The Project Gutenberg EBook of Ehstnische Mrchen, by Friedrich
Kreutzwald

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Title: Ehstnische Mrchen

Author: Friedrich Kreutzwald

Commentator: Anton Schiefner
             Reinhold Khler

Translator: Ferdinand Lwe

Release Date: June 1, 2007 [EBook #21658]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Ehstnische Mrchen.


Aufgezeichnet

von

Friedrich Kreutzwald.


Aus dem Ehstnischen bersetzt

von

F. Lwe,
ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akad. d. Wissenschaften.


Nebst einem Vorwort von _Anton Schiefner_ und Anmerkungen
von _Reinhold Khler_ und _Anton Schiefner_.

Halle,
Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.
1869.




Vorwort.


Im dritten Bande der Kinder- und Hausmrchen hat _Wilhelm Grimm_ auf S.
353 der Ausgabe von 1856 auf die ihm bis zu der Zeit bekannt gewordenen
ehstnischen Mrchen hingewiesen, und auf S. 385 namentlich die zuerst
von _Fhlmann_ im Jahre 1842 in dem ersten Bande der Verhandlungen der
gelehrten ehstnischen Gesellschaft zu Dorpat verffentlichte anmuthige
Dichtung Koit und mmarik hervorgehoben. In ausfhrlicherer Fassung ist
die letztere spter (1854) von =Dr.= _Friedrich Kreutzwald_ mir mitgetheilt
und von mir im Bulletin der St. Petersburger Akademie =T. XII.= Nr. 3, 4
(auch in den =Mlanges russes= =T. II.= S. 409) in dem Aufsatz zur
ehstnischen Mythologie abgedruckt worden. Ebendaselbst habe ich auch
auf die Mglichkeit einer Entlehnung dieser Dichtung von einem
Nachbarvolke aufmerksam gemacht. An solchen Entlehnungen sind die Ehsten
nicht rmer als andere Vlker, und es gewhrt ein eigenthmliches
Interesse, mehr oder minder anderswoher bekannte Stoffe in ihrer
ehstnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht blo die Freude an
der poetischen Behandlung der einzelnen Mrchen ist es, was uns
auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knpfen sich
eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die
Betrachtung ihres Inhalts.

Der Uebersetzer hat es fr angemessen erachtet, auf so manche Zge
hinzuweisen, welche die einzelnen Mrchen mit der von =Dr.= _Kreutzwald_ ins
Leben gerufenen Dichtung Kalewipog gemein haben. Manches ist
allerdings aus den nicht blo bei den Ehsten in Umlauf befindlichen
Mrchen erst in die Sage und daraus in die epischen Lieder gewandert,
anderes bietet uns aber treulichst erhaltene Spuren altscandinavischer
Mythen dar. Habe ich bereits im Jahre 1860 bei Gelegenheit der
Besprechung des Kalewipog (Bulletin B. =II.= S. 273-297 = =Mlanges russes=
B. =II.= S. 126-161) darauf aufmerksam gemacht, wie im Kalewipog vielfach
Nachklnge des alten Thor-Cultus vorliegen, so kann man das mit gleichem
Recht von den in vorliegender Sammlung dargebotenen Mrchen behaupten.
Man bercksichtige auer dem von Herrn Lwe S. 2 angefhrten z. B. S.
113 die dem Donnerer gehrige Gerte aus Ebereschenholz, sowie auch S.
137 das Ruder aus demselben Holze. Vgl. ber die auch S. 18 vorkommende
Eberesche als dem Donnerer heilig Mannhardt Germanische Mythen S. 13 f.

Als ich im Jahre 1855 ber den Mythengehalt der finnischen Mrchen
(=Bullet. hist. philol. T. XII.= Nr. 24) kurz berichtete, waren von den
ehstnischen Mrchen nur sehr wenige bekannt, und die ganze reiche
Mrchenliteratur der Russen, von der uns die von _Afanasjew_ in den Jahren
1855-1863 erschienene Sammlung in acht Bnden eine Ahnung giebt, war
nur in wenigen Proben zugnglich. Bei einem eingehenden Studium der
ebengenannten Sammlung drften nicht allein die finnischen Mrchen in
einem andern Lichte erscheinen, sondern auch die ehstnischen richtiger
gewrdigt werden knnen. Sicher ist es wenigstens, da, wenn wir die
ehstnischen Mrchen betrachten, wir es mit den Einflssen der
verschiedensten Zeiten und Vlker zu thun haben.

Manche Zge weisen unverkennbar auf litauische Berhrungen hin, andere
zahlreichere und wohl auch jngere auf russische Elemente; da die
Kstenstriche Ehstlands und namentlich die zunchst liegenden Inseln
schwedische Bevlkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwrtig
haben, ist der letzteren nebst manchem Mrchen auch mancher aus der
ltesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat
aus der Kinderstube der deutschen Familien sowohl in der Stadt als auf
dem Lande so manches Mrchen in die Bauerhtten verpflanzt. Nicht minder
haben die aus dem Kriegsdienste heimkehrenden Ehsten so manche
Erzhlung, die sie frher im schwedischen oder spter im russischen
Heere vernommen hatten, den hrlustigen Leuten in der Heimath
zugetragen.

Auer den von _W. Grimm_ a. a. O. namhaft gemachten Sammlungen sind
verschiedene ehstnische Mrchen verffentlicht worden, namentlich in den
Jahrgngen 1846, 1848, 1849, 1852 und 1858 des Inlands, im
illustrirten revalschen Almanach 1855 und 1856 und anderswo; eine
ziemlich genaue Aufzhlung derselben wird man in =Dr.= _Winkelmanns_ nun im
Druck befindlicher =Bibliotheca Livoniae historica= S. 39 f. finden. Am
beachtenswertesten sind die von den auch sonst um die Literatur der
Ehsten hochverdienten beiden Mnnern Heinrich _Neus_ in Reval und
Friedrich _Kreutzwald_ in Werro mitgetheilten Mrchen. Der letztere der
beiden genannten Herren erhielt auch von der finnischen
Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine
umfassende Sammlung von ehstnischen Mrchen herauszugeben. Diese
Sammlung, welche auf 368 Seiten 43 grere und 18 kleinere Stcke
umfat, erschien im Jahre 1866 zu Helsingfors im Verlage der
Literaturgesellschaft mit Bewilligung der letzteren und des Herrn
_Kreutzwald_ hat Herr _Lwe_, welcher sich whrend seines Aufenthalts in
Ehstland anerkennenswerthe Kenntnisse der ehstnischen Sprache erworben
hat, vorliegende Uebersetzung unternommen, die sich durch sich selbst so
sehr empfiehlt, da eine Empfehlung von meiner Seite berflssig sein
drfte. Die Leser dieser freundlichen Schpfungen der Volkspoesie werden
es nicht minder als ich wnschen, da baldigst eine Fortsetzung der
Uebersetzung erscheine.

Schlielich kann ich die erfreuliche Nachricht mittheilen, da in kurzer
Zeit die Verffentlichung mehrerer durch die Herren _Hurt_ und _Jakobson_
aus dem Volksmunde aufgezeichneter ehstnischer Mrchen in den Schriften
der gelehrten ehstnischen Gesellschaft in Dorpat zu erwarten ist.

St. Petersburg, den 8. (20.) Februar 1869.

A. Schiefner.




_Inhalt._


                                                       Seite

1. Die Goldspinnerinnen                                 1-24

2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen               25-31

3. Schnellfu, Flinkhand und Scharfauge                32-58

4. Der Tontlawald                                      59-76

5. Der Waise Handmhle                                 77-81

6. Die zwlf Tchter                                   82-91

7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glck fand           92-101

8. Schlaukopf                                        102-121

9. Der Donnersohn                                    122-132

10. Pikne's Dudelsack                                133-140

11. Der Zwerge Streit                                141-147

12. Die Galgenmnnlein                               148-159

13. Wie eine Knigstochter sieben Jahre geschlafen   160-173

14. Der dankbare Knigssohn                          174-202

15. Rugatajas Tochter                               203-211

16. Die Meermaid                                     212-229

17. Die Unterirdischen                               230-240

18. Der Nordlands-Drache                             241-261

19. Das Glcksei                                     262-272

20. Der Frauenmrder                                 273-284

21. Der herzhafte Riegenaufseher                     285-297

22. Wie ein Knigssohn als Hterknabe aufwuchs       298-317

23. Dudelsack-Tiidu                                  318-340

24. Die aus dem Ei entsprossene Knigstochter        341-355

    Anmerkungen                                      356-365

Berichtigungen und Zustze                               366




1. Die Goldspinnerinnen.[1]


Ich will euch eine schne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzhlen,
welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der
Weisheit-Sprache der Vierfer und der Befiederten wiederhallten.

Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit
drei frischen Tchtern: ihre Htte lag im Dickicht versteckt. Die
Tchter blhten schnen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf;
besonders war die jngste Schwester schn und zierlich wie ein
Bohnenschtchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine andern Beschauer
als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.

    Brennend hei mit Jnglingsaugen
    Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,
    Glnzte auf den bunten Bndern,
    Rthete die bunten Sume.

Die alte Mutter lie die Mdchen nicht mig gehen, noch sumig sein,
sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saen Tag
fr Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen
Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend[2] Abend Mue gegnnt, den
Gabenkasten zu bereichern,[3] und wenn nicht in der Dmmerung oder im
Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde,
so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde
sofort eine neue aufgesetzt, und berdies mute das Garn eben, drall und
fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schlo und Riegel
in einer geheimen Kammer, wohin die Tchter ihren Fu nicht setzen
durften. Von wo der Goldflachs in's Haus gebracht wurde, oder zu was
fr einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen
nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals
Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise,
man wute nicht wohin, blieb zuweilen ber eine Woche aus und kam immer
bei nchtlicher Weile zurck, so da die Tchter niemals erfuhren, was
sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, theilte sie jedesmal den
Tchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte.

Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung
unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mdchen
ausgetheilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschrft:Kinder
lat die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit
der Faden in der Spule nicht reit, sonst wrde der Glanz des Goldgarns
verschwinden und mit eurem Glcke wrde es auch aus sein! Die Mdchen
verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter
auf ihrer Krcke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie
alle drei an zu hhnen. Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt
wird, htten wir nicht nthig gehabt, sagte die jngste Schwester. Der
Goldgarnfaden reit nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.
Die andere Schwester setzte hinzu: Eben so wenig ist es mglich, da
der Goldglanz sich verliere. Oft schon hat Mdchen-Vorwitz Manches
voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Thrnenjammer
erwuchs.

Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter
Vorfall, der den Tchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glck, auf
lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Spro,[4] eines Knigs
Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefhrten abgekommen, und
hatte sich im Walde so weit verirrt, da weder das Gebell der Hunde noch
das Blasen der Hrner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen
fand nur sein eigenes Echo,[5] oder fing sich im dichten Gestrpp.
Ermdet und verdrielich stieg der knigliche Jngling endlich vom
Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebsches auszuruhen,
whrend das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen
durfte. Als der Knigssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne
schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach
dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fusteig, der ihn
zur Htte der lahmen Alten brachte. Wohl erschracken die Tchter, als
sie pltzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor
erblickt hatte. Inde hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in
der Abendkhle mit dem Fremden befreundet, so da sie gar nicht einmal
zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die lteren Schwestern sich
schlafen gelegt hatten, sa die jngste noch mit dem Gaste auf der
Thrschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.

Whrend die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz
ffnen und se Gesprche fhren, wollen wir uns nach den Jgern
umsehen, die ihren Anfhrer im Walde verloren hatten. Unermdlich war
der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis
das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Mnner
in die Stadt zurckgeschickt, um die traurige Botschaft zu berbringen,
whrend die Uebrigen unter einer breiten stigen Fichte ihr Nachtlager
aufschlugen, um am nchsten Morgen wieder weiter zu suchen. Der Knig
hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und
eins zu Fu ausrcken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen.
Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage
aus; dann erst wurden in der Frhe Fustapfen gefunden, die man
verfolgte und dadurch den Fusteig entdeckte, der zur Htte fhrte. Dem
Knigssohne war in Gesellschaft der Mdchen die Zeit nicht lang
geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er
schied, gelobte er der Jngsten heimlich, da er in kurzer Zeit
wiederkommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich
nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die ltern
Schwestern von dieser Verabredung nichts gehrt hatten, so kam die Sache
doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermuthet htte.

Nicht gering war nmlich der jngsten Tochter Bestrzung, als sie,
nachdem der Knigssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und
fand, da der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des
Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknpft und das Rad in rascheren
Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Brutigam
verlorene Zeit wieder einbrchte. Allein ein unerhrter und
unerklrlicher Umstand machte das Herz des Mdchens beben: das Goldgarn
hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -- Da half kein Scheuern, kein
Seufzen und kein Benetzen mit Thrnen; die Sache war nicht wieder gut zu
machen. Das Unglck springt zur Thr in's Haus, kommt durch's Fenster
herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein
altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.

Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die
Stube trat, erkannte sie augenblicklich, da hier etwas Unrechtes
vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie lie die Tchter eine
nach der andern vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen
und Ausreden kamen die Mdchen nicht weit, Lgen haben kurze Beine; die
schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rcken
der jngsten Tochter in's Ohr gekrht hatte. Das alte Weib fing nun an
so grulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren
Verwnschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jngling den Hals zu
brechen und sein Fleisch den wilden Thieren zur Speise vorzuwerfen, wenn
er sich gelsten liee, noch einmal wieder zu kommen. --Die jngste
Tochter wurde roth wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine
Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zuthun; immer lag es ihr schwer
auf der Seele, da der Jngling, wenn er zurck kme, seinen Tod finden
knnte. Frh am Morgen, als die Mutter und die Tchter noch im
Morgenschlummer lagen, verlie sie heimlich das Haus, um in der
Thaueskhle aufzuathmen. Zum Glck hatte sie als Kind von der Alten die
Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nhe sa
auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder
zurechtzupfte. Das Mdchen rief. _Lieber Lichtvogel, klgster_ des
Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hlfe kommen? Was fr Hlfe
begehrst du? fragte der Rabe. Das Mdchen erwiederte: Flieg' aus dem
Walde heraus ber Land, bis dir eine prchtige Stadt mit einem
Kuigssitz aufstt. Suche mit dem Knigssohn zusammenzukommen und melde
ihm, was fr ein Unglck mir widerfahren ist. Darauf erzhlte sie dem
Raben die Geschichte ausfhrlich, vom Reien des Fadens an bis zu der
grlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, da der
Jngling nicht mehr zurckkommen mchte. Der Rabe versprach, den Auftrag
auszurichten, wenn er Jemand fnde, der seiner Sprache kundig wre und
flog sogleich davon.

Die Mutter lie die jngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz
nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn abzuwickeln. Diese
Arbeit wre dem Mdchen leichter gewesen als die frhere, aber das ewige
Fluchen und Zanken der Mutter lie ihr vom Morgen bis zum Abend keine
Ruhe. Versuchte die Jungfrau, sich zu entschuldigen, so wurde die Sache
noch rger. Wenn einem Weibe einmal die Galle berluft, und der Zorn
ihre Kinnladen geffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu
schlieen.

Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das
gequlte Mdchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hren. Der Rabe hatte
glcklicherweise in des Knigs Garten eines Windzauberers[6] Sohn
gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der
schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat
ihn, die Sache dem Knigssohn mitzutheilen. Als der Grtnerbursche dem
Knigssohn alles erzhlt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog
er mit seinen Freunden heimlich Rath ber die Befreiung der Jungfrau.
Sage dem Raben, so unterwies er dann des Windzauberer's Sohn -- da
er eilig zurckfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten
Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Kchlein den Klauen des
Habichts entreien wird. Zum Lohn fr die Bestellung erhielt der Rabe
ein Stck Fleisch, um seine Flgel zu krftigen, und dann wurde er
wieder zurck geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel fr
seine Besorgung, verbarg aber das Gehrte in ihrem Herzen, damit die
andern nichts davon erfhren. Aber je nher der neunte Tag kam, desto
schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, da ein
unvorhergesehenes Unglck alles zu Schanden machen knnte.

In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur
Ruhe gelegt hatten, schlich die jngste Schwester auf den Zehen aus dem
Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Brutigams
zu harren. Hoffnung und Furcht erfllten zugleich ihr Herz. Schon krhte
der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Gerusch von
Tritten noch ein Rufen zu hren. Zwischen dem zweiten und dritten
Hahnenschrei drang von weitem ein Gerusch wie leises Pferdegetrappel an
ihr Ohr. Sie lie sich durch dies Gerusch leiten und ging den Kommenden
entgegen, damit deren Annherung die im Hause Schlafenden nicht wecken
mchte. Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der
Knigssohn selbst als Fhrer ritt, denn er hatte, als er von hier
fortgegangen war, an den Bumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er
den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er
vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin,
damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwrts. Der
Mond gab zwischen den Bumen so viel Licht, da der bezeichnete Pfad
ihnen nicht verloren ging. Das Frhroth hatte berall der Vgel Zungen
gelst und ihr Gezwitscher geweckt. Htte die Jungfrau auf sie zu achten
und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schpfen gewut, es htte den
Beiden mehr gengt als die honigse Schmeichelrede, welche aus des
Knigssohnes Munde flo und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie
hrte und sah nichts Anderes als den Brutigam, der sie bat, alle eitle
Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als
sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.

Zum Glck hatte die alte Mutter am Morgen frh der Tochter Flucht nicht
gleich bemerkt; erst etwas spter, als sie die Garnwinde nicht
abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jngste Schwester gegangen sei.
Darauf wute Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah
jetzt die Mutter, da die Tochter entflohen war; sofort fate sie den
tckischen Vorsatz, der flchtigen die Strafe auf dem Fue nachzusenden.
Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten
gemischter Hexenkruter, schttete Salz, das besprochen war, dazu und
band Alles in ein Lppchen, da es ein Quast wurde; dann hauchte sie
Flche und Verwnschungen darauf und lie nun das Hexenknuel mit dem
Winde davon ziehen, whrend sie sang:

    Wirbelwind! verleihe Flgel!
    Windesmutter! deinen Fittig!
    Treibet dieses Knulchen vorwrts,
    Da es windesschnell dahin saust,
    Da es todverbreitend hinfhrt,
    Seuchenbringend weiter fliege!

Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Knigssohn mit der
Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, ber welchen eine
schmale Brcke geschlagen war, so da die Mnner nur einzeln herber
konnten. Der Knigssohn ritt eben mitten auf der Brcke, als mit dem
Winde das Hexenknuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf.
Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich pltzlich hoch auf die
Hinterbeine, und eh' noch jemand zu Hlfe kommen konnte, glitt die
Jungfrau vom Sattel herab jhlings in den Flu. Der Knigssohn wollte
ihr nachspringen, aber die Krieger verhinderten ihn daran, indem sie ihn
festhielten; denn der Flu war grundlos tief und menschliche Hlfe
konnte dem Unglck, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.

Schrecken und tiefe Betrbnis hatten den Knigssohn ganz betubt; die
Krieger fhrten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurck, wo er Wochen
lang in stiller Kammer ber das Unglck trauerte, so da er anfangs
nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der Knig lie aus allen
Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die
Krankheit erklren, noch wute einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da
sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Knigs Garten
Grtnerbursch war: Sendet nur nach Finnland, da der uralte Zauberer
komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.

Alsbald sandte der Knig eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands,
und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflgeln ein. Er sagte
zum Knig: Geehrter Knig! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein
bses Hexen-Knuel hat des Jnglings bessere Herzenshlfte hingerafft,
und darber grmt er sich bestndig. Schicket ihn oft in den Wind, damit
der Wind die Sorgen in den Wald treibt.[7]

So kam es auch wirklich; der Knigssohn fing an sich zu erholen, Nahrung
zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern
seinen Herzenskummer; der Vater wnschte, da der Sohn wieder auf die
Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim fhren mchte,
aber der Sohn wollte nichts davon wissen.

Schon ber ein Jahr war dem Jngling in Trauer verstrichen, als er eines
Tages zufllig an die Brcke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden
hatte. Als er sich das Unglck in's Gedchtni zurckrief, traten ihm
bittere Thrnen in die Augen. Mit einem Male hrte er einen schnen
Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war.
Die Stimme sang:

    Durch der Mutter Fluch beschworen
    Nahm das Wasser die Unsel'ge,
    Barg das Wellengrab die Kleine,
    Deckte Ahti's[8] Fluth das Liebchen.

Der Knigssohn stieg vom Pferde und sphte nach allen Seiten, ob nicht
Jemand unter der Brcke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte,
war nirgends ein Snger zu sehen. Auf der Wasserflche schaukelte
zwischen breiten Blttern ein Teichrschen, das war der einzige
Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blmchen konnte doch
nicht singen, dahinter mute irgend ein wunderbares Geheimni stecken.
Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die
Brcke und lauschte, ob Auge oder Ohr nhere Auskunft geben wrden. Eine
Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Snger:

    Durch der Mutter Fluch beschworen
    Nahm das Wasser die Unsel'ge,
    Barg das Wellengrab die Kleine,
    Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.

Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde
zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Knigssohn dachte: wenn ich
ungesumt zur Waldhtte reite, wer wei, ob mir nicht die
Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten knnen. So stieg er zu
Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den frheren Zeichen hoffte
er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er
hatte ber einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fusteig gelangte.
In der Nhe der Htte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen
herauskommen wrde. Frh Morgens kam die lteste Schwester zur Quelle,
um sich das Gesicht zu waschen. Der Jngling trat nher, erzhlte das
Unglck, welches sich voriges Jahr auf der Brcke zugetragen, und was
fr einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehrt habe. Die alte Mutter
war glcklicher Weise gerade nicht daheim, dewegen lud die Jungfrau den
Knigssohn in's Haus. Als die Mdchen die ausfhrliche Erzhlung
angehrt hatten, begriffen sie ohne Weiteres, da das Unglck des
vorigen Jahres durch ein Hexenknuel der Mutter entstanden war, und da
die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden
liege. Die lteste Schwester fragte: Ist euren Blicken auf dem
Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang htte knnen ertnen
lassen? Nichts, erwiederte der Knigssohn. So weit mein Auge
reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein
gelbes Teichrschen zwischen breiten Blttern, aber Blmchen und Bltter
knnen doch nicht singen. Die Tchter muthmaten sogleich, da das
Teichrschen nichts Anderes sein knne, als ihre in den Wellen
versunkene und durch Hexenkunst in ein Blmchen verwandelte Schwester.
Sie wuten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknuel hatte
fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tdtete, in
jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie
inde dem Knigssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wuten
zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die
Rckkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie
Zeit sich zu berathen.

Die lteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehrig
gemischter Zauberkruter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus
mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jngling zu
essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Knigssohn hatte in der
Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vgeln lebte
und die einem jeden derselben eigene Sprache verstnde. Als er am Morgen
seinen Traum den Jungfrauen erzhle, sagte die lteste Schwester: Zur
guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr
den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden
wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen
buck und zu essen gab, war mit Zauberkrutern gefllt, welche euch in
den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vgel unter
einander reden. In diesen Mnnlein im Federkleide steckt viel verborgene
Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, dehalb gebt scharf Acht, was
die Vgelschnbel verknden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorber ist,
so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen
Kerker am Rocken sitzen.

Der Knigssohn dankte den Mdchen fr ihre gute Gesinnung und versprach,
sie spter aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es fr ein Lsegeld
oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rckreise an. Die
Mdchen freuten sich, als sie sahen, da ihnen der Faden nicht gerissen
und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie
heim kam, ihnen nichts vorwerfen.

Um so spahafter ging die Sache mit dem Knigssohne, der im Walde wie
mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das
Gezwitscher der Vgel ganz verstndlich wie Worte an sein Ohr schlugen.
Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch
unbekannt bleibt, da er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was
das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht
fassen; es wurde ber vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert,
aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er pltzlich
auf einem hohen Fhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren
Unterhaltung auf ihn gemnzt war.

Die Dummheit der Menschen ist gro, sagte die Drossel. Sie wissen
auch die geringfgigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben
der Brcke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind
schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorbergehenden ihre Noth, aber
Niemand kommt sie zu erlsen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger
Brutigam ber die Brcke, und hrte den sehnschtigen Gesang der
Jungfrau, war aber auch nicht klger als die Andern. Die Elster
erwiederte: Und gleichwohl mu das Mdchen um seinetwillen von der
Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine grere Weisheit zu Theil
wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt
das Mdchen ewig ein Blmlein. Des Mdchens Befreiung wrde eine
Kleinigkeit sein, sagte die Drossel, wenn die Sache dem alten Zauberer
von Finnland grndlich dargelegt wrde. Er knnte die Jungfrau leicht
aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.

Dieses Gesprch machte den Jngling nachdenklich; indem er weiter ritt,
ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernhme, den er nach
Finnland schicken knnte. Da hrte er ber seinem Haupte, wie eine
Schwalbe zur andern sagte: Komm, la uns nach Finnland ziehen, dort ist
besser nisten als hier!

Haltet, Freunde! rief der Knigssohn in der Vogelsprache. Bringt dem
alten Zauberer in Finnland tausend Gre von mir und bittet ihn um
Bescheid, wie es wohl mglich wre, eine in eine Teichrose verwandelte
Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen. Die Schwalben
versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.

Als er an's Ufer des Flusses kam, lie er sein Pferd verschnaufen und
blieb auf der Brcke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich
wieder hren lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts
zu hren, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes.
Unmuthig setzte sich der Jngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte
aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.

Eine Woche spter sa er eines Tages im Garten, und dachte, die
Schwalben mten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein groer
Adler hoch in den Lften ber seinem Haupte kreiste. Allmhlich stieg
der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast
in der Nhe des Knigssohnes niederlie. Der alte Zauberer in
Finnland, so lie der Adler sich vernehmen, sendet euch viele Gre,
und bittet es ihm nicht zu verbeln, da er nicht frher Antwort
ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um
die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlsen, ist nur dies nthig:
Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch
den Krper ber und ber mit Schlamm ein, so da kein weier Fleck
bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: Aus
dem Mann ein Krebs! Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in
die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befrchten. Drngt
euch dreist unter die Wurzeln des Teichrschens, und lset sie von
Schlamm und Schilf, so da sie nirgends mehr fest sitzen. Hngt euch
dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das
Wasser sammt dem Blmchen auf die Oberflche heben. Dann treibet mit dem
Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit
bebltterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche
steht ein Stein von der Hhe einer kleinen Badstube. Beim Steine mt
ihr die Worte ausstoen: Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs
der Mann! In demselben Augenblick wird es so geschehen. Als der Adler
geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jngling sah ihm
eine Weile nach und wute nicht, was er davon halten sollte.

Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm ber eine Woche; er hatte weder
Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen.
Da hrte er eines Tages aus dem Munde einer Krhe: Was zgerst du, der
Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen
Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen.
Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthrnen der
Jungfrau. Die Rede der Krhe machte dem Jnglinge Muth; er dachte:
Greres Unglck kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter
ist der Tod als unaufhrliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und
ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brcke kam,
hrte er den Gesang:

    Durch der Mutter Fluch beschworen
    Mu ich hier im Schlummer liegen,
    Mu das junge Kind verwelken,
    In der Wellen Schoos hinsiechen.
    Feucht und kalt das tiefe Bette
    Decket jetzt die zarte Jungfrau.

Der Knigssohn legte seinem Pferde die Fufessel an, damit es sich nicht
zu weit von der Brcke entfernen knnte, warf die Kleider ab, schmierte
den Krper ber und ber mit Schlamm, so da nirgends ein weier Fleck
blieb, fate sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem
Rufe: Aus dem Mann ein Krebs! Einen Augenblick zischte das Wasser auf,
dann war Alles wieder still wie zuvor.

Das in einen Krebs verwandelte Mnnlein begann die Wurzeln der Teichrose
aus dem Flubette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die
Wrzelchen saen im Schlamm und Schilf fest, so da der Krebs sieben
Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die
Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmnnlein seine Scheeren in ein
Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blmchen auf
die Oberflche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und
Teichrose nur allmhlich vorwrts, und wiewohl Bume und Struche genug
am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem groen
Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit
seinem Laube und den rothen Beerenbscheln, und etwas weiterhin stand
auch der Fels, der die Hhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stie
das Krebsmnnlein die Worte aus: Aus der Teichrose die Jungfrau, aus
dem Krebse der Mann! -- Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei
Menschenhupter, ein mnnliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie
an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.

Die verschmte Jungfrau bat nun: Lieber Jngling, ich habe keine
Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen. -- Der
Jngling bat dagegen: Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache
so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume
berget. Dann eile ich zur Brcke, wo ich mein Pferd und meine Kleider
lie, als ich in den Flu sprang. Die Jungfrau hatte sich unter der
Eberesche verborgen, und der Jngling eilte zur Brcke, wo er Kleider
und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das
Andere. Da sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wute er
nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers
gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prchtige mit sechs
Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles
Nthige, sowohl fr sich, wie fr die aus dem Wasserkerker erlste
Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche
angekommen. Den Diener behielt der Knigssohn fr sich, das Mdchen
schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes
Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging ber eine Stunde, da kam
die hochzeitlich geschmckte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo
der Knigssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prchtig als Brutigam
gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs
zur Stadt und vor die Kirchenthr. Der Knig und die Knigin saen in
Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten ber den theuren
verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und
Kleider am Ufer gefunden hatte. Gro war der Eltern Freude, als der fr
todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schnen Jungfrau vor sie
trat, beide in Prunkgewndern. Der Knig fhrte sie selbst zum Altar und
sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in
Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.

Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch
scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu flieen als die Stunden
der Trbsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann
kam Frost und Schnee, so da das junge Paar nicht viel Lust hatte, den
Fu aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frhling wiederkehrte und neue
Freuden brachte, ging der Knigssohn mit seiner jungen Gattin im Garten
spazieren. Da hrten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab
rief: O du undankbares Geschpf, das in den Tagen des Glcks seine
hlfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen
ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der
Mdchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus
fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Snden sind gro, sie verdient
keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wre fr sie das beste
Gericht; sonst wrde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem
Hexenknuel verfolgen.

Jetzt fiel es dem Knigssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin,
wie er zur Waldhtte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen,
dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie
aus ihrer Gefangenschaft zu erlsen. Die Gattin bat mit Thrnen in den
Augen, den Schwestern zu Hlfe zu eilen. Als sie den andern Morgen
erwachte, sagte sie: Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte
Mutter war von Hause gegangen und hatte die Tchter allein gelassen;
jetzt wre gewi die rechte Zeit ihnen zu Hlfe zu kommen.

Der Knigssohn lie sofort eine Kriegerschaar sich rsten und zog mit
ihnen zur Waldhtte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mdchen
waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit
Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl
gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus fr die Alte ein
Gericht zu kochen, so da, wenn sie nach Hause kme und sich daran satt
e, ihr die Lust am Essen fr immer verginge. Sie blieben zur Nacht in
der Waldhtte und machten sich am andern Morgen in der Frhe mit den
Mdchen auf den Weg, so da sie Abends die Stadt erreichten. Der
Schwestern Freude war gro, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder
vereinigt fanden.

Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit
groer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann
in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling
hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Knigssohn eine
Woche spter einen zuverlssigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache
anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden
funfzig Fuder Goldgarn aufgehuft gefunden, welche unter die Schwestern
vertheilt wurden. Als der Schatz weggefhrt war, lie der Hauptmann den
Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm
zum Rauchloch[9] heraus, als eine groe Katze mit glhenden Augen vom
Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der
Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vgelchen gab von einem
Baumwipfel herab die Weisung: Heftet der Katze eine Falle an den
Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen! Die Mnner thaten es.

Peinigt mich nicht, ihr Mnner! bat nun die Katze. Ich bin ein Mensch
wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt
bin. Es war der Lohn fr meine Schlechtigkeit, da ich in eine Katze
verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Knigsschlosse
Haushlterin, und die Alte war der Knigin erste Kammerjungfer. Von
Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des
Knigs drei Tchter und auerdem einen groen Schatz zu stehlen und dann
zu entfliehen. Nachdem wir allmhlich alle goldenen Gerthe bei Seite
geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen
wir die Kinder, deren ltestes drei Jahre, das jngste sechs Monate alt
war. Die Alte frchtete dann, da ich bereuen und anderen Sinnes werden
mchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in
ihrer Todesstunde die Zunge gelst, aber die frhere Gestalt habe ich
nicht wieder erhalten. Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze
ausgesprochen hatte: Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die
Alte! und lie sie in's Feuer werfen.

Die beiden Knigstchter aber bekamen bald, wie ihre jngste Schwester,
Knigsshne zu Mnnern, und das von ihnen in der Waldhtte gesponnene
Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern
blieben unbekannt. Man erzhlt sich, da das alte Weib noch manches
Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die
Stelle angeben.

[Funote 1: Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetchter der
Hlle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen
mssen, s. _Kalewipog_ (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) =XIII.= 521 ff.
=XIV.= 470 ff. L.]

[Funote 2: Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in
vorchristlicher Zeit fr heilig. Im _Kalewipog_, Gesang =XIII=, V. 423
kocht der Hllenkessel am Donnerstag strkende Zauberspeise. Nach
_Ruwurm_, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten
die Unterirdischen (vgl. Mrchen 17), was am Sonnabend oder am
Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_,
der Ehsten aberglubische Gebruche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104.
Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an
den germanischen Thor anschliet, so ist aus der jetzigen ehstnischen
Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor
getilgt; der Donnerstag heit ehstnisch einfach =nelja-pew=, d. i. der
vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte
oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frdag,
Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.]

[Funote 3: Der Sinn ist: Sie durften nicht fr sich arbeiten, um den
Kasten zu fllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke
vertheilt. Vgl. _Boecler_, der Ehsten abergl. Gebruche, ed. _Kreutzwald_,
=p.= 37. _Neus_, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.]

[Funote 4: Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-_Sohn_ (=Kalewipog=), dem
Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heit dieser
Tll od. Tllus. Vgl. _Ruwurm_, Eibofolke oder die Schweden an den Ksten
Ehstland's und auf Run. Reval 1855. Th. 2, S. 273. _Neus_ in den
Beitrgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866.
Bd. =I=, Heft =I=, =p.= 111. L.]

[Funote 5: wrtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich
Schielauge genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.]

[Funote 6: Vgl. die folgende Anm. und die Nota S. 25 zu 2. die im
Mondschein badenden Jungfrauen. L.]

[Funote 7: Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und
gnstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einflu zu. Die
unaufhrlichen Windstrmungen, welche an dem ehstnischen Kstenstrich
ihr Spiel treiben und von der grten Bedeutung fr das Naturleben sind,
erklren dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht von
Gott, sondern vom Winde gekommen und soll auch wieder (homopathisch)
durch den Wind vertrieben werden. Vergl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, ehstn.
Aberglaube, S. 105 ff. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der
Ehsten, S. 13. L.]

[Funote 8: Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen
Mythologie der ber alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwrdiger
Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird,
characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im
ehstnischen Epos vom _Kalewi-Pog_ Ges. =XVI.=, V. 72 ist von Ahti's Sohn
und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.]

[Funote 9: Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches).
L.]




2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen.


Es lebte einmal ein Jngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich
abmhte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die andern Leuten
unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime
Weisheit genugsam erlernt hatte, hrte er zufllig, da unter der Decke
der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu
schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche
Heimlichkeiten der Nacht zu ergrnden, und mochte sich nicht eher
zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wre. Wohl
ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum andern, und lag ihnen an,
ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schrfen, aber keiner konnte helfen.
Da kam er durch einen glcklichen Zufall endlich mit einem
Mana-Zauberer[10] aus Finnland zusammen, der ber diese verborgenen
Dinge Auskunft zu geben wute. Als er diesem seinen Wunsch kund gethan
hatte, sagte der Zauberer warnend: Shnlein! jage nicht allerlei leerer
Weisheit nach, welche dir kein Glck bringen kann, wohl aber Unglck.
Manches ist den Augen der Menschen verhllt, weil es dem Frieden des
Herzens ein Ende machen mte, wenn es erkannt wrde. Wer alle geheimen
Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die
Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du spter bereuest.
--Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein
Unglck wnschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der
Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mut mehr als
Mannesmuth haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.
Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm
die, zum Glck nahe bevorstehende Nacht,[11] wo der Schlangenknig immer
nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammenkommt, um ein groes
Festgelage zu halten. Der Schlangenknig hat ein Goldschsselchen mit
Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stckchen Brot
in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu
stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles
Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne da die
Menschen Kunde davon haben. Als einen glcklichen Zufall kannst du es
ansehen, da des Schlangenknigs Fest gerade in dieses Jahr fllt, sonst
httest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten mssen. Sei
aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief. -- Der
Jngling dankte fr diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz,
derselben nachzukommen, und mte er auch dabei sein Leben einben. Als
nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein
groes Moor, wo der Schlangenknig mit seinen Unterthanen zusammenkommen
sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jngling seine Augen nach
allen Seiten scharf umhergehen lie, so sah er doch im Mondenschein
nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhgel, die unbeweglich da lagen.
Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein,
als pltzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa
wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhgel schimmerte. In
demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglnzte, fingen smmtliche
Rasenhgelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben
kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den
Feuerschein zu -- und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die
vermeintlichen Hgelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger
Schlangen gewesen, die hier ihren Knig erwartet hatten. Als nun
smmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glnzte,
versammelt und sich dort zu _einem_ Haufen zusammengeknult hatten, war
dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf
der Spitze desselben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und
Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so gro, da der Jngling vor
Furcht keinen Schritt nher zu treten wagte, sondern lange von weitem
stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmhlich aber fate er sich
ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen
vorwrts. Was er da sah, war grulicher als grulich, und ging ber alle
Begriffe. Tausende von Schlangen, gro und klein, von allen Farben,
waren hier wie in einem Traubenbndel um eine groe Schlange gelagert,
deren Krper die Dicke eines tchtigen Balkens zu haben schien, und die
auf dem Kopfe eine prchtige goldene Krone[12] trug, von welcher jener
Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhuptern, die aus
dem Haufen hervorragten, zngelten und zischten wie bse Gnse und
machten ein so arges Gerusch, da es zum Taubwerden war. Der Jngling
hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo
jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber pltzlich das
Goldschsselchen, von dem er gehrt hatte, vor dem Schlangenknig
erblickte und an den daran geknpften Gewinn dachte, durfte er nicht
lnger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im
Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn
vorwrts. -- O was fr ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem
Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Kpfe sperrten die Muler weit
auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glck konnten sie ihre
Leiber nicht so schnell aus dem Knuel los wickeln. Der Jngling hatte
mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschsselchen getunkt,
ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer
hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer,
darum lie er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war,
als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wren und er stets das
Gerusch derselben zu hren glaubte. Endlich stockte ihm der Athem und
seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewutsein auf den Rasen und blieb
starr wie ein Todter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber
schreckliche Traumbilder lieen die Gefahr noch viel grer erscheinen.
So trumte ihm, als wre der Schlangenknig mit der funkelnden Goldkrone
auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang
er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, da der Strahl
der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er ri die Augen weit auf, sah
aber nirgends die nchtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so groer
Gefahr gewesen, mute zum mindesten eine Meile weit entfernt sein.
Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gesthlt, da er so
weit hatte laufen knnen. Als er dann seine Gliedmaen prfte, fand er
sie unversehrt; und nun war seine Freude gro, da er mit heiler Haut
davon gekommen war.

Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermdung der
vergangenen Nacht aus, dann beschlo er, noch in dieser Nacht in den
Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm
nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden wrden. Im Walde sah er
alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewi
nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene,
rthlich schimmernde Badebnke, silberne Quste und silberne Eimer
fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche htten
baden wollen. Der Vollmond glnzte und gab so viel Licht, da der Mann
Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hrte er ein Gerusch im
Laube, als ob ein Wind sich erhoben htte, dann kamen von allen Seiten
nackte Jungfrauen, viel schner und stattlicher anzuschauen, als sie
irgendwo in unsern Drfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und
der Rasenmutter[13] Tchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem
Gebsch sphende Jngling htte sich diese Nacht hundert Augen
gewnscht, denn seine zwei konnten all' die Schnheit nicht erschauen.
Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende
Badegerste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wren sie in
Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst
ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag lnger als
ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht hereinbrachen, wo er hoffte, der im
Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch
endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand
er nichts mehr, weder Badegerst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht
mde, Nacht fr Nacht hinzugehen, aber jeder Gang war vergeblich. Jetzt
nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm htte
Freude machen knnen; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern
verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewi ist es fr den Menschen ein Glck,
wenn er dergleichen Geheimnisse nimmer schaut.

[Funote 10: Mana ist in der finnischen Mythologie gleich Hades-Pluto;
er wird als ein alter Mann mit drei Fingern und einem auf die Schulter
herabhngenden Hute geschildert. In einer ehstnischen Gebetsformel aus
dem Heidenthum ist von Manas wahrem Bekenntnisse die Rede. S.
_Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 8. Die
Mana-Zauberer kommen auch im _Kalewipog_ vor: =XVI=, 284. Der Kalewsohn
nimmt sie mit, als er auf seinem Schiffe Lennok das Weltende aufsuchen
will. -- Der Mana-Zauberer ist der strkste, und strker als Spruch- und
Wind-Zauberer -- nur durch den Manazauber gelingt es dem Entfhrer der
Linda, das Schwert von der Seite des Kalewsohnes hinwegzulocken.
_Kalewipog_, =XI=, 334. Mana's Hand hlt den nach dem Tode zum
Hllenwchter bestellten, auf weiem Ro sitzenden Kalewsohn fest, so
da dieser seine im Felsen steckende Rechte nicht losreien und davon
reiten kann. S. den Schlu des Kalewipog. -- Die Mana-Zauberer heien
ehstnisch =Mana targad=; das Wort =tark=, pl. =targad=, bedeutet eigentlich
den Klugen, Weisen und zugleich den Heil-und Zauberkundigen. L.]

[Funote 11: Nach dem estnischen Volksglauben findet immer in der Nacht
des 25. April (des St. Markustages) ein allgemeiner Schlangenconvent
statt: als die Localitt wird der =sirtsosoo= (Heimchenmoor) westlich vom
Peipussee genannt. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Mythische u. mag. Lieder der
Ehsten, S. 77. L.]

[Funote 12: Diese Krone ist von den unterirdischen Zwergen
geschmiedet. S. die Anm. zu Mrchen 17. L.]

[Funote 13: S. die betreffende Nota zu dem Mrchen 8 vom Schlaukopf.
L.]




3. Schnellfu, Flinkhand und Scharfauge.


Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es
mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich
gesegnet, so da sie in den Augen der Menschen als glcklich galten.
Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren
kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon ber zehn Jahre dauerte.

Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die
Frau allein im Zimmer sa, da ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie
berfiel. Da sind doch die Nachbarweiber viel glcklicher als ich,
dachte die Frau. Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu
vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch
nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein
nenne, wie ein verdorrter Baumstamm mu ich allein im leeren Gemache
hausen. Whrend sie so dachte, traten ihr die Thrnen in die Augen, und
ich wei nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen
hatte, ohne zu bemerken, da ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten
war. Pltzlich fhlte sie, da etwas ihre Fuknchel kitzele und meinte,
es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie
einen zierlichen Zwerg zu ihren Fen. Ach! rief sie erschreckt und
wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hnde hielten sie
fest wie mit eisernen Zangen, so da sie nicht von der Stelle konnte.
Erschrick nicht, liebes junges Weib! sagte der Zwerg freundlich --
da ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu
stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so trge
hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurck.
Liebes junges Weib. -- Die Frau unterbrach ihn unwillig: Spotte nur
nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon ber
zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frhere bessere
Zeit.[14] Was thut's, erwiederte der Zwerg, Wenn die Frau noch
keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie
du, dann ist sie immer noch junges Weib, und du hast ja bis jetzt
keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen. Ja,
sagte die Frau, das ist es eben, was mich oft so bekmmert, da mein
Mann mich schon lngst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie
einen drren Stamm, der keine Zweige mehr treibt. Der Zwerg aber sagte
trstend: Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und
ehe du ein Jahr lter geworden bist, werden deinem Stamm, den du fr
vertrocknet hltst, drei Zweige entsprieen und den Eltern zur Freude
aufwachsen. Du mut nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen
werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mut du ihm drei Eier
von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann
schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile
dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette
schlpfst. Wenn die Zeit da ist, da meine Worte in Erfllung gehen, so
komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein
Geheimni. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und:
Mutter! sage. Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als
wre er in die Erde gesunken. Das junge Weib -- ihr war der Name
krnkend -- rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit
kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei.
Wonach der Mensch sich sehnt, das hlt er meist fr wahr, und so war es
auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht
mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott
die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu
essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war.

Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und
Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten,
binnen welcher sich ihr Verlangen erfllen sollte. Zur rechten Zeit kam
die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben,
schn und gesund. Als die Wchnerin schon wieder in der Genesung und der
Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgste und Gevattern
zusammen zu bitten, kam der glckbringende Zwerg, die Wchnerin zu
besuchen. Guten Tag, Goldmutter! rief der Zwerg in's Zimmer tretend.
Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfllt
hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, da meine
Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter
glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Shne werden weltberhmte
Mnner werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode.
Zeige mir doch deine Bbchen! Mit diesen Worten war er wie eine Katze
auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knulchen rothen Garns aus
der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fuknchel,
dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten ber die
Augenlieder um die Schlfen herum. Diese Fden, so lautete des Zwerges
Vorschrift, mut du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder
zur Taufe gefhrt werden; dann verbrenne die Fden, sammle die Asche in
einem kleinen Lffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht
werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser strkenden
Aschenmilch mut du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gieen,
ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark
werden, wo der Faden haftete, der eine an den Fen, der andere an den
Hnden und der dritte an den Augen, so da ihres Gleichen nicht sein
wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glcksgabe Ehre
und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so
knnen sie Dinge ausrichten, die man nicht fr mglich halten wrde,
wenn man sie nicht vor Augen she. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen,
aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn
deine Knblein zu Mnnern herangewachsen sind und dir Freude machen
werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge
Mutter! -- Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal,
pltzlich verschwunden.

Die Wchnerin that sorgfltig Alles, was ihr in Betreff der Kinder
vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fden zu
Asche, lie, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden,
Milch aus ihrer Brust auf die Asche flieen und go von dieser
Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die
Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst
jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge
begegnet waren.

Die Kinder wuchsen alle drei blhend heran und gaben, als sie fest auf
ihren Fen standen, Proben groer Klugheit. Doch zeigte sich schon von
frh auf, da bei jedem die durch den Wunderfaden gekrftigten Glieder
am tchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hnde
und bei'm dritten die Fe. Dehalb nannten die Eltern sie spter je
nach ihrer Hauptstrke, den ersten _Scharfauge_, den zweiten _Flinkhand_ und
den dritten _Schnellfu_. Als nach einigen Jahren die Brder in's
Jnglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit
ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Strke und
Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte
jeder der Brder fr sich allein den Weg zum Glcke antreten, der eine
gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei
Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurckkommen und
melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.

_Schnellfu_ nahm den Weg gen Morgen, von ihm mssen wir nun zuerst
erzhlen. Da er mit seinen mchtigen Schritten viel rascher vorwrts
kam als seine Brder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen
einem Manne unter den Fen schwinden, ohne da diese ermden, da wird
ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung
machen, da flinke Beine wohl berall einen Menschen aus einer Gefahr
befreien knnen, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn
Hnde sind aller Orten nthiger als Fe. _Schnellfu_ fand erst nach
geraumer Zeit bei einem Knige in Ostland einen festen Dienst. Der Knig
besa groe Roherden, unter denen viele sttische Renner waren, die
kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Ro. Aber mit _Schnellfu_
konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das
Ro. Was frher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten,
das besorgte er ganz allein und lie nie ein Pferd von der Herde
wegkommen. Darum zahlte ihm der Knig unweigerlich den Lohn von funfzig
Hirten, und machte ihm auerdem noch Geschenke. Die flchtigen Schritte
des neuen Rohirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum
Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag ber
gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht mde, sondern konnte
am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah
oft, da die Rosse, bei heiem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen
Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber
dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der
Knig ein groes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Frsten
geladen waren. Whrend des Festes hatte der Knig seinen Gsten viel von
seinem schnellfigen Rohirten erzhlt, so da alle den Wundermann zu
sehen begehrten. Manche meinten, es drfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn
die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewhnten Rosse sich
einfangen lieen; das allerstrrigste Pferd hre auf des Herrn Wort und
komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden
Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die
Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da lieen einige
fremde Herren die bestgeftterten und feurigsten Rosse aus ihren Stllen
herfhren und dann ins Freie treiben, auf da _Schnellfu_ sie einfange.
Das war dem Hirten mit den beflgelten Fen eine Kleinigkeit, denn auch
ein gestandennes, wohlgenhrtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die
Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag
sich zu rhren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfigkeit
des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Mnzen,
versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch'
ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name
_Schnellfu_ berhmt geworden, und wenn irgend ein Knig einmal einen
schnellen Boten brauchte, so wurde _Schnellfu_ gemiethet, der dann
reichen Lohn und auerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein
anderes Mal wieder willig finden liee. Als er nach drei Jahren sich
aufmachte um in die Heimath zurckzukehren, hatte er soviel Geld und
Schtze gesammelt, da er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche
ihm der Knig geschenkt hatte.

Der zweite Bruder, _Flinkhand_, der gen Mittag gezogen war, fand aller
Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein
anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl
er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so
gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war
Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder
was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden,
dem er nicht zum Gesellen getaugt htte. Einmal war er bei einem
Schneidermeister auf Stcklohn in Arbeit und nhte in einem Tage zwanzig
Paar Hosen, ein anderes Mal machte er fr einen Schuster in eben der
Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so
vollkommen, da, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von
derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte.
_Flinkhand_ htte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden knnen, wenn
er irgendwo lngere Zeit htte aushalten knnen, allein er sehnte sich
darnach, die weite Welt zu sehen und streifte dehalb gewhnlich von
einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Knigsstadt, wo er
Alles in groer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind
ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fu- und
Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich berall Meister und
Gesellen von frh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar
Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen
Zeit nicht soviel anfertigen, wie der Knig wollte. Zwar wurde nah und
fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war
so viel, da all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.

Eines Tages nun trat _Flinkhand_ in des Knigs Schlo und wnschte den
Knig zu sprechen. Dann sagte er: Geehrter Knig! ich hre von den
Leuten, da ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister
Meister und kann vielleicht die Arbeiten bernehmen, wenn wir Handels
einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein
mssen. Als der Knig die Frist genannt hatte, sagte _Flinkhand_: Lasset
alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem
genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden knnen, wenn das nicht der
Fall ist, so bernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir
allein zu zahlen. -- Das wre schon recht, erwiederte der Knig,
wenn ihr so viele Gesellen bekommen knntet, aber das ist ja eben, was
unsern stdtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter. --
Das sei meine Sorge, erwiederte _Flinkhand_. Den andern Tag wurden alle
Meister der Stadt in das Schlo gerufen und gefragt, wann Jeder mit
seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fnf
Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. Nun, sagte _Flinkhand_ zum
Knige, wenn ihr mir fr drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so
will ich allein all' die Arbeit bernehmen, mit der die Andern wohl erst
in einem halben Jahre zu Stande kmen. Das schien inde dem Knige so
wunderbar und so unglaublich, da er besorgte, man wolle ihm einen
Possen spielen und dehalb fragte: Was fr eine Brgschaft kannst du
mir geben, da du deine Versprechungen erfllen wirst? _Flinkhand_
erwiederte: Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten
knnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande
wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht
die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine
Probearbeit bringen. Das war der Knig zufrieden. Die Gesellen aber
meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhlt, so mu er uns
auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als
der Knig am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr
zufrieden damit, und obwohl alle brigen Meister vor Neid bersten
wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich
_Flinkhand_ wie ein Mann an's Werk. War ihm auch frher schon alle Arbeit
von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von frh
bis spt entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit,
um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu
ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf fr die
Soldaten fertig und dem Knige abgeliefert. Der Knig zahlte den fr
drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fgte fast eben soviel noch
als Geschenk hinzu. Dann sagte er: Lieber kluger Meister! ich mchte
mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere
gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen
wei, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.
_Flinkhand_ erwiederte: Vielleicht verhlt sich die Sache so, wie ihr,
geehrter Knig, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich
lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur
unblutige Arbeit gethan. Ueberdie rckt auch die Zeit heran, wo die
Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht bel, wenn ich eurem
Verlangen diesmal nicht entsprechen kann. So schied er von der
Knigsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er
hatte noch ber ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von
einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo lnger aufhielt, so
arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein
angesammeltes Vermgen nicht angreifen.

Der dritte Bruder, _Scharfauge_, der seinen Weg gen Abend genommen hatte,
schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und
lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schtze konnte er zwar
allenthalben soviel erwerben, um seinen tglichen Unterhalt zu
bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu
bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine groe Stadt
gerathen, wo man nur von dem Unglck sprach, das den Knig schon drei
Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu
verhten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der Knig hatte in
seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber
goldene Aepfel trug, von denen manche so gro waren wie ein groes
Knuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es lt sich
denken, da ein solches Obst nicht ungezhlt blieb, und da Nacht und
Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhten. Trotzdem
war schon drei Nchte hintereinander immer einer der greren Aepfel
gestohlen worden; man schtzte den Werth eines solchen auf sechstausend
Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur
gefunden. _Scharfauge_ dachte sich gleich, da hier eine ganz besondere
List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen
knnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht krperlos und unsichtbar zum
Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat
dehalb den Knig um die Erlaubni, sich in den Garten begeben zu
drfen, um ohne Vorwissen der Wchter seine Beobachtungen anzustellen.
Als er die Erlaubni erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines
hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck
zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, whrend sein scharfes Auge
berall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. -- Brotsack
und Milchfchen nahm er mit sich, damit er nicht genthigt wre seinen
Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Lnge zge. Den
Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun
unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so
dichte Kreise geschlossen, da kein Muslein unbemerkt htte
durchschlpfen knnen. Wenn der Dieb nicht etwa Flgel hatte, auf dem
Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag ber bemerkte
Scharfauge nichts, was einem Diebe hnlich gesehen htte. Bei
Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den
Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederlie,
an welchem gerade ein sehr schner Apfel hing. Da ein kleiner
Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte,
begreift Jeder so gut wie _Scharfauge_, allein da dieser nichts Greres
gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling.
Die Sonne war lngst untergegangen und auch die Abendrthe verschwand
allmhlich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten
Laternen gaben so viel Licht, da man Alles sehen konnte. Der gelbe
Schmetterling sa immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um
Mitternacht sein, als dem Wchter auf dem Baume die Augen ein wenig
zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wute er nicht, als aber
seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, da der gelbe
Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige sa, -- noch mehr erschrak er,
als er entdeckte, da auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige
verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu
zweifeln, allein wenn der geheime Wchter die Sache erzhlt htte, so
wrden die Leute ihn fr verrckt gehalten haben, denn soviel konnte ein
Kind einsehen, da ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel
weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder groen Lrm, als man fand, da
ein Apfel fehle, ohne da einer der Wchter eine Spur vom Diebe gesehen
htte. Da trat _Scharfauge_ abermals vor den Knig und sagte: Ich habe
zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in
der Stadt oder in der Nhe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so
weiset mich zu ihm, mit seiner Hlfe hoffe ich knftige Nacht des Diebes
habhaft zu werden. Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden
sei, ging er unverzglich zu ihm. Die Mnner rathschlagten dann, wie sie
die Sache wohl am besten anfangen knnten. Nach einiger Zeit rief
_Scharfauge_ Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem
Spinngewebe solche Festigkeit geben, da die Fden auch das strkste
Geschpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so da er uns
nicht wieder entrinnt. Der Zauberer sagte, das sei mglich; nahm drei
groe Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, da kein
Geschpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein
Schchtelchen und gab sie dem _Scharfauge_. Setze diese Spinnen, wohin du
willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen
sollen, so spinnen sie alsbald einen Kfig um den Gefangenen, aus
welchem nur Mana's[15] Weisheit erlsen kann; brigens eile ich dir zu
Hlfe, wenn es dessen bedarf.

_Scharfauge_ schlpfte mit dem Schchtelchen im Busen wieder auf seinen
Baum, um den Verlauf der Sache zu berwachen. Zu derselben Zeit wie
gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben,
aber es dauerte heute viel lnger als gestern, ehe sich der
Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein groer Goldapfel
hing. Sofort lie sich Scharfauge von seinem Baume herunter, nherte
sich dem Goldapfelbaum, lie eine Leiter anlegen, kletterte sachte
hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine
kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen ber
dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner
Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in
die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser sa mit
aufgerichteten Flgeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der
Wchter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner
Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten
ein Gehege machten, aus welchem das Mnnlein nicht hoffen durfte zu
entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerhmt hatte,
sich bewhren wrde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor
dem Einschlummern zu hten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die
Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wute er nicht, aber
ein groer Lrm hatte ihn pltzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er
wahr, da die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum
liefen und tobten; auf dem Baume aber sa ein alter graubrtiger Mann,
einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg
_Scharfauge_ von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum
erreicht hatte, war auch schon der Knig da, der bei dem Lrm der Wachen
aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich
Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da sa nun der Dieb im Eisenkfig
und konnte nirgends hin Geehrter Knig, sagte dann _Scharfauge_: jetzt
knnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen,
der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wre er auch noch so stark, so kann er
doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Kfigs nicht
zerreien. Der Knig dankte und befahl dem Haupthaufen der
Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so da nur noch einige unter
dem Baume auf Wache blieben; _Scharfauge_, der zwei Nchte und zwei Tage
gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.

Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Knigs Schlo. Der
Zauberer war froh, als er den Dieb im Kfig fand und wollte ihn auch
nicht eher herauslassen, als bis das Mnnlein seine wahre Gestalt
gezeigt haben wrde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter
dem Kinne ab, lie Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O
der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkfig jetzt auszustehen
hatte![16] Er schrie jmmerlich und berschlug sich vor Schmerz, aber
der Zauberer lie nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb
mrber zu machen. Dann rief er: Bekenne, wer du bist? Das Mnnlein
antwortete: Ich bin des Hexenmeisters _Piirisilla_ Knecht, den sein Herr
ausgeschickt hat zu stehlen. Der Zauberer begann wieder die Barthaare
zu sengen. Au, au! schrie der Hexenmeister, lat mir Zeit, ich will
bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.
Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: Ich bin
der Hexenmeister Piirisilla selbst. Zeige uns deine natrliche
Gestalt -- oder ich senge wiederum, befahl der mchtige Zauberer. Da
begann das Mnnlein im Kfig sich zu strecken und auszudehnen, und war
in wenig Augenblicken zu einem gewhnlichen Manne angewachsen, der die
Entwendung der Goldpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er
sammt dem Kfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das
Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber
_Scharfauge_ bat den Knig, den Dieb ja nicht aus dem Kfig zu lassen,
denn sonst knnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und
ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslcher angab, mute er noch
manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldpfel
herbeigeschafft waren, wurde der bse Dieb im Kfig verbrannt und seine
Asche in die Luft gestreut.

Als der Knig seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem _Scharfauge_ einen
sehr groen Lohn, so da er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine
beiden Brder. Der Knig htte ihn gern in seine Dienste genommen, aber
_Scharfauge_ sagte: Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern
mu nach Hause, um meine Eltern zu sehen. Darauf schenkte ihm der Knig
Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthmer nach Hause
brachten.

Als nun die Brder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden
sie sich so reich, da sie mehr als ein halbes Knigreich htten kaufen
knnen. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glckbringende Zwerg
das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren
Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Mae vorhanden, da die Shne
gewi nicht nthig gehabt htten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber
wo fnde man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe
zufrieden wre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die
Brder spter erfuhren, da eines beraus reichen Knigs Tochter im
Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders
schwierige Dinge ausfhren knnte, die bis dahin noch keinem mglich
gewesen waren -- beschlossen sie einmthig, die Sache zu versuchen. Es
waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu
versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lsen,
denen ihre Krfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es
ganz unmglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brder den
Entschlu gefat hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und
damit sie rascher vorwrts kmen, trug _Schnellfu_ die beiden Andern von
Zeit zu Zeit auf seinem Rcken weiter. Weil nun aber die Arbeit von
_einem_ Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei
zugleich vor den Knig treten. _Schnellfu_ wurde ausgesandt,
Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestcke, welche der knftige
Schwiegersohn des Knigs ausfhren sollte, waren folgende: Erstens
sollte er einen Tag mit einer groen Rennthierkuh auf die Weide gehen
und Sorge tragen, da ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe;
Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen.
Zweitens sollte er Abends das Schlothor verschlieen. Das dritte
Probestck erschien als das schwerste. Er sollte nmlich mit seinem
Bogen einen Apfel wegschieen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen
Berge im Munde hielt, ohne da der Mann Schaden nhme, und so, da der
Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen
wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausfhren knnen,
und zwar dehalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die
Rennthierkuh besa nmlich eine so wunderbare Schnelligkeit, da sie in
einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt
htte laufen knnen. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem
zweiten Probestck war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den
eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter
hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit hllischer Kraft
die Hand des Unglcklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis
die Hexe selber los lie. Das war aber noch nicht Alles -- in demselben
Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflgel an,
wie vom Winde geschttelt hin und her zu tanzen. So mute der an der
Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und
her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als
lebendig. Obendrein lachten der Knig und die Leute ber sein Unglck
und er mute mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern
so verrenkt, da sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte
Aufgabe konnte nur einem geschickten Schtzen gelingen, dessen Hand und
Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfu dies Alles erfahren
hatte, ging er nicht gleich zum Knige, sondern suchte erst seine Brder
wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Mnner
berathen hatten, fanden sie, da sie zu Dreien diese Dinge wohl zu
Stande bringen knnten, das Verdrieliche war nur, da sie in den Augen
des Knigs als Einer erscheinen muten, wenn sie den versprochenen
Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brder beschnitten also
ihre Brte auf gleiche Weise, so da keinem weder auf der Oberlippe noch
unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als
Shne einer Mutter und als Drillinge an Krperbildnug und Geberde wenig
verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht
herausfinden. Sie lieen sich dann einen gar prchtigen frstlichen
Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit
Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so da Alles glnzte und
schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie
sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die
Brder mit einem Eide, da nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen
des Knigs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brder auf
diese Weise allen knftigen Mihelligkeiten vorgebeugt hatten,
schmckten sie eines Tages _Schnellfu_ mit den prchtigen Kleidern und
schickten ihn zum Knige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide fhre.
Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste groe Stein hinweggewlzt,
der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.

_Schnellfu_ trat so stolz vor den Knig hin, als wre er ein geborener
Knigssohn, grte mit Anstand und bat um Erlaubni, das Probestck am
andern Morgen zu versuchen. Der Knig gab sie, fgte aber hinzu: Gut
wre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzget, denn unsere Rennthierkuh
luft unbekmmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da knntet ihr
die theuren Kleider verderben. _Schnellfu_ erwiederte: Wer eure Tochter
freien will, was macht sich der aus Kleidern? und ging dann zur Ruhe,
um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Knigs Tochter, die
heimlich durch eine Thrspalte nach dem stattlichen Manne gespht hatte,
sagte seufzend: Wenn ich doch dem Rennthier Fufesseln anlegen knnte,
ich thte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.

Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band _Schnellfu_ der
Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere
Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen knnte.
Als die Stallthr geffnet wurde, scho die Kuh wie der Wind davon, der
Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen
Schritt zurck. Der Knig und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten
ber die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch
Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen
knnen. Wiewohl _Schnellfu_ sobald keine Ermdung zu frchten hatte, so
hielt er es doch fr gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den
Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rcken des Thieres, hielt
sich am Halfter fest und lie sich weiter tragen. Es war noch frh am
Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, da von diesem Hirten nicht
loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden.
_Schnellfu_ sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen,
hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die
Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den
Schatten und fing an wiederzukuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch
einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen,
aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rcken der Kuh, so da er
seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr gro war das Erstaunen des
Knigs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die
strrige Rennthierkuh gleich dem frmmsten Lamme mit ihrem Hirten heim
kehrte. _Schnellfu_ fhrte sie in den Stall, verschlo die Thr und
speiste dann auf Einladung des Knigs an dessen Tafel. Nach dem
Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur
Ruhe gehen, um die Ermdung des Tages los zu werden.

Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brdern, die
seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte _Flinkhand_ die prchtigen
Kleider anziehen und zum Knige gehen, um das zweite Probestck
auszufhren. Der Knig, welcher ihn fr den Mann von gestern hielt,
lobte seine Hirtenarbeit und wnschte ihm Glck zu seiner heutigen
Aufgabe, nmlich am Abend die Pforte zu verschlieen. Des Knigs Tochter
hatte wieder durch die Thrspalte nach dem stattlichen Manne gespht
und sagte seufzend: Wenn ich knnte, ich schaffte die bse Hexe von der
Pforte fort, damit diesem theuren Jnglinge kein Leid geschhe, den ich
mir zum Gemahl wnsche.

_Flinkhand_, der genau wute, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt,
ging vom Knige gerades Wegs zum Schmied und lie sich eine starke
eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe
gegangen war, machte er Feuer an und lie darin die Eisenhand
rothglhend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn
seine Krperlnge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die
glhende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die
Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie
fr eine natrliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fhlte,
fing sie so an zu brllen, da alle Wnde bebten und viele Schlfer im
Schlo durch den Lrm aufgeweckt wurden. Aber _Flinkhand_ hatte in
demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der
Hexe geschtzt hatte, den Riegel vorgeschoben, so da die Pforte
verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der Knig am Morgen
aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch
verriegelt. Der Knig lobte die Geschicklichkeit des Jnglings, der
schon zwei schwierige Arbeiten ausgefhrt hatte und lud ihn zu Mittag zu
Gaste. _Flinkhand_ a sich an des Knigs Tafel satt und wute sich auch
angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubni bat, nach Hause zu
gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan,
auch noch mancherlei Vorbereitungen fr den kommenden Tag zu treffen
habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brder ihn lngst erwarteten und
wissen wollten, wie das Probestck abgelaufen wre. Da nun die starken
Brder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte,
wen endlich das Glck treffen wrde, Schwiegersohn des Knigs zu werden,
so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.

Am folgenden Morgen wurde _Scharfauge_ mit dem prchtigen kniglichen
Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestck auszufhren.
Nicht minder stolz und anmuthig wie die beiden andern Brder trat er vor
den Knig, und bat um die Erlaubni, das letzte Probestck zu
unternehmen. Der Knig sagte: Ich freue mich sehr, da es euch mglich
gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen
Tag noch Keiner ausfhren konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten
zusammenstrmten, um den Versuch zu machen. Dennoch frchte ich, da ihr
die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches
ihr treffen mt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Krper.
_Scharfauge_ erwiederte: Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf
nichts fr schwer achten, denn so groes Glck fllt Niemanden im
Schlafe zu. Darauf gab der Knig die Erlaubni, am folgenden Morgen das
Probestck zu unternehmen. Aber des Knigs Tochter, welche wiederum
durch die Thrspalte nach dem Jngling gespht hatte, seufzte mit
Thrnen in den Augen: Knnte ich etwas fr diesen Jngling thun, da er
morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gbe Hab' und Gut dafr --um
ihn zum Gemahl zu erhalten.

War schon das erste und zweite Mal eine groe Menge Volks von allen
Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die
Tausende gar nicht mehr zu zhlen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der
Apfeltrger, der in solcher Hhe nicht viel grer aussah als eine
Krhe, und ihm sollte _Scharfauge_ den Apfel vom Munde weg schieen, so
da der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache fr
mglich. Gleichwohl frchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im
Munde zu halten hatte, der Schtze knnte doch vielleicht in's Ziel
treffen, darum beschlo er in seinem mignstigen Sinne, dem Schtzen
die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er fate nicht, wie
vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zhnen am Stiele, sondern steckte
den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand
mache, auf den er zielen mu, desto weniger kann er sehen und treffen.
Aber fr _Scharfauge_ war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der
ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke,
schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten
durchgespalten, so da beide Hlften genau gleiche Gre hatten. Der
neidische Apfelhter hatte zugleich den verdienten Lohn fr seine
Bosheit erhalten, denn da _Scharfauge_ gerade auf die Mitte des Apfels
gezielt hatte, der Mann aber dessen grere Hlfte im Munde hielt, so
hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stck Fleisch mit
weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Knige zum Beweise
berreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein
solches Wunder hatte sich noch nicht begeben. Des Knigs Tochter vergo
Freudenthrnen, da ihres Herzens Wunsch in Erfllung gegangen war; der
Knig aber lud _Scharfauge_ ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort
seiner Tochter verloben knne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab
mit den Worten: Vergnnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu
erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben! Er wollte sich
nmlich keines Fehls gegen seine Brder schuldig machen, welche gleich
ihm ihren Theil der Arbeit gethan htten: das Loos mute entscheiden,
welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte.

Als Scharfauge zu seinen Brdern kam, erzhlte er ihnen den Hergang, und
sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Loos
warfen. Nach Gottes Fgung brachte das Loos dem _Scharfauge_ Glck; er
sollte nun des Knigs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die
Brder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstuude, _Scharfauge_
begab sich in die Knigsstadt, _Schnellfu_ und _Flinkhand_ machten sich in
die Heimath zu ihren Eltern auf.

Nach ihrer Rckkehr kauften die beiden reichen Brder sich viele Gter
und Lndereien, so da ihr Gebiet bald einem kleinen Knigreiche glich.
_Scharfauge_ hatte Alles seinen Eltern und Brdern geschenkt, da er, als
Schwiegersohn des Knigs, seines eigenen Vermgens nicht mehr bedurfte.
Die Eltern freuten sich ber das Glck ihrer Kinder, nur war der Mutter
das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der
Fremde lebte, da sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen. Als aber
die Eltern spter gestorben waren, da hatten _Schnellfu_ und _Flinkhand_
keine Ruhe mehr in der Heimath, sie verpachteten ihre Besitzungen und
streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichthmer und
Schtze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte,
was fr Thaten sie auf derselben verrichteten und ob sie spter wieder
in die Heimath zurckkehrten, darber kann ich euch nichts weiter
melden. Aber _Scharfauge's_ Geschlecht mu noch heutiges Tages in dem
Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glck hatte, Schwiegersohn des
Knigs zu werden.

[Funote 14: Die Haube steht fr die Trgerin derselben verwaist, wie
das lat. =orba=, ohne Kinder gehabt zu haben. Vgl. auch _Neus_, ehstn.
Volkslieder, S. 276. F. Z. 4. L.]

[Funote 15: Ueber Mana s. d. Anm. zu S. 25 in dem Mrchen von den im
Mondschein badenden Jungfrauen. L.]

[Funote 16: Vgl. _Boecler_, der Ehsten Gebruche ed. Kreutzwald, S. 139.
L.]

[Funote 17: Der Text sagt =Rootsi wennaksed= d. h. schwedische Brder.
Das Colorit des Mrchens ist aber ganz ehstnisch; Belege fr meine
Uebersetzung finde ich nicht. L.]

[Funote 18: Dieser wird gebildet durch Kltzchen, die an einer Schnur
hngen und mit Ringen wechseln. L.]




4. Der Tontlawald.


Zu alten Zeiten stand in Allentacken[19] ein schner Hain, der
Tontlawald hie, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die
zufllig einmal nher gekommen waren und gespht hatten, erzhlten, sie
htten unter dichten Bumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe
herum menschenhnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem
Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschpfe htten ruig und zerlumpt
ausgesehen wie die Zigeuner, und es wren namentlich viel alte Weiber
und halbnackte Kinder darunter gewesen. Als einst ein Bauer, der in
finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den
Tontlawald hineingerathen war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein
helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saen
am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen
breiten eisernen Schpflffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu
Zeit die glhende Asche ber den Rasen hinstreute, worauf die Kinder mit
Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den
aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen. Dann
trat aus dem Walde ein kleiner alter langbrtiger Mann, der auf dem
Rcken einen Sack trug, der lnger war als er selbst. Weiber und Kinder
liefen dem Mnnlein lrmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten
ihm den Sack vom Rcken zu reien, aber der Alte machte sich von ihnen
los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so gro wie ein Fohlen, die mit
glhenden Augen auf der Thrschwelle gesessen, auf des Alten Sack und
verschwand dann in der Htte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf
brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine
Erzhlung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was
daran wahr und was falsch sei. Auffallend war es, da von Geschlecht zu
Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzhlt wurden; aber Niemand
wute genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenknig hatte mehr als
einmal befohlen, den gefrchteten Wald zu fllen, aber die Leute wagten
es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit
einer Axt in einige Bume, da flo sogleich Blut und man hrte
Jammergeschrei wie von gequlten Menschen.[20] Der erschreckte
Holzfller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so
strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen
Holzfller in den Tontlawald zu locken. --Sehr wunderbar erschien es
auch, da weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein fhrte;
auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das
Dasein menschlicher Wohnsttten verrathen htte. Gro war der Wald
nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so da man freien Ausblick
auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen,
so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf
unterirdischen Schlupfwegen, oder sie muten auch wie die Hexen bei
nchtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das
Letztere ist, dem Erzhlten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht
erhalten wir ber diese Wundervgel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen
der Erzhlung etwas weiterlenken und im nchsten Dorfe ausruhen.

Einige Werst vom Tontlawalde lag ein groes Dorf. Ein verwittweter Bauer
hatte unlngst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft
vorkommt, ein rechtes Schreisen in's Haus gebracht, so da Verdru und
Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene
siebenjhrige Mdchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschpf.
Dieser Armen machte aber die bse Stiefmutter das Leben rger als die
Hlle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab
ihm schlechteres Essen als den Hunden. Da die Frau die Hosen anhatte, so
konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht sttzen: der Hansdampf
mute ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Lnger als zwei Jahre
hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Thrnen
vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um
Beeren zu pflcken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unvermerkt an
den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schne Erdbeeren wuchsen, so
da der Rasen ganz roth davon war. Die Kinder aen von den sen Beeren
und pflckten noch soviel in ihre Krbchen, als jedes konnte. Pltzlich
rief ein lterer Knabe, der die gefrchtete Stelle erkannt hatte:
Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde! Dies Wort war schlimmer als
Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reiaus, als wren ihnen die
Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen
war als die Andern, und unter den Bumen sehr schne Beeren gefunden
hatte, hrte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem
Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner knnen doch
nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim. Da kam ein kleiner
schwarzer Hund mit einem silbernen Glcklein um den Hals bellend auf sie
zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mdchen in prchtigen seidenen
Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else:
Sehr gut, da du nicht mit den andern Kindern davongelaufen bist.
Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schne Spiele
spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflcken; die Mutter
wird es mir gewi nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, la
uns sogleich zu ihr gehen! Damit fate das prchtige fremde Kind Else
bei der Hand und fhrte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine
schwarze Hund bellte jetzt vor Vergngen, sprang an Elsen herauf und
leckte ihr die Hand, als wren sie alte Bekannte.

Ach du liebe Zeit, was fr Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor
Else's Augen auf. Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prchtiger
Garten, mit Obstbumen und Beerenstruchern angefllt, stand vor ihnen;
auf den Zweigen der Bume saen Vgel, bunter als die schnsten
Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vgel
waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand
nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen
aufgefhrt, so da Wnde und Dach glnzten wie die Sonne. Eine Frau in
prchtigen Kleidern sa vor der Thr auf einer Bank und fragte die
Tochter: Was bringst du da fr einen Gast? Die Tochter antwortete:
Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit.
Erlaubst du, da sie hier bleibt? Die Mutter lchelte, sagte aber kein
Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den
Fen. Dann hie sie Else nher treten, streichelte ihre Wangen und
fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und
ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else kte der Frau die Hand,
fiel vor ihr nieder, umfate ihre Kniee und erwiederte dann unter
Thrnen: Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen.

    Mutter ward hinweg getragen
    Liebe zog mit ihr von dannen![21]

Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter hat
mich und schlgt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht
machen. Bitte, Goldfrauchen, lat mich hier bleiben! Lat mich die
Herde hten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will Alles thun und euch
gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurck! Sie
schlge mich halb todt, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern
gekommen bin. Die Frau lchelte und sagte: Wir wollen sehen, was mit
dir zu machen ist. Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus.
Die Tochter aber sagte zur Else: Sei getrost, meine Mutter ist
freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, da sie unsere Bitte gewhren wird,
wenn sie die Sache nher berlegt hat. Sie ging dann ihrer Mutter nach
und hie Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und
ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringe wrde.

Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schchtelchen in der Hand
zurck und sagte: Die Mutter will, da wir heute mit einander spielen,
derweil sie deinetwegen Weiteres beschlieen wird. Ich hoffe, du bleibst
uns, ich mchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See
gefahren? Else machte groe Augen und fragte dann: Zur See? was ist
das? davon habe ich noch nie etwas gehrt. Du sollst es sogleich
sehen, erwiederte das Frulein und nahm den Deckel vom Schchtelchen.
Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei
Fischgrten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese
schttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und
was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als htte die Erde es
verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das
in der Ferne mit dem Himmel zusammenzustoen schien. Nur unter ihren
Fen war ein kleiner Fleck trocken geblieben. Jetzt setzte das Frulein
die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgrten zur Hand. Die
Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hbschen Nachen aus,
worin ein Duzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt htten. Die
Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das
Frulein aber lachte; die Grten, welche sie hielt, wurden zu Rudern.
Von den Wellen wurden die Mdchen fortgeschaukelt, wie in einer Wiege;
nach und nach kamen andere Khne in ihre Nhe, in jedem saen Menschen,
welche sangen und frhlich waren. Wir mssen ihren Gesang beantworten,
sagte das Frulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schner
sang das Frulein. Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht
viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nmlich Kiisike.
Else fragte, was es bedeute, und das Frulein antwortete: Das ist mein
Name. Ich wei nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da
hrten sie rufen: Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend. Kiisike
nahm ihr Krbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte
es in's Wasser, so da einige Tropfen daran hngen blieben, --
augenblicklich waren sie in der Nhe des prchtigen Hauses, mitten im
Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war
nirgends. Die Muschelschale und die Fischgrten wurden sammt dem Blatte
in's Krbchen gelegt, und die Kinder gingen in's Haus.

In einem groen Gemache saen um einen Etisch vier und zwanzig Frauen,
alle in prchtigen Kleidern, als wren sie auf einer Hochzeit. Oben am
Tische sa die Herrin auf einem goldenen Stuhle.

Else wute nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu
betrachten, die ihr hier entgegenschimmerte. Auf dem Tische standen
dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schsseln; ein Gericht
aber blieb unberhrt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne
da man den Deckel gelftet htte. Else a von den kstlichen Speisen,
die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als
mte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich dergleichen nicht
denken. Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden
Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige
Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte
hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart
lnger war als er selber. Der Alte machte einen Bckling und blieb am
Thrpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte:
Betrachte dir dieses Bauermdchen, ich will es als Pflegekind annehmen.
Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf
schicken knnen. Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maa
nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verlie das Gemach.
Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: Kiisike hat mich
gebeten, ich mchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du
selbst sagtest, du httest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich
so? Else fiel auf die Kniee, und kte der Frau Hnde und Fe zum Dank
fr die barmherzige Rettung aus den Klauen der bsen Stiefmutter. Die
Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die
thrnenfeuchten Wangen und sagte: Wenn du immer ein folgsames gutes
Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will fr dich sorgen und dir
allen nthigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich
selbst fortbringen kannst. Meine Frulein, welche Kiisike unterrichten,
werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen
und dir andere Kenntnisse zu erwerben.

Nach einem Weilchen kam der Alte zurck mit einer langen mit Lehm
gefllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkrbchen in
der linken Hand. Er setzte Mulde und Krbchen an die Erde, nahm ein
Stck Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte.
In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene
Strmlinge und ein Stckchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe
ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und lie
ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich
mit dem Schwanze, als strubte sie sich, aber sie mute doch hinein.
Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der
Alte: Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Trpflein von dem Blute
des Bauermdchens. Else wurde bla vor Schrecken, als sie das hrte;
sie meinte ihre Seele damit dem Bsen zu verkaufen.[22] Aber die Frau
trstete sie: Frchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas
Bsem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem knftigen Glcke.
Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm
und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte.
Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach,
am nchsten Morgen der Frau zu zeigen, was fr ein Werk aus seinen
Hnden hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else
wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein
weiches Bett bereitet wurde.

Als sie am andern Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfhl
erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen
Hemde bekleidet und sah reiche Gewnder auf einem Stuhle vor dem Bette
liegen. Dann trat ein Mdchen in's Zimmer und hie Else sich waschen und
kmmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fu mit den schnen Kleidern
schmckte, als wre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen
so viel Freude als die Schuhe. Sie war ja bis jetzt fast immer barfu
gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Knigs Tchter keine
schneren Schuhe haben. In ihrer Freude ber die Schuhe hatte sie nicht
Zeit die brigen Stcke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll
war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht
fortgenommen worden, weshalb? das sollte sie spter erfahren. Ihre
Kleider waren nmlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer
Statt in's Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem
Behlter angeschwollen und am Morgen ein vollstndiges Ebenbild der Else
geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else
erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie
selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken
bemerkte, sagte sie: Frchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir
keinen Schaden zufgen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr
als Prgelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das
steinharte Lehmbild fhlt keinen Schmerz. Aber wenn das bse Weib nicht
andern Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an
ihr vollziehen.

Von diesem Tage an lebte Else so glcklich wie ein verwhntes deutsches
Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge
noch Mhe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige
harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein bser Traum. Aber je
tiefer sie das Glck dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien
ihr auch Alles. Auf natrliche Weise konnte es nicht zugehen -- es mute
eine unbekannte unerklrliche Macht hier walten. Auf dem Hofe stand ein
Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit
heranrckte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein
silbernes Stbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so da es
hell wiederklang. Dann sprang ein groer goldener Hahn heraus und setzte
sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flgeln schlug
und krhte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter
Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der
Tisch ging von selbst in's Haus, als trgen ihn des Windes Flgel. Wenn
der Hahn zum zweiten Male krhte, kamen Sthle dem Tische nachgegangen;
darauf eine Schssel mit Speise nach der andern -- Alles sprang aus dem
Block heraus und flog wie der Wind zum Etisch. Desgleichen
Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so da Niemand zu
heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten,
klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstbchen an den Block,
und dann krhte der goldene Hahn Flaschen, Schsseln, Teller, Sthle und
Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schssel kam,
aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine groe schwarze Katze
der Schssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis
der Alte sie forttrug. Er nahm die Schssel in die Hand, die Katze in
den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen
unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getrnke, sondern auch alle
brigen Bedrfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krhen
des Hahns aus dem Block hervor. -- Obwohl bei Tische wenig und immer in
einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so
wurde dafr desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren
Frulein in Zimmer und Garten weilte. Allmhlich lernte Else auch die
Sprache ihrer Gefhrtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was
gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den
fremden Lauten gewhnte. Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum
die dreizehnte Schssel tglich auf den Tisch komme, da doch Niemand
daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklren. Sie mute es
aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen lie diese Elsen
zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: Beschwere dein
Herz nicht mit unntzen Grbeleien. Du mchtest wissen, warum wir
niemals aus der dreizehnten Schssel essen. Sieh, liebes Kind, das ist
die Schssel _verborgenen_ Segens; wir drfen sie nicht anrhren, sonst
wrde es mit unserem glcklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den
Menschen wrde es auf dieser Welt viel besser stehn, wenn sie nicht in
ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen
Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen.[23] Habsucht ist der
Menschen grter Fehler!

Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glcke pfeilgeschwind, sie war zur
blhenden Jungfrau herangewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in
ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wre. Kiisike aber war
immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal
mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Frulein, welche bei der
Frau vom Hause lebten, muten Kiisike und Else tglich einige Stunden
im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen.
Else begriff Alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn fr kindliche
Spiele als fr ntzliche Beschftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf
sie die Arbeit weg, nahm ihr Schchtelchen und lief in's Freie, um See
zu spielen, was ihr Niemand bel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen:
Schade, da du so gro geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir
spielen.

Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, lie die Frau
eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darber,
denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen
lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, da es zu springen drohte. Als
sie ber die Schwelle trat, sah sie, da die Wangen der Frau gerthet
waren, ihre Augen voll Thrnen standen, welche sie rasch trocknete, als
wollte sie dieselben vor Elsen verbergen. Liebes Pflegkind, begann die
Frau, die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden mssen. _Scheiden_? rief
Else und warf sich schluchzend der Frau zu Fen. Nein, theure Frau,
das kann nimmermehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt
mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstot mich nicht wieder!
Die Frau sagte beschwichtigend: Kind, sei ruhig! Du weit ja noch gar
nicht, was ich fr dein Glck thun will. Du bist herangewachsen und ich
darf dich hier nicht lnger in Haft halten. Du mut wieder unter
Menschen gehen, wo Glckspfade deiner warten. Else aber bat
flehentlich: Theure Frau, verstoet mich nicht. Ich sehne mich nach
keinem anderen Glcke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich
zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber
schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wre es besser gewesen,
ihr httet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als da ihr mich
auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die
Hlle zu stoen. Still, liebes Kind! sagte die Frau -- du begreifst
nicht, was ich zu deinem Glcke zu thun verpflichtet bin, wie sehr es
mich auch schmerzt. Aber Alles mu so sein, wie ich es mache. Du bist
ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende
und deshalb darfst du nicht lnger hier bleiben. Ich und die mich
umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie
ihr, sondern Geschpfe hherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in
der Ferne einen lieben Gemahl finden, der fr dich geschaffen ist, und
wirst glcklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die
Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es mu sein, und dehalb
mut du dich ruhig darein fgen. Dann strich sie mit ihrem goldenen
Kamme durch Elsens Haar und hie sie zu Bette gehen; aber wo sollte die
arme Else in dieser Nacht den Schlaf hernehmen? Das Leben kam ihr vor
wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.

Whrend wir Else ihrem Kummer berlassen, wollen wir uns ins Dorf
begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem vterlichen Hofe gehen, wo
das _Lehmbild_ an ihrer Statt der Prgelklotz ihrer Stiefmutter war. Da
ein bses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man
erfhrt wohl, da aus einem hitzigen Jnglinge im Alter ein frommes Lamm
wird, aber kommt ein Mdchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube,
so wird sie auf die alten Tage wie ein reiender Wolf. Wie ein
Hllenbrand qulte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem
starren Geschpfe, dessen Krper keinen Schmerz empfand, schadete es
nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hlfe kommen, so setzte es
fr ihn gleichfalls Prgel, zum Lohn fr seinen Versuch Frieden zu
stiften. Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder
frchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wthend
packte sie das Lehmbild mit beiden Hnden an der Gurgel, um es zu
erwrgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes
Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so da sie todt
niederfiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach
Hause kam, fand er die todte Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen;
die Tochter war nirgends zu finden. Auf sein Geschrei kamen die
Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen groen
Lrm im Hause gehrt, aber da so etwas fast tglich dort vorfiel, war
Niemand hingegangen. Nachmittags war Alles still geblieben, aber Niemand
hatte die Tochter erblickt. Der Krper der todten Frau wurde nun
gewaschen und gekleidet, und es wurden fr die Todtenwchter zur Nacht
Erbsen in Salz gekocht. Der mde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen,
und dankte sicherlich seinem Glcke, da er diesen Hllenbrand los war.
Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strmlinge und einen Bissen Brot,
verzehrte Beides und legte sich zu Bette. Am andern Morgen wurde er todt
auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau.
Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander
kein Leid mehr anthun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren
die Bauern seitdem nichts weiter.

Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan, sie weinte und beklagte
die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glcke
scheiden zu mssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen
Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an
einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der
Hand auf Else, und nahm darauf mit betrbter Miene von ihr Abschied.
Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstbchen
sanft ihren Kopf berhrte. Else fhlte alsbald, da sie zum Vogel
geworden war; aus den Armen wurden Flgel und aus den Beinen Adlerfe
mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten
den ganzen Leib. Dann hob sie sich pltzlich in die Luft und schwebte
ganz wie ein aus dem Ei gebrteter Adler unter den Wolken dahin. So war
sie schon mehrere Tage gen Sden geflogen und hatte wohl zuweilen
gerastet, wenn die Flgel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht
gefhlt. Da geschah es, da sie eines Tages ber einem niedrigen Walde
schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts
anhaben konnten, weil ihnen Flgel fehlten. Mit einem Male fhlte sie
ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor
Schrecken war sie ohnmchtig geworden.

Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit ffnete, fand
sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebsche. Wie sie dahin
gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum
hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Knigssohn daher geritten, sprang
vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: Zur
glcklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, theures
Frulein, trumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, da ich euch hier
im Walde finden wrde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst
gemacht hatte, lie doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach.
Heute scho ich einen groen Adler, der hierher gefallen sein mute; ich
ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers -- euch. Dann
half er Elsen auf's Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte Knig
sie freudig empfing. Einige Tage spter ward eine prachtvolle Hochzeit
gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit
Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt
hatte. Nach des alten Knigs Tode wurde Else Knigin und hat dann im
Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzhlt. Aber vom Tontlawald
hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehrt.

[Funote 19: Ein Landstrich nrdlich vom Peipus-See. L.]

[Funote 20: Es haben sich also auch die Ehsten, gleich den Finnen,
ganze Naturgebiete unter dem Schutze bestimmter Gottheiten, und dann
wieder einzelne Naturindividuen von Schutzgeistern oder Elfen (ehstnisch
=hallijas=, finnisch =haltia=) beseelt gedacht. Was hier blutet und jammert,
ist die Dryas, die sich der Ehste jedoch mnnlich denkt. L.]

[Funote 21: Aus der Klage des verwaisten Hirtenknaben im _Kalewipog_
(=XII.= 876). Auch bei _Neus_, Volkslieder, =passim.= L.]

[Funote 22: Vgl. ber den Abscheu der Ehsten vor dem Hingeben ihres
Blutes zu zauberischen Zwecken _Boecler_ u. _Kreutzwald_, der Ehsten
aberglubische Gebruche =p.= 145 und _Kreutzwald_ und _Neus_, mythische und
magische Lieder der Ehsten =p.= 111. In unserm 9. Mrchen betrgt der
Donnersohn den Teufel (den alten Burschen), indem er statt des eigenen
Blutes Hahnenblut zur Besiegelung des Vertrages nimmt. L.]

[Funote 23: Heidnische Altre haben sich unter den Ehsten einzeln bis
in unsere Zeiten erhalten. Von einem solchen bei dem Landgut Kawershof
im Felliner Kreise berichtet _Hupel_, er stehe unter einem heiligen
Baume, in dessen Hhlung noch oft kleine Opfer gefunden wrden; sei aus
einem Granitblock kunstlos gehauen. _Kreutzwald_ u. _Neus_, mythische u.
magische Lieder der Ehsten S. 17. L.]




5. Der Waise Handmhle.


Ein armes elternloses Mdchen war allein nachgeblieben wie ein Lamm, und
dann als Pflegekind in eine bse Wirthschaft gekommen, wo es keinen
andern Freund hatte als den Hofhund, dem es zuweilen eine Brotrinde gab.
Das Mdchen mute vom Morgen bis zum Abend fr die Wirthin auf der
Handmhle mahlen, und stand einmal die Mhle stille, weil die mde Hand
ausruhen wollte, so war gleich der Stock da, um das arme Kind
anzutreiben. Des Abends waren die Hande der Waise so starr wie die
Kltze. Das Gnadenbrot, welches die Waisen essen, mu fast immer mit
Schwei und Blut bezahlt werden. Gott im Himmel allein hrt die Seufzer
der Waisen und zhlt die Thrnen, die von ihren Wangen rollen! -- Eines
Tages, als das schwache Mdchen wieder die schwere Mhle drehte und
voller Unmuth war, weil die Wirthin sie den Morgen nchtern gelassen
hatte, kam ein hinkender einugiger Bettler in zerlumpten Kleidern
heran. Es war aber kein wirklicher Bettler, sondern ein berhmter
Zauberer aus Finnland, der sich, um nicht erkannt zu werden, in einen
Bettler verwandelt hatte. Der Bettler setzte sich auf die Schwelle, sah
sich die schwere Arbeit des Kindes an, nahm ein Stck Brot aus seinem
Schultersack, steckte es dem Kinde in den Mund und sagte: Mittag ist
noch weit, i etwas Brot zur Strkung. Die Waise nahm den trockenen
Bissen und er schmeckte ihr besser als Weibrot, auch fhlte sie gleich
ihre Krfte wieder zunehmen. Der Bettler sagte dann: Dir Armen mssen
wohl von dem ewigen Umdrehen der schweren Mhle die Hnde recht mde
sein? Das Mdchen sah den Alten ungewi an, wie um zu forschen, ob
seine Frage ernsthaft oder spttisch gemeint sei. Da sie aber fand, da
sein Antlitz einen liebreichen und ernsthaften Ausdruck hatte, so
erwiederte sie: Wer kmmert sich um die Hnde einer Waise? Das Blut
dringt mir immer unter die Ngel, und der Stock fhrt mir ber den
Rcken, wenn ich nicht so viel arbeiten kann, als die Wirthin verlangt.
Der Bettler lie sich nun ausfhrlich erzhlen, was fr ein Leben das
Kind fhre. Als die Waise geendigt hatte, nahm der Alte aus seinem Sacke
ein altes Tuch, gab es ihr und sagte: Wenn du dich heut Abend schlafen
legst, so binde dies Tuch um deinen Kopf und seufze aus der Tiefe des
Herzens: Ser Traum, trage mich dahin, wo ich eine Handmhle finde,
welche von selbst mahlt, so da ich mich nicht mehr abmhen darf! Die
Waise steckte das Tuch in ihren Busen und dankte dem Alten, der sich
sogleich entfernte. Als sich das Waisenkind Abends schlafen legte, that
es nach Vorschrift des Bettlers, band das Tuch um den Kopf und stie
unter Seufzern und Thrnen seinen Wunsch aus, obgleich es selber nicht
viel Hoffnung darauf setzte. Dennoch schlief es leichteren Herzens ein,
als sonst. Ein wunderbarer Traum fhrte das Mdchen in weite Fernen und
lie es auf seiner Wanderung viel seltsame Dinge erleben. Zuletzt kam
es tief unter die Erde, und da mochte wohl die Hlle sein, denn alles
sah schauerlich und fremd aus. Die Hofthore standen weit offen und kein
lebendes Wesen rhrte sich. Als das Mdchen weiter ging, lie sich ein
Gerusch vernehmen, wie wenn eine Handmhle gemahlen wrde. Dem Gerusch
folgend ging das Waisenkind schchternen Schrittes vorwrts, bis es
unter dem Abschauer einer Klete[24] einen groen Kasten fand, aus
welchem das Gerusch einer Mhle an sein Ohr drang. Das Kind war nicht
stark genug den Kasten zu rhren, geschweige denn von der Stelle zu
bringen. Da sah es im Stalle ein weies Pferd an der Krippe und kam auf
den guten Einfall, das Pferd aus dem Stalle zu ziehen, es mit Stricken
vor den Kasten zu spannen, und ihn so fortzufhren. Gedacht, gethan: die
Waise schirrte das Pferd an, setzte sich auf den Deckel des Kastens,
ergriff eine lange Ruthe und jagte in vollem Galop nach Hause.

Als sie am andern Morgen erwachte, fiel ihr der bedeutsame Traum wieder
ein, und zwar stand er so lebendig vor ihr, als wre sie wirklich eine
Strecke weit auf dem Deckel gefahren. Als sie die Augen aufri,
erblickte sie den Kasten an ihrem Lager. Sie sprang auf, nahm ein halbes
Loof (Scheffel) Gerste, das vom Abend nachgeblieben war, schttete es in
die Oeffnung, die sie im Deckel des Kastens fand und siehe das freudige
Wunder: die Steine fingen augenblicklich an zu lrmen. Es dauerte nicht
lange, so war das fertige Mehl im Sacke.[25] Jetzt hatte die Waise einen
leichten Stand; die Mhle im Kasten mahlte Alles, was man ihr bot, und
das Mdchen hatte weiter keine Mhe, als das Getraide oben
hineinzuschtten und das Mehl unten herauszunehmen. Den Deckel des
Kastens durfte sie aber nicht ffnen, der Bettler hatte es ihr streng
verboten, indem er hinzufgte: das wrde dein Tod sein!

Die Wirthin kam bald dahinter, da der Kasten dem Waisenkinde beim
Mahlen half, sie beschlo daher das Mdchen aus dem Hause zu jagen und
dafr den Mahlkasten zu behalten, der kein Futter verlangen wrde.
Zuerst wollte sie sich aber mit dem Dinge nher bekannt machen, um zu
sehen, wo denn der Wundermller eigentlich stecke. Die Begierde, das
Geheimni herauszubringen, stachelte das Weib Tag und Nacht. An einem
Sonntag Morgen schickte sie das Waisenkind zur Kirche, und sagte, sie
selbst wolle da bleiben, um das Haus zu hten. Ein so freundliches
Anerbieten hatte die Waise noch niemals vernommen; vergngt zog sie ein
reines Hemd und etwas bessere Kleider an, und machte sich eilig auf den
Weg. Die Wirthin lauerte so lange hinter der Thr, bis ihr das Mdchen
aus dem Gesichte war, dann nahm sie aus der Klete ein halb Loof
Getraide und schttete es auf den Deckel, damit der Kasten es mahle,
aber der Kasten that es nicht. Erst als eine Hand voll in das Loch des
Deckels kam, machten sich die Steine an's Werk; aber nun kostete es dem
Weibe noch viel Mhe und Arbeit, den schweren Kastendeckel los zu
machen. Endlich ging er so weit auf, da die Alte den Kopf
hineinzustecken wagte, -- aber o weh! eine lichte Lohe schlug aus dem
Kasten heraus und verbrannte die Wirthin, als wr's eine Hedekunkel; es
blieb nichts weiter von ihr brig als eine Handvoll Asche.

Als der Wittwer spterhin eine andere Frau nehmen wollte, fiel ihm ein,
da sein Pflegekind, die Waise, vollstndig erwachsen war, so da er
nicht erst anderswo auf die Freite zu gehen brauche. Die Hochzeit wurde
still gefeiert, und als sich die Nachbaren am Abend entfernt hatten,
ging der Mann mit seiner jungen Frau zu Bette. Als diese den andern
Morgen in die Klete ging, war der Kasten mit der Handmhle verschwunden,
ohne da man die Spuren eines Diebes fand. Obgleich nun berall gesucht
und nah und fern angefragt wurde, ob der vermite Gegenstand irgend
Jemanden zu Gesicht gekommen sei, so hat man doch bis auf den heutigen
Tag nichts entdeckt. Der wunderbare Handmhlen-Kasten, den einst ein
Traum aus der Tiefe der Erde herausgeholt hatte, mute wohl in eben so
wunderbarer Weise dahin zurckgekehrt sein.

[Funote 24: Baltischer Provinzialismus fr Vorratskammer oder
Speicher. L.]

[Funote 25: Hier mchte wohl ein schwacher Nachhall von der
Sampo-Mythe anklingen, die in der Kalewala, dem finnischen Epos, eine so
groe Rolle spielt. Auch der Wunder wirkende Talisman Sampo wird unter
dem Bilde einer selbstmahlenden Mhle gedacht. Vgl. _Castrn's_
Vorlesungen ber finn. Mythol. S. 264 ff. u. _Schiefner_ im =Bulletin hist.
phil.= der Petersb. Akad. d. Wiss. =t. VIII.= Nr. 5. L.]




6. Die zwlf Tchter.


Es war einmal ein armer Kthner, der zwlf Tchter hatte, unter ihnen
zwei Paar Zwillinge. Die hbschen Mdchen waren alle gesund und frisch
und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es
manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und
Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren tglich gewaschen und
gekmmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige
meinten, der Kthner habe einen heimlichen Schatztrger,[26] Andere
hielten ihn fr einen Hexenmeister, wieder Andere fr einen
Windzauberer,[27] der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen
zu raffen wute. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders.
Die Frau des Kthners hatte eine heimliche Gegenspenderin, welche die
Kinder nhrte, suberte und kmmte. Als sie nmlich noch als Mdchen
aus einem fremden Bauerhofe diente, sah sie drei Nchte hinter einander
im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl,[28]
in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie htte nun wohl
auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein
Stimmchen ihr immerwhrend wie eine Mcke in's Ohr gesummt htte: Geh
zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glckes Wasseradern rieseln!
Obgleich sie den heimlichen Rathschlag nicht ohne Schrecken vernahm,
fate sie sich doch endlich ein Herz, verlie die andern Mdchen, die
bei der Fiedel um das Feuer herum lrmten und schritt auf die Quelle zu.
Aber je nher sie kam, desto bnger wurde ihr um's Herz; sie wre
umgekehrt, wenn ihr das Mckenstimmchen Ruhe gelassen htte;
unwillkrlich ging sie weiter. Als sie hinkam, sah sie eine Frau in
weien Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle sa. Als die Frau
des Mdchens Furcht gewahrte, ging sie demselben einige Schritte
entgegen, bot ihm die Hand zum Gru und sagte: Frchte dich nicht,
liebes Kind, ich thue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte
genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der
Mann ist so arm wie du, aber mach' dir deshalb keine Sorge, sondern nimm
seinen Branntwein an.[29] Da ihr beide gut seid, will ich euch Glck
bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit
nicht dahinten, sonst kann kein Glck Dauer haben. Nimm dieses Sckchen
und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin.[30]
Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in
den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe
gefhrt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nchtlichen
Zusammenkunft la gegen Niemanden etwas verlauten -- fr dieses Mal sage
ich dir Lebe wohl! Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem
Mdchen entschwunden, als wre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht
htte das Mdchen auch diesen Vorfall fr einen Traum gehalten, wenn
nicht das Sckchen in ihrer Hand das Gegentheil bezeugt htte; sie fand
darin zwlf Steinchen.

Die Prophezeiung traf ein, das Mdchen wurde im Herbst verheirathet und
der Mann war ein armer Knecht. Im folgenden Jahre brachte die junge Frau
die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der
Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an
den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es in's Wasser!
Sofort stand die freundliche Frau wei gekleidet vor ihr und sagte: Ich
danke dir, da du mich nicht vergessen hast. Sonntag ber vierzehn Tage
la das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und
will beim Kinde Gevatter stehen. Als an dem bezeichneten Tage das Kind
in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf
den Schoos und lie es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen
silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter
zurck. Ganz ebenso geschah es spter bei jeder neuen Taufe, bis das
Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur
Mutter gesagt: Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen,
obwohl ich ungesehen tglich um dich und deine Kinder sein werde. Das
Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste
Kost. Wenn die Zeit herankommt, da deine Tchter heirathen, so mut du
einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Pathengeschenk brachte. So
lange sie ledig sind, sollen sie keinen greren Staat machen, als da
sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tcher tragen.

Die Kinder wuchsen und gediehen, da es eine Lust war anzusehen; Brot
gab es im Hause zur Genge, auch zuweilen dnne Zukost, doch am meisten
wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestrkt. Die
lteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirthssohn
verheirathet. Wiewohl sie ihm auer der nothdrftigsten Kleidung nichts
zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und
Pathen-Rubel hineingelegt. Als die Mnner den Kasten auf den Wagen
hoben, fanden sie ihn so schwer, da sie glaubten es seien Steine darin,
denn der arme Kthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Werthvolles
mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im
Hause des Brutigam's den Kasten ffnete, und ihn mit Stcken Leinewand
angefllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert
Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen
Verheirathung; und die Tchter wurden bald alle weggeholt, als es
bekannt geworden war, welch' einen Brautschatz eine jede mitbekam.

Einer der Schwiegershne war aber sehr habschtig und mochte sich mit
der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nmlich: die
Eltern mssen wohl selbst noch vielen Reichthum besitzen, wenn sie schon
jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu
seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Kthner
sagte ganz der Wahrheit gem: Ich habe Nichts hinter Leib und Seele,
und auch meinen Tchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den
Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rhrt nicht von mir
her, sondern war die Pathengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an
seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im
Kasten vervielfltigt. Der habschtige Schwiegersohn glaubte indessen
den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die
Anklage zu erheben, da der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwrer
sei, der mit Hlfe des Bsen einen groen Schatz zusammengebracht habe.
Da der Kthner ein reines Gewissen hatte, so flte ihm die Drohung
seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich.
Das Gericht lie darauf die andern Schwiegershne des Kthners
vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift
erhalten habe. Die Mnner sagten aus, da Jeder einen Kasten voll
Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte groe
Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wute recht gut, da der
Kthner arm war und keinen andern Schatz hatte als zwlf hbsche
Tchter. Da diese Tchter von klein auf stets reine weie Hemden
getragen hatten, wuten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen
Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstcher. Die
Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache nher zu untersuchen,
um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.

Eines Tages verlieen die Richter, von einer Hscherschaar begleitet,
die Stadt. Sie wollten das Haus des Kthners mit Wachen umstellen, damit
Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden knne. Der
habschtige Schwiegersohn machte den Fhrer. Als sie an den Wald
gekommen waren, in welchem die Htte des Kthners stand, wurden von
allen Seiten Wachen aufgestellt, die keinen Menschen durchlasse sollten,
bis die Sache aufgeklrt sei. Man lie hier die Pferde zurck und schlug
den Fusteig zur Htte ein. Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten
und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und
sich auf Windesflgeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Htte,
als pltzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bume
drang. Als sie weiter gingen, wurde ein groes schnes Haus sichtbar; es
war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die
Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thr standen zwei Krieger
Wache, die ganz in Erz gehllt waren und lange bloe Schwerter in der
Hand hielten. Die Gerichtsherrn wuten nicht, was sie denken sollten,
Alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da ffnete sich
die Thr: ein schmucker Jngling in seidenen Kleidern trat heraus und
sagte: Unsere Knigin hat befohlen, da der oberste Gerichtsherr vor
ihr erscheine. Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch
dem Jngling in's Haus.

Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen
aufthat. In der prchtigen Halle, welche die Gre einer Kirche hatte,
sa auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmckte Frau.
Einige Fu tiefer saen auf kleineren goldenen Sesseln zwlf schne
Frulein, ebenso prchtig geschmckt wie die Knigin, nur da sie keine
goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle
in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals. Als der
oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen nher trat, fragte die Knigin:
Wehalb seid ihr heute mit einer Schaar von Hschern gekommen, als
httet ihr Uebelthter einzufangen? Der Gerichtsherr wollte antworten,
aber der Schrecken band ihm die Zunge, so da er kein Wrtchen
vorbringen konnte. Ich kenne die boshafte und lgnerische Anklage,
fuhr die Frau fort, denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset
den falschen Klger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hnde und Fe in
Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die brigen Richter und
die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie
bezeugen knnen, da hier Niemanden Unrecht geschieht. Einer ihrer
Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit
wurde der Klger vorgefhrt, an Hnden und Fen gefesselt und von sechs
Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener
folgten. Dann begann die Knigin also:

Bevor ich ber das Unrecht die verdiente Strafe verhnge, mu ich euch
kurz erklren, wie die Sache zusammenhngt. Ich bin die oberste
Wasserbeherrscherin,[31] alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen,
stehen unter meiner Botmigkeit. Des Windknigs ltester Sohn war mein
Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so
muten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte. Da ich
nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich
jedesmal, wenn des Kthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige.
Des Kthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner
Tante auf. Kam die Zeit, da eine von den Tchtern des Kthners
heirathen wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal
lie ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafr
des Kthners Kind hinbringen. Der alte Windknig lag schon lange krank
darnieder, so da er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage
schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstck, welches die Mitgift im Kasten
hecken sollte. Die Schwiegershne waren denn auch alle mit ihren jungen
Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige
Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage
gegen seinen Schwiegervater zu fhren, in der Hoffnung sich dadurch zu
bereichern. Vor zwei Wochen ist nun der alte Windknig gestorben und
mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und
unsere Kinder nicht lnger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine
zwlf Tchter, deren Pflegeeltern, der Kthner und sein Weib, bis an
ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener
Bsewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten
Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen
sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold bestndig sehen, ohne da
dir ein Krnchen davon zu Theil wird. Siebenhundert Jahre sollst du
diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhlt dich zur Ruhe zu bringen.
Das ist mein Richterspruch.

Als die Knigin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein
starker Donnerschlag, so da die Erde bebte und die Richter sammt ihren
Dienern betubt niederfielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie
sich zwar in dem Walde, zu welchem der Fhrer sie geleitet hatte, aber
da, wo eben noch das glserne Haus in aller Pracht gestanden hatte,
sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor.
-- Von dem Kthner, seiner Frau und dem habschtigen Schwiegersohne ist
spter nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Wittwe hatte im
Herbst einen anderen Mann geheirathet, mit dem sie glcklich lebte bis
an ihr Ende.

[Funote 26: Hausgeister, welche ihren Herren Schtze zutragen. Sie
werden als feurige Lufterscheinungen, als Drachen gedacht. S. _Kreutzwald_
u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 81.]

[Funote 27: Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ =p.= 105. _Kreutzwald_ u. _Neus_,
Lieder, S. 84. 86. Nach ehstnischer Anschauung fahren im Wirbelwinde die
Hexen umher. L.]

[Funote 28: Auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni fllt der ehstnische
Hexen-Sabbat. L.]

[Funote 29: Diesen bietet nach ehstn. Sitte der den Freier begleitende
Brautwerber an. L.]

[Funote 30: Ehstnisch =lhkre-kiwid= d. i. Steinchen, die man zur
Reinigung des Milchgefes (Milchfchens), Legel, schwed. =tynnla=,
ehstn. =lhker= (sprich lchker) braucht. Man fhrt ein solches
Milchfchen auf Reisen nebst dem Brotsack mit sich. L.]

[Funote 31: Identisch mit der Wassermutter, =wete ema=. Weibliche
Personificationen scheinen in der ehstnischen Mythologie, soweit sie
erhalten und bekannt ist, vorzuherrschen. Es giebt eine Erdmutter, die
aber auch Gemahlin des Donnergottes ist, eine Feuermutter, Windesmutter,
Rasenmutter (s. die betr. Anm. zu Mrchen 8 vom Schlaukopf) und in
unserem Mrchen 17 die Unterirdischen, tritt sogar eine Mutter des
Stms, des Schneegestbers, auf. -- Eine Wetterjungfrau kennt der
Kalewipog =X=, 889 als Tochter des Donnergottes (=Ku=). Die Finnen haben
eine Windtochter. L.]




7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glck fand.


Einmal lebte ein armer Tagelhner, der sich mit seiner Frau kmmerlich
von einem Tage zum andern durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das
jngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den
Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts brig, als vor
den Thren guter Menschen sein Brot zu suchen. Nach Jahresfrist gerieth
er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirths, wo man gerade einen
Hterknaben brauchte. Der Wirth war nicht eben bse, aber das Weib hatte
die Hosen an und regierte im Hause wie ein bser Drache (Schreisen).
Wie es dem armen Waisenknaben da erging, lt sich denken. Die Prgel,
die er alle Tage bekam, wren dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber
wurde nie soviel gereicht, da er satt geworden wre. Da aber das
Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mute es sein Elend
ertragen. Zum Unglck verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde;
wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer
Stelle zur andern, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl
er wute, was seinem Rcken zu Hause bevorstand, mute er doch jetzt
nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch
nicht lange unter dem Horizont, da hrte er schon der Wirthin Stimme:
Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde? Da half kein Zaudern, nur
rasch nach Hause unter den Stock. Zwar dmmerte es schon, als die Herde
zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirthin hatte sogleich
entdeckt, da eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, ri sie den
nchsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rcken des Knaben zu
bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wuth htte sie
ihn auch zu Tode geprgelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krppel gemacht,
wenn der Wirth, der das Schreien und Schluchzen hrte, dem Armen nicht
mitleidig zu Hlfe gekommen wre. Da er die Gemthsart des tckischen
Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen,
sondern suchte zu vermitteln. Er sagte halb in bittendem Tone: Brich
ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh
suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.
Wahr, sagte die Wirthin, das Aas kann auch die theure Kuh nicht
ersetzen, -- zhlte ihm noch ein Paar tchtige Hiebe auf und schickte
ihn dann fort, die Kuh zu suchen. Wenn du ohne die Kuh zurckkommst,
-- setzte sie drohend hinzu, --so schlage ich dich todt. Weinend und
sthnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald,
wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber
nirgends eine Spur von der Kuh. Als am andern Morgen die Sonne sich aus
dem Schoe der Morgenrthe erhoben hatte, war des Knaben Entschlu
gefat. Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht
wieder. Mit diesen Worten nahm er Reiaus und lief in einem Athem
vorwrts, so da er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und
wie weit er so gelaufen war, wute er selber nicht, als ihm aber zulegt
die Kraft ausging und er wie todt niederfiel, stand die Sonne fast schon
in Mittagshhe. Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam
es ihm vor, als ob er etwas Flssiges im Munde gehabt habe, und er sah
einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der
eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lgel (Milchfchen) zu
setzen. Gieb mir noch zu trinken! bat der Knabe. Fr heute hast du
genug, erwiederte der alte Vater, wenn mein Weg mich nicht zufllig
hierher gefhrt htte, so wre es sicher dein letzter Schlaf gewesen,
denn als ich dich fand, warst du schon halb todt. Dann befragte der
Alte den Knaben, wer er wre und wohin er wollte. Der Knabe erzhlte
Alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den
Schlgen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte
die Erzhlung angehrt, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt
war, sagte jener ernsthaft: Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser
noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Trster
im Sarge unter der Erde ruhen. Zurckkehren kannst du nicht mehr. Da du
einmal fortgegangen bist, so mut du dir ein neues Glck in der Welt
suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann
ich auch nicht weiter fr dich sorgen, aber einen guten Rath will ich
dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die
Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In
dieser Richtung mut du wandern, so da dir die Sonne jeden Morgen in's
Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage
zu Tage wachsen. Nach sieben Jahren wird ein mchtiger Berg vor dir
stehen, der so hoch ist, da sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort
wird dein knftiges Glck blhen. Nimm meinen Brotsack und mein Fchen,
du wirst darin tglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst.
Aber hte dich davor, jemals ein Krmchen Brot oder ein Trpfchen vom
Trank unntz zu vergeuden, sonst knnte deine Nahrungsquelle leicht
versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Thiere darfst du
reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschpf dem andern Gutes
thut. Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammengerolltes
Klettenblatt finden; das mut du sehr sorgfltig in Acht nehmen. Wenn du
auf deinem Wege an einen Flu oder einen See kommst, so breite das
Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen
verwandeln und dich ber die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder
zusammen und stecke es in deinen Brotsack. Nach dieser Unterweisung gab
er dem Knaben Sack und Fchen und rief: Gott befohlen! Im nchsten
Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.

Der Knabe htte Alles fr einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und
Fchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt htten.
Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prfen und fand darin: ein halbes
Brot, ein Schchtelchen voll gesalzener Strmlinge, ein anderes mit
Butter und dazu noch ein hbsches Stckchen Speckschwarte. Als der Knabe
sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fchen unter
dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen knne. Den andern Morgen wachte
er mit der Sonne auf, strkte seinen Krper durch Speise und Trank und
machte sich dann auf die Wanderung. Wunderbarer Weise fhlte er gar
keine Mdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran,
da die Mittagszeit gekommen war. Er sttigte sich mit der guten Kost,
that ein Schlfchen und wanderte weiter. Da er den rechten Weg
eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im
Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwrts
gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er
die Kraft seines Klettenblattes prfen. Wie es der alte Mann
vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor
ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tchtige Ruderschlge
fhrten ihn an's andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in
ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.[32]

So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne da die Nahrung im
Brotsack und im Fchen abgenommen htte. Sieben Jahre konnten recht gut
verstrichen sein, denn er war zu einem krftigen Jngling
herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der
bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine
Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fue des
Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des
alten Mannes in Erfllung gehen wrden. Er hatte noch nicht lange
gesessen, als ein eigentmliches Zischen sein Ohr berhrte: gleich
darauf wurde eine groe Schlange sichtbar, welche mindestens zwlf
Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbeiwand.
Schrecken lhmte seine Glieder, so da er nicht fliehen konnte; aber im
Nu war auch die Schlange vorber. Dann blieb ein Weilchen Alles still.
Darauf schien es ihm, als kme aus der Ferne ein schwerer Krper in
einzelnen Stzen herangehpft. Es war eine groe Krte, so gro wie ein
zweijhriges Fllen. Auch dieses hliche Geschpf zog an dem Jngling
vorber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Hhe ein
starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er
hinauf sah, flog hoch ber seinem Haupte ein groer Adler in derselben
Richtung, welche vorher die Schlange und die Krte genommen hatten. Das
sind wunderbare Dinge, die mir Glck bringen sollen! dachte der
Jngling. Da sieht er pltzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde
auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flgel an den Fen zu haben, denn
es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jngling am Berge sitzen
sah, hielt er sein Pferd an und fragte, Wer ist hier vorbergekommen?
Der Jngling erwiederte: Erstens eine groe Schlange, wohl zwlf
Klafter lang, dann eine groe Krte von der Gre eines zweijhrigen
Fllens und endlich ein groer Adler hoch ber meinem Kopfe. Wie gro er
war, konnte ich nicht abschtzen, aber sein Flgelschlag rauschte wie
ein Gewitter daher. -- Du hast recht gesehen, sagte der Fremde, es
sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich
knnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast.
Klettere ber den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort
mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch frher. -- Der junge Mann
versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.

Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei
Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf
der andern Seite an den Fu des Berges gelangte. Der Wirth stand schon
vor seinem Hause und erzhlte, da er Schlange und Krte glcklich
erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte
er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten.
Gutes Essen bekommst du tglich, soviel du willst, und auch mit dem
Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.
Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirth fhrte den neuen Knecht im
Hause umher, und zeigte ihm, was er zu thun habe. Es war dort ein Keller
im Felsen angebracht und durch dreifache Eisenthren verschlossen. In
diesem Keller sind meine bsen Hunde angekettet, sagte der Wirth, du
mut dafr sorgen, da sie sich nicht unterhalb der Thr mit den Pfoten
herausgraben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei wrde,
so wre es nicht mehr mglich, die beiden anderen fest zu halten,
sondern sie wrden nacheinander dem Fhrer folgen und alles Lebendige
auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund ausbrche, so wre
das Ende der Welt da, und die Sonne htte zum letzten Male geschienen.
Darauf fhrte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen
hatte, sondern der von Menschenhnden aus mchtigen Felsblcken
aufgethrmt war. Diese Steine -- sagte der Wirth -- sind dewegen
zusammengetragen, damit immer wieder ein neuer Stein hingewlzt werden
kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein
fhren sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Uebrige
mittheilen, was du dabei zu beobachten hast.

Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben
Hrner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so gro wie die gresten
Ukrainer Ochsen. Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, fhren
einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben,
wenn du den Stein damit berhrst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du
siehst, deine Arbeit ist so mhsam nicht, desto grer mu deine
Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mut du nach
der Thr sehen, damit kein Unglck geschieht, der Schade knnte sonst
grer sein, als du vor mir verantworten knntest.

Bald hatte unser Freund Alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach
seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch
nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein
Loch unter der Thr gekratzt, gro genug, um die Schnauze
durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die
Hunde muten ihre Arbeit von neuem beginnen.

So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein
hbsches Stck Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal
wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein
anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr
auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn
den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann
schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich
sehen zu lassen.

Wieder war einmal eine solche Schlaflaune ber den Wirth gekommen, als
eines Tages ein groer Adler sich auf dem Berge niederlie und so zu
sprechen anhub: Bist du nicht ein groer Thor, da du dein schnes
Leben fr gute Kost hinopferst? Dein zusammengespartes Geld ntzt dir
nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des
Wirthes windschnelles Ro aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um
den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne
untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mut
aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon
laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Sttte zurck und der
Wirth kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht
hat, so kann er nicht von der Stelle. Wer soll denn hier die Hunde
bewachen, wenn ich weggehe, whrend der Wirth schlft? fragte der
Knecht. Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du! erwiederte der
Adler. Hast du denn noch nicht begriffen, da der liebe Gott ihn dazu
geschaffen hat, da er die Hllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit,
da er sieben Wochen schlft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so
wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.

Der Rath gefiel dem Knechte sehr. Er that, wie der Adler gesagt hatte,
nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt
davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich
den Wirth rufen hrte: Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit
deinem Gelde, aber la mir mein Pferd. Der Knecht hrte nicht darauf,
sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu
sterblichen Menschen kam. Dort baute er sich ein hbsches Haus, freite
ein junges Weib, und lebte glcklich als reicher Mann. Wenn er nicht
gestorben ist, so mu er noch heute leben; aber das windschnelle Ro ist
schon lngst verschieden.

[Funote 32: Vergleiche das See spielen im Mrchen 4 vom Tontlawald,
und das Mrchen 11, Der Zwerge Streit. L.]




8. Schlaukopf.[33]


In den Tagen des Kalew-Sohnes lebte im Kungla-Lande[34] ein sehr reicher
Knig, der seinen Unterthanen alle sieben Jahre in der Mitte des Sommers
ein groes Gelage gab, das jedesmal zwei, auch drei Wochen
hintereinander dauerte. Das Jahr eines solchen Festes war wieder
herangekommen und man erwartete den Beginn desselben binnen einigen
Monaten; aber die Leute schienen dies Mal noch unsicher in ihren
Hoffnungen, weil ihnen nmlich schon zwei Mal, vor vierzehn und vor
sieben Jahren, die erwartete Freude zu Wasser geworden war. Von Seiten
des Knigs war beide Male hinlnglich fr die nthigen Vorrthe gesorgt
worden, aber keines Menschen Zunge war dazu gekommen, sie zu kosten.
Wohl schien die Sache wunderbar und unglaublich, aber es fanden sich
aller Orten viele Menschen, welche die Wahrheit derselben als
Augenzeugen bekrftigten. Beide Male, -- so wurde erzhlt -- als die
Gste der hergerichteten Speisen und Getrnke warteten, war ein
unbekannter fremder Mann zum Oberkoch gekommen und hatte ihn gebeten,
von Speise und Trank ein paar Mundvoll kosten zu drfen; aber das bloe
Eintunken des Lffels in den Suppenkessel und das Heben der Bierkanne
zum Munde hatte hingereicht, um mit wunderbarer Gewalt alle
Vorrathskammern, Schaffereien und Keller leer zu machen, so da auch
kein Krnchen und kein Trpfchen brig blieb.[35] Kche und Kchenjungen
hatten alle den Vorfall gesehen und beschworen; gleichwohl war des
Volkes Zorn ber die zerstrte Festfreude so gro, da der Knig, um die
Leute zu besnftigen, vor sieben Jahren den Oberkoch hatte aufhngen
lassen, weil er dem Fremden die verlangte Erlaubnis gegeben hatte. Damit
nun jetzt nicht abermals ein solches Aergerni entstnde, war von Seiten
des Knigs demjenigen, der die Herstellung des Festes bernhme, eine
reiche Belohnung zugesichert worden: und als gleichwohl Niemand die
Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollte, versprach der Knig endlich
dem Uebernehmer seine jngste Tochter zur Gemahlin; wenn aber die Sache
unglcklich ausfiele, sollte er mit seinem Leben fr den Schaden ben.

An der Grenze des Reichs, weit von der Knigsstadt, wohnte ein
wohlhabender Bauer mit drei Shnen, von denen der jngste schon von
klein auf einen scharfen Verstand zeigte, weil die Rasenmutter[36] ihn
aufgezogen und ihn gar oft heimlich an ihrer Brust gesugt hatte. Der
Vater nannte diesen Sohn deshalb _Schlaukopf_. Er pflegte zu seinen Shnen
zu sagen: Ihr, die beiden lteren Brder, msset durch Krperkraft und
Hndearbeit euch das tgliche Brod verdienen; du, kleiner Schlaukopf,
kannst durch deinen Verstand in der Welt fortkommen und dich einmal ber
deine Brder emporschwingen. -- Vor seinem Tode teilte er Aecker und
Wiesen zu gleichen Theilen unter seine beiden lteren Shne. Dem
jngsten gab er so viel Reisegeld, da er in die weite Welt gehen
konnte, um sein Glck zu versuchen. Noch war des Vaters Leiche auf dem
Tische nicht kalt geworden, als auch die lteren Brder ihrem jngsten
Alles bis auf den letzten Kopeken wegnahmen, dann warfen sie ihn zur
Thr hinaus und riefen ihm hhnisch nach: Du schlauer Kopf sollst dich
ber uns erheben und blos durch deinen Verstand in der Welt fortkommen,
drum knnte das Geld dir lstig sein!

Der jngste Bruder schlug sich die Migunst seiner beiden Brder aus dem
Sinne und machte sich sorglos auf den Weg. Gott giebt wohl schon
Glck! den Spruch hatte er sich zum Trost und Begleiter aus dem
Vaterhause mitgenommen; er pfiff die trben Gedanken fort und ging
leichten Schrittes weiter. Als er anfing Hunger zu verspren, traf er
zufllig mit zwei reisenden Handwerksgesellen zusammen. Sein angenehmes
Wesen und seine Scherzreden gefielen den Gesellen, sie gaben ihm, als
Rast gehalten wurde, von ihrer Kost ab, und so brachte Schlaukopf den
ersten Tag glcklich zu Ende. Er trennte sich vor Abend von den Gesellen
und ging vergngt frba, denn das Gefhl der Sttigung lie keine Sorge
fr den nchsten Tag aufkommen. Ein Nachtlager bot sich ihm berall, wo
der grne Rasen die Diele unter ihm und der blaue Himmel das Dach ber
ihm bildete; ein Stein unter dem Haupte diente als weiches Schlafkissen.
Am folgenden Tage kam er Vormittags an ein einsames Gehft. Vor der Thr
sa eine junge Frau und weinte klglich. Schlaukopf fragte, was sie so
sehr bekmmere, und erfuhr Folgendes: Ich habe einen schlimmen Mann,
der mich alle Tage schlgt, wenn ich seine tollen Launen nicht
befriedigen kann. Heute befahl er mir, ihm zur Nacht einen Fisch zu
kochen, der kein Fisch sein drfe, und der wohl Augen, aber nicht am
Kopfe habe. Wo auf der Welt soll ich ein solches Thier finden? --
Weine nicht, junges Weibchen -- trstete sie Schlaukopf: dein Mann
will einen Krebs, der zwar im Wasser lebt, aber kein Fisch ist, und der
auch Augen hat, aber nicht im Kopfe.[37] Die Frau dankte fr die gute
Belehrung, gab ihm zu essen und noch einen Brotsack mit auf die Reise,
von dem er manchen Tag leben konnte. Da ihm nun diese unvermuthete Hlfe
geworden war, beschlo er sogleich in die Knigsstadt zu gehen, wo
Klugheit am Meisten werth sein msse, und wo er sicher sein Glck zu
finden hoffte.

Ueberall, wohin er kam, hrte er von nichts Anderem sprechen, als von
dem Sommerfeste des Knigs. Als er erfuhr, was fr ein Lohn demjenigen
verheien war, der das Fest herstellen werde, ging er mit sich zu Rathe,
ob es nicht mglich sei, die Sache zu bernehmen. Gelingt es -- so
sprach er zu sich selbst -- so bin ich mit einem Male auf dem Wege zum
Glcke. Was sollte ich wohl frchten? Im allerschlimmsten Falle wrde
ich mein Leben verlieren, allein sterben mssen wir doch einmal, sei es
frher oder spter. Wenn ich's beim rechten Ende anfange, warum sollte
es nicht gehen? Vielleicht habe ich mehr Glck als die Andern. Und gbe
mir dann auch der Knig seine Tochter nicht, so mu er mir doch den
versprochenen Lohn an Gelde auszahlen, der mich zum reichen Manne macht.
Unter diesen Gedanken schritt er vorwrts, sang und pfiff wie eine
Lerche, ruhte zuweilen im Schatten eines Busches von des Tages Hitze
aus, schlief die Nacht unter einem Baume oder im Freien, und langte
glcklich an einem Abend in der Knigsstadt an, nachdem er am Morgen
seinen Brotsack bis auf den Grund geleert hatte. Am folgenden Tage erbat
er sich Zutritt zum Knige. Dieser sah, da er es mit einem gescheuten
und unternehmenden Menschen zu thun hatte und so wurde man leicht
Handels einig. Dann fragte der Knig: Wie heit du? Der Mann von Kopf
erwiederte: Mein Taufname ist Nikodemus, aber zu Hause wurde ich immer
_Schlaukopf_ genannt, um anzudeuten, da ich nicht auf den Kopf gefallen
bin. Ich will dir diesen Namen lassen, -- sagte der Knig, -- denn
dein Kopf mu mir fr allen Schaden einstehen, wenn die Sache schief
geht!

_Schlaukopf_ bat sich vom Knige siebenhundert Arbeiter aus und machte
sich ungesumt an die Vorbereitungen zum Feste. Er lie zwanzig groe
Riegen[38] auffhren, die nach Art gutsherrlicher Viehstlle im Viereck
zu stehen kamen, so da ein weiter Hofraum in der Mitte blieb, zu
welchem eine einzige groe Pforte hineinfhrte. In den heizbaren Rumen
lie er groe Kochgrapen und Kessel einmauern, und die Oefen mit
Eisenrosten versehen, um darauf Fleisch, Blutkle und Wrste zu braten.
Andere Riegen wurden mit Kesseln und groen Kufen zum Bierbrauen
versehen, so da oben die Kessel, unten die Kufen standen. Noch andere
Huser ohne Feuerstellen wurden aufgefhrt, um zu Schaffereien fr kalte
Speisen zu dienen, die eine um Schwarzbrot, die andere um Hefenbrot[39],
die dritte um Weibrot u. s. w. aufzubewahren. Alle nthigen Vorrthe,
wie Mehl, Grtze, Fleisch, Salz, Fett. Butter u. dgl. wurden auf dem
Hofraum aufgestapelt, und dann wurden funfzig Soldaten als Wache vor die
Pforte gestellt, damit kein Diebesfinger etwas antasten knnte. Der
Knig besichtigte alle Tage die Zurstungen und rhmte _Schlaukopfs_
Geschick und Klugheit. Auer dem wurden noch einige Dutzend Backfen im
Freien erbaut, und vor jedem Ofen eine eigene Abtheilung Wachtsoldaten
aufgestellt. Fr das Fest wurden geschlachtet tausend Mastochsen,
zweihundert Klber, fnfhundert Schweine und Ferkel, zehntausend Schafe
und noch viel anderes Kleinvieh, das herdenweise von allen Seiten
zusammengetrieben wurde. Auf den Flssen sah man Khne und Bte, auf den
Landstraen Frachtwagen unaufhrlich Proviant zufhren, und zwar waren
die Fuhren nun schon seit Wochen in Bewegung. An Bier allein wurden
siebentausend Ahm gebraut. Wiewohl die siebenhundert Gehlfen von frh
bis spt arbeiteten, und ab und zu auch noch Tagelhner angenommen
wurden, so lastete doch die meiste Sorge und Mhe auf _Schlaukopf_, weil
seine Einsicht die Andern in allen Stcken leiten mute. Den Kchen,
Bckern und Brauern hatte er aufs strengste eingeschrft, nicht
zuzulassen, da ein fremder Mund von den Speisen und Getrnken koste;
wer gegen diesen Befehl handle, dem war der Galgen angedroht. Sollte
sich aber irgendwo so ein naschhafter Fremder zeigen, so msse derselbe
augenblicklich vor den obersten Anordner des Festes gebracht werden.

Am Morgen des ersten Festtages erhielt _Schlaukopf_ Nachricht, da ein
unbekannter alter Mann in eine Kche gekommen sei und den Koch um
Erlaubni gebeten habe, aus dem Suppengrapen mit dem Schpflffel ein
wenig zu kosten, was ihm der Koch nun also auf eigene Hand nicht
gestatten durfte. _Schlaukopf_ befahl, den Fremden vorzufhren, und bald
erschien ein kleiner alter Mann mit grauen Haaren, welcher demthig um
Erlaubni bat, die Festspeisen und das Getrnk schmecken zu drfen.
_Schlaukopf_ hie ihn in eine der Kchen mitkommen, dort wolle er, wenn es
mglich sei, den ausgesprochenen Wunsch erfllen. Whrend sie gingen,
sah er scharf hin, ob an dem Alten nicht irgend etwas Absonderliches zu
entdecken sei. Da erblickte er einen glnzenden goldenen Ring an dem
Ringfinger der linken Hand des Alten. Als sie in die Kche getreten
waren, fragte _Schlaukopf_: Was fr ein Pfand kannst du mir geben, da
kein Schaden entsteht, wenn ich dich die Speise kosten lasse? Gndiger
Herr, -- erwiederte der Fremde -- ich habe dir nichts zum Pfande zu
geben. _Schlaukopf_ zeigte auf den schnen goldenen Ring und verlangte
ihn zum Pfande.[40] Dagegen strubte sich der alte Schelm, indem er
versicherte, der Ring sei ein Andenken seiner verstorbenen Frau und er
drfe ihn einem Gelbde zufolge niemals aus der Hand geben, weil sonst
Unglck kommen knnte. Dann ist es mir auch nicht mglich, dein
Verlangen zu erfllen, sagte _Schlaukopf_ -- ohne Pfand kann ich
Niemanden weder Festes noch Flssiges schmecken lassen. Den Alten
stachelte die Lsternheit so sehr, da er endlich seinen Ring zum Pfande
gab. Als er jetzt den Lffel in den Kessel tunken wollte, versetzte ihm
_Schlaukopf_ von hinten mit dem Rcken eines Beiles einen so gewaltigen
Schlag auf den Kopf, da der strkste Mastochse davon umgefallen wre,
aber der alte Schelm sank nicht, sondern taumelte nur ein Bischen.
_Schlaukopf_ packte ihn jetzt mit beiden Hnden am Barte und lie starke
Stricke bringen, mit denen dem Alten Hnde und Fe festgebunden wurden,
worauf er bei den Beinen an einem Balken in die Hhe gezogen wurde.
_Schlaukopf_ rief ihm spottend zu: Da warte nun, bis die Festtage
vorber sind, dann wollen wir weiter miteinander abrechnen. Der Ring, in
welchem deine Kraft steckt, bleibt mir inzwischen als Pfand. Der Alte
mute sich wohl oder bel zufrieden geben; er konnte, gefesselt wie er
war, nicht Hand noch Fu bewegen.

Jetzt begann das Gelage, zu welchem die Leute zu Tausenden von allen
Seiten herbeigestrmt waren. Obwohl die Gasterei volle drei Wochen
dauerte, so mangelte es doch weder an Speise noch an Trank, vielmehr
blieb von Allem noch ein gut Theil brig.

Das Volk war voll Dank und Preis fr den Knig und den Hersteller des
Festes. Als der Knig diesem den bedungenen Lohn ausbezahlen wollte,
sagte _Schlaukopf_: Ich habe noch mit dem Fremden ein kleines Geschft
abzumachen, ehe ich meinen Lohn in Empfang nehme. Dann nahm er sieben
starke Mnner mit sich, die er mit tchtigen Kntteln versorgen lie,
und fhrte sie dahin, wo er den Alten vor drei Wochen an einen Balken
aufgehngt hatte. Ihr Mnner! Fasset die Knttel fest in die Faust und
verarbeitet mir den Alten, da er dieses Bad und unser Gastgebot in
seinem Leben nicht vergesse! -- Die Mnner begannen nun alle sieben den
Alten greulich durchzugerben, so da sie ihm fast das Leben genommen
htten; aber von ihren harten Schlgen ri endlich der Strick. Das
Mnnlein fiel herunter und verschwand im Nu unter der Erde, hinterlie
aber eine breite Oeffnung. Schlaukopf sagte: Ich habe ein Pfand, mit
welchem ich ihm folgen mu. Bringet dem Knige viele tausend Gre und
saget ihm, er mge, wenn ich nicht zurck kommen sollte, meinen Lohn
unter die Armen vertheilen.

Er kroch nun durch dasselbe Schlupfloch, durch welches der Alte
verschwunden war, in die Tiefe. Anfangs fand er den Weg sehr eng, aber
einige Klafter tiefer wurde er viel breiter, so da man leicht vorwrts
kommen konnte. Eingehauene Stufen bewahrten den Fu davor, da er trotz
der Finsterni nicht glitt. _Schlaukopf_ war eine Weile gegangen, als er
an eine Thr kam. Er lugte durch eine kleine Oeffnung und sah drei junge
Mdchen sitzen und den ihm wohlbekannten Alten, dessen Kopf dem einen
der Mdchen im Schooe lag. Das Mdchen sagte: Wenn ich noch ein Paar
Mal die Beule mit der Klinge presse, so vergeht Geschwulst und Schmerz.
_Schlaukopf_ dachte, das ist gewi die Stelle, die ich vor drei Wochen mit
dem Rcken des Beils gezeichnet habe. Er nahm sich vor, so lange hinter
der Thr zu warten, bis der Hausherr sich schlafen gelegt habe und das
Feuer ausgelscht sei. Der Alte bat: Helft mir in die Kammer, da ich
mich zu Bette lege, mein Krper ist ganz aus den Gelenken, ich kann
nicht Hand noch Fu regen. Darauf wurde er in die Schlafkammer gefhrt.
Whrend der Dmmerung, als die Mdchen das Gemach verlassen hatten,
schlich _Schlaukopf_ herein und fand ein Versteck hinter dem
Biertnnchen.[41]

Die Mdchen kamen bald zurck und sprachen leise miteinander, um den
alten Papa nicht aufzuwecken. Die Kopfbeule htte nichts zu sagen,
meinte die eine, -- und der verrenkte Krper wrde sich auch schon
wieder herstellen, aber der verlorene Kraftring ist ein unersetzlicher
Schade, und der qult den Alten wohl mehr als sein krperlicher
Schmerz. Als man spter den Alten schnarchen hrte, trat _Schlaukopf_ aus
seinem Versteck hervor und befreundete sich mit den Mdchen. Anfangs
sahen diese wohl erschrocken drein, aber der verschlagene Jngling wute
ihre Furcht zu beschwichtigen, so da sie ihn zur Nacht da bleiben
lieen. Er hatte von den Mdchen herausgebracht, da der Alte zwei ganz
besondere Dinge besitze, ein berhmtes Schwert und eine Gerte vom
Ebereschenbaum,[42] und er gedachte beides mit zu nehmen. Die Gerte
schuf auf dem Meere eine Brcke vor ihrem Besitzer her, und mit dem
Schwerte lie sich das zahlreichste Heer vernichten. Den folgenden Abend
hatte sich _Schlaukopf_ richtig des Schwertes und der Gerte bemchtigt,
und war vor Tagesanbruch mit Hlfe des jngsten Mdchens entkommen. Aber
vor der Thr fand er das alte Schlupfloch nicht mehr, sondern einen
groen Hofplatz und weiterhin wogte das Meer hinter der Koppel.

Unter den Mdchen hatte sich nach seinem Scheiden ein Wortwechsel
erhoben, der so heftig wurde, da der Alte von dem Lrm erwachte. Aus
ihrem Zanke wurde ihm klar, da ein Fremder hier verkehrt hatte, er
stand zornig auf und fand Schwert und Gerte entwendet. Mein bester
Schatz ist mir geraubt! brllte er, verga allen Krperschmerz und
strmte hinaus. _Schlaukopf_ sa noch immer am Meeresufer und sann
darber, ob er die Kraft der Gerte erproben oder sich einen trockenen
Weg suchen solle. Pltzlich hrt er hinter sich ein Sausen wie von einer
Windsbraut. Als er sich umsieht, erblickt er den Alten, der wie toll
gerade auf ihn los rennt. Er springt auf und hat eben noch Zeit, mit der
Gerte auf die Wellen zu schlagen und zu rufen: Brcke vorn, Wasser
hinten![43] Kaum hat er das Wort gesprochen, so befindet er sich auf
einer Brcke im Meere, schon eine Strecke vom Ufer entfernt.

Der Alte kommt chzend und keuchend an's Ufer und bleibt stehen, als er
den Dieb auf der Brcke ber dem Meere sieht. Schnaufend ruft er:[44]
Nikodemus, Shnchen! wo willst du hin? -- Nach Hause, Papachen! war
die Antwort. Nikodemus, Shnchen! du hast mir mit dem Beil auf den Kopf
geschlagen und mich bei den Beinen am Balken ausgehngt? -- Ja,
Papachen. Nikodemus, Shnchen! hast du mich von sieben Mann
durchprgeln lassen und meinen goldenen Ring geraubt? -- Ja,
Papachen! Nikodemus, Shnchen! hast du dich mit meinen Tchtern
befreundet? -- Ja, Papachen. Nikodemus, Shnchen! hast du das
Schwert und die Gerte gestohlen? -- Ja, Papachen. Nikodemus,
Shnchen! willst du zurck kommen? -- Ja, Papachen! gab _Schlaukopf_
wieder zur Antwort. Inzwischen war er auf der Brcke so weit gekommen,
da er des Alten Rede nicht mehr hren konnte. Als er ber das Meer
hinbergelangt war, erfragte er den nchsten Weg zur Stadt des Knigs
und eilte dahin, um seinen Lohn zu fordern.

Aber siehe da! er fand hier Alles ganz anders als er gehofft hatte.
Seine Brder standen beide im Dienste des Knigs, der eine als Kutscher,
der andere als Kammerdiener. Beide lebten gar lustig: sie waren reiche
Leute. Als Schlaukopf sich vom Knige seinen Lohn ausbat, sagte dieser:
Ich hatte dich ein ganzes Jahr lang erwartet, da aber nichts von dir zu
hren noch zu sehen war, so hielt ich dich fr todt, und wollte deinen
Lohn unter die Armen vertheilen lassen nach deinem Gehei. Da kamen aber
eines Tages deine lteren Brder, um diesen Lohn zu erben. Ich bergab
die Sache dem Gericht, welches ihnen den Lohn zuerkannte, wie sich's
auch gebhrte, weil man glaubte, du seiest nicht mehr am Leben. Spter
traten deine Brder in meinen Dienst, und stehen noch darin. Als
_Schlaukopf_ diese Rede des Knigs hrte, glaubte er zu trumen, denn
seines Bednkens war er nicht lnger als zwei Nchte in der
unterirdischen Behausung des Alten gewesen, und hatte dann einige Tage
gebraucht, um heimzukehren; jetzt zeigte sich's aber, da jede Nacht
Jahreslnge gehabt hatte. Er wollte seine Brder nicht verklagen, lie
ihnen das Geld, dankte Gott, da er mit dem Leben davon gekommen war und
sah sich nach einem neuen Dienste um. Der knigliche Koch nahm ihn als
Kchenjungen an, und er mute jetzt alle Tage den Braten am Spiee
drehen. Seine Brder verachteten ihn wegen dieser geringen Handthierung
und mochten nicht mit ihm umgehen, er aber hatte sie doch lieb. So hatte
er ihnen auch eines Abends Manches von dem erzhlt, was er in der
Unterwelt gesehen hatte, wo die Gnse und Enten goldenes und silbernes
Gefieder trugen. Die Brder hinterbrachten das Gehrte dem Knige und
baten ihn, er mge ihren jngsten Bruder doch hinschicken, damit er die
seltenen Vgel herbringe. Der Knig lie den Kchenjungen rufen und
befahl ihm, sich am nchsten Morgen aufzumachen, um die Vgel mit dem
kostbaren Gefieder zu holen.

Mit schwerem Herzen machte sich _Schlaukopf_ auf den Weg, nahm aber Ring,
Gerte und Schwert, die er heimlich bewahrt hatte, mit sich. Nach einigen
Tagen kam er an den Meeresstrand und sah an der Stelle, wo er auf seiner
Flucht an's Land gestiegen war, einen alten Mann an einem Steine sitzen.
Als er nher trat, fragte ihn der Mann, der einen langen grauen Bart
hatte: Wehalb bist du so verdrielich, Freundchen? _Schlaukopf_
erzhlte ihm den schlimmen Handel. Der Alte hie ihn gutes Muths und
ohne Sorge sein und sagte: So lange der Kraftring in deiner Hand ist,
kann dir nichts Bses geschehen. Dann erhielt _Schlaukopf_ eine Muschel
von ihm und wurde bedeutet, mit der Zaubergerte die Brcke bis in die
Mitte des Meeres zu schlagen; alsdann solle er mit dem linken Fue auf
die Muschel treten, so werde er dadurch in die Unterwelt gelangen, wo
das Gesinde gerade schlafen werde. Weiter hie er ihn aus
Spinnegewebe[45] einen Sack nhen, um die silber- und goldgefiederten
Schwimmvgel hineinzuthun; dann solle er unverzglich zurck kommen.
_Schlaukopf_ dankte fr die erwnschte Anleitung und eilte fort. Die Sache
ging so, wie vorhergesagt war; aber kaum war er mit seiner Beute bis
an's Meeresufer gelangt, so hrte er den alten Burschen hinterdrein
keuchen und vernahm auch, wie er auf die Brcke trat, wieder dieselben
Fragen als das erste Mal: Nikodemus, Shnchen! Du hast mir mit dem
Rcken des Beils auf den Kopf geschlagen und hast mich bei den Beinen am
Balken aufgehngt? u. s. w. bis zuletzt noch die Frage hinzukam, welche
den an den Schwimmvgeln verbten Diebstahl betraf. _Schlaukopf_
antwortete auf jede Frage ja und eilte weiter.

So wie ihm der Freund mit dem grauen Barte vorausgesagt hatte, kam er am
Abend mit seiner kostbaren Vogellast in der Stadt des Knigs an; der
Sack aus Spinnegewebe hielt die Thiere so fest, da keines heraus
konnte. Der Knig schenkte ihm ein Trinkgeld und befahl ihm, am
folgenden Tage wieder hinzugehen, denn er hatte von den lteren Brdern
gehrt, der Herr der Unterwelt besitze sehr viele goldene und silberne
Hausgerthe, und diese begehrte der Knig fr sich. _Schlaukopf_ wagte
nicht sich dem Befehle zu widersetzen, aber er ging unmuthig von
dannen, weil er nicht vorher wissen konnte, wie die Sache ablaufen
wrde. Am Meeresufer aber kam ihm der Mann mit dem grauen Barte
freundlich entgegen und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrbni.
Alsdann erhielt _Schlaukopf_ wiederum eine Muschel und noch eine Handvoll
kleiner Steinchen nebst folgender Anweisung: Wenn du nach Mittag hin
kommst, so liegt der Wirth im Bette, um zu verdauen, die Tchter spinnen
in der Stube, und die Gromutter scheuert in der Kche die goldenen und
silbernen Gefe blank. Klettere dann behend auf den Schornstein, wirf
die in ein Lppchen eingebundenen Steinchen der Alten an den Hals, folge
selbst schleunigst nach, stecke die kostbaren Gerthe in den Sack von
Spinnegewebe und dann lauf', was die Beine halten wollen. _Schlaukopf_
dankte und machte es ganz, wie vorgeschrieben war. Als er aber das
Lppchen mit den Steinchen fahren lie, dehnte es sich zu einem
sechslfigen mit Kieselsteinen gefllten Sacke aus, der die Alte zu
Boden schmetterte. Flugs hatte _Schlaukopf_ alle goldenen und silbernen
Gefe in den Sack von Spinnegewebe gepackt und war davon gejagt.[46]
Der alte Bursche meinte, als er das Gepolter des Sackes hrte, der
Schornstein sei eingestrzt und getraute sich nicht gleich nachzusehen.
Als er aber die Gromutter lange vergeblich gerufen hatte, mute er
endlich selbst gehen. Als er das Unglck entdeckte, eilte er, dem Diebe
nachzusetzen, der noch nicht weit sein konnte. _Schlaukopf_ war schon auf
dem Meere, als der Verfolger chzend und keuchend an's Ufer kam.
Nikodemus, Shnchen! u. s. w. wiederholte der alte Bursche alle
frheren fragen der Reihe nach. Die letzte Frage war: Nikodemus,
Shnchen! hast du mir mein Gold- und Silbergerth gestohlen? Freilich,
Papachen! war die Antwort. Nikodemus, Shnchen! versprichst du noch
wiederzukommen? -- Nein, Papachen! antwortete _Schlaukopf_ und lief auf
der Brcke vorwrts. Obwohl der alte Bursche hinter dem Diebe her
schimpfte und fluchte, so konnte er seiner doch nicht habhaft werden,
weil alle Zauberwerkzeuge in den Hnden des Diebes waren.

_Schlaukopf_ fand den Alten mit dem grauen Barte wieder am Strande, warf
den schweren Sack mit den Gold- und Silbersachen, den er nur mit Hlfe
des Kraftringes hatte fortbringen knnen, ab, und setzte sich dann, um
die mden Glieder auszuruhen. Im Gesprch erfuhr er nun von dem alten
Manne Manches, was ihn erschreckte. Der Alte sagte: Die Brder hassen
dich und trachten, dir auf alle Weise das Garaus zu machen, -- wenn du
ihrem bsen Anschlag nicht zuvorkommst. Sie werden den Knig hetzen, dir
solche Arbeit aufzutragen bei der du leicht den Tod finden kannst. Wenn
du nun heute Abend mit der reichen Last vor den Knig trittst, so wird
er freundlich gegen dich sein, dann erbitte dir als einzigen Gnadenlohn,
da die Tochter des Knigs Abends heimlich hinter die Thr gebracht
werde, um zu hren, was deine Brder untereinander sprechen.

Als _Schlaukopf_ darnach mit der reichen Habe, die man wenigstens auf zehn
Pferdelasten schtzen konnte, vor den Knig trat, fand er diesen sehr
freundlich und gtig. _Schlaukopf_ bat nun um den von dem Alten
angegebenen Gnadenlohn. Der Knig war froh, da der Schatzbringer keinen
greren Lohn verlangte und befahl seiner Tochter, sich Abends heimlich
hinter die Thr zu begeben, um zu hren, was der Kutscher und der
Kammerdiener miteinander sprchen. Durch das Wohlleben bermthig
geworden, prahlten die Brder mit ihrem Glcke, und was noch einfltiger
war, sie beschimpften dabei lgenhafter Weise des Knigs Tochter. Der
Kutscher sagte: Sie ist viele Mal des Nachts zu mir gekommen, um bei
mir zu schlafen. Der Kammerdiener erwiederte lachend: Das kam daher,
weil ich sie nicht mehr wollte und meine Thr vor ihr zuschlo, sonst
wrde sie jede Nacht in meinem Bette sein. Roth vor Scham und Zorn kam
die Tochter zu ihrem Vater, erzhlte weinend, welche eine schamlose Lge
sie mit ihren eigenen Ohren von den Dienern hatte aussprechen hren, und
bat, die Frevler zu bestrafen. Der Knig lie die Beiden alsbald in's
Gefngni werfen und am andern Tage, nachdem sie vor Gericht ihre Schuld
eingestanden hatten, hinrichten. _Schlaukopf_ wurde zum Rathgeber des
Knigs erhoben.

Nach einiger Zeit fiel ein fremder Knig mit einem groen Heere in's
Land, und _Schlaukopf_ ward gegen den Feind in's Feld geschickt. Da zog er
sein aus der Unterwelt geholtes Schwert[47] zum ersten Mal aus der
Scheide und begann das feindliche Heer niederzumhen, bis nach kurzer
Zeit Alle auf der blutigen Wahlstatt den Tod gefunden hatten. Der Knig
freute sich ber diesen Sieg so sehr, da er _Schlaukopf_ zum
Schwiegersohn nahm.

[Funote 33: Dieses Mrchen lehnt sich an die beiden Hllenfahrten des
Kalewsohnes, die im Kalewipog Ges. =XIII-XV=. =XVII-XIX= erzhlt sind. Die
Zge der Sage sind im Mrchen wunderlich gebrochen und verschoben, und
andre Mrchenstoffe hineingewoben. L.]

[Funote 34: Ein mythisches Wunderland. Im Kalewipog bewirbt sich des
Kunglaknigs Sohn um Linda, nachmalige Gattin des Kalew, die ihn
abweist, weil der Kunglaknig bse Tchter hat, welche die Fremde
hassen wrden. Doch lassen sich dieselben Tchter des Kunglaknigs
durch den Gesang des ltesten Kalewsohnes zu Thrnen rhren, Kalewipog
=III=, 477. Ebendaselbst =XIX=, 400 werden vier Kunglamdchen genannt,
welche goldene und silberne Gewebe wirken. Vgl. auch ber den Reichthum
des Landes Kungla das Mrchen 23 vom Dudelsack-Tiidu. L.]

[Funote 35: Dieser Streich wird im Kalewipog nacheinander dem
Alewsohn, dem Olewsohn und dem Sulewsohn gespielt, welche die Warnung
der am Kessel beschftigten Alten verachteten, weil sie nicht glaubten,
da der winzige Knirps, der um Erlaubni bat zu schmecken, solchen
Schaden anrichten knne. Aber dieser reckt sich auf dem Rande des
Suppenkessels ber 70 Klafter hoch und verschwindet im Nebel, whrend
der Kessel leer geworden. Als aber die Reihe, bei dem Kessel zu wachen,
an den Kalewsohn kommt, verlangt dieser erst von dem als Zwerg
erscheinenden Teufel das Glcklein zum Pfande, welches er um den Hals
hat und worin seine Kraft steckt. S. Kalewipog =XVII=, 327 ff. Da unser
Mrchen ein groes Festgelage fr alles Volk fingirt, so lt es auch
bertreibend smmtliche Vorrthe, Speisen und Getrnke verschwinden. L.]

[Funote 36: Die Rasenmutter ist es auch, welche im Kalewipog (=I.= 340)
aus dem Kchlein die reine (oder Thau-?) Jungfrau Salme umgebildet hat.
Nach _Kreutzwald_ zu der =cit.= Stelle ist die Rasenmutter eine Schutzgttin
des Hauses, deren Obhut besonders der Hofraum und Garten anvertraut war.
Der ehstnische Mythus hat von ihr die liebliche Vorstellung, da sie es
ist, die aus dem geschmolzenen Schnee des Winters die weie Anemone
(=Anemone nemorosa=, ehstnisch Frostblume) bildet. S. _Kreutzwald_ zu
_Boecler_ S. 188. Vgl. unser Mrchen 2 von den im Mondschein badenden
Jungfrauen; diese heien dort des Waldelfen und der Rasenmutter Tchter.
Die Tchter der Rasenmutter sind es auch, welche im Kalewipog =XVII=, 777
ff. den nach der groen Schlacht bei Assamalla ruhenden Helden
Traumgesichte weben. L.]

[Funote 37: Es ist also von denjenigen Krebsthieren die Rede, deren
Augen auf beweglichen Stielen stehen, nicht unmittelbar auf dem Kopfe.
L.]

[Funote 38: Vgl. Anm. zu Mrchen 21, der beherzte Riegenaufseher. L.]

[Funote 39: =Sepik=, mit Hefen gebackenes nicht gesuertes Brot, das im
sdlichen Ehstland nur aus Weizenmehl gemacht wird. S. _Wiedemann_,
Ehstnisch-Deutsches Wrterb. =s. v.= L.]

[Funote 40: Aus dem Glckchen der Sage, _Kalewipog_ =XVII=, 633 ist im
Mrchen ein Ring geworden. Im Glckchen dort, im Ringe hier steckt des
Hllenfrsten Kraft. Vgl. das Mrchen 18, vom Nordlands-Drachen, wo der
Ring Salomonis, der im Besitz der Hllenjungfrau ist, Felsen
zertrmmert, wenn er am Daumen der linken Hand steckt. L.]

[Funote 41: Ein mit einem Deckel und unten mit einem Zapfen versehenes
Tnnchen Dnnbier (Kofent), das in den Bauerstuben steht und woraus sich
Bier abzapft, wer Durst hat. L.]

[Funote 42: Hier fehlt also das Dritte, der Wnschelhut aus
Ngelschnitzeln, den Kalewipog bei seinem ersten Hllenabenteuer
benutzt und dann verbrennt. S. darber die Anm. zum 11ten Mrchen, von
der Zwerge Streit. L.]

[Funote 43: Kalewipog =XV=, 70 ff. Vers 217 heit die Hexen- oder
Wnschelruthe geradezu der Brckenfertiger (=sillawalmistaja=). L.]

[Funote 44: Kalewipog =XV=, 108 ff. vgl. mit =XVIII=, 815 ff. In diesen
Stellen thut der Leere (=Thi=) oder wie er im 18. Gesang heit, der
Gehrnte (=Sarwik=) alle Fragen hintereinander, whrend unser Mrchen sie
auseinander legt und auf die verschiedenen Gnge Schlaukopfs vertheilt.
Die Sage berichtet von einem Zweikampf des Kalewsohnes mit dem
Hllenfrsten; bei dem zweiten Hllengang des Kalewipog endet dieser
Zweikampf mit der Ueberwltigung und Fesselung des Gehrnten. Kalewipog
=XIX=, 87 ff. L.]

[Funote 45: Vgl. oben S. 45, 46. L.]

[Funote 46: Auch der Kalewsohn raubt die Schtze der Unterwelt. L.]

[Funote 47: Erinnert an das in verborgener Schmiede von
unterirdischen Meistern (=Ma-alused=, vgl. Mrchen 17) gefertigte
Schwert, welches der Kalewsohn zum Ersatz fr sein von dem Finnenschmied
geschmiedetes und von dem Zauberer des Peipus-Strandes entwendetes
Schwert aus der Hlle nimmt. L.]




9. Der Donnersohn.[48]


Der Donnersohn schlo mit dem Teufel einen Vertrag auf sieben Jahre,
laut dessen der Teufel ihm als Knecht dienen und unweigerlich in allen
Stcken des Herrn Willen erfllen sollte; zum Lohn fr treue Dienste
versprach ihm der Donnersohn seine Seele zu geben. Der Teufel that
seine Schuldigkeit gegen seinen Herrn, er scheute nicht die schwerste
Arbeit und murrte nimmer ber das Essen, denn er wute ja, was fr einen
Lohn er nach sieben Jahren von Rechtswegen erhalten sollte. Sechs Jahre
waren vorber, und das siebente hatte begonnen, aber der Donnersohn
hatte durchaus keine Lust, dem bsen Geist seine Seele so wohlfeilen
Kaufes zu berlassen, und hoffte deshalb durch irgend eine List den
Klauen des Feindes zu entrinnen. Schon beim Abschlu des Vertrages hatte
er dem alten Burschen den Streich gespielt, da er ihm statt des eigenen
Blutes Hahnenblut[49] zur Besiegelung gab, und der kurzsichtige hatte
den Betrug nicht gemerkt. Und doch war eben dadurch das Band, welches
die Seele des Donnersohns unauflslich verstricken sollte ganz locker
geworden. Obgleich inde das Ende der Dienstzeit immer nher rckte,
hatte der Donnersohn sich immer noch keinen Kunstgriff ersonnen, der ihn
frei machen konnte. Da traf es sich, da an einem heien Tage von Mittag
her eine schwarze Wetterwolke aufstieg, die den Ausbruch eines schweren
Gewitters drohte. Der alte Bursche verkroch sich sogleich in der Tiefe
der Erde, zu welchem Behuf er immer ein Schlupfloch unter einem Steine
bereit hatte. Komm Brderchen, und leiste mir Gesellschaft, bis das
Ungewitter vorber ist! bat der Teufel seinen Herrn mit honigser
Zunge. Was versprichst du mir, wenn ich deine Bitte erflle? fragte
der Donnersohn. Der Teufel meinte, darber knne man sich unten einigen,
denn hier oben mochte er die Bedingungen nicht mehr besprechen, da die
Wolke ihm jeden Augenblick ber den Hals zu kommen drohte. Der
Donnersohn dachte: heute hat die Furcht den alten Burschen ganz mrbe
gemacht; wer wei, ob es mir nicht glckt, mich von ihm los zu machen.
So ging er denn mit ihm in die Hhle. Das Gewitter dauerte sehr lange,
Krach folgte auf Krach, da die Erde zitterte und die Felsen erbebten.
Bei jeder Erschtterung drckte sich der alte Bursche die Fuste gegen
die Ohren und kniff die Augen fest zu; kalter Schwei bedeckte seine
zitternden Glieder, und er konnte kein Wort hervorbringen. Gegen Abend,
als das Gewitter vorber war, sagte er zum Donnersohn: Wenn der alte
Vater nicht dann und wann so viel Lrm und Getse[50] machte, so knnte
ich mit ihm schon durchkommen und knnte ruhig leben, da mir seine
Pfeile unter der Erde nicht schaden knnen. Aber sein grliches Getse
greift mich so an, da ich gleich die Besinnung verliere und nicht mehr
wei, was ich thue. Denjenigen, der mich von diesem Drangsal befreite,
wrde ich reichlich belohnen. Der Donnersohn erwiederte: Da ist kein
besserer Rath, als dem alten Papa das Donnergerth heimlich
wegzunehmen. Ich wrde es schon entwenden, antwortete der Teufel,
wenn die Sache mglich wre, aber der alte =Ku=[51] ist stets wachsam,
er lt weder Tag noch Nacht das Donnerwerkzeug aus den Augen, wie wre
da ein Entwenden mglich? Der Donnersohn blieb aber dabei, da sich die
Sache wohl machen liee. Ja, wenn du mir helfen wrdest, rief der
Teufel, dann knnte der Anschlag vielleicht gelingen, ich allein komme
damit nicht zu Gange. Der Donnersohn versprach nun sein Helfershelfer
zu werden, verlangte aber dafr keinen geringeren Lohn, als da der
Teufel den Seelenkauf rckgngig mache. Meinethalben nimm drei Seelen,
wenn du mich von dieser grlichen Noth und Angst befreist! rief der
Teufel vergngt. Nun setzte ihm der Donnersohn auseinander, in welcher
Weise er die Entwendung fr mglich halte, wenn sie sich Beide einmthig
und mit vereinten Krften an's Werk machten. Aber, so schlo er, wir
mssen so lange warten, bis der alte Papa sich wieder einmal so sehr
ermdet, da er in tiefen Schlaf fllt, denn gewhnlich schlft er ja
wie der Hase mit offenen Augen.

Einige Zeit nach dieser Berathung brach ein schweres Gewitter aus, das
lange anhielt. Der Teufel sa wieder mit dem Donnersohn in seinem
Schlupfwinkel unter dem Steine. Die Furcht hatte den alten Burschen so
betubt, da er kein Wort von dem hrte, was sein Gefhrte sprach. Am
Abend aber erstiegen Beide einen hohen Berg, wo der alte Bursche den
Donnersohn auf seine Schultern hob und sich dann selber durch Zauber
immer weiter in die Hhe reckte,[52] wobei er sang:

    Recke, Brderchen, dich aufwrts,
    Wachse, Freundchen, in die Hhe!

bis er zur Wolkengrenze hinaufgewachsen war. Als der Donnersohn ber den
Wolkenrand[53] hinber sphte, sah er den Papa =Ku= ruhig schlafen, den
Kopf auf zusammengeballte Wolken gesttzt, aber die rechte Hand lag
quer ber das Donnergerth ausgestreckt. Man konnte das Instrument nicht
fortnehmen, weil das Berhren der Hand den Schlafenden geweckt haben
wrde. Der Donnersohn kroch nun von der Schulter des alten Burschen in
die Wolken hinein, schlich leise wie eine Katze nher und suchte sich
durch List zu helfen. Er holte hinter seinem Ohre eine Laus hervor und
setzte sie dem Papa =Ku= zum Kitzeln auf die Nase. Der Alte nahm alsbald
die Hand, um seine Nase zu kratzen, in demselben Augenblick aber packte
der Donnersohn das frei gewordene Donnerwerkzeug und sprang vom
Wolkenrand auf den Nacken des Teufels zurck, der mit ihm den Berg
hinunter rannte, als htte er Feuer hinter sich. Der alte Bursche hielt
auch nicht eher an, als bis er die Hlle erreicht hatte. Hier verschlo
er seinen Raub in eiserner Kammer hinter sieben Schlssern, dankte dem
Donnersohn fr die treffliche Hlfe und leistete auf dessen Seele vllig
Verzicht.

Jetzt aber brach ber die Welt und die Menschen ein Unglck herein,
welches der Donnersohn nicht hatte vorhersehen knnen: die Wolken
spendeten keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr, und Alles welkte in der
Drre hin. -- Habe ich leichtsinniger Weise dieses unerwartete Elend
ber die Leute gebracht, so mu ich suchen, die Sache, soweit mglich,
wieder gut zu machen, -- dachte der Donnersohn und berlegte, wie der
Noth abzuhelfen sei. Er zog gen Norden an die finnische Grenze, wo ein
berhmter Zauberer wohnte, entdeckte ihm den Raub und gab auch an, wo
das Donnerwerkzeug gegenwrtig versteckt sei. Da sagte der Zauberer:
Zunchst mu dem alten Vater =Ku= Kunde werde, wo sein Donnergerth
festgehalten wird, er findet dann selbst wohl Mittel und Wege, wieder zu
seinem Eigenthume zu gelangen. Und er schickte dem alten Wolkenvater
Botschaft durch den Adler des Nordens. Gleich am folgenden Morgen kam
=Ku= zum Zauberer, um ihm dafr zu danken, da er die Spur des Diebstahls
nachgewiesen hatte. Sodann verwandelte sich der Donnerer in einen
Knaben, suchte einen Fischer auf und verdingte sich bei demselben als
Sommerarbeiter. Er wute nmlich, da der Teufel hufig an den See kam,
um Fische zu raffen, und hoffte ihn dort einmal zu treffen. Wiewohl nun
der Knabe =Pikker=[54] Tag und Nacht kein Auge von seinen Netzen
verwandte, so verging doch eine Weile, ehe er des Feindes ansichtig
wurde. Dem Fischer war es lngst aufgefallen, da oftmals die bei Nacht
in den See gelassenen Netze am Morgen leer heraufgezogen wurden, aber er
konnte die Ursache nicht erklren. Sein Knabe wute freilich recht gut,
wer der Fischdieb sei, aber er wollte nicht frher sprechen, als bis er
seinem Herrn den Dieb auch zeigen knnte.

In einer mondhellen Nacht, als er mit seinem Herrn an den See kam, um
nach den Netzen zu sehen, traf es sich, da der Dieb gerade bei der
Arbeit war. Als sie ber den Rand ihres Kahnes in's Wasser blickten,
sahen sie Beide, wie der alte Bursche aus den Maschen des Netzes Fische
heraus holte und in seinen Schultersack stopfte. Am folgenden Tage ging
der Fischer einen berhmten Zauberer um Hlfe an und bat ihn, den Dieb
durch seine Kunst dermaen an das Netz zu bannen, da er ohne Willen
des Besitzers sich nicht los machen knne. Das geschah denn auch ganz
nach des Fischers Wunsch. Als man am folgenden Tage das Netz aus dem See
herauf wand, kam auch der alte Bursche mit an die Oberflche und wurde
an's Ufer gebracht. Hei! was er da vom Fischer und Fischerknaben
durchgegerbt wurde! Da er ohne Willen des Zauberers vom Netze nicht
loskommen konnte, so mute er alle Hiebe ruhig hinnehmen. Die Fischer
zerschlugen ihm wohl ein Fuder Prgelstecken auf dem Leibe, ohne
hinzusehen auf welchen Krpertheil die Schlge fielen. Des alten
Burschen Kopf blutete und war dick aufgeschwollen, die Augpfel traten
aus ihren Hhlen, -- es war ein grlicher Anblick -- aber der Fischer
und sein Knabe hatten kein Erbarmen mit dem gemarterten Teufel, sondern
ruhten nur von Zeit zu Zeit aus, um von neuem darauf los zu dreschen.
Als klgliches Bitten nicht half, bot der alte Bursche endlich ein hohes
Lsegeld, ja er versprach dem Fischer die Hlfte seiner Habe und noch
mehr, wenn der Bann gelst wrde. Der erzrnte Fischer lie sich aber
nicht eher auf den Handel ein, als bis ihm die letzte Kraft ausging, so
da er keinen Stock mehr rhren konnte. Endlich kam, nachdem ein Vertrag
geschlossen worden, der alte Bursche mit Hlfe des Zauberers vom Netze
los, worauf er den Fischer bat, er mge nebst seinem Knaben mit ihm
kommen, um das Lsegeld abzuholen. Wer wei, ob er nicht hoffte, sie
noch durch irgend eine List zu betrgen.

Im Hllenhofe wurde den Gsten ein prchtiges Fest bereitet, das ber
eine Woche dauerte und bei welchem es an nichts fehlte. Der alte Wirth
zeigte den Gsten seine Schatzkammern und geheimnisvollen Gerthe, und
lie von seinen Spielleuten dem Fischer zur Erheiterung die schnsten
Weisen aufspielen. Eines Morgens sprach der Knabe =Pikker= heimlich zum
Fischer: Wenn du heute wieder bewirthet und geehrt wirst, so bitte dir
aus, da man das Instrument bringe, welche in der Eisenkammer hinter
sieben Schlssern liegt. Bei Tische, als die Mnner schon einen halben
Rausch hatten, bat der Fischer, man mge ihm das Instrument aus der
geheimen Kammer zeigen. Der Teufel zeigte sich willig, holte das
Instrument herbei und fing selbst an darauf zu spielen. Allein obgleich
er aus Leibeskrften hineinblies und die Finger an der Rhre auf und ab
bewegte, so war der Ton, den er herausbrachte, doch nicht besser als das
Geschrei einer Katze, die in den Schwanz gekniffen wird, oder das
Gequieke eines Ferkels, das man auf die Wolfsjagd nimmt.[55] Lachend
sagte der Fischer: Qulet euch nicht umsonst ab! ich sehe wohl, da aus
euch doch kein Dudelsackblser mehr wird. Mein Hterknabe wurde es
besser machen. Oho! rief der Teufel. -- Ihr meint vielleicht, das
Blasen auf dem Dudelsack sei ungefhr wie das Flten auf einem
Weidenrohr, und haltet es fr ein Kinderspiel? Komm, Freundchen,
versuch' es erst, und wenn du oder dein Hterknabe etwas wie einen Ton
auf dem Instrumente hervorbringen knnt, so will ich nicht lnger der
Hllenwirth heien. Da versuch's! rief er und reichte das Instrument
dem Knaben hin. Der Knabe =Pikker= nahm es, als er aber den Mund an die
Rhre setzte und hineinblies, da erbebten die Wnde der Hlle, der
Teufel und sein Gesinde fielen ohnmchtig hin und lagen wie todt da.
Pltzlich stand an Stelle des Knaben der alte Vater Donnerer selbst
neben dem Fischer, dankte fr geleistete Hlfe und sagte: Knftig, wenn
mein Instrument wieder aus den Wolken ertnt, soll deinen Netzen reiche
Gabe beschieden sein. Dann trat er eilig die Heimkehr an.

Unterwegs kam ihm der Donnersohn entgegen, fiel auf die Knie, bereute
seine Schuld und bat demthig um Verzeihung. Der Vater =Ku= sagte: Oft
genug vergeht sich des Menschen Leichtsinn gegen die Weisheit des
Himmels; danke drum deinem Glcke, Shnchen, da ich wieder Macht habe,
die Spuren des Elends zu vertilgen, welches deine Thorheit ber die
Leute gebracht hat. Mit diesen Worten setzte er sich auf einen Stein
und blies das Donnerinstrument, bis die Regenpforten sich aufthaten und
die Erde trnkten. Den Donnersohn nahm der alte =Ku= als Knecht zu sich,
und da mu er noch sein.

[Funote 48: Nota zu 9 u. 10. Beide Mrchen behandeln einen und
denselben Stoff: die Entwendung des Donnerwerkzeugs durch den dasselbe
ber Alles frchtenden Teufel, welchem es der in einen Fischerknaben
verwandelte Donnergott wieder abnimmt.

Was zunchst den Namen des Donnerwerkzeugs betrifft, so heit es in
beiden Mrchen =pil=, womit zwar im Ehstnischen jedes Instrument
bezeichnet wird, hier aber nur ein Blaseinstrument gemeint sein kann.
Und zwar kein anderes als der bei den Ehsten seit uralter Zeit sehr
beliebt gewesene Dudelsack, schwedisch =dromm-pp=, =drumm-ppa=. =Drumm= ist
das Trompeten-Ende dieses Instruments, es brummt stets denselben Baton
und erweckt den Ehsten die Vorstellung des Donners. Im Inlande Jahrg.
1858, Nr. 6 ist eine Version unseres Mrchens 10 abgedruckt, welche die
Ueberschrift fhrt =Mristaja mng=, was mit Donnertrommel bersetzt ist.
Aber =mng= bedeutet nicht Trommel, sondern Spiel, Spielzeug, und da es im
Inland gegen den Schlu heit: er holt den Himmelsbrummer hervor
und setzt die fnf Finger an denselben, so deutet dies offenbar keine
Trommel, sondern ein Blaseinstrument an, den Dudelsack, der speciell
=toru-pil=, Rhreninstrument, heit, aber auch =pil= schlechtweg, wie in
unserm Mrchen 23, =Pilli-Tiidu=, Dudelsack-Tiidu. Von Trommel und Pauke
heit es im Ehstnischen =trummi lma=, die Trommel oder Pauke schlagen,
und weder an Schamanentrommel noch an ein Tambourin ist bei dem
Ausdrucke =pil= oder =mristaja mng= zu denken. Nach _Neus_, myth. u. mag.
Lieder der Ehsten S. 12. 13. vgl. mit 41. hngt das ehstnische
=mristamine=, das Donnern, mit einem finnischen Verbum zusammen, welches
vom Brummen des Bren gebraucht wird, und weist auch der ehstnische Name
des Donnergotts, =Ku=, auf ein finnisches =Nomen= fr Br zurck. Auch der
nordische Donnergott, Thunar-Thor, fhrte den Beinamen des Bren. Also
nicht der Schall einer Trommel, sondern das Gebrll eines Thieres oder
eines daran erinnernden Instruments wird dem Donner verglichen. Der
ehstnische Donnergott entlockt dem Dudelsack furchtbare, aber auch
liebliche Tne -- schrecklichen Donner, aber auch sanft rieselnden
Regen. Wenn die Vorstellung von dem Erregen des Gewitters durch ein
Instrument wie die Sackpfeife eigentmlich ehstnisch ist (nach _Ruwurm_,
Sagen, Reval 1861. S. 134, ist der Dudelsack Erfindung =Tara's=, und steht
mit den altheidnischen Volkssitten und Gtterdiensten in Zusammenhang,
wehalb christlicher Eifer das Instrument auf den Teufel zurckfhrte),
so kennt die ehstnische Sage doch auch den =ike= oder =Pikker=, der Donner
und Blitz hervorbringt, indem er auf einem Wagen mit erzbeschlagenen
Rdern ber Eisenbrcken dahin rasselt, Kalewipog =III=, 12 ff. vgl. mit
=XX=. 728 ff. Hier wird man sogleich an Thunar-Thor erinnert.

Was den Donnersohn betrifft, so theilt _Kreutzwald_ zu _Boecler_ auf S. 11
mit, er (Kreutzwald) habe in Wierland (dem nordstlichen Uferdistrict
Ehstlands) den Namen =Pikse-ksepois=, d. h. des Gewitters Befehlsknabe,
gehrt, aber nicht erfahren, wer damit gemeint sei. Nach ehstnischer
Tradition ist der Lijonsengel, der in unserm Mrchen 9 zum Fischer, und
in 10 zum Fischer Lijon umgestaltet ist, Vermittler zwischen den
Sterblichen und dem =Tara= oder Altvater, und _der Gott auf der Erde, der
mit dem Gewitter zusammengeht_. So liegt die Vermuthung nahe, da der
Lijons-Engel (stamme er nun von dem biblischen =Legion= oder von dem
ebenfalls biblischen Elias, russisch =Ilj=), der oben angefhrte
Befehlsknabe des Gewitters, und unser Donnersohn -- eine und dieselbe
Hypostase des Donnergottes selber sind. Nach _Ruwurm_ Sagen, 1861. S. 131
hat auch der ehstnische Teufel einen kleinen Sohn, Thomas, der dem
eigenen Vater zuweilen Possen spielt. Wie in unseren Mrchen, so
entweichen auch im Kalewipog, vgl. die oben citirten Stellen und =X=,
198, die bsen Geister vor ihrem Zchtiger und seinen Pfeilen in die
Flut -- das Wasser macht den Blitzstrahl unschdlich. Da der Donnergott
sich in einen Fischerknaben verwandelt, erinnert einigermaen an Thors
Fischfang mit Hymir. _Mannhardt_, Gtterwelt, =I=, 218. L.]

[Funote 49: S. die Anm. S. 67 zum Mrchen vom Tontlawald. L.]

[Funote 50: =Castrn= bemerkt in seinen Vorlesungen ber finnische
Mythologie, da man den Donner viel mehr frchtete als den Blitz, und
da man noch jetzt hie und da in Finnland beim Donnerwetter nicht wagt
den Namen =Ukko= (Beherrscher des Himmels) zu nennen, oder irgend etwas
Ungebhrliches zu reden oder zu thun. L.]

[Funote 51: =Ku= heit der Donnergott; =Pikne=, Genitiv =Pikse=, war
eigentlich der Blitzstrahl, wird aber auch fr den Donnergott gebraucht.
Auch die Formen =Pitkne= und =Pikker= kommen vor. Der Kalewipog =X=, 889
kennt eine Wetterjungfrau als =Ku's= Tochter. L.]

[Funote 52: Im Kalewipog wird diese Kraft einem aus Ngelschnitzeln
gemachten Hute zugeschrieben, den der Kalewsohn dem Hllenfrsten
entwendet und nach gemachtem Gebrauche verbrennt. Vgl. die betr. Nota zu
11, der Zwerge Streit. L.]

[Funote 53: Nach _Ruwurm_, Sagen aus Hapfal, der Wiek, Oesel und Run,
Reval 1861, =p.= =XVII=, denken sich die Ehsten die Wolken als Gallert, und
findet man nach Gewittern zuweilen Wolkenstcke auf der Erde, was
Ruwurm auf eine Flechtenart (=Tremella Nostoc=) beziehen mchte. L.]

[Funote 54: Siehe die Anm. S. 122 ff. u. S. 126. L.]

[Funote 55: Man bringt das Ferkel zum Quieken, um dadurch die Wlfe
anzulocken. L.]




10. Pikne's Dudelsack.


In der Urzeit hatte Altvater gar viel zu thun, die Welt in Ordnung zu
bringen, und das nahm ihm vom Morgen bis zum Abend alle seine Zeit, so
da er Manches nicht beachtete, was hier und da hinter seinem Rcken
vorging. Riesen standen schon von Anbeginn der Welt wider einander, was
gar oft die Ruhe strte. So hatten Pikne und der alte Thi[56] eine
Zeitlang ihre Kraft aneinander versucht und darum gekmpft, wer von
Beiden die Oberhand gewnne. Obwohl die Mnner Tag und Nacht einander
auflauerten und sich schier die Kpfe zerbrachen, ob sie einen
Gewaltstreich verben oder List anwenden sollten -- so hatten sie doch
noch nicht den passenden Augenblick zur Ausfhrung ihrer Anschlge
gefunden. Da traf es sich einmal, da Pikne, von dem bestndigen Wachen
mde geworden, eingenickt war und bald wie ein Sack schlief;
unglcklicherweise hatte er vergessen, sich seinen Dudelsack zu Hupten
zu legen, wo das Instrument sonst immer seinen Platz fand. Der tiefe
Schlaf verschlo ihm Augen und Ohren so fest, da der Mann weder sah
noch hrte, was in seiner Nhe vorging. Der alte Thi, der dem Feinde
fast immer auf Schritt und Tritt nachsprte, fand den Pikne schlafend,
trat sachte auf den Zehen heran, nahm den Dudelsack von der Seite des
Schlafenden und machte sich mit seinem Raube auf die Socken. Dadurch
hoffte er jetzt des Donnerer's Vater am meisten zu rgern und die Macht
desselben zu schwchen, da er das Werkzeug versteckte, welches bis
dahin das schlimmste Zchtigungsmittel fr die Bewohner der Hlle
gewesen war. Als nun Pikne, aus dem Schlafe erwachend, die Augen weit
aufsperrte, sah er alsbald, welch einen Verlust ihm, derweil er schlief,
der Feind verursacht hatte. Da kein Andrer als der alte Thi den
Dudelsack hatte stehlen knnen, das war ihm gleich klar; allein wie
sollte er es anfangen, das ihm gestohlene Eigenthum den Klauen des
Diebes wieder zu entreien? Wohl htte er Altvater die Sache mit den
Diebstahl klagen und ihn um Hlfe bitten knnen, aber dadurch htte er
seine eigene Sorglosigkeit verrathen, und Altvater htte ihn im Zorn
noch obendrein gezchtigt. Diese Gedanken machten dem Pikne eine
Zeitlang viel Sorge, und er flchtete sich meist an einsame Orte, wo
Niemand ihn zu Gesicht bekam. Der alte Thi nun, der sonst ungeschlacht
wie ein Kalb und in allen Stcken einfltig war, hatte doch seine Haut
immer vor Pikne zu wahren gewut. Sonst frchtete er Pikne's Dudelsack
wie die Pest, so da er schon von weitem davon lief; jetzt aber konnte
er schon etwas mehr wagen. Er kannte manches heimliche Schlupfloch, wo
Pikne's Pfeile ihm nichts anhaben konnten: auf dem Meeresgrunde konnte
er vor Pikne ohne Sorge sein. Pikne dachte gleich, als er des alten
Thi Tagelang nicht ansichtig wurde, da er irgendwo unter dem Wasser
versteckt se, doch fand er immer keinen zweckmigen Plan, wie er des
Feindes habhaft werden und ihm den Dudelsack wieder abnehmen knnte. Da
hatte er eines Tages pltzlich einen prchtigen Einfall, mit dessen
Ausfhrung er auch nicht sumte. Er nahm die Gestalt eines kleinen
Knaben an, ging frh Morgens in ein Dorf am Strande und forschte dort
nach, ob es nicht mglich sei, irgendwo bei einem Fischer in Dienst zu
treten.

Ein wohlhabender Fischer, Namens Lijon, sagte, nachdem er des feinen
Knaben Rede angehrt: Eine Viehherde habe ich nun zwar nicht, wo ich
deinesgleichen brauchen knnte, aber ich will dich auf Probe nehmen, ob
man aus dir nicht mit der Zeit einen Gehlfen beim Fischfang machen
kann. Du siehst mir ganz aus wie ein Geschpf von klugem Geiste, wenn du
nun auch fleiig und folgsam sein wirst, so knnen wir leicht Handels
einig werden. Als er am folgenden Morgen an den See ging, nahm er den
Knaben mit, und lehrte ihn mit Angel und Netzen umzugehen und alle
brigen Obliegenheiten eines Fischers zu besorgen. Schon nach einigen
Tagen fand er, da ihm der muntere Lehrling von Nutzen war, der alle
Handgriffe leicht auffate und seinem Herrn auf jedem Schritt behlflich
zu sein wute. Allmlig wurde der Knabe gleichsam seine rechte Hand, so
da der Fischer gar nicht mehr allein auf den Fischfang ging. Die
anderen Fischer nannten den Knaben spttisch Lijon's Pudel. Der Knabe
aber nahm den Spitznamen gar nicht bel, sondern freute sich des
unverhofften Glckes, da er jetzt tglich vom Morgen bis zum Abend auf
dem Wasser fahren konnte, wo der Feind sich doch sicher irgendwo auf
dem Grunde versteckt hielt.

Jetzt traf es sich, da der alte Thi seinem Sohne Hochzeit machen und
den Hochzeitsgsten prchtige Feste geben wollte, so da die Leute noch
lange von seinem Reichthum zu erzhlen htten; -- Eitelkeit ist fr den
Teufel der schlimmste Kitzel! Der alte Hllenvater streckte die Pfoten
berall hin, wo er einen Fang zu thun hoffte, am meisten aber trachtete
er, das Getreide von solchen Feldern zu schneiden, auf welchen Andere
geset hatten, so da er keine weitere Mhe hatte, als den Flei Anderer
einzusacken. So gerieth er eines Tages auch an den See, dahin, wo der
Fischer in der Nacht seine Netze ausgelegt hatte. Er holte sich eben
gemchlich die Fische aus den Maschen heraus, als der Fischer mit dem
Knaben kam, um die Netze herauszuziehen. Des Knaben Luchsauge hatte mit
Blitzesschnelle schon von weitem den Feind unter dem Wasser erblickt. Er
zog seinen Herrn bei Seite und flsterte ihm in's Ohr, woran es lge,
da ihr Fang in den letzten Tagen so schlecht ausgefallen sei. Eine
Diebshand fuschelt jetzt eben am Netze herum -- sagte er, indem er mit
ausgestrecktem Finger des Wirths Auge auf den Dieb lenkte, der eben auf
dem Grunde des See's bei der Arbeit war und die Kommenden nicht
bemerkte. Aber Lijon war ein gewiegter Zauberknstler, der eine
Diebspfote auf frischer That zu bannen wute, so da der Dieb nicht
hoffen konnte, ohne ihn wieder loszukommen. Als er alle geheimen Bruche
der Ordnung nach vollzogen hatte, ging er mit dem Knaben wieder heim und
sagte scherzend: Mag er bis morgen frh die Fische zahlen, wie viel
ihrer in's Netz gegangen sind! Als man am andern Morgen an den See kam,
um die Netze herauszuziehen, wurde Altvterchen Thi in der Schlinge
festgemacht gefunden, und konnte sich nicht losmachen, sondern war
gentigt, dem Fischer unter die Augen zu treten. Als nun sein Kopf mit
dem Netze auf die Oberflche des Wassers stieg, versetzte ihm der
Fischer mit dem Ruder von Ebereschenholz gleich einige Hiebe zum Gru,
da dem Mnnlein die Ohren sausten. Am Ufer nahmen dann Beide, der
Fischer und sein Knabe, die Knttel zur Hand und machten sich daran, dem
Diebe seinen Lohn auszuzahlen. Obgleich der Knabe von schmchtigem
Krperbau zu sein schien, so schmeckten doch seine Hiebe so bitter, da
sie dem alten Thi durch Mark und Bein gingen und ihm den Athem zu
benehmen drohten. Da begann Thi zu schreien und zu flehen: Vergieb mir
diesmal, Brderchen, und hre nur meine Entschuldigung an. Noth treibt
den Ochsen an den Brunnen, und Noth trieb auch mich Armen jetzt an dein
Netz. Mir steht zu Hause des Sohnes Hochzeit bevor, die, wie du wohl
weit, sich ohne Fische nicht ausrichten lt. Und da ich selbst keine
Netze hatte, mute ich schon einige Fische aus deinen Netzen auf Borg
nehmen. Dies war mein erstes Vergehen gegen dich und soll auch mein
letztes bleiben. Ich will mein Lebtag das Bad nicht vergessen, das ihr
mir heute eingeheizt habt. Dein Knabe hat mich so wacker gequstet, da
ich meine Knochen nicht fhle und nicht Hand noch Fu regen kann. Der
Fischer erwiederte: Mag denn unser Handel diesmal abgemacht sein. Du
kennst jetzt meine Netze und wirst dich sicherlich ein ander Mal vor
ihnen zu hten wissen. Nimm den Fischsack auf den Rcken, und dann geh
mir flink aus den Augen, da ich deine Fersen nicht mehr sehe, oder aber
--! Bei diesen Worten zeigte er ihm den Stock. Der alte Thi kte dem
Fischer die Fe zum Dank dafr, da er so leichten Kaufes losgekommen
war. Obwohl er aber schon ber ein Fuder fremder Fische im Sacke hatte,
so gelstete es ihn doch, noch einen Fisch zu fangen, den er fr das
allerkstlichste Gericht hielt. Mit Honigworten begann er den Fischer zu
bitten, auf seines Sohnes Hochzeit zu Gast zu kommen, denn er hoffte
dort mit Gewalt oder mit List der Seele des Fischers habhaft zu werden.
Der Fischer versprach zu kommen, wenn er auch den Knaben mitbringen
knnte. Der alte Thi dachte: Vortrefflich, das Glck scheint mir
gnstiger zu sein, als ich mir vorstellte, hier werden mir zwei fr
einen geboten. Meinethalben bringe den Bengel mit, wenn du allein
nicht kommen willst! rief er Abschied nehmend und schleppte seine vor
Schmerz steif gewordenen Glieder weiter.

Obwohl der alte Thi nun gewhnlich durch und durch ein Filz ist, so
richtete er doch seinem Sohne eine prchtige Hochzeit aus, wo es an
Nichts fehlte, sondern Ueberflu, Glanz und Jubel auf Schritt und Tritt
sich vor den Augen der Gste entfalteten. Thi zeigte ihnen seinen
unermelichen Reichthum an Geld und Schtzen, womit in seinen Speichern
Kisten und Kasten bis zum Rande angefllt waren. Er lie auch mancherlei
wundersame Instrumente spielen und noch wundersamere Tnze auffhren,
wie es Niemand sonst verstand, als eben nur sein Hausgesinde. Bitte ihn
doch, da er den Dudelsack herausnimmt, der hinter sieben Schlssern
liegt, und uns darauf eine Weise vorspielen lt! sagte der Knabe
heimlich zu seinem Herrn. Der Fischer kam seinem Wunsche nach und begann
sofort dem Hllenvater anzuliegen, da er ihnen seinen wunderbaren
Dudelsack zeige und den Hochzeitsgsten zur Lust ein Stcklein darauf
spielen lasse.

Der alte Thi ging, ohne etwas zu ahnen, zum zweitenmal in die Halle. Er
holte des Himmelsdonnerers Dudelsack hinter sieben Schlssern hervor,
legte seine fnf Finger an den Hals desselben und fing an aus
Leibeskrften zu blasen. Aber sein Spiel gab einen grulichen Klang.
Werdet nicht bse und nehmt es nicht bel, wenn ich euch geradeaus
sage, da aus euch kein Meister auf dem Dudelsack mehr wird; mein
Hirtenknabe knnte es wohl besser machen. Ja ihr knntet bei ihm noch
alle Tage in die Lehre gehen. Thi, der keinen Betrug witterte, gab dem
Knaben den Dudelsack in die Hand. Ob man da ein Wunder sah! Statt des
Knaben steht pltzlich der alte Pikne selber da und blst den Dudelsack
so gewaltig, da der bse Geist mit sammt seinem Gesinde zu Boden
strzt. Pikne eilte darauf mit dem Fischer von dannen, sehr erfreut, da
ihnen die List so vortrefflich gelungen war.

Als sie eine Strecke Weges zurckgelegt hatten, setzten sie sich Beide
auf den Rand eines breiten Steines, um auszuruhen. Hier begann Pikne zur
Lust den Dudelsack zu blasen, worauf er dann dem Fischer erzhlte, was
fr Listen er angewandt, um seinen Dudelsack dem alten Thi wieder
abzunehmen. Whrend des Gesprches fiel pltzlich Regen, welcher die
ausgetrocknete Erde nach sieben Monden wieder erfrischte. Pikne dankte,
als er schied, seinem gewesenen Brotherrn und versprach, dessen Gebet
immer zu erhren. Von der Zeit an ist Lijon der Mittelsmann zwischen
Gttern und Menschen geworden und bis auf diesen Tag in diesem Ehrenamte
geblieben.

[Funote 56: Vgl. S. 114, Anm. 2. L.]




11. Der Zwerge[57] Streit.


Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stie auf eine kleine
Lichtung, wo drei Zwerge in argem Streite miteinander begriffen waren.
Sie schlugen, stieen, bissen einander, traten sich mit Fen und
packten sich an den Haaren, da es grulich anzusehen war. Der Mann trat
nher und fragte, worber ihr Zank sich entsponnen. Sehr gut, Bauer,
da du gekommen bist, schrieen die Zwerge -- du kannst Richter sein
und unsern Zank schlichten! Der Mann sagte: Erst erzhlt mir die
Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit
nicht Alle zugleich, sondern Einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich
aus dem, was ihr vorbringt, klug werde. -- Sehr wohl, erwiederte
Einer der Zwerge. Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit
erklren. Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brder wollten
jetzt seine Erbschaft untereinander theilen; und daraus entstand der
Zank. Der Mann fragte: Was fr eine Erbschaft hinterlie euch denn der
Vater? -- Hier ist seine ganze Verlassenschaft, erwiederte der
wortfhrende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar
Bastschuhe und einen tchtigen Knttel.

Seid doch nicht unvernnftig, sagte der Mann, sind denn diese
unntzen Dinge des Zankes werth? Ein Klgerer wrde sie alle zusammen
auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so theilt
denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen,
also nehme Einer den Hut, der Andere die Bastschuhe und der Dritte den
Stock, so ist die Sache in Ordnung. Das geht nicht! schrieen die
Zwerge. Diese Dinge darf Niemand theilen, sonst schwindet die geheime
Kraft daraus; die Dinge mssen ungetrennt bleiben. Der Mann erkundigte
sich nun weiter, warum man diese unntzen Dinge nicht trennen drfe, und
Einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:

Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da sehet, ist fr den,
der ihn trgt, der grte Schatz.[58] Wenn er den Hut auf hat, so sieht
er Alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder
unsichtbar; -- ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken
der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will
nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu thun, als den
Fu aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewnschte Sttte.
Nimmt der Trger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand
und schlgt damit durch die Luft, so mu Alles vor ihm schmelzen, es sei
Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst bse Geister
mssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mchtiger als der
Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr sehet nun selbst, da man diese drei
Dinge nicht trennen darf, sondern wir mssen uns ihrer der Reihe nach
bedienen, der Eine heute, der Andere morgen und der Dritte bermorgen.

Die Sache scheint spahaft genug, sagte der Mann, dem beim Anhren
dieser Erzhlung ein guter Gedanke aufstieg. Wenn ich aber euren
Erbschaftsstreit schlichten soll, so mu ich erst probiren, ob auch
Alles wahr ist, was ihr sagt. -- Das kannst du thun, riefen die
Zwerge wie aus einem Munde, aber beeile dich. Heute wird in Kurland
gerade eine prchtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft
und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir mchten auch dahin. Der
Mann erwiederte: Das knnt ihr ja leicht machen, wenn die gerhmte
Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt. Darauf nahm er zuerst den
alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, da derselbe nicht aus Filz
gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Ngelschnitzeln[59]
bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prchtige Hochzeit in
Kurland gewahr und Alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah.
Drauf sagte er zu den Zwergen: Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt
mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rcken zu
mir und das Gesicht gegen Morgen gewendet, aber seht euch nicht eher um,
als bis ich euch den Bescheid ertheile, wie ihr eure Zauberdinge dem
Willen des Vaters gem theilen msset. -- Die einfltigen Zwerge
erfllten ohne Widerrede des Richters Gehei, kehrten das Gesicht nach
Morgen und wandten ihm den Rcken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe
und die Bastschuhe an den Fen hatte, schwang er den Knttel ein paar
Mal in der Luft um und lie ihn dann hart auf die Zwerge fallen.
Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter
von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem
Frauenmantel-Blatt,[60] auf welchem die Mnnlein gestanden hatten.

Da ihm das erste Probestck so gut gelungen war, beschlo der Mann sich
nach Kurland zur Hochzeit zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fu
auf und rief: Zur kurischen Hochzeit! und war in demselben Augenblicke
auf dem Feste angekommen. Da fand er eine groe Menge Menschen
versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein
vielgenannter reicher Wirth. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes
eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur
Decke emporhob, da sich an derselben und auf den Drrstangen[61] ein
Schwarm kleiner Gste befand, deren Menge viel grer zu sein schien,
als die der eingeladenen Gste unten. Auer ihm aber konnte niemand das
kleine Volk sehen. Die Kleinen flsterten: Seht doch! der alte Ohm ist
auch zur Hochzeit gekommen. -- Nein! riefen andere dagegen, -- der
fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm
selbst ist nicht hier. Inzwischen wurden die Schsseln mit den Speisen
aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was
von den Uebrigen niemand bemerkte, da mit einer wunderbaren
Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schsseln herausgenommen und
schlechtere dafr hineingethan wurden.[62] Eben so ging es mit den
Kannen und Flaschen. Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn,
trat mit schicklichem Gru zu ihm und sagte: Nehmt es nicht bel, da
ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.
Seid willkommen, entgegnete der Wirth --Speise und Trank haben wir
genug, so da uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lstig fallen
kann. Der Allsichtige versetzte: Ich will es glauben, da ein Gast
mehr oder weniger hier nicht lstig fllt, wenn aber die Zahl der
ungebetenen Gste die der gebetenen bersteigt, da kann doch auch der
reichste Wirth zu kurz kommen. Ich verstehe eure Rede nicht, sagte
der Wirth. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: Setzet meinen Hut
auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen. Der
Wirth that es, und als er sah, was fr Streiche die kleinen Gste mit
der Mahlzeit verbten, wurde er todtenbleich und rief mit zitternder
Stimme: Ei, Freundchen! von diesen Gsten hat meine Seele nichts
gewut; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie
knnte ich sie wohl los werden? Der Eigner des Hutes erwiederte: Ich
will euch die kleinen Gste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die
geladenen Gste auf kurze Zeit hinausfhren, Thren und Fenster
sorgfltig verschlieen und dafr sorgen wollt, da nirgends ein Astloch
oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt. Obwohl der Festgeber
dem Dinge nicht recht traute, so that er doch was der Fremde gewnscht
hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen.

Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gsten
gerumt, Thren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfltig verschlossen,
und der Allsichtige war mit den kleinen Gsten allein. Da begann er
seinen Knttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, da
es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar
der kleinen Gste vernichtet, und an der Diele lagen so viele
Wassertropfen, als wenn es stark geregnet htte. Nur ein Bohrloch war
zufllig unverstopft geblieben, dahinaus schlpfte eins der Zwerglein,
wiewohl der Knttel den Flchtling noch gestreift hatte. Dieser sthnte
auf dem Hofe: Ai, ai, was fr ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich
die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen
diesen Knttel.

Als der Wirth mit Hlfe des Wunderhutes sich berzeugt hatte, da das
Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gste wieder
einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen
Gedanken der Hochzeitsgste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts
ahndeten. Der Brutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines
Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mdchen
mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann
und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. -- Jammerschade, da in unsern
Tagen solche Hte nirgends mehr zu finden sind.

[Funote 57: Wrtlich: Ochsenknieleute. L.]

[Funote 58: S. die Nota auf der folgenden S. L.]

[Funote 59: Dieser Hut stammt aus der Unterwelt. S. Kalewipog =XIII=,
831 ff. Er hat zehn Gewalten, unter andern die Kraft, den Krper
auszudehnen und zusammenzuziehen. Der Kalewsohn, der sich des Hutes
bemchtigt hatte, beginnt den Ringkampf mit dem Hllenfrsten
(Gehrnten, =sarwik=) in verschrumpfter gewhnlicher Mannslnge, als aber
der Kampf ihn schwcht, lt er sich durch den Hut wieder zum Riesen
machen, hebt den Gehrnten zehn Klafter hoch und stampft ihn in den
Boden. =XIV=, 811 ff. Darauf mu der Hut, der auch Wunschhut heit, ihn
und die drei in der Hlle gefangen gehaltenen Schwestern sammt den
Hllenschtzen auf die Oberwelt versetzen; im Uebermuthe verbrennt der
Kalewsohn sodann den Schnitzel- oder Wnschelhut. Darber klagen die
Schwestern:

    Warum, starker Sohn des Kalew,
    Hast den lieben Hut zerstrt du?
    Auf der Erden, in der Hlle
    Flicht man nie mehr einen solchen.
    Todt sind fortan alle Wnsche
    Und vergeblich alles Sehnen =ibid=. 909. ff.

Noch jetzt herrscht im Werroschen der Gebrauch, da man nach dem
Beschneiden der Ngel an Fingern und Zehen mit dem Messer ein Kreuz ber
die Abschnitzel zieht, ehe man sie wegwirft, sonst soll der Teufel sich
Mtzenschirme daraus machen. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 139. L.]

[Funote 60: Vgl. im Mrchen 4. vom Tontlawald S. 64. L.]

[Funote 61: Diese ruhen auf Querbalken, ziehen sich unter der
Zimmerdecke hin und haben in der Mitte eine Oeffnung, durch welche das
geschnittene Korn nach beiden Seiten hin zum Drren geschoben wird. L.]

[Funote 62: Vgl. das Mrchen 8. vom Schlaukopf, wo der Teufel
smmtliche Speisen und Getrnke durch sein Kosten verschwinden lt.
L.]




12. Die Galgenmnnlein.


Ein Prediger suchte schon seit einiger Zeit einen Knecht, der neben
seinen andern Geschften auch die Verpflichtung bernehmen sollte,
allmitternchtlich die Kirchenglocke zu luten. Zwar hatten schon viele
und zum Theil sehr brauchbare Mnner den Dienst angenommen, allein
sobald sie sich aufgemacht hatten, um das nchtliche Luten zu besorgen,
waren sie pltzlich wie in die Erde gesunken; kein Glockenschlag war zu
hren, und kein Glckner kam zurck. Der Prediger hielt die Sache sehr
geheim, aber das pltzliche Verschwinden so vieler Menschen wurde doch
allmhlich ruchbar, und es wollte Niemand mehr bei ihm dienen.

Je bekannter die Sache wurde, desto bedenklicher schttelten die Leute
den Kopf, und es fehlte auch nicht an bsen Zungen, welche aussprengten,
da der Prediger selber die Knechte umgebracht habe. Nothgedrungen hatte
er jetzt verdoppelten Lohn nebst guter Kost angeboten. Monate lang hatte
er jeden Sonntag nach der Predigt von der Kanzel herab verkndet: Ich
brauche einen tchtigen Knecht, verspreche reichlichen Lohn, gute
Nahrung u. s. w. -- es war aber immer erfolglos geblieben. Da kommt
eines Tages der schlaue Hans und bietet sich an; er hatte zuletzt bei
einem geizigen Herrn gedient, darum zog ihn das Versprechen guter
Nahrung zu dem Geistlichen, und er wollte den Dienst gleich antreten.
Ganz wohl, mein Sohn, sagte der Prediger: wenn es dir an Muth und
Gottvertrauen nicht fehlt, so kannst du schon diese Nacht dein
Probestck ablegen. Morgen wollen wir dann den Dienstvertrag
abschlieen.

Hans war damit zufrieden, ging in die Gesinde-Stube und machte sich um
seinen neuen Dienst keine Sorge. Der Prediger war ein Geizhals und ward
immer verdrielich, wenn das Gesinde zu viel a, dehalb kam er meist
whrend der Mahlzeit herein, weil er hoffte, die Leute wrden in seiner
Gegenwart weniger dreist zulangen. Er ermahnte das Gesinde, zwischen dem
Essen recht oft zu trinken, denn er meinte, je mehr Flssiges Einer im
Magen habe, desto weniger Platz werde fr Brot und Zukost brig bleiben.
Hans aber war schlauer als sein Herr, er leerte den Krug auf einen Zug
und sagte: Das macht noch einmal so viel Platz fr die Speise. Der
Prediger whnte, da sich die Sache wirklich so verhalte, und forderte
seitdem seine Leute nicht mehr zum Trinken auf. Hans aber lachte
innerlich, da ihm das Schelmstck gelungen war.

Etwa eine Stunde vor Mitternacht ging Hans in die Kirche. Er fand sie
inwendig erleuchtet und war ein wenig verwundert, als er beim Eintreten
eine zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche nicht die Andacht hier
zusammengefhrt hatte. Die Leute saen um einen langen Tisch und
spielten Karten. Hans empfand keine Furcht, oder, wenn er etwas davon
versprte, so war er doch klug genug, es sich nicht merken zu lassen. Er
ging dreist an den Tisch und setzte sich zu den Spielern. Einer
derselben bemerkte ihn und fragte: Freundchen, was hast du hier zu
suchen? Hans sah ihn eine Weile gro an und sagte dann lachend: Du
Naseweis solltest dir lieber das Maul stopfen! Wenn Jemand hier ein
Recht hat zu fragen, so meine ich es zu sein. Wenn ich mich meines
Rechtes nicht bediene, so wre es fr euch gewi das Gescheuteste, euer
vorlautes Maul zu stopfen!

Darauf nahm Hans Karten zur Hand und spielte mit den unbekannten
Mnnern, als wren es seine besten Freunde. Er hatte viel Glck, denn
sein Einsatz verdoppelte sich ihm, und dadurch wurden manchem seiner
Mitspieler die Taschen geleert. Da hrte man einen Hahnenschrei,
Mitternacht mute angebrochen sein, pltzlich erloschen die Lichter und
im Nu waren die Spieler sammt Tisch und Bnken verschwunden. Hans mute
in der dunklen Kirche eine Zeitlang herumtappen, bis er endlich den
Eingang zur Thurmtreppe fand.

Als er den ersten Absatz hinauf geklettert war, sah er auf der obersten
Stufe ein Mnnlein sitzen, dem der Kopf fehlte. Hoho, mein Kleiner, was
hast du hier zu suchen? fragte Hans, und versetzte ihm, ohne die
Antwort abzuwarten, einen so derben Futritt in den Nacken, da das
Mnnlein die lange Treppe hinunter rollte. Auf der zweiten, dritten und
vierten Treppe fand er eben solche stumme Wchter, und lie sie einen
nach dem andern hinunterpurzeln, da ihnen alle Knochen im Leibe
knackten.

Endlich war Hans ungehindert zur Glocke gelangt. Als er hinauf sah, um
sich zu berzeugen, da Alles in gehrigem Stande sei, erblickte er noch
ein kopfloses Mnnlein, das zusammengekauert in der Glocke sa. Es hatte
den Glockenklppel losgemacht und schien darauf zu warten, da Hans den
Glockenstrang anzge, um ihm dann den schweren Klppel auf den Kopf zu
schmeien, was dem Glckner sicher den Tod gebracht htte.

Halt, Freundchen! rief Hans -- so haben wir nicht gewettet. Du hast
wohl gesehen, wie ich deine kleinen Kameraden, ohne ihre eigenen
Beinchen zu bemhen, die Treppe habe hinunter rollen lassen? Gleich
sollst du hinter ihnen her fliegen. Aber weil du am hchsten sitzest,
sollst du auch die stolzeste Fahrt machen, ich will dich zur Luke
hinauswerfen, da dir die Lust vergehen soll, wiederzukommen.

Mit diesen Worten setzte er die Leiter an, um den Kleinen aus der Glocke
heraus zu holen und seine Drohung wahr zu machen. Das Mnnlein erkannte
die Gefahr, in der es schwebte, und fing an zu bitten: Brderchen!
schone mein armes Leben! Dafr will ich dir fest versprechen, da weder
ich noch meine Kameraden dich je wieder beim nchtlichen Luten stren
sollen. Wohl bin ich klein und unansehnlich, allein wer wei, ob es sich
nicht einmal fgt, da ich dir fr deine Wohlthat mehr erstatten kann,
als einen Bettlerdank.

Du winziger Knirps! lachte Hans. Deine Dankesgabe wird eine Mcke auf
ihrem Schwanze fortbringen knnen! Aber da ich heute gerade bei guter
Laune bin, so magst du am Leben bleiben. Doch hte dich, mir wieder in
die Quere zu kommen, ich mchte sonst ein zweites Mal nicht mit dir
spaen. Das kopflose Mnnlein dankte demthig, kletterte wie ein
Eichhrnchen an dem Glockenstrang herab und lief die Thurmtreppe
herunter, als htte es Feuer in der Tasche. Hans lutete jetzt nach
Herzenslust.

Als der Pfarrer um Mitternacht die Kirchenglocke hrte, verwunderte er
sich und war froh, da er doch endlich einen Knecht gefunden, der das
Probestck glcklich zu Stande gebracht hatte. Hans ging nach gethaner
Arbeit auf den Heuboden und legte sich schlafen.

Der Pfarrer pflegte frh am Morgen aufzustehen, um nachzusehen, ob die
Leute bei ihrer Arbeit seien. Alle waren an ihrem Platze, nur der neue
Knecht fehlte, und keiner wollte ihn gesehen haben. Als nun
Mittmorgen[63] vorber war, und es eilf Uhr wurde und Hans noch immer
nicht erschien, da ward dem Pfarrer bange und er glaubte nicht anders,
als da der Glckner sein Ende gefunden habe, wie seine Vorgnger. Als
aber das Gesinde durch das Klopfbrett zum Mittagessen zusammengerufen
wurde, kam auch Hans zum Vorschein. Wo bist du den ganzen Vormittag
gewesen? fragte der Pfarrer. Ich habe geschlafen, antwortete Hans
ghnend.

Geschlafen! rief der Pfarrer erstaunt. Du wirst doch nicht meinen,
da du alle Tage bis Mittag schlafen kannst?

Ich meine, erwiederte Hans, das ist so klar wie Quellwasser. Niemand
kann zweien Herren dienen. Wer Nachts arbeitet, der mu am Tage
schlafen, so wie fr den Tagarbeiter die Nacht zur Ruhe gemacht ist.
Nehmt mir das nchtliche Glockenluten ab, so bin ich bereit, mit
Sonnenaufgang an die Arbeit zu gehen. Wenn ich aber Nachts die Glocke
luten soll, so mu ich am Tage schlafen, zum allermindesten bis
Mittag.

Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, wurden sie endlich ber
folgende Bedingungen einig. Hans sollte von dem nchtlichen Luten
befreit werden, und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, nach
Mittmorgen eine halbe und nach dem Mittagsessen eine ganze Stunde
schlafen; den Sonntag aber ganz frei sein. Aber, sagte der Pfarrer,
bisweilen knnten doch noch Kleinigkeiten vorfallen, besonders im
Winter, wo die Tage kurz sind, und die Arbeit wrde dann lnger dauern.
--Mit nichten, rief Hans, -- dafr sind im Sommer die Tage wieder
lang.[64] Ich werde nicht mehr thun, als wozu ich verpflichtet bin,
nmlich an Werkeltagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten.

Einige Zeit darauf wurde der Pfarrer gebeten, zu einer groen Kindtaufe
zur Stadt zu kommen. Die Stadt war nur einige Stunden weit vom Pfarrhof,
dennoch nahm Hans den Brotsack mit. Weswegen thust du das? fragte der
Prediger, wir werden ja zum Abend in der Stadt sein. Hans antwortete:
Wer kann Alles vorher wissen? unterwegs kann so Manches vorfallen, was
unsere Fahrt verzgert, und ihr kennt unsern Contract, nach welchem ich
nur bis Sonnenuntergang verpflichtet bin, euch zu bedienen. Sollte die
Sonne untergehen, ehe wir die Stadt erreichen, so mtet ihr schon
allein weiter fahren.

Da der Pfarrer diese Rede fr Scherz hielt, gab er ihm keine Antwort,
und sie fuhren ab. Kurz vorher war frischer Schnee gefallen, den der
Wind zusammengeweht hatte, so da der Weg stellenweise verschttet war
und schnelles Fahren unmglich machte. Unweit der Stadt muten sie durch
einen groen Wald. Als sie ihn erreicht hatten, lag die Sonne schon auf
den Wipfeln der Bume. Die Pferde schleppten sich langsam Schritt fr
Schritt durch den tiefen Schnee, und Hans drehte sich fter nach der
Sonne um. Warum siehst du so oft hinter dich? fragte der Pfarrer.
Weil ich im Nacken keine Augen habe, erwiederte Hans. La jetzt deine
Narrenspossen, sagte der Pfarrer, und sieh' zu, da wir in die Stadt
kommen, ehe es ganz finster wird. Hans fuhr weiter, ohne ein Wort zu
verlieren, unterlie aber nicht, von Zeit zu Zeit die Sonne zu
beobachten.

Sie mochten etwa in der Mitte des Waldes sein, als die Sonne unterging.
Hans hielt die Pferde an, nahm seinen Brotsack und stieg aus dem
Schlitten. Nun Hans, bist du toll geworden? was machst du? fragte der
Seelenhirt. Aber Hans gab ruhig zur Antwort: Ich will mir hier ein
Nachtlager zurecht machen, die Sonne ist untergegangen, und meine
Arbeitszeit ist um. Sein Brotherr that alles Mgliche, er bat und
drohte abwechselnd, als aber Alles nichts half, versprach er ihm
zuletzt ein gutes Trinkgeld und eine Zulage zum Jahreslohn. Schmt ihr
euch nicht, Herr Pastor! sagte Hans --wollt ihr der Versucher sein und
mich vom rechten Wege abbringen, so da ich gegen die Abmachung handle?
Alle Schtze der Welt knnen mich dazu nicht verlocken; man fat den
Mann beim Wort, wie den Ochsen beim Horn. Wollt ihr noch heut Abend zur
Stadt, so fahret in Gottes Namen allein, ich kann nicht weiter mit euch
kommen, denn meine Dienst-Stunden sind abgelaufen.

Mein lieber Hans, Goldjunge! sagte jetzt der Pfarrer, ich darf dich
hier nicht allein lassen. Blick' nur um dich, so wirst du sehen, in
welche Gefahr du dich muthwillig begiebst. Dort ist der Richtplatz mit
dem Galgen, es hngen zwei Missethter daran, deren Seelen in der Hlle
brennen. Du wirst doch nicht in der Nhe solcher Gesellen die Nacht
zubringen wollen? Warum denn nicht? fragte Hans. Die Galgenvgel
hngen oben in der Luft, ich nehme mein Nachtlager unten auf der Erde,
da knnen wir uns einander nichts anhaben. Mit diesen Worten kehrte er
seinem Herrn den Rcken und ging mit seinem Brotsack davon.

Wollte der Pfarrer die Taufgebhren nicht einben, so mute er allein
zur Stadt fahren. Hier war man nicht wenig erstaunt, ihn ohne Kutscher
ankommen zu sehen; als er aber seine wunderliche Unterhaltung mit Hans
erzhlt hatte, wuten die Leute nicht, wen sie fr den grten Thoren
halten sollten, ob den Herrn oder den Diener.

Hansen war es gleichgltig, was die Leute von ihm dachten oder sagten.
Mit Hlfe seines Brotsacks hatte er die Forderungen seines Magens
befriedigt, dann zndete er sich seinen Nasenwrmer (Pfeife) an, machte
unter einer breiten stigen Fichte sein Lager zurecht, wickelte sich in
seinen warmen Pelz und schlief ein. Einige Stunden mochte er geschlafen
haben, als ein pltzlicher Lrm ihn aufweckte. Die Nacht war mondhell.
Dicht neben seinem Lager standen zwei kopflose Mnnlein unter der Fichte
und fhrten zornige Reden. Hans richtete sich in die Hhe, um besser zu
sehen, aber in demselben Augenblick riefen die Mnnlein: Er ist es, er
ist es! Der eine trat dann nher an Hansen's Lager und sagte: Alter
Freund! ein glcklicher Zufall fhrt uns zusammen. Meine Knochen thun
mir noch weh von der Thurmtreppe her in der Kirche, du hast wohl die
Geschichte nicht vergessen? dafr sollen heute deine Knochen dermaen
bearbeitet werden, da du Wochenlang an unser Zusammentreffen denken
sollst. He! Gesellen! Holt aus und macht euch dran!

Wie ein dichter Mckenschwarm sprangen nun von allen Seiten die
kopflosen Mnnlein herbei, Alle mit tchtigen prgeln bewaffnet, die
grer waren als ihre Trger. Die Masse dieser kleinen Feinde drohte
Gefahr, denn ihre Schlge fielen so hart, da ein starker Mann kaum
bessere htte fhren knnen. Hans glaubte, sein letztes Stndlein sei
gekommen; einem so zahlreichen Feindeshaufen konnte er keinen Widerstand
leisten. Sein Glck war es, da gerade, als das Prgeln im besten Gange
war, noch ein Mnnlein dazu kam. Haltet ein, haltet ein, Kameraden!
rief er den Seinigen zu. Dieser Mann war einst mein Wohlthter und ich
bin sein Schuldner. Er schenkte mir das Leben, als ich in seiner Gewalt
war. Hat er einige von euch unsanft die Treppe hinunter geworfen, so ist
doch glcklicher Weise keiner lahm geworden. Das warme Bad hat die
zerschlagenen Glieder lngst wieder geschmeidigt, darum verzeiht ihm und
geht nach Hause.

Die kopflosen Mnnlein lieen sich leicht durch ihren Kameraden
beschwichtigen und gingen still fort. Hans erkannte jetzt in seinem
Retter den nchtlichen Geist in der Kirchenglocke. Dieser setzte sich
nun unter der Fichte neben Hans nieder und sagte: Damals verlachtest du
mich, als ich dir sagte, vielleicht komme einmal eine Zeit, wo ich dir
ntzlich werden knnte. Heute ist ein solcher Augenblick nun
eingetreten, und daraus lerne, da man auch das kleinste Geschpf auf
der Welt nicht verachten darf. Ich danke dir von Herzen, sagte Hans
-- meine Knochen sind von ihren Schlgen wie zermalmt, und ich htte
das Bad leicht mit dem Leben bezahlen knnen, wenn du nicht zu rechter
Zeit dazu gekommen wrest.

Das kopflose Mnnlein fuhr fort: Meine Schuld wre jetzt getilgt; aber
ich will mehr thun und dir fr die erhaltenen Schlge noch
Schmerzensgeld zahlen. Du brauchst dich nicht lnger als Knecht bei
einem geizigen Pastor zu qulen. Wenn du morgen nach Hause kommst, so
geh' gleich zur nrdlichen Kirchenecke, da wirst du einen groen Stein
eingemauert finden, der nicht wie die andern mit Kalk getncht ist.
Uebermorgen Nacht haben wir Vollmond: dann brich um Mitternacht den
bezeichneten Stein mit der Brechstange aus der Mauer heraus. Unter dem
Steine wirst du einen unermelichen Schatz finden, an dem viele
Geschlechter gesammelt haben: goldenes und silbernes Kirchengerthe und
sehr viel baares Geld wurde hier, als einst eine Kriegsnoth herrschte,
vergraben. Diejenigen, welche den Schatz hier verbargen, sind schon vor
mehr als hundert Jahren alle gestorben, und keine Seele wei jetzt um
die Sache. Ein Drittel des Geldes mut du unter die Kirchspiels-Armen
vertheilen, alles Andere ist von Rechtswegen dein Eigenthum, womit du
verfahren kannst, wie es dir beliebt. In diesem Augenblicke hrte man
aus dem fernen Dorfe den Hahnenschrei und pltzlich war das kopflose
Mnnlein wie weggefegt. Hans konnte lange vor Schmerz in den Gliedern
nicht einschlafen und dachte viel ber den verborgenen Schatz; erst
gegen Morgen verfiel er in Schlummer.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Brotherr aus der Stadt
zurckkam. Hans, du warst gestern ein groer Thor, da du nicht mit mir
fuhrst, sagte der Pfarrer. Sieh', ich habe gut gegessen und getrunken
und berdies noch Geld in der Tasche. Indem er so sprach, klapperte er
mit dem Gelde, um dem Knecht das Herz noch schwerer zu machen. Hans aber
erwiederte ruhig: Ihr, geehrter Herr Pastor, habt fr das Bischen Geld
die Nacht wachen mssen, whrend ich im Schlafe hundertmal mehr verdient
habe. Zeige mir doch, was hast du verdient? fragte der Prediger. Aber
Hans antwortete: Die Narren prahlen mit ihren Kopeken, aber die Klugen
verstecken ihre Rubel.

Zu Hause angelangt, besorgte Hans rasch, was ihm oblag, spannte die
Pferde aus und warf ihnen Futter vor, ging dann um die Kirche herum und
fand an der bezeichneten Stelle den nicht getnchten Mauerstein.

In der ersten Nacht des Vollmonds, als die Andern alle schliefen,
verlie er heimlich mit einer Brechstange das Haus, brach mit vieler
Mhe den Stein heraus und fand in der That die Grube mit dem Gelde, ganz
wie das Mnnlein gesagt hatte. Am Sonntage vertheilte er den dritten
Theil unter die Armen des Kirchspiels, kndigte dann dem Prediger auf,
und da er fr die kurze Zeit keinen Lohn verlangte, so wurde er ohne
Widerrede entlassen. Hans aber zog weit weg, kaufte sich einen schnen
Bauerhof, nahm ein junges Weib und lebte dann noch viele Jahre glcklich
und in Frieden.

Zu der Zeit, als mein Grovater Hterknabe war, lebten in unserm Dorfe
noch viele alte Leute, welche den Hans gekannt hatten und die Wahrheit
dieser Geschichte bezeugen konnten.

[Funote 63: Neun Uhr. L.]

[Funote 64: Er denkt dabei an die ehstnische Redewendung: die Tage
gehen in der Richtung (zum Besten) des Wirths -- d. h. sie nehmen zu.
Dagegen: die Tage gehen in der Richtung des Knechts -- d. h. sie
nehmen ab.]





13. Wie eine Knigstochter sieben Jahre geschlafen.


Einmal war eines groen Knigs Tochter pltzlich gestorben, und Trauer
und Wehklagen erfllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Todte
eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann
(Zauberer) in die trauernde Knigsstadt. Er schlo aus der allgemeinen
Bekmmerni, da hier etwas Besonderes vorgefallen sein msse und
fragte, was denn die Bewohner so sehr drcke. Als er Auskunft erhalten
hatte, begab er sich in den kniglichen Palast, nannte sich einen weisen
Arzt und bat um Zutritt zum Knige. Schon auf der Schwelle rief er mit
starker Stimme: Die Jungfrau ist nicht todt, sondern nur mde, lat sie
eine Zeitlang ruhen. Als der Knig diesen Ausspruch gehrt hatte,
befahl er dem Fremden, nher zu treten. Der Zauberer aber sagte: Die
Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten
machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die
Zeit des Erwachens heran kommt.

Der Knig war hchlich erfreut ber diese Rede und versprach dem
Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheiung sich erfllen wrde.
Dieser machte darauf einen groen Glaskasten, legte seidene Kissen
hinein, bettete die Knigstochter darauf, schlo den Deckel und lie den
Kasten in ein groes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Thr stellen,
damit Niemand die Schlafende wecke.

Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Knige: Sendet jetzt
berall hin und lasset allen Glasvorrath aufkaufen, dann werde ich einen
Ofen bauen, der grer sein wird als eure Knigsstadt, und in welchem
wir unser Glas zu einem Berge zusammenschmelzen wollen. Wenn sechs Jahre
verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankndigt,
dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen,
da es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter
einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen
eigenen Fen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der mu euer
Schwiegersohn werden. Wenn nmlich der auserkorene Mann kommt, was
binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure
Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jngling einen goldenen Ring
geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wre es der geringste eurer
Unterthanen, ja auch eines Tagelhner's Sohn, dem mt ihr eure Tochter
zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.

Der Knig versprach, sich in allen Stcken nach dieser Vorschrift zu
richten, und gab sofort Befehl, in allen angrnzenden Lndern den
Glasvorrath anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas
beisammen, da es eine Flche von einer Meile sieben Klafter hoch
bedeckte.

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch
war, da er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der Knig
stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfgung, welche das Glas in den
Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, da Smpfe,
Flsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen
Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.

Whrend nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in
eine Bauernhtte treten, die nicht weit von der Knigsstadt liegt, und
wo ein alter Vater mit seinen drei Shnen wohnt. Die beiden lteren
Brder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jngste aber etwas
einfltig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fhlte, lie
er seine Shne vor sein Lager treten und sprach folgendermaen: Ich
fhle, da mein Heimgang herannaht, dehalb will ich euch meinen letzten
Willen kund thun. Ihr, meine lieben lteren Shne, sollt
gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide
heirathet. Die Herrschaft zweier Herdeskniginnen wrde einen Ri in's
Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: Wo sieben
unbeweibte Brder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen
zu eng; sie mssen sich zausen. Tritt aber dieser Fall ein, so sollt
ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jngster Bruder aber,
der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und
Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch
beiden meinen Geldkasten. Euer jngster Bruder ist zwar etwas kurz von
Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig
gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat. Die lteren Brder
versprachen mit trockenem Auge und gelufiger Zunge des Vaters Willen zu
erfllen, der jngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. Noch Eins
will ich sagen, fuhr der Vater fort -- wenn ich todt bin und ihr mich
begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, da
jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht. Beide lteren Brder
versprachen mit trockenem Auge und gelufiger Zunge, des Vaters Willen
zu erfllen, der jngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald
nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer
geschlossen.

Die beiden lteren Brder richteten ein groes Gastmahl an und luden
viele Gste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde.
Sie selbst waren guter Dinge und aen und tranken wie auf einer
Hochzeit, whrend ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters
stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war
dem jngsten Sohne zu Muthe, als wren nun alle Freuden abgestorben und
mit dem Vater begraben.

Spt am Abend, als die letzten Gste fortgegangen waren, fragte der
jngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen wrde.
Die andern sagten: Wir sind mde von der Besorgung des Begrbnisses,
wir knnen heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu
thun, also geh du und halte Wache.

Der jngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo
Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging
er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es
wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tnte:[65]

    Wessen Schritt ist's, der da schttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.

Der Sohn verstand die Frage und antwortete:

    Das ist ja dein jngster Knabe,
    Dessen Schritt ist's, der da schttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.

Die Stimme fragte weiter, warum die lteren Brder nicht zuerst zur
Wacht gekommen seien, worauf der jngste sie entschuldigte, sie htten,
ermdet von der Beerdigung, heute nicht kommen knnen.

Wieder hob des Vaters Stimme an: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird
bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wnschen wirst, um in
die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu knnen. Dann tritt an mein
Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhgel und
sprich: Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn fr die _erste_ nchtliche
Wacht. Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage
deinen Brdern nichts davon.

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswchter heim, frhstckte etwas, um sich
zu strken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.

Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brdern an, wer von
ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen wrde. Die Brder antworteten
spttisch: Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe
zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht
dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder
ins Leben zurckrufen. Der jngste Bruder wurde ber diese lieblose
Rede noch betrbter und verlie mit Thrnen in den Augen das Gemach.

Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die
Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen
Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hhne hatten
schon zweimal gekrht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich
vernehmen lie:

    Wessen Schritt ist's, der da schttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen?

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

    Das ist ja dein jngster Knabe,
    Dessen Schritt ist's, der da schttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.

Die Stimme fragte weiter, warum keiner der lteren Brder gekommen sei,
und der jngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu
ermdet, um zu wachen.

Wieder hob des Vaters Stimme an: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald
wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wnschen
wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur
dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den
Grabhgel und sprich: Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn fr die
_zweite_ nchtliche Wacht! Sofort wirst du einen prchtigeren Anzug und
ein schneres Pferd erhalten, so da die Leute ihre Augen nicht von dir
wegwenden mgen. Aber sage deinen Brdern nichts davon.

Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden
lteren Brder noch schlafend, frhstckte etwas, um sich zu strken,
streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon
etwas ber Mittag stand.

Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brder, wer von
ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen wrde? Sie lachten und
antworteten spttisch: Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nchte gethan hat,
der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe
nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu
stehlen. Wre er noch bei vollem Verstande gewesen, so htte er einen
Wunsch dieser Art gar nicht geuert. Der jngste Bruder war sehr
betrbt ber ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thrnenden Augen
davon.

Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nchte zuvor,
nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter
hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswchter leisen
Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hhne hatten schon
zweimal gekrht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:

    Wessen Schritt ist's, der da schttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen?

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

    Das ist ja dein jngster Knabe,
    Dessen Schritt ist's, der da schttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.

Die Stimme fragte wieder, wewegen die lteren Brder nicht gekommen
seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.

Aber des Vaters Stimme hob wieder an: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit
kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, da der Mensch, je mehr er
hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch
nach dem Tode noch Liebe erwies, mssen alle Wnsche erfllt werden.
Anfangs wollte ich meine verborgenen Schtze unter deine Brder theilen,
jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prchtigen Kleider und
Pferde, die ich dir fr die erste und zweite nchtliche Wacht zum Lohne
versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe
mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhgel und sprich: Lieber
Vater, ich bitte um meinen Lohn fr die _dritte_ nchtliche Wacht! und
augenblicklich wirst du die allerprchtigsten Kleider und die
allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf
dich blicken, deine lteren Brder werden dich beneiden und ein groer
Knig wird dich zum Schwiegersohne whlen. Aber sage deinen Brdern
nichts davon.

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswchter nach Hause und dachte bei sich
selbst: so eine Zeit wird fr mich Armen wohl niemals kommen. Als er
dann ein wenig gefrhstckt hatte, um sich zu strken, streckte er sich
auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in
den Wipfeln des Waldes stand.

Whrend er schlief, sprachen die lteren Brder untereinander: Dieser
Nachtwacher und Tagschlfer wird uns nie zu was ntzen, wozu fttern wir
ihn? Wir thten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu
Weihnacht schlachten knnen. Der lteste Bruder setzte hinzu: Werfen
wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thren sein Brod
betteln. Da meinte aber der andere, das wrde doch nicht gut angehen,
und wrde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute,
den Bruder betteln gehen lieen. Lieber wollen wir ihm die Brosamen von
unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch
nicht Hungers sterben.

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und
der Knig hatte berall bekannt machen lassen, da jeder junge Mann
kommen drfe, sich um seine Tochter zu bewerben, da aber nur demjenigen
die Jungfrau ihre Hand reichen wrde, der zu Pferde oder auf eigenen
Fen den Gipfel des Glasberges erklimmen wrde.

Der Knig lie nun ein groes Gelage anrichten fr alle die Gste, die
sich einfinden wrden. Das Gelage sollte drei Tage whren; fr jeden Tag
wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und
fnfhundert Fsser Bier gebraut. Die aufgestapelten Wrste ragten gleich
Wnden, die Hefenbrte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die
grten Heuschober.

Die schlafende Knigstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel
des Glasberges getragen. Von allen Seiten strmten Fremde herbei, theils
um das Wagestck zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der
glnzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so da man ihn schon
viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.

Unsere alten Bekannten, die beiden lteren Brder, hatten sich
Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jngste
mute zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken
Brdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die lteren Brder
auf den Weg gemacht, so ging der jngste an des Vaters Grab, that, wie
die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: Lieber Vater, ich bitte um
meinen Lohn fr die _erste_ nchtliche Wacht! -- In dem nmlichen
Augenblicke, wo die Bitte ber seine Lippen kam, stand ein ehernes Ro
da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schnste glnzende
Rstung, vollstndig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles pate so gut,
als wre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg,
wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter
drngte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als
wre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grte den Knig und
verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, da die
schlafende Knigstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann
hinaufritt.

Beide Brder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des
ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzhlen. Der jngste Bruder
hrte ihre Reden schweigend an, lie sich aber nicht merken, da er
selber der Mann gewesen war.

Am andern Morgen gingen die Brder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die
Gasterei nicht zu versumen. Die Sonne stand in Sdost, als der jngste
Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und
sagte: Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn fr die _zweite_ nchtliche
Wacht! In dem nmlichen Augenblicke, wo die Bitte ber seine Lippen
kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und
auf dem Sattel lag die prchtigste glnzendste silberne Rstung,
vollstndig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles pate so gut, als wre
es auf seinen Leib gemacht.

Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg,
wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne
Reiter drngte sich durch die Menge, ritt ein gut Stck ber die Hlfte
den Glasberg hinauf, der fr die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes
Land zu sein schien, kehrte um, grte den Knig und war gleich darauf
wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, da die
schlafende Knigstochter bei der Annherung des silbernen Mannes ihren
Kopf bewegt hatte.

Die Brder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug
Rhmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes
wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es knne kein wirklicher
Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jngste
Bruder hrte ihren Reden still zu, lie sich aber nichts davon merken,
da er selbst der Mann gewesen war.

Am andern Morgen waren beide lteren Brder mit Tagesanbruch wieder
fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil
heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die
Knigstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand
schon ziemlich hoch, als der jngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er
that nach der Vorschrift und sprach: Lieber Vater, ich bitte um meinen
Lohn fr die _dritte_ nchtliche Wacht. In demselben Augenblicke, wo
diese Bitte ber seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit
goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schnste goldene
Rstung, vollstndig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles pate so gut,
als wre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo
Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne
Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurckgelassen, der
glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drngte sich durch die
Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien fr die
Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben
angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die
schlafende Knigstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring
von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die
Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter.
Dann legte er sie in des Knigs Arme, grte anmuthig und war im
nchsten Augenblick verschwunden, als wre er in die Erde gesunken.

Des Knigs Freude knnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte
er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, berall bekannt machen lassen,
da der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurckbringen wrde, sein
Schwiegersohn werden sollte. Von den Gsten waren die meisten zur Nacht
dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere
alten Freunde, die lteren Brder, waren darunter und lieen sich die
Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als
sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren
verschmhten Bruder erkannten, an den Knig herantrat. Dieser Bettler
trug in der That den Ring der Knigstochter an seiner Hand. Da bereute
der Knig seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden knnen.

Aber der Zauberer sagte zum Knige: Der Jngling, den ihr seines
schlechten Auszuges wegen fr einen Bettler haltet, ist der Sohn eines
mchtigen Knigs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage
nach seiner Geburt von einer bsen Frau des Rugutaja[68] mit einem
Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate,
whrend der gestohlene Knigssohn in einer Bauernhtte aufwuchs und
seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.

Der Knig war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und lie einen
groen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Spter
vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser
nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr
einfltig, sondern seinem Stande gem und als kluger Herr. Seine
Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das bse Weib hatte sie ihm
angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrstung auf
seinem goldenen Ro. Seine vermeintlichen Brder waren vor Neid und Wuth
gestorben.

[Funote 65: Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den
Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der
darber entscheiden sollte, welcher der drei Brder einen Felsblock am
weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft ber das Land erhalten
werde. Kalewipog =VII=, 809 ff. L.]

[Funote 66: Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim
Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer
Ziege. L.]

[Funote 67: S. Anm. zum Mrchen vom Schlaukopf S. 108. L.]

[Funote 68: S. unten die Anm. zu dem Mrchen 15: Rugutaja's Tochter.
L.]




14. Der dankbare Knigssohn.


Einmal hatte sich ein Knig des Goldlandes[69] im Walde verirrt und
konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht
finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: Was suchst du,
Brderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Thiere hausen? Der
Knig erwiederte: Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.
Versprecht mir zum Eigenthum, was euch zuerst auf eurem Hofe
entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen, sagte der
Fremde.

Der Knig sann eine Weile nach und erwiederte dann: Warum soll ich wohl
meinen guten Jagdhund einben? Ich finde mich wohl auch noch selbst
nach Hause. Da ging der fremde Mann fort, der Knig aber irrte noch
drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrath zu Ende ging; dem
rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum
zweiten Mal zu ihm und sagte: Versprecht ihr mir zum Eigenthum, was
euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt? Da der Knig aber sehr
halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen.
Unmuthig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis
er zuletzt erschpft unter einem Baume niedersank und seine Todesstunde
gekommen glaubte. Da erschien der Fremde -- es war kein anderer als der
alte Bursche selber -- zum dritten Male vor dem Knige und sagte:
Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen
sein, da ihr ihn nicht hingeben mgt, um euer Leben zu retten?
Versprecht mir den geforderten Fhrerlohn, und ihr sollt eurer Noth
ledig werden und am Leben bleiben. Mein Leben ist mehr werth, als
tausend Hunde! entgegnete der Knig. Es hngt daran ein ganzes Reich
mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfllen,
fhre mich nach Hause! Kaum hatte er das Versprechen ber die Zunge
gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in
der Ferne sein Schlo sehen. Er eilte hin und das Erste, was ihm an der
Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem kniglichen Sugling, der dem
Vater die Arme entgegenstreckte. Der Knig erschrack, schalt die Amme
und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer
Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn fr seine Anhnglichkeit
mit dem Fue fortgestoen. So mssen schuldlose Untergebene gar oft
ausbaden, was die oberen in tollem Wahne Verkehrtes gethan haben.

Als des Knigs Zorn etwas verraucht war, lie er sein Kind, einen
schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und
so wuchs der Knigssohn am Herde armer Leute auf, whrend des Bauern
Tochter in der kniglichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach
Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und
nahm das kleine Mdchen mit sich, welches er fr das echte Kind des
Knigs hielt, weil er von der betrgerischen Vertauschung der Kinder
nichts erfahren hatte. Der Knig aber freute sich seiner gelungenen
List, lie ein groes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des
geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne
in der Htte an Nichts fehlen mge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen,
getraute er sich nicht, weil er frchtete, der Betrug knnte dann heraus
kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten
einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Ueberflu.

Inzwischen war der Knigssohn zum Jngling herangewachsen, und fhrte im
Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen
doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es
gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darber, da ein
armes unschuldiges Mdchen statt seiner ben mute, was seines Vaters
Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder,
wenn irgend mglich, das arme Mdchen frei zu machen, oder mit demselben
umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau Knig zu werden, war ihm zu
drckend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes
an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo
sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.

Im Walde fing er laut an zu jammern. O ich Armer, wie bin ich irre
gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit
und breit keine Menschenseele zu treffen! Bald darauf kam ein fremder
Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Grtel, wie ein
Tatar, grte freundlich und sagte: Mir ist die Gegend hier bekannt,
und ich kann euch dahin fhren, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine
gute Belohnung versprecht. Was kann ich armer Schlucker euch wohl
versprechen, erwiederte der schlaue Knigssohn, ich habe nichts weiter
als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehrt meinem
Brotherrn, dem ich fr Nahrung und Kleidung dienen mu. Der Fremde
bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Andern und sagte: Ohne
alle Habe mt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der
recht schwer zu sein scheint. In dem Sacke sind Erbsen, war die
Antwort. Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht
so viel hinterlassen, da man den Todtenwchtern nach Landesbrauch
gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem
Wirthe um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den
Weg abzukrzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr
seht, irre gefhrt hat. Also bist du, aus deinen Reden zu schlieen,
eine Waise, sagte der Fremde grinsend. Mchtest du nicht in meinen
Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht fr mein kleines
Hauswesen, und du gefllst mir. Warum nicht, wenn wir Handels einig
werden, antwortete der Knigssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes
Brot schmeckt berall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei,
welchem Wirth ich gehorchen mu. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?
Nun, sagte der Fremde, alle Tage frisches Essen, zwei Mal wchentlich
Fleisch, wenn auer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strmlinge als
Zukost, vollstndige Sommer- und Winterkleidung, und auerdem noch zwei
Klimit[70]-Theil Land zu eigener Nutznieung. Damit bin ich
zufrieden, sagte der schlaue Knigssohn. Die Tante knnen auch Andere
in die Erde bringen, ich gehe mit euch.

Der alte Bursche schien mit diesem vorteilhaften Handel sehr zufrieden
zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fue herum, und
trllerte so laut, da der Wald davon wiederhallte. Alsdann machte er
sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemht war, die Zeit
durch angenehme Plaudereien zu verkrzen, ohne zu bemerken, da sein
Gefhrte je nach zehn und funfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem
Sack fallen lie. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter
einer breiten Fichte, und setzten am andern Morgen ihre Reise fort. Als
die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen groen Stein. Hier
machte der Alte Halt, sphte berall scharf umher, pfiff in den Wald
hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fues dreimal gegen
den Boden. Pltzlich that sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf,
und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mndung einer Hhle
glich. Jetzt fate der alte Bursche den Knigssohn beim Arm und befahl
in strengem Tone: Folge mir!

Dicke Finsterni umgab sie hier, doch kam es dem Knigssohne vor, als ob
ihr Weg immer weiter in die Tiefe fhre. Nach einer guten Weile zeigte
sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch
dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Knigssohn den Blick,
aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende
Nebelwolke schwebte ber ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken,
in der Alles ein fremdartiges Geprge trug. Erde und Wasser, Bume und
Kruter, Thiere und Vgel, Alles erschien anders, als er es frher
gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare
Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Gerusch zu vernehmen.
Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte
verursachten ein Gerusch. Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem
Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblhter Kehle, als ob ein
Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten
die Muler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den
Kopf in die Hhe, als ob sie brllten, aber weder Gebell noch Gebrll
wurde hrbar. Das Wasser flo ohne zu rauschen ber die Kiesel des
flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne da man ein
Suseln hrte, Fliege und Kfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche
sprach kein Wort, und wenn sein Gefhrte zuweilen zu sprechen
versuchte, so fhlte er gleich, da ihm die Stimme im Munde erstarb.[71]

So waren sie, wer wei wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt
dahin gezogen, die Angst schnrte dem Knigssohne das Herz zu und
strubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schttelte seine
Glieder -- als endlich, o Wonne! das erste Gerusch sein lauschendes Ohr
traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es
kam ihm vor, als ob eine groe Roherde sich durch Moorgruud
durcharbeitete. Nun that auch der alte Bursche seinen Mund auf und
sagte, indem er sich die Lippen leckte: Der Breikessel siedet, man
erwartet uns zu Hause! Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als
der Knigssohn das Drhnen einer Sgemhle zu hren glaubte, in der
mindestens ein Paar Dutzend Sgen zu arbeiten schienen, der Wirth aber
sagte: Die alte Gromutter schlft schon, sie schnarcht.

Sie erreichten dann den Gipfel eines Hgels, und der Knigssohn
entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirthes; der Gebude
waren so viele, da man das Ganze eher fr ein Dorf oder eine kleine
Vorstadt htte halten knnen, als fr die Wohnung _eines_ Besitzers.
Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres
Hundehuschen. Krieche hinein, herrschte der Wirth, und verhalte dich
ruhig, bis ich mit der Gromutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist,
wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen
Fremden im Hause. Der Knigssohn kroch zitternd in's Hundehuschen und
begann schon seine Ueberkhnheit, die ihn in diese Klemme gebracht
hatte, zu bereuen.

Erst nach einer Weile kam der Wirth wieder, rief ihn aus seinem
Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrielichem Gesicht: Merke dir
jetzt genau unsere Hausordnung und hte dich, dagegen zu verstoen,
sonst knnte es dir hier recht schlecht gehen:

    Augen, Ohren halte offen,
    Mundes Pforte stets verriegelt!
    Ohne Weigerung gehorche,
    Hege, wie du willst, Gedanken,
    Rede nimmer, wenn gefragt nicht.

Als der Knigssohn ber die Schwelle trat, erblickte er ein junges
Mdchen von groer Schnheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er
dachte in seinem Sinne: Wenn der Alte solcher Tchter viele htte, so
mchte ich gern sein Eidam werden! Das Mdchen ist ganz nach meinem
Geschmack. Die schne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den
Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde
ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt htte. Sie nahm Garn
und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirth setzte sich
allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte
Gromutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war
grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit Allem, was er auf dem
Tische fand, und davon htten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt
werden knnen. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegnnt hatte,
sagte er zur Jungfrau: Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel
und Grapen ist, und sttiget euch mit den Resten, die Knochen aber
werfet dem Hunde vor.[72]

Der Knigssohn verzog wohl den Mund ber das angekndigte
Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hbschen Mdchen und dem
Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht
wieder, als er fand, da die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch
lieferten. Whrend des Essens sah er unverwandt das Mdchen verstohlener
Weise an, und htte wer wei wie viel darum gegeben, wenn er einige
Worte mit ihr htte sprechen drfen. Aber sobald er nur den Mund zum
Sprechen ffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mdchens,
der zu sagen schien: Schweige! So lie denn der Jngling seine Augen
reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit
Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es
mute ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Kche
nicht verschmhte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und
machte seinem vollen Magen dermaen Luft, da die Wnde davon drhnten.

Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Knigssohn: Zwei Tage kannst
du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Uebermorgen
Abend aber mut du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit fr den
folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde mu immer frher bei der
Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mdchen wird dir deine
Schlafsttte zeigen. Der Knigssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen,
aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und
schrie: Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung bertrittst,
so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf krzer gemacht werden. Halt das
Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!

Das Mdchen winkte ihm, mitzukommen, schlo dann eine Thr auf und
bedeutete ihn, hineinzutreten. Der Knigssohn glaubte eine Thrne in dem
Auge des Mdchens quillen zu sehen und wre gar zu gern noch auf der
Schwelle stehen geblieben, aber er frchtete den Alten und wagte nicht
lnger zu zgern. Das schne Mdchen kann doch unmglich seine Tochter
sein, dachte der Knigssohn, denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am
Ende gar dasselbe arme Mdchen, welches statt meiner hierhergethan
wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstck unternahm. Es
dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann lieen
ihm bange Trume keine Ruhe; er trumte von allerlei Gefahr, die ihn
umstrickte, und berall war es die Gestalt der schnen Jungfrau, die ihm
zu Hlfe eilte.

Als er am andern Morgen erwachte, war sein erster Gedanke, da er Alles
thun wolle, was er der Schnen an den Augen absehen knnte. Er fand das
fleiige Mdchen schon bei der Arbeit, half ihr Wasser aus dem Brunnen
heraufwinden und in's Haus tragen, Holz spalten, das Feuer unter den
Grapen schren, und ging ihr bei allen andern Arbeiten zur Hand.
Nachmittags trat er hinaus, um seine neue Wohnsttte nher in
Augenschein zu nehmen, und wunderte sich sehr, da er die alte
Gromutter nirgends zu Gesicht bekam. Im Stalle fand er ein weies
Pferd,[73] im Pfahlland eine schwarze Kuh mit einem weikpfigen Kalbe,
in andern verschlossenen Stllen glaubte er Gnse, Enten, Hhner und
anderes Fasel zu hren. Frhstck und Mittagsessen waren eben so
schmackhaft gewesen, als Abends zuvor, und er htte mit seiner Lage ganz
zufrieden sein knnen, wenn es ihm nicht so sehr schwer geworden wre,
dem Mdchen gegenber seine Zunge im Zaume zu halten. Am Abend des
zweiten Tages ging er zum Wirth, um die Arbeit fr den kommenden Tag zu
erfahren.

Der Alte sagte: Fr morgen will ich dir eine leichte Arbeit geben. Nimm
die Sense zur Hand, mhe so viel Gras, als das weie Pferd zu seinem
Tagesfutter braucht, und miste den Stall aus. Wenn ich hin kme und die
Krippe leer oder auf der Diele Mist fnde, so knnte es dir bitterbs
bekommen. Hte dich davor!

Der Knigssohn war ganz vergngt, denn er dachte in seinem Sinn: Mit
dem Bischen Arbeit komme ich schon zu Gange; wenn ich auch bis jetzt
weder Pflug noch Sense gefhrt habe, so sah ich doch oft, wie leicht die
Landleute mit diesen Werkzeugen umgehen, und Kraft genug habe ich. Als
er sich eben auf's Lager hinstrecken wollte, kam das Mdchen leise
hereingeschlichen, und fragte ihn mit gedmpfter Stimme: Was fr eine
Arbeit hast du bekommen? Morgen -- erwiederte der Knigssohn -- habe
ich eine leichte Arbeit; ich soll fr das weie Pferd Futtergras mhen
und den Stall subern, das ist Alles. Ach du unglckseliges Geschpf!
seufzte das Mdchen: wie knntest du die Arbeit vollbringen? Das weie
Pferd, des Wirthes Gromutter, ist ein unersttliches Geschpf, welchem
zwanzig Mher kaum das tgliche Futter liefern knnten, und andere
zwanzig htten vom Morgen bis Abend zu thun, den Mist aus dem Stalle zu
fhren. Wie wrdest du denn allein mit Beidem zu Stande kommen? Merke
auf meinen Rath und befolge ihn genau. Wenn du dem Pferde einige Schoo
voll Gras in die Krippe geschttet hast, so mut du aus Weidenreisern
einen starken Reif flechten, und aus festem Holze einen Keil schnitzen,
und zwar so, da das Pferd sieht, was du thust. Es wird dich sogleich
fragen, wozu die Dinge dienen sollen, und dann mut du ihm also
antworten: Mit diesem Reifen binde ich dir das Maul fest, wenn du mehr
fressen wolltest, als ich dir hinschtte, und mit diesem Pflock werde
ich dir den After verkeilen, wenn du mehr solltest fallen lassen, als
ich Lust htte fortzuschaffen. Nachdem das Mdchen dies gesprochen,
schlich es auf den Zehen eben so leise wieder hinaus, wie es gekommen
war, ohne dem Jngling Zeit zum Dank zu lassen. Er prgte sich des
Mdchens Worte ein, wiederholte sich Alles noch einmal, um nichts zu
vergessen, und legte sich dann schlafen.

Frh am andern Morgen machte er sich an die Arbeit. Er lie die Sense
wacker im Grase tanzen und hatte zu seiner Freude nach kurzer Zeit so
viel gemht, da er einige Schoo voll zusammenharken konnte. Als er dem
Pferde den ersten Schoo voll hingeworfen hatte, und gleich darauf mit
dem zweiten Schoo voll in den Stall trat, fand er zu seinem Schrecken
die Krippe schon leer, und ber ein halbes Fuder Mist auf der Diele.
Jetzt sah er ein, da er ohne des Mdchens klugen Rath verloren gewesen
wre, und beschlo, denselben sogleich zu benutzen. Er begann den Reifen
zu flechten: das Pferd wandte den Kopf nach ihm hin und fragte
verwundert: Shnchen, was willst du mit diesem Reifen machen? Gar
nichts, entgegnete der Knigssohn,ich flechte ihn nur, um dir die
Kinnladen damit fest zu klemmen, falls es dir in den Sinn kme, mehr zu
fressen, als ich Lust habe dir aufzuschtten. Das weie Pferd seufzte
tief auf und hielt augenblicklich mit Kauen inne.

Der Jngling reinigte jetzt den Stall, und dann machte er sich daran,
den Keil zu schnitzen. Was willst du mit diesem Keil machen? fragte
das Pferd wieder. Gar nichts, war die Antwort. Ich mache ihn nur
fertig, um ihn im Nothfalle als Spunt fr die Ausleerungspforte zu
gebrauchen, damit dir das Futter nicht zu rasch durch die Knochen
schiet. Das Pferd sah ihn wieder seufzend an, und hatte ihn sicher
verstanden, denn als Mittag lngst vorber war, hatte das weie Pferd
noch Futter in der Krippe, und die Diele war rein geblieben. Da kam der
Wirth, um nachzusehen, und als er Alles in bester Ordnung fand, fragte
er etwas erstaunt: Bist du selber so klug, oder hast du kluge
Rathgeber? Der schlaue Knigssohn erwiederte schnell: Ich habe
Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mchtigen Gott im Himmel.
Der Alte warf unwillig die Lippen auf und verlie brummend den Stall;
der Knigssohn aber freute sich, da Alles gelungen war.

Am Abend sagte der Wirth: Morgen hast du keine eigentliche Arbeit, da
aber die Magd manches Andere im Hause zu besorgen hat, so mut du unsere
schwarze Kuh melken. Hte dich aber, da keine Milch im Euter
zurckbleibt. Fnde ich das, so knnte es dir das Leben kosten. Der
Knigssohn dachte, als er hinausging: wenn dahinter nicht etwa wieder
eine Tcke steckt, so kann mir die Arbeit nicht schwer werden; ich habe,
Gottlob, starke Finger, und will die Zitzen schon so pressen, da kein
Tropfen Milch darin bleiben soll. Als er sich eben zur Ruhe legen
wollte, kam das Mdchen wieder zu ihm und fragte: Was fr eine Arbeit
hast du morgen? Morgen habe ich Gesellentag -- antwortete der
Knigssohn. Ich bin morgen den ganzen Tag frei, und habe nichts weiter
zu thun, als die schwarze Kuh zu melken, so da kein Tropfen Milch im
Euter zurckbleibt. O du unglckseliges Geschpf! wie wolltest du das
zu Stande bringen, sagte das Mdchen seufzend. Du mut wissen, lieber
unbekannter Jngling, da, wenn du auch vom Morgen bis zum Abend
ununterbrochen melken wrdest, du doch nimmer das Euter der schwarzen
Kuh leeren knntest; die Milch strmt gleich einer Wasserader
ununterbrochen. Ich sehe wohl, da der Alte dich verderben will. Aber
sei unbesorgt, so lange ich am Leben bin, soll dir kein Haar gekrmmt
werden. Achte auf meinen Rath und befolge ihn pnktlich, so wirst du der
Gefahr entgehen. Wenn du zum Melken gehst, so nimm einen Topf voll
glhender Kohlen und eine Schmiedezange mit. Im Stalle lege die Zange in
die Kohlen und blase diese zu heller Flamme an. Wenn die schwarze Kuh
dich dann fragt, wehalb du das thust, so antworte ihr, was im dir jetzt
in's Ohr sagen werde. Das Mdchen flsterte ihm einige Worte in's Ohr,
und schlich dann auf den Zehen, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer.
Der Knigssohn legte sich schlafen.

Kaum strahlte die Morgenrthe am Himmel, als er sich schon von seinem
Lager erhob, den Melkkbel in die eine und den Kohlentopf in die andere
Hand nahm und in den Stall ging. Er machte Alles so, wie das Mdchen am
Abend zuvor angegeben hatte. Befremdet sah die schwarze Kuh seinem
Treiben eine Weile zu, dann fragte sie: Was machst du da, Shnchen?
Gar nichts, war die Antwort. Ich will die Zange nur rothglhend
machen, weil manche Kuh die niedertrchtige Gewohnheit hat, nach dem
Melken noch Milch im Euter zu behalten, und da ist kein besserer Rath,
als ihr die Zitzen mit einer glhenden Zange zusammenzukneifen, damit
sich die Milch nicht unntz in's Euter ergiee. Die schwarz Kuh seufzte
tief auf und sah den Melkenden scheu an. Der Knigssohn nahm den Kbel,
melkte das Euter aus, und als er es nach einer Weile wieder anzog, fand
er nicht einen Tropfen Milch. Spter kam der Wirth in den Stall, zog und
drckte wiederholt an den Zitzen, fand aber keine Milch, und fragte mit
bser Miene: Bist du selbst so klug, oder hast du kluge Rathgeber? Der
Knigssohn antwortete: Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und
einen mchtigen Gott im Himmel. Der Alte ging aufgebracht fort.

Als der Knigssohn sich am Abend beim Wirth nach seiner Arbeit
erkundigte, sagte dieser: Ich habe noch ein Schoberchen Heu auf der
Wiese stehen, das ich bei trockener Witterung unter Dach bringen mchte.
Fhre mir morgen das Heu ein, aber hte dich, da nicht das Mindeste
zurckbleibt, sonst knntest du dein Leben einben. Der Knigssohn
verlie vergngt das Zimmer und dachte: Heu fhren ist keine groe
Arbeit, ich habe weiter keine Mhe, als aufzuladen, das Pferd mu
ziehen. Ich werde die Gromutter dieses Wirths nicht schonen. Abends
kam das Mdchen wieder zu ihm geschlichen, und fragte ihn nach seiner
Arbeit fr morgen. Der Knigssohn sagte lachend: Hier lerne ich alle
Arten von Bauernarbeit, morgen soll ich ein Schoberchen Heu einfhren,
und nur darauf achten, da nicht das Mindeste zurckbleibt; das ist mein
ganzes Tagewerk. Ach du unglckseliges Geschpf, seufzte das Mdchen:
wie knntest du das vollbringen? Wolltest du auch mit allen Leuten
eines noch so groen Gebiets eine ganze Woche lang Heu fhren, so
wrdest du doch dieses Schoberchen nicht fortschaffen. Was von oben her
weggenommen wird, das wchst vom Grunde auf wieder nach. Merke wohl, was
ich dir sage: du mut morgen vor Tagesanbruch aufstehen, das weie Pferd
aus dem Stalle ziehen, und einige starke Stricke mitnehmen. Dann geh an
den Heuschober, lege die Stricke herum, und schirre das Pferd an die
Stricke. Wenn du damit fertig bist, so klettere auf den Schober hinauf,
und fang' an zu zhlen: eins, zwei, drei, vier, fnf, sechs und so
weiter. Das Pferd wird dich sogleich fragen, was du da zhlst, dann mut
du antworten, was ich dir in's Ohr sage. Das Mdchen flsterte ihm das
Geheimni zu, und verlie das Zimmer; der Knigssohn wute nichts
Besseres zu thun, als zu Bette zu gehen.

Als er den andern Morgen erwachte, fiel ihm sogleich des Mdchens guter
Rath von gestern ein; er nahm starke Stricke, eilte in den Stall, fhrte
das weie Pferd heraus, schwang sich darauf und ritt zum Heuschober, der
aber mindestens an funfzig Fuder hielt, also kein Schoberchen zu
nennen war. Der Knigssohn that Alles, was ihm das Mdchen geheien
hatte, und als er endlich, oben auf dem Heuschober sitzend, bis zwanzig
gezhlt hatte, fragte das weie Pferd verwundert: Was zhlst du da,
Shnchen? Gar nichts, war die Antwort. Ich machte mir nur den Spa,
die Wolfsherde dort am Walde zu zhlen, aber es sind ihrer so viel, da
ich nicht damit fertig werde. Kaum hatte er das Wort Wolfsherde
heraus, als auch das weie Pferd wie der Wind davon scho, so da es in
einigen Augenblicken mit dem Schober zu Hause war. Des Wirths Erstaunen
war nicht gering, als er nach dem Frhstck hinauskam, und das Tagewerk
des Knechts schon gethan fand. Bist du selber so klug, oder hast du
kluge Rathgeber? fragte der Alte, worauf der Knigssohn erwiederte:
Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mchtigen Gott im
Himmel. Der Alte ging kopfschttelnd und fluchend von dannen.

In der Abenddmmerung ging der Knigssohn wieder zu ihm, nach seiner
Arbeit zu fragen. Der Wirth sagte: Morgen mut du mir das weikpfige
Kalb auf die Weide fhren, doch hte dich, da es sich nicht verluft,
sonst knntest du leicht dein Leben einben. Der Knigssohn dachte bei
sich: mancher zehnjhrige Bauerbursch mu eine ganze Herde hten, da
kann mir doch die Hut eines einzigen Kalbes nicht schwer werden. Als er
sich eben schlafen legen wollte, kam das Mdchen wieder in seine Kammer
geschlichen und fragte, was fr eine Arbeit er morgen habe. Morgen habe
ich Faullenzerarbeit, sagte der Knigssohn, ich soll mit dem
weikpfigen Kalbe auf die Weide gehen. O du unglckseliges Geschpf,
seufzte das Mdchen: damit wirst du wohl nimmer durchkommen. Du mut
wissen, da dieses Kalb eine solche Rennwuth hat, da es an einem Tage
dreimal um die Welt laufen knnte. Merke dir genau, was ich dir jetzt
sagen will. Nimm diesen Seidenfaden, binde das eine Ende an das linke
Vorderbein des Kalbes, und das andere Ende an den kleinen Zeh deines
linken Fues, dann wird das Kalb keinen Schritt von deiner Seite
weichen, gleichviel ob du gehst, stehst oder liegst. Darauf ging das
Mdchen fort, und der Knigssohn legte sich schlafen, aber es rgerte
ihn, da er wieder vergessen hatte, fr den guten Rath zu danken.

Den andern Morgen that er pnktlich, was ihm das gute Mdchen
vorgeschrieben hatte, und fhrte das Kalb an dem seidenen Faden auf die
Weide, wo es, wie ein treues Hndlein, keinen Schritt von seiner Seite
wich. Bei Sonnenuntergang fhrte er es wieder in den Stall, als ihm der
Wirth auch schon entgegenkam und mit zornfunkelndem Blick fragte: Bist
du selber so klug, oder hast du kluge Rathgeber? Der Knigssohn
erwiderte: Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen
mchtigen Gott im Himmel. Wieder ging der Alte wthend davon, und der
Knigssohn glaubte nun darber im Reinen zu sein, da die Nennung des
gttlichen Namens den alten Burschen jedesmal in Harnisch brachte.

Spt Abends ging er wieder zum Wirth, um dessen Befehle fr den
folgenden Tag einzuholen. Der Wirth gab ihm ein Sckchen mit Gerste und
sagte: Morgen hast du einen Feiertag und kannst ausschlafen, aber dafr
mut du dich heute Nacht brav rhren. Se mir sogleich diese Gerste aus,
sie wird rasch wachsen und reifen; dann schneidest du sie, drischst sie
und windigest sie, so da du sie mlzen und mahlen kannst. Aus dem
erhaltenen Malzmehl mut du mir Bier brauen, und morgen frh, wenn ich
erwache, mir eine Kanne frischen Biers zum Morgentrunk bringen. Hab'
Acht, da meine Befehle genau befolgt werden, sonst knntest du leicht
das Leben einben.

Niedergeschlagen, mit sorgenschwerem Herzen verlie der Knigssohn das
Gemach, blieb drauen stehen und weinte bitterlich. Er sprach zu sich
selbst: Die heutige Nacht ist meine letzte, solch' eine Arbeit kann
kein Sterblicher vollbringen, und ebensowenig kann mir des klugen
Mdchens Rath hier helfen. O ich unglckseliges Geschpf! warum habe ich
leichtsinnig das Knigsschlo verlassen und mich in Gefahren verstrickt.
Nicht einmal den Sternen des Himmels kann ich mein bitteres Leid klagen,
denn hier sieht man weder Himmel noch Sterne, doch haben wir einen Gott,
der berall ist. Als er mit seinem Gerstenscklein dastand, ffnete
sich die Hausthr und das liebe Mdchen trat zu ihm heraus. Sie fragte,
was ihn so betrbe, und der Jngling antwortete mit Thrnen in den
Augen: Ach, meine letzte Stunde ist gekommen, wir mssen auf immer
scheiden. Vernimm denn noch Alles, ehe ich scheide: ich bin eines
mchtigen Knigs einziger Sohn, dem der Vater einst ein groes Reich
hinterlassen sollte; aber nun ist Alles hin, Glck und Hoffnung. Dann
erzhlte er ihr unter hufigen Thrnen, was fr eine Arbeit der Wirth
ihm fr die Nacht aufgegeben habe, aber es verdro ihn, zu sehen, da
das Mdchen sich aus seiner Betrbni nicht viel machte. Als er endlich
seinen langen Bericht geschlossen hatte, sagte die Jungfrau lachend:
Heute Nacht kannst du denn, mein lieber Knigssohn, ganz ruhig
schlafen, und morgen den ganzen Tag feiern. Merke genau auf meinen Rath
und verschmhe ihn nicht, weil er aus dem Munde einer niedrig geborenen
Magd kommt. Nimm diesen kleinen Schlssel, er schliet den dritten
Faselstall auf, worin des Alten dienende Geister wohnen. Wirf den
Gerstensack in den Stall und schrfe ihnen Wort fr Wort den Befehl ein,
den dir der Wirth fr die Nacht gegeben hat; fge aber hinzu: Wenn ihr
ein Haar breit von meiner Vorschrift abweicht, so mt ihr allesammt
sterben; solltet ihr aber Hlfe brauchen, so wird heut' Nacht die Thr
des siebenten Stalles offen stehen, in welchem des Wirths mchtigste
Geister wohnen.

Der Knigssohn richtete Alles nach Vorschrift aus, und legte sich
schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Braukche
nachsah, fand er die Bierkufen in voller Ghrung, so da der Schaum ber
den Rand flo. Er kostete das Bier, fllte dann eine groe Kanne mit dem
schumenden Trank an, und brachte sie dem Wirthe, der sich eben auf
seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der
Wirth ungehalten: Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast
gute Freunde und Rathgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir
weiter sprechen.

Am Abend sagte der Alte: Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen,
du mut nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Grue
die Hand reichen. Der Knigssohn spottete innerlich ber des Alten
wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mdchen davon in Kenntni.
Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: Wahre deine Haut! Der Alte will
dich morgen frh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mut eine
eiserne Schaufel im Ofen rothglhend machen, und ihm statt deiner Hand
das glhende Eisen zum Morgengru darbieten.[74] Damit eilte sie davon,
und der Knigssohn ging zu Bette. Am Morgen hatte er die Schaufel schon
rothglhend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hrte
er ihn rufen: Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und gre! Als
darauf der Knigssohn mit der glhenden Schaufel eintrat, rief der Alte
ihm mit klglicher Stimme zu: Ich bin heute sehr krank und kann deine
Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine
Befehle geben kann.

Der Knigssohn schlenderte nun den ganzen Tag umher, und ging dann am
Abend zum Wirth, um sich von ihm die Arbeit fr den folgenden Tag
auftragen zu lassen. Der Wirth war sehr freundlich und sagte
schmunzelnd: Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen frh mit dem
Mdchen zu mir, ich wei, da ihr euch schon lngst lieb habt, und will
euch als Mann und Frau zusammengeben!

Der Knigssohn htte vor Freude jauchzen und in die Hhe springen mgen,
aber glcklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge
Hausordnung ein, dehalb blieb er ruhig. Als er vor Schlafengehen der
Geliebten von seinem Glcke erzhlte und von ihr eine gleiche Freude
erwartete, sah er zu seinem groen Erstaunen, da das Mdchen vor
Schrecken bleich wurde wie eine getnchte Wand, und ihr die Zunge wie
gelhmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie. Der alte
Bursche ist dahinter gekommen, da ich deine Rathgeberin gewesen bin,
und will uns Beide verderben. Wir mssen noch diese Nacht die Flucht
ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, geh' in den Stall und
schlage dem weikpfigen Kalbe mit einem krftigen Hiebe den Kopf ab,
mit einem zweiten Hiebe spalte den Schdel entzwei. Im Hirn des Kalbes
findest du ein glnzend rothes Knulchen, das bringe mir, Alles was
sonst nthig ist, werde ich selbst besorgen. Der Knigssohn dachte:
lieber tdte ich ein unschuldiges Kalb, als da ich mich selbst und das
liebe Mdchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine
Heimath wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, mssen jetzt
aufgegangen sein, so da wir den Weg nicht verfehlen werden.

Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalbe hingestreckt,
und beide schliefen so fest, da sie ihn nicht kommen hrten. Als er
aber dem Kalbe den Kopf abhieb, sthnte die Kuh so schauerlich, als
htte sie einen schweren Traum. Rasch fhrte er den zweiten Hieb, der
den Schdel spaltete. Siehe! da wurde der Stall pltzlich hell, wie am
Tage. Das rothe Knulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie
eine kleine Sonne. Der Knigssohn wickelte das Knulchen behutsam in ein
Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glck, da die Kuh nicht
aufwachte, sonst htte sie angefangen zu brllen, und dadurch htte auch
der Wirth geweckt werden knnen.

An der Pforte fand der Knigssohn das Mdchen schon reisefertig, ein
Bndelchen am Arme. Wo ist dein Knulchen? fragte sie. Hier!
antwortete der Jngling, und gab es ihr. Wir mssen schnell fliehen!
sagte sie, und wickelte einen kleinen Theil des Knulchens aus dem Tuche
heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nchtliche
Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Knigssohn
vermuthet hatte, alle aufgegangen, so da sie sicher waren, den Weg
nicht zu verfehlen. Unterwegs erzhlte ihm die Jungfrau, da sie einmal
ein Gesprch zwischen dem Alten und seiner Gromutter belauscht und
daraus erfahren habe, da sie eine Knigstochter sei, welche der alte
Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Knigssohn wute
freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, da
es ihm gelungen war, das arme Mdchen zu befreien. So mochten die
Wanderer eine gute Strecke zurckgelegt haben, als es begann zu tagen.

Der alte Bursche erwachte erst spt am Morgen und rieb sich lange die
Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im Voraus an dem
Gedanken, da er die Beiden bald verzehren wrde. Nachdem er ziemlich
lange auf sie gewartet hatte, sagte er fr sich: Sie sind wohl noch
nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig! Als ihm aber das Warten doch zu
lange dauerte, rief er: Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr? Fluchend
und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Mal, aber weder Knecht
noch Magd lieen sich sehen. Endlich kletterte er zornig aus dem Bette
und ging die Sumigen zu suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und
bemerkte auch, da diese Nacht die Lagersttten unberhrt geblieben
waren. Jetzt strzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getdtet
und das Zauberknulchen entwendet fand, begriff er Alles. Er fluchte,
da Alles schwarz wurde, ffnete rasch den dritten Geisterstall und
schickte seine Gehlfen aus, die Entflohenen zu suchen. Bringt sie mir,
wie ihr sie findet, ich mu ihrer habhaft werden! So sprach der alte
Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.

Die Flchtlinge befanden sich gerade auf einer groen Flche, als das
Mdchen den Schritt anhielt und sagte: Es ist nicht Alles, wie es sein
sollte. Das Knulchen bewegt sich in meiner Hand, gewi werden wir
verfolgt! Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze
Wolke, welche mit groer Geschwindigkeit nher kam. Das Mdchen drehte
das Knulchen dreimal in der Hand um und sprach:

    Hre Knulchen, hre Knulchen!
    Wrde gern alsbald zum Bchlein,
    Mein Gefhrte auch zum Fischlein!

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mdchen flo als Bchlein
dahin, und der Knigssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister
sausten vorber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim,
aber Bchlein und Fischlein lieen sie unangetastet. Sobald die
Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bchlein wieder in ein
Mdchen und machte das Fischlein zum Jngling, und dann setzten sie in
menschlicher Gestalt ihre Reise fort.

Als die Geister mde und mit leeren Hnden zurckkehrten, fragte sie der
alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen
wre? Gar nichts! war die Antwort: nur ein Bchlein flo in der
Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin. Wthend brllte der
Alte: Schafskpfe. Das waren sie ja, das waren sie ja! Schnell ri er
die Thren des fnften Stalles auf, lie die Geister heraus und befahl
ihnen, des Bchleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen.
Die Geister stoben wie der Wind von dannen.

Unsere Wanderer nherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das
Mdchen stehen und sagte: Es ist nicht Alles, wie es sein soll. Das
Knulchen bewegt sich wieder in meiner Hand. Als sie sich umsahen,
erblicken sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und
mit rothen Rndern. Das sind unsere Verfolger! rief die Jungfrau und
drehte das Knulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:

    Hre Knulchen, hre Knulchen!
    Wandele uns alle Beide:
    Mich zum wilden Rosenstrauche,
    Ihn zur Blthe an dem Strauche.

Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mdchen ward ein wilder
Rosenstrauch, und der Jngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die
Geister ber ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder
um; da sie weder Bchlein noch Fischlein gefunden hatten, kmmerten sie
sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorber waren,
verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mdchen und Jngling,
welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.

Habt ihr sie gefunden? fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend
wiederkehren sah. Nein, antwortete der Anfhrer der Geister. Wir
fanden weder Bchlein noch Fischlein in der Ebene. Habt ihr denn sonst
nichts Besonderes unterwegs gesehen? fuhr der Alte auf. Der Anfhrer
antwortete: Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch an
dem eine Rose hing. Schafskpfe! schrie der Alte, das waren sie ja,
das waren sie ja! Er schlo darauf den siebenten Stall auf und
schickte seine mchtigsten Geister aus, sie zu suchen. Bringt sie mir,
wie ihr sie findet, todt oder lebendig! ich mu ihrer habhaft werden.
Reit den verfluchten Rosenstrauch mit den Wurzeln heraus, und nehmt
Alles mit, was euch Befremdliches aufstt. Wie der Sturmwind flogen
die Geister davon.

Die Flchtlinge ruhten eben im Schatten eines Waldes aus, und strkten
die ermdeten Glieder durch Speise und Trank. Pltzlich rief das
Mdchen. Alles ist nicht, wie es sein soll; das Knulchen will mit
Gewalt aus meinem Busen. Gewi verfolgt man uns wieder, und die Gefahr
ist nahe, aber der Wald verbirgt uns unsere Feinde noch. Dann nahm sie
das Knulchen aus dem Busen, drehte es dreimal in der Hand herum und
sprach:

    Hre Knulchen, hre Knulchen!
    Mache mich alsbald zum Lftchen,
    Den Gefhrten mein zum Mcklein!

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mdchen lste sich in Luft
aus, der Knigssohn aber schwebte darin als Mcklein. Die mchtige
Geisterschaar brauste wie ein Sturm ber sie hin, und kehrte nach
einiger Zeit wieder um, weil sie weder einen Rosenstrauch noch sonst
etwas Befremdliches gefunden hatten. Aber kaum waren die Geister
vorber, so verwandelte der Lufthauch sich wieder in das Mdchen, und
machte aus der Mcke den Jngling. Jetzt mssen wir eilen, rief das
Holdchen, bevor der Alte selber kommt zu suchen -- der wird uns in
jeder Verwandlung erkennen.

Sie liefen nun eine gute Strecke vorwrts, bis sie den dunklen Gang
erreichten, in welchem sie bei dem hellen Schein des Knulchens
ungehindert emporstiegen. Erschpft und athemlos kamen sie endlich an
den groen Stein. Hier wurde das Knulchen wiederum dreimal gedreht,
wobei die kluge Jungfrau sprach:

    Hre Knulchen, hre Knulchen!
    La den Stein empor sich heben,
    Eine Pforte sich bereiten!

Augenblicklich hob sich der Stein weg, und sie waren glcklich wieder
auf der Erde. Gott sei Dank! rief das Mdchen aus: wir sind gerettet.
Hier hat der alte Bursche keine Macht mehr ber uns, und vor seiner List
wollen wir uns hten. Aber jetzt, Freund, mssen wir uns trennen. Du
gehst zu deinen Eltern, und ich will die meinigen aufsuchen. -- Mit
nichten, erwiederte der Knigssohn: ich kann mich nicht mehr von dir
trennen, du mut mit mir kommen und mein Weib werden. Du hast
Leidenstage mit mir ertragen, darum ist es billig, da du nun auch
Freudentage mit mir theilst. Zwar strubte sich das Mdchen Anfangs,
aber endlich ging sie doch mit dem Jngling.

Im Walde trafen sie einen Holzhacker, von dem sie erfuhren, da im
Schlosse, wie im ganzen Lande, groe Trauer herrsche ber das
unbegreifliche Verschwinden des Knigssohnes, von dem seit Jahren jede
Spur verloren sei. Mit Hlfe des Zauberknulchens schaffte das Mdchen
dem heimkehrenden Sohne seine frheren Kleider wieder, damit er vor
seinem Vater erscheinen knne. Sie selbst aber blieb einstweilen in
einer Bauernhtte zurck, bis der Knigssohn Alles mit seinem Vater
besprochen htte.

Aber der alte Knig war noch vor dem Eintreffen seines Sohnes dahin
geschieden: der Kummer ber den Verlust des einzigen Sohnes hatte sein
Ende beschleunigt. Noch auf seinem Todbette hatte er sein leichtsinniges
Versprechen und seinen Betrug bereut, da er dem alten Burschen ein
armes unschuldiges Mdchen berlieferte, wofr Gott ihn durch den
Verlust des Sohnes gezchtigt habe. Der Knigssohn beweinte, wie es
einem guten Sohne geziemt, den Tod seines Vaters und lie ihn mit groen
Ehren bestatten. Dann trauerte er drei Tage, ohne Speise und Trank zu
sich zu nehmen. Am vierten Morgen aber zeigte er sich dem Volke als
neuer Herrscher, versammelte seine Rthe und theilte ihnen mit, was fr
wunderbare Dinge er in des alten Burschen Behausung gesehen und ertragen
habe, verga auch nicht zu erzhlen, wie die kluge Jungfrau seine
Lebensretterin geworden.

Da riefen die Rthe wie aus einem Munde: Sie mu eure Gemahlin und
unsere Herrscherin werden.

Als der junge Knig sich nun aufmachte, um seine Braut einzuholen,
erstaunte er sehr, als ihm die Jungfrau in kniglicher Pracht
entgegenkam. Mit Hlfe des Zauberknulchens hatte sie sich alles Nthige
verschafft, wehalb auch das ganze Land glaubte, da sie die Tochter
eines unermelich reichen Knigs und aus fernen Landen gekommen sei.
Darauf wurde die Hochzeit ausgerichtet, welche vier Wochen dauerte, und
sie lebten darnach glcklich und zufrieden noch manches liebe Jahr.

[Funote 69: Ist wohl identisch mit dem mythischen Kungla-Lande. S. d.
Anm. 2, S. 102, zum Mrchen 8, vom Schlaukopf. L.]

[Funote 70: Klimit ist ein Getreidema von verschiedener Gre. Das
Revalsche Loof von drei Klimit ist etwas weniger als ein viertel
Scheffel Preuisch. L.]

[Funote 71: Die Grundzge dieser phantasievollen Schilderung finden
sich im Kalewipog =X=, 378 ff. vgl. mit =XIII=, 491 ff. Auch dort scheinen
auf der Strae zur Wohnung des hllischen Geistes weder Sonne, noch Mond
und Sterne -- nur von den Fackeln zu beiden Seiten des Hllenthors geht
ein trber Schimmer aus, der die Ankommenden leitet. L.]

[Funote 72: Reminiscenz aus dem Kalewipog =XIII=, 401 ff., wo dem
Kalewsohn ber den in der Eingangshhle zur Hlle kochenden Kessel
Auskunft ertheilt wird. Erst kostet der Gehrnte, dann die alte Mutter,
dann kommen Hund und Katze dran, in den Rest theilen sich Kche und
Knechte. L.]

[Funote 73: Die eine der in der Unterwelt gefangen gehaltenen drei
Schwestern erzhlt dem Kalewsohn, da des Gehrnten Base die
Hllenhndin, seine Gromutter die weie Mhre sei. Kalewipog =XIV=, 428.
-- Auf einem weien Rosse sitzt der Kalewsohn als Hllenwchter, =ibid.=
=XX=, 1005. Vgl. eine von _Ruwurm_ ber Kalews Tod mitgetheilte Sage.
_Ruwurm_, Sagen aus Hapsal u. s. w. Reval 1861. S. 9-10. L.]

[Funote 74: Vgl. das Glhendmachen der knstlichen Hand und das
Darreichen derselben an die Hexe im Pfortenriegel, in dem Mrchen von
Schnellfu, Flinkhand und Scharfauge, S. 54. L.]




15. Rugatajas Tochter.


Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte
Rugataja[75] mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht
in natrlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemhte
sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um
spterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, da das
Mgdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, da
aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Krper deckte.
Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu
bringen, und schickte dehalb das Mdchen berall hin unter die Leute,
wo nur in den Drfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der
Tochter schne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnre, Halsgeschmeide
von vergoldeten Mnzen, groe Brustspange und Seidenbnder stachen den
jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's
Haus. Die Burschen lachten und spotteten: oben hbsch und glatt,
unterhalb rauh wie Krtenhaut.

Damit nun das Tchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer
verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hlfe und lie von
ihr einen geheimnivollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle
unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mdchen
nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten
Hexe ein Bndelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von
ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel fr die Burschen bereiten
sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: Von diesem Na
sieben Tropfen, in Speise oder Trank getrufelt, bethren jeden
Burschen, der davon kostet.

Darnach wurde auf dem Hofe des Rugataja ein groer Gastschmaus
angerichtet, zu welchem von allen Seiten Mengen zusammengebeten wurden,
besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar
derselben einen whlen knnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack
wre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die
Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum
Ehgemahl ersehnte. Die schlaue Mutter that heimlich sieben Tropfen vom
Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf
der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das
Ktzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rugataja's nachlaufen mute,
da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als
Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen
spter wurde ein prchtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so da noch
Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was
half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer gefhrt wurde,
um zu Bette zu gehen, fand der Brutigam unter der Decke so viel
Unheimliches, da ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben
Nacht nahm er die Flucht und lie die junge Frau als Wittwe zurck.
Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, da der Liebestrank
der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken wrde; aber wer nicht
kam, war der entwichene Brutigam. Als noch eine Woche verstrichen war,
und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in
ihnen. Endlich kam die Nachricht, da der entwichene Mann eine andere
Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.

Ein Jahr spter hrte die alte Frau des Rugataja, da ihres vormaligen
Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein bser
Anschlag ihr Herz, da sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hlfe der
Hexe des Kindes Mutter in einen Wrwolf verwandelt war. Sodann schaffte
sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wchnerin in's Bett. Da aber die
Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie
auch das Kind nicht sugen. Wohl go sie Kuhmilch in die knstlich aus
Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern
schrie Tag und Nacht vor Hunger, da der Zeter kein Ende nahm. Es wurden
zwar Kindesbaderinnen und Thrnenstillerinnen von nah und fern
zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind lie nicht ab zu
schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Muthe: Tragt den
Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein
Geschrei nicht lnger aushalten. Die Wrterin ging mit dem Kinde
hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wlfin
hervor, entri der Wrterin das Kind mit Gewalt, that aber weder ihr
noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein suberlich das Kleine sich
an die Brust und sugte es. Als das Kind darauf s eingeschlummert war,
brachte die Wrterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis
zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wrterin lie nichts verlauten von
dem Vorfall mit der Wlfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's
Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die
Wrterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater
des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei
mehr im Hause war, wiewohl die Wchnerin noch immer schwer krank zu
Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fu rhren zu knnen. Als nun am
dritten Tage die Wrterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen,
sagte die Wlfin. Ich darf nicht jeden Tag so ffentlich in's Freie
kommen, das Kind zu sugen. Wenn du es aber alle Morgen an den
Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es sugen; doch mut du,
so lang' ich es suge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht
Jemand pltzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind suge. Und auch
du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich
rufe. Die Wrterin that, wie geboten war, und die Sache ging ber eine
Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne
Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lchelndem
Antlitz.

Eines Tages dnkte der Wrterin das Sugen der Wlfin allzulange zu
dauern, und das Verbot bertretend ging sie heimlich zu sphen, was wohl
die Amme mit dem Kinde machen mchte. Ein wunderbares Ding war es denn
freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels sa eine junge nackte Frau,
das Kind auf ihrem Schooe, welches sie zrtlich liebkoste und auf den
Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlpfte
hinein und rief dann die Wrterin, da sie kme, das Kind zu nehmen. Als
die Wrterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Sugung des
Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund
halten, sondern that dem Vater Alles kund, was bisher tglich mit dem
Kinde geschehen war, sowohl das Sugen durch die Wlfin, als auch die
Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlpft war. Der Mann
schlo sofort, da es hier nicht mit rechten Dingen zugehen knne; er
verbot der Wrterin das Geheimni irgend Jemand weiter zu sagen, und
eilte selbst zu einem berhmten weisen Manne, um Rath und Hlfe zu
suchen.

Der weise Mann sagte, als er die Erzhlung gehrt hatte: Hier scheint
einer bsen Hexe Werk dahinter zu stecken, was ich sofort ganz
aufzuklren nicht im Stande bin; aber wir mssen versuchen, durch List
die Wolfshaut zu erlangen und zu vernichten, dann werden wir schon
sehen, was fr ein Betrug hier verbt ist. Dann befahl er dem Manne, in
der Nacht den Ukkofels glhend hei zu machen, damit, wenn die Wlfin
die Haut wieder auf den Fels werfen wrde, diese versengt und zum
Anziehen untauglich gemacht wrde. Der Mann fhrte den andern Tag, als
des Kindes Sugerin sich in den Wald zurckgezogen hatte, ein Paar Fuder
Holz um den Fels her und auf denselben, und zndete dann in der Nacht
das Holz an, wodurch der Ukkofels gluthroth wurde, wie die Glhsteine
eines Badstubenofens. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes
Sugerin zu kommen pflegte, rumte er Brnde und Asche bei Seite und
schlpfte selbst hinter das Gebsch in ein Versteck, wo er Alles sehen
konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die
Wlfin aus dem Walde gerufen, nahm der Wrterin das Kind ab, und legte
es dann so lange in's Gras, bis sie die Wolfshaut abgezogen und auf den
Felsrand geworfen hatte. Dann nahm sie das Kind auf den Schoo und
begann es zu sugen. Je schrfer der Mann die Sugende ansah, desto
bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja -- er erkannte in
der Sugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, wehalb die
Wchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer sa. Er sprang nun aus
dem Gebsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken
auf, legte das Kind in's Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom
Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur
ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Auch dieses warf
jetzt der Mann auf die allerheieste Stelle, wo nun die letzten Fetzen
zu Asche verbrannten. Dann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau,
sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu
bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen. Zu Hause ging
er mit freundlicher Ansprache zur Wchnerin und sagte: Du mut heute in
die Badstube gehn, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden. Die
Frau strubte sich zwar mit aller Macht dagegen; sie knne den Luftzug
nicht vertragen; wie knne sie so ber den Hof in die Badstube gehn.
Wenn ich so ber den Hof ginge, so wrde ich drauen ohnmchtig werden
und mir den Tod holen. Der Mann erwiederte: Das hat gar nichts zu
sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so da der
Luftzug deinem zarten Krper nicht schaden kann. Damit war die Frau
ganz zufrieden, denn sie frchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes
Auge, der den Betrug gleich erkannt haben wrde.

Als die in die Decke gewickelte Wchnerin mit Hlfe des Mannes in die
Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Thr so fest zu, da
keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann
zu Pferde und jagte im Galopp nach Rugataja's Hof. In die Stube tretend
rief er mit freundlicher Stimme: Guten Tag, liebe Schwiegermutter. Ich
komme euch zu danken, da ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von
der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfltigen
Sinn gefreit hatte. Wir leben glcklich mit einander, und dehalb
wnscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer
Zufriedenheit berzeugen knnt. Rugatajas Frau merkte den Betrug
nicht, sondern freute sich, da die Sache so gut gegangen war. Der
Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den
Wagen und fuhr nach Haus. Hier sagte er: Die junge Frau ist in die
Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust
hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen? Warum nicht!
erwiederte die Mutter. Der Mann lie sie in die Badstube treten,
verschlo die Thr und warf dann den rothen Hahn auf's Dach. Da
verbrannte denn die Badstube sammt Rugataja's Frau und ihrer Tochter.
-- Da jetzt das Haus von der bsen Sippschaft gereinigt war, nahm der
Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestrt bis an ihr Ende.

[Funote 75: Rugataja, dessen Frau hier (wie im Mrchen 13 S. 173)
eine so hliche Rolle spielt, erscheint im Kalewipog =II=. 501 ff. als
geburtshelfender Gott. Er und der Gott =Ukko=, welcher gleichbedeutend ist
mit dem Fruchtbarkeit verleihenden Obergotte =Tara= treten an das Lager
der kreienden Wittwe Linda, welche ihre Hlfe angerufen hatte, und
nachdem beide Gtter eine Stunde bei ihr geweilt, kommt der Kalewsohn
glcklich zur Welt. Nach _=Castrn=_. Vorl. S. 45, wurde der finnische =Ukko=
nur bei schweren Kindesnthen in Anspruch genommen. Auch sonst kennt die
ehstnische Ueberlieferung den Rugataja als Schtzer der Wchnerinnen
und Neugeborenen; auch bei Heirathen wurde ihm geopfert, damit der
mtterliche Schoo nicht unfruchtbar bleibe. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S.
18. 42. 43. Dann tritt Rugataja mit abgeschwchter Bedeutung nur noch
als Schutzgott der Neugeborenen auf, den die Wrterinnen beim ersten
Bade eines Kindes, so wie beim Baden kranker Kinder anrufen. Ebend. S.
49. 53. 54. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder S. 108. Zuletzt
ist der Gott Rugataja (etwa wie Knecht Ruprecht) zum Popanz entstellt,
mit welchem man die Kinder erschreckt und beschwichtigt. -- Der Name,
der auch in der Form =Raugutaja= vorkommt, scheint mit dem finnischen
Roggen- oder Saatengott =Ronkoteus= zusammenzuhngen. Da ein Gott der
Saaten mit dem Gebren des Weibes in Verbindung gesetzt wird, kann nicht
auffallen, auch Thor ist Saatgott und zugleich Gott der Ehe, und der
Mythus von der Persephone weist auf dieselbe Combination. Die
griechische Braut betritt mit gersteter Gerste das Haus des Brutigams.
Auffallend ist es, da die ehstnische Mythologie, die doch sonst an
weiblichen Personificationen reich ist, keine Gestalt wie die
griechische Eileithyia, oder die rmische Lucina aufzuweisen hat. L.]




16. Die Meermaid


In der alten glcklichen Zeit gab es auf Erden viel bessere Menschen als
jetzt, darum lie ihnen der himmlische Vater auch manche Wunder offenbar
werden, welche heut' zu Tage entweder ganz verborgen bleiben, oder nur
selten einmal einem Glckskinde erscheinen. Zwar die Vgel singen nach
alter Weise, und die Thiere tauschen ihre Laute aus, aber leider
verstehen wir ihre Sprache nicht, und was sie sagen, bringt uns weder
Lehre noch Nutzen.

In der _Wiek_ wohnte vor Zeiten am Strande eine schne Meermaid, die sich
den Leuten oftmals zeigte; noch meines Grovaters Vetter, der in dieser
Gegend aufwuchs, hatte sie zuweilen auf einem Steine sitzen sehen, aber
das Brschlein hatte nicht gewagt nher zu treten. Die Jungfrau erschien
in mancherlei Gestalten, bald als Fllen oder Frse, bald wieder als ein
anderes Thier; manchen Abend mischte sie sich unter die Kinder, und lie
es sich gefallen, da sie mit ihr spielten, da sich die Knblein ihr
auf den Rcken setzten -- dann war sie pltzlich wie unter die Erde
gesunken!

Wie die alten Leute jener Zeit erzhlten, konnte man die Jungfrau in
frheren Tagen fast jeden schnen Sommerabend am Meeresufer sehen, wo
sie auf einem Steine sitzend ihr langes blondes Haar mit goldenem Kamme
glttete, und so schne Lieder sang, da den Hrern das Herz hinschmolz.
Die Annherung der Menschen aber duldete sie nicht, sondern entschwand
ihren Blicken, oder entwich in's Meer, wo sie als Schwan sich auf den
Wellen schaukelte. Warum sie vor den Menschen floh, und nicht mehr das
frhere Zutrauen zu ihnen hatte, darber wollen wir jetzt das nhere
melden.

In alten Tagen, lange vor der Schwedenzeit, lebte am Strande der Wiek
ein wohlhabender Bauer mit seiner Frau und vier Shnen; ihren tglichen
Unterhalt gewannen sie mehr der See als dem Acker ab, weil der Fischfang
zu ihrer Zeit gar reich gesegnet war. Ihr jngster Sohn zeigte sich von
klein auf in allen Stcken anders als seine Brder, er mied die
Gesellschaft der Menschen, schlenderte am Meeresufer und im Walde umher,
sprach mit sich selbst, mit den Vgeln oder mit Wind und Wellen, aber
wenn er unter die Leute kam, ffnete er den Mund nicht viel, sondern
stand wie trumend. Wenn im Herbst die Strme aus dem Meere tobten, die
Wellen sich haushoch thrmten und sich schumend am Ufer brachen, dann
lie es dem Knaben zu Hause keine Ruhe mehr, er lief wie besessen, oft
halb nackend, an den Strand. Wind und Wetter scheute sein abgehrteter
Krper nicht. Er sprang in den Kahn, ergriff die Ruder und fuhr, gleich
einer wilden Gans, auf dem Kamme der tobenden Wellen weit in die See
hinaus, ohne da seine Verwegenheit ihm jemals Gefahr gebracht htte. Am
Morgen, wenn der Sturm ausgetobt hatte, fand man ihn am Meeresufer in
sem Schlafe. Schickte man ihn irgend wohin, um ein Geschft zu
besorgen, z. B. im Sommer das Vieh zu hten, oder sonst kleine Arbeiten
zu bernehmen, so machte er seinen Eltern nur Verdru. Er warf sich
irgendwo in den Schatten eines Busches, ohne der Thiere zu achten, die
sich zerstreuten, Wiesen oder Kornfelder betraten, und sich auch
theilweise verliefen, so da die Brder Stunden lang zu thun hatten, bis
sie der verlorenen Thiere wieder habhaft wurden. Wohl hatte der Vater
den Knaben die Ruthe bitter genug fhlen lassen, aber das wirkte nicht
mehr, als Wasser auf eine Gans gegossen. Als der Knabe zum Jngling
herangewachsen war, ging es auch nicht besser, keine Arbeit gedieh unter
seinen lssigen Hnden; er zerschlug und zerbrach das Arbeitsgert,
mattete die Arbeitsthiere ab, und schaffte doch nichts Rechtes.

Der Vater gab ihn nun auf fremde Bauerhfe in Dienst, weil er hoffte,
da vielleicht die fremde Peitsche den Lotterer bessern und zum
ordentlichen Menschen machen mchte; aber wer den Burschen eine Woche
lang auf Probe gehabt hatte, schickte ihn auch in der nchsten Woche
wieder zurck. Die Eltern schalten ihn einen Tagedieb, und die Brder
hieen ihn _Schlaf-Tnnis_; binnen kurzem war dieser Spitzname in aller
Munde, wiewohl er auf den Namen _Jrgen_ getauft war. Weil nun der
Schlaf-Tnnis keinem Menschen Nutzen brachte, vielmehr Eltern und
Geschwistern nur zur Last fiel und im Wege war, so htten sie gern ein
Stck Geld hingegeben, wenn jemand sie von dem Faullenzer befreit htte.
Als der Schlaf-Tnnis nirgends mehr aushielt, und auch Niemand ihn
behalten wollte, verdingte ihn endlich der Vater bei einem fremden
Schiffer als Knecht, weil er doch auf der See nicht davon laufen konnte,
und weil der Bursche auch das Meer von klein auf geliebt hatte. Trotzdem
war er nach einigen Wochen, ich wei nicht wie? von dem Schiffe
entkommen, und hatte seine trgen Fe wieder auf den heimischen Boden
gesetzt. Nur schmte er sich, das Haus seiner Eltern zu betreten, wo er
auf keinen freundlichen Empfang hoffen durfte, er trieb sich von einem
Orte zum andern herum, und suchte sein Leben zu fristen, wie es ging,
ohne zu arbeiten. Er war ein hbscher starker Bursche, und konnte ganz
angenehm sprechen, wenn er wollte, obschon er im elterlichen Hause
seinen Mund nie viel zum Reden gebraucht hatte. Jetzt muten ihn sein
schmuckes Aussehen und seine glatte Rede erhalten, denn er wute sich
damit bei Frauen und Mdchen einzuschmeicheln.

Da geschah es, als er an einem schnen Sommerabend nach Sonnenuntergang
allein am Strande sich erging, da der Meermaid holder Gesang an sein
Ohr drang. Schlaf-Tnnis dachte alsbald: Sie ist auch ein Weib, und
wird mir nichts zu Leide thun! Er zgerte also nicht, dem Gesange
nachzugehen, um den schnen Vogel in Augenschein zu nehmen. Er bestieg
den hchsten Hgel, und gewahrte von da ber einige Felder weg die
Meermaid, die auf einem Steine sa, wo sie mit goldenem Kamme ihr Haar
glttete und ein herrliches Lied sang. Der Jngling htte sich mehr
Ohren gewnscht, um den Gesang zu hren, der ihm in's Herz schlug wie
eine Flamme; als er aber nher kam, sah er, da hier eben so viele Augen
Noth thten, die Schnheit der Jungfrau zu fassen. Gewi hatte die
Meermaid den Kommenden bemerkt, aber sie floh nicht vor ihm, was sie
doch sonst immer that, wenn sich Menschen ihr nherten. Schlaf-Tnnis
mochte etwa noch zehn Schritte von ihr sein, als er pltzlich still
stand, unentschlossen, ob er warten oder nher treten solle. Und
wunderbar! Die Meermaid erhob sich vom Steine und kam ihm mit
freundlicher Miene entgegen. Grend bot sie dem Jngling die Hand und
sagte: Ich habe dich hier schon manchen Tag erwartet, weil ein
bedeutsamer Traum mir deine Ankunft kndete. Du hast unter den Menschen
nirgends Haus noch Heim, wohin du gehen knntest, oder wo Leute deines
Schlages taugten. Warum solltest du auch von Fremden abhngig sein, wenn
die Eltern dir in ihrem Hause keine Sttte bieten? Ich kenne dich von
klein auf und besser, als die Menschen dich kennen, weil ich ungesehen
oft um dich war und dich schtzte, wenn dein verwegener Uebermuth dich
htte verderben knnen. Ja, meine Hnde haben oft dein schwankes Boot
gehtet, da es nicht in die Tiefe sank! Komm mit mir, du sollst
Herrentage haben, und es soll dir an nichts mangeln, was dein Herz nur
begehrt, sollst du kosten. Ich will dich warten und hten wie meinen
Augapfel, da weder Wind noch Regen noch Frost dir etwas anhaben
sollen. Schlaf-Tnnis stand noch immer im Zweifel, er kratzte sich
hinter den Ohren und berlegte, was er antworten solle; obgleich jedes
Wort der Jungfrau ihm wie ein Feuerpfeil in's Herz gedrungen war.
Endlich fragte er schchtern, ob ihre Behausung weit von hier sei. Wir
knnen mit Windesschnelle dahin kommen, wenn du festes Vertrauen zu mir
hast, erwiederte die Meermaid. Da fielen dem Schlaf-Tnnis pltzlich
mancherlei Reden ein, die er frher von den Leuten ber die Meermaid
gehrt hatte, das Herz bangte ihm, und er bat sich drei Tage Bedenkzeit
aus. Ich will deinen Wunsch erfllen, sagte die Meermaid, aber damit
du nicht wieder unsicher werdest, will ich dir, bevor wir scheiden,
meinen goldenen Ring an deinen Finger stecken, auf da du das
Wiederkommen nicht vergessest. Wenn wir dann nher mit einander bekannt
werden, so kann vielleicht aus diesem Pfande ein Verlobungsring werden.
Mit diesen Worten zog sie den Ring ab, steckte ihn dem Jngling an den
kleinen Finger und verschwand dann, als wre sie in Luft zerflossen.
Schlaf-Tnnis blieb mit offenen Augen stehen, und htte das Vorgefallene
fr einen Traum gehalten, wenn nicht der glnzende Ring an seinem Finger
das Gegentheil dargethan htte. -- Aber mit diesem Ringe schien wie ein
fremder Geist in ihn gefahren zu sein, der ihm nirgends mehr Rast noch
Ruhe lie. Er streifte die ganze Nacht unstet am Strande umher und kam
immer wieder zu dem Steine zurck, auf welchem die Jungfrau gesessen
hatte -- aber der Stein war kalt und leer. Am Morgen legte er sich ein
wenig nieder, aber unruhige Trume strten seinen Schlaf. Als er
erwachte, fhlte er weder Hunger noch Durst, all sein Sinnen stand nur
auf den Abend, da hoffte er die Meermaid wieder zu sehen. Der Tag neigte
sich endlich, es wurde Abend, der Wind legte sich, die Vgel im
Erlenbusch hrten auf zu singen, und steckten die mden Schnbel unter
die Flgel -- aber die Meermaid sah er an dem Abend nirgends.

Sorge und Leid preten ihm schwere Thrnen aus, in seinem Unmuth htte
er sich die bitterste Qual anthun mgen -- warum hatte er am gestrigen
Abend das dargebotene Glck verschmht und sich eine Bedenkzeit
ausbedungen, wo ein klgerer als er das Glck mit beiden Hnden bei den
Hrnern gepackt haben wrde. Nun half keine Reue noch Klage. Nicht
minder trbselig verstrich ihm die Nacht und der folgende Tag; unter der
Last des Kummers fhlte er nicht einmal den Hunger. Gegen
Sonnenuntergang setzte er sich zerknirschten Herzens auf eben den Stein,
auf welchem die Meermaid vorgestern gesessen hatte, fing an bitterlich
zu weinen und sagte chzend: Wenn sie heute nicht kommt, so will ich
nicht lnger mehr leben, sondern entweder hier auf dem Steine Hungers
sterben, oder mich jhlings in die Wellen strzen und in der Tiefe des
Meeres mein elendes Leben enden! -- Ich wei nicht, wie lange er so in
Gram versunken gesessen hatte, als er eine weiche warme Hand auf seiner
Stirne fhlte. Als er die Augen aufschlug, sah er die Jungfrau vor sich,
die ihn liebreich anredete: Ich sah deine herbe Qual, hrte dein
sehnschtiges Seufzen und mochte nicht lnger zgern, obgleich deine
Bedenkzeit erst morgen Abend abluft.

Vergebt mir, vergebt mir, theure Jungfrau! bat Schlaf-Tnnis
schluchzend. Vergebt mir! ich war ein sinnloser Thor, da ich das
unverhoffte Glck nicht festzuhalten wute. Der Teufel wei, was fr
eine Tollheit mir vorgestern in den Kopf kam. Bringt mich, wohin ihr
wollt, ich widerstrebe nicht, ja ich wrde mit Freuden mein Leben fr
euch hingeben.

Die Meermaid erwiederte lachend: Mich verlangt nicht nach deinem Tode,
sondern ich will dich lebend als lieben Genossen zu mir nehmen. Dann
nahm sie den Jngling bei der Hand, fhrte ihn einige Schritte nher
an's Meer, verband ihm mit einem seidenen Tuche die Augen, und in
demselben Augenblicke fhlte sich Schlaf-Tnnis von zwei starken Armen
umfat, welche ihn wie im Fluge emporhoben und dann jhlings in die Flut
strzten. Als die kalte Flut seinen Leib berhrte, verlor er das
Bewutsein, so da er nicht mehr wute, was mit ihm und um ihn vorging.
Er konnte also spterhin auch nicht sagen, wie lange seine Ohnmacht
gedauert hatte.

Als er erwachte, sollte er noch Seltsameres erfahren.

Er fand sich auf weichem Kissen in seidenem Bette, das in einem
prchtigen Gemache stand, dessen Wnde von Glas und von innen mit rothen
Sammetdecken verhllt waren, damit das grelle Licht den Schlfer nicht
wecke. Eine Zeit lang wute er selbst nicht recht, ob er noch lebe oder
sich nach dem Tode an einem unbekannten Orte befinde. Er reckte seine
Glieder hin und her, nahm seine Nasenspitze zwischen die Finger, und
siehe! -- es war Alles, wie es sein mute. Angethan war er mit einem
feinen weien Hemde, und schne Kleider lagen auf einem Stuhl vor seinem
Bette. Nachdem er sich eine Zeit lang im Bette gedehnt und sich
handgreiflich berzeugt hatte, da er wirklich am Leben sei, stand er
endlich auf und zog sich an. -- Zufllig hustete er, und augenblicklich
traten zwei Mdchen ein, grten ehrerbietig und baten, der _gndige
Herr_ mge ihnen sagen, was er frhstcken wolle. Whrend die eine den
Tisch deckte, ging die andere die Speisen zu bereiten. Es dauerte nicht
lange, so standen Schsseln mit Schweinefleisch, Wurst, Blutklen und
Scheibenhonig, nebst Bier- und Methkannen auf dem Tische -- gerade als
ob eine prchtige Hochzeit gefeiert wrde. Schlaf-Tnnis, der mehrere
Tage ohne Nahrung geblieben war, setzte seine Kinnladen in Bewegung und
a, was der Magen fassen wollte, dann streckte er sich aufs Bett, um zu
verdauen. Als er wieder aufstand, kamen die Dienerinnen zurck und baten
den gndigen Herrn, im Garten spazieren zu gehen, whrend die gndige
Frau sich ankleiden lasse. Es wurden ihm von allen Seiten so viel
gndige Herren an den Hals geworfen, da er schon anfing, sich fr
einen solchen zu halten, und seines frheren Standes verga.

Ich Garten fand er auf Schritt und Tritt Schnheit und Zierde; im grnen
Laube glnzten goldene und silberne Aepfel, sogar die Fichten- und
Tannenzapfen waren golden und goldgefiederte Vgel hpften in den
Wipfeln und auf den Zweigen. Zwei Mdchen traten hinter einem Gebsche
hervor, sie hatten Auftrag, den gndigen Herrn im Garten herum zu
fhren und ihm alle Schnheiten desselben zu zeigen. Weiter gehend
gelangten sie an den Rand eines Teiches, auf welchem silbergefiederte
Gnse und Schwne schwammen. Ueberall schimmerte Morgenroth, doch
nirgends sah man die Sonne. Die mit Blthen bedeckten Gebsche hauchten
sen Duft aus, und Bienen, gro wie Bremsen, flogen um die Blthen
herum. Alles, was unser Freund hier von Bumen und Gewchsen erblickte,
war viel herrlicher, als wir es jemals schauen. Sodann erschienen zwei
prchtig gekleidete Mdchen, um den gndigen Herrn zur gndigen Frau
einzuladen, welche ihn erwarte. Ehe man ihn zu ihr fhrte, wurde ihm
noch ein blauseidener Shawl[76] um die Schultern gelegt. Wer htte in
diesem Aufzuge den frheren Schlaf-Tnnis wieder erkannt?

In einer prchtigen Halle, die so gro wie eine Kirche und auch, wie das
Schlafgemach, aus Glas gegossen war, saen zwlf scheue Jungfrauen auf
silbernen Sthlen. Hinter ihnen auf einer Erhhung unweit der Wand
standen zwei goldene Sthle, auf deren einem die hehre Knigin sa,
whrend der andere noch leer war. Als Schlaf-Tnnis ber die Schwelle
trat, erhoben sich alle Jungfrauen von ihren Sitzen und grten den
Ankmmling ehrerbietig, setzen sich auch nicht eher wieder, als bis es
ihnen geheien worden. Die Herrin selber blieb auf ihrem Stuhle sitzen,
nickte dem Jnglinge ihren Gru zu und winkte befehlend mit dem Finger,
worauf die Fhrerinnen den Schlaf-Tnnis in die Mitte nahmen und zur
Herrin geleiteten. Der Jngling ging schchternen Schrittes vorwrts,
und wagte nicht die Augen aufzuschlagen, denn all' die unerwartete
Pracht und Herrlichkeit blendete ihn. Man wies ihm seinen Platz auf dem
goldenen Stuhle neben der Herrin an, und diese sagte: Dieser Jngling
ist mein lieber Brutigam, dem ich mich verlobt und den ich mir zu
meinem Gemahl erkoren habe. Ihr mt ihm jegliche Ehre erweisen und ihm
eben so gehorchen wie mir. Jedes Mal, da ich das Haus verlasse, mt
ihr ihm die Zeit vertreiben und ihn pflegen und hten wie meinen
Augapfel. Schwere Strafe wrde den treffen, der meinen Willen nicht
pnktlich erfllt.

Schlaf-Tnnis sah wie verbrht drein, weil er gar nicht wute, was er
von der Sache halten solle; die Erlebnisse dieser Nacht schienen
wunderbarer als Wunder. Er mute sich in Gedanken immer wieder fragen,
ob er wache oder trume. Die Herrin errieth, was in ihm vorging, erhob
sich von ihrem Stuhle, nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn aus einem
Zimmer in's andere; alle waren menschenleer. So waren sie in das zwlfte
Gemach gelangt, das etwas kleiner aber noch prchtiger war, als die
andern. Hier nahm die Herrin ihre Krone vom Haupte, warf den
goldverbrmten seidenen Mantel ab, und als Schlaf-Tnnis jetzt die Augen
aufzuschlagen wagte, sah er keine fremde Herrin, sondern die Meermaid an
seiner Seite. O du liebe Zeit! jetzt wuchs ihm pltzlich der Muth und
seine Hoffnung erblhte. Freudig rief er: O theure Meermaid! -- aber
in demselben Augenblick schlo die Hand der Jungfrau ihm den Mund; sie
sprach in ernstem Tone: Wenn dir mein und dein eigenes Glck lieb ist,
so nenne nie mehr diesen Namen, den man mir zum Schimpf beigelegt hat.
Ich bin der Wasser-Mutter[77] Tochter, und unserer sind viele
Schwestern, wenn wir auch alle einsam, jede an ihrem Ort, im Meere, in
Seeen und Flssen wohnen, und uns nur selten einmal durch einen
glcklichen Zufall zu sehen bekommen. Dann erklrte sie ihm, sie habe
bis jetzt jungfrulich gelebt, msse aber als verordnete Herrscherin
Namen und Wrde einer kniglichen Frau aufrecht erhalten. Schlaf-Tnnis
war durch sein unverhofftes Glck wie von Sinnen gekommen, er wute
nicht, was er in seiner Freude beginnen sollte, aber die Zunge war ihm
wie gebunden, und er brachte nicht viel mehr heraus als _Ja_ oder _Nein_.
Als er sich aber beim Mittagsmahl die leckeren Speisen schmecken lie,
und als die kstlichen Getrnke ihm warm machten, da lste sich auch
seine Zunge, und er wute sich nicht blo wie sonst gut zu unterhalten,
sondern auch manchen artigen Scherz anzubringen.

Am folgenden und am dritten Tage ging dieses glckliche Leben eben so
frhlich weiter; Schlaf-Tnnis glaubte sich bei lebendigem Leibe in den
Himmel versetzt. Vor Schlafengehen sagte die Meermaid zu ihm: Morgen
haben wir Donnerstag,[78] und allwchentlich mu ich, einem Gelbde
gem an diesem Tage fasten und einsam von allen Andern getrennt leben.
Donnerstags kannst du mich nicht frher sehen, als bis der Hahn Abends
drei Mal gekrht hat. Meine Dienerinnen werden inzwischen fr dich
sorgen, da dir die Zeit nicht lang werde, und es dir an Nichts fehle.

Am andern Morgen fand Schlaf-Tnnis seine Genossin nirgends -- er
gedachte dessen, was sie ihm am Abend zuvor angekndigt hatte, nmlich,
da er heute und jeden knftigen Donnerstag ohne seine Gemahlin
zubringen msse. Die Dienerinnen bemhten sich, ihm auf alle Weise die
Zeit zu vertreiben, sie sangen, spielten und fhrten heitere Tnze auf;
dann setzten sie ihm wieder Speise und Trank vor, wie ein geborener
Knigssohn sie nicht besser haben konnte, und der Tag verging ihm
schneller als er geglaubt hatte. Nach dem Abendessen begab er sich zur
Ruhe, und als der Hahn das dritte Mal gekrht hatte, kam die Schne
wieder zu ihm. Ebenso ging es an jedem folgenden Donnerstage. Oft zwar
hatte er die Geliebte gebeten, am Donnerstage mit ihr zusammen fasten zu
drfen, aber vergebens. Als er nun einst wieder an einem Mittwoch seine
Gemahlin mit dieser Bitte qulte und ihr keine Ruhe lie, sagte die
Meermaid mit thrnenden Augen: Nimm mein Leben, wenn du willst, ich
gebe es gerne hin, aber deinen Wunsch, dich zu meinem Fasttage
mitzunehmen, kann und darf ich nicht erfllen.

Ein Jahr oder darber mochte ihnen so verflossen sein, als sich Zweifel
im Herzen des Schlaf-Tnnis regten, die immer qulender wurden, so da
er keine Ruhe mehr fand. Das Essen wollte ihm nicht munden, und der
Schlaf erquickte ihn nicht. Er frchtete nmlich, da die Meermaid auer
ihm noch einen heimlichen Geliebten habe, in dessen Armen sie jeden
Donnerstag ruhe, whrend er die Zeit mit ihren Dienerinnen hinbringen
msse. Die Kammer, in welcher die Meermaid sich Donnerstags verborgen
hielt, kannte er lngst, aber was half es? Die Thr war immer
verschlossen und die Fenster waren von innen durch doppelte Vorhnge so
dicht verhllt, da nirgends eine Oeffnung wenn auch nur von der Breite
eines Nadelhrs blieb, durch welche ein Sonnenstrahl, geschweige denn
ein menschliches Auge, htte eindringen knnen. Aber je unmglicher die
Aufhellung dieses Geheimnisses schien, desto heftiger wurde sein
Verlangen, der Sache auf den Grund zu kommen. Wenngleich er von dem, was
ihm auf dem Herzen lastete, der Meermaid kein Wrtchen verrieth, so
merkte sie doch an seinem unsteten Wesen, da die Sachen nicht mehr
standen wie sie sollten. Wiederholt bat sie ihn mit Thrnen in den
Augen, er mge sie und sich selbst doch nicht mit verkehrten Gedanken
plagen. Ich bin, sagte sie, frei von aller Schuld gegen dich, ich
habe keine heimliche Liebe noch irgend eine andere Snde gegen dich auf
dem Gewissen. Aber dein falscher Argwohn macht uns Beide unglcklich,
und wird unsern Herzensfrieden zerstren. Mit Freuden wrde ich jeden
Augenblick mein Leben fr dich hingeben, wenn du es wnschen wrdest,
aber an meinem Fasttage kann ich dich nicht in meine Nhe lassen. Es
darf nicht sein, und wrde unserer Liebe und unserem Glcke fr immer
den Untergang bringen. Wir leben ja sechs Tage in der Woche in ruhigem
Glcke mit einander, wie kann uns die Trennung _eines_ Tages so schwer
fallen, da du sie nicht ertragen solltest.

Sechs Tage hielt solch' ein verstndiger Zuspruch immer wieder vor, aber
wenn der nchste Donnerstag kam, und die Meermaid nicht erschien, dann
verlor er den Kopf und geberdete sich wie ein halb Verrckter. Er hatte
keine Ruhe mehr, zuletzt wollte er am Donnerstage Niemand um sich
haben, die Dienerinnen durften nur die Speisen und Getrnke auftragen
und muten sich dann gleich entfernen, damit er allein hausen knne wie
ein Gespenst.

Diese gnzliche Verwandlung nahm Alle Wunder, und als die Meermaid die
Sache erfuhr, wollte sie sich die Augen aus dem Kopfe weinen; doch
berlie sie sich ihrem Schmerze nur, wenn Niemand dabei war.
Schlaf-Tnnis hoffte, wenn er allein gelassen wrde, bessere Gelegenheit
zur Untersuchung der geheimnivollen Fastenkammer zu finden --
vielleicht entdeckte er doch irgendwo ein Spltchen, durch welches er
sphen und beobachten knnte, was dort vorginge. Je mehr er sich aber
abqulte, desto unmuthiger wurde auch die Meermaid, und wenn sie noch
ein freundliches Antlitz zeigte, so kam ihr doch die Freundlichkeit
nicht mehr von Herzen wie sonst.

So vergingen einige Wochen, und die Sache wurde nicht besser und nicht
schlechter; da fand Schlaf-Tnnis eines Donnerstags neben dem Fenster
eine kleine Stelle, wo die Vorhnge sich zufllig verschoben hatten, so
da der Blick in die Kammer dringen konnte. Was er da sah, machte sein
Herz rger als Februarklte gerinnen. Das geheimnivolle Gemach hatte
keinen Fuboden, sondern sah aus wie ein groer viereckiger Kbel, der
viele Fu hoch mit Wasser gefllt war. Darin schwamm seine geliebte
Meermaid. Vom Kopf bis zum Bauch hatte sie noch die Schnheit des
weiblichen Krpers, aber die untere Hlfte vom Nabel abwrts war ganz
Fisch, mit Schuppen bedeckt und mit Flossen versehen. Mit dem breiten
Fischschwanz pltscherte sie zuweilen im Wasser, da es hoch
aufspritzte. -- Der Spher wich wie betubt zurck, und ging betrbt
hinweg. Wie viel htte er darum gegeben, wenn er diesen Anblick aus
seinem Gedchtnisse htte auslschen knnen! Er dachte hin und her,
wute aber nicht, was er anfangen sollte.

Der Hahn hatte am Abend wie gewhnlich drei Mal gekrht, aber die
Meermaid kam nicht zu ihm zurck. Er durchwachte die ganze Nacht, aber
die Schne erschien immer noch nicht. Erst am Margen kam sie in
schwarzen Trauerkleidern, das Gesicht mit einem dnnen Seidentuch
verhllt, und sprach mit weinender Stimme: O, du Unseliger, der du
durch deine Torheit unserem glcklichen Leben ein Ende gemacht hast! Du
siehst mich heute zum letzten Male und mut nun wieder in deinen
frheren Zustand zurckkehren, was du dir selber zuzuschreiben hast.
Leb' wohl zum letzten Male!

Ein pltzlicher Krach und ein starkes Getse, als ob der Boden unter den
Fen weg rollte, warf den Schlaf-Tnnis nieder, und in seiner Betubung
hrte und sah er nicht mehr, was mit ihm und um ihn her vorging.

Als er endlich, wer wei wie lange nachher, aus seiner Ohnmacht
erwachte, fand er sich am Meeresstrande, dicht bei demselben Steine, auf
welchem die schne Meermaid gesessen hatte, als sie den
Freundschaftsbund mit ihm schlo. Statt der prchtigen Kleider, die er
in der Behausung der Meermaid tglich getragen hatte, fand er seinen
alten Anzug, der aber viel lter und zerlumpter aussah, als es nach
seiner Annahme der Fall sein konnte. Die Glckstage unseres guten
Freundes waren vorber, und keine noch so bittere Reue konnte sie
zurckbringen.

Als er weiter ging, stie er auf die ersten Gehfte seines Dorfs. Sie
standen wohl an der alten Stelle, aber sahen doch anders aus. Was ihm
aber, als er sich umsah, noch viel wunderbarer dnkte, war, da die
Menschen ihm ganz fremd waren, und nicht ein einziges bekanntes Gesicht
ihm begegnete.

Auch ihn sahen Alle befremdet an, als ob sie ein Wunderthier vor sich
htten. Schlaf-Tnnis ging nun zum Hofe seiner Eltern; auch hier kamen
ihm fremde Menschen entgegen, die ihn nicht kannten, und die er nicht
kannte. Erstaunt fragte er nach seinem Vater und seinen Brdern, aber
Niemand konnte ihm Bescheid geben. Endlich kam ein gebrechlicher Alter
auf einen Stock gesttzt aus dem Hause und sagte: Bauer, der Wirth,
nach welchem du dich erkundigst, schlft schon ber dreiig Jahre in der
Erde; auch seine Shne mssen todt sein. Wo kommst du denn her,
Alterchen, um solchen vergessenen Dingen nachzuforschen? Das Wort
Alterchen hatte den Schlaf-Tnnis dermaen erschreckt, da er nichts
weiter fragen konnte. Er fhlte seine Glieder zittern, wandte den
fremden Menschen den Rcken, und eilte zur Pforte hinaus. Die Anrede
Alterchen lie ihm keine Ruhe; dies Wort war ihm centnerschwer auf die
Seele gefallen -- die Fe versagten ihm den Dienst.

An der nchsten Quelle besah er seine Gestalt im Wasserspiegel: die
bleichen zusammengeschrumpften Wangen, die eingefallenen Augen, der
lange graue Bart und die grauen Haare besttigten, was er vernommen
hatte. Diese vergilbte, verwelkte Gestalt hatte keine Aehnlichkeit mehr
mit dem Jngling, den die Meermaid sich zum Brutigam erkoren hatte.
Jetzt erst ward der Unglckliche inne, da die vermeintlichen paar Jahre
ihm den grten Theil seines Lebens hinweggenommen hatten, denn als
blhender Jngling war er in das Haus der Meermaid eingezogen, und als
gespenstischer Alter war er zurckgekommen. Dort hatte er weder den Flu
der Zeit noch das Hinschwinden des Krpers gesprt, und er konnte es
sich nicht erklren, wie die Brde des Alters ihm so pltzlich, gleich
einer Vogelschlinge, ber den Hals gekommen war. Was sollte er jetzt
beginnen, da er als Fremder unter Fremde verschneit war? -- Einige Tage
lang streifte er am Strande von einem Bauerhofe zum andern umher, und
gute Menschen gaben ihm aus Barmherzigkeit ein Stck Brot. Da traf er
einst mit einem munteren Burschen zusammen, dem er seinen Lebenslauf
ausfhrlich erzhlte, aber in derselben Nacht war er auch verschwunden.
Nach einigen Tagen wlzten die Wellen seinen Leichnam an's Ufer. Ob er
vorstzlich oder zufllig im Meere ertrunken war, ist nicht bekannt
geworden.

Von dieser Zeit an hat sich das Wesen der Meermaid den Menschen
gegenber gnzlich verndert; nur Kindern erscheint sie zuweilen, fast
immer in anderer Gestalt, erwachsene Menschen aber lt sie nicht an
sich heran kommen, sondern scheut sie wie das Feuer.

[Funote 76: Sfoba, ein Stck des festlichen Anzuges, ein weies
wollenes Tuch mit bunt ausgenhten Kanten und mit Troddeln an den kurzen
Rndern, auf der Brust mit einer Spange zusammengehalten. _Wiedemann_,
Wrterb. s. v. L.]

[Funote 77: Vgl. Nota zu dem Mrchen von den zwlf Tchtern S. 89. L.]

[Funote 78: Vgl. Anm. zum Mrchen 1, die Goldspinnerinnen S. 2. L.]




17. Die Unterirdischen.[79]


In einer strmigen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom
Wege abgekommen; whrend er sich durch die tiefen Schneetriften
durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so da er von Glck sagen
konnte, als er unter einem dichten Wachholderbusch Schutz vor dem Winde
fand. Hier wollte er bernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den
Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel,
wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein. Ich wei
nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fhlte, da Jemand ihn
rttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an
sein Ohr: Bauer, ohe! steh auf! sonst begrbt dich der Schnee, und du
kommst nicht wieder heraus. Der Schlfer steckte den Kopf aus dem Pelze
hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er
einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock
einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Trger. Komm
mit mir, sagte der Mann mit dem Tannenstock -- fr uns ist im Walde
unter Bumen ein Feuer gemacht, wo sich's besser ruht, als hier auf
freiem Felde. Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht
ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rstig mit dem
fremden Manne vorwrts. Der Schneesturm tobte so heftig, da man auf
drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen
Tannenstock aufhob und mit strenger Stimme rief: Hoho!
Stmesmutter![80] mach' Platz! so bildete sich vor ihnen ein breiter
Pfad, wohin auch kein Schneeflckchen drang. Zu beiden Seiten und im
Rcken tobte wildes Schneegestber, aber die Wanderer focht es nicht an.
Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestm
abwehrte. Bald kamen die Mnner an den Wald, aus dem schon von fern der
Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. Wie heit du? fragte der
Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: Des langen Hans
Sohn Hans.

Am Feuer saen drei Mnner mit weien leinenen Kleidern angethan, als
wre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreiig
oder mehr Schritten nur Sommerschne: das Moos war trocken, die Pflanzen
grn, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Kferchen. Von fern aber
hrte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch
verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz
verbreitete, ohne da ein Rauchwlkchen aufstieg. Was meinst du, Sohn
des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz fr die Nacht,
als da auf freiem Felde unter dem Wachholderbusch? Hans mute dies
zugeben, und dem fremden Manne dafr danken, da er ihn so gut gefhrt
hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen
zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem
Tannenstock nahm sein Fchen aus einem Busche und bot Hansen einen
Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der
Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und
redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans
kein Wrtchen verstand; er schlief darum bald ein.

Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder
Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das
Erlebni der Nacht zurck, meinte aber getrumt zu haben; doch konnte er
nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort gerathen
war. Aus der Ferne drang ein starkes Gerusch an sein Ohr, und er fhlte
den Boden unter seinen Fen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von
wo der Lrm komme, und beschlo dann, dem Schalle nachzugehen, weil er
hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mndung einer
Felsengrotte, aus welcher der Lrm erscholl, und ein Feuer hervorschien.
Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit
einer Menge von Blaseblgen und Ambosen; an jedem Ambos standen sieben
Arbeiter. Nrrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden
sein. Die einem Manne bis zum Knie reichenden Mnnlein hatten Kpfe, die
grer waren als ihre winzigen Leiber, und fhrten Hmmer, die mehr als
doppelt so gro waren, als ihre Trger. Aber sie hmmerten mit ihren
schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, da die krftigsten
Mnner keine wuchtigeren Schlge htten fhren knnen. Bekleidet waren
die kleinen Schmiede nur mit Lederschrzen, die vom Halse bis zu den
Fen reichten; auf der Rckseite waren die Krper nackend, wie Gott sie
geschaffen hatte. Im Hintergrund an der Wand sa der Hansen wohlbekannte
Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf
die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Fen stand eine groe Kanne,
aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk thaten. Der Herr der
Schmiede hatte nicht mehr die weien Kleider von gestern an, sondern
trug einen schwarzen ruigen Rock und um die Hften einen Ledergrtel
mit groer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von
Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wre bei dem Getse
unvernehmlich gewesen. Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem
unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig frderten, ohne
den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen
Schmieden eine Rast gegnnt; die Blge wurden angehalten, und die
schweren Hmmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte
verlieen, erhob sich der Wirth vom Blocke und rief den Hans zu sich:
Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt, sagte er, aber da die Arbeit
drngte, konnte ich nicht frher mit dir reden. Heute mut du mein Gast
sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile
hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege. Mit diesen Worten
zog er einen Schlssel aus der Tasche, schlo eine Thr in der
Grottenwand auf, und lie Hans hineintreten.

O was fr Schtze und Reichthmer Hans hier erblickte! Ringsum lagen
Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm
vor den Augen. Hans wollte zum Spae die Goldbarren eines Haufens
berzhlen und war gerade bis fnfhundert und siebzig gekommen, als der
Wirth zurckkehrte und lachend rief: La nur das Zhlen, es wrde dir
zu viel Zeit kosten. Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will
sie dir zum Andenken verehren. Natrlich lie sich Hans so etwas nicht
zweimal sagen; mit beiden Hnden erfate er einen Goldbarren, konnte ihn
aber nicht einmal von der Stelle rhren, geschweige denn aufheben. Der
Wirth lachte und sagte: Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste
meiner Geschenke fortzubringen, begnge dich denn mit der Augenweide.
Mit diesen Worten fhrte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine
dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente
Grottenkammer kamen, die von der Gre einer groen Kirche und gleich
den anderen vom Fuboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen
angefllt war. Hans wunderte sich ber die unermelichen Schtze, womit
man smmtliche Knigreiche der Welt htte zu erb und eigen kaufen
knnen, und die hier nutzlos unter der Erde lagen. Er fragte den Wirth:
Wewegen huft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein
lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vortheil zieht? Kme dieser
Schatz in die Hnde der Menschen, so wrden sie alle reich werden, und
Niemand brauchte zu arbeiten oder Noth zu leiden. Gerade dehalb,
erwiederte der Wirth -- darf ich den Schatz nicht an die Menschen
berliefern; die ganze Welt wrde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn
Niemand mehr fr das tgliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist
dazu geschaffen, da er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.
Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrcklich die
Ansicht des Wirths. Endlich bat er, ihm doch zu erklren was es fromme,
da hier all' das Gold und Silber als Besitzthum eines Mannes lagere und
schimmele, und da der Herr des Goldes unablssig bemht sei, seinen
Schatz zu vergrern, da er schon einen so berschwenglichen Ueberflu
habe? Der Wirth gab zur Antwort: Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich
Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener hheren
Geschpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der
Welt zu walten. Nach seinem Gebot mu ich mit meinen kleinen Gesellen
ohne Unterla hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem
alljhrlich ein kleiner Theil zum Bedarf der Menschen herausgegeben
wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu
betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mhe zueignen. Wir
mssen dehalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Krnlein mit
Erde, Lehm und Sand vermischen; spter werden sie, wo das Glck will, in
diesem Grant gefunden, und mssen mhsam herausgesucht werden. Aber,
Freund, wir mssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde
naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch lnger zu betrachten, so
bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme
dich zum Essen zu rufen. Damit trennte er sich von Hans.

Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und
versuchte hie und da ein kleineres Stck Gold aufzuheben, aber es war
ihm ganz unmglich. Er hatte zwar schon frher von klugen Leuten sagen
hren, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen --
jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der
Wirth zurck, aber so verwandelt, da Hans ihn im ersten Augenblick
nicht erkannte. Er trug rothe feuerfarbene Seidengewnder, reich
verziert mit goldenen Tressen und goldenen Franzen, ein breiter goldener
Grtel umschlo seine Hften und auf seinem Kopfe schimmerte eine
goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer
klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus
feinem Golde gearbeitetes Stbchen in der Hand, an welchem sich
Verstelungen befanden, so da das Stbchen aussah wie ein Spro des
groen Tannenstockes.

Nachdem der knigliche Besitzer des Schatzes die Thren der
Schatzkammern verschlossen und die Schlssel in die Tasche gesteckt
hatte, nahm er Hans bei der Hand und fhrte ihn aus der
Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo fr sie das Mittagsmahl
angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der
Stube stand ein prchtiger Etisch, zu beiden Seiten desselben ein
silberner Stuhl. E- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schsseln,
Teller, Kannen und Becher, waren von Gold. Nachdem sich der Wirth mit
seinem Gaste am Tische niedergelassen hatte, wurden zwlf Gerichte nach
einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Mnnlein in der
Schmiede, nur da sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider
trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit
vor; denn obgleich man keine Flgel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie
sich doch so leicht, als wren sie gefedert. Da sie nmlich nicht bis
zur Hhe des Tisches hinanreichten, so muten sie wie die Flhe immer
vom Boden auf den Tisch hpfen. Dabei hielten sie die groen mit Speisen
angefllten Schalen und Schsseln in der Hand, und wuten sich doch so
in Acht zu nehmen, da nicht ein Tropfen verschttet ward. Whrend des
Essens gossen die kleinen Diener Meth und kstlichen Wein aus den Kannen
in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirth unterhielt
sich freundlich und erluterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte
er, als auf sein nchtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam:
Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergngen auf der
Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von
ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren
habe, kann ich nicht viel Rhmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt
einander zum Schaden und zum Verdru. Jeder klagt mehr oder weniger ber
den Andern, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern
wlzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat. Hans suchte nach
Mglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche
Wirth lie ihm reichlich einschenken, so da ihm endlich die Zunge so
schwer wurde, da er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen
konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem
Stuhle ein, und wute nicht mehr, was mit ihm vorging.

In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Trume, in
welchen ihm unaufhrlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im
Traume viel strker fhlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rcken
und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter
der schweren Last die Kraft aus, er mute sich niedersetzen und Athem
schpfen. Da hrte er schkernde Stimmen, er hielt es fr den Gesang der
kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blaseblgen traf sein
Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grnen Wald, er
lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blaseblgen, sondern der
Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich in's Gesicht schien. Er ri sich
nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit
lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit
begegnet war.

Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so
seltsam und so wunderbar, da er es mit dem natrlichen Lauf der Dinge
nicht zu reimen wute. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage
nach Weihnacht in einer strmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und
auch was sich spter zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner
Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem
Feuer geschlafen, war am andern Tage zu diesem Manne, der einen
Tannenstock fhrte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und
sehr viel getrunken -- kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus
verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollstndiger Sommer, es
konnte also nur Zauberei im Spiele sein. Als er sich erhob, fand er
ganz in der Nhe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar
glnzte. Als er die Sttte schrfer in's Auge fate, sah er, da der
vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die brig gebliebenen
Brnde lichtes Gold waren. O dieses Glck. Woher nun einen Sack nehmen,
um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Noth macht erfinderisch. Hans
zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, da auch kein
Stubchen brig blieb, that die Goldbrnde und das Zusammengefegte in
den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Grtel zusammen,
so da nichts herausfallen konnte. Obwohl die Brde nicht gro war, so
wurde sie ihm doch gehrig schwer, so da er wie ein Mann zu schleppen
hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu
verstecken.

Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glck pltzlich zum
reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut htte kaufen knnen.
Als er aber mit sich zu Rathe ging, hielt er es zuletzt fr das Beste,
seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen
auszusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn
ein hbsches Grundstck, und es blieb ihm noch ein gut Stck Geld brig.
Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glcklich bis an sein
Ende. Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimni entdeckt,
wie es der Unterirdischen Wirth gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem
Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte
weiter.

[Funote 79: Die Unterirdischen (=ma-alused=) die geheimen Schmiede
Allvaters schaffen bei nchtlicher Weile und ruhen am Tage. Legt man
zwischen Weihnacht und Neujahr um Mitternacht das Ohr an die Erde, so
hrt man das Schmieden der als Zwerge gedachten Unterirdischen -- ja man
unterscheidet, ob Eisen, Silber oder Gold bearbeitet wird. In der
Neujahrsnacht werden sie sichtbar und treiben mit dem nchtlichen
Wanderer Schabernack. Da die Unterirdischen in der Weihnachts- und
Neujahrsnacht auch in menschlicher Gestalt erscheinen, so ist man
gastfrei gegen jeden Unbekannten; lt auch den Tisch mit Speisen
besetzt stehen und verschliet die Speisekammer nicht. Nach _Ruwurm_,
Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1846, S. 20, erhalten die
Unterirdischen, was am Sonnabend Abend oder Donnerstag Abend ohne Licht
gearbeitet wird. Die Unterirdischen verlieben sich zuweilen in schne
Mdchen, woraus beiden Theilen Leid und Unheil erwchst. Die verlassenen
Brute hren noch Wochenlang das nchtliche Wehklagen der Geister, und
werden von diesen geplagt, wenn sie spter Verbindungen mit ihres
Gleichen eingehen.

Die Unterirdischen wollen nicht gestrt sein; wer sich (erhitzt!) auf
den feuchten Boden setzt, unter welchem sie gerade hausen, wird mit
einem Hautausschlag bestraft, der Erdhauch (norweg. =alvgust=, Elb-,
Elf-Hauch) oder Erdzorn heit, und den man heilt, indem man die Urheber
durch ein Opfer von geschabtem Silber besnftigt. (Nach _Kreutzwald_ und
_Neus_.)

Die finnischen =maahiset=, denen diese ehstnischen Unterirdischen
(=ma-alused=) entsprechen, bezeichnen nach =Castrn= (finn. Mythol. S. 169)
eine eigene Art von Naturgeistern, die sich in der Erde, unter Bumen,
Steinen und Schwellen aufhalten; es sind unsichtbare aber
menschenhnliche Zwerge reizbarer Natur, die mit Hautkrankheit strafen.
Man ehrt und nhrt sie. -- Mit den Haus- und Schutzgeistern hngen die
finnischen und ehstnischen Unterirdischen nicht zusammen, wenn auch in
ehstnischen Beschwrungsformeln die Schlange als Unterirdische
bezeichnet wird, und wenn auch der Schlangencultus noch vor nicht gar
langer Zeit gebt wurde. L.]

[Funote 80: S. d. Anm. zum Mrchen 6, die zwlf Tchter, S. 89. L.]




18. Der Nordlands-Drache


Vormals lebte, der Erzhlung alter Leute zufolge, ein gruliches
Unthier, das aus Nordland gekommen war, schon groe Landstriche von
Menschen und Thieren entblt hatte, und allmhlich, wenn Niemand
Abhlfe gebracht htte, alles Lebendige vom Erdboden vertilgt haben
wrde.

Es hatte einen Leib wie ein Ochs und Beine wie ein Frosch, nmlich zwei
kurze vorn und zwei lange hinten, ferner einen schlangenartigen zehn
Klafter langen Schweif; es bewegte sich wie ein Frosch, legte aber mit
jedem Sprunge eine halbe Meile zurck. Zum Glcke blieb es an dem Orte,
wo es sich einmal niedergelassen hatte, mehrere Jahre, und zog nicht
eher weiter, als bis die ganze Umgegend kahl gefressen war. Der Leib war
ber und ber mit Schuppen bedeckt, welche fester waren als Stein und
Erz, so da Nichts ihn beschdigen konnte. Die beiden groen Augen
funkelten bei Nacht und bei Tage wie die hellsten Kerzen, und wer einmal
das Unglck hatte, in ihren Glanz hinein zu blicken, der war wie
bezaubert, und mute von selbst dem Ungeheuer in den Rachen laufen. So
kam es, da sich ihm Thiere und Menschen selber zum Frae lieferten,
ohne da es sich von der Stelle zu rhren brauchte. Die Knige der
Umgegend hatten demjenigen beraus reichen Lohn verheien, der durch
Zauber oder durch andere Gewalt das Ungeheuer vertilgen knnte, und
Viele hatten schon ihr Heil versucht, aber ihre Unternehmungen waren
alle gescheitert. So wurde einst ein groer Wald, in welchem das
Ungeheuer hauste, in Brand gesteckt; der Wald brannte nieder, aber dem
schdlichen Thiere konnte das Feuer nicht das Mindeste anhaben.
Allerdings sagten Ueberlieferungen, die im Munde alter Leute waren, da
Niemand auf andere Weise des Ungeheuers Herr werden knne, als durch des
Knigs Salomo Siegelring; auf diesem sei eine Geheimschrift eingegraben,
aus welcher man erfahre, wie das Unthier umgebracht werden knne. Allein
Niemand wisse zu melden, wo jetzt der Ring verborgen sei, und eben so
wenig sei ein Zauberer zu finden, der die Schrift deuten knne.

Endlich entschlo sich ein junger Mann, der Herz und Kopf auf dem
rechten Flecke hatte, auf gut Glck den Spuren des Ringes
nachzuforschen. Er schlug den Weg gen Morgen ein, allwo vornehmlich die
Weisheit der Vorzeit zu finden ist. Erst nach einigen Jahren traf er mit
einem berhmten Zauberer des Ostens zusammen und fragte ihn um Rath. Der
Zauberer erwiederte: Das Bischen Klugheit der Menschen kann dir hier
nichts helfen, aber Gottes Vgel unter dem Himmel werden dir die besten
Fhrer sein, wenn du ihre Sprache erlernen willst. Ich kann dir dazu
verhelfen, wenn du einige Tage bei mir bleiben willst. Der Jngling
nahm das freundliche Anerbieten mit Dank an und sagte: Fr jetzt bin
ich freilich nicht im Stande, dich fr deine Wohlthat zu beschenken,
fllt aber mein Unternehmen glcklich aus, so werde ich dir deine Mhe
reichlich vergelten. Nun kochte der Zauberer aus neunerlei Krutern,
die er heimlich bei Mondenschein gesammelt hatte, einen krftigen Trank
und gab davon dem Jnglinge drei Tage hintereinander neun Lffel tglich
zu trinken, was zur Folge hatte, da ihm die Vogelsprache verstndlich
wurde. Beim Abschiede sagte der Zauberer: Solltest du das Glck haben,
Salomonis Ring zu entdecken und desselben habhaft zu werden, so komm zu
mir zurck, damit ich dir die Schrift auf dem Ringe deute, denn es lebt
jetzt auer mir Keiner, der das vermchte.

Schon am nchsten Tage fand der Jngling die Welt wie verwandelt, er
ging nirgends mehr allein, sondern hatte berall Gesellschaft, weil er
die Vogelsprache verstand, durch welche ihm Vieles offenbar wurde, was
menschliche Einsicht ihn nicht htte lehren knnen. Aber geraume Zeit
verflo, ohne da er von dem Ringe etwas gehrt htte. Da geschah es
eines Abends, als er vom Gang und der Hitze ermdet, sich zeitig im
Walde unter einem Baume niedergelassen hatte, um sein Abendbrot zu
verzehren, da auf hohem Wipfel zwei buntgefiederte fremde Vgel ein
Gesprch mit einander fhrten, welches ihn betraf. Der erste Vogel
sagte: Ich kenne den windigen Herumtreiber unter dem Baume da, der
schon so lange wandert, ohne die Spur zu finden. Er sucht den verlorenen
Ring des Knigs Salomo. Der andere Vogel erwiederte: Ich glaube, er
mte bei der Hllenjungfrau Hlfe suchen, die wre gewi im Stande ihm
auf die Spur zu helfen. Wenn sie den Ring auch nicht selbst hat, so wei
sie doch ganz genau, wer das Kleinod jetzt besitzt. Der erste Vogel
versetzte: Das wre schon recht, aber wo soll er die Hllenjungfrau
auffinden, die nirgends eine bleibende Sttte hat, sondern heute hier
und morgen dort wohnt: eben so gut knnte er die Luft fest halten! Der
andere Vogel erwiederte: Ihren gegenwrtigen Aufenthalt wei ich zwar
nicht anzugeben, aber heute binnen drei Tagen kommt sie zur Quelle, ihr
Gesicht zu waschen, wie sie jeden Monat in der Nacht des Vollmonds thut,
damit die Jugendschne nie von ihren Wangen schwinde und die Runzeln des
Alters ihr Antlitz nicht zusammenziehen. Der erste Vogel sagte: Nun,
die Quelle ist nicht weit von hier; wollen wir des Spaes halber ihr
Treiben mit ansehen? Meinethalben, wenn du willst, gab der andere
Vogel zur Antwort. -- Der Jngling war gleich entschlossen, den Vgeln
zu folgen und die Quelle aufzusuchen, doch machte ihn zweierlei besorgt,
erstens, da er die Zeit verschlafen knne, wo die Vgel aufbrchen, und
zweitens, da er keine Flgel hatte, um dicht hinter ihnen zu bleiben.
Er war zu sehr ermdet, um die ganze Nacht wach zu bleiben, die Augen
fielen ihm zu. Aber die Sorge lie ihn doch nicht ruhig schlafen, er
wachte fters auf, um den Aufbruch der Vgel nicht zu verpassen. Darum
freute er sich sehr, als er bei Sonnenaufgang zum Wipfel hinauf blickte
und die buntgefiederten Gesellen noch sah, wie sie unbeweglich saen,
mit den Schnbeln unter den Federn. Er verzehrte sein Frhstck und
wartete dann, da die Vgel aufbrechen sollten. Aber sie schienen
diesen Morgen nirgends hin zu wollen, sie flatterten, wie zur Kurzweil
oder um Nahrung zu suchen, von einem Wipfel zum andern und trieben das
so fort bis zum Abend, wo sie sich an der alten Stelle zur Ruhe begaben.
Eben so ging es noch den folgenden Tag. Erst am Mitmorgen des dritten
Tages sagte der eine Vogel zum andern. Heute mssen wir zur Quelle, um
zu sehen, wie sich die Hllenjungfrau ihr Antlitz wscht. Bis Mittag
blieben sie noch, dann flogen sie davon und nahmen ihren Weg gerade gen
Sden. Dem Jngling klopfte das Herz vor Furcht, seine Fhrer aus dem
Gesicht zu verlieren. Aber die Vgel waren nicht weiter geflogen, als
sein Gesichtskreis reichte, und hatten sich dann auf einem Baumwipfel
niedergelassen. Der Jngling rannte ihnen nach, da seine Haut dampfte
und ihm der Athem zu stocken drohte. Nach dreimaligem Ausruhen kamen die
Vgel auf eine kleine Flche, an deren Rande sie sich auf einem hohen
Baumwipfel niederlieen. Als der Jngling nach ihnen dort anlangte,
gewahrte er mitten in der Flche eine Quelle; er setzte sich nun unter
denselben Baum, auf dessen Wipfel die Vgel sich aufhielten. Dann
spitzte er seine Ohren, um zu vernehmen, was die gefiederten Geschpfe
miteinander redeten.

Die Sonne ist noch nicht unter -- sagte der eine Vogel -- wir mssen
noch eine Weile warten, bis der Mond aufgeht, und die Jungfrau zur
Quelle kommt. Wollen doch sehen, ob sie den Jngling unter dem Baume
bemerkt? Der andere Vogel erwiderte: Ihrem Auge entgeht wohl Nichts,
was nach einem jungen Manne riecht, Sollte der Jngling verschlagen
genug sein, um nicht in ihr Garn zu gehen? Worauf der erste Vogel
sagte: Wir werden ja sehen, wie sie miteinander fertig werden.

Der Abend war schon vorgerckt, der Vollmond stand schon hoch ber dem
Walde, da hrte der Jngling ein leises Gerusch: nach einigen
Augenblicken trat aus dem Walde eine Maid hervor, und schritt flchtigen
Fues, so da ihre Sohlen den Boden nicht zu berhren schienen, ber den
Rasen zur Quelle. Der Jngling mute sich gestehen, da er in seinem
Leben noch kein schneres Weib gesehen habe, und mochte kein Auge mehr
von der Jungfrau verwenden.

Diese ging, ohne seiner zu achten, zur Quelle, hob die Augen zum Monde
empor, fiel auf die Knie, tauchte neun Mal ihr Antlitz in die Quelle,
blickte nach jedem Male den Mond an und rief: Vollwangig und hell, wie
du jetzt bist, mge auch meine Schnheit blhen unvergnglich! Dann
ging sie neun Mal um die Quelle und sang nach jedem Gange:

    Nicht der Jungfrau Antlitz welke,
    Nie der Wangen Roth erbleiche,
    Ob der Mond auch wieder schwinde,
    Mge ich doch immer wachsen,
    Mir das Glck stets neu erblhen!

Darauf trocknete sie sich mit ihren langen Haaren das Gesicht ab, und
wollte von dannen gehen, als ihre Augen pltzlich auf die Stelle fielen,
wo der Jngling unter dem Baume sa. Sogleich wandte sie ihre Schritte
dahin. Der junge Mann erhob sich und blieb in Erwartung stehen. Die
schne Maid kam nher und sagte: Eigentlich mtest du einer schweren
Strafe verfallen, da du der Jungfrau heimliches Thun im Mondschein
belauscht hast; aber da du fremd bist und zufllig herkamst, so will ich
dir verzeihen. Doch mut du mir wahrheitsgetreu bekennen, woher du bist
und wie du hierher kamst, wohin bisher noch kein Sterblicher seinen Fu
gesetzt hat? Der Jngling antwortete mit vielem Anstande: Vergebet,
theure Jungfrau, wenn ich ohne Wissen und Willen gegen euch gefehlt
habe. Da ich nach langer Wanderung hierher gerieth, fand ich den schnen
Platz unter dem Baume, und wollte da mein Nachtlager nehmen. Eure
Ankunft lie mich zgern, so blieb ich sitzen, weil ich glaubte, da
stilles Schauen euch nicht nachtheilig werden knne. Die Jungfrau
versetzte liebreich: Komm zur Nacht zu uns! Auf Kissen ruht es sich
besser als hier auf khlem Moose. Der Jngling stand ein Weilchen
zweifelnd, und wute nicht, was er thun solle, ob das freundliche
Anerbieten annehmen oder zurckweisen. Da sprach auf dem Baumwipfel ein
Vogel zum andern. Er wre ein Thor, wenn er sich das Anerbieten nicht
gefallen liee. Die Jungfrau, die der Vogelsprache wohl nicht kundig
war, sagte mit freundlicher Mahnung: Frchte nichts, mein Freund! ich
lade dich nicht in bser Absicht ein, ich wnsche dir von ganzem Herzen
Gutes. Die Vgel sagten hinterdrein: geh', wohin man dich ruft, aber
hte dich, Blut zu geben, um deine Seele nicht zu verkaufen.

Nun ging der Jngling mit ihr. Nicht weit von der Quelle kamen sie in
einen schnen Garten, in welchem ein prchtiges Wohnhaus stand, das im
Mondschein schimmerte, als wren Dach und Wnde aus Gold und Silber
gegossen. Als der Jngling hineintrat, fand er viele prachtvolle
Gemcher, eins immer schner als das andere; viele hundert Kerzen
brannten auf goldenen Leuchtern und verbreiteten berall eine Helligkeit
wie die des Tages. Darauf gelangten sie in ein Gemach, wo eine mit
kstlichen Speisen besetzte Tafel sich befand; an der Tafel standen zwei
Sthle, der eine von Silber, der andere von Gold; die Jungfrau lie sich
auf den goldenen Stuhl nieder, und bat den Jngling, sich auf den
silbernen zu setzen. Weigekleidete Mdchen trugen die Speisen auf und
rumten sie wieder ab, wobei aber kein Wort gesprochen wurde, auch
traten die Mdchen so leise auf, als gingen sie auf Katzenpfoten. Nach
Tisch, als der Jngling mit der kniglichen Jungfrau allein geblieben
war, wurde ein anmuthiges Gesprch gefhrt, bis endlich ein Frauenzimmer
in rother Kleidung erschien, um zu erinnern, da es Zeit sei, sich
schlafen zu legen.

Da fhrte die Jungfrau den Jngling in eine andere Kammer, wo ein
seidenes Bett mit Daunenkissen stand; sie wies es ihm und entfernte
sich. Der Jngling meinte bei lebendigem Leibe im Himmel zu sein, auf
Erden sei solch' ein Leben nicht zu finden. Nur darber wute er spter
keine Rechenschaft zu geben, ob ihn Trume getuscht, oder ob er
wirklich Stimmen an seinem Bette vernommen htte, welche ihm ein Wort
zuriefen, das sein Herz erschreckte: Gieb kein Blut!

Am andern Morgen fragte ihn die Jungfrau, ob er nicht Lust habe hier zu
bleiben, wo die ganze Woche aus lauter Feiertagen bestehe. Und als der
Jngling auf die Frage nicht gleich Antwort gab, setzte sie hinzu: Ich
bin, wie du selbst siehst, jung und blhend, und ich stehe unter
Niemandes Botmigkeit, sondern kann thun, was mir beliebt. Bisher ist
es mir noch nie in den Sinn gekommen zu heiraten, aber von dem
Augenblicke an, wo ich dich erblickte, stiegen mir pltzlich andere
Gedanken auf, denn du gefllst mir. Sollten nun unsere Gedanken
bereinstimmen, so knnte ein Paar aus uns werden. Hab' und Gut besitze
ich unendlich viel, wie du dich selber auf Schritt und Tritt berzeugen
kannst, und so kann ich Tag fr Tag kniglich leben. Was dein Herz nur
begehrt, kann ich dir gewhren. Wohl drohte die Schmeichelrede der
schnen Maid des Jnglings Sinn zu verwirren, aber zu seinem Glcke fiel
ihm ein, da die Vgel sie die Hllenjungfrau genannt und ihn gewarnt
hatten, da er ihr Blut gebe, und da er auch in der Nacht, sei es
trumend oder wachend, dieselbe Warnung vernommen habe. Darum erwiederte
er: Theure Jungfrau, verargt es mir nicht, wenn ich euch ganz
aufrichtig gestehe, da man das Freien nicht abmachen kann wie einen
Rokauf, sondern da es dazu lngerer Ueberlegung bedarf. Vergnnt mir
deshalb einige Tage Bedenkzeit, dann wollen wir uns darber
verstndigen. Warum nicht, erwiederte die schne Maid -- meinethalben
kannst du dich einige Wochen bedenken und mit deinem Herzen zu Rathe
gehen.

Damit nun dem Jnglinge inzwischen die Zeit nicht lang wrde, fhrte ihn
die Jungfrau von einer Stelle ihres prchtigen Hauses zur andern, und
zeigte ihm all' die reichen Schatzkammern und Truhen, welche sein Herz
erweichen sollten. All' diese Schtze waren aber durch Zauberei
entstanden, denn die Jungfrau konnte mit Hlfe des Salomonischen
Siegelringes alle Tage und an jedem Orte eine solche Wohnung nebst allem
Zubehr hervorbringen, aber das Alles hatte keine Dauer, es war vom
Winde hergeweht, und ging auch wieder in den Wind, ohne eine Spur
zurckzulassen.[81] Da der Jngling das aber nicht wute, so hielt er
das Blendwerk fr Wirklichkeit. Eines Tages fhrte ihn die Jungfrau in
eine verborgene Kammer, wo auf einem silbernen Tische ein goldenes
Schchtelchen stand. Auf das Schchtelchen zeigend sagte sie: Hier
steht mein theuerster Schatz, dessen Gleichen auf der ganzen Welt nicht
zu finden ist, es ist ein kostbarer goldener Ring. Wenn du mich freien
solltest, so wrde ich dir diesen Ring zum Mahlschatz geben, und er
wrde dich zum glcklichsten aller Menschen machen. Damit aber das Band
unserer Liebe ewige Dauer erhalte, mut du mir dann fr den Ring drei
Tropfen Blut von dem kleinen Finger deiner linken Hand geben.

Als der Jngling diese Rede hrte, berlief es ihn kalt; da sie sich
Blut ausbedang, erinnerte ihn daran, da er seine Seele aufs Spiel
setze. Er war aber schlau genug, sich nichts merken zu lassen, und auch
keine Einwendung zu machen, vielmehr fragte er, wie beilufig, was es
fr eine Bewandni mit dem Ringe habe. Die Jungfrau erwiederte: Kein
Lebendiger ist bis jetzt im Stande gewesen, die Kraft dieses Ringes ganz
zu ergrnden, weil keiner die geheimen Zeichen desselben vollstndig zu
deuten wute. Aber schon mit dem halben Verstndni vermag ich Wunder zu
verrichten, welche mir kein anderes Wesen nachmachen kann. Stecke ich
den Ring auf den kleinen Finger meiner linken Hand, so kann ich mich wie
ein Vogel in die Luft schwingen, und hinfliegen wohin ich will. Stecke
ich den Ring auf den Ringfinger meiner linken Hand, so bin ich sogleich
fr Alle unsichtbar, mich selbst und Alles, was mich umgiebt, sehe ich,
aber die Andern sehen mich nicht. Stecke ich den Ring an den
Mittelfinger meiner linken Hand, dann kann mir kein scharfes Werkzeug,
noch Wasser und Feuer etwas anhaben. Stecke ich den Ring an den
Zeigefinger meiner linken Hand, dann kann ich mir mit seiner Hlfe alle
Dinge schaffen, die ich begehre; ich kann in einem Augenblicke Huser
aufbauen und sonstige Gegenstnde hervorbringen. So lange endlich der
Ring am Daumen der linken Hand sitzt, ist die Hand so stark, da sie
Felsen und Mauern brechen kann.[82] Auerdem trgt der Ring noch andere
geheime Zeichen, welche, wie gesagt, bis heute noch Niemand zu deuten
wute; doch lt sich denken, da sie noch viele wichtige Geheimnisse
enthalten. Der Ring war vor Alters Eigenthum des Knigs Salomo, des
weisesten der Knige, unter dessen Regierung die weisesten Mnner
lebten. Doch ist es bis auf den heutigen Tag nicht kund geworden, ob der
Ring durch gttliche Kraft oder durch Menschenhnde entstanden ist; es
wird behauptet, da ein Engel dem weisen Knige den Ring geschenkt
habe. Als der Jngling die Schne so reden hrte, war sein erster
Gedanke, sich des Ringes durch List zu bemchtigen, er that deshalb, als
ob er das Gehrte durchaus nicht fr wahr halten knne. So hoffte er die
Jungfrau zu bewegen, da sie den Ring aus dem Schchtelchen nehme und
ihm zeige -- wobei er dann vielleicht Gelegenheit fnde, sich des
Wunderringes zu bemchtigen. Er wagte aber nicht, die Jungfrau geradezu
darum zu bitten, da sie ihm den Ring zeige. Er umschmeichelte sie und
geberdete sich zrtlich, aber sein Herz sann nur darauf, in den Besitz
des Ringes zu gelangen. Schon nahm die Jungfrau den Schlssel zum
Kstchen aus dem Busen, um es aufzuschlieen, aber sie steckte ihn
wieder zu sich und sagte: Dazu haben wir knftig noch Zeit genug. Ein
Paar Tage darauf kam die Rede wieder auf den Wunderring, und der
Jngling sagte: Nach meinem Dafrhalten sind solche Dinge, wie ihr sie
mir von der Kraft eures Ringes erzhlt, schlechterdings nicht mglich.
Da ffnete die Jungfrau das Schchtelchen und nahm den Ring heraus, der
zwischen ihren Fingern blitzte wie der hellste Sonnenstrahl. Dann
steckte sie ihn zum Spae an den Mittelfinger ihrer linken Hand und
sagte dem Jngling, er solle ein Messer nehmen und damit auf sie
losstechen wohin er wolle, denn es knne ihr doch nicht schaden. Der
Jngling strubte sich gegen dies bedenkliche Beginnen, als aber die
Jungfrau nicht ablie, mute er sich fgen. Obwohl er nun, anfangs mehr
spielend, dann aber ernsthaft, auf alle Weise die Jungfrau mit dem
Messer zu treffen suchte, so war es doch, als ob eine unsichtbare Wand
von Eisen zwischen Beiden stnde; die Schneide konnte nicht eindringen,
und die Jungfrau stand lachend und unbewegt vor ihm. Darauf steckte sie
den Ring an ihren Ringfinger, und war im Nu den Blicken des Jnglings
entschwunden, so da dieser durchaus nicht begreifen konnte, wohin sie
gekommen war. Bald stand sie wieder lachend vor ihm auf der alten
Stelle, den Ring zwischen den Fingern haltend. Lat doch sehen -- bat
der Jngling -- ob es mir auch mglich ist, so seltsame Dinge mit dem
Ringe zu machen? Die Jungfrau, welche keinen Betrug ahndete, gab ihm
den Wunderring.

Der Jngling that, als wisse er noch nicht recht Bescheid, und fragte:
An welchen Finger mu ich den Ring stecken, damit mir ein scharfes
Werkzeug nicht schaden knne? -- Worauf die Jungfrau lachend
erwiederte: An den Mittelfinger der linken Hand! Sie nahm dann selbst
das Messer und suchte damit zu stoen, konnte aber dem Jngling keinen
Schaden thun. Darauf nahm dieser das Messer und versuchte sich selber zu
beschdigen, aber es war auch ihm unmglich. Darauf bat er die Jungfrau,
ihm zu zeigen, wie er mit dem Ringe Steine und Felsen spalten knne. Sie
fhrte ihn in den Hof, wo ein klafterhoher Kiesel lag. Jetzt stecke den
Ring -- so unterwies ihn die Jungfrau -- an den Daumen deiner linken
Hand, und schlage dann mit der Faust auf den Stein, und du wirst sehen,
welche Kraft in deiner Hand liegt. Der Jngling that es und sah zu
seinem Erstaunen, wie der Stein unter dem Schlage seiner Hand in tausend
Trmmer barst. Da dachte der Jngling, wer das Glck nicht bei den
Hrnern zu fassen wei, der ist ein Thor, denn einmal entflohen, kehrt
es nicht zurck. Whrend er noch ber die Zertrmmerung des Steines
scherzte, steckte er wie spielend den Ring an den Ringfinger seiner
linken Hand. Da rief die Jungfrau: Jetzt bist du fr mich so lange
unsichtbar, bis du den Ring abziehst. Aber das zu thun war der Jngling
nicht gesonnen, vielmehr ging er rasch einige Schritte weiter, steckte
dann den Ring an den kleinen Finger der linken Hand, und schwang sich in
die Hhe wie ein Vogel. Als die Jungfrau ihn davon fliegen sah, hielt
sie Anfangs auch diesen Versuch fr bloen Scherz, und rief: Komm
zurck, mein Freund! Jetzt hast du gesehen, da ich dir die Wahrheit
gesagt habe! Aber wer nicht zurckkam, war der Jngling; da merkte die
Jungfrau den Betrug, und brach in bittere Klagen aus ber ihr Unglck.

Der Jngling hielt seinen Flug nicht eher an, als bis er nach einigen
Tagen wieder zu dem berhmten Zauberer gekommen war, bei welchem er die
Vogelsprache gelernt hatte. Der Zauberer war auerordentlich froh, da
des Mannes Wanderung so guten Erfolg gehabt hatte. Er machte sich
sogleich daran, die geheime Schrift auf dem Ringe zu deuten, er brauchte
aber sieben Wochen ehe er damit zu Stande kam. Darauf gab er dem
Jnglinge folgende Auskunft, wie der Nordlands-Drache zu vertilgen sei:
Du mut dir ein eisernes Pferd gieen lassen, das unter jedem Fue
kleine Rder hat, so da man es vorwrts und rckwrts schieben kann.
Dann mut du aufsitzen und dich mit einem eisernen zwei Klafter langen
Speere bewaffnen, den du freilich nur fhren kannst, wenn der Wunderring
am Daumen deiner linken Hand steckt. Der Speer mu in der Mitte die
Dicke einer migen Birke haben und seine beiden Enden mssen gleich
scharf sein. In der Mitte des Speeres mut du zwei starke zehn Klafter
lange Ketten befestigen, die stark genug sind, den Drachen zu halten.
Sobald der Drache sich in den Speer fest gebissen hat, so da dieser ihm
die Kinnlade durchbohrt, mut du wie der Wind vom Eisenro herunter
springen, um dem Unthier nicht in den Rachen zu fallen, und mut die
Enden der Ketten mit eisernen Pflcken dergestalt in die Erde rammen,
da keine Gewalt sie herausziehen kann. Nach drei oder vier Tagen ist
die Kraft des Unthiers so weit erschpft, da du dich ihm nhern kannst,
dann stecke Salomos Kraftring an den Daumen deiner linken Hand, und
schlage es vollends todt. Bis du aber herangekommen bist, mu der Ring
am Ringfinger deiner linken Hand stecken, damit das Unthier dich nicht
sehen kann, sonst wrde es dich mit seinem langen Schwanze todt
schlagen. Wenn du Alles vollbracht hast, trage Sorge, da du den Ring
nicht verlierst, und da dir auch Niemand mit List das Kleinod
entwende.

Unser Freund dankte dem Zauberer fr die Belehrung und versprach, ihn
spter fr seine Mhe zu belohnen. Aber der Zauberer erwiederte: Ich
habe aus der Entzifferung der Geheimschrift des Ringes so viel
Zauberweisheit geschpft, da ich keines anderen Gutes weiter bedarf.
So trennten sie sich, und der Jngling eilte nach Hause, was ihm nicht
mehr schwer wurde, da er wie ein Vogel fliegen konnte wohin er wollte.

Als er nach einigen Wochen in der Heimath anlangte, hrte er von den
Leuten, da der gruliche Nordlands-Drache schon in der Nhe sei, so da
er jeden Tag ber die Grenze kommen knne. Der Knig lie berall
bekannt machen, da er demjenigen, der dem Unthier das Garaus machen
wrde, nicht nur einen Theil seines Knigreiches schenken, sondern auch
seine Tochter zur Frau geben wolle. Nach einigen Tagen trat unser
Jngling vor den Knig und erklrte, er hoffe das Unthier zu vernichten,
wenn der Knig Alles wolle anfertigen lassen, was dazu erforderlich sei.
Der Knig ging mit Freuden darauf ein. Es wurden nun smmtliche
geschickte Meister aus der Umgegend zusammenberufen, die muten erst das
Eisenpferd gieen, dann den groen Speer schmieden, und endlich auch die
eisernen Ketten, deren Ringe zwei Zoll Dicke hatten. Als aber Alles
fertig war, fand es sich, da das eiserne Pferd so schwer war, da
hundert Mnner es nicht von der Stelle bringen konnten. Da blieb dem
Jngling nichts brig, als mit Hlfe seines Kraftringes das Pferd allein
fort zu bewegen.

Der Drache war keine Meile mehr entfernt, so da er mit ein Paar
Sprngen ber die Grenze setzen konnte. Der Jngling berlegte nun, wie
er allein mit dem Unthier fertig werden solle, denn da er das schwere
Eisenpferd von hinten her schieben mute, so konnte er sich nicht
aufsetzen, wie es der Zauberer vorgeschrieben hatte. Da belehrte ihn
unerwartet eines Raben Schnabel: Setze dich auf das Eisenpferd, und
stemme den Speer gegen den Boden, als wolltest du einen Kahn vom Ufer
abstoen. Der Jngling machte es so und fand, da er auf diese Weise
vorwrts kommen knne. Das Ungeheuer sperrte schon von Weitem den Rachen
auf, um die erwartete Beute zu vertilgen. Noch einige Klafter, so wren
Mann und Eisenro im Rachen des Unthiers gewesen. Der Jngling bebte vor
Entsetzen und das Herz erstarrte ihm zu Eis, allein er lie sich nicht
verwirren, sondern stie mit aller Kraft zu, so da der eiserne Speer,
den er aufrecht in der Hand hielt, den Rachen des Unthiers durchbohrte.
Dann sprang er vom Eisenro und wandte sich schnell wie der Blitz, als
das Unthier die Kinnladen zusammenklappte. Ein grliches Gebrll, das
viele Meilen weit erscholl, gab den Beweis, da der Nordlands-Drache
sich festgebissen hatte. Als der Jngling sich umwandte, sah er eine
Spitze des Speers Fu lang aus der oberen Kinnlade hervorragen, und
schlo daraus, da die andere im Boden fest steckte. Das Eisenro aber
hatte der Drache mit seinen Zhnen zermalmt. Jetzt eilte der Jngling,
die Ketten am Boden zu befestigen, wozu starke Eisenpflcke von mehreren
Klaftern Lnge in Bereitschaft gesetzt waren.

Der Todeskampf des Ungeheuers dauerte drei Tage und drei Nchte: wenn es
sich bumte, schlug es so gewaltig mit dem Schwanze gegen den Boden, da
die Erde auf zehn Meilen weit bebte. Als es endlich den Schwanz nicht
mehr rhren konnte, hob der Jngling mit Hlfe des Ringes einen Stein
auf, den zwanzig Mnner nicht htten bewegen knnen, und schlug damit
dem Thiere so lange auf den Kopf, bis es kein Lebenszeichen mehr von
sich gab.

Grenzenlos war berall der Jubel, als die Botschaft kam, da der
schlimme Feind sein Ende gefunden. --Der Sieger wurde in der Knigsstadt
mit groen Ehrenbezeugungen empfangen, als wre er der mchtigste
Knig. Der alte Knig brauchte auch seine Tochter nicht zur Heirath zu
zwingen, sondern diese verlangte selber, sich dem starken Manne zu
vermhlen, der allein ausgerichtet hatte, was die Andern auch mit einer
ganzen Armee nicht vermochten. Nach einigen Tagen wurde eine prachtvolle
Hochzeit gefeiert, welche vier Wochen lang dauerte, und zu welcher alle
Knige der Nachbarlnder sich versammelt hatten, um dem Manne zu danken,
der die Welt von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte. Allein ber dem
Hochzeitsjubel und der allgemeinen Freude hatte man vergessen, da des
Ungeheuers Leichnam unbegraben liegen geblieben war, und da er jetzt in
Verwesung berging, so verbreitete er einen solchen Gestank, da Niemand
sich in die Nhe wagte. Es entstanden Seuchen, welche viele Menschen
hinrafften. Deshalb beschlo der Schwiegersohn des Knigs, Hlfe bei dem
Zauberer im Osten zu suchen, was ihm mit seinem Ringe nicht schwer fiel,
weil er auf Vogelschwingen hin fliegen konnte.

Aber das Sprichwort sagt, unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen,
so zerronnen. Diese Erfahrung sollte auch des Knigs Schwiegersohn mit
dem entwendeten Ringe machen. Der Hllenjungfrau lie es weder Tag noch
Nacht Ruhe, ihrem Ringe wieder auf die Spur zu kommen. Als sie mit Hlfe
von Zauberknsten erfahren hatte, da des Knigs Schwiegersohn sich in
Vogelgestalt zu dem Zauberer aufmache, verwandelte sie sich in einen
Adler, und kreiste so lange in den Lften, bis ihr der Vogel, auf den
sie wartete, zu Gesicht kam -- sie erkannte ihn sogleich an dem Ringe,
der ihm an einem Bande um den Hals hing. Da scho der Adler auf den
Vogel nieder und in demselben Augenblick, wo seine Klauen ihn packten,
hatte er ihm auch mit dem Schnabel den Ring vom Halse gerissen, ehe noch
der Mann in Vogelgestalt etwas dagegen thun konnte. Jetzt lie der Adler
sich mit seiner Beute zur Erde nieder, und beide standen in ihrer
frheren Menschengestalt neben einander. Jetzt bist du in meiner Hand,
Frevler! rief die Hllenjungfrau. -- Ich nahm dich als meinen
Geliebten auf, und du btest Betrug und Diebstahl: ist das mein Lohn? Du
nahmst mir mein kostbarstes Kleinod durch List, und hofftest, als
Schwiegersohn des Knigs ein glckliches Leben zu fhren, aber jetzt hat
sich das Blatt gewandt. Du bist in meiner Gewalt und sollst mir fr
allen Frevel ben. Vergebt, vergebt, bat des Knigs Schwiegersohn,
ich wei wohl, da ich mich schwer gegen euch vergangen habe, und bereue
meine Schuld von ganzem Herren. Die Jungfrau erwiederte: Deine Bitten
und deine Reue kommen zu spt, und Nichts kann dir mehr helfen. Ich darf
dich nicht schonen, das brchte mir Schande und machte mich zum Gesptt
der Leute. Zwiefach hast du dich an mir versndigt, erst hast du meine
Liebe verschmht, und dann meinen Ring entwendet, dafr mut du Strafe
leiden. Mit diesen Worten steckte sie den Ring an den Daumen ihrer
linken Hand, nahm den Mann wie eine Hedekunkel auf den Arm und ging mit
ihm von dannen. Diesmal fhrte ihr Weg nicht in jene prchtige
Behausung, sondern in eine Felsenhhle, wo Ketten von der Wand herunter
hingen. Die Jungfrau ergriff die Enden der Ketten, und fesselte damit
dem Manne Hnde und Fe, so da Entkommen unmglich war; dann sagte
sie mit Zorn: Hier sollst du bis an dein Ende gefangen bleiben. Ich
werde dir tglich so viel Nahrung bringen lassen, da du nicht Hungers
sterben kannst, aber auf Befreiung darfst du nimmer hoffen. Damit
verlie sie ihn.

Der Knig und seine Tochter verlebten eine schwere Zeit des Kummers, als
Woche auf Woche verging, und der Schwiegersohn weder zurck kam, noch
auch Nachricht von sich gab. Oftmals trumte der Knigstochter, da ihr
Gemahl schwere Pein leiden msse, sie bat dehalb ihren Vater, von allen
Seiten her Zauberer zusammenrufen zu lassen, damit sie vielleicht
Auskunft darber gben, wo der Verschwundene lebe, und wie er zu
befreien sei. Aber smmtliche Zauberer konnten nichts weiter berichten,
als da er noch lebe und schwere Pein leide, keiner wute den Ort zu
nennen, wo er sich befinde, noch anzugeben, wie man ihn auffinden knne.
Endlich wurde ein berhmter Zauberer aus Finnland vor den Knig gefhrt,
der den weiteren Bescheid ertheilen konnte, da des Knigs Schwiegersohn
im Ostlande gefangen gehalten werde, und zwar nicht durch Menschen,
sondern durch ein mchtigeres Wesen. Also schickte der Knig seine Boten
in der genannten Richtung aus, um den verlorenen Schwiegersohn
aufzusuchen. Glcklicherweise kamen sie zu dem alten Zauberer, der die
Schrift auf Salomonis Siegelring gedeutet und daraus eine Weisheit
geschpft hatte, die allen Uebrigen verborgen blieb. Dieser Zauberer
fand bald heraus, was er wissen wollte, und sagte: Den Mann hlt man
durch Zaubermacht da und da gefangen, aber ohne meine Hlfe knnt ihr
ihn nicht befreien, ich mu selbst mit euch gehen.

Sie machten sich also auf und kamen, von Vgeln gefhrt, nach einigen
Tagen in die Felsenhhle, wo des Knigs Schwiegersohn jetzt schon beinah
sieben Jahre die schwere Kerkerhaft erduldet hatte. Er erkannte den
Zauberer augenblicklich, dieser aber erkannte ihn nicht, weil er sehr
abgemagert war. Der Zauberer lste durch seine Kunst die Ketten, nahm
den Befreiten zu sich, und pflegte und heilte ihn, bis er wieder krftig
genug war, um die Reise anzutreten. Er langte an demselben Tage an, wo
der alte Knig gestorben war, und wurde nun zum Knige erhoben. Jetzt
kamen nach langen Leidenstagen die Freudentage, welche bis an sein Ende
whrten; den Wunderring aber erhielt er nicht wieder, -- auch hat ihn
nachmals keines Menschen Auge mehr gesehen.

[Funote 81: Vgl. Anm. zu Mrchen 1, die Goldspinnerinnen, S. 11. L.]

[Funote 82: Vgl. Anm. zu S. 110. im Mrchen 8. L.]




19. Das Glcksei.


Einmal lebte in einem groen Walde ein armer Mann mit seinem Weibe; Gott
hatte ihnen acht Kinder gegeben, von denen die ltesten schon ihr Brod
bei fremden Leuten verdienten, und so machte es den Eltern gerade nicht
viel Freude, als ihnen im spten Alter noch ein neuntes Shnlein geboren
wurde. Aber Gott hatte es ihnen einmal geschenkt, und so muten sie es
nehmen, und ihm nach Christenbrauch die Taufe geben lassen. Nun wollte
aber Niemand zu dem Kinde Gevatter stehen, weil Jeder besorgte: wenn die
Eltern sterben, so fllt mir das Kind zur Last. Da dachte der Vater: ich
nehme das Kind, und trage es am Sonntag in die Kirche, und sage, da ich
nirgends Gevattern habe finden knnen, mag dann der Prediger thun, was
er will, mag er das Kind taufen oder nicht, auf meine Seele kann keine
Snde fallen. Als er sich am Sonntag aufmachte, fand er nicht weit von
seinem Hause einen Bettler am Wege sitzen, der ihn um ein Almosen bat.
Der Mann sagte: Ich habe dir nichts zu geben, Brderchen, die wenigen
Kopeken, die ich in der Tasche habe, mu ich fr die Kindtaufe
ausgeben; willst du mir aber einen Gefallen thun, so komm und steh bei
meinem Kinde Gevatter, nachher gehen wir nach Hause und nehmen vorlieb
mit dem, was uns die Hausfrau zum Taufschmaus beschert hat. Der
Bettler, den bis dahin noch niemand zu Gevatter gebeten hatte, erfllte
mit Freuden die Bitte des Mannes, und ging mit ihm zur Kirche. Als sie
eben dort angekommen waren, fuhr eine prchtige Kutsche mit vier Pferden
vor, und eine junge vornehme Dame stieg aus. Der arme Mann dachte, hier
will ich zum letzten Male mein Glck versuchen, trat mit demthigem
Grue vor die Frau oder das Frulein, was sie nun sein mochte, und
sagte: Geehrtes Frulein, oder was ihr sonst sein mgt! wrdet ihr euch
nicht der Mhe unterziehen, bei meinem Kinde Gevatter zu stehen? Das
Frulein sagte zu.

Als nun nach der Predigt das Kind zur Taufe gebracht wurde, verwunderten
sich Prediger und Gemeinde sehr darber, da ein armseliger Bettelmann
und eine stolze vornehme Dame zusammen bei dem Kinde Gevatter standen.
Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Prtel. Die reiche Pathe
bezahlte das Taufgeld und machte noch ein Pathengeschenk von drei
Rubeln, worber der Vater des Kindes hchlich erfreut war. Der Bettler
ging dann mit zum Taufschmause. Ehe er am Abend fortging, nahm er ein in
einen kleinen Lappen gewickeltes Schchtelchen aus der Tasche, gab es
der Mutter des Kindes, und sagte: Mein Pathengeschenk ist zwar
unbedeutend, aber verschmhet es dennoch nicht, vielleicht erwchst
eurem Shnlein einmal Glck daraus. Ich hatte eine sehr kluge Tante, die
sich auf vielerlei Zauberknste verstand, die gab mir vor ihrem Tode
das Vogelei in diesem Schchtelchen, indem sie sagte: Wenn dir einmal
etwas ganz Unerwartetes begegnet, was du niemals ahnden konntest, dann
entuere dich dieses Eies; wenn es demjenigen zu Theil wird, fr den es
bestimmt ist, so kann es ihm groes Glck bringen. Aber hte das Ei wie
deinen Augapfel, damit es nicht zerbricht, denn die Glcksschale ist
zart. Nun ist mir bis auf den heutigen Tag, obwohl ich nahe an sechzig
Jahre alt bin, noch nichts so Unerwartetes begegnet, als da ich heute
morgen zu Gevatter gebeten wurde, und es war gleich mein erster Gedanke:
Du mut dem Kinde das Ei zum Pathengeschenk geben.

Der kleine Prtel gedieh vortrefflich, und wuchs seinen Eltern zur
Freude auf, bis er im Alter von zehn Jahren in ein anderes Dorf zu einem
wohlhabenden Wirthe als Hterknabe kam. Alle im Hause waren mit dem
Hterknaben sehr zufrieden, da er ein frommer stiller Bursche war, der
seiner Brotherrschaft niemals Verdru machte. Die Mutter hatte ihm beim
Abschied das Pathengeschenk in die Tasche gesteckt, und ihm empfohlen,
es sorgsamlich zu hten, wie seinen Augapfel, was Prtel auch befolgte.
Auf dem Weideplatz stand ein alter Lindenbaum, und unter diesem lag ein
groer Kieselstein; diesen Ort hatte der Knabe sehr lieb, so da den
Sommer ber kein Tag verging, an dem er nicht unter der Linde auf dem
Steine gesessen htte. Auf diesem Steine verzehrte er auch gewhnlich
das Brot, welches ihm alle Morgen mitgegeben wurde, und seinen Durst
stillte eine kleine Quelle in der Nhe des Steines. Mit den anderen
Hirtenknaben, die viel Muthwillen trieben, hielt Prtel keine
Freundschaft. Wunderbar war es, da ringsum nirgends so schnes Gras
anzutreffen war, als zwischen dem Stein und der Quelle; obwohl die Herde
jeden Tag hier weidete, so hatte doch am andern Morgen der Rasen mehr
das Ansehen einer geschonten Wiese als das einer Weide.

Wenn Prtel zuweilen an einem heien Tage auf dem Steine ein wenig
einschlummerte, so erfreuten ihn jedesmal wunderbare Trume, und noch
beim Erwachen klangen ihm Spiel und Gesang in den Ohren, so da er mit
offenen Augen weiter trumte. Der Stein war ihm wie ein theurer Freund,
von dem er tglich mit schwerem Herzen schied, und zu dem er den andern
Morgen voll Sehnsucht zurckeilte. So war Prtel funfzehn Jahre alt
geworden, und sollte nun nicht lnger mehr Hterknabe bleiben. Der Wirth
nahm ihn zum Knecht, ohne ihm jedoch schwerere Arbeit aufzulegen, als er
zu leisten vermochte. Am Sonntage oder an Sommerabenden, wenn die
anderen Bursche mit den Dirnen schkerten, gesellte sich Prtel nicht zu
ihnen, sondern ging still sinnend auf den Weideplatz an seinen lieben
Lindenbaum, unter welchem er nicht selten die halbe Nacht zubrachte. So
sa er einmal wieder an einem Sonntag Abend auf dem Steine und schlug
die Maultrommel, da kroch eine milchweie Schlange unter dem Steine
hervor, hob den Kopf, als wollte sie zuhren, und blickte den Prtel mit
ihren klaren Augen an, die wie feurige Funken glnzten. Dies wiederholte
sich in der Folge, wehalb Prtel, sobald er nur freie Zeit hatte, immer
nach seinem Steine eilte, um die schne weie Schlange zu sehen, die
sich zuletzt so an ihn gewhnt hatte, da sie sich oftmals um seine
Beine wand.

Prtel war nun in das Jnglingsalter getreten, seine beide Eltern waren
gestorben, und seine Brder und Schwestern lebten alle weit entfernt, so
da sie nicht viel von einander hrten, geschweige denn einander sahen.
Aber lieber als Brder und Schwestern war ihm die weie Schlange
geworden; bei Tage waren seine Gedanken auf sie gerichtet, und fast jede
Nacht trumte er von ihr. Dehalb wurde ihm die Winterzeit sehr lange,
wo tiefer Schnee lag und der Boden gefroren war. Als im Frhling die
Sonnenstrahlen den Schnee geschmolzen und den Boden aufgethaut hatten,
war Prtels erster Gang wieder zum Steine unter der Linde, obwohl noch
kein Blttchen am Baume zu sehen war. O die Freude! Sobald er seine
Sehnsucht in den Tnen der Maultrommel ausgehaucht hatte, kroch die
weie Schlange unter dem Stein hervor und spielte zu seinen Fen, aber
dem Prtel schien es heute, als wenn die Schlange Thrnen vergossen
htte, und das that seinem Herzen weh. Er lie nun keinen Abend mehr
hingehen, ohne zum Steine zu kommen, und die Schlange wurde immer
dreister, so da sie sich schon streicheln lie, aber wenn Prtel sie
festhalten wollte, schlpfte sie ihm durch die Finger und kroch wieder
unter den Stein.

Am Abend des Johannistages, da alle Dorfbewohner, alt und jung, mit
einander zum Johannisfeuer gingen, durfte doch auch Prtel nicht
zurckbleiben, obwohl sein Herz ihn auf einen andern Weg lockte. Aber
mitten in der Lustbarkeit, als die andern sangen, tanzten und andere
Kurzweil trieben, schlich er sich von ihnen fort zum Lindenbaum, denn
das war der einzige Ort, wo sein Herz Ruhe fand. Als er nher kam,
glnzte ihm vom Steine her ein helles kleines Feuer entgegen, was ihn
sehr in Verwunderung setzte, da, so viel er wute, Menschen sich um
diese Zeit dort nicht aufhielten. Als er ankam, war das Feuer erloschen,
und hatte weder Asche noch Funken zurckgelassen. Er setzte sich auf den
Stein und fing an, wie gewhnlich, die Maultrommel zu rhren. Mit einem
Male tauchte das Feuer wieder auf, und es war nichts anderes als das
funkelnde Augenpaar der weien Schlange. Diese spielte wieder zu seinen
Fen, lie sich streicheln, und sah ihn so durchdringend an, als wollte
sie sprechen. Mitternacht konnte nicht weit sein, als die Schlange unter
den Stein in ihr Nest schlpfte, und auch auf Bartels Spiel nicht wieder
zum Vorschein kam. Als er sein Instrument vom Munde nahm, in die Tasche
steckte, und sich anschickte, nach Hause zu gehen, da suselte das Laub
der Linde im Hauch des Windes so wunderbar, da es wie eine
Menschenstimme an sein Ohr schlug, und er mehrmals die Worte zu hren
glaubte:

    Zarte Schale hat das Glcksei,
    Zhen Kernes ist die Trbsal;[83]
    Zaudre nicht das Glck zu haschen.

Da fhlte er ein so schmerzliches Verlangen, da ihm das Herz zu brechen
drohte, und doch wute er selber nicht, wonach er sich sehnte. Bittre
Thrnen rannen ihm von den Wangen, und er klagte: Was hilft mir
Unglcklichem das Glcksei, da mir auf dieser Welt doch kein Glck
beschieden ist! Von klein auf fhle ich, da ich fr die Menschen nicht
passe, sie verstehen mich nicht, und ich sie nicht: was ihnen Freude
macht, das schafft mir Qual, was mich aber glcklich machen knnte, das
wei ich selbst nicht, wie sollten es Andere wissen. Der Reichthum und
die Armuth haben beide bei mir zu Gevatter gestanden, darum habe ich
auch zu nichts Rechtem kommen knnen. Da wurde es pltzlich so hell um
ihn her, als ob Linde und Stein von der vollen Sonne beschienen wrden,
so da er eine Weile die Augen nicht ffnen konnte, sondern sich erst an
die Helligkeit gewhnen mute. Da sah er neben sich auf dem Steine ein
schnes Frauenbild stehen, in schneeweien Kleidern, wie wenn ein Engel
vom Himmel herunter gestiegen wre. Aus dem Munde der Jungfrau aber
tnte eine Stimme, die ihm ser klang, als der Gesang der Nachtigall,
und die Stimme sprach: Lieber Jngling, frchte dich nicht, sondern
erhre die Bitte eines unglcklichen Mdchens! Ich Arme lebe in einem
trbseligen Kerker, und wenn du dich meiner nicht erbarmst, so habe ich
nimmer Hoffnung auf Erlsung. O, lieber Jngling, habe Mitleid mit mir,
und weise mich nicht ab. Ich bin eines mchtigen Knigs Tochter aus dem
Ostlande, unendlich reich an Gold und Schtzen, aber das kann mir nichts
helfen, weil ein Zauber mich zwang, in Gestalt einer Schlange hier unter
dem Felsen zu leben, wo ich schon viele hundert Jahre weile, ohne je
lter zu werden. Obwohl ich noch nie einem Menschenkinde Bses zugefgt
habe, so fliehen doch Alle vor meiner Gestalt, so wie sie mich
erblicken. Du bist das einzige lebende Wesen, das meine Annherung nicht
scheute; ja, ich durfte zu deinen Fen spielen, und deine Hand hat mich
oftmals freundlich gestreichelt. Darum erwachte in meinem Herzen die
Hoffnung, da du mein Retter werden knntest. Dein Herz ist rein, wie
das eines Kindes, in welchem Lug und Trug noch nicht wohnen. Auch trifft
bei dir Alles zu, was zu meiner Rettung erforderlich ist: eine vornehme
Dame und ein Bettler standen zusammen Gevatter bei dir, und das Glcksei
wurde dein Pathengeschenk. Nur einmal nach je fnf und zwanzig Jahren in
der Johannisnacht ist es mir vergnnt, in Menschengestalt eine Stunde
lang auf der Erde zu wandeln, und wenn dann ein Jngling reinen Herzens,
der diese besonderen Gaben besitzt, kommen und meine Bitte erhren
wrde, so knnte ich aus meiner langen Gefangenschaft erlst werden.
Rette, o rette mich aus der endlosen Kerkerhaft, ich bitte dich in aller
Engel Namen. So sprechend fiel sie dem Prtel zu Fen, umfate seine
Knie und weinte bitterlich.

Dem Prtel schmolz das Herz bei diesem Anblick und bei dieser Rede, er
bat die Jungfrau aufzustehen und ihm zu sagen, wie die Rettung mglich
sei. Ich wrde ja ohne Zgern durch Feuer und Wasser gehen, sagte er,
wenn dadurch deine Rettung mglich wrde, und htte ich zehn Leben zu
verlieren, ich wrde sie alle fr deine Rettung hingeben! Eine nie
gekannte Sehnsucht lt mir keine Ruhe mehr, aber wonach ich mich sehne,
wei ich selbst nicht.

Die Jungfrau sagte: Komm morgen Abend gegen Sonnenuntergang wieder
hierher, und wenn ich dir dann als Schlange entgegen komme, und mich wie
einen Grtel um deinen Leib winde, und dich dreimal ksse, so erschrick
nicht, und bebe nicht zurck, sonst mu ich wieder weiter seufzen unter
dem Fluche der Verzauberung, und wer wei auf wie viel hundert Jahre.
Mit diesen Worten war die Jungfrau den Blicken des Jnglings
entschwunden, und wieder suselte es aus dem Laube der Linde:

    Zarte Schale hat das Glcksei,
    Zhen Kernes ist die Trbsal;
    Zaudre nicht das Glck zu haschen!

Prtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen
gelegt, aber wunderbar bunte Trume, theils freundliche, theils
hliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang
er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, da die weie Schlange
sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht
weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die
Knigstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlsen, und wenn er
selber darber zu Grunde gehen sollte -- aber dennoch wurde ihm das Herz
immer schwerer, je nher die Sonne dem Horizonte kam. Zur festgesetzten
Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel
empor, den er um Muth und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwche
zittere, wenn sich die Schlange um seinen Leib winden und ihn kssen
werde. Da fiel ihm pltzlich das Glcksei ein; er zog das Schchtelchen
aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht
grer war, als das Ei einer Grasmcke, zwischen die Finger.

In demselben Augenblicke war die schneeweie Schlange unter dem Steine
hervorgeschlpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben
ihren Kopf empor, um ihn zu kssen, da -- der Mann wute selbst nicht
wie es geschah -- hatte er der Schlange das Glcksei in den Mund
gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis
die Schlange ihn dreimal gekt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und
Leuchten, als htte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer
Donner machte die Erde erzittern, so da Prtel wie todt zu Boden fiel,
und nicht mehr wute, was mit ihm oder um ihn her geschah.

Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers
gebrochen, und die knigliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlst.
Als Prtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf
weichen Seidenkissen, in einem prchtigen Glasgemach von himmelblauer
Farbe. Das schne Mdchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine
Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: Dank dem himmlischen
Vater, der mein Gebet erhrt hat! und tausend, tausend Dank auch dir,
theurer Jngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlst hast.
Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Knigsschlo mit
allen seinen Schtzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in
den Kauf. Du sollst fortan hier glcklich leben, wie es dem Herrn des
Glcksei's gebhrt. Bis heute war dein Loos wie das deines _Taufvaters_,
jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner
_Taufmutter_ zugefallen war.

Prtel's Glck und Freude vermchte wohl Niemand zu schildern; alle
unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder
unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte
er mit seiner theuren Gemahlin im Schooe des Glckes bis an sein Ende.
-- In dem Dorfe aber und auf dem Bauerhofe, wo er gedient hatte, und wo
man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein
Verschwinden groe Betrbni. Darum machten sich Alle auf, ihn zu
suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Prtel so hufig zu
besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen
sehn. Gro war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Prtel,
noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in
der Nhe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge
jemals wieder erblickt.

[Funote 83: Aus Kalewipog =XIX=, 140, 141, wo aber der Gehrnte mit
diesen Versen den Kalewsohn vor Uebermuth warnt. L.]




20. Der Frauenmrder.


Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen
Botmigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgter und eine Unzahl von Leuten
standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse,
das hinter Wldern und Smpfen versteckt lag wie eine Brenhhle, und
rings mit Mauern und Grben umgeben war, so da Feinde nicht leicht
eindringen konnten. Man meinte, der groe Herr habe den einsamen Ort
dewegen zu seinem Wohnsitz gewhlt, damit seine unermeliche Habe den
Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da
nmlich groe Felsenkeller mit Gold und Silber angefllt sein, womit der
Besitzer, wenn er gewollt htte, ganze Knigreiche htte kaufen knnen.
An Geld und Schtzen hatte er also Ueberflu, aber mit seinen Frauen
hatte er kein Glck. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach
der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf,
sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon
er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen
auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwlfte zu freien.
Man wei, da es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu
kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mdchen zu Dutzenden fangen.
Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwlfte
Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so da er wie ein geringer
Mann an mancher Thre anklopfen mute, ehe er eine Braut unter die Haube
bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den
jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflt; es konnte doch wohl
nicht mit rechten Dingen zugehen, da die jungen blhenden Frauen so
rasch dahin welkten. Ein Geheimni mute hier obwalten -- aber es blieb
Allen ein Rthsel.

Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht
hatte, beschlo er endlich, sein Glck auf einem Edelhofe zu versuchen,
wo ein armer Edelmann mit seinen drei blhenden Tchtern lebte. Sie
waren alle drei schn und glichen kstlichen Aepfeln, aber die jngste
berstrahlte die beiden andern, so da sie recht gut auch die Gemahlin
eines Knigs htte werden knnen. Der vornehme Freier hatte sein Auge
alsbald auf das jngste Frulein geworfen; zwar schien des Fruleins
Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke,
seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, bten eine so
erwrmende Wirkung, da es dem Vater und den beiden Schwestern gelang,
das Mdchen zu berreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne
eine Sttze zu finden, und auch die Tchter erwarteten, da ihnen der
Schwager ntzlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf
seine Kosten prchtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die
Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die lteren nicht im
mindesten neidisch darber, da die jngste zuerst heirathen sollte. Der
Brutigam hatte seinen knftigen Schwiegervater darum gebeten, die
Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und
alle Kosten selbst zu tragen wnsche.

So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Brutigam war schon
wieder abgereist, um sein Haus fr die Hochzeit herzurichten, und hatte
auch schon den Tag fr die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein
Vorfall, der dem alten Herrn Verdru bereitete, und das Herz der Braut
mit Betrbni erfllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die
Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war,
zu sich genommen hatte; man hatte ihn spter zum Gnsejungen gebraucht,
seit lnger als einem Jahre aber war er Aufwrter. Die Gutsleute nannten
ihn immer noch den Gnse-Tnnis. Er war ein halbes Jahr jnger als das
jngste Frulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine
Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Frulein war immer sehr
liebreich gegen den Tnnis gewesen. Tnnis verehrte auf der ganzen Welt
kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Frulein. Was er dem
Frulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheien, und er
wre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Frulein es
befohlen htte. Als er hrte, da das Frulein sich mit einem Wittwer
vermhlen wrde, erschrack er so heftig, da er verzweifeln wollte;
mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in
sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten,
da er schwer krank sei. Als Tnnis den Brutigam zum erstenmal gesehen
hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz
gegangen. Mein theures Frulein rennt in ihr Verderben, dachte er. Er
wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Frulein
sprechen knnte. Als sie nun eines Tages in den Gemsegarten gegangen
war, trat ihr Tnnis demthig entgegen: Gndiges theures Frulein,
hret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mrders, der euch
ebenso umbringen wrde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet
haben. Das Frulein erschrack, als sie diese Rede hrte, und fragte,
woher er denn wissen knne, da die frheren Frauen dieses Herrn einen
gewaltsamen Tod gefunden. Tnnis antwortete: Mein Herz sagte es mir,
als ich den Brutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich
noch niemals betrogen. Als das Frulein ihren Schwestern und ihrem
Vater erzhlte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen
Zorn, da er drohte, den Tnnis halb todt zu schlagen, und dann mit den
Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer wei, ob er die Drohung nicht
ausgefhrt htte, wenn die Frulein sich nicht mit Bitten dazwischen
gelegt und sich bemht htten, seinen Zorn zu besnftigen. Die Frulein
sagten: Der Bursche hat es ja doch nicht bse gemeint, vielmehr wnscht
er uns nur Gutes. Nach einigen Tagen lie der alte Herr den Tnnis
rufen, schalt ihn wegen seines thrichten Geschwtzes und sagte endlich:
Wenn du dem Frulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den
Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschieen.
Um seine Tchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, da der Tnnis
durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im
Herzen des jngsten Fruleins Zweifel aufgestiegen, und sie htte sich
gern von ihrem Brutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine
Mglichkeit gezeigt htte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich
diesem Vorhaben einmthig, indem sie sagten: Stoe dein Glck nicht
leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein
Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen knnen. Je nher der
Hochzeitstag heranrckte, desto schwerer wurde dem Frulein das Herz,
ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge.
Endlich lie sie eines Tages heimlich den Tnnis rufen, und fragte ihn,
was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurcktreten durchaus
nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tnnis mit der Bitte, ihn
mitzunehmen: So lange ich euch nahe bin, -- sagte er, -- soll Niemand
es wagen, Hand an euch zu legen. Darauf bat das Frulein ihren Vater um
Erlaubni, den Tnnis mitzunehmen. Meinethalben, -- sagte der alte
Herr, -- wenn dein Brutigam nichts dagegen einzuwenden hat. Der
Brutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner
Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mute
er ihrem Begehren willfahren.

Der Hochzeitstag wurde im Hause des Brutigams mit Jubel und groer
Pracht begangen, ber eine Woche blieben smmtliche Hochzeitsgste, und
jeder mute, als er heimkehrte, bekennen, da er in seinem Leben noch
keine schnere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die
Schwgerinnen blieben noch einige Wochen lnger, und fhrten ein Leben
wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele
kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem
stolzen Edelhofe zurckgeblieben.

Einige Wochen spter sagte der Herr zu seiner Gemahlin: Ich mu nun,
mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Gter
und Besitzungen zu besichtigen, dehalb habe ich eine Botschaft nach dem
Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern
herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme.
Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen.
Whrend meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung
stehen, sorge dafr, da Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe.
Hier sind meine Schlssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast
berall Zutritt. Nur in diesem Kstchen hier liegt ein einzelner
goldener Schlssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschliet, darfst
du deinen Fu nicht setzen, noch auch die Thr ffnen, um hineinzusehen.
Ich bitte dich, Liebchen, hte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und
mein Glck wrde zerstrt, sobald du mein Verbot bertrittst. Solltest
du absichtlich oder von ungefhr die verbotene Kammer betreten -- und
mir wrde das nicht unbekannt bleiben --, so mte ich dir mit eigener
Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen. Die Frau weigerte sich, den
unheimlichen Schlssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr lie
nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlssel
empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloherrn: Meinetwegen
kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn
du sie mir nicht selbst zeigen magst.

Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um
der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten
sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede
darauf, da des Tnnis bse Ahnung ihnen ganz unntze Angst eingeflt
habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines
Morgens gemeldet wurde, da Tnnis in der Nacht verschwunden sei, und
Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau
gesagt: Ich wei nicht, wie es kommt, da ich euretwegen in schwerer
Sorge bin, es knne euch irgend ein Unglck zustoen. Jede Nacht trume
ich von euch, wie wenn ein bser Mensch hinter euch steht, der euch das
Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewhnlich ein hlicher
Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht. Die Frau hatte
sich jeder Besorgni vor diesen Trumen als einer leeren Furcht zu
erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel
ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte
Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten
am Abend zurck, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des
Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wre mit Tnnis ihr
bester Beschtzer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl
das Frulein sich auf alle Weise bemhte, den Kummer der Schwester zu
mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.

Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Rume und Schatzkammern des
Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten
Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die
Thr, welche der goldene Schlssel ffnete, allein das war die Kammer,
welche die Frau nicht betreten durfte --sollte sie doch nicht einmal an
der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer sphen. Das Frulein
hatte groe Lust, sich diese geheimnivolle Kammer anzusehen, und bat
ihre Schwester, die Thr aufzuschlieen. Die Frau mochte wohl kein
geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot
ihres Gemahls in's Gedchtni zurck, und sagte, es sei ihr nicht
erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht:
Schlssel und Schlo߫ -- meinte sie -- haben keine Zunge, mit der sie
dem Herrn verrathen knnten, da sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann
hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir,
wer wei aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Mnner aus Laune
vor ihren Frauen etwas verbergen, so drfen auch die Frauen aus Laune
dem Verbote der Mnner zuwider handeln. Wenn du dich frchtest zu
ffnen, so gieb mir den Schlssel, ich werde dir die Thr aufschlieen.
Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der
Schwester strubte, so war sie doch im Herzen schon lngst eines Sinnes
mit ihr. Sie nahm den Schlssel aus dem Kstchen und steckte ihn in's
Schlo. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlssel im Schlosse
umzudrehen, sprang die Thr mit groem Gerusch auf, wobei Zauberknste
im Spiele gewesen sein muten. Aber wer vermchte das Entsetzen zu
beschreiben, welches jetzt die Beiden berfiel, als ihr Blick ber die
Schwelle in das Innere der geheimnivollen Kammer drang. In der Mitte
derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil;
der ganze Fuboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das
Grlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren
machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen
Tische die blutigen Kpfe der frheren eilf Frauen! Diese unglcklichen
Geschpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden
--wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot
bertreten hatten.

Derselbe grliche Tod drohte auch jetzt der zwlften Frau, denn sie
sagte sich sogleich, da der teuflische Mann, der die andern umgebracht
habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren
Hals auf dem blutigen Blocke, fhlte die Schneide des Beils in ihrem
Nacken, als sie voll Entsetzen ber die Schwelle zurckschwankte. Den
Schlssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie
ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen
und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thr
zuzuschlieen, fanden sie es unmglich; die Thr klaffte eine Hand breit
auseinander, als ob zwischen Thr und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich
befnde. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es
fruchten? Zum Glck hatten sie noch eine Woche bis zur Rckkehr des
Herrn, whrend dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo
mglich wieder gut zu machen.

Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen
zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen,
und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der
Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau
erbebte am ganzen Leibe, und war unfhig, sich von ihrem Sitze zu
erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der
Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat,
brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau
wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurck. Der Herr sah
augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene
Schlssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kstchen aus ihrer
Tasche, und berreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die
Rostflecke am Schlssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und
seine Augen rollten wie Feuerrder, so da die Frau ihn nicht ansehen
konnte. Ruchloses Geschpf! -- schrie er mit frchterlicher Stimme --
du mut ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot
bertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen
Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und
alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den
Reichthmern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Knigin in Glck
und Freude leben! Warum hast du mein Gebot bertreten?! Bereite dich
zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!

Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen,
aber der Herr tobte noch rger: Bereite dich zum Tode, denn deine
Augenblicke sind gezhlt! Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als
der Lrm begann, geflchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn
sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem
Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder
ihres Gatten Herz zu erweichen.

Des Geschwtzes ist genug! schrie der Herr. Lege deinen Kopf auf den
Block! Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete,
schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drckte mit der linken
Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu
tdten.

Aber in demselben Augenblicke, wo er das Beil emporhob, fiel von hinten
ein schwerer Knttel auf seinen Kopf, so da ihm das Beil aus der Hand
fiel, und er selbst hinstrzte. In seiner Wuth hatte der Mrder nicht
bemerkt, da ein Mann mit einem Knttel hinter ihm her schritt, als er
die Frau in die Mordkammer schleppte. Dieser Mann war Tnnis. Die Frau
war vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen, so da sie nichts mehr
von dem wute, was um sie her vorging. Tnnis band dem Herrn Hnde und
Fe mit starken Stricken, und als derselbe sich wieder von seiner
Betubung erholte, konnte er sich nicht mehr los machen, und Niemanden
Bses zufgen. Dann eilte Tnnis der ohnmchtigen Frau zu Hlfe, die
erst nach einigen Stunden aus ihrer Ohnmacht erwachte.

Jetzt setzte man das Gericht in Kenntni, und schickte sogleich eine
Botschaft an den Vater der Frau, da er her kme. Die Untersuchung
brachte an den Tag, da der Mrder eilf Frauen umgebracht hatte, und
auch die letzte gemordet haben wrde, wenn Tnnis nicht zu Hlfe
gekommen wre; der Mrder wurde deshalb vor das peinliche Gericht
gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine nheren Verwandten
hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhfe und
Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermgens wurde
unter die Armen vertheilt.

Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie
heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tnnis
zum Gemahl, und Beide fhrten ein glckliches Leben bis an ihr Ende.




21. Der herzhafte Riegenaufseher.[84]


Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele
seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der alte Bursche selber gerhmt,
ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht
vorgekommen. Der Alte ging dehalb hufig an den Abenden, wo die
Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter
angenehmen Gesprchen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte
Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn fr
einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er
sich auch nichts merken lie, und hatte sich vorgenommen, den (alten
Hrnertrger) Teufel wo mglich einmal ber's Ohr zu hauen. Als der alte
Bursche eines Abends ber sein Junggesellen-Leben klagte, und da er
Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nhe,
fragte der Aufseher: Warum gehst du denn nicht auf die Freite,
Brderchen? Der alte Bursche erwiederte: Ich habe schon manchmal mein
Heil versucht, aber die Mdchen wollen mich nicht. Je jnger und
blhender sie waren, desto rger spotteten sie meiner. Der Aufseher
rieth ihm, um ltere Mdchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre
zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmhen wrden. Nach
einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes
Mdchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum
Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, da die junge Frau voller
Tcke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern
qule ihn ohne Unterla. Was bist du denn fr ein Mann, lachte der
Aufseher, da dein Weib die Hosen hat anziehen drfen! Nahmst du einmal
ein Weib, so mutest du auch deines Weibes Herr werden! Der alte
Bursche erwiederte: Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und
jener, ich setze meinen Fu nicht mehr in's Haus. Der Riegenaufseher
suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch
einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten
Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das
Joch eines Weibes zu legen.

Im Herbste des nchsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte,
machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher
merkte gleich, da dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte
aber nicht, sondern wollte abwarten, da der Andere selber mit der Sache
herauskme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Migeschick. Im
Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht,
die wie ein Tubchen girrte, so da dem Mnnlein abermals
Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber spter,
da sie der rgste Hausdrache war, den es geben konnte, und da sie ihm
gern die Augen aus dem Kopfe gerissen htte, so da er endlich seinem
Glcke dankte, als er sich von der bsen Sieben losgemacht hatte. Der
Riegenaufseher sagte: Ich sehe wohl, da du zum Ehemann nicht taugst,
denn du bist ein Hasenfu, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.
Darin mute ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch
eine Weile ber Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte
Bursche: Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, da du dir
getraust, den schlimmsten Hllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu
machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine
Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zhmung eines bsen
Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge?
dort liegt ein groer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu
Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu
heben. Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: Wenn hier nichts
weiter nthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in
der Tasche! Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, da er in
knftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen msse, um
den vergrabenen Schatz zu heben, und fgte hinzu: Hte dich aber, da
nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen,
oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst
du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben
einben, wie viele Andere, die vor dir ihr Glck versuchten. Wenn du
mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und la die
Leute erzhlen, was sie ber das Gemuer des alten Schlosses gehrt --
Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir
dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hte
dich vor aller Furcht.

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher
auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so
kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf
Menschen zu stoen, die ihm Eins oder das Andere ber die alten
Schlomauern berichten knnten. Er fragte den Wirth, was das fr alte
Mauern wren auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darber wten,
wer sie aufgefhrt, und wer sie dann wieder zerstrt habe. Ein alter
Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehrt hatte, gab folgenden
Bescheid: Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher
Gutsherr dort gewohnt, der ber weite Lndereien und zahlreiches Volk
gebot. Dieser Herr fhrte ein eisernes Regiment, und behandelte seine
Unterthanen grausam, aber mit dem Schwei und Blut derselben hatte er
unermelichen Reichthum zusammengescharrt, so da Gold und Silber
fuderweise von allen Seiten her auf's Schlo kam, wo es in tiefen
Kellern vor Dieben und Rubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der
reiche Bsewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die
Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem
Boden, und eine groe schwarze Katze zu Hupten des Bettes, die man
vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher,
die Katze sei der bse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den
Herrn in seinem Bette erwrgt, und dann zur Hlle gebracht habe, wo er
fr seine Frevel ben msse. -- Als spter auf die Nachricht von dem
Todesfall die Verwandten des Schloherrn sich einfanden, um dessen
Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor.
Anfangs hielt man die Diener fr die Diebe, und stellte sie vor Gericht;
allein da sie sich ihrer Unschuld bewut waren, so bekannten sie auch
auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein
Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem
Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und
die Aussage besttigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame
nchtliche Geldgeklapper wurde spter noch oft gehrt, auch fanden sich
Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von
den Schatzgrbern kehrte keiner zurck; sicher hatte eben Der sie
geholt, der dem Herrn des Geldes ein so grliches Ende bereitet hatte.
Soviel sah Jeder, da hier Etwas nicht geheuer war, -- darum getraute
sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach
und die Wnde durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter brig
blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nchtlicher Weile
in die Nhe, noch weniger erkhnt sich Einer, dort nach alten Schtzen
zu suchen. --So sprach der alte Bauer.

Als der Riegenaufseher seine Erzhlung vernommen hatte, uerte er wie
halb im Scherze: Ich htte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht
knftige Nacht mit mir? Die Mnner schlugen ein Kreuz und betheuerten
einhellig, da ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schtze der
Welt, die doch Niemand erlangen knne, ohne seine Seele zu verderben.
Dann baten sie den Fremden, er mge den eitlen Gedanken fahren lassen,
und sein Leben nicht dem Teufel berantworten. Allein der khne
Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschchterungen, sondern war
entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am
Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu
bleiben, und erkundigte sich dann nach dem krzesten Wege zu den alten
Schloruinen.

Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern,
ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Fhrer
voran, kehrte aber um, als sie noch ber eine halbe Werst weit von dem
Gemuer entfernt waren. Da der bewlkte Nachthimmel Nichts erkennen
lie, so mute der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das
Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an
sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im
Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zndete er
einen Span an, und sphte nach einer Thr oder einer Oeffnung umher,
durch die er unter die Erde hinabsteigen knnte. Nachdem er eine Weile
vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fue der Mauer ein Loch,
welches abwrts fhrte. Er steckte den brennenden Span in eine
Mauerspalte, und rumte mit den Hnden soviel Gerll und Schutt fort,
da er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war,
fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, da er
aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen
brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam
endlich an eine eiserne Thr, die nicht verschlossen war. Er stie die
schwere Thr auf und wollte eben eintreten, als eine groe schwarze
Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thr und zur Treppe
hinauf scho. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewi den Herrn des
Geldes erwrgt, stie die Thr zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und
sah sich dann den Ort nher an. Es war ein groer breiter Saal, an
dessen Wnden berall Thren angebracht waren; er zhlte deren zwlf,
und berlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. Sieben ist
doch eine Glckszahl! sagte er, und zhlte dann von der Eingangsthr
bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht
aufgehen. Als er sich inde mit aller Leibeskraft gegen die Thr
stemmte, gab das verrostete Schlo nach, und die Thr sprang auf. Als
der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Gre,
welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern
Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde
lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah
beim Scheine desselben, da ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl
auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfa. Sieh' doch!
rief der Aufseher. Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser
habe ich mir im Fchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe
kochen. Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser
hinein, streute Salz darauf, rhrte mit einem Splitter um, und kochte
die Suppe gar; dann go er sie in die Schale, und setzte sie auf den
Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so da er
keinen Span anzuznden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich
nun an den Tisch, nahm den Lffel und fing an, sich mit der warmen Suppe
den leeren Magen zu fllen. Pltzlich sah er, als er aufblickte, die
schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte
nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit
eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt
war. Darauf wurden drauen drei laute Schlge an die Thr gethan, so da
Wnde und Fuboden schtterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth
nicht, sondern rief mit strenger Stimme: Wer einen Kopf auf dem Rumpfe
hat, soll eintreten! Augenblicklich prallte die Thr weit auf, die
schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und scho durch die Thr, wobei
ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprhten. Als die Katze davon
gelaufen war, traten vier lange Mnner ein in langen weien Rcken und
mit feuerrothen Mtzen, welche dermaen funkelten, da sich Tageshelle
im Gemach verbreitete. Die Mnner trugen eine Bahre auf den Schultern,
und auf der Bahre stand ein Sarg; das flte aber dem beherzten
Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die
Mnner den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur
Thr hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte
an der Thr, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kmmerte
sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt
war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und
erblickte einen kleinen Mann mit langem weien Barte. Der Riegenaufseher
hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu
erwrmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Mnnchen an,
sich zu erholen und Hnde und Fe zu regen. Der muthige Riegenaufseher
hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschssel und den
Lffel vom Tische, und fing an, den Alten zu fttern. Diesem aber
dauerte das zu lange, drum fate er die Schssel mit beiden Hnden und
schlrfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: Dank dir,
Shnchen! da du dich ber mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und
Klte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Fr diese Wohlthat will
ich dir so frstlichen Lohn spenden, da du mich Zeit Lebens nicht
vergessen sollst. -- Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, znde
eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thr fest zu,
damit die wthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen
wrde. Spter wollen wir sie so kirre machen, da sie Niemanden mehr
Schaden zufgen kann.

Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite
einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, da der Stein
den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die
Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der
brennenden Pechfackel auf dem Fue, bis sie in eine schauerliche tiefe
Hhle gelangten.

In dieser groen kellerartig gewlbten Hhle lag ein gewaltiger
Geldhaufe, so hoch wie der grte Heuschober, halb Silber, halb Gold.
Das alte Mnnchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll
Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen gerucherten Schinken und ein
Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: Ich gebe dir drei
Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zhlen und zu sondern. Du mut den
Haufen in zwei Theile theilen, so da beide ganz gleich werden und kein
Rest bleibt. Whrend du mit dieser Theilung dich beschftigst, will ich
mich an der Wand schlafen legen, aber hte dich, da du dabei nicht das
geringste Versehen machst, sonst erwrge ich dich. Der Riegenaufseher
machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder.
Damit kein Versehen vorkommen knne, theilte der Riegenaufseher so, da
er immer zwei gleichartige Geldstcke nahm, es mochten Thaler oder
Rubel, Gold- oder Silbermnzen sein; das eine Geldstck legte er dann
links und das andere rechts, so da zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die
Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus
der Flasche, geno etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neugestrkt
seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf
gnnte, um die Arbeit rasch zu frdern, wurde er schon am Abend des
zweiten Tages mit der Theilung fertig, aber ein kleines Silberstck war
brig geblieben. Was jetzt thun? Das machte dem braven Riegenaufseher
keine Noth, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf
die Mitte des Geldstcks, und schlug dann mit einem Steine so krftig
auf des Messers Rcken, da das Geldstck in zwei Hlften gespalten
wurde. Die eine Hlfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die
andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn
ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen. Als der Alte die beiden
Hlften des brig gebliebenen Geldstcks je rechts und links erblickte,
fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals,
streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: Tausend und aber
tausend Dank dir, khner Jngling, der du mich aus meiner langen, langen
Gefangenschaft erlst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen
Schatz hier bewachen mssen, weil sich kein Mensch fand, der Muth oder
Verstand genug hatte, das Geld so zu theilen, da Nichts brig blieb.
Ich mute deshalb, einem eidlichen Gelbnisse zufolge, Einen nach dem
Andern erwrgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten
zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht
verstreichen lie, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glckskind!
war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung
schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft frchten mute. Dank,
tausend Dank dir fr deine Wohlthat! Den einen Geldhaufen bekommst du
jetzt zum Lohn fr deine Mhe, den andern aber mut du unter die Armen
vertheilen, zur Shne fr meine schweren Snden; denn ich war, als ich
auf Erden lebte und diesen Schatz anhufte, ein groer Frevler und
Bsewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu
vollbringen. Wenn du wieder hinaufgehst, und die groe schwarze Katze
dir auf der Treppe entgegenkommt, dann packe sie und hnge sie auf. Hier
ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder herausziehen soll.
Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke
eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und
verschwand, als wre er in den Boden gesunken. Aber in demselben
Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Fen des
Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her
herrschte tiefe Finsterni, allein auch dieses unerwartete Ereigni
machte ihn nicht muthlos. Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die
Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo
er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war lngst
ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme
anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten
schlief die groe schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am
Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken
eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.

Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemuer heraus, und nahm den
nchsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirth
sah, da der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und
sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: Besorge
mir fr gute Bezahlung ein paar Dutzend Scke von Tonnengehalt und
miethe Pferde, damit ich meinen Schatz wegfhren kann. Daran merkte
der Schenkwirth, da des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und
erfllte sogleich des reichen Mannes Verlangen. Als darauf der
Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was fr Gebiete vor Alters
unter der Herrschaft des damaligen Schlobesitzers gestanden hatten,
wies er den dritten Theil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten
zu, bergab die beiden andern Drittel dem Gericht zur Vertheilung und
siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn
Niemand kannte. Dort mssen noch heutigen Tags seine Verwandten als
reiche Leute leben, und die Khnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen
Schatz errungen hatte.

[Funote 84: Riege ist baltischer Provinzialismus fr Scheune, Drr-
und Dresch-Scheune. Die (steinerne) Gutsriege enthlt auch Kornkammern,
Flachsspeicher, Branntweinkeller. L.]




22. Wie ein Knigssohn als Hterknabe aufwuchs.


Es war einmal ein Knig, der seine Unterthanen milde und liebreich
regierte, so da Niemand im Knigreiche war, der ihn nicht gesegnet, und
den himmlischen Vater um die Verlngerung seiner Lebenstage angefleht
htte.

Der Knig lebte schon manches Jahr in glcklicher Ehe, aber kein Kind
war den Ehegatten geschenkt worden. Gro war daher seine und smmtlicher
Unterthanen Freude, als die Knigin ein Shnlein zur Welt brachte, aber
die Mutter sollte dieses Glck nicht lange genieen. Drei Tage nach des
Sohnes Geburt schlossen sich ihre Augen fr immer -- der Sohn war Waise,
und der Knig Wittwer. Schweren Kummer empfand der Knig ber den Tod
seiner theuren Gemahlin, und mit ihm trauerten die Unterthanen; man sah
nirgends mehr ein frhliches Antlitz. Zwar nahm der Knig, auf Andringen
seiner Unterthanen, drei Jahre spter eine andere Gemahlin, aber bei der
neuen Wahl war ihm das Glck nicht wieder gnstig: ein Tubchen hatte er
begraben, und einen Habicht dafr bekommen; es geht leider vielen
Wittwern so. Die junge Frau war ein bses, hartherziges Weib, das weder
dem Knige noch den Unterthanen Gutes erwies. Den Sohn der vorigen
Knigin konnte sie nicht vor Augen leiden, da sie besorgen mute, die
Regierung werde an diesen Stiefsohn fallen, den die Unterthanen um
seiner hingeschiedenen Mutter willen liebten. Die tckische Knigin
fate darum den bsen Vorsatz, das Knblein heimlich an einen Ort zu
schaffen, wo der Knig es nicht wiederfinden knne; es umzubringen, dazu
hatte sie nicht den Muth. Ein nichtswrdiges altes Weib half fr gute
Bezahlung der Knigin die bse That auszufhren. Bei nchtlicher Weile
wurde das Kind dem gottlosen Weibe berliefert, und von diesem auf
Schleichwegen weit weg gebracht, und armen Leuten als Pflegkind
bergeben. Unterwegs zog die Alte dem Kinde seine guten Kleider aus, und
hllte es in Lumpen, damit Niemand den Betrug merke. Der Knigin hatte
sie mit einem schweren Eide gelobt, keinem Menschen den Ort zu nennen,
wohin der Knigssohn geschafft worden. Am Tage wagte die Kindesdiebin
nicht zu wandern, weil sie Verfolgung frchtete; darum dauerte es lange,
bis sie einen verborgenen Ort fand, der sich zum Aufenthalte fr das
knigliche Kind eignete. In ein einsames Waldgehft, das fremder
Menschen Fu selten betreten hatte, wurde der gestohlene Knigssohn als
Pflegling gethan, und der Wirth erhielt fr das Aufziehen des Kindes die
Summe von hundert Rubeln. Es war ein Glck fr den Knigssohn, da er zu
guten Menschen gekommen war, die fr ihn sorgten, als wre er ihr
leibliches Kind. Der muntere Knabe machte ihnen oft Spa, besonders
wenn er sich einen Knigssohn nannte. Sie sahen wohl aus der reichlichen
Bezahlung, die sie erhalten hatten, da das Knblein kein rechtmiger
Sprling sei, und vom Vater oder von der Mutter her vornehmer Abkunft
sein mochte, allein so hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht, da sie
fr wahr gehalten htten, wessen das Kind in seinem einfltigen Sinne
sich rhmte.

Man kann sich leicht vorstellen, wie gro der Schrecken im Hause des
Knigs war an dem Morgen, wo man entdeckte, da das Shnchen in der
Nacht gestohlen war, und zwar auf so wunderbare Weise, da Niemand es
gehrt hatte, und da nicht die leiseste Spur des Diebes zurckgeblieben
war. Der Knig weinte Tage lang bitterlich um den Sohn, den er im
Andenken an dessen Mutter um so zrtlicher liebte, je weniger er mit
seiner neuen Gemahlin glcklich war. Zwar wurden lange Zeit hindurch
aller Orten Nachforschungen angestellt, um dem verschwundenen Kinde auf
die Spur zu kommen, auch wurde Jedem eine groe Belohnung verheien, der
irgend eine Auskunft darber geben knnte, aber Alles blieb vergeblich,
das Knblein schien wie weggeblasen. Kein Mensch konnte das Geheimni
aufklren, und Manche glaubten, das Kind sei durch einen bsen Geist
oder durch Hexerei entfhrt. In das einsame Waldgehft, wo der
Knigssohn lebte, hatte keiner der Suchenden seine Schritte gelenkt, und
ebensowenig konnten die Bekanntmachungen dahin dringen. -- Whrend nun
der Knigssohn daheim als Todter beweint wurde, wuchs er im stillen
Walde auf und gedieh frhlich, bis er in das Alter trat, da er schon
Geschfte besorgen konnte. Da legte er denn eine wunderbare Klugheit an
den Tag, so da seine Pflegeeltern sich oft genug gestehen muten, da
hier das Ei viel klger sei als die Henne.

Der Knigssohn hatte schon ber zehn Jahre in dem Waldgehfte gelebt,
als er ein Verlangen empfand, unter die Leute zu kommen. Er bat seine
Pflegeeltern um Erlaubni, sich auf eigene Hand sein Brot zu verdienen,
indem er sagte: Ich habe Verstand und Kraft genug, um mich ohne eure
Hlfe zu ernhren. Bei dem einsamen Leben hier wird mir die Zeit sehr
lang. Die Pflegeeltern strubten sich anfangs sehr dagegen, muten aber
endlich nachgeben, und den Wunsch des jungen Burschen erfllen. Der
Wirth ging selbst mit, um ihn zu begleiten, und eine passende Stelle fr
ihn ausfindig zu machen. In einem Dorfe fand er einen wohlhabenden
Bauerwirth, der einen Hterknaben brauchte, und da sich der Pflegesohn
gerade einen solchen Dienst wnschte, so wurde man bald einig. Der
Vertrag lautete auf ein Jahr, allein es wurde ausdrcklich bedungen, da
es dem Knaben zu jeder Zeit gestattet sein solle, den Dienst zu
verlassen und zu seinen Pflegeeltern zurckzukehren. Ebenso konnte der
Wirth, wenn er mit dem Knaben nicht zufrieden war, ihn noch vor Ablauf
des Jahres entlassen, jedoch nicht ohne Vorwissen der Pflegeeltern. Das
Dorf, wo der Knigssohn diesen Dienst gefunden hatte, lag unweit einer
groen Landstrae, auf welcher tglich viele Menschen vorbeikamen, Hohe
wie Niedere. Der knigliche Hterknabe sa hufig dicht an der
Landstrae, und unterhielt sich mit den Vorbergehenden, von denen er
Manches erfuhr, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Da geschah
es eines Tages, da ein alter Mann mit grauen Haaren und langem weien
Barte des Weges kam, als der Knigssohn auf einem Steine sitzend die
Maultrommel schlug; die Thiere grasten inde, und wenn eines derselben
sich zu weit von den brigen entfernen wollte, so trieb des Knaben Hund
es zurck. Der Alte betrachtete ein Weilchen den Knaben und seine Herde,
trat dann einige Schritte nher und sagte: Du scheinst mir nicht zum
Hterknaben geboren zu sein. Der Knabe erwiederte: Mag sein, ich wei
nur soviel, da ich zum Herrscher geboren bin, und hier vorerst das
Geschft des Herrschens erlerne. Geht es mit den Vierflern gut, so
versuche ich weiterhin mein Glck auch wohl mit den Zweiflern. Der
Alte schttelte wie verwundert den Kopf und ging seiner Wege. Ein
anderes Mal fuhr eine prchtige Kutsche vorbei, in der ein Frauenzimmer
mit zwei Kindern sa: auf dem Bocke der Kutscher und hinten auf ein
Lakai. Der Knigssohn hatte gerade ein Krbchen mit frischgepflckten
Erdbeeren in der Hand, welches der stolzen deutschen Frau in die Augen
fiel, und ihren Appetit reizte. Sie befahl dem Kutscher zu halten, und
rief gebieterisch zum Kutschenfenster hinaus: Du Rotzlffel! bring die
Beeren her, ich will dir ein paar Kopeken zu Weibrot dafr geben! Der
knigliche Hterknabe that, als ob er nichts hrte, und auch nicht
glaubte, da ihm der Befehl gelte, so da die Frau ein zweites und ein
drittes Mal rufen mute, was aber auch nur in den Wind gesprochen war.
Da rief sie dem Lakaien hinter der Kutsche zu: Geh und ohrfeige diesen
Rotzlffel, damit er gehorcht. Der Lakai strzte hin, um den
erhaltenen Befehl auszufhren. Noch ehe er ankam, war der Hterknabe
aufgesprungen, hatte einen tchtigen Knppel ergriffen, und schrie dem
Lakai zu: Wenn dich nicht nach einem blutigen Kopf gelstet, so thue
keinen Schritt weiter, oder ich zerschlage dir das Gesicht! Der Lakai
ging zurck, und meldete, was ihm begegnet war. Da rief die Dame zornig:
Schlingel! willst du dich vor dem Rotzlffel von Jungen frchten? Geh
und nimm ihm den Korb mit Gewalt weg, ich will ihm zeigen, wer ich bin,
und werde auch noch seine Eltern bestrafen lassen, die ihn nicht besser
zu erziehen verstanden. -- Hoho! rief der Hterknabe, der den Befehl
gehrt hatte, so lange noch Leben in meinen Gliedern sich regt, soll
Niemand mir mit Gewalt nehmen, was mein rechtmiges Eigenthum ist. Ich
stampfe Jeden zu Brei, der mir meine Erdbeeren rauben will! So
sprechend spuckte er in die Hand, und schwang den Knppel um den Kopf,
da es sauste. Als der Lakai das sah, hatte er nicht die geringste Lust,
die Sache zu probiren; die Frau aber fuhr unter schweren Drohungen
davon, versichernd, da sie diesen Schimpf nicht ungeahndet lassen
werde. Andere Hterknaben, welche den Vorfall von Weitem mit angesehen
und angehrt hatten, erzhlten ihn am Abend ihren Hausgenossen. Da
geriethen Alle in Furcht, da man auch ihnen zu nahe thun knnte, wenn
die vornehme Frau sich vor Gericht ber die thrichte Widerspenstigkeit
des Burschen beklagte, und es zur Untersuchung kme. Den Knigssohn
schalt sein Wirth und sagte: Ich werde nicht fr dich sprechen; was du
dir eingebrockt hast, kannst du auch ausessen. Der Knigssohn
erwiederte: Damit will ich schon zurecht kommen, das ist meine Sache.
Gott hat mir selber einen Mund in den Kopf, und eine Zunge in den Mund
gesetzt, ich kann selber fr mich sprechen, wenn es noth thut, und werde
euch nicht bitten, mein Frsprecher zu sein. Htte die Frau auf
geziemende Weise die Erdbeeren verlangt, ich htte sie ihr gegeben, aber
wie durfte sie mich Rotzlffel schimpfen? Meine Nase ist noch immer eben
so rein von Rotz gewesen wie die ihrige.

Die Frau war in die Stadt des Knigs gefahren, wo sie nichts Eiligeres
zu thun hatte, als sich bei Gericht ber das unverschmte Benehmen des
Hterknaben zu beschweren. Man schritt auch ungesumt zur Untersuchung,
und es wurde Befehl gegeben, das Brschlein sammt seinem Wirthe vor's
Gericht zu bringen. Als die Gerichtsdiener in's Dorf kamen, um den
Befehl auszufhren, sagte der Knigssohn: Mein Wirth hat mit dieser
Sache nichts zu schaffen; was ich gethan habe, das mu ich auch
verantworten. Jetzt wollte man ihm die Hnde auf den Rcken binden, und
ihn als Gefangenen vor Gericht fhren, aber er zog ein scharfes Messer
aus der Tasche, trat rasch einige Schritte zurck, richtete die Spitze
des Messers auf sein Herz, und rief aus: Lebend soll mich Niemand
binden! Ehe eure Hand mich bindet, stoe ich mir das Messer in's Herz!
Meinen Leichnam mgt ihr dann binden, und damit machen, was ihr wollt;
so lange ich noch Athem habe, soll kein Mensch mir einen Strick oder
eine Fessel anlegen! Vor Gericht will ich gern erscheinen, und Auskunft
geben, als Gefangenen lasse ich mich nicht fortfhren. Seine Khnheit
setzte die Gerichtsdiener dermaen in Schrecken, da sie nicht wagten,
ihm nahe zu kommen; sie frchteten, es mchte ihnen zur Last fallen,
wenn der Knabe in seinem Trotze sich umbrchte. Und da er ihnen
gutwillig folgen wollte, so muten sie sich zufrieden geben. Unterwegs
wunderten sich die Gerichtsdiener tglich mehr ber den Verstand und die
Klugheit ihres Gefangenen, denn dieser wute in allen Dingen besser
Bescheid als sie selber. Noch viel grer war die Verwunderung der
Richter, als sie den Hergang der Sache aus dem Munde des Knaben
vernahmen; er sprach so klar und bndig, da man ihm Recht geben und ihn
von aller Schuld frei sprechen mute. Auch der Knig, an den sich die
vornehme Frau jetzt wandte, und der sich auf ihre Bitten die ganze Sache
auseinander setzen lie, mute den Richtern beistimmen, und den Burschen
straflos lassen. Jetzt wollte die vornehme Frau bersten vor Zorn, sie
geberdete sich wie eine Katze, die wthend auf einen Hund schnaubt, so
ein Rotzlffel von Bauerjungen sollte ihr gegenber Recht behalten! Sie
klagte ihre Noth der Knigin, von der sie wute, da sie ungleich hrter
war als der Knig. Mein Gemahl, sagte die Knigin, ist eine alte
Nachtmtze, und seine Richter sind all' zusammen Schafskpfe! Schade,
da ihr eure Sache vor Gericht brachtet, und nicht lieber gleich zu mir
kamt; ich htte euren Handel anders geschlichtet und euch Recht gegeben.
Jetzt, da die Sache durchs Gericht entschieden und vom Knige besttigt
ist, bin ich nicht mehr im Stande, der Sache ffentlich eine bessere
Wendung zu geben, aber wir mssen sehen, wie wir ohne Aufsehen ber den
Burschen eine Zchtigung verhngen knnen. Da fiel es der Frau zur
rechten Zeit ein, da auf ihrem Gebiete eine sehr bse Bauerwirthin
angesessen war, bei der kein Knecht mehr bleiben wollte; auch gab der
Wirth selber zu, da es bei ihnen rger hergehe als in der Hlle. Wenn
man das naseweise Brschlein auf diesen Hof als Hterknaben geben
knnte, so wrde ihm das gewi eine schwerere Zchtigung sein, als
irgend ein Richterspruch ihm zuerkennen knnte. Ich will die Sache
gleich so einrichten, wie ihr wnscht, sagte die Knigin, lie einen
zuverlssigen Diener rufen, und gab ihm an, was er zu thun habe. Htte
ihre Seele geahndet, da der Hterknabe der von ihr verstoene
Knigssohn sei, so htte sie ihn ohne weiteres tdten lassen, ohne sich
um Knig oder Richterspruch zu kmmern.

Der Bauerwirth hatte kaum den Befehl der Knigin erhalten, als er auch
den Hterknaben seines Dienstes entlie. Er dankte seinem Glcke, da er
noch so leichten Kaufes davon gekommen war. Der Knigin Diener fhrte
nun den Burschen selber auf den Bauerhof, auf welchen sie ihn wider
seinen Willen verdungen hatte. Die tckische Wirthin jauchzte auf vor
Freude, da die Knigin ihr einen Hterknaben geschafft, und ihr
zugleich frei gestellt hatte, mit ihm zu machen was sie wollte, weil das
Brschlein sehr halsstarrig und in Gutem nicht zu lenken sei. Sie kannte
des neuen Mhlsteins Hrte noch nicht, und hoffte, in ihrer alten Weise
mit ihm zu mahlen. Bald aber sollte das hllische Weib inne werden, da
ihr dieser Zaun denn doch zu hoch war, um hinber zu kommen, sintemal
das Brschlein einen gar zhen Sinn hatte, und kein Haar breit von
seinem Rechte vergab. Wenn ihm die Wirthin ohne Grund ein bses Wort
gab, so erhielt sie deren gleich ein Dutzend zurck; wenn sie die Hand
gegen den Knaben aufhob, so raffte dieser einen Stein oder ein
Holzscheit, oder was ihm gerade zur Hand war, auf und rief: Wage es
nicht, einen Schritt nher zu kommen, oder ich schlage dir das Gesicht
entzwei, und stampfe deinen Leib zu Brei! Solche Reden hatte die
Hausfrau in ihrem Leben noch von Niemanden, am wenigsten aber von ihren
Knechten gehrt; der Wirth aber freute sich im Stillen, wenn er ihren
Hader mit anhrte, und stand auch seiner Frau nicht bei, da der Knabe
seine Pflicht nicht versumte. Die Wirthin suchte nun den Hterknaben
durch Hunger zu zhmen, und weigerte ihm die Nahrung, aber der Knabe
nahm das Laib mit Gewalt, wo er es fand, und melkte sich dazu Milch von
der Kuh, so da sein Magen kein Nagen des Hungers versprte. Je weniger
die Wirthin mit dem Hterknaben fertig werden konnte, desto mehr suchte
sie ihr Mthchen am Manne und dem Gesinde zu khlen. Als der Knigssohn
sich dieses heillose Leben, das einen Tag wie den andern war, einige
Wochen lang mit angesehen hatte, beschlo er, der Wirthin alle ihre
Schlechtigkeit heimzuzahlen, und zwar in der Weise, da die Welt den
Drachen gnzlich los wrde. Um seinen Vorsatz auszufhren, fing er ein
Dutzend Wlfe ein, und sperrte sie in eine Hhle, wo er ihnen alle Tage
ein Thier von seiner Herde vorwarf, damit sie nicht verhungerten. Wer
vermchte der Wirthin Wuth zu beschreiben, als sie ihr Eigenthum dahin
schwinden sah, denn der Knabe brachte alle Abende ein Stck Vieh weniger
nach Hause, als er am Morgen auf die Weide getrieben hatte, und
antwortete auf alle Fragen nichts weiter als: Die Wlfe haben's
zerrissen! Die Wirthin schrie wie eine Rasende, und drohte, das
Brschlein den wilden Thieren zum Fra vorzuwerfen, aber der Knabe
entgegnete lachend: Da wird ihnen dein wthiges Fleisch besser munden!
Darauf lie er seine Wlfe in der Hhle drei Tage lang ohne Futter,
trieb dann in der Nacht, als Alles schlief, die Herde aus dem Stalle und
statt derselben die zwlf Wlfe hinein, worauf er die Thr fest
verschlo, so da die wilden Bestien nicht heraus konnten. Als die Sache
soweit in Ordnung war, machte er sich auf die Socken, da ihm der
Hirtendienst schon lngst zuwider geworden war, und er jetzt auch Kraft
genug in sich fhlte, um grere Arbeiten zu unternehmen.

O du liebe Zeit! was begab sich da am Morgen, als die Wirthin in den
Stall ging, um die Thiere herauszulassen und die Khe zu melken. Die vom
Hunger wthend gewordenen Wlfe sprangen auf sie los, rissen sie nieder
und verschlangen sie sammt ihren Kleidern mit Haut und Haar, so da
nichts weiter von ihr brig blieb, als Zunge und Herz, diese beiden
taugten nicht einmal den wilden Bestien, weil sie zu giftig waren. Weder
Wirth noch Gesinde betrbten sich ber dieses Unglck, vielmehr war
Jeder dem Geschicke dankbar, das ihn von dem Hllenweibe befreit hatte.

Der Knigssohn hatte einige Jahre die Welt durchstreift, und bald dies
bald jenes Gewerbe versucht, er hielt aber an keinem Orte lange aus,
weil ihn die Erinnerungen seiner Kindheit, die ihm wie lebhafte Trume
vorschwebten, stets daran mahnten, da er durch seine Geburt einem
hheren Stande angehre. Von Zeit zu Zeit traf er wieder mit dem alten
Manne zusammen, der ihn schon damals in's Auge gefat hatte, als er noch
Hterknabe war. Als der Knigssohn achtzehn Jahr alt war, trat er bei
einem Grtner in Dienst, um die Grtnerei zu erlernen. Gerade zu der
Zeit ereignete sich etwas, was seinem Leben eine andere Wendung geben
sollte. Die ruchlose Alte, welche ihn auf Befehl der Knigin geraubt und
als Pflegkind in das Waldgehft gebracht hatte, beichtete auf ihrem
Todbette dem Geistlichen den von ihr verbten Frevel, denn ihre unter
der Last der Snde seufzende Seele fand nicht eher Ruhe, als bis sie die
bse That aufgedeckt hatte. Sie nannte auch den Bauerhof, auf welchen
sie das Kind gebracht hatte, konnte aber nichts weiter darber sagen, ob
das Kind am Leben geblieben oder gestorben sei. Der Geistliche machte
sich eilig auf, dem Knige die Freudenbotschaft zu bringen, da eine
Spur seines verschwundenen Sohnes gefunden sei. Der Knig verrieth
Niemanden, was er erfahren, lie augenblicklich ein Pferd satteln und
machte sich mit drei treuen Dienern auf den Weg. Nach einigen Tagen
erreichten sie das Waldgehft; Wirth und Wirthin bekannten der Wahrheit
gem, da ihnen vor so und so langer Zeit ein Kind mnnlichen
Geschlechts als Pflegling bergeben worden, und da sie gleichzeitig
hundert Rubel fr das Aufziehen desselben erhalten hatten. Daraus hatten
sie freilich gleich geschlossen, da das Kind von vornehmer Geburt sein
knne, aber das sei ihnen niemals in den Sinn gekommen, da das Kind von
kniglichem Geblte sei, vielmehr htten sie immer nur ihren Spa daran
gehabt, wenn das Kind sich selbst einen Knigssohn genannt htte. Darauf
fhrte der Wirth selbst den Knig in das Dorf, wohin er den Knaben als
Hirtenjungen gebracht hatte, wiewohl nicht aus eigenem Antriebe, sondern
auf Verlangen des Knaben, der an dem einsamen Orte nicht lnger hatte
leben mgen. Wie erschrack der Wirth, und noch mehr der Knig, als sich
in dem Dorfe der Knabe, der zum Jngling herangewachsen sein mute,
nicht fand, und man auch keine nhere Auskunft ber ihn erhalten konnte.
Die Leute wuten nur soviel zu sagen, da der Knabe auf die Klage einer
vornehmen Dame vor Gericht gestellt, von diesem aber freigesprochen und
losgelassen worden sei. Spter aber sei ein Diener der Knigin
erschienen, der den Knaben fortgefhrt und in einem andern Gebiete in
Dienst gegeben habe. Der Knig eilte dahin, und fand auch das Gesinde,
in welchem sein Sohn eine kurze Zeit gewesen war, darnach aber war er
entflohen, und man hatte nichts weiter von ihm gehrt. Wie sollte man
jetzt aufs Geratewohl weiter suchen, und wer war im Stande, den rechten
Weg zu weisen?

Whrend der Knig noch voller Kmmerni war, da sich hier alle Spuren
verloren, trat ein alter Mann vor ihn hin -- derselbe, der schon mehrere
Mal mit dem Knigssohne zusammen getroffen war -- und sagte, er sei
einem jungen Manne, wie man ihn suche, dann und wann begegnet, und habe
ihn anfangs als Hirten und spter in mancherlei anderen Handthierungen
gesehen; und er hoffe, die Spur des Verschwundenen zu finden. Der Knig
sicherte dem Alten reiche Belohnung, wenn er ihn auf die Spur des Sohnes
bringen knne, befahl einem der Diener, vom Pferde zu steigen, und hie
den Alten aufsitzen, damit sie rascher vorwrts kamen. Dieser aber
sagte lchelnd: So viel wie eure Pferde laufen knnen, leisten meine
Beine auch noch; sie haben ein greres Stck Welt durchwandert, als
irgend ein Pferd. Nach einer Woche kamen sie wirklich dem Knigssohne
auf die Spur, und fanden ihn auf einem stattlichen Herrenhofe, wo er,
wie oben erzhlt, die Grtnerei erlernte. Grenzenlos war des Knigs
Freude, als er seinen Sohn wieder fand, den er schon so manches Jahr als
todt beweint hatte. Freudenthrnen rannen von seinen Wangen, als er den
Sohn umarmte, ihn an seine Brust drckte und kte. Doch sollte er aus
des Sohnes Munde eine Nachricht vernehmen, welche ihm die Freude des
Wiederfindens schmlerte und ihn in neue Betrbni versetzte. Der
Grtner hatte eine junge blhende Tochter, welche scheuer war als alle
Blumen in dem prachtvollen Garten, und so fromm und schuldlos wie ein
Engel. Diesem Mdchen hatte der Knigssohn sein Herz geschenkt, und er
gestand seinem Vater ganz offen, da er nie eine Dame von edlerer
Herkunft freien, sondern die Grtnerstochter zu seiner Gemahlin machen
wolle, sollte er auch sein Knigreich aufgeben mssen. Komm nur erst
nach Hause, sagte der Knig, dann wollen wir die Sache schon in
Ordnung bringen. Da bat sich der Sohn von seinem Vater einen kostbaren
goldenen Ring aus, steckte ihn vor Aller Augen der Jungfrau an den
Finger und sagte: Mit diesem Ringe verlobe ich mich dir, und ber kurz
oder lang komme ich wieder, um als Brutigam dich heim zu fhren. Der
Knig aber sagte: Nein, nicht so --auf andere Weise soll die Sache vor
sich gehen! -- zog den Ring wieder vom Finger des Mdchens und hieb
ihn mit seinem Schwerte in zwei Stcke. Die eine Hlfte gab er seinem
Sohne, die andere der Grtnerstochter, und sagte: Hat Gott euch fr
einander geschaffen, so werden die beiden Hlften des Ringes zu rechter
Zeit von selbst ineinander schmelzen, so da kein Auge die Stellen wird
entdecken knnen, wo der Ring durchgehauen war. Jetzt bewahre Jeder von
euch seine Hlfte, bis die Zeit erfllt sein wird.

Die Knigin wollte vor Wuth bersten, als ihr Stiefsohn, den sie fr
immer verschollen glaubte, pltzlich zurck kehrte, und zwar als
rechtmiger Thronerbe, da dem Knige aus seiner zweiten Ehe nur zwei
Tchter geboren waren. Als nach einigen Jahren des Knigs Augen sich
geschlossen hatten, wurde sein Sohn zum Knig erhoben. Wiewohl ihm die
Stiefmutter schweres Unrecht zugefgt hatte, wollte er doch nicht Bses
mit Bsem vergelten, sondern berlie die Strafe dem Gerichte Gottes. Da
nun die Stiefmutter keine Hoffnung mehr hatte, eine ihrer Tchter
vermittelst eines Schwiegersohnes auf den Thron zu bringen, so wollte
sie wenigstens eine frstliche Jungfrau aus ihrer eigenen Sippschaft dem
Knige vermhlen, aber dieser entgegnete kurz: Ich will nicht! ich habe
meine Braut lngst gewhlt. Als die verwittwete Knigin dann erfuhr,
da der junge Knig ein Mdchen von niederer Herkunft zu freien gedenke,
stachelte sie die hchsten Rthe des Reichs auf, sich einmthig dagegen
zu stemmen. Aber der Knig blieb fest und gab nicht nach. Nachdem man
lange hin und her gestritten hatte, gab der Knig schlielich den
Bescheid: Wir wollen ein groes Fest geben und dazu alle Knigstchter
und die andern vornehmen Jungfrauen einladen, so viel ihrer sind, und
wenn ich eine unter ihnen finde, welche meine erwhlte Braut an
Schnheit und Zchten bertrifft, so will ich sie freien. Ist das aber
nicht der Fall, so wird meine erwhlte auch meine Gemahlin.

Jetzt wurde im Knigsschlo ein prchtiges Freudenfest hergerichtet,
welches zwei Wochen dauern sollte, damit der Knig Zeit htte, die
Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der
Grtnerstochter verdiene. Alle frstlichen Frauen der Umgegend waren mit
ihren Tchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung
allgemein bekannt war, hoffte jedes Mdchen, da ihr das Glcksloos
zufallen werde. Schon nherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer
hatte der junge Knig Keine gefunden, die nach seinem Sinne war. Am
letzten Tage des Festes erschienen in der Frhe die hchsten Rthe des
Reichs wieder vor dem Knige und sagten --auf Eingebung der
Knigin-Wittwe -- wenn der Knig nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen
habe, so knne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Unterthanen wnschten,
da der Knig sich vermhle. Der Knig erwiederte: Ich werde dem
Wunsche meiner Unterthanen nachkommen und mich heute Abend erklren.
Dann schickte er ohne Vorwissen der Andern einen zuverlssigen Diener
zur Grtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich herzubringen, und
hier bis zum Abend versteckt zu halten. Als nun am Abend des Knigs
Schlo von Lichtern strahlte, und alle frstlichen Jungfrauen in ihrem
Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glck oder Unglck
bringen sollte, trat der Knig mit einer jungen Dame in den Saal, deren
Antlitz so verhllt war, da kaum die Nasenspitze heraus sah. Was Allen
aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in
weies feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold
war an ihr zu finden, whrend alle Andern von Kopf bis zu Fu in Sammet
und Seide gehllt waren. Einige verzogen spttisch den Mund, andere
rmpften unwillig die Nase, der Knig aber that, als bemerkte er es
nicht, lste die Kopfhlle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die
verwittwete Knigin und sagte: Hier ist meine erwhlte Braut, die ich
zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und Alle, die hier
versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein. Die verwittwete Knigin rief
zornig aus: Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der
bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt
die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu fttern, sich aber
nicht zur Gemahlin eines Knigs eignet -- eine solche Bauerdirne kann
den Thron eines Knigs nur verunehren! Diese Worte weckten des Knigs
Zorn, und streng entgegnete er: Ich bin Knig und kann thun, was ich
will; aber wehe euch, da ihr mir jetzt meinen frheren Hirtenstand in's
Gedchtni zurckriefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert,
wer mich in diesen Stand verstoen. Inde, da kein vernnftiger Mensch
die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung Allen
deutlich machen, da ich nirgends eine bessere Gemahlin htte finden
knnen, als gerade dieses Mdchen, das fromm und rein ist wie ein Engel
vom Himmel. Mit diesen Worten verlie er das Zimmer, und kam bald
darauf mit eben dem Alten zurck, den er von seinem Hirtenstande her
kannte, und der den Knig spter auf die Spur seines Sohnes gebracht
hatte. Dieser Alte war ein berhmter Zauberer Finnlands, der sich auf
viele geheime Knste verstand. Der Knig sprach zu ihm: Liebster
Zauberer! offenbaret uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier
anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die
wrdigste ist, meine Gemahlin zu werden. Der Zauberer nahm eine Flasche
mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales
zusammenzutreten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar
Tropfen des Zauberweins, worauf sie Alle stehenden Fues einschliefen. O
ber das Wunder, welches sich jetzt aufthat! Nach kurzer Zeit sah man
sie smmtlich verwandelt, so da keine mehr ihre menschliche Gestalt
hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezhmte Thiere
erschienen, einige waren in Schlangen, Wlfe, Baren, Krten, Schweine,
Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvgel verwandelt.
Mitten unter allen diesen Thiergestalten aber war ein herrlicher
Rosenstock gewachsen, der mit Blthen bedeckt war, und auf dessen
Zweigen zwei Tauben saen. Das war die vom Knige zur Gemahlin erwhlte
Grtnerstochter. Darauf sagte der Knig: Jetzt haben wir einer
Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glnzende
Schale blenden! Die Knigin-Wittwe wollte vor Zorn bersten, aber was
konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf rucherte der
Zauberer mit Zauberkrutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe
erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der Knig erfate die
aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem
halben Ringe, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er
seinen halben Ring hervor, und legte beide Hlften auf seine Handflche;
augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so da kein Auge einen Ri
oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des
Schwertes den Ring einst getrennt hatte. Jetzt ist auch meines
heimgegangenen Vaters Wille in Erfllung gegangen! sagte der junge
Knig, und lie sich noch an demselben Abend mit der Grtnerstochter
trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die
frstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich whrend
ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um
so grer war der Unterthanen Freude, da ihre Knigin von Innen und von
Auen ein untadelhaftes Menschenbild war.

Als das Hochzeitsfest zu Ende war, lie der junge Knig eines Tages
smmtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche
Strafe ein Frevler verdiene, der einen Knigssohn heimlich habe
wegstehlen, und in einem Bauerhofe als Hterknaben aufziehen lassen, und
der auerdem noch den Jngling schnde gelstert habe, nachdem ihn das
Glck seinem frheren Stande zurckgegeben. Smmtliche Richter
erwiederten wie aus einem Munde: Ein solcher Frevler mu den Tod am
Galgen erleiden. Darauf sagte der Knig: Nun wohl! Rufet die
verwittwete Knigin vor Gericht! Die Knigin-Wittwe wurde gerufen und
das gefllte Urtheil ihr verkndet. Als sie es hrte, wurde sie bleich
wie eine getnchte Wand, warf sich vor dem jungen Knige auf die Knie
und bat um Gnade. Der Knig sagte: Ich schenke euch das Leben, und
htte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen
wre, mich noch hinterher mit eben dem Leiden zu schmhen, welches ich
durch euren Frevel habe erdulden mssen; in meinem Knigreiche aber ist
eures Bleibens nicht mehr. Packet noch heute eure Sachen zusammen, um
vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis
ber die Grenze begleiten. Htet euch, jemals wieder den Fu auf mein
Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch
wie einen tollen Hund todt zu schlagen. Eure Tchter, die auch meines
heimgegangenen Vaters Tchter sind, drfen hier bleiben, weil ihre Seele
rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verbt habt.

Als die verwittwete Knigin fortgebracht war, lie der junge Knig in
der Nhe seiner Stadt zwei hbsche Wohnhuser aufbauen, von denen das
eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirthe des Bauerhofs
geschenkt wurde, der den hlflosen Knigssohn liebevoll aufgezogen
hatte. Der als Hterknabe aufgewachsene Knigssohn und seine aus
niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glcklich bis an
ihr Ende, und regierten ihre Unterthanen so liebevoll wie Eltern ihre
Kinder.




23. Dudelsack-Tiidu.


Es lebte einmal ein armer Kthner, den Gott mit Kindern reichlicher
gesegnet hatte, als mit Brot. Tchter und Shne wuchsen den Eltern zur
Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stck Brot bei Fremden
--nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von
Natur einfltig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drckte, oder ob er
trges Blut unter den Ngeln hatte, das konnte Niemand mit Sicherheit
sagen. Aber da er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschft
taugte, das muten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen.
Es halfen auch weder gute Worte noch Ruthenstreiche, vielmehr wuchs die
Faulheit des Burschen, je lter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen
liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein
Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflte, da es
eine Lust war anzuhren. So sa er eines Tages wieder hinter einem
Busche und blies mit den Vgeln um die Wette, als ein fremder alter Mann
des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: Sage mir,
Shnchen! was fr ein Gewerbe mchtest du denn einst treiben? Der
Bursche erwiderte: Das Gewerbe wre meine geringste Sorge, knnte ich
nur ein reicher Mann werden, da ich nicht nthig htte zu arbeiten, und
unter anderer Leute Zuchtruthe zu stehen. Der alte Mann lachte und
sagte: Der Plan wre gar nicht bel, aber ich sehe nicht ein, woher dir
Reichthum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Luft doch die
Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut
erwerben will, der mu seine Glieder rhren, arbeiten und sich Mhe
geben, sonst -- Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: Lassen wir
diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehrt, und es kommt
mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gieen wollte, denn aus mir
kann doch nimmer ein Arbeiter werden. Der alte Mann erwiederte milde:
Der Schpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das
tgliche Brot und noch ein Stck Geld dazu verdienen knntest, wenn du
dich auf's Dudelsackpfeifen legen wrdest. Verschaffe dir einen guten
Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflte, und du
findest Brot und Geld berall, wo frhliche Menschen wohnen. Aber
woher soll ich den Dudelsack nehmen? fragte der junge Bursche. Der Alte
erwiederte: Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Fr
den Anfang kannst du die Weidenflte blasen und auf dem Blatte pfeifen,
auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch knftig
noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen
Rath benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen
ist. Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges.
_Tiidu_ -- so hie der Bursche -- begann ber des alten Mannes Rede
nachzudenken, und je lnger er sann, desto mehr mute er dem Alten Recht
geben. Er entschlo sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glcke
einzuschlagen; allein er verrieth Niemanden ein Wort von seinem
Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und -- kam nicht wieder.
Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch
seinem Geschicke, da er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte,
da die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die
Noth ihn zum ordentlichen Menschen erziehen wrde.

Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher;
berall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hrten gern zu, wenn er
seine Weidenflte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch
manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfltig,
bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack
kaufen zu knnen. Jetzt fing sein Glck an zu blhen, denn weit und
breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so
taktmig zu blasen verstand. Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in
Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere
Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der _Dudelsack-Tiidu_ nicht mehr
fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berhmter Dudelsackpfeifer
geworden, da man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum
andern, oft viele Meilen weit, kommen lie. So blies er einst auf einem
Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend
gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle
muten einmthig bekennen, da ihnen in ihrem Leben noch kein
geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem
andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mute er die Herrschaft
durch sein Spiel ergtzen und erhielt dafr gute Kost und gutes Getrnk,
dazu noch Geld und mancherlei Geschenke. Einer der reichen Herren lie
ihn von Kopf zu Fu neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schnen
Dudelsack mit messingener Rhre. Die Frulein banden ihm seidene Bnder
an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere
wre an Tiidu's Stelle mit diesem Glcke sehr zufrieden gewesen, aber
seine Sehnsucht nach Reichthum lie ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn
wie mit einer Feuergeiel immer weiter. Je mehr er einsah, da der
Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen knne, desto strker
wurde seine Geldgier. Erzhlungen, die im Munde des Volkes lebten,
wuten viel zu berichten von dem Reichthume des Landes Kungla,[85] und
Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur
hinkommen knnte, dachte er, so wrde ich schon den Weg zum Reichthum
finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen
glcklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn ber
die See brchte. Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele
fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen
Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf.
Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen
Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei
dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der
Fahrt zu verringern. Das Glck wollte, da er einen jungen Matrosen
fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rcken des Schiffers
auf's Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des
Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu auf's Schiff und
versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fssern, brachte ihm
auch, ohne da die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er
in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide. In der folgenden Nacht, als
das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck
allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band
ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe
und sagte: Ich werde dich jetzt an dem Taue in's Meer lassen, und wenn
man dir zu Hlfe eilt, so mut du das Tau von deinem Leibe losschneiden
und ihnen wei machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe
nachgeschwommen. Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch
mit Hlfe des Taues sich eine Zeit lang ber Wasser zu halten, da er ein
guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein
Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt,
die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen
auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den
Schiffer, damit er sich die Sache ansehe. Dieser schlug dreimal das
Kreuz und fragte dann den Schwimmer: Bekenne wahrhaft, wer du bist,
ein Geist oder ein sterblicher Mensch? Der Schwimmer antwortete: Ein
armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschpft sein wird, wenn
ihr euch seiner nicht erbarmt. Der Schiffer lie nun ein Tau in's Meer
werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des
Taues gefat hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib
geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man mge ihn heraufziehen. Als
es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: Sage, woher du kommst und
wie du bis hierher gelangtest. Dudelsack-Tiidu erwiederte: Ich schwamm
eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von
Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So
hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld
hatte, als ihr fr die Ueberfahrt verlangtet. Des Jnglings wunderbare
Khnheit rhrte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: Danke dem
himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschtzt hat! Ich will
dich unentgeltlich nach Kungla bringen. Dann befahl er, dem Tiidu
trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajte zu betten,
damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu
aber und sein Freund waren froh, da ihre List so glcklich abgelaufen
war.

Am andern Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder,
da er eine Strecke geschwommen war, wie es Keiner fr mglich gehalten.
Weiterhin machte ihnen sein schnes Dudelsackspiel groe Freude, und
der Schiffer gestand mehr als einmal, da er noch nie einen so
herrlichen Dudelsack gehrt habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in
Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der
Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen
Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe
nachgeschwommen wre. Natrlich durften Tiidu und sein Freund dieser
Erzhlung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr
gebracht htten. Die wunderbare Mr verschaffte dem Tiidu an der fremden
Kste viele Freunde, weil Jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem
eigenen Munde hren wollte. Da mute denn der Bursche aus der Noth eine
Tugend machen, und den Leuten vorlgen, da es puffte. Es wurde ihm mehr
als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er frchtete,
als Lgner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst
zu sehen wnschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Knigsstadt
gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er
am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte.
Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem
Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die berall verbreitet waren. Fr
zwei Augen war es schlechterdings unmglich, das Alles ordentlich zu
betrachten, dazu htte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich
in die Anschauung dieses Glanzes und Reichthums vertiefte, desto
klglicher kam ihm seine eigene Armuth vor. Noch unertrglicher war es
ihm, da keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern da man
ihn wie einen Lump aus dem Wege stie, als htte er gar nicht das
Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wrmen. -- Seinen
Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen:
wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hren! --
So irrte er viele Tage in den Straen der Stadt umher und trachtete nach
einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer
Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flgel hngen lie, fand
er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade
einen Kchenjungen brauchte. Hier konnte nun Tiidu den Reichthum von
Land Kungla grndlich kennen lernen, der in der That grer war, als man
sich vorstellen konnte. Alle Gerthe fr's tgliche Leben, die bei uns
zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm verfertigt werden,
waren hier von reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die
Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in
goldenen Schalen und goldenen Schsseln wurde aufgetragen. Selbst die
Schweine fraen nicht aus Trgen, sondern aus silbernen Kbeln. Man kann
sich hiernach leicht denken, da es dem Tiidu an nichts gebrach, er
fhrte als Kchenjunge ein Herrenleben; aber sein habschtiges Gemth
hatte doch keine Ruhe. Unaufhrlich qulte ihn der eine Gedanke: was
hilft mir all' der Reichthum, den ich vor Augen habe, wenn die Schtze
nicht mein sind; mein Dienst als Kchenjunge kann mich doch niemals zum
reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns
ein Jahreslohn, so da er durch Ansammlung desselben nach Jahren, wenn
nicht reich, doch wohlhabend geworden wre.

Er hatte schon ein Paar Jahre als Kchenjunge im Dienst gestanden, und
ein gut Stck Geld zurckgelegt, aber das hatte seine Geldgier nur noch
erhht. Er war zugleich ein solcher Filz geworden, da er sich keinen
neuen Anzug besorgen mochte, doch mute er es thun auf Gehei des Herrn,
der schlechte Kleider in seinem Hause nicht duldete. Als der Kaufherr
dann einen groen Kindtaufschmaus gab, lie er allen seinen Dienern auf
seine Kosten schne Anzge machen. Den ersten Sonntag nach dieser
Kindtaufe legte Tiidu seinen neuen stattlichen Anzug an, und ging zur
Stadt hinaus in einen Lustgarten, in welchem sich an Sonntagen die
Einwohner der Stadt zu ergehen pflegten. Als er eine Zeit lang unter den
fremden Leuten gewandelt war, von denen er Niemand kannte, und Niemand
ihn, traf sein Blick zufllig auf eine Gestalt, die ihm wie bekannt
vorkam, obwohl er sich nicht darauf besinnen konnte, wo er den Mann
frher gesehen habe. Whrend er sein Gedchtni noch anstrengte, verlor
sich der vermeintliche Bekannte in dem Gewhl. Tiidu strich hin und her,
und sphte nach ihm aus, aber alles Suchen war umsonst. Erst gegen Abend
sah er seinen Mann unter einer mchtigen Linde allein auf einer
Rasenbank sitzen. Tiidu war im Zweifel, ob er hinzu treten oder warten
sollte, bis der fremde Mann ihn erblicken und sich merken lassen wrde,
ob er ihn, den Tiidu, kenne oder nicht? Ein paar Mal hustete Tiidu, aber
der fremde Mann beachtete es nicht, sondern heftete wie in tiefen
Gedanken die Augen auf den Boden. Ich trete nher --dachte Tiidu -- und
wecke ihn aus seinen Gedanken, dann wird es sich schon zeigen, ob wir
einander kennen oder nicht. Sachte vorwrts gehend, hielt er den Blick
scharf auf den fremden Mann gerichtet. Jetzt schlug dieser die Augen auf
und es war klar, da er ihn sogleich erkannte, denn er stand auf, ging
auf Tiidu zu und reichte ihm zum Grue die Hand, dann fragte er: Wo
hast du deinen Dudelsack gelassen? Da erst berzeugte sich Tiidu, da
der Fragende derselbe alte Mann war, der ihm frher empfohlen hatte,
Dudelsackpfeifer zu werden. Er ging nun mit dem Alten aus der Volksmenge
heraus an einen abgelegenen Ort, und erzhlte ihm seine bisherigen
Erlebnisse. Der Alte runzelte die Stirn, schttelte wiederholt den Kopf
und sagte, als Tiidu seinen Bericht beendigt hatte: Ein Thor bist du
und ein Thor bleibst du! Was war das fr ein verrckter Einfall, da du
den Dudelsack aufgabst und Kchenjunge wurdest? Mit dem Dudelsack
httest du hier in einem Tage mehr verdienen knnen, als durch deinen
Dienst in einem halben Jahre. Eile nach Hause, hole deinen Dudelsack her
und blase, so wirst du mit eigenen Augen sehen, da ich die Wahrheit
gesagt habe. Tiidu strubte sich freilich, weil er das Gesptte der
stolzen Leute frchtete, auch meinte er, er habe in der langen Zeit das
Spielen verlernt. Aber der Alte lie nicht ab, sondern setzte dem Tiidu
so lange zu, bis er nach Hause ging und seinen Dudelsack herbrachte. Der
Alte hatte so lange unter der Linde gesessen und gewartet; als Tiidu mit
dem Dudelsack wieder kam, sagte er: Setze dich neben mich auf die
Rasenbank und fang' an zu blasen, dann wirst du schon sehen, wie sich
die Leute um uns her versammeln werden. Tiidu that es, wenn auch mit
Widerstreben -- aber als er anfing zu spielen, kam es ihm vor, als wre
heute ein neuer Geist in den Dudelsack gefahren, denn noch niemals hatte
er dem Instrumente einen so schnen Ton entlocken knnen. Bald sammelte
sich eine dichte Menge um die Linde, angezogen von dem schnen Spiele.
Je zahlreicher die Menge wurde, desto lieblicher ertnten die Weisen des
Dudelsacks. Als die Leute eine Zeitlang zugehrt hatten, nahm der Alte
seinen Hut ab und trat unter sie, um die Gaben fr den Spieler
einzusammeln. Da wurden von allen Seiten Thaler, halbe Thaler und kleine
Silbermnzen hineingeworfen, dann und wann fiel auch ein blinkendes
Goldstck in den Hut. Tiidu spielte dann noch zum Danke manche schne
Weise auf, ehe er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Als er durch den
dichten Haufen schritt, hrte er vielfach sagen: Kunstreicher Meister!
komm nchsten Sonntag wieder, uns zu erfreuen! --Als sie an's Thor
gekommen waren, sagte der Alte: Nun, was meinst du, ist die heutige
Arbeit von ein paar Stunden nicht angenehmer, als die Handthierung eines
Kchenjungen? -- Zum zweitenmale habe ich dir den Weg gezeigt, packe
nun, wie ein vernnftiger Mann, den Ochsen bei beiden Hrnern, damit das
Glck dir nicht wieder entschlpfe! Meine Zeit erlaubt mir nicht, hier
lnger dein Fhrer zu sein, drum merke dir, was ich sage, und handle
darnach. Jeden Sonntag Nachmittag setze dich mit deinem Dudelsack unter
die Linde und blase, da die Leute sich ergtzen. Kaufe dir aber einen
Filzhut mit tiefem Boden, und stelle ihn zu deinen Fen hin, damit die
Hrer ihre Spenden hineinlegen knnen. Ruft man dich zu einem Feste, um
den Dudelsack zu spielen, so bedinge niemals einen Preis, sondern
versprich mit dem zufrieden zu sein, was man dir freiwillig geben werde.
Du wirst so von den reichen Brgern mehr erhalten, als du selbst gewagt
httest zu verlangen, und kommt es auch zuweilen vor, da irgend ein
Filz dir zu wenig giebt, so wird es dir durch die reichere Gabe der
Uebrigen zehnfach ersetzt, und du hast noch den Vortheil, da Niemand
dich geldgierig nennen darf. Vor allen Dingen hte dich vor dem Geiz! --
Vielleicht treffen wir knftig noch einmal wieder zusammen, dann werde
ich ja hren, wie du meiner Weisung nachgekommen bist. Fr dies Mal Gott
befohlen! So schieden sie von einander.

Dudelsack-Tiidu war sehr erfreut, als er zu Hause sein Geld zhlte und
fand, da ihm das Spiel von einigen Stunden mehr eingebracht hatte, als
sein Dienst in einem halben Jahre. Da dauerte ihn die falsch angewandte
Zeit; doch konnte er seinen Dienst nicht sogleich verlassen, weil er
erst einen Stellvertreter schaffen mute. Nach einigen Tagen fand er
einen solchen und wurde entlassen. Dann lie er sich schne farbige
Kleider machen, band einen Grtel mit silberner Schnalle um die Hften,
und ging den nchsten Sonntag Nachmittag unter die Linde, um den
Dudelsack zu blasen. Es hatten sich noch viel mehr Leute eingefunden,
als das erste Mal, denn das Gercht von dem geschickten Dudelsackpfeifer
hatte sich in der Stadt verbreitet, und Jedermann wnschte ihn zu hren.
Als er am Abend sein Geld zhlte, fand er fast doppelt so viel als am
ersten Sonntage. Ebenso gnstig war ihm das Glck fast jeden Sonntag, so
da er sich im Herbst eine Wohnung in einem stattlichen Gasthof miethen
konnte. An den Abenden, wo die Brger den Gasthof besuchten, wurde der
geschickte Meister oft gebeten, die Gste durch seinen Dudelsack zu
ergtzen, wofr er dann doppelte Bezahlung erhielt, einmal vom Wirth,
und sodann noch von den Gsten. Als der Wirth spter sah, wie der
Knstler jeden Abend immer mehr Gste in's Haus zog, gab er ihm Kost und
Wohnung frei. Gegen den Frhling lie Tiidu an seinen Dudelsack silberne
Rhren machen, die von innen und von auen vergoldet waren, so da sie
in der Sonne und am Feuer funkelten. Als es wieder Sommer wurde, kamen
auch die Stdter wieder zu ihrer Erholung in's Freie, und Sonntag fr
Sonntag spielte Tiidu und sah seinen Reichthum anwachsen. Da kam
einstmals auch der Knig, um die Lustbarkeit des Volkes mit anzusehen,
und hrte schon von fern das schne Dudelsackspiel. Der Knig lie den
Spielenden zu sich rufen, und schenkte ihm einen Beutel voll Gold. Als
die andern Groen das sahen, lieen sie einer nach dem andern den
Dudelsackpfeifer in ihre Huser kommen, wo er ihnen vorspielen mute.
Tiidu beobachtete pnktlich die Vorschrift des Alten, indem er sich nie
einen Lohn ausbedang, sondern Jedem berlie, nach Gutbefinden zu geben,
und es fand sich, da er fast immer viel mehr erhielt, als er selber zu
fordern gewagt htte.

Nach einigen Jahren war Dudelsack-Tiidu im Lande Kungla zum reichen
Manne geworden, und beschlo nun, in seine Heimath zurckzukehren, um
sich dort ein Gut zu kaufen, und das Blasen aufzugeben. Die Geschenke
des Knigs und der anderen hohen Herren hatten sein Vermgen
betrchtlich vergrert, und des alten Mannes Prophezeiung wahr
gemacht. Er brauchte jetzt nicht mehr heimlich in einen Schiffswinkel zu
kriechen, sondern war reich genug, um fr sich allein ein Schiff zu
miethen, das ihn mit allen seinen Schtzen in's Vaterland fhren sollte.
Er hatte sich, wie das im Lande Kungla blich war, viele goldene und
silberne Gerthe gekauft, welche jetzt in Kisten gepackt und an Bord
gebracht wurden; wieder andere Kisten waren mit baarem Gelde angefllt.
Zuletzt bestieg der Herr dieser Schtze selbst das Schiff, und dieses
segelte ab. Ein gnstiger frischer Wind trieb sie bald auf die hohe See,
wo nur Himmel und Wasser zu sehen waren. Zur Nacht aber drehte sich der
Wind und trieb das Schiff gegen Sden. Von Stunde zu Stunde wuchs die
Gewalt des Sturms, und der Schiffer konnte keinen festen Curs mehr
halten, weil Wind und Wellen jetzt die einzigen Herren des Schiffes
waren, nach deren Willen es sich bewegen mute. Als das Schiff einen Tag
und zwei Nchte auf diese Weise hin und hergeschleudert worden, krachte
der Kiel gegen einen Felsen, und das Schiff begann zu sinken. Die Bte
wurden in's Meer gelassen, damit die Menschen dem Tode entrinnen mchten
-- allein was konnte gegen die tobenden Wellen Stand halten? Bald warf
eine hohe Welle das kleine Boot um, in welchem Tiidu mit drei Matrosen
sa, und das feuchte Bett umschlo die Mnner. Zum Glck schwamm nicht
weit von Tiidu eine Ruderbank; es gelang ihm, sie zu ergreifen und sich
mit Hlfe derselben auf der Oberflche zu halten. Als darauf der Wind
sich legte und das Wetter sich aufklrte, sah er das Ufer, das gar nicht
weit zu sein schien. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und suchte das
Ufer zu erreichen, fand aber, da es viel weiter entfernt war, als es
den Anschein gehabt hatte. Auch htte ihn die eigene Kraft nicht mehr
an's Ziel gebracht, nur mit Hlfe der Brandung, die ihn vorwrts
schleuderte, erreichte er endlich die Kste. Ganz erschpft, mehr todt
als lebendig, sank er auf das felsige Ufer und schlief ein. Wie lange
sein Schlaf gedauert hatte, darber konnte er sich keine Rechenschaft
geben, er hatte aber die traumhafte Erinnerung, als habe jener alte Mann
ihn besucht und ihm aus seinem Schlauche zu trinken gegeben, was ihn
wunderbar gestrkt und ihm gleichsam neue Lebensgeister eingeflt habe.
Als er nach dem langen Schlafe vollends munter wurde, fand er sich
allein auf dem bemoosten Felsen, und sah nun wohl, da die Ankunft des
Alten nur ein Traum gewesen war. Doch hatte der Schlaf ihn wieder so
weit gestrkt, da er sich ohne Mhe erheben und eine Wanderung antreten
konnte, auf welcher er Menschen zu finden hoffte. Er ging eine Weile am
Ufer entlang, und sphte nach einem Fusteige oder sonst einer Spur, die
zu Menschen leiten knnte. Aber soweit sein Auge reichte, war von
Fustapfen nichts zu entdecken. Moos, Sand und Rasen hatten ein so
friedliches Ansehen, als ob noch niemals die Fe von Menschen oder
Thieren darber hin geschritten wren. Was jetzt beginnen? Er mochte
berlegen, soviel er wollte, er wute nichts Besseres, als der Nase nach
weiter zu gehen, in der Hoffnung, da ein glcklicher Zufall ihn einen
Weg finden lasse, der zu Menschen fhre. Eine halbe Meile weiter fand er
schne ppige Laubwlder, aber die Bume hatten alle ein fremdartiges
Ansehen, und nicht ein einziger war ihm bekannt. Im Walde fand er weder
Futritte von Herden noch von Menschen, sondern je weiter er vordrang,
desto dichter wurde der Wald, und das Weiterkommen wurde immer
schwieriger. Er setzte sich nieder, um seinen mden Beinen Ruhe zu
gnnen. Da wurde ihm pltzlich das Herz schwer, Wehmuth berfiel ihn und
bittre Reue; zum ersten Male kam ihm der Gedanke, er habe unrecht gethan
ohne Wissen und Willen der Eltern von zu Hause fortzulaufen, die
Seinigen zu verlassen, und wie ein Landstreicher umher zu schweifen.
Wenn ich hier unter wilden Thieren umkomme, -- schluchzte er -- so
wird mir der gebhrende Lohn fr meinen Leichtsinn. Meinen Schatz, der
in's Meer sank, wrde ich nicht bedauern -- wie gewonnen, so zerronnen!
wenn mir nur der Dudelsack geblieben wre, womit ich mein trauerndes
Herz beschwichtigen und meine Sorgenlast erleichtern knnte! Als er
weiter schritt, erblickte er einen Apfelbaum mit seinem wohlbekannten
Laube, und durch das Laub schimmerten groe rothe Aepfel, welche seine
Elust reizten. Er eilte hin und -- welch' ein Glck! noch nie hatte er
schmackhafteres Obst gekostet. Er a sich satt und legte sich dann unter
den Apfelbaum zur Ruhe, indem er dachte: wenn es hier viele solche
Apfelbume giebt, so ist mir vor Hunger nicht bange. Als er erwachte,
verzehrte er noch einige Aepfel, stopfte sich dann Taschen und Rockbusen
voll und wanderte weiter. Das dunkle Waldesdickicht zwang ihn langsam zu
gehen, und machte an vielen Stellen das Durchkommen schwierig, so da
die Nacht hereinbrach, ohne da freies Feld oder Menschenspuren
sichtbar wurden. Tiidu streckte sich auf das weiche Moos und schlief,
als ob er auf den schnsten Kissen lge. Am andern Morgen frhstckte er
einige Aepfel, und suchte dann mit frischer Kraft weiter vorzudringen,
bis er nach einiger Zeit an eine Lichtung kam, die wie eine kleine Insel
mitten im Walde lag. Ein kleiner Bach, der aus einer nahen Quelle
entsprang, ergo sein klares frisches Wasser ber die Lichtung. Als
Tiidu an den Rand des Baches kam, erblickte er zufllig im Wasser sein
Bild, was ihn dermaen erschreckte, da er einige Schritte zurcksprang
und an allen Gliedern zitterte wie Espenlaub. Aber auch Beherztere als
er wren hier wohl erschrocken. Sein Bild im Wasserspiegel zeigte ihm
nmlich, da seine Nasenspitze wie der Fleischzapfen eines Puters aussah
und bis zum Nabel reichte. Die tastende Hand besttigte, was das Auge
gesehen. Was jetzt beginnen? So konnte er schlechterdings nicht unter
die Leute gehen, die ihn wohl gar wie ein wildes Thier todt geschlagen
htten. War es nun das Gefhl der Angst, was die Nase zusehends wachsen
lie, oder reckte sie sich wirklich immer weiter aus -- genug es war dem
Eigenthmer der Nase so grulich zu Muthe, als ob sie immer lnger und
lnger wrde, so da er keinen Schritt thun konnte, ohne zu frchten,
seine Nase wrde an die Beine stoen. Er setzte sich nieder und beklagte
sein Unglck bitterlich: O wenn nur jetzt Niemand kme, und mich so
fnde! Lieber will ich im Walde verhungern, als mich mit einer so
abscheulichen Nase zeigen. Htte er jetzt schon gewut, was er spter
erfuhr, da diese Waldinsel unbewohnt war, so htte er sich darber
trsten knnen. Je mehr ihn aber jetzt sein Unglck verdro, desto
dicker schwoll seine Nase an, und desto blulicher wurde sie, wie bei
einem zornigen Puterhahn. Da sieht er nahebei an einem Strauche sehr
schne Nsse, und es gelstet ihn, sich damit zu laben; er pflckt eine
Handvoll, beit eine Nu auf und findet einen sen Kern in der Schale.
Er verschluckt noch einige Kerne und bemerkt zu seinem Erstaunen, da
die scheuliche Lnge seiner Nase sichtlich abnimmt. Nach kurzer Zeit
erblickt er im Wasser seine Nasenspitze wieder an ihrer natrlichen
Stelle, ja noch etwas hher ber dem Munde, als sie vorher stand. Jetzt
lste sich sein Kummer in Frohlocken auf, und er verfiel darauf, den
wunderbaren Vorfall nher zu ergrnden, um zu erfahren, was denn
eigentlich seine Nase erst lang und dann wieder kurz gemacht habe.
Sollten es die schnen Aepfel gewesen sein -- fragte er sich in
Gedanken, nahm einen Apfel aus der Tasche, und begann davon zu essen.
Sowie er ein Stck gekaut und verschluckt hat, nimmt er im Wasser
deutlich wahr, wie die Nasenspitze sich zusehends in die Lnge dehnt.
Spaes halber it er den Apfel ganz auf, und findet jetzt die Nase
spannenlang; dann nimmt er einige Nukerne, zerkaut und verschluckt sie,
und sieh', o Wunder! die lange Nase schrumpft zusammen, bis sie auf ihr
natrliches Maa zurckgegangen ist. Jetzt wute der Mann, woran er war.
Er denkt: was ich fr ein groes Unglck hielt, kann mir vielleicht noch
Glck bringen, wenn ich wieder unter Menschen kommen sollte; pflckt
eine Tasche voll Nsse und eilt, in seine eigenen Fustapfen tretend,
zurck, um den Baum mit den nasenvergrernden Aepfeln aufzusuchen. Da
hier nun keine anderen Spuren liefen, als die, welche er selbst
zurckgelassen hatte, fand er den Apfelbaum ohne Mhe wieder. Er schlte
nun erst einige junge Bume ab und machte sich aus der Rinde einen Korb,
den er dann mit Aepfeln fllte. Da aber die Nacht schon hereinbrach,
wollte er heute nicht weiter gehen, sondern hier sein Nachtlager halten.
Wiederum hatte er das seltsame Traumgesicht, da der wohlbekannte Alte
ihm aus seinem Fchen zu trinken gab und ihm den Rath ertheilte, auf
demselben Wege, den er gekommen, an den Strand zurckzugehen, wo er
gewi Hlfe finden wrde. Zuletzt hatte der Alte gesagt: Weil du deinen
in's Meer gesunkenen Schatz nicht bedauert hast, sondern nur deinen
Dudelsack, so will ich dir einen neuen zum Andenken verehren. Am Morgen
erinnerte er sich seines Traumes; aber wer vermchte seine Freude und
sein Glck zu beschreiben, als er den im Traum ihm verheienen Dudelsack
neben dem Korbe am Boden liegen sah. Tiidu nahm den Dudelsack und begann
nach Herzenslust zu blasen, da der Wald davon wiederhallte. Nachdem er
sich satt gespielt hatte, nahm er den Weg unter die Fe und schlug die
Richtung nach der See ein.

Es war schon etwas ber Mittag, als er die Kste erreichte, in deren
Nhe er ein Schiff liegen sah, an welchem das Schiffsvolk eben
Ausbesserungen vornahm. Die Leute wunderten sich, auf dieser Insel, die
sie fr unbewohnt gehalten, einen Menschen zu erblicken. Der Schiffer
lie ein Boot herunter, und schickte mit demselben zwei Mnner an's
Ufer. Tiidu erzhlte ihnen sein Unglck, wie das Schiff untergegangen
sei, und Gottes Gnade ihn wunderbarer Weise aus Todesgefahr errettet
habe. Der Schiffer versprach ihn unentgeltlich mitzunehmen und nach Land
Kungla zurckzubringen, wohin das Schiff bestimmt war. Unterwegs
erfreute Tiidu den Schiffer und das Schifssvolk durch sein schnes
Spiel; nach einigen Tagen hatten sie die Kste von Land Kungla erreicht.
Mit nassen Augen dankte Tiidu dem Schiffer, der ihn erlst hatte, und
versprach, das Ueberfahrtsgeld redlich nachzuzahlen, sobald es ihm
wieder gut gehe. Als er nach einigen Tagen wieder in des Knigs Stadt
angekommen war, spielte er gleich den ersten Abend ffentlich, und nahm
dafr so viel Geld ein, da er sich neue Kleider nach auslndischem
Schnitt machen lassen konnte. Darauf that er einige rothe Aepfel in ein
Krbchen und ging mit seiner Waare an das Thor des Knigshauses, wo er
sie am leichtesten los zu werden hoffte. Es dauerte auch nicht gar
lange, so kam ein kniglicher Diener, kaufte die schnen Aepfel,
bezahlte mehr als gefordert war, und hie den Verkufer am nchsten Tage
wiederkommen. Tiidu aber machte sich eilig davon, als ob er Feuer in der
Tasche htte, und dachte nicht daran, mit seiner Waare wiederzukommen,
denn er wute ja recht gut, da der Genu der Aepfel ein Wachsen der
Nasen hervorbringen wrde. Er lie sich dann noch an demselben Tage
einen andern Anzug machen, und kaufte sich einen langen schwarzen Bart,
den er sich an's Kinn klebte; dadurch vernderte er sein Aussehen
dermaen, da selbst seine nchsten Bekannten ihn nicht wieder erkannt
htten. Daraus nahm er in einem Wirthshause in einer entlegenen Vorstadt
seine Wohnung und nannte sich einen auslndischen Zauberknstler, der
alle Gebrechen zu heilen wisse.

Am andern Tage war die ganze Stadt voll Bestrzung ber das Unglck,
welches sich im Hause des Knigs zugetragen hatte. Der Knig, seine
Gemahlin und seine Kinder hatten gestern Aepfel genossen, die man von
einem Fremden gekauft hatte, und waren darnach Alle erkrankt. Worin ihre
Krankheit bestand, das wurde nicht verrathen. Alle Doctoren, Aerzte und
Zauberknstler der Stadt wurden zusammen gerufen, aber keiner konnte
helfen, weil sie eine solche Krankheit noch niemals bei Menschen gesehen
hatten. Spter verlautete ber die Krankheit, es sei ein Nasenbel. Als
eines Tages alle Aerzte und Zauberknstler zur Berathung versammelt
waren, hielten einige es fr nothwendig, die berflssige Verlngerung
der Nasen wegzuschneiden; aber der Knig und seine Familie wollten sich
einer so schmerzhaften Kur nicht unterziehen. Da wurde gemeldet, da bei
einem Gastwirth in der Vorstadt ein auslndischer Zauberknstler sich
aufhalte, der alle Gebrechen heilen knne. Der Knig schickte sogleich
seine mit vier Pferden bespannte Kutsche hin, und lie den
Zauberknstler zu sich bescheiden. Tiidu hatte ber die halbe Nacht
daran gearbeitet, sich ganz unkenntlich zu machen, und es war ihm so gut
gelungen, da weder von dem Dudelsackpfeifer noch von dem
Aepfelverkufer eine Spur nachgeblieben war. Auch seine Ausdrucksweise
war so gebrochen, da er Manches erst mit den Fingern andeuten mute,
ehe die Andern daraus klug wurden. Als er zum Knige kam, besah er das
seltsame Gebrechen, nannte es die Puterseuche, und versprach, es ohne
Schneiden zu curiren. Dem Knige und seiner Gemahlin waren die Nasen
schon ber eine Elle lang gewachsen, und dehnten sich noch immer weiter.
Dudelsack-Tiidu hatte feines Pulver von seinen Nssen in eine kleine
Dose gethan, gab jedem Kranken eine Messerspitze voll ein, und ordnete
an, da die Kranken sich in ein finsteres Gemach verfgten, wo sie sich
zu Bette legen und in Kissen hllen muten, damit starker Schwei
erfolge, und den Krankheitsstoff zum Krper heraustreibe. Als sie nach
einigen Stunden wieder an's Licht traten, hatten alle ihre vorigen Nasen
wieder.

Der Knig htte in seiner Freude gern die Hlfte seines Knigreiches fr
diese Cur hingegeben, die ihn und die Seinigen von der greulichen
Nasenkrankheit befreit hatte. Allein durch die Noth, welche
Dudelsack-Tiidu beim Schiffbruch erlebt hatte, war seine Geldgier
schwcher geworden, und er verlangte nicht mehr, als hinreichte um sich
ein Gut zu kaufen, auf welchem er seine Lebenstage friedlich zu
beendigen wnschte. Der Knig lie ihm jedoch eine dreimal grere Summe
auszahlen, mit welcher Tiidu zum Hafen eilte und ein Schiff bestieg, das
ihn in seine Heimath zurckbringen sollte. Vor seiner Abfahrt hatte er
seinen falschen Bart abgenommen, und die fremdartigen Kleider mit
anderen vertauscht. Dem Schiffer, der ihn von der wsten Insel gerettet
hatte, erstattete er das Geld, welches er ihm fr die Ueberfahrt
schuldete. Nachdem er an seiner heimischen Kste gelandet war, begab er
sich nach seinem Geburtsorte, und fand seinen Vater, zwei Brder und
drei Schwestern noch am Leben; die Mutter und drei Brder waren
gestorben. Tiidu gab sich den Seinigen nicht eher zu erkennen, als bis
er das Gut gekauft hatte. Dann lie er ein prchtiges Gastmahl
anrichten, und seine ganze Familie dazu einladen. Bei Tische gab er sich
zu erkennen und sagte: Ich bin _Tiidu_, euer fauler Sohn und Bruder, der
zu Nichts zu gebrauchen war, seinen Eltern Kummer machte, und endlich
heimlich davon lief. Mein Glck war mir holder als ich selbst, und darum
komme ich jetzt als reicher Mann zurck. Jetzt msset ihr Alle kommen
und auf meiner Besitzung wohnen, und der Vater mu bis an seinen Tod in
meinem Hause bleiben. -- Spter freite er ein tugendsames Mdchen, das
nichts weiter besa, als ein hbsches Gesicht und ein gutes Herz. Als er
am Abend des Hochzeitstages mit seiner jungen Frau das Schlafgemach
betrat, fand er groe Kisten und Kasten vor demselben, welche alle seine
in's Meer gesunkenen Schtze enthielten. In einem der Kasten lag ein
Blatt, worauf die Worte geschrieben waren: Einem guten Sohne, der fr
Eltern und Verwandte sorgt, giebt auch die Meerestiefe den geraubten
Schatz heraus. Wer aber der zauberkrftige Alte gewesen, der ihn auf
den Weg des Glckes gefhrt, ihn aus der Seegefahr gerettet und Gier und
Geiz aus seinem Herzen getilgt hatte: das hat er niemals erfahren.

Ob gegenwrtig noch von Dudelsack-Tiidu's Nachkommen Jemand lebt, ist
mir nicht bekannt, sollte man aber einige von ihnen ausfindig machen,
dann sind es gewi so feine Herrschaften, da bei ihnen weder
buerlicher Rauchgeruch noch Riegenstaub mehr anzutreffen ist.

[Funote 85: S. die Anm. 2. zu 8, Schlaukopf, S. 102. L]




24. Die aus dem Ei entsprossene Knigstochter.


Einmal lebte ein Knig, dessen Gemahlin keine Kinder hatte, was Beide
sehr bekmmerte, besonders wenn sie sahen, wie niedriger stehende
Menschen in dieser Hinsicht viel reicher waren als sie selber. Trauriger
als gewhnlich war die Knigin immer, wenn der Knig einmal nicht zu
Hause war; dann sa sie fast immer im Garten unter einer breiten Linde,
senkte den Kopf und hatte die Augen voll Thrnen. Da sa sie auch wieder
eines Tages, als der Knig auf einige Wochen verreist war, um die
Kriegsmacht zu besichtigen, welche an der Grenze des Reiches stand,
einen drohenden feindlichen Einbruch abzuwehren. Der Knigin war das
Herz so beklommen, als stehe ihr ein unerwartetes Unglck bevor, und
ihre Augen fllten sich mit bitteren Thrnen. Als sie das Antlitz
emporhob, sah sie ein altes Mtterchen, welches auf Krcken einher
hinkte, sich an der Quelle bckte, um zu trinken, und nachdem sie ihren
Durst gestillt hatte, gerade auf die Linde zu humpelte, wo die Knigin
weilte. Das Mtterchen neigte ihr Haupt und sagte: Nehmt es nicht bel,
geehrtes hohes Frauchen, da ich es wage, vor euch zu erscheinen, und
frchtet euch nicht vor mir, denn es wre leicht mglich, da ich zur
guten Stunde gekommen bin und euch Glck bringe. Die Knigin
betrachtete sie zweifelhaft und antwortete: Du selber scheinst mir an
Glck keinen Ueberflu zu haben, was kannst du Andern davon gewhren?
Die Alte lie sich aber nicht irre machen, sondern sagte: Unter rauher
Schale steckt oft glattes Holz und ser Kern. Zeiget mir eure Hand,
damit ich erfahre, wie es mit euch werden wird. Die Knigin streckte
ihr die Hand hin, damit die Alte darin lesen knne. Als diese die Linien
und Striche eine Weile genau betrachtet hatte, lie sie sich
folgendermaen vernehmen: Euer Herz ist jetzt mit zwei Sorgen beladen,
einer alten und einer neuen. Die neue Sorge, die euch qult, ist die um
euren Gemahl, der jetzt weit von euch ist; --aber glaubet meinem Worte,
er ist gesund und munter und wird binnen zwei Wochen zurck kommen und
euch frohe Zeitung bringen. Eure alte Sorge aber, welche eurer Hand
tiefere Striche eingedrckt hat, rhrt daher, da Gott euch keine
Leibesfrucht geschenkt hat! Die Knigin errthete und wollte ihre Hand
aus der Hand der Alten losmachen, aber die Alte bat: Habt noch ein
wenig Geduld, so bringen wir Alles auf einmal in's Reine. Die Knigin
fragte: Sage mir, Mtterchen, wer du bist, da du mir aus der
Handflche meine Herzensgedanken kund thun kannst? Die Alte erwiederte:
Um meinen Namen ist es hier nicht zu thun, und ebenso wenig darum,
welche Kraft mir eures Herzens geheime Wnsche kund macht; ich freue
mich nur, da es mir vergnnt ist, euch auf die rechte Bahn zu bringen,
und eures Herzens Kummer zu mindern. Durch Zaubermacht ist euer Leib
verschlossen, so da ihr nicht eher Kinder zur Welt bringen knnt, bis
die Bnder des Verschlusses gelst sind, und die natrliche
Beschaffenheit wieder hergestellt ist. Ich kann dies bewirken, jedoch
nur dann, wenn ihr Alles befolgt, was ich euch sagen werde. Alles will
ich ja gern thun, und dich auch fr deine Mhe kniglich belohnen, wenn
du deine Versprechungen wahr machst, sagte die Knigin. -- Die Alte
stand eine Zeitlang in Gedanken und fuhr dann fort: Heute ber's Jahr
sollt ihr sehen, da meine Prophezeiungen eintreffen. Mit diesen Worten
zog sie ein in viele Lappen gewickeltes Bndel aus dem Busen, und als
die Lappen abgenommen waren, kam ein kleines Krbchen von Birkenrinde
zum Vorschein; sie gab es der Knigin und sagte: In dem Krbchen findet
ihr ein Vogelei;[86] dieses brtet drei Monate in eurem Schooe aus, bis
ein lebendiges Pppchen herauskommt, das einem menschlichen Kinde
gleicht. Das Pppchen legt in einen Wollkorb, und lasset es so lange
wachsen, bis es die Gre eines neugeborenen Kindes hat; Speise oder
Trank braucht es nicht, das Krbchen aber mu immer an einem warmen Orte
stehen. Neun Monate nach der Geburt des Pppchens werdet ihr einen Sohn
zur Welt bringen. An demselben Tage hat auch das Pppchen die Gre
eines neugeborenen Kindes erreicht, nehmet es dann heraus, leget es
neben den neugeborenen Sohn in's Bette und lasset dem Knige melden,
da Gott euch Zwillinge geschenkt habe, einen Sohn und eine Tochter. Den
Sohn suget an eurer Brust, fr die Tochter aber mt ihr eine Amme
nehmen. An dem Tage, wo beide Kinder zur Taufe gebracht werden, bittet
mich, bei der Tochter Pathenstelle zu vertreten. Das macht ihr so: Auf
dem Boden des Krbchens findet ihr unter der Wolle einen Flederwisch,
den blaset zum Fenster hinaus, dann erhalte ich augenblicklich die
Botschaft und komme, bei eurem Tchterchen Gevatter zu stehen. Von dem,
was euch jetzt begegnet ist, drft ihr Niemanden etwas sagen. Ehe noch
die Knigin ein Wort erwiedern konnte, eilte die hinkende Alte davon,
und nachdem sie zehn Schritte gemacht hatte, war von einer Alten keine
Spur mehr, sondern statt derselben schritt ein junges Weib in aufrechter
Haltung so rasch dahin, da sie mehr zu fliegen als zu gehen schien. Die
Knigin aber konnte sich von ihrer Verwunderung noch nicht erholen, und
wrde Alles fr einen Traum gehalten haben, wenn nicht das Krbchen in
ihrer Hand bezeugt htte, da die Sache wirklich vorgefallen war. Sie
fhlte ihr Herz mit einem Male wunderbar erleichtert. Sie trat in ihr
Gemach, wickelte das Krbchen, in welchem ein kleines Ei in feiner Wolle
lag, in seidene Tcher und steckte es in ihren Busen, wie das Mtterchen
vorgeschrieben hatte. Auch alles Uebrige gelobte sie sich zu erfllen
und das Geheimni zu bewahren.

Gerade als der letzte Tag der zweiten Woche nach dem Besuche der Alten
zu Ende ging, kehrte der Knig zurck und rief schon von fern der Frau
die frohe Nachricht zu: Mein Heer hat einen vollstndigen Sieg davon
getragen und den Feind mit blutigen Kpfen heimgeschickt, so da unsere
Unterthanen fr's erste Ruhe haben werden. So war die erste
Prophezeiung der Alten vollstndig eingetroffen, und dadurch befestigte
sich im Herzen der Knigin die Hoffnung, da auch die brigen
Prophezeiungen in Erfllung gehen wrden. Sie htete das Krbchen mit
dem Ei in ihrem Busen wie ein Kleinod, und lie ein goldenes Kstchen
machen, in welches sie das Krbchen legte, damit das Eichen nicht etwa
beschdigt wrde. Nach drei Monaten schlpfte aus dem Ei ein lebendiges
Pppchen von halber Fingerlnge, welches der Vorschrift gem in den
Wollkorb gelegt wurde, um zu wachsen. So war auch die zweite
Prophezeiung wahr geworden, und die Knigin harrte nun mit Spannung der
Zeit, wo ihr Herz zum ersten Male Mutterfreuden schmecken sollte. Und in
der That brachte sie nach Jahresfrist ein Shnlein zur Welt, wie das
alte Mtterchen vorhergesagt hatte. Da nahm sie das Mgdlein aus dem
Wollkasten, legte es neben den Sohn in die Wiege, und lie dem Knige
sagen, da sie Zwillinge geboren habe, einen Sohn und eine Tochter. Die
Freude des Knigs und seiner Unterthanen kannte keine Grenzen. -- Alle
glaubten fest daran, da die Knigin mit Zwillingen niedergekommen sei.
An dem Tage, wo die Kinder getauft werden sollten, ffnete die Knigin
ein wenig das Fenster und lie den Flederwisch fliegen, um die
Taufmutter fr die Tochter herbeizuschaffen, denn sie war berzeugt, die
Gevatterin wrde zur rechten Zeit da sein. Als die eingeladenen
Taufgste schon alle beisammen waren, fuhr eine prchtige Kutsche mit
sechs dotterfarbigen Rossen vor, und aus der Kutsche stieg eine junge
Frau in rosenrothen goldgestickten seidenen Gewndern, die einen Glanz
verbreiteten, der mit dem Glanze der Sonne wetteiferte; das Antlitz
hatte sie mit einem feinen Schleier verhllt. Als sie eintrat, nahm sie
den Schleier ab, und Alle muten staunend bekennen, da sie in ihrem
Leben noch keine schnere Jungfrau gesehen htten. Die schne Jungfrau
nahm nun das Tchterchen auf ihre Arme und trug es zur Taufe, in welcher
dem Kinde der Name _Dotterine_ beigelegt wurde, was freilich Niemanden
verstndlich war, als der Knigin, da ja das Kind wie ein Vogeljunges
aus einem Eidotter geboren war. Taufvater des Sohnes war ein vornehmer
Herr, und das Knblein erhielt den Namen _Willem_. Nach vollzogener Taufe
lie sich die Taufmutter von der Knigin das Krbchen mit den
Eierschalen geben, legte das Kind in die Wiege und sagte heimlich zur
Knigin: So lange die Kleine in der Wiege schlft, mu das Krbchen
neben ihr liegen, damit ihr nichts Uebles zustoen kann, denn in dem
Krbchen ruht ihr Glck. Darum htet diesen Schatz wie euren Augapfel,
und schrfet auch eurem Tchterchen, wenn es anfngt zu begreifen, ein,
da es dieses unscheinbare Ding sorgfltig in Acht nehmen mu. Sie
sprach dann noch Manches mit der Mutter ber die Erziehung ihrer Pathe,
kte diese drei Mal, nahm Abschied, stieg in die Kutsche und fuhr
davon. Niemand wute, woher sie gekommen war und wohin sie ging; auch
die Knigin gab auf Befragen keinen weiteren Bescheid als: es ist eine
mir bekannte Knigstochter aus fernem Lande.

Die Kinder gediehen frhlich, Willem bei der Muttermilch und Dotterine
an der Brust der Amme. Diese liebte das Mgdlein so zrtlich, als wre
es ihr leibliches Kind gewesen, und die Knigin behielt sie dehalb nach
der Entwhnung als Kinderwrterin. Die kleine Dotterine wurde von Tage
zu Tage hbscher, so da die lteren Leute meinten, sie wrde einmal
ihrer Taufmutter hnlich werden. Die Amme hatte zuweilen bemerkt, da in
der Nacht, wenn Alles schlief, eine fremde schne Frau erschien, um den
Sugling zu betrachten; als sie dies der Knigin entdeckte, schrfte ihr
diese ein, gegen Niemanden von dem nchtlichen Gaste etwas verlauten zu
lassen. Als die Zwillinge zwei Jahr alt waren, wurde die Knigin
pltzlich schwer krank; zwar wurden Aerzte von nah und fern
herbeigerufen, aber sie konnten nicht helfen, denn fr den Tod ist kein
Kraut gewachsen. Die Knigin fhlte selbst, da sie von Stunde zu Stunde
dem Grabe immer nher kam, und lie dehalb die Wrterin und vormalige
Amme der Dotterine rufen. Ihr, als der treuesten ihrer Dienerinnen,
bergab sie das Glckskrbchen mit den Eierschalen und schrfte ihr ein,
das verwunderliche Ding sorgfltig in Acht zu nehmen. Wenn mein
Tchterchen, so sagte die Knigin, zehn Jahr alt ist, dann hndige ihr
das Kleinod ein, und ermahne sie, es zu hten, weil es das Glck ihrer
Zukunft birgt. Um meinen Sohn sorge ich nicht, ihn, als des Reiches
Erben, wird der Knig unter seine Obhut nehmen. Die Wrterin mute ihr
dann eidlich versprechen, das Geheimni vor jedermann zu bewahren.
Darauf lie sie den Knig an ihr Bett rufen und bat ihn, er mge die
gewesene Amme Dotterinen's ihr als Wrterin und Dienerin lassen, so
lange als Dotterine es wnschen wrde. Der Knig versprach es; noch
denselben Abend gab seine Gemahlin ihren Geist auf.

Nach einigen Jahren freite der verwittwete Knig wieder, und brachte
eine junge Frau in's Haus, die sich aus dem gealterten Gemahl nichts
machte, sondern ihn nur aus Ehrgeiz genommen hatte. Die Kinder der
ersten Frau konnte sie nicht vor Augen sehen, wehalb der Knig sie an
einem abgesonderten Orte aufziehen lie, wo Dotterinen's frhere Amme
mtterlich fr sie sorgte. Kamen die Kinder einmal zufllig der
Stiefmutter zu Gesicht, so stie sie dieselben wie junge Hunde mit dem
Fue fort, so da die Kinder sie scheuten wie das Feuer. Als Dotterine
das Alter von zehn Jahren erreicht hatte, hndigte ihr die Amme das
Pathengeschenk ein, und ermahnte sie, dasselbe wohl in Acht zu nehmen.
Da das Geschenk aber dem Kinde so gar unansehnlich vorkam, so gab es
nicht viel darauf, legte es zu den brigen von der Mutter geerbten
Sachen in den Kasten, und dachte nicht weiter daran. Darber waren
wieder ein Paar Jahre hingegangen, als eines Tages, da der Knig sich
entfernt hatte, die Stiefmutter Dotterine im Garten unter einer Linde
sitzen fand: wie ein Habicht fuhr sie auf das Kind los, ri es an den
Ohren und schlug es, da Blut aus Mund und Nase flo. Weinend lief das
Mdchen in ihr Gemach, und als sie die Amme dort nicht fand, fiel ihr
mit einem Male das Pathengeschenk ein. Sie nahm es aus dem Kasten und
wollte nun zu ihrer Zerstreuung sehen, was denn wohl darin wre. Aber
sie fand im Krbchen keinen greren Schatz als eine Handvoll feine
Schafwolle und ein paar leere Eierschalen. Unter der Wolle auf dem
Grunde des Krbchens lag ein Flederwisch. Als nun das Mdchen am
geffneten Fenster die wertlosen Sachen betrachtete, verursachte es
einen Luftzug, der den Flederwisch fort blies. Augenblicklich stand eine
fremde schne Frau neben Dotterinen, streichelte ihr Kopf und Wangen und
sagte freundlich: Frchte dich nicht, liebes Kind, ich bin deine
Taufmutter, und bin hergekommen, dich zu sehen. Deine vom Weinen
angeschwollenen Augen sagen mir, da du traurig bist. Ich wei, da das
Leben, welches du unter dem Joche deiner Stiefmutter fhrst, nicht
leicht ist, allein halte aus und bleibe brav in allen Anfechtungen, dann
werden einst bessere Tage fr dich anbrechen. Wenn du erwachsen bist,
hat deine Stiefmutter keine Gewalt mehr ber dich, und eben so wenig
knnen andere bse Menschen dir schaden, wenn du dein Krbchen nicht
verloren gehen lssest; auch die Eierschalen darfst du nicht abhanden
kommen lassen, zu rechter Zeit werden sie sich wieder zu einem Eichen
zusammenfgen, und dann wird dein Glck erblhen. Nhe dir ein seidenes
Sckchen, stecke das Krbchen hinein und verwahre es Tag und Nacht im
Busen, so knnen dir weder deine Stiefmutter noch andere Menschen etwas
Bses anhaben. Sollte dir aber irgend etwas zustoen, wobei du ohne
meinen Rath nicht durchkommen zu knnen glaubst, so nimm den Flederwisch
aus dem Krbchen und blase ihn in's Freie; dann werde ich augenblicklich
da sein, dir zu helfen. Komm jetzt in den Garten, da knnen wir uns
unter der Linde weiter unterhalten, ohne da ein Anderer es hrt. Unter
der Linde setzten sie sich auf eine Rasenbank und die Taufmutter wute
der Kleinen durch anmuthiges Gesprch die Zeit so gut zu verkrzen, da
sie nicht merkte, wie die Sonne schon lngst untergegangen war und die
Nacht hereinbrach. Da sagte die Taufmutter: Reiche mir das Krbchen,
ich will etwas Abendbrot besorgen, damit du nicht mit leerem Magen
schlafen zu gehen brauchst. Sie sprach dann heimliche Worte ber das
Krbchen, worauf ein Tisch mit wohlschmeckenden Speisen aus dem Boden
stieg. Beide aen sich satt, dann begleitete die Taufmutter Dotterinen
wieder zum Hause des Knigs, und lehrte ihr whrend dieses Ganges die
geheimen Worte, welche sie dem Krbchen zuflstern msse, wenn sie etwas
zu begehren htte. Seltsam war es, da von da an die Stiefmutter ihrer
Stieftochter kein bses Wort mehr gab, sondern fast immer freundlich
gegen sie war.

Nach einigen Jahren war Dotterine zur reifen Jungfrau herangewachsen,
und ihre Schnheit und Wohlgestalt war so blendend, da man glaubte, es
gebe ihres Gleichen nicht auf der Welt. Da brach ein schwerer Krieg aus,
der von Tag zu Tage schlimmer wurde, bis zuletzt der Feind vor die
Knigsstadt zog und sie mit Heeresmacht einschlo, so da keine Seele
heraus noch herein kommen konnte. Der Hunger begann die Einwohner zu
qulen, und auch in des Knigs Hause drohte binnen wenigen Tagen der
Mundvorrath auszugehen. -- Da lie Dotterine eines Tages ihren
Flederwisch fliegen, und siehe da! augenblicklich war die Taufmutter bei
ihr. Als die Knigstochter ihr die Noth und das Elend geklagt hatte,
sagte die Taufmutter: Dich, liebes Kind, kann ich wohl aus dieser
Gefahr erretten, fr die andern aber reicht meine Hlfe nicht aus, sie
mssen selber sehen, wie sie durchkommen. Darauf nahm sie Dotterinen
bei der Hand und fhrte sie aus der Stadt mitten durch das Heer der
Feinde, deren Augen sie so verblendet hatte, da Niemand die Flchtlinge
sehen konnte. Am folgenden Tage fiel die Stadt in die Hand der Feinde,
und der Knig mit seinem ganzen Hause wurde gefangen genommen, sein Sohn
Willem aber war glcklich entronnen. Die Knigin hatte durch einen
feindlichen Speer den Tod gefunden. Fr Dotterine hatte die Taufmutter
Bauernkleider besorgt, und ihr Antlitz so verndert, da Niemand sie
erkennen konnte. Wenn einst wieder eine bessere Zeit kommt, sagte die
Taufmutter, und du dich sehnst, in deiner frheren Gestalt vor die
Leute zu treten, dann flstere dem Krbchen die geheimen Worte zu und
gebiete ihm, dich in deine eigene Gestalt zurck zu verwandeln; und es
wird so geschehen. Jetzt ertrage eine Zeitlang geduldig schwere Tage,
bis die Lage sich bessert. Scheidend ermahnte sie noch das Mdchen, das
Krbchen gut in Acht zu nehmen, und entfernte sich dann. Dotterine
wanderte mehrere Tage von einem Orte zum andern umher, da aber der Feind
die ganze Umgegend verwstet hatte, so fand sie anfangs weder Obdach
noch Dienst. Zwar bot ihr das Krbchen ihre tgliche Nahrung, aber sie
wollte doch nicht so auf eigene Hand weiter leben, und nahm dehalb mit
Freuden einen Dienst als Magd in einem Bauerhofe an, wo sie so lange zu
bleiben gedachte, bis die Dinge sich wenden wrden. Anfangs wurde die
ungewohnte grobe Arbeit Dotterinen sehr schwer, weil sie sich eben noch
niemals damit abgegeben hatte. Aber war es nun, da ihre Gliedmaen
sich wirklich so schnell abhrteten, oder da das Wunderkrbchen ihr
heimlich half -- nach drei Tagen ging ihr Alles so gut von der Hand, als
wre sie von Kindesbeinen an dabei aufgewachsen. An ihr wurde das alte
Wort zu Schanden, welches sagt: Man kann wohl aus einem Bauern eine
Herrschaft, aber aus einer Herrschaft keinen Bauern machen. Da traf es
sich, da eines Tages eine Edelfrau durchs Dorf fuhr, als Dotterine
gerade auf dem Hofe Holzgefe scheuerte. Des Mdchens flinkes Thun und
anmuthiges Wesen fesselte die Frau; sie lie halten, rief das Mdchen
heran und fragte: Hast du nicht Lust bei mir auf dem Gute in Dienst zu
treten? Gern, antwortete die Knigstochter, wenn meine jetzige
Brotherrschaft mir Erlaubni giebt. Die Frau versprach die Sache mit
dem Wirthe in Ordnung zu bringen, lie das Mdchen den Sitz hinter der
Kutsche einnehmen und fuhr mit ihr auf's Gut. Hier hatte es Dotterine
wieder leichter, denn ihre ganze Arbeit bestand darin, die Zimmer
aufzurumen und der Frau und den Frulein beim Ankleiden behlflich zu
sein. Nach einem halben Jahre kam die frhliche Kunde, da des alten
Knigs Sohn, der den Feinden glcklich entkommen war, in der Fremde ein
Heer gesammelt, mit welchem er sein Knigreich dem Feinde wieder
abgenommen habe, und da er nun selber zum Knige erhoben worden sei.
Die Freudenbotschaft war aber zugleich von einer Todesbotschaft
begleitet: der alte Knig war im Gefngni gestorben. Da nun Dotterine
Anderen ihren Kummer nicht zeigen durfte, so weinte sie heimlich bittere
Thrnen ber ihres Vaters Tod, denn ein anderer als ihr Vater konnte ja
doch der verstorbene Knig nicht sein.

Nach Ablauf des Trauerjahres lie der junge Knig verknden, da er
entschlossen sei, sich zu vermhlen. Es wurden deswegen von nah und fern
alle Jungfrauen vornehmer Herkunft zu einem Feste in das Haus des Knigs
geladen, damit derselbe sich aus ihrer Mitte eine junge Frau whlen
knne, wie Auge und Herz sie begehrten. Auch die Tchter der Dame, bei
welcher Dotterine diente, und die alle drei jung und blhend waren,
rsteten sich zum Feste. Dotterine hatte jetzt einige Wochen vom Morgen
bis zum Abend vollauf mit dem Putze der Frulein zu thun. In dieser Zeit
trumte ihr jede Nacht, ihre Taufmutter kme an ihr Bett und sagte:
Schmcke erst deine Frulein zum Feste, und dann folge selber nach.
Keine kann dort so schmuck und so schn sein wie du! Je nher der Tag
des Festes heranrckte, desto unruhiger wurde Dotterinen zu Muthe, und
als die Frau mit ihren Tchtern davon gefahren war, warf sie sich mit
dem Gesicht auf's Bett und vergo bittere Thrnen. Da war's, als ob ihr
eine Stimme zurief: Nimm dein Krbchen zur Hand, dann wirst du Alles
finden, was du brauchst. Dotterine sprang auf, nahm das Krbchen aus
dem Busen, sprach darber die geheimen Worte, welche sie gelernt hatte,
und siehe das Wunder! augenblicklich lagen prachtvolle goldgewirkte
Gewnder auf dem Bette. Als sie sich dann das Gesicht wusch, erhielt sie
ihr frheres Ansehen wieder, und als sie die prchtigen Kleider angelegt
hatte, und dann vor den Spiegel trat, erschrack sie selber ber ihre
Schnheit. Als sie die Treppe hinunter kam, fand sie vor der Thr eine
stattliche Kutsche mit vier dotterfarbigen Pferden bespannt. Sie setzte
sich ein und fuhr mit Windesschnelle fort, so da sie in weniger als
einer Stunde vor der Pforte des Knigshauses angelangt war. Als sie eben
aussteigen wollte, fand sie zu ihrem Schrecken, da sie beim raschen
Ankleiden das Glckskrbchen zu Hause vergessen hatte. Was jetzt
beginnen? Schon entschlo sie sich zurckzufahren, als eine kleine
Schwalbe mit dem Krbchen im Schnabel an's Kutschfenster geflogen kam.
Erfreut nahm ihr Dotterine das Krbchen aus dem Schnabel, steckte es in
den Busen und hpfte leicht wie ein Eichhrnchen die Treppe hinauf.

Im Festgemach funkelte Alles von Pracht und Schnheit, die vornehmen
Frulein hatten ihren kostbarsten Schmuck angelegt, jede in der
Hoffnung, da des jungen Knigs Auge auf sie fallen wrde. Als aber
pltzlich die Thr sich ffnete und Dotterine eintrat, da erbleichte der
Andern Glanz wie der der Sterne beim Aufgang der Sonne, so da der
Knigssohn nur noch diese Jungfrau sah. Einige ltere Personen, die sich
noch dessen erinnerten, was vorgefallen war, als der Knig mit seiner
spter verschwundenen Schwester die Taufe erhielt, sprachen zu einander:
Diese Jungfrau kann gar wohl die Tochter jener unbekannten Dame sein,
welche bei unseres alten Knigs Tochter Gevatter stand. Der Knig kam
Dotterinen nicht mehr von der Seite, und kmmerte sich nicht um die
brigen Gste. Um Mitternacht geschah etwas Wunderbares: das Gemach war
pltzlich wie in Wolken gehllt, so da man weder den Glanz der Lichter
noch die Menschen sah. Nach einer kleinen Weile entwickelte sich aus
dem Nebel wieder Helligkeit und es erschien eine Frau, die keine andere
war, als Dotterinens Taufmutter. Sie sprach zum jungen Knige: Das
Mdchen, welches neben dir steht, ist deine vermeintliche Schwester,
welche mit dir zusammen getauft wurde, und an dem Tage verschwand, wo
die Stadt in die Hnde der Feinde fiel. Die Jungfrau ist aber nicht
deine Schwester, sondern eines weit entfernten Knigs Tochter, welche
ich aus der Verzauberung erlste, und deiner verstorbenen Mutter zur
Pflege bergab. Dann krachte es, da die Wnde zitterten, und in
demselben Augenblick war die Taufmutter verschwunden, ohne da jemand
sah, wo sie hingekommen war. Der junge Knig lie sich am folgenden Tage
mit Dotterinen trauen, worauf eine prchtige Hochzeitsfeier folgte. Der
Knig lebte mit seiner Gemahlin sehr glcklich bis an sein Ende, aber
Niemand hat je gehrt, wohin das Glckskrbchen gekommen ist. Man meint,
die Taufmutter habe es heimlich mitgenommen, als sie ihre Pathe das
letzte Mal gesehen.

[Funote 86: Aus dem von einem Hhnchen ausgebrteten Ei eines
Birkhuhns ist Linda, die Gattin des Kalew und die Mutter des
Kalewsohnes, hervorgegangen. S. den Anfang des _Kalewipog_. L.]




Anmerkungen

von

Reinhold Khler und Anton Schiefner.


1. Die Goldspinnerinnen.

Wie S. 10 eine Handvoll aus _neunerlei_ Arten gemischter Hexenkruter zur
Verfertigung des Hexenknuels gebraucht wird, so kmmt S. 243 ein Trank
aus _neunerlei_ Krutern vor, wovon ein Jngling drei Tage hinter einander
_neun_ Lffel tglich erhlt. S. 246 wscht sich die Hllenjungfrau _neun_
mal ihr Gesicht in der Quelle und umwandelt sie _neun_ mal. S. 262 _neun_
Kinder. Die Heiligkeit und die hufige Anwendung der Neunzahl ist
bekanntlich uralt und weit verbreitet, namentlich auch bei den
finnisch-tatarischen Vlkern. Vgl. Ph. J. v. Strahlenberg Das Nord- und
Ostliche Theil von Europa und Asia, Stockholm 1730, S. 75-82, und
Schiefner Die Heldensagen der Minussinschen Tataren S. =XXIX=. Auch in den
in neuster Zeit von W. Radloff gesammelten Proben der Volksliteratur der
trkischen Stmme Sd-Sibiriens begegnet die Neunzahl sehr oft. Was
insbesondere die _neunerlei Kruter_ betrifft, so erwhnt Strahlenberg S.
78, da die Bauern in Liefland gemeiniglich neunerlei Kruter zu ihren
Arzenei-Getrnken gebrauchen. Auch im deutschen Aberglauben spielen die
neunerlei Kruter eine wichtige Rolle (A. Wuttke Der deutsche
Volksaberglaube der Gegenwart, 2. vllig neue Bearbeitung, Berlin 1869,
. 120, vgl. auch . 74, 85, 92, 253, 495, 528, 683). K.


3. Schnellfu, Flinkhand und Scharfauge.

Mrchen von Menschen mit derartigen wunderbaren Eigenschaften sind
zahlreich. Viele derselben hat Benfey in seinem Aufsatz Das Mrchen von
den Menschen mit den wunderbaren Eigenschaften im Ausland 1858, Nr.
41-45 zusammengestellt. Vgl. auch noch Jahrbuch fr romanische und
englische Literatur =VII=, 32. Das ehstnische Mrchen ist eine durchaus
eigenthmliche Gestaltung des Stoffes. K.

S. 34, Z. 1 und 18 lese man _drei Eier eines schwarzen Huhns_. Wie hier
ein _schwarzes_ Huhn, so S. 62 ein _schwarzer_ Hund, S. 70 u. 289 eine
_schwarze_ Katze, S. 97 ein _schwarzes_ Pferd, S. 99 _schwarze_ Ochsen. Sch.

Der S. 42 vorkommende _Goldapfelbaum_, von dem Goldpfel entwendet werden
und bei dem nachts gewacht wird, bis der Dieb entdeckt wird, ist einem
vielverbreiteten Mrchen entnommen, welches man das Mrchen von dem
Goldapfelbaum und von den drei Knigsshnen betiteln kann. Es findet
sich bei Grimm Nr. 57, v. Hahn Griechische und albanesische Mrchen Nr.
70, Schott Walachische M. Nr. 26, J. W. Wolf Zeitschrift fr deutsche
Mythologie =II=, 389 (aus der Bukowina), Wuk Serbische Volksmrchen Nr. 4,
Waldau Bhmisches Mrchenbuch S. 131, Glinski =Bajarz polski I=, 1, Vogl
Die ltesten Volksmrchen der Russen Nr. 2 und nach Schiefners
Mittheilung bei Afanasjew =VII=, 121 und Salmelainen =IV=, 45. In allen
diesen Mrchen sind es wunderbare Vgel, welche die Aepfel entwenden.
Das masurische Mrchen bei Tppen Aberglauben aus Masuren, 2. Aufl., S.
139, gehrt nur dem Anfang nach her, verluft aber dann in ein ganz
andres Mrchen. K.

S. 47 wre statt der Hexenmeister _Piirisilla_ genauer zu bersetzen
der Hexenmeister von _Piirisild_ d. h. Grnzbrcke (Genitiv _Piirisilla_).
Vielleicht steckt in dem Piirisild eine Erinnerung an den Zauberer
Virgilius. Letzterer ist sogar noch in einem polnischen Kinderspiel
bekannt, das dem englischen Simon sagts (s. Wagner Illustrirtes
Spielbuch fr Knaben, Leipzig O. Spamer, 2. Aufl., Nr. 714) zunchst
kommt. Sch.

S. 51, Z. 4 ist mit dem ehstnischen Texte bereinstimmend zu lesen
_schwedische_ Brder. Es zogen diese ja zu dem Knige im _Nordlande_, wie
wir aus S. 49 Zeile 6 ersehen. Wir haben zugleich einen Fingerzeig ber
die Quelle des Mrchens. So finden wir auch S. 60 den _Schwedenknig_
genannt. Sch.


4. Der Tontlawald.

In dem russischen Mrchen die schne Wasilissa (Afanasjew =IV=, 44) wird
die Stieftochter in den Wald geschickt, um von der dort wohnenden Hexe
(=Jag bab=) Feuer zu holen. Auf den Rath der ihr von der Mutter auf dem
Sterbebett bergebenen Puppe, mit der sie ihre Nahrung theilt, begiebt
sie sich in den Wald und besteht dort alle Gefahren. Die Hexe giebt ihr
einen Todtenkopf mit funkelnden Augen mit, welcher ihre Stiefschwestern
zu Asche verbrennt.

Gute Kenner der ehstnischen Gebruche besttigen mir die S. 74 und 177
vorkommende Sitte, fr die Todtenwchter zur Nacht Erbsen in Salz zu
kochen. Sch.


5. Der Waise Handmhle.

Auer dem von Herrn Lwe in der Anmerkung auf S. 80 Angefhrten verweise
ich auf den Aufsatz Ueber das Wort Sampo im finnischen Epos im
Bulletin der Petersburger Akademie =III=, 497-506 = =Mlanges russes IV=,
195-209, in welchem ich verschiedene auf Wundermhlen bezgliche
russische Mrchen vorfhre. Sch.


7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glck fand.

Dieses Mrchen ist frher von Herrn Kreutzwald mir mitgeteilt und von
mir im Bulletin =XVI=, 448-56 und 562-63 (= =Mlanges russes IV=, 7-18) in
dem Aufsatz Zum Mythus vom Weltuntergange verffentlicht worden, wo
auch das in finnischen Mrchen Vorkommende verwandten Inhalts berhrt
ist. Sch.

Wie sich in diesem Mrchen (S. 95 f.) ein ins Wasser geworfenes
Klettenblatt in einen Nachen verwandelt, so verwandeln sich in Ariostos
Rasendem Roland (=XXXIX=, 26-28) die von Astolf ins Meer geworfenen
verschiedenen Bltter in Schiffe. K.


8. Schlaukopf.

Dieses Mrchen erinnert einigermaen an die, welche ich im Jahrbuch fr
roman. und engl. Literatur =VII=, 137 f. zusammengestellt habe. Nach
Schiefners Mittheilung gehrt dazu noch ein finnisches (Salmelainen =IV=,
126), wo Helli dem Bergkobold (=Wuoren peikko=) Pferd, Geld und goldene
Decke stiehlt. K.


11. Der Zwerge Streit.

Der Streit der Erben (Geister, Teufel, Riesen, Zwerge, Menschen) um
Wunschdinge, welche dann der von den Streitenden erwhlte Schiedsrichter
sich aneignet, kmmt oft in den Mrchen des Morgen- und Abendlandes vor.
Nher darauf einzugehen ist hier nicht der Ort, nur folgendes sei
bemerkt. Die Zahl der Wunschdinge ist hufig drei, und darunter befinden
sich sehr oft ein Paar Schuhe oder Stiefeln und ein Hut oder eine Mtze.
Erstere bringen den Besitzer entweder, wie hier, sofort an einen
gewnschten Ort, oder er kann wenigstens in ihnen mit jedem Schritt
Meilen (7-1000) zurcklegen. Der Hut oder die Mtze hat meistens die
Eigenschaft unsichtbar zu machen: da der Trger des Hutes aber alles,
auch das fernste und den gewhnlichen Menschen sonst unsichtbare, sehen
kann, ist dem ehstnischen Mrchen eigen, ebenso wie der Alles
schmelzende Stock. Zwar kmmt unter den Wunschdingen in mehreren Mrchen
ein Stock oder eine Keule vor, aber nicht mit dieser Eigenschaft.

Was den Umstand betrifft, da der Hut aus Ngelschnitzeln gemacht ist,
so ist auer dem S. 143, Anm. 1 Bemerkten noch auf Schiefners
Mittheilung im Bulletin =II=, 293 zu verweisen, da die Lithauer in
Samogitien ihre Ngelschnitzel nicht wegwerfen, sondern an ihrem Leibe
verwahren, aus Furcht, der Teufel knne dieselben auflesen und sich
einen Hut daraus machen. Schiefner erinnert auch an das aus
Ngelschnitzeln Todter gebildete Todtenschiff Naglfari in der Edda.

Da Zwerge bei Hochzeiten unsichtbar mitessen, kmmt fters in deutschen
Sagen vor, z. B. in Bschings Wchentlichen Nachrichten =I=, 73,
Mllenhoff Sagen, Mrchen und Lieder aus Schleswig u. s. w. S. 280, Nr.
380, Kuhn und Schwartz Norddeutsche Sagen Nr. 189, 4; 270, 2; 291. K.


13. Wie eine Knigstochter sieben Jahre geschlafen.

Man vgl. das finnische Mrchen aus Salmelainens Sammlung in Ermans
Archiv fr wissenschaftliche Kunde von Ruland =XIII=, 483, das masurische
bei Tppen Aberglauben aus Masuren S. 148, das von Chavannes in der
Sammelschrift Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert =IX=, 100
mitgetheilte russische, das polnische bei Glinski =Bajarz polski I=, 38,
das tiroler bei Zingerle Tirols Volksdichtungen und Volksgebruche =II=,
395. Alle diese Mrchen gehen gleich dem ehstnischen davon aus, da ein
sterbender Vater seine drei Shne auffordert, nach seinem Tode der Reihe
nach je eine Nacht auf seinem Grabe zuzubringen, welcher Aufforderung
jedoch die beiden ltesten nicht nachkommen, whrend der jngste, der
als Dmmling gilt, alle drei Nchte auf dem vterlichen Grabe wacht. Die
Hand der Knigstochter soll im finnischen Mrchen der erhalten, welcher
sein Pferd bis ans dritte Stockwerk der Hofburg springen lassen und der
da sitzenden Prinzessin einen Ku geben kann; im masurischen, wer zu
Pferde zweimal in das vierte Stockwerk des Schlosses zur Prinzessin
gelangen kann; im russischen, wer zu Pferde der im dritten Stockwerk
sitzenden Prinzessin einen Ku geben, oder nach Varianten: wer ber
zwlf Glastafeln oder ber so und so viel Balken zu ihr oder ihrem Bild
zu Pferd gelangen kann; im tiroler, wer einen steilen Felsen empor
reiten kann; im polnischen, wer in Ritterspielen siegt. In einigen der
zahlreichen, sonst hnlichen Mrchen, in denen jedoch die Nachtwachen
auf dem Grabe des Vaters fehlen, mu, wie im ehstnischen, der Bewerber
um die Hand der Knigstochter einen Glasberg hinaufreiten (Sommer Sagen,
Mrchen und Gebruche aus Sachsen und Thringen =I=, 96, Asbjrnsen und
Mo Norske Folkeeventyr Nr. 52, Grundtvig Gamle danske Minder i
Folkemunde =I=, 211, Mllenhoff Sagen, Mrchen und Lieder aus Schleswig u.
s. w. S. 437, Anmerk. zu Nr. =XIII=). In fast allen hierher gehrigen
Mrchen macht der Dmmling von seinem Siege zunchst keinen Gebrauch,
begibt sich vielmehr unerkannt nach Hause und wird erst nach einiger
Zeit, meist ohne sein Zuthun, als der gesuchte Sieger erkannt. In diesem
Punkte ist das ehstnische Mrchen entstellt. Durchaus eigentmlich dem
ehstnischen Mrchen sind der siebenjhrige Schlaf der Knigstochter und
der Umstand, da der Bauernsohn ein vertauschter Prinz ist. K.

Da der Glaskasten, in dem die Knigstochter ruht, und der Glasberg
Nachklnge der altnordischen Brynhildr-Mythe sind, bemerke ich, indem
ich kurz auf Mannhardt Germanische Mythen S. 333 verweise, woselbst man
auch das hierher gehrige dnische Volkslied citiert findet, demzufolge
Sigfrid den Glasberg hinaufreitet. Es ist sehr wahrscheinlich, da der
in der russischen Heldensage rthselhaft dastehende Swjatogor (ob nicht
entstellt aus Sigurd?), der sein Weib in einem Krystall-Schrein auf den
Schultern trgt (Rybnikow =I=, 37), hierher zu ziehen ist. Wie sehr
Verunstaltungen im Laufe der Zeit entstehen knnen, erkennt man leicht,
wenn man bedenkt, wie die dem Swjatogor vom Schicksal bestimmte Braut im
Land am Meeresstrand dreiig Jahre auf einem Misthaufen ruht und ihr
Leib wie Tannenrinde aussieht; vgl. meinen Aufsatz Zur russischen
Heldensage im Bulletin =IV=, 273-85 = =Mlanges russes IV=, 230-48. In dem
Mrchen der Krystallberg bei Afanasjew =VII=, 209, kriecht der
Knigssohn Iwan in Gestalt einer Ameise in den Krystallberg, in welchen
der zwlfkpfige Drache die Knigstochter entfhrt hatte; er tdtet den
Drachen und findet in dessen rechter Seite einen Kasten, in dem Kasten
einen Hasen, in dem Hasen eine Ente, in der Ente ein Ei, in dem Ei ein
Samenkorn; dieses zndet er an und bringt es zum Krystallberg, der
alsbald zerschmilzt. Sch.


14. Der dankbare Knigssohn.

Man vgl. die von mir in Benfeys Orient und Occident =II=, 103-114
zusammengestellten Mrchen, denen man noch Haltrich Volksmrchen aus dem
Sachsenlande in Siebenbrgen Nr. 26, v. Hahn Griechische und
albanesische Mrchen Nr. 54, Glinski =Bajarz polski I=, 109, Kletke
Mrchensaal =II=, 71, Schneller Mrchen aus Wlschtirol Nr. 27 beifge. In
allen diesen Mrchen gerth ein Jngling -- meistens in Folge eines
erzwungenen oder erlisteten Versprechens seines Vaters -- in die Gewalt
eines feindlichen Wesens (Teufel, Dmon, Geist, Riese, Meerfrau,
Zauberer, Hexe) und trifft da eine Jungfrau -- in den meisten Mrchen
die Tochter jenes Wesens --, durch deren Hilfe er die ihm aufgegebenen
schweren Arbeiten verrichtet und die dann mit ihm entflieht. Die meisten
Mrchen schlieen aber nicht hiermit, sondern sie erzhlen noch, wie der
Jngling seine Retterin in Folge der Uebertretung einer ihm von ihr
gegebenen Vorschrift eine Zeitlang vergit. -- Wie im ehstnischen
Mrchen der verirrte Knig dem Teufel das versprechen mu, was ihm auf
seinem Hof zuerst entgegen kmmt, so mssen in dem entsprechenden
Mrchen bei Mllenhoff Nr. 6 die verirrten Eltern dasselbe versprechen,
und in dem parallelen schwedischen Mrchen bei Cavallius Nr. =XIV=, =A=, mu
der Knig in seinem Schiff dem Meerweib das versprechen, was ihm am
Strande zuerst begegne. In andern der hierher gehrigen Mrchen wird das
verlangt und versprochen, was man zu Hause habe, ohne es zu wissen
(Glinski, Kletke), oder was die Knigin unter dem Grtel trgt
(Cavallius Nr. =XIV=, =B=), oder der Sohn wird geradezu verlangt (Campbell,
v. Hahn); bei Haltrich endlich wird en noa Sil verlangt, was ein
neues Seil und eine neue Seele bedeutet.[87] -- Dem ehstnischen Mrchen
ganz eigentmlich ist die Vertauschung des Knigssohn mit der
Bauerntochter. Auch die Aufgaben, die im ehstnischen Mrchen der Teufel
gibt, sind andere als in den brigen Mrchen. -- Da die Jungfrau sich
und ihren Schtzling auf der Flucht verwandelt, kmmt in mehreren der
parallelen Mrchen vor, insbesondere die Verwandlung in Rosenstrauch und
Rose bei Grimm Nr. 113 und Mllenhoff Nr. 6, auch in den theilweis
hierher gehrigen Mrchen bei Wolf deutsche Hausmrchen S. 292 und
Waldau Bhmisches Mrchenbuch S. 268, die in Wasser und Fisch bei Grimm
Nr. 113. K.

Wie S. 194 der Knigssohn statt seiner Hand eine glhende Schaufel
reicht, so in einem russischen Heldenlied Ilja von Murom dem blinden
Vater Swjatogors ein Stck erhitztes Eisen (Rybnikow =III=, 6). Sch.

[Funote 87: Nicht diese letztere Form des Versprechens, aber die
brigen kommen auch in anderen, sonst nicht unmittelbar in diesen Kreis
gehrigen Mrchen vor, z. B. bei Grimm Nr. 92, Schott Walachische
Mrchen Nr. 2 (das zuerst Begegnende); Asbjrnsen Nr. 9 (das unterm
Grtel); Wolf S. 199, Waldau S. 26, v. Saal Mrchen der Magyaren S. 129
(das nicht Gewute zu Hause).]


15. Rugatajas Tochter.

In dem finnischen Mrchen die wunderliche Birke (Salmelainen =I=, 76) hat
die bse Syjtr die vom Knigssohne geheirathete Tuhkimus
(Aschenbrdel) in eine Rennthierkuh verwandelt; in dieser Gestalt stillt
sie ihr Kind; die Rennthierhaut wird vom Knigssohn verbrannt; Syjtr
und ihre Tochter kommen in der Badstube um. Sch.

Insofern in beiden Mrchen die abgelegte Thierhaut verbrannt wird,
berhren sie sich mit den zahlreichen, brigens anders verlaufenden
Mrchen von der verbrannten Thierhlle. Vgl. Benfey Pantschatantra =I=,
254 und meine Zusammenstellung im Jahrbuch fr roman. und englische
Literatur =VII=, 254 ff., die sich noch vermehren lt. K.


16. Die Meermaid.

Die ehstnische Ueberschrift _Nkineitsi_ d. i. buchstblich
Nk-Mdchen (Nixe) weist auf schwedischen Ursprung des Mrchens hin.
Sch.

Man vergleiche die bekannte franzsische, fast in ganz Europa, auch in
_Schweden_ zum Volksbuch gewordene Dichtung von der Melusine, die alle
Sonnabende[88] vom Nabel abwrts zur Schlange wurde und welcher Graf
Raimund vor seiner Vermhlung mit ihr versprechen mute, sie nie
Sonnabends sehen zu wollen.

Wenn Schlaf-Tnnis aus dem Reich der Meermaid als Greis auf die Erde
zurckkehrt, so beruht dies auf dem Glauben, da Sterblichen im Elfen-
oder Feen-Lande die Zeit, ihnen unbewut, mit reiender Geschwindigkeit
verfliet. So glaubt Thomas der Reimer bei der Elfenknigin drei Tage
gewesen zu sein, whrend doch drei Jahre verflossen sind. (W. Scott
=Border Minstrelsy=, =Edinburgh 1861=, =IV=, 127). Ein schwedischer Ritter ist
40 Jahre im Elfenland gewesen und glaubt nur eine Stunde da verbracht zu
haben (Afzelius Volkssagen und Volkslieder aus Schwedens lterer und
neuerer Zeit, bersetzt von Ungewitter =II=, 297). Vgl. auch das Mrchen
aus Wales bei Rodenberg Ein Herbst in Wales S. 128 und die
Kiffhuser-Sagen bei A. Witzschel Sagen aus Thringen Nr. 277 und 278.
Legenden erzhlen Gleiches von Menschen, die im Paradies gewesen sind.
Vgl. Liebrechts Anmerkung zu Dunlop a. a. O. S. 543 und W. Menzel
Christliche Symbolik =II=, 194 ff. K.

[Funote 88: Die Fee Manto in Ariosts Rasendem Roland (=XLIII=, 98) und
die Sibylle im Roman Guerino Meschino (Dunlop Geschichte der
Prosadichtungen, bersetzt von F. Liebrecht, S. 315) werden ebenfalls
alle Sonnabende -- aber nicht blo vom Nabel an, sondern ganz -- zu
Schlangen.]


18. Der Nordlands-Drache.

Ueber den _Ring Salomonis_ vgl. Eisenmenger Entdecktes Judenthum S. 351
ff., J. v. Hammer Rosenl =I=, 171 ff., G. Weil Biblische Legenden der
Muselmnner S. 231 und 271 ff., F. Liebrecht Des Gervasius von Tilbury
=Otia imperialia= S. 77. In einem Mrchen der 1001 Nacht (Der Tausend und
Einen Nacht noch nicht bersetzte Mhrchen u. s. w. in's Franzsische
bersetzt von J. v. Hammer und aus dem Franzsischen in's Deutsche von
A. E. Zinserling, =I=, 311) wird, wie im ehstnischen Mrchen, der Ring
Salomos, der mit diesem Ring am Finger in einer Insel der sieben Meere
begraben liegt, gesucht. K.


19. Das Glcksei.

Da in Schlangen, Krten oder dergl. verwandelte Jungfrauen nur erlst
werden knnen, wenn ein Jngling sie dreimal kt oder sich kssen lt,
kmmt in deutschen Sagen fters vor. S. Grimm Deutsche Mythologie S.
921, W. Menzel Die deutsche Dichtung I, 192, Curtze Volksberlieferungen
aus Waldeck S. 198. K.


20. Der Frauenmrder.

Eine Variante des bekannten Blaubart-Mrchens. S. die Anmerkung zu Grimm
Nr. 46 und Jahrbuch fr romanische und englische Literatur =VII=, 151 f.
K.


23. Dudelsack-Tiidu.

In Bezug auf die Aepfel, welche ein Wachsen der Nasen verursachen, und
die Nsse, durch welche die Nasen wieder klein werden, vergleiche man
die Geschichte des Fortunatus und seiner Shne (s. Zachers Artikel
Fortunatus in der Encyklopdie von Ersch und Gruber) und Grimm Nr.
122, Zingerle Tirols Volksdichtungen =II=, 73, Curtze Volksberlieferungen
aus Waldeck S. 34, Campbell =Popular tales of the West Highlands= Nr. 10,
das finnische Mrchen aus Salmelainens Sammlung (=I=, 4.) bei Asbjrnsen
und Gre Nord und Sd S. 145, das rumnische im Ausland 1856, S. 716,
Nr. 8. K.




Berichtigungen und Zustze.


S. 34 Z. 1 u. 18 v. o. l. drei Eier von einer schwarzen Henne
      st. drei schwarze Hhnereier (die es ja nicht giebt!)

S. 117 Z. 2 v. o. l. alsdann st. aldann.

S. 127 Anm. 2 l. Oesel st. Desel.

S. 174 Die in den Verhandlungen der gelehrten ehstn. Gesellschaft
       zu Dorpat abgedruckte Kreutzwaldsche Uebersetzung
       des Mrchens vom dankbaren Knigssohn ist verglichen
       worden; der ehstnische Text hat in der helsingforser
       Sammlung verschiedene Zustze erhalten. Uebersetzungen
       anderer ehstnischer Mrchen haben mir nicht vorgelegen.

S. 174 Z. 2 v. u. fehlt zu vor: ihm.

S. 184 Nota. In Beziehung auf das weie Pferd bemerkt Neus
       zu der Sage von =Issi teggi= (Selbst gethan) im illustrirten
       Revalschen Almanach fr 1856, da das weie
       Pferd in heidnischer Zeit, wie bei andern Vlkern, so
       auch wohl bei den Ehsten, fr besonders heilig galt und
       daher seit Einfhrung des Christentums fr besonders
       teuflisch.

S. 188 Z. 15 v. o. l. Im st. Ich.

S. 229 Z. 3 v. u. l. fast immer st. meist.

S. 354 Z. 8 v. u. l. einander st. eiander.





End of the Project Gutenberg EBook of Ehstnische Mrchen,
by Friedrich Kreutzwald

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