The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Zweiter Band. by Friedrich
Gerstaecker



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Title: Nach Amerika! Zweiter Band.

Author: Friedrich Gerstaecker

Release Date: March 30, 2007 [Ebook #20944]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ZWEITER BAND.***





                              Nach Amerika!
                              Ein Volksbuch

                              Zweiter Band
                                   von
                          Friedrich Gerstaecker.
Illustrirt von Carl Reinhardt.
Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung

1855






                        INHALT DES ERSTEN BANDES.


Die Seestadt.
Der Weserkahn.
Das Schiff.
In See.
Die Passagiere.
Leben an Bord.
Leben an Bord.
Die Entdeckung.
Land.





                                Capitel 1.


                              DIE SEESTADT.


Am 29. August Abends zehn Uhr rasselten zwei Droschken durch die engen,
noch ziemlich belebten Strassen Bremens, und hielten, dicht hintereinander,
vor dem offenen Thorweg des "Hannoverschen Hauses" aus dem ein paar
geschaeftige Kellner sprangen, die Neuangekommenen in Empfang zu nehmen.

"Um wie viel Uhr faehrt morgen frueh die Haidschnucke ab?" frug ein
aeltlicher Herr, der in einen weiten Mantel gewickelt hastig aus dem ersten
Wagen stieg, indess aus dem anderen ein paar Damenhuete schauten, als ob sie
noch unschluessig waeren hier auszusteigen oder weiter zu fahren.

"Haidschnucke?" sagte der Oberkellner etwas verbluefft den Fremden und dann
den ebenfalls herzugekommenen Hausknecht anschauend -- "Haidschnucke?"

"Weet ick nich" erwiederte dieser, kurz angebunden, und fing an, ohne
weiter zu fragen die verschiedenen, vorn auf dem Bock aufgehaeuften Koffer
und Hutschachteln von diesem herunter zu ziehen.

"Das Schiff Haidschnucke, Capitain Siebelt, nach New-Orleans bestimmt,"
erklaerte der Fremde -- ein alter Bekannter von uns, Professor Lobenstein --
dem Kellner indess; "der Abgang war auf morgen frueh bestimmt, und ich
wollte schon gestern hier sein, bin aber um einen Tag aufgehalten worden."

"Ach Sie meinen ein Seeschiff," sagte der Kellner beruhigend, "da brauchen
Sie keine Angst zu haben; die gehen selten so puenktlich -- befehlen Sie
zwei oder drei Zimmer?"

"Ja selten so puenktlich," wiederholte der Professor ungeduldig -- "darauf
kann ich mich nicht einlassen -- He! -- Sie da -- wo laufen Sie denn mit den
Sachen hin? lassen Sie mir das erst Alles einmal auf der Hausflur stehn,
bis Sie weiteren Bescheid bekommen. Wo wohnt denn wohl der Rheder der
Haidschnucke?"

"Der Rheder der Haidschnucke?" wandte sich der Oberkellner wieder fragend
an den Hausknecht -- "wer hat denn die Haidschnucke eigentlich?"

"Weet ick nich" sagte der Hausknecht wieder wie vorher kurz angebunden.

"Ferdinand Hessburg" kam ihm der Professor hierbei zu Huelfe, "die Firma
heisst, glaub' ich, Hessburg und Sohn."

"Ach ich weiss schon" erwiederte der zweite Kellner jetzt -- das Geschaeft
ist in der Seemannsstrasse, aber Hessburgs wohnen am Wall."

"Kann ich Jemand bekommen der mich dorthin begleitet?" frug der Professor.

"Es ist zehn Uhr vorbei" sagte der zweite Kellner, achselzuckend.

"Ich _muss_ Jemanden aus dem Geschaeft noch diesen Abend sprechen" beharrte
aber der Professor in der einmal gefassten Furcht, dass er die Abfahrt des
Schiffs versaeume, "koennen Sie nur Jemand von hier mitgeben, so moegen meine
Damen so lange in das Gastzimmer gehn und sich ein wenig restauriren. Ist
es dann noethig, so nehmen wir nachher Extrapost und fahren nach Bremer
Hafen hinaus."

Die Damen waren indess ausgestiegen, und die verschiedenen Collis in dem
Gastzimmer, an dessen Abendtafel es ziemlich lebhaft herging, neben dem
Ofen aufgethuermt worden zu augenblicklicher Weiterbefoerderung, falls diese
noethig werden sollte, bereit zu sein. Der Professor Lobenstein aber ging
raschen Schrittes, mit dem einsylbigen Hausknecht als Fuehrer, die Strassen
entlang, dem bezeichneten Stadtviertel zu, bis Jahn, wie der Hausknecht
hiess, vor einem sehr eleganten Hause Halt machte und dort auch, ohne
weiter ein Wort zu sagen, mit solcher Gewalt an dem Messinggriff der
Klingel riss, dass das ganze Haus von dem so ploetzlich geweckten Gelaeute
wiederschallte.

"Aber um Gottes Willen" rief der etwas ruecksichtsvolle Fremde erschreckt.

"Dat sollen se woll 'hoert hebben" meinte aber Jahn ruhig und schob seine
Haende, wie vollstaendig mit sich zufrieden in die Taschen, waehrend drinnen
im Haus aengstlich bestuerzte Stimmen laut wurden, und Leute hin und wieder
liefen. Oben in der ersten Etage oeffnete sich aber auch gleich darauf ein
Fenster, und eine ziemlich aergerliche Bassstimme frug herunter wer da waere,
und wo es brenne?

"Ich bitte tausendmal um Entschuldigung" sagte aber der Professor,
unwillkuerlich in der Dunkelheit seinen Hut abnehmend, "mein Fuehrer hier
hat so entsetzlich an der Klingel gerissen."

"Zu wem wollen Sie?" frug der Bass oben, die Entschuldigung unten kurz
abschneidend -- "hier wohnt kein Doktor."

"Habe ich das Vergnuegen mit Herrn Hessburg zu sprechen?" frug aber der
Professor zurueck.

"Mein Name ist Hessburg," sagte der Bass.

"Dann sind Sie wohl so freundlich mir zu sagen, um welche Tageszeit die
Haidschnucke morgen segelt" sagte der Professor, froh endlich an den
rechten Mann gekommen zu sein, "und ob ich noch zur rechten Zeit komme,
wenn ich jetzt Extrapost nehme und die Nacht durch nach Bremerhafen fahre
-- ich habe mich um einen Tag verspaetigt und moechte das Schiff nicht
versaeumen."

"Extrapost nehmen?" frug die Stimme oben erstaunt; "morgen frueh um sechs
und Mittags um elf geht ja ein Dampfboot nach Bremerhafen, warum wollen
Sie denn nicht mit dem fahren?"

"Aber komme ich dann noch zur rechten Zeit?"

Die Stimme oben murmelte etwas, das der Professor unten nicht verstehen
konnte -- "sind Sie ein Passagier der Haidschnucke?" sagte es dann wieder
lauter.

"Aufzuwarten -- Professor Lobenstein aus Heilingen."

"Ah -- bitte um Entschuldigung Herr Professor, dass ich Sie habe so lange da
unten stehen lassen. Marie machen Sie einmal unten die Thuere auf."

"Bitte, bitte" rief aber der Professor -- "ich will Sie keineswegs mitten
in der Nacht belaestigen -- also komme ich noch frueh genug wenn ich morgen
um sechs Uhr mit dem ersten Boot abfahre?"

"Die Haidschnucke wird wohl kaum vor Abend in See gehn -- der Wind ist noch
nicht ganz guenstig" sagte der Bass oben -- "wenn Sie um 11 Uhr fahren haben
Sie vollkommen Zeit -- das Schiff liegt vor Brake und wird morgen frueh noch
einige verspaetete Fracht an Bord nehmen."

"Vor Brake?" wiederholte der Professor, mit der Geographie der Weser noch
nicht so weit bekannt.

"Der Hafen diesseit Bremerhafen" sagte der Bass -- "die Leute auf dem
Dampfboot kennen den Ort und das Schiff --"

"Ich bin Ihnen sehr verbunden --"

"Bitte Herr Professor -- Sie werden entschuldigen --"

"Bitte sehr -- ich habe um Entschuldigung zu bitten --, Sie in so spaeter
Nachtzeit noch gestoert und belaestigt zu haben."

"Oh -- war mir sehr angenehm Ihre werthe Be --" das uebrige verschwamm in
einem dumpfen, unverstaendlichen Murmeln, unter dem sich das Fenster oben
langsam wieder schloss, und der Professor bedeutete seinen Fuehrer, ihn so
rasch als moeglich, zu dem Hotel zurueckzubringen.

Lobensteins hatten dort indessen, so gut das in dem ziemlich besetzten
Speisesaal eben gehen wollte, einen der Ecktische in Besitz und Platz
daran genommen, und sich Thee und Butterbrod geben lassen, auf eine
moegliche Nachtfahrt mit Extrapost wenigstens in etwas vorbereitet zu sein.
Die beiden juengsten Kinder, Carl und Gretchen mussten dabei im Schlaf in
die Stube getragen und konnten kaum munter erhalten werden, noch etwas zu
sich nehmen, und legten sich dann mit den Koepfchen, Carl auf den Tisch und
Gretchen in Mutters Schooss -- weiter zu schlafen.

Der Aufenthalt in dem grossen, heissen Saale, mit den vielen Menschen, dem
lauten Reden und Lachen und dem fast undurchdringlichen Tabacksqualm, die
ganze fremde Umgebung dazu mit dem unbestimmten Gefuehl das Schiff, mit dem
ihre saemmtlichen Sachen befoerdert worden, am Ende gar schon versaeumt zu
haben, auch das uebernaechtige einer spaeten Fahrt, auf der mit bleierner,
peinlicher Schwere der kaum ueberstandene Abschied aus der Heimath lag, das
Alles vereinigte sich sie niederzudruecken und ernst und traurig zu
stimmen, und das einfache Abendbrod wurde still und schweigend verzehrt.
Jedes war mit seinen eigenen Gedanken viel zu sehr beschaeftigt sich dem
Andern mitzutheilen.

Nur Eduard, Professor Lobensteins aeltester Sohn, der einzige vielleicht
von der ganzen Familie, der sich wirklich auf die Reise freute und gern
das regelmaessige, ihm entsetzlich langweilig vorkommende Schulwesen
verlassen hatte, einem anderen, freieren Lebensberuf zu folgen, gab sich
in dem Reiz der Neuheit, der die Jugend ueber so Manches hinwegsetzt, den
fremdartigen Eindruecken selbst mit einigem Behagen hin. Die Ruecklehne
seines Stuhles gegen die Wand lehnend, ueberschaute er die bunten, sich vor
ihm wie auf einem aus der Erde heraufbeschworenen Theater bewegenden
Gruppen, und lauschte den sich fast saemmtlich um Amerika und die Reise
drehenden Gespraechen der ihm naechsten Gaeste und Fremden, bis sein Blick
endlich auf einen kleinen Mann fiel, der ihnen gerade gegenueber und das
Gesicht ihnen zugewendet, seinen Platz genommen hatte, und sie auf das
aufmerksamste zu betrachten schien.

Der Fremde sass verkehrt auf seinem Stuhl, die Arme auf die Lehne desselben
und sein Kinn wieder auf diese stuetzend, und schien sich in der That von
der uebrigen Gesellschaft ganz zurueckgezogen oder abgewandt zu haben, und
die neuangekommene Familie auf das Genauste zu betrachten.

Es schien uebrigens, wie er _so_ da sass, ein kleines schmaechtiges Maennchen
von vielleicht vierzig bis vierundvierzig Jahren, mit grauer runder Muetze
und schwarzem vorn fast spitz zulaufendem Schild, grauem Frack, grauer
Hose, grauer Weste, grauem Halstuch und grauen Zeugstiefeln, in der linken
Hand, lang zusammengefaltet, ein paar graue Zwirnhandschuh. Die kleinen
lebhaften Augen funkelten dabei scharf und forschend unter dem spitzen
ziemlich tief niedergezogenen Muetzenschilde vor, und hafteten so lang und
so forschend erst auf dem jungen Mann, dann auf der Mutter und auf den
Toechtern, bis er Eduards Auge ebenfalls auf sich zog und dann, als ob er
fuehle dass sein Betragen vielleicht auffaellig waere, sich weiter mit seinem
Stuhl zurueckzog und sich mehr seitwaerts setzte. Seine Blicke schweiften
aber dennoch fortwaehrend, und wie fast unwillkuerlich, nach dem Tische
hinueber, an welchem die fremden Damen sassen, und hafteten dann
hauptsaechlich -- Eduard, als er erst einmal aufmerksam wurde, konnte das
deutlich erkennen -- auf seiner Mutter.

Die Frau Professorin war jedoch viel zu sehr mit ihren Kindern und der
Sorge um ihr Gepaeck beschaeftigt, den kleinen grauen Mann auch nur zu
bemerken, viel weniger denn zu finden dass sie selber von ihm so scharf
beobachtet wurden, bis sie Eduard endlich darauf aufmerksam machte und sie
frug, ob sie den Fremden vielleicht schon frueher einmal gesehen habe. So
wie sie aber zu dem hinueber sah, stand er, wie verlegen, von seinem Sitze
auf, zog die Muetze vorn womoeglich noch weiter herunter, steckte dann beide
Haende hinten in seine Fracktaschen, und verliess, leise vor sich hin
pfeifend, das Zimmer.

"Sie, Kellner!" rief aber jetzt Eduard, den der Mann an zu interessiren
fing, einem der um sie beschaeftigten aber ebenfalls ziemlich schlaefrig
aussehenden Kellner zu -- "kennen Sie den Herrn der da eben hinausging?"

"Eben hinausging?" sagte der Kellner, einen faulen Blick nach der Thuer
werfend -- "ich habe nicht darauf geachtet."

"Der mit der grauen Muetze und dem grauen Rock."

"Ach -- die Nachtigall?" sagte der Kellner, und ein breites, etwas dummes
Laecheln zog ihn den Mund fast von einem Ohre bis zum andern.

"Die Nachtigall?" wiederholte Eduard etwas verdutzt.

"Nun Sie meinen doch den kleinen grauen Mann mit dem spitzen
Muetzenschilde?" lachte der Kellner.

"Ja wohl, denselben."

"Nun ja, das ist ein sonderbarer Kautz, der schon acht Tage bei uns wohnt.
Er heisst Schultze und will mit der Haidschnucke nach Amerika."

"Mit der Haidschnucke? -- mit der wollen ja auch wir fort" -- rief Eduard
rasch -- "also segelt sie noch nicht morgen in aller Frueh?"

"Ich glaube nicht" sagte der Kellner, "sonst waere die Nachtigall doch
schon laengst nach Bremerhafen hinauf -- auf wann war sie denn angezeigt?"

"Auf morgen frueh -- bestimmt."

"Ah da haben Sie noch Zeit genug," gaehnte der Kellner -- "_unter_ acht
Tagen gehn Sie dann gewiss noch nicht in See."

"_Acht_ Tage?" rief Eduard erschreckt -- "das waere eine schoene Geschichte
wenn wir hier noch acht Tage im Wirthshaus liegen sollten."

"Lieber Gott" meinte der Kellner, eine Parthie abgegessener Teller von
einem der Nachbartische aufnehmend und damit fortgehend -- "die Auswanderer
liegen hier manchmal vier und sechs Wochen, ehe ihr Schiff segelt."

"Das waeren traurige Aussichten" sagte Anna, die nicht weit von Eduard sass,
und des Kellners Bemerkung gehoert hatte -- "da haetten wir uns freilich die
letzten Tage in Heilingen nicht so entsetzlich abzuhetzen brauchen."

"Was weiss der Kellner davon" troestete sie aber Eduard; "apropos, der
kleine graue Mann, der uns da gerade gegenuebersass und Mutter immer so
anstarrte, geht auch mit der Haidschnucke nach New-Orleans?"

"Um Verzeihung," fiel hier ein anderer Fremder, der an einem benachbarten
Tisch sass, ein, sich im Stuhl etwas zurueckbiegend -- "habe ich recht gehoert
und gehen Sie wirklich mit der Haidschnucke nach New-Orleans?"

"Allerdings" erwiederte ihm Eduard -- "wir haben unsere Passage auf dem
Schiff genommen."

"Ah, das ist mir doch ungemein angenehm" erwiederte der Fremde sich rasch
vollstaendig gegen die Damen herumdrehend; "da bin ich so frei mich Ihnen
als kuenftigen Reisegefaehrten gehorsamst vorzustellen."

Die Damen verbeugten sich leicht gegen den sich selber Einfuehrenden, und
Frau Professor Lobenstein wollte ihn eben fragen ob er etwas Bestimmtes
ueber die Abfahrt des Schiffes wisse, er liess sie aber gar nicht zu Worte
kommen, und fuhr rasch, seinen Stuhl jetzt vollstaendig zu ihrem Tische
rueckend, fort:

"Ist mir doch wirklich sehr angenehm; wunderbares Zusammentreffen das,
ebenfalls, eh? -- wie sich die Leute doch so auf der Welt finden; kommen
hier in _einem_ Gasthaus, an _einem_ Tisch zusammen und sind, unbewusst, im
Begriff eine so ungeheure Reise mit einander zu machen und die Gefahren
des Oceans zu theilen. Liegt ungeheuer viel Poesie in dem Gedanken."

Der gespraechige Fremde machte hier zum ersten Mal eine Pause, indem er
seine ziemlich geleerte Weinflasche und sein Glas von dem Tisch an dem er
vorher gesessen, herueber nahm, und vor sich hinstellte, und sein Glas
dabei wieder fuellte und mit einer Verbeugung gegen die Damen trank.

Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreissigen, sehr sorgfaeltig angezogen,
mit einem grossen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder
vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug sein
Haar dabei _a la malconte_, vollkommen kurz abgeschnitten, und wie es
schien dem Bart zu Liebe, dem er desto volleres und unbeschraenkteres
Wachsthum gestattete. Die Tuchnadel, die seine schwarzseidene,
kunstgerecht gefaltete Cravatte zusammenhielt, war ein kleiner goldener
Bacchus auf einem Fass, der einen, wahrscheinlich unaechten Diamant als Glas
in die Hoehe hielt und sein ziemlich starkes Uhrgehaenge bestand aus einer
Unmasse kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher,
Pistolen, Flaschen, Musikinstrumente &c. &c. Sein Gesicht machte dabei
gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war sehr niedrig und etwas
zurueckgehend, mit einer ziemlich tiefen Falte queer darueber hinziehend,
und die kleinen blauen Augen flogen unruhig umher, waehrend er sprach,
indess der Zug um den Mund eine merkwuerdig stark ausgepraegte
Zuversichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; dennoch liess
sich ein gutmuethiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Gesicht
war entschuldigt, sobald man erfuhr, dass es einem Weinreisenden gehoerte.

"Und koennen Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs sagen?" frug
die Frau Professorin endlich, die erste moegliche Pause benutzend; "es hiess
dass es schon morgen frueh in See gehen sollte."

"Wind und Wetter _permitting_ wie die Englaender sagen" laechelte der
Weinreisende, sehr zufrieden dadurch zugleich seine nautischen wie auch
sonstigen Kenntnisse der englischen Sprache gezeigt zu haben.

"Was heisst das?" sagte die Frau Professorin, etwas verlegen.

"Ah, dass ein Schiff nicht segeln kann, wenn der Wind nicht guenstig ist,"
laechelte der Weinreisende nach den beiden jungen Damen hinueber. "Uebrigens
wird die Haidschnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn" setzte er
beruhigend hinzu; "ich bin mit dem Capitain sehr eng befreundet -- wir
haben schon manche Flasche zusammen ausgestochen, und er hat mich
versichert dass er morgen Abend um sechs Uhr, mit eintretender Ebbe, seinen
Anker lichten und seine Segel spannen wuerde. Sie wissen wohl, gnaedige Frau
-- "Segel gespannt und den Anker gelichtet," wie wir Seeleute singen."

"Also vor morgen _Abend_ nicht? oh das ist mir _sehr_ lieb" sagte die Frau
beruhigt; "dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureisen und ich
kann die Kinder zu Bett bringen, sobald der Vater zurueckkommt. Sie wissen
es doch ganz gewiss?"

"_Parole d'honneur_!" sagte der Weinreisende, sich, mit der rechten Hand
und den Siegelring auf dem Herzen, verbeugend. "Uebrigens" fuhr er
lebhafter fort, "wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund,
ueberall die Wahrheit kund, und hier an dem Tisch sitzt noch ein
Reisegefaehrte von uns, der ebenfalls seine Passage auf der Haidschnucke
genommen hat und erst wahrscheinlich morgen frueh um elf Uhr mit dem
zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, an Bord zu gehn -- Herr
Mehlmeier, duerfte ich Sie bitten sich einen Augenblick hierherueber zu
bemuehen und -- Sie erlauben mir doch dass ich ihnen Herrn Mehlmeier
vorstellen darf?"

"Wird uns sehr angenehm sein" sagte die Frau Professorin etwas verlegen;
es war ihr eben _nicht_ angenehm, in der Abwesenheit ihres Mannes mit so
vielen fremden Menschen hier zu verkehren.

Herr Mehlmeier, der indessen still und regungslos, und ohne auch nur den
Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, vor seinem wieder und wieder
gefuellten Glas Bier gesessen hatte, war bei dem Ruf seines Namens
aufgesprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem
empfindlichen Theil gestochen haette. Es war eine grosse, fast uebermaessig
starke Gestalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden
gutmuethigen Gesicht, sehr breiten Schultern und stattlichem, etwas
bauchigem Koerper, Marie aber sowohl wie Eduard, und selbst Anna konnten
sich kaum eines Laechelns erwehren, als er den Mund oeffnete, und mit einer
ganz feinen weichen, fast weiblichen Stimme ausrief:

"Was befehlen Sie Herr Steinert?"

"Ach lieber Herr Mehlmeier," rief aber Herr Steinert -- "ich wollte mir vor
allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir so gluecklich
sind kuenftige Reisegefaehrtinnen von uns zu nennen, nach aller Form
vorzustellen -- Herr Christian Mehlmeier von Schmalkalden -- und -- aber ich
weiss wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen --"

"Die Familie des Professor Lobenstein aus Heilingen" nahm hier Eduard das
Wort, der sich jetzt besonders fuer den dicken Mann mit der feinen Stimme
interessirte.

"Professor Lobenstein?" rief Herr Steinert, rasch nach dem jungen Mann
herumfahrend -- "Familie des Professor Lobenstein -- _corpo di Bacho!_ da
sind wir ja alte Bekannte -- habe das Vergnuegen schon frueher gehabt mit
Ihrem Herrn Vater in einer sehr angenehmen Geschaeftsverbindung zu stehn --
ich machte in Weinen fuer das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main
-- und der Herr Professor machten ebenfalls die Reise mit."

"Wir erwarten ihn jeden Augenblick" sagte die Frau Professorin, sich dabei
ungeduldig nach der Thuere umsehend, denn die Bekanntschaft des Herrn
Steinert, der mit seiner lauten Stimme schon die Aufmerksamkeit
saemmtlicher uebrigen Gaeste auf sie gezogen hatte, fing an ihr drueckend zu
werden.

"Er ist eben fortgegangen sich ueber die genaue Abfahrt des Schiffes
Gewissheit zu holen," ergaenzte Eduard.

"Ah ja, unser Schiff" rief Herr Steinert, sich ploetzlich wieder der Sache
erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen. "Sie
haben ja selber heute mit den Rhedern gesprochen, nicht wahr lieber
Mehlmeier?"

"Ja wohl" sagte der dicke Mann mit seiner feinsten Stimmlage, waehrend er
dabei stark mit dem Kopf schuettelte.

"Dann ist also keine Gefahr dass wir das Schiff versaeumen, wenn wir bis
morgen frueh hier bleiben?" frug die Frau Professorin. Herr Mehlmeier
nickte ihr aber sehr bedenklich zu und sie frug rasch -- "Sie glauben
doch?"

"Bitte um Verzeihung -- Gott bewahre" sagte der dicke Mann erschreckt. --
Das Gespraech wurde aber hier durch den Professor selber unterbrochen, der
in diesem Augenblick den Saal betrat und noch unter der Thuer zwei Zimmer
fuer sich und die Seinen mit den noethigen Betten, bestellte. Der
Oberkellner war ihm darin aber schon zuvorgekommen, und trotzdem dass Herr
Steinert jetzt mehre Anlaeufe nahm ein Gespraech mit Professor Lobenstein
anzuknuepfen, und sich ihm als alten Bekannten vorzustellen, hatte dieser
doch zu wenig Zeit sich, ausser einigen hoeflich gewechselten Worten, mit
ihm naeher einzulassen. Die Frauen waren muede und erschoepft, und das Gepaeck
musste nach oben geschafft werden, wo der Professor selber seinen Thee
trinken wollte; so jede weitere Unterhaltung auf den naechsten Morgen
verschiebend, empfahlen sich die Neugekommenen, und verschwanden gleich
darauf mit den voranleuchtenden Kellnern in den Gaengen der ersten Etage.



In dem Gastzimmer des Hannoeverschen Hauses begann aber jetzt erst, trotz
der spaeten Stunde, ein reges geselliges Leben. Viele der Passagiere der
Haidschnucke, wie noch mehrer anderer Schiffe deren Abreise theils auf
morgen, theils auf die naechsten Tage angekuendigt worden, hatten sich hier
zusammengefunden und feierten unter Lachen und Singen, mit Bier oder
Champagner, und lustigen froehlichen Plaenen fuer "da drueben," den "letzten
Tag in der Heimath" wie sie's nannten.

"_Den letzten Tag in der Heimath_" -- wie leicht, wie lustig sie das
sprachen, und wie laut und froehlich die Glaeser dazu klirrten, und die
Stimmen einfielen in den donnernden rauschenden Chor ihrer heimischen
Lieder. Den letzten Tag in der Heimath; und fuer wie Viele war es der
_letzte_ Tag -- wie Wenige von allen denen, die jetzt jauchzend das neue
fremde Leben begruessten, und die Erinnerung in Stroemen Weins verschwemmten,
sollten die Heimath wirklich wiedersehn, nach der doch alle Fasern ihres
Herzens zurueck sich sehnten viele Jahre lang. "Der letzte Tag in der
Heimath" oh es denkt sich leicht, mit all den wundertollen Bildern, die
unsere Phantasie sich aufgebaut, gewissermassen schon in Sicht -- in Arms
Bereich. Mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, voll Ungeduld dem
Augenblick entgegensehend wo sie das neue beginnen duerfen und koennen, ist
ihnen das Vaterland nur noch das letzte Sprungbret, von dem aus sie mit
keckem froehlichem Satz einer neuen Welt in die Arme fliegen, und sie
_feiern_ den Tag und die Stunde, vor deren Nahen sie Jahre lang gebebt --
oh dass sie nie den Tag beweinen muessten.

Die Froehlichkeit der Auswanderer ist aber in solchen Faellen auch selten
eine ruhige, meist eine wilde, ausgelassene, wie das auch wohl kaum anders
der Fall sein kann; sie _wollen_ nicht zurueckdenken an das was hinter
ihnen liegt, und das Noethigste was sie dabei zu thun haben, ist die
Gedanken zu betaeuben, die ihnen oft dennoch ins Hirn steigen, sie moegen
sie eben haben wollen oder nicht.

Eine Menge der jungen Leute waren an dem Abend noch einmal im Theater
gewesen, in der fremden Stadt irgend ein altes bekanntes Stueck auffuehren
zu sehen, und sassen jetzt bei ihrem Abendessen und Wein, und sprachen und
stritten sich ueber die Auffuehrung, als ob sie nur eben deretwegen allein
nach Bremen gekommen waeren. Dort in der Ecke rechneten ein paar, die
wahrscheinlich gemeinsame Casse mit einander hatten, und jetzt ihre
gehabten und zu habenden Auslagen wohl durchsahen; die meisten aber
lachten und plauderten mit einander und tranken und sangen noch, heimische
Weine und Lieder bis spaet in die Nacht hinein.

Ganz still und geraeuschlos war indessen ein alter polnischer Jude in
seiner Nationaltracht, dem langen schwarzen schmutzigen seidenen Kastan,
mit einem Knaben von vielleicht zwoelf oder dreizehn Jahren hinter sich,
ebenfalls in das Gastzimmer gekommen, und hatte sich an einem der leer
gewordenen Seitentischchen ein Glas Bier geben lassen, von dem er in
langsamen, durstigen Zuegen trank. Der Knabe trug ein, in ein
rothbaumwollenes Tuch eingeschlagenes Packet unter dem linken Arme, das er
neben sich auf den Tisch legte und sich dann zurueck auf seinen Stuhl
setzte, den Kopf auf die Lehne desselben lehnte, und die Augen ermuedet
schloss. Das grelle Licht der Lampen fiel voll auf die bleichen, von
schwarzen vollen Locken umwogten Zuege, und der sonst wirklich schoene Kopf
des Kindes bekam, auch vielleicht mit in der unnatuerlichen
zurueckgeworfenen Lage, etwas unheimlich Krankhaftes, ja fast
Leichenartiges.

"Komm Philipp" sagte der Alte, als sie eine Weile so gesessen hatten, mit
unterdrueckter Stimme, indem er den jungen Burschen mit dem Fusse anstiess --
"es werd spaet, pack die Harmonika aus und lass uns anfange. Die Leut' hoben
hier viel getrunken und sind guter Laune; werd auch 'was fuer uns dabei
abfalle."

Der Knabe oeffnete die grossen schwarzen Augen und sah den Mann ein paar
Secunden starr an, als ob er nicht recht begriffen haette was er sagte.

"Na, werd's bald?" rief aber dieser, aergerlich aufbrausend, aber doch so
leise dass es selbst die an den naechsten Tischen Sitzenden nicht verstehen
konnten -- "ist es dem jungen Herrn gefaellig, oder soll ich ihn etwa
aufwecken?"

"Ja ja, Vater!" rief der Knabe jetzt, rasch und erschreckt emporfahrend --
"wollen wir denn noch singen heute Abend?" setzte er aber langsamer und
fast wie aengstlich hinzu.

"Wolle wir denn noch singen?" wiederholte der Alte spoettisch und
aergerlich, "Gottes Wunder, glaubt der junge Herr dass ich ihn Abends in die
Wirthshaeuser fuehre zu seinem Vergnigen? -- wolle wir denn noch singen?
Abraham und Jacob, was ist das for a Frog."

Der Knabe war uebrigens schon bei den ersten aergerlichen Worten des Alten
von seinem Stuhle aufgesprungen, und sich die Locken aus der Stirn
streichend, machte er sich eifrig daran, das auf dem Tisch liegende Packet
aufzuknuepfen, und den Inhalt auf der Tafel desselben auszubreiten. Hierbei
war ihm der Alte behuelflich, und ordnete jetzt selber eine Masse mit
einander leicht verbundener Stoecke oder Staebe von weichem Holz, die,
manche staerker, manche schwaecher, mit einer Unterlage von duenn- aber
festgedrehten Strohseilen auf den Tisch an beiden Enden auf- und in der
Mitte hohlzuliegen kamen.

"Hallo was ist das?" rief Steinert, der dem Tische zunaechst sass und die
wunderlichen Vorbereitungen bemerkte -- "eine Holzharmonika, wahrhaftig --
ah, meine Herren, jetzt werden wir etwas zu hoeren bekommen; die klingt
famos, wenn sie der alte Bursche da nur zu spielen versteht."

"Werd' er sie nicht zu spielen verstehn -- spielt sie schon fuenfundzwanzig
Jahr" schmunzelte der Alte vergnuegt vor sich hin -- "nu Philippche, mei
Jingelche jetzt pass auf, und fall mer ein zur rechten Zeit mit der Floete."
Zugleich die beiden, ihm zur Hand liegenden Kloeppel ergreifend, fuhr er
mit rascher geuebter Hand ueber die eigenthuemlichen Tasten hin, denen er
dabei einen nicht zu lauten, aber wunderbar harmonischen vollen Ton
entlockte. Wie Glockenspiel klangen die Laute, die entfernteren Raeume mit
ihrem Wohlklang fuellend, und die Gaeste, nach allen Richtungen hin horchten
hoch auf, vergassen von was sie gesprochen, und kamen heran, den Tisch
umdraengend, an dem der alte Jude spielte.



"So Philippche, nu fang an!" nickte er aber jetzt dem Knaben zu, der bis
dahin still und regungslos neben dem Tisch gestanden und sich kaum der
Leute hatte erwehren koennen, die ihn umpressten; dabei fiel er in die
englische Volkshymne _God save our gracious queen_ ein, die der Knabe
jetzt in der zweiten Stimme mit der Kehle, aber so taeuschend den vollen
weichen Laut der Floete nachahmend, begleitete, dass die Zuhoerer wirklich in
den ersten Minuten ganz die Harmonika vergassen und noch naeher
hinanwollten, nur um zu sehen ob der junge Bursche nicht wirklich eine
Floete habe auf der er spiele, und das Alles allein aus der eigenen Kehle
herausbringe.



Der alte Mann, den der Zudrang freute, denn er bewies ihm die Theilnahme
der Hoerer und liess ihn auf gute Einnahme rechnen, fuhr dabei mit grosser
Leichtigkeit und Sicherheit ueber die fibrirenden Tasten, und seine ganze,
erst so ruhige in sich gesunkene Gestalt schien mit den Toenen Leben zu
gewinnen, und aus sich herauszugehn. Es war eine kleine schmaechtige, aber
zaehe und knochige Gestalt, der Mann in dem schwarzen, schmutzigen Kastan;
ueber die scharf gebogene Nase zog sich ihm eine tiefe dunkle Falte, und
zwei schwarze Gruben in den hohlliegenden Wangen hoben die
dunkelgluehenden, unstet umherblitzenden Augen nur noch mehr hervor, und
verloren sich in dem fuchsigen, sorgfaeltig gekaemmten langen und spitzen
Bart, der nur am Kinn in den schon weiss gewordenen Haaren das Alter des
Mannes verrieth.

Der Knabe war, wie schon gesagt, etwa zwoelf bis dreizehn Jahre alt, trug
aber nicht die polnische Tracht, sondern einen gewoehnlichen Rock und eine
blaue Muetze, die er neben sich auf dem Tisch liegen hatte, waehrend der
Mann sein altes schmutziges abgegriffenes Sammetmuetzchen aufbehielt. Das
zwar bleiche doch wirklich schoene asiatische regelmaessige Gesicht des
Kindes -- denn es konnte kaum ueber die Kinderjahre hinaus sein, blieb aber
kalt und theilnahmlos bei den weichsten, ergreifendsten Toenen seiner
eigenen Brust und, ohne Seele, beherrschte er mit wunderbarer Gewalt fast,
die maechtige Stimme, die sich oft zu einer Staerke hob, dass die Umstehenden
ihr lautes Erstaunen nicht zurueckhalten konnten, und dann in stuermischen,
donnernden Beifall ausbrachen. Mit unnatuerlicher Gewalt musste der Knabe
dabei seine Stimme, die Toene der Floete nachzuahmen, zu ihrer hoechsten Lage
hinaufzwingen, und der Schweiss stand ihm auf der weissen Stirn in grossen
Tropfen, solche Anstrengung kostete es ihm. Aber der Alte spielte
unverdrossen fort -- jetzt "Luetzow's wilde verwegene Jagd" wie es Einzelne
der Gesellschaft wuenschten, und dann "des Deutschen Vaterland" nach
Anderer Ruf; dann den Jaegerchor, und die neueste Polka, und Trinklieder
zuletzt, zu denen sie ihm und dem Knaben Wein brachten, bis spaet in die
Nacht hinein.

Zuletzt konnte aber der Knabe nicht mehr -- die Stimme schlug ihm mehrmals
ueber, und wenn ihn gleich der Alte aergerlich dabei ansah, liess es sich
nicht erzwingen. Philipp schaute bittend zu ihm auf und schuettelte mit dem
Kopf, und der Alte legte ploetzlich seine Kloeppel bei Seite und fing an die
Hoelzer wieder zusammenzupacken, waehrend welcher Zeit der junge Bursch
einen Teller nahm und in dem Zimmer sammelnd umherging. Die Gaeste schienen
allerdings mit dem fruehen Aufbruch, wie sie's nannten, gar nicht
zufrieden, und Steinert besonders verlangte noch einige Lieblings- Trink-
und Weinlieder, die kein Mensch weiter kannte, der alte Mann schuettelte
aber mit dem Kopf und meinte es sei genug, sein Junge wuerde ihm sonst
krank und koennte nicht mehr pfeifen, und der Ertrag der Sammlung fiel
dabei ueber alles Erwarten reich und guenstig aus.

Auswanderer, vorzueglich die in den Hotels wohnenden, haben meist immer
noch eine Menge "deutsches Geld" in den Taschen, das sie, wie sie sagen
"doch nicht mit auf das Schiff nehmen koennen" und sind gewoehnlich sehr
freigebig mit dieser kleinen Muenze, so lange sie eben dauert. Sehr zu
ihrem Erstaunen muessen sie dann aber auch freilich nicht selten schon
eingewechseltes amerikanisches Geld wieder "in den Markt" bringen, und die
ewige Klage ist nachher "oh die theueren Seestaedte."

"Von woher seid Ihr denn, Alter?" frug ihn jetzt Steinert, der, noch am
sparsamsten, nur einige Grote auf den Teller geworfen hatte -- "doch nicht
aus Bremen?"

"Gott der Gerechte, nein!" laechelte der Gefragte, mit einem fluechtigen
aber zufriedenen Blick den Haufen eingesammelter Muenzen, unter denen sich
nicht ein einziges Kupferstueck befand, ueberfliegend -- "bin ich doch von
Bromberg."

"Von Bromberg? Donnerwetter das ist weit" sagte der Weinreisende -- "und
was thut Ihr hier in Bremen?"

"Was wir in Bremen thun?" frug der Jude, die Augenbrauen in die Hoehe
ziehend -- "Gottes Wunder was thun _Sie_ in Bremen?"

"Ei _wir_ wollen auswandern, Alter" lachte der Reisende, einen vergnuegten
Blick im Kreis herumwerfend.

"Als ich aach nicht hierbleiben mag, werd' ich aach auswandern" erwiederte
aber der Israelit, die Schultern in die Hoehe ziehend.

"Was? -- auch auswandern?" riefen aber viele der Umstehenden wie aus einem
Mund.

"Na?" -- sagte aber der Jude, sich erstaunt im Kreise umsehend -- "ist's
etwa wohl zu hibsch hier fuer uns Jueden, heh? wer sollen uns wohl glicklich
schaetze, dass mer derfe unsere Steuern zahle und nachher getreten werden
wie die Hunde?"

"Aber wo geht Ihr hin?" rief Einer der Umstehenden, "nach New-York?"

Der Alte schuettelte mit dem Kopf.

"Nach New-Orleans."

"Und mit welchem Schiff?" rief Steinert schnell.

"Mit der Haidschnucke."

"Hurrah der Alte soll leben" jubelten aber die Passagiere der Haidschnucke
um ihn her -- "das ist praechtig, das ist ein Reisegefaehrte der uns die Zeit
vertreiben wird," und von verschiedenen Seiten wurden noch Flaschen Wein
bestellt den Spielmann zu traktiren, der jetzt kaum hoerte wie die Sache
stand, und das Viele der Anwesenden auf ein und demselben Schiff die
Ueberfahrt mit ihm machen wuerden, als er auch augenblicklich sein erst
halbgeleertes Glas Bier zurueckschob und sich mit augenscheinlichem Behagen
dem Genuss des wahrscheinlich lange entbehrten Weines hingab. Der Knabe
aber trank sein Glas aus, und setzte sich dann still und weiter nicht
beachtet, in die eine Ecke, lehnte den Kopf zurueck gegen die Wand, und
schloss die Augen -- vielleicht schlief er -- bis die spaete Nachtstunde auch
die Uebrigen mahnte aufzubrechen, und ihn sein Vater abrief, ihr eigenes
Lager in einem kleinen billigen Wirthshaus in der Neustadt aufzusuchen.





                                Capitel 2.


                              DER WESERKAHN.


Der naechste Tag war ein gar geschaeftiger fuer die Passagiere zweier
Seeschiffe, die noch an demselben Abend expedirt zu werden hofften, und --
der Aussage der Rheder wenigstens nach -- segelfertig und bis auf einige
unbedeutende Kleinigkeiten vollstaendig geruestet, vor Anker lagen.
Tausenderlei Sachen mussten noch besorgt und eingekauft werden, die man
theils fuer noethig, theils selbst fuer unentbehrlich hielt; Wein und
Branntwein wurde dabei angeschafft, Zucker und Zwieback, eine ganze Ladung
von Heringen und Sardellen eingelegt, den schlimmsten Feind der Reisenden,
die Seekrankheit, wenn nicht zu bannen, doch damit in ihren Wirkungen zu
schwaechen. Auch mit Blech und anderem Geschirr, mit Messer, Loeffeln und
Gabeln als auch verschiedenen Gewuerzen, hatten sich besonders die
Zwischendeckspassagiere zu versehn, denen etwas Aehnliches vom Schiffe aus
nicht geliefert wurde. Und wie viel vergassen sie noch, was sie nachher
gern auf dem Schiff mit dem Doppelten bezahlt haetten, wo es freilich nicht
mehr zu bekommen war, und wie viel auch wurde ueberfluessig als geglaubtes
Beduerfniss mitgeschleppt, nachher eine Weile unbenutzt im Weg herumzufahren
und zu verderben, und dann ueber Bord geworfen zu werden.

Wer aber kann es den Leuten verdenken, dass sie nicht gleich wissen und
verstehn, sich auf eine so lange muehselige und mit Entbehrungen und
Gefahren verknuepfte Reise in wenigen Tagen, oft fast nur Stunden
ordentlich und vollstaendig vorzubereiten? Meist aus dem inneren Land, mit
der See kaum dem Namen nach bekannt, schwimmt ihnen Alles was sie
vielleicht ueber eine erste Einschiffung gelesen, nur wie in wirren Bildern
im Hirn herum, die sie dann nicht fassen und halten koennen, sobald sie das
zum ersten Mal jetzt praktisch ausfuehren sollen, was sie sich Monate
vorher vielleicht schon einstudirt.

Der Deutsche ist ueberhaupt, wo es ins praktische Leben eingreift, das
ungeschickteste Menschenkind auf der weiten Gottes Welt. Viel thut
freilich dabei die Erziehung, und gegaengelt und am Leitseil gefuehrt nicht
allein bis ins Schwabenalter, sondern oft auch bis ins Grab, wird ein so
vortrefflicher Staatsbuerger aus ihm (den alle anderen, fremden Regierungen
nicht genug zu ruehmen wissen) dass er eben zu Nichts weiter zu brauchen
ist, und eben nur so _ver_braucht werden muss. Reisst er sich aber einmal
los aus den alten Verhaeltnissen, laesst er die Leute die bis dahin so
aufmerksam und vaeterlich fuer ihn gesorgt -- zurueck, dann macht er auch im
Anfang gewiss eine Menge dummer Streiche, tritt anderen Leuten auf die
Zehen oder wird von ihnen getreten (in beiden Faellen regelmaessig um
Entschuldigung bittend) und verstoesst gegen Alles was ihm in den Weg kommt,
am meisten aber gewiss gegen sich selbst. Spaeter wird er gescheut, aber es
dauert eine lange Zeit.

_Hier_ aber hat er noch manche Entschuldigung fuer sich; eben erst aus
seinem heimischen Boden gerissen, die Augen noch von, wenn auch
heimlichen, Thraenen roth, das Herz zum Brechen voll und den Kopf wuest und
wirr in der Erinnerung an das kaum ueberstandene; was Wunder dass er da
_die_ Tage gerade, wo er die Sinne recht beisammen haben sollte, wie im
Traume herumgeht, und trotz allen Buechern und Rathgebern die er vorher
gelesen, erst wieder an das Noethigste denkt wenn er "zu Ruhe kommt", d. h.
wenn das Schiff in See und die Seekrankheit vorueber ist -- weit weit
draussen im Ocean -- allerdings etwas zu spaet.

So sieht man Schaaren von Auswanderern die Strassen der Seestaedte den
ganzen Tag ueber durchziehn in Gesellschaft und einzeln, die Maenner mit
ihren grauen Filzhueten auf und Blousen ueber die Roecke gezogen, die kurzen
Pfeifen im Mund -- die Frauen Kinder an der Hand und auf dem Arme, in
kleinen schuechternen Trupps vor jedem aufgeputzten Laden stehen bleibend
und die Sachen darin bewundernd, oder weiter schlendernd und die
Aushaengeschilder buchstabirend, die ueber den verschiedenen Thueren haengen.
Es ist das die "leere Zeit" in ihrem Leben, der erste Ruhepunkt
vielleicht, so lange sie denken koennen, eine Zeit in der sie Nichts zu
thun haben -- Nichts weniges fuer _andere_ Leute, wenn auch eigentlich genug
fuer sich selbst. Wie eine Reihe von Sonntagen, jeder immer laenger werdend
als der Vorgaenger, schleichen die Stunden an ihnen hin und bieten erst
wieder Stoff zu Gedanken und Betrachtungen draussen in See.

Die Cajuetspassagiere, wie solche der Zwischendeckspassagiere, die noch
ueber einiges Geld zu verfuegen hatten, wohnten indessen in den besseren
Gasthoefen Bremens, und benutzten zum Hinausfahren nach ihrem
Bestimmungsort, wo das Schiff vor Anker lag auf dem sie ihre Ueberfahrt
bedungen, eines der kleinen Dampfboote, die taeglich zweimal in wenigen
Stunden nach Bremerhafen hinausfahren, und ueberall an den
Zwischenstationen anlegen; die meisten der Zwischendeckspassagiere aber,
und besonders solche, die von den Rhedern auf einen gewissen Tag
angenommen waren, von dem aus sie bekoestigt werden mussten, waren schon an
Bord gegangen,(1) ihr Geld nicht weiter in der theueren Stadt zu
verzehren. Die jedoch, die sich noch in der Stadt befanden und auf freie
Passage nach Bord zu mit ihrem Gepaeck, Anspruch machten, da sie sich das
gleich in ihrem, mit frueheren Agenten abgeschlossenem Schiffscontrakt
festgestellt hatten, waren am 20sten Morgens um sechs Uhr an die
Ausmuendung einer bestimmten Strasse, unten an die Weser bestellt, wo der
Kahn Nr. 67 -- Kahnfuehrer Meinert -- lag, von diesem gratis an Bord der
Haidschnucke geschafft zu werden.

Dort versammelte sich denn auch an dem schoenen sonnigen Morgen, dem nur im
Westen dunkel aufsteigende Wolken ein kurzes Ende zu machen drohten, eine
Masse Menschen verschiedenartigsten Alters und Geschlechts, um sich mit
dem, versprochener Massen "bedeckten Flussschiff" an den Ort ihrer
Bestimmung baldmoeglichst befoerdert zu sehn. Kisten und Kasten, an denen
Karrenfuehrer schon seit zwei Stunden herbeigeschafft, lagen an der
bezeichneten Landung bunt aufgestapelt, und Hutschachteln, Reisesaecke,
Koerbe mit Victualien &c. &c. wuchsen von Minute zu Minute an Masse und
Gewicht.

Die buntgemischteste Gesellschaft, die sich dabei nur denken laesst,
sammelte sich um die Effecten, junge und alte Maenner, ihren Taback in die
freie Luft hinausqualmend und ungeduldig dabei am Ufer auf- und abgehend,
und Frauen und junge Maedchen, fest in ihre Umschlagetuecher eingehuellt, die
doch etwas frische Morgenluft abzuhalten. Die Leute waren aber noch nicht
recht bekannt mit einander geworden; die Gespraeche drehten sich bis jetzt
nur um das Gepaeck und das "bedeckte Flussschiff" das sich noch immer nicht
zeigen wollte. Damit hatten sie aber auch vor der Hand uebrig genug zu
thun, denn dem fehlte ein Koffer, dem war ein Schloss von seiner Kiste
abgerissen, oder der Deckel eingedrueckt worden; der Eine hatte noch dies
in der Stadt vergessen einzukaufen und mochte nicht mehr hinauslaufen, aus
Furcht die Abfahrt zu versaeumen, der Andere das im Gasthaus liegen lassen
und die Menschenmenge wogte und draengte durch einander hin, schimpfend und
fluchend hier, lachend und pfeifend oder singend da, waehrend neue Karren
mit Gepaeck noch jeden Augenblick dazu kamen, die Verwirrung, wenn das
ueberhaupt moeglich gewesen waere, zu vergroessern.

Die einzige, vollkommen unbewegliche Person in diesem Chaos von Menschen
und Gepaeck sass auf einem Haufen von Kisten die zuerst hergeschafft und
uebereinander gethuermt waren, mit unterschlagenen Beinen regungslos oben
darauf, und schien die Confusion unter und um sich mit ordentlichem
Wohlgefallen, jedenfalls mit vollstaendiger Gemuethsruhe zu betrachten.

Es war eine, was man so von unten erkennen konnte, vierschroetige derbe und
untersetzte Gestalt, jedenfalls den unteren Volksklassen zugehoerig, und
doch auch wieder mit einem gewissen Selbstbewusstsein in den rauhen, nichts
weniger als schoenen Zuegen, als auch in der ganzen Haltung, wie man es
nicht immer bei diesen findet. Der Mann mochte ungefaehr fuenf- bis
achtundvierzig Jahre alt sein, und der Ausdruck seines lederartigen
faltigen Gesichts hatte, gleich auf den ersten Blick eine so merkwuerdige
und auffallende Aehnlichkeit mit einem grossen Affen, der mit
unerschuetterlichem Ernst vor einer Menagerie sitzt, und das Wogen und
Treiben der Menge unter sich betrachtet, dass wenige der Passagiere, so
viel sie heut Morgen mit sich selber zu thun haben mochten, an ihm
voruebergingen, ohne ueberrascht ein paar Secunden vor ihm stehn zu bleiben
und ihn zu betrachten, oder sich gegenseitig ein paar erstaunte
Bemerkungen zuzufluestern. Die Maedchen besonders warfen oft verstohlene
Blicke zu ihm hinauf, und kicherten dann miteinander. Jedenfalls musste er
das bemerken, aber er verzog keine Miene, oder wandte auch nur einmal den
Kopf nach einer der Gruppen um, sondern paffte in kurzen, regelmaessigen
Zuegen den Rauch aus einer kleinen schmutzigen, abgegriffenen Pfeife, mit
einem grossen Porcellankopf, und glich, dies einzige Lebenszeichen
abgerechnet, wirklich einer ausgestopften und dort oben zur Verzierung des
Ganzen hingesetzten Figur. Er trug dabei einen einmal gruen gewesenen,
Ziemlich abgescheuerten Rock, der besonders auf den Schultern ordentlich
grau und glaenzend aussah, als ob er da oben ganz vorzueglich benutzt
worden; eine erbsgelbe, bis an den Hals hinauf zugeknoepfte gesprenkelte
Weste, ein schwarzes Halstuch, das eifersuechtig auch den geringsten
Schimmer von Waesche verdeckte, braun und gruen gewuerfelte Hosen, grosse
naegelbeschlagene Schuh und einen, in eine Unzahl von Formen
hineingedrueckten alten haarlosen und an den Raendern hellgrau gescheuerten
Filzhut, unter dem nur hie und da duenne, straffe und blonde Haare
hervorschauten. Rasirt hatte er sich ebenfalls, wahrscheinlich seit seinem
Entschluss nach Amerika auszuwandern, nicht, und die weissgesprenkelten
Stoppeln die sein breites vorgehendes Kinn umgaben, passten vollkommen zu
der flachen, wie eingedrueckten Nase, den kleinen grauen Augen, vorgehenden
Backenknochen und der niederen Stirn, die sich scharf nach rueckwaerts, wie
scheu unter den Hut hinunterzog.

So ruhig und anscheinend theilnahmlos aber auch dies Individuum dem
allgemeinen Wirrwarr zuschaute und sich vollkommen geduldig in Zeit und
Umstande geschickt hatte, so ungeduldig wurden die uebrigen Passagiere, als
es jetzt vom Dome her sechs Uhr droehnte und das, eine Strecke weiter oben
liegende Dampfboot, sein Deck mit Passagieren gefuellt, an ihnen
vorbeipuffte. Dabei liess sich noch nicht die Spur von einem "verdeckten
Flussschiff" wie es sich die Passagiere gedacht, an der Landung blicken,
und nur ein kleiner Weserkahn, wie sie dort ueberall zum Waarentransport
gebraucht werden, lag gerade quervor an der bezeichneten Strasse, dem Platz
genau gegenueber wo ihre Waaren aufgestapelt worden, und der Kahnfuehrer,
ein hagerer duenner Gesell, mit furchtbar langen Armen und grossen Haenden,
von denen man gar nicht begriff wie er sie je durch die Aermel seiner
Jacke gebracht oder, da sie nun einmal darin waren, wie er sie wieder
herausbringen wollte, ging auf dem Deck seines kleinen Fahrzeugs auf und
ab. Mehrmals versuchte er dabei die Haende in die Taschen seiner
dunkelblauen sogenannten Lootsenjacke zu bringen, aber umsonst, sie gingen
nicht hinein, und er schlenkerte sie dann wieder "zu beiden Borden"
herunter und spuckte, seinen Taback dabei kauend, den braunen ekelhaften
Saft regelmaessig einmal ueber Stuerbord und dann ueber Backbord ins Wasser
hinueber.

                                    []

                                Capitel 2


"Sie da -- lieber Freund" redete ihn endlich Einer der Passagiere an, der,
in einen grauen weiten Ueberrock geknoepft, bis jetzt seiner Ungeduld in
einer verwirrten Masse von Fluechen und Verwuenschungen Luft zu machen
gesucht, und das kleine Fahrzeug schon lange aergerlich betrachtet hatte.

Der Matrose, oder was er sonst war, warf einen Blick ueber die Schulter
nach ihm hinueber, aber ob er nun glaubte dass die Anrede ihm nicht gelte,
oder sie nicht beachten _wollte_, kurz er setzte seinen Spatziergang an
Deck ruhig fort und gab keine Antwort.

"Sie da -- heh -- Sie Langer mit der blauen Jacke und der huebschen Muetze --
hoeren Sie nicht?"

"_Und_?" sagte der Mann jetzt und blieb, den Kopf halb ueber die Schulter
zurueckgedreht, stehn, waehrend er jedoch den Frager nicht dabei an-,
sondern nach den Daechern der naechsten Haeuser hinaufsah, als ob ihn von
dort her Jemand gerufen haette.

Steinert, denn der Mann in dem grauen Ueberrock war Niemand anderes als
unser alter Bekannter, der Weinreisende von gestern Abend, der uebernaechtig
und mit schwerem Kopf gerade uebler Laune genug schien sich ueber die
geringste Kleinigkeit zu aergern, murmelte etwas von "Dickschaedel" und
"Holzkopf" in den Bart, fuhr aber doch in der begonnenen Anrede fort und
rief, nur noch mit lauterer Stimme als vorher:

"Sie da -- Sie werden mit Ihrem Dings da von einem Schiff aus dem Weg
fahren muessen, wenn das andere Schiff kommt, unsere Sachen und uns selber
an Bord zu nehmen. Sie haetten sich wohl nirgends anderswo grad' in den Weg
hinlegen koennen?"

Der Matrose oder Kahnfuehrer glitt mit seinen Augen langsam vom dritten bis
zum zweiten und von da bis zum ersten Stock und dann quer ueber die
Hausthuer weg nach dem Fremden nieder, der ihn angeredet hatte und oeffnete
dann den Mund -- aber blos um ein neues Priemchen Taback hineinzustecken,
wonach er, ohne auch nur eine Sylbe zu erwiedern, seinen Spatziergang an
Deck in der alten Weise und Ruhe fortsetzte. Steinert uebrigens, der sich
jetzt ernstlich an zu aergern fing, war nicht gesonnen sich so leicht
abfertigen zu lassen, und bis an den Wasserrand hinangehend, bis wohin
eine schmale Planke vom Bord des niederen Fahrzeuges aus reichte, schritt
er diese hinan und stieg keck an Deck des "fremden Schiffes" wie die
Uebrigen meinten.

"Guten Morgen" sagte er hier vor allen Dingen, als er sich auf dem fremden
Boden fand, und doch fuehlte dass er mit Hoeflichkeit bei dem sonderbaren,
einsylbigen Mann weiter kommen wuerde, als mit Grobheiten.

"Morgen" sagte der Schiffer uebrigens, ohne, gerade wie vorher, weitere
Notiz von ihm zu nehmen.

"Sagen Sie einmal Freund" nahm aber hier Steinert wieder das Wort, und
suchte sich dem Mann auf seinem Spatziergang entgegenstellen -- "wie ist
denn das eigentlich, wollen Sie heute hier liegen bleiben?"

"Nee!" sagte der Schiffer.

"Und wann fahren Sie ab?"

"Sobald wie laden hebben" lautete die Antwort.

Steinert, der nur einen unbestimmten Begriff von Plattdeutsch hatte,
begriff nicht recht was der Mann sagte, und suchte ihm selber jetzt
begreiflich zu machen, wie sie mit jedem Augenblick ein "verdecktes
Flussschiff" erwarteten, das sie und ihre Sachen an Bord der Haidschnucke
schaffen sollte.

"Hm -- wo sall'n dat herkomen?" frug der Schiffer aber jetzt mit einem
verschmitzten Laecheln nach dem Frager hinueberblinzelnd.

"Herkommen?" wiederholte Steinert erstaunt -- "nach unserem Contrakt mit
dem Rheder muessen wir unentgeltlich mit unserem Gepaeck von hier aus an
Bord des Seeschiffes geschafft werden."

"Op en _Flussschiff_?" sagte der Matrose mit starker und etwas
humoristischer Betonung des hochdeutschen Wortes.

"Jawohl" sagte Herr Steinert.

"Un wie heet _dat_ hier?" sagte der Matrose auf das eigene Fahrzeug
niederdeutend, auf dem sie standen.

Ein boeser Verdacht stieg in dem Weinreisenden auf, dass sie etwa gar in
einem solchen "Kasten" transportirt werden sollten. Dessen Bestaetigung
blieb auch nicht lange aus, denn nach ein paar Fragen herueber und hinueber
stellte es sich wirklich heraus, dass dies kleine unansehnliche Fahrzeug
das identische "bedeckte Flussschiff" Nr. 67, und der lange Matrose der
Kahnfuehrer Meinert sei, mit dem sie und ihre saemmtlichen Sachen "nach See
zu" geschafft werden sollten. Ein wilder Ausruf des Erstaunens, den der
erschreckte Weinreisende nicht unterdruecken konnte, zog einen Theil der
uebrigen Passagiere herbei, und das Deck des kleinen Fahrzeugs schwaermte
ploetzlich von einer Masse verblueffter und wirr durcheinander schreiender
Menschen, dass die Leute oben in der Strasse stehen blieben oder auch mit
zum Ufer herunterkamen, in der freundlichen Hoffnung, einer moeglichen
Pruegelei der Auswanderer beiwohnen zu koennen.

Kahnfuehrer Meinert, denn diese wuerdige Person war es wirklich selbst, liess
sich indessen nicht im Mindesten aus seiner Fassung bringen, und
beantwortete alle Fragen seiner neuen ungeduldigen Passagiere mit einer
Ruhe und Gleichgueltigkeit, die diese fast zur Verzweiflung brachte.

"Wie viel mal er zu fahren gedaechte bis er die Masse Gepaeck und Menschen
im Stande sei an Bord abzuliefern."

"Ein Mal."

"Ein Mal? -- und wenn er sie Einer ueber den Andern packe gingen sie nicht
Alle hinein."

"Noch einmal so viel, mit _Bequemlichkeit_, wenn es sein muesste."

"Wie lange die Reise dauere?"

"Mit gutem Wind sechs Stunden."

"Und mit schlechtem?"

"Unbestimmt."

Manche der Passagiere haetten jetzt gern Passage auf dem Dampfboot
genommen, das aber war schon fort -- das naechste ging erst um elf Uhr ab
und kam erst Nachmittag nach Brake, bis dahin konnten sie lange dort sein,
und sie fingen an sich in das Unvermeidliche zu fuegen. Aber weshalb wurde
da nicht wenigstens ihr Gepaeck eingeladen? -- auf was warteten sie noch, da
die Abfahrt doch auf sechs Uhr bestimmt worden.

Kahnfuehrer Meinert, oder "_Capitain_" Meinert wie er sich gern nennen
liess, wartete noch auf "seine Mannschaft," einen Matrosen, den er in die
Stadt hinaufgeschickt hatte ihm einen frischen Vorrath von Taback, Rum und
einigen anderen Kleinigkeiten einzuholen -- sobald der kam, um die Sachen
im "unteren Raume fortzustauen" konnte die Sache beginnen.

Endlich kam der Bursche, ein schmutzig aussehendes, theerbeschmiertes
Individuum, mit einem Arm voll Packeten und zwischen den Zaehnen eine
Anzahl Papiere haltend. Diese nahm ihm sein Principal vor allen Dingen
heraus, wischte den Tabackssaft davon ab und schob sie dann, ohne sie
weiter eines Blicks zu wuerdigen, in seine eigene Tasche.

Die Passagiere wurden jetzt aufgefordert "ihre Sachen an Bord zu liefern"
und folgten diesem Aufruf mit lobenswerther Bereitwilligkeit. Sie glaubten
naemlich nicht dass der kleine unansehnliche "Kahn" Alles wuerde einnehmen
koennen, und Jeder wollte wenigstens _sein_ Eigentum mit der _ersten_ Fahrt
befoerdert haben. Ein paar der staemmigsten, oldenburger Bauern, die auch
die groessten Kisten hatten, wurden dabei ersucht "im Raum" ein wenig mit zu
helfen, "damit sie auch saehen dass nichts beschaedigt wuerde," und diese
unterstuetzte der Matrose, waehrend "Capitain Meinert" an Deck stand, die
Kisten oder Koffer mit einem Tau umschlang, und in den unteren Raum, oder
vielmehr nur unter Deck, hinunterliess, denn das kleine Fahrzeug hatte nur
den einen Raum.

Waehrend die Leute aber solcher Art beschaeftigt waren, trafen immer noch
andere, verspaetete Passagiere ein, die ebenfalls mit befoerdert werden
wollten und mussten. Unter ihnen der alte polnische Jude mit seinem Knaben,
der jetzt auch mit Hand anlegen sollte das Gepaeck an Bord zu schaffen. Der
alte Bursche schien aber kein Freund von solcher Beschaeftigung und merkte
kaum wie die Sachen standen, als er an zu hinken fing, und die rechte Hand
vorn in seinen Kaftan legte -- er wollte sich an dem Morgen weh daran
gethan haben, und konnte sie nicht gebrauchen.

Das Gepaeck wurde uebrigens rascher beseitigt als man im Anfang geglaubt
hatte, und merkwuerdiger Weise fasste dabei das kleine unansehnliche
Fahrzeug eine solche Unmasse von Sachen, die in seinem Bauch ordentlich
verschwanden, dass, wenn auch gerade kein bequemer Platz, doch Raum genug
blieb, auch die Passagiere aufzunehmen, die sich schon ein paar Stunden
solcher Art glaubten behelfen zu koennen. Lieber Gott, man ging ja jetzt in
See, und da konnte man nicht Alles haben wie zu Hause. Vor acht Uhr
erklaerte aber "Capitain Meinert" nicht im Stande zu sein abzufahren, da
dann erst die Ebbe eintraete, mit deren ausstroemender Fluth er bei dem
schwachen Winde hoffen durfte vorwaerts zu kommen, und es blieb den
Passagieren, die Anfangs allerdings darueber murrten, aber sich in das
Unvermeidliche fuegen mussten, noch etwa eine halbe Stunde Zeit sich zu
beschaeftigen wie es ihnen gerade gefiel. Schon vor acht Uhr waren sie aber
saemmtlich wieder am Ufer, jetzt ernstlich auf endliche Abfahrt ihres
"Schiffs" dringend.

Ein junger Bursche, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der auch
an denselben Morgen, mit einem ledernen Tornister auf der Schulter und
einem leinenen zerrissenen Staubhemd ueber einem sehr abgetragenen
Roeckchen, an das Ufer gekommen war und sein "Gepaeck" zu dem uebrigen
gestellt hatte, war dann noch einmal fortgelaufen und in Schweiss gebadet
wiedergekommen, und schien ueber irgend etwas in grosser Angst und Sorge.
Die Leute hatten aber saemmtlich zu viel mit sich selber zu thun, der Noth
und Sorge eines ihrer vermutlichen Mitpassagiere nachzufragen, und der
arme junge Bursch, als schon saemmtliches Gepaeck an Bord geschafft worden,
sass noch immer auf seinem Tornister am Ufer, das bleiche Antlitz in die
Hand gestuetzt, und schien wirklich in stummer Verzweiflung der
Einschiffung der Uebrigen zusehn zu wollen, ohne selber daran Theil zu
nehmen.

Unter den Juden war Einer Namens Wald, ein Mann in den vierzigen, mit
einer ansetzenden Glatze, aber scharfgeschnittenem klugen Gesicht und
lebhaften schwarzen Augen, der sich bis dahin von den Uebrigen ziemlich
fern gehalten. Neugierig gemacht uebrigens, durch das Wesen des jungen
Burschen, ging er jetzt zu diesem hin, und frug ihn was er haette oder was
ihm fehle. Der arme Teufel klagte ihm da mit Thraenen in den Augen sein
Leid -- es fehlten ihm wirklich noch fuenfzehn Thaler an seiner Passage nach
Amerika, und die Rheder wollten ihn nicht mitnehmen, ehe er die volle
Summe gezahlt habe; aber er _muesse_ mit fort, und wenn ihn das Schiff
nicht mitnaehme sei er rettungslos verloren.

Wald wollte ihn troesten, dass er denn wohl noch ein anderes faende, der
junge Mensch schien aber so in Angst, und ueberhaupt noch etwas anderes
auch auf dem Herzen zu haben, worueber er nicht recht mit der Sprache
herauswollte, sah aber dabei so treuherzig und fast noch kindlich aus, dass
der Mann den Kopf herueber und hinueber schuettelnd, endlich sagte:

"Nu Gottes Wunder, sind wir doch Menschen hier genug die paar Thaler
zusammenzubringen -- wart einmal a Bisle, ich werd' an zu sammeln fangen."

"Aber das Schiff faehrt fort --"

"Wird nich so schnell fahren" sagte der Mann gutmuethig, und zu dem
polnischen Juden gehend hielt er dem seine Muetze hin und sagte:

"Kamerad, ich brauch ein paar Thaler Geld fuer einen armen Teufel, den wir
nich duerfen zuruecklassen in Deutschland."

"Armer Teufel?" sagte der Israelit -- "wie haisst? bin ich doch selbst en
armer Teufel -- wo ist er her?"

"Kann Dir einerlei sein wenn er arm ist" meinte Wald.

"Der Mann hat Recht" sagte aber jetzt der Alte, und griff in seine Tasche.

"Wie viel braucht's?"

"Je mehr desto besser" sagte Wald -- "funfzehn Thaler Geld muessen werden."

"Hier is a Thaler" sagte der Alte und warf das Geld in die Muetze.

Der naechste zu diesem war Steinert, an den sich Wald mit seiner Sammlung
wandte. Dieser zeigte sich aber nicht so rasch mit Geldgeben wie der alte
Jude, sondern wollte erst genau wissen wozu und weshalb, wer der Bursche
sei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei,
als er sah dass er auf keine andere Art zu seinem Zweck kommen koenne, und
der junge Bursch gab jede nur moegliche Auskunft, bis Steinert endlich in
seine Tasche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er sie
mehrmals durchgesehn, zwoelf davon reichte.

"Aber wir brauchen fuenfzehn _Thaler_" sagte dieser, "und zweiundsiebenzig
machen erst einen."

"Leider" erwiederte ihm Steinert, "ich brauche aber noch mehr wie fuenfzehn
Thaler und mir giebt Niemand etwas."

Wald sah dass alles weitere Zureden umsonst sein wuerde, um deshalb nicht
mehr Zeit zu versaeumen ging er weiter, und einige der jungen Maedchen, die
der arme Bursch dauerte, nahmen sich jetzt auch der Sache an, legten
selber zusammen so viel sie konnten, und collectirten bei den Anderen. Es
war gut fuer sie dass sich viele Juden unter den Passagieren befanden; diese
gaben fast alle und -- so geizig sie sonst sein mochten -- gaben reichlich,
ohne weiter zu fragen wie der Mann heisse und woher er sei, waehrend die
Christen, von denen Viele es dem Anschein nach weit eher entbehren konnten
-- erst Alles auf das Genaueste wissen wollten, und dann noch jede
Ausflucht suchten, wenigstens mit einigen Groten abzukommen.

Nichtsdestoweniger brachte Wald, von den jungen Maedchen unterstuetzt, das
Geld in kaum einer halben Stunde richtig zusammen; der junge Bursch, jetzt
uebergluecklich seine Reise gesichert zu sehn, flog mehr als er ging, in die
Stadt zurueck, seinen Schein zu bekommen.

Der einzige der sich bei der ganzen Sammlung _nicht_ betheiligt, denn
_alle_ uebrigen hatten wenigstens eine Kleinigkeit gegeben, war der
wunderliche alte Bursche, den wir im Anfang auf den Kisten sitzend fanden,
und der auch nur erst in der That seinen Platz geraeumt hatte, als die weit
ungeduldigeren Reisegefaehrten das Gepaeck anfingen unter ihm selber
wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erste, der sich eine gute Stelle
an Bord aussuchte, dort eine der ueberall herumliegenden Matratzen, die
fast Jeder bei sich fuehrte, aufrollte, und sich, keine Ruecksicht auf etwa
spaeter Nachkommende nehmend, behaglich unter Deck darauf ausstreckte.

Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art
Schiffsjungen bei sich hatten, gehisst, und die mit schwarzer Farbe darauf
gemalte Nummer 67 sichtbar. Das galt den Passagieren aber auch als Zeichen
der Abfahrt, und Alles draengte an Bord, einen bequemen Platz fuer die
Hinausfahrt zu bekommen.

Unter den Passagieren, die mit dem Weserkahn befoerdert werden wollten,
befand sich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger sehr anstaendig
und reinlich gekleideter Mann in schwarzem Tuchrock und eben solchen
Hosen, mit blankgewichsten Stiefeln und Glacehandschuhen, ein reizendes
Frauchen, ganz einfach aber hoechst geschmackvoll gekleidet, am Arm und
einen Knaben, einen lieben kleinen Burschen von kaum mehr als drei Jahren
an der Hand. Der Mann musste sich aber wohl schon frueher genau nach der
Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erst kurz vor acht Uhr
gekommen und mit Frau und Kind, ohne sich mit Einem der Uebrigen in ein
Gespraech einzulassen, am Ufer auf- und abgegangen.

Der Violinist Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt fuer sich und die
Seinen, nachdem er vergebens gesucht seine Passage abarbeiten zu duerfen,
mit schweren Opfern und besonders durch den Verkauf fast aller seiner
Habseligkeiten, zusammengebracht, und war im Begriff sich ebenfalls mit
der Haidschnucke nach Amerika einzuschiffen -- freilich im Zwischendeck,
und das Herz schlug ihm recht weh und aengstlich, wenn er die Leute sah mit
denen er gemeinschaftlich, in einem Raum die lange Reise machen sollte,
und der Entbehrungen, der Beschwerden dann gedachte, denen sein zartes
junges Weib, denen sein Kind dabei ausgesetzt sein mussten. Adele aber, die
liebe kleine Frau, die in dem gramumwoelkten Blick des Gatten wohl all die
Sorge, all den Kummer lesen mochte, den er sich ihretwegen machte, und
ihretwegen doch auch gerade wieder sein ganzes Leben daran setzte, sie aus
den Sorgen zu reissen, in denen sie im alten Vaterland gelebt, hing sich an
seinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komischen
wunderlichen Gestalten machte sie ihn dabei aufmerksam, die sie umgaben;
auf den langen Kahnfuehrer mit seinem spitzen Gesicht und den polnischen
Juden mit dem schoenen bleichen Knaben, und freute sich wie ein Kind ueber
das rege Leben und Treiben, das um sie her draengte und wogte, und sie
jetzt mit fortnehmen sollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das sie
hier zurueckliess, und das sie an das alte Vaterland noch haette fesseln
koennen; eine Waise stand sie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die
fuer sie.

Und dennoch schrack sie fast unwillkuerlich zurueck, als sie, an des Gatten
Arme, der den Knaben selber jetzt aufgenommen hatte ihn an Bord zu tragen,
das kleine Fahrzeug betrat das sie stromab fuehren sollte, dem Seeschiffe
zu. Der warme Dunst der sie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das
feuchte schmutzige kleine Fahrzeug selber -- sie schmiegte sich fester an
den Gatten an, wie um Huelfe zu suchen gegen dies erste peinliche Gefuehl,
und nur erst als dieser leise aber tief und schmerzlich aufseufzte und die
Scene vor sich mit aengstlich forschendem Blick ueberflog, denn er sah nicht
ein stilles, geschuetztes Plaetzchen, wo er Weib und Kind haette unterbringen
koennen, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang sie mit
Gewalt jedes andere Gefuehl zurueck. Die Notwendigkeit gebot hier dass sie
sich fuegte; nicht durfte und wollte sie des Gatten Herz noch schwerer
machen als es schon war, und selbst mit einem Laecheln auf den bleichen
Lippen sagte sie, sich fluesternd zu ihm biegend.

"Ach Schade, Paul, dass Du kein Maler bist; das waere ein Stoff hier fuer ein
prachtvolles Genrebild."

"Arme Adele" fluesterte Eltrich leise.

"Arme Adele?" wiederholte aber die junge Frau, jetzt ernstlich
entschlossen das Unvermeidliche auch fest und freudig zu ertragen -- "wie
Viele gaeben Gott weiss was darum dies nur zu sehn, und da wir endlich,
wonach wir die langen Jahre und immer umsonst gestrebt, erreicht,
bedauerst Du mich?"

"Wie wirst Du es nur ertragen auf dem Schiff?" seufzte der junge Mann.

"Wie ertragen es so viele Tausend?" entgegnete ihm aber die kleine wackere
Frau, "und bin ich nicht jung und gesund? -- was Andere koennen kann auch
ich."

"Aber Du warst von je ein anderes Leben gewohnt."

"Und Du nicht? -- Ach Paul, quaele Dich doch um Gottes Willen nicht jetzt
unnuetzer Weise mit solchen Gedanken, und sieh lieber dass Du ein Plaetzchen
irgendwo fuer uns findest, die paar Stunden hinzubringen. Ich glaube wir
blieben am Besten an Deck."

"Ich traue dem Wetter nicht" sagte Eltrich kopfschuettelnd -- "dort im
Westen liegt es dunkel und schwer, und kommt mit Macht herauf. Jetzt ist
auch fuer uns noch Hoffnung einen Platz unter Deck zu bekommen, denn Viele
scheuen sich hinunter zu gehn, ehe sie muessen; nachher draengt denn Alles
hinein und die Leute hier sehen mir gerade nicht aus, als ob sie viel
Ruecksicht auf einander nehmen wuerden."

"So such' uns ein Plaetzchen" sagte die junge Frau, "und wir richten uns
dann haeuslich ein, ich und Luz, und wenn wir einmal wieder auf festem
Grund und Boden sind, in Amerika drueben, dann werden wir noch oft ueber die
Zeit lachen die wir hier verlebt, und was wir da Alles gesehn und gehoert."

"Und gerochen" seufzte Eltrich in komischer Verzweiflung -- "lieber Gott,
qualmen die Leute einen nichtsnutzigen Taback."

"Man gewoehnt sich an Alles" sagte die kleine Frau; "aber geh nun hinunter
und sieh Dich um, ich bleibe dann noch oben an der freien Luft bis es
wirklich an zu regnen faengt."

In dem Kahn sah es indessen in der That wild und wunderlich genug aus. Die
Erstgekommenen hatten sich, nach Umstaenden, vortrefflich eingerichtet und
alle vorgefundenen und meist noch zusammengebundenen Matratzen benutzt,
Lager- oder Sitzplaetze fuer sich herzurichten, und die spaeter Eintreffenden
suchten jetzt ihre "Betten", ueber Alles dabei hinwegsteigend was ihnen im
Wege lag. Jeder that zugleich sein Bestes den Nachbar zu ueberschreien, nur
um selber gehoert zu werden, und Steinert besonders, der sich aus irgend
einer unbegreiflichen Ursache fuer schaendlich behandelt und hintergangen
hielt, machte einen Heidenlaerm.

"Das also nennen diese Herren Rheder ein "verdecktes Flussschiff" -- einen
Aufenthalt fuer Menschen -- fuer Auswanderer? Ein Kasten ist's, mit einem
Loch darin, Mehlsaecke etwa wegzupacken und Fleischfaesser -- eine
Vorbereitung zur Galeere fuer Moerder und Diebe -- ein schwimmendes
Zuchthaus. "Verdecktes Flussschiff." -- dass sie der Boese einmal spaeter in
einem solchen "verdeckten Flussschiff" nach seinen hoellischen Regionen
abfuehre, dort mit des Geschickes Maechten einen ew'gen Bund zu flechten."

"Ach was" unterbrach ihn da Einer vom Stamme Juda -- "lassen Sie das
Geschwafele und gehn Se mit Ihre dreckige Fissche von meine Matratze
herunter -- Gott der Gerechte wo sieht der Mensch um die Fisse aus und
stellt sich mich Nichts dich Nichts auf's Bettzeug!"

"Meine Herren!" -- rief Steinert dagegen, konnte aber seine Rede nicht zu
Ende bringen, da der Mann den einen Zipfel der also misshandelten Matratze
mit beiden Haenden gefasst hatte, und sie dem Weinreisenden mit einem
ploetzlichen Ruck so rasch unter den Fuessen fortriss, dass dieser das
Gleichgewicht verlor und rueckwaerts in einen Korb voll Blech und anderes
Geschirr hineinfiel, den die Familie Rechheimer, Mann, Frau und zwei
erwachsene Toechter eben zu etwas genauerer Inspection hervorgezogen. Der
Laerm wurde jetzt allgemein, denn Steinert wollte thaetliche Rache nehmen,
und bat die Umstehenden dass sie ihn halten moechten, weil er sonst den
Elenden ueber Bord wuerfe.

"Frieden, lieben Freunde" sagte da eine tiefe aber sehr weiche, fast etwas
singende Stimme, und ein junger Mann von vielleicht drei- oder
vierundzwanzig Jahren mit vollem Bart und langen glatt herunterhaengenden,
in der Mitte gescheitelten Haaren, modern, wenn auch etwas vernachlaessigt
gekleidet, trat zwischen die Streitenden und fing an ihnen zu beweisen dass
sie Beide Unrecht haetten, dass sie nicht verstaenden das Romantische ihrer
Lage zu begreifen und anstatt, wie die Biene aus _jeder_ Blume Honig zu
ziehen, sich von dem ersten bitteren Geschmack abschrecken und verblenden
liessen.

"Ja -- eine kleine Biene flog" rief Steinert noch immer entruestet
dazwischen, "aber ziehn Sie einmal hier Honig heraus, wenn ich bitten darf
-- das waere ein Kunststueck."

"In einem solchen Kunststueck bewaehrt sich gerade der Mann!" entgegnete die
kleine schmaechtige Gestalt des Passagiers mit der tiefen Stimme -- "das
Edle wollen und das Gute thun!"

"Ich brauche mir aber meine Matratze nich einschmieren und mich schimpfen
zu lassen -- brauch ich nich --" schrie jedoch der Israelit, noch keineswegs
beruhigt, dazwischen, und Steinert wollte ebenfalls wieder heftig
erwiedern, als von einer anderen Ecke des halbdunklen Raumes her ein neuer
Laerm vorbrach, dessen Mittelpunkt diesmal der Mann mit dem affenaehnlichen
Gesicht zu sein schien. Dieser hatte ebenfalls, wie es sich jetzt
herausstellte, auf einer fremden Matratze Platz genommen und weigerte sich
nicht sowohl ihn zu raeumen, als dass er ihn, ohne auch nur ein einziges
Wort zu erwiedern, ruhig gegen einen ganzen Schwarm von Frauen und Maedchen
behauptete. Die einzige Antwort die man aus ihm herausbringen konnte, war
eine ordentliche Wolke des schaendlichsten ordinaersten Tabacks der sich nur
denken liess, und je aerger der Laerm um ihn her wurde, desto mehr verschwand
er in dem, immer dicker aufsteigenden Nebel, und nur die kleinen grauen,
von dichten und dunklen borstigen Brauen beschatteten Augen blitzten
daraus hervor, dass es den Frauen ordentlich unheimlich zu Muthe wurde,
wenn sie den Mann anschauten.

Wer sich uebrigens um all den Laerm da unten nicht bekuemmerte war der
Kahnfuehrer selber, "Capitain Meinert", der indessen, da die Ebbe jetzt
wirklich eintrat, mit seines Matrosen Huelfe den leichten Anker an Bord,
und vorn auf den Bug hob, und als das kleine Fahrzeug, nicht mehr vorn
gehalten, mit der Stroemung langsam herumschwang, an's Steuer trat und es
weiter hinaus in den Fluss lenkte, klar von den uebrigen Kaehnen zu werden
und freies Fahrwasser zu bekommen.

Die Passagiere waren uebrigens hierbei selber zu sehr interessirt, es so
ganz gleichgueltig mit anzusehn, wie sie, zum ersten Mal in ihrem Leben
"flott" wurden, und kaum fuehlten sie unten die Bewegung des "Schiffs" wie
sie den Kahn unverdrossen nannten, als auch die Mehrzahl rasch an Deck
kletterte. Viele von ihnen hatten dabei eine unbestimmte Ahnung dass sie
jetzt bald das Land "aus Sicht" verlieren und direkt in die offene See
hineinsteuern wuerden, das grosse Schiff nach irgend einer gegebenen,
unbekannten Richtung aufzusuchen; Andere glaubten dass _Brake_
wahrscheinlich um die naechste Landspitze herum laege, und sie dort
spaetestens zum Mittagsessen eintreffen muessten; jedenfalls gewann Eltrich
indessen unten Zeit ein Eckplaetzchen fuer Frau und Kind herzurichten, wo er
eine von seinen Matratzen ausbreitete, und die andere, gegen die Kahnwand
hin hoch aufstellte, als Ruecklehne zu dienen. Adele hatte auch kaum mit
dem Knaben darauf Platz genommen, als die Wolken, die sich den ganzen
Morgen schon hoher und hoeher gezogen, begannen Ernst zu machen. Es fing
gegen neun Uhr an erst zu troepfeln und dann ordentlich zu regnen, und die
Passagiere draengten wieder mit Macht nach unten, unter Dach. Nur Einzelne
von den Maennern blieben oben, die, in ihre Maentel gehuellt, oder mit
Regenschirmen, die Naesse, dem Dunst und der Hitze unten vorzogen.

So scharf und frisch die Luft aber auch im Anfang, mit dem ersten Regen
einsetzte, und so rasch das kleine, ziemlich gut segelnde Fahrzeug dabei
die Fluth durchschnitt und die Thuerme Bremens bald zurueckliess, so bald
schlief der Wind wieder ein, und wenig mehr als die ausfluthende Stroemung
trieb den Kahn zuletzt noch weiter, der kaum mehr seinem Steuer gehorchte,
und langsam und schlaefrig an dem gruenen Ufer niederschwamm. Die Luft war
dabei schwuel und drueckend, und der Regen goss dermassen in Stroemen nieder,
dass selbst die Luke, wenn auch nicht dicht verschlossen, doch mit
getheerter Leinwand verhangen werden musste, und die Luft in dem beengten
Raum nur noch dumpfiger und schwueler machte.

Ein Theil der Passagiere amuesirte sich indess ganz gut -- hie und da hatten
sich kleine Gruppen gesammelt und spielten, mit einer Kiste zwischen sich
als Tisch, Karten; dort machten ein paar junge Burschen -- und der Mann mit
der tiefen Stimme und den gescheitelten Haaren befand sich leider zwischen
ihnen -- den jungen Maedchen die Cour und suchten auf solche Weise nicht
allein ihre Zeit zu vertreiben, sondern auch gleich Bekanntschaften fuer
die Reise anzuknuepfen. An rohen Scherzen der Ungebildeten fehlte es dabei
nicht, ueber die ein Theil ein wieherndes Gelaechter aufschlug, waehrend es
den anderen verletzte, und Eltrich seufzte oft tief und schwer auf, seine
arme Frau in solche Umgebung jetzt vielleicht Monate lang gebannt zu
wissen, und nicht im Stande zu sein sie daraus zu befreien.

Adele beschaeftigte sich indessen theils mit dem Kind, theils suchte sie,
den Knaben im Arm und den Kopf gegen die Matratze zurueckgelehnt, dem
haesslichen Aufenthalt nur kurze Zeit Schlaf abzuringen; aber der Laerm war
zu gross, die Luft zu schwuel und ungewohnt, und besonders der haessliche
Tabacksqualm zu nah und scharf, dass sie kaum im Einnicken, immer wieder
husten musste und munter wurde.

So schlich der Vormittag langsam und schlaefrig hin; die Brise wurde gegen
zwoelf Uhr etwas frischer, aber der vielen Biegungen des Stromes wegen war
sie ihnen fast eben so oft entgegen als zu Gunsten, und um zwei Uhr, als
"Todt Wasser" wie es die Schiffer nennen, eintrat, d. h. die Zeit des
Stillstandes zwischen Ebbe und Fluth, wenn die eine aufhoert und die andere
noch nicht begonnen hat, setzte Capitain Meinert seine Passagiere ungemein
in Erstaunen, als er seinen Anker ploetzlich fallen liess und sogar
erklaerte, hier wieder sechs volle Stunden liegen bleiben zu wollen, "bis
die Fluth hinauf sei."

Wie weit Brake noch sei, war an dem Morgen wohl tausendmal gefragt worden,
und der Schiffer, der es endlich muede wurde wieder und wieder darauf zu
antworten, sagte dem Einen fuenf und dem Andern eine Meile, kurz Jedem
verschieden, und unten stritten sich dann die Partheien darueber, weil jede
behauptete, ihre Nachricht aus bester Quelle zu haben.

Der groesste Aerger stand aber den Passagieren noch bevor als auch das
zweite, um elf Uhr von Bremen abgegangene Dampfboot, kurz vorher ehe sie
wieder Anker geworfen, an ihnen vorbeirauschte. Jetzt kam auch noch die
Angst dazu dass sie das Schiff am Ende zu spaet erreichten, und wenn sie
auch der Schiffer darueber beruhigte, sahen sie ihm doch, oh wie
sehnsuechtig nach.

Um acht Uhr wurde der Anker nun allerdings wieder "gelichtet", wie
Steinert mit etwas heiser gewordener Stimme sang, aber wie es vollkommen
dunkel wurde mussten sie dennoch wieder beilegen, und zwar jetzt wieder in
der trostlosen Hoffnung nicht vor acht Uhr naechsten Morgens auf's Neue
unter Wegs gehn zu koennen. Capitain Meinert hatte sich aber vorgesehn noch
ein Dorf zu erreichen, ehe er seinen Anker wieder auswarf, und stellte den
Passagieren sein kleines Boot zur Verfuegung an Land zu gehn und dort zu
uebernachten, wo sie allerdings mehr Bequemlichkeit haben wuerden als an
Bord. Die Meisten machten auch wirklich davon Gebrauch und traten, mit
aufgespannten Regenschirmen, durch Schmutz, Wasser und Dunkelheit, die
Reise nach dem flachen Ufer an, wo sie in einem Nichts weniger als
freundlichen und fast eben so dumpfigen Saal ihr theueres Geld fuer etwas
schlechtes Essen und eine Streu bezahlen mussten. Die Passage auf dem
Dampfboot haette sie nicht mehr, wenn gar so viel gekostet.

Eltrich wollte seine Frau auch, trotz allen jedenfalls daraus erwachsenden
Kosten, an Land nehmen, sie weigerte sich aber entschieden den Kahn zu
verlassen, verzehrte laechelnd mit ihm ihr frugales Abendbrod, und wickelte
sich dann mit dem Kind in ihre wollene Decke, in der jetzt wenigstens
eingetretenen Ruhe der Nacht so viel Schlaf als moeglich abzugewinnen.

Und es war eine traurige unfreundliche Nacht; der Wind heulte in den
einzelnen Baeumen am Ufer, der Regen schlug prasselnd auf Deck, und der
Mast und das Takelwerk knarrte und aechzte, den Passagieren an Bord nur
wenig Ruhe goennend, in den fremden, ungewohnten Lauten. So kalt und
haesslich der Morgen aber auch hereinbrach, so freudig wurde er von den an
Bord Befindlichen, die ihn wie lange schon ersehnt, begruesst. Jede Stunde
hatten die so oft gezaehlt, jede Minute fast, und das Morgengrauen
herbeigewuenscht unzaehlige Mal. Ein trueber Anfang war das auch fuer ihre
Seefahrt, und Mancher, der sich am vorigen Tag damit getroestet, welche
Strapatzen und Beschwerden er im Stande waere zu ertragen, sass jetzt kalt
und froestelnd, niederschlagen und missmuthig in einer Ecke, und ueberlegte
vielleicht jetzt schon, freilich etwas frueh, die Gruende die ihn eigentlich
zu einer Auswanderung bewogen. Wunderliche Gedanken steigen da in dem
Menschenherzen auf, und eine einzige solche Nacht, wenn sie nur etwas
frueher gekommen waere, haette manche romantische Erzaehlung, manchen
gluehenden Bericht ueber Amerika, weit, weit aus dem Felde geschlagen.

Jetzt war das freilich zu spaet und ein Ruecktritt nicht mehr gut moeglich;
mit den Effekten und dem Passagegeld haette es sich vielleicht noch
einrichten lassen; lieber Gott, ein kleiner Verlust zur rechten Zeit ist
oft ein grosser Gewinn fuer's ganze Leben, aber das Lachen zu Hause, das
boese, boese Lachen -- viele Menschen wollen lieber, wenn sie die Wahl haben,
verachtet oder bemitleidet als ausgelacht und verspottet werden, und die
Wenigen deshalb, an deren Grundsaetzen die kalte unfreundliche Nacht doch
gewaltig geruettelt, bissen die Zaehne fest aufeinander und gingen dem
Unvermeidlichen -- eben weil es unvermeidlich war -- entgegen.

Aber solch ein Morgen, auf einem solchen Weserkahn! Erst in solchen
Verhaeltnissen merkt auch der Mensch an wie viel Bequemlichkeiten er
gewoehnt ist, wie viel Beduerfnisse er schon hat, mag er sonst noch so
einfach leben das ganze Jahr hindurch. Schon das erste Gefuehl des
Aufstehens widert ihn an. Ungestaerkt, unerquickt, und schon fertig
angezogen, hebt man sich von seinem Lager; man moechte sich jetzt ausziehn
und sich waschen -- aber wo? -- Wasser ist da im Ueberfluss, aber kein
Waschbecken, kein Handtuch, weder Seife noch Zahnbuerste -- nicht einmal ein
Platz die unentbehrlichste Abwaschung von Gesicht und Haenden vorzunehmen,
denn im innern Raum ist jeder Zoll breit besetzt, und draussen an Deck
schuetten die Wolken wieder Stroeme Regens nieder. Wie grau und bleiern da
der daemmernde Morgen auf der Welt liegt, und wie still und einsylbig
selbst die Lautesten und Unruhigsten der Schaar geworden sind. Nur die
Kinder schreien -- ruecksichtslose kleine Gesellschaft, die die Welt nur
erst von der einen Seite kennt und jetzt auf das eifrigste dagegen
protestirt auch auf der anderen ihre Bekanntschaft zu machen.

Selbst Steinert war ruhig geworden und sass, durch das Weinen eines solchen
kleinen ungeduldigen Nachbars aus einem leichten und unerquicklichen
Morgenschlaf geweckt, froestelnd in seine wollene Decke gehuellt auf der
Ecke einer fremden Matratze und blickte finster und verdrossen um sich
her.

"Eine Tasse Kaffee -- ein Koenigreich fuer eine Tasse Kaffee" brummte er
zuletzt indem er den Hut abnahm, einen kleinen Taschenkamm aus seiner
Brusttasche hervorholte, und langsam die kurzen Haarstummel und den etwas
struppig gewordenen Bart zu ordnen begann -- "Himmeldonnerwetter, dass ich
des pipigen Mehlmeiers Rath nicht folgte und mit auf das Dampfboot ging;
jetzt sitz ich hier zwischen heulenden Baelgern und schnarchenden anderen
Individuen und blase Truebsal in alle vier Winde. "Verdecktes Flussschiff" --
dass dich die Pest hole mit deinen "verdeckten Flussschiffen.""

Hie und da hob sich jetzt ein Kopf in die Hoeh, schaute sich schlaftrunken
um und sank wieder in die alte Lage zurueck, noch eine Weile die Augen
schliessen zu koennen und gar nicht sehn zu muessen was vorging in dem
ungemuetlichen Aufenthalt. Nur der Mann mit der tiefen Stimme und den
mitten auf dem Haupt gescheitelten Haaren erhob sich jetzt ebenfalls und
sagte, kopfschuettelnd die um ihn her gelagerten Gruppen ueberschauend:

"Guten Morgen Herr Steinert -- ausgeschlafen?"

"Ja -- danke -- auf der einen Seite wenigstens" brummte Steinert, "denn die
andere schlaeft noch und die Sehnen und Muskeln sind mir ordentlich
verklommen -- Himmel war das eine Nacht. Und sehn Sie sich einmal den Platz
hier an -- Wallensteins Lager, beim Zeus, und die Haelfte Marketenderinnen.
Apropos -- Sie sind ja wohl Literat, wie Sie mir gestern gesagt haben -- da
ist Stoff fuer Sie eine ganze Bibliothek zu schreiben -- da ziehn Sie sich
Ihren _Honig_ heraus, wenn Sie so gut sein wollen; waere mir lieb zuzusehn
wo Sie ihn finden?"

Der junge Schriftsteller schien aber heute Morgen keine Lust zu haben ueber
derlei Sachen zu debattiren; ihm war selbst zu unbehaglich zu Muthe seine
gestrige Aeusserung zu vertheidigen, und mit ein paar leise gemurmelten
Worten, die recht gut irgend eine hoechst unromantische Verwuenschung sein
konnten, brummte er:

"Ich moechte nur wissen wer sich da ein Vergnuegen gemacht und die halbe
Nacht an Deck bei dem Wetter Holz gesaegt hat -- die Leute waehlen eine
vortreffliche Zeit ihren Winterbedarf einzulegen."

"Holz gesaegt?" entgegnete aber Steinert erstaunt -- "meinen Sie etwa meinen
Nachbar hier, den dicken Unbeweglichen, der ueber Tag den guten Taback
raucht, und seit ein Uhr geschnarcht hat, als ob er im Akord arbeitete?"

"Das ist ein Schnarcher?" rief der Literat im hoechsten Erstaunen aus --
"aber warum stossen Sie ihn da nicht einmal in die Rippen?"

"Weil ich mit keinem passenden Werkzeug versehen bin, auch bis jetzt, in
dieser egyptischen Finsterniss, nur nach der ungefaehren Richtung zu haette
stossen koennen" sagte Steinert -- "Sie da, Herr Moses oder Aaron wie Sie
gerade heissen -- bitte knuffen Sie da doch einmal Ihren Nachbar in meinem
Namen, und fragen Sie ihn ob er nicht Meier hiesse und aus Stollberg sei."

"Gottes Wunder, so frih?" sagte der eben Angeredete, der auch gerade
munter geworden und den Kopf in die Hoehe gehoben hatte. Nichtsdestoweniger
leistete er dem Wunsche Folge, und der Schnarcher fuhr, ziemlich unsanft
angestossen, erschreckt in die Hoeh.

"Habe ich nicht das Vergnuegen mit Herrn Meier zu sprechen?" wandte sich
Steinert jetzt verbindlich gegen ihn, die Antwort aber die er bekam,
benahm ihm jede weitere Lust zur Conversation mit dem Manne, der sich,
noch innerlich knurrend, seinen abgefallenen Hut in die Stirn zog, und
dann auch ohne weiteren Zeitverlust wieder zurueckfiel, noch einmal
einzuschlafen.

Wie das ploetzliche Stillstehn einer Muehle die mueden Knappen weckt, so fuhr
ein grosser Theil der uebrigen Passagiere in die Hoeh, als das regelmaessige
donnernde Schnarchen des Mannes aufhoerte, und schlaftrunkene Gesichter
frugen nach der Zeit und dem Wetter und wo sie waeren, und murmelten
halblaute Flueche in den Bart, als sie sich ihres Zustandes klarer bewusst
wurden.

Eltrich war einer von den Ersten an Deck, zog sich Wasser in einem Eimer
herauf, und badete sich Gesicht und Haende darin, das eigene Taschentuch
zum ersten Mal als Handtuch gebrauchend. Den Schiffsjungen fand er dabei
beschaeftigt auf einem kleinen, an Deck befindlichen verdeckten Heerde,
Wasser zu kochen, zu eigenem Gebrauch, und hatte die Genugtuung von
diesem, fuer ein paar Grote, einen Theil desselben zur Mitbenutzung zu
erwerben. Etwas Kaffee und Zucker fuehrte er selber bei sich, auch eine
Flasche Milch fuer den Knaben, und seine kleine Frau laechelte ihm dankbar
entgegen, als er sie weckte und ihr den einladend dampfenden Blechbecher
zum Morgengrusse brachte.

"Kaffee -- bei Gott!" rief es jetzt aber auch von mehren Seiten des engen
Raumes, als der aromatische Duft des heissen Trankes ihre Nasenloecher traf
-- "da oben giebt's Kaffee!" und was keine Ueberredung sonst vielleicht
vermocht haette, war der Glaube im Stande. Allerdings sahen sie sich
getaeuscht, und nur Einigen gelang es noch fuer Geld und gute Worte von dem
muerrischen Burschen einen halben Becher gemachten Kaffee's zu erlangen,
die Uebrigen mussten mit dem Boot an Land, dort eine Erfrischung zu
erhalten, und Andere suchten den Capitain, die Abfahrt des Kahnes von ihm
zu verlangen. Capitain Meinert liess sich aber erst kurz vor acht Uhr, wo
die Fluth sich staute, blicken, troestete uebrigens seine ungeduldigen
Passagiere mit der guten Nachricht, dass sie, wenn der Wind so guenstig
bliebe, Brake in etwa zwei bis drei Stunden erreichen wuerden.





                                Capitel 3.


                               DAS SCHIFF.


Weit besser befanden sich die Passagiere, die mit den, die Weser
befahrenden Dampfbooten ihrem Ziele rasch und bequem entgegeneilten. So
hatte die Familie des Professor Lobenstein, mit dem groessten Theil der im
Hannoeverschen Haus einquartirten und fuer die Haidschnucke bestimmten
Auswanderer, schon um sechs Uhr Morgens Bremen verlassen, und der kleine
rasche Dampfer legte sich bald nach 9 Uhr an Bord des maechtigen
Seeschiffes, dem sie ihre Leben fuer die weite Fahrt anvertrauen wollten.
Dort wurden schon Kisten und Kasten, Schachteln und Koffer rasch an Deck
gehoben, und die Reisenden sahen sich ploetzlich wie mit einem Schlage, aus
allen ihren bisherigen Verhaeltnissen herausgerissen, in einer neuen
unbekannten, fremden Welt.

_Das Schiff!_ Wie viel hatten sie darueber gelesen, wie viel sich davon
erzaehlen lassen: von den Cajueten und Decks, von den Masten und Segeln, von
den Matrosen selbst, und dem Leben an Bord; wie hatten sie doch, als sie
erst einmal den Gedanken an Auswanderung fest gefasst, und mit den
Verhaeltnissen im alten Vaterlande zerfallen, ihre ganze Hoffnung auf das
neue gesetzt, den Augenblick herbeigesehnt, in dem sie an den hohen
Seitenwaenden des Schiffes, das sie nach Amerika hinueber bringen sollte,
hinaufklettern, und die Huete schwenken wuerden, den stolzen Bau zu
begruessen. Tausend wunderliche und bunte Bilder hatten sie sich dabei
ausgemalt, Jeder in seiner Art, auf seine Weise. Der Capitain stand dann
auf seinem Deck und winkte dem nahenden Boot schon von weitem seinen
Willkommen zu, die Matrosen jubelten und ein paar Boeller wurden geloest,
den Passagieren zu Ehren. Die Flaggen und Wimpel wehten dabei, und im
Hintergrund rauschte das Meer mit seinen maechtigen Wogen gewaltig darein,
in die Harmonie dieses einen seligen Augenblicks --

So hatte sich die Phantasie eben diesen Augenblick gemalt, und jetzt?
gerade vor neun Uhr fing es, hoechst prosaischer Weise, an zu regnen, als
ob sie da oben die Wolken mit Eimern ausschoepften und ohne richtige
Ortspolizei das Wasser mitten in die Welt hineingoessen. Das auf Deck
liegende Gepaeck war freilich mit getheerter Leinwand ueberspannt, wie aber
das Boot an das Schiff hinanrauschte, wurde dieselbe hinweggezogen, und
die Sorge der Auswanderer nahm das so ausschliesslich in Beschlag, dass sie
fast an weiter nichts Anderes dachten, oder denken konnten, und Jeder nur
das Seinige so rasch als moeglich unter Dach und Fach zu bringen suchte.

Das Tau, das ein Matrose vorn am Bug des Dampfbootes zum Wurf
zusammengerollt in der Hand trug, flog aus und wurde an Bord der
Haidschnucke, von rasch zuspringenden Leuten befestigt, die Raeder
arbeiteten langsam vorwaerts, das Boot eben gegen die Stroemung, gegen die
es aufgedreht war, festzuhalten, und eine von Bord niedergelassene,
bequeme Treppe, mit niederhaengenden Tauen (_fallreeps_) an der Seite sich
festzuhalten, diente den Passagieren zum Aufsteigen auf das hoehere Deck.

Dort befand sich aber schon ein Theil der Fruehergekommenen, die es fuer
zweckmaessig gefunden hatten sich zeitiger einzufinden, und dadurch die Wahl
eines Platzes zu haben. In der Cajuete waren nun allerdings die einzelnen
_staterooms_ oder Cajuetenplaetze schon von den Rhedern selber fuer die
Passagiere nach ihrer Anmeldung bestimmt, und eine Beschlagnahme des einen
oder anderen Platzes konnte da nicht stattfinden; im Zwischendeck gab es
aber dafuer desto verschiedenere Plaetze, die allerdings den Erstgekommenen
zur Wahl frei lagen, und die Cojen unter den beiden Luken nach vor und aft
waeren jedenfalls zuerst vor allen anderen belegt worden, haette der
Steuermann, die zweite Person an Bord, den zuerst gekommenen Passagieren
nicht dadurch die Wahl wieder schwergemacht, und Manche sogar dazu
bestimmt sich einen Mittelplatz zu waehlen, dass er ihnen sagte die, welche
sich gerade in der Mitte des Schiffes befaenden, waeren der Bewegung
desselben auch am wenigsten ausgesetzt, und wuerden deshalb auch am
wenigsten von der Seekrankheit zu leiden haben.

Es hat das etwas fuer sich; die Bewegung des Schiffes ist dort allerdings
am geringsten, aber trotzdem noch stark genug dem, der nur irgend zu
diesem Leiden inclinirt, nicht den geringsten Schutz zu gewaehren, und der
davon verschont bleibt wird sie auch an den entfernteren Enden nicht
bekommen. Jedenfalls haben die Plaetze unter den Luken die meiste frische
Luft, und wer je zur See war, wird die zu schaetzen wissen.

Einige, wie schon gesagt, liessen sich aber doch dazu bereden Mittelplaetze
zu belegen; unter diesen Mehlmeier, der von Steinert beauftragt worden,
falls er frueher an Bord kommen sollte, einen Platz fuer ihn aufzuheben, und
der selber die Seekrankheit mehr als Cholera und gelbes Fieber fuerchtete.
Zu diesem hatte sich noch der kleine graue Herr mit dem spitzen
Muetzenschild gesellt, den der Kellner in Bremen die "_Nachtigall_" genannt
und der ebenfalls seine Passage im Zwischendeck genommen; Drei und Drei
bekamen eine Coye zusammen, von denen immer zwei uebereinander lagen,
Steinert war also "im Bunde der Dritte" wie er sich ausdrueckte, als er die
Einrichtung erfuhr, und der kleine graue Herr, der Schultze hiess, hatte
sich, wogegen Mehlmeier allerdings im Anfang protestirte, dann aber
nachgab, die obere Coye ausgesucht. Die untere Coye nahm der polnische
Jude mit seinem Knaben ein, dem spaeter noch der junge Bursche, fuer den an
der Landung in Bremen gesammelt worden, zugegeben wurde, da Niemand
Anderes ein Logis mit dem langbaertigen, nicht eben reinlich aussehenden
Manne inne haben wollte.

Im ersten Augenblicke wusste aber Niemand wohin er gehoere, noch sah irgend
Jemand die Moeglichkeit ein sich oder sein Gepaeck an irgend einem nur
ertraeglichen Ort unterzubringen. Alles schrie und lief durcheinander;
saemmtliche Bagage wurde vorlaeufig an Deck aufgestapelt, und dann durch die
Matrosen, nur um die Sachen aus dem Regen fortzubekommen, in das
Zwischendeck hinuntergelassen, wo in der Dunkelheit des Raumes an ein
Sortiren der verschiedenen Eigentumsrechte nicht zu denken war. Vergebens
blieben auch alle Protestationen der Passagiere, die _diese_ Kiste nicht
auf den Kopf gestellt, _jene_ nicht gedrueckt oder gestossen haben wollten;
die Matrosen thaten gerade so, als ob sie eine ganz andere Sprache
redeten, und kein Wort von allen Bitten und Vorwuerfen verstaenden, schlugen
ein Tau um das erste beste Stueck, das ihnen unter die Haende kam, und mit
einem "_heave!_" und "_lower away_" den englischen Ausdruecken des
Einladens, hoben sich die Kisten in die Luft, schaukelten einen Moment hin
und her, und verschwanden dann in der Tiefe, unten zu einem Chaos von
Dingen aufgestapelt zu werden, in dem Niemand mehr das Mein und Dein
unterscheiden konnte. Auch von den Cajuetspassagieren wurden eine Menge
Sachen dort versenkt, und diese ebenfalls protestirten vergeblich dagegen.
Die Sachen mussten "aus dem Weg geschafft werden" -- wie es die Matrosen
nannten, indem sie es den Zwischendeckspassagieren gerade _in_ den Weg
warfen -- und wer nicht zufaellig einen Theil seiner Sachen oben auf
entdeckte und selber fasste und wegtrug, konnte dann sehn wie und wo er es
spaeter wiederfand.

Die Cajuetspassagiere bekamen indessen, sobald sie sich bei dem Steuermann
meldeten, ihre resv. Plaetze sofort angewiesen; in der That waren die
verschiedenen Thueren, die alle nach innen in den grossen Saal fuehrten,
schon mit den verschiedenen Namen bezeichnet worden, und die
Lobenstein'sche Familie, die drei nebeneinanderliegende Raeume, die Haelfte
der Cajuete einnahm, sah sich bald, so gut es den Umstaenden nach nur irgend
ging, in zwar kleinen aber ziemlich geraeumigen und besonders nett und
reinlich gehaltenen Cajueten untergebracht. Der Vater und Eduard bewohnten
eine von diesen, Anna und Marie die zweite und die Mutter mit den beiden
juengsten Kindern die dritte.

Ihnen gegenueber war die eine Eckcoye oder Cajuete von Herrn Henkel und
seiner jungen Frau, die uebrigens noch nicht eingetroffen, belegt worden,
die zweite hatten zwei fremde Herren in Besitz, ein Baron von Benkendroff
und ein Herr von Hopfgarten, die mittlere bewohnte schon seit acht Tagen,
sehr zum Aerger des Steuermanns der dadurch vielfaeltig genirt worden, ein
Fraeulein von Seebald mit einer alten wuerdigen Dame (einer Frau von
Kaulitz), die ungemein gern Whist spielte und die ersten Tage in einem
gelinden Grad von Verzweiflung gelebt hatte, nicht den dritten "Mann" zu
einer Parthie bekommen zu koennen. Die beiden Herren Hopfgarten und
Benkendroff erschienen ihr als eben so viele Engel in der Noth, und Herr
von Hopfgarten besonders, war, seitdem er an Bord gekommen, erst im Stande
gewesen sich einen einzigen Nachmittag der unausweichlichen Parthie zu
entziehen.

Noch war, der Cajuete der beiden Steuerleute gerade gegenueber, ein anderer,
etwas schmalerer _stateroom_ frei, dessen unterer Theil von Schiffswegen
zu einer Art Vorratskammer fuer neues Segeltuch und Garn benutzt wurde. Der
obere Theil war dagegen einem Mittelding zwischen Passagier und
Schiffsoffizier, dem "Doktor" wie er kurzweg genannt wurde, zugetheilt,
sich darin, so gut wie das eben gehen wollte, haeuslich niederzulassen.

Im Zwischendeck befanden sich indessen die Leute fast eben so behaglich
und zufrieden wie in der Cajuete. Nachdem nur der erste Sturm der
eintreffenden Mitpassagiere abgeschlagen, und diese mit ihrem Gepaeck
beseitigt worden, hatten sich die Leute in den verschiedenen Coyen
vertheilt und Raum uebrig genug. Allerdings ging das Geruecht dass noch
Passagiere mit einem Weserkahn eintreffen wuerden, und fuenf oder sechs
konnten, ihrer Meinung nach, auch noch mit Bequemlichkeit untergebracht
werden, -- einige Coyen standen sogar noch ganz leer, -- vielleicht kamen
die aber auch _nicht_, troesteten sich Andere, und dann versprachen sich
die Meisten eine sehr angenehme Reise. Lieber Gott, das Zwischendeck
versagte ihnen manche am Land gewohnte Bequemlichkeit, aber dafuer war man
ja doch auch an Bord, und musste sich die kurze Zeit schon behelfen. Die
Belohnung lag ueber dem Wasser drueben, und hiess _Amerika_.

So verging der zur Einschiffung bestimmt gewesene Tag, der 20ste August,
an dem noch, trotz dem Regen, fortwaehrend Fracht in Faessern, Kisten und
Ballen eintraf, und in den unteren Raum weggestaut wurde. Die erste Nacht
an Bord ging auch ruhig und ohne weitere Stoerung vorueber; das Schiff, ein
grosses stattliches Fahrzeug, lag still und regungslos auf der glatten
Wasserflaeche, und in dem weiten Raum des Zwischendecks, mit den beiden
Luken geoeffnet, ueber die ein Dach von getheerter Leinwand gespannt worden,
waehrend ein Windfang den Tag ueber noch frische Luft hinunter fuehrte, liess
es sich schon aushalten -- die Leute waren auf Schlimmeres vorbereitet
gewesen. Auch die Provisionen waren leidlich, Butter und Schwarzbrod
konnte sogar gut genannt werden, und mit dem frischen Fleisch und gruenen
Gemuese, was sie, so lange sie an Bord lagen, statt der Schiffskost
geliefert bekamen, durften sie wohl zufrieden fein; _Viele_ von ihnen
hatten es in der eigenen Heimath lange nicht so gut gehabt.

Nur das Wetter wollte und wollte nicht besser werden, der Himmel hing in
duesteren Wetterwolken ueber der schon vollgesogenen Erde, und der Herbst
meldete sich in den kalten, unfreundlichen Schauern als ein viel zu
zeitiger, unwillkommener Gast. So verging der Morgen des 21sten, und
waehrend ein grosser Theil der schon an Bord befindlichen Passagiere einsah,
dass er sich keineswegs hatte so zu uebereilen gebraucht, wurde ein anderer
schon ungeduldig, behauptete das Versprechen der Abfahrt fuer den 20sten zu
haben, und verlangte vom Capitain die Abfahrt. Sie hielten _ihren_
Contrakt, und meinten deshalb, dass der Capitain den seinigen ebenfalls
halten muesse. Die Erwiederung der Seeleute dass ein grosser Theil der
Passagiere noch gar nicht an Bord sei, hielt ebenfalls nicht Stich. "Wer
nicht da waere dem wuerde der Kopf nicht gewaschen" meinte Herr Schultze,
"und wenn die Leute bis Weihnachten nicht kaemen, sollten sie wohl auch
daliegen bleiben und auf sie warten? -- Alle Voegel" setzte er dabei hinzu --
"hielten die richtige Zeit in ihrer Wanderung, und sie wollten die ihrige
ebenfalls nicht unnoethig versaeumen."

So rueckte der Mittag heran, und der Koch hatte eben zum "_Schaffen_"
gerufen, ein eigenes wunderliches Wort, das in unserer norddeutschen
Sprache "Essen" bedeutet, als der Steuermann, der schon den ganzen Morgen
oft und ungeduldig den Fluss hinaufgeschaut hatte, nach der Nummer des
Segels und der aufgezogenen kleinen Privatflagge des Rheders, den so lang
erwarteten Kahn mit dem Rest der Passagiere erspaehte, und die Ordre gab
das Deck fuer den Empfang der neuen Gaeste _klar_ zu machen. Gluecklicher
Weise hatte, seit einer Stunde etwa, der Regen wenigstens nachgelassen,
und die Nachricht verbreitete sich rasch ueber Deck, dass ihre neue
Einquartierung anruecke. Eben so stand das ganze Deck des kleinen
Weserkahns gedraengt voll Menschen, die sehnsuechtig ihrer endlichen
Erloesung von dem trostlos engen Fahrzeug entgegensahen und das Schiff
jetzt, dem sie sich rasch naeherten, mit einem dreimaligen donnernden
Hurrah begruessten. Keineswegs so freudig wurden sie hier empfangen.

"_Den_ Schwarm Menschen sollen wir hier noch an Bord bekommen?" lief der
Schreckensruf durch das ganze Schiff -- "wo wollen sich die denn
unterbringen? -- das ist ja gar nicht moeglich!" -- und kein einziger Zuruf
antwortete dem gruessenden Hurrah. Aber der Steuermann hatte indessen die
Bremer Flagge am Heck und des Rheders Zeichen am Fockmast, wie ein Tuch,
mit dem weit auswehenden Namen des Schiffs am Top des grossen Mastes
gehisst, als Merkmal fuer den Kahn, der auch jetzt direkt auf das Schiff
zulief, scharf gegen den Wind anluvte, und als er seinen Bug ziemlich nahe
zum Bugspriet der Haidschnucke gebracht hatte, voll in den Wind
hineindrehte. Waehrend das Segel niederfiel fing "Capitain Meinert" ein
nach vorn ihm zugeworfenes Tau, das er rasch an seinem eigenen Bord
befestigte; der Matrose hatte im Hintertheil des Kahns ein anderes
zugeworfen bekommen, und wenige Minuten spaeter lag er wohlbehalten
langseit der Haidschnucke seine "lebendige und todte Fracht" an deren Bord
zu _loeschen_.

Unmoeglich waere es jetzt die Verwirrung, den Laermen zu schildern, der in
diesem Augenblick entstand -- der Steuermann schrie seine Befehle ueber
Deck, aber die ganze Mannschaft, wie saemmtliche Passagiere schrien mit,
und der Mann haette sich eben so gut ruhig in die Cajuete setzen und seinen
Teller voll Suppe essen koennen der drinnen auf dem Tische kalt wurde, als
hier zu versuchen Ordnung in dies Babel von Stimmen und Koffern und
Hutschachteln, Matratzen, Kisten, wollenen Decken, kleinen Kindern und
Koerben mit Provisionen zu bringen.

                                    []

                                Capitel 3


Jeder der Passagiere wollte natuerlich seine Sachen zuerst hinaufgereicht
haben, Jeder wollte aber auch zuerst an Bord des Schiffes sein, und die
Einen schrieen hinauf, die Anderen hinunter, bis sich die Mannschaft der
Haidschnucke endlich in einer festen Masse sammeln und das Uebertragen des
Gepaeckes selber in die Hand nehmen konnte. Hei wie die Schachteln und
Koerbe da flogen, und wie die Frauen kreischten wenn irgendwo in einem Korb
eine Flasche zerbrach und auslief, oder irgend ein Topf oder Geschirr
knackte und splitterte.

"Nehmen Sie sich in Acht da ist Glas drin -- Sie stehn ja in meiner
Hutschachtel -- passen Sie auf, das Bett faellt ueber Bord -- Herr Gott da
sind meine saemmtlichen Provisionen drinnen!" -- und tausend aehnliche
Aufkreische der Angst und Sorgfalt, eben so oft vergebens, denn die
Seeleute kuemmerten sich den Henker um alle Warnungen und Ermahnungen,
fuellten die Luft, bis die Unmasse Gepaeck, indess die Passagiere ihre
eigenen Personen wenigstens in Sicherheit brachten, gluecklich an Deck
gelandet war, und jetzt eben so rasch und ruecksichtslos in das
Zwischendeck hinunter befoerdert wurde. Da hinein regnete es ordentlich
Hutschachteln, Reisesaecke und Matratzen, mit riesigen kistenaehnlichen
Holzkoffern, und um die Verwirrung, wenn das irgend moeglich gewesen waere,
noch groesser zu machen, riss inmitten dieser Beschaeftigung der eiserne
Henkel eines solchen Colli's aus, die Kiste fiel auf der Lukenwand auf,
brach, und streute jetzt ein Hagelwetter von Kleidern, Waesche, Schuhwerk,
Zwieback, Wuersten und allen moeglichen und unmoeglichen anderen Effekten
ueber die unten schon aufgehaeuften Sachen ueber die sich der glueckliche
Eigenthuemer jetzt mit einem lauten Gebruell der Verzweiflung warf, um
gleich darauf von nachfolgenden Hutschachteln und Matratzen im wahren Sinn
des Worts bedeckt zu werden.

War die Verwirrung aber an Deck schon gross gewesen, so wurde sie es jetzt
im inneren Raume des Zwischendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen
wollten natuerlich gleich auch ihre Coyen wissen und belegen, fanden aber
alle besetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Personen, die sich
jedoch hartnaeckig weigerten noch irgend Jemanden in einem Raume
aufzunehmen in dem sie, wie sie erklaerten, kaum selber Platz haetten. Hier
wie ueberall sollte der Steuermann entscheiden, von allen Seiten aber
gerufen und gequaelt, ging dem sonst ruhigen Mann auch endlich die Geduld
aus. Er fluchte und schwor er wolle verdammt sein wenn er solch ein Gelaerm
schon in seinem ganzen Leben gesehn, und erklaerte endlich sie moechten sich
erst einmal ordentlich durcheinander schuetteln und wuergen, und wenn sie
dann ein wenig zu Verstande gekommen, wolle er hinuntergehn -- eher aber
keinen Schritt.

Er that auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang haette thun koennen und
ging, so wie nur erst einmal saemmtliches Gepaeck an Bord genommen und der
Lichter klar geworden war, in die Cajuete zurueck, sein Mittagsessen zu
verzehren. Unterdessen kam ein Bote nach dem andern, dass sie sich unten im
Zwischendeck pruegelten und mit Messern und Pistolen drohten; er liess sich
nicht stoeren und antwortete nur vollkommen gleichmuethig, es waere das Beste
wenn sie erst eine Weile einander todtschluegen, denn dann bekaemen die
Anderen gewiss Platz -- die Todten wuerfen sie ueber Bord, und die Moerder
steckten sie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Einschiffungen
schon in den letzten zwoelf Jahren, jedes Jahr wenigstens zweimal mit
durchgemacht, und wusste dass eine gewisse Zeit dazu gehoerte bis sich die
Masse erst setzen und ordnen konnte. Der erste Ansturm musste vorueber sein,
eher war kein vernuenftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch
Alles leicht und ruhig von statten, und da fuer Jeden Platz da war, fand
sich auch fuer Jeden zuletzt der rechte.

Im Zwischendeck sah es indessen wirklich boes aus, und einen ernstlichen
Zusammenstoss der verschiedenen Partheien verhinderte wohl nur der Umstand,
dass Niemand einen bestimmten Gegner fand an den er sich halten konnte.
Dann war der Capitain selber nicht an Bord, der ein Endurtheil faellen
sollte, und der Steuermann hatte, wie schon gesagt, noch nicht bewogen
werden koennen hinunter zu gehn. Zugleich hinderte das, einem Wall gleich
aufgeschichtete Gepaeck die freie Bewegung der Leute, von denen sich die,
die schon Coyen inne hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil sie
wussten dass sie augenblicklich von Anderen in Besitz genommen wuerden,
waehrend die Neugekommenen ihr Augenmerk auf eine oder die andere bestimmte
Coye gerichtet hielten, und diese foermlich belagerten.

Nur einige Wenige der Letztgekommenen waren so gluecklich gewesen schon
einen Platz fuer sich zu erbeuten. Zu diesen gehoerte Eltrich, der trotz
seiner sonstigen Bescheidenheit hier doch fuer Frau und Kind zu sorgen, und
diese gleich im Anfang mit seinem Gepaeck auf dem Kahn zurueckgelassen
hatte, vor allen Dingen eine gute Coye fuer sie zu finden. Dass immer drei
Personen eine Coye bekommen mussten wusste er, sein Kind bezahlte halbe
Passage, musste aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere
Schlafstelle, in der Naehe der Luke noch frei findend, legte er sich ohne
weiteres vorn in diese hinein und blieb da liegen, bis seine kleine Frau
mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte sich aus jedem Gedraenge fern zu
halten, den Weg zu ihm finden wuerde. Es war das Kluegste was er haette thun
koennen.

Steinert fand ebenfalls den fuer ihn belegten Platz, und zu gleicher Zeit,
und so wie er nur den Fuss in das Zwischendeck gesetzt, hatte sich auch der
wunderliche Mann mit dem affenaehnlichen Gesicht, sein Gepaeck ganz
ruecksichtslos im Stich lassend, eine obere Coye ausgefunden, in der
allerdings schon Betten lagen, die er aber doch fuer sich geeignet hielt,
und wohinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn
noch, im Akt des Hineinsteigens die Besitzerin der Coye, Rebecca, Frau des
ehrsamen Kraemers Moses Loewenhaupt, am Rockschooss, und wollte ihn, mit
einer Fluth von Verwuenschungen zurueckziehn, der Mann wandte aber nur den
Kopf nach ihr um, und blitzte sie mit seinen kleinen stechenden grauen
Augen unter den buschigen Brauen vor so feindlich an, und zeigte ihr dabei
die beiden Reihen weissglaenzender und fehlerfreier Zaehne, dass sie ihn
erschreckt wieder losliess. Der Usurpator sass denn auch, keine halbe Minute
spaeter, mit untergeschlagenen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf,
der niedrigen Coye wegen, gerade in deren Mitte, und blies den Qualm aus
seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls schon brennend musste in der Tasche
gehabt haben, in solchen Stoessen um sich her, dass ihn derselbe in kurzer
Zeit ganz verhuellte, und wie eine Wolke, unheimlich und schwer die Coye
fuellte.

In fast gleicher Zeit hatte sich der Mann mit den gescheitelten Haaren in
die andere Coye, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von
dem Besitzer derselben, einem kurzhaarigen muerrischen und finsteren
Gesell, der ihm schweigend dabei zusah, weiter belaestigt zu werden. Der
Mann schien sogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden; drehte sich
wenigstens auf die andere Seite, und liess ihn sogar ungehindert einen
kleinen Handkoffer den er bei sich fuehrte, und in der ersten Eile vor die
Coye gestellt hatte, nachziehn. Der Mann mit den gescheitelten Haaren
hatte dadurch vollstaendig Besitz ergriffen.

"Nun sind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein" brummte
der Erstbewohner des Schlafplatzes uebrigens, als der junge Literat, der
sich Theobald nannte, nach aussen hin mit einigen seiner Bekannten vom Kahn
her ein Gespraech anknuepfte.

"Also bekommen immer zwei und zwei eine Coye?" frug dieser rasch, und wie
es schien sehr befriedigt.

"Nein, drei --" erwiederte der Mann.

"Drei? -- und wer ist der Dritte hier drin?"

"Meine Frau!" lautete die lakonische Antwort, die aber auch jedes weitere
Gespraech abschnitt, denn Theobald war zu bestuerzt darueber, auch nur noch
eine Sylbe erwiedern, oder weiter fragen zu koennen.

Endlich, nach einem Zeitraum der den dabei Betheiligten eine Ewigkeit
geschienen, kam der Steuermann, in Abwesenheit des Capitains die oberste
Behoerde an Bord eines Schiffs, langsam die neben dem grossen Mast in das
Zwischendeck fuehrende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren
Stufen stehn, als ihm hier schon saemmtliche Passagiere mit ihren Klagen
und Forderungen laut durcheinander schreiend entgegendraengten.

"Hier Herr Obersteuermann -- die wollen mich in keine Coye lassen -- Herr
Obersteuermann wir haben unsern Platz so gut bezahlt wie die Anderen -- Und
meinen Koffer haben sie wieder raus geworfen -- ich schlage dem Hund ein
Bein entzwei, wenn ich nur erst zu ihm komme -- Und meine Frau ist krank
und muss einen guten Platz haben -- Gottes Wunder was geht uns die Frau an,
wir haben Alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; wie haisst kranke Frau
-- Hier Herr Obersteuermann kommen Sie nur einmal her und sehn Sie, wie sie
meine Hutschachtel zertreten haben -- Mir muss der Capitain den Schaden
ersetzen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Taback und mein
Zwieback sind alle untereinander gekommen."

So schrie und tobte es um ihn her, und der Steuermann hielt sich die Ohren
zu und schloss die Augen und blieb, halb abgedreht von den Wuethenden, so
lange regungslos stehn, bis diese doch einsahen dass sie auf solche Art
ihren Zweck unmoeglich erreichen konnten, und sich wenigstens in etwas
beruhigten.

"So --" sagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte den Laerm mit der
eigenen Stimme uebertoenen zu koennen; "hat nun Jeder seinen Platz?"

"Nein -- nein!" schrie es wieder von allen Seiten.

"Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die -- Frieden" lautete die
Antwort -- "oder ich gehe an Deck zurueck und Ihr moegt Euch hier
meinethalben die Koepfe blutig schlagen, nach Herzenslust."

Die Passagiere, denen daran gelegen war dass der Steuermann ihre
Angelegenheit in Ordnung bringe, sahen endlich selber ein, dass sie ihn
gewaehren lassen muessten, machten ihm also Platz, und Einzelne, die
Vernuenftigeren der Schaar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweisen wo sie
ihre Matratzen unterbringen, oder die, die Familie hatten, mit diesen
zusammen einquartirt werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und
der Steuermann, auf dessen Wink jetzt noch zwei Matrosen mit Laternen
herunterstiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder, und begann die
verschiedenen Coyen, an der rechten Seite anfangend, zu visitiren.

"Wen haben wir hier?" begann er gleich mit der ersten, Eltrichs Coye, in
welche dieser jetzt die junge Frau mit dem Kind placirt hatte, und so
lange Wache davor hielt, bis Alles geregelt sein wuerde.

"Mann, Frau und Kind!" erwiederte der junge Mann -- "ich heisse Eltrich."

"Alles in Ordnung!" sagte der Steuermann, mit einem Stueck Kreide das er in
der Hand hielt eine 1 ueber die Coye malend -- "So, und nun wollen wir die
Geschichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen" setzte er hinzu,
seine Brieftafel mit der Passagierliste aus der Tasche nehmend, und zu dem
Licht der Laternen haltend -- "Coye 2 -- wer ist hier drin?" --

Auch diese Coye war durch die Familie des Tischlermeister Leupold besetzt.
Anders sah es aber mit Nr. 3 aus, wo sich zwei Oldenburger Bauern
einquartirt hatten, und keinen weiteren Zuspruch gestatten wollten. Der
eine, ein breitstaemmiger Bursch, mit ledernen Hosen und naegelbeschlagenen
Schuhen, der vornweg der Laenge lang darin lag erklaerte auch dabei ganz
ruhig und bestimmt das sei ihr Platz, sie waeren zuerst gekommen, brauchten
was sie haetten, und gedaechten es zu behalten.

"Wer hat noch keinen Platz?" frug der Steuermann ohne weiter etwas darauf
zu erwiedern, die Passagiere -- "halt nicht Alle auf einmal schreien -- es
muss eine einzelne Person sein."

Wald meldete sich und der Steuermann sagte ruhig, nachdem er sich den
Namen des neu Zutretenden bemerkt:

"So, da rueckt einmal zu, Ihr da; drei und drei gehoeren immer in eine Coye,
und dann habt Ihr noch uebrig Platz."

"Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, nachens is es noch immer
Zeit;" erwiederte aber der eine Bauer trotzig.

"Wollt Ihr in Frieden Platz machen?" frug der Steuermann vollkommen
freundlich.

"Ne" lautete die einzige Antwort.

"Smiet mi mal den Doeskopp da ruth" lautete da der eben so ruhig gegebene
Befehl an die beiden Matrosen, die zuerst vorsichtig ihre Laternen bei
Seite setzten, und dann so ploetzlich und mit so eisernem Griff den
Widerspenstigen packten, dass dieser auch im Nu aus seiner Coye und auf die
Erde flog. Hier sprang er aber eben so rasch in die Hoeh, und schien nicht
uebel Lust zu haben sich auf den Steuermann zu werfen; oben durch die Luke
schauten aber noch drei oder vier staemmige Burschen von Matrosen, die nur
eines Winks bedurft haetten, mit einem Satz unten bei ihren Kameraden zu
sein, und der Steuermann sagte freundlich:

"Wullt Du _noch_ wat?"

Widerstand unter solchen Umstaenden war hoffnungslos, und der Bauerbursche
brummte nur eine halbtrotzige Drohung in den Bart, dass er sich ueber solche
Behandlung bei dem Capitain beschweren wuerde.

"Dat stat Di frie, myn Junge!" sagte aber der Steuermann, der stets platt
sprach wenn er grob wurde, gleichgueltig, und wies jetzt Wald an, seinen
Platz einzunehmen, wie seine Sachen, die er unterwegs bei sich zu behalten
wuensche, vor die Coye zu stellen.

Das Beispiel, gerade an einem der staerksten und staemmigsten der Schaar
gegeben, hatte aber geholfen; in den nachfolgenden Coyen zeigten sich
nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr, und wo noch Platz war, fuegten
sich die Leute, nach Angabe ihrer Namen, ohne weiteren Widerspruch in das
Unabaenderliche. Nur den polnischen Juden mit seinem schmutzigen Kaftan
wollten sie nirgends einnehmen, und selbst einer seiner Glaubensgenossen,
der gerade unter Steinerts, Mehlmeiers und Schultzes Schlafplatz eine Coye
fuer sich selber in Beschlag genommen, und jetzt mit dieser Einquartierung
bedroht wurde, zog es vor auszuraeumen und sich wo anders Raum zu suchen.
Zu dem dritten Platz in des Polen Coye fand man Niemanden als den armen
jungen Burschen, fuer den an der Landung in Bremen noch gesammelt worden,
dass er sein Reisegeld zusammen bekam. Der wagte keine Widerrede, und liess
sich hinstecken, wo es den Anderen gefiel.

Ziemlich zu Ende mit der ganzen Anordnung, kam der Steuermann auch jetzt
endlich zu Loewenhaupts Coye, von der "der grosse Unbekannte" wie ihn
Steinert nannte, Besitz genommen, und aus seiner Tabackswolke auch noch
nicht wieder zum Vorschein gekommen war.

"Hallo Mosje! -- Sie da drin in dem Qualm" schrie der Steuermann, "stecken
Sie das Schiff nicht in Brand -- Dusendslag, wo hett denn de Permission
kregen syn Dunnerwehers stinkigen Toback to smoeken?"

Die Wolke stand einen Augenblick, und nicht weiter genaehrt, zog sie sich
allmaehlig nach oben, jetzt zum ersten Mal die Gestalt des wunderlichen
Mannes enthuellend.

"Harpunen und Seekrebse" brummte aber der Steuermann, der sich
niederkauerte einen Blick unter dem Qualm fort in das Gesicht des Mannes
zu bekommen, gegen den schon, wie er kaum den Fuss an Bord gesetzt, eine
Menge Klagen eingelaufen waren, "wo heet den de Heer hier in de
smallkragigen Rock mit de grooten linnen Taschen -- Sie da Wo heet hey?"

"Sehr wuerdiger Seemann" erwiederte ihm aber hierauf mit grosser Ruhe und in
wohlgesetzter Rede der Gefragte, "es thut mir unendlich leid dass ich keine
Sylbe dieser nordischen Sprache, die Sie hier wenn ich nicht irre,
plattdeutsch nennen, verstehe, und durchaus in reinem Hochdeutsch
angesprochen werden muss, befriedigende Antworten zu erwarten."

"Na nu wird's Tag!" rief der Steuermann verwundert, "dei spreekt wie en
Buk -- Sie da also mit den empfindlichen Ohren, wie heissen Sie und wo sind
sie her?"

"Zachaeus Maulbeere aus Halle."

"Maulbeere" -- murmelte der Steuermann, den Namen auf der Liste suchend --
"Maulbeere -- Maulbeere --"

"Nein, nur einmal Maulbeere!" sagte Zachaeus. Einzelne lachten, die Familie
Loewenhaupt aber, deren Herr und Stamm sich in einem kleinen winzigen
Maennchen, mit einer furchtbar grossen, wie eingehakten Habichtsnase zeigte,
begann wieder auf's Neue ihre Klagen ueber den Einbruch in ihre Rechte.

"Ruhe da!" rief aber der Steuermann -- "und Sie da, wer hat Ihnen denn
eigentlich Erlaubniss gegeben im Zwischendeck zu rauchen, und noch dazu
solchen Giftknaster -- wenn Sie das Schiff wirklich nicht in Brand stecken
verpesten Sie es.

"Der Eine liebt Rosen der Andere Teufelsdreck" sagte Zachaeus ruhig, "ich
liebe Rosen."

"Kann ich mir denken" meinte der Steuermann -- "wer aber hat die Coye von
allem Anfang an inne gehabt?"

"Ich -- wir --" schrieen die Eheleute Loewenhaupt.

"Wie viel sind Sie?"

"Nu wie viel sollen mer sein?" frug Madame Loewenhaupt beleidigt -- "ich und
der Itzig."

"Ja dann kann ich Ihnen nicht helfen" sagte der Seemann achselzuckend,
"dann muessen Sie noch irgend Jemand darin aufnehmen."

"Aber doch nich _den_ Menschen?" rief Herr Loewenhaupt rasch und
erschreckt.

"Bieten Sie mir einen Tausch an, vielleicht lasse ich mich bewegen und
ziehe aus!" sagte Zachaeus, dem die Gesellschaft als er sie etwas naeher
besah, vielleicht selber nicht gefallen mochte.

"Na das machen Sie unter sich aus" sagte aber der Steuermann, sich mit
seiner Laterne wieder den Anderen zuwendend -- "immer drei gehoeren eben in
eine Coye, und je friedlicher Ihr Euch hier darin vertragt, desto besser
ist es fuer Euch. Geraucht wird aber hier unten _nicht_," wandte er sich
noch einmal gegen die Coye um, aus der Zachaeus schon wieder dicke Wolken
blies; "wer rauchen will geht mit seinem Stummel an Deck, verstanden?"

Ein dumpfes Brummen toente als einzige Antwort von der Coye herueber, die
Frauen aber besonders dankten Gott, dass sie den "Qualm und Gestank" wie
sie's nannten, da unten in dem ueberdies engen Raum los wuerden.

Die Regulirung der Coyen war uebrigens hiernach bald beendet, und wie nur
erst Jeder einmal seinen Platz angewiesen bekommen und bestaetigt hatte,
durften sie auch daran denken ihr Gepaeck zu ordnen, damit es die Matrosen
dann um die Mittelstuetzen herum und an den verschiedenen Coyen befestigen
konnten.

Mit dem Gepaeck fand sich uebrigens hier ebenfalls eine Schwierigkeit, die
besonders in der unzweckmaessigen Verpackung der Sachen lag, und von den
Auswanderern, trotzdem dass sie ihnen so oft an das Herz gelegt, doch so
selten beachtet wird. Leute aber, die mit der Einrichtung eines Schiffes
nicht bekannt sind, koennen sich auch gewoehnlich gar keine Idee machen wie
beschraenkt der Raum doch natuerlich in einem Fahrzeug sein muss, das
Hunderte von Personen in Monate langer Reise ueber See schafft, und fuer
diese Zeit nicht allein Wasser und Proviant mitnehmen muss, sondern mit
seinem Haupterwerb auch auf die _Fracht_ angewiesen ist. Dabei denken die
Auswanderer gewoehnlich nur an sich selbst, der Nachbar und Reisegefaehrte
existirt nicht fuer sie, und sie muessen dann erst eine Weile durcheinander
geschuettelt werden und eigne Erfahrung sammeln, bis sie lernen sich an
Bord zu behelfen.(2)

Sobald sich also die Passagiere, in Cajuete wie Zwischendeck, nur erst
halbwege eingerichtet hatten, und jetzt erfuhren dass sie heute noch gar
nicht, sondern erst morgen frueh in See gehn wuerden, verlangte ein grosser
Theil derselben, mit dem heimischen Boden dicht neben sich, auch noch
einmal festes Land vor dem Abschied vom Vaterland zu betreten. Die
meisten, besonders der Zwischendeckspassagiere, hatten dabei auch noch so
Manches einzukaufen vergessen, was ihnen auf der Reise gute Dienste
leisten konnte und hier, wie sie hoerten, zu bekommen war, dass sie sich in
Masse uebersetzen liessen, noch eine Menge Geld, oft hoechst unnoethiger Weise
zu verschwenden. Die noch "deutsches Geld" hatten, meinten dies hier
zweckmaessig verwenden zu koennen, und solche, die das schon in Bremen
moeglich gemacht, wechselten sich erst einen und dann mehre Dollare wieder
ein, den "allerletzten" Tag in der Heimath wuerdig zu feiern. Nur die
Frauen wollten nicht mehr von Bord, sie hatten mit dem alten Leben
abgeschlossen, den Schmerz der Trennung einmal ueberwunden, und sie
verlangten keine Zerstreuung, ja fuerchteten sie eher. Fuer sie begann auch
hier an Bord wieder eine neue Welt, in der sie schaffen und wirken mussten,
fast wie zu Hause -- die Cajuetspassagiere natuerlich ausgenommen, denen
geliefert wurde was sie brauchten -- hatten die Frauen im Zwischendeck,
sich wieder eine gewisse Haeuslichkeit herzurichten, um die sich die Maenner
wenig oder gar nicht kuemmerten. Ihre Betten mussten gelueftet und in Ordnung
gebracht, ihr Geschirr musste gereinigt, die Waesche die sie fuer den
Schiffsgebrauch bestimmt nachgesehn werden. Die Sachen mussten auch einen
Platz bekommen, und der Mann haette eben so gut an Bord bleiben, und ihnen
kleine Naegel in die Coyen schlagen koennen, Alles daran aufzuhaengen, was
sie zum taeglichen Bedarf gebrauchten, und tausend andere Kleinigkeiten
herzurichten.

Und wie sah es noch unten im Zwischendeck aus -- ueberall standen Kisten und
Kasten umher, um die sich ihre nachlaessigen Eigentuemer nicht bekuemmert
hatten; an Auskehren war natuerlich gar kein Gedanke, einige kleine Plaetze
abgerechnet, und selbst heisses Wasser, das bei dem spaeten Mittag
gebrauchte Geschirr aufzuwaschen, wollte der muerrische Koch nicht
hergeben.

So kam der Abend heran, der die Cajuetspassagiere um den gedeckten Tisch
versammelte, und den Zwischendeckspassagieren duennen Thee, ohne Zucker und
Milch brachte -- Brod und Butter war ihnen an dem Nachmittag schon gut und
reichlich geliefert worden. Die wenigsten machten aber Gebrauch davon; die
Maenner waren fast noch saemmtlich an Land, viele schliefen sogar noch dort,
und zahlten schweres Geld fuer ein schlechtes Bett, dem Gewirr an Bord, und
dem ungewohnten Dunst des Zwischendecks so lang als irgend moeglich zu
entgehn, und die Frauen hatten, mit wenigen Ausnahmen, noch nie in ihrem
Leben Thee getrunken, ausser wenn sie krank waren Camill oder Pfeffermuenz,
aber wohl viel davon gehoert dass es die Leute in der Stadt, oder die
Reichen traenken, und wunderten sich jetzt kopfschuettelnd wie die Leute
Geschmack daran finden koennten. Schiffsthee ohne Milch und Zucker aus
einem Blechbecher getrunken schmeckt auch in der That nicht besonders.

Das Wetter hatte sich uebrigens wieder aufgeklaert, auch war die Fracht
saemmtlich eingeladen, und die untere Luke geschlossen worden, das Schiff
lag mit geraeumtem Deck vor seinem Anker, und als am naechsten Morgen, mit
Tagesanbruch, die Decks gewaschen wurden, begann ein reges Leben an Bord,
das auf die baldige, und in der That auf den Morgen angesetzte Abfahrt
schliessen liess. Der Weserlootse, der das Schiff in See bringen sollte, kam
an Bord, einzelne, bis jetzt noch fehlende Segel wurden aufgeholt und an
die Raaen geschlagen und gleich nach dem Fruehstueck begann die Mannschaft
ihre Arbeit an der Ankerwinde. Die Passagiere waren ebenfalls an Bord
gerufen worden, aber immer noch fehlte der Capitain wie die letzten
Cajuetspassagiere, die aber mit dem naechsten Dampfboot erwartet wurden.
Dieses kam endlich puffend den Strom herunter, legte sich langseit, und
die sehnsuechtig Erwarteten, das endliche Signal zur Abfahrt, kamen mit
ihm.

Der Capitain, eine vierschroetige aecht seemaennische Gestalt, mit fast
braunem Gesicht, entsetzlich grossen, sehnigen sonngebraeunten Haenden, und
einem grossen Packet Papiere unter dem Arm, sah freilich etwas wunderlich
in seinen "Landkleidern", dem schwarzen auch nicht mehr modernen Frack und
dem Zylinderhut (Schwalbenschwanz oder Nagelhammerrock und Schraube, wie
die Matrosen diese Kleidungsstuecke nennen) aus, schien sich auch nicht
besonders wohl darin zu fuehlen. Er gruesste seine Passagiere nur fluechtig
und zog sich dann in die eigene Cajuete zurueck, in die hinein ihm gleich
der Steward oder Cajuetendiener folgen musste; der zweite Steuermann aber,
ein trockener komischer Kauz, der gerade vor der Thuer stand als es drin
ein wenig laut herging, und des Capitains Stimme den Jungen schimpfte,
meinte ruhig zum Steuermann, als er an diesem vorueber und an Deck ging:

"De Captein kann wedder syn Swalbenswanz nich uht kreegen -- wat de Jong
vor Arbeit het."

Mit dem Dampfboot waren auch Henkels mit Hedwig Lossenwerder in ihrer
Begleitung eingetroffen, und Lobensteins, die sich schon ziemlich haeuslich
an Bord eingerichtet hatten und mit der ganzen Einrichtung ziemlich
zufrieden schienen, begruessten sie, wie Hedwig, auf das Herzlichste.

Waehrend sich Clara aber, mit dem Bewusstsein ihre Eltern ja schon in kurzen
Monaten wiederzusehn, dem Fremden und Neuen was sie ueberall beruehrte, mit
ganzer Seele und leuchtenden Blicken hingab, und sich wie ein froehliches
glueckliches Kind selbst auf die Reise und all die kleinen
Unbequemlichkeiten freute, die in so grellem Gegensatz zu dem bisher
gefuehrten ruhigen aber auch vollkommen gleichfoermigen Leben standen,
betrat Hedwig nur schuechtern und aengstlich das Deck des Schiffes, und
blickte wie scheu und furchtsam umher, auf die ihr so gaenzlich fremde
Umgebung, auf die fremden Menschen. Sie hatte sich leicht entschlossen das
Vaterland zu verlassen, das ihr in der Erinnerung ja nur traurige,
schmerzliche Scenen bot, und sogar mit innigem Dank das Erbieten
angenommen die liebe junge Frau auf ihrer Reise zu begleiten; jetzt aber,
da sie den Schritt gethan, da sie wirklich in das neue Leben eintrat,
fuehlte sie erst das Gewaltige desselben, fuehlte erst wie abhaengig sie
geworden sei von anderen fremden Menschen, und fuerchtete fuer sich selbst,
ob sie auch wuerde dem Allem genuegen koennen was sie unternommen, und was
man von ihr zu erwarten berechtigt sei. Ihre eigenen Kraefte kannte sie ja
noch gar nicht, und wie dann, wenn sie diese ueberschaetzt hatte, und die,
die jetzt freundlich zu ihr waren, ihre Hand zurueckzogen von ihr -- in
Amerika -- drueben -- weit drueben ueber dem Meere? Dann stand sie ganz allein,
und was -- was sollte da aus ihr werden?

"Du darfst nicht solch ein boes und ernsthaft Gesicht machen, Hedwig,"
sagte da Marie Lobenstein, ihre Hand nehmend und ihr laechelnd mit der
eigenen ueber die Stirn streichend, "jetzt fahren wir bald hinaus in's
Meer, nach dem weiten, grossen Amerika, und wenn wir da traurig und
verdriesslich ankommen, schicken uns die Leute am Ende wieder fort."

"Sie sind so gut, Fraeulein Marie" sagte Hedwig leise, die ihr gebotene
Hand innig drueckend -- "ich will auch mein Moeglichstes thun jede thoerichte
Furcht zu ueberwinden."

"Fuerchtest Du Dich?" lachte aber das leichtherzige froehliche Maedchen
zurueck -- "vor dem Wasser? -- das kann ja gar nicht zu uns herauf, siehst Du
wie hoch wir darueber stehn?"

"Ich weiss selbst nicht wovor," seufzte das arme Kind -- "es ist wohl auch
nur die neue fremde Welt in die ich jetzt getreten, und die mir das Herz
beklemmt; das wird schon bald voruebergehn."

"Es muss" lachte Marie, "wenn wir nur erst in See sind, werden wir uns auch
vortrefflich amuesiren; wir haben Buecher zum Lesen mit, und koennen stricken
und naehen und sticken auf dem Schiff, was wir wollen; und dann lehnen wir
Stunden lang ueber Bord, und schauen in die herrliche blaue See, von der
uns Herr Henkel schon so viel erzaehlt."

So plauderte das froehliche Maedchen dem armen Kind die Sorgen aus der
Stirn, bis der Steuermann kam sie abzuholen, und ihr den eigenen
Schlafplatz zu zeigen, der ihr im Zwischendeck, bei zwei anderen jungen
Maedchen und weitlaeufigen Verwandtinnen der Familie Rechheimer angewiesen
wurde. Sie sollte im Zwischendeck essen und schlafen, hatte aber die
Erlaubniss ueber Tag, oder wenn sie sonst von ihrer jungen Herrin gebraucht
wurde, mit in der Cajuete und auf dem Quarterdeck zu sein.

Der Capitain hatte aber doch endlich seinen "Schwalbenschwanz ueber die
Haende" bekommen, wie der zweite Steuermann meinte, und kam jetzt, in
blauer Tuchhose und Jacke, in der er sich vor Behagen ordentlich
schuettelte, mit einer grauen Tuchmuetze auf und die Fuesse, wie es an Bord
gebraeuchlich ist, in Struempfen und Schuhen, an Deck, die noethigen Befehle
des Unterwegsgehens selbst zu geben. Der Anker, der indessen von den
Leuten nur gelueftet worden, kam, unter dem froehlichen Singen der
Mannschaft, denen eine Menge der Deckpassagiere bereitwillig half, nach
oben, die Raaen wurden herumgebrasst, die Segel fielen geloesst nieder und
fassten, wie die Schoten ausgeholt wurden, den Wind, und langsam bewegte
sich zum ersten Mal der maechtige Bau durch die truebe Weserfluth stromab.

Die Passagiere standen dicht gedraengt an Deck, und vorn auf der Back des
Vorcastles die Leute, hie und da noch Bekannten am Ufer zuwinkend, und
Gruesse fuer Andere hinueberrufend. Viele der Frauen schwenkten dabei, als sie
das Ufer mehr und mehr verliessen, ihre Tuecher, aber sie wussten nicht wem,
und es galt auch wohl mehr dem Lande selbst, als den Menschen die darauf
standen, und ihnen ziemlich theilnahmlos und gleichgueltig nachschauten;
sie sahen taeglich so viele Schiffe mit Auswanderern in See gehn -- das war
eins mehr, weiter Nichts.

Eine alte Frau stand auch an Deck, hielt sich mit der linken Hand an der
Schanzkleidung und sah hinueber nach dem Land, dessen Haeuser und
Baumgruppen sie hinter sich liessen und langsam an dem niederen kahlen Ufer
hinglitten. Es war die alte Mutter des Webers aus Zurschtel, und sie
winkte mit der rechten Hand hinueber und murmelte halblaut und mit dem Kopf
dazu nickend und schuettelnd vor sich hin:

"Adje Leberecht -- adje Zurschtel und die alte Linde, das Haus und der
Garten und die Astern -- s'ist vorbei -- s'ist Alles vorbei, und sie sollten
mich alte arme Frau nur lieber hier gleich in's Wasser werfen, ehe sie
mich noch mit hinausschleppen auf das grosse Meer -- Amerika krieg' ich doch
nicht zu sehn, und der Leberecht muss jetzt allein unter der Linde liegen."
Und tief aufseufzend setzte sie sich auf eine der Nothspieren die dort,
langseit der Schanzkleidung befestigt waren, zog die Schuerze ueber den Kopf
und weinte bitterlich.

Ihre Tochter stand daneben, das kleinste Kind auf dem Arm, aber konnte die
Mutter nicht troesten; das Herz war ihr selber zum Brechen voll, und die
grossen hellen Thraenen liefen ihr dick und schwer die bleichen, abgehaermten
Wangen hinunter.

Auf einem der an Deck befestigten Wasserfaesser, dicht bei ihnen, sass der
Mann mit den kurzgeschnittenen Haaren; die Sonne schien ihm hell und voll
auf das scharfmarkirte Gesicht, dessen oberer Theil wetterbraun und hart
aussah, waehrend der untere Theil, wo jedenfalls ein jetzt abrasirter Bart
gestanden, weiss und blaeulich dagegen abstach. Wenig kuemmerte der sich aber
um das Land, die dunklen, finster genug dreinschauenden Augen hafteten nur
eine Zeit lang wie forschend auf den Gestalten der beiden Frauen, dann
aber pfiff er gleichgueltig ein Lied vor sich hin, und trommelte mit den
Fingern den Takt dazu auf dem Fass.

Diese erste Abfahrt war aber noch keineswegs ein wirklicher Abschied vom
festen Land; die schwache Briese trieb das Schiff mit der guenstigen Ebbe
nur langsam vorwaerts, und als die Brise spaeter staerker wurde, trat die
Fluth bald ein, die ihnen fast so viel schadete als jene nuetzte, und sie
bald darauf zwang wieder vor Anker zu gehn. Sie befanden sich uebrigens
jetzt ganz in der Naehe von Bremerhafen, an dem sie die Masten der im Hafen
liegenden Schiffe, ja die am Lande auf- und abgehenden Leute deutlich
erkennen konnten.

Aber die Passagiere aergerte das wieder Ankerwerfen; das Abschiednehmen vom
Vaterland dauerte ihnen zu lang -- "das Vaterland nahm gar kein Ende" wie
Steinert meinte, der ungeduldig auf Deck auf- und abschritt, und die
langweiligen Ufer der Weser um sich her betrachtete, denn einmal an Bord,
wollten sie nun auch hinaus in See und das auf dem Flussherumfahren war
ihnen -- besonders den mit dem Kahn Gekommenen, fatal und langweilig genug
geworden. Aendern liess sich aber an der Sache auch nichts, und die Leute
schlenderten theils an Deck herum, und sahen nach dem Lande hinueber, ob
sie dort irgend etwas Interessantes erkennen koennten, oder lagen lang
ausgestreckt auf den Wasserfaessern oder im grossen Boot und rauchten ihre
Pfeife. Nur in der Cajuete hatte die alte Frau von Kaulitz eine Parthie
Whist arrangirt -- ihre Aiden _konnten_ ihr nun nicht mehr ausweichen -- und
kuemmerte sich dabei weder um Land noch See, um Anker oder Segel, ja wenn
nur Jemand von irgend etwas auf das Schiff Bezuegliche spruch, wurde sie
ungeduldig, und verlangte die ungeteilte Aufmerksamkeit auf das viel
wichtigere Spiel.

Von den Zwischendeckspassagieren schien sich aber besonders Herr Schultze,
der ein kleines Taschentelescop in der Hand trug, mit ganzem Eifer einem
anderen Studium, und zwar dem der Seemoeven hinzugeben, die hier theils auf
dem Wasser schwammen, theils das Schiff umkreisten, und dann und wann
blitzschnell nach einem Fisch hinunterstiessen. Er folgte dabei ihrem Flug
mit dem Glas so gut er konnte, und achtete weder auf seine Umgebung, noch
das nahe liegende Ufer.

"Merkwuerdige Voegel" murmelte er dabei, "ich gaebe etwas darum, wenn ich
einen von ihnen lebendig an Deck haben koennte -- aeusserst merkwuerdige Voegel
-- aber eine Aehnlichkeit bin ich noch nicht im Stande herauszustellen --
sie fliegen zu schnell."

"Ist das ein gutes Glas, was sie da haben?" redete ihn jetzt Herr Steinert
an, der vor Langerweile schon gar nicht mehr wusste was er angeben sollte.

"Ein vorzuegliches Glas" sagte Herr Schultze, ihm artig dasselbe
ueberreichend -- "ein Ploessel; es vergroessert ungemein und mit
ausserordentlicher Schaerfe."

Steinert nahm das Glas und richtete es nach Bremerhafen zu, wo er in
diesem Augenblick ein abkommendes Boot zu erkennen glaubte, das am Ufer
herauf hielt.

"Wahrhaftig" rief er dabei, "das ist excellent -- wo war denn das Boot
gleich -- ah da -- ein Boot mit Soldaten, die am Lande hinaufrudern."

"Mit was?" sagte der Steuermann, der gerade an ihm vorueberging und die
Hand wie unwillkuerlich nach dem kleinen Fernglas ausstreckte.

"Mit Soldaten" sagte Herr Steinert, ihm das Glas ueberreichend durch das
der Seemann einen Augenblick nach dem Ufer hinuebersah und es dann, ein
paar unverstaendliche Worte dabei in den Bart murmelnd, wieder zurueckgab.
Ohne das Boot aber dann weiter eines Blickes zu wuerdigen, ging er nach
vorn zu, den Leuten einige noethige Befehle zu geben.

"Was sagten Sie dass da am Ufer heraufgerudert kaeme?" wandte sich jetzt der
junge Bursche, fuer dessen Passage die Zwischendeckspassagiere noch an der
Landung gesammelt, und der bei dem polnischen Juden einquartirt worden, an
Herrn Steinert -- "ein Boot mit Soldaten?"

"Ja, da drueben, mein Bursche --"

"Das hierherzu kommt?" frug der junge Mann mit aengstlicher Stimme.

"Nun sie thun uns Nichts," lachte Steinert -- "die Zeit der Piraten ist
vorueber, und ihr Schiff streicht blos so durch die Wellen, Fridolin."

Der Bursche schien aber keineswegs aufgelegt, auf einen Scherz einzugehn;
er suchte nur mit den Blicken das Boot, das er auch bald mit blossen Augen
erkennen konnte, und stand eine Weile rathlos wie vor einer noch
unbestimmten, aber doch gefuerchteten Gefahr. Das Boot ruderte indessen
noch eine kleine Strecke am Ufer hinauf und hielt jetzt, mit blossen Augen
liess sich das schon erkennen, in die Mitte des Stromes hinaus und mehr
nach ihnen herueber.

Der Obersteuermann kam wieder von vorn zurueck, an ihm vorbei und blieb
stehn, noch einmal nach dem Boot hinueberzusehn.

"Kommen sie hierher?" frug da der junge Bursch mit kaum hoerbarer
angsterstickter Stimme den Seemann.

"Wer?" sagte dieser, sich nach ihm umdrehend.

"Die Soldaten" stoehnte der junge Mann.

"Hallo mein Bursch" sagte aber der Steuermann, ihn jetzt von oben bis
unten aufmerksam betrachtend -- "Du bist ja so weiss wie ein altes Segel;
was hast Du denn ausgefressen, dass Du Dich vor den Soldaten zu fuerchten
brauchst? Das ist allerdings Polizei die wahrscheinlich hier an Bord zu
uns koemmt."

"Dann bin ich verloren" hauchte der arme Teufel und barg sein Gesicht in
den Haenden.

"Nu nu, was giebt's denn?" sagte der Steuermann, waehrend sich die
Naechststehenden, die wissen wollten was da verhandelt wurde, noch mehr
herandraengten -- "hast Du was verbrochen, so wirst Du auch jetzt dafuer
buessen muessen. Gesteh es aufrichtig, vielleicht kann's Dir nuetzen."

Es lag in dem Ton mehr Gutmuethigkeit als Drohung, und der junge Bursche,
vielleicht eben so in der Angst seinem Herzen Luft zu machen, als auch
einen falschen Verdacht von sich abzuwaelzen, sagte rasch:

"Nein nein, Nichts verbrochen -- nichts Schlechtes habe ich gethan, aber
ich bin -- ich bin --"

"Nun? -- was bist Du?" frug der Seemann jetzt selber neugierig.

"Ein Deserteur" stoehnte der Unglueckliche und sank bleich und zitternd in
die Knie.

"Hm" sagte der Steuermann mit dem Kopf schuettelnd, waehrend das Wort von
Mund zu Munde lief, und mitleidige Stimmen ueberall laut wurden -- "das ist
eine boese Geschichte, und dann bekommen wir die Rothkragen da drueben auch
jedenfalls an Bord -- ja mein Junge, da kann ich Nichts fuer Dich thun."

"Retten Sie mich, um Gottes und des Heilands Willen retten Sie mich" bat
der Unglueckliche, und suchte in der Angst des Steuermanns Hand zu fassen,
dieser aber, der einen fluechtigen Blick nach dem, jetzt immer naeher
kommenden Boote geworfen hatte, machte sich von ihm los und ging rasch
zurueck in die Cajuete. Mehre der Passagiere folgten ihnen dahin, und baten
ihn dringend den Ungluecklichen nicht auszuliefern, aber er wies sie
kopfschuettelnd ab und zog rasch die Thuere hinter sich in's Schloss.

Wie ein Lauffeuer flog aber indess das Geruecht, ein Deserteur sei an Bord
und der Capitain wolle ihn den Soldaten ausliefern, von Mund zu Mund, und
nicht allein die Passagiere nahmen Parthei fuer den armen Teufel, sondern
auch die Matrosen, die sich bis jetzt noch ziemlich fern von ihnen
gehalten, mischten sich zwischen sie und traten zu dem zitternd da
Sitzenden, ihm Muth einzusprechen und ihn nach dem und jenem zu fragen.
Von den Zwischendeckspassagieren hatten sich aber indessen schon Einige
rasch entschlossen, den Capitain selber aufzusuchen und ihm die Sache an's
Herz zu legen, als der Untersteuermann aus der Cajuete kam, sich durch die
an Deck geschaarten Leute draengte und zu dem jungen Burschen hintrat.

"Ach das arme junge Blut!" riefen die Frauen -- "schon an Bord und nun noch
all den Jammer, all das Elend. Und dann seine Eltern zu Hause; die Schande
und das Herzeleid."

Der Untersteuermann hielt sich aber nicht mit langen Redensarten auf.

"Wie heisst Du?" frug er den jungen Burschen, indem er ihn eben nicht sanft
an der Schulter fasste und schuettelte.

"Carl Berger" lautete die Antwort des Erschreckten.

"Carl Berger? -- hm" murmelte der Untersteuermann vor sich hin, ein Papier
das er in der Hand hielt, mit den Augen dabei mehrmals durchlaufend --
"Carl Berger -- Du stehst ja aber gar nicht mit in der Passagierliste --
woher kommt das?"

"Ich hatte das Passagegeld noch nicht bei der Abfahrt" stammelte der junge
Bursch -- "gute Leute an Bord schossen es fuer mich zusammen, und als ich
zum Rheder zurueckkam und es bezahlte, hatte er die Liste nicht mehr und
gab mir nur einen Zettel mit fuer den Capitain, dass ich hier an Bord
nachgetragen wuerde."

"Hm, so?" sagte der Untersteuermann, und sah ueber Bord -- das Boot mit den
Soldaten, das jetzt gerade auf das vor Anker liegende Schiff zuhielt, war
noch kaum zweihundert Schritt von diesem entfernt, und es liessen sich
schon die einzelnen Gesichter der im Boot stehenden Bewaffneten
unterscheiden. Von dem was an Deck vorging, konnten diese aber nicht das
Mindeste erkennen, da die ueber fuenf Fuss hohe Schanzkleidung, die das Deck
als Schutz umgab, alle darauf Befindlichen den Blicken der unten
Heranfahrenden vollstaendig entzog. Der Untersteuermann wusste das auch, und
wieder zu dem Deserteur hinantretend frug er, seinen Kautaback aus einem
Mundwinkel in den anderen schiebend, die Umstehenden so phlegmatisch, als
ob er eben nach der Zeit oder etwas anderem hoechst Gleichgueltigen fruege.

"Koennt Ihr die Maeuler halten?"

Berger, der mit todtbleichen Wangen und aengstlich klopfendem Herzen den
naeher, immer naeher kommenden Ruderschlaegen gelauscht, ohne dass er gewagt
haette einen Blick hinauszuwerfen auf den Feind, sah rasch und kaum seinen
Ohren trauend zu dem Manne auf. Lag in der Frage Hoffnung, Trost fuer
_ihn_?

"Ach Herr Steuermann schaffen Sie ihn fort -- schaffen Sie ihn fort"
fluesterten aber die ihm Naechststehenden rasch und aengstlich -- so nahe war
das Boot schon dass sie fuerchteten die Soldaten koennten unten verstehen,
was hier oben gesprochen und verhandelt wuerde -- "wir bissen uns eher die
Zunge ab, ehe wir den Geyern da unten ein Wort verriethen."

"Hm" sagte der Untersteuermann und sah sich etwas misstrauisch im Kreise
um; viel Zeit war aber auch nicht mehr zu verlieren, denn von unten herauf
toente schon die Stimme des Unteroffiziers oder Polizeibeamten, was er
gerade war, der das Schiff anrief, und der Capitain selber erschien gleich
darauf auf dem Quarterdeck und sah ueber Bord.

Carl Berger faltete in Todesangst die Haende, der Untersteuermann aber, zu
dem er jetzt noch, wie in letzter Verzweiflung Huelfe suchend aufsah,
blinzte ihm zu und winkte ihm, fast nur mit den Augen und einer kaum
bemerkbaren Bewegung des Kopfes, ihm zu folgen. Ohne sich dann weiter nach
ihm umzusehn schritt er rasch das Deck entlang, vorn der Logiskappe(3),
zu, in die er gleich darauf verschwand, und wohin ihm der junge Bursche
mit zitternden Gliedern folgte.

"Hallo das Schiff!" rief die Stimme indess aus dem Boot, die, wie sich
spaeter ergab, einem der Polizeisergeanten gehoerte.

"Hallo das Boot!" lautete die seemaennische Gegenantwort des Capitains, als
er das Deck erreicht hatte.

"Werft uns ein Tau herunter, dass wir an Bord kommen koennen" rief es
wieder, mehr wie Befehl als Bitte klingend.

Die noethige Ordre dazu wurde gegeben, und die Mannschaft, von den
Passagieren jetzt dicht umdraengt, von den Matrosen aber keines Blickes
gewuerdigt, kletterte an Bord.

Der Unteroffizier, mit zwei Polizeidienern, ging jetzt, die Leute
zuruecklassend, nach dem Quarterdeck hinueber, wo der Capitain, die Haende in
den Taschen, stand, uebergaben dort ihre Legitimation, dass sie beauftragt
seien das Schiff nach einem Deserteur zu durchsuchen, und forderten dem
Capitain die Passagierliste ab, die einzelnen Passagiere dann selbst zu
revidiren.

Capitain Siebelt wusste recht gut dass er sich dem nicht weigern konnte; so
wenig sich aber Matrosen, und Seeleute ueberhaupt, aus einem _Soldaten_
machen, so sehr interessiren sie sich fuer einen Deserteur, dem gewiss jeder
Matrose, wenn es nur irgend in seinen Kraeften steht, Vorschub leisten
wird. Der Capitain ging indessen langsam in die Cajuete zurueck, holte die
Liste und gab sie dem Bevollmaechtigten, seinem Steuermann zugleich die
Weisung ertheilend "die Herren gewaehren zu lassen und saemmtliche
Zwischendeckspassagiere an Deck zu schicken." Das war bald geschehn, zwei
von den Soldaten besetzten indessen die Luken, und waehrend der
Polizeisergeant oben die Passagiere nach Namen aufrief, und die
Aufgerufenen an sich vorbei defiliren liess, untersuchten zwei Andere unten
die verschiedenen Coyen, und stoeberten ueberall herum wo sich nur irgend
ein Kind haette verstecken koennen. Zwei Andere wurden zu gleicher Zeit vorn
in das Logis zu den Leuten geschickt, die jetzt ebenfalls an Deck mustern
mussten, waehrend diese bei ihnen unten visitirten.

Aber auch selbst da ergab sich Nichts und die, bis dahin abgesperrte
Cajuete, wurde nun ebenfalls ruecksichtslos von oben bis unten untersucht;
ja der Steuermann musste, auf Verlangen des Sergeanten, den unteren Raum
oeffnen, und dieser kroch selber, hier aber von dem Untersteuermann
gefolgt, der darauf sehen sollte dass kein Unglueck mit dem Licht geschaehe,
in das fast vollgestaute untere Deck. Zwischen den Kisten und Faessern
aber, die auch fast ueberall dicht zusammen lagen, und in der heissen
schwuelen Atmosphaere konnte er mit seiner enganschliessenden Uniform und dem
Seitengewehr, das ueberall haengen blieb, nicht lange aushalten. Nach einer
halben Stunde etwa kehrte er in Schweiss gebadet und unverrichteter Sache
an Deck zurueck, und schlug eine Einladung des Untersteuermanns aus, der
ihm anbot auch noch durch die vordere Luke eine aehnliche Promenade zu
machen.

Der andere Polizeibeamte hatte indess die Vorrathskammern und verschiedenen
"Spintges" mit nicht besserem Erfolg, durchsucht, und an Deck
zurueckgekehrt wandten sich die Beamten noch einmal an den Steuermann und
verlangten von diesem die "Auslieferung des Verbrechers" der sich
jedenfalls an Bord befinden _muesse_. Der Steuermann behauptete aber noch
keine Schiffsliste ueberliefert bekommen zu haben, da er zu viel mit dem
Schiffe selber zu thun gehabt, sich auch nur im Mindesten um die
Passagiere zu kuemmern, und der Capitain wurde grob als sie von ihm noch
weitere Auskunft forderten.

"Da sei die Liste und da die Passagiere" sagte er, "das ganze Schiff haette
er ihnen ebenfalls zur Verfuegung gestellt, ob sie nun etwa noch von ihm
verlangten dass er selber mit herumkriechen solle, oder ob er dazu da sei
sich nach den Familien- oder staatlichen Verhaeltnissen der Leute zu
bekuemmern, die er einfach ueberliefert bekommen habe sicher und
wohlbehalten nach Amerika hinueber zu schaffen?"

Er war darin in seinem vollen Recht, die Liste ebenfalls vollstaendig und
in Ordnung: Keiner der darauf Angegebenen fehlte, aber auf keinen von
diesen passte auch das Signalement, und die Polizei, mit ihrer
Militairunterstuetzung sah sich endlich wieder genoethigt das Schiff, wie
sie gekommen, zu verlassen.





                                Capitel 4.


                                 IN SEE.


So ungeduldig die Passagiere aber schon vorher gewesen waren, das Schiff
nun endlich einmal in vollem Lauf seinem Ziel entgegengehen zu sehn, so
peinlich wurde ihnen jetzt jeder Augenblick, den sie, mit dem Bewusstsein
unter den Kanonen des hannoeverschen Forts zu liegen, und noch im leichten
Bereich einer neuen Durchsuchung zu sein, hier unthaetig, angeschlossen an
die Ankerkette, verbringen mussten. Sie zaehlten die Minuten die noch bis
zum Einsetzen der Ebbe verlaufen mussten, und tausendmal sahen sie nach
allen Richtungen ueber Bord, ob sich die Stroemung nicht endlich stauen
wuerde.

Endlich kam auch _der_ Augenblick, die Zeit fliegt mit nur zu raschen
Schwingen ueber uns hin, und wie bald liegt die Stunde weit, weit hinter
uns, die wir so lang herbeigesehnt, so heiss erhofft. Das Wasser stand, die
Brise wurde frischer, und -- wenn sie wenigstens erst den Ellbogen hinter
sich hatten, den die Weser bei Bremerhafen macht, guenstiger und jetzt --
die Thatsache war ausser jedem Zweifel -- schwang das Schiff vor der
_rueckkehrenden_ Fluth vor seinem Anker herum und lag, den Bug stromauf,
dem immer staerker stroemenden Wasser die scharfe Stirn bietend. Aber noch
keine Anstalt wurde an Bord gemacht Fluth und Wind zu benutzen, noch lagen
die Segel festgeschnuert auf ihren Raaen, und selbst die Matrosen blickten
verwundert nach ihren Offizieren hin, den Kopf schuettelnd ueber den
unbegreiflichen Aufenthalt; wenn sie noch lange hier zoegerten kamen sie
heut Nacht gar nicht mehr in offene See, und konnten nur gleich da vor
Anker liegen bleiben zwoelf volle Stunden laenger.

Der Capitain ging indessen mit auf dem Ruecken gekreuzten Armen, selber wie
ungeduldig, mit raschen Schritten an Deck auf und ab, und beantwortete
alle an ihn gerichtete Fragen der Cajuetspassagiere gar nicht, oder so kurz
abgebrochen und muerrisch, dass ihnen zuletzt die Lust verging ihn weiter zu
behelligen. Fortwaehrend sah er dabei nach der Sonne hinueber, die sich mehr
und mehr dem Horizont neigte, und dann wieder nach seiner Uhr, als ob er
der ersteren nicht glaube, dass es so frueh noch sei, und endlich halb sechs
Uhr, heute frueher als gewoehnlich, kam der Koch nach hinten mit seiner
stereotypen Frage:

"Captein, beleeft tu schaffen?"(4)

"Ja Kock, schaff man!" lautete die Antwort und "Schaffen" bruellte der
Koch, wie er sich kaum von dem Capitain abgewandt hatte, ueber Deck, dass es
von einem Ende bis zum anderen droehnte.

Einer der Matrosen hatte indessen schon die riesige blecherne Theekanne
aus der Cambuese (Schiffskueche) geholt, und nach vorn auf die Back
getragen, auf der die Schiffsmannschaft lagerte; die "Jungen" brachten
jetzt in grossen hoelzernen Schuesseln den Schiffszwieback und Schwarzbrod,
wie kaltes, von Mittag uebriggebliebenes Fleisch, und die Leute langten
tapfer zu ihr einfach Mahl zu beenden.

Auch die Zwischendeckspassagiere waren durch den Ruf beordert worden ihren
Thee zu "fassen". Noch hatte aber nicht die Haelfte derselben der
Aufforderung genuegt, und selbst einzelne der Matrosen kauten noch ihren
kaum aufgeweichten Zwieback, als der willkommene Ruf ertoente die
Ankerwinde zu bemannen. Im Nu war das geschehn, wenigstens zwanzig
Passagiere hingen sich mit daran, und der Anker kam rasselnd empor, wie
die Kette nur aus dem Weg geholt und wieder umgeschlagen werden konnte. Zu
gleicher Zeit war ein Theil der Matrosen nach oben geschickt die leichten
Segel zu loesen, die Raaen flogen herum, die Schoten aus, die frische Brise
legte sich hinein, und mit dem scharf aufgeholtem Ruder fiel der Bug vor
dem Winde ab. Die Leute hingen jetzt saemmtlich an den Brassen, den rasch
auf einander folgenden Befehlen zu gehorchen, und zehn Minuten spaeter
schoss das wackere Fahrzeug an Bremerhafen vorbei in das breite Fahrwasser
hinein, und vor dem Winde dahin, dass der Schaum -- ein willkommener und
lang ersehnter Anblick -- sich vorn am Buge kraeusste.

Noch aber waren lange nicht alle Segel gesetzt; nichtsdestoweniger machten
sie trefflichen Fortgang, und bald lag Bremerhafen mit seinem darueber
hinausdehnenden Mastengitter, wie das runde Fort mit seinen drohenden
Kanonen weit, weit hinter ihnen.

"Aber der Deserteur?" wo war der junge Bursche geblieben und warum kam er
nicht zum Vorschein, die Gratulationen seiner Mitpassagiere zu empfangen?
-- oder wusste der Capitain wirklich nichts von ihm, und musste er noch
versteckt gehalten werden, dass dieser nicht gar etwa noch umkehre und ihn
an die Behoerden abliefere? -- sonst war doch wahrlich keine Gefahr mehr fuer
ihn vorhanden. Die Passagiere frugen das unzaehlige Male unter sich, wagten
aber nicht, selbst den Untersteuermann deshalb anzureden. Der wusste doch
wohl am besten was er zu thun oder zu lassen hatte, und dass er dem armen
Teufel freundlich gesinnt war brauchte er nicht mehr zu beweisen.

Der Lootse, der erst wieder an Deck gekommen war als die Leute anfingen
den Anker zu lichten, stand jetzt vorn auf der Back des Schiffes, dicht am
Bugspriet, und rief von da seine Befehle dem Mann am Steuerruder zurueck,
die dieser, zum Beweis dass er sie richtig verstanden habe, und damit kein
Irrthum moeglich sei, laut zu wiederholen hatte.

Die Sonne war schon laengst hinter dem Horizont verschwunden, und die
Haidschnucke hielt in der jetzt merklich einbrechenden Daemmerung gerade
auf das Feuerschiff zu, das in der Muendung der Weser vor Anker liegt, aus
oder einsegelnden Schiffen die Richtung anzudeuten, die sie zu nehmen
haben. Auf dem Vortop der Haidschnucke wurde aber eine kleine rothe
Flagge, irgend ein verabredetes Signal, aufgehisst, und gleich darauf kam
von dem Leuchtschiff, das eben sein rothes Licht entzuendet hatte, ein Boot
ab, in dem zwei Mann ruderten, zwei hinten im Stern des Bootes, und drei
vorne im Bug sassen.

Die Zwischendeckspassagiere hatten indessen meist das obere Deck
verlassen, vor voelliger Dunkelheit ihre Schlafstellen unten in Ordnung zu
bringen, was nachher immer mit einiger Schwierigkeit verbunden war. Nur
Einzelne standen noch oben, die mit gespanntem Interesse den Bewegungen
des neu anrudernden Bootes entgegensahen, in dem sie kaum etwas anderes
erwarteten, als eine zweite Visitation.

"Verdammt will ich sein" brummte dabei der Mann mit den kurzen Haaren, der
bis dahin besonders aufmerksam das Mannoever mit den Flaggen und dem
abkommenden Boot betrachtet hatte, "wenn uns die nicht nochmals ihre
Spuerhunde herueber schicken; hol sie der Teufel, sie becomplimentiren uns
wohl so hinaus bis in die offene See."

"Nun, wenn sie am hellen Tage Nichts gefunden haben, werden sie wohl
diessmal auch mit langer Nase abziehn" sagte Steinert, der dicht neben ihm
stand. "Jetzt kann ich mir aber auch denken, weshalb der Capitain mit der
Abfahrt von unserem letzten Ankerplatz so lange gezoegert hat."

"Nun?" sagte der finstere Bursch und sah ihn von der Seite an.

"Er hat gewusst, dass ihm die Rothkragen hier noch einmal an Bord steigen
wuerden" fluesterte Steinert geheimnissvoll "und deshalb gewartet, dass er
hier erst mit schummrig werden eintraefe -- so ist's."

"Fuer so gescheut haett' ich ihn gar nicht gehalten" brummte der Erste
wieder "aber da sind sie" setzte er dann hinzu, indem er sich vom Bord
abdrehte und nach dem Eingang des Zwischendecks zu ging -- "hol sie der
Teufel, ich mag sie nicht sehn; wenn sie 'was von uns wollen, koennen sie
zu uns herunter kommen."

"Mag wohl seine Ursache haben, dass er die Polizei nicht leiden kann"
lachte der Untersteuermann leise dem einen Matrosen zu, der neben ihm
stand und ein zusammengerolltes Tau in der Hand hielt, es dem nahenden
Boote zuzuwerfen.

"Futter fuer Amerika" sagte der Mann, veraechtlich den Kopf auf die Seite
werfend -- "_der_ kommt durch --"

"Ja Hans, wenn er nicht mit dem Kopf darin stecken bleibt"; meinte der
Untersteuermann, dem Passagier nachsehend, wie er eben in das Deck
hinunter stieg. Das Gespraech der Beiden wurde aber in diesem Augenblick
durch das Boot selber abgebrochen, das langseits kam. Des Lootsen Ruf
hatte indess die Fock und die Vormarssegel backbrassen lassen, dass das
Schiff in diesem Augenblick keinen Fortgang weiter, als mit der Stroemung
selber machte, und wenige Minuten spaeter kletterten fuenf Maenner an Deck
und wurden, auf die Frage des Einen von ihnen, nach dem Capitain auf das
Quarterdeck gewiesen.

"Steht bei hier und nehmt die Kisten herauf!" toente indess der Ruf des
Steuermanns, und Taue wurden in das Boot hinuntergelassen -- drei
gewoehnliche Seemannskisten an Bord zu heben, die indessen oben an Deck
stehen blieben.

Der Capitain stand mit Professor Lobenstein und dem Lootsen allein auf dem
Quarterdeck, als die fuenf Maenner die kleine Treppe, die dazu hinauffuehrte,
erstiegen. Auf ein paar Worte des ersten blieben dreie von ihnen, denen
der vierte fast wie zur Bewachung beigegeben war, an der Treppe stehn,
waehrend Jener auf den Capitain zu ging und mit militaerischem Grusse an sein
Muetzenschild griff. Der Mann war uebrigens in Civil gekleidet, und trug
einen dunklen langen Rock und eine einfache Tuchmuetze, aber mit steifem
grossen Deckel, die etwas uniformsmaessiges an sich hatte.

"Habe ich das Vergnuegen mit dem Capitain dieses Schiffes zu sprechen?"
sagte er artig, als er sich ihm naeherte.

"Ich bin der Schiffer, ja" sagte Siebelt, den Gruss sehr kurz erwiedernd --
"Sie bringen mir die bewussten Passagiere?"

"Ja wohl Herr Capitain -- hier ist meine Legitimation; duerfte ich Sie
bitten mir die Quittung fuer richtige Ablieferung zu schreiben."

"Auch noch" -- brummte Siebelt muerrisch -- "kommt einmal her Ihr Burschen!"

"Ihr sollt vortreten; habt Ihrs nicht gehoert?" sagte der andere, der bei
den dreien stehn geblieben war, barsch, und die Leute folgten rasch dem
Befehl. Es waren drei ziemlich kraeftige untersetzte Gestalten, zwei von
ihnen, von etwa achtundzwanzig bis dreissig Jahren; der dritte nur schien
aelter zu sein, doch liess sich das in dem ungewissen Daemmerlicht kaum noch
erkennen. Sie waren Alle in graue kurze ganz neue Roecke von groben Tuch
und in eben solche Hosen gekleidet, und trugen Muetzen von derselben Farbe
in der Hand; ihre starkmarkirten und eben nicht einnehmenden Zuege waren
aber bleich, und die Augen, die scheu den Boden suchten, oder unruhig ueber
Deck umherschweiften, lagen ihnen tief in den Hoehlen.

Der Capitain sah sie, Einen nach dem Anderen, still und forschend an und
sagte endlich:

"Hoert einmal, ich habe Euch hier an Bord bekommen, um Euch mit nach
Amerika hinueberzunehmen; ich hoffe, dass Ihr Euch an Bord gut betragen
werdet; wenn Ihr's nicht freiwillig thut, ist's Euer eigener Schade, denn
thun _muesst_ Ihr's. Uebrigens werdet Ihr wohl wissen was Euch selber gut
ist, und nun nehmt Euere Sachen und macht dass Ihr damit unter Deck kommt;
der Untersteuermann wird Euch Euere Coye anweisen. Dass Ihr die Maeuler
haltet brauch' ich Euch wohl nicht erst zu sagen -- schon gut, ich weiss
schon, macht jetzt dass Ihr nach vorn kommt" -- und dem Fremden den Zettel
aus der Hand nehmend ging er in die Cajuete hinunter.

"Koennen wir aufbrassen Capitain?" rief der Lootse hinter ihm her als er
hinunter ging; "es wird zu spaet wenn wir noch laenger hier Zeit
vertroedeln."

"Brasst nur auf Lootse" rief der Capitain zurueck, "ich bin gleich wieder
oben."

Die Raaen fuhren herum, die Vorsegel fassten den Wind wieder, und das
Schiff bewegte sich rascher vorwaerts auf seiner Bahn.

"Hallo" sagte der eine Mann, der den Oberbefehl ueber das Boot zu fuehren
schien, indem er ueber Bord sah -- "nehmen Sie uns nicht etwa mit."

"Habt keine Angst Kamerad" sagte der Untersteuermann, der eben an ihm
vorueberging, den Neugekommenen ihre Plaetze anzuweisen -- da blieben wir
eher hier die ganze Nacht liegen."

"Danke" sagte der Mann --

"Keine Ursache, ist gern geschehen," der Untersteuermann, als er seinen
Tabackssaft -- die Seeleute kauen meistentheils -- ueber Bord spritzte, und
langsam die kleine Quarterdeckstreppe hinunter stieg.

Der Capitain kam uebrigens nach sehr kurzer Zeit schon wieder zurueck, und
uebergab dem Manne seinen Zettel -- die Quittung fuer richtige Ablieferung
von drei Verbrechern, denen im Boot erst _die Eisen_ abgenommen waren, und
die sich in Amerika bessern, oder doch jedenfalls allein fuettern sollten.

"Danke Capitain" sagte der Mann, indem er das Papier zusammenfaltete und
in die Tasche schob -- "Nichts fuer ungut -- Sie wissen wohl" --

-- "Schon gut" sagte der Seemann muerrisch -- "das ist uebrigens das letzte
Mal, dass ich derlei Geschichten besorge, und wenn ich mein Schiff
verlieren sollte -- Sie koennen das den Herren meinetwegen sagen."

"Derlei Bestellungen bringen Nichts ein" meinte aber der Mann trocken,
"so, gute Fahrt Capitain, wir sind wahrhaftig schon ein ganz Stueck am
Leuchtschiff vorbei und werden tuechtig rudern muessen gegen den Strom an."

Der Capitain drehte sich ab und ging auf die andere Seite des Schiffs
hinueber, waehrend die Fremden rasch in ihr Boot hinunter kletterten.

Der Lootse zeigte aber jetzt, dass es ihm Ernst war aus der Weser zu
kommen; Segel auf Segel wurde gesetzt vor der immer frischer und kraeftiger
einsetzenden Brise, bis sich das Schiff unter der Last derselben bog, und
schaeumend seine Bahn dahin schoss. Im Osten hob sich indessen der Mond, und
goss sein funkelndes Licht ueber den weiten Strom, bei dem sich eben noch
die ausgelegten Tonnen erkennen liessen, das Fahrwasser zu halten. Das
Wasser war ebenfalls noch vollkommen ruhig, aber der Strom doch hier schon
so breit, dass die Brise ihren Einfluss darauf ausueben konnte, und das
Schiff begann sich mit der schwellenden Duenung leicht zu heben.

Bei dem wundervollen Abend, der warm und licht auf dem Wasser lag, hatten
sich indessen die meisten Passagiere wieder auf Deck gesammelt, und in
kleinen Gruppen erst eine lange Weile das Geheimniss des zweiten Bootes,
aus dem sie nicht klug geworden, besprochen. Auch neue Passagiere, von
deren Ankunft man schon in Brake gewusst, und eine Coye fuer sie
zurueckgehalten hatte, waren damit gekommen, Niemand konnte sagen woher,
noch sich, so lange es dunkel blieb, ueber ihr Aussehn in's Klare stellen;
die Leute selber aber standen Niemandem Rede; Steinert hatte das schon
lange versucht. Des gluecklich durchgebrachten Deserteurs Erscheinen lenkte
zuerst den Strom der Unterhaltung wieder in einen anderen Canal; der junge
Bursche war aber noch scheu und schuechtern; er konnte es sich noch gar
nicht denken, dass er der fuer ihn furchtbaren Gefahr so gluecklich entgangen
sei, und forschte durch die Dunkelheit nach allen Seiten hin, bei dem
schwachen Licht des Mondes ein irgendwo nahendes Boot zu erkennen. Die in
der Weser vor Anker liegenden Tonnen, die das Fahrwasser bezeichnen und
zum Theil weiss angestrichen sind, hielten ihn dabei fortwaehrend in Alarm,
und er frug die Matrosen unzaehlige Male, ob er denn nun wirklich nicht
mehr zu fuerchten haette, dass in der Nacht ein Boot mit Polizeibeamten an
Bord kommen koenne.

Steinert zeigte sich indessen unter den Lebhaften als den Lebhaftesten.
Das Gespraech war durch das Polizeischiff auf aehnliche Faelle gekommen, wo
diesem achtbaren Institut eine Nase gedreht worden, und sprang dann, in
einem natuerlichen Ideenflug auch auf das Pasch- und Schmuggelwesen
hinueber, in dem der Weinreisende, wenn sich Alles so verhielt wie er es
erzaehlte, seiner Zeit Ausserordentliches geleistet hatte und er wurde nicht
muede davon zu erzaehlen. Mitten in einer prachtvollen Anekdote aber schwieg
er ploetzlich still, und sah sich nach allen Seiten um.

"Suchen Sie wen, Herr Steinert?" frug ihn der junge Literat, der ein
eifriger Zuhoerer der Geschichten gewesen war und sich immer dann und wann
gegen den Mond drehte, auf ein kleines Zettelchen mit Bleistift einzelne
Worte -- wahrscheinlich die Pointen der Erzaehlungen -- zu notiren.

"Ich? nein -- ich weiss nur nicht" sagte Steinert -- "das Schiff faengt sich
an so fatal zu bewegen -- immer so auf und nieder; ich glaube -- ich glaube
die Leute haben zu viele Segel aufgesetzt."

"Ja, irgendwo ist es doch wohl nicht in Ordnung" bemerkte auch jetzt Herr
Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, der schon seit einigen Minuten ganz
still gesessen, nicht mehr gelacht, oft die Augen geschlossen, und dann
auf einmal sehr tief Athem geholt hatte.

"Oh, es faengt ein wenig an zu schaukeln" sagte Herr Theobald, der sich
durch die Bewegung noch nicht incommodirt fuehlte, "bitte erzaehlen Sie nur
weiter." --

"Ja -- wo war ich doch gleich stehn geblieben?"

"Wie Sie mit dem Mauthbeamten in der Schenke sassen und die Wette mit ihm
machten" -- unterstuetzte ihn der junge Literat.

"Ach ja so -- ja da -- das schaukelt wirklich unangenehm" sagte aber Herr
Steinert, der den Faden nicht wieder finden konnte -- "ich sitze auch hier
auf einem hoechst fatalen Fleck -- viel zu hoch; das ist doch ein goettlicher
Abend -- wir wollen ein wenig auf Deck spazieren gehn."

Das Spazierengehn half aber auch Nichts, die Bewegung des Schiffs wurde
merklicher, je mehr sie sich der offenen See naeherten, und je weiter sie
vom Lande abkamen, wo der Wind mehr Gewalt auf das Wasser hat und die
Wellen weiter rollen koennen und groesser werden. Schon standen hie und da
Einzelne ueber Bord gelehnt, und thaten als ob sie hinaus auf's Wasser
saehen, immer aber in einer sehr verdaechtigen Stellung, dem belaestigten
Magen Luft zu machen, bis sich bei Manchem das Faktum nicht mehr
verheimlichen liess, und die ersten Seekranken durch einen Jubelruf der
noch Gesunden proklamirt wurden.

Es ist dabei eine sonderbare Thatsache, dass sich die meisten Menschen
schaemen seekrank zu werden, und es so lange verheimlichen wie nur irgend
moeglich; wie denn auch Niemand weniger an Bord eines Schiffes auf Mitleid
zu rechnen hat, als eben ein von diesem Feind Befallener. Was auch sein
Leiden sein mag, wie ihn die Krankheit mitnimmt und nach und nach
entkraeftet und herunterbringt, ja waehrend er daliegt und den Tod
herbeiwuenscht, um nur endlich von seinem entsetzlichen Jammer befreit zu
werden, die Gesunden stehn dabei und lachen und spotten ueber den armen
Teufel, und das einzige Gute nur dabei ist, dass er sie nicht hoert, oder
wenn er es hoert, sich Nichts daraus macht. Gegen Alles abgestumpft auf der
Welt, wo es ihm selbst gleichgueltig waere, wenn man ihn bei den Beinen
fasste und ueber Bord zoege, was macht er sich da aus dem Hohn irgend eines
Anderen.

Seekrank, fuer den den es betrifft, ein entsetzliches Wort, und doch eine
Krankheit, an der noch kein hundertstel Procent der Leidenden gestorben.
Was fuer Mittel sind nicht schon dagegen empfohlen, wie viel tausend Aerzte
haben nicht schon gethan, als ob sie das Heilmittel dagegen gefunden und
dies und das angerathen, den furchtbaren Gegner entfernt zu halten. Aber
es giebt kein Mittel dagegen; wer etwas braucht und sie nicht bekommt, hat
nicht noethig das Heilmittel weiter zu empfehlen, denn er selber haette die
Krankheit auch ohnedies nicht bekommen, und dessen Magen ihn in den
Bereich derselben bringt, mag sich nur getrost in sein Schicksal
_ergeben_, er muss durchmachen was ueber ihn verhaengt ist, und hat nur die
einzige Genugtuung spaeter, wenn er dem tueckischen Gott sein Opfer
gebracht, eben so ueber Andere lachen zu duerfen, wie Andere frueher ueber ihn
gelacht haben.

Das Schiff bewegte sich nun allerdings noch sehr wenig, doch aber genug,
den meisten der daran gar nicht gewoehnten Passagiere, wenn sie auch nicht
Alle krank wurden, Unbehaglichkeit zu verursachen, und trotz des
herrlichen Abends wurde das Deck gar bald von ihnen geraeumt. So fatal
ihnen die Luft unten im Zwischendeck war, fanden sie doch im Niederlegen
einige Erleichterung, und suchten frueh das Lager. Was kuemmerte sie jetzt
der Lootse, den sie hatten wollen von Bord gehen sehen, was der Mondschein
auf dem zitternden wogenden Wasserspiegel; es zitterte und wogte eben und
das mochten sie nicht sehn, und schon der Gedanke daran war ihnen fatal.

Noch vor zehn Uhr erreichten sie indess die letzte Wesertonne, die Grenze
der Nordsee, auf ein Zeichen von Bord aus, durch aufgehangene Lichter
gegeben, kam der dort kreuzende Lootsencutter heran, seinen Lootsen von
Bord zu nehmen, und wie als ob der Wind nur darauf gewartet haette, sich
nun einmal recht voll und ernstlich in die Segel legen zu koennen, nahm er
beide Backen voll, und kam so scharf und heulend von Nordost herunter, dass
der Capitain die Oberbramsegel nieder und die schon zu Starbord gesetzten
Leesegel wieder einnehmen liess. Die See wurde dabei natuerlich nur immer
unruhiger, und die kleinen kurzen Schlagwellen der Nordsee, die ueberhaupt
die unangenehmste Bewegung machen, ueberwuerzten sich schon mit ihren weiss
schaeumenden Kaemmen, und jagten wie im tollen Spiel hinter und neben dem
durch sie hinbrausenden Schiffe her.

Arme Passagiere -- und in der Cajuete sah es nicht besser aus als im
Zwischendeck. Wenn Schiffe bei vollkommen ruhigem Wasser in See gehn, und
der Wind erst allmaehlig waechst, dass sie die Bewegung so nach und nach
gewohnt werden, und die Koerper es lernen derselben nachzugeben, so bleiben
oft viele Reisende von der Krankheit ganz verschont. Der Magen gewoehnt
sich an das Schaukeln, und selbst ein kleiner Sturm bringt sie spaeter
nicht mehr aus dem Gleichgewicht; wo aber der Wind, so wie hier, gleich am
ersten Tage, wenn auch gar nicht gerade scharf einsetzt, wenn nur die
kleinen kurzen Wellen erst einmal einen Kamm bekommen, dann bleiben wenige
verschont, und der Koch darf ein paar Tage lang die Schweine mit den
Erbsen und Bohnen fuettern, die er fuer die Passagiere in den Kessel gethan;
die Leute denken gar nicht daran sich ihr Essen zu holen, und schon das
Wort _Schaffen_ verursacht ihnen Ekel.

In der Cajuete war wirklich nur der junge Henkel, der schon mehre Seereisen
gemacht, verschont geblieben, jedenfalls der Einzige, der mit dem Capitain
und den Steuerleuten am Fruehstueckstisch erschien und tapfer zulangte; die
Anderen liessen sich unwohl melden, und nur der Herr von Hopfgarten, ein
kurzer, kleiner Mann, aber sonst voll Feuer und Leben, behauptete einzig
und allein keinen Appetit zu haben, sonst aber sich vollkommen wohl zu
befinden.

Einzelne Charaktere entwickelten sich auch in dieser Krankheit im
Zwischendeck auf wunderbare Weise. Herr Mehlmeier z. B. lag ausgestreckt
auf dem Gepaeck mit von sich geschobenen Armen und Beinen, als ob er so
wenig wie moeglich von seinem Koerper um sich herum haben moechte. Er liess
sich dabei schuetteln und stossen und rufen und schimpfen, wenn er irgend
Jemandem im Wege lag, und verhielt sich so vollkommen regungslos, dass er
einmal schon zu dem Geruecht Veranlagung gab, der Schlag haette ihn geruehrt.
Aber auch das war wieder den Anderen gleichgueltig, und nur Herr Theobald,
der bis jetzt noch verschont geblieben war, notirte sich den Fall, und
ging dann hin sich selber zu ueberzeugen.

Steinert war nach ihm das beklagenswertheste Subjekt die Familien
Rochheimer und Loewenhaupt lagen in einem Zustand, der sich kaum denken,
auf keinen Fall aber beschreiben laesst.

Theobald hielt sich, wie gesagt, noch ziemlich tapfer, und lachte die
Kranken aus nach Herzenslust; das viele Umhergehn im Zwischendeck aber
vielleicht, mit der doch staerker werdenden Bewegung des Schiffes, uebte
auch auf ihn zuletzt seine Wirkung aus. Er steckte auf einmal sein
Taschenbuch dahin wohin es gehoerte, schob die Haende nach, und stellte sich
ganz still an die Railing an, bis auch diese ihm nicht mehr Stuetze genug
schien, und er nun, in der Angst dass seine Mitpassagiere merken koennten
wie ihm zu Muthe wuerde, auf eine eigene Idee fiel, den traurigen und nicht
mehr wegzulaeugnenden Zustand zu verbergen. Er band sich sein Halstuch um
die Ohren, hielt die Haende an den Backen und legte sich endlich, nicht
mehr im Stande auf seinen Fuessen zu bleiben, mit dem Kopf auf eine der
Nothspieren mitten in den Gangweg hin, wo die Matrosen fortwaehrend
vorueber, und jetzt ueber ihn wegsteigen mussten.



Der erste der ueber ihn weg_fiel_, war der kleine Loewenhaupt, dem er noch
vor kaum einer halben Stunde einen Teller mit fettem Fleisch unter die
Nase gehalten, und dadurch den armen Teufel fast zur Verzweiflung, dessen
Krankheit aber jedenfalls zu vollem Ausbruch gebracht hatte.



"O sehn Sie 'mal an, bester Herr Theobald" sagte dieser, als er sich
wieder aufgelesen und, mit todtenbleichem Gesicht, seinen Arm auf eines
der Wasserfaesser stuetzte, das Gleichgewicht zu halten -- "Sehn Sie 'mal an;
jetzt werde ich Ihnen wohl koennen en Tellerche mit Fleisch unter die Nasen
halten und fragen, ob Sie Appetit haetten, heh? -- Das kommt davon, wenn man
andere Leute cugginirt."

"Ich habe furchtbare Zahnschmerzen" sagte aber Theobald, die Nase fester
an die Nothspiere drueckend -- "lassen Sie mich zufrieden."

"Zahnschmerzen? -- so?" sagte der kleine Mann mit einem total
verunglueckenden Versuch ueber ihn zu lachen -- "vielleicht huelfe _Ihnen_
dagegen en Stueckchen Speck."

"Halten Sie's Maul!" rief aber Theobald, dem der Ekel ueber die angebotene
Mahlzeit den Mund breitzog.

"Jawohl --" sagte aber der unverwuestliche Loewenhaupt, der nach
vollstaendiger Ausleerung einige Erleichterung verspuerte, "der Zahn wird
wohl gleich mit der Wurzel herauskommen, ganz von selber, kann ich mir
etwa denken -- nur a kleines Stueckle fettes Fleisch."

Er konnte nicht weiter reden, denn Theobald sprang in die Hoehe und war
kaum im Stande den Schiffsrand zu erreichen und ueber Bord zu sehn; bei dem
Anblick wurde es aber Loewenhaupt auch wieder weh und weich um's Herz, und
er leistete dem Dichter treue Gesellschaft.

Die einzigen, die im Zwischendeck vollstaendig, wenigstens fuer jetzt von
der Seekrankheit verschont blieben, waren Maulbeere, seines Gewerkes ein
Scheerenschleifer wie sich endlich herausgestellt, Georg Donner, des
Pastors Sohn aus Waldenhayn, der mit einem der Oldenburger Bauern und
einem langen Schneider eine Coye bekommen hatte, der Mann mit den
kurzgeschnittenen Haaren, und vier oder fuenf von den Frauen, unter ihnen
Hedwig. Die anderen mussten alle mehr oder weniger davon leiden, und selbst
von den Gesunden bewahrte der Scheerenschleifer fast allein seinen
unverwuestlichen Appetit, und sass entweder an Deck und rauchte seinen
nichtswuerdigen Taback, dass es Niemand unter dem Wind von ihm aushalten
konnte, oder er hockte, zusammengedrueckt wie ein grosser ungeschlachter
Affe, in seiner Coye, und knapperte den halben Tag lang an dem trockenen
Schiffszwieback. Dabei sprach er kein Wort und schnitt allen, die an ihm
voruebergingen, solche Gesichter, dass sich die Frauen schon vor ihm
fuerchteten und ihm auch spaeter immer scheu aus dem Wege gingen.

Dass unter solchen Umstaenden selbst Frau von Kaulitz nicht an ihre Parthie
dachte, versteht sich von selbst, und die naechsten Tage bekam sie nur der
Cajuetenjunge, ein Mulatte von zwoelf oder dreizehn Jahren zu sehen, der
immer kopfschuettelnd die verschiedenartigsten Waschbecken aus und ein
schleppte, und jedesmal, wenn er die Cajuete verliess, dem Steward mit den
merkwuerdigen Grimassen eine Menge Geschichten erzaehlte, ueber die sich
dieser dann todt lachen wollte. Der Steward hatte dabei eine so sonderbare
Art zu lachen, dass er immer die Augen schloss, und es einmal auch richtig
moeglich machte, mit einem ganzen Korb voll Theegeschirr die halbe Treppe
in die Cajuete hinunter zu fallen. Der Rheder musste das Geschirr spaeter
wieder ersetzen, und der Mulatte bekam indessen dafuer die Pruegel.

Mit einem prachtvollen Nordoster brauste das wackere Schiff seine Bahn
entlang, durchschnitt die gruenen Fluthen unseres vaterlaendischen Meeres,
der Nordsee, und lief dann, mit Leesegeln an beiden Borden zwischen Dover
und Calais hindurch in den Canal ein. Wohl gluehten an dem Abend die
Leuchtfeuer der englischen und franzoesischen Kueste wie Meteore durch die
Nacht herueber, und der nordische Himmel funkelte seinen schoensten Glanz in
Myriaden Sternen nieder, aber Niemand achtete darauf; die Seeleute hatten
das Alles schon, wie oft, gesehn, und die Passagiere lagen in ihren Coyen,
viele ihren Blechtopf im Arm, und stoehnten und aechzten -- wie mancher mit
bitterer Reue im Herzen, dass er je thoericht genug gewesen das feste Land
zu verlassen, selbst Amerikas wegen. Die wenigen Gesunden hatten mit ihren
kranken Freunden zu thun, und nur der junge Arzt, Georg Donner, lag vorn
zwischen den Lauftauen des Bugspriets und schaute traeumend hinaus in die
stille Nacht, der Lieben daheim gedenkend.

Das Licht was dort herueberblinkte vom fernen fremden Ufer, glich es nicht
dem Schein der Abendlampe, die in des Vaters Zimmer brannte? -- Oh wie oft
hatte er, Abends heimkehrend, den freundlichen Strahl sich entgegen
leuchten sehen und dort, das Haupt in die Hand gestuetzt, sass der Vater und
arbeitete an seiner Predigt, und die Mutter da drueben, auf dem Sopha dicht
neben dem Ofen, mit der kleinen gruenen Lampe dicht herangerueckt, las in
der Bibel und folgte den so wohl bekannten Zeilen mit dem Finger die ganze
Seite nieder -- Aber nein, sie las nicht -- die Brille legte sie ins Buch,
wischte sich die Augen mit der Hand und schaute still und seufzend ueber
das Buch hinaus. Ihre Gedanken waren nicht dabei -- sie flogen weit, weit
hinaus ueber das Meer dem fernen Schiffe nach, das ihr den Sohn entfuehrte,
das Kind -- das liebe, liebe Kind.

Matter und immer matter gluehte das ferne Licht herueber -- Georg sah es
schon lange nicht mehr und die Augen mit der Hand bedeckt, im Dunkel der
Nacht, nur mit den Sternen ueber sich, weinte er still, und ihm war, als
ober die Thraenen niederfallen hoerte auf das vergriffene Buch, in dem die
Brille lag.





                                Capitel 5.


                             DIE PASSAGIERE.


Fuenf Tage waren so vergangen; durch die schwere westliche Duenung die fast
stets vor dem Canal steht, hatte das wackere Schiff, von kundiger Hand
gefuehrt, seine Bahn gefunden, und der atlantische Ocean schaukelte es auf
seiner tiefblauen, weit wogenden Fluth. Auch die Passagiere thauten auf;
ihre Koerper gewoehnten sich an die schaukelnde, und bei dem guten Wetter
doch mehr gleichmaessige Bewegung des Schiffs, und als am sechsten Tag der
Wind schwaecher und schwaecher wurde, und die Wogen sich legten und
beruhigten kamen sie vor aus ihren Coyen, bleich und hohlaeugig zwar wie
Leichen aus ihren Graebern, aber doch meist geheilt von der furchtbaren
Qual. Sie lernten auch wieder essen und trinken, der Magen _behielt_ was
ihm geboten wurde, und selbst der Fruehstueckstisch in der Cajuete belebte
sich.

Fraeulein Amalie von Seebald lehnte an der Railing des Quarterdecks -- es
war Morgens um zehn Uhr, und die meisten der uebrigen Damen noch nicht
sichtbar -- und schaute, mit den weissen Fingern der linken Hand in ihren
Locken spielend, traeumerisch ueber das Meer hinaus. Der Untersteuermann
hatte die Wacht und sass, ein Leesegel ausbessernd, auf einer niederen Bank
kaum drei Schritte von ihr.



"Wie wundervoll ist doch die See", sagte die Dame, ein Gespraech mit dem
Seemann anknuepfend, dem ja das Meer Beruf geworden, und der es sich nicht
gewaehlt haben wuerde, wenn nicht sein Herz an den blauen Wogen hing -- "wie
herrlich schatten sich jene dunklen Tinten gegen die leisen lichten
Kraeuselwellen ab, die von ihnen, wie zarte Kinder getragen, in dem Kuss des
Zephyrs zu vergehen scheinen."



Der Untersteuermann sah die Dame mit einem halbscheuen Seitenblick an; er
hatte keinesfalls verstanden was sie sagte, auch keine Idee dabei dass sie
ihn angeredet, und glaubte wahrscheinlich sie spreche mit sich selber,
Fraeulein Amalie aber fuhr langsam und schwaermerisch fort:



"Wie weich und duftig liegt des Aethers Halle auf dieser Fluth, und woelbt
sich zum Dom ueber der unerforschten Tiefe -- oh ist es nicht schoen -- nicht
gottvoll auf der See, Steuermann?"



Elkig, wie der Untersteuermann hiess -- also bei seinem Titel und direkt
angesprochen, musste wenigstens eine Antwort geben, drehte also den Kopf
halb nach der Dame um, dass er einen Blick auf das Wasser bekam, spuckte
seinen Tabackssaft ueber Bord und sagte, sich mit dem Ruecken der linken
Hand die Lippen wischend.

"Ach ja, s'ist recht hibsch."

"Welchen kalten Ausdruck gebrauchen sie dafuer," verwies ihn aber die Dame
-- "wie laesst sich das Erhabene dieses Anblicks in solche Sylbe fassen,
_huebsch_; aber die Gewohnheit stumpft uns selbst gegen das Gewaltige ab,
und ich habe mir erzaehlen lassen, dass z. B. am Niagara-Fall Menschen
wohnen, die nicht einmal mehr das donnernde Brausen des Riesensturzes
hoeren."

"Werden wohl taub davon geworden sein" meinte Elkig in unzerstoerbarer
Ruhe, indem er sich zugleich einen neuen Drath einfaedelte.

Fraeulein Amalie hatte gluecklicher Weise diese Bemerkung ueberhoert, ihr
Geist schweifte ueber der Tiefe, und ihre Gedanken nahmen einen anderen
Flug.

"Wie die Moeve dort mit dem Kreisschlag ihrer Fluegel die fluechtige Woge
streift, und dann fortzieht, weit und allein ueber die endlose Flaeche --
ihre Heimath -- welche Aehnlichkeit hat doch das Bild mit dem Seemann
selbst, der auch ueber die blauen Wogen seine Furchen zieht -- seine Heimath
das Meer."

Der Untersteuermann naehte ruhig weiter; die Geschichte war ihm griechisch
und er verstand keine Sylbe davon; uebrigens war das keine direkte Frage
gewesen, und er brauchte also auch nicht darauf zu antworten.

"Und wenn er nun die zuruecklaesst die ihm lieb sind" fuhr die Dame fort, ein
truebes Bild jetzt vor sich heraufbeschwoerend, "wenn sein Weib, seine
Kinder daheim sein harren; mit aengstlich klopfenden, fast erstarrten
Herzen dem grollenden Donner lauschen, der seinen Strahl hineinschmettern
kann in das Schiff das den Geliebten traegt -- oh schrecklich -- schrecklich.
-- Sind Sie verheirathet?" fuhr sie dann nach kleiner Pause, waehrend sie
das Gesicht in den Haenden geborgen hatte, wieder gegen den Seemann gewandt
fort.

Dieser, der indess mit dem Mann am Steuer, einem alten sonngebraeunten
Matrosen, ein paar nichts weniger als andaechtige Blicke gewechselt hatte;
sah sich wieder halb nach der Fragenden um, sich erst zu ueberzeugen dass er
auch wirklich gemeint sei.

"Wer -- ich?" frug er nach kleiner Pause.

"Ja -- ich meine Sie."

"Ne!" lautete die, von einem entsprechenden Kopfschuetteln begleitete,
sonst jedenfalls buendige Antwort, und wieder spuckte der Mann seinen
Tabackssaft ueber Bord.

"Aber Sie haben doch gewiss eine Braut -- eine Geliebte zurueckgelassen von
der Sie der Abschied geschmerzt und traurig gemacht?"

Der Untersteuermann horchte hoch auf, und der Mann am Steuer, dem die Dame
den Ruecken zudrehte, sah seinen Vorgesetzten mit solch trocken komischem
Blicke an, dass dieser sich nicht mehr helfen konnte und gerade
hinauslachte.

"Recht haetten Sie" sagte er aber dann, etwas verlegen -- "einen Schatz soll
ich woll haben."

"Nicht wahr ich hab es errathen?" rief die Dame rasch, das Lachen gern in
der Freude uebersehend einem romantischen Verhaeltniss auf die Spur zu kommen
-- "und den mussten Sie verlassen?"

"Ja lieber Gott" sagte der Untersteuermann, dem nicht wohl bei dem
Gespraeche wurde, denn er konnte noch immer nicht herausbekommen ob die
Dame wirklich ernsthaft sei, oder ihn nur zum Besten haben wolle -- "das
ist mit uns Seeleuten nun einmal nicht anders -- wer kann's helfen."

"Und sehnen Sie sich denn recht nach ihr zurueck?"

Der Mann am Steuerrad sah mit einem unbeschreiblichen Blick gerade ueber
sich in die Wolken, und kratzte sich mit der rechten freien Hand hinter
dem Ohre.

"Ach ja" sagte der Untersteuermann mit einem unbeschreiblichen Blick, und
einem noch viel unbeschreiblicheren Ausdruck in der Stimme.

"Und Sie Armer muessen jetzt nach New-Orleans?"

"Ach, da krieg ich woll wieder eine Andere" sagte in aller Unschuld der
Seemann, ohne von seiner Arbeit aufzusehn; aber es war gut fuer ihn dass in
diesem Augenblick der Capitain an Deck erschien und ihn nach vorn sandte,
eine der Vorstengenpardunen nachzusehn, die durch das Segel "schamfiehlt"
worden. Fraeulein von Seebald blieb indess wirklich stumm vor entruestetem
Erstaunen ueber die herzlose Bemerkung eine ganze Weile stehn, und zog sich
dann mit ihrer schmerzlichen Enttaeuschung in ihre innerste Cajuete zurueck.

Das Leben an Bord des Schiffes hatte indess seinen geregelten Gang begonnen
und der Gesundheitszustand der Passagiere sich so gebessert, dass mit nur
wenigen Ausnahmen Alle ihre bestimmten Mahlzeiten "fassten", und die
verschiedenen Coyen sich, so unbequem ihnen das auch wohl im Anfang
vorgekommen, endlich einrichteten die regelmaessige Vertheilung der
Lebensmittel unter sich vorzunehmen. Die Leute muessen unter solchen
Verhaeltnissen erst ordentlich mit einander bekannt werden, und werden das
auch in der That leicht an Bord eines Schiffes. Dann stehen auch noch im
Anfang eine Menge Sachen umher und im Wege, die spaeter einen Platz
bekommen; das ganze Schiff "schuettelt sich durcheinander" und man findet
zuletzt dass man da existiren, und endlich sogar verhaeltnissmaessig bequem
existiren kann, wo frueher Alles ueber- und durcheinander lag.

Den Passagieren selber that aber diese jetzt eintretende Ruhe wohl; bis
jetzt waren sie sich ihrer kaum bewusst geworden, und von dem Abschied aus
der Heimath theils, theils von der Sorge um ihr Gepaeck, und zuletzt der
Seekrankheit so in Anspruch und mitgenommen worden, dass diese ganze Zeit
fast wie ein boeser, schwerer Traum hinter ihnen lag, ueber den sie wohl
noch den Kopf schuettelten, der aber doch gluecklich ueberstanden war. Nichts
an Bord erinnerte sie auch mehr an das Vergangene, und was fuer Vergleiche
sie auch wohl spaeter im Stande sein mochten anzustellen ueber das was sie
_verlassen_, ueber das was sie dafuer _wiedergefunden_, diese Zeit jetzt
gehoerte sich selbst und lag ausser aller Verbindung mit Vergangenheit und
Zukunft.

Das Wichtigste und wirklich Schwierigste fuer die Mehrzahl der Passagiere
war dabei, eine richtige Zeiteinteilung zu finden. _Zeit_ -- die Leute
hatten damit auf einmal etwas bekommen, das sie frueher in ihrem ganzen
Leben nicht gekannt, und wussten jetzt in der That nicht was sie damit
machen sollten. Sich mit sich selber zu beschaeftigen -- auch keine so
leichte Kunst -- verstanden die Wenigsten von ihnen, und wo sie frueher ihre
bestimmte Beschaeftigung und Arbeit von Tagesgrauen bis Nacht gehabt, und
Abends dann, erschoepft und matt das Lager gesucht, um am naechsten Morgen
wieder zu neuen Anforderungen gestaerkt zu sein, fanden sie sich jetzt
ploetzlich in einer ununterbrochenen Reihe von Sonntagen, denen selbst
Morgens "das Bischen Kirchenschlaf" und Abends der Trunk in der Schenke
fehlte.

Die ersten Tage ging das aber immer noch; sie standen an Deck umher, und
sahen ueber Bord in die See, oder den verschiedenen Arbeiten der Matrosen
zu, bis die Essenszeit -- der jetzt willkommene Ruf zu "Schaffen" kam, und
dann schliefen sie ein wenig, oder spielten auch wohl eine gewaltsam
arrangirte Parthie Solo oder Scat -- bis es dunkel wurde; wie aber Tag nach
Tag dasselbe und immer wieder dasselbe brachte, die See ihnen etwas
Gewoehnliches, Langweiliges wurde, und das Beduerfniss nach einer Thaetigkeit,
das nur wenig Menschen gaenzlich fehlt, wieder in ihnen erwachte, wandten
sie sich, freilich nur allmaehlig und immer noch mit keiner Lust,
verschiedenen Beschaeftigungen zu, die sie aufgriffen und wieder wegwarfen,
etwas Anderes zu versuchen.

Die Frauen vor allen Anderen, fanden sich am ersten hinein; ein Theil von
ihnen verstand sich bald dazu dem Koch zu helfen, Kartoffeln zu schaelen
und sonst kleine Dienstleistungen fuer ihn zu thun -- (selbst die Maenner
halfen bei der ersteren Arbeit, da ihnen angekuendigt wurde dass sie ihre
Kartoffeln selber schaelen muessten, wenn sie eben geschaelte Kartoffeln zum
Mittagsessen haben wollten, und wechselten dabei unter einander ab) dann
hatten sie ihr Geschirr zu reinigen und nach den Kindern zu sehn, und
endlich selber in _Seewasser_ ihre Waesche zu besorgen; damit verging der
Tag und die Zeit verflog ihnen rasch genug.

Schwerer wurde es den unverheirateten oder einzelnen Maennern sich in das
Waschen zu finden, und sie schoben das so weit hinaus als moeglich. So
Steinert und Mehlmeier z. B., die an kleinem und grossem Geld in dem
Hafenplatz ausgegeben hatten, was sie nur irgend verfuegbar bei sich
trugen, und sich jetzt doch nicht dazu entschliessen konnten die Aermel
selber aufzustreifen. Nichtsdestoweniger kleideten sie sich immer mit
grosser Sorgfalt und reiner Waesche, ihren ganzen mitgenommenen Vorrath
erschoepfend, und setzten sich nicht selten dem Gespoette der Seeleute und
uebrigen Passagieren aus, wenn sie mit ihren "Geh zur Kirche" Kleidern,
gewichsten Stiefeln und den Cylinderhut auf, an Deck erschienen.

"Nun Herr Steinert, wollen Sie an Land?" toente dann die unermuedliche Frage
von jeder Lippe, und Herr Mehlmeier wurde gewoehnlich beauftragt irgend
verschiedene Kleinigkeiten zu besorgen, und um Gotteswillen die Zeitung
nicht zu vergessen. Mehlmeier hatte dabei die wunderliche
Eigenthuemlichkeit, dass er zu seiner Rede consequent die falschen und sehr
gewoehnlich die genau verkehrten Gesticulationen machte; so nickte er, wenn
er nein sagte regelmaessig mit dem Kopf, und schuettelte diesen bei ja, und
wenn er sich mit Jemandem zankte, was in dem Zwischendeck eines Schiffs
etwa keineswegs selten vorkoemmt, so faltete er dabei die Haende und sah
den, dem er manchmal die groessten Grobheiten sagte, so bittend und
freundlich an, dass sich der Streit jedesmal in ein lautes Gelaechter
aufloeste, und die Partheien sich versoehnen mussten, sie mochten wollen oder
nicht.

Die Weberfamilie aus Zurschtel ging den Anderen uebrigens vorzueglich mit
gutem Beispiel voran; der Mann, wie nur die ersten Tage an Bord mit
Krankheit und deren Nachwehen ueberstanden waren, arbeitete von frueh bis
spaet, half dem Koch in der Kueche und den Matrosen wo er nur konnte an
Tauen und Segeln, und war freundlich und gefaellig gegen Jedermann, waehrend
die Frau die erste war, die ihren Waschtrog herrichtete und sich den
Cajuetspassagieren anbot ihre Waesche fuer ein Billiges so gut zu waschen und
herzustellen, wie es eben an Bord eines Schiffes moeglich war. Lobensteins
machten auch zuerst Gebrauch davon; die Frau Professorin besonders wurde
die erste Kunde der wackeren Frau, und ihr schlossen sich die anderen
Damen an, das getragene Zeug wenigstens auswaschen zu lassen und rein
hinzulegen, bis es in New-Orleans mit frischem Wasser und Buegeleisen
ordentlich in Stand gesetzt werden konnte. Auch Fraeulein von Seebald fand
Gefallen an der Frau und stellte sich manchmal neben sie, ihr bei ihrer
Arbeit zuzusehn. Sie musste ihr dann von sich und ihrem Leben zu Hause
erzaehlen, was sie dort getrieben und wie sie existirt, und das poetische
Fraeulein schoepfte dabei ein suesses Gift aus dem "Zauber des Landlebens" wie
sie es nannte, und dem sie sich ja auch in dem freien schoenen Amerika ganz
hinzugeben gedachte.

Die Unterhaltung mit der Webersfrau zog aber noch, schon am zweiten Tage,
einen Dritten in das Gespraech; der Dichter Theobald, der unfern davon auf
einem Wasserfass, mit dem Ruecken an die Huehnerkasten gelehnt sass, und sein
offenes Taschenbuch vor sich an einem Bleistift kaute, wurde aufmerksam
gemacht durch einige bilderreiche Bemerkungen der jungen Dame, schloss sein
Buch und naeherte sich ihr schuechtern. Sie hatten bis jetzt noch kein Wort,
hoechstens einen stummen Gruss, wenn man sich Morgens zuerst sah,
gewechselt, denn den Zwischendeckspassagieren war das Betreten der Cajuete
oder selbst des Hinter- oder Quarterdecks nicht gestattet; ja sogar von
den Cajuetspassagieren sehen es die meisten Capitaine nicht gern, wenn sich
diese mit dem "anderen Theil" in ein Gespraech einladen oder gar oefter
zusammenkommen wollten. Capitain Siebelt war uebrigens nicht so streng, und
wenn ihm nur die Zwischendeckspassagiere vom Quarterdeck wegblieben, wohin
sie ihm aber unter keiner Bedingung kommen durften, liess er seinen
Cajuetspassagieren ziemlich freien Willen.

"Sie sehnen sich nach dem Land, mein gnaediges Fraeulein, wie ich hoere"
mischte sich also Theobald in das Gespraech -- "bietet ihnen denn die See
nicht des Grossen, des Erhabenen so unendlich viel, dem duerstenden Geist
wenigstens Nahrung zu geben auf Monate?"

"Sie haben recht" sagte Fraeulein von Seebald mit leichtem Erroethen -- "wir
Menschen sind ungenuegsam, und verdienen eigentlich gar nicht all das
Schoene und Grosse, was uns von unserem Schoepfer in so reichem Masse geboten
wird, aber dennoch, trotz dem grossartigen, bewaeltigenden Eindruck den das
Meer auf mich gemacht, und der mich in den ersten Tagen so erschuetterte
dass ich ihm gar nicht zu begegnen wagte und mich in meinem stillen
Kaemmerlein erst langsam auf das Ertragen dieser Groesse vorbereiten musste,
fuehle ich manchmal eine Leere, die ich nicht auszufuellen im Stande bin."

Theobald dachte unwillkuerlich an seine Zahnschmerzen, sagte aber seufzend:

"Wohl kann ich mir Ihre Gefuehle versinnlichen, gnaediges Fraeulein. Der
zartdenkende Mensch empfindet anders als der rohe; er geniesst aber auch
dafuer mehr und wuerdiger, und das Bewusstsein desselben ist ihm zugleich der
Lohn; nur sich da nicht mittheilen zu koennen, das Bewusstsein mit sich
herumzutragen das Alles allein geniessen zu muessen ist dem Guten oft
drueckend, und nur wieder und wieder zurueckgestossen von der Masse die ihn
nicht versteht -- nicht verstehen _will_, sieht er sich zuletzt gezwungen
allein, mit seinem Schatz im Herzen seine Bahn zu gehn."

"Sie sind Dichter" rief Fraeulein von Seebald rasch und mit einem
ueberzeugten Blick zu ihm aufschauend.

"Gnaediges Fraeulein" sagte der Dichter bescheiden.

"Sie sind Dichter" wiederholte diese aber bestimmt, und

"Ich _bin_ es --" sagte Theobald mit einer Resignation, als ob er sich in
diesem Augenblick zu einem Mord bekannt haette.

"Ich habe es mir gedacht" fluesterte Amalie leise vor sich hin -- "ja, dann
genuegt Ihnen das Meer" setzte sie dann aber lauter hinzu, "dann begreife
ich, wie Sie in dem Gefuehle, auf duenner Planke ueber der "purpurrothen
Finsterniss" hingetragen zu werden, sich _allein_ in dieser Wasserwueste zu
wissen, ueber die der blaue Aether seinen Bogen spannt, schwelgen, sich
gluecklich fuehlen koennen. Der Dichter ist ja der willkommene Gast des
Olymp, und des Geistes Schwingen tragen ihn rasch und leicht empor aus
allem Irdischen. Auch ich" -- und tiefes Erroethen faerbte ihre Stirn und
Wangen -- "auch ich" -- die Stimme wurde so leise dass Theobald die
fluesternden Laute kaum verstehen konnte -- "habe mich auf diesem Feld
versucht, aber die Schwingen" setzte sie waermer werdend hinzu "sind noch
nicht stark genug mich hinauf zum Parnass zu tragen."

"Ihre Bescheidenheit taeuscht Sie vielleicht nur darin" sagte Theobald,
selber dabei, er wusste nicht weshalb, erroethend.

"Ach nein" seufzte die Dame, langsam und traurig den Kopf schuettelnd --
"aber das schadet auch Nichts" fuhr sie lebendiger, sich selber troestend
fort -- "wir koennen nicht Alle Nachtigallen sein, und auch die bescheidene
Lerche, die ihr einfaches Lied dem Schoepfer dankend entgegenwirbelt fuellt
ihren Platz in dem Weltenall, so klein, so bescheiden er sein mag, aus."

"Gewiss thut sie das, gewiss" mischte sich in diesem Augenblick, ehe
Theobald noch etwas darauf erwiedern konnte, eine dritte Stimme,
allerdings unaufgefordert, in das Gespraech, und die Augen forschend auf
Fraeulein von Seebald geheftet, waehrend er jedoch mit einer artigen und
verbindlichen, fast aengstlichen Verbeugung sie begruesste, fuhr er, langsam
mit dem Kopf dabei ihr zunickend fort -- "und dem lieben Gott die liebste
Saengerin ist die Lerche, denn ihr schmetterndes Lied steigt mit dem ersten
Blumenduft zu ihm empor, des Fruehlings schoenstes Opfer."

"Sie sind _auch_ Dichter?" rief Fraeulein von Seebald ueberrascht aus.

"Ich? -- nein, bitte um Verzeihung -- ich heisse Schultze und bin
Cigarrenfabrikant" sagte der kleine Mann verlegen, waehrend Theobald eben
im Begriff war ihn als seinen Coyennachbar, Herrn Schultze aus Hannover
vorzustellen.

"Cigarrenfabrikant?" wiederholte Fraeulein von Seebald mit einem
getaeuschten, beinah halbvorwurfsvollen Ton -- "Ihrer Aeusserung nach glaubte
ich dass --"

"Herr Schultze hat ungemein viel Phantasie" nahm hier Theobald in
Verteidigung des kleinen Mannes, von dem er ein gewisses unbestimmtes
Gefuehl hatte, dass er ihn seines Geschaefts wegen entschuldigen muesse, das
Wort; "wir haben uns schon mehrfach ueber ein System, das er sich gebildet,
unterhalten, und ich muss gestehen dass er mir in manchen Beziehungen
merkwuerdige Aufschluesse gegeben, und Gedanken in mir erweckt hat, auf
deren Basis sich wirklich weiter bauen liesse."

"Herr Theobald" sagte der kleine Cigarrenfabrikant, "ist Einer von den
wenigen Menschen, die fuer das Wahre empfaenglich sind, und der Ueberzeugung
ihr Ohr nicht gewaltsam verschliessen."

"Sie sprechen in Raethseln" sagte Fraeulein von Seebald, "duerfte ich Sie um
deren Aufloesung bitten?"

"Nichts ist leichter als das," erwiederte Theobald -- "Herr Schultze geht
von der Idee aus dass wir _Alle_, wie wir diese Erde jetzt in menschlicher
Form bewohnen, schon frueher einmal existirt haben, und zwar als _Voegel_."

"Als Voegel?" rief Fraeulein von Seebald erstaunt -- "welcher sonderbare
Gedanke."

"Sonderbarer Gedanke?" wiederholte aber der kleine Mann, rasch den Kopf
gegen den halben Zweifel emporwerfend -- "Nichts auf der Welt ist leichter
zu beweisen als das, und Sie werden staunen, mein gnaediges Fraeulein, wenn
ich Ihnen, in einfacher Weise den Schluessel zu den jetzt Ihnen vielleicht
raethselhaft scheinenden Worten gebe. Es ist das Ei des Columbus --
unmoeglich unserem noch umnachteten Blick, und ein Kinderspiel in der
Loesung."

"Aber ein Vogel --"

"Ist Ihnen die Aehnlichkeit fremd, die das Menschengesicht mit dem
Vogelkopf hat?" unterbrach sie aber der kleine Mann der jetzt auf seinem
Steckenpferde ritt und die Zuegel fest und sicher fasste, "haben Sie noch
nie derartige Vergleiche angestellt, und wirklich taeuschende
Aehnlichkeiten dabei gefunden?"

"Allerdings" sagte Fraeulein von Seebald, sich mit dem dritten und vierten
Finger der rechten Hand leise die Stirn streichend, wie um ihrem
Gedaechtniss zu Huelfe zu kommen; "eine Freundin von mir hat, wenn man mit
der flachen Hand den oberen Theil ihres Gesichts von dem unteren trennt,
eine frappante Aehnlichkeit mit dem Staar, und ein Vetter von mir, ein
junger Offizier, mit einem Adler."

Des Kleinen Augen leuchteten im Triumph.

"Sehn Sie dass ich recht habe?" rief er, rasch und heftig dabei mit dem
Kopf nickend -- "sehn Sie dass wir Menschen, selbst ohne es zu verstehen,
uns dessen bewusst geblieben sind was wir einst gewesen, und dessen
Grundzuege selbst eine vollkommene Umwandlung unserer ganzen Gestalt,
unseres ganzen Seins, nicht im Stande war vollstaendig zu vertilgen?"

"Aber kann das nicht zufaellig entstanden sein?" sagte Fraeulein von
Seebald, von dem ernsten Wesen des kleinen Mannes zwar eigenthuemlich
ergriffen, sich aber dennoch gegen solche Theorie auch unwillkuerlich
straeubend -- "ja finden wir nicht auch Aehnlichkeiten manchmal zwischen
vierfuessigen Thieren und Menschen? -- frappante Aehnlichkeiten, die ja dann
auch eben zu solcher Schlussfolgerung nach dorthin uns berechtigen muessten?"

"Sie beruehren da allerdings ein Thema" sagte der kleine Cigarrenfabrikant
mit ernster Miene, "das mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht
hat; aber ich glaube Ihnen auch selbst das widerlegen zu koennen. Der
Mensch ist, wie die Gelehrten behaupten, das vollkommenste lebendige Wesen
der Schoepfung durch seinen _Geist_, aber nicht durch seinen Koerper."

"Nicht durch seinen Koerper?" rief aber hier auch Theobald erstaunt aus --
"Ihr System reisst Sie hin, mein guter Herr Schultze, denn welches Wesen
der Schoepfung koennten Sie ihm selbst in koerperlicher Hinsicht wohl
vergleichen?"

"Viele -- sehr viele, mein guter Doktor" sagte aber der kleine Mann,
keineswegs durch den Einwurf beirrt; "das Pferd ist staerker und schneller,
das Wild hat schaerfere Geruchssinne, schaerfere Seh-, schaerfere
Gehoerwerkzeuge -- der Mensch ist auf den festen Grund und Boden, und zwar
auf dessen Oberflaeche angewiesen, einzelne Thiere dagegen bewegen sich auf
dem Lande sowohl mit Leichtigkeit, wie in der Luft als auf dem Wasser. Das
Vorzueglichste von allen ist z. B. die Ente, die nicht allein vortrefflich
taucht und schwimmt, sondern auch ausgezeichnet fliegt, und ziemlich rasch
auf festem Boden vorwaerts schreitet. Auch ein huelfloseres Geschoepf giebt
es nicht auf dem weiten Erdball als ein Kind, waehrend die Thiere, mit nur
wenigen Ausnahmen, sehr kurze Zeit nach ihrer Geburt fast, schon den
Gebrauch ihrer saemmtlichen Glieder erlangt haben. Gleichwohl nennen wir
uns die Herren der Schoepfung, und kriechen noch mit dem Fallhut herum,
waehrend der Habicht schon in gleichem Alter auf seine Beute aus hoher Luft
herniederstoesst, und der Tiger in seinem Dickicht dem Bueffel und Hirsch
auflauert."

"Das hat Alles viel fuer sich" sagte Theobald achselzuckend -- "aber damit
werfen Sie ja schon einmal vor allen Dingen die ganze biblische Geschichte
ueber den Haufen."

"Das thut mir sehr leid um die biblische Geschichte" sagte Herr Schultze,
"aber ich kann ihr nicht helfen, denn gerade das Einzige, womit wir
wirklich der Thierwelt ueberlegen sind, und was also den ersten Fortschritt
auch bildet zwischen ihr und uns, ist unser Geist, und der selber, mit
seiner Schwester, der Erinnerung, mahnt uns an die vergangene Zeit und
laesst uns nicht irren."

"Ich verstehe Sie nicht" sagte Fraeulein von Seebald.

"Ich werde mich deutlicher ausdruecken" erwiederte der kleine
Cigarrenfabrikant. Ist es Ihnen, mein verehrtes Fraeulein, noch nie
vorgekommen, dass Sie in der Nacht getraeumt haben Sie floegen, oder
_wollten_ fliegen?"

"Oh wie oft!" rief Fraeulein von Seebald rasch -- "unzaehlige Male schon, und
wie lebhaft dabei."

"Und nachher ist es einem immer als wenn man von irgend einem alten
Kirchthurme herunterfaellt, der Einem unter den Fuessen fortgeht," sagte
Theobald; "ich muss gestehn dass ich in der That die Angst habe Jemand, der
eine recht lebhafte Einbildung hat, koennte sich nur allein dadurch
wirklich einmal den Hals brechen."

Herr Schultze rieb sich in aller Freude ueber die Anerkennung seines
Hauptschlusses die Haende, Fraeulein von Seebald aber, die sich leicht und
gern solch neuen Eindruecken hingab, und alles Andere darueber vergass,
sagte, freilich immer noch nicht ueberzeugt, kopfschuettelnd.

"Aber ich begreife nur nicht wie Sie dadurch Ihre Behauptung beweisen oder
auch nur daraus herleiten wollen; ein Traum ist ein Traum."

"So?" sagte aber Herr Schultze, ploetzlich wieder ernster werdend und fast
ein wenig piquirt -- "warum traeumen wir denn da nie dass wir wie die Fische
im Wasser schwimmen und untertauchen, oder wie das Wild draussen im Wald
herumlaufen? warum _fliegen_ wir nur im Traum? -- weil unserem Geist, wenn
der Schlaf den Koerper in Ruhe gelegt und ihn dadurch gewissermassen von der
stoerenden Aussenwelt entfernt hat, allein in seinen _Erinnerungen_ leben
kann, und die fuehren ihn zu dem zurueck was er war. Sie werden glauben ich
gehe zu weit, aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, verehrtes Fraeulein, dass
ich neulich getraeumt habe ich waere in der Mauser."

Fraeulein von Seebald und Theobald lachten gerade heraus, der Gedanke war
ihnen zu komisch, aber der kleine Mann fuhr, mit dem Kopfe nickend, ganz
ernsthaft und ohne sich irre machen zu lassen, fort.

"Ja lachen Sie nur, lachen Sie nur; wir lachen ueber Manches das uns spaeter
als nackte Wahrheit ganz entschieden in's Leben tritt. Wir _lernen_
taeglich; der Mensch lernt nie aus, und in frueheren Zeiten sind Menschen
fuer das als Hexen und Teufelsbuendner verbrannt worden, was jetzt zu
alltaeglicher Wahrheit geworden ist, und von Niemandem mehr bezweifelt
werden _kann_. Ich brauche Ihnen dafuer keine Beispiele aufzufuehren."

"Haben Sie einen Blick dafuer" frug Fraeulein von Seebald jetzt den kleinen
Mann, von einem neuen Gedanken ergriffen, "die Aehnlichkeit zwischen
Menschen und Voegeln oder anderen Thieren herauszufinden?"

"Wenn ein Jahre langes, unausgesetztes fleissiges Studium dazu berechtigt,
ja!" sagte Herr Schultze mit inniger Ueberzeugung.

"Gut -- welchem Thier -- oder wenn Sie so wollen, welchem Vogel gleich ich
dann?" frug die Dame, und hielt dabei die flache Hand vor ihren Mund, dass
nur der obere Theil ihres Gesichts, und zwar im Profil, sichtbar blieb.

"Eben so entschieden" erwiederte der kleine Cigarrenfabrikant nach kurzem
forschenden Blick, "wie Herr Theobald hier einem Habicht gleicht, gleichen
Sie der _Lerche_!"

"Der Lerche?" rief die Dame rasch und erstaunt.

"Allerdings der Lerche, und ich selber muesste mich sehr irren, wenn Sie
sich nicht auch zu dem Vogel besonders hingezogen fuehlen."

"Das ist allerdings und merkwuerdiger Weise der Fall" bestaetigte Fraeulein
von Seebald -- "aber -- aber Sie haben das gehoert, was ich vorhin ueber die
Lerche sagte, und ziehen daraus Ihre Schlussfolgerung."

"Umgekehrt kommen Sie der Wahrheit naeher" erwiederte Herr Schultze
freundlich -- "wie ich schon saemmtliche Physionomieen unserer
Reisegefaehrten studirt und ueberhaupt keine liebere Beschaeftigung habe, als
die Physionomieen meiner Umgebung genau zu beobachten, und in der
deutlichen Schrift, die ihnen die Natur in die Zuege gegraben, zu lesen,
was sie einst in frueherer Zeit gewesen, war mir gleich im Anfang Ihre
frappante Aehnlichkeit mit jenem liebenswuerdigen Singvogel aufgefallen,
und Ihre Bemerkung vorhin, die ich zufaellig hoerte, traf mich deshalb um so
mehr, und machte mich so kuehn mich in das Gespraech zu mischen, was ich
sonst nie gewagt haben wuerde."

"Es waere doch wunderbar, wirklich wunderbar" meinte Fraeulein von Seebald
nachdenkend, "aber lieber Gott, die Natur ist ja so reich an noch
unerforschten Geheimnissen, dass uns selbst das Unglaublichste wenigstens
nie unmoeglich scheinen darf -- doch" -- unterbrach sie sich hier und hielt
ihr Taschentuch vor die Nase, "wo um Gottes Willen kommt der entsetzliche,
widerliche Tabacksqualm her; er benimmt mir fast den Athem. --"

Das bisher gefuehrte Gespraech hatte dicht vor dem grossen Mast,
gewissermassen auf neutralem Grund und Boden zwischen Cajuete und
Zwischendeck statt gefunden, wo des Webers Frau an der Leeseite des
Schiffes(5) ihren Waschtubben aufgestellt und, nur manchmal kopfschuettelnd
dem wunderlichen Gespraeche lauschend, ruestig fortarbeitete. Fraeulein von
Seebald stand ihr gegenueber, mit ihrer linken Hand auf die Nagelbank des
grossen Mastes gestuetzt, und die beiden Herren Schultze und Theobald, nach
dem inneren Deck zu, vor der Zwischendecks-Luke, die hier hinunter fuehrte.
Auf die Nagelbank selber aber, und zwar zu windwaerts, hatte indessen, von
den in ihr Gespraech Vertieften gar nicht beachtet, den Ruecken an die
straffangespannten Marsfalle gelehnt, Zachaeus Maulbeere Platz genommen,
und blies den Qualm aus seiner kleinen schmutzigen Pfeife in dichten
Wolken gerade auf die, in so interessantem Gespraech begriffene Gruppe.



"Dem Geruch nach ist das Maulbeere" sagte Herr Schultze auch, ohne nur den
Kopf nach ihm zu wenden, "der raucht einen abominabelen Knaster, meiner
Meinung nach ein Gemisch von gehackten Tabacksstengeln und
Knoblauchsblaettern."



Fraeulein von Seebald warf einen fluechtigen Blick dort hinueber, wo der
allerdings richtig bezeichnete Mann in unzerstoerbarer Ruhe sass, und ohne
die Erwaehnung seiner auch nur durch eine Bewegung des Kopfes zu beachten.
--

"Himmel, welche merkwuerdige Gestalt und Physionomie" setzte sie dann
leise, gegen Herrn Schultze gewendet, hinzu, "das ist das merkwuerdigste
Gesicht, das mir in meinem Leben begegnet ist, und ich waere neugierig, mit
welchem Vogel Sie da die Aehnlichkeit faenden."

"Mit welchem Vogel?" erwiederte aber Herr Schultze rasch, und ebenfalls
mit etwas unterdrueckter Stimme, von ihrem Nachbar nicht gehoert oder
verstanden zu werden, "mit dem Amerikanischen Kasuar auf das frappanteste,
ja sogar mit einer eigenen wunderlichen Mischung des jetzt ausgestorbenen
Geschlechts der Dodos -- betrachten Sie nur das Unterkinn."

"Bah -- _so_viel fuer Ihre Vergleiche" ueberraschte sie aber ganz unerwartet
der Gegenstand ihrer heimlichen Betrachtungen, der jede Sylbe ihres
Gespraechs gehoert und selbst die letzte Bemerkung des Cigarrenfabrikanten
verstanden haben musste, mit seiner Antwort; -- "ich weiss nicht fuer was Sie
sich selber halten, wahrscheinlich fuer eine Grasmuecke oder fuer einen
Spatz, so viel kann ich Ihnen aber sagen, dass ich vor der Seelenwanderung
ein Stieglitz gewesen bin, denn ich hole mir noch mein Wasser und
Fressnaeppchen von unten herauf wenn ich's brauche, und was Ihre beiden
Begleiter anbetrifft, so sieht der eine frappant so aus wie ein
unausgewachsener Pfefferfresser, und die Dame hat taeuschende Aehnlichkeit
mit einer Ente. Das Bischen Raeuchern wird Ihnen uebrigens miteinander
Nichts schaden, denn da wir die Cholera an Bord haben, und wahrscheinlich
nach acht Tagen jeder, der noch da ist, eine eigene Coye fuer sich selber
bekommen kann, soll das, wie behauptet wird, als ein treffliches Mittel
dagegen gelten.

"Die Cholera an Bord?" rief Fraeulein von Seebald vor Schrecken
erbleichend, "das waere ja furchtbar -- aber seit wann?"

"Glauben Sie nur kein Wort von dem, was Ihnen dies unglueckselige
Menschenbild sagt" fiel hier Theobald ein, "Herr Maulbeere spricht wenig,
aber wenn er ja einmal den Mund aufthut, ist es gewiss eine Luege."

"Sie sollten g'rade dankbar sein" rief aber Zachaeus, "dass ich Ihre
Aehnlichkeit nur so obenhin beruehrt habe; bei Ihnen hat man's aber bequem,
Sie besorgen das selbst. _Habicht_" setzte er dabei wie mit sich selber
redend und vor sich hin lachend hinzu -- "schoener Habichtskopf -- Kuckuck --
Kuckuck!"

Fraeulein von Seebald, die vielleicht nicht mit Unrecht einen Zank zwischen
den Maennern fuerchtete, und selber nicht gewillt war, sich hier beleidigen
zu lassen, zog sich, mit einer leichten Verbeugung gegen Herrn Schultze
und Theobald, die diese ehrfurchtsvoll erwiederten, rasch in die Cajuete
zurueck. Die beiden Passagiere dachten aber gar nicht daran sich mit dem
groben Menschen in einen Wortkampf einzuladen, sondern gingen, ohne ihn
weiter eines Worts oder Blicks zu wuerdigen, von ihm fort nach vorn zu.
Ebenso war des Webers Frau zuletzt genoethigt ihren Stand zu veraendern,
weil sie es in dem jetzt voll nach ihr herueber ziehenden stinkendem Qualm
des Scheerenschleifers nicht aushalten konnte, waehrend dieser, innerlich
lachend ueber den vollstaendig errungenen Sieg, auf behauptetem Schlachtfeld
sitzen blieb, und wie ein Diminutivdampfer den Qualm seiner Pfeife in
regelmaessigen, und kurz abgebrochenen Stoessen von sich bliess.

Nicht weit von dort sassen die drei, erst von dem Leuchtschiff bei Nacht
und Nebel an Bord gekommenen Passagiere, die sich bis jetzt noch immer
still und zurueckgezogen von den anderen gehalten, und fast mit Niemandem
ein Wort gesprochen hatten. Der eine schnitzte eine zusammenhaengende Kette
aus einem Stueck weichem Holz, der andere flocht ein Uhrband aus
Pferdehaaren und der dritte lehnte, den Kopf in beide Haende gestuetzt, auf
der oberen Reiling und schaute ziemlich theilnahmlos ueber Bord hinaus ins
Meer.

Es waren drei, eben nicht einnehmende Gestalten, mit finsteren
verschlossenen Gesichtern, der Juengste sogar mit frechen breiten Zuegen,
ueber die sich nur manchmal ein leichtes haemisches Laecheln stahl, wenn er
seinem Kameraden irgend eine Bemerkung ueber die, vor ihnen auf und
abgehenden theils beschaeftigten theils unbeschaeftigten Passagiere
mittheilte. Ihre Roecke schienen dabei aus _einem_ Stueck groben, aber ganz
neuen Tuches gefertigt, mit gleichem Schnitt und gleichen Knoepfen, und der
Ort, aus dem sie gekommen, war bald auch den uebrigen Passagieren kein
Geheimniss mehr -- das Zuchthaus stand ihnen zu klar und deutlich an der
Stirne geschrieben. Freilich liess sich ihnen darueber Nichts beweisen; als
Passagiere an Bord hatten sie dieselben Rechte mit den anderen, und den
staemmigen untersetzten Gestalten gegenueber wagte auch Keiner etwas davon
gegen sie selber zu aeussern; aber untereinander fluesterte man sich seinen
Verdacht erst schuechtern, dann offener zu, und Steinert besonders sprach,
aber immer ausser Hoerweite der drei dabei besonders interessirten Personen,
offen seine Entruestung darueber aus, dass ihr Schiff wie ihre ganze
Gesellschaft durch solche Kameraden entehrt wuerde, und sie sich das
eigentlich gar nicht brauchten gefallen zu lassen. Was aber dagegen thun?
-- Das Schiff war unterwegs, von Land keine Spur mehr zu sehen, und in
einem offenen Boot haette man die Leute, sie mochten nun sein was sie
wollten, auch nicht aussetzen koennen und duerfen. Aber die
Zwischendeckspassagiere zogen sich von ihnen zurueck, die ueber ihnen
befindliche Coye weigerte sich mit ihnen zugleich "Fleisch zu fassen" was
immer fuer doppelte Coyen ausgetheilt wurde, waehrend der Untersteuermann,
der die Austheilung des Proviants unter sich hatte, auch nicht den
geringsten Anstand nahm ihnen eine besondere Abtheilung zu gewaehren.



Die drei Burschen fuehlten dadurch wohl, dass man sie als das erkannt was
sie waren -- Verbrecher, die man hatte zu Hause los sein wollen und jetzt
nach Amerika schickte -- schienen aber nicht boese darueber und hielten sich,
wie schon gesagt, still und abgesondert fuer sich selbst.



"Das ist kuenstliche Arbeit und lernt sich nicht alle Tage" redete sie da
von einem der Passagiere eine Stimme an, und der Mann mit den kurz
abgeschnittenen schwarzen Haaren, dessen Gesicht jetzt noch ueberdiess die
schwarzen Stoppeln eines etwa vierzehntaegigen unrasirten Bartes trug, nahm
auf einem der Wasserfaesser dicht vor ihnen Platz und sah, die Ellbogen auf
seine Knie gestemmt, ihrer Beschaeftigung ruhig zu -- "wie lang habt Ihr
gebraucht bis Ihr's so weit brachtet?"

Der junge Bursch sah etwas ueberrascht zu ihm auf, und mit einem fluechtigen
Blick ueber die Gestalt hin brummte er: --

"Wer weiss ob Ihr's nicht besser koennt wie wir -- Zeit genug es zu lernen
werdet Ihr gewiss schon gehabt haben."

"Doch nicht" schmunzelte der Mann, der die Anspielung vollkommen gut
verstand -- "doch nicht mein Junge -- ich habe nie Geld genug gehabt, die
Universitaet zu bezahlen."

"Manche Menschen haben Glueck" sagte der Andere, auch nur mit einem
Seitenblick auf den Sprecher -- "und Glueck geht vor Verdienst."

"Wo kommt Ihr eigentlich her?" frug der Erste wieder, der auf der
Schiffsliste unter dem Namen Meier eingetragen stand -- "wenn man eben
fragen darf" --

"_Fragen_ darf man schon" sagte der Juengste muerrisch -- "aber Ihr kennt
wohl das alte Spruechwort."

"Thuts Euch Noth es zu wissen?" frug der zweite.

"Nein" sagte Meier kopfschuettelnd "war nur Neugierde, und die Wahrheit
erfuehr ich doch wohl nicht -- ich habe aber einmal Jemanden gekannt, der
wie Euer Kamerad da," auf den Alten deutend -- "aussah und _Pelz_ hiess --
aber 'sist lange her."

Der Alte drehte sich bei dem Namen rasch um, und den Zudringlichen finster
und aufmerksam betrachtend sagte er:

"Und wie heisst _Ihr_?"

"Meier" -- erwiederte vollkommen ruhig der Mann und nahm seine kleine
Thonpfeife aus der Tasche, die er sich stopfte und anzuendete.

"So heiss ich auch" brummte der Alte, und drehte sich wieder in seine alte
Stellung um; der Kurzhaarige rauchte noch eine Weile still vor sich hin,
stand dann auf und ging, ohne ein Wort weiter zu aeussern nach vorn zu, wo
er sich auf die Back setzte, und die Fuesse vorn ueber Bord haengen liess.

Das Schiff verfolgte indess mit lustig geblaehten Segeln seine Bahn; der
Wind war vortrefflich und die fast vierkant gebrassten Raaen, die Leesegel
zu Starbord und der rasch vorbeifliegende weisse Schaum kuendete auch selbst
dem Laien an Bord, wie sie ihrem Ziele rasch entgegenflogen. Das monotone
Leben wurde aber sonst auch durch Nichts unterbrochen; hoechstens einmal
zeigte sich ein Segel am fernen Horizont, und Capitain Siebelt ermangelte
dann nicht, noch einen aufmerksamen Blick durch das Fernrohr, seinen
Cajuetspassagieren zu erklaeren, dass es entweder ein Amerikaner oder
Englaender, Franzose oder Deutscher sei, wie er nach der Stellung der
Masten und Segel es erkannt hatte. Er betrachtete sich als eine Autoritaet
in solchen Dingen, und gewoehnlich verschwand dann auch das Segel wie es
gekommen und er musste, aus Mangel eines Gegenbeweises, recht behalten; ein
paar Mal geschah es freilich, dass der erklaerte Englaender oder Franzose
Deutsche oder Amerikanische Flagge zeigte; dadurch aber keineswegs irre
gemacht hatte Capitain Siebelt immer seine weitere Schlussfolgerung
rechtzeitig bei der Hand; nun kannte er auf einmal das Schiff ganz genau;
es hiess so und so und war richtig in England oder Frankreich gebaut -- das
konnte man ja mit blossen Augen unterscheiden, aber spaeter eben an ein
Deutsches oder Amerikanisches Haus verkauft, unter dessen Flagge es jetzt
natuerlich segeln musste. Capitain Siebelt behielt immer recht, und da
Henkel, der schon mehre Seereisen gemacht, sich nie in einen Streit mit
ihm einliess, und die anderen gar Nichts davon verstanden, konnte das auch
nicht anders sein.

Die gluecklichste, munterste von Allen an Bord, war aber Henkels kleine
liebenswuerdige Frau, Clara, der, wie sie nur erst einmal die boese
Seekrankheit ueberstanden hatte, jeder Tag einen neuen Genuss in der
wundervollen Fahrt brachte, und die sich nicht satt sehen konnte an der
wogenden, herrlichen See. Mit keiner Sorge dabei, die ihr Herz beengen
durfte, das gluecklich Weib eines innig geliebten Mannes, war ihr die ganze
Reise nur eine froehliche sonnige Lustfahrt, von der sie mit jeder Minute
geizen musste, und Niemand an Bord verstand es besser, auch der
unangenehmsten Lage die heitere Seite abzugewinnen, wie gerade sie.

Die liebste Gesellschafterin dabei war ihr die froehliche Marie, deren
junges Herz sich auch leicht und rasch ueber Alles wegsetzen konnte, was
etwa noch trueb und traurig fuer sie im Schoos der Zukunft verborgen lag.
Anna war schon zu ernst; die Sorge um der Eltern Wohl, das Bewusstsein, was
diese Alles in der Heimath aufgegeben, und manche Befuerchtung die
Kellmann, sie betreffend, zu Hause ausgesprochen, wollte sie nicht
verlassen, und lag oft wie ein trueber Schatten auf ihrer Stirn, und auch
Hedwig, die fast den Tag ueber immer bei ihnen war, konnte noch nicht
vergeben was sie gelitten, was verloren, und musste oft gewaltsam die ihr
vielleicht unbewusst aufsteigende Thraene zurueckzwingen, das Auge der
froehlichen jungen Frau nicht zu trueben, die ja Alles that, was in ihren
Kraeften stand, das arme Kind fuer das Gelittene zu entschaedigen -- lieber
Gott, ungeschehen konnte sie ja nicht machen, was die Vergangenheit
gebracht.

Henkel selber war meist ernst, zu ernst nach Clara's Sinn, und konnte
Stundenlang mit verschraenkten Armen und in tiefen Gedanken das Quarterdeck
begehn, wenn ihn die junge Frau nicht manchmal gewaltsam aus seinen
Traeumen riss, und ihn so lange quaelte und neckte, bis er sich laechelnd
ihrem Willen fuegte. Einen besseren Gesellschafter aber hatten sie in dem
kleinen munteren Herr von Hopfgarten, der, wenn er sich nur irgend von dem
fast unvermeidlichen Nachmittags-Whist, wo Henkel manchmal seine Stelle
einnahm, losmachen konnte, die Seele der ganzen Cajuete wurde,
Gesellschaftsspiele angab und ausfuehrte, an denen dann selbst Lobensteins
und das schwaermerische Fraeulein von Seebald Theil nehmen mussten, oder auch
Geschichten und Anekdoten erzaehlte, ueber die sich Clara oft todtlachen
wollte. Mit Thraenen im Auge vor Lachen erklaerte sie dabei mehrmals, es sei
ihr unendlich leid, den thoerichten Schritt schon gethan und sich in
Deutschland mit dem muerrischen Herrn Henkel verheirathet zu haben, waere
das nicht geschehn, sie naehme keinen anderen als Herrn von Hopfgarten,
denn ein besser zu einander passendes Paar gaebe es doch nicht auf der
weiten Gottes Welt, und Herr von Hopfgarten betheuerte dann ebenfalls, er
sei der Ungluecklichste der Sterblichen, ein wahrer lebendiger Tantalus,
dem sein Glueck jetzt, in Gestalt der liebenswuerdigsten jungen Frau, vor
der Nase herumliefe, ohne dass er selbst den Arm danach ausstrecken duerfe,
es fest zu halten. In komischer Verzweiflung holte er dann gewoehnlich eine
Chokoladen-Pistole, von denen er mehre Dutzend an Bord haben musste, denn
sie schienen unerschoepflich, aus der Tasche, setzte sie sich vor die Stirn
und liess sie sich von Marien wegnehmen, die sie, wie sie sagte, um Unglueck
zu verhueten zerbrach, und den juengeren Geschwistern zum essen gab.

Viel zu ihrer Erheiterung trug, wenn auch sehr oft absichtslos, der
"Doktor" bei, wie er schlichtweg an Bord genannt wurde, dem von dem Rheder
die halbe Passage erlassen worden, unterwegs etwa vorkommende Krankheiten
der Passagiere zu behandeln, und dadurch die andere Haelfte, mit Huelfe der
an Bord befindlichen Medicinkiste, abzuverdienen.

Doktor Hueckler war eine hoechst unscheinbare Persoenlichkeit, die ihr Diplom
nur eigentlich den Herren Hessburg und Sohn verdankte, von denen sie an
Bord zum _Doktor_ gestempelt worden. Chirurg und ein armer Teufel,
wuenschte er nach Amerika auszuwandern, und besass nicht die noethigen
Mittel; die Firma Hessburg und Sohn wuenschte aber, des Geredes der Leute
wegen, einem Schiff mit so vielen Auswanderern auch einen _Doktor_
beizugeben, ohne zugleich besondere Kosten fuer einen solchen zu haben. So
war beiden Theilen geholfen, und da man im gewoehnlichen Lauf der Dinge
annahm, dass auf der kurzen Ueberfahrt nach Amerika gerade keine schweren
Krankheiten, oder doch nur sehr selten vorkommen, konnte alles das, was
man ja sonst sogar dem Capitain allein ueberliess, auch dem Herrn Hueckler
anvertraut werden, der als junger Mensch den aelteren Herrn Hessburg schon
mehre Jahre rasirt und ihn von Huehneraugen frei gehalten hatte, wie auch
im Hause des reichen Handelsherrn seines stillen demuethigen Betragens
wegen sehr gern gesehen und protegirt worden war. Von inneren Krankheiten
verstand Hueckler allerdings wenig oder gar Nichts, alles Versaeumte aber
jetzt mit moeglichstem Fleiss nachzuholen, machte er sich, so wie er selber
die Seekrankheit ueberstanden, mit grossem Eifer darueber her, das kleine,
der Schiffs-Medicinkiste(6) beigegebene Receptbuch zu studiren, bei
noethigen Faellen wenigstens gleich die richtige _Nummer_ zu wissen und zu
verabfolgen.

Den Schluessel zur Medicinkiste behielt sich aber trotzdem der alte
Capitain Siebelt vor, der erst seit kurzer Zeit "mit Auswanderern fuhr"
und immer noch der festen Meinung war, er muesse das, was er in seiner
Cajuete hatte, auch viel besser, oder doch eben so gut zu verabreichen
verstehn, wie "so ein Doktor." Die Passagiere ueberliess er ihm aber doch,
eben weil es "blos Passagiere" waren, behielt sich uebrigens die Behandlung
seiner Leute vor.

"Herr Capitain, ich moechte Sie um den Schluessel zur Medicinkiste bitten"
sagte am Morgen des dritten Tages, als sie in den Atlantischen Ocean
eingelaufen waren, der Doktor zu dem Selbstherrscher der Haidschnucke.

"Na, wat is nu all wedder?" frug "de Captein," der nur gezwungen mit
seinen Passagieren hochdeutsch sprach, und wenn er boese oder recht guter
Laune war, am liebsten in das ihm weit gelaeufigere und natuerlichere Platt
zurueckfiel, nur dann und wann, wenn es ihm gerade wieder einfiel ein paar
hochdeutsche Worte mit einmischend.

"Einer der Leute klagt ueber Schmerzen in der Brust, und ich fuerchte fast,
dass da vielleicht ein chronisches Leiden --

"Ah papperlapapp" brummte der alte Seebaer, "in de Krone sitzt's em nich --
in de fulen Knoken. Ene richtige Porschon Soalts un en reguleres
Braekmiddel ver vor un achter ut, nachens fall e woll spudig beter wern."

Kein Protestiren half dagegen; Capitain Siebelt hatte den festen Glauben
dass ein Matrose gar nicht krank werden koenne, keinenfalls aber krank
werden _duerfe_, so lange er sich auf die Reise "verakkordirt" haette und
dass also Alles, was die Kerle davorn von "Krone oder Bunk praalten, man
blaue Dunst waere." Sobald sich also ein Matrose bei ihm krank meldete,
bekam er als erste Dosis eine Handvoll Glaubersalz und keinen Schnaps zum
Fruehstueck; das half schon gewoehnlich, und die Leute kamen selten das
zweite Mal, wollte er dann noch immer nicht besser werden, d. h. blieb er
"verstockt" dann musste er ein Brechmittel schlucken, und zwar gleich in
der Cajuete, nicht etwa die Medicin mit nach vorn nehmen, wo sie eben so
sicher ueber Bord gegangen waere. Das half dann jedesmal, denn die dritte
Kur war Glaubersalz und Brechmittel zusammen und die hatte sich nur erst
ein Einziger geholt, der war aber ein solcher "Cujon wehst", dass er sich
aus lauter "Cunterdikschen" hingelegt hatte und gestorben war.

Doktor Hueckler war keiner von den Leuten, die einer praktischen Erfahrung
ihr Ohr verschliessen; er liess sich ueberzeugen und der Capitain curirte die
Leute nach wie vor auf seine eigene Hand und Manier.

Um also auf das gesellschaftliche Leben an Bord zurueckzukommen, so war
Hieronymus Hueckler hier zum ersten Mal in einen Umgangskreis gekommen, der
ihm bis dahin fern gelegen, und in dem er sich im Anfang -- die
Seekrankheit ganz abgerechnet, -- auch nicht recht wohl fuehlte. Seine
Verlegenheit wuerde er selber auch wohl schwer, und gewiss nicht schon auf
der Reise ueberwunden haben, waeren ihm darin nicht die jungen Damen, von
Herrn von Hopfgarten redlich dabei unterstuetzt, freundlich
entgegengekommen. Diese brauchten aber Alles, was sie nur von verfuegbaren
Personen in ihrem Bereich fanden, zu ihrer Unterhaltung, und da sich
Capitain Siebelt, so gefaellig er ihnen in jeder anderen Beziehung war, auf
das Hartnaeckigste weigerte, einigen der gebildeten
Zwischendeckspassagieren den Zutritt zu dem Quarterdeck zu gestatten, die
langen Stunden an Bord zu verkuerzen, so wurde Doktor Hueckler aus Mangel an
besserer Beschaeftigung, bald das Stichblatt aller unschuldigen und
froehlichen Scherze der kleinen munteren Gesellschaft. Bei den
Gesellschaftsspielen, die Herr von Hopfgarten unermuedlich und in der
erfinderischesten Weise anstellte, bekam er fast alle Schlaege mit dem
Plumpsack und verfiel bei den Raethselspielen, bei denen er nie im Stande
war auch nur das leichteste zu errathen, den unerbittlichsten, aber auch
eben so geduldig und gutmuethig ertragenen Strafen.

Ein anderer Mitpassagier, der nur sehr schwer zu bewegen war sich in etwas
dem _geselligen_ Leben an Bord anzuschliessen, war der Coyenkamerad des
Herrn von Hopfgarten, ein junger Mann von vielleicht vier- bis
fuenfundzwanzig Jahren, und jedenfalls aus sehr guter Familie.

"Ich bin der Baron von Benkendroff -- mein Vater ist der wirkliche
Geheimrath von Benkendroff" hatte er sich gleich am ersten Tage Herrn von
Hopfgarten vorgestellt -- "und ich reise nur zu meinem Vergnuegen nach
Amerika, um mich von den nichtswuerdigen republikanischen Zustaenden jenes
Landes nach eigener Anschauung zu ueberzeugen. Ich _weiss_, was ich dort
finde, habe auch schon in der That einige Artikel ueber die dortigen
Verhaeltnisse geschrieben, aber trotzdem gehe ich doch hinueber und
betrachte die Reise gewissermassen als eine Kur, als ein Schlammbad, das
ich meinem Geist auferlege, ihn von allen doch noch vielleicht darin
befindlichen Scrupeln und Zweifeln vollstaendig zu heilen."

Den Spielen der jungen Damen schloss er sich allerdings manchmal an, aber
dann immer mit einer gewissen vornehmen _nonchalance_. Er war ueberzeugt,
dass er ihnen dadurch eine Gefaelligkeit erweise, und wusste auch in der That
selber manchmal nicht, was er mit sich anfangen solle. Am liebsten noch
spielte er mit Frau von Kaulitz und Herrn von Hopfgarten Whist, wobei er
es liebte, mit seiner sehr weissen, fast weiblichen und reich mir Ringen
besteckten Hand zu coquettiren. Ausserdem sprach er nie mit den
Steuerleuten, hoechst selten selbst mit dem Capitain, den er wunderbarer
Weise _monsieur_ nannte, und der ihn deshalb auch nicht leiden konnte, und
hatte noch mit keinem Fuss die Grenze der strengabgeschiedenen Cajuete
ueberschritten.





                                Capitel 6.


                              LEBEN AN BORD.


Es war ein schwueler Nachmittag gewesen, und die ziemlich starke guenstige
Brise, mit der sie bis dahin so vortrefflichen Fortgang gemacht, schwaecher
und schwaecher geworden, bis die See, deren Wellen sich ebenfalls nach und
nach beruhigten wie ein stillwogender Spiegel blank und ungebrochen lag,
und den Rumpf des Schiffes mit seinen langsam schwankenden Masten treulich
im Bilde wiedergab. Matt und laessig schlugen dabei die schweren Segel, von
keiner Luft mehr geblaeht, gegen die Takellage, fuellten auf, wenn das
Schiff schwerfaellig nach hinten niedersetzte, und trafen dann wieder mit
mattem Schlag das Tauwerk, das sie dadurch, wie auch sich selbst, mehr
scheuerten und angriffen, als es der aergste Sturm gethan haben koennte.

"Reepschlaeger und Segelmacher pruegeln sich" sagen die Matrosen wenn bei
Windstille die Segel gegen das Takelwerk schlagen, und der Seemann sieht
es nicht gern. Desto willkommener ist aber gewoehnlich den Passagieren eine
solche erste Ruhe, wenn sie natuerlich nicht zu lang anhaelt, die ihnen das
Meer von einer ganz neuen, noch nicht einmal geahnten Seite zeigt, und
selbst den Kraenksten Gelegenheit giebt sich zu erholen und auf Deck zu
ergehn.

Klar und wolkenrein spannt sich der Himmel aus ueber der dunkelblauen,
mattglaenzenden Fluth, und das Auge schwindelt wenn es in die durchsichtige
Tiefe niederschaut, die sich ploetzlich seinem Blicke oeffnet. Reges
geschaeftiges Leben herrscht dabei an Bord, hier schwimmt eine in
schillernden Farben wunderlich gefaerbte Blase auf dem Wasser und hebt und
senkt sich nach eigener Willenskraft -- das sogenannte "portugiesische
Kriegsschiff" wie der kleine Segler heisst(7) -- dort streicht die dunkle
Flosse eines Fisches langsam und traege durch die Fluth, und der Ruf "ein
Hai, ein Hai" lockt selbst den Untersteuermann aus seinem Morgenschlaf
auf, die gefraessige Bestie, diesmal vergeblich, mit einem ausgeworfenen und
an einem Haken befestigten Stueck Speck zu fangen. Laessig kreist dabei die
schlanke Moeve hoch in der Luft, und ganze Schaaren munterer Seeschwalben,
"Mutter Kareys Kuechelchen," wie sie der Seemann nennt, suchen um das
Schiff herum ausgeworfene Nahrung, und tauchen ellentief unter nach den
wegsinkenden Stuecken Fleisch und Speck.

Und nicht den mindesten Fortgang macht das Fahrzeug dabei; das alte
Kartoffelfass, das der Koch an dem Morgen ueber Bord geworfen, treibt noch
in kaum hundert Schritt vom Schiff, von den neugierigen Schwalben immer
und immer wieder besucht, umher; Kartoffelschalen und Ruebenabfaelle die die
Frauen ausgeschuettet, schwimmen auf dem Wasser und sinken langsam tiefer,
in der Fluth buntfarbige weissschillernde Lichter mit prismatischen Farben
annehmend. Wergflocken und Stueckchen getheerten Segeltuches, Federn von
fuer die Cajuete gerupften Huehnern, und Streifen Papier und Zeug sprenkeln
nach allen Richtungen hin die Oberflaeche, und geben den Muessigen an Bord
Gelegenheit zu rathen was es sei, oder dem versinkenden mit den Augen zu
folgen tief, tief hinunter, dem Abgrund zu.

Aber nicht Alle schauen muessig ueber Bord; hier sitzen fleissige Gruppen,
ihre Waesche waschend und sich endlich einer Arbeit fuegend, der sie sich
eben nicht mehr laenger entziehen koennen; dort haengen Andere die gewaschene
an den Wanten und Tauen auf und aergern die Matrosen damit, die den Leuten
nicht begreiflich machen koennen dass sie das "laufende Tauwerk" dazu nicht
benutzen duerfen.(8) Hie und da hat auch Einer ein Buch genommen, und
studirt halblaut vor sich hin die unbegreifliche Aussprache englischer
Woerter nach, irgend einem trostlosen Rathgeber in Redensarten und
Gespraechen, quaelt sich mit dem w und th, und steckt das Buch endlich
wieder, so klug als vorher und nur vielleicht noch mehr verwirrt, in die
Tasche.

Die Arbeiten der Matrosen gehn indessen ruhig fort, denn es ist gewoehnlich
ein irriger Glaube der Leute an Land, dass die Matrosen in See, wenn das
Schiff nur erst in Gang waere, nichts weiter zu thun haben als zu segeln,
dass heisst das Schiff eben ruhig laufen zu lassen. Das Segelausbessern hoert
nicht auf an Bord, eben so muss das Takelwerk fortwaehrend nachgesehn, hier
wieder neu gespliesst, dort umwickelt, da neu getheert werden, und waere
wirklich gar nichts anderes vorzunehmen, dann muss ein Theil der Leute, zu
spaeterer Verwendung bei neuen Tauen, altes getheertes Werg zerzupfen, und
ein anderer Schiemanns Garn daraus spinnen, so dass es den Leuten nie und
nimmer an Beschaeftigung fehlt. Ein Schiff in See ist der letzte muessige
Platz auf der Welt, und nur die Passagiere haben das Recht darauf zu
faullenzen.

Auf Deck war solcher Art Alles in seinem gewoehnlichen stillen Gang
geblieben, als die Cajuetspassagiere, die auf dem Quarterdeck auf- und
abgingen, ploetzlich ein Hindraengen der Massen nach einer Stelle sahen, und
eine laute Stimme hoerten, die zu den um sie Versammelten sprach. Herr von
Hopfgarten, ein wenig neugierig, und keineswegs so prude wie sein
"Stubenbursch" Baron von Benkendroff, gab sich alle moegliche Muehe von dem
etwas hoeher liegenden Quarterdeck aus das, was vorn an Deck vorgehe, zu
erkennen; der Sprecher stand aber gerade auf der Back des Schiffes, und
die lose niederhaengende Fock verhinderte ihn etwas von ihm zu erkennen. Er
stieg deshalb rasch auf das Deck nieder, dem Platz zuzueilen, von wo ihm
jetzt schon lautes schallendes Gelaechter entgegendroehnte.

"Hurrah, Maulbeere soll leben -- Zachaeus vivat hoch!" jubelte eine Menge
lachender Kehlen, und die Zwischendeckspassagiere draengten jetzt in so
festem Keil nach vorn, dass selbst die Schiemannsscheibe ausser Thaetigkeit
gerieth, und die Matrosen ebenfalls dem was da vorging mit schmunzelnden
Gesichtern lauschten.

Der Urheber dieses ploetzlichen Laermens sowohl, wie der wilden rauschenden
Froehlichkeit war, aber wirklich niemand Anderes als Zachaeus Maulbeere, der
sonst so muerrische, einsylbige Patron, der jetzt, aber ebenfalls mit dem
ernsthaftesten Gesicht von der Welt, und selbst waehrend dem Jubeln und
Jauchzen der Menge, keine Miene verzog, den Mund nur, als wenn er die
Pfeifenspitze darin hielt, etwas mehr zusammendrueckte, und die grossen
buschigen Augenbrauen womoeglich noch hoeher emporzog, als er das sonst
gewohnt war zu thun.

                                    []

                                Capitel 6


"Aber um Gottes Willen, was geht denn hier vor?" frug Herr von Hopfgarten,
auf's Aeusserste erstaunt einen der Naechststehenden -- "was macht denn der
Mensch da oben?"

"Maulbeere?" sagte dieser, es war der polnische Jude der sich mit dem
vergnuegtesten Gesicht von der Welt nach ihm umdrehte -- "Maulbeere? --
Gottes Wunder er predigt, und _was_ vor a Predigt -- es is a Traktement ihn
zu heren, und sind'er zwa ihn zu sehn."

Der Pole hatte allerdings recht; es _war_ der Muehe werth Maulbeere zu sehn
wie er da oben, im vollen Triumph einer ihm zujauchzenden Menge,
unbeweglich und fest wie ein Fels im Meer stand, und gerade so that, als
ob ihn die ganze Sache auch nicht das Mindeste anginge oder kuemmerte. Er
trug seinen gewoehnlichen abgebleicht gruenen, langschoessigen Rock mit dem
schmalen Kragen, die gesprenkelte Weste und die schmutzig grauen, etwas
kurzen Hosen, aber den Hut hatte er neben sich auf der Back, und vor sich
einen kleinen niederen Tisch stehn, der dem polnischen Juden gehoerte, und
auf dem ein dickes aufgeschlagenes Buch mit einer Brille, wie seine Dose
lag, waehrend er in der linken Hand -- die rechte hatte er in die Seite
gestemmt -- sein roth- und gelbgemustertes baumwollenes Taschentuch gefasst
und zusammengedrueckt hielt.

Er machte eben eine kurze Pause, zu der ihn der Jubel der ueberraschten und
immer noch mehr herbeidraengenden Zuschauer gezwungen hatte, und schien in
voller Gemuethsruhe das endliche Schweigen des stuermischen Publikums zu
erwarten.

"Aber was ist denn hier los?" riefen Einzelne dazwischen, die eben erst
von unten heraufpressten, zu sehn was es gaebe; "wie kommt denn Maulbeere da
oben hin -- Zachaeus als Prediger -- hat die ganze Reise den Mund noch nicht
aufgethan und faengt auf die Art an?" -- "Er ist uebergeschnappt" jubelten
Andere -- "und giebt uns jetzt die Nutzniessung seines verschobenen Gehirns"
-- "Ruhe -- lasst ihn sprechen -- still da -- Ruhe -- Zachaeus hat das Wort!"
hiess es dazwischen.

Die Passagiere hatten uebrigens Ursache erstaunt zu sein, denn Maulbeere,
der in der That die ganze bisherige Reise ueber noch mit keinen drei
Menschen auch nur ein Wort gewechselt, und still und muerrisch vor sich
hingebruetet hatte Tage lang, war auf einmal mit dem kleinen Tisch, den er
im Zwischendeck gefunden und mitgenommen, an Deck und auf die Back
gestiegen, wo er, ohne weitere vorherige Warnung, ganz im Styl einer
wirklichen Predigt, aber diese parodirend, mit Thema und Einleitung und
citirten Spruechen nach Capiteln und Versen, dem Schnaps (ueber dessen
schlechtere Qualitaet die Zwischendeckspassagiere seit drei Tagen etwa
Ursache zu haben glaubten sich zu beklagen) eine Lobrede hielt.

"Ruhe -- gebt Frieden -- Zachaeus fahr fort!" schrieen indess die Stimmen
durcheinander, und als sich der Laerm ein klein wenig gelegt, der indess so
arg geworden war dass der Capitain an Deck kam, zu sehn was es gebe, begann
Maulbeere wieder:

"Wir haben drittens gesehn dass der Schnaps auch in seinen Wirkungen das
Gemueth des Menschen saenftiget, und ihm die zum Guten noethige Kraft
verleiht auf der Bahn der Gerechten zu wallen! Schnaps -- geliebte Zuhoerer,
welcher Wohllaut liegt schon in dem einen kleinen Wort. Wie sanft und
feurig zugleich durchstroemt er uns die Adern, kitzelt uns den Gaumen und
vertreibt die boesen Duenste. Er auch war es, der schon vor tausenden von
Jahren viele jener merkwuerdigen Wunder vollbracht, die eine thoerichte Welt
jetzt, und irrthuemliche, oft boeswillige Uebertragungen, anderen Wirkungen
zugeschrieben haben. Schnaps ist _Geist_ -- wer aber brachte den Geist ueber
die Propheten, die mit fremden Zungen redeten und nachher in alle Welt
gingen alle Voelker zu lehren? -- wer anders als jener heilige Geist --"

"Das ist Gotteslaesterung!" schrie da eine Stimme aus der Menge -- "herunter
von dort Du nichtswuerdiger Mensch dass Dich nicht der Arm dessen trifft,
den Du verhoehnst."

Es war der Weber aus Zurschtel, der sich mit Muehe zwischen die
Menschenmasse gedraengt hatte, zu sehn was da vorgehe, und jetzt in
ehrlicher Entruestung etwas entweihen hoerte, an dem seine ganze Seele mit
glaeubiger Ehrfurcht hing.

"Ruhe da -- Frieden! lasst den Mann ausreden!" rief aber mit Donnerstimme
der Gesell mit den kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt
hatte -- "halt's Maul Weber bis Du gefragt wirst!"

"Nein, er hat recht, das geht nicht -- das duerfen wir nicht leiden!" riefen
aber jetzt auch Andere dazwischen.

"Hurrah Maulbeere soll leben! fahr fort Maulbeere, lass Dich nicht irre
machen!" jubelten ihm wieder Andere zu -- "fort mit den Stoerenfrieden,
steckt sie in's Zwischendeck hinunter."

Der einzige Ruhige bei dem ganzen Sturm blieb Zachaeus, der, ohne auch nur
eine Miene zu verziehn, oder mit einer Muskel zu zucken, dem Toben
geduldig zuhoerte, langsam eine Prise nahm, sich schnaubte, und dann sein
Taschentuch wieder wie einen Ball zusammendrehte. Sobald aber ein
Augenblick Ruhe eintrat, fuhr er auch eben so unverwuestlich in seiner
Predigt fort, sang, mit naeselndem Ton, als er diese beendet hatte, die
Litanei ab, die Worte dabei so verdrehend dass sie ein Lob des Schnapses
bildeten, und schloss dann seine Predigt, unter dem wiehernden Gelaechter
der Passagiere, mit dem "Es sind auch noch einige Personen vorhanden,
welche Willens sind in den Stand der heiligen Ehe zu treten," wobei er
eine Reihe unanstaendiger Namen von einem Papier ablas, und dann zum Gebet
schreiten wollte, als der Steuermann von dem Capitain, bei dem sich
Einzelne ueber den Unfug beschwert hatten, nach vorne geschickt wurde
demselben zu wehren.

"Avast da!" rief er dem parodirenden Prediger auf seine derbe Art zu --
"avast da mein Bursche und herunter von der Kanzel; der Unsinn hat jetzt
lange genug gedauert, und die Leute da unten, die ihre Wacht zur Coye
haben, wollen schlafen. Verstehst Du Hochdeutsch, oder soll ich platt mit
Dir sprechen?"

"Lasst den Mann seine Rede halten, so lang's ihm gefaellt" nahm hier wieder
Meier seine Parthie -- "wir reden Euch auch nicht hinein wenn Ihr sprecht."

"Wenn Du einmal gefragt wirst mein Bursch, darfst Du antworten!" rief ihm
aber der Seemann keck und zornig entgegen -- "wenn ich hier befehle er soll
herunterkommen, so kommt er oder -- ich lasse ihn holen."

"Fasst Einen von uns hier an!" schrie aber der, ueber Anrede wie Ausdruck
gereizte Mann -- "legt Hand an Einen von uns, und seht dann was aus Euch
und dem Schiff wird. Gott verdamm mich!"

Die drei letztgekommenen Passagiere, die hoechst aufmerksame und vergnuegte
Zuhoerer der Predigt gewesen waren, standen dicht hinter ihm, und ihre
Blicke begegneten ebenfalls in finsterem stoerrischem Trotz denen des
Steuermanns; dieser aber, ohne sich im mindesten irre machen zu lassen,
griff eine, gerad' auf der Ankerwinde liegende Handspeiche auf, und
waehrend die an Deck befindlichen Matrosen, die recht gut wussten wie
nothwendig es fuer sie war in einem solchen Augenblick zusammenzuhalten,
sich rasch und geraeuschlos neben und hinter ihren Oberen draengten, und
ebenfalls schon in der Eile Alles aufgefasst hatten was ihnen bei einem
moeglichen Handgemenge von Nutzen sein konnte, rief der Steuermann, die
Handspeiche zum Schlag fertig, und das Gesicht von Zorn und Wuth fast
dunkelroth gefaerbt.

"Hinunter mit Euch sag ich -- und Ihr drei da besonders mit Euren grauen
Kitteln, hinunter von Deck wohin Ihr gehoert, oder der Erste, bei Gott, der
mir noch mit einem Wort widerspricht, oder die Hand aufhebt gegen mich ist
eine Leiche."

Meier warf einen wilden tueckischen Blick im Kreis umher, zu sehn auf wen
von der Schaar er sich wohl allenfalls noch verlassen konnte, aber die
drei Grauroecke hatten wohl ihre ganz besonderen Ursachen es nicht zum
Aeussersten kommen zu lassen, noch dazu solcher Lappalie wegen, und von den
Anderen bezeugte ebenfalls Niemand Lust mit dem wilden Burschen, dem
Steuermann, so aus freier Faust anzubinden.

"Wir haben ein Recht hier an Deck zu stehn und dafuer bezahlt" murrte er
da, als er sah wie er nicht hoffen durfte Schutz und Beistand bei den
Anderen zu finden gegen die Schiffsmannschaft.

"Das koennt Ihr auch" sagte der Steuermann, veraechtlich seine Handspeiche
neben sich zu Boden werfend -- er wusste dass er jetzt keine weitere
Widersetzlichkeit mehr zu fuerchten hatte -- "Niemand wehrt's Euch, so lange
Ihr nicht im Wege seid, wer aber dann nicht geht wird _gestossen_, und darf
sich nachher beklagen, wenn es ihn freut. So also herunter jetzt mit dem
Prediger -- na, wo ist der Mosje denn auf einmal hingekommen?"

Zachaeus war allerdings verschwunden; sobald naemlich der Wortstreit einen
ernsten Charakter anzunehmen schien, hatte er sich, keineswegs gewillt
daran Theil zu nehmen, seitab von der Back hinunter und nach hinten
gedrueckt, wo er jetzt schon wieder auf seiner Lieblingsstelle am grossen
Mast kauerte, und den Dampf seiner Pfeife in die blaue Luft hineinqualmte.

Herr von Hopfgarten stattete indessen in der Cajuete Bericht ueber das
Gehoerte und Gesehene ab, freute sich aber ebenfalls dass solch gemeiner
Blasphemie an Bord gesteuert worden, und erzaehlte nun den Damen in seiner
komischen und lebendigen Art, wie der Steuermann dazwischen gesprungen sei
und die Debatte mit der Handspeiche aufgenommen habe.

"Und was hatten _Sie_ dazwischen zu thun, _cher ami_?" frug Herr von
Benkendroff ueber ein Buch weg das er in der Hand hielt (wahrscheinlich
mehr der Hand als des Buches wegen) -- "was haben Sie davon sich zwischen
die Canaille zu mischen; wenn es nun wirklich zu Thaetlichkeiten kam?"

"Ich hatte die stille Hoffnung" schmunzelte der kleine Mann -- "alle
Wetter, ein Seegefecht, Baron, das waer ein famoses Abenteuer gewesen, und
ein praechtiger Beginn fuer meine Fahrt. Sie wissen noch gar nicht dass ich
nur auf Abenteuer reise?"

"Auf Abenteuer -- bah" sagte Herr von Benkendroff achselzuckend -- "ich
hoffe dass Sie vernuenftiger sind; es giebt nichts Ungentileres als ein
Abenteuer, ein galantes vielleicht ausgenommen, und ich hasse selbst
diese, weil sie den Menschen unnoethig aufregen, und aus seiner gewohnten
Ruhe bringen."

"Aber was fuer Abenteuer wollen Sie erleben?" frug lachend Marie.

"Was fuer Abenteuer?" wiederholte der kleine Mann, sich rasch nach ihr
herumdrehend -- "alle -- jedes nur erdenkliche -- Raeuber, Platzen eines
Dampfbootes, Zusammenstoss mit einer Lokomotive, Ueberfall von Indianern,
selbst unter Gefahr meines Scalpes," und er nahm dabei seine Muetze ab, und
zeigte seinen etwas kahlen Kopf -- "naechtliche Attaque von Baeren und
Panthern, Entfuehrungen, Verhaftungen, Lynchgesetz und wie all jene tausend
und tausend interessanten vorherzusehenden und unvorhergesehenen Faelle
heissen, denen man in dem Lande unserer Sehnsucht ausgesetzt ist, oder die
man, wenn sie Einem nicht gleich gutwillig aufstossen, mit Leichtigkeit
aller Orten und Enden aufsuchen kann."

"Dann reis' ich gewiss nicht mit Ihnen" rief Clara rasch und lachend -- "Sie
waeren im Stande solche Dinge vom lieben Gott, als ganz besondere Zeichen
von Wohlwollen zu erbitten."

"Allerdings" sagte Herr von Hopfgarten mit groesstem Ernst, "und ich
schwankte lange zwischen einer Reise in das Innere von Afrika und den
Vereinigten Staaten, aber allen gelesenen Beschreibungen nach halte ich
die Union doch noch fuer das passendste Land dazu, und freue mich unendlich
darauf seine werthe Bekanntschaft zu machen."

"Sie koennten Einem die Lust zur Auswanderung verleiden" sagte laechelnd
Professor Lobenstein, sich in das Gespraech mischend, "wenn man eben noch
eine Wahl behalten haette. Jedenfalls ist es ein interessantes Factum Sie,
mit _diesen_ Ansichten, an Bord eines Auswandererschiffes zu haben, dessen
saemmtliche Passagiere, mit Ihrer alleinigen Ausnahme, gerade hinuebergehn
um Ruhe und Frieden zu finden, und sich eine, nicht so leicht von aeusseren
Einfluessen gefaehrdete Existenz zu gruenden."

"Ich die alleinige Ausnahme?" rief aber der kleine Mann rasch und lebhaft
aus -- "lieber Professor, da schwimmen Sie in einem gewaltigen Irrthum
herum. Gehn Sie einmal durch das ganze Schiff und sehen Sie sich die
einzelnen Physiognomien, die einzelnen Gestalten der Leute an, wie ich es
wieder und wieder gethan habe, und wenn Sie dann nur irgend in den Zuegen
eines Menschen zu lesen verstehn, dann sagen Sie mir nachher, ob sich alle
die Leute nach einer ruhigen Existenz sehnen, und ob ueberhaupt nur die
Haelfte von ihnen weiss, was sie dort mit sich anfangen soll."

"In mancher Hinsicht moegen Sie recht haben" sagte der Professor laechelnd,
"aber derartigen extraordinaeren Faellen sollte man dann doch eher aus dem
Wege gehn, als sie gerade muthwillig aufsuchen."

"Nein" sagte der kleine gemuethliche Mann, dem sich ein wunderliches
Behagen ueber die runden Zuege legte, und sie mit einer eigenthuemlichen
Gluth und Freude ueberstrahlte, indem er vor seinem fruchtbaren inneren
Geist wahrscheinlich schon einige der erhofften Scenen heraufbeschwor --
"nein lieber Professor, an aus dem Wege gehn ist nun einmal schon gar kein
Gedanke -- wird auch nicht gut moeglich sein" setzte er sich, wie in innerem
Behagen die Haende reibend, hinzu -- "man muesste denn wie eine Schlange
dazwischen durchschluepfen koennen. Vor allen Dingen befahre ich den
Mississippi auf den dortigen Dampfbooten, und lasse mich erst zwei- oder
dreimal in die Luft blasen, oder in den Grund rennen; dann existirt dort
noch, wie ich aus ganz sicheren Quellen weiss, die Morrelsche Bande, die
mit allen Pferdedieben und falschen Spielern der Union in Verbindung
steht, und in der That ueber die ganzen Vereinigten Staaten ihre
Auszweigungen hat. Wenn ich nur irgend Glueck habe falle ich denen in die
Haende. Dort finde ich ebenfalls die beste Gelegenheit einer Baerenjagd
beizuwohnen, und in den Sclavenstaaten muesste es mit dem Boesen zugehn, wenn
man nicht wenigstens die Woche einmal, so einem armen Teufel von Schwarzen
zur Flucht verhelfen, und durch das Interessante der Situation manche
muessige Stunde ausfuellen koennte."

"Sie bauen darauf, lieber Hopfgarten" sagte hier, waehrend die Anderen
lachten, Herr von Benkendroff, wieder ueber sein Buch hinueber nach seinem
kleinen Freund sehend, "dass Sie gar keinen Hals haben an dem man Sie
aufhaengen kann -- sonst scheinen Sie mir auf dem besten Wege dazu."

"Bah, aufhaengen" rief Herr von Hopfgarten veraechtlich -- "darin bewaehrt
sich gerade der Mann, den Kopf in schwierigen Situationen aus der Schlinge
zu halten."

"Jedenfalls sollten Sie sich dann den langen Menschen aus dem
Zwischendeck, ich glaube es ist ein Schneider" sagte Herr von Benkendroff
ruhig "zum Begleiter, gewissermassen als Sancho Pansa mitnehmen; Ihr Zug
wuerde dadurch einen gewissen historischen Werth bekommen."

"Spotten Sie nur" laechelte aber Herr von Hopfgarten gutmuethig -- "Jeder
sucht sein Vergnuegen auf seine eigene Weise, und Don Quixote, einige
verrueckte Marotten abgerechnet, war ein ganz achtungswerther Charakter --
seine Kurzsichtigkeit muss uebrigens Vieles bei ihm entschuldigen, und ich
habe ein Auge wie ein Falke."

"Im Zwischendeck ist allerdings ein Mann der fuer Sie passen wuerde Herr von
Hopfgarten," fiel aber hier das Fraeulein von Seebald ein, "ein junger
Dichter, der ebenfalls noch nicht in dem Alltagsleben der Welt zu Grunde
gegangen, und keineswegs daran zu zweifeln scheint, dem Leben auch noch
eine poetische Seite abzugewinnen. Nur in der That bewaehrt sich der
maennliche Charakter;" setzte sie mit einem Seitenblick auf Herrn von
Benkendroff hinzu, der aber an diesem vollkommen abprallte.

"Vortrefflich!" rief da die muntere Clara -- "Herr von Hopfgarten kann dann
die amerikanischen Riesen und Ungeheuer bekaempfen, und sein Begleiter
gleich die Thaten besingen; ich subscribire von vornherein auf ein
Exemplar."

"Ihnen, meine gnaedige Frau" lachte aber der kleine Mann, "dedicire ich das
Werk, und werde mir von Ihnen noch ganz besonders eine Schleife oder einen
Handschuh ausbitten, nach aechter Ritterart am Hut zu tragen."

"Ein Wort ein Mann" rief die junge Frau, ihren linken Handschuh lachend
abziehend und dem neuen Ritter zuwerfend -- "hier ist das Pfand, und
bedenken Sie, dass ich es nur mit dem Blut der Feinde getraenkt
zurueckerwarte."

"Gnaedige Frau!" rief da der kleine Mann, begeistert von seinem Stuhle
aufspringend -- "nur mit meinem Leben trenne ich mich wieder von dieser
Gabe, bis ich sie in wuerdiger Weise zurueckerstatten kann, und hier unser
bequemer Freund Benkendroff selber --"

Seine weitere Rede wurde durch das Heraufstuermen der Matrosen auf das
Quarterdeck unterbrochen, die, so ehrerbietig sie sonst dasselbe betraten,
jetzt ohne weiteres Ceremoniell und in groesster Eile anfingen die
aufgerollten Falle von den Naegeln herunter auf Deck zu werfen, wobei sie
den ueberrascht aufspringenden Passagieren sehr ungenirt die Sessel aus dem
Weg rueckten. Zu gleicher Zeit sahen diese wie ein Theil der Mannschaft,
gelenk wie Katzen, an den Wanten(9) hinauflief; die leichteren Segel
flatterten dabei aus, und wurden eingeholt und befestigt, die leeren
Raaen(10) queer gebrasst, und auf den Marsraaen, dessen Segel in der
frischer werdenden Brise schlug und flappte, lagen die Leute mit der Brust
auf, die Fuesse gegen das scharfangespannte Lauftau gepresst und mit dem
Oberkoerper in freier Luft haengend, das ausschlagende schwere Segeltuch zu
fassen und einzuziehen, um es in die Reefbaender zu schlagen, und kleinere
Flaeche der Leinwand einem jedenfalls erwarteten Sturm zu bieten.

Die Passagiere sahen allerdings im Anfang erstaunt auf und umher, denn das
Wetter war, bei fast voelliger Windstille, mild und warm gewesen, und eine
leichte Brise, die sich nach und nach erhoben und das Schiff wieder
langsam durch die klare, fast spiegelglatte Fluth trieb, von ihnen wohl
freudig begruesst worden, aber keinem als irgend Gefahr drohend erschienen.
Der erste ueberraschte Blick umher ueberzeugte aber bald alle, selbst die
groessten Laien in der Wetterkunde, dass der sonnige Morgen einem stuermischen
Mittag werde weichen muessen. In Nord-Westen stiegen schwere dunkle
Wolkenmassen auf, die dem Wasser schon ihren fahlen Bleiglanz mitzutheilen
begannen, ueber die See zog es in dunkelstreifigen, fluechtigen
Kraeuselwellen, wie die Vorboten des nahenden Wetters, und als die schwache
Brise endlich wieder vollstaendig erstarb, die duestere Wolkenmasse aber,
die bis jetzt fast auf dem Horizont gelegen, mit rasender Schnelle hoeher
und hoeher stieg, da bat der Capitain, der bis dahin an Nichts anderes
gedacht hatte, als sein Schiff auf das kommende Wetter vorzubereiten und
seine Segel zu bergen, die Passagiere dringend, hinunter in die Cajuete und
dem Unwetter aus dem Wege zu gehn, dass sich die Mannschaft frei bewegen
koenne. Fast alle fuegten sich auch dem Wunsch nur zu bereitwillig, die
meisten selber froh unter dem schuetzenden Dach der Cajuete den Ausbruch des
Sturmes erwarten zu duerfen; nur Herr von Hopfgarten holte sich rasch seine
geoelten Seemannskleider, die er sich zu diesem Zweck besonders
angeschafft, hervor, zog sie an, setzte seinen Suedwester(11) auf, und
stieg, die Haende in die Taschen schiebend, wieder an Deck, dem Sturm "die
Wetterseite zu bieten."

Diese unheimliche, und einem heftigen Orkan sehr oft vorhergehende Stille
dauerte aber nicht lange; im Nord-Westen nahm der Meeresspiegel eine
vollkommen dunkle Faerbung an, wie sich die Kraeuselwellen da vor der
heranbrausenden Windsbraut hoben, und als die Windsbraut herankam und das
Schiff fasste, durch die Bloecke und Taue pfiff und ueber die nackten Raaen
heulte, fegte sie auch schon die oberen Tropfen von den aufspritzenden,
wie aengstlich zuckenden Wellen, und lehnte sich jetzt hinein in das Meer,
das ruhige aufzuruetteln aus seinem Schlaf.

Hui wie es da draengte und bohrte und die Segel fasste und schuettelte, die
es noch wagten ihm Trotz zu bieten, waehrend es dem stoehnenden Schiff
pfeilschnell die baeumenden Wogen entgegenjagte; wie die Masten aechzten und
sich elastisch der furchtbaren Kraft beugten, und die schweren Raaen in
ihren Ketten klirrten und die Falle, und Taue zum Zerspringen spannten.
Aber machtlos griff der Sturm in das kuenstliche Gebaeu, das des kecken
Menschen Hand, selbst seinen Schrecken zum Trotz, muthig und sicher ueber
die brausenden Wogen fuehrte; zur rechten Zeit waren alle ueberfluessigen
Segel geborgen und die noethigsten dicht gereeft, dem Orkan so kleine
Flaeche als moeglich zu bieten, und was noch stand, an dem konnte er ruetteln
und reissen und seine Kraft versuchen; die Leinwand war stark und neu und
die Taue hielten seinem wildesten Sprung und Drang.

Aber die Passagiere hatte er ueberrascht, denn sie waren bis jetzt an
ruhiges Wetter und ziemlich gleichmaessigen Wind gewoehnt, der es den Leuten
erlaubte ihre Segel in Ruhe zu setzen oder einzunehmen. Die noethigen
Befehle waren dabei auch natuerlich in aller Ruhe gegeben, und von den
Leuten eben so ausgefuehrt worden; das aber aenderte sich jetzt wie mit
einem Zauberschlag, und in dem wuesten Laerm der Seeleute, dem sich das
Toben der Elemente gesellte, schien dem Laien jede Ordnung im Schiff
gerade in dem Moment geloest und aufgehoben, wo die Gefahr zum ersten Mal
mit eiserner Faust an ihre Planken schlug. Die Offiziere schrieen ihre
Befehle, jedem Ohr unverstaendlich und in dem Heulen des Sturmes wild und
aengstlich klingend, ueber Deck, die Matrosen selber stuerzten herueber und
hinueber, die Segel hingen eine Zeitlang geloest und schlugen an die Masten,
die Taue fuhren wirr durcheinander, und die Hast, mit der die zum Reefen
aufgeschickten Leute nach oben eilten, nach rasch ausgefuehrtem Befehl
wieder an den Pardunen niederglitten, und die Raaen dann unter dem
schrillen Ruf des Steuermanns und dem ihnen so aengstlich klingenden
Taktsang der Matrosen aufgezogen wurden, bestaetigten bei Vielen den
schlimmsten Verdacht, und machte ihre Herzen rascher klopfen.

Die Cajuete konnte sich da noch eher Raths erholen; besorgte, an die
Steuerleute oder den Capitain gerichtete Fragen der Damen, wurden
beruhigend beantwortet, und die Gewissheit gerade, mit der die Offiziere
den Sturm vorausgesehn, und die noethigen Vorkehrungen dagegen getroffen,
hatte schon an sich etwas Trost und Vertrauen Erweckendes. Schlimmer sah
es dagegen im Zwischendeck aus, wo eine Menge Frauen und Kinder, in den
engen dunklen Raum gebannt, ueber dem sie nur das unheimlich rasche Laufen
der Seeleute und das Heulen des Sturmes hoerten, durch ihr Jammern und
Stoehnen und Wehklagen die Verwirrung, die ueberdiess schon unten herrschte,
noch arg vermehrten.

Wie dabei der Wind ueber die See tobte, hoben sich die Wellen hoeher und
hoeher, das Schiff fing an zu stampfen und in den anstuermenden Wogen
herueber und hinueber zu schlingern, dass in dem dumpfigen Raum hie und da
schon wieder die Seekrankheit ihren Arm nach einzelnen ungluecklichen
Opfern ausstreckte. Die um die Mittelstuetzen des Zwischendecks befestigten
Koffer und Kisten schurrten dabei, so weit es ihnen die nach und nach
locker gewordenen Taue gestatteten, mit der Bewegung des Schiffes bald
nach dieser bald nach jener Seite, und drohten in der That sich nach und
nach voellig loszuarbeiten aus ihren Banden, wie einzelne Schachteln mit
unvorsichtig dort aufgespeicherten Vorraethen, Stuecken Fleisch und
Zwieback, Zwiebeln und Kartoffeln, oder auch nachlaessig aufbewahrte Gefaesse
und Flaschen, ploetzlich laut wurden und hervorpolterten, den Passagieren
dadurch einen ungefaehren Begriff gebend, was sie zu erwarten haetten, wenn
sich das _schwere_ Gepaeck losscheuere und mit seinem Gewicht und den
scharfen Ecken und Kanten ueber sie hereinbreche und herueber und hinueber
schleudere.

Einige der Zwischendeckspassagiere machten sich nun zwar bereitwillig
daran, einer solchen Fatalitaet durch festes Schnueren der Taue in Zeiten
vorzubeugen; bei dem immer staerkeren Schaukeln des Schiffs wurde das aber
mehr, als sie auszufuehren vermochten; das Arbeiten in dem niederen dumpfen
Raum machte sie schwindlich und uebel, und Matrosen mussten zuletzt zu Huelfe
gerufen werden, die geloesten und nicht wieder ordentlich befestigten Taue,
die jetzt hie und da nachgaben, auf's Neue zu verbinden und Unglueck zu
verhueten.

Was uebrigens im Anfang selbst dem Capitain nur als ein eben so rasch wie
es gekommen, voruebergehendes Gewitter geschienen, artete zuletzt wider
Erwarten in einen ordentlichen Sturm aus, der mit der untergehenden Sonne
neue Kraft gewann. Die Segel blieben dicht gereeft, die Luken wurden, des
niederstroemenden Regens wegen, mit getheerter Leinwand ueberhangen, und die
Wellen wuchsen natuerlich, durch ihre eigene Schwere von Stunde zu Stunde,
bis sie die weisgekroenten Kaemme, wie funkelnde Maehnen, im Ansturm gegen
den starken Bug des Schiffes trugen, und ihre Stirnen wild und droehnend,
immer und immer wieder vergebens, dagegen schmetterten.

Die Haidschnucke kaempfte sich indessen still und unverdrossen ihre Bahn,
waehrend der Widderkopf, den sie als Brustbild auf der Gallion vorn trug,
ihr alle Ehre machte. Den starken Nacken gebogen, einem wirklichen Widder
gleich, setzte er zum Stoss ein, den anprallenden Wogen gegenueber, und wenn
sich die hochaufbaeumenden an ihm brachen, und schaeumend und brausend ihre
Sturzseen ueber Deck warfen, stieg er fest und trotzig, von dem gluehenden
Meeresschaum hell erleuchtet, daraus empor, den wilden wuesten Schlachtplan
ueberblickend, und es war fast, als ob er sich einen neuen Gegner
herausfordernd suche, zum Kampf auf Leben und Tod.

In der Nacht gab es wieder viele Kranke an Bord, und Stoehnen und Aechzen,
Beten und Fluchen toente aus dem niederen dunklen und dumpfigen Raum empor,
dem nur manche mal eine bleiche, sich ueberall krampfhaft anhaltende
Gestalt entstieg, den Schiffsbord zu suchen, sich daran festzuklammern,
und was sie drueckte, hinueber zu werfen in die boshafte tueckische See. Wehe
dem Armen dann, wenn er mit schwindelndem Hirn, und von dem ihn umrasenden
Sturm betaeubt, die Leeseite, nach der er sich zu wenden hatte, mit der
Luvseite verwechselte, und gegen den Wind seinem Leiden Luft machen
wollte; der boshafte Sturm warf ihm das dann gewiss erbarmungslos wieder
zurueck und entgegen, und eine nachstuerzende See spuehlte den Armen
vielleicht mitleidig dem nach, nach Lee hinueber, von wo er sich triefend
und betaeubt die Bahn wieder nach unten suchen musste, seiner dunklen Coye
zu.

Oh wie lang, wie entsetzlich lang dauerte die Nacht, in der selbst den
Gesunden das Kreischen der Kinder, das Jammern der Frauen, das Stoehnen und
Aechzen der Seekranken, wie das Werfen der Falle und das Stampfen der
Matrosen an Deck, jeden Augenblick Schlaf raubte oder verkuemmerte. Dabei
peitschte draussen die Fluth, die schwachen Planken, die sie allein von der
Unendlichkeit trennten, und die furchtbaren Stoesse, mit denen der scharfe
Bug des Schiffes den anprallenden Wogen begegnete, waehrend ganze Fluthen
von vorn nach aft ueber Deck stroemten, machten den maechtigen Bau bis in den
Kiel hinab erzittern, und fuellten oft die Herzen selbst der
Unerschrockensten mit jenem eigenthuemlich unbehaglichen Gefuehl, dass Holz
und Eisen doch am Ende nicht auf die Laenge der Zeit solchen unermuedlichen,
unausgesetzten Anprallen werde widerstehen koennen. Und wenn es brach? --
wenn sich die tolle Fluth die Bahn erzwang in die jetzt Leben gefuellten
Raeume, wenn die gierigen, donnernden Wogen nur einen Zollbreit Raum
gewannen, nur dass sie Halt bekamen an dem Mark des Schiffs, was dann? --
ein wilder Todeskampf, ein Angstgeschrei, der den inneren Raum erfuellte,
und mit den Wogen machtlos kaempfend rangen hunderte von Wesen, deren
Herzen jetzt noch warm und hoffend schlugen -- rangen und versanken, der
naechsten Sonne nur in wenig einzeln treibenden Hoelzern den Ort verrathend,
an dem die Tiefe sie verschlang.

Mit vollkommen ruhigem und kaltem Blut betrachtet indessen der Seemann den
Aufruhr der Elemente. An das Schiff denkt er dabei, dass er es sicher und
unbeschaedigt durch die Wogen fuehre, nicht an sein Leben, das dem Schiff
gehoert. Gewohnheit stumpft den Menschen auch zuletzt gegen eine wieder und
immer wieder kehrende Gefahr ab, sei sie noch so gross; und fast mechanisch
thut er Alles, was ihm der Augenblick eben zu thun gebietet. Sind dann die
Segel dicht gereeft, ist Alles an Deck so gut befestigt wie es geht, jede
Luke geschlossen und keine drohende Kueste in Lee, von der abzukreuzen,
sonst alle Kraefte angespannt werden muessten, dann hat der Schiffer gethan
was eben in seinen Kraeften steht, und auf gutem, seetuechtigem Schiff,
vertraut er das und sein Leben ruhig dem Schutz des Hoechsten.

Auf offener See ist die Gefahr auch lange nicht so gross; es muss da
ordentlich wehn, und eine furchtbare See muss stehn wenn es dem wirklich
guten Schiff verderblich werden soll. Reissen die Wellen auch dann und wann
einmal ein paar Ellen Schanzkleidung(12) ueber Bord, oder waschen sie gar
das Deck rein von Kambuese(13) und Wasserfaessern, trotz ihren Tauen und
eisernen Klammern, der Sturm kann nicht ewig waehren, und ein paar Stunden
ruhigen Wetters geben dem unerschrockenen Seemann bald wieder Zeit, den
gehabten Schaden, so gut das eben auf offener See geht, auszubessern. Nur
wenn er Land in Lee weiss, das bedraengte Schiff kaum im Stande ist, sich
gegen den Anprall von Wind und Wellen zu halten und die Stroemung
vielleicht gar noch dem Sturm die Hand bietet; wenn er wieder und wieder
ueber Stag(14) muss dem Wind in die Zaehne hinein zu segeln und trotz dem das
daemmernde Land immer deutlicher, immer furchtbarer zu ihm herueberstarrt,
die Brandung immer drohender, immer furchtbarer an sein Ohr schlaegt, dann
mag ihm das Herz pochen, und das Auge aengstlich am Horizont nach Rettung
suchen, ob sich die Wolken nicht lichten, die wilden Boeen nicht legen
wollen, dann allerdings lauert der Tod in den dunklen starrenden Klippen,
die gierig die Haeupter herausstrecken aus der schaeumenden Brandung, denn
das _Land_ ist des Seemanns Feind, nicht das _Meer_.

In dieser Nacht legte sich der Sturm aber nicht, und wenn er auch gegen
Morgen etwas in seinem Grimm nachzulassen schien, nahm er vor
Sonnenaufgang auf's Neue die Backen voll und tobte toller als vorher.
"S'ist eine frische Hand am Blasbalg" sagen in dem Fall scherzhafter Weise
die Matrosen, denen "eine Muetze voll Wind mehr oder weniger" nicht viel
verschlaegt. Im Gegentheil; der Lohn geht fort; haelt sie der Sturm ein paar
Tage laenger auf See, gut, desto mehr Geld haben sie zu fordern, wenn sie
das Land betreten, und koennen desto mehr verthun; ja bei schwerem Wetter
fallen sogar die laestigen Arbeiten, wie Schiemanns-Garn drehen und Werg
zupfen fort, mit denen sie in ruhiger Zeit doch ausserdem genug geaergert
werden. Die Leute sitzen dann auch meist -- mag das Wetter toben so arg es
will -- ganz ruhig und vergnuegt im Lee vom grossen Boot und erzaehlen sich
Geschichten und Anekdoten. Sind die Segel dicht gereeft, und haben die
Leute genug Taback, dann verlangen sie keine bessere Zeit und sind munter
und vergnuegt. Nur bei Windstille flucht der Matrose, denn das ist die
Zeit, in der er am meisten beschaeftigt ist.

Nur wenige von den Passagieren hatten sich aber die Nacht ueber hinauf
getraut an Deck, dem Sturm und den noch fataleren Sturzseeen kuehn die
Stirn zu bieten. Die aber, die es gewagt, waren auch reichlich durch den
wundervollen grossartigen Anblick der zuernenden See entschaedigt worden.
Zischend und schaeumend waelzten die phosphorgluehenden Wogenmassen herum,
mit ihrem geisterhaften Licht die Masten hellend, bis hinauf zu den
nackten tanzenden Spieren. Wie von silberblitzenden Adern durchzogen,
quollen die maechtigen Wellen am Schiff vorbei, das traege und stoerrisch nur
hindurchzudringen schien, und die See, die sich zu windwaerts ueber dem Buge
brach, goss tausend und tausend glimmende Funken ueber das nasse Deck und
schmueckte es wie mit blitzenden Edelsteinen. Die Windsbraut hatte dabei
den Himmel rein gefegt; mit der Tiefe wetteifernd funkelten die Sterne ihr
flammendes Licht herab, und als der Mond dem Horizont endlich entstieg,
sandte er seine zuckenden Strahlen wie matte Blitze ueber die erregte
Fluth.

Die Noth im Zwischendeck hatte indess ihren hoechsten Grad erreicht, denn
die ueberstuerzenden Seeen, die ihre plaetschernde Fluth um die Vorderluke
spuehlten, schlugen einmal sogar die Leinwand fort, und gossen einen Strom
hinab in den unteren Raum. Die Matrosen sprangen allerdings gleich zu und
schlossen die Luke mit den Lukenklappen, weiterem Eindringen des
Seewassers, weniger der Passagiere, als der unter ihnen eingestauten
Fracht wegen, zu wehren, aber der Angstruf der Zaghaftesten, "das Schiff
hat einen Leck -- wir sinken -- wir sind verloren" zuckte mit dem Nothschrei
von Lippe zu Lippe, und Alles, was sich noch auf den Fuessen halten konnte,
draengte jetzt wild zurueck, der hinteren Luke zu, den Weg von da an Deck zu
finden. Ein gewisser Instinkt trieb die Schaar an die freie Luft, wo eben
so wenig Rettung fuer sie war, als dort unten, waere ihr furchtbarer
Verdacht wirklich begruendet gewesen -- aber sie wollten nicht im Dunklen
sterben.

"Na nu setz mich mal an Land!" rief der Steuermann verwundert, als die
Passagiere ploetzlich, wie Bienen aus ihrem gestoerten Haus, an Deck
quollen, und nach dem Boot und um Huelfe schrieen, "Doeskoeppe, seid Ihr
verrueckt geworden oder was faellt Euch ein? -- wollt Ihr machen, dass Ihr
wieder hinunter kommt, oder ich lass' Euch hier oben noch einmal
begiessen!"

Die Drohung half aber Nichts, Andere pressten nach, von unten herauf, den
Erstgekommenen den Rueckzug abschneidend, und eine gerade wieder ueber das
Schiff herueberschlagende See vermehrte die furchtbare Verwirrung der zum
Tod Erschrockenen.

Unten im Zwischendeck schrie eine einzelne Frauenstimme mit
markdurchschneidenden Toenen nach Huelfe, und unheimlich klang der gellende
Laut selbst durch das Gewirr von Stimmen und das Toben der Elemente.

"Aber so nehmt doch nur um Gottes Willen Vernunft an -- zurueck da mit Euch
oder ich lasse die Luke hier ebenfalls dicht machen und keiner Mutter Sohn
wieder an Deck herauf" -- bat und fluchte der Seemann -- aber Alles umsonst;
ein panischer Schrecken hatte sich der unglueckseligen Passagiere
bemaechtigt und Einzelne, die von der ueberstuerzenden See fortgewaschen an
Deck herumschwammen, und wie sie nur den Mund wieder frei bekamen, nach
Rettung bruellten, setzten der heillosen Verwirrung die Krone auf, und
trieben jetzt auch die Cajuetspassagiere in Todesangst aus ihren Coyen.

Es bedurfte wohl einer halben Stunde Zeit, in der die Matrosen die, die am
meisten schrieen, und sich am unsinnigsten geberdeten, anfassen, schuetteln
und erst wieder zur Vernunft stossen mussten, bis die Leute nur anfingen zu
begreifen, dass ihnen keineswegs eine unmittelbare Gefahr drohe, und der
Sturm eben nicht aerger das noch vollkommen tuechtige und dichte Schiff
umtobe, als am Abend, wo sie sich ruhig in ihre Coyen zum Schlafen
niedergelegt. Die Vernuenftigsten der Schaar, die sich doch auch ihres
Kleinmuths wegen zu schaemen begannen, wollten deshalb eben wieder hinunter
in das Zwischendeck steigen, wo der Laerm noch aerger als vorher tobte, auch
dahin die troestliche Nachricht zu bringen, und die Verzweifelnden zu
beruhigen, als sich von dort herauf der Tischler Leupold wild und
aengstlich die Bahn brach, und nach dem Arzt -- dem Doktor schrie, um Gottes
und des Heilandes Willen seiner Frau zu Huelfe zu kommen.

"Was ist -- was giebts?" riefen die Leute durcheinander, und der Steuermann
fasste den halb Rasenden und frug ihn, was geschehen sei; dieser aber riss
sich los und bat und flehte, nur den Arzt aus der Cajuete zu holen, damit
dieser der Ungluecklichen beistehn koennte, die ploetzlich _wahnsinnig_
geworden waere.

_Wahnsinnig_, es ist ein furchtbares Wort, und der Sturm heulte seine
tolle Weise darein, die Masten knarrten und aechzten und durch die Bloecke
pfiff es wie in wilder unheimlicher Luft.

"Der Arzt -- wo ist der Doktor!" riefen die Leute jetzt durcheinander, den
Sturm fast vergessend ueber die augenblickliche, dringendere Noth des
Mitpassagiers -- "der Doktor!" und selbst der Steuermann, der sich sonst
wahrlich nicht beeilte, wenn ein Zwischendeckspassagier oder ein Passagier
ueberhaupt, einen Wunsch aussprach, sprang in die Cajuete hinein, den
"Doktor" herauszuklopfen, damit er helfen koenne, wenn hier ueberhaupt
menschliche Huelfe noch moeglich war.

Der Doktor lag angezogen in seiner Cajuete auf dem Bett, und sprang bei dem
ersten Ruf schon rasch und bereitwillig auf, aber er sah selber
todtenbleich aus, und ein neuer Angriff der Seekrankheit, mit der Angst um
das eigene Leben, hatte ihm jeden Blutstropfen zum Herzen zurueckgejagt.

"Doktor machen Sie rasch -- eine Frau ist im Zwischendeck wahnsinnig
geworden -- Sie muessen helfen!" rief der Steuermann.

"Eine Frau wahnsinnig?" stoehnte der unglueckliche Sohn Aesculaps -- "das ist
ja entsetzlich, das ist ja gar zu traurig -- was werden -- was werden wir
ihr denn da gleich eingeben --"

"Sehn Sie sich die Kranke nur erst einmal an" rief aber der Steuermann
ungeduldig, als der Doktor in allen seinen Taschen nach seinem Besteck an
zu suchen fing -- "bis Sie hinunterkommen kann sie todt sein, wenn Sie so
lange machen."

"Ja wenn das aber _so_ schnell geht" sagte der arme Hueckler in
Verzweiflung, "dann werde ich ihr mit meinem Besuch auch nicht mehr viel
helfen koennen -- das ist eine verzweifelte Geschichte und indessen der
Sturm" -- murmelte er vor sich hin, als er die niedere halbe Treppe an Deck
hinaufstieg und sich oben gleich anhalten musste, auf dem spiegelglatten
Deck, nicht nach Lee zu geworfen zu werden -- "heilige Dreifaltigkeit,
Steuermann, das Deck geht Einem ja unter den Fuessen fort -- das Schiff ist
zu schwer auf der einen Seite."

"Haette bald was gesagt," murmelte aber der alte Seebaer zwischen den Zaehnen
durch, waehrend er ihn auf der linken Seite stuetzte, dass er nur rascher
vorwaerts kam.

Unter Deck hatte sich indessen eine Gruppe von Frauen meist um die
unglueckliche Tischlersfrau gesammelt, die sich den Haenden der sie
haltenden Maenner fortwaehrend zu entwinden suchte, und dabei laut lachte
und schrie, und wunderliche, verslose Lieder sang. Der junge Donner,
waehrend er sich mit der linken Hand selber fest an der naechsten Coye hielt
und seinen linken Fuss zwischen die dort befestigten Kisten eingeklemmt
hatte, hielt sie mit dem rechten Arme umschlungen, dass sie sich nicht
selber von ihrem Stand herunterstuerzte, und Leupold, mit Herrn Mehlmeiers
Huelfe, suchte sie auf der anderen Seite zu stuetzen und zu beruhigen und
sie nur zu bewegen, dass sie sich erst einmal wieder in ihre Coye lege.

Ueber dieser von einer gewoehnlichen Schiffslaterne beleuchteten Gruppe,
oben an der steilen, in das Zwischendeck niederfuehrenden Treppenleiter,
erschien jetzt der Doktor, und musste mit Gewalt den Ekel bezwingen, der
ihm bei dem furchtbaren Schaukeln des Schiffs, und dem warmen, von unten
zu ihm aufstroemenden Dunst des inneren Decks zu erfassen drohte. Gerade
aber, als er sich umdrehte um niederzusteigen, sah und erkannte ihn die
Frau und schrie auf, als ob sie einen Geist erblickt "Er will mich wuergen
-- er will mich wuergen." Der arme Doktor, ueberdiess nicht auf festen Fuessen,
drehte sich bei dem Schrei halb um, rutschte auf seinem schluepfrigen Stand
aus und glitt halb, halb fiel er mitten zwischen die Gruppe hinein.

"Hahahaha!" lachte da die Unglueckliche hell und laut auf -- "hahahaha, er
hat den Hals gebrochen, er hat den Hals gebrochen" und sank besinnungslos
zurueck in Georg Donners Arm, waehrend ihr Mann kaum noch Zeit behielt, sie
mit zu unterstuetzen.

Hueckler hatte sich indessen rasch und erschreckt wieder erhoben, und
waehrend er sich an der Treppe und den Kisten zu der Patientin hinfuehlte,
riss Hedwig ihre Matratze aus dem eigenen Bett, sie der Frau vor der Coye
unterzubereiten, und kauerte dann neben ihr nieder, ihren Kopf zu
unterstuetzen. Dem Doktor wurde indessen mit kurzen Umrissen die moegliche
Ursache des Ungluecks mitgetheilt, das der arme Tischler von einem Sturz
herruehrend glaubte, den die Frau an dem Morgen gethan. Sie war dabei mit
dem Hinterkopf gegen eine Kistenecke geschlagen, und trotzdem, dass sich
kein Zeichen aeusserer Verletzung deutlich machte, viele Minuten lang
bewusstlos liegen geblieben; hatte auch nachher, als sie wieder zu sich
kam, ueber Kopfschmerz geklagt, sich jedoch sonst wohl befunden, bis der
Sturm an dem Abend ueberhand nahm, und nun die Angst, vielleicht das Uebel
verschlimmernd, die fruehere Verletzung des Hirns zum Ausbruch draengte.

_Dr._ Hueckler hatte indessen den Puls der Kranken in seiner Hand gehalten,
und befand sich in groesster Verlegenheit, was ihm in diesem Fall zu thun
oder zu lassen bliebe. Der Wahnsinn, weder in seinem Ursprung, noch seiner
Wirkung, stand nicht in dem Medicinbuch mit angegeben, und so viel und
sorgsam er sich auf fast alle uebrigen Krankheiten und Zustaende
vorbereitet, so wenig hatte er einen solchen Fall fuer moeglich gehalten, ja
in der That nicht einmal daran gedacht. Aderlassen! das blieb das Einzige
-- er hatte auch eine wirkliche Schwaeche fuer Aderlassen, und es befand sich
nicht eine Person an Bord, die seine Huelfe in Anspruch genommen, sei es
fuer was auch immer, und ohne einen Aderlass davongekommen waere. Keinenfalls
konnte der schaden. Sein Besteck also, das er, als er die eigene Coye
verliess, fast instinktartig zu sich gesteckt, herausnehmend, ging er auch
ohne weiteres daran, die Operation mit gewohnter Fertigkeit vorzunehmen.
Georg Donner unterstuetzte ihn dabei nach besten Kraeften und Doktor
Hueckler, der dadurch wieder seine ganze fruehere Zuversichtlichkeit erlangt
hatte, verordnete noch, ehe er das Zwischendeck verliess, und als die
Kranke wieder Zeichen zurueckkehrenden Bewusstseins gab, sie jetzt fest in
ihre Coye zu packen, mit Kissen wohl zu verwahren, damit sie nicht
herausfallen koenne, und sie die Nacht durch ordentlich und fest schwitzen
zu lassen.

Georg Donner wollte hiergegen Einspruch thun, Doktor Hueckler aber, dem
durch den langen Aufenthalt im Zwischendeck selber wieder der Schweiss auf
die Stirn trat, und dem es wuest und unbehaglich zu Muthe wurde, hatte
seine Instrumente schon zusammengepackt, und verliess rasch den dumpfigen
Raum. Donner aber stieg, ohne weiter ein Wort zu verlieren, ebenfalls an
Deck, holte einen Eimer voll Seewasser herunter, den er an einen der in
den Queerbalken befestigten Haken hing, liess sich dann von Leupold ein
reines Handtuch geben, das er mit dem kalten Wasser netzte, und rieth ihm,
die Frau vor der Coye auf der Matratze liegen zu lassen, und ihr
fortwaehrend kalte Umschlaege auf die fiebergluehende Stirn zu legen, die
Hitze daraus zu bannen. Hedwig, die nicht von der Seite der Kranken wich,
uebernahm das Amt, die Umschlaege zu erneuern, und trotz dem furchtbaren
Stampfen des Schiffes, das gegen die mit jeder Stunde hoeher wachsende See
fortwaehrend anzukaempfen hatte, wurde endlich Ruhe im Zwischendeck. -- Die
Passagiere fanden, dass die Gefahr nicht so nah sei wie sie geglaubt, und
ergaben sich endlich -- was sie haetten gleich von Anfang an thun sollen --
ruhig in ihr Schicksal.

Der naechste Morgen brach trueb und eben noch so stuermisch an; mit der
ersten Daemmerung war es fast, als ob sich der Wind etwas legen wollte, wie
aber die Sonne roth und flammend aus dem schaeumenden Wogenkessel sich hob,
gewann der Sturm neue Kraft und heulend und rasend fegte er die See. Hei
wie er die maechtigen, mit durchsichtigen Kronen ueberworfenen Wogen fasste,
die Schulter dagegen stemmte, und die baeumenden Kaemme aufgriff und in
Silberperlen ueber die grollende See hinaus streute; wie er sich in die
fliegenden Berge wuehlte und ihnen den Boden unter den Fuessen wegriss, neue
zu bauen mit _einem_ maechtigen Hauch; wie er sie tanzen liess die
gewaltigen Rosse der See, die in unabsehbaren Reihen sich stuerzend und
draengend, vor ihm flohen, und seine starke Faust doch immer und immer
wieder im Nacken fuehlten, wie Sporn und Peitsche, sie zu wilderem Lauf zu
treiben, zu rascherem Sturz. Ha wie das kochte und gohr in den Kesseln und
Schluchten, und die Schaumesadern zu wirbelnden Trichtern in die Tiefe
zog. Schlag auf Schlag donnerte dabei der Wogen Schaar gegen den
zerpeitschten Bug des wackeren Schiffes an, doch Stoss um Stoss erwiedernd
hob sich das wie mit wachsendem Muth, als der grimme Feind ihm wuchs, auf
dessen Nacken, die klare perlende Fluth von den Schultern schuettelnd, dem
neuen Gegner keck die Stirn zu bieten. Wie die Wolken ueber den mattblauen
Himmel jagten, als ob sie die Sonne verscheuchen wollten in ihr tobendes
Bett und die Moeve mit schrillem Ruf ihre Kreise zog in Lee des Schiffs,
ein boeses Zeichen fuer den Seemann, der dann wohl sicher weiss dass er noch
schweres Wetter zu ueberstehen hat, trotz Sonnenschein und Licht.

Die Kranke im Zwischendeck hatte die Nacht indessen ziemlich ruhig
verbracht; der starke Blutverlust, wie die kalten Umschlaege um Stirn und
Schlaefe, die Hedwig ihr ununterbrochen aufgelegt (denn Leupolds eigene
Mutter war selber so seekrank dass sie den Kopf nicht in ihrer Coye heben
konnte) schienen ihren Zustand, wenn auch noch nicht ganz gehoben, doch
wesentlich verbessert zu haben. Auch die uebrigen Passagiere, mit Ausnahme
vielleicht von sechs oder acht, wurden das Schaukeln nach und nach
gewoehnt, und aengstigten sich nicht weiter ueber die Sturzseeen, die ihnen
wohl ein paar Tons Wasser ueber Deck schleuderten, aber weiter eben keinen
grossen Schaden thaten, viel weniger denn die Sicherheit des Schiffes
selbst gefaehrdeten.

Am wackersten hielt sich bei diesem Unwetter die Cajuete, deren Passagiere
aber auch luftigere und geraeumigere Lager und bessere und leichtere Kost
hatten, der Seekrankheit zu begegnen. Nur Fraeulein von Seebald huetete an
dem Tage noch ihr Bett, heftiger Kopfschmerzen wegen wie sie sich
entschuldigen liess, sonst waren Alle munter und auf den Fuessen, und selbst
der Mittagtisch versammelte sie heute, wie in stiller Zeit.

Boese Arbeit aber gab es dabei fuer den Steward und Cajuetenwaerter, Geschirr
und Speisen nicht allein gluecklich von der Cambuese ueber Deck in die Cajuete
zu schaffen, sondern auch dort so zu stellen und zu befestigen, dass sie
durch das tolle Springen des Schiffs nicht vom Tisch heruntergeworfen
wurden. Ein eigenes Gestell, das Herr von Benkendroff gerade nicht
unpassend das _Marterholz_ nannte, da es sich nur bei unruhigem Wetter
zeigte, und eine Masse fuer ihn fataler Unbequemlichkeiten mit sich
brachte, wurde ueber dem, auf dem Tisch ausgebreiteten, nicht uebermaessig
reinlichen Tischtuch festgemacht. Dieses, durch etwa drei Zoll hohe
Querhoelzer verbunden und in Quadrate getheilt, schloss durch seinen hohen
Rand den Tisch vollkommen ein, und hielt Teller und Schuesseln so ziemlich
fest, dass sie wenigstens nicht hinunterrutschen konnten, war aber
natuerlich nicht im Stande das Ueberlaufen der Schuesseln und gefuellten
Teller zu verhindern, wenn man sie haette vor sich auf den Tisch stellen
wollen. Diese forderten deshalb auch gebieterisch die ungeteilte
Aufmerksamkeit der Essenden, und die geringste Unachtsamkeit blieb gewiss
nicht ungestraft.

Herr von Hopfgarten hatte indess von dem Krankheitsfall im Zwischendeck
gehoert, war gleich hinuntergegangen sich selber zu ueberzeugen, und erfuhr
dort was Doktor Hueckler der Kranken nach dem Aderlass verordnet habe, und
wie diese gerade durch das Gegentheil wenigstens so weit hergestellt
worden, sie fuer jetzt ausser Gefahr zu halten. In die Cajuete zurueckgekehrt
hatte er dann aber auch nichts Eiligeres zu thun, als die Damen davon in
Kenntniss zu setzen, und waehrend diese der Leidenden _Eau de Cologne_ zum
Einreiben und leichten Zwieback fuer eine mehr passende Nahrung als die
schwere Schiffskost, hinunterschickten, nahm Herr von Hopfgarten den
Doktor bei einem Knopf, zog ihn in die naechste Ecke und machte ihm hier
die ungeheuersten Elogen wegen der fabelhaften Kur die er in dieser Nacht
vollbracht, und womit er jedenfalls das Leben der Frau auf die
eclatanteste Weise gerettet habe. Der arme Teufel von "Doktor" wusste
freilich im Anfang nicht wohin er aus Verlegenheit sehen sollte, war auch
von dem kleinen Mann schon so oft zum Besten gehalten worden, um ihm in
diesem Fall gleich zu trauen, dass er es wirklich ehrlich meine; Herr von
Hopfgarten verzog aber keine Miene dabei, ja rief zuletzt selbst den
Capitain und die uebrigen Cajuetspassagiere herbei, und gratulirte sich und
ihnen einen so wackeren Arzt an Bord zu haben, der mit Kopf und Herz auf
der rechten Stelle, eine grosse Beruhigung fuer eine, von jeder weiteren
Huelfe abgeschnittene Schiffsgesellschaft sein muesste.

Dem Chirurgen Hueckler that aber das Lob, das so offen gespendet auch
aufrichtig gemeint sein musste, nicht allein unendlich wohl, sondern er
bekam sich auch wirklich selber in Verdacht, in letzter Nacht eine hoechst
schwierige Kur mit seltener Geistesgegenwart und richtigem Urtheil
aufgefasst und behandelt zu haben, und doch am Ende von der Medicin mehr zu
verstehen, als er sich selber zugetraut. Durch dieses Selbstvertrauen aber
fuehlte er sich gehoben, wurde gespraechig, und fing nun an, wie das leider
ueberhaupt seine Gewohnheit war, einzelne andere, mitunter hoechst
merkwuerdige Kuren zu erzaehlen, die er in frueheren Zeiten gemacht, und
wodurch er das Leben schon von anderen Aerzten aufgegebener Patienten
mehrmals gerettet haben wollte. Herr von Hopfgarten ging darauf ein sich
das Alles aufbinden zu lassen, und Hueckler schwamm in einem Meer von
Wonne.

Die Suppe wurde indessen aufgetragen, und der Steward, in der linken Hand
die Klingel schwingend, mit der er die Passagiere herbeirief Platz zu
nehmen, hielt mit der rechten die auf den Tisch gestellte Terrine, in der
die heisse Huehnersuppe qualmte, sie vor dem Ueberschwappen zu bewahren. Des
Doktors Geschaeft war es uebrigens bei Tisch die Suppe auszutheilen, und
ueberhaupt vorzulegen, ein Amt das sich der Capitain, mit seinen
unangenehmen Consequenzen bei einem stark besetzten Passagierschiff, gern
vom Hals geschafft; er sass dabei zu Starbord an der Mitte des Tisches,
neben ihm zur Rechten Eduard Lobenstein, und zur Linken Herr von
Hopfgarten, waehrend ihm gegenueber Frau von Kaulitz mit Herrn von
Benkendroff die Sitze inne hatten. Professor Lobenstein mit Frau und den
juengsten Kindern nahm den vorderen Theil des Tisches ein, und die jungen
Damen hatte der Capitain so placirt, dass sie gerade um ihn selber herum zu
sitzen kamen. Das Schiff lag dabei fast vollstaendig auf der Larbordseite,
den an diesem Bord bei Tische Sitzenden eine keineswegs bequeme Stellung
gewaehrend, obgleich die Mahagony- und mit geflochtenem Rohr ueberzogenen
Baenke, auf denen sie sassen, wohl befestigt waren, und nicht wanken und
weichen konnten.

So wie Doktor Hueckler am Tische Platz genommen, und die Terrine mit der
linken Hand gefasst hatte, liess der Steward sie los, um weitere Beduerfnisse
der Tischgaeste herbeizuholen, und waehrend sich die uebrigen Passagiere
ebenfalls setzten, fuellte der Doktor jedem seine Portion auf den
dargereichten Teller. Das Schiff schwankte dabei nach allen moeglichen
Richtungen hin, und die Damen besonders hatten im Anfang beide Haende voll
zu thun, nur ihren Teller mit der Suppe zu balanciren, dass er nicht bald
da bald dort ueberlaufe. Es gehoerte auch erst in der That einige Uebung
dazu, dies Geschaeft der linken Hand allein anzuvertrauen, und, mit den
Augen fest auf den Tellerrand geheftet, der geringsten Bewegung
augenblicklich zu begegnen, mit der rechten Hand indessen nach dem Loeffel
herumzufuehlen, bis man den gluecklich fand, und nun mit aeusserster Vorsicht
daran zu gehen sein Theil dem Munde zuzufuehren. An ein Hinsetzen des
Tellers auf den Tisch durfte, ehe abgegessen war, gar nicht gedacht
werden. Die einzige Schwierigkeit fuer den Doktor selber war indessen, dass
er, als er Allen ausgefuellt hatte, seinen eigenen Teller nicht bedenken
konnte, ohne die Terrine preiszugeben, das Schwanken des Schiffes hatte
jedoch fuer den Augenblick ein wenig nachgelassen, die Terrine selber war
auch fast ganz geleert, und sie deshalb zwischen eine Schuessel mit
Kartoffeln und das Querbret so fest als moeglich einzwaengend, dass sie
ziemlich sicher stand, begann er seine eigene Portion, denn Huehnersuppe
war ein Leibgericht von ihm, zu verzehren.

"Herr Capitain" sagte er dabei, "Sie erlauben mir wohl dass ich nachher der
Kranken einen Teller von dieser Suppe in's Zwischendeck schicke; die wird
ihr gut thun."

"Ja woll Doktor, man tau" sagte Capitain Siebelt, der mit dem Doktor, sehr
zu dessen Aerger, am liebsten platt sprach -- "wo geiht et denn?"

"Oh gut, Capitain, ich denke wir sollen sie durchbringen, und heute Abend
will ich ihr wieder eine Portion Schroepfkoepfe setzen. Das Blut gestern sah
dick und truebe aus, und kam faul und schleimig aus den Adern, aber ich
denke wir bringen sie durch."

Herr von Benkendroff sah den Sprecher, der ihm durch solche Beschreibung
das Essen zu verderben drohte, mit einem hoechst missvergnuegten Blicke an,
sagte aber kein Wort, und der Doktor, dem das heraufbeschworene Bild
andere, aehnliche seiner frueheren Praxis vor die Seele rief, fuhr in dem
vergeblichen Versuch ein Huehnerbein zu bewegen auf dem Loeffel liegen zu
bleiben, schmunzelnd fort:

"Wissen Sie Capitain, in Bremerhafen der Matrose, der im vorigen Sommer an
Bord des Gellert von der Raanocke herunter und auf den Anker des daneben
liegenden "Alexander White" fiel, und sich auch den Hinterkopf so boes
dabei verletzte, der brach zwei Stunden lang die reine Galle, und lag drei
volle Tage besinnungslos, ehe er wieder zu sich kam. An dem haben wir was
herumgeschroepft und Adergelassen."

"Aber ich bitte Sie um Gottes Willen Doktor, schweigen Sie doch nur ein
einziges Mal, wenigstens ueber Tisch, von ihren abscheulichen Operationen
und Krankheiten" bat ihn da Henkels junge Frau, "Sie verderben uns jedes
Mal das Essen."

"Aber beste Madame Henkel" entschuldigte sich der Geschaeftseifrige -- "es
sind das so natuerliche Sachen, und was mit unserem eigenen Koerper in
Verbindung steht, sollte uns eigentlich nie Ekel verursachen --
Hautkrankheiten vielleicht ausgenommen, besonders mit feuchten --"

"Ich verlasse den Tisch, wenn Sie nicht aufhoeren!" rief aber die junge
Frau, jetzt ernstlich boese gemacht.

"Sie thaeten ueberhaupt besser sich mehr mit Ihrem Teller zu beschaeftigen"
bemerkte jetzt auch Herr von Benkendroff, "Sie haben schon zweimal
uebergegossen, und die ganze Geschichte kommt hier nach uns herueber."

"Halten Sie die Terrine!" schrie in demselben Augenblick der Capitain,
halb von seinem Sitze emporfahrend, als das Schiff ploetzlich scharf nach
Starbord ueberlegte; der Tisch stand in dem Moment fast ganz gerade, ja
lehnte eher noch etwas nach rechts hinueber, trotzdem dass das Schiff auf
der Larbordseite lag. Der Doktor sah sich deshalb, so von allen Seiten
zugleich ermahnt, auch bestuerzt nach dem Capitain um, aber kaum wandte er
den Blick von dem eigenen Teller, als dieser seinen Inhalt auch auf das
Tischtuch ausleerte, und wie er ihn rasch und erschreckt, wenn gleich
etwas zu spaet, auskippte, holte das Schiff zurueck.

"Die Terrine!" schrie nochmals der Capitain, aber das donnernde Getoese
einer ueber Bord schlagenden See, die das Schiff bis in seine innersten
Rippen erzittern machte, und an Deck prasselte, als ob sie Breter und
Planken in Atome schmettern muesste, liess seine Warnung, mit der Verwirrung
die ihr folgte, ungehoert verhallen. Die ganze Tischplatte stand in dem
furchtbaren Wurf fast senkrecht, und die Terrine mit allem was sie noch an
heisser Huehnerbruehe enthielt, mit Kartoffeln und Erbsen, und saemmtlichen
Messern und Gabeln wie saemmtlichen Suppentellern der Starbordlinie kam in
dem Augenblick, wo sich die Passagiere nur an den Baenken halten mussten
nicht selber fortgeworfen zu werden, nach Lee hinueber, und zwar erhielt
Frau von Kaulitz, die nie ausser in einem seidenen Kleide bei Tische
erschien, den Vortheil der ganzen Suppe, von der nur noch hoechstens ein
Teller voll der Weste und den Beinkleidern des Herrn von Benkendroff zu
Gute kam, waehrend die Erbsen und Kartoffeln ziemlich gleichmaessig ueber die
anderen beiden Flanken vertheilt wurden. Selbst der Tisch, gegen den sich
der Doktor mit seinem ganzen Gewicht warf, drohte aus seinen Klammern und
Schrauben herausgerissen zu werden, und waere auch richtig gefolgt, haette
der eben in die Cajuete kommende Steward nicht mit vieler Geistesgegenwart
die Sauce der Frau Professorin in den Schooss, und sich selbst, indem er
die Fuesse gegen die Wand stemmte, mit der Schulter gegen die Tischplatte
geworfen, wenigstens das noch daraufstehende Geschirr zu retten, das jetzt
in den Querhoelzern des Aufsatzes haengen blieb.

Ueberall in der ganzen Cajuete klirrte und klapperte es dabei, in dem
Vorrathsspintge fielen die auf solchen Wurf nicht vorbereiteten Flaschen
und Glaeser durcheinander, in den verschiedenen Coyen stuerzten Buecher,
Cigarrenkisten und andere Sachen zu Boden nieder, und schurrten dort, mit
der spaeteren Bewegung des Schiffes herueber und hinueber, und in der Coye
des Fraeulein von Seebald klirrte es und brach's, und das Fraeulein stiess
einen durchdringenden Schrei aus.

Der Doktor trug uebrigens die ganze Schuld, und kaum hatten sich die
Passagiere nur wieder in etwas zusammengelesen und das Schiff einen
ruhigeren, wenigstens nicht mehr so kopfueberen Gang angenommen, als Alle
ueber den armen Teufel herfielen und ihm die bittersten Vorwuerfe machten
die Terrine nicht gehalten, den Tisch nach vorne uebergestossen, und mit
beiden Ellbogen noch saemmtliches anderes Geschirr nachgeworfen zu haben.
Frau von Kaulitz war dabei ausser sich, und gerieth noch in groesseren Zorn,
als sie sich in ihre Cajuete zurueckziehen wollte, und deren Thuere
verschlossen fand. Die Mitbesitzerin weigerte sich dabei sogar hartnaeckig
zu oeffnen, und fuegte sich erst nach langem Parlamentiren, der gerechten
Forderung, waehrend sie im Inneren den erlittenen Schaden wahrscheinlich
wieder so gut das eben anging zu verbessern suchte. Herr von Benkendroff
verliess ebenfalls den Tisch, oder vielmehr die Truemmern desselben, und nur
Henkels junge Frau, trotz den Flecken die auch ihr Kleid von Wein und
Erbsen bekommen, wollte sich todtlachen ueber die Scene, wie die darauf
folgende Confusion, und hoerte nicht auf den armen Doktor, als gerechte
Strafe fuer seine ewigen und entsetzlichen Krankheitsbeschreibungen, zu
necken und zum Besten zu haben.

An dem Nachmittag legte sich der Sturm. Die See ging allerdings noch hohl,
und wie der Druck nachliess, den der Wind selber auf das Schiff ausgeuebt,
dass dieses sich mehr emporrichten konnte, wurde auch die Bewegung
desselben, das Schlingern und Stampfen, eher noch heftiger; aber die Wogen
selber beruhigten sich doch mehr, wenn es auch laengere Zeit bedurfte ehe
diese riesigen Wasserberge, die sich jetzt nur noch durch die eigene
Schwere hoben, und mit zerfliessendem Kamm in sich zusammenbrachen,
vollstaendig in ihr altes Bett zurueckkehren konnten.

Der bis dahin so unguenstig gewesene Wind, der das Schiff mehr
zurueckgeworfen, als in seinem Cours vorwaerts gebucht hatte, raeumte mehr
und mehr auf(15), die Reefen wurden ausgeschuettelt, die Raaen aufgebrasst,
die leichteren Segel wieder gesetzt, und am naechsten Morgen flog das
wackere Fahrzeug fast vor dem Wind, und nur noch etwas gegen die schwere
See ankaempfend, rasch und fluechtig seine Bahn entlang, dem fernen Ziel
entgegen.





                                Capitel 7.


                              LEBEN AN BORD.


Vierzehn Tage waren nach dem, im vorigen Capitel beschriebenen Sturm
verflossen, und nichts Besonderes in der Zeit an Bord der Haidschnucke
vorgefallen. Der Wind blieb ihnen aber, wenn auch nicht besonders stark,
doch ziemlich guenstig, dass sie wenigstens fortwaehrend Cours anliegen oder
steuern konnten(16), und bei dem herrlichen und schoensten Wetter den
ruhigen Passat benutzen durften. In jenen Breiten weht die Luft so
gleichmaessig, dass sogar eine Veraenderung an den Segeln nur selten noethig
war, und die Passagiere, die auch wohl sahen dass sie tuechtig dabei
vorwaerts rueckten, fingen schon an ungeduldig zu werden, frugen
unaufhoerlich die Steuerleute und Matrosen wann sie wohl "nach Amerika"
kommen wuerden, und kramten den ganzen ausgeschlagenen Tag in ihren Kisten
und Kasten herum ihre "Uferkleider" wieder vorzusuchen, Stiefeln und
Schuhwerk von Schimmel zu reinigen, Waesche auszuwaschen, und Tuchroecke und
Hosen an die Luft zu haengen und auszusonnen.

Eine eigenthuemliche Veraenderung war aber doch mit manchem der Passagiere,
waehrend der langen Seereise, vorgegangen. Besonders die Maenner, die sich
im Anfang noch, als ihnen das Schiffsleben fremd und ungewohnt vorkam,
wenigstens sauber und reinlich gehalten, und regelmaessig ihre gewoehnliche
Kleidung angelegt hatten, als ob sie an Land gehen wollten, fingen an
nachlaessig zu werden, und liessen ihrer Bequemlichkeit in dem Schmutz des
Zwischendecks den Zuegel schiessen. Diesen voran waren Steinert, und selbst
Mehlmeier, die schon lange ihre Tuchkleider in die Kisten gepackt, und nur
noch in den ersten Wochen angefangen hatten zwei und drei Hemden
woechentlich auszuwaschen. Das machte ihnen aber bald auch zu viel Mueh';
wozu sich vor den Anderen geniren? -- mit der Cajuete, so oft sie das auch
versucht, kamen sie doch in keine Beruehrung, denn das nicht unbegruendete
Geruecht dass sich Ungeziefer im Zwischendeck gezeigt, hielt jetzt selbst
Herrn von Hopfgarten ab sich noch zwischen die Leute zu mischen, und fuer
ihre gewoehnliche und alltaegliche Gesellschaft waren sie auch so gut und
reinlich genug. In zertretenen Pantoffeln und abgerissenen Staubhemden und
Hosen, Steinert ein rothgesticktes sehr schmutziges Sammetkaeppchen,
Mehlmeier eine einfachere aber nicht reinlichere oestreichische Muetze auf
(wobei der vergoldete Knopf vorn, wie der gelbe Streifen darum ihm das
Ansehn eines heruntergekommenen Beamten gaben) trieben sie sich den Tag
ueber an Deck herum, und warfen sich den Abend meist unausgezogen auf ihr
Lager. Steinert trank dabei; aber der Wein, den er sowohl wie Mehlmeier zu
ihrer Staerkung unterwegs mitgenommen, war lange verbraucht, und der
Weinreisende sah sich genoethigt seiner durstigen Kehle den leichter zu
bekommenden aber auch gefaehrlicheren Branntwein zu goennen. Er betrank sich
allerdings nicht, aber er wurde sehr lustig und laut, und Mehlmeier, der
ihm gerade nicht regelmaessig, aber doch sehr haeufig Gesellschaft dabei
leistete, setzte sich dann zu ihm und sang mit ihm, bis sie gewoehnlich
Abends von dem wachthabenden Steuermann zur Ruhe verwiesen wurden, weil
die zur Coye gegangenen Matrosen nicht schlafen konnten.

Noch immer der Alte war und blieb Zachaeus Maulbeere, der Exprediger des
Zwischendecks, der aber nichtsdestoweniger, und trotzdem dass es ihm an
Deck verboten worden, im unteren Raum noch mehrmals Reden, und zwar meist
in der angefangenen Art gehalten, und immer eine bereitwillige Schaar
Zuhoerer gefunden hatte. Die Bessergesinnten wollten es freilich auch unten
nicht dulden, und der fromme Weber meinte der damalige Sturm sei
unmittelbar der Gotteslaesterung gefolgt, ja ihr ganzes Schiff wuerde noch
dem Zorn des Allmaechtigen verfallen, wenn sie den schlechten Menschen
seine nichtsnutzigen und teuflischen Reden unter sich halten liessen, die
Mehrzahl war aber gegen ihn, und die Steuerleute mochten sich nicht in das
mischen was unter Deck vorging, so lange es nicht das Schiff selber betraf
und schaedigte. Uebrigens trug er noch -- und kein Mensch an Bord hatte ihn
je ohne den gesehn -- denselben verblichenen gruenen Oberrock mit den glatt
und glaenzend gescheuerten Schultern, den er an dem Morgen getragen, als er
den Weserkahn zuerst betrat. Selbst Nachts that er ihn nicht von sich, und
anstatt sich ueberhaupt vor Schlafengehn, wie man es im gewoehnlichen Leben
doch eigentlich thut, zu entkleiden, zog er im Gegentheil zu dieser Zeit
noch einen alten einmal blau gewesenen Mantel mit drei oder vier Kragen,
_ueber_ seinen Rock, brachte die Kragen dann durch einen ploetzlichen Ruck
nach oben unter den Kopf, schob sich mit einem der naegelbeschlagenen
Schuhe, die er ebenfalls nie von den Fuessen that, die wollene Decke zur
Hand, zog sie bis an sein Kinn, und war dann meistens schon nach wenigen
Minuten fest und schnarchfaehig eingeschlafen. Die Waesche hatte ihn dabei
noch Niemand an Bord wechseln sehen, und war es, so musste es heimlich in
der Nacht geschehen sein, wie eine Sache wegen der man sich zu schaemen
haette. Den Rock trug er uebrigens seit den letzten 14 Tagen bis oben an den
Hals hinauf zugeknoepft, oder vielmehr mit Bindfaden zugebunden, da der
oberste Knopf der ununterbrochenen anstrengenden Beschaeftigung erlegen
war. Nicht einmal die gesprenkelte Weste kam mehr zu Tage.

Die einzige Person auf dem ganzen Schiff, mit der Maulbeere je verkehrte
und sich manchmal unterhielt -- wenn das Gespraech der Beiden ueberhaupt eine
Unterhaltung genannt werden konnte, -- war der Mann mit den
kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt, seine Frisur aber
keineswegs beibehalten, sondern der Natur, seit er auf dem Schiffe war,
voellige Freiheit gelassen hatte, ihm Kopf, Kinn und Oberlippe wieder nach
Herzenslust mit schwarzen struppigen dichten Haaren zu ueberziehen. Er sah
auch aeusserlich dadurch ganz anders aus, als wie er vor so viel Wochen das
Schiff betreten hatte, in seinem Betragen aenderte das aber Nichts, und
fest und verschlossen gegen Alle, blieb der eben so schweigsame
Scheerenschleifer wirklich der Einzige an Bord, den er fuer wuerdig hielt
manchmal eine oder die andere seiner Bemerkungen hingeworfen zu bekommen,
wonach es diesem dann vollkommen frei stand, irgend etwas darauf zu
erwiedern oder nicht. Seine Frau, eine schlanke, nicht unschoene aber etwas
abgelebte Gestalt, schien am allermeisten von saemmtlichen Passagieren des
ganzen Schiffes an der Seekrankheit gelitten zu haben, die sie wirklich
nur in den windstillen Tagen gaenzlich verlassen hatte. In der uebrigen Zeit
lag sie in ihrer Coye fest eingehuellt und zugedeckt, froestelnd und gegen
den unerbittlichen Feind ankaempfend, und liess sich fast nur in der
Daemmerung auf Deck sehn. In der Zeit ging sie etwa eine Stunde oben
zwischen dem Haupt- und Fockmast ganz allein auf und ab, und sprach und
verkehrte mit Niemandem. Nur mit den Kindern gab sie sich gern und viel
ab, redete sie freundlich an, gab ihnen Zucker und Zwieback, und nahm wohl
auch eins der kleineren, wenn sie es sich gefallen liessen, auf den Schooss,
und haetschelte und kuesste es dann, und wollte es fast nicht wieder aus den
Armen lassen. Aber die Kinder fuerchteten sich, sonderbarer Weise vor ihr,
und nur selten, hoechst selten konnte ein oder das andere einmal bewogen
werden die Liebkosungen der fremden Frau standhaft zu ertragen. War es
aber wirklich geschehn und hatten sie ihren Zwieback oder Zucker bekommen,
dann schossen die kleinen Dinger auch gewiss so rasch sie konnten zu den
Eltern zurueck, drueckten sich in deren Naehe, und es war fast als ob sie nun
dort das unheimliche Gefuehl erst abschuetteln muessten, das ihnen bis jetzt
die Kindesbrust beengt.

Am besten jedenfalls von allen Zwischendeckspassagieren hatte sich bis
jetzt die Weberfamilie in das Schiffsleben hineingefunden. Er wie sie
waren auch nicht einen Augenblick muessig an Bord, so lange die Sonne
schien, und waehrend die Frau fuer die Cajuetspassagiere wusch und naehte, und
besonders von Lobensteins eine Menge Arbeit bekam, die sie mit groesster
Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausfuehrte, dann nebenbei auch noch ihre
Kinder beaufsichtigte und, ein Muster den Uebrigen, sauber und reinlich
hielt, half er dem Koch in der Kueche das Geschirr auswaschen und scheuern,
und wenn das beendet war, dem Zimmermann an Bord die verschiedenen
noethigen Arbeiten verrichten. Besonders eifrig zeigte er sich bei dem
letzteren, die verschiedenen kleinen Handgriffe seines Geschaefts zu
erlernen, und mit gutem Willen, von dem Zimmermann selber gern dabei
unterstuetzt, gelang ihm das auch bald fast ueber Erwarten.

Wenig oder gar nicht mit seinen Mitpassagieren verkehrte der junge Donner,
der still und abgeschlossen sich die meiste Zeit mit Lesen beschaeftigte,
oder auch wohl hinauf in die Marsen stieg, und Stunden lang hinaussah auf
das weite wogende Meer. Nichtsdestoweniger war er von Allen gern gelitten,
und wie Einzelne der Passagiere nach und nach erkrankten zeigte er sich
vielen auch als wahrer Freund, verabreichte ihnen kleine Mittel und
stellte sie wieder her. Das wurde dabei um so dankbarer angenommen, als es
sich gar bald herausstellte dass der eigentliche "Doktor" an Bord wenig
mehr von seinem Geschaeft verstand als eben Aderlassen und Schroepfen, und
die Zwischendeckspassagiere nannten ihn schon gar nicht mehr anders als
den "Blutegel". Der Frau des Tischlermeister Leupold hatte sich Donner
ganz besonders freundlich angenommen, ohne freilich ihren Zustand
wesentlich verbessern zu koennen. Der Fall an dem Tag, mit den Schrecken
der Nacht, hatte gleich boes auf ihr Gehirn wie ihre Nerven gewirkt, und
wenn ihr Leiden auch nicht gerade wieder in Tobsucht, wie an jenem
furchtbaren Abend, ausbrach, lag sie doch jetzt in theilnahmloser
Stumpfsinnigkeit, ohne sich um Mutter oder Gatten zu kuemmern oder auch nur
nach ihnen zu fragen, auf ihrem Lager, und hielt Stunden lang die Haende
fest gegen die fiebrische Stirn gepresst. Leupolds Mutter, so wie sich
diese nur in etwas von dem erneuten Anfall der Seekrankheit erholt, und
Hedwig, die sich jeden Augenblick Zeit abstahl bei der Kranken zu sein,
pflegten sie unermuedlich, und thaten Alles was in ihren Kraeften stand,
ihren Zustand zu erleichtern, aber auch das war nur sehr wenig, und dieser
selbst von dem jungen Donner -- denn Hueckler hatte ihn lange aufgegeben --
fuer hoffnungslos erklaert. Uebrigens bekam sie, auf Georg Donners
ernstliche Vorstellungen an den Capitain, der im Anfang nicht darauf
eingehen wollte, ihre Kost jetzt einzig und allein aus der Cajuete. Lieber
Gott, es war wenig genug was sie davon geniessen konnte.

Leupold selber hatte bis jetzt das Unglueck das ihn betroffen mit grosser
Standhaftigkeit ertragen, und war nicht von dem Lager der Kranken gewichen
Tag und Nacht; hatte er ja doch noch immer eine Hoffnung, dass sich sein
Weib erholen koenne, und ihm erhalten bliebe. Als aber auch diese ihn
zuletzt verliess, und sich ihm die Gewissheit des unersetzlichen Verlustes
endlich aufzwang, da brach die Kraft des starken, besonnenen Mannes auch
zusammen, und er weinte wie ein Kind. Vergebens blieben alle Troestungen
der uebrigen Passagiere, die, mit wenigen Ausnahmen, innigen Antheil an
seinem Schmerze nahmen; was er sich selber vorzuwerfen hatte, oder zu
haben glaubte, fuehlte er auch allein und am schaerfsten, und vermochte dem
ueber ihn hereingebrochenen Unglueck nicht die Stirn zu bieten. Laut klagte
er sich jetzt selber an, leichtsinnig und thoericht sein Glueck in der
Heimath von sich geworfen und mit Fuessen getreten, ja _durch_ seinen
Leichtsinn die eigene Frau die ihm nur mit Widerstreben gefolgt, getoedtet
zu haben, und sass dann wieder halbe Tage lang dumpf vor sich hinbruetend an
Deck, den Kopf auf die Reiling gelehnt, und ass und trank nicht, antwortete
nicht wenn man ihn fragte, und schaute stier und unverwandt in's Meer.

Am gluecklichsten von allen Zwischendeckspassagieren schien der junge
Dichter und "Schriftgelehrte" Theobald -- wie ihn Steinert nannte -- die
Zeit an Bord zu verleben. Seinem eigenen Ausdruck nach flog er wirklich
wie eine Biene von Blume zu Blume Honig einzusammeln, d. h. er machte sich
nach der Reihe an alle verschiedene Mitpassagiere, die im Bereiche seines
Armes waren, und suchte ihre Lebensverhaeltnisse und Schicksale zu
erfahren, die er sich dann unverweilt in sein Taschenbuch unter
verschiedene Rubriken eintrug und im Stillen zugleich bestimmte, was davon
zu Prosa, was zu poetischen Erguessen benutzt werden sollte. Manche fand er
nun allerdings hoechst bereitwillig ihm alles das zu erzaehlen was sie von
sich eben wussten, bei denen lohnte es sich dann aber auch selten der Muehe,
denn sie hatten gewoehnlich nur Alltaegliches mitzutheilen, und Theobald
bekam von ihnen nicht einmal _Wachs_. Die aber, die wirklich etwas des
Erzaehlens Werthes erlebt, rueckten nie gern mit der Sprache heraus, ja die
interessantesten Persoenlichkeiten an Bord, unter ihnen Maulbeere, Meier
und zwei der letztgekommenen Passagiere wiesen ihn sogar schnoede und grob
genug ab, und sagten ihm, mit noch einigen anderen, schwer wieder zu
gebenden Bekraeftigungen, er solle sich zum Teufel scheeren und andere
ehrliche Leute mit seinen langweiligen und naseweisen Fragen in Ruhe
lassen.

Maulbeere besonders, der ihm die fruehere Charakteristik noch nicht
vergessen und ihn ausserdem im Verdacht hatte dass er ihn zeichnen wolle
(etwas Schlimmeres haette Maulbeere gar nicht passiren koennen) fertigte ihn
am groebsten ab. Sobald deshalb Theobald, oft nur zufaellig ihm gegenueber
Platz und sein unausweichliches Buch zur Hand nahm, veraenderte er stets
die Stellung, drehte den Kopf von ihm fort und ihm den Ruecken zu, und
schnitt ihm dabei von Zeit zu Zeit ueber die Schulter hin die grimmigsten
Gesichter. Er brachte es auch in der That zuletzt dahin dass ihm Theobald
wie einen boesgemachten Kettenhund, aus dem Wege ging, und jede weitere
Annaeherung an ihn, als total erfolglos, aufgeben musste.

Humoristischer fasste der aelteste von den drei geheimnissvollen Passagieren
die Sache auf, denn dieser kam einer Annaeherung Theobalds, von der er bald
den wahren Grund vermuthete, auf halbem Wege entgegen, liess sich mit ihm,
ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, in ein wirklich vertrauliches
Gespraech ein, und willfahrte auch zuletzt sogar dessen Wunsch, ihm einige
Daten aus seiner eigenen Lebensgeschichte mitzutheilen. Theobald vertraute
ihm dabei, wahrscheinlich um _sein_ Vertrauen zu erwecken, dass er an einer
Biographie beruehmter Charaktere arbeite, und, natuerlich unter strenger
Verschweigung des Namens, wirklich erlebte Scenen interessanter
Persoenlichkeiten zu sammeln suche. Der Alte straeubte sich, nach dieser
offenen Erklaerung, allerdings ein wenig, aber Theobalds Ueberredungskunst
wusste seine letzten Zweifel und Bedenklichkeiten endlich zu beseitigen,
und er begann jetzt dem staunenden Dichter eine Kette von Schicksalen zu
erzaehlen, deren erster Beginn schon diesen mit Staunen und Bewunderung
erfuellte, und ihm ganze Schaetze von Material fuer spaetere Arbeiten
versprach.

Der Mann war, seiner eigenen Aussage nach, der natuerliche Sohn eines
Fuersten, dessen Namen zu geben er sich hartnaeckig weigerte, in seiner
Jugend ganz wie Caspar Hauser auf einer wuesten Insel in der Nordsee
erzogen worden, und dann spaeter nach Afrika geschafft, dort wahrscheinlich
dem, Europaeern so verderblichen Klima zu erliegen. Seine gute Natur hatte
ihn aber nicht allein gesund und am Leben gehalten, sondern seine
persoenliche Tapferkeit wie die mitgebrachten Feuerwaffen, ihn auch bald
dem Koenig des dortigen Reiches so unentbehrlich gemacht, dass er die Hand
dessen einziger Tochter mit der Bestaetigung erhielt, einstens, nach dem
Ableben des alten Fuersten die Regierung zu uebernehmen, als eine
Palastrevolution seiner Heirath wie seinen gluecklichen Aussichten ein
rasches und grausames Ende machte. Der alte Fuerst wurde von einem nahen
Verwandten, ermordet, und waehrend dieser die Prinzessin selber heirathete
naehte man den Fremden, den man beschuldigte durch schaendliche Zaubermittel
das Vertrauen des alten wackeren Koenigs erschlichen zu haben, in einen
gewoehnlichen Kaffeesack, und warf ihn in's Meer. Wunderbarer Weise lag
dort gerade ein europaeisches Schiff vor Anker, das aus Furcht mit in die
politischen Wirren verwickelt zu werden, seinen Anker lichtete, und mit
diesem zu gleicher Zeit den ungluecklich Gerichteten, eben noch am Leben,
heraufzog. Er blieb jetzt eine Zeit lang an Bord des englischen Schiffs,
das bestimmt war den Sklavenhandel an der afrikanischen Kueste zu
ueberwachen, bis dieses mehre reiche brasilianische Prisen genommen hatte
und nach Hause zurueckkehrte.

Unverhofft und wohl auch unerwuenscht wurde sein Wiedererscheinen in Europa
von seinem unnatuerlichen Vater begruesst, der aber doch jetzt nicht umhin
konnte fuer den Sohn zu sorgen. Er verschaffte ihm also eine Stelle an der
Baerenburger Staats-Eisenbahn, wo er ein sehr ruhiges und zufriedenes Leben
haette fuehren koennen, wenn sich nicht eine junge russische Graefin auf der
Durchreise in ihn verliebt, und ihn zu dem thoerichten Schritt verleitet
haette sie zu entfuehren, oder sich vielmehr von ihr entfuehren zu lassen.
Der Telegraph war schneller als ein genommener Extrazug, sie wurden
eingeholt, die Graefin kam, allem Vermuthen nach in ein sibirisches
Kloster, und er selber auf die Festung nach Torgau wo er drei Jahre lang
in Einzelhaft schmachtete. Seine Drohung endlich, wichtige
Familiengeheimnisse eines deutschen Koenigshauses zu verrathen, verschaffte
ihm die Freiheit wieder, und er ging jetzt als geheimer oestreichischer
Consul nach den Vereinigten Staaten dort -- doch er durfte nicht indiscret
sein, und wollte von seinen Instructionen Nichts verrathen.

Theobald war dem Beginn der Erzaehlung in freudiger, man koennte fast sagen
gieriger Aufregung gefolgt; je weiter sich der Bursche aber in seine
romantische Schilderung verlor, desto stutziger wurde er, hoerte auch auf,
sich die einzelnen Daten zu notiren, und betrachtete den Erzaehler mit
einem allerdings noch immer aufmerksamen, doch etwas misstrauisch
gewordenen Blick, der offenem Missmuth Raum gab, als Jener ihm auch noch
den oestreichischen Consul aufbinden wollte.

"Lieber Freund" sagte er dabei, waehrend er von dem Wasserfass auf dem er
gesessen, aufstand, und sein kleines Notizbuch in die Tasche zurueckschob --
"Sie glauben vielleicht dass Sie sich einen Spass mit mir erlauben koennen --"

Furchtbares Gelaechter unterbrach ihn aber in jeder weiteren Protestation,
denn oben in der, mitten auf Deck aufgestellten Berkasse, hatten von ihm
ganz unbemerkt die beiden Kameraden des Burschen gelegen, und der ganzen
Erzaehlung mit unbeschreiblichem Behagen zugehoert, dem sie erst jetzt Luft
machten, als sie merkten dass der "Langhaarige" wie er auf dem Schiffe
hiess, doch nicht laenger anbeissen wollte.

"Hahahaha!" schrie dabei der Juengste -- "ob er sich nicht Alles dabei
aufgeschrieben hat wie ein Polizeispion --"

"Dass ich ein afrikanischer Prinz waere hat er geglaubt" lachte nun auch der
Alte -- "aber der oestreichische Consul blieb ihm in der Kehle stecken."

Theobald war entruestet, und eben im Begriff dem profanen Menschen in
voller Verachtung zu erwiedern, besann sich aber noch eines Besseren,
drehte sich scharf auf dem Absatz herum, und verliess mit einem
durchbohrenden Blick auf die Gruppe, der von einem lauten Hurrah der
Uebrigen erwiedert wurde, rasch den Platz.

"Guten Morgen Herr Theobald" sagte in diesem Augenblick Meier der
jedenfalls auch ein heimlicher Zeuge der Scene gewesen sein musste, zu dem
entruesteten Dichter, dem er auf dem anderen Gangweg begegnete -- "wuenschten
Sie nicht vielleicht jetzt auch _meine_ Lebensgeschichte in Ihr kleines
gruenes Buechelchen zu notiren? -- ich stuende Ihnen mit Vergnuegen zu
Diensten."

"Gehn Sie zum Teufel!" rief aber Theobald, der den in dem Anerbieten
enthaltenen Hohn nicht missverstehen konnte, in voller Entruestung, und warf
beinah den Waschtrog ueber den Haufen, an dem des Webers Frau beschaeftigt
war, nur um dem fatalen Menschen so rasch als moeglich aus dem Weg zu
kommen. Meier blieb aber stehn, sah ihm erst laechelnd eine Weile nach, und
dann sich zu dem Weber wendend, der unsern davon an des Zimmermanns
Hobelbank stand und arbeitete sagte er, waehrend er mit dem Daumen seiner
rechten Hand ueber die Achsel hinter dem Fortstuermenden her deutete:

"Ein liebenswuerdiger junger Mann das, Kamerad; den muessen wir uns zum
Freunde halten, oder er streicht uns rabenschwarz an, wenn er einmal in
Amerika unsere Reise beschreibt," und sich vor heimlichem Lachen
ordentlich schuettelnd, ohne dass jedoch sein Gesicht einen freundlicheren
Ausdruck dadurch bekommen haette, stieg er durch die hintere Luke in's
Zwischendeck hinab.

Der Weber sah ihn an waehrend er sprach, und hobelte dann eine Zeit lang
ruhig weiter; endlich aber, als ob er mit seinen Gedanken doch nicht recht
einig werden koenne, legte er den Hobel hin, ging die paar Schritte zu
seiner Frau hinueber und sagte, sich das Kinn mit der linken Hand
streichend, und nachdenklich in die Luke hinab hinter dem Manne
herschauend:

"Wenn ich nur wuesste wo ich das Gesicht von dem da schon frueher einmal
gesehen habe -- vorgekommen ist mir's schon, darauf wollt' ich das heilige
Abendmahl nehmen, und jetzt zerbrech ich mir schon seit drei Tagen den
Kopf wo ich ihn hinthun soll."

"Wen? -- den finsteren schwarzen Burschen, der sich jetzt den grossen
schwarzen Bart stehn laesst seit er auf dem Schiff ist?" sagte die Frau,
ebenfalls in ihrer Arbeit ruhend -- "das ist ein muerrischer Gesell, und je
weniger man mit ihm zu thun hat, desto besser."

"Vater" sagte da Hans, des Webers aeltester Junge, der fuer die Mutter die
Waesche ausgerungen und in einen trockenen Kuebel gelegt hatte -- "der hat
beinah so ein Gesicht wie der Fleischer, der an dem Tage bei uns war als
es so furchtbar stuermte und regnete."

"Gott sei mir gnaedig ob der Junge nicht recht hat!" schrie die Mutter da,
und liess vor Schrecken die Seife fallen. "Das ist der rohe Mensch der so
haesslich von den Kindern sprach; darum ist mir das finstere Gesicht auch
immer so fatal und unheimlich gewesen. Herr Du mein Gott, ist mir der
Schreck doch ordentlich in die Glieder gefahren" -- setzte sie nach einer
kleinen Pause tief aufseufzend hinzu -- "wo er nur herkommt und weshalb er
von daheim fort sein mag?"

"Wegen was Gutem nicht" sagte der Mann mit dem Kopfe nickend, und umsonst
hat er sich nicht den dicken Bart und die langen schwarzen Haare kurz
abgeschnitten gehabt, wie er von zu Hause fort ist, der Patron. Aber Ihr
habt recht, es ist wahrhaftig der Gesell, der damals in dem Unwetter zu
uns kam und dann nach der Schenke hinaufging, sich einen Schnaps zu holen.
Nun was kuemmert's uns -- er hat _uns_ nicht wieder kennen wollen, die wir
uns nicht entstellt haben, und das koennen wir ihm nur Dank wissen -- ich
werde mich ihm nicht aufdringen, davor ist er sicher, aber wissen moecht'
ich schon was mit ihm los ist."

"Das ist also seine Frau, die lange huebsche Person, die immer krank in der
Coye liegt?" frug die Frau.

"Er sagt's wenigstens" meinte der Weber -- "und sie gilt dafuer."

"Aber wo sind denn seine Kinder?" fuhr die Frau rascher fort -- "weisst Du
nicht dass er uns damals sagte er haette so viel -- zum Abgeben? -- ich hab'
es nicht vergessen, denn das gerade hat mir den Mann gleich von allem
Anfang an so verhasst gemacht."

"S'war wohl auch nur eine Prahlerei" brummte der Weber achselzuckend --
"und er that sich gross mit seiner Gleichgueltigkeit. Leider Gottes ruehmen
sich die meisten Menschen nur gewoehnlich etwas, dessen sie sich eher
schaemen sollten, wenn sie Verstand wie Herz auf dem rechten Fleck haetten.
Ich bin uebrigens nur froh dass ich herausbekommen habe wohin ich des
Burschen Gesicht thun sollte -- der Hans hat doch ein gutes Gedaechtniss --"

Und damit ging er zurueck zu seiner Hobelbank, wo er gleich darauf die
hingelegte Arbeit wieder aufnahm, und ruestig daran fortarbeitete, bis der
Koch zum "Schaffen" rief, und der Zimmermann kam, sein Handwerkszeug fuer
die Nacht fortzupacken.





                                Capitel 8.


                             DIE ENTDECKUNG.


Auf dem Quarterdeck hatten sich indessen an dem Nachmittag, sehr zum
Aerger der alten Frau von Kaulitz, die heute selbst nicht Herrn von
Benkendroff an den Spieltisch fesseln konnte, saemmtliche Passagiere
versammelt, den herrlichen warmen und sonnigen Tag sowohl zu geniessen, als
auch eine Freudenbotschaft des Capitains zu feiern. Dieser hatte ihnen
naemlich nach seiner um 12 Uhr genommenen Observation erklaert, dass sie
morgen, wenn der Wind so aushielte, oder eher noch ein wenig besser wuerde,
und die Stroemung sie nicht zu weit nach Norden versetze (Schiffscapitaine
haben in einem solchen Fall immer eine Masse _wenns_, sich die noethige
Hinterthuere aufzuhalten) moeglicher Weise, aber noch keineswegs ganz
bestimmt, Land sehen koennten.

_Land_ -- das Wort, so leise und vorsichtig wie es auch gesprochen, zuckte
doch wie ein Lauffeuer durch das ganze Schiff. _Land_ -- _Amerika_, die
Passagiere stroemten in Schaaren herauf aus ihrem dunklen Raum, des Worts
Verheissung auch gleich erfuellt erwartend, und schauten nach allen
Richtungen hinaus in See, nach Nord und Sued, nach Ost und West, die
Kuestenreihe zu erkennen, wie sie sich ihre Phantasie bis dahin wohl
gedacht und ausgemalt.

"Wo ist es? -- dort hinten -- ich habe es den ganzen Morgen schon gesehn --
oh Gott bewahre, das ist nur ein schwarzer Schattenstreif auf dem Wasser --
nein _dort_ hinueber liegts, es muss doch nach Westen sein -- aber ich sehe
ja Nichts -- ja ich auch nicht --" rief und schrie es unter den Passagieren
durcheinander, und die Matrosen machten sich ein Vergnuegen daraus, die
Leute nur wo moeglich noch immer mehr irre zu fuehren. Wenn die Passagiere
nun aber auch nach und nach erfuhren, dass das verheissene Land keineswegs
schon in Sicht, sondern erst auf morgen angesagt sei, kam doch jetzt auf
einmal ein reges, geschaeftiges Leben in die Leute, und die selbst, die
sich die ganze Reise hindurch kaum geregt, und oft nur mit Gewalt aus
ihren Coyen gebracht waren, dem Zwischendeck unten eine Zeitlang frische
Luft zu goennen, krochen hervor aus ihrer Hoehle, wie lichtscheue Dachse,
und sonnten sich in dem behaglichen Gefuehl nun bald wieder festen Grund
und Boden betreten zu koennen, und dem fatalen ewigen Schwanken und
Schaukeln enthoben zu sein.

Am lautesten in ihrer Freude waren ein paar Oldenburger Bauernfamilien,
die sich besonders unzufrieden auch unterwegs schon ueber die Schiffskost
gezeigt und den Capitain und die Steuerleute fortwaehrend mit Klagen und
Beschwerden bestuermt und geaergert hatten. Bald war ihnen das Fleisch zu
fett, bald zu mager gewesen, bald das Brod zu hart, bald nicht genug
davon, und fortwaehrend hatten sie dabei ihren Contrakt zur Hand, nach dem
ihnen gute und nahrhafte Kost zugesagt worden fuer die Dauer der Reise,
waehrend sie jetzt das saemmtliche Zwischendeck zu Zeugen aufriefen, ob das,
was sie bekaemen, gute und nahrhafte Kost genannt werden koenne. In _ihrem_
Lande fuettere man die Schweine damit, und hier wolle man es Leuten, die
ihre schwere Passage bezahlt haetten, als contraktmaessige Kost aufzwingen.
Die Leute sahen dabei aermlich und kuemmerlich genug aus, und es war die
Frage, ob sie es daheim so gut gehabt, wie sie es wirklich an Bord
bekamen; gerade derartige Passagiere sind aber gewoehnlich auf den Schiffen
die am schwersten zu befriedigenden, waehrend Andere, die an ein besseres
Leben daheim gewoehnt waren, die Dinge gewoehnlich nehmen wie sie sie
finden, sich dabei mit Recht denken, dass an Bord eines Schiffes, auf einer
langen Reise, nicht eben Alles nach Wunsch gehen koenne, und der Reisende
gleich von vornherein auf ein gewisses Maass von Entbehrungen und
Unbequemlichkeiten gefasst sein muesse.

Morgen Land -- das Wort verschlang aber in dieser Stunde alle anderen
Gedanken, wenn auch das versprochene noch nicht in Sicht war, und viele,
viele Meilen Seeraum noch zwischen ihm und dem, mit vollen Segeln dorthin
strebenden Schiffe lagen. "Morgen Land" -- die meisten Passagiere
verwechselten dabei, in dem Freudenrausch des neuen Gefuehls, den ersten
Anblick, der dann jedenfalls noch sehr fernen Kueste mit dem wirklichen
Betreten derselben, und dringende Rufe nach dem Steuermann wurden laut,
ihnen, wie ihnen das in Bremen versprochen worden, den unteren Schiffsraum
jetzt zu oeffnen, und von dem und jenem verlangte Kisten vorzuholen,
nothwendige Kleidungsstuecke und Waesche herauszunehmen aus dem bis jetzt
verschlossenen Gepaeck. Vergebens suchten die Steuerleute den Ungeduldigen
begreiflich zu machen, dass sie mit dem Land sehen, -- und sie saehen es noch
nicht einmal -- nicht auch schon im Hafen waeren, und Schiffe in der That
schon in Ruf's Naehe vom Land gewesen, durch ein ploetzlich eintreffendes
Wetter aber wieder in See hinausgetrieben waeren, und dort noch haetten
Wochenlang umherkreuzen muessen, ehe sie ihr Ziel erreichten.(17) Es blieb
Alles vergeblich, die Leute liessen nicht mit Quaelen nach, und theils ihr
laestiges Draengen los zu werden, theils auch, weil das Wetter wirklich
vortrefflich und eine baldige Landung moeglich war, befahl der Steuermann
endlich einigen seiner Leute, die untere "Achterluke" aufzumachen, und von
dem darunter befindlichen Passagiergut herauszuholen, was verlangt wuerde,
und was sie eben moeglicher Weise erreichen konnten.

Die erste Kiste gleich, die zu Tag kam, gehoerte den beiden Schwestern,
Rechheimers Verwandten, die mit Hedwig eine Coye theilten, und besonders
laut schon gejammert hatten, dass sie einige Sachen nothwendig daraus haben
_muessten_, um anstaendig an Land zu erscheinen. Die Kiste wurde also auf ein
paar andere hoch in die Luke gehoben, und dort gleich von dem Zimmermann
aufgeschlagen.

Die Passagiere draengten indess auf dem von der Luke zurueckgeschobenen
Gepaeck umher; wer seine Coye dort hatte, stieg hinein, um von dort die
Verhandlung zu ueberschauen, und wer nicht so gluecklich war, suchte auf den
aufgestapelten Kisten und Koffern, oder am oberen Lukenrand einen Platz
und Ueberblick zu gewinnen, als ob da unten wirkliche Sehens- und
Merkwuerdigkeiten gezeigt, und nicht eben nur ein paar Auswandererkisten
geoeffnet und durchstoebert werden sollten, die keinesfalls etwas anderes
enthielten, als Waesche und Kleider. Auf See wird aber auch selbst das
Unbedeutendste zum Ereigniss, wenn es eben das alltaegliche Leben
unterbricht und irgend eine Veraenderung bringt, und die Passagiere geben
sich dem nicht selten wie Kinder hin, die nur nach einem bunten neuen
Spielwerk greifen, um es im naechsten Augenblick wieder bei Seite zu
werfen. So war denn auch hier kaum der Deckel von der Kiste gehoben,
Rebecca, die eine der Schwestern, ein junges, allerliebstes schwarzaeugiges
Maedchen von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren, hatte eben die
oberste Schicht Leinen abgenommen, und ein etwas buntes Kattunkleid
herausgehoben, als von den Lippen der naechst Sitzenden ein bewunderndes
"Ah!" laut, und der Scherz von den Uebrigen augenblicklich aufgefasst
wurde.

"Ah!" toente es fast von jeder Lippe, die Anderen, die nicht in Sicht der
vorgehenden Dinge kommen konnten, aus Neugierde fast zur Verzweiflung
treibend -- "ah wie schoen, ah wie wunderschoen -- ja Fraeulein Rechheimer -- na
das wird ein Staat werden, in New-Orleans -- Donnerwetter, die Amerikaner
werden wir einmal verblueffen" -- "Ah!" toente es dann wieder in lautem Chor,
als ein roth und gruenseidenes, hochgelb geflammtes Tuch zum Vorschein kam
-- "ah wie wunderschoen!"

"Oh hoere Se auf mit Ihre Dummheite" sagte die aeltere Schwester Sarah, halb
lachend, halb aergerlich, aber der Chor stimmte ein, und waehrend die
Maedchen roth wurden und nicht wussten ob sie lachen oder boese werden
sollten, mussten sie doch all ihre Herrlichkeiten den Blicken des dankbaren
Publikums preisgeben, das mit einem Beifallssturme jedes neue Stueck von
Schmuck oder Putz begruesste.

Madame Loewenhaupt liess gleich darauf eine von ihren Kisten oeffnen,
erklaerte aber dabei von vornherein, sich dergleichen Verhoehnung fuer ihre
eigene Person nicht gefallen zu lassen; das machte jedoch das Uebel wo
moeglich noch aerger, denn wenn das leichtsinnige Voelkchen des Zwischendecks
erst im Anfang gejubelt hatte, so erhob sich jetzt, als das hochrothe
Staatskleid, und zuletzt sogar ein Feder- und Blumenbesteckter Hut der
kleinen, keineswegs mehr huebschen Frau zum Vorschein kamen, ein wahrer
Beifallssturm und solcher Heidenlaerm, dass der Steuermann wirklich nach
vorn geschickt wurde, zu sehen ob vielleicht irgend ein Unglueck
vorgefallen waere. Madame Loewenhaupt wollte nun allerdings bei diesem Klage
ueber die "nichtswuerdige Behandlung" wie sie es nannte, fuehren, und als
dieser nicht darauf einging, sich in die "Privatverhaeltnisse" der
Passagiere zu mischen, wurde Herr Loewenhaupt selber bei Allem beschworen,
was er seiner Frau schuldig sei, diess schaendliche Betragen nicht zu
dulden. Herr Loewenhaupt wusste aber auch selber am besten was ihm gut sei;
er dachte gar nicht daran Streit mit saemmtlichen Passagieren anzufangen,
sondern stand vielmehr seiner Ehehaelfte bei, ihre Sachen rasch aus dem Weg
und Gesichtskreis der sie Umlagernden zu bringen -- das Gescheuteste
zweifelsohne, was er in diesem Fall zu thun im Stande war.

Die Aufmerksamkeit der Passagiere wurde aber auch selbst hiervon
abgelenkt, als ein anderes Schauspiel vor ihnen auftauchte. "Ein
Handwerksbursch -- ein armer Handwerksbursch!" schrie es von Deck aus, und
lauter schallender Jubel begruesste hier einen jungen Burschen, einen
Schuhmachergesellen, der sich, als Alle ihre Sachen vorholten, zum Spass
seinen "Landrock" herausgesucht, den grossen ausgeschweiften Hut aus der
Kiste, den mit schwarzer Waesche ausgestopften Tornister mit ein paar
eingebundenen Reservestiefeln auf den Ruecken, und den Knotenstock in die
Hand genommen hatte, und nun mit grossen geschaeftigen
Handwerksburschenschritten unter dem Zujauchzen der Passagiere und
Matrosen, auf dem Starbordgangweg auf und ab paradirte. Der Jubel wurde
aber noch groesser, als der Schustergesell das Privilegium, das ihm als
Handwerksburschen zustand, benutzend, seinen Hut abnahm und bei den
verschiedenen Passagieren des Zwischendecks, die gegen ihn zudraengten,
anfing zu fechten, und Steinert zuletzt, der sich geschwind einen alten
Ueberrock holte, bis oben hinauf zuknoepfte und dann ein Seitengewehr
umhing, das er Gott weiss wo gefunden, den fechtenden Handwerksburschen als
Gendarme arretirte und unter dem Hurrahgeschrei der saemmtlichen Mannschaft
nach unten transportirte. Dieser arbeitete sich aber doch wieder an Deck,
und selbst der alte Capitain Siebelt, der wie schon erwaehnt sein Deck
eifersuechtig von Zwischendeckspassagieren frei hielt, sagte kein Wort und
schmunzelte sogar, als er die hier gar nicht herpassende Gestalt aus dem
innern Lande zuletzt mit abgezogenem Hut bis auf das Quarterdeck
hinaufsteigen sah. -- Er dachte auch an zu Hause, an Frau und Kind, wo er,
wenn er einmal auf kurze Zeit daheim sass, nie einen armen
Handwerksburschen unbeschenkt entlassen hatte; ja er wuerde dem hier mit
groesstem Vergnuegen ein Sechsgrotenstueck in den Hut geworfen haben -- und
lieber mehr wie weniger, nur der alten Erinnerungen wegen, aber -- die
Autoritaet litt das nicht, der durfte er Nichts vergeben, und dem
Handwerksburschen war schon Ehre genug geschehn, dass er das Quarterdeck
betreten; das haette gefehlt dass er auch noch Geld dazu bekam.

Die Cajuetspassagiere hatten sich aber auch schon ueber das rege geschaeftige
Leben, das heute am Deck herrschte, amuesirt, und Clara besonders lachte
mit Marie, das ihnen die Thraenen in die Augen traten, als der allerdings
wunderlich genug aussehende Handwerksbursch an Deck erschien und seine
Runde machte; wie er aber seinen Hut abzog, und zum Quarterdeck fechten
kam, bestand sie darauf, dass er nicht umsonst ihre Mildthaetigkeit in
Anspruch naehme.

"Wir koennen doch wahrhaftig nicht sagen" rief die muntere junge Frau
lachend, "dass wir von derartigen Leuten ueberlaufen werden, und eine
Schande waer's fuer ewige Zeiten, wenn wir den ersten armen reisenden
Handwerksburschen, der uns auf offener See anspricht, unbeschenkt
entliessen. Du musst mir etwas kleines Geld geben, Joseph."

Der junge Henkel, der wahrscheinlich auch mit den Vorbereitungen der
baldigen Landung beschaeftigt, den ganzen Tag schon in seiner Coye geordnet
und umgepackt hatte, und jetzt auf einer der Quarterdecks-Baenke sass und in
seinem Taschenbuch rechnete und notirte, hatte sich bis jetzt auch nicht
im Mindesten um das bekuemmert was im Zwischendeck vorging, und selbst
nicht auf das Lachen und den Jubel um sich her weiter, als mit einem
gelegentlichen theilnahmlosen Blick geachtet. Nur die direkt an ihn
gerichtete Bitte machte ihn aufschauen, und Clara musste sie wiederholen,
ehe er sie nur verstand.

"Kleines Geld, liebes Kind, habe ich nicht mehr" antwortete er dann, die
Achseln zuckend und seine Papiere wieder vornehmend. "Deutsche Grote
nutzen uns doch Nichts mehr in Amerika, und ich habe nicht allein die
letzten in Brake ausgegeben, sondern auch schon, wie Du recht gut weisst,
Deine Waschfrau im Zwischendeck neulich in Amerikanischen Dollarn bezahlen
muessen.

"Ja lieber Gott, so geht es uns auch" rief Marie, die ebenfalls ihr
Portemonnaie herausgeholt hatte und es vergebens durchsuchte, "all unser
kleines Geld ist ausgegeben und wir sind des Webers Frau, der Frau
Brockfeld, noch ausserdem eine kleine Summe schuldig, die ihr der Vater
versprochen hat in Amerikanischem Gelde zu bezahlen sobald wir an Land
kommen."

"Armer reisender Handwerksbursch -- seit drei Tagen keinen warmen Loeffel im
Leibe gehabt!" sagte in diesem Augenblick der junge Bursch, indem er sich
halb schuechtern, als ob er nicht wisse wie der Scherz aufgenommen werde,
den Damen mit vorgehaltenem Hute und tiefem Kratzfuss naeherte -- "moechte
gern das Handwerk begruessen, aber habe keinen einzigen Schuster hier
vorgefunden."

"Lieber Joseph" bat die junge Frau schmeichelnd, "bitte, lass doch nur
einen Augenblick Deine alten haesslichen Papiere und sieh Dir den armen
Handwerksburschen mit den bestaubten Stiefeln an -- er kommt direkt von der
Landstrasse, und -- ah mir faellt etwas ein -- Du hattest neulich kleines
Englisches Geld, das Du mir zeigtest -- Du hast das noch, nicht wahr? --
warten Sie einen Augenblick" wandte sie sich dann rasch zu dem verlegen
stehen bleibenden Burschen -- "Sie sollen gleich bekommen -- nicht wahr, Du
giebst mir ein paar von den kleinen Stuecken; die gelten auch in Amerika."

"Aber liebes Kind, ich weiss wirklich nicht wo sie sind, und bin auch in
diesem Augenblick gerade mitten im Rechnen drin."

"Aber der Handwerksbursch" sagte die muntere, kleine Frau in komischer
Verzweiflung -- "thatest Du es nicht damals in Dein Toilettkaestchen?"

"Ich glaube, ja" sagte Henkel zerstreut, und froh damit abzukommen -- es
steht unten auf meinem Bett."

"Hedwig mag es holen" rief Clara rasch -- "Du weisst Hedwig, das kleine
Lederetui mit dem goldenen Schloss" -- auf dem oberen Bett in der Coye --

Hedwig, die eben aus dem Zwischendeck heraufgekommen war, zu sehen ob ihre
junge Herrin etwas beduerfe, sprang rasch in die Cajuete hinab, und kam
gleich darauf mit dem verlangten Kaestchen zurueck.

"Aber es ist verschlossen" sagte Clara, damit zu dem, wieder ganz in seine
Papiere vertieften Manne tretend "hast Du den Schluessel?"

"Du quaelst mich mehr wie mein Geld, Herz," sagte dieser halb laechelnd,
halb ungeduldig in seine Westentasche greifend, aus der er ihr gleich
darauf einen kleinen gelben Schluessel ueberreichte.

"Danke, danke" rief Clara, es rasch und freudig oeffnend, "und nun, Marie,
bekommen wir Geld --"

"Halt -- gieb mir das Kaestchen -- ich will es Dir selber geben" -- rief da,
ploetzlich von seinem Sitze rasch emporspringend dass die Papiere selber
unbeachtet zu Boden fielen, Henkel, und eilte auf sie zu.

"Ich habe es schon" sagte die Frau laechelnd, ohne seine ploetzliche
Aufregung zu bemerken -- "hier ist ein Stueck und hier -- heiliger Gott -- da
ist ja --"

Sie vermochte nicht mehr zu sagen, denn Henkel hatte in demselben Moment
das Kaestchen ergriffen; aber seine Hand zoegerte es fortzunehmen, und sein
Auge begegnete in demselben Moment fast bewusstlos dem stieren, fest und
entsetzt auf ihm haftenden Blick seines Weibes.

Henkel war todtenbleich geworden, aber er nahm jetzt das Kaestchen fast
mechanisch aus Clara's Hand, verschloss es und steckte den Schluessel wieder
in die Tasche, waehrend er sich abwandte, die niedergefallenen Papiere
aufzulesen.

"Hast Du das Geld, Clara?" rief Marie lachend, die in dem Augenblick
gerade nach dem Rande des Quarterdecks gesprungen war, die Ursache eines
neuen Laermes zu erkunden, der von der Zwischendecksluke heraustoente -- "ich
glaube dort unten schlagen sie sich."

"Hier ist es" sagte Clara, sich gewaltsam sammelnd und ihr das Geldstueck,
das sie noch in der Hand hielt, reichend -- "gieb es dem Mann."

"Gott vergelt's tausendfach" sagte der Handwerksbursch, der indessen bei
den anderen Passagieren, mangelnden kleinen Geldes wegen, ebenfalls mit
sehr geringem Erfolg gesammelt hatte, und jetzt ebenfalls ungeduldig nach
dem Zwischendeck hinabschaute -- "da unten schmeissen sie sich aber, glaub'
ich, und da moecht' ich dabei sein" -- und seinen Tornister mit einem
ploetzlichen Ruck hoeher auf die Schultern bringend, und einer nicht
ungeschickten Verbeugung gegen das ganze Quarterdeck, drueckte er sich den
grossen ausgeschweiften Hut wieder fest und etwas seitwaerts auf den Kopf,
spukte in die Hand, fasste seinen Pruegel fester, und sprang dann rasch die
kleine Treppe, die auf Deck hinabfuehrte, nieder. Marie und die Uebrigen
traten indessen ebenfalls an den Rand des Quarterdecks, der mit einem
duennen eisernen Gelaender eingefasst war, und von wo aus der Capitain schon
nach dem Steuermann rief, dem Unfug da unten ein Ende zu machen und die
Ruhestoerer auseinander zu bringen. Nur Clara blieb mit dem Gatten allein
zurueck, und einige Schritte von ihnen entfernt stand der Mann am
Steuerrad.

"Joseph" sagte die Frau mit leiser, kaum hoerbarer Stimme, waehrend sie zu
ihm ging und seinen Arm erfasste -- "Joseph, -- in -- dem -- Kaestchen -- lag --
Heiland des Himmels und der Erde, ich glaube, ich werde oder bin
wahnsinnig -- in dem Kaestchen lag meiner Schwester Broche -- der blaue,
dreieckige Turquis. -- Wie -- wie um Gottes Willen kam -- kam der Stein --"

"Ich habe ihn gefunden" sagte Henkel, der jetzt wenigstens aeusserlich seine
ganze Fassung wieder gewonnen hatte, mit gezwungener Gleichgueltigkeit --
"am Tage, ehe wir abreisten -- er lag unten im Haus, und ich wollte Nichts
davon erwaehnen, die alte Geschichte nicht noch einmal aufzuruehren."

Er sprach die Worte vollkommen ruhig, nur mit etwas unterdrueckter Stimme,
dass der Mann am Steuer sie nicht hoeren sollte, aber sein Gesicht hatte
jeder Blutstropfen verlassen, und sein Blick schweifte wild und unstaet
umher. Ihm gegenueber stand die Frau -- bleich, kalt und regungslos, wie ein
wunderschoenes, aber todtes Marmorbild; nur der Blick, den sie stier und
fest auf den Gatten geheftet hielt, lebte; -- aber sie sprach kein Wort --
that keine Frage weiter, und als sie hoerte -- denn sie wandte das Auge
nicht dorthin, -- dass die anderen Passagiere wieder zurueckkamen, drehte sie
sich langsam ab, und stieg an der hinteren, am Steuerruder abwaerts
fuehrenden Treppe in die Cajuete und ihren eigenen _stateroom_ nieder, den
sie hinter sich verschloss.

Die Sonne ging unter und der Steward rief zum Souper; aber Clara liess sich
entschuldigen. Sie hatte Kopfschmerzen und die Augen thaten ihr weh. Marie
wollte sie nach dem Essen besuchen, um zu sehen was ihr fehle, aber die
Thuer war noch immer verschlossen, und wurde auch nicht geoeffnet, und erst
spaet liess die junge Frau Hedwig noch einmal zu sich rufen.

Hedwig, das arme Kind, hatte jetzt auch eine schwere Zeit, denn des
Tischlers Frau war heute ueber Tag wieder so krank geworden, dass sie Georg
Donner keinen Augenblick verlassen wollte, und das Schlimmste zu fuerchten
schien. Die alten Phantasieen stellten sich dabei wieder ein, der Laerm den
Tag ueber mochte sie auch aufgeregt und beunruhigt haben, und das Brennen
und Pochen im Kopfe war aerger als je geworden. Hedwig hatte auch schon die
ganze vorige Nacht bei ihr aufgesessen, und eben war die Kranke, zum
ersten Mal wieder seit acht und vierzig Stunden, in einen kurzen,
unruhigen und oft unterbrochenen Schlummer gefallen, als sie zu ihrer
jungen Herrin gerufen wurde, und zugleich hoerte dass diese ebenfalls krank
sei.

Rasch und aengstlich eilte sie zurueck in die Cajuete, und klopfte an der
beiden Gatten enges, aber sehr freundlich eingerichtetes Gemach. Ein
leises "Herein" antwortete, und sie fand Clara schon auf ihrem Lager, das
Antlitz fest in ihr Kissen gedrueckt, von dem aus sie der Eintretenden,
ohne zu ihr aufzusehn, nur die Hand entgegenstreckte.

"Liebe, liebe Frau Henkel, was fehlt ihnen?" fluesterte das Maedchen, neben
der niederen Coye knieend, und die ihr gebotene Hand mit Kuessen bedeckend
-- "sind Sie krank? -- was um Gottes Willen ist vorgefallen?" --

Aber Clara vermochte kein Wort zu erwiedern -- sie hatte sprechen wollen,
aber sie fuehlte dass es in diesem Augenblick ihre Kraefte ueberstieg, und nur
schweigend hielt sie eine lange, lange Zeit die Hand des Kindes fest und
krampfhaft in der ihren.

"Liebe, liebe Frau Henkel" wiederholte Hedwig bittend -- was ist Ihnen? --
kann ich Ihnen helfen?" --

"Ja Hedwig -- ja --" hauchte die Kranke mit kaum hoerbarer Stimme -- "Du
allein -- aber nicht heute mehr -- komm morgen -- morgen frueh --"

"Aber wenn Sie mir indessen ernstlich krank werden?" bat das junge
Maedchen, die nicht begreifen konnte was die raethselhaften Worte bedeuteten
-- "Soll ich nicht lieber doch Herrn Donner rufen, den jungen Arzt, den wir
im Zwischendeck haben, und der, wie die Anderen sagen, viel mehr versteht
als der Doktor in der Cajuete."

"Ich bin nicht krank" fluesterte aber die Frau -- "wenigstens nicht so, dass
mir ein Doktor Mittel dagegen verordnen koennte -- nur Ruhe brauche ich --
Ruhe -- so bitte, Hedwig -- lass mich jetzt allein."

"Darf ich nicht bleiben?"

Die Leidende schuettelte, ohne weiter ein Wort zu sagen, den Kopf, und
Hedwig, gehorsam dem gegebenen Befehl, stand langsam auf, zoegerte noch
einen Augenblick in der Thuer, ob die Kranke nicht den Befehl doch wohl
widerrufen koenne, und verliess dann, so geraeuschlos wie sie es betreten,
aber mit einer schweren Sorge mehr im Herzen, das Gemach.

"Was fehlt nur Clara, Herr Henkel?" frug Marie den jungen Mann, der mit
verschraenkten Armen und langsamen Schritten oben auf dem Quarterdeck auf
und ab ging, und bei ihrer Anrede rasch und wie erschreckt emporschaute;
"das muss ganz ploetzlich geschehen sein, denn vorhin war sie ja noch so
munter und ausgelassen, wie ich sie fast noch gar nicht gesehen."

"Heftiger Kopfschmerz, weiter Nichts" erwiederte ihr Henkel, jetzt
vollkommen ruhig -- "sie klagte schon letzte Nacht darueber, und es schien
sich ueber Tag vollstaendig gelegt zu haben kehrte aber den Abend ploetzlich
und weit staerker wieder. Ruhe allein ist was sie braucht, der Schmerz geht
dann von selbst vorueber."

"Wie Schade dass das gerade heute ist" klagte das junge froehliche Maedchen;
"wissen Sie, dass wir heute Abend Concert haben?"

"Wirklich" erwiederte Henkel zerstreut -- "und wer musicirt?"

"Der alte Polnische Jude mit dem schmutzigen schwarzen Kaftan; er darf
aber nicht auf das Quarterdeck kommen" setzte sie lachend hinzu -- "er
sieht gar so verdaechtig aus, und wird seine Vorstellung unten vor dem
grossen Mast geben."

"_Vor_ dem grossen Mast liegt die Barkasse, mein Fraeulein" fiel hier Herr
von Hopfgarten verbessernd ein, "und wenn er dort spielte, wuerden wir ihn
weder sehn noch hoeren koennen."

"Oder dahinter" sagte das junge Maedchen, halb lachend halb aergerlich den
Kopf schuettelnd -- "Sie wissen recht gut, dass ich Ihre Schiffsausdruecke
nicht verstehe, noch weiss ob man vor oder hinter dem grossen Mast sagen
muss; aber leid thut mir's dass Clara nicht dabei sein kann."

"Ist Ihre Frau wirklich krank?" frug da der kleine Mann rasch und besorgt
-- "davon habe ich ja kein Wort gewusst."

"Nur unbedeutende Kopfschmerzen -- aber was fuer ein Instrument wird denn
gespielt?" frug Henkel, der das Gespraech nach anderer Richtung zu lenken
wuenschte, "wohl eine schreckliche Violine und Floete."

"Diessmal nur eine Holzharmonika" versicherte Hopfgarten, "der Jude ist ein
armer Teufel, der sich ein paar Thaler zu verdienen wuenscht ehe er an Land
geht. Er hatte mich schon lange um meine Verwendung bei der Cajuete
gebeten, aber sein Sohn war immer nicht bei Stimme, die ganze Reise lang,
und dessen Hals wahrscheinlich durch die Seekrankheit zu sehr afficirt
worden; jetzt soll er sich jedoch wieder vollstaendig erholt haben, und das
erste Concert heut' Abend stattfinden. Die Kosten sind auch schon durch
unser Whistkraenzchen gedeckt, und eine kleine Sammlung wird noch nachher
stattfinden. Der alte Bursche ist, wie mir gesagt wurde, ein wahrer
Virtuos auf dem unscheinbaren Instrumente, das eigentlich nur aus
einzelnen Stuecken Holz besteht."

"Ich freue mich darauf ihn zu hoeren" sagte Henkel.

"Ja wohl, es giebt endlich einmal wenigstens eine kleine Abwechslung in
unsere doch eigentlich schauerlich monotone Existenz" rief von Hopfgarten
-- "Ihre Frau Gemahlin darf aber nicht dabei fehlen; sie allein bringt ja
meist Leben und Bewegung in das stehende Wasser unserer Geselligkeit. Wenn
es ihr irgend moeglich ist, lass ich sie recht schoen bitten von der Parthie
zu sein, und wenn sie auch nur in ihrem Neglige eine halbe Stunde an Deck
kommt."

"Ich werde es sie wissen lassen" sagte Henkel und drehte sich ab, seinen
Spatziergang an Deck fortzusetzen.

Der Polnische Kuenstler hatte indess seine Vorbereitungen getroffen, seinen
kleinen Tisch hinter die Pumpen gestellt, dass er mit dem Ruecken gerade
gegen die Nagelbank des grossen Mastes zu stehen kam, und waehrend sich die
Passagiere dicht um ihn her schaarten, und mit der Mannschaft oben auf der
Barkasse, auf der Nagelbank selber, und in den den Platz gerade
uebersehenden Wanten hingen, sammelten sich die Cajuetspassagiere wie auf
einer Gallerie, auf dem Quarterdeck dem Genuss zu folgen. Henkels junge
Frau war aber nicht an Deck erschienen, und Henkel bat sie zu
entschuldigen, da die Musik ihr Uebel eher verschlimmern koenne.

Er hatte sie uebrigens noch gar nicht wieder gesprochen; wie aber die
Cajuetspassagiere oben versammelt waren, und selbst der Steward und
Cajuetsjunge dem Drang nicht widerstehen konnten, die "neue Musik" zu
hoeren, verliess er unbeachtet seine Mitpassagiere, und stieg mit langsamen
aber festen Schritten die Treppe hinab in die Cajuete. Einen Moment zwar
zoegerte er, als er die Klinke beruehrte die seinen eigenen Raum erschloss,
aber es war auch nur ein Moment, und mit fester Hand oeffnete er die Thuer,
die er wieder hinter sich in's Schloss drueckte.

Die junge Frau hatte ihr Lager verlassen und sass, das Taschentuch fest
gegen die Augen gepresst, den linken Ellbogen auf den kleinen Tisch
gestuetzt, regungslos da. Sie musste auch den eintretenden Gatten gehoert
haben, denn ihr ganzer Koerper zitterte vor innerer Aufregung, aber sie
bewegte sich nicht und blickte nicht empor.

"Clara!" sagte Henkel mit leiser, doch fester Stimme -- "was hast Du nur? --
was ist Dir? -- ich glaube wahrhaftig, Du hast Dir in toller
Einbildungskraft irgend eine fixe Idee, mag sie noch so absurd und
wahnsinnig sein, in den Kopf gesetzt."

Die Frau antwortete nicht, aber das Zittern ihres Koerpers wurde heftiger,
und sie presste das Tuch wie krampfhaft an die Augen.

"Clara! -- Dein _Mann_ spricht mit Dir!" sagte Henkel, jedenfalls
entschlossen das einmal Begonnene zu einer Entscheidung zu bringen. Das
Wort bannte aber auch den Starrkrampf, der bis dahin wie ein boeser Zauber
auf den Gliedern der Ungluecklichen gelegen; so den Arm sinken lassend, der
mit dem gehaltenen Tuch ihr Antlitz bis dahin verhuellt hatte, schaute sie
zu dem Gatten auf, und richtete sich dabei langsam empor, bis sie ihm
gerade gegenueber stand. Sie war todtenbleich, aber keine Thraene netzte
ihren Blick, die Augen lagen hohl und trocken in ihren Hoehlen, und nur die
Lippen zitterten, als sie wie widerstrebend den Klang der Worte
nachhallten:

"_Dein Mann!_"

"Sei vernuenftig, Clara!" sagte aber jetzt Henkel mit ruhigerer
beguetigender Stimme, denn der Anblick der Frau, die Veraenderung, die nur
die wenigen Stunden in ihren Zuegen hervorgebracht, traf ihn wie ein Stich
in's Herz -- "quaele Dich vor allen Dingen nicht mit einem albernen
Verdacht, der Dir nur das Leben verbittern, und doch Nichts nuetzen koennte.
Was hast Du, sprich es frei heraus, dass ich im Stande bin mich zu
vertheidigen, aber fasse Dich dann auch und zeige Dich wieder an Deck,
denn die Leute fragen nach Dir, wollen wissen, was Dir fehlt, und was Dich
so ploetzlich betroffen haben koennte."

"Und hast Du es ihnen nicht gesagt?" frug die Frau, waehrend ihr Blick sich
in seine innere Seele zu bohren schien, mit tonloser, kaum hoerbarer
Stimme.

"Ich? -- was soll ich ihnen sagen -- sei keine Thoerin Clara, und vor allen
Dingen _vernuenftig_. Du bist alt genug zu wissen wie weit Du gehen kannst,
-- wie weit nicht --"

"Mit _Dir_ keinen Schritt weiter in diesem Leben" rief aber die Frau jetzt
in wilder ausbrechender Heftigkeit -- "und wenn ich mein Brod vor den
Thueren der fremden Stadt erbetteln sollte."

"Du bist ein _Kind_ Clara" sagte Henkel mit aergerlichem ungeduldigem
Kopfschuetteln, waehrend er die Thuer der innern Cajuete oeffnete, hinaus sah
ob Niemand draussen sei und wieder schloss.

"_Leugnest_ Du die That?" frug die Frau in zorniger Verachtung zum ersten
Mal ihm einen Schritt entgegentretend -- "leugnest Du den armen
unglueckseligen Menschen der meinem Vater Jahre lang treu und ehrlich
gedient, und durch _Dich_ sein ehrloses Grab fand, mit kaltem Blute
_gemordet_ zu haben? O barmherziger Gott" fuhr sie, ihr Antlitz in den
Haenden bergend fort -- "mir reisst der Gedanke daran das Herz in blutigen
Stuecken entzwei, und _ich_ -- ich bin das _Weib_ eines solchen Verbrechers
-- und _mich_ hat er aus meiner gluecklichen Heimath fortgeschleppt --
Verloren -- verloren."

Ein lindernder Thraenenstrom brach sich in diesem Augenblick die Bahn, und
in sich zusammengeknickt sank die Frau auf den Stuhl zurueck und schluchzte
laut.

Henkel blieb volle Minuten lang mit unterschlagenen Armen und finster
zusammengezogenen Brauen vor ihr stehn; zwei- oder dreimal oeffnete er auch
den Mund, aber kein Laut kam ueber seine Lippen, bis draussen in der Cajuete,
durch die sie nur durch eine duenne Bretterwand geschieden waren, Stimmen
laut wurden. Es war Frau von Kaulitz mit Herrn von Benkendroff und dem
armen Hopfgarten als Nachtrab, da sich die Dame unter keiner Bedingung
laenger ihr Whist wollte entziehen lassen.

Henkel richtete sich gewaltsam auf, strich sich die Haare aus der Stirn
und sagte mit unterdrueckter, aber fester entschlossener Stimme:

"Du wirst wissen Clara, wie Du Dich hier an Bord zu benehmen hast -- ich
lasse Dich jetzt allein und hoffe Dich morgen frueh wieder _vernuenftig_ zu
finden."

Eine abwehrende Bewegung der ausgestreckten Hand war Alles was die Frau
darauf erwiederte, die sonst regungslos in ihrer Stellung blieb, und
Henkel verliess rasch den kleinen Raum und betrat die innere Cajuete,
zugleich den Gesellschafts- und Speisesaal, wo Herr von Benkendroff eben
den Spieltisch in Ordnung brachte, und Herr von Hopfgarten indessen als
Opfer auf dem schon bereit gerueckten Stuhle sass, und mit vor sich auf dem
Tisch gefalteten Haenden die Daumen umeinander jagte.

"Hallo Herr Henkel" rief er aber diesem sich rasch nach ihm umdrehend
entgegen, als er ihn aus seiner Cajuete treten sah, "nun wie geht's meiner
verehrten Dame, Ihrer lieben Frau, noch nicht wieder munter?"

"Es geht besser" erwiederte Henkel ihm zunickend, mit vielleicht
absichtlich lauter Stimme -- "ich bin fest ueberzeugt dass sie morgen wieder
wohl genug sein wird, am Fruehstueckstisch zu erscheinen."

"Nun das freut mich herzlich" sagte der kleine gutmuethige Hopfgarten --
"aber, apropos lieber Henkel" setzte er rasch und lauter hinzu, _duerfte_
ich Sie vielleicht bitten hier ein kleines halbes Stuendchen meine Stelle
einzunehmen? -- ich moechte gern --"

"Es thut mir wirklich leid das heute Abend nicht im Stande zu sein -- ich
muss doch dann und wann nach meiner Frau sehn" erwiederte aber Henkel, die
aeussere Cajuetsthuere oeffnend, waehrend Hopfgarten, mit einer gewissen
Resignation auf seinem Stuhl, aus dem er sich schon in halber Hoffnung
erhoben hatte, zuruecksank, und die jetzt vor ihn hingelegten Karten an zu
mischen fing.





                                Capitel 9.


                                  LAND.


Der naechste Morgen daemmerte; weit im Osten drueben faerbte sich der Horizont
mit einem mattlichten Streif, der einen weiten dunklen Schatten auf das
Wasser warf, und die Sterne im Westen schienen noch einmal so hell und
lebendig zu funkeln, ehe der feindliche Tag sie vom Himmel trieb. Oede und
kaum sich bewegend in kleinen rollenden, fahlgrauen Wogen lag das Meer --
ein schlummernder Koloss, gewaltig selbst in seiner Ruhe, und furchtbar,
entsetzlich in seinem Zorn, und mit eben geblaehten Segeln, wie ein Schwan
auf stiller Fluth, zog das Schiff langsam dahin auf seiner Bahn. Aber in
seinem Innern regte und trieb geschaeftiges Leben, der fruehen Morgenstunde
zum Trotz, denn heute war ihnen, was sie gestern nicht zu sehn bekommen,
versprochen worden -- _Land_ -- und Jeder wollte der Erste sein der es
entdeckte, den Reisegefaehrten die frohe, so heiss ersehnte Kunde zujauchzen
zu koennen -- "Land!"

Vorn auf der Back bis an den Clueverbaum(18) hinauf stand schon, noch bei
voelliger Dunkelheit, ein kleiner Trupp, in den Wanten des Fock- und
Hauptmastes hingen sie, und die kecksten und gewandtesten der Schaar,
unter ihnen Carl Berger und der junge polnische Bursche, waren sogar in
die ersten Marsen, und der letztere bis auf die Vor-Marsraae
hinaufgestiegen, von da aus den Horizont weiter zu erspaehn.

Und mehr und mehr im Osten lichtete sich der Himmel, ueber dessen weiten
Bogen zuckende weissliche Strahlen heraufschossen und den kleinen
zerstreuten Wolken einen rosigen Schimmer gaben; breiter und lichtgelber
wurde der Streifen, den das Meer jetzt schon in seinem Glanze
wiederspiegelte, und dort -- wie ein gluehender Berg in blendender Majestaet
stieg sie empor des Tages Koenigin -- und dort --

"Land! Land!" jubelte es von den Masten und Raaen, wo hinauf auch schon
Matrosen gestiegen waren, mit weit geuebteren Blicken den westlichen
Horizont zu erspaehen -- "Land! Land!" jauchzte es vom Deck ein Echo dem
Freudenruf, und nur mitten hinein in den Rausch der Gluecklichen, denen das
ersehnte Ziel vor Augen lag, stieg ein einzelner wilder Klageruf, wie ein
Misston dieser Harmonie, wild und gellend aus dem Zwischendeck heraus.

"_Todt -- todt!_" jammerte eine Stimme in herzzerreissenden Toenen; und die
Leute aus den Masten glitten schweigend nieder, und die vorn ueber das
Schiff postirten Maenner draengten lautlos oder mit leisen, scheuen Fragen
zurueck, der dunklen Luke zu, aus der der wilde Weheruf noch immer
schallte.

"Was ist geschehn -- wer ist todt? wer klagt da unten?" draengten und
fluesterten die Leute durcheinander.

"Leupolds Frau ist eben gestorben" klang aber die Antwort zurueck, und die
Gruppen, von denen nur einige neugierig in das Zwischendeck hinabstiegen,
waehrend die Uebrigen sich mitleidig fluesternd an Deck ueber den traurigen
Fall unterhielten, sammelten sich um die Luke und warfen nur manchmal
scheu den Blick nach unten, wo Leupold neben der Leiche sass, ihre kalte
Hand zwischen seinen Haenden hielt, und sich selber laut anklagte der
Moerder der Dahingeschiedenen zu sein, die er gegen ihren Willen aus dem
Vaterland, und in Verhaeltnisse gerissen habe, denen das zarte Leben
unterliegen musste. Vergebens suchte ihn die Mutter, suchten ihn seine
Freunde zu troesten dass Gott es so gewollt, und er ja nur ausgewandert sei,
weil er gehofft habe fuer die Seinigen in dem neuen Vaterland besser sorgen
zu koennen. "Nein, nein!" schrie er immer wieder -- "es ist nicht wahr -- es
ist nicht wahr -- reiner Uebermuth nur war es von mir -- reiner toller
Uebermuth dass ich, von habgierigen Menschen verlockt, mein sicheres Brod
verliess und dem Versucher folgte. -- Ich habe sie gemordet, mit kaltem Blut
gemordet und Gott wird mich dafuer strafen, Gott wird mich dafuer strafen."

"Was der Bursche da unten fuer ein Gewinsel macht dass ihm die Frau
abgefahren ist" brummte der aelteste von den drei an Bord geschafften
Verbrechern halb mit sich selber redend, halb zu Meier gewandt, der nicht
weit von ihm auf einem der Wasserfaesser sass und ohne weder Notiz von dem
in Sicht gekommenen Land, noch von dem Todesfall zu nehmen, ein Stueck Holz
in die Form eines Schiffes zu schnitzen suchte. Die beiden Maenner hatten
uebrigens, seit dem vor Wochen kurz abgebrochenen Gespraech noch kein Wort
wieder mit einander gewechselt.

"Die Haelfte von uns Menschen weiss nie wann's ihr am wohlsten ist" sagte
Meier ebenfalls ohne von seiner Beschaeftigung aufzusehn.

"Mancher hielt's fuer ein Glueck" meinte der Erste wieder.

"Fuer Manchen waer's eins" brummte Meier, und die Unterhaltung kam hier
wieder fuer eine Weile in's Stocken; dem sonst so schweigsamen Passagier
schien aber heute daran gelegen mit dem Anderen das Gespraech fortzusetzen,
und er sagte nach ein paar Minuten wieder, in denen Jeder still und mit
seinen eigenen Gedanken beschaeftigt vor sich nieder gesehn:

"Kommen nun bald nach Amerika."

"Ja" erwiederte Meier lakonisch -- "wird ein Vergnuegen werden."

"Ihr versprecht Euch nicht viel davon?"

"Muesst' es luegen."

"Ein Geschaeft?"

"Fleischer" --

"Hm" --

"Und Ihr?"

"Ich?"

"Ja" --

"Schlosser!" sagte der Alte und warf dabei einen fluechtigen Seitenblick
nach dem Mitpassagier, ohne dessen nach ihm hinuebersuchendem Auge zu
begegnen.

"Gutes Geschaeft und naehrt seinen Mann" sagte Meier endlich nachdenklich --
"muss aber recht betrieben werden -- Kein Werkzeug?"

"Steht nicht zu erwarten" sagte der Mann.

"Hm, nein" --

"Schon eine Idee wohin Ihr geht drueben?" frug der Alte endlich wieder nach
einer zweiten Pause.

"Drueben? -- wo?"

"Nun dort" -- und er deutete mit dem verkehrt gehaltenen Daumen ueber die
Schulter hin der Richtung zu, in der das Land lag. Meier schuettelte aber
den Kopf und knurrte:

"Zum Teufel wahrscheinlich, wenn's mir nicht besser glueckt wie in
Deutschland."

"Da koennen wir vielleicht zusammengehen" lachte der Alte.

"Oder treffen uns wenigstens da spaeter" sagte Meier, ausweichend.

"Wahrscheinlich" brummte der Alte, mit dem Erfolg seiner Annaeherung nicht
recht zufrieden, blieb noch eine Weile auf dem Fass sitzen und stand dann
langsam auf nach vorne zu gehn, wo er mit seinen beiden Kameraden wieder
zusammentraf. Meier aber sah ihm, ohne seine Stellung zu veraendern oder
auch nur den Kopf auf die Seite zu drehn, so lange nach, wie er ihm mit
den Augen folgen konnte, und pfiff dann leise und mit einem halb
spoettischen Grinsen vor sich hin, als er in seiner Selbstbetrachtung
ploetzlich durch ein von oben niedertoenendes heiseres Lachen gestoert wurde.
Rasch sah er empor, und erkannte den Scheerenschleifer, der oben in der
Barkasse lag, ueber deren Rand er gerade mit dem halben Oberkoerper
herueberschaute, dass sich die Sonne an den blankgescheuerten Schultern des
unverwuestlichen fahlgruenen Rockes spiegelte.

"Gratulire zum Compagniegeschaeft" sagte er lachend, als er des Fleischers
Blick begegnete -- "Meier und Compagnie wird gar nicht so schlecht klingen
in New-Orleans."

"Danke" brummte Meier vor sich hin -- "der Contrakt ist noch nicht
unterzeichnet -- Du scheinst Dir da oben aber Dein stetes Quartier genommen
zu haben, Kamerad."

"Schade dass ich so bald ausziehn muss" sagte der Scheerenschleifer, den
Dampf aus seiner Pfeife dabei in weissen kurzen Wolken von sich stossend.

"Schade? -- ich danke Gott dass ich das verfluchte Schiffsleben bald hinter
mir habe -- die Haende wachsen Einem ja zusammen."

"Bah" sagte der Scheerenschleifer -- "was verlangt ein Mensch mehr auf der
Welt, was kann er mehr verlangen, als drei Mal zu essen den Tag, und
Nichts zu thun, ohne weitere Expensen. Ich wuenschte mir mein Lebtag nichts
Besseres als auf solche Art hin- und herzufahren, wenn ich nur irgend
etwas wuesste wozu sie mich, ohne besondere Beschaeftigung, an Bord
gebrauchen koennten."

"Zur Verzierung etwa" meinte Meier.

"Ja, fuer den Schafskopf vorn" sagte der Scheerenschleifer trocken, ohne
die Anspielung uebrigens uebel zu nehmen -- "gehst Du heute mit zur Leiche?"

"Ich habe meinen schwarzen Frack nicht draussen" sagte Meier.

"Ist schade" erwiederte der Scheerenschleifer -- "geht mir aber auch so."

"Wir werden uns ueberhaupt bald anziehn muessen an Land zu gehn" fuhr Meier
fort -- "wenn das Schiff einmal anlegt, wird uns der Capitain schnell genug
hinaustreiben, und gewiss nicht daran denken uns laenger zu fuettern, als er
unumgaenglich noethig hat."

"Kann ich ihm auch gar nicht verdenken" sagte Maulbeere; "ich gehe aber
vor allen Dingen erst einmal im Neglige hinueber, und werde mich vor der
Hand beim Praesidenten entschuldigen lassen, dass ich ihm nicht gleich meine
Visite machen kann. -- Fuettern werden wir uns uebrigens jetzt wieder selber
muessen."

"Nun zum Teufel, man wird doch in dem Amerika wenigstens zu leben haben" --
fluchte Meier.

"Amerika soll verdammt sein" brummte der Scheerenschleifer, und qualmte
aerger als vorher.

"Warum bist Du denn da heruebergekommen, wenn Du's so gut leiden magst?"
frug ihn Meier.

"Weil ich wenigstens die Condition einmal wechseln wollte; aber in dem
Hundeleben selber wird verwuenscht wenig Veraenderung sein -- Die Frage ist
ausserdem, ob sie hier ueberhaupt Scheeren zu schleifen haben -- sollte mich
gar nicht wundern wenn ich den alten vermaledeiten Drehkarren am Ende ganz
zu meinem eigenen Vergnuegen im Lande umherfuehre" --

"Und weiter kannst Du Nichts?"

"Hm, wer weiss" sagte Maulbeere -- "es liegt noch vielleicht Manches bei mir
verborgen, hat sich aber noch nicht entwickelt."

"Nun in Deutschland drueben haetten wir auch auf der Landstrasse verhungern
koennen ohne dass sich Jemand anders als vielleicht ein Gendarme
theilnehmend nach unserem Passe erkundigt haette" sagte Meier -- "die sind
wir doch wenigstens los."

"Haben mich noch nie genirt" meinte Maulbeere trocken -- "wer sich nicht
einmal einen guten Pass verschaffen kann ist selbst zum Stehlen zu dumm."

"Mit _den_ Grundsaetzen wirst Du hier im Lande wohl auch nicht verhungern"
lachte Meier -- "aber ich glaube da kommen sie aus dem Zwischendeck mit der
Leiche herauf" unterbrach er sich da ploetzlich, indem er von seinem Sitze
aufstand; "ich gehe nach vorn -- mag nicht gern Leichen sehn."

"Habe auch keine Passion dafuer" brummte Maulbeere, und verschwand gleich
darauf hinter dem Rand der Barkasse, in der er sich der Laenge nach
behaglich ausstreckte, von dem unten Vorgehenden nichts weiter sehn zu
muessen.

Meier war langsam nach vorn geschritten, seinen Lieblingsplatz auf einem
der auf der Back liegenden Anker einzunehmen, als er dort dem jungen
Donner begegnete, der eben von da niederstieg.

"Hoert einmal Freund," sagte dieser, als er ihn einen Augenblick scharf
fixirt hatte, und dann bei ihm stehen blieb -- "wir haben doch einander
schon frueher einmal gesehen, aber ich kann mich nicht gleich besinnen
_wo_? -- seid Ihr nicht aus Waldenhayn?"

"Waldenhayn?" wiederholte der Mann, kopfschuettelnd, "was fuer ein
Waldenhayn?"

"An der Hart --"

"Kenn' ich nicht" -- sagte Meier, ohne sich auf weitere
Auseinandersetzungen einzulassen, und drehte dem jungen Mann den Ruecken
zu, die Back hinaufzusteigen. Georg Donner sah ihm noch ein paar Momente
wie zweifelnd und ungewiss nach, verzichtete jedoch auf weitere Fragen, da
ihm das Resultat auch ziemlich gleichgueltig sein konnte, und ging nach dem
mittleren Theil des Decks zurueck, wo sich indessen die meisten der
Zwischendeckspassagiere an zu sammeln fingen.

Die Leiche der Frau wurde jetzt naemlich aus dem engen unteren Raum hinauf
an Deck geschafft, und dort in Lee mit ihrer Matratze auf ein paar ueber
die Wasserfaesser gedeckte Breter gelegt. Doktor Hueckler, der sich jetzt
sehr geschaeftig zeigte, oeffnete ihr dann beide Adern, sich von dem
wirklichen Hinleben der Kranken, da man die Leiche nicht an Bord behalten
konnte, auch fest zu ueberzeugen. Als aber auch der letzte Zweifel
beseitigt, und der Tod fest und unerbittlich constatirt worden, wurde der
Segelmacher beordert, die Verschiedene in ein Stueck Segeltuch, wie das auf
Schiffen gebraeuchlich ist, einzunaehen. Nur das Gesicht sollte noch bis zum
letzten Augenblick der Bestattung frei und offen bleiben.

Es ist ein haesslich unangenehmes Gefuehl eine Leiche an Bord zu wissen, und
selbst in der Cajuete, die doch in keine Beruehrung mit der Gestorbenen
gekommen war, ja von deren Passagieren sich nur ein paar erinnerten sie
ueberhaupt je an Deck bemerkt zu haben, hatte es die froehliche Stimmung die
das nahe Land hervorgebracht, wenn nicht ganz gestoert, doch merklich
gedaempft. Wesentlich zu dem Unbehagen trug aber auch der Doktor Hueckler
bei, der sich vor dem Fruehstueck, das die Passagiere heute aussergewoehnlich
zeitig in der Cajuete versammelt hatte, in seinem unglueckseligem
Geschaeftsstolz nicht enthalten konnte, dem Professor Lobenstein genau den
erfolglosen Aderlass an der Todten, die Umstaendlichkeiten ihrer letzten
Augenblicke und den wahrscheinlichen Zustand ihres Gehirns, das einer
Entzuendung erlegen waere, zu beschreiben. Der Professor suchte dabei
vergebens ihm zu entgehn, eben so beschwor ihn Herr von Benkendroff ihm
nicht wieder das Fruehstueck mit seinen verzweifelten Beschreibungen zu
verderben. Umsonst, der Fall interessirte ihn selber viel zu sehr, ihn
ruhig und unausgesprochen bei sich tragen zu koennen, und er _musste_ seinem
Herzen Luft machen.

Indessen war Hedwig, die an dem Morgen schon zweimal vergebens an ihrer
jungen Herrin Thuer geklopft, durch den Cajuetenwaerter dorthin beschieden
worden, und flog jetzt dem willkommenen Befehle Folge zu leisten. Die
junge Frau hatte sich ihr stets so mild, so freundlich gezeigt, war
besonders gestern Abend in ihrem Schmerz so herzlich mit ihr gewesen -- und
diese Guete that dem armen, verwaisten Kind so wohl -- dass es sie trieb und
draengte ihr Leiden zu erfahren. Konnte sie auch nicht helfen, mittragen
konnte sie es doch, und Alles, Alles thun was in ihren Kraeften stand, ja
selbst was ueber ihren Kraeften lag, es zu erleichtern.

Sie fand Clara heute schon auf, und vollstaendig angezogen in ihrer Cajuete,
und als sie die Thuere oeffnete streckte ihr die junge Frau die Hand
entgegen. Hedwig erschrack aber ueber das todtenbleiche schmerzdurchzuckte
Antlitz der geliebten Herrin, und wollte die gebotene Rechte in
aengstlicher Hast an ihre Lippen fuehren, als sie sich von Clara
emporgezogen, von ihren Armen umschlossen und einen heissen Kuss, heissere
Thraenen auf ihrer Stirne fuehlte.

"Um Gottes Willen liebe -- gnaedige Frau" --

"Nenne mich Clara fortan und Schwester" -- fluesterte aber die Frau unter
gewaltsam zurueckgedraengten Thraenen -- "denn ich will es Dir sein bis zum
Tode, Du armes -- liebes Kind. Aber ruhig jetzt -- keine Frage weiter, kein
Wort," bat sie, als Hedwig sich halb erschreckt, halb schuechtern aus ihren
Armen loszuwinden suchte -- "in wenigen Tagen -- Stunden vielleicht,
betreten wir das Land, und die uns fremd hier sind brauchen nicht zu ahnen
dass uns _ein_ Schmerz, _ein_ Leid gedrueckt. Komm mein Kind" setzte sie
dann ruhiger hinzu, waehrend sie die Spuren der Thraenen von ihren Wangen zu
tilgen suchte, "komm Hedwig, wir wollen hinaus unter die Leute gehn, aber
Du bleibst bei mir, nicht wahr mein liebes Kind, Du gehst jetzt nicht
wieder von mir fort? -- Schon gut -- schon gut, ich weiss dass Du mich liebst,
wenn ich es auch nicht verdiene, denn auch ich -- aber das spaeter -- das
spaeter" fluesterte sie, ihr Herz mit beiden Haenden deckend, als wenn sie es
halten und baendigen wollte in der Brust -- "Und nun die Maske vor zum
_ersten_ Mal!"

Hedwig, nicht im Stande den, fuer sie raethselhaften Sinn der dunklen Worte
zu verstehn, wagte auch nicht zu fragen und zu forschen, haette ihr die
Frau selbst Zeit dazu gelassen. Diese aber oeffnete rasch die zur Cajuete
fuehrende Thuer, und betrat den inneren Raum, wo sie saemmtliche Passagiere
am Fruehstueckstisch bereits versammelt fand."

"Heilige Mutter Gottes!" rief aber Marie, die auf sie zu lief, und sie
umarmte und kuesste, "wie bleich und angegriffen Du aussiehst Clara; Du bist
_recht_ krank gewesen -- bist es noch, und musst Dich unendlich schonen und
in Acht nehmen, dass Du Dich ja recht bald wieder erholst. Draussen ist ja
schon das Land in Sicht -- soll ich es Dir zeigen?" --

"Nachher, nachher meine liebe Marie," laechelte Clara, ihren Kuss und den
Morgengruss der Uebrigen erwiedernd.

Herr von Hopfgarten begnuegte sich aber nicht mit der kalten Verbeugung,
sondern ging auf sie zu, um den ganzen Tisch herum, schuettelte ihr die
Hand, und sagte ihr dass es ihn unendlich freue sie wieder wohl und munter
zu sehn, denn sie haette ihm die ganze Zeit lang gefehlt, und er waere
selbst nicht einmal ueber das Land froh geworden.

Marie neckte ihn deshalb, aber des Capitains Ruf noethigte die Passagiere
sich zu setzen, und das Gespraech wurde jetzt allgemein.

Mit der Sonne wurde die Brise indessen etwas lebendiger, und das Land lag
schon, ein deutlicher dunkler niederer, aber doch selbst dem blossen Auge
leicht erkennbarer Streifen am fernen westlichen Horizont, dem das Schiff
jetzt mit vollgeblaehten Segeln entgegenstrebte. Rechts und links kamen
dabei noch andere Segel in Sicht, kleine Kuestenfahrzeuge wie groessere
Schiffe, die theils gegen den Wind aufkreutzten, theils mit ihnen gleiche
Bahn gingen der amerikanischen Kueste zu, und die Passagiere haetten des
Neuen und Fremdartigen zu sehen genug gehabt, waere ihre Aufmerksamkeit
nicht bald auf das Begraebniss der Frau gelenkt worden. Der Capitain trieb
naemlich, die Leiche ueber Bord zu lassen, einer Masse Umstaendlichkeiten zu
entgehen, die er sonst noch bei der Landung haette haben koennen.

                                    []

                                Capitel 9


Der Steuermann ging jetzt zu Leupold, machte ihn damit auf seine rauhe
aber nichtsdestoweniger herzliche Weise bekannt, und forderte ihn auf sich
zu sammeln und dem, was er nun doch einmal nicht aendern koenne, maennlich
in's Auge zu schaun. Leupold aber wollte im Anfang Nichts davon wissen,
bat nur um -- einen Tag, dann um wenige Stunden noch Aufschub -- man koenne
die Gestorbene doch nicht, fast noch warm, schon begraben wollen. Seine
Freunde aber redeten ihm zu sich dem Unvermeidlichen zu fuegen, selbst
Georg Donner, auf den er am meisten hielt, bat ihn es geschehen zu lassen;
die Frau sei todt, und unter den nun einmal bestehenden Umstaenden
jedenfalls das Beste, den leblosen Koerper ohne Zeitverlust den Wellen --
ihrem stillen Grab, zu uebergeben.

Der Mann fuegte sich endlich darein, kuesste noch einmal die bleichen Lippen
der Dahingeschiedenen, barg dann das Antlitz in den Haenden und weinte
laut. Der Steuermann winkte indess dem Segelmacher, den Koerper vollstaendig
einzunaehen. Er selber befestigte dabei einen Sack schon bereit gehaltener
Steinkohlen zu ihren Fuessen, und die Zwischendeckspassagiere wurden
aufgefordert der Todten die letzte Ehre zu erweisen. Von allen Seiten
draengten sie still und schweigend herbei, und umstanden den Platz mit
entbloessten Haeupten, wo vier Matrosen die Planke auf der die Leiche lag,
aufhoben und mit dem Fussende auf die Railing hinausschoben; zwei Mann
hielten sie dort im Gleichgewicht.

Der Capitain war indessen auf den Gangweg herunter gekommen, und seine
Muetze abnehmend trat er zu der Leiche hinan, und sagte mit lauter
einfacher Stimme.

"Ich habe versprochen gehabt alle meine Passagiere sicher und wohlbehalten
nach Amerika hinueberzufuehren. Gott der Herr hat es anders gewollt, und
diese eine Seele abgefordert zu Seiner himmlischen Herrlichkeit. Sein Name
sei gelobt und gepriesen, Er fuehrt Alles zum Guten aus, und des Menschen
Kraft ist wie ein Hauch vor Seinem Willen. Aber Er hat uns auch Seine
ganze weite Welt zum Trost dafuer gegeben, in der jede schwellende Woge,
jeder blinkende Sonnenstrahl ein Zeichen und Merkmal Seiner Macht und
Gnade ist -- Ihm wollen wir vertrauen. Des Herren Name sei gelobt!" Und
dann das Haupt neigend begann er mit leiserer Stimme das "Vater unser" zu
beten, in das die Passagiere lautlos mit einstimmten -- mit den letzten
Worten aber und auf ein leises Zeichen des Capitains, hoben die beiden
Matrosen die die Planke hielten, diese langsam an dem inneren Ende in die
Hoeh; die Leiche wurde dadurch mit dem Kopfende mehr aufgerichtet und glitt
rasch, von dem Gewicht des Steinkohlensackes nach vorn gezogen, hinab.

"Louise -- Louise!" rief der Mann mit einem herzzerreissenden Ton und
streckte die Arme nach ihr aus, aber im naechsten Momente schlug die Fluth
ueber ihr zusammen, und waehrend das Schiff rasch ueber die Stelle glitt,
sank der Koerper tiefer und tiefer hinab, und verschwand in der blaeulichen
Nacht.

Vorbei -- ueber der Leiche wogte die See so still und ruhig als vorher, und
das gewaltige Grab von Millionen waelzte seine munter plaetschernden Wellen
rasch und lebendig dem naeher und naeher rueckenden Lande entgegen.






ANMERKUNGEN


    1 Das in neuerer Zeit in Bremerhafen errichtete _Auswanderungshaus_
      existirte damals noch nicht

    2 Es ist leicht einzusehen dass nicht Jeder sein ganzes Gepaeck, was er
      aus dem alten Vaterland mitnimmt, auch bei sich im Zwischendeck
      behalten kann, bald in der, bald in jener Kiste herumzustoebern, je
      nachdem er gerade dies oder jenes braucht, oder zu brauchen glaubt.
      Wo der Raum fuer einen Jeden nach einer bestimmten Anzahl von
      Kubikfuss eingetheilt wird, darf der Eine nicht mehr beanspruchen als
      der Andere, und die Raeumlichkeit eines Schiffes ist nicht die eines
      Hauses mit so und so viel Stuben, Kammern und Boden. Hat der
      Auswanderer also _viel_ Gepaeck, so suche er sich vor allen Dingen
      das, was er _unterwegs notwendig_ bei sich fuehren _muss_ (und je
      weniger das ist desto angenehmer ist es fuer ihn und die Anderen) und
      packe das in eine kleine Kiste, die am bequemsten drei Fuss lang,
      zwei Fuss breit und anderthalb oder zwei Fuss hoch sein kann und mit
      einem verschliessbaren Deckel (weniger zweckmaessig sind
      Vorlegeschlosser, die leicht unterwegs abgestossen werden koennen)
      versehen ist. Die Coyen sind gewoehnlich nur sechs Fuss und vielleicht
      einige Zoll lang, und hat man nur drei Fuss lange Kisten, die aber,
      der unteren Coyen wegen, nicht zu hoch sein duerfen, bei sich, so
      koennen vor der eigenen Coye zwei neben einander stehn, dienen, wenn
      geschlossen, zum Sitz, und nehmen nicht viel Raum, in dem ohnedies
      engen Zwischendeck ein. Das andere Gepaeck muss aber in den _unteren_
      Raum und aus dem Weg "weggestaut", und was oben bleibt durch Taue
      und vorgenagelte Holzkeile so befestigt werden, dass es bei noch so
      starkem Schaukeln des Schiffs nicht im Stande ist zu weichen oder
      ueberzuschlagen, und Gliedmassen wie selbst das Leben der Passagiere
      zu bedrohen.

    3 Logis wird der Aufenthalt der Matrosen, vorn im Vorcastle unter Deck
      genannt, und die Kappe (sogenannte Logiskappe) ist ein kleiner
      Unterbau ueber dem Eingang nach unten, der Regen oder Spritzwellen
      verhindert hineinzuschlagen.

    4 Ist es dem Capitain gefaellig dass gegessen wird?

    5 obgleich schon oft wiederholt, will ich doch noch einmal zur
      Verstaendnis des mit nautischen Ausdruecken nicht bekannten Lesers
      hier bemerken, dass die Leeseite eines Schiffes immer die dem Wind
      entgegengesetzte ist. Starbord oder Stuerbord ist, wenn man am
      Steuerruder steht und nach vorn sieht, die rechte Lar- oder
      Backbord, die linke Seite des Schiffes. Kommt also der Wind mehr von
      der Starbordseite, so ist Backbord zugleich in Lee oder die
      Leeseite. Wenn der Wind genau von hinten kommt, hat daher das Schiff
      keine Leeseite. Die Luvseite, oder die zu windwaerts, ist der
      Leeseite entgegengesetzt.

    6 Auf allen Schiffen befindet sich eine sogenannte Medicinkiste, der
      ein kleines "Receptbuch" beigegeben ist. Die Medicinen sind
      saemmtlich in numerirten Flaschen und Glaesern und das Buch enthaelt
      hinter der Nummer die Angabe des Inhalts wie noch ausserdem einen,
      vielleicht aus dreissig bis vierzig Seiten bestehenden Anhang, in
      welchem die Behandlung der verschiedenen Krankheiten mit Angabe der
      Nummer der dabei zu verwendenden Medicinen gegeben ist. Auf
      Kauffartheischiffen, auf denen sich keine Passagiere befinden, hat
      der Capitain die Medicinen "nach bestem Wissen" auszutheilen, falls
      Einer von seinen Leuten krank werden sollte, ja selbst auf vielen
      Auswandererschiffen befand sich, bis in die neueste Zeit, kein
      angestellter Arzt. Am liebsten helfen sich dabei die Rheder damit,
      irgend einen jungen Arzt oder Chirurgen fuer "halbe Passsage"
      mitzunehmen, der, selbst auf den laengsten Reisen, dann die
      Ungluecklichen, die ihm unter die Haende fallen, "behandelt." Eine
      Controlle darueber findet, so viel ich weiss, nicht statt, wenn aber,
      scheint sie vollkommen ungenuegend zu sein.

    7 Heinrich Schmidt hat eine reizende kleine Erzaehlung "_the man of
      war_" in seinen "Seemannssagen und Schiffermaerchen" darueber
      geschrieben.

    8 Das "laufende Tauwerk" im Gegensatz zu dem "stehenden" (Pardunen und
      Stagen) werden die Taue genannt, mit denen die Raaen und Segel
      gerichtet und gestellt, und aus- und eingezogen werden. Haengt man,
      und den Passagieren auf Auswandererschiffen kann da in der That
      nicht streng genug aufgepasst werden, Waesche an diesem "laufenden
      Tauwerk", und kommt ploetzlich einmal eine Boe auf, bei der es davon
      abhaengt dass die Segel rasch geborgen werden, wenn sie nicht
      zerreissen, ja in einzelnen Faellen den Mast, oder doch wenigstens
      eine Stenge mit ueber Bord nehmen, so klemmen sich Hemden und
      Struempfe in die Bloecke ein, die Taue koennen nicht arbeiten, und die
      gefaehrlichsten Folgen allerdings dadurch entstehn.

    9 Wanten ist das, was der Landmann im gewoehnlichen Leben und sehr
      unrichtig _Strickleitern_ nennt, und sie bestehen aus den Pardunen
      welche die Maste fest und unbeweglich auf ihrer Stelle halten, dass
      sie nicht nach Starbord oder Larbord hinueberschwanken koennen, und
      sind durch duenne Seile "_Wevelien_" genannt, mit einander
      leiterartig verbunden. Jeder Mast hat seine Wanten zu Starbord und
      Larbord.

   10 Raaen sind die Querbalken an den Masten an welchen die Segel
      befestigt werden.

   11 Suedwester heissen die aus Leinwand gemachten und steif getheerten
      Seemannskappen, deren breites und langes Schild im Nacken sitzt,
      diesen gegen den Regen zu schuetzen.

   12 Die Schutzwand, die das Deck rings umgiebt.

   13 Kueche

   14 Ueber Stag gehn, wenden, kreuzen.

   15 Man sagt auf See, wenn der Wind guenstiger wird, "er raeumt auf", im
      entgegengesetzten Falle aber "er schrahlt weg!"

   16 Es laesst sich denken, dass auf See nicht immer ein guenstiger Wind
      weht, den Schiffer gerade dahin zu treiben, wohin er eben will. Wenn
      die Schiffe also nicht ihren gewuenschten Cours steuern, oder (auf
      dem Compass) "anliegen" koennen, so muessen sie eben _laviren_ oder
      gegen den Wind aufkreuzen. Dies ist aber nur durch die verschiedene
      Stellung der Segel moeglich und der Raaen, an denen die Segel
      festsitzen koennen deshalb nach den verschiedenen Seiten hin angeholt
      (gebrasst) werden. Das Princip des Segelns, unter diesen
      Verhaeltnissen, ist ungefaehr das der schraeggestellten
      Windmuehlenfluegel; die Windmuehle steht aber fest, und das Schiff
      wuerde durch einen Seitenwind zu viel abgetrieben werden (Abdrift
      machen) wenn es eben nicht so tief im Wasser ginge, und der scharfe
      Kiel so stark wiederhielte. Das Steuer hilft dabei ebenfalls mit,
      das Schiff trotz unguenstigem Winde gegen diesen anzuhalten, und den
      Segeln Gelegenheit zu geben es vorwaerts zu treiben, was selbst
      geschehen kann, wenn der Wind nicht einmal mehr blos von der Seite,
      sondern sogar mehr von vorn kommt. Der Compass ist in 32 Striche
      getheilt, und es wird angenommen dass ein mit Querraaen versehenes
      Schiff mit _sechs_ Strichen in den Wind liegen kann d. h. wenn der
      Wind z. B. von Norden weht, im Stande ist nach West-Nord-West oder
      nach Ost-Nord-Ost zu liegen. Das, bald nach der einen bald nach der
      anderen Richtung hinueberhalten nennt man eben laviren oder
      aufkreuzen; das Schiff gewinnt dabei jedesmal etwas in seinem
      Fortgang nach Norden, und was es ueber den einen Bug zu viel nach
      Osten hinueberkommt, macht es, wenn es ueber den anderen Bug nach
      Westen liegt, wieder gut. Es ist klar dass ein Schiff, je dichter es
      im Stande ist am Wind zu liegen, auch desto leichter und
      erfolgreicher laviren und sich zu luv- oder windwaerts hinaufarbeiten
      wird.

      Das Wenden des Schiffes geschieht dadurch, dass man die, z. B. erst
      zu Backbord scharf angebrassten Segel loest, und nach Starbord oder
      auf die andere Seite hinueberbrasst, oder anzieht -- und umgekehrt. Mit
      dem Steuer wird dann nachgeholfen, und die Segel, welche den Wind
      erst von der einen Seite fassten, fassen ihn nun von der anderen.

   17 Ein Auswandererschiff erreichte vor einer Reihe von Jahren eines
      Abends den Hafen von New-York, aber die Nacht brach ein, es wurde
      dunkel und die Brise heftiger, so dass der Capitain lieber den Morgen
      abwarten wollte, einzulaufen. Die Nacht erhob sich ein Nord-Wester,
      das Schiff wurde wieder in See zurueckgeworfen und brauchte nachher
      noch drei volle Wochen, ehe es im sicheren Hafen Anker werfen
      konnte.

   18 Clueverbaum ist das was die Stenge auf den Masten ist, die
      Verlaengerung des Bugspriets, an der die vorderen dreieckigen Segel
      (Cluever) befestigt sind.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ZWEITER BAND.***



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March 30, 2007

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            richyfortytwo
            Joshua Hutchinson
            Online Distributed Proofreading Team



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or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


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terms from this work, or any files containing a part of this work or any
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work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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1.E.7.


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1.E.8.


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      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
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work or group of works on different terms than are set forth in this
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Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


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identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
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1.F.2.


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Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
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Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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***FINIS***
