jetzt gestimmt, den Tod ohne Schrecken herannahen sehen,
und mein Bemhen wrde nur sein, mit Besonnenheit den bergang in einen
anderen Zustand, so lange es mglich ist, schrittweise zu verfolgen.
Darum wrde ich auch fr mich einen langsameren Tod nicht fr ein
Unglck erachten, obgleich ein schneller sowohl fr den Sterbenden
selbst, als fr die Zurckbleibenden Vorzge hat. Ich trage mich auch
seit einer Reihe von Jahren, und nach einer Begebenheit, die mich, als
ich in Rom war, traf und sehr ergriff, mit dem Glauben, oder, wenn dies
zu viel gesagt ist, mit der Ahnung, da ich nicht anders sterben werde,
als bis eine bestimmte Erscheinung es mir vorher verkndet. Wie das nun
sein wird, will ich erwarten, aber erwnscht wre mir, wie Ihnen, die
Vorandeutung.

Die biblischen Stellen, die Sie anfhren, waren mir, als ich sie
nachschlug, wohl bekannt. Sie sind allerdings trstend, weil sie
Hoffnung gewhren, Vertrauen hervorrufen und auf Liebe, die sich
erbarmt, zhlen lassen. Ich mu aber doch, wenn ich meine innere
Empfindung erschliee, sagen, da gerade die von Ihnen angefhrten
Stellen nicht diejenigen sein wrden, bei denen ich Trost suchen wrde.
Sie gehren in die Reihe der Verheiungen, Hoffnungen, und in dieser Art
in der Zukunft zu leben, ist nie mein Sinnen und Trachten gewesen. Ich
habe immer mehr gesucht, mich gleich selbst in der Gegenwart zu
bearbeiten, da daraus soviel mgliche innere Besiegung des Unglcks
hervorgeht. Gerade in dieser Hinsicht aber ist das Lesen der Bibel eine
unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wte sonst
nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fliet, wenn auch
ganz verschieden, doch gleich stark, auf eine doppelte Weise im Alten
und Neuen Testament. In beiden ist die Fhrung Gottes, das Allwalten
der Vorsehung, die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in
religis gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe innere, durch nichts
auszurottende berzeugung, da auch die Schicksale, durch welche man
selbst leidet, doch die am weisesten herbeigefhrten, die wohlttigsten
fr das Ganze und den dadurch Leidenden selbst sind. In dem Neuen
Testament hernach ist ein solches berschwngliches Vorwalten des
Geistigen und des Moralischen, es wird alles so einzig auf die Reinheit
der Gesinnung zurckgefhrt, da was den Menschen sonst innerlich und
uerlich betrifft, wenn er jenem mit Ernst und Eifer nachstrebt,
vollkommen in Schatten zurcktritt. Dadurch verliert auch das Unglck
und jedes Leiden einen Teil seiner drckenden Einwirkung, und es
schwindet auf jeden Fall alle Bitterkeit davon. Die unendliche Milde der
ganzen neutestamentlichen Lehre, die Gott fast nur von der erbarmenden
Seite darstellt, und in der berall die aufopfernde Liebe Christi fr
das Menschengeschlecht vortritt, lindert, wie ein wohlttiger Balsam,
verbunden mit Christi Beispiel selbst, jeden Krper- und Seelenschmerz.
Im Alten Testament kann sich dies allerdings nicht finden. Aber da
erscheint wieder, und doch auch immer mehr trstend als schreckend, die
Allmacht und Allweisheit des Schpfers und Erhalters der Dinge, die
durch die Gre und Erhabenheit der Vorstellung ber das einzelne
Unglck hinaushebt. Leben Sie herzlich wohl. Mit den Gesinnungen, die,
wie ich wei, Sie lieben und die nie in mir ndern werden, Ihr      H.



_Tegel_, den 6. Dezember 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren inhaltreichen Brief vom 19. v. M., den
Sie am 21. geschlossen haben, bekommen und mit groem Interesse gelesen
und danke Ihnen recht herzlich dafr.

Sie bemerken in Ihrem Briefe, da vor dem Erscheinen Christi ein Umgang
zwischen der Gottheit und einigen gleichsam bevorrechteten Personen
stattgefunden, durch das Christentum aber jeder, der in seinen Scho
aufgenommen sei, ein nheres Verhltnis zu dem hchsten Wesen erhalten
habe. Ich halte dies fr ungemein richtig. Zwar mchte ich nicht sagen,
was eigentlich von jener engeren und persnlichen Gemeinschaft der
Erzvter mit Gott, wie sie das Alte Testament schildert, zu halten sei.
Diese Erzhlungen des ersten Teils der Schrift haben in jeder Rcksicht,
welches auch ihr Ursprung sein mge, eine so ehrwrdige Heiligkeit, da
man dem Zweifel an der Wahrheit keinen Raum gibt, wohl aber ungewi
bleiben kann, was Eigentmlichkeit der Vorstellungs- und
Darstellungsweise, bildlicher oder eigentlicher Ausdruck sei. Denn bei
so alten berlieferungen, und die sich doch auch wiederum vermutlich
Jahrhunderte lang mndlich fortgepflanzt haben, ehe sie aufgezeichnet
worden sind, lt sich der wahre Sinn von der ueren Einkleidung schwer
und wenig unterscheiden. Das aber ist eine gewisse und trstliche und im
hchsten Grade heilsame Wahrheit, da durch das Christentum alle
Segnungen der Religion eine durchaus allgemeine Wohlttigkeit erlangt
haben, da alle innere und uere Bevorrechtung aufgehrt, und jeder
ohne Unterschied Gott so nahe zu stehen glauben kann, als er sich ihm
durch seine eigene Kraft und Demut im Geist und in der Wahrheit zu
nhern vermag. Es ist berhaupt in allem, im Religisen und Moralischen,
der wahrhaft unterscheidende Charakter des Christentums, die
Scheidewnde, die vorher die Vlker wie Gattungen verschiedener
Geschpfe trennten, hinweggerumt, den Dnkel, als gbe es eine von der
Gottheit bevorrechtete Nation, genommen, und ein allgemeines Band der
Nchstenpflicht und Nchstenliebe um alle Menschen geschlungen zu haben.
Hier ist nun nicht mehr von bildlichen Darstellungen und nicht mehr von
Wundern die Rede. Es herrscht hier die geistige Gemeinschaft, welche die
einzige ist, deren der Mensch wahrhaft bedarf, und zugleich diejenige,
der er immer durch Vertrauen und Wandel teilhaftig werden kann. Ich
gestehe daher auch, da ich nicht in die Idee eingehen kann, als wre
oder als knnte nur noch jetzt eine engere Gemeinschaft zwischen Gott
und einzelnen sein, als die allgemeine, der schlichten Lehre des
Christentums angemessene, in die jeder durch Reinheit und Frmmigkeit
der Gesinnung tritt. Es wre ein gefhrlicher Stolz, sich einer solchen
anderen und besonderen teilhaftig zu glauben, und das Menschengeschlecht
bedarf dessen nicht. Frmmigkeit und Reinheit der Gesinnung und
Pflichtmigkeit des Handelns, selbst schon Streben nach beiden, da das
vollendete Erreichen keinem gelingt, sind alles, den Menschen, einzeln
und in der Gesamtheit, Notwendige, und alles dem hchsten Wesen, wie wir
es uns denken mssen, Wohlgefllige. -- Schreiben Sie mir, liebe
Charlotte, den 26. Dezember nach Hadmarsleben bei Halberstadt.
Hadmarsleben ist ein Gut meiner Frau, wo ich mich einige Tage aufhalten
werde. Mit der herzlichsten und unvernderlichsten Teilnahme
der Ihrige.              H.



_Rudolstadt_, den 2. Januar 1827.

Das neue Jahr hat begonnen, und ich wnsche Ihnen, liebe Charlotte, von
ganzem Herzen Glck dazu. Mgen Sie es heiter, sorglos und vor allem in
ungestrter Gesundheit durchleben. Ich hoffe, da die Erfllung dieser
Wnsche wahrscheinlich ist.

Ein Jahr scheint ein so kleiner Abschnitt des Lebens, und ist es auch
gewissermaen, da Tage, Wochen und Monate so unglaublich schnell
verschwinden. Es ist aber doch wieder ein so wichtiger Abschnitt, da
auch der lngst Lebende nicht so viele dieser Abschnitte zusammensetzt.
Es fngt auch freilich mit jedem Tage gewissermaen ebenso gut, als mit
dem ersten Januar, ein neues Jahr an, aber es ist dennoch nicht
abzuleugnen, da das Schreiben einer neuen Jahreszahl immer etwas in
sich trgt, das den Bedchtigen und gern berlegenden in Nachdenken
versetzt. Es ist berhaupt sehr meine Art, mich von Epoche zu Epoche
zusammenzufassen und irgend etwas Neues in meinen Vorstzen zu beginnen,
und ich habe oft gefunden, da es immer seinen Nutzen hat, wenn auch
nicht immer alle Vorstze in Erfllung gehen oder durchaus dauerhaft
sind. Es gibt auch mehr oder minder gnstige Jahre, und das beweist
sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen,
wenn sie auch augenblicklich unbedeutend und vorbergehend scheinen, in
den ersten Tagen, wo die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das
vielleicht etwas aberglubig finden, aber es ist es doch nicht so ganz
und so sehr. Die Unflle, die den Menschen betreffen, kommen weit mehr,
als man es denken sollte, aus ihm selbst. Es gibt ein geheimes und
unbemerktes Einwirken des Menschen auf die Dinge, was man ihm nicht
Schuld geben kann, weil es nicht innerhalb seines Bewutseins liegt,
aber was doch von ihm kommt. Ist nun die Stimmung innerlich eine
ungnstige, dstere, von Heiterkeit fern, so bringt sie auch so etwas im
ueren hervor; wenn man das Leben nicht leicht, oder doch wenigstens
ruhig und gleichmtig mit einer gewissen Klte, als wre einem Glck
und Unglck ziemlich gleich, aufnimmt, so stellt es sich nicht blo
insofern noch drckender und lastender, da man es schwerer empfindet,
sondern es begegnet einem, meiner Erfahrung nach, auch mehr
Widerwrtiges. Auf groe Dinge mag das, wie ich wohl glauben will,
keinen Einflu haben, aber auf die kleineren, die doch auch berwunden
sein wollen, scheint es mir nicht abzuleugnen zu sein.

Ihren lieben Brief werde ich erst in mehreren Tagen empfangen, es tut
mir immer sehr leid, auch habe ich gern einen Brief von Ihnen bei mir,
wenn ich selbst schreibe; aber meine Reise hat sich gegen meinen Willen
verlngert. Ich bitte Sie, mir jetzt so zu schreiben, da Ihr Brief den
25. oder nur wenige Tage spter in Berlin eintrifft. Leben Sie wohl,
beste Charlotte. Mit der herzlichsten und unvernderlichsten Teilnahme
der Ihrige.                    H.



_Berlin_, den 28. Januar 1827.

Ich habe, liebste Freundin, Ihre beiden Briefe richtig empfangen,
obgleich den ersten vom 20. Dezember v. J. sehr spt, da ich meinen
Reiseplan nicht so, wie ich ihn machte, ausgefhrt habe, und garnicht
nach Hadmarsleben gekommen bin. Er ist mir hierher nachgeschickt worden.
Nun bleibe ich bis zur Mitte des Sommers hier und in Tegel, und unser
Briefwechsel ist bis dahin gegen Strungen dieser Art gesichert. Es hat
mich sehr gefreut zu sehen, da Ihre Gesundheit wenigstens leidlich
ist, und da die Vernderlichkeit der Witterung und der viele Sturm, der
sonst reizbaren Konstitutionen zu schaffen macht, Ihnen nicht sehr
nachteilig geworden ist. Ich liebe den Winter zwar garnicht, und habe
von Kindheit an fr die angebliche Schnheit eines Wintertages keinen
Sinn gehabt. Die Klte ist mir insofern gleichgltig, als ich mich ihr
nie anders als so verwahrt aussetze, da sie mir nichts anhaben kann,
und als ich mir sogar im Zimmer den traurigen und einfrmigen Anblick
des Schnees durch Gardinen verschliee. In der Stadt ist es mir
berhaupt heimlicher, wenn ich von meinem Zimmer aus nichts davon
erblicke. Es ist da nur die Nacht schn, wo der Mensch und das
gewhnliche Treiben des Gewhls verschwinden und der gestirnte Himmel
den Anblick der reinen Natur gibt. Am Tage freut der Anblick aus dem
Fenster nur auf dem Lande. Diese Gewohnheit, mich in der Stadt auf den
Genu der Nacht zu beschrnken, habe ich schon sehr frh gehabt. Schon
als ganz junger Mensch sa ich, so oft ich die Stadt bewohnen mute, die
Tage ber, wenn ich nicht in Gesellschaft war, in meinem Zimmer,
durchstrich aber fast regelmig, sogar im strengen Winter, mehrere
Stundenlang des Nachts die einsamen Straen. Es freut mich ungemein, da
Sie die gleiche Neigung mit mir fr den gestirnten Himmel haben. Wem
dieser innere Sinn nicht erschlossen ist, entbehrt eine sehr groe, und
eine der reinsten und erhabensten Freuden, die es gibt.

Sie bemerken sehr richtig, da ein Wintertag doch auch seine Freuden
habe. Einfrmig ist der Schnee freilich, aber auch rein und wie ein Bild
unberhrter Fleckenlosigkeit, wenn er frisch gefallen und noch
unbetreten ist. In der Schweiz sehen jene weien Decken an den hohen
Gebirgen, die nicht leicht ein Menschenfu erreicht, sehr schn aus. Ihr
Vergleich mit einem Leichentuch ist mir aufgefallen. Er war mir neu.
Aber wenn nun der Schnee ein Leichentuch wre, ist es keine unerwnschte
Erinnerung. Die Natur liegt wie in Todesstarrheit im Winter, und wenn
die groe Natur in ihrem regelmig wiederkehrenden Laufe die Erinnerung
an den Tod herbeifhrt, erscheint er dem Geist und der Einbildungskraft
nur wie eine notwendige Verwandlung, eine Enthllung eines neuen, vorher
nicht geahnten Zustandes.

Ich mu mich neulich nicht deutlich ausgedrckt haben, wenn Sie, liebe
Charlotte, glauben, ich htte gewissermaen bestritten, da die
allwaltende Vorsehung die Schicksale der Menschen auch ganz im einzelnen
leite. Auch nach meiner festen berzeugung kann darauf der Mensch mit
Sicherheit bauen, es liegt in der Idee des Weltschpfers und
Welterhalters, es geht aus vielen Stellen der Bibel, des Alten und Neuen
Testaments, hervor und ist nicht nur eine sichere und fest gegrndete,
sondern auch tiefe und trostreiche Wahrheit, ber welche kein Zweifel
bleibt, und Sie haben gewi recht, wenn Sie sagen, der Glckliche bedarf
den Glauben, um nicht bermtig zu werden, der nicht Glckliche aber als
Halt, und der Unglckliche um nicht zu erliegen. Wenn auch jeder auf
seine Weise sich diese gttliche Teilnahme und Frsorge denkt, so sind
das nur unbedeutende Verschiedenheiten der individuellen Ansicht. Die
Hauptsache bleibt immer, da eine Allweisheit und Allgte die Ordnung
der Dinge regiert, zu der wir gehren, da unsere kleinsten und grten
Schicksale darin mit verwebt sind, da daher alles, was geschieht, gut
und uns, sei es auch schmerzhaft, wohlttig sein mu, endlich da sein
Wohlgefallen an uns, und wo nicht aus andern gleich weisen Grnden
Ausnahmen eintreten, auch der Segen oder Unsegen, der uns trifft, von
der Pflichtmigkeit unserer Handlungen, noch mehr aber von der Reinheit
unserer Gesinnung abhngt. Darin knnen unsere Meinungen nicht
voneinander abweichen. Was ich sagte, bezog sich nur auf das, was Ihr
frherer Brief enthlt, wo Sie anzunehmen schienen, da die Gottheit
gleichsam einen Unterschied unter den Menschen zu machen scheine und
manche durch eine strengere Schule leite. Sie hatten dies nicht einmal
als Ihre Meinung ausgesprochen, sondern nur als eine der versuchten
Erklrungsarten der von Ihnen erwhnten Erscheinungen. In die Ansicht
nur knnte ich nie einstimmen, da die Gottheit sich um einige weniger
kmmert als um andere. Gott kann, und das liegt in der Sache selbst,
sein Wohlgefallen mehr auf die richten, die dadurch, da sie ihm
anhngen, eine grere Liebe, Innigkeit und Reinheit des Gemts
beweisen, aber eine ungleiche Verteilung seiner leitenden, sorgenden,
belohnenden und strafenden Frsorge lt sich nicht, weder mit den
Begriffen von seiner Allmacht, noch mit denen von seiner Gerechtigkeit
in Vereinigung bringen. Im Alten Testament kommt allerdings von
Auserwhlten Gottes vielleicht auch in diesem Sinne vor, allein diese
Stellen hngen auch zum Teil mit der jdischen Idee des auserwhlten
Volkes Gottes zusammen, und dann braucht auch dieser Begriff der
Auserwhlung nicht gerade jenen ausschlieenden Sinn, sondern nur den zu
haben, da die Auserwhlten diejenigen waren, welche sich durch ihre
Herzensreinheit und Frmmigkeit am meisten der Liebe Gottes wrdig
gemacht und sein Wohlgefallen auf sich gezogen hatten. Im Neuen
Testament kommen Stellen, aus denen man auf eine ungleiche Sorge Gottes
in den waltenden Fgungen seiner Vorsehung schlieen knnte, wohl nicht
vor. Wenn es bei einer oder der andern dies Ansehen haben sollte, sie
ist wohl anders zu erklren. Der trstende Gedanke aber bleibt fort und
fort, da Gott auch widrige und schmerzliche Schicksale nur aus Liebe
sendet, um unsere Gesinnungen zu lutern. So, liebe Charlotte, habe ich
die Sache verstanden, die in ein paar unserer Briefe von uns besprochen
worden ist, und so sollte ich denken, stimmte sie auch mit Ihren
Ansichten und berzeugungen vollkommen berein.



_Tegel_, den 18. Mrz 1827.

Sie kennen schon meine Neigung, bisweilen auf dem Lande zu sein, und so
wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen von Tegel jetzt schreibe. Ich
bin indes nur auf ein paar Tage hier und habe die Stadt eigentlich noch
nicht verlassen. Wenngleich die Witterung rauh ist, so hindert mich das
nicht, alle Tage spazieren zu gehen, nmlich hier, und so lange und so
oft ich hier bin.

Der See, der in meinen Besitzungen ist, ist natrlich jetzt wieder ganz
frei von Eis. Das ist immer ein Schauspiel, an dem ich mich sehr
erfreue, dies Befreitwerden des Wassers von den Banden, die ihm im
Winter seine schne Beweglichkeit rauben und es dem festen Lande gleich
machen. Man fhlt ordentlich die wiedergegebene freie Bewegung mit und
ist der rauhen Starrheit gram, welche das zarte, hingleitende Element,
so tief sie ihren Einflu auszuben vermag, um den schnsten Teil seiner
eigentmlichen Natur bringt. Man sagt gewhnlich, das Wasser trennt die
Lnder und Orte, aber es verbindet sie eher, es bietet eine viel
leichter zu durchschneidende Flche dar als das feste Land, und es ist
ein so hbscher Gedanke, da, wie weit auch die Ufer voneinander
entfernt sind, die Welle, die mir die Fe besplt, in kurzer Zeit am
gegenberstehenden Gestade sein kann.

Mit Vergngen lese ich in Ihrem Briefe, da Sie mit dem Plan einer
kleinen Reise nach Offenbach beschftigt sind, und bitte Sie, doch ja
Ihren Vorsatz nicht aufzugeben; auch glaube ich, da Sie, liebe
Charlotte, einmal einer Erholung bedrfen, oder eine solche wenigstens
sehr wohlttig auf Sie wirken wrde. Ich empfinde recht wohl, da Sie
darum auf keine Weise unzufrieden mit Ihrer Lage, oder Ihrer
Beschftigung berdrssig sind. Allein es ist doch in den Menschen so.
Wenn sie eine lange Zeit hindurch dieselbe Sache, auch ohne Widerwillen,
sogar mit Vergngen getrieben haben, so bemchtigt sich ihrer dennoch
eine durch die Einfrmigkeit bewirkte Ermdung, und neue, auch nur auf
eine kurze Zeit genossene Gegenstnde geben den Gedanken und der
Empfindung eine neue Spannung, die gewhnlich auch auf den Krper
zurckwirkt. Die Wahl von Offenbach finde ich sehr angemessen, da Sie
dort eine innig mit Ihnen verbundene, liebe, vertraute Freundin haben;
es ist ein angenehmer Ort in einer sehr hbschen Gegend, auch nicht sehr
weit von Ihnen entfernt. Ich war sehr oft da, zum erstenmal in demselben
Jahre, wo ich Sie in Pyrmont sah, im Jahre 1788. Ich besuchte die dort
als Schriftstellerin bekannte Frau von Laroche, die ich auch viele Jahre
spter dort wieder sah, als ich mit meiner Frau und Familie von Paris
zurckkam. Sie war eine geistreiche und noch im hohen Alter unendlich
lebendige Frau und hatte etwas ganz besonders Angenehmes und
Liebenswrdiges, wenn man sie mitten im Kreise ihrer Kinder und Enkel
sah. Ein Sohn, wenig lter als ich, lebt noch hier in Berlin in sehr
genauer Freundschaft mit mir, ist glcklich verheiratet und in jeder
Rcksicht ein trefflicher Mensch. -- Ich wnsche von Herzen, da Sie das
Vorhaben ausfhren.



_Berlin_, den 10. April 1827.

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, den Sie nach meinem Wunsch am 3.
abgeschickt haben, richtig erhalten und danke Ihnen herzlich dafr. Der
heitere, zufriedene Ton, der darin von der ersten bis zur letzten Zeile
herrscht, hat mir eine ganz besondere Freude gemacht. Es scheint mir
aber, als wren Sie schon seit lngerer Zeit viel gleichfrmiger
gestimmt als im Anfang unseres brieflichen Umgangs. Es ist sehr gtig
und liebevoll von Ihnen, und gereicht mir zur Freude, da Sie es dem
Einflu zuschreiben, den Sie mir so willig gestatten. Das Verdienst ist
auf Ihrer Seite; Ihre Seele ist so klar und empfnglich wie Ihr Gemt,
und so sind Sie jeder berzeugung und jeder Wahrheit immer offen. Ich
liebe die Heiterkeit ungemein. Es ist nicht gerade die laute, die sich
wie genieende Frhlichkeit ankndigt, sondern die stille, die sich so
recht und ganz ber die innere Seele ergiet. Ich liebe sie in anderen
und mir vorzglich der greren Klarheit wegen, die in der Heiterkeit
immer die Gedanken haben, und die fr mich die erste und unerlliche
Bedingung eines gengenden Daseins im Leben fr sich und im Umgange mit
anderen ist. Die Wehmut fhrt auch bisweilen eine und oft noch grere
Klarheit mit sich. Man sieht und empfindet die Dinge in ihrer Nacktheit,
wenn das Gemt so tief in sich bewegt ist, da der Schleier zerreit,
der sie sonst verhllt. Aber es ist dies, wie ich es nennen mchte, eine
schmerzliche Klarheit, die teuer erkauft werden mu, und sie zeigt die
Gegenstnde auch nur im Augenblicke und vorbergehend, wie man auch
augenblicklich in die Tiefe des Himmels schaut, wenn der Blitz die
Wolken zerreit. Davon ist die leichte Klarheit ruhiger Heiterkeit
himmelweit verschieden. Diese zeigt die Dinge teils, als gingen sie
fremd vor einem vorber, teils als besitze man Strke genug, sich nicht
von ihnen bewegen zu lassen. Auf beide Weisen geht die Masse der
Ereignisse wie ein Schauspiel vorber, und das ist eigentlich die des
Menschen wrdigste Art, sie anzusehen, ohne lange bei ihnen zu verweilen
oder sich gar in sie zu vertiefen, immer eingedenk, da es ein ganz
anderes und wrdigeres geistiges Gebiet gibt, in dem der Mensch wirklich
sich heimatlich zu fhlen bestimmt ist. Wenn man das Fremde so nimmt,
und dasjenige, was Anteil der Freundschaft und Zuneigung nur in der Tat
zur Wirklichkeit macht, die sich auf keine Weise mehr als Schauspiel
behandeln lt, nicht mehr blo die Phantasie und den Gedanken in
Anspruch nimmt, sondern warm und lebendig das Herz ergreift, so
behandelt man das Leben vielleicht auf die unter allen zweckmigste
Art. Es ist mir fr die Erhaltung und Fortdauer Ihrer Heiterkeit,
liebste Charlotte, sehr lieb, da Sie sich mit dem Plane Ihrer kleinen
Reise beschftigen. Es wrde Ihnen diese Beschftigung selbst zur
Entschdigung dienen, im Fall sich der Ausfhrung des Projekts etwas
entgegenstellte. Ich kann mir aber das nicht denken, da die Sache so
ungemein einfach ist. Was Sie mir in Ihrem letzten Briefe ber Offenbach
sagen, hat mir viel Vergngen gemacht. Ich wute nicht, da der
Isenburger Hof das ehemalige Haus der Frau von Laroche war. Es ist sehr
hbsch und sehr natrlich von Ihnen, da Sie alles lebhaft bei Ihrem
Dortsein und Wohnen in dem Hause interessierte, so da Sie bei allen
Details verweilten, da die Schriften der Laroche, wie Sie mir sagen,
Ihnen in der Jugend nicht nur groes Vergngen gewhrten, sondern
bildend auf Sie wirkten. In gut gearteten Gemtern bewahrt und erhlt
sich dann eine dankbare Anhnglichkeit. Gerade der Garten, von dem Sie
reden, ist das einzige, dessen ich mich deutlich erinnere. Ich sah die
Frau von Laroche zum letzten Male darin, als ich im Jahre 1801 mit
meiner Frau und Familie aus Paris zurckkam. Es war eine Laube im
Garten, in der wir saen. Sie erinnern mich an das, was Goethe in seiner
Biographie, Wahrheit und Dichtung, von der Familie Laroche sagt, wo er
bei seiner Rckkehr von Wetzlar nach Frankfurt dort mehrere Tage
einkehrte und freundschaftlich aufgenommen war. Sie sind, wie es
scheint, nicht ganz zufrieden mit Goethe und der Art, wie er die wrdige
Frau und die brigen Familienmitglieder darstellt.

Leben Sie fr heute herzlich wohl, und schreiben Sie mir doch den
24. d. M. Mit der herzlichsten und immer unvernderlichen Teilnahme Ihr
                                                              H.



_Berlin_, den 2. Mai 1827.

Tausend Dank, liebe Charlotte, fr Ihren mir sehr erwnscht gewesenen
Brief vom 24. v. Mts. Ich habe es immer sehr gern, wenn ich, indem ich
einen Brief schreibe, einen zur Beantwortung vor mir habe. Wenn auch
unser Briefwechsel selten etwas enthlt, worauf eigentlich eine Antwort
erforderlich wre, so ist doch ein Briefwechsel seiner Natur nach immer
eine Erwiderung, und man schreibt weniger gern, wenn der Faden fr den
Augenblick abgerissen ist und von neuem angeknpft werden mu. Das
begegnet mir nun durch Ihre liebevolle Aufmerksamkeit nie, sondern
unsere Briefe wechseln sich regelmig ab. Ich bin berzeugt, da, wenn
manche Menschen wten, da wir uns so regelmig schreiben, ohne ber
wissenschaftliche oder Geschftsgegenstnde zu reden, noch uns Tatsachen
mitzuteilen, sie gar nicht begreifen wrden, was man sich sagen knne,
wenn man sich scheinbar nichts zu sagen hat. Recht wenige Menschen haben
einen Begriff und einen Sinn fr die Mitteilung von Gedanken, Ideen und
Empfindungen, wenn es ihnen auch auf keine Art an Verstand, Geist und
Regsamkeit fr alle Gefhle fehlt, fr welche der Mensch empfnglich zu
sein pflegt. Es gehrt zum Gefallen an solchen Mitteilungen noch mehr,
nmlich die Neigung, das, was man selbst denkt und fhlt, gern auerhalb
des eigenen Seins im andern zu erblicken. Bei einem Umgange, wie es der
zwischen uns beiden ist, ist es nicht eben der Wunsch, etwas in den
andern zu verpflanzen, Meinungen in ihm zu begrnden, zu befestigen oder
zu zerstren, wenigstens fhle ich keinen solchen Hang und solches
Bemhen in mir. Aber was ich deutlich fhle, ist ein groes und in der
Liebe zu gefaten Meinungen selbst: gegrndetes Verlangen, was ich ber
Gegenstnde inneren Bewutseins meine und empfinde, mit den Erfahrungen
und der Vorstellungsweise anderer zu vergleichen. Es kommt einem nun
gewissermaen in sich gesicherter vor, was man mit dem Vorteilen und
dem Denken anderer zusammen hlt, und wenn es keinen andern Grund
gegenseitiger Mitteilung im Menschengeschlecht gbe, so wre schon dies
gewi ein hinlnglicher. Es hat auch gewissermaen das Schreiben darin
einen Vorzug vor dem mndlichen Gesprch. Es vereinigt die Vorzge des
letzteren mir denen des einsamen Nachdenkens, die doch gleichfalls
unverkennlich sind. Man hat fr alles, was die Mitteilung der Gedanken
und Empfindungen betrifft, den andern nicht minder gegenwrtig, als wenn
man persnlich beieinander ist, und zu der Sammlung und dem Festhalten
der eigenen Gedanken trgt doch unfehlbar das Alleinsein, und selbst,
da man den Faden seiner Gedanken ruhig ausspinnen kann, ehe ein anderer
dazwischentritt, bei.

Es ist mir sehr erfreulich gewesen zu sehen, da es Ihnen lieb war,
meinen Brief gerade in den Feiertagen zu erhalten. Es war das meine
Absicht. Ich wei, da Sie sich in den Festtagen Mue, Ruhe und Erholung
erlauben, die Sie, gute Charlotte, so oft ersehnen -- und ihrer so
selten teilhaftig werden, -- ich wei auch, da Ihnen das Pfingstfest;
besonders lieb ist in seiner geistigen Bedeutung, und nun erkenne ich
mit Vergngen, da so die Tage in Heiterkeit still an Ihnen
vorbergegangen sind, und mein Brief und dessen Beantwortung Ihre
zufriedene, heitere Stimmung vermehrt hat. Ich gestehe Ihnen, da Ihre
einfache Zufriedenheit mir stets erfreulich, oft rhrend ist. Sie geht
aus Ihrem Innern hervor, wodurch sich das uere gestaltet. Ich teile
ganz Ihre Meinung, da die Einrichtung bestimmter Ruhetage, selbst wenn
sie garnicht mit religiser Feier zusammenhinge, eine fr jeden, der ein
menschenfreundliches, auf alle Klassen der Gesellschaft gerichtetes
Gemt hat, hchst erfreuliche und wirklich erquickende Idee ist. Es gibt
nichts so Selbstisches und Herzloses, als wenn Vornehme und Reiche mit
Mifallen, oder wenigstens mit einem gewissen verschmhenden Ekel auf
Sonn- und Feiertage zurckblicken. Selbst die Wahl des siebenten Tages
ist gewi die weiseste, welche htte gefunden werden knnen. So
willkrlich es scheint und bis auf einen Punkt auch sein mag, die Arbeit
um einen Tag zu verkrzen oder zu verlngern, so bin ich berzeugt, da
sechs Tage gerade das wahre, den Menschen in ihren physischen Krften
und in ihrem Beharren in einfrmiger Beschftigung angemessene Ma ist.
Es liegt noch etwas Humanes auch darin, da die zur Arbeit dem Menschen
behilflichen Tiere diese Ruhe mitgenieen. Die Periode wiederkehrender
Ruhe ber die Mae zu verlngern, wrde ebenso unhuman als tricht sein.
Ich habe dies sogar einmal an einem Beispiel in der Erfahrung gesehen.
Da ich in der Revolutionszeit einige Jahre in Paris war, so habe ich
dort es erlebt, da man auch diese Einrichtung, sich an die gttliche
Einsetzung nicht kehrend, dem trocknen und hlzernen Dezimalsystem
untergeordnet hatte. Der zehnte Tag erst war es, was wir einen Sonntag
nennen, und alle gewhnliche Betriebsamkeit ging neun Tage lang fort.
Wenn dies eigentlich sichtbar viel zu viel war, so wurde von mehreren,
so viel es die Polizeigesetze erlaubten, der Sonntag zugleich
mitgefeiert, und so entstand wieder zu vieler Miggang. So schwankt man
immer zwischen zwei uersten, wie man sich von dem regelmigen und
geordneten Mittelwege entfernt.

Wenn dies nun aber blo nach schon vernunftgemen und weltlichen
Betrachtungen hiermit der Fall ist, wie anders stellt sich noch die
Sache nach den religisen Beziehungen dar; dadurch wird die Idee, wie
der Genu der Feiertage, zu einer Quelle geistiger Heiterkeit und wahren
Trostes. Die groen Feiertage sind berdies mit so merkwrdigen
Geschichtsereignissen verbunden, da sie dadurch eine besondere
Heiligkeit erhalten. Es ist gewi die angemessenste Feier dieser Tage,
in der Bibel selbst, in allen vier Evangelisten, die Erzhlung
derjenigen, auf welche sich das Fest bezieht, zu lesen, wie Sie mir
schreiben, da Sie zu tun pflegen seit vielen Jahren. In den
Evangelisten ist namentlich die bereinstimmung in der Erzhlung ebenso
merkwrdig als die Art, wie die Erzhlung der einzelnen voneinander
abweicht. Die bereinstimmung brgt fr die Treue und Wahrheit, und in
ihr liegt das Geprge des Geistes, in dem alle diese unmittelbaren
Zeugen, die Christus selbst sahen und begleiteten, schrieben. Allein
dieser Geist, ob er gleich ein Geist der Einheit war, der alle beseelte,
hinderte doch nicht, da sich nicht die eigentmliche Echtheit und
Schnheit jedes einzelnen Erzhlers htte gehrig entfalten und
darstellen knnen. Wirklich kann man, wenn man gewohnt ist, die vier
Evangelisten oft zu lesen, nicht leicht verkennen, von welchem eine
Stelle ist, wenn man nur irgendeine solche auswhlt, in der sich das
Charakteristische einigermaen zeigen lt. Es scheint mir auch aus
Ihrem letzten Briefe, wie ich schon fter bemerkt zu haben glaube, da
Sie dem Evangelium Johannis den Vorzug geben. Dieser Ausdruck ist zwar
nicht passend, da in diesen Schriften mit Recht alles gleich geachtet
werden mu. Allein es ist doch natrlich, da der eine Erzhler das Herz
und die Empfindung auf eine andere Art als der andere anspricht, und
alsdann lt sich auch nach Individualitten ein Unterschied im Eindruck
festsetzen. Ich teile ganz Ihre Meinung hierber. Es ist gerade im
Johannes, wenn man es so nennen darf, etwas vorzglich Seelenvolles.

In dem, was Sie ber das Glck sagen, haben Sie mich doch einmal
miverstanden, wie das ja auch bei den meisten und groen
bereinstimmungen unter uns manchmal nicht anders sein kann. Was ich
darber denke, wende ich brigens nur fr mich an. Ich finde es fr mich
trstend und ausreichend. Ich liebe es, auf mir selbst zu stehen, und
entbehre lieber, als ich an Hoffnungen hnge, die auch fehlschlagen
knnen. Jeder mag darin seine Weise haben. Mit innigster Teilnahme Ihr H.



_Tegel_, den 23. Mai 1827.

Sie haben mir, liebe Charlotte, mit Ihrem Brief vom 12., 13. und
14. d. M. eine groe Freude gemacht, fr welche ich Ihnen herzlich
danke. Ich habe mit groem Vergngen daraus ersehen, da Sie wohl und
heiter sind und das schne und wirklich ungewhnlich schne Frhjahr
genieen. Sie wundern sich nicht mit Unrecht, da ich dieses Jahr
spter, als es die Jahreszeit zu erlauben schien, hierher gegangen bin.
Indes pflege ich gewhnlich erst im Juni die Stadt zu verlassen. Es ist
jetzt sehr schn hier, und eigentlich war es vor acht Tagen noch
schner. Es blhte da der lila oder spanische Flieder, der gerade hier
in groer Menge und Schnheit ist; er gibt fr Auge und Geruch dem
Garten immer einen groen Reiz. Ich entbehre das indes wenig, denn ich
kann nicht sagen, da ich gerade auf einzelne Blumen sehr viel hielte.
Die ganze Gartenkunst lt mich ziemlich gleichgltig. Ich suche die
groen Bume, und ziehe noch mehr die eines freien Waldes den
gepflanzten vor, und mein Vergngen am Landleben ist mehr das freie und
weite Herumgehen in einer angenehmen Gegend, als das Bekmmern um
Pflanzungen und Blumenanlagen. Dies weite Herumgehen und die Freude an
Bumen habe ich nun hier sehr. Um mein Haus unmittelbar herum sind
schne, alte und doch noch in voller Kraft stehende Bume in bedeutender
Menge, und will ich weiter gehen, so habe ich dicht hinter meinem Park
einen groen, dem Knig gehrenden Wald. Die Bume haben darin etwas so
Schnes und Anziehendes, auch fr die Phantasie, da, da sie ihren Ort
nicht verndern knnen, sie Zeugen aller Vernderungen sind, die in
einer Gegend vorgehen, und da einige ein beraus hohes Alter erreichen,
so gleichen sie darin geschichtlichen Monumenten und haben doch ein
Leben, sind doch wie wir, entstehend und vergehend, nicht starr und
leblos wie Fluren und Flsse, von denen sonst das im vorigen Gesagte in
gleichem Mae gilt. Da man sie jnger und lter und endlich nach und
nach dem Tode zugehend Geht, zieht immer nher und nher an sie an.
Gewi aber ist es, um diesen Eindrcken offen zu bleiben, notwendig, von
Kindheit an oft und anhaltend auf dem Lande gewesen zu sein. Nur auf
diese Weise verschwistern sich Gedanken und Empfindungen mit den uns in
der Natur umgebenden Gegenstnden. Sonderbar aber ist es, da meine
Liebhaberei nur auf die Bume geht, die, da sie keine ebare Frucht
tragen, gewissermaen wilde heien knnen. Obstbume haben hchstens in
der Blte einen Reiz fr mich. Es gibt zwar sehr groe, und deren Wuchs
in der Tat malerisch ist. Aber sie sagen mir nichts, ohne da ich mir
weiter einen Grund davon angeben knnte. Es liegt indes vermutlich
darin, da man die Obstbume gewhnlich nahe an Gebuden findet, oder
da sie doch immer die Kunst und Sorgfalt des Menschen verraten, da die
Seele und die Einbildungskraft die freie Natur fordert, an welcher der
Mensch nichts gemodelt und nichts gendert hat. Es ist schon schlimm
genug, da so oft Bume, die wirklich auf groe Schnheit Anspruch
machen knnen, durch Menschenhnde und ewiges Behauen ganz um ihren
freien und groartigen Wuchs gebracht werden. So ergeht es z. B. den
Weiden. Sie werden, wenn man sie frei und ungehindert wachsen lt, zu
starken, hohen und malerisch schnen Bumen. Noch in meiner Kindheit gab
es in Berlin selbst drei solche wirklich wundervolle Bume, die aber
auch jetzt nicht mehr vorhanden sind. Aber ich sehe, da ich zwei volle
Seiten ber meine Liebhaberei an Bumen geschrieben habe. Wte ich
nicht, wie gut Sie sind, liebe Charlotte, so mte ich frchten, Sie zu
ermden, so aber rechne ich darauf, da Sie gern lesen, was ich
schreibe, meist meinen Ideen gern folgen und sie in sich fortspinnen.
Mir ist es ein sehr angenehmes Gefhl, mich so vor Ihnen ganz zwanglos
gehen zu lassen, und zu Ihnen zu reden wie zu mir selbst. Aber ich habe
Ihnen noch das eine und andere heute zu sagen, so werden Sie diesmal
noch einen lngeren Brief als gewhnlich erhalten.

Ihr letzter Brief hat mir darin besonders Freude gemacht, da Sie meine
Meinung teilen in dem, was ich ber den Wert einer schriftlichen
Mitteilung, wie wir sie in unserm Briefwechsel aufgenommen, sagte. Auch
haben Sie darin vollkommen recht, da ein solcher brieflicher Umgang,
der nie unterbrochen wird, zu einer gegenseitigen tieferen Kenntnis des
Charakters fhrt. Wenn es gewi nur wenige sind, die an einem
Briefwechsel, wie der unsrige ist, Gefallen finden wrden, so mchten
ihn auch vielleicht wenig Frauen fhren knnen. Es sind dazu doch
Individualitten erforderlich, die nicht jedermanns Sache sind, vor
allen auch eine Innerlichkeit des Lebens. Ich kenne Frauen, denen
niemand Geist absprechen kann, noch absprechen wird, sie besitzen viele
und selbst gelehrte Kenntnisse. Im Gebiete der Wissenschaften ist ihnen
wenig fremd; sie haben alles gelesen, was in die neuere und frhere Zeit
fllt, und selbst die Schriften und Schriftsteller der Vorzeit sind
ihnen bekannt, und ihre Unterhaltung ermdet, und ihre Briefe sind kaum
zu lesen. Man fragt wohl, woran das liegt, und die Antwort ist nicht
leicht. Gewi aber ist die Sprache ein Haupterfordernis, und sie ist
nicht allen verliehen und in der Tat mehr angeboren als angebildet. Sie
haben die Sprache wohl das Kleid der Seele genannt. Es ist das eine
ungemein richtige Bezeichnung, die mir sehr gefallen hat. Ihnen, liebe
Charlotte, ist die Sprache vor vielen anderen geworden, und wenn auch,
wie Sie wohl gesagt haben, Sie mit der neuen, modernen Lektre unbekannt
geblieben sind, zu der Ihnen keine Zeit brig blieb, indem Sie auch
nicht durch Ihre Neigungen dahin gezogen wurden, so hat Ihnen das
garnicht geschadet, vielleicht ist das Eigentmliche Ihnen dadurch
gerade mehr erhalten. Ich selbst bin auch ganz unbekannt mit diesen
Bchern. Es ist aber unverkennbar, da Sie bei frherer, grerer Mue
nur unsere besten Schriften gelesen, ja mit ihnen gelebt haben, so hat
sich Charakter und Denkweise zugleich mit Sprache und Stil gebildet.
Leben, Wrme und Feuer ist in Ihrer Sprache, die dabei immer einfach und
natrlich und nie gesucht oder schwlstig ist. Ich habe Ihnen schon oft
hnliches gesagt, ohne mich einer Schmeichelei schuldig zu machen. Die
Tatsache hegt in jedem Ihrer Briefe und in jedem Heft Ihrer Biographie.
Es hat mich garnicht berrascht, da Sie mir sagen, wie Sie schon sehr
frh die Neigung gehabt, in _ernsthafte_ Korrespondenz zu treten, die
nicht Erzhlung von erlebten Begebenheiten, sondern Betrachtungen,
Gedanken und dergleichen enthalte. Jede Gelegenheit dazu haben Sie schon
als Kind mit einer Art Leidenschaft ergriffen, und Ihre empfangenen
Briefchen, wohl geordnet, mit Wichtigkeit bewahrt. Frh schon, wohl mit
zwlf Jahren, wren Ihnen manche Briefe bertragen, z. B. in der
Familie, auch die Krankenberichte an den verwandten Hausarzt. berhaupt
bemerken Sie, wren Ihnen unter allen Beschftigungen die mit Crayon und
Feder die liebsten gewesen, ob Ihnen doch auch eine vielleicht seltene
Kunstfertigkeit in weiblicher Arbeit angeboren sei; gewi angeboren
meinen Sie, da Sie nie in irgend etwas Unterricht bekommen oder auch
bedurft haben, da der scharf unterscheidende Blick Ihres Auges
hinreichend gewesen, Sie zu belehren. (Diese Fhigkeit, bemerken Sie,
wre in dem letzten Teil Ihres Lebens von der grten Wichtigkeit fr
Sie geworden.) Ob nun dies Talent oder Kunstfertigkeit Sie auch erfreut
habe und Ihnen viel Lob gewonnen, htten Sie sich doch noch lieber Ihrem
kleinen Schreibtisch zugewendet und Auszge aus allen Bchern gemacht,
mit denen Sie nach und nach bekannt geworden.

Ich rufe Ihnen, liebe Charlotte, diese Selbstschilderungen aus einem
Heft Ihrer Biographie nicht ohne Absicht zurck. Die frhe bung im
Schreiben mag beigetragen haben, Ihnen eine ungewhnliche Leichtigkeit,
Fertigkeit, Gewandtheit, Richtigkeit und Geflligkeit des Ausdrucks zu
geben, nicht weniger aber sind auch die intellektuellen Krfte
erforderlich, die als Grundlage jenen den Wert geben.

Durch alle diese, sich stets erneuernden Bemerkungen ist schon mehr als
einmal der Gedanke in mir erregt, den ich Ihnen heute aussprechen will,
ber den Sie lachen werden, der aber mein Ernst ist. Hren Sie mich denn
aufmerksam an, liebe Charlotte. Ich wei, wie Sie in jener, nun schon
lange vergangenen Zeit, nach den Ihnen leider unersetzt gebliebenen
Vermgensverlusten, ganz niedergebeugt waren. Ich habe es nicht
vergessen, wie Sie damals mit sich, Verhngnis und Entschlssen kmpften
und endlich, da Sie etwas ergreifen muten, die Kunstarbeit whlten, mit
der Sie Ihre Neigung in einige Harmonie zu bringen dachten. Ich habe
nicht vergessen, wie Sie nun unermdet allen Flei und Nachdenken
anwendeten und sich so eine seltene Geschicklichkeit gewannen, so da
Ihre Fabrikate den auslndischen gleichgestellt, sehr gesucht und
versendet wurden. So gelang es Ihrer Anstrengung und Ausdauer, sich eine
unabhngige Selbstndigkeit zu schaffen, die Ihnen noch die Freiheit
gab, nach Ihrer Neigung ein halb lndliches Leben zu fhren. Es macht
Ihnen viel Ehre und erregt meine volle und wahre Achtung. Nicht allein
das Talent wei ich zu wrdigen, mehr noch die Charakterseiten, die dazu
erfordert werden.

Gern mchte ich Sie indes in einer freieren Lage und in Beschftigungen
wissen, worin Sie bei zunehmenden Jahren weniger angestrengt, mehr sich
selbst lebten: das mte, denke ich, zu erreichen sein. Ja, teure
Charlotte, ich mchte Sie so gern aus Ihrer sehr angestrengten
Lebensweise herausgehoben wissen und wei zugleich, da, was fr viele
andere pat, doch nicht fr Sie ist.

Sie haben sehr oft in Ihren Briefen des schnen Verhltnisses gedacht,
worin Sie von Kindheit an, durch alle wechselnden Schicksale Ihres
Lebens, bis an sein Grab, zu Ewald gestanden; Sie denken mit gerhrter
Dankbarkeit des Einflusses, den er auf Sie gehabt, und der unendlichen
Teilnahme, die er Ihnen in Rat und Tat durch ein langes Leben trostvoll
bewiesen. Hat er nie die Idee in Ihnen geweckt, Vorteil aus Ihrer Feder
zu ziehen? Wie viele Frauen taten und tun das, die vielleicht weniger
dazu berechtigt sind als Sie. Denken Sie nur an Therese Huber, deren Sie
schon mehrmals mit Liebe erwhnt haben, die Ihnen durch
gemeinschaftliche Freunde nher bekannt war. Es war wirklich
Notwendigkeit, was sie bestimmte zum Schreiben. Anfangs war sie gewi
weniger dazu befhigt als Sie. Sie wenden mir hier vielleicht ein,
Therese Huber arbeitete an der Seite ihres Mannes, unter seinem Schutz,
Forthilfe und Korrektur. Wenn Sie einen solchen Entschlu fassen auf
meinen Rat, so ist es billig, da ich Ihnen hilfreich bin. Schreiben Sie
Ihre Ansichten, Gedanken, Betrachtungen ber freigewhlte Gegenstnde.
Ihre eigenen Schicksale und mancher, die Ihnen nher standen, bieten
Ihnen gewi Stoff genug, mehr noch Ihr reiches, inneres Leben, das auch
in der sehr einfachen und angestrengten Lebensweise sich nie erschpfte.
Die Schilderungen innerer Seelenzustnde gelingen Ihnen ganz
vorzglich.

Denken Sie meinem Vorschlage nach, prfen Sie Ihre inneren Krfte, seien
Sie nicht zu bescheiden und sagen mir, mit dem Vertrauen, das Sie mir ja
immer und unwandelbar so gtig zeigen, und worauf meine Teilnahme an
allem, was Sie angeht, auch gerechten Anspruch hat, Ihre Meinung.

Und nun leben Sie herzlich wohl, liebe Charlotte, ich erschrecke selbst
ber die Lnge meines Briefes, aber Sie finden darin einen Beweis der
innigen Teilnahme, womit ich Ihnen angehre und unwandelbar angehren
werde. Ihr     H.



_Tegel_, den 12. Juni 1827.

Ihr lieber Brief, am 5. d. M. zur Post gegeben, hat mir, wie alle Ihre
Briefe, wieder viel Freude gemacht, und ich danke Ihnen herzlich dafr,
liebe Charlotte.

Ich wei nicht, ob Sie in Ihrer Gegend auch so viele Gewitter haben.
Neulich dauerte hier eins die ganze Nacht hindurch, und ich erinnere
mich, nie so schne und mannigfaltige Donner gehrt zu haben. Alle Arten
des fernen und langsamen und dann beschleunigten Rollens und der
Schlge, die mit Krachen immer die Hhe verraten, kamen hintereinander
vor. Ich sa, wie ich gewhnlich tue, bis nach ein Uhr an meinem
Schreibtisch beschftigt, ging aber noch whrend des Gewitters zu Bette
und schlief ein, als es noch in voller Strke war. Ich liebe unter allen
Naturerscheinungen die Gewitter vorzugsweise. Ob sie gleich freilich oft
groen Schaden anrichten und schmerzliche Verluste herbeifhren, so sind
sie doch auch durch Khlung und den Regen, den sie gewhren, hchst
wohlttig. Hier in Tegel kommen sie selten recht herauf, weil der sehr
groe See das ist, was die Leute eine Wetterscheide nennen. Haben sie
aber den bergang ber den See gemacht, so ist es ein Beweis, da sie
gro genug waren, um den Abgang an Elektrizitt, welche die Wassermasse
ihnen nimmt, ertragen zu knnen, und dann pflegen sie sich nachher noch
lange zu halten. Sie sagen mir in Ihrem Brief, da Sie im letzten
strengen Winter einige Akazien verloren haben, die Sie zum Schirm vor
der Sonne in Ihrer Gartenstube hatten pflanzen lassen, und betrauern den
Verlust der so schn herangewachsenen Bume. Das glaube ich Ihnen gern
und verstehe es ganz. Es ist nicht nur verdrielich, Bume zu verlieren,
sondern es kann sogar schmerzlich sein, wenn man sich an einen Baum
gewhnt hat. Durch den Frost habe ich keinen Baum verloren, aber der
Sturm hat mir eine Akazie entwurzelt und einen Ahorn gespalten. Beides
waren alte, wunderschne Bume. Die Akazie habe ich nirgends grer
gesehen. Sie hatte einen sehr dicken Stamm und weit verbreitete ste. Im
Grunde aber bleibt die Akazie selten gesund, wenn sie ein Alter, wie
diese gewi hatte, von 45 bis 50 Jahren erreicht. Auch diese war schon
einmal gespalten, ich hatte aber durch eine, angelegte starke Klammer
ihr wieder Festigkeit gegeben. Der Sturm hat sie langsam niedergebeugt
und die Wurzeln mit aus der Erde gerissen. Der Ahorn war noch grer und
schner, aber leider so gespalten, da ich den ganzen Baum habe mssen
abhauen lassen. Nun ist eine Lcke entstanden, die man, wenn man nicht
die Ursache wei, fr absichtlich hlt, da sie gerade vom Hause eine
hbsche Aussicht auf den See gibt, die mir aber leid tut, so oft ich
hinblicke. Die Bume sind darin eigentlich unglcklich, zu allem Wind
und Wetter, allen Verunglimpfungen der Vgel und Insekten, der
Beschdigungen durch Menschen garnicht zu gedenken, geradezu still
halten zu mssen und sich nicht vom Fleck rhren zu knnen. Tieren steht
es doch frei, einen Schutz zu suchen, und doch kann man sich kaum
erwehren, die Bume auch als empfindende Wesen anzusehen. Lebende sind
sie offenbar. Ihr Neigen sieht oft wie eine Klage aus, da sie so
unbeweglich dastehen mssen; der Sturm ist ohnehin die unerfreulichste,
ja man kann wohl sagen, frchterlichste Naturerscheinung. Schon da er
eine so furchtbare Gewalt unsichtbar ausbt und man gar nicht einmal
begreift, wie er pltzlich entsteht und sich wendet, macht ihn viel
schauerlicher als die anderen Naturerscheinungen, die mehr in die Augen
fallen. Bei Strmen denke ich noch allemal mit grerer Teilnahme, wie
Sie darunter leiden, da Sie mir wohl gesagt haben, da Ihr Gartenhaus so
wenig Sie sichert.

Sie haben es sich schon wieder mssen gefallen lassen, da ich mich in
meiner Liebe fr die Bume habe gehen lassen, aber Sie sind zu gut und
unendlich gut und sagen mir sehr freundlich, da Ihre eigenen
Empfindungen fr meine Lieblinge der freien Natur sehr gesteigert seien
und Sie jetzt die belaubten Mitbewohner Ihres kleines Gebiets mit
grerer Liebe betrachten als frher. Das sind so schne und zart
weibliche uerungen, da ich sie mit Vergngen gelesen habe und Ihnen
recht innig dafr danke, liebe, gute Charlotte.

Sie sprechen in Ihrem Brief davon, da ich wohl in diesem Sommer nach
Schlesien gehen wrde und dies Ihnen minder lieb sei, weil es Ihnen eine
so weite Entfernung dnke. Ich gehe aber leider, obgleich ich Schlesien
nicht berhren werde, in diesem Sommer noch weiter. Ich begleite nmlich
meine Frau ins Bad nach Gastein. Dies Bad liegt hinter Salzburg und ist
also nahe an 120 Meilen von hier. Wir gehen aber erst im Juli fort, und
ich werde Ihnen in meinem nchsten Briefe, den ich noch vor meiner
Abreise von hier schreiben werde, sagen, wohin ich Sie bitten werde, die
Briefe an mich zu richten. Ich werde auch bei dieser Gelegenheit einmal
wieder Mnchen besuchen, wo ich seit sehr langen Jahren nicht war.
Unsere Abwesenheit wird bis in den September hinein dauern, da mit der
Hin- und Rckreise schon bedeutende Zeit verloren geht und der
Aufenthalt in Mnchen hinzukommt. Gastein ist eine der interessantesten
Gegenden Deutschlands. Ich habe es zwar noch nicht selbst gesehen, da im
vorigen Jahr meine Frau ohne mich da war, aber ich kenne Salzburg, und
dort fngt das Gebirge an, von dem das Bad Gastein gewissermaen die
letzte und uerste Schlucht ist. Gastein wird vom Norden Deutschlands
wenig besucht, von sterreich und Bayern aber, und selbst aus Italien
sehr viel. Dennoch sind alle Anstalten zum Wohnen und Leben dort sehr
schlecht, und man denkt auch wenigstens nur sehr langsam darauf, sie zu
verbessern. Da ich Tegel sehr liebe, so gehe ich eigentlich immer ungern
weg. Doch ist das berwunden, wenn man im Wagen sitzt, und in vieler
Rcksicht freue ich mich auf diese Monate. Ich habe sehr lange keine
Berge und berhaupt keine wahrhaft groe, schne Natur gesehen, und so
versetzt man sich immer gern in eine solche. Das Gasteiner Wasser gehrt
brigens zu den wirksamsten, die man kennt. Was aber die Gesundheit
betrifft, so gehren die Badereisen zum Teil auch zu den Moden der
rzte. In meiner Kindheit und ersten Jugend war es hchst selten, da
jemand, wenn er auch bedeutend leidend war, sich in Bewegung setzte, um
seine Gesundheit durch ein Bad wieder herzustellen. Jetzt sind die
Menschen beweglicher geworden und finden mehr Vergngen an dem Hin- und
Herwandern, wissen sich auch, obgleich alles jetzt kostbarer ist, die
Mittel dazu zu schaffen, und so entsteht in jedem Sommer eine
eigentliche Auswanderung nach den Bdern. Doch glaube ich, da es auch
hier mehr Mode ist als anderswo, und z. B. bei Ihnen und in Ihrer
Gegend.

       *       *       *       *       *

Sie schreiben, liebe Charlotte, in Ihrem letzten Brief viel von
Gewittern, indem Sie auf etwas antworten, was ich in einem meiner Briefe
darber gesagt hatte. Ich bekam Ihre lieben Bltter gerade bei einem
heftigen Gewitter. Da es Ihnen ist, als knnten Sie den Wunsch hegen,
gerade durch einen Blitz zu sterben, bin ich weit entfernt zu tadeln,
ich finde es, wenn man den Tod leicht gegenwrtig hat, sehr natrlich
und wrde den Wunsch ohne Anstand selbst teilen. Es ist ein so reiner,
garnicht verstmmelnder, kaum verletzender Tod, und wenn man auch immer,
welche Todesart einem auch bestimmt sein mag, durch eine hhere Fgung
stirbt, so ist es doch in der Einbildungskraft nicht auszutilgen, was
Sie auch von Ihren Kinderjahren sagen, da dieser Tod als einer
angesehen wird, der gleichsam unmittelbar vom Himmel kommt. Unter den
Elementen gibt es kein reineres und schneres Feuer, als das blo durch
die elektrische Naturkraft entstehende. Man wird auch bei dieser
Todesart in einem so majesttischen Schauspiel hinweggenommen, da
darber das Gewaltsame verschwindet. Kein durch uere Umstnde
herbeigefhrter Tod ist dem natrlichen so nahe kommend als dieser.
Unstreitig aber sehen die vom Gewitter Erschlagenen weder den Blitz,
noch hren sie den Donner. Es kann nur eine Sekunde sein, wo Leben und
Bewutsein dahin sind. Es ist indes sonderbar, da Personen, die sich
vor dem Gewitter frchten, gerade bei dem Donner am meisten in Schrecken
zu geraten pflegen: wenn man den Donner hrt, ist alle Gefahr vorber.
Wieviel man ihnen das sagen mag, es hilft nichts. Es liegt das gewi
darin, da der Donner durch sein furchtbares Krachen und langsam
steigendes Rollen die Nerven erschttert und damit alle ruhige und
verstndige berlegung raubt, oder wenigstens schwcht. Es mag berhaupt
die Gewitterfurcht nicht immer sowohl Furcht und ngstliche Besorgnis
vor der drohenden Gefahr, sondern fter eine Wirkung des Blitzes und des
Donners auf reizbare Nerven sein. Es ist aber berhaupt eine nicht so
leicht zu beantwortende Frage: ob vorzuziehen ist, schnell hinweggerufen
zu werden, oder langsam zu sterben und das Bewutsein seines Todes zu
haben. Ich setze freilich dabei immer voraus, da auch der langsame Tod
ein schmerzloser sei. Selbst theologisch hat man die Frage aufgeworfen.
Der Grund, den man sich dabei gedacht hat, ist wohl kein anderer
gewesen, als da man Zeit haben soll, sich auf den Tod vorzubereiten,
damit man nicht unbufertig sterbe. Davon, gestehe ich, wrde ich wenig
halten, und bin ohne Ihre Erklrung darber gewi, da wir gleicher
Meinung sind. Die Vorbereitung zum Tode mu das ganze Leben sein, so wie
das Leben selbst, und wirklich von seinem ersten Schritte an, eine
Annherung zum Tode ist. Allein wenn ich auch in diesen Grund nicht
eingehen kann, so lt sich sonst, wenigstens im individuellen Gefhl,
manches zugunsten eines voraussehenden, mit Bewutsein verknpften Todes
sagen. Es hat immer etwas sehr Gewaltsames, so pltzlich hinweggerufen
zu werden, auch wenn es ein bloer Schlagflu ist, und in der Tat noch
so sanft. Dann aber liegt noch etwas Menschliches darin, sich dem Gefhl
des Todes nicht entziehen zu wollen, ihn kennen zu lernen, bis auf den
letzten Hauch das scheidende Leben in sich zu beobachten.

Leben Sie recht wohl, liebste Charlotte, und suchen Sie sich gegen den
Ihnen so nachteiligen Einflu der Hitze zu verwahren. Ihre Meinung,
immer durch Aderlsse sich zu erleichtern, beunruhigt mich. Sie knnen
dadurch nur geschwcht werden, und noch mehr bei Ihrem Mangel an Eluft.
Der Ihrige.              H.



_Bad Gastein_, den 5. August 1827.

Der Ort hier liegt schon den hchsten Bergen Deutschlands sehr nahe. Man
befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fu ber der Meeresflche. Das
Tal ist beraus lieblich und schn. Von Salzburg hierher geht eine sehr
groe, sehr bequem angelegte Strae. Doch ist das Tal sehr enge. Im
Grunde dankt man dies Tal nur dem Lauf des Flusses, welcher darin sein
Bett hat. Von Salzburg aus ist es den grten Teil des Weges ber die
Salza, einige Meilen von hier aber die Ache, die in die Salza fliet.
Sehr selten aber kann der Weg neben dem Flu in der Talebene hinlaufen.
Meistenteils hngt er hoch an dem Felsen und geht nur da hinunter, wo er
sich mittels einer Brcke auf die andere Seite des Flusses schlgt. An
den Felsen hinlaufend, ist er mit hohen Mauern, mitunter nur auch mit
hlzernen Pfeilern gesttzt. Dieser Weg dauert aber nur bis in das Bad.
Hier streckt sich eine Bergkette quer vor. Von hier weiter kann man nur
mit ganz kleinen Landwagen noch etwa eine Stunde weit fahren, nachher
nur mit Lasttieren oder reitend bers Gebirge kommen. Dies macht eben
den schnen Anblick des Ortes, da man, wenn man mit dem Gesicht gegen
das Ende des Tales steht, mehrere Stufen von Bergen bereinander sieht,
deren unterste mit dunkeln Tannen bewachsen und die obersten mit Schnee
bedeckt sind. Unmittelbar an diesem Berge liegt das Haus, wo wir mit
anderen Badegsten wohnen, und das ein vom letzten Erzbischof von
Salzburg gebautes Schlo, aber weder prchtig noch gro ist. ber diese
das Tal beschlieende Bergreihe fllt nun die Ache, und bildet einen in
seiner ganzen Lnge sehr hohen, aber eigentlich aus mehreren einzelnen
Fllen bestehenden Wasserfall. Die ganze Hhe betrgt 630 Fu. Von
beiden Seiten ist er von steilen Felsen eingeschlossen, ber die aber an
einigen Stellen der Schaum in der Ferne sichtbar hervorspritzt. Die Lage
des Schlosses ist darin wunderbar und fr mich sehr angenehm, da die
Hinterseite so nahe an dem Felsen und dem Gebirge liegt, da man keine
volle zwei Schritte Raum hat. Die Vorderseite, die nach dem Orte zu
liegt, hat hingegen eine hohe Treppe, die vom Platz in das untere
Stockwerk fhrt. Hinten herum gehen Treppen und kleine mit Gelndern
versehene Pfade den Berg hinauf, neben dem Wasserfall hin; dieser ist
kaum zwanzig Schritte vom Hause entfernt, und macht ein groes,
donnerartiges Getse, das die Badegste vom Augenblick ihrer Ankunft bis
zur Abreise nicht einen Moment verlt. Vielen, besonders
nervenschwachen Personen ist dieser Lrm sehr zuwider, sie machen weite
Spaziergnge, um sich auf Augenblicke davon zu befreien, knnen nicht
schlafen und haben ein groes Wesen damit. Mir tut er nichts, vielmehr
habe ich ihn gern. Ich bewohne das Zimmer, dem er am nchsten ist, und
arbeite und schlafe vortrefflich. Das einzige Unbequeme ist, da, wenn
man Besuch hat, man, um sich vor dem Rauschen zu verstehen, viel lauter,
als sonst angenehm ist, reden mu. Die kleinen Felsenwege hinter dem
Schlo fhren auf eine ber den Wasserfall weg an seinen hchsten Punkt
gehende Brcke. Man hat dieser sehr unrichtig den Namen der
Schreckensbrcke gegeben. Sie ist angenehm und gewhrt einen lieblichen
und ewig den Blick anziehenden Anblick, hat aber im geringsten nichts
Schreckliches. Geht man ber diese Brcke, so steigt man noch eine
Zeitlang zur Seite der eben ihrem Fall zustrzenden Ache und gelangt
dann in ein viel freieres Tal als das hiesige, das von noch hheren
Bergen umgeben ist. Es ist meiner Empfindung nach bei weitem nicht so
malerisch als das hiesige, aber man kann eine groe Strecke lang ohne zu
steigen fortgehen, weshalb ich es gern zu Spaziergngen whle, auf denen
ich mich mehr mit mir als mit der Gegend beschftigen will. In dem Teile
des eigentlichen Bades, das der Vorderseite des Schlosses
gegenberliegt, sind sehr schne Pfade und Gnge aller Art, aber kein
Platz, wo man nur 200 Schritte ohne hinauf oder hinab zu steigen gehen
knnte. Fr Personen, die an den Fen leiden, ist das schlimm, da es
ihnen leicht an Bewegung mangelt. Indes wird auch die Bewegung hier
garnicht als notwendig zur Kur angesehen. Man legt sich vielmehr gleich
nach dem Bade auf eine oder zwei Stunden ins Bett, und es wird fr
zutrglich gehalten, wenn man schlft. Die ersten Tage, ehe man die
Wallung und Aufregung des Bades gewohnt wird, will das nicht gelingen,
jetzt aber schlafe ich immer. Ich bade nmlich schon um vier Uhr
morgens. Man bleibt gewhnlich eine Stunde im Bade. Die Quelle ist sehr
hei, wohl 40 Grad Hitze; man lt es frh ein, damit es abkhlen kann;
27 bis 28 Grad ist die gewhnliche Badewrme. Getrunken wird das Wasser
auch, doch ist das Baden die Hauptsache. Einigen bekommt auch das
Trinken nicht. Ohne den Wasserfall wre das Tal seiner grten Schnheit
beraubt. Ich kann stundenlang dabeistehen und dies Treiben, Kochen und
Sprudeln mit ansehen, in dem sich das Wasser bis zu bloem Schaum
verarbeitet. An den weniger jhen Stellen rollt es dann in lnglichen,
grnen Wlbungen fort, deren Sume nur mit Schaum eingefat sind, und
berall ist eine Eile, eine Emsigkeit, als gelte es das Leben, das
ruhige und stille Tal zu erreichen. Ich habe in der Schweiz und Italien
viel grere und eigentlich auch schnere Wasserflle gesehen, der
hiesige gehrt doch nur zu den kleineren. Aber seine Lnge und die
Verschiedenheit, bald senkrecht steiler, bald blo einer mehr und minder
schiefen Flche hnlicher Abhnge, gibt ihm wieder eine
Mannigfaltigkeit, welche jene nicht haben. Ich bin in meiner Erzhlung
sehr ausfhrlich gewesen, weil ich wei, da es Ihnen an sich
interessant sein wird, noch mehr aber, weil ich gewi bin, da Sie mich
gern mit Ihren Gedanken begleiten und darum gern ein anschauliches Bild
von einem Ort empfangen, der, soviel ich wei, noch wenig beschrieben
ist. Sie sehen zugleich, die Sie meine Neigung, mich an einer schnen
Gegend zu erfreuen, kennen, da mir die Zeit recht angenehm hingeht.

Auf der Herreise besuchte ich auch Mnchen und blieb vier Tage dort. Es
ist von Kunstschtzen sehr viel und unendlich Schnes da zu sehen. Der
Knig hat sehr viel antike Statuen und Gemlde zusammengekauft und lt
Gebude mit kniglicher Pracht auffhren, um sie darin aufzustellen. Dem
Klima nach ist allerdings, wie Sie sagen, Mnchen keine angenehme Stadt.
Im Sommer kann man das zwar nicht eben merken, allein es liegt auf einer
sehr hohen Flche und hat daher nicht blo einen sehr strengen Winter,
sondern auch sehr scharfe und unangenehme Winde. Vorzglich klagt man
ber die Frhjahre und Herbste. Die unmittelbare Gegend rund herum ist
auch nicht schn, sondern eher hlich zu nennen. Blo der englische
Garten gewhrt einen angenehmen Spaziergang und ist eine wirklich schne
Anlage.

Leben Sie recht wohl. Mit herzlicher Freundschaft
und Teilnahme Ihr               H.



_Tegel_, den 21. September 1827.

Ihre beiden Briefe vom 4. und 15. d. M. sind mir, liebe Charlotte,
richtig zugekommen und ich danke Ihnen recht herzlich dafr. Sie haben
mir beide besondere Freude gemacht, da sich die Gesinnungen, die Sie mir
schenken, darin gerade auf die angenehmste und mir geflligste Art
aussprechen. Es war mir auch eine erfreuliche berraschung, da mir der
erste dieser Briefe unerwartet kam, also eine liebe Zugabe auer der
Regel, weshalb Sie gewi nicht um Verzeihung bitten drfen. Ich erbitte
mir nur Ihre Briefe auf einen bestimmten Tag, weil Sie das gern haben.
Wenn ich neulich uerte, da es mir lieber sei, auf den Tag, nicht
frher und nicht spter, den Brief zu erhalten, so sagt das nicht, da
mir nicht immer einer mehr, welchen Tag er eintreffen mge, angenehm
sei.

Was mir am erfreulichsten in Ihrem Briefe ist, ist vor allem das, was
Sie mir ber Ihre immer zunehmende Heiterkeit und Zufriedenheit sagen.
Es ist das ein sicheres Zeichen, da Ihre Seele jetzt in einer Stimmung
ist, die aus einer Ihnen ziemlich zusagenden ueren Lage und
Schicksalen hervorgeht. Erhalten Sie sich so viel als mglich darin,
liebe Charlotte. Der Mensch kann immer sehr viel fr sein inneres Glck
tun, und was er ueren Ursachen sonst abbetteln mte, sich selbst
geben. Es kommt nur auf die Kraft des Entschlusses und auf einige
Gewhnung zur Selbstberwindung an. Diese aber ist die Grundlage aller
Tugend sowie aller inneren, greren Gesinnung. Sie sagen in Ihrem
Briefe vom 15. September: Ich wei, da alles, was mich eigentlich
jetzt beglckt, so bleibt, wie es ist. Gewi, liebe Charlotte, drfen
Sie nicht frchten, da ich je anders gegen Sie werden wrde, als ich
jetzt bin. Sie befolgten es einmal, und obgleich auch damals Ihre
Besorgnis unbegrndet war, konnte sie dennoch damals eher entstehen. Es
sind seitdem ber zwei Jahre verflossen, und Sie haben gesehen, wie
unntig Ihre Besorgnisse waren, und nicht die leiseste Umnderung
eingetreten ist, und das Verhltnis unter uns dadurch zu dem geworden
ist, was Ihnen das liebste ist, und die Gestalt angenommen hat, die
Ihnen am meisten zusagt. In mir ist eine nderung wahrhaft unmglich.
Ich nehme den herzlichsten Teil an Ihnen und Ihrem Schicksal, wnsche
Ihr Glck, trage gern zu Ihrer Freude bei, gebe gern Ihren Wnschen
nach, wo es sich so tun lt und so geschehen kann, da ich nicht aus
meinem inneren Kreise herausgehe. Fr mich erwarte ich nichts, Sie
knnen Ihrem Charakter und Ihren Gesinnungen nach mich nie tuschen,
aber ich kann auch von niemandem getuscht werden, da ich von keinem auf
etwas Anspruch mache, mich keinem mit Erwartungen nhere, sondern mein
inneres Bedrfnis so mit meinem eigenen inneren Vermgen in
Gleichgewicht gesetzt habe, da sich das erstere nie nach auen zu
wenden braucht. Ich kann mit Wahrheit sagen, da ich nie auf Dank
rechne, sondern das, was ich fr andere tue, wenn es mir nicht
gewissermaen gleichgltig erscheint, aus Ideen und Grundstzen fliet,
die fr mich einen von der Wirkung auf den andern ganz unabhngigen Wert
haben. Ich werde auch nie durch etwas gereizt. Was mein Wesen ausmacht,
ist abgeschlossen in sich und unabhngig von allen solchen das Leben so
vieler kleinlich bewegenden Zuflligkeiten. Ich tadle diese darum nicht;
sie haben ihre Weise und ich die meinige. Aber die meinige ist die
sicherere und beglckendere. Dabei ist mir jede Anerkennung, jede mir
erwiesene Teilnahme, jede mir geuerte Gesinnung erfreulich, und ich
bin gern dankbar. Ich schtze sie besonders als ein Zeichen dessen, was
in der Seele derer ist, die sie hegen. Wird nun eine solche anhngliche,
treue, verehrende Gesinnung seit langer und sehr langer Zeit, wie in
Ihnen, liebe Charlotte, fortgetragen, so steigt natrlich der Wert
derselben. Es freut mich daher immer, zu sehen, wie Sie erkennen, da
der nie sich verleugnende Ernst und die in sich geschlossene Festigkeit
meiner Ideen, meine Unabhngigkeit von ueren Dingen, meine Gewohnheit,
mein Glck mir nur selbst aus meinem Innern zu schpfen, ber Ihnen
schweben, wie Sie gern daran herauf blicken und Ihre Ideen dadurch
berichtigt sehen, wo sie einer Berichtigung bedrfen. So wird es auch
gewi ferner und immer bleiben. Mein inniger Anteil, meine
Bereitwilligkeit, meine Freude, Ihnen ntzlich und erfreulich zu sein,
werden Ihnen stets unwandelbar bleiben. Ich bitte Sie, mir den
2. Oktober und nicht spter zu schreiben. Der Herbst ist wunderschn; ob
er gleich immer unsere sicherste und beste Jahreszeit ist, scheint es
mir doch, da er in diesem Jahr sich selbst bertrifft. Leben Sie recht
wohl. Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr                       H.



_Tegel_, den 8. Oktober 1827.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 2. Oktober vor einigen Tagen
erhalten, und er hat mich aufs neue erfreut, und ich danke Ihnen
herzlich dafr.

Was sagen Sie zu diesem prachtvollen Wetter? Man kann unmglich es so
ungerhrt an sich vorbergehen lassen. Indes liebe ich an unserem
nrdlichen Klima das, da die Jahreszeiten sich voneinander
unterscheiden, und nicht in Gleichfrmigkeit ineinanderflieen. In
sdlichen Lndern ist das nicht so, der Frhling trennt sich nicht
bestimmt wie bei uns vom Winter, er ist mehr nur der noch mildere Teil
desselben. Gerade aber der bergang aus der Erstarrtheit und der
Dumpfheit des Winters in die heitere Lauigkeit des Frhlings macht einen
tiefen und anregenden Eindruck auf das Gemt. Verbunden mit dem Herbst,
durch den hindurch die Natur in die Gebundenheit des Winters bergeht,
schliet sich der Wechsel und die Folge dieser drei Jahreszeiten an die
groen Ideen an, die dem Menschen immer die nchsten sind, das Erstarren
im Tode und das Auferstehen zu neuem Leben. Was man um sich sieht und
empfindet, und was einer in der inneren Tiefe seines Gemts denkt,
stellt unter ganz verschiedenen Formen immer diesen Wechsel und diese
bergnge vor. Am lebendigsten aber tut es die Natur im Wechsel der
Jahreszeiten, in allem Begraben des Samens in die ihn mtterlich
verdeckende Erde, und dem Wiederhervorkeimen aus derselben und vielen
anderen Erscheinungen, die man symbolisch und allegorisch also deuten
und darauf beziehen kann. Es ist der groe Gedanke der Natur selbst, die
nur dadurch besteht, da sie sich ewig wieder erneuert. Wre man immer
recht durchdrungen von dieser Idee, so wrde man sehr oft seinen
Handlungen, Empfindungen und Gedanken eine andere Richtung geben, als
man jetzt oft tut. Man wrde nmlich fhlen, da alles darauf
hinausgeht, eine gewisse Reife zu erlangen, mit welcher allein jener
bertritt aus dem gebundenen und unvollkommenen Zustande in den freieren
und vollkommeneren gedacht werden kann. Denn man kann sich doch das
Sterben und wieder zu neuem Dasein Erstehen nicht als blo zufllig
geschehend, oder auf irdische Ereignisse berechnet, vorstellen. Das
Verlassen dieses Lebens steht gewi, es geschehe frh oder spt, in
unmittelbarer Beziehung auf das innere Wesen des Dahingehenden und ist
immer ein Zeichen, da nach der Erkenntnis, der nichts verborgen ist,
eine fernere Entwickelung auf dieser Erde dem Scheidenden nicht mehr
vorteilhaft war. Ebenso kann auch der Tod nicht auf alle gleiche
Wirkungen haben den, welcher im Leben mehr und hher zu geistiger Strke
gereift war, nicht so als den fhren und stellen, der darin
zurckgeblieben. Der Tod und das neue Leben ergreifen nur immer das fr
sie Gereifte. So mu also auch der Mensch diese Reife in sich befrdern,
und die Reife fr den Tod und das neue Leben ist nur eine und eben
dieselbe. Denn sie ist eine Trennung vom Irdischen, eine
Gleichgltigkeit gegen irdischen Genu und irdische Ttigkeit, ein Leben
in Ideen, die von aller Welt entfernt sind, ein Sichlosreien von dem
Sehnen nach Glck, es ist mit einem Wort die Stimmung, da man
unbekmmert um die Art, wie man hier vom Schicksal behandelt wird, nur
auf das Ziel sieht, dem man zustrebt, da man also Strke und
Selbstverleugnung bt und wachsame Herrschaft ber sich selbst. Daraus
entsteht die heitere, furchtlose Ruhe, die, nichts ueres bedrfend,
sich wie ein zweiter Himmel, ein geistiger, neben dem krperlichen in
unbewlkter Blue ber den so in sich gestimmten Menschen ausbreitet.



_Tegel_, den 26. Oktober 1827.

Entschuldigen Sie sich nie, liebe Charlotte, wenn Sie einmal einen
Posttag spter schreiben, als ich Ihnen meinen Wunsch nach einem Briefe
ausgedrckt hatte. Sie sind immer so pnktlich und aufmerksam, da ich
gewi bin, da dann ein Hindernis eintrat, das Sie nicht beseitigen
konnten. Auch bestimme ich ja nur die Tage, weil Sie es wnschen.

Sie haben sehr recht, in Ihrem letzten Briefe zu sagen, da der
18. Oktober, den man gleich nach dem Ereignis, welches damals so
ungeheuer schien, ewig feiern wollte, jetzt schon beinahe vergessen ist.
Wahrhaft als ein Erinnerungstag gefeiert wird er noch in Hamburg, aber
ich glaube, auch nur da. Es liegt indessen in der Natur der Dinge, da
ein Ereignis das andere treibt, und da es kaum mglich ist, eins auf
sehr lange festzuhalten. Man empfindet die wohlttigen Folgen noch
dankbar im Innern der Brust, man gedenkt der wundervollen Fgung des
Schicksals, wodurch die menschlichen Plne an einem so denkwrdigen Tage
ein solches Gedeihen gewannen, aber der frohe, ber alles hinweghebende,
sich im allgemeinen Jubel ergieende Sinn erstirbt; was kurz nach der
Gegenwart als eine ganz auerordentliche Begebenheit, ein wahres Wunder
erschien, tritt nun in den gewhnlichen Lauf der Begebenheiten zurck.
Wenn das auch nicht recht sein mag, so ist es doch natrlich, und ist,
so lange die Welt steht, so gewesen. Ich kann es selbst nicht so sehr
tadeln. Alles, was man Staats- und Weltbegebenheiten nennt, hat in allen
ueren Dingen die grte Wichtigkeit, stiftet und vernichtet im
Augenblick das Glck, oft das Dasein von Tausenden, aber wenn nun die
Welle des Augenblicks vorbergerauscht ist, der Sturm sich gelegt hat,
so verliert sich, ja so verschwindet oft spurlos ihr Einflu. Viele
andere ganz geruschlos die Gedanken und Empfindung stimmende Dinge
sind da oft weit mehr von tiefem und dauerndem Einflu. Der Mensch kann
sich berhaupt sehr frei halten von allem, was nicht unmittelbar in sein
Privatleben eingreift, und dies ist eine sehr weise Einrichtung der
Vorsehung, weil so das individuelle Glck unendlich mehr gesichert ist.
Gerade auch je mehr der Mensch sich in seine Individualitt einschliet,
desto mehr geht aus ihr hervor, was segensvoll auf das Gemt und das
innere Glck vieler wirkt. Diese Betrachtungen verrcken zwar sehr die
gewhnlich ber das, was wichtig und unwichtig ist, herrschenden Ideen;
das fr das Wichtigste Gehaltene wird fast zur Gleichgltigkeit
herabgesetzt und dem Unscheinbaren groe Bedeutung beigemessen. Sie sind
aber darum doch nicht minder wahr, und werden auch gewi so von allen
empfunden, welchen das uere Weltleben nicht allen inneren Sinn
abgestumpft hat. Auch die verschiedenen Epochen des Lebens verndern
hierin die Ansicht sehr. Dem Jugend- und frheren Mannesalter sagt alles
mehr zu, was auf einen greren Schauplatz versetzt; im Alter fllt der
falsche Glanz von den Dingen, aber sie erscheinen darum nicht ohne
Bedeutung, hohl und leer. Man lernt nur das Reinmenschliche in ihnen
suchen und schtzen und dies bewhrt sich ohne Wandel, so lange man
Kraft behlt, sich mit ihm in Berhrung zu setzen.



Im Dezember 1827.

Wir stehen wieder am Schlusse eines Jahres. Der Monat, in dem das Jahr
zu Ende geht, wir haben schon oft in unseren Briefen dabei verweilt, hat
immer etwas zugleich Feierliches und Anregendes fr mich. Man sagt sich
wohl tausendmal, da die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und
Unwesentliches sind, und in der Tat ginge die Zeit eben so leer und
ebenso bewegt, wie sie jeder ergreift und wie sie jeder aufnimmt, hin,
wenn man ganz verge, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es
wre. Allein diese trocken vernnftige Philosophie verliert sich doch im
Leben, und wer nur irgend Empfindung in sich trgt, geht immer ganz
anders vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander
folgenden Tagen ber. Es ist, als wenn der Mensch versucht, durch die
Zeiteinteilungen der Flchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens
ihren ununterbrochenen und ungeschiedenen Lauf zu unterbrechen. Sie
selbst zwar geht immer fort, aber der Mensch fleht wie auf einer
schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt
sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt
zusammen und umspannt den nchstfolgenden mit neuen Vorstzen,
Entwrfen, Hoffnungen und Besorgnissen. Ich mchte die Veranlassungen,
dies zu tun, nie aufgeben. So wenig man ihrer eigentlich bedarf, so
willkommen ist es, gewahr zu werden, da sie einen mahnen. Denn eine
Mahnung liegt ganz eigentlich in der Zeit, sie straft mit der
Unwiederbringlichkeit der Schritte, die sie einmal getan; sie drngt
zugleich auf die Gegenwart mit der Ungewiheit der Zukunft, und zwischen
dieser Unwiederbringlichkeit und Ungewiheit steht der Mensch bestndig,
immer mit dem Gefhl, das Versumte nie zurckfhren zu knnen und nicht
vorauszusehen, ob es die Zukunft nachzuholen gestatten wird. Dann halte
ich auch sehr viel auf das Charakteristische gewisser, ja jeder Epoche
des Lebens. Jedes Jahrzehnt bringt seine Sitten, Gewohnheiten,
Schicklichkeiten mit, jedes seine Gensse und seine Entbehrungen, und
die Weisheit ist nur, das nicht zu verwechseln, nicht in ein Alter
berzutragen, was einem andern angehrt.

Ich habe, wie Sie, liebe Charlotte, wissen, eine eigene Liebe fr die
sternhellen Winternchte, und es freut mich nicht allein, da Sie auch
diese Neigung, wie so viele andere mit mir teilen, sondern auch, da Sie
mir oft gesagt haben, da ich Sie noch mehr dahin gefhrt, und Ihnen
meine Anleitungen ntzlich waren. Ja, es macht mir oft Freude zu denken,
da sich unsere Blicke wohl oft in einem Planeten oder anderen Gestirn
begegnen in den tiefdunkeln, hellen, schnen Winternchten, die wir
jetzt haben, da Sie, wie Sie mir wohl gesagt haben, aus Ihrer Wohnung
einen freien weiten Horizont nach allen Seiten haben. Die Freude daran
ruht wirklich bei mir mit aus Gewohnheit. In meiner Jugend, als ich
zwanzig Jahre und darber war, ging ich ganze Nchte hier, und wo ich
war, auf den Straen herum. Wenn ich dann so die Gestirne hinziehen und
ihre Stellungen verndern sehe, fllt mir immer ein, da es nur die
Abteilungen der Zeit sind, von denen ich eben sprach, die uns an jene
fernen Welten heften, durch die wir ihre gegenseitigen Stellungen zu
Bestimmungspunkten in uns und fr uns zu einer Epoche in ihrem Gange
machen.

Das Versenken in diese Ferne, das Sichverlieren in dieser Menge der
Weltkrper, die sich dem Auge selbst wie ein einziges Lichtmeer
darstellen, macht mich ganz eigentlich glcklich und fesselt mich, da
ich mich stundenlang nicht davon losreien kann. Ist der Jupiter eben
sichtbar, suche ich ihn immer zuerst auf und erfreue mich an seinem
hellen, milden, weien Lichte; dann verfolge ich die so unendlich fernen
Fixsterne und habe es gern, wenn das Auge zuletzt sich in dem fr unser
Auge ungeschiedenen Glanzschimmer der Milchstrae verliert. Selbst das
bloe Schauen in die tiefe Nacht, wo gerade sternlose Rume sind, ist
schn, zumal gerade jetzt, wo die mondlosen Nchte so ganz und
unaussprechlich dunkel und finster sind, berhaupt ist es
bewunderungswrdig, welchen Genu der anhaltend verweilende Anblick
ganz einfacher Gegenstnde in der Natur macht. Gewi haben auch Sie
bisweilen am Wasser gesessen, blo um die Blicke und die Gedanken darin
recht zu versenken. Fr mich ist es einer der belohnendsten Gensse, und
der kleinste Bach, der stillste Teich, der sonst unbedeutendste See
reicht dazu hin. Es ist das reine, klare, unbewegte Element, das diese
Kraft ausbt. Es ist mir immer sehr begreiflich gewesen, wie man sich
einbilden konnte, da Wassernixen den am Ufer Sitzenden herabzgen. Es
zieht wirklich hinab, und es ist einem bisweilen dabei, als knnte man
nur so niedersteigen, um da ewig zu ruhen, als mte man es. Es ist in
diesem Gefhl gar kein Unwille mit der Erde, kein berdru an dem, was
sie bietet, es ist die reine Luft am feuchten Element. Es ist berhaupt
ein Vorurteil, wenn man meint, da das Vergngen an der Natur gerade
eine schne Gegend erfordere. So unleugbar es ist, da diese den Reiz
unendlich erhht, so ist der Genu berhaupt nicht daran gebunden. Es
sind die Naturgegenstnde selbst, die, ohne auch fr sich auf Schnheit
Anspruch zu machen, das Gefhl anziehen und die Einbildungskraft
beschftigen. Die Natur gefllt, reit an sich, begeistert, blo weil
sie Natur ist. Man erkennt in ihr eine unendliche Macht, grer und
wirksamer als alle menschliche, und doch nicht furchtbar. Denn es ist,
als strahlte einem jeder Naturgegenstand immer etwas Mildes und
Wohlttiges entgegen. Denn der allgemeine Charakter der Natur ist Gte
in der Gre. Wenn man auch wohl von schauderhaften Felsen, schrecklich
schnen Gegenden spricht, so ist die Natur niemals furchtbar. Man wird
bald mit der wildesten Felsenschlucht vertraut und heimisch in ihr, und
empfindet, da sie dem, der einsiedlerisch zu ihr flchtet, gern Ruhe
und Frieden beut.

Die gedrckte und schwermtige Stimmung, deren Sie erwhnen, tut mir
sehr leid, und es rhrt mich, wie unverkennbar sie durchscheint, da Sie
dabei so wenig und kurz verweilen, um sie mir zu entziehen. Ich wei und
fhle sehr wohl, da in einem nicht sorgenfreien, eher sorgenvollen
Leben unangenehme, verdrieliche Vorflle widrige Strungen
hervorbringen und der nach Ruhe schmachtenden und der Ruhe so innig
bedrfenden Seele schmerzlich entgegentreten -- aber es sind diese
Stimmungen dennoch den Wolken zu vergleichen, die auch bald licht und
hell, bald dicht und finster getrmt einherziehen. Es lt sich auch da
nicht immer sehen, woher sie kamen, wohin sie ziehen, aber die Sonne
verscheucht sie. Die Sonne fr das Gemt ist der Wille. Allein, wenn
dies sehr leidet, reicht er nicht aus. Wir bedrfen dann Glauben. Glaube
kann uns allein ber das kleinliche tgliche Leben und irdische Treiben
erheben, der Seele eine Richtung aufs Hhere geben und auf Gegenstnde
und Ideen, die allein Wert und Wichtigkeit haben. Es gibt etwas, das
Ihnen nicht fehlt, ja, das Ihnen, liebste Charlotte, innewohnt, das Sie
auch gewi hher achten als alles, was man uerlich und innerlich Glck
zu nennen pflegt. Es ist der Friede der Seele. Er wird nach
Verschiedenheit der menschlichen Richtungen auf sehr verschiedenen Wegen
gewonnen und erhalten. Der im ueren Glck und selbst Glanz Lebende
bedarf dieses Friedens ebensosehr als der mit Kummer und Sorgen
Beladene. Aber er erlangt ihn schwerer. Denn jeder Friede ist ein
einfaches Gefhl, das in verwickelten Verhltnissen schwerer gewonnen
wird. Es beruht freilich auf Ruhe und Reinheit des Gewissens, damit
allein aber ist es nicht errungen. Man mu sich zufrieden mit seinem
Schicksale empfinden, sich mit Ruhe und Wahrheit sagen, da man das
Schicksal nicht anklagt, sondern wenn es glcklich ist, mit Demut, und
wenn es unglcklich ist, mit Ergebung und mit wahrem Vertrauen in Gottes
weise Fhrung empfngt. Da die schwerere, sorgenvollere Lage auch das
Verdienst erhht, sich ohne Klage zu finden und sich in ihr zu erhalten,
oder aus ihr herauszuarbeiten, so gelangt man auf diesem Wege zur
harmonischen bereinstimmung mit dem Geschicke, wie es auch sein mge.
Sie, liebe Charlotte, wissen und ben das alles selbst. Sie brauchen nur
in sich und mit Vertrauen auf Ihre innere Kraft davon Gebrauch zu
machen, und Sie werden gewi die schwere und niederbeugende Stimmung,
ber die Sie jetzt klagen, berwinden, wenn sie nicht anders einen
ueren Grund hat, den ich nicht kenne, der aber freilich sehr
einwirkend sein kann und von mancherlei Art. Wie sehr wnsche ich, da
alles, was Sie in Wahrheit oder in der Vorstellung drckt, im alten Jahr
zurckbleibe und das neue heiter und froh beginne. Mit diesen herzlichen
Wnschen Ihr                 H.



_Berlin_, Januar 1828.

Der Abschnitt eines Jahres hat immer eine gewisse Feierlichkeit, meiner
Empfindung nach mehr und ganz anders als ein Geburtstag. Dieser bezieht
sich immer nur auf eine Person, und fr den, der ihn sonst erlebt, ist
er nur ein Abschnitt im Abschnitte des ganzen Jahres. Fr alle eine
Erneuerung der Epochen ist nur das erneuerte Jahr selbst, und es erregt
daher auch eine allgemeine Teilnahme. Das Jahr selbst, das abgeschiedene
und das neu eintretende, wird wie eine Person betrachtet, von der man
Abschied nimmt und die man begrt. Jedes Jahr hat seine eigenen
geschichtlichen Ereignisse, die sich in die Reihe der individuellen
Schicksale verweben, selbst wenn man gar keinen Teil daran nimmt, da man
sich beinahe unwillkrlich daran erinnert, bei diesem oder jenem nur
einen selbst betreffenden Vorfall gerade auch von diesem oder jenem
ffentlichen Ereignis gehrt zu haben. Es ist aber auch keine
Einbildung, da die Jahre glcklich oder unglcklich fr die Menschen
sind, und da man es ihnen gleichsam ansieht, wie sie sich in dieser
Hinsicht gestalten werden. Ich meine damit nicht groe Unglcksflle,
aber so das kleine Miraten aller Unternehmungen, das Fehlschlagen der
frohen Erwartungen, die man sich auf diese oder jene Weise gebildet
hatte, in der Art, wie es auch Tage so gibt, wo man z. B. in allem
ungeschickt ist, alle Augenblicke etwas fallen lt, sagt, was man nicht
sagen soll, und wie es so oft in Trumen geschieht, niemals zu dem
kommt, was man in der Absicht hat. Alles das liegt freilich weniger noch
im Schicksal als im Menschen, der sich immer selbst sein Schicksal
macht. Es kommt wohl oft von den ersten Eindrcken her, die man beim
Beginnen des Jahres bekommt, und die gleich das Vertrauen auf sein Glck
schwchen, oder gar Furcht vor Unglck oder wenigstens Besorgnisse
erwecken. Bisweilen ist es auch blo phantastisch. So halte ich viel von
der Jahreszahl. Wenn sie viele ungerade Zahlen enthlt, hat man bei
aller Vernunft eine Art Scheu davor. Wenn dagegen so schne gerade
Zahlen wie in 1828 sind, so flt das eine gewisse freudige Sicherheit
ein. Man schliet sich in das Jahr mit heiterem Mute ein, wie in ein
Fahrzeug, das schon durch sein Ansehen verspricht, einen sicher an das
Ufer des nchsten Jahres zu bringen. Wenn ich sagte, da jeder sich
selbst sein Schicksal macht, so ist das ein altes Sprichwort, freilich
ein heidnisches, das aber auch, christlich genommen, einen richtigen
Sinn hat. Es ist nmlich hier von dem inneren Schicksal die Rede, von
der Empfindung, mit der man das uere aufnimmt, und das hat der Mensch
in seiner Gewalt. Er kann immer Ergebung, Fassung, Vertrauen auf
wohlttige hhere Macht in sich erhalten, und wenn es ihm noch daran
fehlt, in sich hervorbringen. Wenn der Mensch nicht darin allein von
sich selbst abhinge, so gbe es keine Freiheit.

Indem die Vorsehung die Schicksale der Menschen bestimmt, ist auch das
innere Wesen des Menschen dabei in Einklang gebracht. Es ist eine solche
Harmonie hierin, wie in allen Dingen der Natur, da man sie auch
gegenseitig auseinander ohne hhere Fgung erklren und herleiten
knnte. Gerade dies aber beweist um so klarer und sicherer diese hhere
Fgung, die jener Harmonie das Dasein gegeben.

In der letzten Hlfte des Mrzes werde ich eine grere Reise machen und
wohl erst in sechs Monaten zurckkommen. Meine jngste Tochter ist, wie
Sie wissen, an Herrn von Blow verheiratet, und dieser ist jetzt
preuischer Gesandter in London. Er ist schon seit mehreren Monaten dort
und meine Tochter will ihm nun mit ihren drei kleinen Mdchen nachgehen.
Dahin nun werde ich, meine Frau und meine lteste Tochter sie begleiten.
Wir gehen ber Paris und halten uns dort einige Wochen auf, dann gehen
wir nach London ber und bleiben dort etwa anderthalb Monate. Von da
reisen wir, ich, meine Frau und lteste Tochter, wieder ber Paris und
dann ber Straburg und Mnchen nach Gastein und brauchen dort die
gewhnliche Badekur. Ende September knnen wir auf diese Weise wieder
hier sein. Ich mache die Reise sehr gern, und das einzige, was mir daran
unlieb ist, ist die Notwendigkeit, schon in der Mitte des August wieder
in Gastein sein zu mssen. Ich liebe zwar Gastein sehr und bin gern da,
aber ich wrde diesmal die Zeit lieber lnger in London zubringen und
dann auch spter hierher zurckkommen. So setzt mir das Bad zu bestimmte
Grenzen in meinem Aufenthalt. Paris und London sehe ich mit groer
Freude wieder. Wenn ich nicht auf dem Lande bin, bin ich am liebsten in
den grten Stdten. Mitten im Gewhl ist man wieder in der Einsamkeit.
Solch eine Reise scheint sehr gro und ist es auch der Meilenzahl nach,
aber am Ende ist die Zahl der Tage, die man im Wagen zubringt, doch so
gro nicht. Nachts werden wir nie fahren, und so ist es viel weniger
unbequem, als es auf den ersten Anblick scheint. Das Wetter kann
freilich im Mrz noch kalt und unangenehm sein, doch ist in Deutschland
der April gewhnlich gut, und sollte der Mai Ncken von Rauheit haben
wollen, so sind wir dann schon im milderen Frankreich. Meinen
Schwiegersohn finden wir in London schon in einem ganz eingerichteten
Hause, und so entgehen wir den Unbequemlichkeiten, die man sonst in
einer fremden Stadt erfhrt. Paris nenne ich nicht fremd. Ich habe es
mit meiner Frau und Kindern in den frheren Jahren meiner Heirat einige
Jahre hindurch bewohnt. Es sind mir zwei Kinder dort geboren und eins
gestorben. Nachher war meine Frau einige Monate ohne mich dort, und ich
whrend des Krieges zweimal ohne sie. Jetzt sind es freilich elf Jahre,
da ich nicht nach Paris gekommen bin, und als ich das letztemal, es war
bei Nacht, herausfuhr, dachte ich bei mir, da ich nie wieder hinkommen
wrde. Mit demselben Gefhl sah ich die felsigen Ufer von England, als
ich es im Jahre 1818 verlie. Das Schicksal hat es sonderbar gefgt, da
ich nun wieder ganz unerwartet dahin komme, und da mein Schwiegersohn
die Stelle bekleidet, die ich damals hatte. Er bleibt vermutlich lange
dort, und so wird mir das eine Veranlassung werden, auch fter
hinzureifen. Tte ich es aber je allein, so wrde ich nicht den weiten
Weg ber Paris, sondern gewi den kurzen ber Hamburg nehmen. Man ist
alsdann in wenig Tagen in London und kann in drei Wochen hin- und
herreisen und beinahe vierzehn Tage in London zubringen. Wie wir es mit
unserm Briefwechsel einrichten, will ich Ihnen in meinem nchsten Briefe
schreiben. Sein regelmiger Gang wird nicht dadurch unterbrochen
werden. Natrlich brauchen die Briefe lngere Zeit, um anzukommen, aber
dies ist vorzglich nur das erstemal unangenehm und fhlbar. Hernach
bleibt, welche die Entfernung sei, der Zwischenraum derselbe. Ich werde
es brigens so einrichten, da Sie Ihre Briefe ganz wie gewhnlich
hierher schicken. Hier ist ohnehin ein Mensch, der mir die Briefe, wo
ich bin, nachsendet. Auch die meinigen werden Sie in der Regel wohl von
hier aus bekommen, so wird alles im gewohnten Geleise bleiben. Bei
meinem Wiederkommen nach Paris und London fllt mir ein, da irgendwo
sehr hbsch gesagt ist, da man immer nur die Orte gern besucht, die man
schon von frher her kennt. Das ist aus sehr richtiger Beobachtung
geschpft, es ist wirklich so und macht den Empfindungen des Menschen
Ehre. Man behandelt Orte wie Menschen und kehrt nur zu den schon
bekannten gern zurck. Die Freude, die Sie in Ihrem stillen Leben am
Sternhimmel haben, macht mir wiederum Freude, da sie durch die meinige
mehr erhht und vermehrt ist; gern beantworte ich Ihre Fragen, so viel
ich es selbst kann. Da Ihnen frher die Zahllosigkeit der Gestirne, das
Unendliche des Weltraums, mit einem Wort, die Unermelichkeit der
Schpfung furchtbar erschien, habe ich sonst kaum begreifen knnen, und
es freut mich, da sich diese Empfindung in Ihnen verloren hat. Die
Gre der Natur schon ist eine erhebende, heitere, die ich gerade zu den
am meisten beglckenden rechnen mchte. Noch mehr aber ist es die Gre
des Schpfers. Wenn man auch zugeben knnte, da sie als Gre
niederdrckend wre, so wrde sie wieder erhebend und beglckend sein
durch die unermeliche Gte, die sich zugleich fr alle Geschpfe darin
ausspricht. berhaupt ist es doch nur die physische Macht und Gre,
welche als gewissermaen niederdrckend Furcht einflen kann. So
unendliche physische Macht aber auch diejenige ist, welche sich in der
Schpfung und dem Weltall verherrlicht und darstellt, so ist sie doch
noch weit mehr eine moralische. Diese aber, das wahrhaft Erhabene,
erweitert immer das Innere, macht freier atmen und erscheint allemal in
Milde, als Trost, Hilfe und Zuflucht. Man kann mit Wahrheit sagen, da
diese schaffende allmchtige Gre berall sich in gleicher, gleiche
Bewunderung auf sich ziehenden Strke sehen lt. Aber man kann mit
Wahrheit behaupten, da am Himmel in den Gestirnen sie in einfacheren
Verhltnissen erscheint. Sie drngt sich der Phantasie mehr auf, es ist
alles nur durch Zahl und Ma zu ergrnden, und es flieht doch wieder
durch seine Unendlichkeit alle Zahl und alles Ma. Gerade weil man an
den Himmelskrpern lauter Verhltnisse findet, die sich auf
mathematische zurckbringen lassen, kennt man die Rume des Himmels in
einigen Stcken besser als die Erde und ihre Geschpfe. Schreiben Sie
mir, liebe Charlotte, den 26. d. M., und seien Sie berzeugt, da alles,
was Sie mir sagen, groes Interesse fr mich hat und mir immer
willkommen ist. Leben Sie herzlich wohl und zhlen Sie auf meinen
unwandelbaren, unvernderlichen Anteil.                      H.

       *       *       *       *       *

Das Leben ist eine Gabe, die immer so viel Schnes fr einen selbst, und
wenn man es nur will, so viel Ntzliches fr andere enthlt, da man
sich wohl in der Stimmung erhalten kann, es nicht nur in Heiterkeit und
innerer Genugtuung fortzuspinnen, sondern da man auch aus wahrer
Pflicht alles tun mu, was von einem selbst abhngt, es zu verschnern
und es sich und andern ntzlich zu machen.

Der Ernst und selbst der grte des Lebens ist etwas sehr Edles und
Groes, aber er mu nicht Hrend in das Wirken im Leben eingreifen. Er
bekommt sonst etwas Bitteres, das Leben selbst Verleidendes.

Wenn man auch das Ende des irdischen Daseins garnicht frchtet, wenn man
ihm sogar mit mehr als gewhnlicher Heiterkeit entgegensieht, mu man
dem Gedanken daran doch keinen auf irgendeine Weise strenden Einflu
auf das Leben einrumen.....

Wir reisen nach Paris ber Weimar und Frankfurt a. M. Weimar ist die
nhere und in Wegen und Wirtshusern die bessere Strae. Wir bleiben
brigens wegen des Hofes, mit dem wir sehr bekannt sind, einige Tage
dort.



_Berlin_, den 21. Mrz 1828.

Es freut mich, Ihnen, liebe Charlotte, sagen zu knnen, da sich unser
Reiseplan so gendert hat, da wir ber Kassel gehen werden. Unser Plan
ist, am 31. von hier abzureisen, und hiernach knnen wir am 2. April in
Kassel sein. Eine Nacht bleiben wir dort auf jeden Fall, ob den
folgenden Tag und also zwei Nchte, wei ich noch nicht. berhaupt ist
kein Plan gewi, wenn man mit mehreren reist.

Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Es wird freilich nur auf eine oder
zwei Stunden sein knnen, aber es ist immer schn, sich wiederzusehen.
Komme ich frh genug an, so komme ich noch denselben Abend zu Ihnen; ist
es zu spt, so komme ich den folgenden Tag, wenn es auch vielleicht erst
am Abend sein sollte; komme ich frh genug und bleibe doch den folgenden
Tag, so sehe ich Sie beide Tage, Ich glaube nicht, da mich eine Antwort
auf diesen Brief noch hier finden kann, sonst wre es mir sehr lieb,
wenn Sie mir noch einige Zeilen herschrieben.

Leben Sie herzlich wohl!



Unterwegs.

Ich glaubte gestern noch bis 5 Uhr noch einmal zu Ihnen zu kommen, aber
es kam mir etwas dazwischen. Htten Sie nher gewohnt, htte ich Sie
dennoch, auf eine halbe Stunde gesehen. So war es unmglich. Sie in
Ihrem Hause gesehen zu haben, hat mir groe Freude gemacht und hat mir
einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich schreibe Ihnen, liebe
Charlotte, gewi bald aus Paris und hoffe auch dort einen Brief von
Ihnen zu finden.



_Paris_, den 23. April 1828.

Ich habe bei meiner Ankunft hier, liebe Charlotte, Ihren Brief vom
26. v. M. gefunden und darin Ihre Sorgfalt erkannt, mir Ihre Wohnung zu
bezeichnen. Noch lebhafter als fr diese Sorgfalt aber danke ich Ihnen
fr den lebendigen Ausdruck der Freude, der in Ihrem Briefe herrscht.
Ich bin hernach Zeuge dieser Freude selbst gewesen, und Ihre Freude, die
dieser Brief ausdrckt, hat mir dieselbe noch lebhafter zurckgerufen.
Sie ist mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis Ihrer Gesinnungen gewesen,
oder vielmehr ich habe, da mir bisher nur immer Ihre Briefe diese
Gesinnungen aussprachen, sie nun in ihrer lebendigen, noch unendlich
mehr erfreuenden uerung gesehen. Es ist mir sehr viel wert, selbst bei
Ihnen gewesen zu sein, es hat mir einen anschaulichen Begriff Ihres
Lebens gegeben, noch auer der Freude, Sie wiedergesehen zu haben. Das
Leben, wie Sie es sich dort eingerichtet haben, ist sehr hbsch und
spricht fr den Geist und die Weise, die Sie hineinlegen. Sie genieen
einer freundlichen und heiteren Einsamkeit, und alles in Ihrem kleinen
Hause, aber garnicht so kleinen Garten, spricht einen gleich beim
Hereinkommen so an, da einem wohl darin wird. Und doch habe ich beides
nur bei rauhem Wetter und ohne Frhlings- und Sommerschmuck gesehen. Wie
viel mu der Garten durch beides gewinnen, wo Sie dann im vollen,
dichten Grn wohnen. Ich kann mir Sie jetzt in allen Momenten denken, da
ich alle die Plage gesehen habe, worin Sie Ihr Leben zubringen, und ich
finde es eine sehr hbsche Einrichtung, da Sie das gerumige und
freundliche Zimmer unten, in dem wir waren, von Ihrer Arbeit abgesondert
halten und es nur besuchen, wenn Sie mit jemand sind oder frei allein
sein wollen. Eine Stube nimmt immer fr den, der sie bewohnt, die Farbe
dessen an, was gewhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf
denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen blo an das erinnern
kann, was man frei von anderer Beschftigung oder Zerstreuung darin
gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wnde erblickt,
erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich
andere anreihen. Es ist ebenso auf dem Lande mit Spaziergngen. Mir
wenigstens geht es immer so, da ich nach kurzem Aufenthalt in einer
Gegend sie mir zu verschiedenen Gedanken und Gefhlen bestimme, und je
lnger man sie in dieser Bestimmung braucht, desto mehr erwachen diese
Gefhle und Gedanken mit ihnen. Aber auch oben, wo Sie arbeiten, sind
ihre Zimmer hbsch und bequem, wenn auch klein. Diese Kleinheit kann
auch nichts Drckendes da haben, wo man gleich in einen freien und
groen Garten hinaus kann. In der Stadt wre das viel anders. Ihre ganze
Einrichtung, in der sichtbar so viel Verstand, Ordnung und Gengsamkeit
herrscht, hinterlt darum einen noch viel angenehmeren und
erfreulicheren Eindruck, weil es sichtbar ist, da Sie sich dieses
Dasein selbst geschaffen haben und es erhalten; ich hoffe auch gewi,
da Ihre besonnenen Einrichtungen ferner von glcklichem Erfolg sein
werden, ob zugleich die Idee immer bei mir wiederkehrt, da Sie ein
weniger angestrengtes Leben bei Ihnen zusagender greren Mue genieen
mchten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welchen lebhaften und
aufrichtigen Anteil ich an der Erfllung dieses Wunsches nehmen
wrde. -- -- -- --

Unsere Reise ist zwar recht glcklich gewesen, insofern als sich kein
sonderlich unangenehmer Zufall beigemischt hat. Aber wir sind von Kassel
aus viel langsamer gereist als bis dahin. Worber wir uns sehr zu
beklagen gehabt haben, war das Wetter. Unterwegs, namentlich zwischen
Kassel und Frankfurt, war es wahrhaft winterhaft. Auf einer langen Reise
mit Frauen und Kindern ist das beschwerlich. In Frankfurt hielten wir
uns drei Tage auf, diese Verzgerung war aber nicht willkrlich diesmal,
sondern ntig. Teils war es meiner Frau und den Kindern notwendig
auszuruhen, teils waren Reparaturen am Wagen vorzunehmen. Der lngere
Aufenthalt in Frankfurt war mir verdrielich, weil er immer so viele
Tage dem hiesigen entri, sonst hatte ich ihn nicht ungern, denn ich
habe Frankfurt immer geliebt, und es gibt wirklich nur sehr wenige
Stdte in Deutschland, welche die Vergleichung damit ertragen knnen. Es
zeichnet sich hauptschlich durch zwei Vorzge aus. Einmal hat es so
uerst hbsche Umgebungen. Ich rede hier nicht blo von den schn
angelegten Pflanzungen, die die Stadt umgeben, sondern von der Gegend
selbst. Das Taunus-Gebirge gewhrt von mehreren Punkten einen hchst
reizenden Anblick, und der Flu kommt dazu. Ich bin immer mit groer
Freude dort spazieren gegangen. Dann aber bringt auch die Stadt den
Eindruck hervor, da die Bewohner fast im allgemeinen eines groen oder
wenigstens hinreichenden Wohlstandes genieen. Der wahre, groe
Reichtum, der sich daselbst befindet, ist nicht so, wie oft an andern
greren Orten, von Armut und schreiendem Elend begleitet. Das gehrt
aber sehr dazu, wenn einem an einem Orte wohl werden soll. Man fhlt an
jedem immer, bis auf einen gewissen Punkt, mit der ganzen Volkszahl, und
es ist einem nicht behaglich, wenn man in dieser Not und Armut in zu
groem Kontrast mit dem Wohlstande antrifft.

Von Frankfurt bis Saarbrck aus haben wir wieder grere Strecken Weges
zurckgelegt und sind am vierten Tage noch vor der hier gewhnlichen
Stunde des Mittagessens, die allgemein sechs Uhr ist, angekommen. Das
Reisen durch Frankreich ist nicht mit groen Annehmlichkeiten verbunden.
Die Wege sind jetzt zum Teil schlecht und sehr schlecht, im ganzen
mittelmig und nirgends recht gut. Gute Wirtshuser findet man nur in
den grten Provinzialstdten, wie Lyon usw. Der Anblick des Landes und
der Bewohner hat von der Seite, von der wir kamen, garnichts Anziehendes
und Fesselndes. Die Gegenden sind vielmehr hchst gewhnlich und bieten
nicht einmal groe Fruchtbarkeit oder Strke der Vegetation dar. Was mir
aber immer am meisten in Frankreich mifallen hat, ist der Anblick der
Drfer gewesen. Sie lassen sich garnicht mit unseren deutschen
vergleichen. Sie bestehen entweder aus wenigen Husern, die auf einmal,
ohne da man es erwartet, an einer, oft an beiden Seiten des Weges
einander gegenberstehen, und die von keinem Baume, von keinem Garten
umgeben oder angekndigt sind, oder sie gleichen unseren kleinen
Marktflecken und haben nicht das mindeste Lndliche. Die Bewohner sind
nicht anders. Sie haben entweder ein sehr rmliches oder stdtisches
Ansehen. Vorzglich sind die Frauen und Mdchen garnicht hbsch und
anziehend. Allerdings trgt aber auch ihr Anzug dazu bei, sie weniger
anmutig erscheinen zu lassen, vor allem die schweren und ungeschickten
Holzschuhe. Dieser wenig reizende Anblick des Landvolkes und seiner
Wohnungen nimmt der Annehmlichkeit des Reisens in Frankreich sehr viel,
und wird von allen Reisenden bemerkt.

Hier in Paris hingegen befinde ich mich sehr wohl. Ich fhre hier ein
meinem gewhnlichen ganz entgegengesetztes Leben. Ich gehe den ganzen
Tag herum oder fahre, und bin im eigentlichsten Verstande nur eine
Stunde nach dem Aufstehen, einige vor dem Schlafengehen und bisweilen,
obgleich auch selten, den Mittag zu Hause. Da ich so verschiedene Male,
zum erstenmal schon 1789, hier war, so habe ich sehr viele
Bekanntschaften, und es fehlt nicht, da sich nicht immer neue dazu
gesellen. Dann sind auch eine Menge Dinge zu besehen, und so vergeht der
Tag, wie lang er scheinen mag. Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, da
mir ein Leben nicht eher zuwider ist, von dem ich zu Hause aus Wahl
gerade das Gegenteil fhre, allein ich habe in den verschiedenen
Perioden meines Alters so verschieden gelebt, da ich das jetzige Leben
nicht weniger neu nennen kann. Es ist auch berhaupt nicht meine Art, so
an einer Weise zu hngen. Mir ist ziemlich jede lieb, in die ich
geworfen werde oder selbst bergehe, und ich befinde mich immer
krperlich und geistig gleich wohl dabei.

Paris hat sich in den dreizehn Jahren, da ich es nicht gesehen habe,
ungemein verschnert. Es sind viele einzelne schne neue Gebude, ja
ganze Straen und Quartiere entstanden. Der Wohlstand, der Luxus, die
Volksmenge hat zugenommen, die Bewegung, die schon immer so gro war,
ist dadurch grer geworden. Auch in Wissenschaften und Knsten ist das
Leben und alles Interessante gestiegen. Eine solche Stadt ist mit keiner
bei uns zu vergleichen. Auch die grten deutschen haben dagegen etwas
Kleinstdtisches. Wenn man einmal nicht auf dem Lande wohnt, ist
allerdings eine solche Stadt jeder anderen vorzuziehen.

Ich hoffe jetzt, bald einen Brief von Ihnen, liebe Charlotte, zu
bekommen. Mit der innigsten und aufrichtigsten Teilnahme Ihr          H.



_London_, den 20. Mai 1828.

Wir sind gestern nachmittag hier angekommen, liebe Charlotte, und sind
alle vollkommen wohl. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 23. April
aus Paris richtig empfangen; ich habe seitdem den Ihrigen, am 8.
geschlossenen erhalten und danke Ihnen herzlich dafr.

Seit ich Ihnen aus Paris schrieb, ist es uns recht gut ergangen. Wir
haben Paris den 15. d. M. verlassen und sind am 19. von Calais gerade
nach London bergeschifft. Man macht die berfahrt jetzt in Dampfbooten,
es gibt selbst fr Reisende keine anderen mehr. Es ist auch eine sehr
bequeme Manier. Die Schiffe sind gro, haben auer der Anstalt fr den
Dampf auch Segel, die sie, wenn der Wind gnstig ist, auch gebrauchen,
und man kommt meistenteils, wie es unser Fall war, in weniger als zwlf
Stunden von Calais bis London ber. Es war das schnste Wetter, was man
denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging,
ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen
wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine
unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck
geblieben und habe mich des wundervoll schnen Anblicks des Meeres
erfreut. Vorzglich gro und schn war der Sonnenaufgang, der mich
umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen
hatte. Wir segelten nmlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen
wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoe
unserer Familie. London berrascht immer aufs neue durch seine Gre,
seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwrdige Bewegung. Es hat
weniger schne freie Ansichten als Paris, das durch die groen
ffentlichen und vielen Privatgrten hier und da ein ordentlich
lndliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte
zusammengeflossene und sich in bestndiger Mannigfaltigkeit und doch im
hchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine grere Bewunderung.

Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rckreise
antreten. Allerdings war es und ist es eine groe, und unter den
Umstnden, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck
haben wir erfllt, meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer
Bestimmung gebracht. Das brige wird ja auch gut gehen.

Es tut mir leid, da Sie diesen Brief mit einiger Versptung erhalten
werden. Ich kann ihn nicht anders als ber Berlin gehen lassen, es ist
zu weitlufig, Ihnen das zu erklren, es ist aber so. Schreiben Sie mir
auf die gewhnliche Weise. Ihr                  H.



_London_, Juni 1828.

Zu Ihrer gnzlichen Beruhigung noch etwas ber meinen
Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte,
deshalb besorgt gemacht hat. Da ich lter geworden bin, seit wir uns in
Frankfurt sahen, liegt in der Natur und drfte Sie nicht wundern. Ich
bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Krper an
nichts gehindert worden. Mein Krper fgt sich ohne irgendeine
Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man it hier nie vor
halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun
Uhr. Ich frhstcke, da man hier im Hause spt aufsteht, um halb zehn
Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem
Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewi nicht besorgt
meinetwegen zu sein.

Unser Aufenthalt hier nhert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen
dem 10. und 15. Juli wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht lnger
bleiben zu knnen, aber mehrere zusammentreffende Umstnde, vor allem
unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu
sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten
Gegenstnden, um eine viel lngere Zeit sich angenehm zu beschftigen.
Es gibt eine groe Menge der schnsten und merkwrdigsten Kunstsachen
hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemlden, auch in
Privathusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist
das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet.
Auerdem ist auch sehr viel fr Wissenschaften und Sprachen zu tun,
vorzglich fr die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen
zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten
Gesellschaften, so da man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.



Den 16. Juli.

Ich reise bermorgen von hier ab und gehe wieder ber Paris, wo ich mich
aber nur acht Tage aufhalten werde. Dann gehe ich nach Gastein und mache
vielleicht nur noch einen Aufenthalt in Mnchen, wenn der Knig gerade
dort sein sollte, da ich diesen wieder zu sehen wnsche. Ich bin mit
meinem Aufenthalte hier sehr zufrieden und nehme wenigstens die
Beruhigung mit hinweg, liebe Charlotte, ihn so gut benutzt zu haben,
wie es unter den Umstnden nur immer mglich war. Ich habe keine Sache
ganz versumt, und diejenigen, welche ein besonderes Interesse fr mich
hatten, habe ich vollkommen erschpft. Auch sind wir alle vollkommen
wohl. Die Gesundheit meiner Frau hat sich sogar verbessert. Sie ist
garnicht in Gesellschaft gegangen, da man hier immer erst um halb acht
Uhr und oft spter zu Mittag it und also die Abend-Gesellschaften nicht
vor elf Uhr angehen. Aber sie hat alles gesehen, was Interesse fr sie
hatte. Das Parlament geht jetzt zu Ende, und die Leute fangen schon an,
aufs Land zu gehen, wo sie nun bis zum Mrz knftigen Jahres bleiben.
Denn man richtet sich hier nicht nach der Jahreszeit, sondern einzig
nach den ffentlichen Geschften. Auch macht die Jagd, da jeder gern
den ganzen spten Herbst ber auf dem Lande bleibt. London wird dann
sehr leer, und es gibt dann fast keine Gesellschaften mehr. Die keine
Landsitze haben, schmen sich dessen ordentlich und verhngen wohl gar
ihre Fenster gegen die Strae, um die Leute glauben zu machen, da sie
auf dem Lande sind. Das Landleben ist aber grtenteils nur ein
Verpflanzen der Gesellschaft von der Stadt aufs Land. Dort hat jeder
Besitzer eine Menge von Besuchen und macht Einladungen auf mehrere Tage.
Auch sind die Englnder auf dem Lande offener und mitteilender als im
Getmmel der Geschfte und den Zerstreuungen der Stadt.

Dem Gottesdienste habe ich hier mit meiner Frau einigemal beigewohnt, er
ist mir aber weniger erbaulich erschienen als bei uns. Es werden wohl
zwei volle Stunden, ehe die Predigt angeht, mit Ablesen von Stcken aus
der Bibel, Hersagen des Glaubens usw. zugebracht. Bei diesem Ablesen
wiederholen diejenigen, welche dem Altar am nchsten sind, vorzglich
die Kinder, welche in der Religion unterrichtet werden, die letzten
Worte jedes Verses. Dieses hat natrlich etwas sehr Einfrmiges und ist
auf die Lnge wahrhaft ermdend. Gesang der Gemeinde ist sehr wenig und
ebensowenig Orgelspiel, nur kurz und bald wieder abbrechend fallen
Gesang und Orgel ein. Die Predigt ist ebenfalls kurz, etwa eine halbe
Stunde. Die wir hrten, war uerst kalt und durchaus nicht, was man
erbaulich nennen kann. Wie man mir sagt, ist dies der Ton und die Art
der meisten Prediger hier. Dann hat noch das uere etwas sehr
Strendes. Nur eine Reihe Bnke, etwa der vierte Teil der Kirche, ist
fr jedermann frei. Die anderen sind verschlossen, gehren aber nicht
einzelnen Personen, wie bei uns eigentmlich, wenigstens nicht alle. Nun
stehen, wenigstens bis die Predigt angeht, zwei Frauen mitten in der
Kirche, mit dem Gesicht gegen die Tr gewandt. Diese weisen jedem, der
kommt und es wnscht, einen Platz in verschlossenen Bnken an und
empfangen dann, wenn sie die Leute wieder herauslassen, ein kleines
Geschenk. Ob sie dies ganz behalten oder etwas davon abgeben, wei ich
nicht. Immer aber ist es widrig, den grten Teil des Gottesdienstes
ber zwei Personen ohne alle Aufmerksamkeit darauf und mit etwas ganz
Weltlichem beschftigt zu sehen. Freilich ist das Herumgehen mit dem
Klingelbeutel bei uns etwas noch mehr Strendes. Indes ist es auch in
mehreren Kirchen, wenigstens im Preuischen, abgeschafft.

Etwas ganz Neues fr mich waren die Zusammenknfte der Quker. Ich
hatte, wie ich sonst hier war, sie zu sehen versumt. Jetzt bin ich in
einer gewesen. Der Saal war vor einigen Jahren angebaut, sehr bequem und
reinlich, aber ohne alle, auch die geringste Verzierung oder
Ausschmckung. Das Licht fiel von oben ein, und weiter hatte der Saal
keine Fenster. Die Versammlung war sehr zahlreich, die Mnner auf einer
Seite, die Frauen auf der anderen. Die Quker haben, wie Sie gewi
wissen, keine Prediger. Wer Mut und inneren Beruf in sich fhlt zu
reden, der steht auf und tut es. Sonst herrscht in der Versammlung eine
Totenstille. Wer spricht, tut das entweder von der Stelle aus, wo er
ist, oder geht auf einen etwas erhhten Platz, auf dem aber mehrere
zugleich stehen knnen und der garnicht einer Kanzel gleicht. Als wir
darin waren, war es die zwei Stunden, die die Versammlung dauerte, fast
ohne alle Unterbrechung still. Indes sprach doch ein Mann und zwei
Frauen. Sie sagten nur einzelne, aber selbst, und wie es schien, im
Augenblick gemachte Gebete, von ganz kurzen Betrachtungen begleitet. Was
sie aber sprachen, war in sich sehr gut, von vielen Sprchen aus der
Bibel begleitet und mit groer Innigkeit und Herzlichkeit vorgetragen.
Erst am Ende meines Briefes sage ich Ihnen, liebe Charlotte, meinen
herzlichsten Dank fr den Ihrigen, den ich zu seiner Zeit richtig
empfangen habe, und der wie alle so viel Freundschaftliches, Gutes und
Liebes enthlt. Sie knnen unausgesetzt fest berzeugt sein, da diese
Gesinnungen fr mich den grten Wert haben und immer behalten werden.

Leben Sie nun herzlich wohl und erhalten mir Ihre liebevollen
Gesinnungen, ich verbleibe mit denselben Ihnen wohlbekannten
unvernderlich Ihr                     H.



_Salzburg_, den 14. August 1828.

Ich schreibe Ihnen wieder aus Deutschland, liebe Charlotte, und aus der
Gegend, die man wohl die schnste von Deutschland nennen kann.
Wenigstens kenne ich keine, die man als schner rhmen knnte. Die Lage
ist wirklich prachtvoll, eine lachende, fruchtbare Ebene, von der man
berall die Ansicht majesttischer Gebirge hat und in der selbst einige
wie hingeschleuderte Felsenpartien liegen. Diese sind wirklich
merkwrdig, und ich sah nirgends sonst hnliche dieser Art. Es sind
nicht einzelne Felsstcke blo, noch weniger einzelne gipfelige Berge,
sondern hohe, lange und verhltnismig schmale Felsmassen, die auf
ihrer Oberflche eine mit fruchtbarer Erde bedeckte, mit Grten und
Husern geschmckte Ebene bilden.

Unsere Reise von London bis hierher war sehr glcklich, nur hat das
Wetter uns garnicht begnstigt. Blo einzelne heitere und sonnige Tage,
sonst meistenteils Sturm und Regen. Kam ein schner Tag, so war er
gleich von so schwler Hitze und so stechender Sonne, da sich ein
Gewitter zusammenzog und wieder Khle und Regen herbeifhrte. In London,
Paris und Deutschland war dasselbe unerfreuliche Wetter. Indes ist das
nun vorber, und meine Wnsche gehen nur dahin, da es besser mit dem
Wetter whrend des Gasteiner Badeaufenthalts sei. In der Mitte hoher
Gebirge und auf einem so hohen Standpunkte, wo das Haus, in dem man
wohnt, wenigstens so hoch als der Gipfel des Brocken liegt, sind milde
Sonne und liebliche warme Luft mehr als blo angenehme Zugaben zum
Dasein. Unsere berfahrt von London nach Calais war wieder sehr
glcklich, nur ging die See sehr hoch, und so machte das Schwanken des
Schiffs viele Kranke. Ich litt keinen Augenblick, sondern ergtzte mich
eher am Schaukeln. In Paris verlebte ich noch eine sehr angenehme Woche.
Ich wrde recht gern einmal ein ganzes Jahr dort zubringen, und da meine
Frau den Aufenthalt dort auch liebt, so richte ich es vielleicht einmal
so ein. Der Weg durch das sdliche Deutschland ber Straburg ist sehr
schn und bequem, und wenn wir fortfahren, Gastein zu besuchen, so liee
es sich sehr gut machen, nach dem geendigten Badeaufenthalte eines
Jahres nach Paris zu gehen und zu dem des folgenden Jahres von da
zurckzukehren. Doch kommt zwischen solche Plne leicht vieles -- und so
ist es bis jetzt mehr Idee als Plan. In Straburg ist eine sehr hbsche
Mischung von franzsischer und deutscher Art. Die Natur ist deutsch in
Gegend und Menschen. Das wird man gewahr, wie man den Elsa von dem
schnen Bergrcken von Zabern bersieht. Es ist einer der schnsten
Anblicke, die man haben kann. Lieblich geformte Hgel und Berge, schn
mit Gebsch und Wald bekrnzt, und auf den Gipfeln mehrere Gemuer alter
Burgen, ganz wie man sie so oft in Deutschland sieht, wie sie aber
Frankreich gnzlich fremd sind. Die Physiognomien bieten auch ganz
deutsche Gesichtszge dar, und ebenso ist auch das Benehmen der Menschen
im ganzen. Damit ist nun das franzsische Wesen verbunden und gleichsam
darauf gepfropft. Ich finde diese Mischung interessant und angenehm
zugleich. Von einer anderen Seite betrachtet, knnte man auch vielleicht
anders darber urteilen, und gerade ber die Vermischung das
Verdammungsurteil aussprechen. Denn es ist freilich nun weder echte
Deutschheit, noch wahres franzsisches Wesen in ihnen. Das fhlt sich am
meisten in der Sprache. Sie sind wohl aus dem einen heraus, aber nicht
vllig ins andere hinein gekommen. Nach dem Elsa und wohl noch mehr ist
Schwaben ein liebliches Land, in den Gegenden wie den Menschen. Wenn die
Schwaben wie zu einem Sprichwort in Deutschland geworden sind, so ist
das einer Art Naivett zuzuschreiben, die der spttisch Urteilende
leicht von einer lcherlichen Seite als Einfalt darstellen kann. Mehr
und bs ist's auch wohl mit dem Spottnamen nicht gemeint. An sich sind
die Schwaben vielleicht die lebhafteste, leicht beweglichste und
phantasiereichste unter den deutschen Vlkerschaften.

Es freut mich, da Sie sich fortwhrend gern mit dem Sternenhimmel
beschftigen, wie ich es beklage, da mein Auge nicht mehr dafr
ausreicht. Ich gebe sehr ungern einen Genu auf, der mich so oft
gestrkt und erhoben hat, und eines Glases bediene ich mich nicht gern.
Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 2. September nach Bad Gastein
ber Salzburg, nachher nach Berlin.

Leben Sie recht wohl, mit dem lebhaftesten
Anteil der Ihrige.                     H.



_Bad Gastein_, den 14. September.

Ein einfach ruhig zufriedenes Stilleben, wie Sie es genieen und sich
nach Ihrer Neigung geschaffen haben, ist eigentlich das Hchste, was der
Mensch besitzen kann. Es ist meiner innersten Empfindung nach nicht nur
dem nach auenhin mannigfach bewegten Leben vorzuziehen, sondern auch
wirklicher innerer, aber nur augenblicklich erscheinender Freude
wenigstens gleichzusetzen. Die Stille und Ruhe gnnen dem inneren Sein
eine tiefere Macht und ein freieres Walten, und es ist immer, meiner aus
langer Erfahrung geschpften berzeugung nach, besser, wenn das Innere
nach auen, als wenn umgekehrt das uere nach innen strmt. Es scheint
zwar wohl, als knnte sich das Innere nur von auenher bereichern und
befruchten; allein dies ist ein trgerischer Schein. Was nicht im
Menschen ist, kommt auch nicht von auen in ihn hinein; was von auen in
ihn eingeht, ist nichts als ein zuflliger Anhalt, an dem sich das
Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehrenden eigentmlichen Flle
entwickelt. So wie ein tiefer und reicher Gehalt inwendig vorhanden ist,
so kommt es niemals so viel auf den ueren Anla der Entwicklung an.
Jeder, auch der kleinste, ist hinreichend, da hingegen bei mangelndem
inneren Gehalt auch der reichlichste uere Zuflu wenig oder nichts
hervorbringen wrde. Ich habe dies oft in Absicht von wissenschaftlichen
Kunstkenntnissen gesehen. Bei Mnnern ist weniger zu bemerken, da sie
diese Kenntnisse sehr oft wieder nur zu ueren Zwecken anwenden und man
weiter nun nichts gewahr wird, oder danach fragt, wie dieselben auf ihr
Inneres gewirkt haben. Aber bei Frauen ist das anders, und da sind mir
mehrere vorgekommen, die wirklich recht viele und in gewisser Art sogar
gelehrte Kenntnisse hatten, aber in ihrem Geist und Gemte, also in
ihrem ganzen Innern darum nicht mehr gebildet, wenigstens nicht mehr
bereichert waren, als wenn ihnen das alles gefehlt htte. So sehr kommt
es darauf an, da das Innere dem ueren Objekt, welches es in sich
aufnimmt, auch selbstndig entgegenwirke....

Wir reisen den 17. d. M. von hier, halten uns aber, wenn nichts
dazwischen kommt, noch einige Tage in Franken auf. Es ist daher
wahrscheinlich, da wir erst im Anfang Oktober nach Berlin und Tegel
zurckkommen. Schreiben Sie mir nach Berlin wie gewhnlich. So werden
alsdann die sechs Monate abgelaufen sein, wo ich einen so wechselnden
Aufenthalt gehabt habe. Leben Sie recht wohl und rechnen Sie fortdauernd
mit Gewiheit auf meine unvernderliche Teilnahme. Ganz der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 16. Oktober 1828.

Es mag wohl ein Jahr her sein, da ich Ihnen, liebe Charlotte, nicht von
hier aus schrieb. Ich freue mich aber desto mehr, es heute zu tun, und
danke Ihnen recht herzlich, da Sie mich in Ihrem lieben Brief, den ich
hier fand, so herzlich beglckwnschen zu der Heimkehr in die schne,
liebliche Heimat. Ja, liebe Charlotte, Sie haben recht, darin eine
eigene Freude zu sehen, und es erhht in der Tat die meinige, da Sie
dieselbe so liebevoll mitempfinden.

Es freut mich sehr, da fortwhrend die Sterne Ihnen eine wohltuende,
erheiternde Beschftigung gewhren, um so mehr, da Sie mir sagen, da
Sie doch oft in einer mehr als wehmtigen Stimmung sich befinden.

Am Himmel werden Sie sich bald orientieren, da Sie einen schnen und
weiten Horizont von allen Seiten haben und in Ihren Beobachtungen
fortfahren. Auer dem Buche von Bode, das ich Ihnen einmal empfohlen
habe, kann ich Ihnen fr das Erkennen der Sterne einen Rat geben, der
Ihnen gewi ntzlich sein wird. Man mu nmlich den Himmel nach einer
gewissen Methode durchgehen und sich groe Abteilungen machen. Zuerst
mssen Sie suchen, die Sterne recht genau und fest zu erkennen, die bei
uns niemals untergehen und nur vor der Helligkeit des Tages
verschwinden, sonst aber ihren ganzen tglichen Kreis vor unseren Augen
vollenden wrden. Sie stehen bekanntlich nur, wie Sie wissen, im Norden
und drehen sich um den Polarstern und die beiden Bren herum und sind
leicht zu erkennen, da man sie an jedem sternenhellen Abend sieht, und
sie zu denselben Stunden in allen Jahreszeiten dieselbe Stelle haben. Zu
diesen gehrt auch die Capella, deren Sie erwhnen. Zweitens mssen Sie
die zwlf Sternbilder des Tierkreises aufsuchen. Man sieht in jeder
Jahreszeit immer nur sechs auf einmal am Himmel. Bliebe man eine ganze
Nacht auf, so gehen natrlich einige unter und andere kommen herauf.
Allein einige werden dann immer vom Tage berholt. Wenn man nur _eins_
recht fest kennt, sind die andern sehr leicht zu finden, da sie wie in
einem groen Grtel um den Himmel herumliegen, man also die Richtung, in
der man suchen mu, nicht verfehlen kann, wenn man sich vorher mit der
Ordnung und Folgenreihe, vor- und rckwrts, recht bekannt gemacht hat.
Die im Winter, im Januar und Dezember, so zwischen sieben und neun Uhr
erscheinen, sind schner als diejenigen, die man zu gleicher Zeit im
Sommer sieht. Der Lwe ist ein sehr schnes Gestirn, ist aber jetzt erst
in spten Stunden sichtbar. Die Planeten erscheinen immer nur in
demselben Grtel und knnen diejenigen, die noch nicht recht gebt sind,
manchmal sehr irre machen. Allein man lernt sie doch auch bald
unterscheiden; kennt man einmal recht fest die nie untergehenden
nrdlichen Gestirne und die Tierkreiszeichen, so ist es dann leicht,
sich fr die noch brigen Gestirne zurechtzufinden. Denn nun macht man
sich mit denen bekannt, die zwischen dem Tierkreis und den nie
untergehenden Gestirnen, und dann mit denen, die zwischen dem Tierkreis
und dem sdlichen Horizont auf- und untergehen. Bodes Anleitung zur
Kenntnis des gestirnten Himmels hat das Angenehme, da sie Karten fr
jeden Monat enthlt, auf denen man natrlich die Sterne leichter findet,
da jede Karte genau so ist, als der Himmel zu einer dabei angegebenen
Stunde an dem Tage, oder wenigstens in dem Monat gerade ist.

Sie sagen sehr richtig, da das Betrachten des gestirnten Himmels von
der Erde abzieht und die Seele mit hheren Ahnungen, Sehnen und Hoffen
erflle, trste und erhebe. Das tut es im hchsten Grade. Wenn man diese
unendliche, unzhlige Menge von Gestirnen betrachtet und bedenkt, so
scheint es zwar ein ordentlich schaudernder Gedanke, da eine so
ungeheure Menge im Weltall herumschwimmt. Der Mensch fhlt sich darin
gleichsam wie erdrckt. Allein die Ordnung und Harmonie, in denen alle
Bewegungen vor sich gehen und alle Zeiten hindurch vor sich gegangen
sind, ist ein wohlttiges, trstendes Zeichen einer hheren Macht, einer
geistigen Herrschaft, die wieder beruhigt und die Besorgnis trstend
aufhebt. Mit unvernderlicher Teilnahme Ihr     H.



_Berlin_, den 16. November 1828.

Sie klagen auch darber, liebe Charlotte, da es oft ist, als knne man
im Schreiben garnicht fort; Augen, Hand und Feder sind wie im Bndnis
gegen alles Gelingen der Handschrift. Man gibt sich Mhe, nimmt sich
vor, recht langsam zu schreiben, damit es nur deutlich werde, aber alle
Vorstze scheitern, und es ist nrrisch, da man dann immer kleiner und
kleiner schreibt. Mir geht es oft so, als ob ich gar keine groen
Buchstaben machen knnte, und ich denke dann, wieviel Nachsicht Sie und
alle haben mssen, die mich lesen wollen. Wirklich war Ihr letzter Brief
auch weniger hbsch und gut, als Sie sonst tun, geschrieben. Die
Handschrift war nicht undeutlich, aber man sah ihr die Beschwerde an.

Aber mit mehr Bedauern habe ich gesehen, da Sie sehr bekmmert und
sorgenvoll waren. In solchen Gemtszustnden, liebe Freundin, mu man
immer die ueren Veranlassungen scheiden von der inneren Anlage des
Gemts zu Heiterkeit und Ruhe, oder zu Besorgnis und Schmerz. Das Innere
ist immer das Mchtigste. Auch wahres, selbst erschtterndes Unglck
wird leichter und schwerer aufgenommen, je nachdem die Seele schon von
lichteren und dsteren Ideen erfllt ist. Bei Ihnen scheint mir das
gerade jetzt noch mehr der Fall, und da bitte ich Sie instndig, dem
entgegen zu arbeiten. Ich rechne es schon zu diesen dunklen Stimmungen,
da Sie, ohne doch krank zu sein, bald zu sterben glauben. Sie sagen
zwar, und gewi mit voller Wahrheit, da Ihnen gerade die Todesgedanken
freudige und Ihrer Neigung zusagende sind, und niemand kann dies besser
begreifen als ich. Ich habe nie die mindeste Furcht vor dem Tode gehabt,
er wre mir in jedem Augenblick willkommen. Ich sehe ihn als das an,
was er ist, die natrliche Entwickelung des Lebens, einen der Punkte, wo
das unter gewissen endlichen Bedingungen geluterte und schon gehobene
menschliche Dasein in andere, befriedigendere und erhellendere gelangen
soll. Was menschlich ist, in dem Ausbildungsgange des Lebens liegt, was
alle Menschen miteinander teilen, das kann der irgend Weise nicht
frchten, er mu es vielmehr begnstigen und lieben, gleichsam mit
Wibegierde, so lange die Besinnung ihm beiwohnt, auf den bergang
achten, versuchen, wie lange er das fliehende Hier noch zu halten
vermag. Ich hrte bisweilen sagen, der Tod msse gewi von einem
wohlttigen und angenehmen Gefhl begleitet sein, und das ist mir
selbst, wenn auch manchmal das Gegenteil stattzufinden scheint,
glaublich. Die Schmerzen pflegen zu weichen, alle Unruhe sich zu legen,
und fast immer haben Tote, ehe die Zge entstellt und verzogen werden,
etwas Ruhiges, Friedliches, selbst oft etwas Erhebendes und Verklrtes.
Bei alledem mu man es doch eine dstere Gemtsstimmung nennen, wenn man
sich dem Tode nahe glaubt. Der Tod ist immer ein Ausscheiden aus aller
bekannten Heimat, ein Gehen ins Neue und Fremde. So trafen uere
unerwnschte Umstnde schon bei Ihnen auf ein wenigstens sehr ernst
bewegtes Gemt. Suchen Sie, teure Charlotte, denn auch hier da die
Heilmittel, wo Sie sie schon oft fanden, in Ihrem Innern, in Ihrem
Gottvertrauen, was Sie nie im Stich lie. Es wird Sie aufs neue retten,
und Trost und Hilfe erscheinen, wenn Sie sie auch noch nicht sehen.
Immer schtten Sie Ihr beklommenes Herz mir aus, immer werden Sie
dieselbe Teilnahme in mir finden, die keiner Vernderung fhig ist.
Ganz der Ihrige.   H.



Den 16. Dezember 1828.

Es wird mich sehr freuen, eine Fortsetzung Ihrer Lebenserzhlung zu
bekommen. Sie wissen, da ich auch an Ihrem vergangenen Leben einen
warmen und innigen Anteil nehme, und da auerdem schon jede recht
individuelle Schilderung fr mich einen hohen Reiz hat, der mich anzieht
und verweilen lt. Ich fhle aber sehr gut, da eine solche Schilderung
aufzusetzen und aus den Hnden zu geben, eine groe und schwer zu
berwindende Schwierigkeit hat. Es kommen doch im Leben der Menschen
immer Dinge vor, die gerade in den besten und feingesinntesten Gemtern
eine gewisse Scheu, sie auszusprechen, hervorbringen. Ich meine damit
garnicht solche, die man sich gleichsam zu gestehen scheute, weil man
frchtet, deshalb ungnstig beurteilt zu werden. O nein, es gibt Dinge,
die garnicht dieser, sondern ganz entgegengesetzter Natur sind, und
deren man sich eher rhmen knnte, die aberdoch ein gewisses Zartgefhl
ber die Lippen gehen zu lassen und gar durch die Feder dem Papier
anzuvertrauen verbietet oder schwer macht. Es kommen auch Dinge vor, die
andere in ein nachteiliges Licht stellen, und die man also, wie sehr es
auch ihre Urheber verdient haben mchten, ungern ans Licht bringt. So
wie man aber von dem Grundsatz abgeht, bei einer Lebenserzhlung nur
blo und einfach die Erinnerungen seines Gedchtnisses abzuschreiben und
gnzlich darauf Verzicht zu leisten, zu beurteilen, was wohl gesagt
werden kann, und was verschwiegen oder verhllt werden mu, so ist der
Reiz einer wahren Naturschilderung dahin. Es ist nicht die einfache,
nicht die vollstndige, und mithin nicht die wahre Geschichte. Es ist
keine Erzhlung der Vergangenheit, sondern eine aus dem Standpunkt des
spteren Lebens gemachte Beschreibung derselben. Man glaubt wohl, die
moralische und geistige Wahrheit, um die es eigentlich zu tun sei,
verliere nichts, wenn man zwar hier und da eine Tatsache nur halb oder
allgemein erzhlt, allein ganz treu und wahr die Wirkung schildert, die
diese Tatsache auf die Empfindung und das Gemt hervorgebracht habe.
Wenn z. B. jemanden ein verletzendes Wort gesagt worden sei, so komme es
nicht darauf an, dies selbst zu wiederholen. Man knne es vielmehr ganz
fglich verschweigen, wenn man nur den Eindruck des Wortes auf den, der
es hren mute, beschreibt. Dies ist aber durchaus falsch. Denn es hrt
nun aller Mastab der ganzen Szene auf, den der Art und dem Grade nach
blo das Wort selbst, einfach ausgesprochen, geben kann. Ich sage Ihnen
das so ausfhrlich, weil ich mit Ihnen recht offenherzig und nicht blo
obenhin ber die Fortsetzung Ihrer Lebenserzhlung sprechen mchte. Ich
kann Ihnen nicht raten, dieselbe weiter als zu dem Punkte fortzusetzen,
wo Sie sicher sind, alles und jedes, wie es Ihnen Ihr Gedchtnis gibt,
ohne die mindeste und leiseste Retizenz niederzuschreiben. Dies war in
dem Teile, den Sie mir bis jetzt schickten, nicht nur mglich, sondern
Ihnen nach Ihrem Charakter selbst leicht, und ich bin sicher, da Sie in
diesem so gehandelt haben. Sie konnten es, ohne irgendein eigenes oder
fremdes Gefhl zu verletzen. Es ist mglich, da dies auch ferner der
Fall sei, allein ich kann mir auch sehr gut das Gegenteil denken. Dann
wrde ich es ganz natrlich finden, da Sie den Schmerz der Erinnerung
scheuen und vernarbte Wunden nicht aufreien wollen; mir aber wrde
durch den Gedanken eines solchen mir gebrachten Opfers alle Freude
genommen, die mir bisher durch den Empfang jedes Ihrer Hefte geworden.
Wenn von Biographie die Rede ist, habe ich nun einmal den Begriff nur
von historischer Wahrheit, von dem ich, bei dem groen und innigen
Anteil, den ich an Ihnen nehme, auch mit dem besten Willen nicht abgehen
knnte. An sich aber halte ich es fr gut und heilsam, sein eigenes
Leben so buchstblich durchzugehen, und das Zartgefhl, das Retizenzen
hervorbringt, fr ein falsches, obgleich unendlich natrliches und daher
verzeihliches. Indes mitraue ich hier meinem eigenen Gefhle, da ich
bei weitem mehr ein glckliches Leben, in einer ganz gengenden Lage,
gefhrt habe; man knnte dann leicht dahin kommen, den unrichtigen
Mastab an andere zu legen, wovor ich mich immer gehtet habe. Noch
einmal also, liebe Charlotte, wiederhole ich das schon oft Gesagte,
folgen Sie Ihrem Gefhl; leidet dies nicht bei der Arbeit, so rechnen
Sie immer mit Gewiheit darauf, da Sie mir eine groe Freude dadurch
machen, aber nur auch unter der Bedingung, da Sie ganz und ohne alle
Retizenz wahr schreiben knnen. Sie knnen zu mir auch, wie man im
Sprichwort sagt, wie in ein Grab sprechen. Ihre Hefte liegen
wohlverwahrt in meinem Pult und knnen nach meinem Tode nur ins Feuer,
ungelesen, gehen. In meiner Lage habe ich Gelegenheiten, dies zu
veranstalten, die durch keinen Zufall irgendeiner Art vereitelt oder
umgangen werden knnen. Ich halte es fr Pflicht, Sie ber diesen Punkt
auch fest zu beruhigen, es ist schon Pflicht der Dankbarkeit fr die
vertrauensvolle, innige, rcksichtslose Hingabe, die Sie mir seit einer
langen Reihe von Jahren bewiesen und offen gezeigt haben.

Das Jahr ist am Abscheiden, und wie ich gern verweile bei so viel
schnen Genssen, die es gewhrte, worunter ich auch Ihr Wiedersehen
rechne, so scheide ich nicht ohne sehr trbe Ahnung dessen, was das
kommende bringen kann -- und ich erkenne mit wehem Gefhl, da es
hnlich in Ihrem Gemte ist. Mge die Vorsehung von Ihnen, gute
Charlotte, neue Prfung abwenden! Das ist mein herzlicher Wunsch.

Seit unserer Rckkunft ist meine Frau bedeutend an mehreren
zusammenkommenden beln krank; es ist wenigstens kein Zeitpunkt der
Besserung mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Dies strt meine innere
Lage in diesem Winter sehr.

Ich bitte Sie, mir den 30. d. M zu schreiben. Leben Sie recht wohl und
rechnen Sie immer auf meine Ihnen bekannten Gesinnungen der Zuneigung
und lebhaften Teilnahme. Ganz der Ihrige.               H.



_Berlin_, Mrz 1829.

Ihr Brief hat mich in einer Zeit gefunden, die ich zu den traurigsten
meines Lebens rechnen kann. Mit meiner Frau geht es zwar etwas
leidlicher, allein der Zustand ist von einem Tage zum andern immer mehr
von der Art, da er ber den endlichen Ausgang keinen Zweifel brig
lt.

In solchen Momenten, die zu den ernstesten des Lebens gehren, bedarf
man es, sich in sich zurckzuziehen und die Fassung da zu suchen, wo die
Quelle aller Strke und aller inneren Ausgleichung mit dem Schicksal
ist.



_Berlin_, den 31. Mrz 1829.

Ich kann Ihnen, liebe Charlotte, heute nur wenige Zeilen schreiben. Ich
habe den tiefen Schmerz erfahren, dem ich, wie Ihnen mein letzter Brief
sagte, entgegensah. Meine Frau ist am 26. d. M. frh gestorben und
gestern in Tegel beerdigt worden. Sie hatte ein viermonatiges
Krankenlager erduldet und viel gelitten, wenn sie auch von heftigen
Schmerzen ziemlich befreit blieb. Ihr klarer, heiterer, dem Tode und dem
Leben eigentlich gleich zugekehrter Sinn war ihr unverrckt geblieben.
Ihre letzten Stunden waren ruhig, sanft und durchaus schmerzlos. Sie
behielt bis zum letzten Atemzug ihre volle Besinnung und sprach noch
wenige Augenblicke vor ihrem Verscheiden mit fester, unbewegter Stimme
mit uns, ihren beiden lteren Tchtern und mir. Ihre Worte waren eben so
einfach, als der Ton ruhig, in dem sie sie sprach. Je nher der
Augenblick des Todes kam, je ruhiger und friedlicher wurden ihre Zge.
Auch nicht das leiseste Zucken der Lippen entstellte sie. Ihr Tod war
ein allmhliches bergehen in einen tiefen Schlaf.

       *       *       *       *       *

_Spter_.

Ich habe einen ganz unerwarteten, neuen und sehr bitteren Verlust
erlitten. Ein sehr genauer Freund von uns, der alle Abende seit Jahren,
wenn wir in der Stadt waren, bei uns zubrachte und auf dem Lande oft
bei uns war, ist nach einer sehr kurzen Krankheit gestorben. Er hatte
noch mit mir am Grabe meiner Frau gestanden, und gestern war ich bei
seinem Leichenbegngnisse. Sein Verlust betrbt mich sehr und ich werde
ihn schmerzlich vermissen.



_Berlin_, den 18. Mai 1829.

Unsere Briefe, liebe Charlotte, haben sich gekreuzt. Mein Brief wird
Ihnen gezeigt haben, da ich ihrem Wunsch, Nachricht von mir zu
erhalten, zuvorgekommen bin. Und weil Sie es gern sehen, sage ich Ihnen
zuerst, da meine Gesundheit ganz gut ist. Im hheren Alter, wie ich
mich darin befinde, hat man immer hie und da eine kleine
Unbequemlichkeit und nach langen Wintern leicht Rheumatismen. An solchen
Kleinigkeiten leide ich natrlich auch bisweilen, allein das geht
vorber. Wenn meine Briefe nichts von Krankheit sagen, knnen Sie mit
Sicherheit annehmen, da ich gesund bin. Von meinem Befinden und
berhaupt von mir zu reden, ist mir im hohen Grade zuwider. Mich freut
eine liebevolle Teilnahme, wenn ich, wie bei Ihnen, liebe Charlotte,
berzeugt bin, da sie aus aufrichtiger und wahrhaft teilnehmender
Brust, aus innig teilnehmendem Herzen entspringt. Aber sie wrde mir
peinlich werden, wenn ich sie gewissermaen in Anspruch nehmen, sie an
einzelnen Beispielen wahrnehmen mte. Sie ist mir ein schner Genu,
wenn ich sie mit berhaupt als in den Gesinnungen liegend denke, die Sie
mir seit so langer Zeit mit so groer Treue schenken, und auf deren
Bestndigkeit ich immer mit Sicherheit rechnen kann.

Ich schrieb Ihnen neulich von dem Tode eines vertrauten Freundes, in dem
ich sehr viel verloren habe. Jetzt blhen nun schon Frhlingsblumen auf
seinem Grabe, wie auf dem meiner Frau. So geht die Natur ihren ewigen
Gang fort und kmmert sich nicht um des in ihrer Mitte vergnglichen
Menschen. Mag auch das Schmerzhafteste und Zerreiendste begegnen, mag
es sogar eine unmittelbare Folge ihrer eigenen, gewhnlichen
Umwandlungen oder ihrer auerordentlichen Revolutionen sein, sie
verfolgt ihre Bahn mit eiserner Gleichgltigkeit, mit scheinbarer
Gefhllosigkeit.

Diese Erscheinung hat, wenn man eben vom Schmerz ber ein schon
geschehenes Unglck oder von Furcht vor einem drohenden ergriffen ist,
etwas wieder schmerzlich Ergreifendes, die innere Trauer Vermehrendes,
etwas, das schaudern und starren macht. Aber so wie der Blick sich
weiter wendet, so wie die Seele sich zu allgemeinen Betrachtungen
sammelt, so wie also der Mensch zu der Besonnenheit und Ergebung
zurckkehrt, die seiner wahrhaft wrdig sind, dann ist gerade dieser
ewige, wie an ihr Gesetz gefesselte Gang der Natur etwas unendlich
Trstendes und Beruhigendes. Es gibt dann doch auch hier schon etwas
Festes, einen ruhenden Pol in der Flucht der Erscheinungen, wie es
einmal in einem Schillerschen Gedichte sehr schn heit. Der Mensch
gehrt zu einer groen, nie durch einzelnes gestrten noch strbaren
Ordnung der Dinge, und da diese gewi zu etwas Hherem und endlich zu
einem Endpunkte fhrt, in dem alle Zweifel sich lsen, alle
Schwierigkeiten sich ausgleichen, alle frher oft verwirrt und im
Widerspruch klingenden Tne sich in einen mchtigen Einklang vereinigen,
so mu auch er mit eben dieser Ordnung zu dem gleichen Punkte gelangen.
Der Charakter, den die Natur an sich trgt, ist auch immer ein so
zarter, kein auch die feinste Empfindung verletzender. Die Heiterkeit,
die Freude, der Glanz, den sie ber sich verbreitet, die Pracht und
Herrlichkeit, in die sie sich kleidet, haben nie etwas Anmaendes oder
Zurckstoendes. Wer auch noch so tief in Kummer oder Gram versenkt ist,
berlt sich doch gern den Gefhlen, welche die tausendfltigen Blten
des sich verjngenden Jahres, das frhliche Zwitschern der Vgel, das
prachtvolle Glnzen aller Gegenstnde in vollen Strahlen der immer mehr
Strke gewinnenden Sonne erwecken. Der Schmerz nimmt die Farbe der
Wehmut an, in welcher eine gewisse Sigkeit und Heiterkeit selbst ihm
garnicht fremd sind. Sieht man endlich die Natur nicht wirklich als das
All, als das die Geister- und Krperwelt vereinigende Ganze an, nimmt
man sie nur als den Inbegriff der dem Schpfer dienenden Materie und
ihrer Krfte, so gehrt nicht der Mensch, sondern nur der Staub seiner
irdischen Hlle ihr an. Er selbst, sein hheres und eigentmliches
Wesen, tritt aus ihren Schranken heraus und gesellt sich einer hheren
Ordnung der Dinge bei. Sie sehen hieraus ungefhr, wie mich der zwar
langsam erscheinende, aber schne Frhling ergreift, wie ich ihn
geniee; wie er sich mit meinen innersten Empfindungen mischt. Es gibt
Ihnen zugleich ein Bild meines Innern selbst. Mein Leben kann keine
wahrhaft freudigen Eindrcke, nur wehmtige und traurige in diesem
Augenblick erfahren, und wenn ich in diesem Augenblick sage, so tue ich
das nur, weil ich nie gern etwas von der Zukunft sage, weil ich von
aller Affektation immer frei gewesen bin, und, wenn eine wahrhaft
frhliche Stimmung in mich zurckkehrte, ich gar kein Hehl haben wrde,
es zu sagen, und kein Bedenken, mich ihr zu berlassen. Eigentlich
glaube ich aber allerdings, da meine jetzige Stimmung auch meine
knftige sein wird. Ich habe nie begriffen, wie die Zeit einen Schmerz
um einen Verlust soll verringern knnen. Das Entbehren dauert durch alle
Zeit fort, und die Linderung knnte nur darin liegen, da sich die
Erinnerung an den Verlust schwchte, oder man sich gar im Gefhl des
Alleinstehens enge an ein anderes Wesen anschlsse, was, hoffe ich, mir
ewig fern bleiben wird, wie es jeder edeln Seele fern bleibt. Es ist mir
aber auch sehr recht, da es in mir bleibe so wie es ist. Ich habe fr
mich nie das Glck in freudigen, das Unglck nie in schmerzhaften
Empfindungen gesucht, das, was die Menschen gewhnlich Glck oder
Unglck nennen, nie so angesehen, als htte ich ein Recht zu klagen,
wenn statt des Genusses des ersteren das letztere mich betrfe. Ich bin
eine lange Reihe von Jahren an der Seite meiner Frau unendlich glcklich
gewesen, grtenteils allein und ganz durch sie, und wenigstens so, da
sie und der Gedanke an sie sich in alles das mischte, was mich wahrhaft
beglckte. Dies ganze Glck hat der Gang der Natur, die Fgung des
Himmels mir entzogen, und auf immer und ohne Mglichkeit der Rckkehr
entzogen. Aber die Erinnerung an die Verstorbene, das, was sie und das
Leben mit ihr in mir gereift hat, kann mir kein Schicksal, ohne mich
selbst zu zerstren, entreien. Es gibt glcklicherweise etwas, das der
Mensch festhalten kann, wenn er will, und ber das kein Schicksal eine
Macht hat. Kann ich mit dieser Erinnerung ungestrt in Abgeschiedenheit
und Einsamkeit fortleben, so klage ich nicht und bin nicht unglcklich.
Denn man kann groen und tiefen Schmerz haben und sich doch darum nicht
unglcklich fhlen, da man diesen Schmerz so mit dem eigensten Wesen
verbunden empfindet, da man ihn nicht trennen mchte von sich, sondern
gerade, indem man ihn innerlich nhrt und hegt, seine wahre Bestimmung
erfllt. Die Vergangenheit und die Erinnerung haben eine unendliche
Kraft, und wenn auch schmerzliche Sehnsucht daraus quillt, sich ihnen
hinzugeben, so liegt darin doch ein unaussprechlich ser Genu. Man
schliet sich in Gedanken mit dem Gegenstande ab, den man geliebt hat
und der nicht mehr ist, man kann sich in Freiheit und Ruhe berall nach
auen hinwenden, hilfreich und ttig sein, aber fr sich fordert man
nichts, da man alles hat, alles in sich schliet, was die Brust noch zu
fhlen vermag. Wenn man das verliert, was einem eigentlich das Prinzip
des gedankenreichsten und schnsten Teils seiner selbst gewesen ist, so
geht immer fr einen eine neue Epoche des Lebens an. Das bis dahin
Gelebte ist geschlossen, man kann es als ein Ganzes berschauen, in
seinem Gemt durch Erinnerung festhalten und mit ihm fortleben; Wnsche
aber fr die Zukunft hat man nicht mehr, und da man durch diese
Erinnerung eine bestndige geistige Nhe gewissermaen geniet, in allen
seinen Krften sich gehoben empfindet, behlt auch das Leben, das ja die
Bedingung aller dieser Empfindungen ist, noch seinen Reiz. Ich empfinde
keine Freude der Natur schwcher als sonst, nur die Menschen meide ich,
weil die Einsamkeit mir inneres Bedrfnis ist.



_Tegel_, den 12. Juni 1829.

Ich danke Ihnen sehr, liebe Freundin, fr Ihren letzten Brief, den ich
mit groem und gewohntem Anteil gelesen habe. Ich danke Ihnen besonders
fr das, was Sie in Rcksicht auf mich und meine Gefhle sagen. Sie
sehen aus meinen Briefen, da ich ruhig und besonnen bin. Ich lebe, und
das kann nur mit jedem Jahr ausschlielicher zunehmen, im Andenken der
Vergangenheit, mit dem Glck, das die Gegenwart nicht mehr gibt. In
diesem Andenken bin ich reich, und insofern zufrieden, als ich fhle,
da dies gerade das Glck ist, das dieser Periode meines Lebens
entspricht. Auer diesem Andenken suche ich nichts, sehe mich nicht in
diesem Leben nach Ersatz, Trost, Beruhigung um. Ich fordere nichts und
bedarf von dieser Seite nichts. Gegen meine Kinder bin ich wie sonst. Es
hat sich nichts in meinen Gefhlen fr sie gendert, als da ich Mitleid
mit ihrem Schmerz ber den gleichen Verlust empfinde. Mich enger an sie
anschlieen, mehr fr sie sorgen, kann ich nicht, da ich das immer so
viel getan, als ich vermochte. Alle brigen Verhltnisse bleiben mir
gerade dasselbe, was sie mir gewesen sind, und ich bin gewi nicht
weniger teilnehmend, hilfreich, aufgelegt mit Rat und Tat beizustehen
als frher. So, liebe Charlotte, mssen Sie sich mein Inneres denken,
und Sie sehen, da Sie auf keine Weise besorgt um mich zu sein brauchen.
Was ich erfahren, liegt im natrlichen Laufe der Dinge. Die zusammen
die Lebensbahn gehen, mssen sich an einem Punkt scheiden; es ist
glcklicher, wenn die Zwischenzeit sehr kurz ist, in der sie einander
folgen. Allein aller Verlust von Jahren ist kurz gegen die Ewigkeit. In
mir geht nichts anderes vor, als da mein Inneres sich ungeknstelt,
unabsichtlich, ohne durch Vorstze oder Maximen geleitet zu sein, blo
sich seinem Gefhl berlassend, mit der Lebens- oder Schicksalsperiode,
wie Sie es nennen wollen, ins Gleichgewicht setze, in die ich
unglcklicherweise frher getreten bin, als es der gewhnliche Gang des
Lebens erwarten lie. An einem solchen Gleichgewicht darf es dem
Menschen, meiner Empfindung nach, nie fehlen, das Streben danach sollte
ihm wenigstens immer eigen sein. Es ist dies gar keine Klugheitsregel,
kein Bemhen, sich heftige Empfindungen zu ersparen. Das Setzen ins
Gleichgewicht wird oft nur dadurch erreicht, da man viel Schmerz,
physischen und moralischen, in sein Dasein mit aufnimmt, aber es besteht
darin die wahre Demtigung unter die Fgung des Geschickes, die ich in
mir immer als die erste und hchste Pflicht des Menschen betrachte. Gehe
ich nun in meine gegenwrtige Lebensepoche zurck, so kann in ihr ein
gewisses Anschlieen an Personen und an die Welt nicht mehr liegen, aber
das wohlttig aus sich Hinausgehen, die Geneigtheit, Anteil zu nehmen
und in jeder mglichen Art zu geben, sind gewissermaen in dem Grade
grer, als man minder geneigt zum Empfangen, wenigstens die Seele
garnicht gerade darauf gerichtet ist.

Es freut mich sehr, da Sie nicht aufhren, sich mit den Sternen gern
und anhaltend zu beschftigen. Der Himmel und der Eindruck, den er auf
das Gemt durch seinen bloen Anblick macht, ist so verschieden von der
Erde in allen Gefhlen und Vorstellungen, da, wer nur an der Natur des
Erdbodens Gefallen findet, die Hlfte, und gerade die wichtigste Hlfte
der ganzen Naturansicht entbehrt. Ich sage darum nicht, da sich der
Schpfer grer, weiser oder gtiger am Firmament offenbart als auf der
Oberflche der Erde. Seine Macht, Weisheit und Gte leuchten aus jedem
Wesen ebenso wie aus dem grten Weltkrper hervor. Allein der Himmel
erweckt unmittelbar im Gemt reinere, erhabenere, tiefer eindringende
und uneigenntzigere, weniger sinnliche Gefhle. Leben Sie recht wohl.
Ich bleibe mit der unvernderlichsten Teilnahme und Freundschaft der
Ihrige.                     H.



_Tegel_, Juli 1829.

Da ein Unglck das andere, aber auch ein Glck das andere nach sich
zieht, ist zu einer sprichwrtlichen Redensart geworden, so da ihm wohl
eine gewisse Wahrheit zugrunde liegen mu, wenigstens eine hinreichende,
um die Erscheinung zu einer Volkserfahrung in Masse zu machen. Eine
genaue Untersuchung hlt die Sache schwerlich aus. Gewi kommen Glck
und Unglck eben so oft einzeln. Durch ein sehr und tief das Gemt
ergreifendes Schicksal wird nur die Aufmerksamkeit mehr auf hnliche
Ereignisse gespannt, was ich fr einen Hauptgrund halte. Wre es anders
und jene Gesellung gleicher und gleicher Schicksale wirklich in der
Natur und der Natur der Sache gegrndet, so mte eine geheime
Verbindung zwischen der inneren menschlichen Gemtsstimmung und dem
ueren menschlichen Geschicke bestehen und obwalten, eine schmerzliche
Stimmung ein schmerzliches Geschick, eine freudige ein freudiges
herbeifhren. Insofern ein weltlicher, menschlich zu begreifender, wenn
auch in allen seinen einzelnen Fden nicht zu erklrender Zusammenhang
zwischen jenem Inneren und ueren mglich ist, glaube ich vollkommen
daran, da so eins das andere herbeifhrt. Allein wo das, nach
menschlicher Art zu reden, nicht einzusehen ist, da zweifle ich, da der
Schmerz wie durch eine geheimnisvolle Kraft, gleichsam wie ein geistiger
Magnet, Stoff neuer Schmerzen an sich ziehe. Auch zerfllt die Sache in
sich, da ja sonst auf ein einmal eingetretenes Unglck kaum je eine
freudige Begebenheit folgen knnte, was doch durch die Erfahrung
widerlegt wird. In gutgearteten Seelen ist ein wahrer Schmerz, was auch
seine Ursache sein mge, immer ewig, und wenn man behauptet, da die
Zeit oder andere Umstnde ihn minderten, so sind das Worte, die nur fr
die schwchliche Empfindung Geltung haben, die der gehrigen Kraft, das
einmal Empfundene dauernd festzuhalten, ermangelt. Die glcklichsten
Begebenheiten ndern darin nichts. Auch knnen in dem wunderbaren
menschlichen Gemt Schmerz und Empfindung eines in anderer Hinsicht
glcklichen Daseins gleichzeitig nebeneinander fortleben. Der Schmerz um
verlorene Kinder in glcklich, lange nachher fortgefhrten Ehen ist ein
lebendiges, sich oft erneuerndes Beispiel davon. Auch mu es so sein.
Der Mensch mu bestndig sein und das Schicksal wechselnd erscheinen.
Denn in sich hat auch das Schicksal seine, wenngleich von uns nicht
eingesehene und nicht erkannte Bestndigkeit.



_Bad Gastein_, den 20. August 1829.

Ich bin berzeugt, da Sie mir, nach Ihrer gewhnlichen Gte und
Freundschaft und nach Ihrer so oft erprobten Pnktlichkeit, genau an dem
Tage geschrieben haben, an dem ich Sie bat, Ihren Brief auf die Post zu
geben. Dennoch habe ich noch keinen erhalten. Es liegt dies an dem so
sehr langsamen Postenlauf. Bis Salzburg gehen die Briefe vermutlich ohne
so groen Aufenthalt und bringen nur die der Weite des Wegs angemessene
Zeit zu. Allein von da geht die Post nur zweimal wchentlich hierher.
Hat nun ein Brief das Unglck, gerade den Tag nach dem Abgange
anzukommen, so bleibt er unbarmherzigerweise liegen. Es hat mir sehr
leid getan zu denken, da Sie auf diese Weise sehr lange ohne Brief von
mir sein werden. Mein letzter war, soviel ich mich erinnere, vom 29.
Juli, er mu also in den ersten Tagen dieses Monats in Ihren Hnden
gewesen sein. Der heutige aber kann erst kurz vor Ende August Sie
erreichen.

Ich bin seit Sonntag, den 16. d. M., wieder in den bekannten Bergen und
bewohne dieselben Zimmer wie in den vorigen Jahren. Es ist mir das ganz
besonders lieb und eine angenehme berraschung, welche mir der Zufall
bereitet hat. Das Wetter war seit meiner Ankunft hier sehr gnstig, nur
einen Tag regnete es ununterbrochen mehrmals. Auf den noch garnicht weit
entfernten, nur etwas hheren Bergen liegt freilich Schnee. Aber er
glnzt freundlich im warmen Sonnenschein, und es hat auch etwas
Erfreuliches, den Wechsel des Jahres so mit einem Blick zu bersehen.
Die Sonne ist, wo sie trifft, sehr hei und ordentlich brennend, da die
Strahlen auch von den Felsen zurckprallen. Aber vor der Hitze darf man
hier niemals bange sein. Die ganze Gegend ist schattig, die vielen
groen und kleinen Wasserflle wehen einem berall eine frische Khlung
zu, und man mu die Sonne, und wenn es nur irgend khl ist, die warmen
Stellen mit Mhe aufsuchen. Hat man aber eine gewisse, doch nur sehr
mige Hhe erreicht, so befindet man sich in einem ganz ebenen, freien,
sonnenbeschienenen, nur von sehr hohen Bergen umgebenen Tale. Dies ist
mein gewhnlicher Nachmittags-Spaziergang. Kurz vor Tisch pflege ich,
doch nur bei heiterem und freundlichem Wetter, einen krzeren auf die
Gloriette zu machen. Ich habe Ihnen so oft von Gastein aus geschrieben,
da ich dieses Ortes gewi schon gedacht und Ihnen die Lage geschildert
habe. Ich will Sie daher nicht mit einer Wiederholung ermden. Es ist
dort eine hchst berraschende, theatralische, dekorationsartig
malerische Aussicht, die aber des hellen Glanzes der Sonnenstrahlen auf
den schneeweien Wasserfall bedarf. Bei dunklem Wetter ist es ohne
Anmut.

Ich bin in acht Tagen, also da die Entfernung doch von 110 Meilen ist,
nicht gerade langsam hierher gereist.

Eine solche Reise hat eine gewisse hnlichkeit mit dem Lesen eines
geschichtlichen Buches. Wie in diesem eine Reihe von Zeiten, so
durchluft man reisend eine Reihe von Gegenden. In Absicht auf den
Menschen, der doch in aller Weltbetrachtung immer der wichtigste, am
meisten den Ernst und die Anstrengung der Beobachtung in Anspruch
nehmende Gegenstand ist, trifft bei beiden Fllen der Umstand ein, da
der einzelne in einer gewissen Masse verschwindet, die individuelle
Existenz keinen Wert zu haben scheint gegen die Bestimmung des greren
und kleineren Ganzen, zu dem sie gehrt. Dagegen fhlt nun doch der
Betrachter, der Lesende oder Reisende, ganz vorzugsweise sein Ich. Er
kann auch mit grter Anspruchlosigkeit es sich nicht ableugnen, da
dies fr ihn der Mittelpunkt aller Bestrebungen sein mu. Ich meine
nicht, um sich uere Gter, Genu und Glck zu verschaffen, aber womit
gerade oft das freiwillige Aufgeben alles Genusses und Glckes verbunden
sein kann, um das Heil seiner Seele zu besorgen. Ich bediene mich mit
Absicht dieses Ausdrucks, um keine Art auszuschlieen, die der Mensch
bei seiner geistigen Veredlung whlen kann. Denn er kann durch immer
reichere und reinere Entwicklung seiner Ideen, durch immer
angestrengtere Bearbeitung seines Charakters, sich zu einer hheren
Stufe der Geistigkeit erheben, oder zu der gleichen auf dem krzeren
Wege stiller Gottseligkeit gelangen.

Wenn man die Welt weltlich betrachtet, so tritt vor zwei sich
aufdrngenden gewaltigen Massen das Individuum ganz in den Schatten
zurck oder wird vielmehr in einem groen Strome fortgerissen. Dieser
Eindruck entsteht nmlich, wenn man den Zusammenhang der
Weltbegebenheiten und wenn man den Wechsel des sich auf der Erde ewig
erneuernden Lebens ins Auge fat. Was ist der einzelne in dem Strome der
Weltbegebenheiten? Er verschwindet darin nicht blo wie ein Atom gegen
eine unermeliche, alles mit sich fortreiende Kraft, sondern auch in
einem hheren, edleren Sinne. Denn dieser Strom wlzt sich doch nicht,
einem blinden Zufall hingegeben, gedankenlos fort, er eilt doch einem
Ziele zu, und sein Gang wird von allmchtiger und allweiser Hand
gefhrt. Allein der einzelne erlebt das Ziel nicht, das erreicht werden
soll, er geniet, wie ihn der Zufall, worunter ich nur hier eine in
ihren Grnden nicht erforschbare Fgung verstehe, in die Welt wirft,
einen greren oder kleineren Teil des schon in der Tat erreichten
Zweckes, wird dem noch zu erreichenden oft hingeopfert und mu das ihm
dabei angewiesene Werk oft pltzlich und in der Mitte der Arbeit
verlassen. Er ist also nur Werkzeug und scheint nicht einmal ein
wichtiges, da, wenn der Lauf der Natur ihn hinwegrafft, er immer auf der
Stelle ersetzt wird, weil es ganz widersinnig zu denken wre, da die
groe Absicht der Gottheit mit den Weltbegebenheiten durch Schicksale
schwacher einzelner auch nur um eine Minute knnte versptet werden. In
den Weltbegebenheiten handelt es sich um ein Ziel, es wird eine Idee
verfolgt, man kann es sich wenigstens, ja man mu es sich so denken. Im
Laufe der krperlichen Natur ist das anders. Man kann da nichts anderes
sagen, als da Krfte entstehen und so lange auslaufen, als ihr Vermgen
dauert. So lange man bei einzelnen stehen bleibt, scheint darin ein
Mensch gar sehr von anderen verschieden, verschieden an Ttigkeit,
Gesundheit und Lebensdauer. Sieht man aber auf eine Masse von
Geschlechtern, so gleicht sich das alles aus. In jedem Jahrhundert
erneuert sich das Menschengeschlecht etwa dreimal, von jedem Lebensalter
stirbt in einer gewissen Reihe von Jahren eine gleiche Zahl. Kurz, es
ist deutlich zu sehen, da eine nur auf die Masse, auf das ganze
Geschlecht, nicht auf den einzelnen berechnete Einrichtung vorherrscht.
Wie man sich auch sagen und wie fest und tief man empfinden mag, da
darin einzig und ausschlielich allweise und allgtige Leitung waltet,
so widerstrebt doch nichts so sehr der Empfindung des einzelnen, zumal
wenn sie eben schmerzlich bewegt ist, als dies gleichsam rcksichtslose
Zurckwerfen des fhlenden Individuums auf eine nur wie Naturleben
betrachtete Masse. Darum fand man es so emprend, wie einmal kurz nach
der franzsischen Revolution kalt berechnet wurde, da die Zahl aller
vor den Gerichtshfen gefallenen Opfer nur immer einen ganz geringen
Teil der Bevlkerung Frankreichs ausmache. Dazu kommt noch, da in
dieser Betrachtung der Mensch sich mit allem brigen Leben, auch dem am
meisten untergeordneten, vermischt. Sein Geschlecht vergeht und erneuert
sich nicht anders als die Geschlechter der Tiere und Pflanzen, die ihn
umgeben. Diese Betrachtungen, die ich die weltlichen nannte,
verschlingen also das individuelle Dasein, und da man ihre innere
Wahrheit nicht absprechen kann, so wrden sie das Gemt in de und
hilflose Trauer versenken, wenn nicht die innere berzeugung trstlich
aufrichtete, da Gott beides, den Lauf der Begebenheiten und den der
Natur, immer so richtet, da, die Existenz berirdischer Zukunft
mitgerechnet, das Glck und das Dasein des einzelnen darin nicht nur
nicht untergeht, sondern im Gegenteil wchst und gedeiht. Die wahre
Beruhigung, der wahre Trost, oder vielmehr das Gefhl, da man gar
keines Trostes bedarf, entstehen erst, wenn man die weltlichen
Betrachtungen ganz verlt und zur Beschauung der Natur und der Welt von
der Seite des Schpfers bergeht. Der Schpfer konnte den Menschen nur
zu seinem individuellen Glck ins Leben setzen, er konnte ihn weder dem
blinden Wechsel eines nach allgemeinen Gesetzen fortschreitenden
Lebensorganismus hingeben, noch einem idealischen Zwecke eines lange vor
ihm entstandenen und weit ber ihn hinaus fortdauernden Ganzen opfern,
dessen Grenzen und Gestalt er niemals zu berschauen imstande ist. Jeder
einzelne zum Eintritt ins Leben Geschaffene sollte glcklich sein,
glcklich nmlich in dem tieferen und geistigen Sinne, wo das Glck ein
inneres Glck, gegrndet auf Pflichterfllung und Liebe ist. In diesem
Sinne regiert und leitet die Gottheit ihn und wrdigt ihn ihrer Obhut.
In ihm, in dem einzelnen liegt der Zweck und die ganze Wichtigkeit des
Lebens, und mit diesem Zwecke wird der Lauf der Natur und der
Begebenheiten in Einklang gebracht. Nirgends ist diese Vatersorge Gottes
fr jedes einzelne Glck so schn, so wahrhaft beruhigend ausgedrckt
als im Christentum und im Neuen Testament. Es enthlt die einfachsten,
aber auch rhrendsten und das Herz am tiefsten ergreifenden uerungen
darber. Ich bitte Sie, liebe Charlotte, mir jetzt nicht eher wieder zu
schreiben, als ich es Ihnen anzeigen werde. Es knnte nichts helfen,
wenn ein Brief von Ihnen whrend meiner Abwesenheit in Tegel ankme.

Leben Sie herzlich wohl, ich bleibe mit unvernderter Freundschaft und
Teilnahme der Ihrige.                         H.



_Regensburg_, den 10. September 1829.

Sie sehen, liebe Charlotte, schon an der berschrift dieses Briefes, da
ich auf der Rckreise von Gastein begriffen bin und ein bedeutendes
Stck des Weges zurckgelegt habe. Ich reise aber sehr langsam und mache
sehr kleine Tagereisen, weil es mein Grundsatz ist, da man unmittelbar
nach einer Badekur sich besonders in acht nehmen mu, um nicht mutwillig
wieder die gute Wirkung zu zerstren. Man kann sich viel eher
anstrengen, wenn man erst in das Bad reist. Das Bad mu dann auch das
wiedergutmachen, -- ich glaube, da ich noch im Reste des Jahres eine
heilsame Nachwirkung davon erfahren werde.

Im hchsten Grade hat es mich geschmerzt, liebe Charlotte, aus Ihrem
Briefe zu ersehen, da Sie von einer pltzlichen Augenschwche befallen
worden sind, und diese mit Schmerzen verbunden ist. Beinahe mchte ich
aber das Letzte trstlich nennen. Soviel ich wei, sind Schmerzen immer
nur mit vorbergehenden Augenkrankheiten verbunden, niemals mit denen,
die zu den beiden gefhrlichsten, dem grauen und schwarzen Star fhren.
Mit meinen Augen steht es schlimmer und besser als mit den Ihrigen.
Schmerzen habe ich garnicht, bisher niemals, ich mag sie anstrengen oder
nicht. berhaupt habe ich von dem, was man Anstrengung bei Augen nennt,
keinen rechten Begriff. Die meinigen sind nicht um ein Haar besser, wenn
ich auch wie in Gastein wochenlang nicht viel lese und schreibe, es
namentlich nie bei Licht tue, und sie werden nicht schlimmer, wenn ich
viel und auch bei Licht arbeite. Mit der Zeit wird sich das vielleicht
ndern, aber bis jetzt ist es so, wie ich Ihnen da sage. Allein auf dem
rechten Auge habe ich einen schon sehr ausgebildeten grauen Star. Es
leistet mir beim Lesen oder Schreiben gar keine Hilfe mehr, und wenn das
andere ebenso wre, so knnte mir mein Gesicht zu nichts mehr dienen,
als ganz nahe Gegenstnde allenfalls zu erkennen. Dies bel ist seit
vielen Jahren langsam entstanden, nimmt aber seit einigen schneller zu.
Was ich mit dem Gesicht ausrichte, tue ich mit dem linken Auge, aber
auch das ist schwach und wird es immer mehr. Ich kann auf die Dauer
nichts ohne Brille weder lesen noch schreiben, und die Brille, die mir
sonst sehr scharf schien, reicht jetzt kaum mehr hin. Wenn ich, wie ich
weder wnsche noch glaube, noch lange, ich meine noch acht oder zehn
Jahre, leben sollte, so darf ich mir kaum schmeicheln, da mich meine
Augen bis zum Grabe begleiten werden. Eher ist es mglich, da ich sie,
oder doch eins, durch eine Operation wieder erhalte. Ich habe mich sehr
oft mit dem Gedanken beschftigt, da ich blind werden und bleiben
knnte. Denn die Operation gelingt nicht immer. Ich glaube jetzt in mir
so vorbereitet zu sein, da mich dies Ereignis nicht auer Fassung
bringen wrde. Ich wrde es, glaube ich, mit der Ergebung ertragen, mit
der der Mensch alles Menschliche dulden mu. Ich wrde so viel von
meiner Ttigkeit retten, als ich nicht schlechterdings aufgeben mte,
und wenn der Mensch ttig sein kann, ist um sein Glck schon geringere
Sorge. Aber die Vorstellung eines Unglcks ist noch immer etwas ganz
anderes als das Unglck selbst, wenn es mit der furchtbaren Gewiheit
seiner Gegenwart eintritt, und fr das grte Unglck, das mich an
meiner Person treffen knnte, halte ich Blindheit allerdings. Es ist
aber sehr mglich, da alle jetzige Fassung und Vorbereitung mchtig
erschttert werden und mich ganz verlassen knnte, wenn es kme, da
einmal der Tag erschiene, der mir kein Licht mehr brchte. Man mu auf
nichts so wenig vertrauen, und an nichts so unablssig arbeiten, als an
seiner Seelenstrke und seiner Selbstbeherrschung, die beide die
einzigen sicheren Grundlagen des irdischen Glcks sind. Der Himmel
scheint aber den Blinden zum Ersatz eine eigene Fassung und milde
Duldsamkeit in die Seele zu flen.



_Tegel_, den 30. September 1829.

Ich habe vor ein paar Tagen, liebe Charlotte, Ihren am 25. September
beendigten Brief empfangen und sage Ihnen meinen herzlichsten Dank
dafr. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, da es mit Ihren Augen
bedeutend besser geht, und da Sie einfache Mittel gefunden haben, die
Ihnen wohlttig sind. Meinetwegen bitte ich Sie recht sehr, nicht
besorgt zu sein. Ich selbst bin es nicht. Was in der Natur der Dinge
liegt und das Schicksal herbeifhrt, darber wre es tricht und
unmnnlich zugleich, seine Ruhe und sein inneres Gleichgewicht zu
verlieren. So lange ich meine natrlichen Seelenkrfte behalte, wird mir
das nicht begegnen. Ich werde einsehen, da krperliche Organe durch den
Gebrauch schwcher werden und anderen Zufllen unterworfen sind, und es
wird mir nicht einkommen zu erwarten, da die Vorsehung diesen
natrlichen Lauf der Dinge fr mich hemmen sollte. Wre es einmal
anders in mir, so wre das ein trauriges Zeichen, da mir nicht die
Kraft mehr beiwohnte, die jeder vernnftige Mann besitzen mu.

Sie bemerken sehr richtig, da man viele Flle hat, wo ein anfangender
grauer Star auf einem gewissen Punkt stehen bleibt, ohne je zu
eigentlicher Blindheit zu fhren, und das ist schon eine groe Wohltat.
Denn man mu in diesen immer sehr traurigen Zustnden doch noch immer
unterscheiden, was es mehr und was es weniger ist, und die eigentliche
Blindheit enthlt eigentlich ein doppeltes Leiden, erstlich, da man
unfhig wird, eine Menge von Dingen zu tun, zu denen das Gesicht
unentbehrlich ist, und dann, da man, des Lichtes beraubt, in Finsternis
versetzt ist. Dies Letzte halte ich bei weitem fr das Schlimmste. Denn
die bloe Empfindung des Lichts, auch von dem Wahrnehmen aller
Gegenstnde gnzlich abstrahiert, hat etwas unendlich Wohlttiges und
Erfreuliches und gehrt in vieler Beziehung auch zu dem heiteren und
fruchtbringenden inneren geistigen Leben. Das Licht ist wenigstens unter
allen uns bekannten Materien die am wenigsten krperliche. Es hngt,
ohne da man selbst sagen kann, wie das zugeht, mit dem Leben selbst
zusammen, und Leben, Licht und Luft sind wie verwandte, immer
zusammengedachte, das irdische Dasein erst recht mglich machende Dinge.
Wunderbar ist es auch, da die Finsternis selbst den Reiz, den sie
offenbar hat, verlieren mu, wenn sie zur bestndigen Begleiterin des
Lebens wird. Jedoch ist es nicht zu leugnen, da die Finsternis der
Nacht eine se Ruhe gegen das Licht des Tages gewhrt. Allein die
angenehme Empfindung beruht nur darauf, da der Tag vorangegangen ist,
und da man sicher ist, da er nachfolgen wird. Nur der Wechsel ist
wohlttig. Unaufhrliches Tageslicht ermdet. Das fhlt man schon, wenn
man im Sommer nrdliche Lnder bereist, wo die Dmmerung die ganze Nacht
hindurch whrt. Ich wenigstens habe das nie angenehm gefunden. Allein
die ewige Finsternis mu etwas viel Traurigeres haben, als da man den
Begriff durch bloe Ermdung erschpfend ausdrcken knnte. Es ist wohl
eine Stille, aber auch eine zurckstoende de. Man wird durch den
Mangel uerer Zerstreuung in sich zurckgedrngt und kann doch viel
weniger durch sich selbst handeln und ttig sein. Weit das Unangenehmste
wrde fr mich das Aufhren der Mitteilung durch Briefe sein, die nicht
blo und lediglich Geschfte betrfen. Denn wer knnte es aushalten,
anderen vertrauliche Briefe zu diktieren oder sich vorlesen zu lassen?
Der Briefwechsel beruht seinem Wesen nach ganz und gar auf gnzlich
unmittelbarer Mitteilung, und ich wrde jeden gleich abschneiden, wenn
ich, was ich nicht hoffe, jemals das Unglck htte, wirklich zu
erblinden. berhaupt ist es wunderbar, da, meinem jetzigen Gefhl
nach, ein solcher Zustand mich mehr von der Gesellschaft anderer
abziehen als ihr zufhren wrde. Ich kann es mir selbst nicht ganz
erklren, da es natrlich scheint, die Zeit alsdann doppelt gern mit
Gesprch auszufllen. Es kommt vielleicht daher, da ich, ohne selbst
sagen zu knnen, warum, sehr ungern mit Blinden zusammen bin. Da ich
fhle, da dies eine gewissermaen ungerechte Empfindung ist, so
berwinde ich mich da, wo die Gelegenheit vorkommt, aber der Zwang, den
ich mir antue, hebt die Widrigkeit des Gefhls nicht auf. Der Anblick
kranker, auch nur glanzlos starrer, selbst verbundener Augen wirkt
krperlich auf mich. Ich kann machen, da ich der Empfindung nicht Raum
gebe, aber ich kann nicht hindern, da sie nicht entstehe und
fortdauere. Schon ein Schirm vor den Augen anderer, besonders bei
Frauen, ist mir unangenehm. Auch die Gewohnheit ndert darin nichts. Ich
bin jahrelang wchentlich mit Blinden zusammen gewesen, der Eindruck
blieb aber immer derselbe. Da ich nun, selbst blind, nicht mit andern
sein mchte, ist nur eine Rckwirkung desselben Gefhls, wenn sie auch
nicht dasselbe empfinden als ich, so kann ich doch nicht hindern, da
ich mich nicht auer mich selbst versetze und mich, andern gegenber,
mir selbst vorstelle. Leben Sie herzlich wohl. Ich wnsche sehr, da es
mit Ihren Augen besser gehen mge. Mit unwandelbaren Gesinnungen der
Ihrige.          H.



_Tegel_, den 24. Dezember 1829.

So spt im Jahre, liebe Charlotte, habe ich Ihnen noch nie von hier aus
geschrieben. Ich war seit langen Jahren immer in der Stadt um diese
Zeit. Nur in frheren, glcklicheren Epochen meines Lebens brachte ich
auch den Winter auf dem Lande zu. Was ich damals im heiteren
Zusammensein tat, wiederhole ich jetzt allein. Das ist der Gang des
menschlichen Schicksals. Es ist heute hier, und da so kleine
Entfernungen keinen Unterschied machen, gewi auch bei Ihnen ein uerst
kalter Tag. Doch war ich aus. Ich gehe alle Tage gerade so spazieren,
da ich die Sonne untergehen sehe. Ich versume den Moment nicht gern,
und die halbe Stunde vor- und nachher sind mir im Sommer und Winter die
liebsten des Tages. Der Mond wartet dann oft schon, wenn die Sonne ihn
nicht mehr berstrahlt, seinen Glanz wieder zu gewinnen. Heute ging die
Sonne so in Nebel gehllt unter, da man statt ihrer Scheibe nur einen
mattgelben Duft sah. Wenn ich immer betrachtende Ruhe liebte und mich
ihr auch oft da hingab, wo ich mich im Gedrnge von Menschen und Gewhl
von Geschften befand, so versenkt mich meine jetzige Einsamkeit noch
mehr darin. Ich habe zu nichts anderem Neigung. Meine wissenschaftlichen
Beschftigungen sind damit verwandt, und ich fhle mit jedem Tage mehr,
wie das reine und besonnene Nachdenken ber sich selbst das Innere
zusammenschliet und den Frieden gibt, der gewi immer das Werk Gottes
ist, den aber doch, gerade nach Gottes deutlich zu erkennen gegebenem
Willen, der Mensch nicht wie eine uere Gabe von ihm erwarten, sondern
durch die eigene Anstrengung seines Willens aus sich selbst schpfen
soll. Ich bin in jeder Epoche meines Lebens sehr gefat auf den
Augenblick gewesen, der uns wieder daraus abruft. Ich bin es jetzt mehr
wie je, wo ich dessen beraubt, was mir in jedem Augenblicke Genu und
die heiterste Freude gab, nun auf den kalten Ernst des Lebens
zurckgewiesen bin. Ich glaube auch mit ziemlicher Gewiheit
vorauszusehen, da ich die mir vielleicht noch bestimmten Jahre wie die
jetzt verflossenen Monate zubringen werde. Nur sehr bedeutende Dinge
knnten mich zu einer Umnderung bringen. Bei kleineren wrde ich's
schon zu machen wissen, da die Umnderung nur scheinbar wre. Ich sehe
daher mein Leben jetzt von der Seite an, da es ein Vollenden, ein
Abschlieen der Vergangenheit ist. Es ist aber in meiner Art zu
empfinden gegrndet, da mich dies nicht zur Beschftigung mit dem Tode
und dem Jenseits, sondern gerade zu den Gedanken, die auf das Leben
gerichtet sind, bringt. Ich halte das auch nicht fr eine Eigenheit in
mir, sondern ich glaube, es mte berhaupt so sein. Wenn man an den Tod
zu denken empfiehlt, so ist das eigentlich nur gegen den Leichtsinn
gerichtet, der das Leben wie eine immer dauernde Gabe ansieht. Davon
ist ein in sich gesammeltes Gemt schon von selbst frei, brigens aber
wei ich nicht, ob anhaltende Beschftigung mit dem Tode und dem, was
ihm folgen wird, der Seele heilsam sei. Zwar mchte ich nicht darber
absprechen, da es mehr Sache des Gefhls als der Untersuchung durch
bloe Vernunftgrnde ist. Ich glaube es aber nicht. Die aus dem
Vertrauen auf eine Allgte und Allgerechtigkeit entspringende
Zuversicht, da der Tod nur die Auflsung eines unvollkommenen, seinen
Zweck nicht in sich tragenden Zustandes und der bergang zu einem
besseren und hheren ist, mu dem Menschen so gegenwrtig sein, da
nichts sie auch nur einen Augenblick verdunkeln kann. Sie ist die
Grundlage der inneren Ruhe und der hchsten Bestrebungen und eine
unversiegbare Quelle des Trostes im Unglck. Aber das Ausmalen des
mglichen Zustandes, das Leben mit der Phantasie darin, zieht nur vom
Leben ab und setzt nur scheinbar etwas Besseres an die Stelle, da
allerdings die Gegenstnde erhabener sind, nach denen man trachtet, man
sie aber doch so, wie man es da versucht, nicht zu fassen vermag. Gott
hat auch deutlich gezeigt, da er eine solche Beschftigung nicht
wohlgefllig ansieht, denn er hat den knftigen Zustand in einen
undurchdringlichen Schleier gehllt und jeden einzelnen in gnzlicher
Unwissenheit gelassen, wann der Augenblick ihn ereilen wird, -- ein
sicheres Zeichen, da das Lebende dem Leben angehren und darauf
gerichtet sein soll. Wozu mich also die Gewiheit, sich in dem letzten
Lebensabschnitt zu befinden, mahnt, ist ein auf das Leben gerichtetes
Bestreben, das Bestreben, das Leben abzurunden, ein inneres Ganzes
daraus zu machen. In den Stand gesetzt zu sein, dies zu tun dadurch, da
man nicht mitten aus dem Treiben des Lebens hinweggerissen wird, sondern
einen Zeitraum der Mue und Ruhe behlt, ist eine Wohltat der Vorsehung,
die man nicht ungentzt vorbergehen lassen mu. Ich meine damit nicht,
da man noch etwas tun, etwas vollenden solle. Was ich im Sinne habe,
kann jeder in jeder Lage. Ich meine, an seinem Inneren arbeiten, seine
Empfindungen in vollkommene Harmonie bringen, sich selbstndiger und
unabhngiger von ueren Einflssen zu machen, sich so zu gestalten, wie
man sich in den ruhigsten und klarsten Geistesmomenten gestaltet sehen
mchte. Dazu geht jedem, wieviel er auch an sich getan haben mge, viel
ab, daran ist lngere Dauer, als vielleicht die Dauer des Lebens
verstatten wird. Dies aber nenne ich den eigentlichen Lebenszweck,
dieser aber gibt auch dem Leben immer noch Wert, und wenn mich irgendein
Unglck, wie es jeden, wie glcklich er scheine, betreffen kann, dahin
bringen sollte, das Leben nicht mehr zu diesem Zwecke zu schtzen, so
wrde ich mich selbst mibilligen und die Gesinnung in mir ausrotten.
Allein auch ber einen solchen Lebenszweck kann man nicht unfruchtbar
mit seinen Gedanken brten. Er mu nur die der Seele gegebene Richtung
sein, nur das, wie sich die Gelegenheit darbietet, urteilende,
billigende, zurechtweisende Prinzip. Das Leben ist zugleich eine uere
Beschftigung, eine wirkliche Arbeit in allen Stnden und allen Lagen.
Es ist nicht gerade diese Beschftigung, diese Arbeit selbst, die einen
groen Wert besitzt, aber es ist ein Faden, an den sich das Bessere, die
Gedanken und Empfindungen anknpfen, oder das, woneben sie hinlaufen. Es
ist der Ballast, ohne den das Schiff auf den Wellen des Lebens keine
sichere Haltung hat. So sehe ich auch im Grunde hauptschlich nur meine
wissenschaftlichen Beschftigungen an. Sie sind vorzugsweise dazu
gemacht, weil sie an sich mit Ideen in Verbindung stehen. Ich bin
hierber ausfhrlich gewesen, um Ihnen einen Begriff zu geben, was ich
meine Einsamkeit und meine Freude daran nenne. Sie ist ursprnglich
keine freiwillige, sondern eine durch das Schicksal herbeigefhrte. Der
von zweien Zurckgebliebene ist allein, und es ist dann eine natrliche
und zu billigende Empfindung, da man auch fortwhrend allein bleiben
will. Dann aber begnstigt auch die Einsamkeit jenes Nachdenken ber
sich selbst, jene Arbeit an sich, jenes Abrunden und Schlieen des
Lebens, von dem ich eben sprach. Endlich kommen die Studien hinzu, denen
man auch ihre Stelle gnnen mu. Darum gehe ich nur sehr selten zu
meinen Kindern in die Stadt und freue mich, wenn sie hierher kommen. Die
Leute bedauern erst meine Abwesenheit, das ist die Hflichkeit; dann
finden sie dies Zurckziehen in meinem Alter und in meiner Lage
natrlich, das ist die Wahrheit. berdru am Leben, Stumpfheit an seinen
Freuden, Wunsch, da es enden mge, haben an meiner Einsamkeit keinen
Teil.

Ich habe Ihnen, liebe Charlotte, zwei Briefe geschrieben, die bei Abgang
des Ihrigen noch nicht angekommen waren. Ich hoffe eine Antwort auf
diese zu erhalten. Ich bitte Sie, wenn Sie knnen, mir noch in diesem
Jahre zu schreiben. Zu dem, welches wir neu beginnen, nehmen Sie meine
herzlichsten Wnsche. Mge der Himmel Ihnen wieder Heiterkeit und Ruhe
verleihen! Was ich dazu beitragen kann, will ich mit herzlicher Freude
tun, wo und wie es mir mglich ist. Leben Sie nun recht wohl! Gedenken
Sie meiner mit freundschaftlicher Liebe und rechnen Sie mit Zuversicht
auf meine aufrichtige, unvernderliche Teilnahme an allem, was Sie
betrifft. Ihr               H.



_Tegel_, den 26. Januar 1830.

Sie mssen, liebe Charlotte, zwei Briefe von mir bekommen haben, die
noch unbeantwortet sind, einen vom 9. und einen vom 21. Januar. Ihr
letzter war nicht auf meine Bitte, sondern aus eigener Bewegung
geschrieben, und meinen Brief vom 9. werden Sie vermutlich zu spt
empfangen haben, um ihn an dem darin genannten Tage zu beantworten. Da
ich aber wei, da Ihnen meine Briefe Freude machen, und ich gerade
einige Zeit frei habe, so will ich Ihnen schreiben, ohne erst eine
Antwort abzuwarten. Vielleicht bekomme ich dieselbe auch noch, ehe ich
den Brief schliee, da heute noch eine Gelegenheit aus der Stadt
herkommt. Es liegt mir sehr daran, zu wissen, wie es Ihnen geht, und ob
Sie die Ruhe und Heiterkeit wiedergewinnen, die ich Ihnen so sehr
wnsche. Noch erfreulicher sollte es mir sein, wenn mein Anteil und
meine Ratschlge in der Tat wirksam dazu beitrgen. Das Wahre und
Eigentliche mssen Sie zwar selbst dazu tun. Denn es bleibt immer ein
sehr wahrer Ausspruch, da das Glck im Menschen selbst liegt. Das
Freudige, was ihm der Himmel verleiht, beglckt nur, wenn es auf die
rechte Art aufgenommen wird, und das Bittere und Herbe, das das
Schicksal ihn erfahren lt, steht es in seiner Gewalt sehr zu mildern.

Wo es auch gar keinen Trost zult, wie es denn allerdings solche
Unglcksflle gibt, hat Gott noch die Wehmut zu einer Art Vermittlerin
zwischen dem Glck und dem Unglck, der Sigkeit und dem Schmerz
geschaffen. Sie macht den Schmerz zu einem Gefhl, das man nicht
verlassen mag, an dem man hngt, dem man sich berlt mit dem
Bewutsein, da er nicht zerstrend, sondern luternd, veredelnd in
jeder Art und auf jede Weise erhebend wirkt. Es ist ein Groes, wenn der
Mensch die Stimmung gewinnt, alles, was ihn betrifft, blo weil es
menschlich ist, weil es einmal im irdischen Geschick liegt, dagegen
anzukmpfen, aber zugleich so aufzunehmen, wie es sich in der Bestimmung
des Menschen, sich immer reifer und mannigfaltiger zu entwickeln, am
besten vereint. Je frher man zu dieser Stimmung gelangt, desto
glcklicher ist es. Man kann dann erst sagen, da man das Leben wirklich
erfahren hat. Und um des Lebens willen ist man doch auf der Welt, und
nur was man in seinem Gemt durch das Leben errungen hat, nimmt man mit
hinweg. Es ist ein sehr groes Glck, wenn man all sein Denken und
Empfinden an einen Gegenstand setzt. Man ist dann auf immer geborgen,
man begehrt nichts mehr vom Geschick, nichts mehr von den Menschen, man
ist sogar auerstande, etwas anderes von ihnen zu empfangen als die
Freude an ihrem Glck. Man frchtet auch nichts von der Zukunft Man kann
nicht ndern, was nicht zu ndern ist; aber das eine, das Hngen an
einem Gedanken, einem Gefhl, wenn es auch durch den grausamsten Schlag,
der einen Menschen betreffen kann, nur zu dem Hngen an einer Erinnerung
wrde, das bleibt immer. Wer das stille Hngen an einem Gedanken
erreicht hat, besitzt alles, weil er nichts anderes bedarf und verlangt.
Noch beruhigender und beglckender ist natrlich ein solches Hngen an
einem, wenn das eine nichts Irdisches, sondern das Gttliche selbst
ist. Aber auch im Irdischen ist solch ein treues, die ganze Seele
einnehmendes Hngen an einem Gefhl immer von selbst auf das gerichtet,
was im Irdischen selbst nicht irdisch ist. Denn das blo Irdische ist
nicht fhig, die Seele so auf sich zu heften. Der Probierstein der
Echtheit des Gefhls ist nur, da es von aller Unruhe frei, mit keiner
Art des Begehrens gemischt sei, da es nichts verlange, nichts fordere,
keine andere Sehnsucht kenne, als in der Art, wie es ist, fortzudauern.
Darum ist das Gefhl fr Verstorbene ein so ses, so reines, so der
Sehnsucht hingegebenes Gefhl, das bis ins Unendliche fortwhrt, ohne
sich je zu zerstren, in deren Wachstum selbst die Seele ohne Unterla
Kraft gewinnt, sich ihr in einer sen Wehmut zu berlassen. Sobald das
Gefhle fr das Gttliche sind, sind es unstreitig die reinsten und von
aller irdischen Beimischung am meisten geluterten. Sie haben zugleich
das Eigentmliche, da sie der Erde nicht entfremden und doch allem
Drohenden und Schmerzlichen, was die Erde auch oft hat, den Stachel und
den Wermut benehmen. Da der Gedanke an die Verstorbenen mit allem dem
zusammenhngt, was sie im Leben umgab, so sind sie, statt vom Leben
abzufhren, vielmehr immerfort Verknpfungsmittel mit demselben; es gibt
in jeder Lage noch immer Gegenstnde, an welchen man sich die
Verstorbenen als teilnehmend und noch mit dem Leben verknpft denkt.
Diese knpfen auch den Zurckbleibenden noch an das Leben, aber es ist
eine Verknpfung, die dem Leben das Schwere benimmt, da man sich doch
nicht mehr ganz als ihm angehrend betrachtet. Wenn die liebsten
Gedanken alle jenseits des Lebens sind, wenn das Leben keinen hat, der
diesen die Wage halten knnte, so kann, was man sonst im Leben zu
frchten pflegt, einem irgend gegen irdische Schicksale Gewaffneten
nicht sonderlich furchtbar erscheinen. Zeit und Ewigkeit verknpfen sich
im Gemte zu einer Ruhe, die nichts mehr strt. Ich habe mir immer, ehe
ich noch die Erfahrung selbst gemacht hatte, gedacht, da es so sein
mte. Ich habe es nie fr mglich gehalten, da es fr einen wahren
Verlust auch nur einen scheinbaren Ersatz geben knnte. Jetzt empfinde
ich das wirklich, da das Los mich getroffen hat. Ja, ich werde mit
groer Freude gewahr, da sich die wahre und richtige Einwirkung, die
solcher Verlust haben mu, mit der Zeit immer vollkommener und richtiger
entfaltet, wie die irdische Nacht tiefer wird, je lnger sie whrt. Die
Freude, die man am nchtlichen Dunkel hat, und fr die ich immer sehr
empfnglich gewesen bin, ist dieser Empfindung hnlich. Man ist allein
und will allein sein, man gewahrt uerlich nichts, und innerlich regt
sich ein doppeltes Leben. Der Tag ist gewesen und der Tag wird
wiederkehren.

Es ist ein schrecklicher Winter in diesem Jahr, und noch durchaus keine
Aussicht, da er sich bald milder lsen will. Wenn man die viele Not
bedenkt, die er mit sich fhrt, so ist das sehr beklagenswert. Allein
sonst ist mir keiner so leicht geworden. Dies liegt in der Ruhe und
Unabhngigkeit der Einsamkeit, worin ich lebe. Ich gehe alle Tage
spazieren, allein auerdem verlasse ich die aneinander stoenden drei
Zimmer, die ich allein bewohne, nie, und der Anblick der unberhrten
Schneeflchen und des unendlichen Glanzes, den die Sonne, deren Auf- und
Untergang ich von meinen Fenstern aus sehe, und abends Mond und Venus
und die anderen Sterne ber die Schneeflche und den gefrorenen See
ausstrahlen, ist unbeschreiblich. -- Ich bitte Sie, Ihren nchsten Brief
am 2. Februar oder, wenn das nicht mglich ist, doch noch in der ersten
Woche des Februar abgehen zu lassen. -- Leben Sie recht herzlich wohl
und bleiben Sie meiner aufrichtigen und innigen Teilnahme versichert.
Ganz der Ihrige.    H.



_Tegel_, den 14. April 1830.

Ich bin sehr besorgt um Sie gewesen, liebe Charlotte. Ihr lngeres
Stillschweigen hat mich diesmal nicht beunruhigt. Ich war gewi, da Sie
nicht krank sein konnten. Ich habe Sie so bestimmt gebeten, mir in
diesem Fall zu schreiben, da ich gewi darauf rechnen konnte, da Sie
es getan haben wrden. Ich erriet aber die Ursache Ihres Nichtschreibens
und sehe nun aus Ihrem Briefe, da ich ganz richtig vermutet hatte. Es
war eine zu natrliche, Ihrer Empfindungsart zu angemessene Empfindung,
als da sie nicht htte in Ihnen aufsteigen sollen. Ihr jetziger Brief
aber hat mir die grte Freude gemacht, besonders wegen der ruhigen
Stimmung, die darin herrschend ist, und die ich, da sie Ihnen notwendig
die wohlttigste sein mu, so sehr liebe, um deren Erhaltung ich Sie
dringend bitte. Auch Lebenslust und Lebensfreude an den dem Leben
bleibenden Genssen kann erst auf dieser Grundlage im Gemt
emporsprieen. Die Ruhe ist die natrliche Stimmung eines
wohlgeregelten, mit sich einigen Herzens. uere Ereignisse knnen sie
bedrohen und das ruhigste Gemt aus den Angeln heben. Ein groes weicht
zwar auch da nicht, allein obgleich es Frauen gibt, welche diese Strke
mit der grten und lebendigsten Regsamkeit der Empfindung und der
Einbildungskraft verbinden, so kann man das bewundern, aber nicht
fordern. In einem Manne aber ist es Pflicht, es lt sich verlangen, und
er verliert gleich bei allen richtig Urteilenden an Achtung, wie hierin
in ihm ein Mangel sichtbar wird. -- -- -- --

Meine Gesundheit ist fortwhrend gut. Sogar von kleinen beln bin ich
frei. Das Alter erscheint mit den Jahren allmhlich, aber mit einer
Krankheit oder einem groen Unglcksfall, den nichts je wieder gut
machen kann, pltzlich. Das letzte ist mein Fall gewesen. Htte ich den
Verlust nicht erlitten, den ich erfahren, so mchte es noch mehrere
Jahre so fortgedauert haben. Aber durch die groe nderung, welche
dieser Verlust in mir hervorbringen mute, und die mit jedem Tage nur
fhlbarer wird, bei der pltzlichen Vereinzelung nach einem
achtunddreiigjhrigen gemeinschaftlichen Leben, und selbst in der
Abwesenheit ununterbrochenen gemeinschaftlichen Denken und Empfinden,
war es natrlich, da die nderung auch krperlich eintrat. Indes ist
das sehr leicht zu ertragen, zumal solange die Gesundheit so
unangegriffen wie bei mir jetzt bleibt. Ich kann daher, wenn Sie auch
nicht immer darin einstimmen, nur dabei bleiben, da mir das Alter lieb
ist. Es ist ein natrlicher menschlicher Zustand, dem Gott seine eigenen
Gefhle geschenkt hat, die ihre eigenen Freuden in sich tragen. Wenn ich
durch einen Zauberstab machen knnte, da ich die mir noch brigen Jahre
mit jugendlicher Kraft und Frischheit verleben, oder so wie jetzt
bleiben knnte, so whlte ich das erste gewi nicht. Die jugendliche
Kraft und Frischheit pat nicht zu greifenden Gefhlen, und diese in
einem langen Leben erworbenen und erlangten Gefhle mchte ich doch fr
nichts auf Erden aufgeben. Was Sie von meiner Stimmung sagen,
unterschreibe ich insofern, als sie allerdings eine seltene und den
tiefsten und gerhrtesten Dank erheischende Gabe des Himmels, nicht
menschliches Verdienst ist. Wenigstens rechne ich sie _mir_ nicht zu. Ich
verdanke sie grtenteils der, welche auch jetzt die unmittelbare Quelle
derselben ist. Denn wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft groen
Charakter lange zur Seite steht, geht sie wie ein Hauch von ihm auf uns
ber. Ich wrde mir selbst jenes Besitzes unwert erscheinen, wenn ich
jetzt anders sein knnte, als innerlich in abgeschlossener Ruhe in der
Erinnerung lebend, und uerlich, wo sich die Gelegenheit darbietet,
ntzlich und wohlttig beschftigt.

Ich wnsche, da meine Briefe Sie ruhig, heiter stimmen, Ihnen wie eine
Erholung, eine Erquickung erscheinen. Leben Sie herzlich wohl und
rechnen Sie mit vertrauender Zuversicht auf meine ununterbrochene
freundschaftliche Teilnahme.              H.



_Tegel_, den 6. bis 9. Mai 1830.

Ich sage Ihnen, liebe Charlotte, meinen herzlichen Dank fr Ihren am
27. April abgegangenen Brief, den ich richtig empfangen habe. Mit meinem
Befinden geht es sehr gut, und ich empfinde weder Folgen des nassen
Frhjahrs noch des strengen Winters. Dennoch machen sich die Folgen im
allgemeinen sehr fhlbar. Eine Menge von Leuten leiden hier an kaltem
Fieber. Ich habe fr den Sommer meine Lebensart etwas gendert. Ich
stehe jetzt regelmig um sechs Uhr auf. Dafr gehe ich aber auch immer
vor, sptestens um Mitternacht zu Bett. Die Morgenstunden haben mehr
Reiz fr mich, und so schreibe ich Ihnen, liebe Freundin, heute in der
Frhe. Es ist das erste, womit ich heute den Tag beginne. Auf meinen
Schlaf hat weder das frhe noch spte Aufstehen einigen Einflu. -- --
Die Nacht hat etwas unglaublich Ses. Die heiteren Ideen und Bilder,
wenn man solche haben kann, wie ich ehemals oft erfahren, nehmen einen
sanfteren, schneren, in der Tat seelenvollen Ton an, dabei ist es, als
ob man sie inniger gensse, da in der Stille nichts, nicht einmal das
Licht sie strt. Kummervolle und wehmtige Erinnerungen und Eindrcke
sind dagegen auch milder und mehr von der Ruhe durchstrmt, die jede
Trauer leichter und weniger zerreiend macht. Man kann auch dem Kummer
ruhiger nachhngen, und ein tiefes Gemt sucht doch nicht den Kummer zu
entfernen, am wenigsten zu zerstreuen, sondern sucht ihn so mit dem
ganzen Wesen in Einklang zu bringen, da er Begleiter des berrestes des
Lebens bleiben kann. Ich kann mich jetzt schon auf die langen
Winternchte freuen und habe, was ich hier sage, im vorigen Winter oft
erfahren. Bedenkt man auf der anderen Seite wieder, wie freudig und
schn das Licht ist, so gert man in ein dankbares Staunen, welch einen
Schatz des Genusses und wahren Glckes die Natur allein in den tglichen
Wechsel gelegt hat. Es kommt nur darauf an, ein Gemt zu haben, ihn zu
genieen, und das liegt doch in jedes Menschen eigener Macht. Alle
Dinge, die einen umgeben, schlieen fr den Geist und die Empfindung
Stoff zur Betrachtung, zum Genu und zur Freude in sich, der ganz
verschieden und unabhngig ist von ihrer eigentlichen Bestimmung und von
ihrem physischen Nutzen; je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr
ffnet sich dieser tiefere Sinn, die Bedeutung, die halb ihnen, die sie
veranlassen, halb uns, die wir sie finden, angehrt. Man darf nur die
Wolken ansehen. An sich sind sie nichts als gestaltloser Nebel, als
Dunst, Folgen der Feuchtigkeit und Wrme, und wie beleben sie, von der
Erde gesehen, den Himmel mit ihren Gestalten und Farben, wie bringen sie
so eigene Phantasien und Empfindungen in der Seele hervor.



_Tegel_, den 29. Mai 1830.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 16. d. M. vor einigen Tagen
empfangen und so wie Sie es vorausgesehen haben, doppelte Freude daran
gehabt, weil er in einem so ruhigen und heiteren Tone geschrieben ist.
Ich wnsche nichts mehr, als da Sie in demselben und der ihm
entsprechenden Stimmung bleiben mgen, und Sie knnen es gewi, wenn Sie
sich nicht selbst trbe und irrige Vorstellungen machen, sondern
vielmehr der Ruhe nachstreben, welche das Gemt unabhngig von ueren
Ereignissen macht. Ohne diese nur durch innere Bearbeitung seiner selbst
zu erlangende Ruhe bleibt man immer ein Spiel des Schicksals und
verliert und gewinnt sein inneres Gleichgewicht, wie die Lage um einen
her nur freudvoller oder leidvoller ist. Das gnzliche Unterlassen alles
Spazierengehens ist und bleibt doch eine Entbehrung eines groen
Vergngens, wenn sich auch der Krper daran gewhnt; ich habe das selbst
an mir erfahren. Der Mangel der Bewegung hat mir nie geschadet, aber
entbehren tut man viel. Man geniet die Natur auf keine andere Weise so
schn als bei dem langsamen, zwecklosen Gehen. Denn das gehrt
namentlich zum Begriff selbst des Spazierengehens, da man keinen
ernsthaften Zweck damit verbindet. Seele und Krper mssen in
vollkommener und ungehemmter Freiheit bleiben, man mu kaum einen Grund
haben, auf eine oder die andere Seite zu gehen. Alsdann befrdert die
Bewegung die Idee, und man mag etwas Wichtiges denken oder sich blo in
Trumen und Phantasien gehen lassen, so gewinnt es durch die Bewegung
des Gehens besseren Fortgang, und man fhlt sich leichter und heiterer
gestimmt. Noch vor kurzem ist es mir geschehen, da mir durch einen
Spaziergang gelang, was sich sehr lange nicht hatte gestalten wollen.
Ich hatte oft vergebens an etwas gearbeitet, und pltzlich beim
Herumgehen drauen kam es mir ganz von selbst, da ich beim
Nachhausekommen es nur aufzuschreiben brauchte. Ich gehe aber niemals
des Morgens aus. Daran tue ich vielleicht Unrecht, aber es hngt bei mir
mit so vielen kleinen Gewohnheiten zusammen, da ich darber nicht
hinauskommen kann. Ich geniee daher nur den Anblick des Grn aus den
Fenstern, wo dann die Lichter der Frhsonne im Laube einen wundervoll
herrlichen Wechsel des Hellen und Dunkeln gewhren.

Ich habe krzlich Goethes zweimalige Reise nach Italien oder vielmehr,
da es keine eigentliche Reisebeschreibung ist, seine Briefe von daher
gelesen. Sie schrieben mir in derselben Zeit von der Jacobischen. Ich
habe diese Reise nie gelesen, wohl aber den Reisenden gekannt und sein
Buch loben hren. Er studierte mit mir zugleich in Gttingen und ging,
wenn ich nicht irre, auch mit Ihrem Bruder um. Er war ein guter Mensch
und sehr fleiig, doch vermied ich seinen Umgang, da er fr meine
Neigung in zu viele Studentengesellschaften verwickelt war. Was Sie mir
aus seiner Reise ber die Pracht der Kirchen und des Gottesdienstes
sagen, ist sehr wahr. Es ist, wie Sie bemerken, und wie es auch mir
erscheint, eine lobenswrdige Sitte, da man jedem Gelegenheit gibt, in
jedem Moment, wo er Stimmung dazu hat und fhlt, an einen Ort gehen zu
knnen, wo er Stille und Einsamkeit oder zu seiner Stimmung passende
Verrichtungen findet, einen Ort, der ihm schon an und fr sich, sobald
er ihn betritt, Ehrfurcht und dazu eine gewisse Linderung einflt.
Unsere evangelischen Kirchen werden viel zu sehr als Orte, die zum
Predigen bestimmt sind, angesehen, und auf die religise Erhebung des
Gemts in Gebet und Nachdenken wird zu wenig gedacht. Die Goetheschen
Briefe aus Italien lehren nicht gerade Italien und Rom kennen. Sie sind
ganz und garnicht beschreibend. Man mu mit den Gegenstnden durch
eigene Ansicht oder durch andere Reisen bekannt und bereits vertraut
sein, um nur die Bemerkungen darber ganz zu verstehen. Aber sie malen
sehr hbsch und interessant Goethe selbst und zeigen, was Rom und
Italien sind, durch den Eindruck, den sie auf Goethe gemacht haben.
Insofern gehren sie zu den merkwrdigsten Schilderungen. Dann erkennt
man auch daraus, welche unglaubliche Sehnsucht Goethe Jahre hindurch
hatte, Italien und vor allem Rom zu sehen.

Ich reise morgen frh ab und gehe zunchst nach Breslau. Leben Sie
herzlich wohl und seien Sie meiner unvernderlichen Teilnahme gewi. Von
Herzen Ihr                   H.



_Tegel_, den 7. September 1830.

Ihr am 31. v. M. abgegangener Brief hat mir, liebe Charlotte, sehr viel
Freude gemacht, weil er in einer ruhigen, wirklich erfreulichen Stimmung
geschrieben ist. Ich danke Ihnen sehr dafr. Ich lebe nun wieder ganz
in meinen alten Gewohnheiten. Mein Befinden ist sehr erwnscht, und ich
wte nicht, worber ich zu klagen htte. Wenn Sie aber von meiner
krftigen Gesundheit reden, so bedarf es doch einer Einschrnkung. Meine
Gesundheit ist gut, weil sie mich nicht leiden macht, und vorzglich,
weil ich sie durch die Regelmigkeit meines Lebens erhalte und
befrdere, brigens sieht man mir das Alter viel mehr an als anderen
Menschen von gleichen Jahren, und ich bin auch weniger rstig, als es
meinem und einem weit hheren Alter gem ist. Auch abwesend knnen Sie
das an meiner Handschrift sehen, deren Ungleichheit und Mangel an
Festigkeit garnicht von den Augen, sondern allein von der Hand herkommt.
Das ist allerdings Folge der Jahre, aber da es so frh und so pltzlich
gekommen ist, ist allein Folge des Todes meiner Frau. Wenn man, wie es
mein Fall war, so verheiratet war, wie man es einzig sein konnte und
sein mute, so ist die Trennung dieses Bandes nicht der blo genderte
Zustand, sondern ein durchaus neuer. Ich klage nicht, ich weine nicht,
der Tod einer Person, und noch dazu in hheren Jahren, ist ein
natrliches, ein menschliches, ein unabnderliches Ereignis; ich suche
nicht Hilfe oder Trost -- denn der Kummer, der nach Hilfe oder Trost
verlangt, ist nicht der hchste und kommt nicht aus dem Tiefsten des
Herzens. Ich bin auch garnicht unglcklich, ich bin vielmehr auf die
einzige Art glcklich und zufrieden, auf die ich es sein kann, aber ich
bin anders als sonst, ich hnge mit dem Menschen und der Welt nur
insofern zusammen, als ich Ideen daraus schpfe, oder als ich durch
uerliches Wirken ntzen kann, sonst habe ich keinen anderen Wunsch,
als allein zu sein. Jede Strung meiner Einsamkeit, jeder, auch nur
Stunden dauernde Besuch ist mir hchst unangenehm, wenn ich auch den
Menschen, die mich besuchen, gut bin. Ich tue nichts dazu und suche
nichts darin, es hat aber seit einem Jahre sehr zugenommen, und ich
schliee daraus, da es nicht vergehen wird. Sie knnen denken, da ich
in Berlin, wo ich so lange lebte, unter vielen Bekannten einige Mnner
und Frauen der engsten Vertraulichkeit habe. Ich pflegte sie
wchentlich, auch fter zu sehen. Seit dem unglcklichen Verluste habe
ich sie kaum drei- oder viermal gesehen. Sie fhlen und begreifen mich,
und eine natrliche Diskretion hlt sie ab, mich ohne ausdrckliche
Einladung zu besuchen. Ich lade aber niemand ein, sondern berlasse das
meinen Kindern. Ist jemand bei ihnen, so brauche ich nicht lnger dabei
zu sein, als ich Lust habe. Ich erzhle Ihnen das, weil Sie gern einen
Begriff meines Zustandes haben. Mit meinen Augen geht es aber nicht
schlimmer. Besser kann es natrlich auch nicht gehen. Vielmehr, da man
in allen Dingen klar sehen mu, sage ich mir, da die Schwche mit den
Jahren auch zunehmen mu, und da leicht eine Zeit kommen kann, wo ich
das Lesen und Schreiben ganz aufgeben werde. Bei Licht stelle ich es
schon sehr ein. Ich sitze oft abends allein zwei bis drei Stunden, ohne
scheinbar etwas zu tun. Ich kann aber nicht sagen, da diese Zeit mir
unntz und noch weniger unangenehm verstriche. Das Trumen in Bildern
und Erinnerungen hat etwas sehr Ses, und strengt man sich an,
ernsthafter und in gewisser Folge zu denken, so ntzt es fr die Arbeit
des folgenden Tages. Ich ziehe dies einsame Sitzen einem Gesprch weit
vor. Oft indes und in den frheren Abendstunden lasse ich mir vorlesen.
-- Heute war ein selten schner Tag, eine milde, angenehme Luft, kein
Wind, ein reiner, blauer, schner Himmel, aber sehr herbstlich ist es
bei uns schon, ich wei nicht, ob auch bei Ihnen. Das Laub ist schon so
gelb, und wenn man eine ganze Allee hinunter sieht, bemerkt man auch,
da die Bume nicht mehr die Bltterflle wie im Sommer haben. Es ist
unglaublich, wie schnell die Zeit hingeht. Eine Woche, ein Monat sind
vorbei, und ehe man sich umsieht, das ganze Jahr. Es scheint garnicht
der Mhe wert, eine so alte und allgemein anerkannte Sache noch zu
wiederholen. Allein mir ist es wirklich, als wre mir diese Empfindung
nie sonst in gleichem Grade lebendig gewesen. Es mag daher kommen, da
ich die Zeit mehr nach Arbeit als nach sonst einer Ausfllung messe, und
da ist mir immer die Zeit, in der etwas zustande kommen soll,
unzureichend zu demjenigen, was man darin erwartet. Kein Tag bringt ganz
hervor, was er soll, und aus diesen Lcken der einzelnen Tage entsteht
ein groes Defizit im ganzen. Ich habe darum den Winter nicht so ganz
ungern, weil man doch, selbst in meiner, das ganze Jahr hindurch sehr
ruhigen, muevollen und freien Lage, immer im Winter mehr und
angestrengter arbeitet.

Sie erwhnen der neuesten unruhigen Auftritte. Seit Sie schrieben, haben
sich diese sehr vervielfltigt und sind sogar in unsere Nhe gekommen.
Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Leidenschaft, wilde Roheit und
bermut den Frieden bedrohen, dessen man so lange geno. Indes wird sich
auch das wieder beruhigen. Die Dinge der Welt sind in ewigem Steigen und
Fallen und in unaufhrlichem Wechsel, und dieser Wechsel mu Gottes
Wille sein, da er weder der Macht noch der Weisheit die Kraft verliehen
hat, ihn aufzuhalten und ihn zum Stillstand zu bringen. Die groe Lehre
ist auch hier, da man seine Krfte in solchen Zeiten doppelt anstrengen
mu, um seine Pflicht zu erfllen und das Rechte zu tun, da man aber
fr sein Glck und seine innere Ruhe andere Dinge suchen mu, die ewig
unentreibar sind.

Leben Sie recht wohl, erhalten sie sich heiter und seien Sie meiner
aufrichtigen und unvernderlichen Teilnahme versichert.           H.



_Tegel_, den 6. Oktober 1830.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 28. v. M. erhalten und danke
Ihnen sehr dafr. Es war hier seit acht bis zehn Tagen auerordentlich
schnes Wetter, ich habe es recht genossen und bin die Nachmittage
meistenteils ganz drauen gewesen. Ich fahre fort so wohl und gesund zu
sein, da, wenn ich auch auf alles einzelne an mir acht geben wollte,
ich nicht wte, worber ich zu klagen htte. Es ist vielleicht unrecht,
das so zu preisen und das Schicksal gleichsam herauszufordern und
gewissermaen das Glck zu _berufen_. Grtenteils ist das Aberglaube,
aber doch nicht ganz. Wenn das Rhmen mit etwas Gutem mit einer
vermessenen, inneren Zuversicht oder mit groer und ngstlicher
Bangigkeit vor dem Umschlagen verbunden ist, so schlgt es wirklich
leicht um. Man nenne es eine Strafe Gottes, oder man glaube, da es ein
fr allemal in der sittlichen Weltordnung so eingerichtet sei, da das
sich berhebende wieder gedemtigt werden mu, so ist die Sache nicht
abzuleugnen. Die Erfahrung lehrt sie, sie liegt im Glauben aller uns
bekannten Zeitalter und Nationen, viele haben sie in denkwrdigen
Sprichwrten, auch in Erzhlungen, berlieferten und erdichteten,
niedergelegt. Auf mich findet das indes keine Anwendung. Ich spreche
gegen Sie mein Wohlsein und meine Gesundheit aus, weil ich wei, da es
Sie freut und Ihnen eine Beruhigung ist und Trost, und weil das
Aussprechen die natrliche Regung eines gegen das Schicksal dankbaren
Gemts, ja selbst ein Dank ist, ohne da man etwas hinzufgt. Ich hege
dabei keine Vermessenheit; ich habe, und gerade jetzt, wo viel ueres
wankend werden kann, das klare Bewutsein, da alles, was jetzt die
uere Lage eines Menschen ruhig, sorgenlos, genureich und selbst
beneidenswert macht, sich, ohne da man es ahnt, umwenden kann; viel
leichter noch die Gesundheit in hheren Jahren. Ich habe aber darber
nicht die mindeste ngstlichkeit. Ich geniee alles dankbar, was von
auen kommt, aber ich hnge an nichts. Ich lebe durchaus nicht in
Hoffnungen, und da ich nichts von der Zukunft erwarte, so kann sie mich
auch nicht tuschen. Ich mu offenherzig gestehen, da ich, wre es auch
unrecht, nicht an einer Hoffnung jenseits des Grabes hnge. Ich glaube
an eine Fortdauer, ich halte ein Wiedersehen fr mglich, wenn die
gleich starke gegenseitige Empfindung zwei Wesen gleichsam zu einem
macht. Aber meine Seele ist nicht gerade darauf gerichtet. Menschliche
Vorstellungen mchte ich mir nicht davon machen, und andere sind hier
unmglich. Ich sehe auf den Tod mit absoluter Ruhe, aber weder mit
Sehnsucht noch mit Begeisterung. In der Gegenwart suche ich mehr
Ttigkeit als Genu. Im Grunde ist aber dieser Ausdruck unrichtig. Der
Genu entsteht durch die Ttigkeit, beide sind also immer verbunden. Es
gibt allerdings auch Genu, der wie eine reine Himmelsgabe uns
zustrmt. Den kann man aber nicht suchen, und es ist beklagenswert, wenn
sich die Sehnsucht auf einen solchen heftet. Aber der groe Genu, das
groe Glck, das wahrhaft durch keine Macht entreibare, liegt in der
Vergangenheit und in der gewissen Betrachtung, da das groe Glck zwar
ein groes, schtzenswrdiges Gut, aber da doch die Bereicherung der
Seele durch Freude und Schmerz, die Erhhung aller edeln Gefhle der
wahre und letzte Zweck ist, brigens alles in der Welt wechselnd und
seiner Natur nach vergnglich ist. Durch diese Ansicht versinkt das
Leben in der Vergangenheit nicht in ein dumpfes Brten ber vergangene
Freuden oder empfundene Leiden, sondern verschlingt sich in die innere
Ttigkeit, welche das Gemt in der Gegenwart beschftigt. So ist es in
mir, und da die Gefhle, auf welchen mein Leben beruht, jetzt alle in
die Vergangenheit entrckt sind, auf eine zwar von Wehmut begleitete,
aber ein so ses und so sicheres, von Menschen und Schicksalen so
unabhngiges Glck gebende Weise, da nichts es zu entreien, ja selbst
nur zu schwchen vermag.

Ich bitte Sie, Ihren nchsten Brief am 26. d. M. zur Post zu geben; wenn
Sie frher schreiben, ist mir Ihr Brief immer und an jedem Tage
willkommen.

Leben Sie herzlich wohl. Mit aufrichtiger und unvernderter Teilnahme
der Ihrige.           H.



_Tegel_, den 6. November 1830.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren am 26. v. Mts. abgegangenen Brief vor
einigen Tagen empfangen und danke Ihnen herzlich dafr. Er ist in einer
so ruhigen Stimmung geschrieben, da er mir dadurch doppelt erfreulich
geworden ist. Denn ich bin berzeugt, da gerade diese Stimmung auch fr
Sie die beglckendste ist. Der schne Herbst ist aber auch recht
gemacht, der Seele und dem Gemt so viel Heiterkeit und eine so
lebendige Farbe zu geben, als ein jeder nach seinem inneren Zustande in
sich aufzunehmen fhig ist. Ich denke, ich erinnerte mich nie eines so
schnen und bestndigen Oktobers und beginnenden Novembers. Im vorigen
Jahre lag um diese Zeit schon Schnee, der dann auch den ganzen Winter
liegen blieb. Jetzt ist die Luft milde wie im Sommer, und kaum da hier
und da ein Regentag das wolkenlose Blau des klaren Himmels unterbricht.
Gestern leuchteten schon die Steine sehr hell, als ich vom Spaziergange
zurckkam, und auch heute war es noch lange nach Sonnenuntergang sehr
schn. Die Monatsrosen sind in der reichsten, ppigsten Blte. Es ist
wirklich etwas Ungewhnliches in dieser Witterung, als wollte der Himmel
der Erde eine Entschdigung fr den letzten langen Winter angedeihen
lassen. Wie sehr ich mich aber auch freue ber das schne Wetter, so
liebe ich doch eigentlich den Herbst nicht. Die Entbltterung der Bume
hat etwas so Trauriges und gibt der Natur, die erst berall Flle,
Reichtum und ppigkeit ist, den entgegengesetzten Charakter der
Drftigkeit. Die herbstlichen Bume haben auch fr mein Gefhl etwas
noch mehr Widerwrtiges als im Winter. Dann ist die Zerstrung
wenigstens vorber, im Herbst aber stellt sie sich noch im Werden selbst
dem Auge dar. Die armen Bume sehen so vom Winde gezaust und mihandelt
aus, da man Mitleid, wie mit Menschen, mit ihnen haben mchte. Im
frheren Herbst lieben viele Leute die mannigfaltigen Farben, welche
dann das Laub annimmt. Ich habe das oft rhmen hren. Ich selbst aber
habe nie Gefallen daran finden knnen und htte diese Farbenpracht gern
der Natur geschenkt. Wie viel schner ist das allgemeine Grn des
Sommers, und man htte sehr unrecht, dieses einfrmig zu nennen. Es hat
vom Zarten und Hellen an bis zum tiefsten Dunkel so mannigfaltige
Nancen, da auch der Wechsel und die Schattierungen das Auge erfreuen.
Diese Farbennancen sind aber milde und fein und nicht so grell als die
herbstlichen Farben.

Die Versicherungen, die Sie mir geben, da Sie nicht unruhig, nicht
bekmmert sind, haben mich sehr gefreut, und ich glaube Ihnen gern. In
dem Sinne, in welchem Unruhe und Unzufriedenheit zu tadeln sind,
schreibe ich sie Ihnen auch nicht zu. Da Sie bewegt und leicht gerhrt
sind, ist natrlich und schn. Auch Mdigkeit am Leben begreife ich
sehr, obgleich ich dies Gefhl nie gehabt habe. Allein selbst ohne
unglcklich zu sein, kann das Leben leicht Mdigkeit einflen, ich
mchte sagen, es mu es sogar, sobald es dem Menschen aufhrt als ein
Fortschreiten in irgendeiner Art zu erscheinen und ihm zu einem
Rundgange wird, auf dem nun nichts Neues mehr erscheint. Auf diese Weise
fhlt man das Nichtige, was das Leben sogleich hat, als man es mit dem
hchsten Geistigen vergleicht, was aber verschwindet, solange man es als
eine Stufe zu hherem Fortschreiten ansehen kann.

Ich wei nicht, liebe Charlotte, ob zu einer geistigen Beschftigung,
wie ich Ihnen riet, es so vieler und so absichtlicher Zurstungen
bedrfe. Wie ich Ihnen zuerst davon schrieb, war wenigstens das mein
Gedanke nicht. Zu dieser Beschftigung gehrt gerade Freiheit, und die
wird durch so planmig angelegte Lektre gehemmt. Mir scheint eine ganz
entgegengesetzte Methode viel einfacher. Wozu soll man gerade wissen und
lernen? Es ist viel besser und viel wohlttiger, zu lesen und zu denken.
Das Lesen soll nmlich blo den Stoff zum Denken hergeben, weil man doch
einen Gegenstand haben mu, einen Faden nmlich, an dem man die Gedanken
aneinander reiht. Hierzu braucht man aber beinahe nur zufllig ein Buch,
wie es sich findet, in die Hand zu nehmen, kann es auch wieder weglegen
und mit einem anderen vertauschen. Hat man das einige Wochen getan, so
mte es einem an aller geistigen Lebendigkeit und Regsamkeit fehlen,
wenn man dann nicht von selbst auf Ideen geriete, die man Lust htte
weiter zu verfolgen, Dinge, ber die man mehr zu wissen verlangte; so
entsteht dann ein eigen gewhltes Studium, nicht ein durch fremden Rat
gegebenes. So, dchte ich, htte ich es alle Frauen machen sehen, die
gern in ihrem Innern ein reges geistiges Leben fhrten. Sehen Sie nun
zu, da wir die Sache jetzt besprochen und von manchen Seiten berlegt
haben, welchem Vorschlage Sie folgen wollen. Schon das bloe Nachdenken
ber die Wahl einer Beschftigung ist selbst eine Beschftigung, und die
Vorbereitungen gewhren schon einen Teil des Nutzens der Sache selbst.
Ich werde Ihnen gern bei allem, soviel ich kann, behilflich sein.

Ich bitte Sie, Ihren nchsten Brief am 23. d. M. auf die Post zu geben.
Ich wnsche von Herzen, da Sie gesund bleiben mgen, und wenigstens
nichts ueres Ihre Ruhe stre. Erhalten Sie sich dann auch die innere,
und seien Sie von meiner unvernderlichen Teilnahme und Freundschaft
berzeugt. Ihr               H.



_Tegel_, den 4. Januar 1831.

Da ich jetzt wenige Briefe selbst schreibe, so fiel es mir auf, als ich
die Jahreszahl hinkritzelte, denn wirklich nur Kritzeln kann ich mein
jetziges Schreiben nennen, da ich dies in diesem Jahre zum ersten Male
tue. Nehmen Sie also auch, liebe Charlotte, meinen herzlichen
Glckwunsch an. Mge nichts ueres, Widerwrtiges Ihnen zustoen, und
mgen Sie immer die ntige Strke haben, sich die innere Ruhe zu
erhalten, wenn sie, wie man bei menschlichen Schicksalen nie eine
sichere Brgschaft hat, einmal bedroht wrde. Nach der Art, wie die
Menschen, vorzglich die hheren Stnde, leben, hat, genau genommen, der
Jahreswechsel seine wahre Bedeutung verloren. Im Grunde fngt mit jedem
Tag ein neues Jahr an. Nur die Jahreszeiten machen einen wirklichen
Abschnitt. Diese aber haben bei uns kaum auf mehr als unsere
Annehmlichkeit und Bequemlichkeit Einflu. Mir ist aber demohngeachtet
ein neues Jahr immer eine Epoche, die mich aufs neue in mir selbst
sammelt. Ich bergehe, was ich getan habe, etwa noch tun mchte, ich
gehe mit meinen Empfindungen zu Rate, mibillige oder billige, befestige
mich in alten, mache neue Vorstze und bringe so gewhnlich die elften
Tage des Jahres mig und arbeitslos hin. Ich lchle dann selbst, da
ich die guten Vorstze mit Miggang verbringe, aber es ist nicht sowohl
Miggang als Mue, und diese ist bisweilen heilsamer als Arbeit. Worauf
aber diese periodischen Betrachtungen immer und gleichmig
zurckkommen, ist die Freude, da ein Jahr mehr sich an das Leben
angeschlossen hat. Es ist dies keine Sehnsucht nach dem Tode, diese habe
ich schon darum nicht, weil ja Leben und Tod, unabnderlich miteinander
zusammenhngend, nur Entwickelungen desselben Daseins sind, und es also
unberlegt und kindisch sein wrde, in demjenigen, was moralisch und
physisch seinen Zeitpunkt der Reife haben mu, durch beschrnkte Wnsche
etwas ndern und verrcken zu wollen. Es ist auch nicht, ja noch viel
weniger berdru am Leben. Ich habe dieselbe Empfindung in den
genureichsten Zeiten gehabt, und jetzt, da ich gar keiner ueren
Freude mehr empfnglich bin, wenigstens keine suche, aber still in mir
und der Erinnerung lebe, kann ich noch weniger dem Leben einen Vorwurf
zu machen haben. Aber der Verlauf der Zeit hat in sich fr mich etwas
Erfreuliches. Die Zeit verluft doch nicht leer, sie bringt und nimmt
und lt zurck. Man wird durch sie immer reicher, nicht gerade an
Genu, aber an etwas Hherem. Ich meine damit nicht gerade die blo
trockene Erfahrung, nein, es ist eine Erhhung der Klarheit und der
Flle des Selbstgefhls, man ist mehr das, was man ist, und ist sich
klarer bewut, wie man es ist und wurde. Und das ist doch der
Mittelpunkt fr des Menschen jetziges und knftiges Dasein, also das
Hchste und Wichtigste fr ihn. Das wird Ihnen, liebe Charlotte, mehr
und besser zeigen, wie ich es meine, wenn ich das Alter der Jugend
vorziehe. Mein eigentlicher Wunsch wre aber, da ich allein alt wrde
und alles um mich her jung bliebe. Damit wrden dann auch die anderen
zufrieden sein und gegen diese Selbstsucht keine Einwendung machen.
Ganz im Ernst zu sprechen, obgleich auch das mein Ernst ist, ich meine
nur in dem Ernst zu sprechen, den auch andere dafr nehmen wrden -- so
bin ich weit entfernt zu verkennen, da die Jugend im gewissen und im
wahren Sinne eigentlich nicht blo schner und anmutiger, sondern auch
in sich mehr und etwas Hheres ist als das Alter. Eben weil wenig
einzelnes entwickelt ist, wirkt das Ganze mehr als solches; auch
entwickelt das Leben nicht immer alle Anlagen, oft nur wenige, da ist
dann die Jugend wirklich mehr. Auch liegt da in beiden Geschlechtern ein
groer Unterschied. Dem Manne wird es viel leichter, den Schein und
selbst die Wirklichkeit zu gewinnen, als sei er im Alter mehr und viel
mehr geworden. Man schtzt in ihm viel mehr die Eigenschaften, die
wirklich dem Alter mehr angehren, und erlt ihm die Frische und den
Reiz der jngeren Jahre. Er kann immer Mann bleiben und selbst mehr
werden, wenn er auch die krperliche Kraft sehr einbt. Bei Frauen ist
das nicht ganz der Fall, und die Strenge der Willensherrschaft, die Hhe
der freiwilligen Selbstverleugnung, durch die das weibliche Alter sich
eine so jugendliche Kraft erhalten kann, haben nur wenige den Mut sich
anzueignen. Allein auch in Frauen bewahrt das Alter vieles, was man in
ihrer Jugend vergebens suchen wrde, und was jeder Mann von Sinn und
Gefhl vorzugsweise schtzen wird.

ber Ihre Beschftigung mit Palstina freue ich mich sehr. Es ist Ihnen
gewi wohlttig, nicht ewig mit derselben Arbeit beschftigt zu sein und
nicht, wenn Sie dieselbe verlassen, sich wieder blo Selbstbetrachtungen
zu berlassen, sondern sich mit einem ueren, den Geist anziehenden
Gegenstand zu beschftigen. Man kehrt durch einen solchen dennoch
mittelbar in sich zurck.

In dem, was Sie ber den Unterschied zwischen der neueren Geschichte und
dem Altertum sagen, stimme ich Ihnen vollkommen bei. Man befindet sich
auf einem ganz anderen Boden im Altertum. Es erging zwar den Menschen in
jenen fernen Jahrhunderten auch wie uns jetzt. Aber die Verhltnisse
waren natrlicher, einfacher, und wurden, was die Hauptsache ist,
frischer aufgenommen, ergriffen, behandelt und umgestaltet. Auch ist die
Darstellung wrdiger, hinreiender und vor allem poetischer, die Poesie
war damals noch wahre Natur, nicht eine Kunst, sie war noch nicht
geschieden von der Prosa. Dies poetische Feuer, diese Klarheit
anschaulicher Schilderung verbreitet sich nun fr uns ber das ganze
Altertum, das wir nur durch diesen Spiegel kennen. Denn allerdings
mssen wir uns sagen, da wir wohl manches anders und schner sehen, als
es war. Ich will damit nicht geradezu sagen, da die Art, wie die Dinge
erzhlt werden, unrichtig sei. Das nicht. Aber das Kolorit ist ein
anderes. Wir sehen die Menschen und ihre Taten in anderen Farben. Auch
fehlen uns eine Menge kleiner Details, wir sehen nicht alle, oft nur die
hervorstechenden, wenn auch nicht mit Flei ausgewhlten Zge. So wird
alles berraschender und kolossaler.

Ich vermute, da Sie bei dem schnen, gelinden und oft sonnigen Wetter
auch tglich Ihren Garten besuchen. Ich lasse keinen Tag ohne
Spaziergang vorbergehen. Die Sonne aber entgeht mir bisweilen, da ich
mich in meinen Spaziergngen nicht nach ihr richte. Ich gehe immer
Sommers und Winters am Nachmittag, und die Sonne versteckt sich hier in
diesen Tagen um Mittag in Nebel.

Meine Gesundheit, denn ich sehe, da ich noch nicht von ihr gesprochen,
ist sehr gut. Ich habe bis jetzt in diesem Winter nicht einmal einen
Schnupfen gehabt. Ich knnte also nur ber Altersschwchen klagen; diese
sind aber natrlich, und ich ertrage sie, ohne mich ber sie zu wundern.

Ich bitte Sie, liebe Charlotte, Ihren nchsten Brief am 25. d. M. zur
Post zu geben. Leben Sie nun recht wohl und rechnen Sie immer auf meine
unvernderliche Teilnahme.    H.



_Tegel_, den 6. April 1831.

Ich habe diesmal, liebe Charlotte, keinen Brief von Ihnen seit meinem
letzten bekommen, habe also keinen zu beantworten vor mir. Der Grund
Ihres Nichtschreibens knnte in Ihren Augen liegen, was mich sehr
schmerzen sollte, dann htten Sie aber doch wohl einige Zeilen
geschrieben; auch wenn Sie krank geworden, wrden Sie es mir gewi
gesagt haben. Die natrlichste Vermutung ber die Grnde Ihres
Stillschweigens scheint mir daher die, da Sie gefrchtet haben, mir
gerade in den Wochen zu schreiben, wo der Verlust mich traf, in den
seitdem meine Seele einzig versenkt ist. Ich danke Ihnen in der Tiefe
meiner Seele fr diese Zartheit. Ihr Brief wrde mir zwar gleiche Freude
gemacht haben als alle anderen. Man feiert die Toten nicht wrdig durch
verringerte Teilnahme an den Lebendigen, oder wenn man sich entzieht,
ihnen hilfreich zu werden, und am wenigsten pat das fr die, welche ich
betraure. Aber die Empfindung in Ihnen ist so natrlich, sie entspricht
so sehr Ihrem Gefhl und Ihren Gesinnungen, ist so edel und zart, da
sie mich lebhaft gerhrt hat.

Ich bin den ganzen Mrz hindurch nur einen Tag in Berlin gewesen und
habe hier, teils allein, teils mit meinen Kindern, einer
beneidenswrdigen Ruhe genossen. Auch war das Wetter nur selten
unfreundlich, und es hat mich nicht gehindert, tglich auszugehen. Jetzt
beginnt der Frhling sehr schn, und ich denke mir, da auch Sie dies
jugendliche Erwachen der Natur in Ihrem Garten genieen. Ich wei nicht,
ob Sie auch wohl darauf geachtet haben, was ich in sehr verschiedenen
Klimaten, auch in Spanien und Italien, gefunden habe, da, wenn die
Tage auch noch so regnerisch sind, sich der Himmel aufhellt um die Zeit
des Sonnenunterganges. Meist hrt der Regen auf eine halbe Stunde vor
und nach Sonnenuntergang. Dies ist auch die gewhnliche Zeit meiner
Spaziergnge. Die Wolkenerscheinungen sind dann die grten, schnsten
und glnzendsten, und seit meiner Kindheit machen sie den grten Teil
meiner Freude an der Natur aus. Wie man auch darber nachdenken mag, ist
es schwer zu sagen, worin der Reiz eigentlich besteht. Gewi ist es
nicht das sinnliche Farbenspiel, wie schn und prachtvoll es auch ist,
allein. Das mannigfache Schauspiel am Himmel regt die Seele tiefer und
lebendiger an, als es jeder irdische Reiz tun knnte. Da es vom Himmel
kommt, zieht wieder zum Himmel hin. Freilich allemal wehmtig, aber doch
gro und im Tiefsten ergreifend ist das allmhliche Verglhen der
Farben, das Ersterben des Glanzes, der zuletzt, noch ehe er der
Dunkelheit Platz macht, von einem falben Grau berzogen wird. Ich kann
mich dabei nie erwehren, an etwas Ernsteres und Wichtigeres zu denken.
Es gibt zwar vorzglich in den hher und innerlich Gebildeten, aber mehr
oder minder doch in allen, eine Menge von Gedanken, die nie zu einer Tat
werden, nie ins wirkliche Leben treten, sondern still und nur dem
bewut, der sie hat, im Busen verschlossen bleiben. Es entspringt aber
aus ihnen, und oft viel mehr als aus Reden und Taten, Freude und Leid,
Glck und Elend. Ihr Hin- und Herfluten im Gemte, die Bewegung, in die
sie versetzen, lt sich in vielem jenen farbig flammenden
Himmelserscheinungen vergleichen. Fr den Ernst des ueren Lebens sind
sie wirklich, sich mit ihm nicht mengend, luftige Wolkengebilde. Sie
verschwinden auch wie diese und lassen in der Seele eine Khle und Leere
zurck, die sich dem Grau der Dmmerung und dem Dunkel der Nacht
vergleichen lt. Sind sie aber darum dahin? Kann das, was das Gemt so
bewegt, so aus seinem innersten Grunde erschttert hat, ganz wieder
untergehen? Dann knnte der ganze Mensch selbst vielleicht auch nur eine
vorbergehende Wolkenerscheinung sein. Sie werden mir einwenden, da es
auf jeden Fall, wie alles, was einmal im Gemt gewesen ist, auf dieses,
auf den Geist und Charakter zurckwirkt und in dieser Zurckwirkung
fortlebt. Allein das ist doch nicht genug. Es mte doch von bestimmten
Seelenbewegungen auch etwas Bestimmtes ausgehen. Diese Gedanken
ergreifen mich meistenteils, wenn ich den Himmel am Abend oder vor oder
nach einem Gewitter ansehe. Ich habe aber, wenn ich es gleich nicht
erklren und beweisen kann, ein festes Ahnungsgefhl, da jene
Gedankenerscheinungen auf irgendeine Weise wieder aufflammen und einen
Einflu ausben, der bedeutender ist als gewhnlich so hochgeachtete
Reden und Handlungen. Der Mensch mu sich nur ihrer wrdig erhalten,
auf der einen Seite nicht trocken und nchtern, auf der anderen Seite
nicht schwrmerisch und wesenlos werden, vor allen Dingen aber
selbstndig sein, die Kraft besitzen, sich selbst zu beherrschen, und
den inneren Gang seiner Gedanken allem ueren Genu und Treiben
vorziehen.

Indem ich auf das Geschriebene zurcksehe, mu ich Sie, liebe Charlotte,
ordentlich um Verzeihung bitten, Ihnen so allgemeine Dinge und
Betrachtungen zu schicken. Aber es ist dies neben dem Andenken an die
Vergangenheit, die nie fr mich zurckkehren kann, das einzige, worin
ich lebe. Solche Ideen schlieen sich an meine wissenschaftlichen
Berhrungen an, und so haben Sie den ganzen Kreis, worin ich lebe, wenn
ich in mir sein kann, und aus dem ich nur halb und geteilt herausgehe,
wenn mich Pflicht oder freiwillige Sorge fr andere herausruft. Diese
Art zu sein hat sich ohne mein Zutun in mir gestaltet. Ich bin mir
bewut, da ich sie nicht absichtlich hervorgerufen habe. Ich wrde auch
nicht entgegenarbeiten, wenn ich pltzlich fhlte, da es anders in mir
wrde, da ich wieder Lust an den Dingen htte, die mich vor jenem
Schlage erfreuten, da ich mich wieder freiwillig ins Leben mischte, da
ich anderer Freude fhig sei, als die ich aus mir selbst und der
Vergangenheit schpfe, so wrde ich mich frei darin gehen lassen, wenn
ich mir auch selbst gestehen mte, da diese nderung meine innere
parteilose Billigung nicht erhalten knnte. Ich denke nicht einmal
daran, ob meine jetzige Stimmung mich bis ans Ende meiner Tage
begleiten, oder ob die Zeit, wie die Leute so und nicht ganz mit Unrecht
sagen, auch meine Gefhle abstumpfen und abndern wird. Ich bin hierin
nicht blo allem Affektierten, sondern auch allem Absichtlichen feind.
Kann das Gefhl, das ich, seit ich eine solche Verbindung kannte, immer
gehabt habe, da es eine innere Verbindung zwischen Menschen gibt, deren
Auflsung dem Zurckbleibenden alle Fhigkeit, alle Neigung und allen
Wunsch nimmt, anderswoher Glck und Freude zu schpfen, als aus sich
selbst und dem Andenken, kann, sage ich, dies Gefhl untergehen, so mge
es pltzlich verschwinden oder nach und nach ersterben. Im Reiche der
Empfindungen mu nichts lnger leben, als es innere Kraft zu leben hat.
Bis jetzt ist es nur immer in mir gewachsen, und ich verdanke ihm alles,
was ich seit jener gewaltsamen Zerreiung an innerer Strke, Beruhigung
und wirklicher Heiterkeit genossen habe, und was mir kein Mensch auf
Erden, selbst meine Kinder nicht, ohne jenes Gefhl htten geben knnen.
Ich empfinde die Wohlttigkeit dieses Gefhls auch an der greren
Klarheit und Sicherheit meiner Ideen und Empfindungen. Denn, wenn ich
auch zu manchen ueren Geschften weniger geschickt sein mag als sonst,
so fhle ich dagegen deutlich, da meine Ideen in jeder Rcksicht
lichtvoller und fester geworden sind.

Ich bestimme Ihnen heute keinen Tag zum Schreiben, da mein Wunsch und
meine Bitte dahin geht, da Sie mir so bald schreiben mgen, als Sie
knnen. Mit unvernderlicher Teilnahme und Freundschaft der Ihrige.
                                                                   H.



_Tegel_, den 6. Mai 1831.

Unmittelbar nach dem Abgang meines letzten Briefes an Sie, liebe
Charlotte, empfing ich den Ihrigen und ersah daraus, da ich die Ursache
Ihres verzgerten Schreibens richtig erraten hatte. Bald darauf erhielt
ich auch Ihren zweiten Brief.

Ich habe Sie lngst befragen wollen, liebe Charlotte, ob Sie je
Schillers Leben von Frau von Wolzogen gelesen haben. Wo nicht, so rate
ich Ihnen, das Buch ja bald zu lesen. Ich glaube nicht, da es ein
zweites so schn geschriebenes, so geistvoll gedachtes und so tief und
zart empfundenes Buch gibt. Ein Mann knnte garnicht so schreiben, wenn
er auch sonst vorzglich von Kopf und Gemt wre. Unter allem, was ich
bisher von Frauen gelesen habe, wei ich nichts damit zu vergleichen.
Auerdem sind viele Briefe von Schiller in dem Werke, und unter diesen
vortreffliche. Das Buch wird Ihnen Freude machen.

Was ist Poesie? -- sagen Sie und setzen hinzu, ich denke, man mu sie
empfinden. -- Ich bin ganz Ihrer Meinung. Wer recht lebendig empfindet
(denn empfunden mu und kann es eigentlich nur werden), da etwas
poetisch ist, bedarf nicht der Erklrung, und wer kein Gefhl dafr hat,
dem kann alle Erklrung durch Worte nicht helfen. Insoweit es mglich
ist, hat es gewi Schiller getan, der mehr als irgend jemand die Gabe
besa, in Worte zu kleiden, was in seiner eigentmlichen Natur dem
Ausdruck widerstrebt. Beispiele erklren es schon besser. Nehmen wir
zwei gleichzeitige Dichter, die Sie gleich gut kennen, Gellert und
Klopstock. Beide sind miteinander zu vergleichen, weil sie beide
geistliche Stoffe behandelt haben, weil sie gewi beide von gleich edler
Frmmigkeit und gleich reiner Tugendliebe beseelt waren, und endlich
auch, weil sie eine groe und tiefe Wirkung auf die Gemter und die
Herzen ihres Zeitalters hervorgebracht haben. Aber gewi sind Sie meiner
Meinung, da in Klopstock ein ungleich hherer Schwung ist, da man bei
seinen Worten mehr denkt, von ihnen mehr hingerissen wird. Gellerts
Verse sind nur gereimte Prosa, Klopstock war durchaus eine poetische
Natur. -- Ich bitte Sie, Ihren nchsten Brief am 24. abzusenden. Leben
Sie herzlich wohl. Mit der aufrichtigsten Teilnahme und Freundschaft der
Ihrige.     H.



_Tegel_, den 3. Juni 1831.

Ihr Brief vom 22. bis 25. vor. Monats ist mir allerdings so spt
zugekommen, da mich sein Ausbleiben wunderte. Ich wute diesmal
garnicht, welcher Ursache ich Ihr Stillschweigen zuschreiben sollte.
Doch hatte ich keine Besorgnis vor Krankheit, weil ich mich darauf
verlasse, da Sie mir, liebe Charlotte, in einem solchen Fall immer,
wenn auch noch so wenige Worte sagen werden. Desto mehr habe ich mich
jetzt gefreut, einen ausfhrlichen Brief zu erhalten. Wenn ich dies
sage, meine ich nur, da ich die Bltter von Ihrer Hand immer gern lese,
und immer, was Sie betrifft, es sei erfreulich, oder es sei das
Gegenteil, mit wahrer und aufrichtiger Teilnahme mitgeteilt erhalte.
Denn sonst konnte mich das, was Sie mir darin ber den neuen Verlust,
der Sie betroffen, und die Stimmung, in welche Sie dieser Trauerfall
versetzt hat, nur schmerzlich berhren. Auch ganz ohne die Familie zu
kennen, hat der Todesfall dieser jungen Person etwas ungemein Rhrendes.
Er ist sichtbar eine Folge des Todes der Schwester und der, aus Liebe
fr die Dahingegangene, zu beschwerlich in der Besorgung der Kinder und
des Hauswesens bernommenen Anstrengung. Beides vereinigt hier alles,
was das Bedauernswrdige des Falles vermehren kann. Sie sagen, da ein
so frher Tod beneidenswert sei, der eine schne, reine, frische Blte
bricht, ehe der rauhe Nord sie erstarrt, und Sie kommen auch in einer
andern Stelle Ihres Briefes hierauf zurck. Ich erinnere mich sehr wohl,
das gleiche Gefhl vor vielen Jahren bei dem Tode meines ltesten
Sohnes, eines damals zehnjhrigen Knaben, gehabt zu haben. Er starb in
Rom, wo er auch an einem schnen Orte unter nun groen schattigen Bumen
begraben liegt. Er war ein wunderschnes, verstndiges, gutes Kind und
ging aus einer pltzlichen und schnell endenden Krankheit in vollem
Frohsein und voller Heiterkeit hinber. Ich erkenne daher sehr die
Wahrheit jenes Gefhls, allein das Leben hat doch auch seinen Wert,
selbst wenn es der Freuden weniger gibt oder gegeben hat. Es strkt die
Kraft, es reift das Gemt, und ich kann mir wenigstens die berzeugung
nicht nehmen, da das Wichtigste fr den Menschen der Grad der inneren
Vollkommenheit ist, zu dem er gedeiht. Dazu aber trgt das Leben selbst
in seinen Strmen, und seinen rauhen Strmen, mchtig bei. Alle diese
Betrachtungen sind aber nur bis auf einen gewissen Punkt trostreich und
beruhigend. Der Verlust geliebter Personen bleibt in sich unersetzlich,
und der Kummer und Gram darum lindert sich, wie ich sehr gut wei und
empfinde, durch keine Betrachtungen, eher noch in manchen Fllen und bei
manchen Gemtern durch den ruhigen Verlauf der Zeit. Da Sie schon sehr
einsam leben, so begreife ich noch mehr und fhle noch lebhafter, wie
dieser unerwartete Verlust Sie auf einmal noch viel schmerzlicher
trifft. Wenn die Aufrichtigkeit und die Wrme meiner Teilnahme dazu
beitragen kann, Ihrem Kummer Linderung zu gewhren, so zhlen Sie mit
Sicherheit auf beide. Sie kennen meine Gesinnungen fr Sie, Sie wissen,
da dieselben vom ersten Augenblicke an, wo Sie sich nach einer
bedeutenden Reihe von Jahren an mich wandten anteilvoll und wohlwollend
gewesen sind, ob gleich ich in der ganzen Zwischenzeit nichts von Ihnen
wute, und unsere Jugendbekanntschaft nur das Werk weniger Tage war.
Dieser Ihnen aus dem reinen Wunsche, wohlttig und erheiternd auf Sie,
Ihre Stimmung und Ihr Leben einzuwirken, gewidmete Anteil wird Ihnen
bleiben, und Sie knnen sich versichert halten, da er sich bei jedem
kleineren und greren Vorfall Ihres Lebens aufs neue beweisen wird. Je
mehr ich in mir selbst lebe, je mehr ich in dem Zustand bin, nichts von
auen empfangen zu wollen, je freier ich mich in die Lage versetzt habe,
ohne alle Rcksicht jede Gemeinschaft, auer der mit meinen Kindern,
zurckzuweisen, desto freier, reiner und forderungsloser ist auch mein
Anteil an denen, von welchen ich wei, da sie ihn gtig aufnehmen und
da er ihnen Freude macht. Ich sehe und empfinde die Ereignisse des
Lebens jetzt mehr in anderen als in mir selbst, ich bin ruhig und in
Erinnerungen und Betrachtungen, wenn auch oft wehmtig, dennoch heiter.
Meine Freunde und Bekannten, die das wissen, lassen mich gewhren und
stren mich in diesem abgeschlossenen Kreise nicht; aber mein Anteil an
Ihnen und Ihrem Schicksal ist gleich gro.

ber meine Gesundheit kann ich Ihnen nur Gutes sagen. Ich kann ber
keine Krnklichkeit, nur ber die Schwchlichkeiten klagen, die Sie
lngst kennen. Sie rhmen, liebe Charlotte, meine feste Hand und freuen
sich darber. Ihr Urteil hierin ist auch mir darum um so wichtiger, als
Sie die erste waren, die mich auf die Schwche und das Zitterhafte
meiner Hand aufmerksam machte. Ich wunderte mich damals darber, wie
einer, der etwas von sich erfhrt, was er selbst nicht gewut hat, ich
bemerkte aber, da Ihre Bemerkung ganz richtig war. Ich habe seit dem
Winter etwas gebraucht, was das Zittern der Glieder und die Schwche der
Hand heben soll. Gegen das erste hat es sichtbar geholfen, vielleicht
auch gegen das letzte, doch glaube ich das eigentlich nicht. Was Ihnen
den Eindruck gemacht, schreibe ich mehr der Methode zu, die ich
angenommen habe, wie die Kinder auf Linien zu schreiben, dies hlt die
Zge und die Hand mehr in Ordnung. Mein Arzt schliet aus der Wirkung
der verordneten Mittel, da die Ursache der Schwche im Rckgrat liegt,
und rt zum Gebrauch eines krftigen Seebades. Ich werde also in diesem
Sommer nicht Gastein, sondern Norderney gebrauchen. Sie wissen wohl, da
dies eine Insel ist, welche der Stadt Aurich in Ost-Friesland gegenber
liegt. Meine lteste Tochter wird mich begleiten, und ich werde eine
Reise auf eines meiner Gter damit verbinden.

Leben Sie herzlich wohl; mit dem innigsten
Anteil der Ihrige.                     H.



_Oschersleben_, den 3. Juli 1831.

Ich sehe aus Ihrem Briefe, da Sie Ihren Reiseplan aufgegeben haben, und
kann das nur billigen. Solange man noch in seinen huslichen
Gewohnheiten ruhig ist, fhlt man in diesen wohl eine gewisse ermdende
Einfrmigkeit, die auf eine Reise mit Vergngen hinblicken lt. Wenn
aber der Zeitpunkt kommt, sich loszureien, so fhlt man alles
Beschwerliche und Unerfreuliche, das nicht heimisch scheint, und lernt
erst den Wert der gewhnlichen Existenz in alledem erkennen, was einen
alle Tage umgibt. Ich selbst habe mich diesmal hchst ungern zur Badekur
entschlossen und htte es nicht getan, wenn ich nicht glaubte, da ohne
die Kur die Schwchlichkeiten, an denen ich leide, und die doch meine
freie Ttigkeit hemmen, zu sehr anwachsen knnten. Interesse finde ich
an der Reise garnicht. Einige Menschen in den Orten, durch die ich
reise, sehe ich allerdings gern wieder, aber das wiegt doch die vielen
anderen Unbequemlichkeiten, und besonders den Zeitverlust, nicht auf. Zu
dem allen kommt die Ungewiheit der Zeiten.

Sie reden in Ihrem Briefe ber den Wert des Lebens und uern, da ihn
die geschwchten Krfte des Alters noch mindern. Wenn man von dem
Glckswert des Lebens spricht, so gebe ich gern zu, da man ihn nicht
immer hoch anschlagen kann. Ich behaupte sogar, da alle, die ungefhr
in meinem Alter sind, von der jetzigen Zeit wenig oder nichts
Erfreuliches zu erwarten haben knnen, denn in allem, was das
menschliche Leben uerlich angeht, trben sich die Aussichten,
verwirren sich die Begriffe bis zu den verschiedensten Meinungen, und
die Jahre, die ich noch zu leben habe, werden nicht hinreichen, dies zu
lsen. Ist es aber recht und erlaubt, den Wert des Lebens wie den eines
andern Guts zu schtzen? Das Leben ist dem Menschen von Gott gegeben, um
es auf eine ihm wohlgefllige pflichtgeme Weise anzuwenden und im
Bewutsein dieser Anwendung zu genieen. Es ist uns allerdings zum Glck
gegeben. Dem Glck ist aber immer die Bedingung gestellt, da man es
zuerst, und wenn die mancherlei Tage Prfungen mit sich fhren, allein
in der mit Selbstbeherrschung gebten Pflicht finde. Ich frage mich
daher nie, welchen Wert das Leben noch fr mich hat, ich suche es
auszufllen und berlasse das andere der Vorsehung. Die Schwchung,
welche die Krfte durch das Alter erfahren, kenne ich sehr wohl aus
eigener Erfahrung, aber ich mchte darum nicht zurcknehmen, was ich
Ihnen neulich schrieb, da der Zweck des Lebens eigentlich der ist, zu
der hchsten, dem inneren Geistesgehalt des Individuums, von dem die
Rede ist, den Umstnden und der Lebensdauer angemessenen Erkenntnisreife
zu gedeihen. Es gibt allerdings Flle, wo das Alter alle Geisteskrfte
vernichtet. So war es mit Campe, der die letzten fnf Jahre seines
Lebens hindurch blo vegetierte, und von dem man kaum sagen konnte, da
er wieder zum Kindesalter zurckgekehrt war. ber diese Flle ist nichts
zu sagen. Der Mensch hrt in ihnen menschlich auf zu sein, ehe er
physisch stirbt. Sie sind aber glcklicherweise selten. Die gewhnlichen
Altersschwchen gehen mehr den Krper an, und im Geiste bleibt die Kraft
des Entschlusses, seine Schnelligkeit und Ausdauer, das Gedchtnis, die
Lebendigkeit der Teilnahme an ueren Begebenheiten. Das in sich
gekehrte Denkvermgen und das Gemt bleiben nicht nur in den meisten
Fllen ungeschwcht, sondern sind reiner und minder getrbt durch
Verblendung und Leidenschaften. Gerade aber diese Krfte sind es, die am
besten und sichersten zu der oben erwhnten Reife der Erkenntnis fhren.
Sie wgen in den hheren Jahren, die keine Ansprche mehr an Erfolge des
Glcks und Vernderung der Lage machen, am richtigsten den wahren Wert
der Dinge und Handlungen ab und knpfen das Ende des irdischen Daseins
an die Hoffnung eines hheren an; sie lutern die Seele durch die ruhige
und unparteiische Prfung dessen, was in ihr im Leben vorgegangen ist.
Niemand mu glauben, mit dieser stillen Selbstbeschftigung schon fertig
zu sein. Je mehr und anhaltend man sie vornimmt, desto mehr entwickelt
sich neuer Stoff zu derselben. Ich meine damit nicht ein unfruchtbares
Brten ber sich selbst, man kann dabei tief mit seinen Gedanken in der
Zeit und der Geschichte leben, aber wenn man dies tut, was nicht
notwendig ist, meine ich nicht das Ziehen jedes Gedankenstoffes in den
Kreis der Irdischkeit, sondern in den hheren, dem der Mensch
vorzugsweise in seinen sptesten Jahren angehrt. Denn dieser zweifache
Kreis ist dem Menschen sichtbar angewiesen. In dem einen handelt er, ist
er geschftig, trgt er im Kleinsten und Grten zu den
Menschenschicksalen bei, davon aber sieht er niemals das Ende, und darin
ist nicht er der Zweck. Er ist nur ein Werkzeug, nur ein Glied der
Kette, sein Faden bricht oft im entscheidendsten Moment ab, der des
Ganzen luft fort. In dem andern Kreise hat der Mensch das Irdische,
nicht dem Erfolg, sondern nur der Idee nach, die sich daran knpft, zum
Zweck und geht mit diesem Streben ber die Grenzen des Lebens hinaus.
Dieses Gebiet ist nur dem einzelnen, aber jedem Menschen fr sich
angewiesen. Die Nationen, das Menschengeschlecht im ganzen, strmen blo
im Irdischen fort. Jeder Mensch dreht sich, wenn er auf sich achtet,
immer in diesen beiden Kreisen herum, aber dem Alter ist der hhere und
edlere mehr eigen, und nicht ohne Grund befallen den Menschen
Altersschwchen, er widmet sich, dadurch gemildert und beruhigt, jenen
hchsten Betrachtungen.

Ich bitte Sie, Ihren nchsten Brief am 20. Juli zur Post zu geben und
nach Norderney ber Aurich zu adressieren. Ich habe diesen Brief im
Hause meines Pchters angefangen und schliee ihn heute, den 6. Juli, in
Zelle. Meine Reise ist, wie es eine so unbedeutende Reise natrlich ist,
ohne alle Abenteuer gewesen. Mit unvernderlicher Teilnahme der Ihrige.
                                                                    H.



_Norderney_, den 26. Juli 1831.

Es kommt mir ordentlich wunderbar vor, liebe Charlotte, nachdem ich
Ihnen mehrere Sommer von den Gebirgen von Gastein aus geschrieben, es
nun von den niedrigen Dnen und der flachen Kste der Nordsee zu tun. Es
interessiert Sie aber wohl auch, imstande zu sein, sich einen Begriff
von dem Seebade und meinen Umgebungen zu machen. Zuerst werden Sie, nach
Ihrer Teilnahme an mir, von meinem Befinden zu hren wnschen. Bis jetzt
kann ich Ihnen nur das Beste davon sagen, und da ich schon heute das
vierzehnte Bad genommen, so hoffe ich, da mein Befinden ferner gut
bleiben wird, obgleich man freilich von Erfolg und Wirkung einer Badekur
erst urteilen kann, wenn sie beendet ist. Aber das Gefhl der
allgemeinen Belebung und Erfrischung, die Freiheit des Kopfes und die
Leichtigkeit in allen Gliedern, unmittelbar wenn man aus der See kommt,
habe ich bis jetzt vollkommen. Das brige und Wesentlichere hoffe ich um
so mehr, als meine Forderungen an die Kur hchst mig sind. Ich bin
vollkommen zufrieden, wenn das bel, um dessenwillen der Arzt wollte,
da ich dies Bad nehmen sollte, im nchsten Jahre nicht zunimmt. Ich bin
nicht so betrt und nicht so unbescheiden gegen das Schicksal, an eine
wirkliche Heilung zu denken. In hheren Jahren mu man sich darauf
gefat machen, gewisse Unbequemlichkeiten in seine Existenz als
unvermeidlich und unabnderlich aufzunehmen. Der menschliche Organismus
und die im Laufe der Zeit natrliche Vergnglichkeit lassen das nicht
anders zu, und die Unbequemlichkeiten, an denen ich leide, sind
berdies, gegen die anderer Menschen gehalten, so leidlich, da ich
doppelt strafbar sein wrde, dadurch ungeduldig gemacht zu werden.

Die Luft wird hier, selbst bei heiterem Sonnenschein, auch in diesem
Monat unaufhrlich durch frische Seewinde abgekhlt, die das Meer bald
nur lieblich kruseln, bald in hohen Wellen bewegen. Dieser Anblick des
Meeres ist fr mich hier dasjenige, was dem Aufenthalt seinen eigenen
Reiz gibt. Ich besuche den Strand gewhnlich jeden Tag mehr als einmal
auer dem Baden und oft auf Stunden. So einfach die Bewegung des Meeres
scheint, so ewig anziehend bleibt es, ihr zuzusehen. Man kann es nicht
mit Worten ausdrcken, was einen gerade daran fesselt, aber die
Empfindung ist darum nicht weniger wahr und dauernd. Viel trgt gewi
die Unermelichkeit der Erscheinung, der Gedanke des Zusammenhanges des
einzelnen Meeres, an dessen Kste man steht, mit der ganzen, Weltteile
auseinander haltenden Masse bei. Diese malt sich wirklich, kann man
sagen, in jeder einzelnen Welle. Das Dunkle, Unergrndliche der Tiefe
tut auch das ihrige hinzu, und nicht blo das der Tiefe, sondern auch
das Unerklrliche, Unverstndliche dieser wilden und unermelichen
Massen der Luft und des Wassers, deren Bewegungen und Ruhe man weder in
ihren Ursachen, noch in ihren Zwecken einsieht, und die doch wieder
ewigen Gesetzen gehorchen und nicht die ihnen gezogenen Grenzen
berschreiten. Denn die bewegtesten Wellen des Meeres laufen in
spielenden Halbkreisen schumend auf dem flachen Lande aus. Schade ist
es, da man hier das Meer nirgends aus den Husern oder doch nur sehr
unvollkommen aus Bodenkammern sieht. Die ganze Insel ist von Dnen,
niedrigen Sandhgeln, umgeben, die man immer erst bersteigen mu, ehe
man an das Ufer kommt. Auf diesen geht man dann aber auch, wenn es die
Zeit der Ebbe ist, besser wie es sonst irgend auf dem Lande mglich ist.
Der Boden ist fest wie eine Tenne, und doch elastischer und minder hart.
Zwischen diesem in der Zeit der Flut immer bespritzten Strande und den
Dnen ist tiefer Sand, und wo diese Strecke sehr breit ist, da gleicht
die Insel einer afrikanischen Wste. Ein Bach ist nirgends, nur teils
gegrabene, teils natrliche Brunnen sen Wassers. Aber auch dies Wasser
ist nicht sonderlich gut. In der Mitte, von den Dnen eingeschlossen,
sind aber grne Anger und Wiesen, auf denen Vieh weidet. Wirklich hohe
Bume hat die Insel garnicht, nur Gestruch; hherem Wuchs widersetzen
sich die Strme, aber von diesem Gestruch sind ganz hbsche Bosketts
und einige gegen Sonne und Wind schtzende Laubengnge angelegt. Es gibt
auf der ganzen Insel nur ein, aber sehr ansehnliches Dorf. In diesem
wohnen auch die Badegste, in kleinen, aber sehr reinlichen Wohnungen.
Die Einrichtung ist hier schon mehr hollndisch und englisch. Was diesen
Fischer- und Schifferhusern, denn das sind die Bewohner grtenteils,
von auen ein geflliges uere und innerlich Freundlichkeit und Licht
gibt, ist, da die Fenster sehr gro sind, hlzerne Kreuze und groe,
helle und gut gehaltene Glasscheiben haben, viel besser, als dies bei
uns manchmal selbst in greren Stdten der Fall ist. Ein Haus gehrt
der Badeanstalt selbst, in diesem wohne ich, es ist aber klein und
gewhrt wenig Vorzge gegen die Wohnungen bei den Dorfbewohnern. Die
Badegesellschaft ist ziemlich zahlreich, obgleich die Furcht vor der
Cholera viele abhlt, in diesem Jahr die Ost- und selbst die
Nordseebder zu besuchen. Fr das Zusammenkommen der Badegste gibt es
ein eigenes Gebude mit Versammlungsslen zum Speisen und zu
Abendgesellschaften. Ich esse aber in meiner Wohnung und bin erst einmal
in jenem Saale gewesen. Doch gibt es einzelne Personen, die mich und die
ich besuche. Was den Aufenthalt in diesem und in allen Seebdern in
Vergleichung mit anderen Bdern angenehmer macht, ist der Umstand, da
man hier nicht von so schweren Kranken und von so groen
Krppelhaftigkeiten hrt und noch weniger sieht. Gegen solche bel ist
das Seebad nicht geeignet, und da es auch immer, um Gebrauch davon
machen zu knnen, noch gewisse Krfte voraussetzt, so knnen so sehr
kranke Personen es nicht benutzen. Ich sehe nur einen Mann hier, der auf
Krcken geht und sich, da der Weg zum Badestrande vom Dorfe nicht ganz
nahe ist, in einer Snfte hintragen lt. So knnen Sie sich nach der
ausfhrlichen Beschreibung meines hiesigen Aufenthaltes ein
anschauliches Bild meines Lebens machen.

Ich habe noch keinen Brief von Ihnen erhalten, glaube aber gewi, da
ich morgen, wo Posttag fr ankommende Briefe ist, einen erhalten werde.
Ich lasse indes den meinigen immer abgehen. Die Briefe bleiben hier
ungewhnlich lange aus. Ich bitte Sie, mir am 5. August hierher, wie ich
Ihnen neulich schrieb, ber Aurich zu schreiben. Mit der herzlichsten
Teilnahme Ihr                          H.



_Tegel_, den 1. Januar 1832.

Ich bin fortdauernd sehr wohl und kann auch weniger ber Schwchlichkeit
klagen als sonst. Das Seebad hat mir offenbar wohlgetan, nur mit dem
Schreiben geht es gleich langsam und schlecht, und die Stumpfheit der
Augen nimmt doch zu. --

Sie freuen sich, da ich mich wieder heiter dem Leben zuwende, und da
Sie liebevollen Anteil an mir nehmen, so knnen Sie sich allerdings
meiner greren Krftigkeit freuen. Mit dem heiteren Zuwenden zum Leben
aber ist es eine eigene Sache. Es ist wahr und nicht wahr zugleich. Ich
hatte mich niemals vom Leben abgewendet, dies zu tun ist ganz gegen
meine Gesinnung; solange man lebt, mu man das Leben erhalten, sich ihm
nicht entfremden, sondern darin eingreifen, wie es die Krfte und die
Gelegenheit erlauben. Das Leben ist eine Pflicht, die man erfllen mu;
man ist allerdings in der Welt, um glcklich zu sein, aber der
Gutgesinnte findet sein hchstes Glck in der Pflichterfllung, und der
Weise trauert nicht, wenn ihm auch kein anderes wird, als was er sich
selbst zu schaffen imstande ist. In einem anderen Sinne aber dem Leben
zugewendet habe ich mich nicht. Die nderung, die das Gefhl grerer
Krftigkeit in mir hervorgebracht hat, ist die, da es mich gemahnt hat,
da ich das Vermgen in mir dazu besitze, noch allerlei zu vollenden, was
ich im Sinn habe, eingedenk der Ungewiheit der mir dazu brig
bleibenden Zeit. Die Folge ist also gewesen, da ich noch
haushlterischer mit meiner Zeit umgehe und mich seit meiner Rckkehr
von Norderney noch einsamer zurckgezogen habe, mich noch anhaltender
mit mir selbst beschftige, und mir alles andere noch gleichgltiger in
Beziehung auf mich ist. Die Heiterkeit am gegenwrtigen Augenblicke kann
mir nicht wieder werden, seitdem meinem Leben etwas fehlt, fr das es
keinen Ersatz gibt, aber die Beschftigung mit der Vergangenheit gibt
mir eine sich immer gleich klare und ruhige Heiterkeit. Das Leben recht
eigentlich in seinen guten und bitteren Momenten durchzuempfinden und
das Tiefste und Eigenste, was die Brust in sich schliet, seinen ueren
Einwirkungen entgegenzustellen, nannte ich oben eine Pflicht, und sie
ist es gewi, aber es wre auch widersinnig, es nicht zu tun. Das Dasein
des Menschen dauert gewi ber das Grab hinaus und hngt natrlich
zusammen in seinen verschiedenen Epochen und Perioden. Es kommt also
darauf an, die Gegenwart zu ergreifen und zu benutzen, um der Zukunft
wrdiger zuzureifen. Die Erde ist ein Prfungs- und Bildungsort, eine
Stufe zu Hherem und Besserem, man mu hier die Kraft gewinnen, das
Oberirdische zu fassen. Denn auch die himmlische Seligkeit kann keine
bloe Gabe sein und kein bloes Geschenk, sie mu immer auf gewisse
Weise gewonnen werden, und es gehrt eine wohl erprfte Seelenstimmung
dazu, um ihrer durch den Genu teilhaftig zu werden.

Es hat mich sehr geschmerzt, aus Ihrem Briefe zu ersehen, da neue
Trauerflle Ihnen das Ende des Jahres trben; es hat mir umsomehr leid
getan, da Sie eben auf dem Wege waren, grere Heiterkeit zu gewinnen.
Die Schicksale des Lebens gehen ihren Gang, scheinbar fhllos, fort. Ich
habe in diesem Jahre drei sehr langjhrige Freunde, einen, der lter als
ich war, und zwei jngere, verloren. Aber die Gewhnlichkeit und
Natrlichkeit dieser Flle mildert den Schmerz nicht und wehrt nicht der
Trauer. Die beklommene Brust fragt sich immer, warum, da so viele lnger
leben, der Dahingegangene gerade vorangehen mute. Was Sie von Ihrer
ersten Erzieherin sagen, hat mich sehr gefreut und gerhrt. Jedes
gutgesinnte Gemt, geschweige denn zart und edel fhlende, bewahrt durch
das ganze Leben willig gezollte Dankbarkeit fr die Pfleger der
Kindheit. Schon im Altertum ist das wahr und schn beschrieben. Die
Behandlung der Kindheit fordert Geduld, Liebe und Hingebung, und diese
Jahre hindurch ihr gewidmet zu sehen, berhrt, wie auch brigens der
Mensch sein mag, die weichsten und zartesten Saiten des Busens. Dies
Gefhl ist im ganzen sich immer gleich, der Unterschied beruht
vorzglich auf der Innigkeit des Empfindenden. Der Mastab der
Dankbarkeit ist aber der Grad der Liebe, den der, an den sie knpft, in
das Geschft legte. Viele, die bei Kindern sind, tun ihre Pflicht, aber
das Herz ist nicht dabei, das merkt das Kind gleich. Ich fhle recht,
da es das war, was Sie an der Verlorenen schtzten. Mge das neue Jahr
Ihnen Heiterkeit und Freude bringen, Sie vor Verlusten in dem schon
engen Kreise bewahren und ber Ihre Stimmung, wie ernst sie auch
manchmal sein mge, immer das freundliche Licht ausgieen, in dem man,
wenn man auch das Leben nur als einen Weg zum Hheren anfleht, sich doch
noch auch am Anblick des Weges erfreut. Erhalten Sie mir auch Ihr
Wohlwollen, wie Ihnen meine unvernderliche und herzlichste Teilnahme
immer gewidmet bleibt. Seien Sie auch nicht besorgt um mich, ich bin
gerade so glcklich, wie ich jetzt lebe, und kann es nur so sein. Wenn
mir die Einsamkeit und mein tglicher stiller Spaziergang bleibt, kann
mir in den uerlichkeiten des Lebens viel Unglck begegnen, ohne da es
mein Inneres berhrt. Leben Sie wohl! Der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 2. Februar 1832.

Der heitere Ton Ihres lieben Briefes vom 12. Januar hat mir die grte
Freude gemacht, und ich danke Ihnen, liebe Charlotte, recht herzlich und
aufrichtig dafr. Ich habe diesen Brief schon lange bekommen, aber
keinen zweiten, von dem Sie doch in diesem reden. Sie wollten ihn acht
Tage spter schreiben, wre das geschehen, so mte der Brief lngst in
meinen Hnden sein.

Ich nehme immer den lebhaftesten und aufrichtigsten Teil an Ihnen, Ihrem
Befinden und Ihrer Gemtsstimmung, und so wre mir die grere
Heiterkeit, die aus Ihrem Briefe hervorleuchtet, immer noch ein
Gegenstand groer, inniger Freude gewesen. Noch erfreulicher aber ist
es, da Sie diese grere Ruhe, diese freudigere Erhebung des Gemts,
welche Sie in sich wahrnehmen, dem Einflu, den ich auf Sie ausbe, und
den Eindrcken meiner Briefe zuschreiben. Es soll mir unendlich lieb
sein, wenn sie eine solche Kraft besitzen. Wenn dem so ist, wie ich denn
gewi glaube und sicherlich keinen Zweifel in Ihre Worte setze, so
entspringt es aus dem Gefhl und der Zuversicht, die Sie haben, und die
Ihnen die einfache Natrlichkeit meiner Worte einflen mu, da, was
ich sage, unmittelbar aus meinem Herzen kommt. In etwas anderem kann es
nicht liegen. Es geht berhaupt mit allem Zuspruch in Belehrung,
Trstung und Ermahnung so. Das Belehrende, Trstende, Ermahnende, wenn
es erfolgreich ist und dem in das Gemt und die Seele dringt, an welchen
es gerichtet ist, liegt nur zum kleinsten Teil in den dargestellten
Grnden selbst. Viel mehr schon ruht die Wirkung in dem Ton und dem
begleitenden Ausdruck, weil dieser der Persnlichkeit angehrt. Denn
eigentlich kommt alles auf diese an, das ganze Gewicht, was ein Mensch
bei einem anderen hat, teilt sich demjenigen, was er sagt, mit, und
dasselbe im Munde eines anderen hat nicht die gleiche Wirkung. Sie
mssen es also den Gesinnungen zuschreiben, die Sie fr mich so
liebevoll hegen, wenn meine Worte vorzugsweise Eindruck auf Ihr Gemt
machen. Es freut mich aber ungemein, wenn Sie sagen, da ich Ihnen in
Trost und Ermutigung gerade das zubringe, was Ihrer Stimmung angemessen
ist. Ein natrlicher Hang hat mich schon sehr frh im Leben auf das
Streben geleitet, in jeden Charakter und in jede Individualitt so tief
einzugehen, als mglich war, um mich mglichst in ihre Denkungs-,
Empfindungs- und Handlungsweise zu versetzen, und was Sie mir sagen, ist
mir ein neuer Beweis, da mir mein Bestreben nicht ganz milungen ist.
Es ist aber nicht genug, die Ansichten der Menschen zu kennen, man mu
auch zu bestimmen verstehen, wie sie sich zu denen verhalten, die man
als die unbedingt richtigen, hohen und von allen, den einzelnen
Individualitten immer anklebenden Einseitigkeiten freien, anzusehen
hat, und danach die Richtung des Individuums lenken. Auf diesem Wege mu
man dahin gelangen, jedem einzelnen nicht blo verstndlich zu werden,
sondern ihn auch auf diejenige Weise zu berhren, welche gerade fr
seine Empfindungsart die passendste und angemessenste ist. Man braucht
aber bei diesem Gange nie seine eigene Natur weder aufzugeben, noch zu
verleugnen, auch nicht die fremde unbedingt fr die einzig
beifallswrdige anzusehen. Da man immer von dem Punkte ausgeht und
wieder dahin zurckkommt, wo sich alle Individualitten ausgleichen und
vereinigen, so fallen die schneidenden Kontraste von selbst weg, und es
bleibt nur das miteinander Vertrgliche brig. Es ist wirklich das
Wichtigste, was das Leben darbietet, sich nicht in sich zu verschlieen,
sondern auch ganz verschiedenen Empfindungsweisen so nahe als mglich zu
treten. Nur auf diese Art wrdigt und beurteilt man die Menschen auf
ihre und nicht auf seine eigene, einseitige Weise. Es beruht auf dieser
Manier zu sein, da man Respekt fr die abweichende des anderen behlt
und seiner inneren Freiheit niemals Gewalt anzutun versucht. Es gibt
auerdem nichts, was zugleich den Geist und das Herz so anziehend
beschftigt, als das genaue Studium der Charaktere in allen ihren
kleinsten Einzelheiten. Es schadet sogar wenig, wenn diese Charaktere
auch nicht gerade sehr ausgezeichnete oder sehr merkwrdige sind. Es ist
immer eine Natur, die einen inneren Zusammenhang zu ergrnden
darbietet, und an die ein Mastab der Beurteilung angelegt werden kann.
Vor allem aber gewhrt einem diese Richtung den Vorzug, die Fhigkeit zu
gewinnen, den Menschen, mit denen man in Verbindung steht, innerlich in
aller Rcksicht mehr sein zu knnen.

Was Sie mir von den uerungen einiger Menschen ber Todesflle
schreiben, habe ich sehr merkwrdig gefunden. Die Betrachtung, da dem
Verstorbenen wohl ist, wird sehr oft nur als ein Vorwand vorgebracht,
seine eigene Gleichgltigkeit zu beschnigen. So wahr auch brigens der
Satz gewi ist, so lt er sich nicht einmal immer anwenden. Auch der
Verstorbene ist oft zu beklagen, da er so frh oder gerade in dem
Augenblicke, wo er starb, hinweggerissen wurde. Eine junge Person htte
gern lnger gelebt; eine Mutter wre gern bei ihren Kindern geblieben,
und hundert Flle der Art. Fr den Zustand jenseits gibt es kein zu frh
oder zu spt, die Spanne des Erdenlebens kann dagegen garnicht in
Betrachtung kommen. Die Wehmut, die das Herz bei Todesfllen geliebter
oder geschtzter Personen erfllt, ist eine Empfindung, die mit vielen
im Gemt zugleich zusammenhngt. Es ist wohl der Zurckbleibende, der
sich selbst beklagt, aber es ist weit mehr noch als dies immer mehr oder
weniger auf sich selbst und sein Glck bezogene Empfindung. Wenn der
Tote ein sehr vorzglicher Mensch war, so betrauert man gleichsam die
Natur, da sie einen solchen Menschen verlor. Alles um uns her gewinnt
eine andere und schwermtigere Farbe durch den Gedanken, da der nicht
mehr ist, der fr uns allem Licht, Leben und Reiz gab, es ist nicht mehr
das einzelne Gefhl, da uns der Dahingegangene so und so glcklich
machte, da wir diese und jene Freude aus ihm schpften, es ist die
Umwandlung, die unser ganzes Wesen erfahren hat, seit es den Weg des
Lebens allein verfolgen mu. Fr ein tiefer empfindendes Herz liegt auch
darin ein hchst wehmtiges Gefhl, da das Schicksal so enge Bande
zerreien konnte, da die innere Verschwisterung der Gemter nicht den
brigbleibenden von selbst dem Vorangegangenen nachfhrte. Ich begreife,
da dies Gefhl nur in wenigen so lebendig sein, nur auf wenige Flle
passen knne. Aber auch ganz einfache Flle, selbst unbedeutende, nur
harmlose und gute Menschen, wenn sie auch kaum eine Lcke in der Reihe
der Zurckgebliebenen zu machen scheinen, erregen doch immer Wehmut und
Schmerz, die in einem irgend fhlenden Gemt nicht so leicht und nicht
so bald verklingen. Das Leben hat seine unverkennbaren Rechte, und es
gibt nichts Natrlicheres als den Wunsch, womglich mit allen, die man
liebt und schtzt, zusammen darin zu bleiben, und den Schmerz, den nie
endenden, wenn dies Band zerrissen wird. Die zu groe Ruhe bei dem
Hinscheiden geliebter Personen, wenn sie auch nicht aus
Gefhllosigkeit, sondern aus christlicher Ergebung entspringt, ja die
unnatrliche Freude, da sie ins Himmelreich eingegangen sind, zeigen
immer von einem berspannt frmmelnden Gemt, und ich habe niemals damit
sympathisieren knnen.

Die guten Nachrichten von Ihrer gestrkten Gesundheit haben mir lebhafte
Freude gemacht. Suchen Sie nur ja, sich recht viel Bewegung zu machen.
Dieser so ungewhnlich gelinde Winter ladet doppelt dazu ein. Ich
erinnere mich seit Jahren keines hnlichen. Es ist wenigstens hier gar
kein Schnee mehr. Wunderbar aber ist es, da der See, der mehr als eine
Meile im Umkreise hat, und in dem ich blo fnf Inseln besitze, noch
immer fest zugefroren ist. Die nchste Stadt von hier ist Spandau, die
gerade an der gegenberstehenden Seite des Sees liegt. Nun kommen alle
Tage eine Menge Schlittschuhlufer von dort zum Vergngen hierher, auch
Frauenspersonen in Handschlitten, die von Schlittschuhlufern gestoen
werden. Dies geschieht alle Jahre, aber fast in jedem Jahr verunglckt
auch einer bei solcher Postreise. Sie setzen nmlich diese berfahrten
zu lange, wenn auch schon Tauwetter ist, fort und kommen dann auf
schwache, einbrechende Stellen. Diese Beispiele vermgen aber die
anderen nicht abzuschrecken.

Mein Befinden ist sehr gut, ich habe kaum einmal einen Schnupfen in
diesem Winter gehabt, aber ich mache mir viel Bewegung, und das tut mir
immer ungemein wohl.

Ich bin im Schreiben dieses Briefes gestrt worden und endige ihn erst
heute, den 6. Februar. Leben Sie herzlich wohl, mit inniger Teilnahme
und Freundschaft der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 7. Mrz 1832.

Ich habe zwei liebe Briefe von Ihnen zur Beantwortung vor mir und fange
in meiner Erwiderung zuerst mit dem an, womit Sie enden, mit dem Duell.
Ich habe die erste Nachricht davon durch Sie erfahren, da ich Zeitungen
sehr unordentlich und oft in vier und sechs Wochen gar keine lese. Das
wird Ihnen unglaublich scheinen. Aber die sogenannten groen
Begebenheiten bieten seit Jahren so wenig dar, woran sich das Gemt
innerlich interessieren knnte, da mir sehr wenig daran liegt, sie
frher oder spter oder auch garnicht zu erfahren. In solche Periode des
Nichtlesens war jene unselige Geschichte gefallen.

Mit den Duellen ist es brigens eine eigene Sache. Viele sind freilich
bloe Jugendtorheiten. Allein mit anderen verhlt es sich doch anders.
Sie sind ein notwendiges bel, und in ihnen selbst liegt eine edle Art,
einen einmal unheilbaren Zwiespalt zu lsen und abzumachen. Im Volke
ziehen sich Feindschaften mit Erbitterung und Rachsucht jahrelang hin.
Der Zweikampf, der nicht immer lebensgefhrlich ist und oft ganz
unblutig abgeht, fhrt schnell die Vershnung herbei und endet allen
Groll.

Sie haben, liebe Charlotte, sehr lange der Sterne nicht erwhnt, aber
gewi versumen Sie solche nicht. Ich habe sie nie schner als dies Jahr
gesehen. Die Gegend um den Orion ist bezaubernd. Ich habe an zwei
schnen Abenden meinen Spaziergang bis zur recht spten Sternenzeit
verlngert und einen groen Genu gehabt. Von jeher habe ich meine
Spaziergnge gern so eingerichtet, da der Sonnenuntergang die grere
Hlfte desselben beschliet. Es hat etwas so Liebliches, die Dmmerung
nach und nach untergehen zu sehen. Die Nacht hat berhaupt manche
Vorzge vor dem Tage. Eine strmische ist erhabener, und eine sanfte und
stille zieht das Gemt ernster und tiefer an. Die kleineren Sterne
entgehen nur jetzt meinen Augen, und man gewinnt doch nur dann eine
richtige Ansicht der Sternbilder, wenn man auch die kleineren Sterne
darin aufsuchen kann. Vormittags ist es eigentlich wrmer und in
gewisser Art, besonders im Winter, besser zu gehen. Ich tue es aber nie,
oder hchstens wenn mich jemand, was ich aber garnicht liebe, um die
Tageszeit besucht. berhaupt ist es eine groe Rettung vor langweiligen
Besuchen auf dem Lande, den Schauplatz ins Freie zu verlegen. Die
langweiligen Tne verhallen leichter in der weiten Luft, und man hat
mehr Zerstreuung um sich her, indem man ihnen ein halbes Ohr leiht.

Es ist schn, da Sie fortwhrend an sich arbeiten. Jeder bedarf dessen.
Auerdem hat man ber keinen Gegenstand alle Momente zur Beurteilung so
vollstndig und richtig beisammen, da man nur in den eigenen Busen
hinabzusteigen braucht. Zwar kann auch das tuschen, man beschnigt die
Schwchen oder vergrert aus einer anderen Verirrung der Eitelkeit die
Schuld seiner Fehler, denn allerdings findet die Beurteilung dadurch
Schwierigkeit, da der Gegenstand der Beurteilung das eigene Ich ist.
Wenn man aber mit schlichter Einfachheit des Herzens und in der reinen
und ungeheuchelten Absicht die Prfung unternimmt, um vor sich und
seinem Gewissen gerechtfertigt dazustehen, so hat man von jener Gefahr
nichts zu frchten. Und ein lebendiges Bild seines Inneren mu sich
jeder immer machen. Es ist gewissermaen der Punkt, auf den sich alles
andere bezieht. Man mu bei dieser Selbsterforschung nicht streng nur
bei demjenigen stehenbleiben, was Pflicht und Moral angeht, sondern sein
inneres Wesen in seinem ganzen Umfange und von allen Seiten nehmen.
Wirklich ist es ein viel zu beschrnkter Begriff, wenn man sich selbst
gleichsam vor Gericht ziehen und nach Schuld und Unschuld fragen will.
Die ganze Veredlung des Wesens, die mglichste Erhebung der Gesinnung,
die grte Erweiterung der inneren Bestrebungen ist ebensowohl die
Aufgabe, die der Mensch zu lsen hat, als die Reinheit seiner
Handlungen. Es gibt auch im Sittlichen Dinge, die sich nicht blo unter
den Mastab des Pflichtmigen und Pflichtwidrigen bringen lassen,
sondern einen hheren fordern. Es gibt eine sittliche Schnheit, die so
wie die krperliche der Gesichtszge eine Verschmelzung aller
Gesinnungen und Gefhle, einen freiwilligen Zusammenhang derselben zu
geistiger Einheit erheischt, die sichtbar zeigt, da alles einzelne
darin aus einem aus der innersten Natur flammenden Streben nach
himmlischer Vollendung quillt und da der Seele ein Bild unendlicher
Gre, Gte und Schnheit vorschwebt, das sie zwar niemals erreichen
kann, aber von da immer zur Nacheiferung begeistert, zum bergang in
hheres Dasein wrdig wird. Auch die Entwickelung der intellektuellen
Fhigkeiten bis zu einem gewissen Grade gehrt zu der allgemeinen
Veredlung. Aber ich bin ganz Ihrer Meinung, da dazu nicht gerade vieles
Wissen und Bcherbildung gehrt. Das aber ist wirklich Pflicht und ist
auch dem natrlichen Streben jedes nicht blo an der irdischen Welt,
ihrem Gewirre und Tand hngenden Menschen eigen, in den Kreis von
Begriffen, den er besitzt, Klarheit, Bestimmtheit und Deutlichkeit zu
bringen und nichts darin zu dulden, was nicht auf diese Weise begrndet
ist. Das kann man wohl das Denken des Menschen nennen. Dazu ist das
Wissen nur das Material. Es hat keinen absoluten Wert in sich, sondern
nur einen relativen in Beziehung auf das Denken. Der Mensch sollte nicht
anders lernen, als um sein Denken zu erweitern und zu ben, und Denken
und Wissen sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt
sonst tot und unfruchtbar. In Mnnern findet sich das sehr oft, ja man
mchte es als die Regel ansehen. Es fllt aber weniger auf, weil schon
ihr Wissen gewhnlich zu anderen ueren Zwecken und Nutzen wenigstens
eine Anwendung findet. Aber ich habe es auch bei Frauen gefunden, und da
erregt das Miverhltnis des Denkens zum Wissen ein viel greres
Mibehagen. Ich kenne von meiner frhesten Jugend an und vor der
Universitt eine Frau dieser Art, der ich durch alle Perioden ihres
Lebens gefolgt bin. Sie kennt sehr grndlich die alten und die meisten
neueren Sprachen, ist frei von aller Eitelkeit und Affektation, versumt
nie ber den Bchern eine husliche Obliegenheit, hat aber durch ihr
Wissen nichts an Interesse gewonnen. Wenn sie gleich die ersten und
schwersten Schriftsteller aller Nationen gelesen hat, schreibt sie darum
doch keinen Brief, der einem sonderlich zusagen knnte. Sie bemerken
ganz recht in dieser Beziehung, da Christus seine Jnger aus der Zahl
ungebildeter und unwissender Menschen whlte. Es hing aber auch mit den
Zwecken und der Natur der Religion, die er stiften wollte, zusammen, und
in dem Volke, in dem er auftrat, gab es in jener Zeit kein anderes
Wissen als ein totes und miverstandenes. Es gab nur Schriftgelehrte,
welche das Auslegen der heiligen Bcher auf eine spitzfindig-hochmtige
Weise mit Bedrckung und Verachtung des Volkes trieben.

Erhalten Sie Ihre Gesundheit und heitere Gemtsstimmung. Mit
unvernderlicher Teilnahme der Ihrige.                     H.



_Tegel_, April 1832.

Da Sie im Gemte sich wieder gestrkt fhlen, ist mir eine groe
Freude, und noch mehr, da Sie mir einigen Anteil daran zuschreiben. Ich
habe bei unserem Briefwechsel nie eine Absicht fr mich gehabt und habe
daher alles, was unter uns zur Sprache kam, immer mit vlligster
Unparteilichkeit in Betrachtung ziehen knnen. Dann glaube ich aber auch
viel mehr als die meisten anderen mir an Talent sonst berlegenen
Mnner, das, was sich auf den Zusammenhang der Gesinnungen und
Empfindungen im Menschen bezieht, studiert und erforscht zu haben. Ich
habe von jeher viel an mir selbst gearbeitet und wei also, was im
Herzen vorgeht und vorgehen kann. Ich habe es von jeher an mir selbst
nicht leiden knnen, in meinem inneren Dasein etwas anderes als mich
selbst zu brauchen. Darum kenne ich, was Kraft und Haltung zu geben
vermag. So begreife ich, was Sie, liebe Charlotte, obgleich Sie es viel
zu hoch stellen, von meinen Briefen sagen und rhmen. Es kommt nur von
den zwei Umstnden her, da es auf der einen Seite klar und bestimmt
gedacht und auf der anderen durch die innere Erfahrung bewhrt ist...

Die Unterdrckung des Stolzes ist allerdings lobenswert, und es freut
mich, wenn es Ihnen damit so ganz gelungen ist. Der Stolz, den man
wirklich nicht aufgeben soll, bleibt jedem Rechtgesinnten dennoch.
Diesen sollte man aber nicht Stolz, sondern richtig abgewgtes
Selbstgefhl nennen. Es ist eigentlich dies die Erhebung des Gemts,
welche daraus entsteht, da es fhlt, da eine wrdige Idee sich mit ihm
vereinigt, sich seiner bemchtigt hat. Der Mensch ist da eigentlich
stolz auf die Idee, auf sich nur insofern, als die Idee eins mit ihm
geworden ist.

Man vermeidet die Abwege, wohin der Stolz fhrt, am leichtesten und
sichersten, wenn man sich in allem Tun und Lassen recht natrlich gehen
lt, jede uerung des Stolzes streng wegweist, aber darauf nicht
weiter Wert legt, sondern es als etwas ansieht, das sich von selbst
versteht, wo man Recht haben wrde, sich Vorwrfe zu machen, wenn man
anders gehandelt htte.

Es freut mich, da Sie des Saturns erwhnen. Ich sehe ihn auch in diesen
Wochen immer mit Vergngen. Das Wiederkehren der Planeten nach einer
Reihe von Jahren bei denselben Sternbildern hat etwas sehr Bewegendes im
Leben. Fr den Saturn hat man brigens, noch von den Astrologen her,
eine geringere Zuneigung. Aber den Jupiter erinnere ich mich mehrmals im
Lwen gesehen zu haben, das erstemal in einer sehr glcklichen Zeit
meines Lebens...

Sie werden, wie es schon htte frher geschehen sollen, nchstens meinen
Briefwechsel mit Schiller empfangen. Vor meinem Briefwechsel werden Sie
eine Einleitung ber Schiller und seine Geistesentwicklung finden, die
Ihnen, wenn Sie seine Schriften dabei haben, zum Leitfaden dienen kann.
Ich gehe darin seine Werke von den frhesten bis zu den sptesten durch
und zeige, wie er von dem einen zu dem anderen bergegangen und gekommen
ist. Auch die Briefe handeln fast ganz von Schillers Arbeiten, die er
gerade in jenen Jahren machte und mir nach und nach, wenn ich abwesend
war, mitteilte. Schwerlich hat je jemand Schiller so genau gekannt als
ich. Es haben ihn sehr wenige so lange und so nahe gesehen. Bei einem
Manne wie er, der nicht zum Handeln, sondern zum Schaffen durch Denken
und Dichten geboren war, heit sehen -- sprechen, und ganze Tage und
Nchte haben wir eigentlich miteinander sprechend zugebracht. Wenn daher
auch der Jahre, die wir miteinander verlebten, so viele nicht waren, so
war des Zusammenlebens doch sehr viel.

Die Lieblichkeit des Wetters dauert fort, auch fngt alles an zu knospen
und zu keimen.

Leben Sie recht wohl. Mit unvernderlicher Teilnahme und Freundschaft
der Ihrige. H.



_Tegel_, den 5. Juni 1832.

Ich finde es sehr natrlich, da Sie ernst gestimmt sind. Es liegt an
und fr sich im denkenden Menschen, ist den zunehmenden Jahren mehr noch
eigen. Das mancherlei Traurige, das Sie frher, das husliche Ereignis,
das Sie krzlich betroffen, war wohl dazu gemacht, solche Stimmung sogar
zu erzeugen, wenn sie selbst nicht schon vorhanden war.

ber den Tod und das Verhltnis desselben zum Leben kann ich aber doch
nicht ganz in Ihre Ideen eingehen. Niemand kann ihn weniger frchten als
ich, auch hnge ich nicht an dem Leben, dennoch ist mir eine Sehnsucht
nach dem Tode fremd; obwohl sie edlerer Art ist als berdru am Leben,
dennoch ist sie zu mibilligen. Das Leben mu erst, so lange es die
Vorsehung will, durchgenossen und durchgelitten, mit einem Wort,
durchgemacht sein, und zwar mit vlliger Hingebung, ohne Unmut, Murren
und Klagen durchgeprft sein. Es ist ein wichtiges Naturgesetz, das man
nicht aus den Augen lassen darf, ich meine das der Reise zum Tode. Der
Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern blo ein Zwischenereignis,
ein bergang aus einer Form des endlichen Wesens in die andere. Beide
Zustnde, hier und jenseits, hngen also genau zusammen, ja, sie sind
unzertrennlich miteinander verbunden, und der erste Moment des Dort kann
sich nur wahrhaft anschlieen, wenn der des Scheidens von hier, nach der
freien Entwickelung des Wesens, wahrhaft der letzte gewesen ist. Diesen
Moment der Reise zum Tode oder der Unmglichkeit, hier weiter zu
gedeihen, kann keine menschliche Klugheit berechnen, kein inneres Gefhl
anzeigen. Dies zu whnen wre nur eine eitle Vermessenheit menschlichen
Stolzes. Nur der, welcher das ganze Wesen zu durchschauen und zu
erkennen imstande ist, kann dies, und ihm die Stunde anheimzustellen und
seiner Bestimmung auch nicht einmal durch heftige Wnsche
entgegenzukommen, ist Gebot der Pflicht und der Vernunft. Glauben Sie
mir sicherlich, wenn Sie auch diese Ansichten manchmal strenge nannten,
da sie es allein sind, was uns in tiefem Seelenfrieden durch das Leben
fhrt und uns als treue Sttze nie verlt. Das Erste und Wichtigste im
Leben ist, da man sich selbst zu beherrschen sucht, da man sich mit
Ruhe dem Unvernderlichen unterwirft und jede Lage, die beglckende wie
die unerfreuliche, als etwas ansieht, woraus das innere Wesen und der
eigentliche Charakter Strke schpfen kann. Daraus entspringt dann die
Ergebung, die wenige hinreichend haben, obgleich alle sie zu haben
glauben. Fast alle setzen der Ergebung ein gewisses Ma und glauben der
Verpflichtung dazu berhoben zu sein, wenn dies Ma berschritten ist
oder ihnen scheint. Aus der wahren Ergebung, die immer die Zuversicht
mit sich fhrt, da eine unwandelbare, immer gleiche Gte auch die
unerwartetsten, widrigsten Geschicke zu einem heilbringenden Ganzen
verknpft, geht die ernste, aber heitere Milde in der Ansicht eines auch
oft gestrten und getrbten Lebens hervor. Diese Heiterkeit sich zu
erhalten oder in sich zu schaffen, sollte man immer alles nur irgend vom
Willen Abhngige versuchen. Man kann es nicht immer ganz erreichen, auch
nicht in allen Momenten des Lebens, sie lt sich auch eigentlich nicht
hervorbringen, sondern mu sich von selbst in der Seele erzeugen. Sie
bleibt aber da nicht aus, wo ihr der Boden vorbereitet ist, und diese
Vorbereitung liegt hauptschlich in einer besonnenen, von Selbstsucht
freien, ruhigen Stimmung des Gemts. Diese hat man durch Vernunft und
Willenskraft in seiner Gewalt, dahin kann und mu eigentlich bung und
Vorsatz fhren. Zur Beruhigung des Gemts trgt angemessene
Beschftigung viel bei. So kann und darf eigentlich nichts in der Seele
vorgehen, was der Mensch nicht nach vorangegangener Prfung darin duldet
oder unterdrckt.

Leben Sie wohl und seien Sie meiner unwandelbaren
Teilnahme gewi.                H.



_Norderney_, den 2. August 1832.

Ich bin wieder hier, liebe Charlotte, bewohne wieder die nmlichen
Zimmer und fhre wieder dasselbe, nicht sehr erfreuliche Badeleben. Ein
solcher von Jahr zu Jahr wiederkehrende Aufenthalt hat immer etwas
Sonderbares fr mich. Er ruft die Frage hervor, ob man im knftigen Jahr
wiederkehren wird, und wenn nicht, aus welchem Grunde? Denn das Bad dann
entbehren zu knnen, bin ich nicht so tricht zu erwarten. Ich bin nicht
krank, eher gesund. Das, wogegen das Bad wirken kann, ist
Altersschwche, die durch Umstnde frher zum Durchbruch gekommen ist.
Diese kann eine Kur nicht aufheben, nur mindern. Ich sage dies mit
Flei, damit sich Ihr freundschaftlicher Anteil an mir nicht Hoffnungen
macht, in denen Sie sich notwendig getuscht finden mten. Den Erfolg
aber, den man mit Recht und Billigkeit sich versprechen kann, glaube ich
auch diesmal erwarten zu knnen. Meine Tochter ist allerdings wieder mit
mir hier. Das Bad hat ihr voriges Jahr so wohl getan, da sie Unrecht
getan haben wrde, die Kur nicht zu wiederholen. In den Einrichtungen
hier ist vieles besser geworden. Da die Zeitungen gesagt haben, ich sei
nach den Rheinprovinzen gegangen, war ein grundloses Gercht. Sie htten
sich die Mhe, von mir zu reden, ganz ersparen knnen. Ich bin auf dem
gewhnlichen Wege hergegangen und hasse alle kleinen Reisen und Umwege
so grndlich, da ich mich nicht darauf einlassen wrde. Sollte ich
einmal eine lngere Abwesenheit von Hause nicht scheuen, so wrde ich
nach Italien oder England gehen, und hiervon mchte ich die Mglichkeit
nicht bestreiten, vorzglich, wenn mein Gesicht schwcher wrde und mich
am eigenen Arbeiten hinderte. Es freut mich sehr, da Ihnen mein
Briefwechsel mit Schiller Freude gemacht hat. Mir ist es mit dem Buche
sonderbar gegangen. Ich hatte den Schillerschen Erben die Herausgabe
versprochen. Als sie mich, da darber mehrere Jahre verflossen waren,
dazu aufforderten, war es mir hchst lstig, mich damit zu befassen. Ich
mute den ganzen Briefwechsel durchgehen, um alles auszuschalten, was
sich fr den Druck nicht geeignet htte. Dessen war so viel, da das
Ganze gut und gern zur Hlfte zusammenschmolz, und die Arbeit kostete
mich einige Wintermonate; dann schrieb ich die Vorerinnerung. Ich
erwartete keinen groen Anteil fr das Buch, hchstens fr einen Teil
der Briefe Schillers und fr einige wenige von mir. Der Erfolg hat aber
meine Erwartungen bertroffen, und es ist viel mehr gelesen worden, als
ich dachte, und besonders von Frauen. Viele haben mir davon gesprochen,
einige ausfhrlich geschrieben, und so, da sie ganz in die Ideen
eingegangen waren und einige davon weiter ausspannen. Ich glaube auch
nicht, da, wie Sie meinen, die Briefe gewonnen htten, wenn sie frher
erschienen wren, eher umgekehrt. Ich bin berhaupt gegen alles Drucken
von Briefen. Die Herausgabe dieser rechtfertigt nur der Name eines
wahrhaft groen Mannes, an den sich der andere mit immer gleich
sichtbarer Unterordnung anschliet, so da man doch immer auch in ihm
nur jenen sieht. Briefe haben immer einen Anflug des wirklichen Lebens.
Je mehr sie also aus der Ferne erscheinen, desto mehr berraschen sie.
Gleich nach dem Tode sind sie eine schwache Fortsetzung der noch in dem
Gedchtnis lebenden Wirklichkeit. Nach langer Zeit erscheinend, fhren
sie Personen zurck, die man nicht mehr gewohnt war, sich mit den
Umgebungen zu denken, wie sie das Leben begleiten. Ich dchte auch
nicht, da es strend auffallen knnte, wenn in den Briefen
gewissermaen kunstmig beurteilt wird, was man in der Zeit mit
Begeisterung aufgenommen hat. In der Dichtung ist wenig oder gar keine
Kunst, die erlernt oder studiert werden mte. Eine solche ist aber auch
nicht in den Rsonnements dieses Briefwechsels entwickelt, wenn man
einige leicht zu berschlagende Stellen ber das Silbenma ausnimmt.
Beide, Schiller und ich, haben nur gesucht, die Grnde darzulegen, aus
welchen das Gefhl entspringt, die Bedingungen, unter denen es entsteht.
Wer nun die Grnde wahr findet, in dem mssen sie das Gefhl erhhen, da
sie es mit anderen und gleich groen Ideen in Verbindung bringen. Wem
sie nicht zusagen, der wird sich dadurch noch mehr in seinem Gefhle
bestimmt finden und sich nun vielleicht durch die Widerlegung leichter
die Grnde selbst entwickeln.

Der Stelle in der Delphine erinnere ich mich nicht. Wenn Frau von Stal
damit meinte, da eine in der Jugend geschlossene und bis ins Alter
fortgesetzte Ehe das Wnschenswrdigste ist, so bin ich vollkommen
derselben Meinung. Ich frchte aber sehr, sie meinte es anders, und dann
ist es eine aus oberflchlicher franzsischer Ansicht geschpfte
Behauptung. Sie mssen darum nicht glauben, da ich den Wert der Stal
verkenne. Sie war meiner tiefsten berzeugung nach eine wahrhaft groe
Frau, und nicht blo von Geist, sondern durch wahres und tiefes Gefhl
und eine sich nie verleugnende, unendliche Gte, und auch von Herz und
Charakter. Sie hatte die feinste Empfindung der edelsten Weiblichkeit.
Sie war in ihrem Innersten dem eigentlichen franzsischen Wesen fremd,
aber es begegnete ihr doch zu Zeiten, banale franzsische Anrichten
ihren uerungen beizumischen, und das ist nicht zu verwundern, da sie
immer in Frankreich lebte. Sie hat sogar erst spt Deutsch gelernt, und
ich habe sie selbst noch in Paris unterrichtet.

Allein die Ehe mehr ein Bedrfnis des Alters als der Jugend zu nennen,
ist ein Einfall, der ebenso der Natur und der Wahrheit, als jeder
schneren Empfindung widerspricht. Die Frische der Jugend ist die wahre
Grundlage der Ehe. Ich sage damit gewi nicht, da das Glck der Ehe mit
der Jugend aufhrt oder auch nur im mindesten dadurch verliert. Aber die
Erinnerung der zusammen genossenen Jugend mu in die hheren Jahre mit
hinbergehen, wenn das Glck vollkommen sein und nicht gerade die
Eigentmlichkeit des ehelichen verlieren soll. Diese Ansicht ist nicht
als eine sinnliche zu betrachten. Die tiefsten und heiligsten
Empfindungen hngen damit ganz enge zusammen, und man mte aller Liebe
den Stab brechen, wenn man dies nicht anerkennen wollte. Ein junges,
sich gegenseitig gleich herzlich liebendes Ehepaar ist allemal ein im
Tiefsten erfreulicher Anblick, auch in niedrigen Stnden, insofern das
Gefhl nur irgend die Feinheit hat, die ihm die Natur in gutartigen
Gemtern gibt. Von den in hheren Jahren, ber vierzig oder
fnfundvierzig, geschlossenen Ehen, zweiten oder ersten, lt sich das
nicht sagen. Man wird sie gewi nicht tadeln, man lt gern jedem seine
Empfindung, solche Verbindungen knnen sehr vernnftig, sie knnen auch
fr Leute, die einmal keine hohen Forderungen an ihr Gefhl machen,
beglckend sein. Wer aber tiefer empfindet, sagt sich, da er sie nicht
eingehen wrde. Mann oder Frau wird in solcher Verbindung fhlen, da,
wenn ihm der Gegenstand jugendlicher Liebe entrissen ist, der er nie
einen gefunden hat, er auf ein Glck Verzicht leisten mu, dessen wahre
Blte ihm nicht mehr werden kann. Es wird ihm innerlich unmglich sein,
nach dem so Geringen zu greifen. Ich kann auch nicht in das einstimmen,
was man ber das Alter sagt. Es kann ein unglckliches und freudenloses
geben, wie eine solche Jugend. Aber die Schicksale gleichgestellt, finde
ich das Alter, selbst mit allen Schwchen, die es mir bringt, nicht arm
an Freuden; die Farben und die Quellen dieser Freuden sind nur anders.
Sie entspringen fr mich immer ausschlielicher aus der Einsamkeit und
der Beschftigung mit meinen Ideen und Gefhlen. Das nimmt mit jedem
Tage in mir zu. Ich fhle mich darin, und nur darin glcklich, und das
ist so sichtbar, da die wahrhaft diskreten unter meinen ltesten
Bekannten diese Stimmung stillschweigend, aber durch die Tat ehren. Mir
ist sie darum doppelt lieb, da sie mit meinen Jahren und mit meiner Lage
bereinstimmt. Verzeihen Sie, da ich wieder auf mich zurckkomme, aber
diese Dinge sind von der Art, da man nur nach seinem individuellen
Gefhl davon reden kann. Wer mchte sich anmaen, ber Fremdes darin
abzusprechen?

ber meine Abreise kann ich noch nicht fest bestimmen, bitte Sie aber,
mir nach Berlin zu schreiben und so, da der Brief zwischen dem 26. und
30. August dort anlangt. Mit der aufrichtigsten, unvernderlichsten
Teilnahme Ihr     H.



_Tegel_, den 3. September 1832.

Ich bin am 26. August gesund und wohl hierher zurckgekehrt, liebe
Charlotte, und habe gleich am folgenden Tage meine Beschftigungen
wieder vorgenommen. Von dem Bade sehe ich der Fortdauer der guten
Wirkung, die ich schon spre, entgegen. Das Wetter war vom August an in
Norderney sehr schn, ohne Regen und Sturm, und doch nie zu warm, da es
nie an khlender Seeluft fehlt. Sonnenschein war nicht immer; es ist
allen Inseln, besonders den kleineren, eigen, auch bei sehr milder Luft
wenig eigentlich sonnige Tage zu haben. In Irland zum Beispiel zhlt man
deren unglaublich wenige. Ich habe mich aber bei meinem diesjhrigen
Aufenthalte im Seebad vollkommen berzeugt, da, wenn man, wie doch
natrlich ist, blo auf seine Gesundheit Rcksicht nimmt und nicht
weichlicherweise die Unannehmlichkeit scheut, man sich schlechtes und
kein gutes Wetter wnschen mu. Bei ruhig gutem Wetter ist die See eben
nichts anderes als eine groe Badewanne. Der Sturm und die Wellen geben
ihr erst Seele und Leben. Wie das Meer in seiner erhabenen Einfrmigkeit
immer die mannigfaltigsten Bilder vor die Seele fhrt und die
verschiedenartigsten Gedanken erweckt, so ist mir erst jetzt bei den
anhaltenden heftigen Strmen recht sichtbar geworden, welche
schmeichelnde Freundlichkeit das Meer gerade in seiner grten
Furchtbarkeit hat. Die Welle, die, was sie ergreift, verschlingt, kommt
wie spielend an, und selbst den tiefsten Abgrund bedeckt lieblicher
Schaum. Man hat darum oft das Meer treulos und tckisch genannt, es
liegt aber in diesem Zuge nur der Charakter einer groen Naturkraft, die
sich, um nach unserer Empfindung zu reden, ihrer Strke erfreut und sich
um Glck und Unglck nichts kmmert, sondern den ewigen Gesetzen folgt,
welchen sie durch eine hhere Macht unterworfen ist.        H.



Im November.

Was sagen Sie zu dem auerordentlich schnen Herbst? Ich dchte, ich
htte nie einen hnlichen erlebt. Noch jetzt scheint er mehr ein
Ausgehen aus dem Sommer als ein Eingang in den Winter. Ich gehe noch
immer eine Stunde vor Sonnenuntergang spazieren. Da ist es, selbst bei
strmischen Tagen, meist ruhig und bei regnerischen heiter. Sie haben
gewi auch oft gesehen, wie die scheidende Sonne sich dann durch ihre
eigenen Strahlen einen lichten Streifen bildet, in den sie sich dann
hinabsenkt. Ist dann recht dunkles Gewlk ber ihr, so regnet es meist
unmittelbar nach dem Untergange, bisweilen auch noch whrend des
Untergangs. Es ist mir die liebste Zeit des Tages. -- Sie schreiben mir,
da die Centifolien in Kassel blhen. Auch hier habe ich es zu meiner
groen Verwunderung gesehen. In mittglichen Lndern ist dies
wiederholte Blhen ganz gewhnlich. Man sieht daran, da das
vegetierende Leben bestndig die Neigung hat, Blten hervorzubringen,
aber nur durch die Abwesenheit begnstigender Umstnde daran verhindert
wird. So traurig aber auch der Winter und seine lange Dauer sind, so
entschdigt doch der Frhling dafr, nicht blo sein Erscheinen und der
Genu desselben, sondern ganz vorzglich das Erwarten desselben. Diese
Sehnsucht ist eine der einfachsten und natrlichsten von allen und eine
der reinsten Quellen, woraus jede andere Sehnsucht fliet, die so vieles
und groes im Gemte schafft und aus dessen innersten Tiefen hervorruft.
Es ist dies gewi eine der Ursachen, da die nrdlicheren Nationen doch
eine tiefer ergreifende Poesie haben als die sdlicheren, wenn diese
auch klangvollere Sprachen besitzen. Es liegt unendlich viel in dem
Einflu, den die Natur um uns her auf uns ausbt, und es kommt da nicht
darauf an, da sie gerade Genu gibt, sondern weit mehr darauf, da sie
Empfindungen weckt und die Krfte in Ttigkeit bringt. Leben Sie wohl.
                                                               Ihr H.



_Tegel_, Dezember 1832.

Der Ton der ruhigen Zufriedenheit und selbst einer frohen Heiterkeit, in
welchem Ihr letzter Brief geschrieben ist, liebe Charlotte, hat mir eine
lebhafte Freude gemacht. Ich hege nun auch die gewisse Hoffnung, da
diese Stimmung bleibend in Ihnen sein wird. Was mich in dieser
beruhigenden Ansicht bestrkt, ist, da Sie sich auch krperlich wohler
fhlen, seit Sie sich befreit fhlen von einem sorglichen Kummer, der
seit lngerer Zeit schwer auf Ihnen lastete, und wodurch Sie nun der
Ruhe und Heiterkeit wiedergegeben sind, die ein Gemt, wie das Ihrige,
das mit sich und der Vorsehung eins ist, immer genieen mte....

Da eine schon in sich ernste Seele in Zeiten, wo auerordentliche
Erscheinungen diesen Ernst vermehren, noch ernster gestimmt wird, ist
ganz natrlich. An den Wunsch und das Verlangen, nichts unberichtigt zu
lassen, knpft sich ein moralisches Gefhl, und zwar eins der
wesentlichsten und achtungswrdigsten....

Der Mensch fhlt ein Bedrfnis, die groen Ideen, die in ihn gelegt
sind, und die er in der Natur ausgeprgt findet, in dem kleinen Kreise
seines Daseins nachzubilden, und oft, selbst wenn er ganz anderen, aus
dem gewhnlichen Leben geschpften Bewegungsgrnden zu folgen glaubt,
folgt er in der Tat diesem geheimen Zuge, berhaupt ist die menschliche
Natur in ihrem tiefen Grunde viel edler, als sie auf der Oberflche
erscheint. Ja selbst in anderen Stcken. Eitle Menschen sind oft in
einigen mehr wert, als sie sich selbst glauben.

Sie gebrauchen in Ihrem Briefe den Ausdruck: sein Haus bestellen. Dies
ist mir immer eine so passende und gehaltvolle Rede geschienen. Es ist
ein altertmlicher, echt biblischer Ausdruck, der, wie mehrere dieses
Geprges, tief aus dem Leben geschpft ist und tief in die Seele
eingreift. Auch lngst, ehe ich in die Jahre kam, wo das Bestellen des
Hauses wahrhaft dringend wird, habe ich mir dadurch Abschnitte im Leben
zu machen gesucht und habe dies immer sehr wohlttig gefunden. Es gibt
aber im Innern ein Bestellen seiner Seele, wie im uern seines Hauses.
Man zieht dann das Gemt auf einen kleinen Kreis von Empfindungen
zurck, bergibt die anderen der Vergessenheit und freut sich der Ruhe
in der selbstgewhlten Beschrnkung. Wenn man dies recht tut, tut man
dies nur einmal. Man verlt dann nicht wieder den Raum, wie man ihn eng
umgrenzt und umzogen hat.

Sie rhmen meine Geduld. Sie hat nichts Verdienstliches und hat mir nie
Mhe gekostet. Ich mchte sie mir angeboren nennen. Die Zeit, die ich
ber eine Sache sitzen mu, um sie zu Ende zu bringen, wird mir nie
lang.

Sie gedenken bei einem Ereignisse der Vergangenheit _Holzmindens_ im
Braunschweigischen. Das hat mir lebhaft eine Erinnerung zurckgerufen.
Von diesem kleinen Orte reiste ich 1789 mit Campe nach Paris. Campe kam
von Braunschweig, ich von Gttingen aus dahin. Die Reise, die Sie
gelesen haben knnen, da Campe sie herausgegeben hat, war kurz, aber
meine erste auer Deutschland. Campe war, wie ich Ihnen schon frher
glaube gesagt zu haben, Hauslehrer im Hause meines Vaters, und es gibt
noch eine Reihe groer Bume hier, die er gepflanzt hat. Er hat nicht
gerade ein unglckliches, aber ein bedauernswrdiges Ende gehabt. Er war
die letzten Jahre seines Lebens ganz bldsinnig. Ich habe bei ihm
schreiben und lesen gelernt und etwas Geschichte und Geographie nach
damaliger Art, die Hauptstdte, die sogenannten sieben Wunderwerke der
Welt usw. Er hatte schon damals eine sehr glckliche, natrliche Gabe,
den Kinderverstand lebendig anzuregen....

Ich bin vollkommen wohl, und mir ist in meiner in mir vergrabenen
Stimmung sehr wohl. Ich bitte Sie, Ihren Brief an mich wie gewhnlich
abgehen zu lassen, und wnsche von inniger Seele, da Sie das Jahr
gesund und heiter beschlieen und ebenso das neue beginnen mgen.
Begleiten Sie mich bei dem Wechsel der Jahre mit dem Wunsch, da mich
nichts im Genu meiner Einsamkeit, die mein wahres Glck ist, stren
mge, und machen Sie, da ich mir Ihr Leben ruhig und zufrieden denken
kann. Mit der herzlichsten Freundschaft und unvernderlicheren Teilnahme
der Ihrige.             H.



_Tegel_, den 9. Februar 1833.

Es tut mir leid, liebe Charlotte, da Ihnen dieser Brief spter als
gewhnlich zukommen wird. Ich habe aber wegen eines Geschftes einige
Tage in der Stadt sein mssen, und da komme ich nicht zum ruhigen
Schreiben. Da ich Berlin jetzt selten besuche, so drngt sich dann
alles, Menschen und Sachen, zusammen, und es bleibt mir nicht einmal die
materielle Zeit brig, etwas fr mich anzufangen, wenn ich auch garnicht
von der Stimmung reden will. Ich verlor aber gerade auf diese Weise die
ersten Tage des Monats, in denen ich Ihnen jetzt gewhnlich zu schreiben
pflege. Ich hoffe, Sie werden sich ber das Ausbleiben des Briefes nicht
beunruhigt haben. Sie mssen das niemals tun, liebe Freundin, darum
bitte ich sehr. Der kleinen, ganz unbedeutenden Ursachen, warum ich
Ihnen an diesem oder jenem Tage nicht schreibe, knnen sehr viele sein,
und ich kann sie so wenig voraussehen, als Sie sie erraten. Aber Sie
knnen sicher eine von diesen voraussetzen, wenn meine Briefe Ihnen ber
die gewohnte Zeit ausbleiben. Da ich zu derselben Zeit im Monat jetzt
gewohnt bin, Ihnen zu schreiben, so bekommen Sie nach einer ziemlich
lngeren Pause hernach zwei Briefe schneller nacheinander, was Ihnen
Freude macht, da Sie auf meine Briefe einen viel greren Wert legen,
als sie verdienen. Diese Ihre Freude ist auch mir eine und macht, da
ich Ihnen willig die Zeit opfere, die es mich kostet. Seit vorgestern
bin ich wieder hier, und heute schon setze ich mich hin, um mich mit
Ihnen zu unterhalten. Denn eine Unterhaltung kann man unseren
Briefwechsel vorzugsweise nennen. Da er sich meist um Ideen dreht und
die ueren Lebensverhltnisse sehr wenig angeht, so gleicht er darin
einem rsonnierenden Dialog, und Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft
Bleibende im Leben. Sie sind im eigentlichsten Verstande das, was den
denkenden Menschen ernsthaft und dauernd zu beschftigen verdient. Auch
Sie nehmen ebenso lebhaftes Interesse daran, und da Ihnen meine Briefe
Freude machen, liegt vorzglich in diesem ihrem Inhalte. Es ist mir auch
ein besonderer Grund der Zufriedenheit und Freude an Ihrer Art zu
schreiben, da Sie nicht mehr, wie Sie es sonst oft taten, darauf
dringen, da ich Ihnen von dem erzhle, was mich angeht, und ber das
Mitteilungen mache, was mich umgibt, was garnicht in meinem Wesen liegt.
Darum mssen Sie nun aber ja nicht denken, da ich es auch gern habe,
wenn Sie ber sich schweigen. Es macht mir im Gegenteil wahre Freude,
wenn ich Ihr inneres Leben in allen Ihren ueren Umgebungen sehe.
Vergessen Sie also nicht, mir auch ferner von Zeit zu Zeit diesen
berblick wie bisher zu geben....

Sie bitten mich in Ihrem letzten Brief, Ihnen noch nhere Erluterungen
darber zu geben, was ich eigentlich damit meine, da man in gewissen
Lebensepochen innerlich das tun msse, was man uerlich sein Haus
bestellen nenne. Ich habe darunter etwas sehr Einfaches und ganz der
gewhnlichen Bedeutung der Redensart Entsprechendes verstanden. Man
sagt, da man sein Haus bestellt hat, wenn man Sorge getragen hat,
alles das auf den Fall seines Todes zu berichtigen, was bis dahin
unberechtigt geblieben war. Die Redensart schliet ferner in sich, da
man angeordnet habe, wie es mit den Dingen, die einem angehren, nach
dem Hintritt werden soll. Von allen Seiten schneidet also das
Hausbestellen Verwickelung, Ungewiheit und Unruhe ab und befrdert
Ordnung, Bestimmtheit und Seelenfrieden. So nimmt man den Ausdruck im
ueren, weltlichen Leben. Auf viel hhere und edlere Weise aber findet
das hnliche im Geistigen statt. Auch darin gibt es mehr und minder
Wichtiges, mehr und minder an das irdische Dasein Geknpftes, mittelbar
oder unmittelbar mit dem Hchsten im Menschen Verbundenes. Ich meine
damit nicht gerade, wenigstens nicht ausschlielich, Religionsideen. Was
ich hier meine, gilt auch von solchen, die garnicht in diesen Kreis
gehren. Es lt sich berhaupt nicht im allgemeinen bestimmen, was hier
das Hchste und Wichtigste genannt wird. Jedermann pflegt aber in sich
die Erfahrung zu machen, da er gerade dem, was in ihm das Tiefste und
Eigentmlichste ist, die wenigste Mue widmet und sich viel zu viel
durch untergeordnete Gegenstnde das Nachdenken rauben und entreien
lt. Dies mu man abstellen, den strenden Beschftigungen entsagen und
sich mit Eifer den wichtigeren widmen. Noch mehr aber geht diese
Sammlung auf eine kurze Spanne noch brigen Lebens, wie man es auch
nennen knnte, in dem Gebiete des Gefhls vor. Doch ist hier im
allgemeinen ein groer und wichtiger Unterschied. Im Intellektuellen und
allen Sachen des Nachdenkens hat der Vorsatz volle Kraft. Man kann und
mu absichtlich die Gedanken und das Nachdenken auf gewisse Punkte
richten. Im Gefhl ist das nicht nur unmglich, sondern wrde auch
geradezu schdlich sein. Im Gebiete des Empfindens lt sich nichts
Unfreiwilliges, nichts Erzwungenes denken. Da kann also die nderung nur
von selbst eintreten und ist mit der Reife einer Frucht zu vergleichen.
Sie geht von selbst vor sich, so wie die ganze Seelenstimmung verrt,
da dies Loslassen vom hiesigen Dasein in das Gemt ganz bergegangen
ist. Die nderung besteht auch da in einem Vereinfachen und Zurckziehen
des Gemts auf sich selbst, doch lt sich hier noch weniger als im
Gebiet des Denkens, aus einer einzelnen Individualitt heraus, etwas
allgemein Geltendes sagen. In mir ist es ganz einfach so zugegangen, da
sich mein Gemt so auf eine Empfindung konzentriert hat, da es jeder
anderen unzugnglich geworden ist, insofern nmlich, als ich durch eine
andere Empfindung etwas empfangen sollte. Denn auf keine Art bin ich
dadurch kalt und unteilnehmend geworden, nur uneigenntziger und
wirklich jeder Forderung entsagend. Nicht blo mit Menschen ist es mir
aber so, auch an das Schicksal mache ich keine Forderung. Ich wrde
Ungemach wie ein anderer fhlen, das lt sich aus der menschlichen
Natur nicht ausrotten. Entbehrung bleibt Entbehrung und Schmerz bleibt
Schmerz. Aber den Frieden meiner Seele wrden sie mir nicht nehmen, das
wrde der Gedanke verhindern, da solche Ereignisse und Zustnde
natrliche Begleiter des menschlichen Lebens sind, und da es nicht
geziemend wre, in einem langen Leben nicht einmal die Kraft gewonnen zu
haben, seine hhere und bessere Natur gegen sie aufrecht erhalten zu
knnen. Ich wei nicht ob ich Ihnen so deutlich genug geworden bin. Wre
es nicht der Fall, oder schiene Ihnen meine Ansicht nicht richtig, so
werde ich sehr gern weiter und ausfhrlicher in die Sache eingehen. Sie
reden in Ihrem Briefe von Gedchtnishilfen, die Sie sich ersonnen haben,
und erbieten sich, mir mehr darber zu sagen, wenn ich es wolle. Tun Sie
es ja. Leben Sie wohl! Mit immer gleichem Anteil der Ihrige.      H.



_Tegel_, den 8. Mrz 1833.

Auch diesmal komme ich viel spter zum Schreiben, als es mein Vorsatz
war, liebe Charlotte, und da ich immer viel Zeit zum Schreiben brauche,
so werden Sie den Brief noch spter bekommen. Sie mssen sich aber nie
deshalb beunruhigen. Sie werden sagen, da man darber nie Herr ist. Mit
jedem Ersten des Monats denke ich daran, Ihnen zu schreiben, aber es
treten bei meiner Lebenseinteilung oft Tage und Reihen von Tagen ein, wo
ich nicht zum Schreiben an Sie, auch mit dem besten Willen, kommen
kann. Der Vormittag ist unabnderlich wissenschaftlichen Arbeiten
gewidmet. Davon mache ich hier in Tegel keine Ausnahme (in der Stadt mu
ich es freilich); diese Arbeiten machen jetzt eigentlich mein Leben aus,
meine Gedanken sind ihnen ganz zugewendet, und da ich jetzt vieles
Schlafes bedarf, so ist mein Vormittag doch kurz. Den Nachmittag gehe
ich ein bis zwei Stunden spazieren, und die brige Zeit bleibt fr meine
ziemlich weitlufige Korrespondenz und vielfachen Geschfte usw. Fllt
nun in diesen Dingen etwas ungewhnlich Dringendes vor, wie es diesmal
der Fall war, oder kommt Besuch, so verzgert sich gegen mein Wnschen
und Wollen der Abgang meines Briefes an Sie. Dennoch bin ich
glcklicherweise viel weniger Strungen ausgesetzt wie andere und
geniee noch der hchst ntzlichen Gabe, nie durch Mangel an Stimmung
abgehalten zu werden oder die Stimmung abwarten zu mssen. Wie ich die
Sache vornehme, ist, wenn ich bisweilen auch lieber etwas ganz anderes
tte und mich zum Anfange wahrhaft zwingen mu, die Stimmung da. Bei dem
Wort fallen mir Ihre Tabellen ein. Sie haben mich sehr interessiert. Es
ist eine originelle Idee, die tglichen Zustnde des Lebens schnell
aneinanderzureihen, die Stimmung und alle anderen Dinge, von denen sie
abhngen kann, aufzuzeichnen. Auch nur ein halbes Leben so verzeichnet,
wrde zu einer Menge von Vergleichungen Stoff darbieten.

Ihr ganzer Brief hat mir Freude gemacht, da eine ruhige, in jeder Art
erfreuliche Gemtsstimmung daraus hervorgeht. Nur hat mich fr Sie der
neue Verlust sehr geschmerzt, den Sie abermals erlitten haben. Das
Vorangehen so vieler ist allerdings bei vorrckenden Jahren etwas die
ruhige Heiterkeit des Gemts sehr schmerzlich Trbendes. Ich gehe aber
noch weiter. Auch das Altwerden derer, die man in Jugendkraft des
Krpers und Geistes gekannt hat, ist betrbend. Ich wollte schon immer
alt werden, wenn nur die, die um mich her sind, jung blieben. Indes ist
das, wenn es auch nicht scheint, ein eigenntziger Wunsch.

Sie fragen mich, was ich unter Ideen meine, wenn ich sage, da sie
allein das Bleibende im Menschen sind, und da sie allein das Leben zu
beschftigen verdienen? Die Frage ist nicht leicht beantwortet, ich will
aber versuchen, deutlich darber zu werden. Die Idee ist zuerst den
vergnglichen ueren Dingen und den unmittelbar auf sie bezogenen
Empfindungen, Begierden und Leidenschaften entgegengesetzt. Alles, was
auf eigenntzige Absichten und augenblicklichen Genu hinausgeht,
widerstrebt ihr natrlich und kann niemals in sie bergehen. Aber auch
viel hhere und edlere Dinge, wie Wohlttigkeit, Sorge fr die, die
einem nahestehen, mehrere andere gleich sehr zu billigende Handlungen
sind auch nicht dahin zu rechnen und beschftigen denjenigen, dessen
Leben auf Ideen beruht, nicht anders, als da er sie tut, sie berhren
ihn nicht weiter. Sie knnen aber auf einer Idee beruhen und tun es in
idealistisch gebildeten Menschen immer. Diese Idee ist dann die des
allgemeinen Wohlwollens, die Empfindung des Mangels desselben wie einer
Disharmonie, wie eines Hindernisses, das es unmglich macht, sich an die
Ordnung hherer und vollkommener Geister und an den wohlttigen Sinn,
der sich in der Natur ausspricht und sie beseelt, anzuschlieen. Es
knnen aber auch jene Handlungen aus dem Gefhl der Pflicht entspringen,
und die Pflicht, wenn sie blo aus dem Gefhl der Schuldigkeit fliet,
ohne alle und jede Rcksicht auf Befriedigung einer Neigung oder
irgendeine selbst gttliche Belohnung, gehrt gerade zu den erhabensten
Ideen. Von diesen mu man hingegen auch absondern, was blo Kenntnis des
Verstandes und des Gedchtnisses ist. Dies kann wohl zu Ideen fhren,
verdient aber nicht selbst diesen Namen. Sie sehen schon hieraus, da
die Idee auf etwas Unendliches hinausgeht, auf ein letztes
Zusammenknpfen, auf etwas, das die Seele noch bereichern wrde, wenn
sie sich auch von allem Irdischen losmachte. Alle groen und
wesentlichen Wahrheiten sind also von dieser Art. Es gibt aber sehr
viele Dinge, die sich nicht ganz mit den Gedanken fassen und ausmessen
lassen und darum doch nicht minder wahr sind. Bei vielen von diesen
tritt dann die knstlerische Einbildungskraft ein. Denn diese besitzt
die Gabe, das Sinnliche und Endliche, zum Beispiel die krperliche
Schnheit, auch unabhngig vom Gesicht und seinem seelenvollen Ausdruck
so darzustellen, als wre es etwas Unendliches. Die Kunst, die Poesie
mit eingeschlossen, ist daher ein Mittel, sehr vieles in Ideen zu
verwandeln, was ursprnglich und an sich nicht dazu zu rechnen ist.
Selbst die Wahrheit, wenn sie auch hauptschlich im Gedanken liegt,
bedarf einer solchen Zugabe zu ihrer Vollendung. Denn wie wir bisher die
Idee nach ihrem Gegenstand betrachtet haben, so kann man sie auch nach
der Seelenstimmung schildern, die sie fordert. Wie sie nun, dem
Gegenstand nach, ein Letztes der Verknpfung ist, so fordert sie, um sie
zu fassen, ein Ganzes der Seelenstimmungen, folglich ein vereintes
Wirken der Seelenkrfte. Gedanke und Gefhl mssen sich innig
vereinigen, und da das Gefhl, wenn es auch das Seelenvollste zum
Gegenstande hat, immer etwas Stoffartiges an sich trgt, so ist nur die
knstlerische Einbildungskraft imstande, die Vereinigung mit dem
Gedanken, dem das Stoff artige widersteht, zu bewirken. Wer also nicht
Sinn fr Kunst oder nicht wahren und echten fr Musik oder Poesie
besitzt, der wird berhaupt schwer Ideen fassen und in keiner gerade das
wahrhaft empfinden, was darin Idee ist. Es ist ein solcher Unterschied
zwischen den Menschen in ihrer ursprnglich geistigen Anlage gegrndet.
Die Bildung tut hierzu nichts. Sie kann wohl hinzutun, nie aber
schaffen, und es gibt hundert knstlerisch und wissenschaftlich
gebildete Menschen, die doch in jedem Worte deutlich beweisen, da ihnen
die Naturanlage, mithin alles fehlt. Der groe Wert der Ideen wird
vorzglich an folgendem erkannt: Der Mensch lt, wenn er von der Erde
geht, alles zurck, was nicht ganz ausschlielich und unabhngig von
aller Erdenbeziehung seiner Seele angehrt. Dies aber sind allein die
Ideen, und dies ist auch ihr echtes Kennzeichen. Was kein Recht htte,
die Seele noch in den Augenblicken zu beschftigen, wo sie die
Notwendigkeit empfindet, allem Irdischen zu entsagen, kann nicht zu
diesem Gebiete gezhlt werden. Allein diesen Moment, bereichert durch
geluterte Ideen, zu erreichen, ist ein schnes, des Geistes und des
Herzens wrdiges Ziel. In dieser Beziehung und aus diesem Grunde nannte
ich die Ideen das einzig Bleibende, weil nichts anderes da haftet, wo
die Erde selbst entweicht. Sie werden mir vielleicht Liebe und
Freundschaft entgegenstellen. Diese sind aber selbst Ideen und beruhen
gnzlich auf solchen. Von der Freundschaft ist das an sich klar. Von der
Liebe erlassen Sie mir zu reden. Es mag an sich eine Schwachheit sein,
aber ich spreche das Wort ungern aus und habe es ebensowenig gern, wenn
man es gegen mich ausspricht. Man hat oft wunderbare Ansichten von der
Liebe. Man bildet sich ein, mehr als einmal geliebt zu haben, will dann
gefunden haben, da doch nur das eine Mal das Rechte gewesen sei, will
sich getuscht haben oder getuscht sein. Ich rechte mit niemandes
Empfindungen. Aber was ich Liebe nenne, ist ganz etwas anderes,
erscheint im Leben nur einmal, tuscht sich nicht und wird nie
getuscht, beruht aber ganz und viel mehr noch auf Ideen.

Ich frchte aber, Sie ermdet zu haben, ohne Ihnen vollkommen klar zu
werden. In diesem Fall verzeihen Sie mir. Sie wollten ausdrcklich, da
ich Ihnen darber schreiben sollte, und die Schwierigkeit liegt in der
Sache. Vielleicht aber finden Sie doch etwas darin, woran Sie sich
halten knnen, und wenn Sie von da aus Fragen tun, so kann ich Ihnen
weitere Erluterungen geben, was ich von Herzen gern tun will. Wie immer
der Ihrige.             H.



_Tegel_, den 7. April 1833.

Ich bin schon lange im Besitz Ihres Briefes, liebe Charlotte, habe aber
nicht frher dazu kommen knnen, ihn zu beantworten. Sie haben ihn blo
vom Monat Mrz datiert und gegen Ihre Gewohnheit nicht den Tag des
Abgangs vermerkt. Ich bitte Sie, ihn knftig immer hinzuzusetzen. Ein
Brief, von dem man nichts als den Monat wei, ist eine zu unbestimmte
Mitteilung, und ich habe immer auf die Tage gehalten. Man kann eher
noch etwas im Raum unbegrenzt lassen. Die Empfindung der Zeit greift
berhaupt tiefer in die Seele ein, was wohl daran liegt, da der Gedanke
und die Empfindungen sich in der Zeit bewegen.... Ich habe oft, fast von
meiner Kindheit an, angefangen, Tagebcher zu halten und sie nach
einiger Zeit wieder verbrannt. Es tut mir aber sehr leid, nicht
wenigstens von jedem Tage aufgezeichnet zu haben, wo ich war und was ich
vorzglich tat, oder wer mir begegnete. Ich wrde mich sehr freuen, das
von meinem zehnten Jahre an zu besitzen. Von ausfhrlichen Tagebchern
und solchen, die Beurteilungen der Handlungen und Gesinnungen enthalten
sollen, halte ich sonst nicht viel. Es geht einem, wie man es anfangen
mge, nie ganz ein, fr sich selbst und an sich selbst gerichtet zu
schreiben. Wenn man das Geschriebene auch niemand zeigt noch zeigen
wrde, so schreibt man doch wie einem imaginierten Publikum gegenber.
Man ist wirklich mehr befangen, als wenn man die Selbstbeurteilung an
eine einzelne bestimmte Person richtet. Das Interesse an dieser zieht da
die Seele davon ab, sich zu sehr mit sich selbst zu beschftigen und zu
sehr auf sich Rcksicht zu nehmen, stellt dadurch die Unbefangenheit
wieder her und befrdert die Naivitt der Erzhlung. berhaupt ist nicht
eben zu frchten, da man sich in solchen Aufzeichnungen ber sich
selbst zu sehr schont, oft liegt sogar die bertreibung der Wahrheit im
Gegenteil. Was dagegen eher zu frchten sein kann, ist, da die
Eitelkeit dabei Nahrung findet. Man hlt leicht, je mehr man sich mit
sich selbst beschftigt, alles, was einen betroffen hat, fr
auerordentlicher, als was anderen begegnet ist, und legt auf jeden
Zufall wie auf eine Absicht Wert, welche Gott mit uns gehabt htte.
Indes knnen solche Fehler vermieden werden, und dann wird gerade ein
solches Tagebuch zu einer zugleich anziehenden und ntzlichen
Selbstbeschftigung....

Die Zeit ist nur ein leerer Raum, dem Begebenheiten, Gedanken und
Empfindungen erst Inhalt geben. Da man aber wei, da sie, wenn man auch
viel Einzelnes davon kennt, diesen Inhalt freudvoll und leidvoll fr
empfindende Menschen getragen hat, so ist sie an sich immer das Herz
ergreifend. Auch ihr stilles und heimliches Walten hat etwas magisch
Anziehendes. Der Tag, an dem einem ein groes Unglck begegnet, ist eine
lange Reihe von Jahren ungeahnt an einem vorbeigegangen, und ebenso
still und unbekannt schreitet der an uns vorber, an dem uns ein Unglck
unwandelbar bevorsteht. Denkt man aber der Folge der Zeit nach, so
verliert man sich darin wie in einem Abgrund. Es ist nicht Anfang noch
Ende. Ein groer Trost liegt aber im Wandel, da er immer an ein hchstes
Gesetz, an einen ewiglenkenden Willen in unverrckter Ordnung erinnert.
Das Erkennen dieser Ordnung ist in allen Welteinrichtungen, bei der
Hinflligkeit der menschlichen Natur und der scheinbar oft regellos
zermalmenden Gewalt der Elemente, etwas sehr Beruhigendes. Am
regelmigen Sonnenlauf und Mondeswechsel mu das auch ganz rohen
Nationen anschaulich werden. Je mehr die Kenntnis der Natur zunimmt,
desto mehr wchst die Zahl der Beweise dieser Ordnung. Zur eigentlichen
Einsicht in den Sternenlauf ist schon wissenschaftliche Beobachtung
notwendig. Steigt diese, wie bei uns, zum hchsten Grade, so werden
wieder Abweichungen bemerkbar und Dinge, die sich in die sonstige
Ordnung nicht passen lassen. Diese sind sichere Beweise, da die
Forschung noch ein neues Feld zu Entdeckungen vor sich hat. Denn alles
wissenschaftliche Arbeiten ist nichts anderes, als immer neuen Stoff in
allgemeine Gesetze zu bringen...

Sie klagen im ganzen ber Ihr Gedchtnis, nehmen aber einiges aus. Mehr
knnen wenige von sich sagen. Das Gedchtnis ist nach Gegenstnden
verteilt, und in niemanden ist es fr alle gleich gut. Das angenehmste
ist ein leichtes Gedchtnis fr Gedichte. Ist das mit wahrem Geschmack
in der Auswahl und mit Talent im Hersagen verbunden, so gibt es keine
andere, das Leben gleich verschnende Gabe. Zum guten Hersagen gehrt
aber unendlich viel: zuerst freilich nur Dinge, die jede gute Erziehung
jedem geben kann, richtiges Verstehen des Sinnes, eine gute, deutliche,
von Provinzialfehlern freie Aussprache; aber dann freilich Dinge, welche
nur angeboren werden, ein glckliches, schon in sich seelenvolles Organ,
ein feiner musikalischer Sinn fr den Fall des Silbenmaes, ein
wahrhaft dichterisches Gefhl und hauptschlich ein Gemt, in dem alle
menschlichen Empfindungen rein und stark wiederklingen. Der Genu, den
ein solches Wiedergeben wahrhaft schner Gedichte gewhrt, ist in der
Tat ein unendlicher. Er ist mir oft und im hchsten Grade geworden, und
ich rechne das zu den schnsten Stunden des Lebens. Aber auch das eigene
Auswendiglernen und Auswendigwissen von Gedichten oder von Stellen aus
Gedichten verschnert das einsame Leben und erhebt oft in bedeutenden
Momenten. Ich trage mich von Jugend an mit Stellen aus dem Homer, aus
Goethe und Schiller, die mir in jedem wichtigen Augenblicke wiederkehren
und mich auch in den letzten des Lebens nicht verlassen werden. Denn man
kann nichts Besseres tun, als mit einem groen Gedanken hinbergehen...

Ich befinde mich, Gott sei gedankt, recht wohl, gehe aber doch den
Sommer wieder ins Seebad nach Norderney. Man findet, da es meine
Schwchlichkeiten vermindert hat. Das sehe ich nun zwar nicht, und auch
Sie werden es, an meinem Schreiben wenigstens, nicht gewahr werden.
Allein das ist wohl mglich, und das glaube ich sogar selbst, da der
jhrliche Gebrauch des Bades diese meine Schwchlichkeiten auf dem
Punkte erhlt, auf dem sie jetzt sind. Vielleicht sind auch die Wellen
unschuldig daran. Aber man ist gern dankbar, und die See ist ein so
schner und groer Gegenstand, da man ihr gern dankbar ist. Gern gehe
ich aber nicht hin, es ist mir eine lstige Strung. Aber wenn ich mich
einmal in das Notwendige fgen mu, so nehme ich mir das Angenehme
heraus und gehe leicht ber das Lstige hinweg, ob ich mich gleich von
meiner hiesigen Einsamkeit so ungern als von einer geliebten Person
trenne.

Mit der Gegenwart sind Sie so dankbar zufrieden. Vertrauen Sie auch der
Zukunft und hegen keine ngstlichen Besorgnisse. Sie ist allerdings
ungewi, aber bedenken Sie, da die ewige Gte wacht, daraus entspringt
Vertrauen, und dies mu man im Herzen nhren. Mit inniger Teilnahme
unabnderlich der Ihrige.     H.



_Norderney_, den 2. August 1833.

Mit dem Anfange dieses Monats ist gerade die Hlfte meiner Badekur
vollendet, liebe Freundin, und es wird Ihnen Freude machen, wenn ich
Ihnen sage, da ich sie ununterbrochen habe fortsetzen knnen, und
befinde mich, Dank sei es der Vorsehung, sehr wohl. Von der gnzlichen
Wirkung lt sich erst nach Monaten urteilen. Dem Erfolg bis jetzt nach
zu schlieen, wird sie hoffentlich nicht geringer als im vorigen Jahre
sein. Hier werde ich fast allgemein, meiner einzelnen Schwchlichkeiten
ungeachtet, fr stark gehalten, und gewissermaen knnte ich mir selbst
so erscheinen. Denn kein noch so junger rstiger Mann braucht das Bad
strker als ich, und ich fhle mich niemals nur einen Augenblick davon
angegriffen. Ich nehme nie etwas Strkendes nachher und beschftige
mich, wenn ich nicht der Luft im Gehen genieen will, mit jeder Sache,
die mich gerade interessiert. Von der Witterung spre ich gar keinen
Einflu. Einige Krperstrke setzt das allerdings voraus. Aber die
Hauptsache ist doch, das ganze Leben hindurch die Seele zur Ertragung
jedes Ungemachs abgehrtet zu haben. Es ist unglaublich, wieviel Kraft
die Seele dem Krper zu verleihen vermag. Es erfordert auch garnicht
eine groe oder heldenmtige Energie des Geistes. Die innere Sammlung
reicht hin, nichts zu frchten und nichts zu begehren, als was man
selbst in sich abwehren und erstreben kann. Darin liegt eine
unglaubliche Kraft. Man ist darum nicht in eine phlegmatische Ruhe
versenkt, sondern kann dabei gerade von den tiefsten und ergreifendsten
Gefhlen bewegt sein, ihre Gegenstnde gehren nur nicht der ueren
Welt an, sondern sind hheren Dingen und Wesen zugewendet. Man ist nicht
frei von Sehnsucht, vielmehr ihr oft hingegeben, aber es ist nicht die
verzehrende, die nach uerer Gewhrung strebt, sondern eine eigene, nur
die lebendige Empfindung von etwas Besserem und Schnerem, mit dem die
Seele innig verwandt ist. -- Das Wetter war hier seit unserer Ankunft
fr den Gebrauch des Bades sehr gnstig. Denn da es immer windig und
einigemal sehr strmisch war, so war die See fast unausgesetzt sehr hoch
und unruhig, und diesen heftigen Wellenschlag hlt man gerade fr sehr
zutrglich. Mit Sonnenschein verbunden, wie wir ihn oft hatten, ist er
zugleich ein reizender Anblick. ber Hitze hat man sich hier wohl selten
zu beklagen. Da die Winde meistenteils vom Meer herkommen, so khlen sie
die Luft hinreichend ab. Auf Inseln, besonders auf kleinen, ist groe
Hitze ebenso wie groe Klte selten. Wir haben aber in diesem Sommer
wirklich sehr heie Tage gehabt. Meine Liebe fr groe Wrme schreibt
sich doch nicht, wie Sie glauben, aus meinem lngeren Aufenthalt in
Spanien und Italien her, ich erinnere mich, sie von frher Kindheit an
gehabt zu haben...

Sie haben allerdings recht, wenn Sie sagen, Frau von Stal und Frau von
Laroche werden schlimm im Goetheschen Briefwechsel behandelt. Es ist
dies Goethes Schuld. Im vertraulichen Briefwechsel kann man sich, wie im
Gesprch, kleine Spttereien erlauben, da man keine ble Absicht damit
verbindet und genau wei, wie man verstanden wird. Wenn man aber solche
Briefe vor das groe Publikum bringt, mu man solche Stellen
wegstreichen, und darin ist Goethe, der den Briefwechsel herausgegeben,
zu sorglos gewesen. Solche kleine Flecken knnen aber einem Werke keinen
Eintrag tun, das sonst einen solchen Reichtum an genialen und neuen
Ideen enthlt und so das lebendige Geprge des Gedankenaustausches
zweier groer Geister in sich trgt; denn es gibt nicht leicht eine
Schrift, die einen so unendlichen Stoff zum Nachdenken darbietet und so,
nach allen Richtungen hin, die einzig richtig leitenden Ansichten
angibt. Der Stal muten Goethe und Schiller Unrecht tun, da sie sie
garnicht genug kannten. Die Stal war bei weitem weniger von ihren
schriftstellerischen Seiten, als im Leben und von Seiten ihres
Charakters und ihrer Gefhle, Geist und Empfindung. Beides war in ihr
auf eine ganz ihr angehrende Weise verschmolzen. Goethe und Schiller
konnten das nicht so wahrnehmen. Sie kannten sie nur aus einzelnen
Gesprchen, und auch da nur unvollkommen, da sie sich doch beide nicht
franzsisch mit vollkommener Freiheit ausdrckten. Diese Gesprche
griffen sie an, weil sie dadurch angeregt wurden, ohne sich doch in dem
fremden Organ ganz und rein aussprechen zu knnen, und so wurde ihnen
die lstig, die solche Gesprche veranlate. Von dem wahren inneren
Wesen der Frau wuten sie nichts. Was man von ihrer Unweiblichkeit
sagte, gehrt zu dem trivialen Geschwtz, das sich der gewhnliche
Schlag der Mnner und Weiber ber Frauen erlaubt, deren Art und Wesen
ber ihren Gesichtskreis geht. Sich ber das Hhere allen Urteils zu
enthalten, ist eine zu edle Eigenschaft, als da sie hufig sein knnte.
Wirklich selbst vorzgliche Frauen, welche die Stal kannten, haben sie
nie als unweiblich getadelt, und noch weniger kann man sie so in ihren
Schriften finden.

Die Laroche habe ich selbst gleichfalls gekannt. Sie war sehr gutmtig
und mute in ihrer Jugend schn gewesen sein. Von Geist war sie
allerdings nicht ausgezeichnet. Allein ihre Schriften sind nicht ohne
Wirkung auf die weibliche Bildung ihrer Zeit geblieben. Insofern hat die
Frau ein Verdienst gehabt, das ihr auch Goethe und Schiller nie wrden
haben absprechen wollen. Sie dachten nur an den literarischen Wert, der
freilich nicht gro war. Man mu aber auch, was sie in scherzhaft
heiterer Laune hinschrieben, nicht als vollwichtigen Ernst aufnehmen.
Die Epochen, in die uns diese Erinnerungen zurckfhren, weichen
allmhlich in solche Ferne zurck, da schon darum das Interesse an
ihnen wchst. Auch erscheint immer mehr, was zur Charakterisierung der
damals merkwrdigsten Personen dient. In den Urteilen ber sie wirkt
noch die Stimmung mit fort, welche sie im Leben hervorbrachten; allein
nach und nach tritt eine andere Stimmung ein, bis sich endlich das
bildet, was man den bleibenden Nachruhm nennt. Die Menschen werden in
diesem gewissermaen zu Schattengestalten. Vieles, was sie an sich
tragen, erlischt, und das brigbleibende wird nun zu einer ganz anderen
Erscheinung. Dabei wird noch, was man von ihnen wei, nach dem Geiste
der jedesmaligen Zeit aufgenommen. So ungewi steht es um das Bild, das
auch die grten Menschen hinterlassen, und um die Geschichte!

Meine Badekur ist den 21. d. M. zu Ende, und ich werde also noch vor dem
Ende desselben zurckgekehrt in Tegel sein. Ich fhle mich wohl und sehr
gestrkt, und werde die Wirkung nach einiger Zeit noch mehr empfinden.
Ich sage Ihnen das, liebe Freundin, schon jetzt und noch von hier aus,
da Sie mir mit liebevoller Teilnahme so oft gesagt haben, da Sie diese
Nachrichten zuerst und vor allen anderen in meinen Briefen suchen. So
begegnen sie Ihnen schon am Schlu dieses Briefes und kommen Ihnen
frher zu, was Ihnen, wie ich wei, Freude macht. Aber richten Sie es
nun auch so ein, da ich einen Brief von Ihnen in Berlin vorfinde. Mit
der innigsten und unvernderlichsten Teilnahme der Ihrige.           H.



_Tegel_, den 6. Oktober 1833.

Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, liebe Charlotte, fr Ihren
lieben Brief, den ich bei meiner Zurckkunft hier vorfand, und der so
viel Liebes und Gtiges ber mich enthlt. Ob Sie nichts von Ihrem
Befinden erwhnen, so scheint mir doch die Stimmung zu beweisen, da Sie
wohl sind. Sie wissen, welchen lebhaften Anteil ich daran nehme. Sie
genieen doch gewi auch recht in Ihrem Garten die schnen Tage, mit
denen das sich zum Ende neigende Jahr scheint alle schlimmen Tage, an
denen der Sommer reich war, wieder in Vergessenheit bringen zu wollen.
Es ist merkwrdig, wie wunderschn das Wetter ist, eben so ausgezeichnet
schn war der Frhling. Ich dchte in zwanzig Jahren kein so
bltenreiches Frhjahr hier erlebt zu haben. Die Pracht war ber alle
Beschreibung. Das schne Wetter wird aber bei weitem nicht so dankbar
von den Menschen erkannt, als man das blo minder gute gleich bermig
allgemein tadeln hrt. Die Menschen scheinen zu meinen, da, wenn ihnen
auch der Himmel alle brigen Glcksgaben vorenthielt, er ihnen doch
diese, gleichsam die wohlfeilste von allen, gewhren msse. Wieviel dem
Himmel das schne Wetter kostet, ist freilich schwer zu berechnen.
Allein in der Wirkung auf das Gemt gehrt ein wahrhaft schner Tag zu
den allerkostbarsten Geschenken des Himmels. Wenn man im Menschen eine
gewisse mittlere Seelenstimmung als die Regel annehmen kann, so bringt
mich schlechtes Wetter niemals unter dieselbe, dies erlaubt meine gegen
alle ueren unangenehmen Eindrcke sehr gut verwahrte Natur nicht. Aber
ein schner Tag oder eine strahlend sternhelle Nacht hebt mich
unaussprechlich darber empor. Denn man kann, gerade indem man die
Empfindung des Schnen schrft, die Reizbarkeit gegen das Unangenehme
abstumpfen.

Was Sie ber Herder und Goethe sagen und ber die verschiedene Wirkung,
welche die Schriften beider auf Sie haben, hat mich zu allerlei
Betrachtung gefhrt, ber die Empfindungen anderer sollte man nicht so
scharf absprechen. Beschrnken Sie das Gesagte auf sich und andere,
deren Gemtsart Ihnen genau bekannt ist, so stimme ich Ihnen gnzlich
bei. Was mir aber bei dieser Stelle Ihres Briefes besonders aufgefallen
ist, ist, da sie mir wieder recht klar bewiesen hat, da es zwei ganz
verschiedene Arten gibt, sich einem Buche zu nahen. Eine, mit einer
bestimmten Absicht verbunden und ganz nahe auf den Lesenden selbst
bezogen, und eine freiere, die mehr und nher auf den Verfasser und
seine Werke geht. Jeder Mensch liest, nach Verschiedenheit der
Stimmungen und der Momente, mehr auf die eine oder die andere Weise;
denn rein und gnzlich geschieden sind beide natrlich nie. Die eine
wendet man an, wenn man von einem Buche fordert, da es erheben,
erleuchten, trsten und belehren soll, die andere Methode ist einem
Spaziergange in freier Natur zu vergleichen. Man sucht und verlangt
nichts Bestimmtes, man wird durch das Werk angezogen, man will sehen,
wie sich eine poetische Erfindung entfalte, man will dem Gange eines
Rsonnements folgen. Belehrung, Trost, Unterhaltung findet sich nachher
ebenso und in noch hherem Mae ein, aber man hat sie nicht gesucht, man
ist nicht von einer beschrnkten Stimmung aus zu dem Buche
bergegangen, sondern das Buch hat frei und ungerufen die ihm
entsprechende selbst herbeigefhrt. Das Urteil ist aber auf diese Weise
freier, und da es von augenblicklicher Stimmung unabhngiger bleibt,
zuverlssiger. Ein Verfasser mu es vorziehen, so gelesen und geprft zu
werden. Herder kann brigens jede Art der Beurteilung ruhig erwarten. Er
ist eine der schnsten geistigen Erscheinungen, die unsere Zeit
aufzuweisen hat. Seine kleinen lyrischen Gedichte sind voll tiefen
Sinnes und in der Zartheit der Sprache und Anmut der Bilder die
Lieblichkeit selbst. Besonders wei er das Geistige unnachahmlich schn,
bald mit einem wohlgewhlten Bilde, bald mit einem sinnigen Worte in
eine krperliche Hlle einzuschlieen, und ebenso die sinnliche Gestalt
geistig zu durchdringen. In diesem symbolischen Verknpfen des
Sinnlichen mit dem Geistigen gefiel er sich auch selbst am meisten,
bisweilen, obgleich selten, treibt er es bis ins Spielende. Eine seiner
groen Eigenschaften war es auch, fremde Eigentmlichkeiten mit
bewunderungswrdiger Feinheit und Treue aufzufassen. Dies zeigt sich in
seinen Volksliedern und in der Geschichte der Menschheit. Ich erinnere
mich z. B. aus der letzten der meisterhaften Schilderung der Araber.
Herder stand im Umfang des Geistes und des Dichtungsvermgens gewi
Goethe und Schiller nach, allein es war in ihm eine Verschmelzung des
Geistes mit der Phantasie, durch die er hervorbrachte, was beiden nie
gelungen sein wrde. Diese Eigentmlichkeit fhrte ihn zu groen und
lieblichen Ansichten ber den Menschen, seine Schicksale und seine
Bestimmung. Da er eine groe Belesenheit besa, so befruchtete er seine
philosophischen Ansichten durch dieselbe und gewann dadurch den Reichtum
von Tatsachen fr seine allegorischen und historischen Ausfhrungen. Er
gehrt, wenn man ihn im ganzen betrachtet, zu den wundervollst
organisierten Naturen. Er war Philosoph, Dichter und Gelehrter, aber in
keiner einzigen dieser Richtungen wahrhaft gro. Dies lag auch nicht an
zuflligen Ursachen, an Mangel gehriger bung. Htte er einen dieser
Zweige allein ausbilden wollen, so wrde es ihm nicht gelungen sein.
Seine Natur trieb ihn notwendig zu einer Verbindung von allen zugleich
hin, und zwar zu wahrer Verschmelzung, wo jede dieser Richtungen, ohne
ihre Eigentmlichkeit zu verlassen, doch in die der andern einging, und
da doch dichtende Einbildungskraft seine vorherrschende Eigenschaft war,
so trug das Ganze, indem es die innigsten Gefhle weckte, immer einen
doppelt stark anziehenden Glanz an sich. Diese Eigentmlichkeit bringt
es aber auch freilich mit sich, da die Herderschen Rsonnements und
Behauptungen nicht immer die eigentlich gediegene berzeugung
hervorbringen, ja da man nicht einmal das recht sichere Gefhl hat,
da es seine eigene recht feste berzeugung war, die er aussprach.
Beredsamkeit und Phantasie leihen leicht allem eine willkrliche
Gestalt. Von der Auenwelt entlehnte er nicht viel. Sein Aufenthalt in
Italien hat ihn fast um nichts bereichert, da Goethe der seinige so
reiche und schne Frchte getragen hat. Herders Predigten waren
unendlich anziehend. Man fand sie immer zu kurz und htte ihnen die
doppelte Lnge gewnscht. Aber eigentlich erbaulich waren die, welche
ich gehrt habe, nicht, sie drangen wenig ins Herz.

Wenn er jetzt wte, da ich so viel mit unleserlich kleinen Buchstaben
ber ihn schreibe, wrde er sich gewi wundern, und ich wundere mich
ber mich selbst. Ich tue es einzig, weil ich denke, da es Ihnen Freude
macht. Sagen Sie mir aber auch, wenn Sie mich nicht mehr lesen knnen.
Denn fr mich selbst schreibe ich nicht.

Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr    H.



_Tegel_, den 16. Nov. bis 7. Dez. 1833.

Ich fange diesen Brief an, liebe Charlotte, ohne noch einen von Ihnen
empfangen zu haben; ich denke aber gewi, da in diesen Tagen selbst
einer ankommen mu. Zuerst habe ich noch auf eine Stelle Ihres Briefes
zurckzukommen, die eigentlich ganz unbeantwortet von mir geblieben ist,
und wofr ich Ihnen sehr danke. Es ist nmlich das, was Sie ber die
verschiedene Art Bcher zu lesen sagen, und ber das, was man in ihnen
zu suchen hat. Sie beziehen sich dabei auf Goethe. Sie wissen, ich liebe
es sehr, wenn man im freundschaftlichen Briefwechsel es frei ausspricht,
wo die Meinungen nicht bereinstimmen. Dann auch haben Sie mich
veranlat, die schne Stelle in Goethes Wahrheit und Dichtung wieder
zu lesen, auf die Sie sich beziehen. Im ganzen aber ist es, wie es
gewhnlich im Entgegenstellen der Behauptungen geht, da man einander
doch nicht bekehrt. Meine Art ist es einmal und wird es immer bleiben,
ein Buch ebenso wie einen Menschen als eine Erscheinung an sich, nicht
als eine Gabe fr mich anzusehen. Ich gehe darum noch nicht, wie Goethe
sagt, in die Kritik desselben ein, ebensowenig wie ich dies bei einem
Menschen tue. Aber ich betrachte es wie ein Produkt des menschlichen
Geistes, das ohne alle Beziehung auf meine Gedanken und Gefhle einen
eigenen Ideenzusammenhang und eine eigene Gefhlsweise ausspricht und
meine Aufmerksamkeit dadurch in Anspruch nimmt. Ich begreife indes, da
viele Leser die Bcher mehr zu sich hinziehen und sie weniger objektiv
nehmen, und wenn Sie mich fragen, ob es einem Schriftsteller unangenehm
sein knne, wenn er Beruhigung oder Erheiterung in ein dieser oder jener
bedrfendes Gemt ergiee oder eine gebeugte Seele ermutige, so
antworte ich mit voller berzeugung: er ist gewi damit zufrieden und
fhlt sich belohnt, gesetzt, es wre auch nicht gerade sein Zweck. Ich
wollte Ihnen nur sagen, wie ich Bcher lese, keineswegs aber Ihre Weise
tadeln.

Den 4. Dezember. Ich bin nunmehr im Besitz Ihres Briefes vom
24. November und danke Ihnen herzlich fr den ganzen Inhalt desselben.
Erhalten Sie sich in der ruhigen, heitern, zufriedenen Stimmung. Eine
Heiterkeit wie die, von der Sie sagen, da sie Ihnen natrlich inwohnt,
ist eine sehr glckliche Gabe des Himmels oder des Schicksals und, wie
Sie selbst sehr richtig bemerken, mehr noch eine Frucht einer natrlich
einfachen, bescheiden gengsamen Gemtsart. Wenn sie aber auch so,
gleichsam von selbst, im Charakter hervorblht, so kann und mu man sie
doch auch nhren und untersttzen. Ich meine das nicht von auen,
sondern recht eigentlich von innen. Ebenso ist es auch mit der Wehmut.
Der Mensch hat sich, wenn er irgendein innerliches Leben gelebt hat, ein
geistiges Eigentum von berzeugungen, Gefhlen, Hoffnungen, Ahnungen
gebildet. Dies ist ihm sicher, ja, im eigentlichen Verstande
unentreibar. Kann er darin sein Glck, seine Beruhigung, seine stille
Heiterkeit finden, so ist ihm diese gesichert und geborgen, wenn seine
Stimmung auch wehmtig bleibt. Denn jeder Gegenstand edler Wehmut
schliet sich willig an den eben genannten Kreis an. Sobald man
berhaupt irgend etwas, was das Gemt ergreift, in das Gebiet geistiger
Ttigkeit hinberfhren kann, wird es linder und mischt sich auf eine
sehr vershnende Weise mit allem, was uns eigentmlich ist, wovon wir,
wenn es auch schmerzte, uns nicht trennen knnten, ja nicht trennen
mchten. Ich meine aber unter geistiger Ttigkeit nicht die der
Vernunft. Diese knnte ein fhlendes Gemt nur zu starrer Resignation
bringen, die immer eine Ruhe des Grabes ist und nicht die schne
lebendige Heiterkeit gewhren kann, von der ich hier rede. Die rein
geistige Wirksamkeit hat aber ein viel weiteres Gebiet und verschmilzt
mit der Empfindung gerade zu dem Hchsten, dessen der Mensch fhig ist,
und diese Verschmelzung enthlt das wahre Mittel aller wahrhaft
hilfreichen Beruhigung. Der Gedanke verliert in ihr seine Klte, und die
Empfindung wird auf eine Hhe gestellt, auf der sich die verletzende
einseitige Beziehung auf das persnliche Selbst und den Augenblick der
Gegenwart abstumpft. Leben Sie herzlich wohl! Ihren letzten Brief
beantworte ich das nchste Mal. Mit dem innigsten Anteil der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 20. Dez. 1833 bis 7. Jan. 1834.

Es ist sehr gtig von Ihnen, liebe Charlotte, da Sie lieber meine
Briefe entbehren wollen als mir zumuten, sie bei dem Zustand meiner
Augen und Hand zu schreiben. Ich erkenne es mit doppelter Dankbarkeit,
da ich wei, was Ihnen meine Briefe sind, und da Sie weit mehr darin
finden als wirklich darin liegt. Ich fhle auch, da Ihre Einsamkeit sie
Ihnen noch wertvoller macht, da es nicht immer leicht ist, im Innern
ganz allein zu stehen. Ich begreife daher und fhle vollkommen, da das
Ausbleiben meiner Briefe eine bedeutende Lcke in Ihrem tglichen Leben
machen wrde. Gewi wei ich also die Stelle, die Ihr letzter Brief
enthlt, nach ihrem vollen Wert zu schtzen. Fr den Augenblick sehe ich
noch keine Notwendigkeit ein, eine nderung vorzunehmen. Wenn mich,
wofr man freilich menschlicherweise nicht stehen kann, nichts
Pltzliches befllt, so wird berhaupt ein gnzliches Abbrechen nicht
ntig sein. Die bel, die mir das Schreiben erschweren, sind von der Art
bis jetzt, da sie nur nach und nach und bis jetzt sogar nicht schnell
zunehmen. Die Folge wird daher auch nur die sein knnen, da ich weniger
ausfhrliche Briefe schreibe, wobei es mir doch auch ein Trost sein wird
zu denken, da Sie weniger Mhseligkeit haben werden zu lesen.
berlassen Sie es also vertrauensvoll mir, abzumessen, was meinen
Krften noch zusagt und wozu sie nicht mehr ausreichen. Ich bin von
Natur und durch eigene frhe Gewhnung ttig und von nicht leicht zu
ermdender Geduld, lasse schwer ab in berwindung von Schwierigkeiten
und gestatte nicht gern der Natur, meinem Willen etwas abzuntigen.
Ganz aus eigenem Triebe habe ich als Kind schon mich gebt zu tun, was
mir krperlich sauer wurde, und Schmerz und Beschwerde mir nicht aus
Weichlichkeit zu ersparen gesucht. Noch danke ich dem Himmel, da er mir
gerade das in die Brust legte. Denn wenn auch die Selbstverleugnung und
bung der Willenskraft garnicht zu den hchsten und grten Tugenden
gehren, so kann man sie doch mit vollem Recht zu den ntzlichsten
zhlen. Sie knnen nicht ganz von wechselnden Fgungen des Schicksals
unabhngig machen. Eine solche wahre Unabhngigkeit kann der Mensch auf
Erden niemals erlangen, er mu es schon als einen unendlich groen, ihm
von der Vorsehung eingerumten Vorzug ansehen, da die Unabhngigkeit,
die es ihm gelingen kann sich zu erstreben, in seine Gewalt gegeben ist,
ja, da er allein sie sich zu schaffen imstande ist, da sie eine
innerliche ist. Wenn man aber recht frei und khn auf das Ziel zugeht,
den ueren Einflssen keine Herrschaft zu gestatten, so gelangt man
immer weit und kann nicht allem, aber viel im Leben begegnen. Auch im
Alter, kann ich mit Wahrheit sagen, suche ich mir das Leben nicht leicht
und bequem zu machen, wenn ich den einzigen Punkt ausnehme, da ich
nicht mehr in Gesellschaft gehe: denn das habe ich ganz aufgegeben,
selbst fr die wenigen Orte, die ich noch, wenn auch schon selten, im
vorigen Winter besuchte.

Den 4. Januar 1834. Es ist das erstemal, da ich die neue Jahreszahl
schreibe. Ich htte frher nie geglaubt, da ich noch soviel schreiben
wrde, und noch jetzt, wo ich das Leben schon seit Jahren fr das, was
mich eigentlich daran knpft, als geendet ansehe, habe ich weder ein
ueres krperliches, noch inneres geistiges Vorgefhl, da ich nicht
noch mehrere neue Jahreszahlen schreiben wrde. Das sage ich nicht im
mindesten darum bestimmter, weil ich wei, da Sie es gern hren, so
gern ich Ihnen auch Freude mache, sondern weil ich es wirklich so fhle.
Ungeachtet des sonderbaren Winters ist mein eigentliches Befinden, wenn
ich es von den hindernden Beschwerden trenne, so, da es mir zu keiner
Klage Anla gibt.

Der Ideenumtausch, von dem Sie in Ihrem Briefe reden, ist wohl sehr
hbsch, aber mir ist der Sinn dafr vergangen. Die persnliche Nhe
anderer ist mir immer eine Strung meiner Einsamkeit, das heit jetzt im
engsten Sinne meiner selbst. Sie wird mir leicht beunruhigend und kann
mir peinigend werden. Ich vermeide daher, soviel ich kann, die Besuche
meiner ltesten Freunde und Bekannten, sollte ich auch dadurch lieblos
oder unhflich erscheinen. Es gibt Opfer, die man unrecht htte zu
bringen. Die meisten aber sind diskret und gtig und gnnen mir die Luft
des Alleinseins.

Was Sie mir von Paul Gerhard schreiben, hat mich sehr interessiert, und
ich werde die Lieder, die Sie mir bezeichnen, nochmals nachlesen. Seine
Schicksale waren mir im allgemeinen bekannt, aber nicht in so genauer
Beziehung auf die Lieder, die doch hier gerade das Wichtigste ist. Ich
schliee jetzt meinen Brief mit meinen herzlichen Glckwnschen fr das
neue Jahr. Mge dasselbe Sie frei von strenden Ereignissen, in
Gesundheit und der stillen heiteren Stimmung erhalten, die das
Erfreuliche, wo es nicht zu ndern ist, still hinbertrgt. Mit der
innigsten Teilnahme der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 12. Januar 1834.

Sie sagen in Ihrem letzten Brief, da, wenn man auch gar kein anderes
Buch haben drfte, man mit Bibel und Gesangbuch leben knnte, ber die
Bibel teile ich ganz Ihre Meinung. Das Gesangbuch wrde ich doch nur als
eine Zugabe ansehen. Was so alles andere ersetzen soll, mu nicht von
einzelnen bekannten, uns nahestehenden Verfassern herrhren, es mu aus
fernen Jahrhunderten als die Stimme der ganzen Menschheit, in der sich
immer zugleich die Stimme Gottes offenbart, zu uns herberschallen.
Darum knnte, wessen Gemt kindlich und einfach genug ist, den Sinn
frherer Jahrtausende zu fhlen, auch mit dem Homer getrost in die
Einsamkeit gehen. Das ist das, was der Mensch nie genug an der Vorsehung
bewundern und wofr er nie dankbar genug sein kann, da sie die wahrhaft
gttlichen Gedanken, die, auf denen unser innerstes Dasein ruht, bald
im Geiste ganzer Vlker und Zeiten, bald in einzelnen Menschen weckt und
durchbrechen lt. Von mir gestehe ich Ihnen, da ich sehr leicht ohne
alle Bcher leben knnte. Eine eigentliche Neigung zum Lesen habe ich
garnicht, auch habe ich fr ein langes Leben und so vielfache
wissenschaftliche Beschftigungen nur wenig gelesen. Eine Menge Bcher,
die andere sehr frh gelesen, kenne ich nur dem Namen nach, und ich kann
von Bchern umringt sein, auch wissen, da neue darunter sind, ohne in
eines hineinzusehen. Diese geringe Anziehungskraft aber haben die Bcher
nicht erst spt, gleichsam aus einer Art berdru, fr mich bekommen, es
ist, auch wie ich sehr jung war, nicht anders gewesen. Ich habe darum
doch sehr viel, Tage und Nchte, mit Bchern gelebt, allein immer mit
dem Zweck, irgend etwas Bestimmtes zu lernen, aufzusuchen oder zu
erforschen. Dies ab er ist durchaus verschieden von der in einigen
Menschen sich bis zur Leidenschaft steigernden Lust, zu lesen. Diese
Lust liegt in einer inneren Lebendigkeit, die ich nie so besessen habe,
an einem Bedrfnis nach Ideenstoff, das aber freilich zugleich an ein
Verlangen geknpft ist, diesen Stoff von auen in bunter
Mannigfaltigkeit zu bekommen, anstatt ihn in grerer Einfrmigkeit aus
seinem Innern zu schaffen. Indes ist diese Neigung darum nicht zu
mibilligen. Der Mangel an jener Strebsamkeit nach auen hin, das Hngen
an einsamem Sinnen, das Versenken in sich selbst ist auch nicht immer
reines Metall ohne Schlacken. Es entspringt oft aus Apathie, aus Hang
zum Miggange, und ist oft mehr ein waches Trumen als ein fruchtbares
Nachdenken. Es fhrt aber eine Sigkeit mit sich, die ich sonst mit
nichts vergleichen kann, man mag sich nun in Ideen verlieren oder
Erinnerungen zurckrufen. Das erste ist leichter und mheloser als im
Gesprch und im Schreiben, da man nur fr sich denkt, also Mittelstze
berspringen und nher zum Ziel gelangen kann, ja, von niemand gedrngt,
es nicht so scharf zu erreichen braucht. Wo aber die Wahrheit auf
Gefhlen ruht, da vertrauen sich diese lieber der Verschlossenheit des
eigenen Busens an. Darum sind alle religisen Menschen der Einsamkeit
leicht zugetan. Erinnerungen aber kleiden sich in ein so sanftes
Dmmerlicht, da die Zeit, die man in ihnen zum zweitenmal durchlebt,
oft dadurch tiefer in die Seele eindringt, als ihr die Unruhe der
Gegenwart es zu tun erlaubt, denn die Gegenwart ist immer mit der
Zukunft gemischt, und die Erfindung in ihr ist von einer Seite noch dem
Wechsel offen. Auch versetzt der Genu wie der Schmerz in eine Spannung,
die der ruhigen Betrachtung des Gegenstandes nicht gnstig ist. Wenn nun
dies Vergngen am Nachhngen gewisser Gedanken, die einen gewohnten Reiz
ber das Gemt ausben, der unbestimmten Luft, den Blick in ein Buch zu
werfen, gegenbertritt, so bleibt meine Wahl nicht lange unentschieden,
und ich knnte sehr gut lange Zeit ohne alle Bcher zubringen.

Sie bemerkten, da man sehr oft fragen hrt: was ist Glck? Wenn man
unter dem Worte Glck das meint, durch das man im Leben in der letzten
tiefsten Empfindung glcklich oder unglcklich ist, nicht blo darunter
einzelne Glcksflle versteht, so ist es recht schwer, das Glck zu
definieren. Denn man kann sehr vielen und groen Kummer haben und sich
doch dabei nicht unglcklich fhlen, vielmehr in diesem Kummer eine so
erhebende Nahrung des Geistes und des Gemts finden, da man diese
Empfindung mit keiner anderen vertauschen mchte. Dagegen kann man im
Besitz recht vieler Ruhe und Genu gewhrender Dinge sein, gar keinen
Kummer haben, und doch eine mit den Begriffen des Glcks ganz
unvertrgliche Leere in sich empfinden. Notwendig wird also zum Glck
eine gehrige Beschftigung des Geistes oder des Gefhls erfordert,
allerdings verschieden nach jedes einzelnen Geistes- oder
Empfindungsma, aber doch so, da eines jeden Bedrfnis dadurch erfllt
werde. Die Natur dieser Beschftigung oder vielmehr dieses inneren
Interesses richtet sich aber dann nach der individuellen Bestimmung, die
jeder seinem Leben gibt, oder vielmehr, die er schon in sich gelegt
findet, und so liegt Glck oder Unglck in dem Gelingen oder Milingen
des Erreichens dieser Bestimmung. Ich habe immer gefunden, da
weibliche Gemter in dies Gefhl lieber und williger eingehen als
Mnner, und sich auf diese Weise ein stilles Glck in einer
freudenlosen, ja oft kummervollen Lage bilden. Auch fr das knftige
Dasein ist diese Ansicht folgereich. Denn alles Erlangen eines anderen
Zustandes kann sich doch nur auf einen bereits erfllten grnden. Man
kann nur erlangen, wozu man reif geworden ist, und es kann in der
geistigen und Charakterentwicklung keinen Sprung geben.



_Tegel_, Februar 1834.

Berlin hat in diesen Tagen einen Verlust erlitten, den man mit Wahrheit
einen gleich groen fr die Religion und Philosophie berhaupt nennen
kann. Schleiermacher ist nach einem kurzen Krankenlager an einer
Lungenentzndung gestorben. Er ist Ihnen gewi nicht unbekannt als
Herausgeber mehrerer religiser und moralischer Schriften. Indes war von
Schleiermacher in ohne Vergleich hherem Grade wahr, was man von den
meisten sehr vorzglichen Menschen sagen kann, da ihr Sprechen ihr
Schreiben bertrifft. Wer also auch alle seine zahlreichen Schriften
noch so fleiig gelesen, aber seinen mndlichen Vortrag nie gehrt
htte, dem blieben dennoch das seltenste Talent und die merkwrdigsten
Charakterseiten des Mannes unbekannt. Seine Strke war seine tief zum
Herzen dringende Rede im Predigen und bei allen geistlichen
Verrichtungen. Man htte unrecht, das Beredsamkeit zu nennen, da es
vllig frei von aller Kunst war. Es war die berzeugende, eindringende
und hinreiende Ergieung eines Gefhls, das nicht sowohl von dem
seltensten Geiste erleuchtet wurde, als vielmehr ihm von selbst
gleichgestimmt zur Seite ging. Schleiermacher hatte von Natur ein
kindlich einfach glubiges Gemt, sein Glaube entsprang ganz eigentlich
aus dem Herzen. Daneben hatte er aber doch auch einen entschiedenen Hang
zur Spekulation, er bekleidete auch und mit ganz gleichem Beifall und
Glck ein philosophisches Lehramt neben dem theologischen an der
Universitt in Berlin, und seine Sittenlehre, ein ganz philosophisches
Werk, steht in der genauesten Verbindung mit seiner Dogmatik.
Spekulation und Glaube werden oft als einander feindselig
gegenberstehend angesehen, aber diesem Mann war es gerade eigentmlich,
sie auf das innigste miteinander zu verknpfen, ohne weder der Freiheit
und Tiefe der einen, noch der Einfachheit des anderen Eintrag zu tun. In
einer uerung, die er am Tage vor seinem Hinscheiden gemacht, hat er
gleichsam das letzte Zeugnis davon abgelegt. Er hat nmlich seiner Frau,
die von sehr ausgezeichnetem Geist und Charakter ist, gesagt, da seine
Besinnungskraft fr allen ueren Zusammenhang der Dinge sehr dunkel zu
werden anfange, da aber in seinem inneren Ideenzusammenhange eine
vollkommene Klarheit herrsche, und da er sich besonders freue, auch
jetzt seine tiefste Spekulation im reinsten Einklange mit seinem Glauben
zu finden. In dieser schnen harmonischen Seelenstimmung ist er auch
gestorben. Mit herzlicher Teilnahme der Ihrige.      H.



_Tegel_, den 14. Mrz bis 4. April 1834

Es freut mich, da die Stolbergsche italienische Reise Ihnen
Befriedigung gewhrt. Ich dachte mir gleich, da sein grndliches
Eingehen in die Gegenstnde, woran andere Ansto nehmen, Ihnen seine
Darstellung gerade interessant machen wrde. Ich glaubte immer, da
Stolbergs Katholizismus eine Folge seines Aufenthalts im Mnsterschen
gewesen wre, wo es damals einige sehr eifrige, aber geistvolle und
gemtreiche Katholiken, Mnner und Frauen, in den vornehmsten Familien
gab. Es ist indes sehr mglich, da auch die italienische Reise dazu
wesentlich mit beigetragen hat. Die Schnheit und Pracht der Kirchen
kann wohl ein ernsthaftes Gemt nicht zu einem andern Glauben verfhren,
allein sehr erfreulich und in gewissen Momenten erhebend ist sie
unleugbar, auch ganz abgesehen von aller Beziehung auf Glauben und
Katholizismus, blo fr einen regsamen, gegen innere Eindrcke leicht
empfnglichen Sinn. Etwas anderes damit Verbundenes hat mir aber immer
noch einflureicher geschienen, ich meine den in den meisten
katholischen Lndern herrschenden Gebrauch, die Kirchen den ganzen Tag
offenstehen zu lassen. Der Geringste im Volke erhlt dadurch einen Ort,
wo er unbemerkt einsam sitzen und seinen Gefhlen und Gedanken ungestrt
nachhngen kann und gleichsam neben seiner von allen irdischen
Mhseligkeiten durchwimmelten Wohnung eine von diesem allen entblte
Freistatt findet, in der ihn alles auf wahrhaft hohe und wrdige
Betrachtungen fhrt. Das bestndige sorgfltige Verschlieen unserer
protestantischen Kirchen hat, wie schwerlich abgeleugnet werden kann,
etwas Trbes und macht, da auch darin vorhandene Pracht und Kunst nicht
wahrhaft zum ffentlichen Genu kommt. Man gelangt nur durch
ausdrckliches Aufschlieen des Kirchners, den man herbeiholen lassen
mu, dazu. In jenen Lndern nimmt das ganze Volk einen freieren und
freudigeren Anteil daran, und man wrde sehr irren, wenn man glaubte,
da das Volk dagegen unempfindlich wre.

Die geschmacklosen Stellen einiger alten Kirchengesnge, von denen Sie
schreiben, bin ich weit entfernt in Schutz zu nehmen. Das Dichterische
hngt nicht notwendig mit der Bildung zusammen, hngt wenigstens nicht
von ihr ab, es beruht auf Schwung und Tiefe, und der Sinn dafr findet
sich oft reiner beim Volke als bei der Klasse der gebildeten, aber
nicht ganz durchgebildeten Personen. Es scheint mir auch nicht, da die
Verfasser der alten Kirchenlieder solche Stellen aufnahmen, um sich auf
diese Art an die Vorstellungsart und die Sprache des Landmanns
anzuschlieen, ihm verstndlicher zu werden und seine Empfindungen
lebendiger anzuregen. Was wir geschmacklos finden, erschien ihnen nicht
so, das lag in ihrer Zeit, wo wahrhaft deutsche Bildung feinerer Art
kaum vorhanden war, und die Gebildeten, insofern ihre Bildung nicht eine
auslndische oder gelehrte war, in der Tat sich weniger vom Volke
unterschieden als jetzt. Jene alten Kirchendichter, und namentlich Paul
Gerhard, in welchen einzelne uns mifllige Stellen nur unwesentliche
Flecke sind, verstanden es weit besser, den Punkt zu finden, wo man dem
Volke durchaus verstndlich und seine Gefhle anregend ist, ohne sich in
den Begriffen herabzustimmen und an ihrer Richtigkeit nachzulassen oder
eine unedle Sprache anzunehmen. Diese wahre Volksmigkeit ist ein
hauptschliches Erfordernis guter und zweckmiger Kirchengesnge. Denn
die Kirche ist fr alle, es soll sich in ihr kein Kreis vornehmer oder
hherer Bildung absondern; der wahrhaft Gebildete soll aber auch durch
nichts ihn Verletzendes zurckgestoen werden. Beides kann erreicht
werden, ohne da eines dem anderen Abbruch tte. Denn alles rein und
natrlich Menschliche, frei von Knstelei und Gelehrsamkeit in Sachen
der Erkenntnis und von Verzrtelung und berspannung in Sachen des
Gefhls, ist dem Volke und besonders dem Landmanne, dem ich hierin viel
mehr zutraue als dem Stdter, gewi nicht blo vollkommen verstndlich,
sondern auch seiner Emfindung zugnglich, und eben dies tief und echt
Menschliche ist auch die Grundlage aller wahren Bildung. In diesen
Ausgangspunkten des menschlichen Denkens und Empfindens begegnen sich,
wenigstens in Deutschland, alle Klassen der Nation. Ebenso vereinigen
sie sich in dem Verstndnis einer einfachen, klaren und wrdigen
Sprache, wie man an Luthers Bibelbersetzung sieht, die sich nie zum
Gemeinen herablt und -- die Stellen ausgenommen, wo die Schwierigkeit
in dem Sinne und den Sachen liegt. -- zugleich allgemein verstndlich
ist. Sich recht nahe an die biblische Sprache zu halten, ist auch fr
Kirchengesnge der sicherste Weg, auch schwierigeren Ideenreihen in das
Gemt des Volks Eingang zu verschaffen. Wenn man, wie nicht selten
geschieht, von einem Prediger mit Rhmen erwhnt, da er fr die
gebildeten Klassen erhebend und belehrend predige, so halte ich das fr
ein sehr einseitiges Lob, und wenn er es nicht versteht, ebenso
erbaulich fr das Volk und den gemeinen Mann zu predigen, fr einen
wahren Tadel. Die Kirche umschliet alle, und die Religionswahrheiten
werden ihrer Natur angemessener, allgemeiner und menschlicher
aufgefat, wenn man sie auf allgemeine Verstndlichkeit grndet. Die
Scheidewand, die die gebildeten Stnde vom Volke trennt, ist ohnehin
schon zu gro; man mu daher mit doppelter Sorgfalt das hauptschlichste
Band erhalten, das sie noch zusammenknpft. Leben Sie wohl und rechnen
auf meine unwandelbare Teilnahme an allem, was Ihnen begegnet. Der
Ihrige.                      H.



_Tegel_, den 15. April bis 8. Mai 1834.

Sie haben, liebe Charlotte, bemerkt, da meine Handschrift in meinen
zwei letzten Briefen grer, bestimmter und deutlicher geworden ist, und
ich sah daraus, da diese Vernderung Sie berraschen und Ihnen
auffallen wrde. Es ist ein Sieg, den mein Wille endlich durch festen
Vorsatz ber meine Hand davongetragen hat. In Hinsicht der
Unbequemlichkeit, eigentlich nicht schreiben zu knnen, sondern alles
diktieren zu mssen, bringt mich zwar diese Verbesserung nicht weiter,
da die neue Methode eher langsamer als schneller wie die bisherige ist.
Es ist indes doch ein wahrer Gewinn, da es ordentlicher aussieht und
keine Schwierigkeit zu lesen macht, da die vorige Schrift auf ngstliche
Weise in Unleserlichkeit berging. Man kommt so im Alter auf die
Kinderschrift zurck. -- Es ist ein groer, wichtiger und milicher
Punkt im Alter, der wenigstens mich bestndig begleitende Zweifel, ob
die Jahre nicht allmhlich eine Schwchung des Geistes oder Charakters
oder beider unbemerkt hervorbringen. Wer vernnftig ist und wahr mit
sich selbst umgeht, mu sich gestehen, da es kaum anders sein kann.
Alles ntzt sich durch die Zeit ab, und die Abhngigkeit der Seele vom
Krper kommt dazu. Bisweilen ertappt man sich auch wohl selbst auf
einzelnen Beweisen. Es bleibt aber immer ein qulender Gedanke, ob diese
Flle nicht ungleich hufiger sind, als man sie bemerkt. Man mitraut
mit Recht dem eigenen Urteile, weil seine Schrfe auch durch dieselbe
Abnahme gelitten haben mu, und man von anderen nie die Wahrheit ber
solchen Punkt erfhrt. Am meisten, behauptet man gewhnlich, leide das
Gedchtnis. Das kann ich aber an mir nicht finden; auch wrde mich das,
wenn es nicht zu arg damit wrde, am wenigsten kmmern. Schlimmer und
schwerer zu bemerken ist der Mangel an Festigkeit im Urteil, ja die
Schwierigkeit, sich bestimmt genug aus dem Zweifel herauszuwickeln,
um nur berhaupt ein entschiedenes zu fllen. Es ist dies
Charakterunschlssigkeit, welche vom Handeln auf das Denken bergeht, da
alles Geistige im Innern des Menschen immer in unzertrennlichem
Zusammenhange miteinander steht. Das Schlimmste von allem aber ist die
Fruchtbarkeit an Ideen. Sie hngt natrlich von der Strke, Regsamkeit
und Lebendigkeit aller Geisteskrfte zusammengenommen ab. Es ist daher
auch natrlich, da die Zahl der zunehmenden Jahre darauf bedeutenden
Einflu ausbt. Schon die Abstumpfung der Sinne bringt um sehr viel.
Alle Begriffe, die, auch frher gesammelt, auf sinnlichen Wahrnehmungen
beruhen, verlieren an Bestimmtheit, Deutlichkeit und besonders an weiter
anregender Anschaulichkeit. Was ich aber am meisten besorge, ist eine
Art Einschlafen der Seele, da sie sich immer in einem ihr lngst
bekannten Kreise herumdrehe und sich einbilde, dadurch in befriedigender
Ttigkeit zu bleiben. Das Wachsein des Geistes, seine Fruchtbarkeit an
Vorstellungen, die er bald aus der ueren Beobachtung der Dinge und
Menschen, bald aus seinem Innern schpft, oder das feste Fortrcken in
lngst begonnenen, vielleicht durch einen Teil des Lebens
hindurchgeschlungenen Ideenreihen, ist das wahre, dem menschlichen
Dasein erst Wert verleihende Glck des Lebens, und zwar nicht blo fr
intellektueller organisierte, hher gebildete, mehr dem Denken ergebene
Menschen, sondern fr alle. Denn jeder hat einen inneren Kreis von Ideen
und Gefhlen, Wahrheiten und Vorurteilen, Phantasien und Trumen, in dem
er wach und regsam bleiben und den er als innere Beschftigung weiter
ausspinnen will. Wie wenig geistig auch ein Mensch in seiner Natur sein
mge, so frchtet er doch keinen Vorwurf so sehr als den der
Geistesschwche. Vor groer ist man vielleicht ohne besondere bedeutende
Krankheit sicher, aber kleinere ist auch betrbend genug, und man
ngstigt sich mehr davor, da sie einem leicht lange unbemerkt bleiben
knnte.

Ich habe Ihren letzten Brief spter als gewhnlich empfangen, und es hat
mich geschmerzt zu sehen, da Sie wieder sehr trbe gestimmt waren. Sie
sagen zwar selbst, da die Zeit dies auch wieder heilt, aber das Leben
ist doch zu kurz, um sich ganze Wochen so rauben zu lassen. Sie waren
auch zu meiner groen Freude eine lngere Zeit heiterer und zufriedener
gestimmt. Kehren Sie dahin zurck, ich bitte Sie recht dringend darum;
man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut. Stimmungen
entstehen allerdings oft aus Ursachen, ber welche der Mensch nur wenig
Gewalt hat, aber sie nehmen zu und werden der inneren Gemtsruhe immer
verderblicher, wenn man sich in ihnen gehen lt. Am sichersten stellt
man ihnen Gefhle entgegen, und Sie haben es gewi oft selbst an sich
erfahren, da sich das Gefhl fr erhabene und tief ergreifende Dinge so
erwrmen kann, da alle dunkeln und dumpfen Stimmungen dadurch
verscheucht werden.

Mit der freundschaftlichsten Teilnahme der Ihrige.               H.



_Tegel_, August und September 1834.

Man kann mit Grund voraussetzen, da alles in der Welt gerade so am
besten eingerichtet ist, wie es wirklich besteht, und dies schliet von
selbst jeden kurzsichtigen Tadel aus, den sich kein Vernnftiger
erlauben wird. Sonst ist eine Erscheinung in der Weltanordnung
auffallend, da die lebendigen und empfindenden Geschpfe, von den
Pflanzen an bis zu den Menschen, den wilden und rohen Elementen
untergeordnet und von ihnen abhngig gemacht erscheinen. Es ist als wenn
die Natur meinte, jenen groen krperlichen und elementarischen
Verhltnissen msse erst ihr Recht werden, ehe an das Gedeihen und das
Glck der empfindenden Wesen zu denken sei. Es ist ohngefhr wie im
menschlichen huslichen Leben, wo auch nicht blo die hhere geistige
Beschftigung oft dem gewhnlichen krperlichen Tagewerke nachstehen
mu, sondern wo alle Ttigkeit in Geschften, die doch auch immer nur
eine uere ist, in der Meinung der Menschen hher gestellt wird als
eine innere Hinneigung zu Nachdenken und Wissenschaft. In beiden liegt
sichtbar der Sinn, da durch die krperlichen, ueren Verhltnisse erst
der Boden bereitet und gesichert werden mu, ehe das Geistige, Innere
ruhig darauf Wohnplatz finden und ohne Gefahr seine Blten erschlieen
kann. In von Menschen eingerichteten und also immer unvollkommenen
Dingen ist das sehr begreiflich. Menschliche Vernunft und Kraft reichten
nicht zu, den Hauptzweck ohne einige Aufopferung des Besseren zu
erreichen. Bei der von der hchsten Weisheit und Macht herkommenden
Welteinrichtung ist eine solche Erklrungsart nicht zulssig. Was man
sonst ber eine solche Zurcksetzung des Geistigen gegen das
Krperliche, wenn man sie so nennen kann, sagt, ist auch wenig gengend.
Es mu darin noch etwas von uns Unverstandenes geben, das vielleicht in
einem uns ganz unbekannten Verhltnis des Geistigen zum Krperlichen
liegt. Denn wenn wir auch vom Geist oder der Seele nicht viel mit
Gewiheit erkennen, so ist uns das eigentliche Wesen des Krpers (der
Materie) vllig unbekannt und unbegreiflich.



_Tegel_, November bis 3. Dezember 1834.

Sie fragen mich nach Frau von Varnhagen, deren Briefe unter dem Namen
Rahel von ihrem Manne herausgegeben sind. Ich habe sie allerdings viel
gekannt, von der Zeit an, wo sie noch ein sehr junges Mdchen war, ein
paar Jahre, ehe ich auf die Universitt nach Gttingen ging. So oft ich
seitdem in Berlin war, habe ich sie viel und regelmig gesehen. Auch
als ich mich mit meiner Familie in Paris aufhielt, war sie mehrere
Monate dort, und es fiel nicht leicht ein Tag aus, wo wir uns nicht
gesehen htten. Man suchte sie gern auf, nicht blo, weil sie von sehr
liebenswrdigem Charakter war, sondern weil man fast mit Gewiheit
darauf rechnen konnte, nie von ihr zu gehen, ohne nicht etwas von ihr
gehrt zu haben und mit hinwegzunehmen, das Stoff zu weiterem ernsten,
oft tiefen Nachdenken gab oder das Gefhl lebendig anregte. Sie war
durchaus nicht, was man eine gelehrte Frau nennt, obgleich sie recht
viel wute. Sie verdankte ihre geistige Ausbildung ganz sich selbst. Man
kann nicht einmal sagen, da der Umgang mit geistvollen Mnnern irgend
wesentlich dazu beitrug. Denn teils ward ihr dieser nicht frh, sondern
erst als sie sich schon selbst die hauptschlichsten, sie durch das
Leben leitenden Ansichten aus ihrem Innern herausgebildet hatte, teils
hatten alle ihre Gedanken und selbst die Form ihrer Empfindungen ein so
unverkennbares Geprge der Originalitt an sich, da es unmglich war,
dabei an irgend bedeutenden fremden Einflu zu denken. Sie ging auch
viel mit uninteressanten Menschen um. Dies entstand aus Zuflligkeiten
ihrer ueren Lage. Da sie aber eine groe Lebendigkeit besa und gern
mit Menschen lebte, so vermied sie es auch weniger sorgfltig, als es
sonst geistreiche Personen wohl zu tun pflegen. Es war ihr ein
eigentliches Talent gleichsam angeboren, auch dem unbedeutend
Scheinenden eine bessere und anziehende Seite abzugewinnen. Jede
Individualitt flte ihr schon als solche ein gewisses Interesse ein,
da sie sie zum Gegenstande ihrer Betrachtung machte, und sich auch
wirklich in jeder eine bessere und anziehende Eigenschaft herausfinden
lt. Die Varnhagen ging von jedem Punkt des tglichen Lebens gern zu
innerem, tieferem Nachdenken ber, sie schpfte selbst vorzugsweise gern
ihren Stoff zu diesem aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit.
berhaupt war Wahrheit ein auszeichnender Zug in ihrem intellektuellen
und sittlichen Wesen. Sie kannte darin keine weichliche Selbstschonung,
weder um sich etwaige Schuld zu verbergen oder sie zu verkleinern, noch
um in Wunden, die ihr das Schicksal schlug, mit tiefer Selbstprfung
einzugehen. Sie berlie sich aber auch keinen Selbsttuschungen, keinen
trgerischen Hoffnungen, sondern suchte berall nur die reine und nackte
Wahrheit auf, wenn sie auch noch so unerfreulich oder selbst bitter sein
mochte.

Ich breche hier ab, da ich eben Ihren lieben Brief bekomme. Warum aber,
liebe Charlotte, fahren Sie in aller Welt fort, den Zeitungen zu glauben
und sich und, verzeihen Sie, auch mich zu ngstigen. Ich glaubte Sie
eben beruhigt und sehe Sie leider schon wieder so sehr beunruhigt. Mein
krperlicher Zustand ist, im ganzen genommen, in diesem Augenblicke
sichtbar besser, und ich wei von keiner besorglichen Krnklichkeit, so
da ich nicht glaube, da ich je wieder Norderney noch irgendein anderes
Bad besuchen werde. Sie sehen, wie falsch die Zeitungsnachrichten sind.
Ich bin so glcklich, nichts von dem zu kennen, was man von mir
schreibt. Sie erzeigen mir einen groen Gefallen, wenn Sie sich nicht
wieder dadurch beunruhigen lassen. Ich bitte Sie recht herzlich darum!
Mit inniger Teilnahme der Ihrige.     H.



_Tegel_, Dezember 1834 bis 2. Januar 1835.

Ich mute neulich ber Frau von Varnhagen abbrechen, ehe ich alles
gesagt hatte. Der Mann der Verstorbenen gab zuerst einen Band von
Briefen blo als Geschenk fr Bekannte und Freunde heraus. Diese Ausgabe
besitzen nur diejenigen, die sie zum Geschenk erhalten haben. Spter
aber hat Varnhagen eine zweite vermehrte Ausgabe in drei Teilen
veranstaltet, die allgemein verkauft wird. Ich zweifle nicht, da Sie
diese nicht sollten bald erhalten knnen. Ich glaube aber kaum, da Sie
die Geduld haben werden, die drei Teile zu durchlesen. Sehr vieles wird
Ihnen gefallen, Sie anziehen, fesseln. Allein mit der ganzen
Individualitt drften Sie, wie ich Sie kenne, schwerlich
bereinstimmen. In einem Punkte gehen Sie beide schon ganz auseinander.
Die Varnhagen vergttert wahrhaft Goethe, und es ist nichts, was sie
nicht gro und schn an ihm fnde. Sie lieben und bewundern ihn zwar
auch, ja sie hegen einige Vorurteile gegen ihn, die meiner berzeugung
nach auch ungerecht sind. Indes macht das einen Unterschied, da sie
Goethe persnlich kannte, wodurch sich leicht eine nicht immer
unparteiische Vorliebe bildet. Ob Sie mit der Art der Religiositt, die
sich in den Briefen ausspricht, zufrieden sein werden, ist sehr die
Frage. Ich glaube es nicht.



Januar 1835.

Die Varnhagen redet sehr viel von sich. Das kann man vielleicht am
meisten und gerechtesten an ihr tadeln, obgleich diejenigen, die es
lieben, da sich fremde Individualitt unverhohlen vor ihnen ausspricht,
das Buch gerade darum gern haben. Sie erzhlt aber mehr, setzt Gedanken
auseinander, drckt Empfindungen aus, fllt aber seltener Urteile ber
andere, ihre Handlungen und Charaktereigenschaften. Wo sie es tut, kann
ich aber weniger als in anderen ihrer Urteile mit ihr bereinstimmen.
Sie war allerdings eine Jdin und ging spt, wohl erst kurz vor ihrer
Verheiratung, zum Christentum ber. Ihr Mann, viel jnger als Sie, war,
noch verheiratet mit ihr, Gesandter unseres Hofes in Karlsruhe und lebte
nachher in Berlin, wo er noch jetzt ist. Er beschftigt sich fast
ausschlielich mit Literatur und wird mit Recht zu den bedeutendsten
Schriftstellern der Zeit gerechnet. Er ist aber sehr krnklich, und so
sehe ich ihn jetzt fast garnicht, so gern ich sonst viel mit ihm umgehen
wrde. Da Sie hnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau htten, kann ich
nicht nur im geringsten nicht finden, sondern ich bin berzeugt, da das
blo unbegrndete Einbildung ist. Zwei Personen knnen wohl allgemeine
Eigenschaften, wie Treue, Wahrhaftigkeit, Freude am Nachdenken usw.
miteinander gemein haben, jede dieser Eigenschaften stellt sich aber in
jeder von beiden anders und wird dadurch in der Tat zu etwas
Verschiedenem. Dies war im doppeltem Grade bei der Varnhagen der Fall.
Denn man mag sie nun noch so sehr bewundern, oder im Gegenteil sie noch
so tadelnswert finden, so mu man ihr immer zugestehen, da sie durchaus
und in allem originell war. Sie glich wirklich nur sich selbst, und ich
glaube nicht, da man jemand nennen kann, der ihr hnlich gewesen wre.
Es ist das nicht gerade ein Lobspruch, mit dem man sie belegt, es ist
nur der Ausdruck der einfachen Wahrheit; Sie werden es gewi ebenso
empfinden, wenn Sie mehr in den Briefen lesen. Es werden darin eine
groe Menge von Personen erwhnt, teils mit ganz ausgeschriebenen Namen,
teils mit den Anfangsbuchstaben. Das Interesse wird nun natrlich durch
die Kenntnisse dieser Personen noch sehr erhht, es hngt aber
eigentlich niemals davon ab, da immer schon allgemeines, Rsonnement
oder Empfindung, an die Persnlichkeit geknpft ist. Ein Vorwurf aber,
den man der Verfasserin mit Recht machen kann, ist, einigen Personen
mehr Lobsprche zu erteilen, als auf die sie selbst billigerweise htten
Anspruch machen drfen. Man kann das aber nicht Schmeichelei nennen, da
es Leute waren, von denen sie in keiner Art etwas hatte, noch je etwas
hoffen konnte. So irrig in solchen Fllen gewi auch ihre Meinungen und
Ansichten waren, so ist der doch noch so auffallende Irrtum sichtbare
Wahrheit in ihr. Diese Menschen erschienen ihr wirklich so. Sie konnte
sogar an sehr uninteressanten Menschen, wenigstens solchen, die es allen
brigen schienen, Gefallen finden. Es gelang ihrem Geist, ihnen
irgendeine einzelne anziehende Seite abzugewinnen, und das Gefallen
daran trug sich leicht auf die ganze Persnlichkeit ber. Was Sie, liebe
Charlotte, in Ihrem letzten Briefe ber Selbstkenntnis und
Selbsttuschung sagen, hat mich sehr interessiert. Ich gestehe aber, da
ich Ihre Meinung nicht ganz teilen kann. Ich halte die Selbstkenntnis
fr schwierig und selten, die Selbsttuschung dagegen fr sehr leicht
und gewhnlich. Es mgen einzelne dahin gelangt sein, das Ziel zu
erreichen, und so mache ich Ihnen nicht streitig, da Sie mit Recht sich
richtig und genau zu kennen glauben. Ich mchte aber nicht dasselbe mit
gleicher Zuversicht behaupten. Auf den ersten Blick scheint es
allerdings leichter, sich selbst als andere zu kennen, da man sich
unmittelbar fhlt, von anderen aber nur uerungen wahrnimmt, von denen
man erst auf den inneren Grund schlieen mu, so da man bei diesem
zwiefachen Verfahren auch einem zwiefachen Irrtume ausgesetzt ist. Aber
der Beurteilende ist und bleibt doch von dem Beurteilten getrennt und
kann unter allen Umstnden seine kalte Unparteilichkeit und ruhige
Besonnenheit behalten. Er wird nicht notwendig von dem Gegenstande
seiner Beurteilung bestochen oder hingerissen, oder auch gegen ihn
eingenommen oder mitrauisch gemacht. Bei der Selbstprfung ist man
allen diesen Gefahren ausgesetzt. Die beurteilende Kraft wird ewig von
ihrem Gegenstande affiziert. Beide tragen einerlei Farbe und Stimmung an
sich. Man ist bisweilen ebenso geneigt, sich Fehler anzudichten oder die
wirklichen zu vergrern, als das gerade Gegenteil zu tun. Man beurteilt
sich auch ungleich in verschiedenen Momenten. Der oft eintretende Irrtum
rhrt auch garnicht immer von Mangel an Wahrheitsliebe oder aus
Eigendnkel her, sondern entsteht auch bei den reinsten Absichten und
dem redlichsten Willen; denn der Irrtum schleicht sich in die Ansicht
und in das Gefhl selbst ein. Der Fall scheint mir also garnicht so
einfach, da, wie Sie sagen, die Verflschung nur durch Eitelkeit zu
befrchten wre. Die Eitelkeit selbst aber ist von so vielfacher Art,
da vielleicht niemand ist, der es wagen mchte, sich ganz frei davon zu
nennen. Man ist es von dieser oder jener, aber recht schwer von aller.
Einzelne Handlungen und ihre Beweggrnde lassen sich noch eher selbst
beurteilen. Je mehr es aber auf eine Reihe von Handlungen und den ganzen
Charakter ankommt, desto unsicherer wird das eigene Urteil. Darum sind
Selbstbiographien nur dann wahrhaft lehrreich, wenn sie eine groe
Anzahl von Tatsachen enthalten. Die Selbstbetrachtungen knnen leicht
irrefhren.

Ihrem am 24. Januar abgegangenen lieben Brief habe ich die Freude zu
danken, einmal wieder etwas von Ihnen in recht heiterer Stimmung
Geschriebenes gelesen zu haben. Sie wissen, da mich das schon aus
herzlichem Anteil an Ihnen besonders freut, da ich es aber auch
auerdem gern habe und die Stimmung schner finde, die das Frhliche
recht heiter und das Widrige besonnen und gefat aufnimmt. Wenigstens
ist es auf jeden Fall eine mehr beglckende. Mgen dann die dem Januar
folgenden Monate alle harmlos und friedlich an Ihnen vorbergehen, und
keine schmerzlichen Erscheinungen Ihre schne Stimmung stren. Erhalten
Sie Ihre Heiterkeit! Leben Sie wohl! Mit unvernderlicher Teilnahme Ihr
     H.

Abgegangen den 2. Februar 1835.



_Tegel_, Februar 1835.

Ich endete meinen Brief mit Wohlgefallen an Ihrer heiteren Stimmung, und
fange wieder damit an und komme darauf zurck. Da das Jahr so gut
angefangen hat, wird es auch erwnscht enden. Es ist schon viel mit der
guten Vorbedeutung gewonnen, und der Aberglaube selbst ist ntzlich,
wenn er im Vertrauen bestrkt. Denn Hauptereignisse und wahre
Unglcksflle abgerechnet, nehmen die Dinge meistenteils die Farbe der
Seele an. Ein Gemt, das sich meist in Heiterkeit erhlt, ist schon
darum so schn, weil es immer auch ein gengsames und anspruchsloses
ist. Ich rede natrlich nicht von der durch Leichtsinn entstehenden
Sorglosigkeit. Den Leichtsinn schliet schon der Ausdruck der Heiterkeit
aus. Denn dies schne Wort wird in unserer Sprache immer nur im edelsten
Sinn genommen. Was heiter macht, ist entweder die ruhig besonnene
Klarheit des Geistes und der Gedanken, oder das Bewutsein einer frohen,
aber des Menschen wrdigen Empfindung. Man kann nicht Heiterkeit
moralisch gebieten, aber nichtsdestoweniger ist sie die Krone schner
Sittlichkeit. Denn die Pflichtmigkeit ist nicht der Endpunkt der
Moralitt, vielmehr nur ihre unerlliche Grundlage. Das Hchste ist der
sittlich-schne Charakter, der durch die Ehrfurcht vor dem Heiligen, den
edlen Widerwillen gegen alles Unreine, Unzarte und Unfeine, und durch
die tief empfundene Liebe zum rein Guten und Wahren gebildet wird. In
einem solchen Charakter herrscht die Heiterkeit von selbst, wird nur
durch wahren Kummer auf Zeiten verdrngt, doch bleibt sie auch da noch,
nur in vernderter Gestalt und sich mit der Wehmut vermhlend, zurck.
So ist sie beglckend und veredelnd zugleich. Da zur Aufheiterung des
Gemts eine auch heitere Gestaltung der den Menschen zunchst und
tglich umgebenden Dinge beitrgt, erkennt niemand so sehr an als ich.
Ich bin daher ganz einverstanden mit dem Plan, der Sie zu dem Ende
beschftigt, und wnsche von Herzen, da er gut vonstatten gehen mge,
und bitte Sie, mich von der Ausfhrung in einigem Detail zu
benachrichtigen...

Es scheint, als knne man den eigentlichen Winter als beendigt ansehen.
Solche gelinde Winter wie der diesjhrige sind zwar weniger schn fr
das Auge und gewhren nicht die Wintervergngungen, aber sie sind, was
wichtiger ist, menschlicher. Die starrenmachende Klte hat schon fr die
Einbildungskraft, geschweige fr das Gefhl etwas Beengendes und
wahrhaft Frchterliches, der Not nicht zu gedenken, in welche ein
strenger Winter die rmeren Volksklassen versetzt, und der auch durch
reiche Almosen nie ganz abzuhelfen mglich ist, da selbst wohlhabenden
Haushaltungen der Unterschied eines strengen und gelinden Winters immer
fhlbar bleibt.



Den 27. Februar.

Ich bin im Besitz Ihres Briefes vom 18. d. Monats und danke Ihnen sehr
dafr. Ich freue mich, da Sie fortfahren, wohl und heiter zu sein.
Leben Sie heute recht wohl! Wenn mein nchster Brief abgeht, fangen
schon die ersten Bltter an hervorzubrechen.

Mit unvernderlicher Teilnahme der Ihrige. H.



_Tegel_, im Mrz 1835.

Ich erfahre immer nur durch Sie, liebe Charlotte, was man in den
Zeitungen von mir sagt. Diesmal enthlt es blo Wahrheit, insofern es
von meiner Gesundheit handelt. Bis jetzt hat mir der sonderbare Winter
keinerlei Unbequemlichkeit zugefgt, doch hlt man ihn fr ungesund.

Wie aber die Leute dazu kommen, so oft und ohne alle uere Veranlassung
in den Zeitungen von mir zu reden! Es beweist recht, wie das
Privatgeklatsche zur ffentlichen Sache geworden ist, da man nicht die
Naivitt haben mu zu glauben, da es aus wahrem Anteil geschehe. Es ist
die Sucht, Neuigkeiten mitzuteilen, welcher Art sie auch sein mgen. Ich
erinnere mich oft bei solchen ffentlichen Erwhnungen, wie auffallend
mir der erste Gedanke daran war. Als ich noch in Gttingen studierte,
schrieb mir eine Frau, mit der ich im Briefwechsel stand: jetzt schreibe
ich ihr oft, es werde aber eine Zeit kommen, wo sie nur in Zeitungen von
mir lesen wrde. Es kam mir damals ganz fabelhaft und abenteuerlich vor,
da mein Name in den Zeitungen sollte genannt werden. Man mischte damals
noch nicht so hufig wie jetzt Privatverhltnisse den allgemeinen, die
Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Ereignissen bei.

Wenn Sie von Goethes nachgelassenen Werken nur vier Bnde gelesen haben,
so fehlen Ihnen noch elf. Es sind fnfzehn neue Bnde seit seinem Tode
der damals schon vollendeten Ausgabe der vierzig Bnde hinzugekommen.
Die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte rate ich Ihnen aber sehr zu
lesen, sie ist an sich hbsch und anziehend und umfat gerade die Zeit,
wo Ewald mit Goethe oft in Offenbach zusammentraf, so da Sie an dieser
Epoche ein doppeltes Interesse finden werden, da Sie Ewald oft von
dieser Zeit sprechen hrten und Ihre Erinnerungen jener Gesprche mit
den Goetheschen Erzhlungen vergleichen knnen. Da er seine
Lebenserzhlungen selbst Wahrheit und Dichtung nennt, so mag er sich
groe Freiheit dabei erlaubt haben. Ich glaube nicht, da diese
nachgelassenen Schriften sonst viel enthalten, das Ihnen ntzlich oder
angenehm zu lesen sein knnte. Zu den optischen und naturhistorischen
kann ich Ihnen nicht raten, Sie werden von dieser Lektre weder
augenblickliche Befriedigung, noch irgend ernsthaften Gewinn ziehen.

Sie werden vielleicht in den Zeitungen ein Buch angekndigt gefunden
haben, das den Titel fhrt: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Wenn
Ihnen dies in die Hnde fllt, so rate ich Ihnen, es nicht ungelesen zu
lassen. Sie werden darin groe Unterhaltung finden, und es wird Ihnen
nicht entgehen, da die Verfasserin sehr ausgezeichnet ist durch Geist
und Talent. Sie ist Witwe des als Dichter berhmten Achim von Arnim und
Enkelin der als Schriftstellerin so bekannten Frau von Laroche; ihre
Mutter war die Brentano, deren auch in Goethes Leben so oft erwhnt ist,
und die mehrere Kinder hinterlassen hat. Frau von Arnim lebt in Berlin,
da ihr Mann in der Nhe Gter besa. In ihrer ersten Jugend ging sie in
Frankfurt am Main viel mit Goethes Mutter um, die sie sehr lieb gewonnen
zu haben scheint. Dadurch entstand die Bekanntschaft mit Goethe selbst,
anfangs nur durch Briefe, nachher persnlich. Sie hat nun zwei Bnde
Briefwechsel, teils mit Goethe, teils mit seiner Mutter, und einen Band
Tagebuch drucken lassen. Das Hauptthema ist ihre leidenschaftliche Liebe
zu Goethe. Nebenher kommen aber andere Erzhlungen eigener und fremder
Lebensereignisse, Betrachtungen und Rsonnements darin vor. Von Goethe
geben uns diese Bnde nur etwa dreiig Briefe, von welchen dazu einige
nur wenig Zeilen enthalten. Groe Anerkennung von Bettinas auch wirklich
seltenem Geiste und ihrer wunderbaren Originalitt geht allerdings aus
diesen Briefen hervor. Der Briefwechsel fllt in das Jahr 1807 und in
die zunchst darauf folgenden, wo die Verfasserin zwar gar kein Kind,
sondern ganz herangewachsen, aber allerdings sehr jung war. Im ganzen
macht das Buch viel Aufsehen und findet viel Beifall, obgleich auch das
wirklich Schne und Geniale immer wieder mit Stellen vermischt ist, die
gewi allgemein mifallen. berhaupt ist zu bedauern, da sich mit der
wahren und schnen Originalitt so manche Zge wunderlicher Launen
vermischen. ber Goethes Mutter enthlt das Buch viele und beraus
hbsche Details. Diese war, wie es scheint, nicht gerade sehr bedeutend
von Geist und Charakter; aber ihre Lebendigkeit, ihre Lust an Menschen
und selbst an Vergngungen, besonders eine gewisse originelle Stimmung
mgen doch auf den Sohn eingewirkt haben. Das Arnimsche Buch liefert
recht lebensfrische Briefe von ihr. Eine durch Tiefe des Gefhls hchst
interessante Erzhlung in den Briefen der Frau von Arnim ist die
Erzhlung des Todes eines Fruleins von Gnderrode, von der Sie gewi
schon gehrt haben. Sie brachte sich selbst ums Leben. Eine unglckliche
Liebe fhrte sie zu diesem gewaltsamen Entschlu.



Den 28. Mrz.

(Elf Tage vor dem Tode Wilhelm von Humboldts.)

Ich besitze seit dem 23. Ihren Brief vom 18., liebe Charlotte, habe ihn
aber noch nicht ganz gelesen, da ich meinen Augen wenig zutrauen darf,
und mir andere Beschftigungen dazwischen kamen. Mit unvernderlicher,
inniger Teilnahme der Ihrige.     H.






Zur Einfhrung.

Gefhl frs Wahre, Gute und Schne adelt die Seele und beseligt das
Herz; aber was ist es, selbst dieses Gefhl, ohne eine mitempfindende
Seele, mit der man es teilen kann!

     Noch nie wurde ich von der Wahrheit dieses Gedankens so lebhaft und
     so innig durchdrungen, als in dem jetzigen Augenblick, da ich mich,
     auf ungewisse Hoffnung des Wiedersehens, von Ihnen trennen mu!

Pyrmont, den 20. Juli 1788.

_Wilhelm von Humboldt_.


So lautete das Stammbuchblatt, das der einundzwanzigjhrige Student der
Rechte, Wilhelm von Humboldt, der um zwei Jahre jngeren Pfarrerstochter
Charlotte Hildebrand beim Abschiednehmen berreichte. Sie hatte ihren,
nach dem pltzlichen Tode der Gattin, erholungsbedrftigen Vater in das
herrlich gelegene Modebad begleitet und hier den jungen Aristokraten
kennen gelernt, der von Gttingen aus, wo er an der berhmten Georgia
Augusta studierte, einen kurzen Ausflug in das schne Weserland
unternommen hatte und im selben Hause Wohnung fand, das den Pfarrer
Hildebrand mit seiner schnen Tochter beherbergte. Zwei gleichgestimmte
Seelen hatte das Schicksal hier zusammengefhrt, und schnell war der fr
Frauenschnheit empfngliche Jngling von seiner anmutigen
Tischnachbarin bezaubert, deren groe blaue Augen noch spter an der
Greisin einem Gutzkow auffielen. Schlank gewachsen, ber das Ma der
mittleren Gre hinaus, war Charlotte doch von vollen Formen. Ihr
frisches Gesicht war von reichen blonden Locken umrahmt.

Drei glckliche Tage verlebten die beiden jungen Menschen im regsten
Gedankenaustausch in den herrlichen Alleen und der wundervollen Umgebung
des idyllischen Pyrmont, und dann kam der Abschied, und man ging in der
Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen auseinander. Doch 26 Jahre sollten
vergehen, bis das Schicksal beide Menschen wieder zusammenfhrte,
freilich unter ganz anderen Bedingungen, als sie damals htten ahnen
knnen.

Den weltgewandten Freund lie der Strudel des Lebens bald das Pyrmonter
Erlebnis vergessen. Ihr aber waren jene Tage die ersten, ungekannten
Regungen erster erwachender Liebe, so geistiger Art, wie sie wohl bei
der edleren Jugend immer sind, und das Stammbuchblatt blieb ihr das
einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen, wahren
Lebensfreude, die ihr das Schicksal zugewogen. Und whrend ihn das
Leben fast mhelos auf die hchsten Hhen geleitete, wurde sie vom
Schicksal schwer geprft, und nichts Bitteres blieb ihr erspart.

In sorgloser Kindheit wuchs Charlotte Hildebrand (im Mai 1769 geboren) auf
dem Pfarrhofe zu Ldenhausen auf. In dem schnen Pfarrhause mit seinem
groen Garten und den gerumigen Wirtschaftsgebuden hatten schon der Vater
und Grovater des Pfarrers Hildebrand das Amt des Geistlichen bekleidet,
und die Familie gehrte zu den wohlhabenderen unter den Landgeistlichen.
Whrend die Mutter Charlottes, mehr praktisch veranlagt, den groen
Haushalt mit Umsicht leitete, war der Vater ein vielgelehrter,
tiefdenkender, in der Ideenwelt lebender, sogar in Traumvisionen zuweilen
bis zum magnetischen Hellsehen sich vertiefender Mann, der ganz und gar in
seinen klassischen Studien aufging. Er leitete selbst den Unterricht seiner
Kinder, und Charlotte mute an dem Lateinunterricht, den der Vater den
beiden Shnen erteilte, teilnehmen, whrend sie mit ihren Schwestern die
franzsische Sprache bei einer aus der Schweiz stammenden Erzieherin
lernte, an der Charlotte Zeit ihres Lebens mit rhrender Anhnglichkeit
hing. Das heranwachsende junge Mdchen, schwrmerisch veranlagt, lebte ganz
in der gefhlsseligen Stimmung, wie sie damals durch die Romane eines
Richardson gepflegt wurde. Damals schlo sie auch ihre ersten
Freundschaften, die zum Teil frs Leben halten sollten, wie mit dem
lippischen Generalsuperintendenten Ewald. Eine Freundschaft mit der Tochter
eines Arztes in der kleinen hessischen Universitt Rinteln war auf ihr
Leben von nachhaltigem Einflu. In der romantischen Liebesgeschichte ihrer
Freundin Henriette Lotheisen spielte sie die Vermittlerin, und diese
Erlebnisse wurden auch fr sie von folgenschwerer Bedeutung, indem sie
unter dem Einflu der Freundin die Ehe mit einem Manne einging, der ihr als
Mensch gleichgltig war, durch den sie aber Eingang in die Gesellschaft
fand. Schon vor der Pyrmonter Reise war sie die Braut des Dr. Diede
geworden, eines wohlhabenden Juristen, der in der Residenz Kassel ein
groes Haus machte. Die Eltern waren mit dieser Verbindung nicht
einverstanden, aber doch hielt Charlotte -- auch nach der Bekanntschaft mit
Humboldt -- an dem Verlbnis fest und wurde bald nach dem Tode der Mutter
Diedes Gattin. Das gesellschaftliche Leben in Kassel tuschte sie anfangs
darber hinweg, da ihre Ehe nicht glcklich war, aber die Abneigung gegen
Diede fhrte zu einem Bruch, als sie in ihrem Hause, in dem zahlreiche
Offiziere verkehrten, die Bekanntschaft eines Kapitns von Hanstein machte
und diesem ihre Neigung zuwandte. Heftige Eifersuchtsszenen veranlaten
sie, ihren Mann zu verlassen und zu Hanstein zu flchten, auf dessen
Ehrlichkeit sie baute. Ihre Ehe wurde geschieden und sie schuldig
gesprochen. Dieses Ereignis bewirkte, da sie bald vereinsamt dastand; und
auch ihr Vater sagte sich von ihr los. Nun begannen fr sie schwere Jahre
der Prfung, denn Hanstein, an dessen Liebe sie unerschtterlich glaubte,
hielt sie von Jahr zu Jahr hin, und dennoch konnte sie sich nicht von
diesem Manne losreien. In verschiedenen Briefen an ihre Geschwister klagt
sie ihre trostlose Verzweiflung, die noch durch uere Not verstrkt wurde,
indem ihr Erbteil, das ihr nach dem im Jahre 1800 erfolgten Tode ihres
Vaters zufiel, sich als weit geringer herausstellte, als sie erwartet
hatte. Um sich einen Erwerb zu schaffen, zog sie 1804 nach Braunschweig, wo
sie durch Handarbeiten sich ein auskmmliches Dasein zu verschaffen suchte.
Dort traf sie ein schwerer Schlag, als sie die Nachricht von der
Verheiratung Hansteins erhielt, durch die sie aufs tiefste erschttert
wurde. Ach, ich fhle es zu tief und zu stark, schrieb sie damals an ihre
Schwester, da ich ein halbes Menschenalter mit seinen Ansprchen und
Freuden geopfert habe, um es nun zu betrauern, da ein edler Mann (Du
weit, er war es!) sich selbst berlebt hat! Das ist mein Schmerz; nicht
da ich ihn verloren habe -- obgleich ich jetzt glaube, da ich tief im
Herzen die Hoffnung, mir selbst unbewut, genhrt habe, er werde einst als
mein Freund mit erhhter Achtung zurckkehren.

Nun hielt es sie nicht lnger in Braunschweig, und sie zog nach Kassel,
der Hauptstadt des ausschweifenden, leichtlebigen Knigs Lustik, wie
das Volk Jerme nannte, zurck. Hier schuf sie sich durch Vermieten und
Anfertigen von Blumen und Ballgarnituren einen Unterhalt, der mit den
Zinsen ihres Vermgens, das sie in Braunschweigischen Staatspapieren
angelegt hatte, ihr ein auskmmliches Leben gestattete. Von der klugen,
geistvollen Frau angezogen, fanden sich bald zahlreiche interessante
Persnlichkeiten in ihrem bescheidenen Heim ein. Da verlor sie
unerwartet ihr Vermgen, als Napoleon die Staatsschuld Braunschweigs
nicht anerkannte, und eine neue seelische Erschtterung, die ihr eine
unglckliche Neigung zu einem Manne brachte, der sie htte glcklich
machen knnen, den sie aber an ihr welkendes Leben nicht fesseln
wollte, da sie ihm auer einem verstndigen, veredelten Herzen nichts
bieten konnte: keine Jugend, keine Schnheit, kein Vermgen, ja auch
leider keine Gesundheit -- warf die schwer geprfte Frau aufs
Krankenlager, und aufs neue trug sie sich mit dem Gedanken, freiwillig
aus dem Leben zu scheiden. Die Jahre 1811 bis 1813 gehrten zu den
schwersten ihres Lebens. Schlielich verschlug sie ihr Geschick nach
Holzminden, wo sie schon einmal nach dem Eheskandal in Kassel geweilt
hatte, und hier erinnerte sie sich in ihrer Not ihres Jugendfreundes aus
Pyrmont, der ihr vielleicht helfen knnte, und am 18. Oktober 1814
schrieb sie an Wilhelm von Humboldt, der damals als preuischer
Abgesandter auf dem Wiener Kongresse weilte. Wir wissen, da dies der
Anfang jenes Briefwechsels war, den Humboldt bis zu seinem Tode --
zuletzt mit rhrender Entsagung -- gefhrt hat, und der Charlotte Diede
einen ruhigen Lebensabend geschaffen hat.

Die 26 Jahre, in denen Humboldts Jugendfreundin so ungezhlte Leiden
auszukosten hatte, hatten aus dem jungen Studenten der Rechte den groen
Staatsmann von perikleischer Hoheit des Sinnes und Gelehrten werden
lassen, dessen Freundschaft die Grten unserer Nation suchten, und der
durch seine Taten und Schriften Gewaltiges fr die deutsche Kultur
geschaffen hat.

Unmittelbar nach jenem Erlebnis in Pyrmont hatte er, der schon vorher in
Berlin zu dem Tugendbund mit Henriette Herz und Karl de la Roche
gehrte, seine sptere Gattin Karoline von Dacherden kennen gelernt,
die mit Schillers spterer Schwgerin, der nachmaligen Karoline von
Wolzogen, ebenfalls in diesem romantischen Freundschaftsbunde
aufgenommen war. Schon am 1. September 1788, also wenige Wochen nach dem
Zusammentreffen mit Charlotte Hildebrand in Pyrmont, schrieb er einen
berschwenglichen Brief an Li, wie Karoline von Dacherden im
Freundeskreise hie, die im Jahre darauf seine Braut wurde und mit der
er seit 1791 achtunddreiig Jahre eine beraus glckliche Ehe gefhrt
hat, bis ihm der Tod die treue Lebensgefhrtin entri. Wie nur wenigen
Sterblichen war es ihm vergnnt, sich sein Leben zu formen, wie es ihm
behagte, und ungetrbt durch uere Widerwrtigkeiten konnte er auf
seiner Bahn fortschreiten, die ihn auf die Hhen der Menschheit fhrte.
Auf weiten Reisen nach Frankreich, Spanien, Italien und England hatte er
Welt und Menschen kennen gelernt, und nach jahrelanger Mue, in der er
sich auf seinen Besitzungen ganz seinen Forschungen widmen konnte, hatte
er in der Zeit schwerster vaterlndischer Not sein berragendes Wissen
und seine Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt, hatte die
Berliner Universitt mitbegrndet und weilte damals, als Charlotte Diede
sich in ihrer Not an ihn wandte, auf dem Wiener Kongre.

Noch sechs Jahre war er im Dienste des Staates ttig, dann zog er sich
ins Privatleben zurck, um nicht vom Aktentische ins Grab taumeln zu
mssen. Die fnfzehn Jahre, die ihm sein arbeitsreiches Leben noch
beschied, widmete er ganz seiner wissenschaftlichen Ttigkeit als
Sprachforscher und Philosoph, und je lter er wurde, desto mehr fesselte
ihn sein Schlo in Tegel, in dem ihn der Geist des Altertums aus den
herrlichen Bildwerken, die er meist selbst gesammelt hatte, umgab, und
als den Weisen von Tegel lernen wir ihn auch aus den Briefen an eine
Freundin kennen. Und aus seinem tiefen Wissen und seiner geluterten
Weltanschauung konnte er nun der Freundin ein Weiser auf ihrem Pfade
werden und ihrem unstten Sinn von seinem gttlichen Frieden mitteilen.

Ihr aber wurden die Briefe Humboldts ein verjngender Quell, und schon
1818 schrieb sie an ihre Schwester: Ich geniee berall, wo ich lebe,
das Glck, geliebt zu sein, und habe die Erfahrung gemacht, da ueres
Glck oder Unglck, Reichtum oder Armut es nicht ist, was uns geliebt
oder geehrt macht, sondern wir selbst es sind. Und als ihr nun der
himmlische Freund entrissen wurde, sah sie sich neuen Sorgen
gegenber, und einige ihrer Freundinnen lieen ihr anonym eine
Untersttzung zukommen. Schlielich entschlo sich die Greisin zu einem
Bittgesuch an Friedrich Wilhelm IV., der sie darauf mit 300 Talern in
Gold untersttzte, so da sie nunmehr ihren Lebensabend ruhig
beschlieen konnte.

Die Briefe Humboldts aber sind ihr ein Trost in ihrer Einsamkeit, und so
schreibt sie an ihre Freundin, die ihr bei der Herausgabe behilflich
sein soll: Mit ihnen lebe ich jetzt und fort und fort. Aus diesem
unerschpflichen Schatz nehme ich auch jetzt Trost und Fassung, wie ich
eine lange Reihe von Jahren alles herausnahm, was ich bedurfte an Rat
und Trost, an Erhebung und Ermutigung, an Besserung und Belehrung, an
Erleuchtung und Erkenntnis. Sie waren mein einziger Reichtum, sie
beseelten meine Einsamkeit und entschdigten mich fr so viele
Entbehrungen. Jetzt lerne ich etwas, wie ich den groen Schmerz wrdig
aufnehme und trage, und mit dem Andenken an das, was er mir war,
fortlebe. -- Im Jahre 1846 ist auch sie dann zur ewigen Ruhe
eingegangen.

Uns Deutschen aber bleiben diese Briefe ein kstliches Vermchtnis eines
unserer grten Geistesheroen, eines Mannes, der die Ideale, die er als
Seher erschaute, auch in seinem Leben dargestellt hat.

_Rostock_, im Dezember 1920.

_Alfred Huhnhuser_.




Anmerkungen.

_Zum Vorbericht_. S. 12 Hoffnung des Wiedersehens: Doch geschah es noch
zweimal nach vielen Jahren. -- Dokument, das hierher gehrt: vgl. die
Einfhrung S. 492. -- S. 20 als Zustze nachtragen: Diese Zustze sind,
soweit sie zum Verstndnis der Briefe wichtig waren, in den Anmerkungen
zu den Briefen mit verwertet.

S. 21 dies Blttchen: vgl. die Einfhrung S. 402.

S. 32 Welcher Ihrer Plne ausfhrbar sein kann: Von Ihren jetzigen
Plnen kann ich keinen billigen und keinen befrdern. In seinen
weiteren Ausfhrungen, die von Charlotte Diede ausgelassen sind, lehnt
Humboldt es ab, sie, wie es ihr Wunsch war, in seinem Hause aufzunehmen.
-- Anweisung: auf 200 Taler.

S. 39 Meine kurzen Briefe knnen Sie eingeschchtert haben: Dazu bemerkt
Charlotte in ihren Zustzen: In die Jahre von 1814-20 fielen die groen
weltgeschichtlichen Begebenheiten und Wilhelm von Humboldts Staats-Leben
und -Wirken. Lange Briefe konnte ich in dieser Zeit nicht bekommen, aber
fortwhrend empfing ich Zeichen und Beweise des Andenkens und
Nachrichten ber meine Vermgensangelegenheiten..... Ich durfte mich
nicht abhalten lassen, auch wenn ich nur selten und kurze Briefe
erhielt, selbst lange Briefe zu schreiben. Doch schrieb ich anfangs nur
selten.

S. 47 Ich sehe Ihrem Entschlu und Ihrer Antwort mit Verlangen entgegen:
Darauf hat Charlotte in einem Brief geantwortet, der als einer der
wenigen von ihr erhaltenen hier Aufnahme finden mge. Der Wunsch, den
Sie, hochverehrtester Freund, mir in Ihrem letzten Brief aussprechen,
ist ein neuer Beweis Ihrer hchst gtigen Teilnahme, den ich sehr
dankbar empfinde und erkenne, und zugleich tief die Verpflichtung fhle,
Ihren Forderungen zu entsprechen. Zugleich aber gestehe ich, da ich
auch erschreckt bin, indem Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten mir
entgegentreten. Zuerst erlauben Sie mir die Einwendung: Wo soll ich den
Mut finden, Ihnen, der Sie Welt, Leben, Begebenheiten und Menschen in
den grten Erscheinungen sahen, mein Leben in seinen Verhngnissen
vorzufhren, die, wenn sie gleich fr mich von groer Wichtigkeit waren,
Ihrem Blick sehr unbedeutend erscheinen mssen. Dann ist auch vieles
durch die Zeit verblichen, anderes mehr noch weit in die Vergangenheit
zurckgetreten, wodurch ein solches Unternehmen sehr erschwert wird. Die
freundlich-schmeichelnden Belobungen meines Schreibens erkenne ich
dankbar, sehe aber zugleich, da sie mich ermutigen sollen. Ich antworte
auf der Stelle, wie Sie das wollen, um ganz ehrlich den ersten Eindruck
auszusprechen. Gewhren Sie mir, teuerster, gtigster Freund, da ich
die Sache erst von allen Seiten ruhig erwge. Ob ich die mir angeborene
Schchternheit, die mich beschmt zurckweist, beherrschen werde? Ich
wnsche es und will es hoffen, da mein Leben, auch in den verwickeltsten
Lagen und Verhltnissen, wie in dem Innern von Ihnen gekannt, erkannt
und verstanden sein mchte, und nur so, wie es bisher geschehen, in der
einfachsten Wahrheit. -- Da ich noch einmal, und nur noch einmal auf
Ihre viel zu gtige Belobung meines Schreibens zurckkomme, verzeihen
Sie mir gewi. Es ist groe, unendliche Gte, das wei ich, und kein
Spott, ob es vielleicht den Schein des Spottes haben knnte; denn wessen
Feder hat einen hnlichen Zauber wie die Ihrige! Ich habe nie Anspruch
an Schnschreiben gemacht; ich habe mich sogar vor dem Bestreben danach
gehtet: denn ich meine, es fhrt dem Charakter manche Gefahren herbei.
Frher als die meisten Frauen habe ich viel geschrieben, teils weil es
so sein mute, teils aus Neigung. Zuerst achtete ich streng darauf, da
ich mich schriftlich wie mndlich ausdrckte; dies ist Forderung meines
Charakters, der das Unwahre und Falsche wegweist; dann htete ich mich
vor bertreibungen, die mir immer zuwider waren. So blieb wohl der
Ausdruck meiner Empfindungen einfach und natrlich, um so mehr, da mir
alles Gesuchte und Schwlstige sehr mifllt. Da ich zugleich frher,
als es meist der Fall ist, Geschftssachen besorgen mute, machte dies
Klarheit der Darstellung durchaus ntig. Auf diese Art gewann ich
vielleicht mehr bung und Gewandtheit im Schreiben, als ich ohne diese
Notwendigkeit erlangt htte; ich gewann zugleich diese Art der
Beschftigung zu meiner eigenen Ausbildung lieb und schrieb viel fr
mich selbst. Wie htte ich ahnen knnen, da diese bung mir einst
spter den Weg bahnen wrde, mich dem teuern Gegenstande vieljhriger
liebevoller Verehrung wieder zu nahen? In dem, was ich hier sage,
erkennen Sie schon meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu gehorchen, und ich
darf die Bitte wiederholen: Gewhren Sie mir einige Tage der berlegung.
Nachher will ich Ihnen offen und gerade die Resultate derselben
mitteilen.

Eines aber erlauben Sie mir gleich einzuwenden: in dritter Person zu
Ihnen zu reden; was ich allein fr Sie schreibe, wrde mir einen
hindernden Zwang auflegen. Meine Verhngnisse wie meine Bildung, beides
ging aus meinem Innern hervor und wirkte dahin zurck. Tausend Frauen
wrden, htten sie erlebt, was ich erlebte, ganz andere Schicksale
daraus gestaltet haben. Diese ber uns gebietende Individualitt
verschmilzt mit dem ewig waltenden Geschicke, wie es scheint. Wir knnen
nur handeln, wie wir handeln; vieles, was andere tun, auch wenn wir es
nicht tadeln, weist, als unvereinbar mit uns selbst, unser Inneres weg.
ber solche Begebenheiten lt sich nur im innigsten Vertrauen und in
der einfachsten, ich mchte fast sagen einfltigsten Wahrheit reden. Dem
schwergeprften, gereiften Gemt ist der Schein ganz gleichgltig; es
bewahrt das trnenschwer Erlebte, gleich einem Heiligtum, verschlossen
im Busen. Allein dem Allwissenden und der ewigen Liebe schliet es sich
glubig auf. Auch dem so innig und unendlich geliebten Jugendfreund kann
und will es eben so offen daliegen, und nur ihm allein! Wozu dann eine
fremde, eine gesuchte, einengende Form? Ich darf dies einwenden, weil es
natrlich ist, und ich nur fr Sie schreibe. Ich bin oft aufgefordert,
meine Lebensbegebenheiten selbst zu schreiben, oder jemand zu
autorisieren und dazu das Material zu geben, aber ich habe es immer
verschmht. Man gelangt nach ungewhnlichen Schicksalen dahin, sie nur
in ihren heilbringenden Folgen zu betrachten, sie mit Ehrfurcht als
hhere Fgungen anzusehen, ja selbst dankbar darauf hinzublicken. Wie
wenig ist am Ende der Bahn daran gelegen, was wir erlebten, wie wichtig,
wie unendlich viel, was daraus hervorging! Sollte ich Ihrer Teilnahme
gewrdigt, Ihres segenreichen Einflusses teilhaftig werden, so drfte
auch nichts anders sein, als es war. Demohngeachtet ist es natrlich,
da mich das Zurckrufen einer leidenvollen Vergangenheit sehr ergreift,
und deshalb kann ich nicht gleich eine bestimmte Antwort geben. Sie
wissen schon aus meinen frheren Briefen, da ich ungewhnlich und
ungemein viel erlebte. Manche Bilder erbleichen und schwanken; ich
mchte sie nicht wieder herausholen, ja, ich darf das nicht; es wrde
mich zerstren, wollte ich zu lange verweilen in dstern, grauenvollen
Gegenden. Sie scheinen sich selbst diese Einwendungen gemacht zu haben
und wissen besser, als ich es sagen kann, da, wer viel erlebt hat und
groen Schmerz kennt, ihn schweigend ehrt, nicht davon redet noch reden
kann, indes der, der den Schmerz weder kennt noch versteht, unendlich
davon erzhlt. Ich erwarte mit Zuversicht die Antwort und darf sie
erwarten, denn Sie zrnen gewi nicht ber meine zaghaften Einwendungen
und haben Nachsicht mit meiner Schwche, indem Sie zugleich erkennen,
da es mein Wunsch und Wille ist, Ihnen zu gehorchen. Vielleicht
bersende ich Ihnen schon frher, als Sie es erwarten, einige Bogen als
Probe.

S. 51 Ich war in Dsseldorf bei Jacobi: Der Philosoph Friedrich Heinrich
Jacobi (1743-1819), den Humboldt im Herbst 1788 auf seiner Rheinreise
kennen gelernt hatte. Er schreibt damals in einem Briefe an Georg
Forster, mit dem er kurz vorher enge Freundschaft geschlossen hatte,
folgendes ber diese Begegnung mit Jacobi: Sein Umgang war mir ber
alles interessant. Er ist ein so vortrefflicher Kopf, so reich an neuen,
groen und tiefen Ideen, die er in seiner so lebhaften Sprache vortrgt;
sein Charakter scheint so edel zu sein, da ich in der Tat nicht
entscheiden mag, ob er zuerst mein Herz oder meinen Kopf gewonnen hat.
Er hat mir erlaubt und versprochen, die Verbindung durch einen
Briefwechsel zu unterhalten.

S. 54 Ihr alter vterlicher Freund Ewald: Johann Ludwig Ewald
(1747-1822), Pfarrer, spter Generalsuperintendent und Konsistorialrat,
wird des fteren in den Briefen erwhnt.

S. 92 Die Kraft abgewinnt, zu erscheinen: hierber gibt Charlotte in
ihren Zustzen folgende Ausfhrungen:

Es mchte eine Erklrung ntig sein ber die dunkeln Andeutungen,
welche dieser Brief enthlt. Zwar bin ich nicht imstande, die Rtsel zu
lsen, nur erzhlen kann ich das Geheimnisvolle, was Wilhelm von
Humboldt so sehr interessierte. Es schien nmlich ganz unzweifelhaft,
da etwas Geheimnisvolles, ja in ein unsichtbares Bereich Gehrendes,
nie Aufgehelltes (so sorgfltig auch danach geforscht wurde) in meinem
Vater lag. Auch war er sich dessen wohl bewut. Ohne erfreut oder
niedergeschlagen darber zu sein, sprach er wohl darber, erzhlte
mehrere Erfahrungen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, ernst,
wrdig, ohne festen Glauben, ohne Furcht, aber auch ohne spttisches,
starkgeisterisches Verwerfen. Er pflegte wohl zu sagen: den Zusammenhang
zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt hat noch niemand
durchschaut und erkannt.

Es waren weniger Erscheinungen als Wahrnehmungen durchs Gehr; laute, ja
lrmende Bewegungen in den von ihm bewohnten oder benutzten Zimmern, oft
alsbald wenn er sie verlie, nie whrend seiner Gegenwart. Diese
Gerusche waren dem Beschftigungsgerusche gleich, das er in einem
eigentlich gelehrten Leben durch die damit verbundenen Bewegungen
erregte: Kramen zwischen Bchern, Schriften und Papieren, Zusammenrcken
der Tische, Herbeiziehen der Sthle, bald langsames, bald schnelles Hin-
und Hergehen -- alles ebenso, nur lauter, als es mein Vater betrieb, so
da Mutter und Kinder im unteren Stock oft glaubten, der Vater sei zu
Hause. Dieser pflegte, wenn es das Wetter erlaubte, mittags vor Tisch
eine Stunde spazieren zu gehen oder zu reiten. Er hatte die Gewohnheit,
dann seine Arbeitsstube zu verschlieen und den Schlssel einzustecken.
In diesen Mittagsstunden war das Lrmen am lautesten. Sehr oft, wenn er
zu Tisch kam, war er ernst, etwas dster und schweigend, a wenig oder
auch garnichts. Ein andermal erzhlte er, ruhig immer, doch oft mit
umwlkter Stirn: wenn er den Schlssel einstecke und aufschlieen wolle,
scheine es, als ob der unsichtbare Teilnehmer des Zimmers, gleichsam als
werde er berrascht, schnell aufspringe und mit Poltern, Umwerfen der
Sthle in das Nebenzimmer eile, das aber immer von beiden Seiten
verriegelt war. Sehr oft sei es so, da er glauben msse, es habe sich
jemand auf sein Arbeitszimmer und zu seinen Papieren geschlichen. Trete
er aber ein, finde er alles ungendert, so wie er es verlassen, Bcher,
Papiere, Federn usw., alles am gewohnten Platz, den Stuhl wie den
Tisch, an dem er zu schreiben pflegte, unverrckt. Die Mutter, die
manche husliche Geschfte in einem benachbarten Zimmer, auf demselben
Gange, in demselben Stock vorzunehmen pflegte, sagte wohl zu ihren
heranwachsenden Kindern: Gott verzeih' mir -- ich glaube, Euer Vater ist
doppelt! -- Was das Grauenhafte ungemein verminderte, war, da die
Nchte und auch die Nachmittage still waren. Vormittags, besonders aber
in den Mittagsstunden, waren lnger als ein Jahr polternde Gerusche,
was auch Besuchende wahrnahmen. Wirklich niederschlagend war es, da
alle Wahrnehmungen nicht blo an sich unerfreulich waren, sondern da
auch kein tieferer Gehalt darin erkannt werden konnte. Sie waren weder
anzeigend, noch warnend, noch weniger erhebend oder trottend, alles sah
wie ein Spiel bswilliger Geister aus, die nur Schrecken und Grauen
erregen wollten. Indes bte auch hier Gewohnheit ihr Recht. Wir hatten
uns fast an die unheimlichen Unsichtbaren gewhnt, und da sie uns nicht
weiter schdlich berhrten, lieen wir sie meist unbeachtet. Wie viele
Nachforschungen und Untersuchungen man auch vornahm, keine derselben
brachte erklrende Resultate. Mit dem Tode der Mutter, der frh
erfolgte, verstummte alles Unheimliche, als ob es Anzeichen dieses
Trauerfalles habe sein sollen.

S. 111 Diese Trume, dieser gewissermaen natrliche Magnetismus: Dazu
gibt Charlotte folgenden Zusatz:

Die Hindeutung auf gewissermaen natrlich-magnetische Trume, deren
hier gedacht wird, mchte noch einige, wenn auch nicht erklrende, doch
deutlicher machende Worte erfordern, ber eine seltsame und gewi
seltene physiologische Stimmung, wie solche mir durch oft wiederholte,
immer gleiche Erzhlung bekannt worden ist, ohne Aufschlu erhalten zu
haben oder geben zu knnen. Mein Vater erkrankte schwer und langwierig
in meiner frhesten Kindheit. Gegen alle Erwartung der rzte wurde er
erhalten und gerettet durch eine schwere Operation, die ein sehr
geschickter Wundarzt, der hinzugezogen wurde, verrichtete. Derselbe
wurde nach erfolgter gnzlicher Genesung des Vaters von der Familie wie
ein teurer Wohltter geliebt und verehrt, und beide Huser kamen in
innige Verhltnisse, um so mehr, da gro und klein von gleichem Alter
waren. Im nchsten Frhjahr wurde der erste Besuch in die benachbarte
Stadt, zum Doktor und Regimentsarzt M., gemacht. Dieser kleine,
frhliche Ausflug war fr uns alle ein wahres Fest. Schon beim
Stillhalten des Wagens, bei dem Aussteigen, bei dem Eintritt in den
Hausflur wurde mein Vater still und bestrzt, mehr noch beim Eintritt in
die Wohnstube. Das M-sche Haus war alt und winkelig, man fand sich nicht
gleich darin zurecht, und ein versteckter Gang fhrte in einen kleinen
Garten, von den Kindern der Irrgarten genannt. Nach dem ersten Empfange
sollten nun erst den Gsten ihre Zimmer angewiesen werden. Jetzt nahm
der Gast den Hausherrn an den Arm, mit den Worten: Nun will ich Sie
fhren. Schweigend brachte er ihn erst in die Gastzimmer, dann durch
alle Rumlichkeiten durch, vor dem Eintritt in jede Stube und Kammer die
Bestimmung derselben bemerkend, und zuletzt auch kannte er den
verdeckten Gartenweg. Fast genauer als im eigenen Hause kennt er hier
jedes Mbel und gibt der erstaunten Gesellschaft folgenden Aufschlu:
whrend seiner dreimonatigen schweren Krankheit habe ihn jeder matte
Krankenschlummer in dies Haus gebracht; er habe in allen diesen Rumen
so oft und so lange verweilt, da er alles aufs genaueste kenne. Da er
aber den Schauplatz seiner Trume nie gesehen habe, es also keine
Erinnerungen sein konnten, welche in der kranken Einbildung wieder
aufstiegen, so habe er es ganz natrlich fr phantastische, kranke
Traumbilder gehalten, ohne weiter darauf zu achten. Man mge nun sein
Erstaunen nachempfinden, wie er schon beim Stillhalten des Wagens, schon
beim ueren Anblick des Hauses, und immer mehr und mehr, seine
Traumbilder verwirklicht sehe!

Er mochte gern bei dieser sonderbaren Erscheinung seines inneren
Sehvermgens verweilen und erzhlte diese Erfahrung gern, und immer
getreu dasselbe, so da ich es ebenfalls getreu wiedergeben kann. Nie
ist uns ber die sonderbare Sache, die fr Wilhelm von Humboldt
lebhaftes Interesse hatte, und die er natrlichen Magnetismus nannte,
ein nherer Aufschlu geworden. Wer mchte sich ein hnliches inneres
Vermgen wnschen! -- Zschokke gedenkt in seiner Selbstschau eines
hnlichen inneren Sehvermgens, doch auch sehr verschieden, da es fremde
Begebenheiten, und selbst Heimlichkeiten anderer, vorberfhrt.

S. 166 wo Sie mich ganz miverstanden haben: An dieser Stelle wie auch
zu Anfang des Briefes hat Charlotte das Original Humboldts gekrzt.
(Vgl. hierzu die Leitzmannschen Forschungen, vor allem eine
handschriftliche Notiz Charlottes zu diesem Brief.)

S. 184 An Tegel hnge ich: ber das Schlo Tegel und seinen
Bildsulenschmuck berichtet auch Fontane in seinen Wanderungen durch die
Mark im dritten Band.

S. 187 ein so stattliches Schlo scheint: Schlo Tegel, 1660 vom Groen
Kurfrsten als Jagdschlo erbaut, ging 1765 in den Besitz des Majors
Georg Alexander von Humboldt ber. Nach dem Tode des Vaters (1779)
besaen die beiden Brder das Schlo gemeinsam. 1802 bernahm es Wilhelm
von Humboldt allein. 1822-24 wurde es von Schinkel vllig umgebaut.

S. 235 Frau von Laroche: Sophie von Laroche (1731 bis 1807), die
Jugendgeliebte Wielands, Schriftstellerin, wird in Goethes Dichtung und
Wahrheit an verschiedenen Stellen erwhnt.

S. 251 Therese Huber, Schriftstellerin (1764-1829), Tochter des
Gttinger Gelehrten Heyne, war mit Georg Forster, dem Freunde Humboldts,
und spter mit dem Schriftsteller Ferdinand Ludwig Huber verheiratet.

S. 364 Sie erwhnen der neusten unruhigen Auftritte: Gemeint sind
Volkserhebungen des Jahres 1830. Am 25. August war auch in Belgien die
Revolution ausgebrochen.

S. 389 Die Ungewiheit der Zeiten: Zusatz von Charlotte: In dieser Zeit
erschien die gefrchtete Cholera in ganz Deutschland und setzte, wie es
jeder erfahren hat, alles in Furcht und Schrecken.

S. 421 Der Stelle in der Delphine: Frau von Stal stellt nmlich in der
Delphine den Satz auf, da fr das Alter oder die spteren Jahre, wo man
allein stehe, die Ehe ntig und erwnscht sei. Die Jugend finde berall
ihre Freuden. (Anm. von Charlotte.)

S. 491 Zum Brief vom 28. Mrz schreibt Charlotte: So kam der 8. April
heran und brachte mir von unbekannter Hand vom 4. April die Nachricht
einer gewi vorbergehenden Erkrankung so schonend als mglich. Es war
der Todestag von Wilhelm von Humboldt, als ich die Nachricht von
unbekannter Hand erhielt.




Dieses Buch wurde als II. Band der Jahresreihe 1920/21 ausschlielich fr
die Mitglieder des Volksverbandes der Bcherfreunde hergestellt. Den Druck
besorgten Gebr. Mann in Berlin in der Behrens-Medival von Gebr. Klingspor
in Offenbach a. M. Den Einbandentwurf zeichnete Grete Schmedes. Gebunden in
der Buchbinderei von Wilhelm Kmmerer.





Anmerkungen zur Transkription:

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S.  86: Ih --> Ich
S. 143: Mench --> Mensch
S. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart
S. 322: anchlsse --> anschlsse
S. 372: Sckicksalen --> Schicksalen
S. 484: herrcht --> herrscht
S. 484: eingegenommen --> eingenommen

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
wurden prinzipiell beibehalten.

Formatierung:

Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert: _text_




Transcriber's Notes:

The table below lists all corrections applied to the original text.

p.  86: Ih --> Ich
p. 143: Mench --> Mensch
p. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart
p. 322: anchlsse --> anschlsse
p. 372: Sckicksalen --> Schicksalen
p. 484: herrcht --> herrscht
p. 484: eingegenommen --> eingenommen

The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
been maintained.

Formatting:

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End of Project Gutenberg's Briefe an eine Freundin, by Wilhelm von Humboldt

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AN EINE FREUNDIN ***

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Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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