The Project Gutenberg eBook, An heiligen Wassern, by Jakob Christoph Heer


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Title: An heiligen Wassern
       Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge


Author: Jakob Christoph Heer



Release Date: March 8, 2007  [eBook #20786]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***


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AN HEILIGEN WASSERN

Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge

von

J. C. Heer







[Illustration: An heiligen Wassern]



51.-54. Auflage


[Illustration]


Stuttgart und Berlin 1910
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Alle Rechte vorbehalten




I.


Drfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren Wahrzeichen zwei
altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen sind, erheben sich mit sdlichen
Silhouetten am Strom, der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge wlzt.

Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der Silberweiden und die
Bltter der Pappeln, welche die Wasser sumen, ber die Htten neigen
sich der Kastanien- und der Feigenbaum, die Rebe klettert ber das
Gestein, das Land ist licht und ppig, als wr's der Traum eines
italienischen Malers.

Von Stelle zu Stelle aber schaut durch grne Waldeinschnitte ein fernes,
in sonniger Schnheit aufleuchtendes Schneehaupt in die Stromlandschaft
und erinnert den Wanderer, da er just da im Hochgebirge geht, wo es
seine Zinken und Zacken am hchsten erhebt.

Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen, reden von
stillen Seitenthlern, die hinter trumenden Lrchenwldern versteckt
bis an die ewigen Gletscher reichen.

Fast unvermittelt berhren sich in dieser Gegend Nord und Sd.

Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schlo niederschaut, fhrt
eine schmale, doch fahrbare Strae in eines dieser Seitenthler, in das
vier Stunden lange Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines
der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht ihrer Firnen bis
zum Strome herniedergrt.

Ein heier, brmelnder Junimittag. Auf dem Glotterweg, der sich zuerst
in manchen Kehren durch die Weinbergterrassen von Hospel windet, fhrt
ein leichter Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben ihm geht,
ein halb sonntglich gekleideter Vierziger, der fr einen Gebirgsbauern
zu vornehm aussieht, trgt im glattrasierten Gesicht, das ein dunkler
Filz berschattet, und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der
Gebirgsbewohner dieser Gegend: hnenhafte Kraft, Ruhe und eine gewisse
Verschlagenheit.

Guten Tag, Presi, rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen roten
Tchern im Sonnenbrand der Reben stehen. Wohl, wohl, das langt wieder
eine Weile! Und sie deuten lachend auf das Fchen, das auf einer
Strohunterlage im Wgelchen liegt.

Ja, es thut's! erwiderte er den Gru kurz, doch mit freundlichem Wort.
Er blst die Rauchwolken einer Zigarre in die Luft und ttschelt den
Hals des Tieres: Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk
wartet die Galta auf dich, wehre dich.

Als habe das struppige zhe Pferd Verstndnis fr seine Zurede, reit es
mit jeder Liebkosung strker an den Strngen, aber von Zeit zu Zeit
ntigt es der steile ausgewaschene Weg, mit dem Wgelchen stille zu
stehen und Atem zu schpfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld ber das
Gesicht des Mannes, doch er fat sich, legt einen Stein unter das Rad
und wartet ruhig, bis das Tier von selber den mhsamen Zug wieder
aufnimmt.

Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal fuhrwerkt, ist sich
dessen gewhnt.

Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich, wiederholt der Fhrer. Aber
von Hospel bis zum Schmelzwerk sind es drei Stunden zu Fu, mit dem
Fuhrwerk noch mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe St.
Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der Krone liegt.

Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von Hospel verlassen hat, in
eine Felsenschlucht, ber der alte Fhren ihre blaugrnen Schirme
halten, dann berhrt er in dem sich weitenden Thal die Drfer Fegunden
und Tremis, die mit sonngedunkelten Holzhusern auf grner Wiesenhalde
liegen, und wird eben.

Tief unter ihm gischtet der Flu in der Felsenschlucht, die altersgrauen
Lrchen neigen sich darber und schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen
ber die Rnder und verzieren den Abgrund mit blhendem Rot.

Nur das Rauschen der Glotter und das gleichfrmige Ticktack der
Merkhmmer einer groen Wasserleitung, die in entlegener Hhe
dahinfhrt, unterbrechen die Stille des Thales.

Die Leitung heit das helige Wasser[1] und befruchtet die
sonnenglhenden Weingrten, die Aecker und Wiesen Hospels und der fnf
Drfer, die um den Flecken liegen.

  [1] _helig_ ist die ltere Sprachform fr heilig.

Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin ber schmale Mattenstreifen
gegangen ist, kommt man zu der alten verwitterten Kapelle der Lieben
Frau, wo der Weg auf einem vielhundertjhrigen vermoosten Brckenbogen
ber die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hinberspringt.

Um die halb zerfallenen Gebude des ehemaligen Bergwerkes dehnt sich des
Teufels Garten.

Auf Hgeln alter verglaster Schlacken blht der rote Mohn, die
Knigskerze reckt ihre goldigen Bltenschfte, das Singrn spinnt seine
blauen Blumenketten um die Scherben, allerlei blhender Wust und viele
Brennesseln wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und
Schmetterlinge gaukeln ber die wilde Pracht.

An einem verkrppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage, wo Peter
Waldisch, der Prsident von St. Peter, durchs Thal fuhr, eine Mauleselin
angebunden. Sie schttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfu
und erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete, von Zeit zu
Zeit ein klgliches Geschrei. Dann tauchte aus der wilden Ueppigkeit der
bunt bekrnzte Schwarzkopf eines Mdchens auf, das auf den bloen
braunen Armen ein bermchtiges Bndel von Blumen trug. Ich komme,
Galta, ich komme, rief sie dem Tier begtigend zu, dann verschwand die
ganze Gestalt wieder in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel
Blumen an die Brust drckte, als ihr Arm fassen konnte. Da watete sie
endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes Rckchen schtzte sie nur bis wenig
unter die Kniee, aber gewandt wie ein Wiesel wich sie den vielen
Brennesselbschen aus, die ihre nackten Fe und Waden bedrohten. Eine
lebendig gewordene Bronzefigur, Gesicht, Arme, Fe sonnengebrunt, war
sie fast so wild wie die Wildnis, die sie durchschritt, im Kopf standen
ein paar feurige Augen, wie die einer Zigeunerin; doch sah man dem
Mdchen gleich an, da es kein Bauernkind war, dafr war alles an ihr zu
zart und zu fein.

Sie eilte mit leichten Fen ber die Brcke zu der alten Kapelle,
kniete nieder und steckte ihre Blumen in das hlzerne Vorgitter des
kleinen Gotteshauses, so da es bekrnzt war wie fr ein Fest.

Das wird die Mutter Gottes freuen! sagte sie, ihr Werk betrachtend.

Pltzlich horchte sie neugierig und verwundert in die blaue warme Luft.
Ein Rollen wie von fernem Gewitter ging durch die Stille des
Nachmittags. Es war Lawinendonner, den die Luft von den Bergen
herniedertrug. Am schmalen Himmelsband ber dem Thal waren weie
Fhnstriche hingeweht, die Schlge der Frhsommerlawinen und kleinen
Gletscherbrche lebhafter denn sonst.

Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und legte die Hand zum
Schutz gegen die brennende Sonne ber die dunklen Augen.

Der Vater kam noch nicht, dafr zwei Kinder mit Tragkraxen, beide mit
Bergstcken in der Hand.

Vroni! Josi! Mit lebhaftem Ausbruch der Freude sprang sie ihnen
entgegen.

Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? Httet ihr die Last meinem Vater
auf das Wgelchen gegeben, er ist heute nach Hospel gefahren, ich
erwarte ihn hier mit Vorspann.

Josi schttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister stellten ihre
Kraxen auf die hlzerne Bank vor der Kapelle, wischten sich den Schwei
aus der Stirn und setzten sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin,
betrachtete die beiden wohlgefllig. Vroni, unter deren niedrigem altem
Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in glnzenden Fden um die
gerteten Wangen flog, war nur ein Jahr, Josi, der krftige Bursch, der
einen hnlichen Hut trug, zwei Jahre lter als sie. Und sie war zwlf.

Sechzig Pfund hab' ich, sagte Josi, die Beine schlenkernd, an denen
die schwergenagelten Holzschuhe klapperten, die Vroni hat vierzig, ob
so viel Mehl wohl reicht bis zur Ernte?

Es wird schon langen mssen, aber dann wird's gut, das Aeckerchen trgt
dieses Jahr viel Korn, erwiderte Vroni hausmtterlich froh.

Da ging wieder ein langhallender Donner durch die Ruhe des Thales. Josi
sprang auf: Ja, es ist doch wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los!
Sieben Jahr ist der Gletscher zurckgegangen und sieben Jahr gewachsen,
das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und jetzt ist ein guter -- da
bricht der Eissturz los!

Binia lie die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte ab: Sage nichts
Sndiges, schau' doch in die Kapelle, wie viel Marterkreuze von denen an
den Wnden stehen, die in die Felsen haben steigen mssen, wenn das
helige Wasser von der Wildleutlawine zerstrt worden ist.

Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die Dmmerung der Kapelle.
Ihre Wnde waren mit hlzernen und eisernen Tfelchen ganz bedeckt, auf
denen die Namen von Verunglckten und fromme Sprche standen.

O, wie traurig, sagte Vroni, da ist es kein Wunder, wenn die Leute
bei uns nicht so laut singen und lachen mgen, wie drauen im groen
Thal und alle so still und ernst sind.

Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen zu folgen.

Du, Vroni, erzhl' uns doch wieder einmal die Geschichte von den
heligen Wassern, du erzhlst sie so schn, schmeichelte Binia, indem
sie sich flink zwischen die Geschwister drngte und an die Freundin
schmiegte.

Das ist eine lange Geschichte, warf Vroni ein, es war aber, als gehe
von den dunklen Augen Binias ein Zwang auf sie, sie lchelte und
streckte die rote Schrze zurecht: Ja, nun so, wir kommen schon noch
heim.

Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten Erzhlerin
berkommen. Ihre blauen Augen gingen trumerisch ins Weite, sie
berlegte, faltete die Hnde ber dem Knie und begann: Also, das ist so
lange her, da es nirgends in den Bchern aufgeschrieben steht. Da gab
es neben uns rechten Leuten im Glotterthal noch Wildmnnlein und
Wildweiblein, die in den Wldern wohnten. Es geschah nun, da einer von
den rechten Hirten ein Wildmdchen Namens Gabrisa, das mchtig schn
war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar reichte bis auf den Boden, ihr
Gesicht war wei und ihre Stimme tnte wie Glockenspiel. Allein ihrem
Geliebten mifiel es, da sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu den
Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte er nun am Tag vor dem
Vollmond Wein von Hospel herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das
gldenes Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. Und er
antwortete: 'Ja, das ist gldenes Wasser.' Da trank Gabrisa und der Wein
schmeckte ihr gut. Als sie in den Wald eilen wollte, trugen sie die Fe
nicht, sie schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte,
sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach dem Geliebten um
und sang ihm mit ihrer schnen Stimme zu:

    'Gldenes Wasser, das macht mir Pyn,
    Ich darf nit mehr dine Liebste syn!'

Das Mdchen war verschwunden. Aus Zorn ber den Schimpf, der Gabrisa und
damit sie alle getroffen, bannten die Wildleute die Wolken, da sie ihr
Na nicht mehr ber Hospel und die fnf Drfer ausleeren konnten, wo der
Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. Die Rebberge verdorrten,
Aecker und Wiesen standen ab, es trat eine groe Hungersnot und ein
groes Sterben ein, das nicht mehr aufhren wollte.

Die Erzhlerin ruhte einen Augenblick, als ob sie sich sammeln wollte,
sie war so mit sich selbst beschftigt, da sie nicht sah, wie Josi, ihr
Bruder, die Augen unverwandt auf das blumenbekrnzte Haupt Binias
geheftet hielt, auch diese selbst sprte es nicht, denn sie hatte ihre
Lebhaftigkeit gebndigt und hing mit ihren Blicken an Vroni.

Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen konnte, schrie
Galta, das arme Vieh, das die Kinder ganz vergessen hatten, so stark,
da die pflichtvergessene Binia aufsprang und ber die Brcke zu ihr
hinbereilte.

Da sagte Josi unvermittelt, als htte er von der Geschichte seiner
Schwester gar nichts gehrt: Bini ist aber ein schnes Mdchen!

Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer Weile antwortete sie:
Siehst du das erst jetzt, das habe ich schon lange gewut.

Ihre Gedanken blieben bei der Erzhlung haften, die Hnde im Scho,
spann sie die Geschichte weiter und merkte nicht einmal, wie nun auch
Josi sich leise von ihr weg ber die Brcke zu Binia hinberschlich.

Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, da sie den Bann lsen.
Sie antworteten: 'Das knnen wir nicht mehr, denn was geschehen, ist
geschehen und der Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen Drfer' sollt ihr
bekannt sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen in den Wald.

Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal, grndeten das
Schmelzwerk und gruben Blei- und Silbererz, das sie verschmolzen, bis
das pure Metall in die Kannen rieselte.

Fr ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie gewaltig viel Holz. Als
sie aber den Arvenwald zwischen der Brcke und dem Dorf zu schlagen
anfingen, gerieten die Wildleute in groe Angst, es wrde die Zeit
kommen, wo sie nicht mehr genug se Zirbelnsse, ihren liebsten
Leckerbissen, fnden. Sie berieten lange hin und her, wie sie die Leute
von St. Peter bewegen knnten, ihnen ein groes Stck Wald zu schenken.
Eines Nachts erschien Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten,
lchelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter reich machen
mit gldenem Wasser, das ihr gerne trinket, so ihr uns Wildleuten den
Wald an der Thalhalde zwischen dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die
Zirbeln wachsen. Saget denen zu Hospel, da wir Wasser auf ihre
verdorrten Reben, Felder und Wiesen fhren wollen, wenn sie euch
gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben.

    'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn,
    Das sll treulich und ewig gehalten syn!'

Gabrisa verschwand. Schon lange htten die von St. Peter gern Weinberge
gehabt, aber die Reben wachsen nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging
ihnen, was Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern und
den fnf Drfern; mrbe von der langen Not, traten diese dem Handel bei,
denn ihre Reben waren wertlos geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der
Vertrag zu stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den Abgesandten
der Wildleute und der Drfer beschworen.

Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das Wasser in die hohen
Weinberge tragen oder fhren werden, doch wute man, da sie in vielen
Knsten erfahren waren.

Erst jetzt merkte Vroni, da sie auch vom Bruder im Stiche gelassen
worden war. Was verschlug's? Er hatte ja die Geschichte schon oft von
der Mutter gehrt, die sie so schn wie niemand anders zu erzhlen
verstand. Als sie nun die treulosen Zuhrer suchen ging, bot sich ihr
ein berraschender Anblick.

Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta stand, lag Binia auf dem
Haufen Grnfutter, den sie oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das
wilde Kind lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weien Zhnen
den Burschen an und er hielt vor ihr stehend einen Strohhalm voll roter
glnzender Erdbeeren, die ersten des Jahres.

Mund auf und Augen zu! sagte er zu der Daliegenden, die lustig zu ihm
emporschielte.

Aber nichts Wstes hineinthun! bat sie.

Was denkst auch, Bineli, lachte Josi.

Da schlo Binia die Augen zu, ffnete den Mund und Josi zog die roten
Erdbeeren lchelnd vom Halm und steckte dem Kinde eine um die andere
zwischen die roten Lippen. Pltzlich aber besann er sich anders, statt
einer Beere drckte er ihr einen Ku auf den frischen Mund.

Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei das Spiel zu weit
getrieben, aber beide lhmte die Ueberraschung.

%Deus benedicat vos!% klang tief und feierlich eine Mnnerstimme aus
dem Innern der Ruine, ein schwarzbrtiges hageres Gesicht schaute durch
ein kleines Gitterfenster der Mauer auf die Kinder.

Der letzkpfige Pfaff! schrieen sie wie aus einem Munde, ein groer
Schrecken war ihnen in die Glieder gefahren. Binia schirrte das Maultier
los, Josi und Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stlpten
die an einem Baum hngenden Hte auf den Kopf und alle drei wollten
ihrer Wege gehen.

Als sie sich aber auf der Brcke eben wieder begegneten und hastig
aneinander vorbereilen wollten, trat der Mann von vorhin schlarpend aus
der Ruine und mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Fen trug er
Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich ein weier Strick,
von dem ein Rosenkranz niederhing. Ganz verwildert sah der brtige
Einsiedler aus, in dessen bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten.

%Pax vobiscum!% grte er sie. Du bist Binia, die Tochter des Presi!
Du bist Josua, der Sohn des Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!

Er machte dazu mit seinen mageren Hnden eine so feierliche Bewegung,
da die bekrnzte Binia unwillkrlich gehorchte und auf die Brcke
niederkniete.

Verwirrt folgte der Bursche.

Da legte er ihnen die Hnde auf die glhenden Hupter und sagte tief und
getragen: So wahr ich Kaplan Johannes heie, liebet euch untereinander,
Josi und Binia.

Er murmelte ber ihnen einen langen lateinischen Spruch wie ein Gebet.

Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, was Kaplan Johannes
that, unheimlich und schrecklich vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend
thalauf, thalab, doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafr kam
ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte sie gepret: Wir
mssen ja gehen!

So geht! grollte die Bastimme des Kaplans, er schleuderte Vroni einen
zornigen Blick zu, machte das Zeichen des Segens ber den zweien und
lief ber die Brcke. Bald bimmelte das Glckchen der Kapelle Vesper
durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klngen nicht, wie sie's
gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu gren, liefen sie hastig und mit
roten Kpfen auseinander, Binia mit dem Tier ber die Brcke thalaus,
Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die Kraxe auf dem
Rcken, den Stutz empor, der mit seinem Zickzack gleich hinter dem
Schmelzwerk beginnt und nach St. Peter fhrt.

Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, trichterartige Schlucht
der Glotter getrennt, die Weien Bretter, drei senkrechte und glatte
Felswnde, die aus der Tiefe der Schlucht wie weie unbeschriebene
Tafeln bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates ansteigen.
Zwischen den drei Wnden ziehen sich zwei tiefe wilde Graben, in denen
sich ausgewitterte Felsen, Klippen und Trme erheben, ebenfalls bis in
die Hhe ewigen Winters, sie heien die Wildleutfurren. In halber Hhe
aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen Wasser quer ber
die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, sagt den Leuten im Thal, da die
Wasser ruhig die furchtbare Strecke flieen.

Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, da lehnte Josi die
Kraxe an die Halde, die den Weg sumt, und schaute gespannt zu der
Leitung empor.

Nein, hher noch hinauf, zu dem blauschillernden Gletscher, der mit
einer Last reinen weien Firnenschnees ber die Wnde hinausragte. An
seinem Rand stoben immer kleine weie Rauchwolken auf, ein Rieseln und
Schumen, wie das von Wasserfllen ging durch die Wildleutfurren
abwrts, verlor sich in ihren Klften und knatternder Widerhall der
kleinen Lawinen fllte das Thal.

Hast du das auch schon gesehen? fragte Josi.

Nein, antwortete Vroni kurz und beklommen.

Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den letzten Wintern ist mehr
Schnee auf den Gletscher gefallen, als die Sommer haben zu schmelzen
vermgen; der Gletscher ist gewachsen, er tritt ber die Felsen hinaus,
man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat sehen knnen. Jetzt, wo es
hei wird, schmilzt der Schnee, das Wasser fliet in das hervorstehende
Eis; die Last wird zu gro, der Gletscherbruch kommt, die Wildleutlaue!

Ums Himmels willen, Josi, la uns gehen!

O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft beim Sturz nicht so sausen
wrde, so knnten wir da ruhig zusehen, Eis und Schnee strzen in die
Schlucht, die ist ja gro. Aber es ist wegen der heligen Wasser!

Vroni war unbekmmert um den Bruder, der ihr alles mit groen Worten
vortrug, aufgestanden, er folgte, in einer halben Stunde hatten sie den
Stutz, die Schlucht und die Weien Bretter hinter sich, vor ihnen lag
auf dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr Heimatdorf, St.
Peter, das rings von hohen Bergen umsumt ist.

Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das letzte Wegstck
schweigend zurckgelegt hatten, ber die weien Windungen des Strchens
am Stutz hinab und nach dem Teufelsgarten zurck. Lug' dort, Bini!
rief Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das Maultier
geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar, wie ein
fliegender Schatten ber die schmalen Matten des Thales gegen Tremis
hinab. Vroni sah es wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis
verklrte, als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte.

Ueber ihr frohmtiges Antlitz flog ein Schatten.

Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat, das ist schrecklich. Er
hat dir und Binia den bsen Segen gegeben. Jetzt, wenn ihr auch
wolltet, knnten du und Binia nie ein Paar werden.

Josi lachte trocken.

Er ist kein Gottesmann, fuhr Vroni fort, er ist ein Teufelsmann. Die
Mutter sagt's. Er ist nur ein davongelaufener Klosterschler, er darf
niemand die Beichte abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil
frher, zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine Kaplanei
gewesen ist.

Josi hatte das Bedrfnis zu widersprechen.

Aber hat er auf den Alpen mit seinen Trnken und Sprchen nicht schon
manchmal krankes Vieh gesund gemacht? Denk' nur an die zwlf Stcke des
Blilplers. Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon tten,
da segnete sie Johannes und sie wurden in drei Tagen gesund.

Ja -- und dafr starben dem Blilpler drei Wochen nachher die beiden
schnen Kinder, die bis dahin kerngesund gewesen waren; er und seine
Frau, die frher glcklich zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank
und Streit, er ist wild ber sie, weil sie den letzkpfigen Pfaffen ohne
sein Wissen in den Stall gefhrt hat, und immer sitzt er zornig und
traurig im Wirtshaus.

Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben, versetzte Josi khl.
Wir lassen den Kaplan nie in unseren Stall, haben wir deswegen weniger
Unglck mit dem Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben wir
am meisten. Drei Jahre hintereinander haben wir Jungvieh aufgezogen, es
wuchs und gedieh auf das schnste, aber jedesmal, wenn's bald htte
verkauft werden knnen, ist's umgestanden. Die Loba, die der Vater am
Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren das erste Stck, das geraten
ist.

Die Loba! -- Vroni bckte sich tiefer unter ihrer Last; die Thrnen,
die sie vergossen hatte, als der Hndler das schne liebe Rind
davongefhrt hatte, drohten wieder zu kommen. Sie wurde traurig und
still.

Du erzhlst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, gelt, Vroni,
versetzte Josi schmeichelnd, als sie durch die mit groen
Pflastersteinen besetzte Strae von St. Peter schritten. Nein, gelt, du
sagst nichts!

Ei, wie Josi betteln kann. Das Gesicht Vronis hatte sich gehellt.
Wenn du dich nie mehr mit dem Kaplan einlssest, will ich still sein.

Sie schritten durch die lose Reihe gebrunter Holzhuser, Stlle und
Stdel[2], die das Dorf bilden. Als sie am Gasthaus zum Bren
vorbeikamen, einem alten, massiven Steinbau gegenber der Kirche, die
sich auf einem Felsenhgelchen erhebt, ffnete sich ein Fenster und eine
Mnnerstimme rief: Vroni! -- Josi!

  [2] _Stadel_, schweizerdeutscher Ausdruck fr Heuschuppen.

Der Vater!

Freundlich reichte ihnen der brtige Wildheuer ein Glas voll Wein: Ihr
werdet wohl Durst haben!

Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen Schluck.

Sagt der Mutter, es knne, bis ich heimkomme, etwas spter werden, als
ich gemeint habe, der Presi ist nach Hospel gegangen und ich mu ihn
erwarten.

So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich, schlugen einen Seitenweg
ein, der durch Kartoffel- und Roggenckerchen an den sonnigen Hang
hinberfhrt, wo die Maiensssen[3] und Alpweiden der Leute von St.
Peter liegen.

  [3] _Maiensssen_ sind Berghuser zwischen den Drfern und den
      Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des
      Viehs auf die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gewhnlich im
      Mai mehrere Wochen geruht wird.

Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus, auf dessen
steinbeschwerten Schindeln eine groe Steinbrech blhte, jene Blume, von
der die Sage der Aelpler behauptet, da sie nur auf den Dchern wachse,
unter denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen Fenster,
vor denen Stcke roter Geranien prangten, gegen das Dorf.

Ja, die Wildheuerfrnzi versteht sich auf Blumen. So sprach man im
Dorf. Blumen und Geschichten sind ihr Sonnenschein.

Erschpft lie Vroni die Kraxe auf die Bank vor dem Felsblock sinken,
auch Josi stellte die seine mit einem Ausruf der Erleichterung ab.

Unter der Thre erschien die Mutter, die Wildheuerfrnzi, selbst in
ihren abgetragenen Kleidern eine hbsche Frau, von krftigem Wuchs,
vollem, ppigem dunklem Haar, offenen Zgen und jenen groen, blauen,
vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte.

Da seid ihr ja, sagte sie erfreut, Josi aber rief: Mutter, eine
Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!

Eine geraume Weile spter sah man den Presi mit seinem Fuhrwerk gegen
das Dorf fahren.




II.


Der Gasthof zum Bren war ein Altertum des Dorfes St. Peter. Die
Ueberlieferung berichtete, das aristokratische Haus sei, als noch ein
Saumweg ber die damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland
gefhrt habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen, wo die Maultiere
gewechselt wurden. Man erzhlte sich, die Knappen des Bergwerkes htten,
wenn sie ihr Silber und Blei ber die Berge nach Welschland fhrten oder
von dort mit dem Erls zurckkamen, im Bren hart gezecht, aus silbernen
Bechern getrunken, mit silbernen Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang
frhliche Italienerinnen als Spielgefhrtinnen in dem Haus einquartiert.

Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese ppigen Zeiten in St.
Peter fort, das Leben ging jetzt in Haus und Dorf den gemessenen stillen
Gang der einsamen Alpendrfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren stand
das Bergwerk still; so glnzend, wie es die Sage schilderte, mochte das
Knappenleben nie gewesen sein. Das Schmelzhaus war eine Ruine und der
alte Paweg nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen, an den
Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die schnen Drusen und
Gesteinsblten, die man da und dort als Schmuck hinter den Fenstern der
Wohnungen sah.

Fr den vielhundertjhrigen Bestand des Bren aber sprachen seine
massive Bauart und die Jagdtrophen, die am Dachgeblk befestigt waren:
gebleichte Steinbock- und Wolfsschdel, besonders ein eingetrocknetes
mumienhaftes Brenhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer Kette
gegen die Thre und die Freitreppe hinunterhing, die mit schnem
eisernem Gelnder zum Eingang emporfhrte. Die weigrauen Zhne des
Hauptes waren vermorscht und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl
bis in die Zeit der Venediger zurck, denn so lange schon gab es im
Glotterthal weder Br noch Wolf, und seit dem Anfang dieses Jahrhunderts
sind auf den Felsen und Firnfeldern der Krone die Steinbcke
ausgestorben.

Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als eine neuere Zuthat am
alten Bau die Inschrift Postbureau St. Peter und der eidgenssische
Postschild.

Die stattlichen Wirtschaftsrume des Bren befanden sich im ersten
Stock; helles Arvengetfel, aus dem die dunkeln Astringe wie Augen
schauten, und alte geschnitzte Wappenzier an den Decken fesselten den
Eintretenden. Der Hauptschmuck der groen Stube war ein alter Leuchter,
der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih
auslief.

Am Eichentisch unter dem Leuchter saen der Brenwirt Peter Waldisch und
Hans Zuensteinen, der Garde[4].

  [4] _Garde_ (franzsisch %garde%, Hter) nennt man in den Thlern, wo
      Wsserwasserfuhren bestehen, dasjenige Gemeinderatsmitglied, das
      die Aufsicht ber die Wasserleitung hat.

Sie prften das Fchen Eigengewchs, das jener gestern in Hospel
drauen geholt hatte.

Wie Feuer, meiner Treu! sagte der rauhbrtige Garde, das eine Auge
zukneifend und durch das erhobene Glas blinzelnd, in dem der Weiwein
sonngolden erglnzte -- aber, aber, Presi, seine Stimme wurde
pltzlich sehr ernst, die Abmachung mit Seppi Blatter ist nichts. Wenn
der ganze brige Gemeinderat dafr ist, so bin ich dagegen. Man drfte
ja Frnzi, Vroni und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal
ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler die Hand
gefhrt?

Der Presi und Brenwirt, der den rauhen untersetzten Garden um
Kopfeslnge berragte und neben ihm wie ein rechter Bauernaristokrat
erschien, lchelte verlegen und rckte auf dem Stuhl.

Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen? fragte er lauernd.

Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte er aufs neue: War
Seppi nchtern?

Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein zur Ermutigung dabei. Ich
war grad in guter Laune, ich lie ein paar Flaschen Hospeler flieen,
Seppi aber war ziemlich nchtern.

Der Garde schttelte bedchtig den Kopf, in den starken Furchen seines
breiten Gesichtes spiegelte sich Mibilligung und Sorge, erst nach einer
Weile sagte er: Das Ding ist nichts.

Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gesprch eine andere Wendung zu
geben, lachend rief er: Zum Wohl, Garde! Und als nun die Glser
zusammenklingelten, fuhr er fort: Warum ich gestern so hellauf war,
Seppi Blatter, Blzi und dem Blilpler ein Glas vom guten Hospeler
schenkte, will ich Euch verraten. Es ist eine Ueberraschung --. Ich
fhre wieder eine Wirtin in den Bren.

Da sprang der schwerfllige Garde auf: Was Ihr meldet, Presi! Wer
ists? Die ehrliche Neugier stand ihm im Gesicht.

Unter vier Augen und nur zu Euch -- Frau Cresenz, die Schwester des
Kreuzwirtes in Hospel. Wir haben die Angelegenheit gestern ins reine
gebracht.

Ich wnsche Euch Glck, sprach der Garde feierlich und schttelte dem
Wirt krftig die Hand. Dann setzte er sich und knurrte in einem Ton vor
sich hin, der nicht entscheiden lie, ob darin eine Zustimmung oder
Mibilligung liege.

Was sagt Ihr dazu? fragte der Presi.

Cresenz wird dem Bren schon wohl anstehen, sie hat sich als Witwe gut
erhalten, ist mit ihren fnfunddreiig Jahren eine hbsche Frau, sauber
und flink, sie versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie
keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine, Ihr fhrt eine
geschickte Frau ins Haus. Aber --

Der Garde stockte.

Aber? -- wiederholte der Presi.

Cresenz ist aus einem so groen Gasthof und an das Fremdenleben so
gewhnt, da es ihr hier bei uns hinten, wo doch nur Bauern und Alpleute
sind, langweilig wird.

Der Brenwirt lachte: Falsch, Garde, falsch! -- Dafr ist gesorgt. Ein
schnes Stck wird schon sein, Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert;
denkt nur, gestern kam sie mir barfu bis nach Tremis entgegen, es hat
mich geschmt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit, mich mit ihr
abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib, wird nicht Herr ber sie,
fahre ich aber einmal mit einem Donnerwetter dazwischen, so schilt sie
mich frank einen Rabenvater.

Die beiden Mnner lachten herzlich -- es schien, der Streit von vorhin
sei in lauter Freundschaft aufgelst.

Da rusperte sich der Garde: Haltet, wenn Ihr jetzt eine frische,
hbsche Frau bekommt, nur die Beth selig in Ehren und gutem Andenken.

Das Gesicht des Brenwirts verfinsterte sich.

Aber das gebt Ihr doch zu, sagte er mrrisch, Frau Cresenz wird eine
bessere Wirtin als die arme selige Beth.

Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt, nur Ihr nicht. Sie
war eine Frau wie ein Engel, sie hat nur das Unglck gehabt, da sie
Euern hochfahrenden Plnen nicht hat folgen knnen und nicht hat wollen.
Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und fromm, stets auf
den Frieden im Leben und die Seligkeit im Himmel bedacht, Ihr aber
gleicht von jeher mehr den Leuten drauen in der Welt, hastig und
unruhig seid Ihr immer voll Plne, habt Ihr immer eine ganze Menge Dinge
umzutreiben. Da wird Euch allerdings Cresenz besser verstehen als Beth!

Der Presi lchelte berlegen: Handel und Wandel, mein' ich, giebt dem
Leben das Salz und -- er klopfte dabei auf den Tisch -- mit Frau
Cresenz wage ich es. Der Bren soll ein Fremdengasthof werden, ich
nehm's mit dem Pfarrer und euch allen auf.

Presi! Das Blut war dem Garden in den Kopf geschossen. Presi, das
thut Ihr nicht!

Ihr werdet's schon erleben. Die Augen des Brenwirtes blitzten
bermtig und unternehmungslustig.

Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen und alle werden mit ihm
gegen Euch sein!

Der hochwrdige Herr soll das Geistliche besorgen, das Weltliche
besorgen wir schon. Der Presi lachte und fuhr dann fort: Ich will Euch
verraten, warum er keine Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, da
er nach St. Peter gekommen ist. Da stieg ber die Schneelcke herunter
der erste Fremde, ein berhmter Naturforscher, der mit seinen Fhrern
die Krone erklettert hatte. Die Leute von St. Peter erstaunten darber
so sehr, da sie den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!'
sagte er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen entgegenziehe.
Als der Bergsteiger, seine Fhrer und Trger kamen, spritzte er ihnen
Weihwasser entgegen und schrie: %'Apage, apage, Satanas!'% Auf dieses
Zeichen trieben die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum und
jagten sie den Stutz abwrts. Glaubt, Garde, wegen der Schande von
damals will der Pfarrer nichts von Fremden wissen, er frchtet, die
Geschichte, wegen der wir von St. Peter in den Bchern als ein rauhes
und dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!

Der Garde hatte sich beruhigt: Der Pfarrer ist gegen den
Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben des Dorfes frchtet. Er
hat recht. In Grenseln, wo jetzt auch zwei Gasthfe sind, hat erst
diesen Frhling ein Mdchen, das im einen diente, ein Uneheliches
bekommen. Denkt die Schande!

Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der Glotter und den
Hospeler aus meinen Bergen wrde ich gern etwas besser verkaufen, als es
bis jetzt geschehen ist.

Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi, dafr hat Euch wahrlich
die Gemeinde Euer Amt nicht gegeben. -- Ich mu jetzt von etwas
sprechen, wovon man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist
es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen? Nie! Und doch
wohnen wir unter den Firnfeldern der Krone und sie htten freien Weg.

Ich wei schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht aberglubisch; die
armen Seelen kommen in die Hlle, nicht auf die Gletscher. Das sagt ja
der Pfarrer selbst, hhnte der Wirt, der wird's wissen!

In diesem Augenblick schaute ein etwa fnfzehnjhriger Junge bld durch
die halbgeffnete Thre.

Nur hinein, Eusebi! Lustig schob Binia den ungelenken schwchlichen
Burschen mit beiden Hnden vom Flur in die Stube.

Was willst, Eusebi? fragte der Garde freundlich.

S--s--sollst h--h--heim--k--k--ommen, V--v--vater. Ei-- ein R--rind ist
k--k--kr--rank auf d--d--er Alp.

Der Stotterer schmte sich seines Uebels, er wute nicht wohin blicken.

Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme! Der Garde stand auf und der Presi
gab ihm bis auf die Freitreppe das Geleit.

Dort sumten die Mnner noch einen Augenblick.

Also wir mssen auf alles gefat sein, die Wildleutlaue kann jede
Stunde gehen, sagte der Presi ernst.{1}

Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit Seppi Blatter ist
nichts, erwiderte der Garde. Im brigen hoffe ich, da ich bei der
Wassertrstung[5] das Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte
satt.

  [5] _Wassertrstungen_ nennt man die Gemeindeversammlungen, in denen
      Beschlsse ber die Wasserleitungen gefat werden.

Das nicht, das nicht; ber Seppi Blatter aber reden wir im
Gemeinderat.

Die Mnner schttelten sich die Hnde.

Nichts fr ungut! sagte der Garde, ich rede frei von der Leber,
anders hab' ich's nicht gelernt.

Binia aber rief: Nicht wahr, Eusebi darf noch bei mir bleiben.

Gewi, lchelte der Garde wohlgefllig, ich habe nichts lieber, als
wenn er bei anderer Jugend ist. Da ri die wilde Binia den scheuen
Jungen mit sich.

Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt schien, ging langsamen
Schrittes durch die kleinen Aecker zur Htte des Wildheuers Seppi
Blatter. Er hatte schwer zu denken und wiegte den mchtigen Kopf: Was
fr ein merkwrdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter ist zu klein fr
seine rastlose Betriebsamkeit. In allem hat er die Hand. Er hat seine
Schuldscheine auf Aeckerchen und Alpen, er beherrscht als Vermittler
zwischen den Sennen und den fremden Hndlern den Kse- und Viehhandel,
er ist Posthalter und hat damit den Einblick in allen Verkehr und nun
will er noch Fremdenwirt werden.

Dazu die schlechte voreilige Anbndelei mit Seppi Blatter! -- Was hat er
fr einen Zweck dabei? Keinen! Eine Laune ist's, ein Stck strflichen
Uebermutes.

Da war er bei der Htte angekommen.

He, fleiige Vroni, wo ist der Vater?

Vroni sa auf dem moosberwachsenen Block, der das Huschen schirmte,
sie flocht mit flinken Fingern an einem jener Strohbnder, woraus die
Glotterthalerinnen die zierlichen Hte machen, die sie tragen. Nebenbei
berwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen klingelnd,
zwischen hohen roten Enzianen und blauem Eisenhut sich ihr Futter
naschten.

Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken; kann ich dem
Vater etwas ausrichten, Pate?

Er soll unter Licht[6] bei mir vorbeikommen. Guten Abend, artiges
Kind --

  [6] _unter Licht_, schweizerdeutsch, in der Dmmerung.

Damit stoffelte[7] er den Berg hinan. Vroni hatte aber von ihm einen
Blick aufgefangen, der ihr zu denken gab. In seiner Freundlichkeit war
ein sorglicher Ton gewesen, der ihr in den Ohren nachklang.

  [7] _stoffeln_, schwerfllig gehen.

Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner in strkeren
und schwcheren Schlgen vom Gebirg, und pltzlich fiel ihr der Vater
ein. Sie wute nicht warum. Doch! Er war am Morgen so bla gewesen, er
hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen wegen des
Donners.

Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, da eine behende Gestalt wie
ein Wiesel ber die Felsen hinaufgeklettert kam, sie erschrak
ordentlich, als Binia ihren Arm um sie schlang. Und dann sah sie den
scheuen Eusebi unten stehen.

Komm, Sebi, komm! Er kletterte, setzte sich zutraulich zu den zwei
Mdchen, seine Augen glnzten in stiller Freude. Vroni und Bini wissen,
da ich nicht so einfltig bin, wie die Leute meinen, dachte er.

Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen Wassern weiter, mir hat
die ganze Nacht von der Wildfrau Gabrisa getrumt, sie war aber nicht
schwarz, sondern blond wie du! scherzte Binia.

Vroni lachte, dann mahnte sie: Du, von Josi darfst du keinen Ku mehr
bekommen!

Eusebi ri die Augen auf: K--k--ku, stammelte er verwundert.

So! Lustig stellte Binia die weien Zhne. Erzhle jetzt nur, Vroni.
Josis Ku war ja nur Spiel.

Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die Hnde ber das Knie und sah
in die Weite: Ich fange jetzt gleich an, wo ich gestern zu berdenken
aufgehrt habe, ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.

O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur erzhlst, versicherte
Binia.

Da begann Vroni:

Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser in die Weinberge
hinauffhren oder tragen werden und viele Leute gingen nach Hospel
hinaus, um es selber zu sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter
zu arbeiten an, sie hieben Bume um und hhlten die dicken Stmme fast
ganz aus, so da breite und tiefe Knnel entstanden. Den ersten legten
sie an das Gletscherthor, aus dem die Glotter ins Thal luft, und dann
viele Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des anderen,
immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prften sie, ob das Wasser
hindurchfliee, und wenn es lief, so tanzten sie vor Freude und
klatschten in die Hnde. 'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie
sich zu, und da ihnen der Boden des Thales zu rasch abwrts ging, zogen
sie die Knnel den Berg entlang, so da sie viel hher als der Thalboden
zu liegen kamen und sich hoch am Berg dahinwanden. Die Thalleute
wunderten sich, da sich die Wildleute so viel Mhe gaben, sie wuten
nicht, was werden solle. Die Wildleute aber riefen:

    'Sunneschyn, ja Sunneschyn
    Macht die ruchen[8] Wasser fyn!'

  [8] _ruch_, rauh.

Wo ein Baum stand, der die Knnel beschattet htte, fllten sie ihn. So
zogen sie die Leitung der Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch
ihren eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk, wo jetzt die
Weien Bretter sind:

    'Durefehren, durefehren,
    Zirble[9] aber nit anrehren!'

  [9] _Zirble_, Zirbelbaum, Arve.

So riefen sie sich ngstlich zu. Den Leuten kam es seltsam vor, da die
Wasserleitung im Wildmannliwald am Schatten gehen sollte, sie aber
sagten:

    'E Wurzen[10] git dem Berg den Halt
    Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!'

  [10] _E Wurzen git_, eine Wurzel giebt.

So bauten sie die Knnel, viele Kirchtrme hoch ber Hospel kam das
Wasser in die Weinberge, und vom langen Lauf an der Sonne war es ganz
warm.

'Aber es ist ja trb, was sollen wir mit trbem Wasser anfangen?'
murrten die Weinbergleute. Die Wildleute jedoch tanzten wie nrrisch um
die fertige Leitung und mahnten:

    'Trebe Wasser, gldige Wyn!
    Grabend Grben, lassend's yn!'

Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu den verdorrten
Weinstcken und siehe, die Reben grnten und trieben Schosse, wo ein
Trpflein hinkam, sprote das Gras, die Bume schlugen aus. Das ganze
Land um Hospel wurde schn wie ein Garten und prangte in Fruchtbarkeit.

Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder den abgemagerten
Kindern, die Greise weinten vor Freude und streckten die Hnde ins
Wasser, da sie merken, wie es riesele.

Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle antworteten: 'Ja,
heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither hat man die Leitung nie anders
genannt.

Die Drfer des Thales, St. Peter, Tremis und Fegunden, und alle jene,
die von dem Ueberflu der Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer
Landsgemeinde zusammen. Sie beschworen, da niemand das helige Wasser
letzen oder damit Vergeudung treiben drfe, sie setzten Verbannung oder
Tod darauf, sie legten das Landbuch an, in dem jedes Grundstck
aufgezeichnet und ihm das Ma des Wassers bestimmt ist, das ihm zur
Tages- oder Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte
Wchter, die nachsahen, da keiner zu viel und keiner zu wenig vom Segen
erhielt. Und alle drei Jahre legten die Leute den Finger auf das
Landbuch, da sie ewig halten, was darin stehe. Von da an hatten die
von St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder tief in den
Wald zurck.

Whrend Vroni so sprach, schien es, als bewegten sich den steilen
Alpenweg hinab drei Bndel. Zuerst waren sie nur wie dunkle Punkte
gewesen, aber jetzt wurden sie grer und grer. Ihre Trger sah man
nicht, aber die Erzhlerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch:
Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist das erste des
Jahres.

Bis sie da sind, erzhle noch ein wenig, Vroni, es ist alles schn, was
du sagst, schmeichelte Binia. Selbst der blde Sebi nickte.

Vroni, das sah man ihren glnzenden Augen an, war im Zug:

Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen kamen auf die Welt und
starben, niemand wute mehr etwas anderes, als da die heligen Wasser
Jahr um Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen betrieben
die Venediger den Bergbau, sie lebten ppig und in Freuden, das
frhliche Leben ging im Bren nie aus. Die von St. Peter wurden durch
den Wein, den sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen
verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die Bergleute alles
Holz, das an den Thalseiten wuchs, fr ihre Feuer abgeschlagen hatten,
und wegen der Lawinen und Steinschlge wuchs das neue nur langsam nach.
Der Holzmangel war gro. Der Wald der Wildleute aber, der so nahe am
Schmelzwerk lag, stand in Schnheit und Pracht. Da boten die Venediger
denen von St. Peter so viel ltiges Silber, als sie in sieben Wochen
gewannen, wenn sie diesen Wald schlagen drfen. Da man schon lange
keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute glaubten, die Wildleute
seien gestorben oder fortgewandert, so verkauften sie den Forst, der
nicht ihnen gehrte, und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn die
Bergknappen die Axt in einen der Bume hackten, erscholl aber aus dem
Wald ein Klagen, wie wenn Kinder weinen wrden, und aus den Gebschen
hrte man das Gerusch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die Axt
an die lteste Arve legten, berpurzelte der mchtige Baum, es klirrte,
wie wenn im Boden eine Kette reien wrde, und ein Wildmannli, das
erschreckt forteilte, rief:

    'Untr, Untr, du machst groes Weh,
    Jetzt hebt[11] der Wald am Berg nit meh!'

  [11] _hebt_ = hlt.

Das war der letzte Wildmann.

Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die Mutter und Josi, mit ihren
Lasten waren herangekommen. Sie warfen ihre Bndel ab, streiften die
weileinenen Kapuzen zurck, die ihre Kpfe vor dem Heustaub schtzten,
und wuschen sich am Brunnen, der neben der Htte summt, die erhitzten
Gesichter und die Hnde.

Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen war, begrte die
Ankmmlinge mit lebhafter Freude, aber sie dauerte nur einen Augenblick.
Warum zog sich die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias
ansichtig wurde, was war das fr ein fremder, schmerzlicher Zug, der
ber das braune Gesicht bis in den blonden Bart hineinzuckte?

Pltzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia an: Fort mit dir,
du Schlechthundekind!

Die Erschrockene und Verwirrte, die das bse Wort wie ein Blitz aus
heiterem Himmel traf, stand einen Augenblick fassungslos, dann flchtete
sie so schnell wie eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit
zurckblieb.

Frnzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt, vorwurfsvoll sagte
die Frau: Seppi, Seppi! bist du letzkpfig geworden? Die Binia hat dir
ja nichts gethan!

Der verstrte Mann gab keine Antwort, er setzte sich auf den
Dengelstein, mit verbissener Wut begann er die Sicheln zu rsten, als ob
sie in Stcke gehen mssen.

Frnzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die hellen Thrnen der
Krnkung in den Augen, Josi machte sich mit dem Heu zu schaffen, damit
seine tiefe Verlegenheit nicht zu auffllig sei.

Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend noch zu ihm kommen!
wagte Vroni schchtern zu melden.

Da schnob Seppi Blatter: Hole der, welcher hinkt, den Garden mit dem
Presi!

Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder verstanden den Vater nicht
mehr. Den ganzen Tag war er einsilbig gewesen und hatte gebrtet. Und
jetzt war er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von stiller
Gemtsheiterkeit war und gern einen Scherz machte, wenn ihn die Sorgen
nicht zu stark drckten.

Etwas mute gestern abend im Bren vorgefallen sein.

Aber was? -- Wenn er es nicht freiwillig sagte, erfuhren es Mutter und
Kinder nicht. Das wuten sie schon.

Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim Abendbrot, bei
Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot und Kse, um den Tisch sa,
wollte Josi das Gesprch auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte
ihn der Vater mit einem Halt 's Maul! an.

Und als Frnzi sanft mahnte, er mchte doch zum Garden gehen, sagte er
ganz traurig: Ich bin todmde -- gute Nacht, alle zusammen.

Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die harte Tagesarbeit brachte
Josi wenigstens bald den Schlaf.

Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im Traum, als rttelte der
Wind am Haus, als knackte das Schindeldach -- er wurde munter -- das
Getse dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall begannen
zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und von weit her hrte er das Vieh
plrren. Er schlich sich erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach
ins Freie ging. Der Himmel ber den Bergen war sternklar, aber vom Stutz
herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und die Luft wogte. Feiner
Schneestaub begann zu rieseln, die Gegend verfinsterte sich.

Da wute er es: Die Wildleutlaue an den Weien Brettern ist gegangen.

Jetzt fingen die Glocken zu luten an, wie es Brauch ist in St. Peter,
wenn eine Lawine, ein Gewitter oder ein Brand im Thale wtet. Betet,
betet! luteten sie.

Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter.

Welch ein Anblick! Die Mutter sa totenbla auf einem Stuhl, vor ihr auf
dem Boden kniete, barfu und nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in
ihren Scho geneigt, seine sehnigen Hnde um die ihrigen geschlungen.

Der gewaltige Mann sthnte, schluchzte und rang nach Worten, da es
einen Stein htte erbarmen mssen.

Vroni sa am Tisch vorgelehnt, durch die Hnde, mit denen sie das
Gesicht bedeckt hielt, drangen die Thrnen, ihre junge Brust bebte vor
Leid.

Was giebt's? fragte Josi; als er aber von keiner Seite Antwort
erhielt, fingen vor Angst auch ihm die Glieder an zu zittern, die Zhne
zu klappern.

Da kam's aus der Brust des Vaters, als wrde ihm das Herz abgedreht und
sich im Leib auch eine Lawine lsen:

O Frnzi -- liebe Frnzi -- ich habe es versprochen -- ich mu an die
Weien Bretter steigen.

Ein Schrei drang aus der Htte in die Nacht, er kam von Vroni. Die
Mutter sa entgeistert, sie hatte willenlos ihre Hnde aus denen des
Vaters gelst und strich ihm ber den Scheitel. Sie flsterte immer nur:
Mein armer Seppi -- mein armer Seppi! Das also ist's, warum du nicht
hast reden knnen. Gott! Gott!

Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden, so da er, wenn
auch nur stoweise, sprechen konnte.

Ich habe dem Presi die drei Zinslein fr das Aeckerchen bringen wollen.
Der Blilpler mit der krummen Nase hockte da -- der Wildheuer Blzi mit
den wsserigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. -- Wir haben um eine
Ma[12] gehkelt[13]. -- Ich habe beide ber den Tisch gezogen. -- Da
fingen sie an zu necken und zu hnseln. -- Ich sei wohl stark, aber doch
ein Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken. Ich
hre eine Weile zu und sage nichts. Da kommt endlich der Presi und redet
von der Wildleutlaue. Er lacht, er spricht so drum her, es knnte einer
ein schnes Stck Geld verdienen, wenn er die Gemeinde nicht zum Los
kommen lasse. Ich meine, es geht auf Blzi. 'Hast ja acht Kinder, la
dich auf den Handel nicht ein!' sage ich.

  [12] Die _Ma_ ist das ehemalige schweizerische Einheitsma fr
       Flssigkeiten. Sie fat anderthalb Liter.

  [13] _Hkeln_, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel der
       Aelpler.

'He, es wird einer an die Bretter steigen mssen,' machte der Presi
unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort
giebt das andere. Pltzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei
Zinslein schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen,
wie du, Seppi; gescheiter wr's, du stiegst an die Weien Bretter.'

Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das Geld aus dem Sack auf
den Tisch, da hhnt er: 'Eben, eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's
schon nicht htte erfahren sollen, so wei ich's. Httest mir wohl
vorher einen Deut thun knnen.' Ich darauf: 'Es darf doch noch einer
sein Rind verkaufen, ohne da so und so viel Franken in den Fingern des
Presi bleiben.'

Da schlgt er auf den Tisch, brllt, es sei traurig, wenn einer an der
Zahlung von vierhundert Franken sechs Jahre herumzerre. Und er kndigt
mir den Brief auf Martini.

Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu mir, er ist sonst nicht
ungrad und wir sind alte Schul- und Militrkameraden, drum bin ich in
der Stube sitzen geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man
redet, man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich, Seppi,
steige an die Weien Bretter. Auf deinem Aeckerchen, das fr vierhundert
Franken verschrieben ist, steht noch eine Schuld von hundertachtzig
Franken. Ich will nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den
Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst; sage ja,
und ich bernehm's auf meine Verantwortung, ich gebe dir gleich den
Vertrag. Die Genehmigung durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll ich
schreiben?'

'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden, 'kennst du das
Vaterunser: Und fhre mich nicht in Versuchung!'

'Ho,' meint er, 'es ist ein schner Verdienst, du kannst an einem Tag
nicht mehr gewinnen. Du verdienst nicht so viel in einem Jahr. Und wenn
ich das Briefchen kndige, kommst du auch in Verlegenheit.'

'Ein dummer Teufel bist,' sagte Blzi.

Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter hast, aber keinen Mut!'
Da habe ich den Wein im Kopf gesprt, ich habe auf einmal den Acker
deutlich vor mir gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. -- Hin
und her hat es mich gezerrt, da mir ganz taumelig geworden ist. -- Der
Presi schreibt, die anderen zwei schwatzen auf mich ein, ich sehe
nichts, ich hre nichts. -- Da liegen die Scheine vor mir, der Presi
sagt: 'Du mut unterschreiben, -- entweder den Empfang der Kndigung
oder den Vertrag, da du an die Bretter gehst.'

Ich nehme die Kndigung, da schreit Blzi: 'Du Grohans, wo willst du
zu Martini hundertachtzig Franken hernehmen? Da hast den anderen
Schein!'

Mir ist schwarz worden vor den Augen -- ich habe nicht mehr gesehen,
was ich unterschrieb -- als der Presi den einen Vertrag eingesteckt
hat, habe ich es gewut, was ich gethan.

Da ist die Snde! Der bleiche Mann zog aus der offenen Weste ein
zerknittertes Papier hervor und warf es auf den Tisch. Dann neigte er
sein Haupt in den Scho seines Weibes.

Lautes Weinen erfllte die Htte; mit dem rauschenden Kienspanlicht, das
seinen flackernden Schein ber die Gruppe des Elends warf, kmpfte das
Morgenrot.




III.


Die Wildleutlaue ist gegangen!

In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen vor den Husern des
Bergdorfes, redeten miteinander, und als der Morgen kam, dachte niemand
ans Tagewerk.

Im Bren saen schon Gste. Ihre Zahl wuchs, als die, welche an den
Stutz hinausgegangen waren, um die Gre der Verwstung zu sehen,
zurckkehrten. Sie brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine
hatte die Leitung der heligen Wasser von den Weien Brettern
hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter mit Eis und Schnee gefllt.

Also ist heute Wassertrstung! Die Bauern erzhlten sich die Schrecken
der Nacht: Die Scheiben klirrten, die Luft sprengte die Thren auf, die
Betten wackelten, die Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den
Heiligen.

Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten freien Lauf. Binia, die
der Lrm aus dem Bett geschreckt hatte, und wie ein aufgescheuchter
Vogel verwirrt und bernchtig von einem Gemach des Hauses zum anderen
flatterte und berall fortgeschickt wurde, htte in der groen
Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um den Rest der Geschichte zu
vernehmen, den ihr Vroni schuldig geblieben war.

Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen hatten, kam an der
Stelle, wo die groe Arve gestrzt war, ein weier Fleck, der Felsen,
zum Vorschein und glnzte, als ob dort ein Stck Schnee nicht
weggegangen wre. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze wurde der
unheimliche Fleck grer, die Weien Bretter wuchsen gespenstisch aus
dem dunklen Erdreich, die Wasser whlten die Furren[14], schlechte Jahre
machten die Gletscher gro und eines Tages wischte ein Gletscherbruch
die Knnel der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger
wurde, in die Glotter hinab.

  [14] _Furre_ = Furche, Runse, Steilschlucht.

Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte den Eisbruch -- die
Wildleutlawine!

Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel und in den Drfern
wieder Drre und Mangel ein. Der Zorn der Bewohner des groen Thales
wandte sich gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da sie
schuld an dem Unglck seien. Die Drfer forderten sie durch Boten auf,
da sie die Leitung wieder herstellen, doch wagte es niemand, an die
senkrechten Weien Bretter hinaufzusteigen, Knnel darber hinzufhren
und sie zu befestigen. Da stellten die Hospeler und die Drfer im Thal
bei Tremis Wachen auf, sie lieen niemand weder nach St. Peter hinein,
noch von dort nach Hospel hinaus. Unglck ber uns! klagten die von
St. Peter, aus Mangel zogen die Venediger ber die Schneelcke ab, das
Bergwerk zerfiel und die Fchse wohnten in den Stollen. Die Not wurde
immer grer, denn die kleinen Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf
hin anlegten, gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele
Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der Seuche, die im Dorfe
herrschte, niemand verkndete mehr das Wort Gottes. Da sagten die von
St. Peter. Ehe wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere
Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die Shne und Tchter heiraten ohne
Trauung, die Greise sterben ohne Beichte und Sakrament, wollen wir uns
mit Gewalt den Thalweg erzwingen. Mit Sensen und Gabeln fielen die
Mnner und Frauen von St. Peter ber die Wachen bei Tremis und tteten
sie, aber in der zweiten greren Schlacht, die beim Bildhaus an der
Gemeindegrenze von St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie.
Die Krieger aus dem groen Thal drangen bis ins Dorf vor, raubten und
plnderten und die Bewohner muten sich ihnen auf Gnade und Ungnade
ergeben.

Da kam ein groes Versprechen zu stande, das fr ewige Zeiten ins
Landrecht aufgenommen wurde. Die von St. Peter sollen die heligen Wasser
an den Weien Brettern vorberfhren und sie vom Gletscher an bis zum
Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame Wohl forderte,
dafr sollen sie ungehindert aus dem Thale verkehren knnen und ihre
Weinberge zurckerhalten, die vorderen Drfer aber sollen die Leitung
von der Brcke an besorgen und Friede immerdar whren.

Jetzt wuten die von St. Peter, da ihnen nichts anderes brig blieb,
als die heligen Wasser, sollte es auch alle Brger kosten, an den Weien
Brettern vorberzuleiten. Sie bestimmten, da das Los unter ihnen
entscheide, wer von ihnen die groen Eisenringe, in die man die Knnel
hngen wollte, hoch an den grlichen Felsen befestigen msse. Des
Losens war kein Ende, einer nach dem andern stieg hinauf, schon waren
sieben gefallen, das Wehklagen des Dorfes fllte das Thal, und viele,
die das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit ihren
Haushaltungen ber die Schneeberge aus. Da war ein Ehrloser, Matthys Jul
mit Namen, der zu Hospel an einer Kette im Gefngnis lag, weil er einen
andern Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die Leitung
herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und Ehre wiedererlange. Man
fhrte ihn an die Weien Bretter und siehe da -- ihm gelang es, die
Reifen festzumachen und die Knnel zu legen. Die Merkhmmer klopften,
das Wasser flo nach langem Unterbruch wieder frhlich durchs Thal; da
wurde beschworen, da jede Blutschuld geshnt sei, wenn der Thter die
heligen Wasser an den Weien Brettern aus dem Verderben rette.

Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer frher, bald ein paar
Sommer spter, saust die Wildleutlaue ber die Weien Bretter herunter
und zerstrt die Wasserfuhre, immer mu dann ein Mann auf Leben und
Sterben an die Felsen emporsteigen, da er die Knnel wieder fge, und
geheimnisvoll waltet, wenn sich kein Freiwilliger meldet, darber das
Los.

Als vielhundertjhrige, durch Brauch und Sitte, ja sogar durch die
kirchlichen Anschauungen geweihte unablsbare Fron liegt die
Instandhaltung der heligen Wasser auf dem Dorf, der milde Segenspender
von Hospel ist der Drache von St. Peter, der die blhende Mannschaft des
Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem Opfer, das
unfreiwillig an die Weien Bretter emporgezwungen worden ist; mit den
Ueberlieferungen, die von den Unglcksfllen berichteten, welche an den
schrecklichen Wnden geschehen sind, knnte man ein Buch fllen.

Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein an der Brcke, das
einst den frhlichen Bergknappen als Gotteshaus diente, sagt eine
Inschrift, die auch schon halb verblat ist, kurz und schwer: Welche
Trauer! Der Totfll' ist kein End'!

Sollen die Opfer berhaupt nie enden? -- Die Sage trstete, einst wrde
ein Liebespaar St. Peter von der Blutfron an den heligen Wassern
erlsen, aber eine Jungfrau msse darber sterben. Wann? -- Ja, wohl
erst, wenn sich die andere Sage erfllte, da auf den Bergen, auf denen
jetzt die groen Gletscher liegen, Rosengrten blhen, der kreisende
Adler sich des fallenden Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt.

Heute ist Wassertrstung -- Losgemeinde. Nur scheu und verstohlen wagt
sich die Frage, die auf allen Herzen brennt, hervor: Wer wird an die
Weien Bretter steigen mssen? -- Das Los -- das blinde Los, wen
trifft's? -- Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gemtern, denn keiner
wei, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne des Dorfes, die
noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert, sich die Verdammnis ziehen
wird, als Brger von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu wagen.
Er -- oder wenn nicht er, sein Vater, sein Sohn oder sein Bruder. Auf
jedem Herzen liegt die Furcht und grliche Spannung. Da ist kein
Unterschied zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig
Jahren und im Besitze der brgerlichen Ehren steht, der mu dem Rufe
folgen, wenn er aus der Losurne an ihn ergeht.

Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen Wasser gebrochen
waren, sollten die Brger zur Losgemeinde einberufen werden. So
forderten es die alten Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl
standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht auf die
heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe, Hochzeit und Begrbnis
still. Beim Ehrenverlust durfte niemand das Thal verlassen, alle hatten
dem Klang der Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang zur
Wassertrstung luteten. Die Satzungen drngten auf rasches Handeln, und
das war gewi besser als die lange Ungewiheit; um so furchtbarer aber
lasteten die kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war die
Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter nur wenigen bekannt, und
die schwiegen.

Die einen, die im Bren saen, stierten trbsinnig in das Glas und der
Wein mundete ihnen nicht, die anderen tranken und johlten dazu.

St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum zu lachen und zu reden
wagten, war heute laut und lebendig, der Hlfte der Bewohner hatte die
Furcht und Spannung die Zunge gelst.

Hrt! -- hrt! Alle drngten sich um den Tisch, wo der bocksbrtige
Blzi beim Schnaps hockte und prahlerisch wiederholte: Ich wei, was
ich wei -- es kommt nicht zum Losen. Es meldet sich einer. Allein er
blieb bei dunklen Andeutungen -- enttuscht wandten sich die anderen von
ihm ab: Er ist ein unzuverlssiger Lump. Gebt nichts auf den!

Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, da sich unverhofft und in
den bittersten Nten ein Freiwilliger fr die gefahrvolle Arbeit
meldete. Im Anfang des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der
umsonst beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten hatte.
Er legte die Knnel, und die Gemeinde trat fr ihn als Freiwerber ein.
Im Jahre 1819 fiel ein Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten
Vater, der wandeln mute, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem zweimal
das Los gewhlt, hatte sich vor vierzehn Jahren Hans Zuensteinen
freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang war die Lsung eines Gelbdes,
das er fr die glckliche Errettung seines Weibes aus dreitgigen Nten
bei der Geburt Eusebis gethan hatte.

Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden verliehen, das er
musterhaft verwaltete.

Wunderbar wre also nicht, wenn auch jetzt wieder einer, von den
geheimen Mchten des Lebens getrieben, aufstehen und den Bann von der
Gemeinde nehmen wrde.

Susi, die alte Trottel von Haushlterin, und Mgde aus dem Dorf
besorgten die Wirtschaft, der Presi lie sich seit einer halben Stunde
nicht blicken, aber wenn die Gste gehorcht htten, so htten sie seine
schweren Schritte durch die Decke ber sich gehrt.

Gott's Maria und Sankt Peter -- Rusche haben wir alle gehabt. --
Jetzt stand er im Selbstgesprch still und sttzte sich auf den Tisch.
Ich mu hinter sich machen. Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er
that, als wolle er es zerreien. Er legte es aber wieder hin. Was
angefangen ist, mu man vollenden. Er lief und wiederholte: Dumm --
dumm -- dumm.

Der Mann kmpfte gegen sich selbst, da ihm die hellen Schweitropfen
auf der Stirne standen. Er hatte nichts Groes gegen Seppi Blatter; der
war ein geplagter Mann, der mit seinem Flei ein besseres Fortkommen
verdient htte, und der Verkauf des Rindes war nicht von Wichtigkeit.
Man durfte als Presi nicht kleinlich sein. Der ganze Handel war ein
Streich des Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt
von Seppis Widerstand, prfen wollen, ob er ihn nicht doch herumbringe.
Ja, wenn die Sache zwischen ihm und Seppi geblieben wre, dann htte er
schon rckwrts krebsen knnen, aber der Blilpler wute davon, Blzi
-- und der Garde. Ohne den offenen oder heimlichen Spott dieser
herauszufordern, ging's nicht ab. Nun -- und ob! Wieder griff er nach
dem Papier.

Da klopfte es. Der krummmulige, bogennasige Blilpler, der vorher ein
rechter Mann gewesen war, aber seit dem Tod seiner zwei schnen Kinder
den Halt verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: Presi, mich drckt's
-- in die Geschichte will ich nicht gesponnen sein. Ich habe nichts
gesehen und nichts gehrt. Ich habe einen Rausch gehabt.

Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz! erwiderte der Presi
heiter; natrlich kann Seppi nicht behaftet werden, wir mssen halt
losen!

Er hatte sich im Augenblick entschieden, der Blilpler schien ihm wie
ein Helfer der Vernunft und er begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur
Thre. Da hrte er Binias glockenhelle Stimme:

Nein, nein, alte Susi, zu Frnzi lasse ich mich nicht schicken, Seppi
Blatter ist ein wster Mann, der hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen
und mich fortgejagt.

Der Presi traute seinen Sinnen nicht -- horchte -- schnob: Binia,
daher! und zog das Kind, das, nichts Gutes ahnend, flchten wollte, in
sein Zimmer.

Wie hat dich Seppi Blatter genannt? -- Die Kleine schwieg. Da rttelte
er sie zornrot und wiederholte keuchend die Frage.

Schlechthundekind, weinte die Kleine leis.

Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind! Seppi, du mut
ans Brett!

Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her, er stampfte, da man es
in der Stube unten hrte. Binia ersphte die Gelegenheit, um aus dem
Zimmer zu wischen, wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei,
kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel, der auf
den Estrich fhrte, wohl weil er durch Germpel verstellt war, dem Druck
ihrer kleinen Hnde nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf
den Specksteinofen.

Da pochte es.

Herein! -- Ihr, Frnzi Blatter? Was wollt Ihr?

Der wilde Mann meisterte seinen Zorn -- er schob ihr einen Stuhl hin.

Frnzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern, die ihresgleichen
nicht aus dem Wege gingen, wurden kleinmtig vor ihr. Schon ihre
Erzhlkunst, die sie an langen Winterabenden im Kreise der Drfer bte,
gaben ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine, die mehr
erlebt hat, mehr wei, mehr denkt, mehr fhlt als die andern. Ob sie
gleich die Spuren schwerer Arbeit an sich trug, so war sie doch ein
Weib, dem der Wiederschein dessen, was sie reich in der Seele lebte, in
Augen und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh. Und vor
allem war sie eine rechtschaffene Frau.

Der Presi und sie maen sich einen Augenblick, sie den Gegner in
Bescheidenheit und tiefer Trauer.

Gebt mir das gemeine Papier zurck, Presi! sagte sie, indem sie ihn
mit ihren groen blauen Augen ruhig, fast freundlich anblickte.

Geschrieben ist geschrieben, Frnzi! In barschem und bedauerndem Ton
sprach es der Presi.

Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift -- -- du bestehst
darauf, Peter!

Der Presi zuckte zusammen und krmmte sich, als sie ihn duzte, sein
Gesicht wurde fahl. Eine Welt voll schner und peinigender Erinnerungen
stand in ihm auf.

Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der Nacht an mein
Fensterchen gepocht. Du hast in meinem Kmmerchen geweint und auf den
Knieen gefleht: 'Frnzi, erhre mich, ich bin verloren, wenn du mich
nicht rettest, ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen
guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich und sechs Wochen
warst du mir gut. Dann shntest du dich mit dem Vater aus und nahmst auf
sein Drngen Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie,
denn du hast sie nicht geliebt.

Wozu das, Frnzi? sagte der Presi dumpf und hilflos vor der Wrde des
Weibes, das vor ihm sa.

Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen Leid, das du mir damals
zufgtest, das Recht erworben, da du meinen Mann und mein Haus in
Ehren haltest und ihnen unntig nichts Leides anthuest.

Der Presi schluckte: Ihr Frauen versteht nichts von dem -- und Frnzi
-- ich mu mein Geld und die Gemeinde einen Mann haben. Keiner ist wie
Seppi fr das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!

Ich will dir sagen, warum Seppi gehen mu. Du hast es ihm nie
verziehen, da er mein Mann geworden ist. Du wolltest mich, das arme
Mdchen, nicht mehr fr dich, aber du gnntest mich auch keinem anderen.
Wie David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du Seppi an die
Weien Bretter -- nicht da du mich, das schon fast alte Weib, mehr
mchtest, aber du hassest ihn!

So sprach Frnzi mit ihrer tiefen und schnen Stimme.

Der Presi zitterte und mute sich halten. Zog ihm Frnzi Schleier von
den Augen? -- Ja! Vorgestern, wie er als Frischverlobter von Hospel
gegangen war, da war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm
vorbergezogen. Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war er auch
nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine tchtige Wirtin war,
die sechs heimlichen Wochen mit Frnzi waren sein einziges sonniges,
groes Liebesglck gewesen. Er, Tlpel, hatte das jahrzehntelange Glck,
das vor ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp, was er
selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gefhl war er Seppi aufsssig
gewesen. -- Seit Frnzi gesprochen, wute er es.

Gieb mir den Vertrag, Peter! sagte Frnzi gtig.

Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: Ich lasse mein Kind von
euch nicht Schlechthundekind nennen!

Frnzi fuhr zusammen: Peter, vergieb Seppi, er hat in seiner Qual nicht
gewut, was er sagte!

Sie war aufgestanden, sie hatte seine Hnde ergriffen, sie sank vor ihm
in die Kniee, umklammerte seine Fuste: Peter, Peter, sei barmherzig!

Seltsam! -- In ihrer wilden Erschtterung gefiel ihm Frnzi wieder -- er
mitraute aber der Empfindung -- er frchtete eine Uebereilung -- darum
war er hart gegen sie. Er schleuderte sie rchelnd von sich: Das
Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden. -- -- Und das
'Schlechthundekind' mu gestraft sein!

Als er sie von sich stie, lste sich Frnzis prchtiges dunkles Haar,
mit fliegender Brust stand sie einige Schritte entfernt vor ihm; die
Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre verjngt, aber ihre Stimme
zitterte.

Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen, so sei's um deinet- und
Binias willen -- sei barmherzig gegen dich selbst -- und gegen dein
Kind!

Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch an, wste Zge
entstellten sein Gesicht und gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die
Augen traten hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er:
Frnzi -- ich will alles wieder gut machen, Frnzi -- -- aber gieb mir
einen Ku -- wie einst!

Sie starrte ihn verstndnislos an; dann fragte sie allen Ernstes: Bist
du wahnsinnig geworden, Peter, -- ich habe ja einen Mann und Kinder!

Dann geh'! knirschte er.

Ich gehe, aber noch einmal: mache das Bse gut -- sonst -- Peter -- bei
der seligen Beth -- die vom Himmel auf dich sieht -- bei den armen
Seelen, die im Eise stehen -- es kommt ein Schaden ber dein Kind -- und
Beth -- das weit du -- hat auf dem Totbett gesagt, ich mchte dich
mahnen, wenn Unglck fr Binia im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich
nicht selbst!

Seit wann bist du unter die Bupfaffen gegangen, Frnzi? Und mit
steigender, kreischender Stimme schrie er: Jetzt mache, da du
fortkommst, sonst --

Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Frnzi.

Da wich sie der Gewalt des Wtenden.

In der Aufregung des Gesprchs hatten die beiden nicht bemerkt, wie zwei
dunkle, glhende Kinderaugen, wie ein blasses, schmerzentstelltes
Kindergesicht in fiebernder Spannung zwischen den Vorhngen des Ofens
hervor jedem ihrer Worte gefolgt waren.

Als Frnzi gegangen war, sank der Presi auf einen Stuhl, hielt den Kopf
mit der Hand und sthnte: Da ich nie gelernt habe, rckwrts zu
krebsen -- da ich diesen harten Kopf nicht brechen kann. Frnzi, du
hast mehr als recht, -- mit sehenden Augen renne ich ins Unglck. --
Seine Lippen zuckten im Selbstgesprch.

Da kam Susi: Presi, die Gemeinderte sind da -- es ist alles fr die
Sitzung bereit.

Er warf einen Blick ins Freie.

Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen auf ihren Maultieren, sie
trugen das sonntgliche Gewand, viele waren von ihren Angehrigen
begleitet, die ebenfalls ritten, so da jede Familie eine schne Gruppe
bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die Farbenpracht der
Trachten, die an weltlich festlichen Tagen dem Glotterthaler Vlklein
eigen ist. Man sah nur das schlichte Kirchenkleid, die Mnner trugen
die dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien, den schwarzen
Filz ohne Blumen, die Frauen hatten ber die Bste dunkle Brusttcher
gekreuzt und an den Hten flatterten die Bnder in gedmpften Farben.
Manche drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei tnte durch die
Berge; von weitem sah man, da die Leute nicht lachen mochten und das
Wort im Herzen verschlossen. Wozu reden? Jeder und jede wute, was die
Gedanken des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte, er
wrde den Gang an die Weien Bretter wagen, trug heute ein doppelt
bekmmertes Sndergesicht zur Schau. In feierlicher Ruhe strmte das
Volk von allen Seiten ins Dorf und an den Husern standen einzelne
Maultiere angebunden, besonders viele an der langen Stange vor dem
Bren.

Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit Seppi Blatter kommen,
beide waren sehr ernst und feierlich. Der Garde schien grer als sonst,
er trug seine Amtstracht, einen Hut mit wallenden blauschillernden
Hahnenfedern, das Schwert am Gurt, die Binde am Arm.

Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit, wie er das Znglein
der Wage schwenken wolle, aus seiner Stube in die schwere Sitzung.

Frh am Morgen war der Garde in die Wohnung Seppi Blatters gekommen und
hatte ihn in all seinem Kleinmut gefunden. Begleitet mich zur Schau,
wie die Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbrche zu frchten
sind, redete er ihm zu. Seppi that es wohl, da sich in dieser Stunde
jemand um ihn kmmerte. Der Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer,
da er erzhle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen sei.
Als er den Verlauf gehrt hatte, zog er ein paar Banknoten aus der
Brieftasche: Da, Seppi, noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und
tilgst den Brief. Ich werde dir kein harter Glubiger sein. Wenn er
Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist nichts!

Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt sei ihm mehr gut,
glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit, die er zu Hause am Leib
gesprt, war in Lebenslust verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte
ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn frhlich. Darf ich es auch
annehmen? fragte er glckselig, dann jubelte es in ihm: Frei -- frei!
Seine Zunge war gelst, der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so
heraus: O, Garde, glaubt nicht, da es mir an Mut fehlt, an die Weien
Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer hufig genug am Seil
gehangen und wei wohl, da mein Leben Tag um Tag an einem Faden hngt,
aber ich habe es nicht verwinden knnen, da ich auf eine so miliche
Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die Maus in die Falle -- und
ich habe es der Frnzi nicht sagen drfen -- gekrmmt und geklemmt hat
es mich -- sie ist ein so himmelgutes Weib.

Die Mnner waren auf die Unglcksstelle gekommen, mit dem Fernrohr
musterte der Garde die Zerstrungen an der Leitung, die Abbruchstelle
des Gletschers, und wohl eine Stunde lang tauschten die beiden ihre
Beobachtungen. Es ist wie vor vierzehn Jahren, die Knnel sind alle
weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu frchten. Der Garde begann
behaglich aus seinen groen Erinnerungen zu erzhlen, was jede Stelle
an den Weien Brettern und in den Wildleutfurren fr besondere
Schwierigkeiten habe und mit welchen Vorteilen man sie am besten
berwinde. Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und
rter. Garde! schrie er pltzlich, als sprengte es ihm die Brust, ich
steige an die Weien Bretter. Freiwillig gehe ich.

Der Garde ma ihn lange mit durchdringendem Blick; dann sagte er langsam
und tief: Gut, so geht! Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's
Euch ernst.

Wei Gott! besttigte Seppi. Der Garde reichte ihm die Hand: Frnzis
und Eurer Kinder wegen sollte ich Euch zurckhalten, aber die Fron liegt
einmal auf der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner, der
das Werk eher zu stande brchte als Ihr; Gott, der es Euch eingegeben
hat, hinaufzusteigen, wird Euch schtzen. Es liegt ein Segen auf der
freiwilligen That -- ich habe es erfahren.

Stumm gingen die Mnner ins Dorf zurck, der Garde sagte: Jetzt lat
mich mit der Frnzi sprechen, wartet.

Sie war eben vom Presi zurckgekehrt, schweigend und mit gefalteten
Hnden hrte sie die Rede des Garden.

In herzzerbrechendem Ton sagte sie: Wohl, wenn ihn Gott berufen hat, so
darf ich ihm nicht in den Arm fallen. Es wird schon ein Glck darauf
sein!

Der Garde erwiderte bewegt: Ich danke Euch, Frnzi, -- ich bin amtsmde
-- ich lege heute die Stelle im Gemeinderat nieder, -- Seppi Blatter mag
der neue Garde werden.

O, Garde!

Aber Hans Zuensteinen war schon gegangen. -- --

Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf dem Kirchhof, der im
Nelkenschmuck rot erglht war.

Die Mnner hatten die Hte gezogen und standen in Gruppen, einzelne auch
mit Weib und Kind an den Grbern Eigener, ber welchen die Blumen
wogten. Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten. Aber auch in
ihr Leben hatte die Wildleutlawine die bangen Tage gebracht. War eine
Familie im Dorf, die in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der
heligen Wasser zu beweinen gehabt? -- Kaum eine!

Endlich verstummten die Glocken, die Mnner nahmen Abschied von den
Ihrigen -- Seppi, der soeben gekommen war, sprach mit Frnzi und den
Kindern -- und wren die anderen nicht ganz im eigenen Kummer gefangen
gewesen, so htte ihnen die fahle, schmerzzerrissene Gruppe schon die
Lsung eines Geheimnisses gebracht.

So blieben die Drfler alle in dunkler Furcht und grlicher Spannung.
Nur Blzi, der wein- und schnapsselig unter seinen bleichen Wrmern
stand, hatte das Bild gesehen und lachte bld.

Vom Bren herber bewegte sich der Zug des Gemeinderates, vor ihm her
trug der Weibel, der angedselt war, so da der Zweispitz auf seinem
Kopfe schwankte, die silberne Losurne.

Hinter dem kleinen Zug schlo sich die Kirchenthre.

Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee, ins blhende Gras;
das Gesicht gegen die Kirche gewendet, sandten sie die
leidenschaftlichen Frbitten fr die Ihrigen zum Himmel, ihr heies
Murmeln schwoll wie Windesrauschen an und ab. Manche weinten, dicht an
die Mtter drngten sich die Kinder, die noch kaum wuten, was ihre
lallenden Gebete sollten.

Frnzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den anderen auf den Knieen und
ihre Thrnen strmten reichlich. Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das
flammende Beten der drei bewegte ihn so, da er seine Stotterzunge
verga und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den Himmel
hinaufschickte.

Am weien Kirchturme, der eine etwas plumpe Nachahmung eines
italienischen Campanile war, schlich der Uhrzeiger mit tdlicher
Langsamkeit, so langsam, da einmal eine Stimme schrie: Die Uhr geht
nicht! -- Aber sie ging. Erst eine halbe Stunde tagen sie! jammerten
die Weiber.

Pltzlich schrie die Frau des Fenkenlplers auf: Ich halt's nicht mehr
aus, sie sprang an die Kirchenthre, sie rttelte am Schlo, sie schlug
wie besessen die Fuste auf die Fllung der Thre. Umsonst, die Mnner
hatten sich eingesperrt.

Noch eine halbe Stunde! -- Drei Weiber zugleich poltern an die Thr des
Gotteshauses, ein anderes liegt ohnmchtig in den Nelken, die Gebete
rauschen nicht mehr, sie rasen zum Himmel.

Da knarrt das Schlo -- der Weibel tritt hervor. -- Tdliche Stille --
Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt! -- Lautes Weinen bildet
die Auslsung der Spannung.

Aus der Kirche ergiet sich die dunkle Schar der Mnner. Die Weiber
strzen schreiend auf sie zu und umhalsen sie: Jetzt wollen wir wieder
friedlich zusammen leben und arbeiten! -- nie wollen wir zanken! Und
der Blilpler und sein Weib, die einander nicht mehr leiden mochten,
vershnen sich.

Blzi schreit: Es lebe Seppi Blatter, der neue Garde! und schwenkt den
Hut.

Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenbla, doch hoch aufgerichtet.

Vater! -- ruft Josi und hlt ihn umschlungen, ein Held will ich sein
wie du -- ich gehe mit dir.

Du bleibst bei der Mutter! sagt Seppi bewegt. Frnzi ist an seine
Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe sich ihr das Herz in der Brust.

Du himmelgutes Weib! Er kt ihr dunkles schwellendes Haar. Kommt --
kommt!

Dicht aneinandergedrngt bewegt sich das Vierblatt von Eltern und
Kindern am Bren vorbei.

Die Leute ziehen vor ihm ehrfrchtig die Hte. Auf der Freitreppe steht
der Presi. Wie er Seppi Blatter sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist
nicht gut. Die Ueberraschung, da das Aeckerchen bezahlt worden ist und
Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat ihm einen groen
Sto gegeben.

Jetzt wallt das Volk in den Bren. Dem Schrecken darf ein Trunk im
stillen folgen. Laut sein ist nicht schicklich, aber in gedmpftem
Gesprch stoen die Drfler mit den Glsern an:

Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, mgen ihm Gott und die Heiligen
frhliche Wiederkehr schenken!




IV.


Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die Wohnung Seppi
Blatters. In stummer Fassung sa die Haushaltung da, Frau Frnzi wie ein
Marterbild, Vroni mit den Thrnen kmpfend, Josi voll Neugier und
freudiger Zuversicht.

Seppi Blatter, sagte der Garde, es ist alles geordnet, die bestellte
Mannschaft mit den Reifen und den Knneln nach dem Glottergrat
unterwegs. Sie bernachten in der oberen Balm[15], die Fhrung der
Posten bernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und was von
uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, wird treulich und
gewissenhaft besorgt. Und so Gott und die Heiligen wollen, Seppi
Blatter, da Ihr gesund zurckkommt, so gehen also der Gardenhut,
Schwert und Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht
jedem abtreten wrde. Euch aber schon und gern. Vierzehn Jahre war ich
auf dem Posten, fast zu lange, und ich habe Arbeit genug auf Acker und
Maiense und im Weinberg.

  [15] _Balm_ bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs berhngt.

Seppi Blatter errtete. Als Garde war er und sein Haushalt jeder Not
berhoben, aber bescheiden sagte er: Ich werde das Amt wohl nicht
versehen knnen, ich habe schon die Hnde, aber nicht den Kopf dafr.

Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid -- im brigen ist's
im Gemeinderat gut gegangen. Es wre ungeschickt gewesen, wenn der
Vertrag der Losgemeinde htte vorgelegt werden mssen. So sieht es
besser aus, auch fr Euch, noch mehr fr den Presi und dient dem
allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit Euch einfach verrannt, aber,
wie er ist, wenn die vorderen Rder des Wagens in den Kot gefahren sind,
so hat er die Gnade nicht, 'Hst' zu rufen. Nein, wenn die heilige
Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem Wagen se, die Hinterrder
mssen auch hinein. Aber gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die
Deichsel gestanden ist und kehrt gemacht hat.

Ihr, Garde!

Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. Nur eins. Ueber
diese Vertragsgeschichte mu Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn
sie bekannt wrde, so wre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr werdet,
wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren habt, sehen, da er gar
nicht so ungrad, nicht so hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von
Zeit zu Zeit der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.

Der Garde stand auf: Also um ein Uhr.

Als Seppi und Frnzi Blatter ihm das Geleit unter die Hausthre gaben,
blies der Senn auf der Fenkenalp durch seinen Milchtrichter den
Heligen-Wasser-Segen:

    Die heligen Wasser behte uns, Gott,
    Behtet sie, ihr lieben Heiligen!
    Sankt Peter nimm den Schlssel zur Hand,
    Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand,
    Fhr' den Seppi auf dem bsen Weg,
    Schlie' seinen Fu fest an den Steg,
    Du hast den Schlssel und Gottes Gewalt,
    Sorg', da der Seppi Blatter nit fallt!
    Die heligen Wasser behte uns Gott,
    Und ihr liebe Heilige alle!

Das klang und wogte durch die gerteten Berge, die den Wiederhall
zurckwarfen, als sngen Himmel und Erde. Und Frnzi umarmte ihren Mann.

Rckblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte gegangen: Wenn
Ihr ein paar Stunden schlafen knnt, Blatter, so thut es!

Und als er den anderen aus Hrweite gegangen war, knurrte er: Das
Wetter ist entsetzlich schn, kein Wlkchen am Himmel. -- --

Mitternacht! Das Glckchen von St. Peter lutet. Jetzt wissen die
Bewohner, die vom Schrecken des Tages ausruhen, da der Pfarrer und der
Mesner mit den Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts drngt die
Gefahr, die an den Weien Brettern lauert, so brennend vor die Augen,
wie die Thatsache, da selbst die allbarmherzige hoffnungsreiche Kirche
den halb verloren giebt, der an die Felsen steigt.

Sie reicht ihm ihre Trstungen.

Der Priester spricht zu Seppi Blatter: Du hast gebeichtet und den Leib
des Herrn gegessen. Du gehrst nicht mehr dieser Welt, lege ab die
irdischen Gedanken und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in
seiner grenzenlosen Gte der Erde zurck, so dank' es ihm ewiglich.

Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt, sieht drei groe gelbe
Augen, die gegen das Haus leuchten, die Windlichter fr den Marsch durch
den dunklen Wald. Er sieht ein Trppchen Mnner.

Vater, ich will mit dir gehen! fleht er.

Bist ein thrichter Bub[16]. Rauh sagt es Seppi Blatter. Josi wei, es
ist nicht bse gemeint, aber die Thrnen treten ihm in die Augen.

  [16] _Bube_, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die
       Nebenbedeutung des Verchtlichen, die das Wort im
       Schriftdeutschen angenommen hat.

Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als fehle denen drauen der
Mut, stark zu klopfen.

Lautes Weinen erhebt sich in der Stube -- unter der Thr erscheint der
Garde, er zieht das dicke Nrnberger-Ei aus der Tasche. Im Augenblick
ist es eins!

Garde und Pfarrer ziehen sich zurck, die Haushaltung Blatter ist
allein. Geduldig warten die Mnner, da kommt vom Kirchturme herber der
schwere scharfe Einsschlag.

Seppi Blatter tritt unter die Hausthre: Ich bin bereit! Fest und
mannhaft soll es klingen, aber es rasselt, da es den Mnnern schier die
Brust zerreit. Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln,
schauernden Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe Punkte.

Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: Vater, beht' dich Gott,
Vater! -- Und hoch aus dem Wald kommt noch einmal seine Stimme zurck.

Er jauchzt, er hat Mut! versetzt Josi mitten in Thrnen.

Frnzi! hat er geschrieen -- der Mutter hat er gerufen! Vroni will's
sagen, aber sie kann nicht sprechen vor Weh.

Frnzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube, gelhmt und stumm --
sie weinen nicht mehr -- sie starren vor sich hin.

Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den Mesner hat er
fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet die Strhnen weien
Haares und die hundert feinen Fltchen seines buerlich ehrwrdigen
Gesichts. Er kann Frnzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt. Wozu
reden?

Mit gesenkten Lidern, die mageren Hnde ineinander gekrampft, sinnt er.
Indem er die Menge schwerer Gnge berdenkt, die ihm die Pflicht in
vierzig Jahren berbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften
Bildern an ihm vorbei. Er hat gekmpft und gelitten. Als er im
Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden Naturforscher fr einen
Abgesandten des Teufels genommen hatte, da regnete es Hohn auf ihn und
bitter erkannte er, da man, um als Pfarrer durchzukommen, von der Welt
ebenso viel wissen mu, wie vom Himmel und der Hlle. Aus der Stadt, wo
der Gelehrte hauste, der ihn mit einer bertriebenen Schilderung der
Ankunft in St. Peter der Lcherlichkeit preisgab, lie er Bcher kommen.
Er las sie und wurde irre am Glauben. In der Verzweiflung verbrannte er
die Schriften, bei dem alten Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe,
kehrte in den Glauben zurck und seit dreiig Jahren war er von inneren
Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm von oben geboten war,
nur mit einem Zusatz: dem Teufel- und Dmonenglauben, der ihn so
genarrt, war er abhold, ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr
als im Glotterthal? Er krnkte sich, da seine Herde fast strker als an
die Heilswahrheiten der christlichen Religion an Vorstellungen
festhielt, die heidnischen Ursprungs waren, so an der hartnckigen
Einbildung, da die Abgestorbenen zur Sndenreinigung nicht ins
Fegefeuer, sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er rgerte sich
am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit blhte, und an
Johannes, dem falschen Kaplan, der, indem er sich an die Weiber hielt,
das Dorf in einen immer tieferen Aberglauben stie.

Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er doch gelernt hatte,
Leute und Leben zu nehmen, wie sie sind, und, wenn ihm etwas ber die
Leber kroch, sich zu seinem Bienenstand zurckzuziehen.

Vroni war mit einer Thrne an der Wimper eingeschlafen, die Schrecken
der gestrigen und heutigen Nacht forderten Auslsung.

Josi weckte den Pfarrer aus seinem Brten: Es tagt, jetzt sind sie
schon ber dem Wald.

Der Pfarrer erwiderte: Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession, wenn
es euch recht ist, so gehe ich jetzt heim.

Da hob Frnzi das schmerzlich vertrumte Haupt: O geht nur. Ich will
wachen, ihr aber, Kinder, mt noch etwas ruhen! Sie brachte die in
einen bleiernen Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe.

Sie aber wachte.

Der Morgen war empfindlich khl, der Himmel rein, die Felsen der Krone
standen wie die Mauern eines Mnsters, ihre Firnen funkelten wie
frischgegossenes Silber, im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. Ueber
den Stutz herauf erklang das Glcklein der Lieben Frau an der Brcke.

Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die Wallfahrt. Die alte
Kirchenfahne, auf der St. Peter mit dem Schlssel etwas ungeschickt
hingemalt ist, knistert leise. Der Mesner fhrt sie. Die weien kurzen
Ueberhemden der paar Kreuztrger schimmern. Unter einem vom Alter
gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit dem stahlblauen Firmament
nicht messen kann, und beim Zug ber den Stutz hinunter manchmal
bedenklich schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trgt das
Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den Rosenkranz und betet der
Gemeinde mit lauter Stimme vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden
vom Presi und drei Gemeinderten gehalten, denn wenn jener schon ein
verdchtiger Sohn der Kirche ist, erfllt er aus Klugheit alles
treulich, was sie nach Sitte und Brauch von ihm fordert. Hinter dem
Thronhimmel trippelt die Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi,
Vroni, Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen Augen
verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und Mnner.

So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an die Weien Bretter steigen
mu.

Wie die Teilnehmer die Felsen sehen knnen, sphen alle einen Augenblick
dort hinauf, aber an den hellschimmernden Wnden ist noch nichts weiter
zu entdecken, als da die Knnel fehlen. Das Wasser der Glotter hat sich
durch die schauerlichen Eistrmmer gefressen, die in der Schlucht
liegen, und einzelne der niedergefegten Knnel ragen aus ihnen hervor.

Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei ber die Brcke zur Kapelle
und kniet vor ihr nieder, aber die Gebete rauschen nicht so hei wie
gestern um die Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen
Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewi ist die Frbitte fr ihn
heilige Pflicht, aber bis sein Werk gethan ist, bis das Glcklein
aufhrt zu bimmeln und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug
anrufen.

Die Mnner gehen oder schleichen sich hinweg und zurck gegen den Stutz,
die Knaben folgen dem Beispiel, nach einiger Zeit besteht die Gruppe der
Betenden vor der Kapelle nur noch aus einem Hufchen Weiber, die um
Frnzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich im Teufelsgarten, oder
etwas hher am Schmelzberg, und starren an die Weien Bretter hinauf.

Der Presi trgt eine rote Fahne, seitwrts von den Weien Brettern
schimmert auch eine solche, eine dritte vermag man auf der mittleren
Spitze der Felsen zu erkennen.

Der Garde hlt sie! Josi, der, die Hnde in den Hosenscken geballt,
unter den Mnnern steht, hat Zutrauen zu ihm.

Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste Fahne. Es schwebt
etwas von oben die grlichen Felswnde hinab, das wie ein Strohhalm
aussieht, der an Bindfden hngt. Sie sind am Werk! Strohhalm um
Strohhalm senkt sich aus der Hhe, manchmal bleibt einer zu hoch,
manchmal kommt einer zu tief. Der Presi schwingt je nachdem die Fahne,
bald stark abwrts, bald fest aufwrts, und wenn sich die Halme
verschoben haben, so schwenkt er die Fahne seitwrts. Oft entsteht
Unordnung in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen wieder
aufwrts und kommen hbsch hinunter. Auf dem ersten Strohhalm bewegt
sich ein kleines drolliges Wesen.

Das ist der Vater! denkt Josi und freut sich, da er solch einen Vater
hat. Die Augen des Knaben sind flehentlich auf den Glottermller, der
das Gemeindefernrohr in den Hnden hlt, gerichtet.

Darfst einmal durchgucken! quiekt der kahlkpfige Mller, der eine
Stimme wie ein Weib hat, schau nur, wenn ihr das Mehl schon lieber in
Hospel holt als bei mir.

Jetzt hlt es Josi! Durch das Glas scheinen die Bindfaden Seile, die
Strohhalme Knnel, auf einem davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht
nicht erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch das Rohr
scheint alles nah und man erkennt erst recht, was fr frchterliche
Felsen die Weien Bretter sind. Bis in alle Hhen keine Planke, nirgends
eine Rinne, wo ein Bschel Gras hervorwachsen knnte. Senkrecht sind
sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur in den
Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie von Geistern gesetzt
die Klippen und Trme des harten Felsens, whrend der weichere Stein im
Laufe der Jahrhunderte abgewittert ist.

Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun strecken sich die Hnde
anderer nach dem Glas. Er reicht es weiter. Das Bild seines Vaters hat
er fest gefat, seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie
der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den schwankenden Knneln
steht und sich von einem zum anderen schwingt. Immer deutlicher wird
brigens auch ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem
Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand geworfen hat, in
die Sonne, die auf die Weien Bretter zu leuchten beginnt. Der Vater
prft die gewaltigen eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die
Felsen vermrtelt, verkeilt und verankert hat, da sie jetzt noch
Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele der leichten
eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten Enden der Kloben gehen,
sind von der Gewalt der Lawine zerrissen und mssen ersetzt werden,
manche haben nicht gelitten, sondern die Knnel sind einfach aus ihnen
herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der ein eiserner Haken
ist, holt Seppi die neuen Schlaufen ein, die an einem Seil an der Wand
herniederhangen. Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die
Nietenkpfe des einen Endes passen in die Lcher des anderen Endes, mit
einem einzigen Griffe schlieen sich die Reife. Im Lauf der Zeiten hat
man manche Vorteile gelernt, die Bearbeitung des Eisens und die
Handgriffe beim Legen der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der
Leute von St. Peter, ein Stck buerlicher Ingenieurkunst. Und dafr,
da immer ein gengender Vorrat von Seilen, Knneln und Schlaufen da
ist, sorgt der Garde; in Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es
keine Knauserei und keinen Widerspruch.

Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer ermattet. Seppi
Blatter arbeitet sicher. Von Zeit zu Zeit erneuert das Glcklein der
Kapelle sein Bimmeln, es mahnt. Betet, betet fr den Mann, der einsam
an den Felsen schwebt! Bis am Abend darf die gemeinsame Frbitte nicht
aufhren. Die Frauen, die auch heraufgeschlichen sind, um an die Weien
Bretter zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne Mnner folgen: Man
darf nicht nachlssig sein in einer so ernsten Angelegenheit, wegen
Seppi Blatter nicht und wegen seiner selbst nicht; man knnte einen
Schaden auflesen, wenn man nicht aus vollem Herzen fr ihn fleht.

Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit dem Glottermller
bergeben hat, hlt scharfe Ordnung; er jagt die migen Weiber zur
Kapelle hinunter: Plrrt doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten! Den
Mnnern, die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er zu:
Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang einer da oben hngt! und
Blzi, der das Rauchen doch nicht lt, schlgt er die Pfeife aus dem
Mund.

Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie ist nicht so behend
wie sonst und ihr Gesichtchen bla. Die dunklen Augen schauen auf den
Teufelsgarten. Das ist nicht mehr der wilde unberhrte Blumenjubel der
letzten Tage. Die Mnner haben ihn mit ihren schweren Schuhen
niedergetreten, die Mdchen haben ihn abgerauft, die Buben haben den
Knigskerzen die Kpfe abgeschlagen und wlzen sich jetzt scherzend auf
der verdorbenen Pracht.

Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder, die sich so
gut waren, wissen nichts mehr miteinander anzufangen -- es ist etwas
zwischen ihnen, das vorgestern noch nicht war.

Bini, was machst auch fr ein barmherziges Gesicht? Sie schrickt
zusammen. Der Vater! Freundlich sagt er: Du wirst gar verbrannt in der
glhenden Sonne, geh ein bichen an den Schatten!

Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur Ruine hinber. Dort
stehen und sitzen Mnner, der Kaplan Johannes, Blzi, der Gemeindeweibel
und andere. Die Schnapsflasche geht in der Runde, die Mnner essen einen
Imbi von der Hand, sie plaudern und lassen sich's wohl sein und sehen
die Augen Binias nicht.

Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi schafft gut, sagt
der Weibel, der einen groen schnen Bart, aber einen schielenden Blick
hat.

Macht nichts -- ich bin nicht gern der Unglcksrabe, antwortete der
Kaplan mit seiner hohlen Stimme.

Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter fllt -- die elende Hitze -- und
erst dort oben -- man wird da unten dumm, dort oben aber wird einer
verrckt -- die Mnner, die strzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich
wahnsinnig geworden sind. Blzi nahm einen Schluck.

St. Jrg und einundzwanzig, das wr' ein Unglck -- die Frau und die
zwei Kinder! So der Weibel.

Blzi darauf: Der Presi bekme auch einen Schuh voll!

Wieso? fragt Peter Thugi, der ein rechter Mann und der Aelteste einer
weitverzweigten Familie ist.

Blzi erwidert: Das glauben doch nur Kinder, da Seppi Blatter
freiwillig an die Bretter gegangen ist. Man hat der Gemeinde Sand in die
Augen gestreut. Ist's nicht wahr, Weibel?

Dieser zwinkert zustimmend mit den Augen, aber er schweigt.

Blzi, dessen Blick vom Schnaps etwas verglast ist, lacht. Der Presi
hat mir die Pfeife zerschlagen, auf die Garibaldi gemalt ist. Sie war
noch vom Vater selig. Aber jetzt schone ich ihn auch nicht mehr.

Er erzhlt den Lauschenden das Gesprch im Bren: Und ich will ein
brennender Mann werden, wenn's nicht wahr ist, er hat dem schlafenden
Seppi Blatter die Feder in die Hand gesteckt und sie ihm gefhrt.

Die Umstehenden fahren zurck. Kaplan, was sagt Ihr dazu?

Der Schwarze antwortet, da -- ein gellender Schrei.

Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind! So rufen sich die Mnner in
peinlicher Ueberraschung zu. Das Mdchen, das hinter einem abgestrzten
Mauerteil gekauert ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater
vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf zurck.

Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia fragt, da sagt man ihm:
Sie ist heim zu Susi! Da schttelt er das Haupt und seufzt: Sie ist
dieser Tage so seltsam.

Damit, was Blzi ber die Hitze sagte, hatte er recht.

Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert, von den Weien Brettern
herunter kommt ein so heier Strom, da ihn selbst die erfrischenden
Schwle, die aus der Schlucht aufsteigen, nicht zu khlen vermgen. Wie
Blei fliet er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich um die
ermattenden Sinne.

Der Mann, der ber dem versammelten Dorf zwischen Himmel und Erde
schwebt, steht im wachsenden Brand des Juninachmittags. Die
Sonnenstrahlen liegen so auf den Weien Brettern, da die Augen
schmerzen, wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe man, wie
Licht und Hitze aus den Felsen strmen.

Ja, bei bedecktem Himmel knnte Seppi Blatter sein Werk wohl vollenden,
aber in dieser mrderischen Glut, die Augen und Gehirn sengt. Der
Sonnenstich!

Man sieht, da er leidet. Seit einiger Zeit hat er die Kapuze seines
Hirtenhemdes zum Schutze vor der Sonne um den Kopf gezogen. Die
Aufregung wchst, die Frauen vor der Kapelle beten lauter. Er kann's
nicht vollenden, hrt man. O, Seppi ist zh, antworten andere.

Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, da Seppi mit dem Einlegen der
Knnel beginnen kann. Immer noch schweben sie, einer um den anderen,
viele Kirchtrme hoch, herab, und einen um den anderen stt Seppi
Blatter, auf ihm stehend, in die Reifen, lst die Seile der
eingehngten, schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen zeichnet
die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie. Oft aber verzgert sich
das Werk. Die sinkenden Knnel verfangen sich in den Seilen der
nchsten, dann lst sie auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der
Hhe aus, und wenn sich ein Knnel befreit, schwankt das ganze Werk, als
msse es den Mann dort oben herunterschtteln wie einen Apfel vom
sturmgerttelten Baum. Oder Seppi Blatter lst die Knnel, die sich
verfangen haben und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann
fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und wieder schief
zurck, da er sich blitzschnell ducken mu, damit sie ihn nicht durch
einen Schlag an den Kopf von seinem schmalen Stande werfen.

Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele wagen die Zuschauer,
die doch des Schreckens gewhnte Bergleute sind, nicht zu atmen, die
meisten Frauen, die das Schwanken des Gerstes sehen, fliehen entsetzt
zu der Kapelle zurck.

Selbst die harten Mnner erliegen der furchtbaren Spannung. Presi, gebt
doch das Zeichen zum Abbruch. Morgen ist wieder ein Tag!

Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn Seppi Blatter nicht
selber den Abbruch wnsche, in Gottes Namen mit dem Werk fortfahren, es
sei auch milich, die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien
bernachten zu lassen.

Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile und strkt sich an Speise
und Trank. Besonders lang um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die
Fhrung der Leitung durch die grere Wildleutfurre in Angriff nimmt.

Josi, der vom frhen Morgen nicht von seiner Stelle gewichen ist, ist
ins Gras gesunken und verbirgt sein Gesicht darin. Das starre
Hinaufsehen, die Hitze, das Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner
bemchtigt, ihm ist, glhendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos wlzte er
sich.

Frnzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor dem Muttergottesbild
gekniet sind, sehen das Leiden des Knaben und erbarmen sich seiner,
obgleich das ihre nicht kleiner ist.

Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der Nhe und schaut mitleidig auf
ihn.

Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur Kapelle nehmen: Man
wrde meinen, du gehrtest auch der Wildheuerin Frnzi! Der blde
Knabe sagt: L--l--os[17], M--m--mutter, ich w--w--will da--da
bl--bleiben!{2}

  [17] _Los_! -- schweizerdeutsch, Hre!

Sie lt ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein, obschon es sie gerade
heute rgert, da sie so ein hliches Kind hat und die anderen so
blhende Jugend. Eben Frnzi.

Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der groen Wildleutfurre! An
einem Seil schwingt er sich mit mchtigem Satz in das Innere der
schrecklichen Kluft und hngt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! --
Mehrere Knnel senken sich in die Schlucht und schweben frei. Und mit
mchtigem Schwunge holt er jeden einzelnen ein. Er verschwindet damit im
Innern der Kluft, wo man seine Thtigkeit nicht sehen kann. Knnel um
Knnel zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand der
Schlucht wieder sichtbar, das Frchterlichste ist gethan. Aber je
lnger, je unsicherer werden Seppis Schwnge, zwei-, dreimal sieht man
ihn ansetzen, bis er das Ziel erreicht.

Sechs Uhr! Erfrischende Khle strmt durchs Thal, lebhafte Bewegung ist
unter dem Volk.

Seppi Blatter hat ber die ganzen Weien Bretter hin die Knnel gelegt,
der Rest, der ihm zu thun bleibt, ist leicht.

Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: Sch--sch--schau!
f--f--fer--fertig!

Josi schnellt auf, lchelt vertrumt, sucht mit seinen rotgeschwollenen
Augen die Hhe und sieht, wie der Vater eben das zierliche Wasserrad
einsetzt, das den Merkhammer hebt und auf ein Brett fallen lt, so da
sein Schlag das ganze Thal durchtnt.

Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, Mnner, die am Eingang der
Leitung stehen, ffnen die heligen Wasser. In wenigen Augenblicken
werden sie durch die neuen Knnel flieen. Bald wird der Merkhammer das
erste Zeichen geben.

Eine ungeheure Spannung hat sich des Vlkleins bemchtigt, vor der
Kapelle kniet niemand mehr als die Wildheuerin Frnzi und Vroni.

Wollt Ihr's nicht hren? fragt eine Nachbarin, aber so lange Seppi an
den Weien Brettern ist, darf man in der Frbitte nicht mde werden. Und
Frnzi und Vroni beten.

Da horch: Tick tack, tick tack. Mit wachsender Schnelligkeit kommt's
aus der Hhe, der Merkhammer schlgt, andere Hmmer, die weiterhin in
die Leitung einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht,
das Thal hat seine Musik wieder, eine einfrmige Musik, die doch wie ein
Psalm in die Ohren klingt. Sie bedeutet Erlsung aus dem Schrecken,
Segen und Fruchtbarkeit.

Wie der Mller berauscht vor Freude aufhorcht, wenn nach langer
Trockenheit sein Rad wieder klappert, so lauschen die Leute von St.
Peter dem Hackbrettspiel der heligen Wasser und drcken sich vor Freude
die Hnde.

Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! -- Es lebe der neue Garde!

Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die wiederhergestellte
Leitung empor, das Glcklein, das einen Augenblick zu bimmeln aufgehrt
hat, setzt wieder ein, es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge
leuchten, vom Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht.

Am schnsten leuchtet Josis Gesicht!

Hoch an den Weien Brettern sind nur noch zwei oder drei Stricke zu
lsen und die Arbeit, die gefahrvolle, ist glcklich gethan. Bald wird
man auf den Felsentafeln nur noch die Linie der Knnel sehen.

Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner Schrei:
Seppi!

Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich -- ein dunkler Krper fllt
und wird grer im Fallen, er gleitet wie ein Schatten die Weien
Bretter hinab.

Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgestrzt. Der Gottesdienst
schweigt.

Josi ist brllend wie ein Stier aufgesprungen und will sich in die
Glotter strzen, in der sein Vater vor seinem Blick verschwunden ist. Da
halten ihn im letzten Augenblick starke Arme zurck. Gottloser Bub! Er
beit, er kratzt, er schlgt um sich, aber die junge Kraft erlahmt,
rchelnd liegt der Knabe im Gras.

Was war die Ursache des Sturzes? -- Hunderte haben hinaufgeblickt, aber
wenige wissen etwas Sicheres zu sagen. Der Glottermller, der wieder das
Fernrohr gefhrt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick
frei stehend gearbeitet, da schwankte er, fate das Seil, das ihn in die
Hhe ziehen sollte, es senkte sich ein wenig, er lie es los, im
gleichen Augenblicke aber wurde es von der Mannschaft, die den Ruck
Seppis fr ein Zeichen genommen, in die Hhe gezogen, die Schleife am
Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das er in die Luft gestellt
hatte, die Arme des mden Mannes suchten den oberen Teil des Strickes
zu spt, da schleuderte ihn das steigende Seil, das ihn am Fu gepackt
hatte, in die Tiefe.

Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren, war keiner so bla wie
der Presi.

Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch die letzten Streifen
der Abendrte beleuchteten die traurige Heimkehr der Leute von St.
Peter. Sie fhrten eine an Gott und Menschen irre Familie in ihrer
Mitte, und im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter dunkler
Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer, das auf einer Pfanne
brannte, den Weg erleuchtete.

Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des Helden der heligen
Wasser.




V.


Die Wasser rauschten und die Merkhmmer schlugen.

Mit herzlicher Teilnahme wurde Seppi Blatter bestattet. Vom Morgen an
stand der Sarg neben der Thre des Huschens, wo der Verunglckte mit
den Seinen friedlich gewohnt hatte. Auf dem Totenbaum lag der Federhut,
das Schwert und die Binde des Garden. Ein silberner Becher stand auf dem
Sarg. Als die Leidtragenden kamen, hob ihn jeder, trank einen krftigen
Schluck und sprach: Lebe wohl, Seppi Blatter, mge es dir wohl thun in
der Ewigkeit! Und wenn zwei oder drei aus dem Becher getrunken hatten,
so fllte ihn der Weibel wieder mit goldenem Hospeler nach.

O, man durfte sich den Hospeler schon mit andchtigen Sinnen zu Gemte
fhren. Die Begierde nach eigenem Wein hatte St. Peter in die Fron der
heligen Wasser gebracht. Im Feuer des Trunkes kreiste das Blut der
Gestrzten.

Als der Presi erschien und zum Becher griff, schielten alle mit
verhaltener Neugier nach ihm. Sie meinten, es mte sich etwas
Besonderes begeben. Aber der stolze, kraftvolle Mann hob den Becher mit
Wrde und fester Hand und trat mit ruhiger Gelassenheit in ihren Kreis.

Der Garde war viel bewegter; die nervige eiserne Hand bebte, als er
Seppi Blatter Lebewohl sagte. Ihm war, er msse sich die grauen Haare
zerraufen, weil er ihn nicht von seinem pltzlichen Entschlu
zurckgehalten hatte.

Man brachte die Gedenktafel, die Kaplan Johannes im Auftrag der Gemeinde
gemalt hatte, und legte sie auch auf den Totenbaum. In frischen Farben
leuchtete die Inschrift:

An den heligen Wassern ist bei Reparatur erfahlen und wohl versehen mit
den hl. Sakramenten gleich tot gewesen der ehrsame Seppi Blatter von St.
Peter. Gewhlt worden zum Garden. Hat aber nicht angetretten. Sein
Lebenslauf ist 40 Jahr und 7 Tag. %R. I. P.%

    Mein lieber Freund, ich bitte dich,
    Geh nicht vorbei und bett' fr mich.

Jetzt trug man Seppi Blatter zu Grabe. Als sich die Gemeinde vom
Kirchhof verlief, gingen nur wenige, die an der Beerdigung teilgenommen
hatten, in den Bren. Dem Presi war's recht. Er wollte noch nach Hospel
hinausreiten und sattelte eben das Maultier. Er hatte pltzlich das
Bedrfnis, Frau Cresenz recht bald als Hausfrau in den Bren zu fhren.
Mit der alten Susi war's nicht mehr gethan, ihr Kropf wurde ihr je
lnger je hinderlicher bei der Arbeit, sie pfiff daraus wie eine
ungeschmierte Sge und ob sie fast nicht zu Atem kam, keifte sie
gleichwohl an einem Stck.

Er wollte mit Cresenz ber den Hochzeitstag reden.

Susi, wo steckt denn Bini wieder? rief der Presi.

Sie hat sich wieder irgendwo versteckt. Verhext ist das Kind --
verhext! jammerte Susi, und sie war sonst ein so liebes, artiges
Vgelchen, das den ganzen Tag gehpft ist. Wer hat es ihm nur angethan?

Ihr seid ein Kalb; Susi, bringt mir Binia nicht mit dem Hexenzeug ins
Geschwtz, sonst seid Ihr den letzten Tag im Haus!

Damit ritt der Presi davon, Susi heulte: Nichts mehr sagen darf man,
nichts! Wie ein Schuhlumpen ist man geachtet. Gewi bleib' ich nur wegen
des Kindes.

Schon ein paar Tage aber versteht sie Binia nicht mehr. Seit der
Wassertrstung sitzt das Mdchen irgendwo in einem Winkel des Hauses,
immer da, wo man sie nicht sucht, zerrt mit den Fingern der einen Hand
an den Fingern der anderen, beit in die Fingerspitzen und starrt mit
den groen dunklen Augen ins Leere, wie wenn sie etwas sehen wrde, was
nicht ist, etwas Grauenhaftes, Entsetzliches! Susi hatte sie mit der
Wallfahrt zur Lieben Frau an der Brcke geschickt, aber am Mittag kam
das Kind in der warmen Sonne schlotternd zurckgelaufen, nicht in die
Stube, nein, es rannte die Treppen hinauf bis unter das Dach. Als Susi
es suchen ging, da sa es mitten unter altem Germpel des Estrichs,
einen zerlumpten Rock seiner Mutter selig um das eigene Kleid gelegt. Es
wimmerte leise, leise. Nur etwas verstand Susi, was das Kind immer
wieder vor sich her stammelte:

Die Hand wird ihm aus dem Grab wachsen!

Sage, Vgelchen, du unglckliches, wem wird die Hand aus dem Grab
wachsen. Wer sagt es?

Da warf die Kleine das Kpfchen mit dem ganzen Jhzorn zurck, den sie
vom Presi geerbt hat: Susi, das ist schlecht von dir, da du horchst,
was ich rede. Sie frchtete sich vor dem Kind; es war, als wolle es
wie ein wildes Tier aufspringen und sie zerreien.

Binia, die nicht schlief, hrte am Abend spt noch auf dem Flur von dem
schrecklichen Ausgang des Tages reden. Im Hemd kam sie in die Kche
gelaufen, klammerte sich an Susi und schrie: {3}Verzeih mir, Susi, --
bleibe bei mir -- ich frchte mich -- ich frchte mich grlich.

Da wachte die Magd am Bett der Kleinen. Als Binia die Augen schon einige
Zeit geschlossen hatte, schlug sie sie wieder auf und flsterte: Wenn
mich der Seppi Blatter schon 'Schlechthundekind' gerufen hat, so mu
ich, wenn ich gro bin, Josi Blatter doch heiraten.

Die entsetzte Susi schmeichelte: Schlafe, schlafe, Schfchen; wenn du
gro und ein schnes Mdchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen
fragen.

Drauf Binia: Ich liebe aber nur Josi. Weil der Vater Frnzi nicht
genommen hat, mu ich halt den Josi nehmen.

Seither war Susi berzeugt, das Kind sei besprochen und verhext.

Dem wollte sie schon auf den Grund kommen. Als der Presi fortgeritten
und die letzten Gste gegangen waren, suchte sie das Kind. In seinem
Kmmerchen kniete es am Bett.

Sie war wohlwollend zu ihm. Es aber stellte sehr sonderbare Fragen: Du,
Susi, hat mein Vater meine Mutter stark lieb gehabt? -- Wie kam es auf
diese Frage? Seit drei Jahren war die selige Beth tot. Als das Kind in
sie drang, antwortete Susi: Natrlich, du Nrrchen, hat der Vater die
Mutter lieb gehabt.

Das Kind fuhr mit dem Kpfchen aus dem Kissen, richtete mit
unaussprechlicher Verachtung die Augen auf sie: Du lgst, Susi, er hat
sie gar nicht geliebt. Ich frage dich nichts mehr!

Susi ging im Bewutsein, da sie gelogen habe, schamrot aus dem
Kmmerlein.

Aber die Neugier trieb sie zu Binia zurck. Sie fuhr das Kind barsch an:
Binia, wer hat dich besprochen -- du bist besessen.

La mich, schreit Binia, ich bin krank -- geh!

Susi lt sich nicht abweisen: Der Kaplan Johannes schlarpt eben mit
dem Bettelsack durchs Dorf, der soll dich heilen. Ich rufe ihn!

Nein, -- nein -- kreischt die Kleine und zittert am ganzen Leib, und
wie Susi eine Bewegung gegen die Thre macht, fllt sie ihr um die
Kniee.

Ums Himmels willen rufe den Kaplan nicht.

Susi drauf: Gelt, der ist's, der dich besprochen hat! Jetzt haben wir's
schon -- dich und Josi. Ist Josi bei dir gewesen?

Ja, wir sind auf der Brcke gekniet -- das war aber nur Scherz. -- --
Nein, dir, erzhl' ich's nicht, du lgst und bist so dumm.

Und das Kind hat wieder den Trotzkopf aufgesetzt.

Da bekreuzt sich die aberglubische Magd und geht: Aber dem Presi darf
man nichts sagen -- nichts!

Wie sie fort ist, schluchzt und rchelt Binia. Niemand hat ihr etwas zu
leide gethan, sie hat nur gehrt, was Frnzi und der Vater geredet, sie
hat nur gehrt, was Kaplan Johannes zu den anderen Mnnern sagte: Die
Hand wird ihm aus dem Grabe wachsen.

Alles das ist aber so schrecklich fr ihr kleines, feuriges Herz. Sie
hat gemeint, einen so trefflichen Mann wie ihren Vater gebe es nicht
mehr. Ob er sie schon manchmal anschnauzte, war sie stolz gewesen auf
ihn, sie hatte ihn so unendlich lieb und wenn er nur einmal ein wenig
freundlich mit ihr redete, -- o, dann htte sie am liebsten die kleinen
Arme um seinen Hals geschlungen und ihn vor Freude und Seligkeit in die
Wange gebissen. Und jetzt wei sie so Entsetzliches von ihm. Er hat die
tote Mutter nicht geliebt, er hat Frnzi einen Ku geben wollen, der
Schmdichnicht.

Dann das Grliche, wie die Unterschrift Seppi Blatters entstanden ist,
die Unterschrift, wegen der dem Vater die Hand aus dem Grab wachsen
soll!

Das ist zu viel fr ihr Kpfchen, es hmmert darin, als sollte es
zerspringen. Ja, ja, die Frnzi hat recht, es ist ein Unsegen auf sie
gekommen. Darber mchte sie mit jemand reden, aber nicht mit Susi, die
lgt, weil sie ihr alles ausreden will. An eine liebe Brust mchte sie
sich lehnen und weinen. Sie denkt an Frnzi, die mit ihrer Mutter gut
befreundet gewesen ist, Frnzi hat auch sie lieb, Frnzi lgt nicht. Ja,
mit Frnzi will sie reden.

Aber sie darf nicht zu Frnzi gehen! Warum nicht? Sie wei es im
Wirrwarr ihrer Gedanken nicht, es ist ihr aber, wie wenn Blut und Feuer
zwischen ihr und Frnzi, zwischen ihr, Vroni und Josi lgen.

Und aus dem Gefhl tiefer Hilflosigkeit schreit sie: Mutter -- Mutter
-- liebe tote Mutter! -- --

Mit einigem Herzklopfen ritt der Presi auf seinem Wege nach Hospel ber
die Unglckssttte, sein kluger Verstand sagte ihm wohl, die
Kaufbriefgeschichte sei damit, da an den Weien Brettern der Hammer
wieder tne, noch nicht erledigt. War er mit Blindheit geschlagen
gewesen, da er die tolle Angelegenheit nicht sofort am anderen Morgen
geordnet hatte?

Nun zuckte und whlte sie im Dorf, er hatte es aus den verlegenen Mienen
der Mnner gelesen, die an der Beerdigung Seppi Blatters teilnahmen.

Er schwitzte -- er sehnte sich nach Hospel, die Welt schien ihm dort
freier -- hier legte sich etwas wie Zentnerlast auf die Brust -- es war
zum Ersticken. Gut, da er jetzt die Weien Bretter, den Teufelsgarten
mit den zertretenen Blumen, das Schmelzwerk und die Kapelle hinter sich
hatte.

Der hundertstimmige Schrei beim Sturz Seppi Blatters gellte ihm noch in
den Ohren.

Ta-ta-ta. Ich bin der Presi! denkt er.

Er kommt in das Kreuz nach Hospel, aber Frau Cresenz zeigt sich gar
nicht und der stolze Kreuzwirt, der behbigste Gastwirt am Weg von der
Stadt bis zum Hochpa, sein zuknftiger Schwager, empfngt ihn frostig.

Was hast, Kreuzwirt, warum magst mir nicht recht die Ehre geben?

Von dir luft ja die Schande auf allen Straen. Und Seppi Blatter ist
so ein braver Mann gewesen. Ist's wahr, da du ihm, wie er betrunken
gewesen ist und geschlafen hat, die Feder gefhrt hast?

Da schlgt der Presi die Faust auf den Tisch, springt auf: Vor Gericht
mssen mir die rudigen Hunde -- Wer hat's gesagt?

Von rechtschaffenen Leuten ist's hier im Kreuz verhandelt worden,
aber, da ich dir die Namen nenne, giebt's nicht.

Es ist eine elende Verleumdung. Horch, Joch, wie's zugegangen ist. Man
hat einen Mann haben mssen, mit dem Losen ist's gar eine miliche
Sache. Der Presi erzhlte und schlo mit der Frage: Was sprichst
jetzt?

Ich sage, da die Geschichte nicht sauber ist! Geplagt hast du Seppi,
das giebst ja selber zu. Wo hast du dir das Herz hergenommen, ihn grad
an dem Tag, wo du dich mit der Cresenz verlobt hast, mit dem Kaufbrief
zu kreuzigen? Das gefllt uns nicht. Wenn du Seppi Blatter die
hundertachtzig Franken aus Anla deiner Verlobung geschenkt httest, so
htte es mich und die Cresenz gefreut. Man htte dann aus dir etwas
Glck gesprt. Jetzt aber krnkt sich Cresenz.

Der Presi wurde ganz klein -- das traf. Er wute wohl, da er sonst der
Gescheitere war als der vornehme hohle Kreuzwirt. Aber jetzt hatte der
recht! Und er murrte verlegen und stoweise.

Der Kreuzwirt fuhr fort: Warum fragst du nicht, wo sie bleibt? Weil du
dich schmst, weil du weit: es ist ein Schandfleck auf deiner Ehre!

Ein Schandfleck auf meiner Ehre! wiederholte der Presi. Sein Gesicht
war blutleer und seine Hand langte mechanisch nach dem
Zndhlzchenstein.

La den Stein liegen, sagte der Kreuzwirt ruhig, es ist jetzt genug
an Gewaltthtigkeit. Cresenz aber will sich besinnen, ob sie Brenwirtin
von St. Peter werden will. Sie schreibt dir darber in den nchsten
Tagen.

Als der Presi heimritt, kam er sich vor wie ein vom Hagelwetter
erschlagener Baum. Die Wut ber die Verleumdung ttete ihn fast. Die
schlechten Hunde -- die elenden Trpfe -- -- Ist die Wahrheit nicht
genug? stammelte er vor sich hin.

Er sah die blauen, groen, vorwurfsvollen Augen Frnzis, die schnen und
guten Augen. O, wie er sie jetzt hate!

Schweigebadet ritt er durch die Dmmerung. Jetzt sah er Seppi Blatter,
aber nicht den geringen Wildheuer, der geqult am Wirtstisch sa. Nein,
den Wasserstreiter, der freiwillig an die Bretter gestiegen war. Der
schaute ihn herausfordernd an, immer als htte er die Frage auf den
Lippen: Presi, wollen wir zusammen einen Hosenlupf[18] machen?

  [18] _Hosenlupf_, ein beliebter Ringkampf der Aelpler.

Ich hab's nicht durchgezwungen -- das weit -- bist ja selber
gegangen, schnauzte der Presi.

Und als ob er mit einem anderen im Zwiegesprch wre, sagte er nach
einer Weile: Ja, das gebe ich zu -- ich habe dich geplagt -- es ist
dumm gegangen an jenem Abend.

Bei der Kapelle stieg er nicht ab, um ein Gebet zu verrichten, wie es
die fromme Sitte heischt; er sah die frische Tafel Seppis, die whrend
seines Aufenthaltes zu Hospel in das kleine Gotteshaus gestellt worden
war, ihre Goldfarbe glnzte frisch -- frech, dachte der Presi und im
Vorbeireiten rief er: Da du mich nicht gar zu stark klemmst, Seppi
Blatter, sonst --! Weit, ein wenig leid' ich's schon, hab's auch
verdient -- aber wenn du mich zu stark schuhriegelst -- du weit,
Frnzi, Vroni und Josi sind noch nicht in der Ewigkeit.

Halt 's Maul, rudiger Pfaff! schrie er, als er am Schmelzwerk
vorberjagte und den Kaplan Johannes singen hrte. Unaufhaltsam
vorwrts, den Stutz hinauf drngte er das arme Tier mit seinen Flchen
und kam frher, als ihn jemand erwartet hatte, nach Haus.

Im Bren sa tiefbekmmert der Garde. Er wartete nicht lang mit seinem
Bericht. Das Amt war auf ihn zurckgefallen -- fr einstweilen, hatte
man im Gemeinderat gesagt -- das bedeutete aber in St. Peter fr
Lebzeiten.

Presi, ich hab's zum Guten leiten wollen, aber die Sache steht bs. Die
Geschichte der Unterschrift Seppis geht vertrdelt und verdreht durchs
Dorf. Es sind darum auch keine Leute im Bren.

Die Gemeinde wird nicht die ganze Zeit saufen mssen, ich verlange es
gar nicht, hhnte der Presi, wenn sie wildeln und wst thun wollen
ber mich, so ist es mir schon lieber, sie erledigen es drauen, als mir
unter der Nase. Das knnte unlustig werden.

Mchtet Ihr in diesen Tagen nicht einmal die Frnzi aufsuchen und mit
ihr im guten reden?

Damit die Leute mit den Fingern auf mich weisen und sagen: 'Den hat das
Gewissen gedrckt!'

Wir haben jetzt gewi allen Anla, gegen den Haushalt rcksichtsvoll zu
sein.

Aber ich nicht -- ich nicht! Lieber werde ich ein brnniger Mann[19].
Der Presi wischte sich den Schwei, der immer noch auf seiner Stirn
perlte, er war so mde wie lange nicht mehr. Ueber diese Geschichte
wird schon Gras wachsen!

  [19] _Brnniger Mann_, in der Volksvorstellung ein Mann, der nach
       seinem Tod des Nachts brennend umherwandelt.

Lange keines, knurrte der Garde, stand auf und ging. --

Endlich Ruhe. -- Auf der Strae verlor sich der schwere Schritt des
Garden und der Presi sttzte den Kopf in beide Hnde und lie
nachdenklich die Lider auf die Augen fallen.

Aber er brachte das Bild nicht weg. O, es ist entsetzlich, einen Mann
einen ganzen Tag kmpfen zu sehen -- das geht nicht fort. -- Du bist ein
schlechter Hund, Seppi Blatter, da du mir das angethan hast und, wie du
schon fertig warst, noch herunterflogst.

Der Presi ging in seine Kammer. -- --

Ueber den Unglcksfall an den heligen Wassern und die ihn begleitenden
Umstnde wuchs lange kein Gras. Durch alle Gesprche zitterte der
Nachhall, weniger die Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier,
wie er veranlat worden sei, an die Weien Bretter zu steigen. Allein
nachdem es einige Wochen bs ber den Presi gegangen war, so da er es
fr gut fand, mit den Leuten so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er
es verstand, schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht doch
nicht so schlimm. Blzi habe sie im Anfang nur aus Wut so ehrenrhrig
fr den Presi erzhlt, und er sei ja ein ganz unzuverlssiger Mensch,
der Presi aber sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe
schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu retten wute,
aus der Klemme geholfen. Und, gaben die Leute zu, er ist halt doch
der Gescheiteste unter uns allen.

Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter in der Sommerarbeit,
die sie schwer ins Joch schlug und sie auf Aecker, Alpen und in die
Weinberge zerstreute.

Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel. Von Frau Cresenz
kam eines Tages ein Briefchen und am folgenden Tag ritt sie, vom
Kreuzwirt begleitet, den Silberschild der Hospelertracht vor der Brust,
das kokette Filzhtchen auf dem Haupt, vor den Bren.

Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester nicht zu freundlich,
denn die Beleidigung vom letzten Besuch sa ihm noch wie ein Dorn im
Fleisch, aber mit einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus,
und gegen liebenswrdige Frauen war der sonst unbeugsame Mann
nachgiebig.

Und Frau Cresenz war hbsch. Aus ihrem vom Ritt leichtgerteten Gesicht
schauten muntere graue Augen, sie hatte kluge und angenehme Zge, eine
khle Sprechweise und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr Krper fast
zu stattlich war, von unleugbarer Anmut.

Die steht dem Bren wohl an, schmunzelte der Presi in sich hinein und
zeigte den beiden das Haus.

Ja, da mu vieles anders und ordentlicher werden, da gehrt wirklich
wieder eine Hausmutter hin. Und die hbsche Frau Cresenz lchelt dem
Presi gutmtig verstndnisvoll zu.

Etwas beschmt sagt er: Wir haben bis jetzt halt nur ein
Bauernwirtshaus gefhrt. Das mu natrlich fr die Fremden alles anders
eingerichtet sein!

Als die drei die Treppe aufwrts in den zweiten Stock stiegen, trat die
alte Susi, die Rstpfanne, aus der der Kaffeeduft aufstieg, in den
runzeligen Hnden, neugierig unter die Kchenthre und sah ihnen nach.
Da machte Frau Cresenz am Gelnder der Treppe einen Fingerstrich und
zeigte den Staub hinter dem Rcken des Presi dem Kreuzwirt.

Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter der kleinen
Gesellschaft her: Nein, bei der bleibe ich nicht.

Der Presi hatte mit seinen Gsten den Estrich erreicht. Pltzlich
ertnte schallendes Gelchter der Frau Cresenz. Aus einem von allerlei
Germpel gebildeten Winkel starren sie zwei groe Kinderaugen an, ein
ngstliches Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch, das
malerisch ber den Kopf geworfen ist.

Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen. -- Komm, du
artiger Fratz. -- Die Kleine sieht die Augen des Vaters aufmunternd auf
sich gerichtet und kriecht hervor. Da reit ihr Frau Cresenz lachend das
Tuch ab: So, jetzt siehst du menschenhnlich aus, nun gieb mir die
Hand.

Sie sagt es mit khler Freundlichkeit, aber der erschrockene scheue
Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt die Treppe hinunter. Die alte
Susi ruft ihr zu: Hast die neue Mutter gesehen, die hochmtige?

Die neue Mutter! Nun mu sie auch darber denken. Und das kleine
Kpfchen brennt doch schon von allem anderen, worber ihm niemand
Auskunft giebt. Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie hat
er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch nicht mit ihr. Doch,
aber es ist schon so lange her. Sie schleicht sich auf den Zehenspitzen
in ihr Kmmerchen empor. Denken -- denken will sie.

Gegen Abend hrt sie die Fremden fortreiten, das frhliche Lebewohl, das
der Vater Frau Cresenz zugerufen hat, tnt ihr in die Ohren. Ihr aber
thut der Kopf so weh, ihre Zhne klappern, sie kriecht ins Bett.

Da hrt sie die Tritte des Vaters. Gewi kommt er sie zu zchtigen.

Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den Zorn mengte sich die
Vatersorge. Binia war zwar immer ein eigenartiges Kind gewesen, oft
nachdenklich, oft ausgelassen lustig, aber seit einiger Zeit war sie so
bla und scheu und allen ein Rtsel.

Wre er aberglubisch gewesen, er htte geglaubt, die Drohung der Frnzi
sei schon in Erfllung gegangen, Unsegen sei auf dem Kinde.

Wie er sie nun am hellen Tag mit glsernen Augen im Bette liegen sah,
entwaffnete die Sorge den letzten Zorn.

Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand der Kleinen ganz
vorsichtig in seine Pratze und als sie, sich von ihm abwendend, leis
wimmerte, legte er ihr die andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar.
Das Kind zuckte zusammen.

Was machst du fr Streiche, liebe Maus? Du hast eine heie Stirn, bist
ja ganz krank. -- Binia -- Gemslein -- liebes Gemslein, schau mich
einmal an.

Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton.

Als das Kind die sanften und lieben Worte des rauhen Vaters hrte, die
es wie ein Klang aus fernem schnem Traum umwarben, berlie es ihm das
heie Hndchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb freudig,
halb ngstlich blinzelte es mit den groen Augen nach ihm.

Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?

O doch -- doch -- Vater, klang das feine Stimmchen, aber -- -- Sie
schauerte.

Rede nur, Maus!

Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir nichts, wenn ich etwas
frage? Der zarte Krper zitterte.

Nein, frage nur -- bist ja meine Maus!

Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater? Das tnte so fein und
scheu und ein bleiches Lcheln flog ber die Lippen des Kindes.

Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein. Weit nicht mehr, wie ich
dich auf dem Arm getragen habe? Und weit noch, wie ich dir manchen Kram
von Hospel mitgebracht habe?

An diesen Gedanken spann das Kind weiter.

Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich gewartet, bis du am
Abend heimkamst. Und dann hast du mich noch ein wenig auf die Kniee
genommen und ich habe darauf reiten drfen. Die Mutter hat mich dann zu
Bett gebracht und hat meine Hand genommen wie du jetzt und wir haben
gebetet: 'Lieber Gott, lieber Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben
Vater gesund.' Und dann hat sie die Kissen an mein Kpfchen gedrckt:
'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist eine Thrne auf
meine Wange gefallen, aber am Morgen, wenn ich sie gesucht habe, war sie
fort.

Rhrend, als ob das fiebernde Kind gegen das Weinen kmpfte, klang das
Stimmchen, der Presi hatte den Kopf gesenkt, und als er nichts
antwortete, fuhr das Kind fort:

Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht. O, sie ist so
schn, sie ist ganz wei und hat Flgel an den Schultern. Und wenn sie
sieht, da ich ihr altes Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so
lchelt sie wunderschn. Nur das Tuch mu ich haben, dann kommt sie. --
Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel geweint, als sie lebte?

Der Presi war unruhig geworden, die Zrtlichkeit des Fiebergeplauders
regte ihn auf.

Das Mndchen aber lief und lief: Wie ist es schn gewesen, als ich noch
klein war. Josi und Vroni sind immer gekommen, er hat mich dann auf dem
Rcken getragen, und dafr hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.

Was hast vorhin fragen wollen, Bini? unterbrach der Vater barsch das
plaudernde Kind.

Thust du mir nichts?

Dumme Maus, du! Sein Ton war wieder freundlich.

Die Augen des Kindes ffneten sich -- es richtete sich im Bettchen halb
auf und zitternd, traumhaft kam's:

Du, Vater, wenn ich gro bin, darf ich dann die Frau Josi Blatters
werden?

Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. -- Der Zug hoffnungsvollen
Zutrauens auf dem fiebergerteten Kindergesicht erlosch, es stopfte den
Mund mit dem gekrmmten Finger, die Augen wurden schreckhaft gro, und
seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker -- es schlang das
Aermchen um den Vater, es schrie:

Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater -- nein -- ich habe fragen
wollen: Ist es wahr, da dir die Hand aus dem Grab wachsen wird?

Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er chzt -- und chzt.
Pltzlich brllt er: Wer sagt das? -- Sagt es Frnzi?

Vor Furcht wei das Kind nicht mehr, was es sprechen soll, was es
spricht.

Frnzi -- Vroni -- nein -- Josi -- oder nein -- Es will weiter reden.

Aber der Presi schlgt ein so schauerliches Lachen an, wie wenn etwas in
ihm risse. Das Kind schweigt.

Und den willst du heiraten! -- Da also packst du mich, toter Seppi
Blatter. Deinem Buben will ich's eintrnken.

Er faustet sinnlos gegen die Wnde: Jetzt wollen wir sehen, ob ein
lebendiger Presi nicht ber einen toten Wildheuer Meister wird. Er will
sein krankes Kind schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke
verkrochen und hlt sie mit krampfhaften Hnden fest.

Unter der Thr steht Susi, die irgend etwas berichten will; und schlgt
die Hnde ber dem Kopf zusammen.

Der Presi schwankt aus der Kammer.

Ein Ri war von dieser Stunde zwischen Vater und Kind. Binia lag einige
Tage krank, der Presi kmmerte sich nicht um sie; als sie mit blassen
Wnglein wieder in der Stube erschien, bersah er sie und vermied lange
Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da war es nur in
Gegenwart Dritter und seine Worte beschrnkten sich auf kurze Befehle
und gleichgltige Dinge.

Daran nderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz, die im Herbst
stattfand, wenig.




VI.


St. Peter ruht mit seinen Holzhusern halb versunken im Schnee, wie die
Federkissen eines Brautfuders liegt er auf den Dchern, die Glotter
gurgelt unter dem Eis. Am Mittag stechende Sonne, blauer Himmel, ein
Licht von den Bergen, da man die Hand ber die Augen decken mu,
triefende Dcher und sonnenwarme Luft, des Nachts bittere Klte, so da
der Schnee im Flimmern der Sterne wie Millionen erbarmungslose
Glassplitterchen funkelt.

Die Lichter leuchten freundlich aus den kleinen Fenstern ebenhin in den
Schnee. Von Haus zu Haus huscht es und eilt es. Bursche und Mdchen,
jung und alt sitzen um die Lewatllampe zusammen, die Frauen spinnen den
Flachs, die Mdchen flechten mit raschen Fingern Strohbnder und nhen
Hte, die Mnner schnitzen an Holzschuhbden herum und nebeln mit den
Pfeifen.

Man redet nicht viel, die von St. Peter sitzen gern still und feierlich
im Kreis. Am hufigsten noch hrt man das Weib des Fenkenlplers, das
von Zeit zu Zeit von ihrem Mann einen Zug aus der Tabakspfeife bettelt.

Fenkenlpler, kauft der Vre doch ein artiges Klbchen, lacht der
krummmulige Blilpler. Wenn die Weiber rauchen, so schadet's dem
Hausfrieden nichts -- das meine raucht jetzt auch schon ins siebente
Jahr.

Es ist halt doch nicht schn, meinte die frhliche Bertha Thugi, eine
Neunzehnjhrige, die neben ihrem jngeren Bruder Peter, dem Enkel des
alten Peter Thugi, sitzt, da bei uns so viele Weiber rauchen wie
Kamine. Mir gefallen Frnzi und die Gardin -- sie rauchen nicht.

Jetzt will die das Rauchen der Weiber abschaffen, wie die neue
Brenwirtin den Schnaps.

Die fromme, geizige Glottermllerin, die den Mhlknecht hungern lt,
mault: Recht ist's. Zuerst haben die Mnner gar nicht gewut, wie die
neue Frau Presi genug rhmen. Schn und leutselig sei sie. Jetzt hat
man's. Nicht einmal ein Glschen Gebranntes mag sie ums gute Geld den
Leuten gnnen. Sie meint wohl, in St. Peter seien alle vergldet wie der
Presi.

Der Blilpler mit der Bogennase und dem krummen Maul aber brummt: Was
mir gar nicht gefllt, sind die Handwerksleute von Hospel, die jetzt die
ganze Zeit im Bren lrmen. Er war doch von jeher ein schnes Haus. Aber
wit ihr? Fremde Weltleute, Deutschlnder, Franzosen, Englische und
Hispaniolen, wie's seit ein paar Jahren zu Grenseln, Serbig und im
Oberland sommers ber hat, sollen mit ihren Weibern, Hunden und Katzen
in den Bren kommen und darein sitzen. Was meint ihr? Wozu ist an der
Strae eine Thr ausgebrochen worden und wird eine Stube gemacht? In
diese Truhe knnen die von St. Peter hocken und oben, wo wir bis jetzt
gesessen sind, in der schnen groen Stube, rutschen die fremden
Maulaffen herum, die den Unterschied zwischen einem Gemsbock und einem
Kalb nicht kennen.

Protestieren soll man! -- Aber die Gemeinderte, der Garde ausgenommen,
haben's wie unsere Maultiere, sie machen so. Der glatzkpfige
Glottermller, der eine Stimme hat wie ein Weib, aber selbst schon lange
gern Gemeinderat geworden wre, nickt mit dem Kopf, bis alles lacht. Und
pltzlich ruft er, da alle aufblicken:

Die Gemeinde soll man anfragen, ob wir Fremde in St. Peter dulden
wollen oder nicht. Das behaupte ich. Wichtig blickt er um sich.

Der Pfarrer ist dagegen. Eine Todsnde sei's, Fremde nach St. Peter zu
rufen. Anstecken mit groen Fehlern und Snden wrden sie uns und
Schaden bringen an der heiligen Religion.

So der Bockjelpler, der zwischen dem Reden immer schnalzt.

Hrt! -- hrt!

Es ist nicht blo deswegen! meint der alte grobrtige Peter Thugi,
der bisher fleiig an seinen Lffeln und Kellen herumgeschnitzt, den
Abend noch kein Wrtchen gesagt hat und mit seiner tiefen Stimme sehr
langsam spricht, es ist wegen der Dinge, von denen man nicht unntig
reden soll -- wegen der armen Seelen!

Das Wort bringt eine merkwrdige Bewegung hervor.

Alle Arbeit ruht, schweigend und feierlich schaut man nach dem alten
Manne und wer raucht, legt die Pfeife weg.

Wenn nur Frnzi da wre, fhrt er fort, sie knnte es besser erzhlen
als ich, wie an den Firnen der Krone tausendmal tausend abgeschiedene
Seelen im Eise stehen und sehnschtig auf ihre Erlsung warten. Um ihre
Gebete zu verrichten, brauchen sie Frieden und Ruhe. Vom Thal herauf
mgen sie nichts hren als das heilige Glockengelute. Lachen,
leichtfertiges Reden und groer Lrm thut ihnen weh. Namentlich
beleidigt es sie, wenn die Leute neugierig auf die Gletscher und Firnen
steigen. 'So weit die Welt grn ist, ist Lebendigenland, wo sie wei
ist, ist Totenland.' Das haben sie schon manchem Gemsjger gesagt, der
sein Tier ins weie Revier verfolgte. Wenn nun aber die Fremden, die
nichts von den armen Seelen wissen, alle Tag tanzen und Sonntag machen?
Ich will's euch sagen: Es kommt ein mchtiges Unglck ber St. Peter.

Der Erzhler schweigt; alle erwarten, da er wieder beginne -- niemand
redet, der Blilpler nur mahnt: Erzhlt, Peter Thugi!

Da fhrt Peter Thugi geheimnisvoll fort:

Es hat eine Zeit gegeben, wo es in St. Peter so weltlich zuging, wie es
wieder geschehen wird, wenn die Leute aus den Weltlndern kommen. Alle
Tage waren Lustbarkeiten, sndiges Reden und Wollust. Das war, als noch
die Knappen im Schmelzwerk saen. Da hat im Bren jeden Abend eine Musik
aufgespielt und immer war mit lustigen Weibsbildern Juhe und Juheien.
Als nun die von St. Peter, die solche Weltlichkeit duldeten, zu
Pfingsten in die Kirche kamen, saen in den vordersten Bnken auf der
Weiberseite zwlf weie Vorstehbrute[20], die niemand erkannte. Wie der
Gottesdienst vorber war, schritten sie hinauf durch die Alpen zu den
Firnen der Krone. Vor einer Htte, die jetzt schon lang nicht mehr
steht, begegneten sie dem frommen Sennen Smi, der nicht mehr gehen
konnte und auf der Bank bei der Thre sa. Da fragten sie ihn ngstlich,
ob wohl die Leute von St. Peter aus ihren betrbten und traurigen
Gesichtern gemerkt haben, warum sie zur Kirche gekommen seien. Der alte
Smi sprte aus ihrem Ton, da es etwas sehr Ernstes sei und meinte, ihm
knnen sie es schon verraten. Sie seien arme Seelen von der Krone,
antworteten sie, und haben die von St. Peter warnen wollen, da sie das
tolle Leben im Dorf nicht lnger dulden. Wenn sie es aber weiter litten,
so wrde St. Peter von Lawinen verschttet, denn die vielen tausend
armen Seelen, die jetzt mit ihren Leibern dem Firn Halt geben, wrden
auswandern und dann strze der Schnee der Krone aufs Dorf. Sie htten
auf ihre Bitten die Erlaubnis bekommen, da sie die von St. Peter warnen
drfen, er mge es ihnen sagen, wenn es die Leute sonst nicht gemerkt
haben. Sie drfen doch nie mehr kommen und die Mahnung gelte fr ewig.
Erleichtert gingen die armen Seelen ihres Weges und sangen vor Freude,
da sie die Botschaft einem so braven Manne wie Smi hatten ausrichten
knnen. Smi aber schickte Bericht ins Dorf ber das merkwrdige
Erlebnis, und siehe da -- alle die in der Kirche gewesen, erkannten die
Vorstehbrute. Es waren gestorbene Mdchen von St. Peter. Die Leute
trieben die Musikanten und die leichten Weibsbilder fort, und seither
wei man in unserem Dorf, was geschieht, wenn Wohlleben und Ueppigkeit
wieder kommen.

  [20] _Vorstehbrute_, Kommunikantinnen.

Der Kreis der andchtigen Zuhrer und Zuhrerinnen schauderte.

Der Presi bringt noch ber uns alle gleiches Unglck wie ber Seppi
Blatter! unterbrach die bse Zunge des Glottermllers das Schweigen.

Pst! klang eine Weiberstimme aus dem Hintergrund durch den blauen
Tabaksnebel, Blzi wei, wie der Presi den Leuten ein Schlo an den
Mund legt, die etwas wider ihn sagen.

Die Gesellschaft htte lieber noch mehr Geschichten von den Toten gehrt
und neigte nicht mehr zum Schwatzen.

Bertha Thugi, die von der Erzhlung ihres Grovaters bewegt war, meinte:
Lat uns doch die Wildheuerfrnzi holen, sie wei alle Geschichten des
Gebirges, die von den Lebendigen sowohl wie die von den Toten, sie wei
die Ueberlieferungen und Sagen, sie hat manchmal bis um die Mitternacht
erzhlt, so da alle zitterten und man fast nicht mehr heimgehen
durfte.

Frnzi ist aber nie ungebeten erschienen, sie hat aus ihrem Erzhlen
immer eine Kunst gemacht, die geehrt sein wollte. Und jetzt lehnt sie
alles Erzhlen ab. Sie habe keine Lust mehr zum Reden. Ich verstehe es
nach dem groen Unglck wohl.

So der alte Peter Thugi, und schweigend lichtet sich allmhlich der
Kreis, die Totensagen summen in den Kpfen, die Sagen Frnzis.

Wrdig ertrgt sie den Tod ihres Mannes. Als er strzte, hatte sich ihr
wohl ein Schrei entrungen, ein entsetzlicher Schrei, als mten auch ihr
Leib und Seele auseinanderbrechen. Und in den ersten Tagen lebte sie in
dumpfem Brten dahin. Dann aber erhob sie sich pltzlich und ging an
ihre Arbeit wie sonst. Niemand hat sie je weinen gesehen, niemand je
klagen gehrt. Nur die Strhnen gebleichten Haares in der dunklen Flle
verrieten, da sie gelitten hatte. Den Schmerz hatte sie in den
unergrndlichen Tiefen des Glaubens begraben.

Vroni und Josi, tragt niemand etwas nach, es hat im Leiden und Sterben
eures Vaters eine hhere Hand gewaltet, und grbeln ist sndhaft. So
mahnte sie, wenn die Kinder vor Beelendung ber den Tod des Vaters fast
zerflossen.

Ihrem kleinen Haushalt ging es seit dem schrecklichen Ende Seppi
Blatters nicht schlechter als zu seinen Lebzeiten. Es war, als htte das
Unglck des Vaters Josi, den vierzehnjhrigen, mit einem Schlage um
viele Jahre gereift. Das freundliche Knabengesicht mit den klugen
dunklen Augen war ernst und trotzig geworden, um ein Lcheln gab der
frher gesprchige Bursche nicht viel, menschenscheu vermied er das
Dorf. Ohne da ihm jemand die Notwendigkeit klar gemacht htte,
schleppte er im Lauf des Sommers genug Wildheu von den Planken, um die
paar Ziegen durch den Winter zu bringen, so da die Mutter manchmal
mahnte: Ueberthu dich nicht, du zher Bub.

Der Acker hatte reichlich Frucht getragen. Als man Anfang Winter das
Korn im groen Backofen des Garden gleich frs ganze Jahr verbuk, da
ergab es so viel groe Laibe, da die Kinder bis zur nchsten Ernte
nicht nach Hospel hinauszuwandern brauchten, um Mehl zu holen.

Das war gut, woher das Geld nehmen?

Es waren drollige Mahlzeiten, die Mutter und Kinder hielten. Josi, der
die Stelle des Hausvaters bernommen hatte, zertrmmerte mit Hammer und
Hackmesser das vom langen Liegen steinharte Brot. Die dunklen Splitter
stoben nur so davon, und ebenso stoben sie vom Kse, den noch der Vater
bereitet hatte. Vroni fing die Brocken auf, indem sie die offenen Arme
ausbreitete, und lachend knusperten die Kinder an den braunen Stcken,
die dem Gestein des Gebirges zum Verwechseln glichen.

Beie dir keinen Zahn aus, Vroni! scherzte Josi. Dann wies sie ihm
ihre Perlenreihe zwischen kirschroten Lippen, er zeigte als Antwort sein
blitzblankes Gebi und zum Schlu der Mahlzeit nahm er die Tessel, einen
Holzstab, der auf dem Tisch lag, und schnitzte einen Kerb hinein, bald
auf Vronis, bald auf seiner, bald auf der Mutter Seite, damit man wisse,
wer das Tischgebet verrichtet hatte.

Ein kleines, inniges Glck, dem die Trauer, die es durchbebte, Bestand
verbrgte. So htte man den Haushalt Frnzis nennen mgen. Die
Geschichten, die sie nicht mehr in die Kreise der Burschen und Mdchen
tragen mochte, erzhlte sie Josi und Vroni. Dann geschah es wohl, da
Josi mde vom Tag einschlief, whrend Vroni gespannten Ohres lauschte.

Oft sangen die drei das einzige Lied, zu dem sie eine Melodie wuten,
den einzigen weltlichen Gesang, den es im Glotterthal gab. Frnzi hatte
ihn zur Zeit, als sie mit Seppi selig verlobt war, auf dem Markt zu
Hospel von einem fahrenden Spielmann gehrt und gekauft. Sie nannte ihn
das Kirchhoflied. Der Sang lautete:

      Es liegt das Dorf im Abendstrahle,
    Die Berge glhen Dom an Dom,
    Im Frieden steh'n des Kirchhofs Male,
    In wilden Wellen rauscht der Strom
    An ihm dahin zur weiten See,
    Wie klingt die Flut vor Wanderweh!

      Das Steingenelk, die Knigskerzen
    Erblh'n voll Pracht im heiligen Rund,
    Sie steigen aus gebroch'nen Herzen
    Und jede Blume ist ein Mund.
    O, wie das weint, o, wie das lacht,
    Dem Flstern horcht die Sommernacht!

      Des Dorfes Abgeschied'ne reden,
    Es reden toter Bursch und Braut,
    Man kennt und nennt im Ringe jeden --
    Da klagt ein Knspchen frischbetaut:
    'Wir sind im Thal -- nur einer fehlt,
    O, wie sich der in Heimweh qult.'

      Gebrunter Bursch ist fortgezogen,
    Den Mund so rot, den Blick so hell,
    Dahin mit Wellen und mit Wogen
    Gewandert ist der Frohgesell,
    Doch, als er stand an blauer See,
    Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.

      Du armer Knabe! Schlaf am Meere!
    Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,
    Sieh, Gottes sind die Sternenheere,
    Er schickt den Tropfen, der die Stirn
    Mit frischem Gletschergru umsplt,
    Der dir das heie Heimweh khlt!

Hatte Vroni ihr Kmmerlein aufgesucht, so hrte sie die Mutter noch eine
Weile in der Stube hantieren. Das letzte war immer, da Frnzi die Thre
oder ein Fensterchen ffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch
stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die Fenster
verschlossen, der Bissen verschwunden.

Wozu das, Mutter? fragte Vroni ahnungsvoll.

Fr die armen Seelen, fr den Vater, wenn er unter ihnen ist.

Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in den Tod gegangen.

Wer ist sicher, da er an den heligen Wassern nicht doch noch etwas
gedacht oder gethan hat, was er ben mu. Ein Tag hat tausendmal
tausend Augenblicke und in jedem knnen wir zur armen Seele werden. Gbe
es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren sind,
da man nicht ber das Eis gehen kann, ohne da man ihnen auf die
Hupter tritt? Die Krone ist voll Wehklagen der Frierenden, in den
Gletscherspalten hrt man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den
Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh, sie verlieren das
Lachen und die roten Wangen. Ihr habt Abrahmi nicht mehr gekannt. Er
war ein Gemsjger. Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine Gemse
lauerte, sah er pltzlich zwei arme Seelen. Die eine kmmte ihr welliges
Haar, die andere sang, denn beide waren bald erlst und freuten sich der
warmen Sonne. Es waren vornehme Mailnderinnen, die in ihrem Leben vor
vieler Weltfreude vergessen hatten, Armen Gutes zu thun. Sie erzhlten
Abrahmi ihr verfehltes Leben so beweglich und ihre Schnheit war so
gro, da er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie baten ihn, er mge
im Thale nicht erzhlen, da sie so schwer ben, denn es knnte sonst
die Nachricht davon bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und
das wre ihnen nicht lieb. Als aber Abrahmi, der Gemsjger, ins Thal
kam, konnte er es nicht verschweigen, was fr schne Frauen er auf dem
Gletscher gesehen habe. Da wurden seine Fe und seine Zunge lahm und
viele Jahre sa er so auf dem Dengelstein vor seinem Hause und schaute
in Sehnsucht nach den Firnen der Krone, ob er die schnen Frauen nicht
ersphen mchte. Eines Tages flogen zwei schneeweie Tauben ber das
Thal. Das waren die erlsten Seelen. Abrahmi mochte wieder aufstehen
und reden, doch lachen hat er nie mehr mgen, sondern immer gesagt:
'Krnkt keine arme Seele.'

So erzhlte Frnzi und in Vroni erklangen die Glocken des Glaubens, da
ihr ganzes Wesen erfllt wrde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi
trotzig und finster, so blhte in ihrem frischen, von blondem Haar
umspielten Gesicht stillinniges Leben auf.

Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen weinte, die weien Nebel am
mondbeschienenen Berghang schwebten, dann glaubte auch sie die Zge
jener Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen und es
durchwandeln.

Mutter, aber haben sie schon am Brot oder an der Milch gerhrt?

Nein, Vroni, die armen Seelen essen nicht und trinken nicht; wenn sie
nur den guten Willen sehen, so sind sie schon satt und freuen sich, da
sie nicht vergessen sind, denn nichts auf der Welt thut ihnen so weh,
wie wenn niemand ihrer gedenkt.

Einmal, als Vroni schon schlief, kam ber den hohen flimmernden Schnee
wahrhaftig eine arme Seele durch die Nacht geschwebt und gewandelt, eine
leichte, schlanke Kindergestalt, doch stieg sie nicht den Alpweg herab,
sondern huschte herber von der schlafenden Kirche, die ihren Turm
gespenstisch in die nchtliche Winterlandschaft reckte.

Frnzi erschrak. Wenn man eine arme Seele sieht, soll man nicht
neugierig sein, es kann sie krnken. Sie zog sich vor der Wandelnden
tief in ihr Stbchen zurck und betete den Segen.

Da horch! Vor dem Fensterspalt bittet und bettelt ein ses, feines
Stimmchen: Frnzi, liebe Frnzi. Darf ich zu Euch hereinkommen?

Einen Augenblick staunt Frnzi, dann sagt sie berrascht: Wei Gott,
das ist Binia! Sie ffnet die Thre und zieht das schlotternde Kind,
das zum Schutz vor der grimmigen Klte den Kirchenmantel der seligen
Beth um die Glieder geschlagen hat, in das Stbchen.

Ums Himmels willen, Bini, was willst du bei dem harten Frost und bald
um Mitternacht. Hat es im Bren ein Unglck gegeben?

Da lchelt Binia leise und schalkhaft, setzt sich dicht zu Frnzi auf
die Bank, nimmt mit einer scheuen Liebkosung ihre Hand, schlgt den
Blick nieder und sagt: Nein, im Bren schlft alles, nur ich habe noch
gewacht und an mein seliges Mtterchen gedacht. Wie ich den Schlaf nicht
habe finden knnen, bin ich still aufgestanden, die Treppe
hinuntergetappt, durch das Fenster des Untergadens[21] hinausgeklettert
und bin zu Euch gekommen.

  [21] _Untergaden_, schweizerdeutsch, Vorratskammer im Erdgescho.

O Gott und alle Heiligen! Nicht einmal recht angezogen bist du,
knntest dir ja den Tod holen in dieser Nacht. Warum kommst auch nicht
am schnen Tag?

Da verzieht sich das Gesichtchen des Kindes schmerzlich, zgernd sagt
es: Ich meine, der Vater htte es nicht gern, wenn er's wte. Und ich
wei nicht, habt Ihr's gern, wenn ich zu Euch komme und Vroni und Josi?
Ich habe Euch vieles zu fragen, Frnzi.

Nrrchen, du liebes, warum sollten wir uns nicht freuen, wenn du
kommst? Frnzi fuhr dem schchternen Kinde liebkosend durchs dunkle
fliegende Seidenhaar. Aber wenn's dein Vater nicht gern hat, so ist's
doch gescheiter, du gehst gleich wieder heim.

Da glitt das Kind hinab von seinem Sitz zu den Fen Frnzis, umschlang
ihre Kniee und flehte weinerlich: Nein, Frnzi, nein, sterben mt' ich
und den Kopf wrde es mir zersprengen, wenn ich jetzt nicht mit Euch
reden knnte.

Nun, so la es heraus, was so in dem armen Kpfchen brennt, da es gar
nicht mehr schlafen kann, sagte Frnzi mild und zog Binia zu sich
empor.

Es war aber, als blieben die Worte der Kleinen im Halse stecken.

Ist's denn etwas so Schreckliches, Bini?

O Frnzi, wie Ihr an der Wassertrstung so ernst mit meinem Vater auf
seiner Stube geredet habt, da sa ich auf dem Ofen, ich habe alles
gesehen und gehrt.

Wunderfein erbebte das Stimmchen.

Nun war's an Frnzi, zu erbleichen. Sie sah das Kind nicht mehr, sie sah
nur das furchtbare Erlebnis jener Stunde -- entgeistert blickte sie vor
sich hin. Sie bat: Kind, armes Unglcksvgelchen, rede, -- rede! Gott
und die Heiligen mgen mir helfen, da ich dir recht Antwort stehe.
Vielleicht ist's gut, da du gekommen bist.

Da rann das Gestndnis des gepreten und geklemmten Kinderherzens, erst
scheu und zgernd, gleichsam nur in Tropfen hervor, strmte dann hei
und leidenschaftlich und unter vielen Thrnen. Nur von Josi sagte Binia
nichts, sonst alles.

Du ser, lieber Vogel, so bse Dinge klopfen in deinem Herzchen.

Frnzi hatte genug zu thun, um ein klein wenig Ordnung in die verwirrte
Kinderseele zu bringen. Sie lste Binia alle Fragen auf, nur eine konnte
sie ihr nicht lsen: Wie es mglich ist, da ein Kind Vater und Mutter
gleich hei liebt, da der Vater die Mutter aber nicht gut leiden mag.

Ihr seid sicher, da dem Vater die Hand nicht aus dem Grabe wachsen
wird, wie der wste Kaplan gesagt hat?

Feierlich nahm Frnzi die Hand des Kindes und ihre Augen begegneten dem
dunklen Sternenpaar Binias: Ja. Nicht die bse Unterschrift hat meinen
seligen Seppi an die Weien Bretter gefhrt, als ein Freiwilliger ist er
gegangen. Es hat sich alles gewandt und dein Vater ist unschuldig an
seinem Tod.

Binia dankte mit einem innigen Aufleuchten des Blicks: Es ist kein
Unsegen auf mir?

Deine selige Mutter wacht vom Himmel ber dir und jede Nacht bin auch
ich in Gedanken bei dir.

Da kte Binia die arbeitsharten Hnde der mtterlichen Trsterin mit
brennendem Mund.

Noch hatte das neugierige Kind viele Fragen, die Antwort forderten.

Ihr denkt, der Vater habe mich doch lieb? -- O, Frnzi, wenn Ihr
wtet, wie ich ihn liebe.

Natrlich, du kleine Unglubige -- jeder Vater hat in seinem Herzen ein
Pltzchen fr sein Kind, und wenn es zu tiefinnerst versteckt wre! Sei
liebevoll und demtig gegen den Vater; auf Kindern, die gegen ihre
Eltern ehrfrchtig sind, steht die Verheiung, da es ihnen wohl
ergehe.

Ich demtig -- das ist schwer. -- Wohl, wohl, ich will demtig sein!
flsterte Binia mit feinem Stimmchen und gesenkten Lidern, aber --

Was fr Rtsel hast du denn noch, du grblerisches Kind?

Ich habe jetzt zwei Mtter, eine tote, die mir lieb ber alles ist --
und eine lebendige. Wie soll ich's da halten? Krnke ich die tote nicht,
wenn ich gut zu der lebendigen bin?

Richte in deinem Herzen einen Altar auf fr die tote, schmcke ihn mit
Blumen der Liebe; der lebendigen aber diene als gutes Kind, denn, Binia
-- Frau Cresenz ist eine wackere Frau.

Binia schwieg mit gesenktem Kopf.

Da drang von der Kirche herber der Einuhrschlag, er mahnte Frnzi an
die schwere Stunde, wo Seppi fr immer Abschied genommen hatte.

Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas bitten, Vgelchen. In
grenzenlosem Leid hat dich der selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm,
Binia!

Statt jeder Antwort prete das Kind das Kpfchen an die Brust der Frau,
nicht anders, als wre sie die Mutter.

O, Frnzi, ich hre Euer Herz -- das ist so ein liebes, warmes Herz.

Ja, aber jetzt geh' -- jetzt geh', du Nachtwandlerin, ich kann dein
Bleiben nicht mehr verantworten. Als Frnzi schon die Thre
aufschlieen wollte, bettelte Binia: Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie
schlft -- o, wie manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am ganzen
Leib zu ihr gezogen.

Frnzi lchelte, sie fhrte die Bettlerin zu Vronis Lager, und Binia
prete einen Ku auf die roten Wangen der Freundin, die tief atmend auf
den gelsten Strhnen ihres Goldhaares ruhte.

Die Schlafende regte sich, leise traten die beiden nchtlichen
Besucherinnen aus dem Kmmerchen zurck.

Willst Josi auch noch sehen?

Ja, gern, hauchte Binia und eine Blutwelle ergo sich ber ihr feines
Gesichtchen. Sie stiegen die schmale Treppe empor. Im Licht, das Frnzi
durch die Finger auf den Schlfer fallen lie, sah Binia die Furche der
Willenskraft, die sich von der Stirne zur Nase Josis zog und das junge
Gesicht schon halb mnnlich erscheinen lie. Aber schn, dachte Binia
bei sich selber, ist Josi doch, so schlank, so braun.

Da fiel ihr pltzlich schwer aufs Gewissen, wie sie den arglosen
Schlfer wider ihren Willen, doch ohne die Fhigkeit, den Widerruf
vorzubringen, bei ihrem Vater verleumdet hatte; sie zitterte und sagte
kleinlaut: Frnzi, ich mu gehen! Ich dank' Euch tausendmal, liebe
Frnzi.

Und ber den mondbeschienenen Schnee lief Binia flink wie eine Gemse dem
unter schweren Winterlasten seufzenden Dorfe zu.

Ob ich's wohl noch erleben und sehen werde, wohin dich dein Weg fhrt,
du Kind mit den vielfragenden Augen und dem Rtselherzchen? Mit diesem
Gedanken sah Frnzi der schlanken Gestalt nach, die in den schweren
nchtlichen Schlagschatten der Huser verschwand.

Als Vroni am nchsten Morgen sich zu Tische setzte, erzhlte sie mit
strahlendem Gesicht, sie habe so lebhaft von Binia getrumt, wie wenn
sie selber bei ihr am Bett gestanden htte. Mutter Frnzi lchelte, sie
weihte die Kinder so stark in das Geheimnis des nchtlichen Besuches
ein, als sie fr gut fand. Josi aber sagte: Das ist mir alles
gleichgltig, wenn mir die Giftkrte nur nie mehr ber den Weg luft.

Vroni lachte und drohte mit dem Finger: Josi, Josi, ich erzhle es der
Mutter, was drauen im Teufelsgarten geschehen ist.

Mit zornrotem Gesicht stand er auf: Ich will nichts mehr wissen vom
Kind eines schlechten Hundes, dem Vater selig bin ich's schuldig. Er
schlug die Thre ins Schlo und ging die Ziegen fttern. Frnzi war
neugierig, was drauen im Teufelsgarten geschehen sei, als ihr aber
Vroni gebeichtet hatte, sagte sie kein Wort.

Die Geschichte machte ihr einige Tage schwer.

Fr Vroni blieb der unerwartete nchtliche Besuch Binias das groe
freudige Ereignis des Winters, sie hoffte, die Freundin wrde wieder
kommen, und erwartete sie mit wachenden Augen Abend fr Abend.

Binia kam aber nie wieder, Vroni und die Mutter bemerkten es jedoch
wohl, wie sie manchmal aus der Ferne sehnschtig nach ihnen und ihrem
Huschen blickte, wie sie dann aber die Angst, sie wrde vom Vater
bemerkt, fortjagte.

Um Josi stand's nicht gut.

Wenn er Holz im Walde sammelte, so setzte er sich oft auf die fertige
Brde, sttzte den Kopf in die beiden Hnde und im winterlichen Walde,
der unter der Schneelast knackte, zogen mit furchtbarer Lebendigkeit die
Bilder noch einmal vorber, wie sein Vater an den Weien Brettern
gelitten hatte und gestorben war. Der Gram um den Vater machte ihn je
lnger je mehr zu einem dsteren Groller. Der verbissene Arbeiter war
zuweilen hart und grob gegen Vroni, finster gegen die Mutter, und das
kleine, innige Glck des Haushaltes erhielt durch ihn manchen Sto.

Sie sind alle, alle schuld, die von St. Peter, am meisten der Presi,
grollte er.

Eines Tages ging er doch durchs Dorf und stand pltzlich vor dem
verhaten Mann. Da schrie der Presi ihn an. Wie darfst du dich noch
unter rechten Leuten zeigen, du Lausbub, du! Jetzt war Josi im Innern
mit dem Presi und mit denen von St. Peter fertig.

Besser ungerecht leiden als ungerecht thun, erwiderte Frnzi mit einem
tiefen Seufzer, als der Bursche sein Erlebnis unter Thrnen des Zorns
berichtete.

Allein er gab sich damit nicht zufrieden, er hatte einen furchtbaren Ha
gegen den Presi gefat.

Anznden! den Bren anznden, brllte es in der Brust des
Schwerbeleidigten, der Gedanke setzte sich darin fest, da, wie grlich
es sei, der Bren eines Tages verbrennen msse.

Aber Binia! -- Bah, Binia! -- Warum sollte er den Bren nicht anznden?

Oft warf er die Zndhlzchen, die er mitgenommen hatte, um im Wald ein
Feuer anzumachen, mit zitternden Fingern von sich. Aber die Furcht, da
er eines Tages das Entsetzliche doch thun wrde, qulte ihn.

Htte Josi mit khlem Blut geurteilt, so wrde er sich gestanden haben,
da die Leute von St. Peter den Groll nicht verdienten, den er auf sie
warf. Sie erwiesen der verwaisten Familie jene Achtung und jenes stille
Wohlwollen, das wrdig ertragenes Unglck berall findet, sie vergaen
es nicht, da Seppi Blatter im Gemeindedienst gefallen war, und htte es
dessen bedurft, so wrde Frnzi immer die Hilfe gefunden haben, die
notwendig gewesen wre, den kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten.

Zuweilen streckte der Garde das hnenhafte Haupt mit einem freundlichen
Gru in die Thre. Er war seit dem Tode Seppi Blatters Vormund der
Kinder, redete aber Frnzi nichts in die tglichen Hantierungen, sondern
ging mit zufriedenem Knurren, einem besonderen Gru an sein Patenkind
Vroni und mit dem Bewutsein davon, da da Vogtmhen[22] berflssig
seien.

  [22] _Vogt_, schweizerdeutsch, Vormund. Vgtling, Mndel.

Ein fast tglicher Gast im Haus Frnzis war der stille, blde Eusebi,
der die Gewohnheit hatte, sich auf einen Schemel zu setzen, nichts zu
sagen, mit ein paar Hlzern zu spielen und zu hren, was geplaudert
wurde. Da sa der fnfzehnjhrige Schwachkopf unbeweglich, aber bei
jedem freundlichen Wort ging ein Aufleuchten ber sein Gesicht. Vroni
und Josi mochten ihn wohl leiden, ja jene liebte ihn schwesterlich.

Eines Tages zog sie ihre alte Schulschiefertafel heraus und malte mit
ihm Buchstaben. Und siehe da, die kleine freundliche Schulmeisterin
brachte den armen Jungen, der wegen Bldsinn die Schule nicht hatte
besuchen knnen, zum Schreiben.

Eusebi, komm nur fleiig zu uns, dann lehre ich dich alles, was ich
selber kann, wir lautieren und stellen Redebungen an, bis du nicht mehr
stotterst.

Bist ein liebes V--vroneli, stackelte er.

Einmal, als Josi den beiden lange zugesehen und zugehrt hatte, sagte
er: Mutter, die Vroni bringt den Eusebi zuwege. Ganze Stze redet er
mit ihr und stt nirgends mehr an.

Geb's Gott! antwortete Frnzi.

Auch Binia erhielt einen Spielgefhrten ins Haus.

Thni Grieg war der achtzehnjhrige Neffe der Frau Cresenz und des
Kreuzwirts in Hospel. Er hatte bis dahin das Kollegium in der Stadt
besucht, und wre es nach der Ansicht seiner nchsten Verwandten
gegangen, so htte er Jurist werden mssen. Er hatte aber das Pech, da
er wegen loser Streiche von der Schule gewiesen wurde. Da beschlo man
im Familienrat, ihn Frau Cresenz und dem Schwager Prsidenten zur
weiteren Erziehung und Ausbildung zu bergeben. Der Aufenthalt im
abgelegenen St. Peter sollte eine empfindliche Strafe fr ihn sein, die
Hand des Presi war hart genug, den Jungen im Zaum zu halten, und dabei
hatte er im Bren doch Gelegenheit, den Hotel-, den Fremden- und
Postdienst kennen zu lernen.

Der Presi machte zuerst ein schiefes Gesicht zu dem Erzieheramt, das ihm
seine neue Verwandtschaft zudachte, aber um Frau Cresenz willen bi er
in den sauern Apfel.

Und siehe da, als Thni kam, erwiesen sich alle Befrchtungen und jedes
Mitrauen als ungerechtfertigt.

Der schne Thni, der lustige Thni. Bald klangen die Worte durchs
Dorf. Er war ein schlank gewachsener, sauberer, anstelliger Bursche, der
immer gut gekleidet ging, stdtische Manieren zur Schau trug und lebhaft
und drollig zu plaudern wute.

Was hast du denn gemacht, Thni, da sie dich aus dem Kollegium gejagt
haben?

Gewi nicht viel, Herr Prsident. Heimlich Bier getrunken, wenn ich
Durst hatte, mit ein paar anderen dem Zeichenlehrer eine Katzenmusik
gebracht und am gleichen Abend vor der Wohnung des Professors des
Franzsischen, der ein schnes Tchterlein hat, ein bichen gesungen.

Mit der offenherzigsten Miene der Welt machte Thni sein Bekenntnis.

Donnerwetter, erst achtzehnjhrig und schon die Mdchen ansingen! Wohl,
wohl, du kannst es mit der Zeit auf einen grnen Zweig bringen.

Der Presi lachte laut, doch wohlwollend, denn er war selbst ein feuriger
Bursche gewesen.

Als groer achtzehnjhriger Herr bersah Thni zuerst die
dreizehnjhrige Binia halb, dann entdeckte er, da sie ein allerliebstes
Gesichtchen habe, er sprte ihr rasches, heibltiges Naturell heraus,
und wenn ihn niemand beobachtete, reizte er das Kind zu seiner
Unterhaltung auf das heftigste.

Du Wildkatze, weise mir deine blanken Zhne! Binia wehrte sich tapfer.
O, die sind viel zu gut, als da ich sie einem fortgejagten Kollegianer
zeigen wrde.

Du giftige Katze! Und der Bursche langte mit der Hand aus, als ob er
dem Mdchen eine Ohrfeige versetzen wollte, aber das lie er klugerweise
bleiben.

Ueber ihrem Zank stieg von Hospel herauf der Frhling ins Thal, die
Lawinen krachten und gingen durch die gewohnten Runsen. Das Spiel der
Klappern an den heligen Wassern, das winters ber geruht hatte, erwachte
nach einem Frhlingsgang des Garden wieder und in St. Peter stritten die
Leute immer noch und heftiger, ob man die Fremden ins Thal kommen lassen
wolle oder nicht.

Der Pfarrer predigte dagegen, der Garde sprach dem Presi ins Gewissen,
unbeirrt ging er seinen Weg; whrend man stritt, kam der Sommer, und es
erschienen, vom Kreuzwirt in Hospel dahin gewiesen, die ersten Fremden
im Bren von St. Peter.

Die armen Seelen gaben kein Zeichen und die der Krone strzten nicht
aufs Dorf.




VII.


Das Drfchen unter dem Donner der Lawinen. -- Das unberhrte Idyll,
aus dem noch keine Kellnerserviette die Poesie gestubt hat. -- Das
Thal des altertmlichen Volkslebens und der originellen Sitten.

Die Schlagwrter flogen nur so. Wie aus einem Taubenschlag flatterten
aus dem Bren mit jedem Morgen Gste und Gstinnen durch das Dorf auf
die Maiensssen und die Alpweiden und mit Blumen beladen am Abend
zurck. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus vor, jede wie eine
Columbussin, die Glcklichen vergaen ganz, da sie der Kreuzwirt von
Hospel nach St. Peter gewiesen hatte, und genossen unbeeintrchtigte
Entdeckerfreuden. Wie hatte man die Krone, diesen khnen und gewaltigen
Hochbau des Gebirges, so lang bersehen knnen? Und die schlanke,
zierliche Nadel des Bockje, auf dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen
schien, nach der Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem
Jger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter konnte,
versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter mit den geheimnisvollen
alten Zeichen und Runen an den Holzhusern, mit den Scheunen und
Stdeln, die auf gemauerten Steinsulen ruhten, so da es beinahe wie
ein aus alter Zeit briggebliebener Pfahlbau aussah.

Nicht zuletzt liebten die Gste den Bren, das Urbild eines alten
schnen Bergwirtshauses, befreundeten sie sich mit der immer
liebenswrdigen Brenwirtin, bewunderten sie den Brenwirt, die
hnenhafte Prachterscheinung eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie
eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedrckender Gewalt des
Wesens war. Wer eines Fhrers bedurfte, nahm den lustigen Thni mit,
der, gefllig und kurzweilig, sich an das Wesen eines jeden anschmiegte
und als ein frhlicher Junge von einer gewissen Bildung auch das
Wohlwollen der Frauen geno.

Hier ist es schn, entzckend schn, schwrmten die Sommerfrischler
und flsterten sich zu: Nur nicht ausbringen, was fr ein Dorado wir
gefunden haben, kennt erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im
Bren die Forellen kosten.

Weniger zufrieden waren die Drfler.

Zuerst staunte man billig ber die Weltleute, dann sagte man: Wozu die
Fremden? Zwar sind die Firnen und Gletscher der Krone noch nicht
gefallen. Aber was noch kommen wird, wei man nicht. Und man hat, seit
die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene Gste.

Ueberall streckten die Sommerfrischler die Kpfe durch Fenster und
Thren, sie erkundigten sich nach Dingen, die niemand etwas angingen als
die von St. Peter selbst. Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den
Frauen des Dorfes gute Ratschlge ber Wohnungslftung und Kinderpflege
geben zu sollen, sie zuckten zu manchen Dingen, die sie sahen, die
Schultern und liefen durch die Aecker und Maiensssen, als ob das Land
im Glotterthal herrenlos wre.

Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie ein Bajazz bei den
Buden, die man an den Mrkten zu Hospel sieht, stellte sich mit seinem
Eisbeil vor ein paar Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte:
Na, sagen's 'mal, wo sind denn die schnen Sennen und Sennerinnen, die
vom Morgen bis zum Abend auf den Bergen stehen, die Hte schwenken,
jauchzen und jodeln, und ihre Schweizerlieder singen?

Meint Ihr, wir seien solche Narren! antworteten die Weiber, werken
mssen wir, da die Rippen auseinanderbrechen mchten. Aber hudlig[23]
sind wir nicht.

  [23] _hudlig_, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich
       geringwertig, bettelhaft.

Ja, die Fremden sind ein verrcktes Volk, meinte der Fenkenlpler, die
dicke Blilplerin aber jammerte und zrnte: Was mir geschehen ist!
Kommt, wie ich an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine
Nichtsnutzin auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen bsen
Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft -- legt doch lieber die Pfeife
weg -- es schickt sich an uns Frauen ja gar nicht, da wir Pfeifen
rauchen.' Da habe ich aber -- reine Alpenluft hin und reine Alpenluft
her -- ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen[24] wrden.

  [24] _Die Hasen backen_, sagt das Volk, wenn nach langem starkem
       Regen die Nebel aus den Wldern steigen.

Tausendmal recht habt Ihr gehabt, erwiderte der Fenkenlpler. In St.
Peter sind wir noch Meister -- und wir lassen die Fremden ja im Frieden
herumkalbern!

Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten nicht mehr in den
Leinenhosen, die sie sonst sommers ber zur Arbeit trugen, durchs Dorf
auf Alpe und Feld gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und
lachen ber das Kleid, klagten sie.

Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er Ohrfeigen, quiekte der
Glottermller.

Der Presi aber rieb sich im Herbst die Hnde: Ta-ta-ta, das
Fremdenwesen geht gut. -- Schwager Kreuzwirt, ich danke Euch.

Die Drfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie seit Jahren nicht
mehr; er schlang den Arm um die Hfte der stattlichen Frau Cresenz: Gut
ging's! Sie streifte seinen Arm ab und lachte: Ihr seid doch kein
Jngling mehr, Prsident.

Das Ehepaar redete sich mit Ihr an, die Frau nannte ihren Eheherrn
auch nie Presi, sondern Prsident und die Gste waren noch
hflicher. Sie riefen ihn Herr Prsident. Das klang ihm freilich
schner in die Ohren als das drfliche Presi.

Manchmal rgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute so khl war,
manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht.

Etwas Klgeres als Euch zu heiraten, htte ich nicht thun knnen. Ihr
seid die Wirtin, wie sie im Buche steht, Ihr seid freundlich mit allen
Gsten, doch mit keinem zu viel, Ihr fhrt ein gutes Hausregiment. Aber
wit, ein bichen zrtlicher htte ich Euch schon gern. Habt Ihr denn
gar nichts vom Thni, hinter dem mu man ja immer mit dem Donnerwetter
her sein, da er nicht bestndig an den Schrzen der Mgde hngt.

Nein, ich mag das Scharwenzeln und Thrichtthun nicht leiden. Das habe
ich schon meinem seligen Ersten immer gesagt.

Mir aber geht's merkwrdig! erwiderte der Presi fast ernst. Die Beth
selig hat mich manchmal mit ihren braunen Augen so barmherzig angeschaut
und still gebettelt, ich mchte ihr etwas Liebes sagen oder mit der Hand
bers Haar fahren, oder sie nur ein bichen schlimm ansehen. Ich aber
habe es nicht bers Herz gebracht. Doch jetzt mchte ich gern -- und
jetzt wollt Ihr nicht.

Frau Cresenz, der khlen Frau, wurde es bei solchen Gesprchen
unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie: Ich schaue doch immer zum
Frieden.

Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Prsidentin. Wenn ich nur
denke, wie Ihr Bini gezogen habt, den verlotterten Wildfang.

Sagt, Prsident, das bleibt aber eine sonderbare Geschichte, wie das
Kind sich pltzlich bekehrt hat. Wit Ihr noch, es war in der Nacht kurz
vor Neujahr, als ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus.
Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will Euch jetzt Mutter
nennen und ganz artig sein.' Und sie schmeichelte um mich wie ein
Ktzchen. 'Hast dein Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot
und sagt: 'Ja -- die selige Mutter hat halt mit mir geredet und
gewnscht, da ich Euch folge.'

Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken giebt, so lat sie nur
durchs Haus wandeln, lachte der Presi.

Ich glaube selber, Bini sei enthext.

Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: Prsidentin, redet nicht so
dumm.

He, sagte Frau Cresenz verlegen, die alte Susi lag mir, ehe sie zu
ihren Verwandten nach Tremis zog, immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan
Johannes besprochen -- ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern
lassen. Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit gar so
bsartig gewesen ist.

Der gute Humor des Presi war verdorben.

Aber Ihr mgt ihr ja selber nicht recht ein gutes Wort gnnen, warf
Frau Cresenz beklommen ein.

Das ist etwas anderes, schnauzte der Presi, aber ich leide es nicht,
da man Bini zu einem Hexlein stempelt. Er stand auf und machte einen
Gang durchs Haus von zu unterst bis zu oberst.

Seine Gedanken waren beim letzkpfigen Pfaffen, der Binia besprochen
haben sollte. Er mochte den Halbnarren trotz dem thrichten Gerede nicht
bel leiden.

Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen war, wie in einem
Hause sich etwa ein herrenloser Hund oder eine Katze einnistet, war
schlauer als die Drfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden
vernderten Verhltnisse rasch zu nutze gemacht. Er lief etwas weniger
den Bauern- und Alpweibern nach, er tauschte fr seinen Kruterthee, der
gegen das Doggeli[25] schtzen, Kreuzschmerzen vertreiben und das
Lungenfieber heben solle, etwas seltener Brot, Kse und Speck ein, dafr
begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen Mineralienhandel und
verkaufte den Gsten die glitzernden Siebensachen von Krystallen und
Erzen, die man im Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen.

  [25] _Doggeli_, schweizerdeutsch, Alpdrcken.

Woher er sie nur hat? fragte sich der Presi. Und dann sagte er sich:
Gelegentlich mu man ihn doch fortschaffen. Am Abend grhlt und plrrt
der Narr im Schmelzwerk, da nach Einbruch der Nacht kein Mensch mehr
den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch laufen von ihm immer
erfundene oder wahre Geschichten, da er an die Weiber ungebhrliche
Zumutungen stelle. Ein widriger, unheimlicher{4} Geselle ist er schon,
und die hufigen Anflle von Fallsucht, die er hat, machen ihn nicht
angenehmer. Es ist brigens, als knne er sie selbst knstlich
hervorrufen, sie pflegen ihn zu berfallen, wenn ihm jemand eine Gabe
verweigert, und blo um das schreckliche Bild nicht in der Stube zu
haben, schenken ihm manche Leute, was er begehrt. Der Blilpler hat
freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzkpfigen
Pfaffen, als er schumte und zappelte, mit kaltem Wasser berschttet.
Da war der Narr heulend davongelaufen und nie wieder gekommen.

Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben. Die Gemeinde hngt
daran, da jemand bei der Lieben Frau an der Brcke die blichen
Glockenzeichen giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer, der
gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, mu auch seinen Pfahl im
Fleische haben, das ist lustig!

So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den Estrich gelangt war, kam
ihm Binia nachgelaufen: Vater, der Garde ist da. Nun ging ein Zug der
Ueberraschung und ehrlicher Freude ber seine eherne Stirne und um
seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange heimlich gekrnkt,
da der Garde, seit Sommerfrischler kamen, den Bren mied. Ohne den
Garden aber, den einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund
achtete, konnte er fast nicht leben.

Nun grte er ihn in der groen Stube rasch und herzlich.

Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die Fremden setzen, knurrte
der breite, schwerfllige Freund, und in das neumodische geringe
Stbchen ebener Erde mtet Ihr mich schon erst spter einmal tot
hineintragen, lebendig gehe ich nicht ber seine Schwelle.

Wir wollen wieder einmal anstoen wie frher, nehmt die Welt, wie sie
ist, lachte der Presi. Zum Wohl, Garde!

Presi, und der Garde blinzelte belustigt, Ihr versteht es, gutes
Wetter zu machen.

Nun waren die beiden Mnner im Zug. Als das Gesprch eine Weile
gegangen, murrte der Garde:

Ich geb's ja gern zu, da unter den Fremden viele ehrbare und
rechtschaffene Leute sind, es wre traurig, wenn's anders wre, aber es
bleibt halt dabei, die Fremden verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit
sie kommen, ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand wei, wo hinaus
es will.

Ta-ta-ta. Wo hinaus? eiferte der Brenwirt. Da sich die Leute an sie
gewhnen -- in Grenseln und Serbig haben sie auch zuerst die Hnde
hinter den Gsten geballt, jetzt aber stehen sie an allen Straen,
verkaufen ihnen Edelwei, tuten auf dem Alphorn und juheien sie an.

Eben, eben, zrnte der Garde, sie sind hudlig geworden. Presi -- ich
habe ruhiges Blut, aber das erste Mdchen in St. Peter, das sich an den
Weg stellt und die Fremden ansingt, nehme ich bei den Zpfen, fhre es
zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So lang ich lebe, darf
unsere Gemeinde nicht hudlig werden.

Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch.

Aber, Garde, ich will ja das auch nicht, besnftigte der Brenwirt.

Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht -- aber das glaube
ich auch, der alte eiserne Sprecher lachte grimmig, ehe das Dorf
hudlig wird -- eine Flamme scho aus seinen Augen -- ehe das Dorf
hudlig wird, geschehen bse Dinge -- giebt es Aufruhr und Unglck.

Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja mit der Zeit durch die
Fremden einen schnen Verdienst.

Der Garde schttelte den Kopf, langsam und feierlich sagte er: Ihr
kennt unser Vlklein. Das paktiert nicht, das schweigt, das seufzt und
schimpft im stillen, das ballt die Fuste im Sack, das besinnt sich
siebenmalsiebenmal, das betet, duldet und trgt, -- aber wenn's ihm
zuletzt aus der Seele in die Knochen fhrt, -- dann wrde ich mich
lieber vor hundert wtende Bullen stellen als vor die Gemeinde.

Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der Garde aber fuhr in seiner
feierlichen Art fort:

Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren, bestochen durchs
Geld, mit einem Fremden auf die Krone. Was geschieht? In einer Nacht
brennt ihm die Htte nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der
Brandstifter ist, dann trgt die Gemeinde die Schande. Oder er kommt aus
und die Landjger holen ihn. Dann, Presi, wrde ich um den Bren Sorge
tragen.

Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich ertrage es nicht. Der
Presi war hastig geworden und verwarf aufstehend die Arme. Keiner wrde
dem Bren etwas zu leide thun -- keiner -- als etwa der Lausbub der
Frnzi.

Die gottlose Rede nehmt zurck. -- Josi ist ja so ein ehrbarer Bursche.
Das habe ich aber schon lange gemerkt, da Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt
frage ich als Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?

Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch diesem leuchtete es bs
auf im Gesicht: Der? -- Wit Ihr, was der ber mich gesagt hat? -- Die
Hand msse mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute von Amt
und Ehre.

Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?

Zu Binia hat er's gesagt.

Der Garde wiegte den schweren Kopf. Bini lgt nicht. Ich will dem
Donnerhagel das Hirn subern.

Mit zndelrotem Kopf lief er davon. Binia, die durchs Haus strich, hatte
auf das laute Wesen der Mnner in der Kche das Schiebefenster gegen die
Stube geffnet, um neugierig zu hren, was denn los sei.

Jetzt war sie unglcklich, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel:
Mutter -- Mutter -- selige Mutter.

Ihre Hnde verkrampften sich ineinander, ihre Augen wurden gro.

Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung Josi Schreckliches
angethan!

Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen Lichtflle seiner Blicke
ansah, dann peitschte sie der Gedanke, sie msse vor ihm niedersinken
und sprechen: Vater, sei doch nicht so thricht, da du einem Kind,
was es im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, grlich gelogen, in
seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein, der Kaplan Johannes hat das
Entsetzliche gesagt! Und ich glaube es nicht -- gewi Gott, glaube ich
es nicht.

O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren groen Schmerzen
ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die Erinnerung daran brannte sie wie
hllisches Feuer, aber jedesmal war der Entschlu zum Bekenntnis erst im
Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig und vernichtend wie
sonst geworden war.

Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie.

Htte sie die Erinnerung an das, was sie ber Josi gesagt hatte, nicht
immer gebrannt, so wre sie beinahe ein glckliches Persnchen gewesen.

Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung durch die
Mitternacht und den hohen Schnee zu Frnzi gejagt hatte. Sie hatte das
trotzige Kpfchen gebndigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes
Blut mit ihr durch, erlag sie noch den Anfllen schmerzlichen Grbelns.
Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Frnzi ihr geraten, einen Altar im
Herzen errichtet, der neuen gehorchte sie, ohne tiefgrndige Liebe zwar,
aber doch in herzlicher Achtung.

Oft hatte sie das Heimweh nach Frnzi, ihr feuriges Herz glhte in
ehrfrchtiger Liebe fr sie. Die htte sie gern zur Mutter gehabt. Aber
wegen des Vaters wagte sie nie mehr einen Besuch bei ihr.

Klagen wollte sie nicht.

Die immer gemtliche khle Frau Cresenz, der Lcheln und Lachen
Lebensberuf war, die kaum mehr wute, da sie lchelte und lachte, war
freundlich gegen sie. Sie sorgte namentlich, da sie in Gebrde und
Bewegung, in Redensart und Kleid so vor die Gste trat, wie es sich nach
ihrer Meinung fr das Brentchterlein von St. Peter schickte.

Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau Cresenz die Kraft
versagte. Wenn Binia ihr dunkles Augenpaar gro und fragend in die Welt
stellte, schalt sie: Kind, schau doch anders, es wird einem angst und
bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die sind dazu
angethan, einmal das Mannsvolk verrckt zu machen.

Binia war es manchmal, als mge die Stiefmutter sie wegen ihrer Augen
nicht leiden, aber noch unartiger war Frau Cresenz, wenn sie ber kleine
Herzensangelegenheiten mit ihr reden wollte.

Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll -- es ist gar nicht ntig,
da man alles in der Welt erkernt und ergrbelt, es ist sogar ungesund
-- recht thun, freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's
einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.

Wenn die neue Mutter so redete, schnrte es Binia die Brust zusammen.
Freundlich sein, wenn's einem nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.
Traurig schttelte sie das Kpfchen. Diese Kunst besa aber die
Stiefmutter, gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen lieben.
Sie sprte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes in dieser glatten,
liebenswrdigen Frau.

Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit doch viel mehr. In ihm
lag, das sprte auch sie, eine bermchtige, ungezgelte, wahre Kraft.
Er schleuderte die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand
im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht schon tdlich verletzt
hatte, aber ein voller freundlicher Blick aus seinen dunklen Augen, ein
gutes Wort -- und alle, die ihn haten, waren entwaffnet.

Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hrte immer noch den ernsten
alten Doktor, der so eifrig mit seinem Nachbar plauderte, da er nicht
merkte, wie sie mit einem Gericht herzutrat:

Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Prsident, glaube ich, ist fast
eine Ueberlast fr ein Dorf wie St. Peter. Den htte die Geschichte
brauchen knnen, um einen groen Bauernfhrer aus ihm zu schnitzen.

Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nmlich wenn der Vater mit
den fremden Frauen und Kindern redete. Wie klang das lieb und gtig, wie
war er aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen an
ihm und einmal hrte sie eine fremde schne Tochter sagen: Mama, der
Herr Prsident ist doch der herrlichste Mann, den wir auf unseren Reisen
kennen gelernt haben.

Da entglitt ihr der Frchteteller, mit dem sie zudienend um die Tafel
schritt.

Sie sah, wie der Vater hhnisch die Schulter zuckte. -- Am Abend betete
sie: O Mutter -- Mutter -- sage ihm doch einmal im Traum, wie hei ihn
mein Herzchen liebt.

Es lag Segen auf ihrem glhenden Wunsch. Nicht von heute auf morgen,
aber von Sommer zu Sommer.

Binia wuchs und blhte auf, die Fremden hatten die helle Freude an der
feinen klugen Vierzehn-, dann Fnfzehnjhrigen.

Wie schn war das Leben! Sie hrte es gerne, wenn die Gste ber
allerlei plauderten und urteilten. Wie weit und gro mute die Welt ber
Hospel hinaus sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen
und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders junge Mdchen, die nach St.
Peter kamen und ihr so lieb wurden, da ihr das Wasser in die Augen
scho, wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was aber
schwatzten die klugen Mnner Thrichtes zusammen. Sie alpige Rose[26],
Sie sonderbares Herzensmdchen mit dem leichten, schwebenden Gang, haben
Sie eigentlich Ihre Augen grad in der Hlle und Ihr Lcheln im Himmel
geholt?

  [26] _Alpige Rose_, eine Art Heckenrose, die in den Bergthlern
       wchst.

Binia fhlte es aber wohl: Wie die Gste so freundlich zu ihr wurden,
wandte sich ihr auch die Liebe des Vaters in neuer Wrme zu und er wurde
heimlich stolz auf sie.

Er kniff sie manchmal in die Wange: Bini, frhlicher Vogel, hast du
mich lieb?

O Vater! -- Stirn und Wangen glhten wie Pfirsiche, ein heiliger
Strahl des Glcks kam aus ihren dunklen Sternen und ihre schlanken Arme
umklammerten ihn, bis er mit herzgewinnendem Lcheln und glnzenden
Augen sagte: Geh, thue deine Arbeit! Bist ein Mdchen wie von den
Tauben zusammengetragen.

Jetzt htte sie es ihm schon verraten knnen, da er ber Josi ganz
falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt hielt sie indessen zurck, die
Furcht, da sie, sobald sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die
Liebe des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig. Und mit
angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der Verstimmung war zu
schmerzlich gewesen.

Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten in der Fremdenzeit in
den Bren gestoffelt kam, ernst und zornig, wie ihr schien.

Eine Weile sa er mit dem Vater zusammen, sie hrte aber nur die Worte:
Wenn Euch das Gewissen schlgt, so macht den bsen Schimpf rasch gut --
ich glaube -- ich glaube -- die Frnzi lebt nicht mehr lang.

Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete in den folgenden
Tagen den Vater. Er war still und trbselig, und am anderen kam sie
gerade dazu, wie die Mutter zu ihm sagte: Ihr httet die arme Frau wohl
ruhig ihres Weges gehen lassen knnen, die ganze Gemeinde ist wild ber
Euch. Wozu ihr wste Namen nachrufen? Worauf der Vater nur dumpf
erwiderte: Sie hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.

Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh, sie weinte im stillen,
sie wute, da der Vater nur so bse gegen Frnzi war, weil er sich vor
ihr schmte.

Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen Erbarmen mit
Frnzi, der lieben guten, unter den Selbstvorwrfen wegen Josi, sondern
auch aus Aerger ber Thni, der mit allen Mgden anbndelte und Spe
trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Znkereien erwiderte.

Er bekam als Fremdenfhrer bald einen Mitbewerber. Blzi, der Wildheuer
mit dem Ziegenbart, der zuerst am meisten ber die Fremden geschimpft
hatte, fand, da das Spazieren mit den Sommergsten eine weniger
anstrengende und gefhrliche Arbeit sei als das Mhen des herrenlosen
Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie hufig ereignete es sich, da
ein spielendes Windchen das kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke
aufhob und auf Nimmerwiedersehen ber alle Berge trug. Er kaufte sich
ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel. Damit stolzierte er
vor dem Bren auf und ab, bot sich den Fremden als Fhrer an, und wenn
ihn einer fragte, ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden
habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: Aber Herr, die kenne ich
ja so gut wie die Westentasche, in der ich die Zndhlzchen trage.

Es war aber ein ausdrcklicher Befehl des Presi, da man die Fremden
abhalte, auf die Krone zu steigen. Er war fast unntig. Die Gste sahen
es dem Salonbergfhrer Thni und dem schlotterigen Blzi wohl an, da
man sich ihnen nicht fr so gefahrvolle Bergbesteigungen anvertrauen
durfte.

Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde mit dem vermessenen
Wunsche auf, die Krone zu erklettern.

Thni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner nicht zufrieden, aber
schon im zweiten und namentlich im dritten Sommer zeigte es sich, da
beide Beschftigung genug fanden, besonders da Thni auch sonst, das
eine Mal durch die Post, die whrend des Sommers einen lebhaften Verkehr
und jetzt einen Telegraphen besa, das andere Mal durch die
Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr von Hospel nach St. Peter
in Anspruch genommen war.

Der Presi billigte die neue Beschftigung Blzis stillschweigend, er
sagte den anderen: Seht ihr's, man braucht nur zuzugreifen wie der
Kaplan Johannes und Blzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr
seinen angenehmen Verdienst.

Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber nicht zu berreden, nur
murrend, schwer und langsam gewhnten sie sich daran, solange die
Sommergste da waren, die Amtsgeschfte, den Vieh- und Ksehandel mit
dem Presi im unteren Stbchen zu besorgen.

Blzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, da er sich in den Dienst der
Fremden gestellt, bereiteten ihm die schwrmenden Nachtburschen ein
kaltes Bad in der Glotter.

Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler verschwanden im
Laufe der drei Jahre, die sie nun schon ins Thal kamen.

Einzelnen Drflern begann der Zustand zu behagen, es war im Bergthal
entschieden kurzweiliger geworden, und unter den Gsten, die erschienen,
gab es Leute, die sich ehrlich bemhten, sich mit ihnen auf einen
freundlichen Fu zu setzen und die eigenartigen Verhltnisse des Thales
zu begreifen. Fr solche Gste hatten, soweit sie ihr Mitrauen gegen
die Fremden ablegen konnten, auch manche von St. Peter einiges
Verstndnis. Sogar der Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, da
es unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der Zeidlerei im
Hochthal eine warme Wibegier entgegen brachten, und die Damen bei ihm
die Leinenscklein voll weien Alpenhonigs, die unter den Fenstern des
Pfarrhauses hingen, kauften und mit groem Ruhm ber seine Gte
wiederkamen.

Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gste.

In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der nicht nur fr die
Felsendome und Firnen der Krone, sondern auch fr das Volksleben ein
offenes Auge und Herz besa. Da lebte ein Vlkchen, das zwar nicht die
Hirtenunschuld zeigte, die manche Schwrmer in den abgelegenen
Alpenthlern suchen, ein Vlklein, bei dem es so stark menschelte wie
berall in der Welt, das aber doch einige besondere Eigenschaften hatte.
Diese Bauern und Aelpler behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter
ihnen gab es keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler und
Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich selbst. Den Lein und
die Wolle, in die man sich kleidete, zog, bleichte, spann und wob man
selbst; das Brot schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in
zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen
Roggenhren kaum recht aus dem Boden reckten, sie gaben ein
schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein Schluck Hospeler darauf war
Gottes Wohlthat. Brot und Wein schmeckten auch den Fremden.

Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. Bevor aber die Fremden
zum viertenmal kamen, verbreitete sich im Dorfe die Nachricht, da
Frnzi todkrank sei.

Noch einmal sah Binia die mtterliche Freundin, aber sie lag schon mit
spindeldrren Hnden zu Bett und war bla wie der Tod. Lieb und gut
freilich war sie zu ihr wie immer: Binia, liebes Kind, ich sterbe mit
dem heien Wunsch, da du glcklich werdest.

Wie entsetzlich wtete aber der Vater, als er vernahm, da Frau Cresenz,
die immer eine gewisse Teilnahme fr die Witwe des zu Tode gestrzten
Wildheuers bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten
Weines zu Frnzi geschickt hatte: Gottes Donnerwetter! Da sie mit dem
Lotterbuben wieder anbndeln kann!

Mitrauisch beobachtete er sie.

Als Frnzi bald darauf starb, verschwamm vor den Augen Binias die Welt,
sie dachte: Jetzt nehmen die Engel Gottes die Notenbltter zur Hand und
singen zu ihrer Ankunft im Himmel.

Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in grende Aufregung. Man
sprte es: Entsetzlich neu standen die Dinge, die sich vor vier Jahren
zugetragen, vor ihm -- der Abend mit Seppi Blatter -- die Unterredung
mit Frnzi -- Seppis Sturz an den Weien Brettern -- das kranke Kind mit
seinen tollen Worten.

Und in der Nacht nach Frnzis Tod hatte der Presi einen furchtbaren
Traum.

Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen Josi Blatter und Binia
hoch an den Weien Brettern. Er fragte seine Tochter: Wie kommst auch
du da hinauf? Da stand pltzlich ein Dritter vor ihm und hob das
Grabscheit Seppi Blatters ber den beiden zu wuchtigem Schlag. Statt der
richtigen Inschrift aber lautete der Spruch auf dem Tfelchen des
Scheites: Was fr die heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den
heligen Wassern geshnt. Und unter dem Schlag des Scheites blutete
Binia.

Das war der Traum! Er wollte rufen: Thut Binia nichts! Ich habe Seppi
Blatter nicht hinaufgeschickt. Da erwachte er schweitriefend in dem
Augenblick, als der Postbote, der alle Woche dreimal in der Morgenfrhe
mit den Postsachen nach Hospel ritt und sie am Abend von dort
zurckbrachte, an die noch geschlossene Hausthr pochte.

Nur ein einfltiges, widerwrtiges Trumlein! Der Presi war nicht
aberglubisch, als nun aber Binia in der zwingenden Anmut ihrer sechzehn
Jahre, frisch, mit leuchtenden Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen
warmen Guten Tag, Vater! auf den Lippen, in die Stube schwebte, da ri
er sie strmisch in seine Arme, und als er unter der knospenden
Mdchenflle das rasche Pochen ihres heien Herzens fhlte,
durchrieselte ihn die Angst.

Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, da du nie, nie mit Josi
Blatter zusammenhltst, in deinem ganzen Leben nie!

Sie brach an seiner Brust in Thrnen aus: O Vater, ich hab' es dir
schon lange bekennen wollen, Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat
das, was Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewi Gott im Himmel nicht!

Er stutzte -- er starrte sie an -- er ri sie mit der ganzen Gewalt
seines Armes von seiner Brust hinweg, da die leichte Gestalt an die
Wand taumelte.

Und entsetzt kreischte er: Schon so weit bist du, Seppi Blatter, da
mein Kind fr deinen Buben lgt?!




VIII.


Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des Dorfes, etwas abseits vom
Thalweg, gegen den Glottergrat hinausschaut, ist nchst dem Bren das
stattlichste von St. Peter. Auer einer Grundmauer aber, auf der die
unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein Stein an dem Bau.
Ein lndliches, sonnenverbranntes Holzhaus, auf einem Brett ber den
Fenstern ein halb Dutzend goldener Immenstcke, dann wieder Fenster im
braunen, von der Sonne zerrissenen Geblk und gleich darber das
steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren fest aufs Geblk geklammerte
Schindeldach. So steht es da. Das glhende Rot der Nelkenbsche wchst
aus Tpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblate Malereien
schmcken seine Holzfelder, zwei gekreuzte Schwerter, das Hauszeichen
der Zuensteinen, Winkel, Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den
Aelplern in einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an Weide
und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene Dreiecke, Schlssel
und Feuerschlangen, die der Bauherr vor hundert Jahren mit schlichter
Kunst hingemalt hat, damit keine bsen Geister den Eintritt in die
Heimsttte finden.

Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist aber unvermutet ins
Haus getreten. Vor ein paar Wochen hat bei Ausbesserungsarbeiten an den
heligen Wassern ein fallendes faules Holzstck den Garden am Kopf leicht
verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, die schon geheilt
schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit einem unfrmlich verschwollenen
Kopf, ein Tuch um die Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen,
wlzt sich der arme Mann und sthnt: Grad jetzt bei der vielen Arbeit
-- und grad jetzt, wo Frnzi gestorben ist! Wohl, wohl, die werden im
Gemeinderat schn mit den Kindern wirtschaften. Nicht einmal die letzte
Ehre habe ich ihr geben knnen.

Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her, jammert die Gardin,
die hochgewachsene Frau mit dem verschwiegenen herben Gesicht, und
frischt das Tuch mit Wasser an. Es sind ja noch vier Gemeinderte. Die
knnen die Geschfte auch einmal besorgen.

Das macht alles der Presi -- und der hat immer einen Zahn auf Frnzi
und ihre Haushaltung gehabt. -- -- Einen Augenblick schlummert der
Garde, dann fngt er wieder an: Du, Frau, wie ist Frnzi eigentlich
gestorben?

Wie Vroni erzhlt hat, die fast nicht hat reden knnen vor Schluchzen,
leicht und schn.

Die Frau -- sie war ja erst ein bichen ber vierzig -- ist leicht
gestorben, sagst du -- leicht von ihren Kindern weg? sthnt der Garde
verwundert.

Ich meine, wie einmal das Schlimmste berwunden gewesen ist. Am Morgen,
bevor sie gestorben ist, hat sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der
Vater beim Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, da ich
sterben mu.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, da steht ihr die
Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie nimmt die Sakramente, sie
schaut ruhig vor sich hin und ist wie ein Licht erlscht.

Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlgt die Uhr im Arvengehuse mit
langsamen hellen Tnen Fnf.

Schlafe jetzt, Alter, mahnt die Gardin, denke, wie's Frnzi gegangen
ist, sie hat sich im vorigen Winter bei der Armseelenwacht erkltet, hat
nicht dazu gesehen, da ist der groe Husten gekommen, der sie gelegt
hat.

Der Garde aber chzt und sthnt lauter. Eben jetzt beginnt im Bren die
Gemeinderatssitzung, die ber das Los Josis und Vronis entscheidet. Du,
Frau, Vroni wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. --
Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. Und sie ist mein
Patenkind.

Die Gardin, die stolze Frau kmpft innerlich, sie will nicht Ja sagen,
aber den schwerkranken Mann noch weniger mit einem Nein aufregen.

Zum Glck schlummert er, whrend er auf Antwort wartet, ein. -- --

Nachdem Frnzi gestorben war, schickte der Presi den Schreiber als
Stellvertreter des erkrankten Garden in die Wohnung der Waisen. Dieser
verrichtete bei der toten Frnzi, die in den abgemagerten Hnden einen
Blumenstrau hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar khle Trostworte
und sagte ihnen, sie mchten am Tag nach dem Leichenbegngnis abends
fnf Uhr im oberen Brenstbchen erscheinen, damit der Gemeinderat mit
ihnen ber ihre Zukunft rede. Dann verstndigte der Presi die
Gemeinderte, da sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen. Es kam
aber, wie er ausgerechnet hatte. Die Gardin schickte Bericht, ihr Mann
liege tief im Bett, man drfe mit ihm kaum von der Angelegenheit
sprechen. Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland
hinbergegangen und kam erst in vier oder fnf Tagen zurck. Der
Gutsverwalter, der eben das Wasser in seinen Weinbergen zu Hospel
besorgte, erklrte sich im vornherein mit den Beschlssen, die gefat
wrden, einverstanden, und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei fr
ihn so ungeschickt, da er vielleicht erst etwas spter kommen knne.
Die anderen sollen nur anfangen mit den Bauern zu verhandeln, die Lust
htten, Josi und Vroni in ihren Dienst zu nehmen.

Im Stbchen saen um fnf Uhr abends nur der Presi und der Schreiber,
ein kleiner, alter, kahlkpfiger Mann mit groer Hornbrille,
ausgemergeltem knochigem Gesicht und spindeldrren langen Fingern.

He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein Gemeinderat ist da!

Frnzi htte aber auch nicht zu einer ungeschickteren Zeit sterben
knnen, erwiderte der Schreiber pfiffig, jetzt, wo niemand wei, wie
der Arbeit wehren.

Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen, so grad, wo die ersten
Gste eintreffen!

Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!

Der Geschmeichelte murrte: Ja, und des Teufels Dank habe ich auch. Ich
mach's, und wenn die Sache gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz
Sankt Peter brllt, ich sei ein gewaltthtiger und eigenmchtiger
Sarras.

Beide lachten, dann fragte der Schreiber: Htte man ber die Kinder
nicht eine Steigerung abhalten sollen?

So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer nur Gelegenheiten, da
im Bren fleiig getrunken werde. Ich wei schon, was man ber mich
redet. Und dann? Wer kme zu dieser strengen Werkzeit an eine Gant? Die
Kinder Frnzis sind, denk' ich, auch nicht so begehrt. Im brigen,
Schreiber, knnt Ihr wieder gehen, ins Protokoll setzt einfach, ich
htte Vroni aus Liebe und Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und
Josi habe der Gemeinderat als Knecht zu dem frheren Wildheuer und
jetzigen Bergfhrer Blzi gegeben.

Zu Blzi! Dem Schreiber fiel die Hornbrille von der Nase.

Der Presi lchelte berlegen.

Ihr knnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu setzen, Blzi sei der
einzige, der sich um Josi beworben habe, und da er in der letzten Zeit
ein ordentlicher Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid
fr seine groe Familie ein mildes Werk gethan und ihm den Buben auf
Zusehen hin, wenigstens aber ber den Sommer, als Knecht zum Wildheuen
gegeben. So, jetzt knnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders
zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!

Mit einem kaum merklichen Kopfschtteln packte der Schreiber seine
Sachen zusammen.

Drauen im Flur saen die Geschwister in ihren abgestorbenen
Sonntagsgewndchen. Vor ihnen stand Blzi und redete, die Hnde lebhaft
verwerfend, auf Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen verchtlich
von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni hatte verweinte
Augen.

Jetzt stand Josi vor dem Presi, der berrascht war, was fr eine
finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnjhrigen lag. Neugierig glitt
sein prfender Blick ber den Burschen und dann lie er ihn, ohne ihn
anzureden, noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster blickte.

Der Bursche, dachte er, ist in seiner Schlankheit und Kraft, mit dem
braunen, gescheiten Gesicht, mit den Blitzaugen verdammt hbsch. Es
giebt kein wirksameres Mittel, die Gedanken Binias, ohne da sie eine
Ahnung hat, von ihm abzubringen, als da sie ihn recht niedrig und in
schlechter Gesellschaft sieht -- grad mit Blzi. So viel guten Sinn hat
das Kind.

Herr Presi, unterbrach Josi, der wie auf feurigen Kohlen stand, die
Ueberlegungen des Brenwirtes, Vroni und ich haben gemeint, wenn wir
nur in dem Huschen bleiben knnten, wir wollten schon --

Thorheiten, schnitt ihm der Presi das Wort ab und ma ihn mit dem
Ausdruck des hchsten Unwillens, warte, bis ich dich etwas frage, und
ein Bursch wie du, Josi, der ber mich und andre die grten
Gemeinheiten sagt, mu einen Meister haben.

Mit glhendem Ha betrachtete er den sauberen Jungen.

Josi standen die Flammen der Entrstung im Gesicht: Herr Presi, ich
wei schon, was Ihr meint, die Mutter selig und der Garde haben mich
darber zur Rede gestellt, aber es ist, wei Gott, nicht wahr! Ich habe
es nicht gesagt.

Soll ich dir jemand gegenberstellen, der's gehrt hat? erwiderte der
Presi mit kalter Verachtung. -- Binia hat's gehrt, wie du es im
Schmelzwerk drauen gesagt hast, fgte er nach einem Augenblick der
Ueberlegung bei.

Bini. -- Bini! -- -- Lat Bini auf die Stube kommen! Josi zitterte vor
Zorn am ganzen Leib.

Es ntzt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat schon entschieden, da du
zu Blzi gehst.

Der Presi rief im gleichen Augenblick Blzi in die Stube und hielt nun
beiden eine donnernde Rede, wie sie sich als Herr und Knecht miteinander
zu vertragen haben. Mit einer Handbewegung entlie er sie. Vroni kam an
die Reihe und freundlich gewhrte der Presi dem verschchterten Kind die
Bitte, da sie erst dem Garden Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in
den Bren trete. Ich lasse ihm gute Besserung wnschen und werde ihn in
den nchsten Tagen besuchen.

Josi, der starke Josi, hatte, als er mit Blzi die Treppe hinunterging,
vor Zorn und Schrecken die Thrnen in den Augen, ihm war, als habe man
ihm mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Blzi aber sagte gutmtig:
Greine doch nicht, wir wollen lieber einen Schoppen zusammen trinken
und auf gute Freundschaft anstoen, ich will dir gewi kein strenger
Meister sein. Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand
Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter der Thre, fast
als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah vor eigenem Leid ihre tiefe
Bewegung nicht. Dumpf und mit erstickter Stimme rief er: Du Giftkrte,
wie hast du so ber mich lgen knnen!

Josi! Mit einem Schrei des Entsetzens rannte Binia davon.

Vor der Thre nahmen die Geschwister herzbeklemmenden Abschied
voneinander. Rede mit dem Garden! mahnte und trstete Vroni, er meint
es gewi gut mit dir. Josi schttelte aber traurig den Kopf; seit ihn
der Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren, hatte er
auch zu ihm das Zutrauen verloren. Geheimnisvoll sagte er: Sieh, Vroni,
ich wei schon, was ich thun werde.

Blzi drngte. Stolz wie ein Hahn fhrte er seinen Knecht, den ersten,
den er hatte, durch das Dorf, Josi aber lie den Kopf hngen, er schmte
sich seines Meisters.

Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden.

Kind, du gehst nicht als Kchenhelferin in den Bren, keuchte er,
tritt in die andere Stube, ich halt's nicht mehr aus im Bett.

Sie hrte, wie er in einer Wut aus den Federn sprang.

Einige Augenblicke spter stand er zum Ausgehen gerstet vor ihr. Aber
wie? Durch schmale Spalte nur schauten seine rotunterlaufenen Augen, das
hochgeschwollene Gesicht glnzte, aus den Blasen auf den Wangen flo das
Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen.

Garde, sagte Vroni bestrzt, wollt Ihr nicht warten, bis die Gardin
kommt?

Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne und mahnte, er wtete
aber immer zu: So geht's nicht in St. Peter, das leide ich nicht, bei
meiner Seligkeit leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die
Tatze mu dir aus dem Grab wachsen. -- Du bleibst bei uns, Vroni, du
gehst nicht in den Bren! Liebkosend fuhr er ihr durchs blonde Haar.

O Pate, lchelte das Kind aus allem Elend und die blauen Trumeraugen
ruhten voll innigen Vertrauens auf dem entstellten Gesicht, dann wandte
sie sich fragend an die Gardin.

Allein die hatte fr nichts Gedanken, als ihren Mann zurck ins Bett zu
bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr
erschrocken zurck. Teufel, so sehe ich aus -- da kann ich allerdings
nicht ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon bei Blzi
aushalten.

Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte sich, er
kommandierte im Bett unaufhrlich wie am Glottergrat, als Seppi Blatter
an den Weien Brettern stand: Drei Fu nachgeben! -- Links anhalten!
-- Zu viel! -- Etwas rechts! -- So ist's recht! -- Zwischenhinein
schimpfte er auf den Presi, dann fragte er wieder: Ist Vroni wirklich
da -- bringe sie doch herein, wenn sie da ist. Mit Seufzen schickte
sich die Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr.

Als am anderen Tag der Presi durch Thni eine Nachfrage wegen Vroni
schickte, erwiderte der Garde: Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn
holen, bevor Vroni in seine Kche kommt.

Thni machte ein langes Gesicht und der Presi fgte sich.

In seiner schweren und langwierigen Krankheit lie sich der Garde die
ntigen Dienste am willigsten von Vroni gefallen, die ihn mit ihrer
sonnigen Heiterkeit am meisten beruhigte.

Sie hatte ihr schnes Heim.

Ein Zug der Bedchtigkeit ging durch alles, was im Haus des Garden
gesprochen und gethan wurde; es war, als sei auch in der Woche ein
Abglanz vom Sonntag darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien,
sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war es Vroni
feierlich zu Mut. Die Buerin, der Groknecht Meinrad, der Viehbub Bonzi
und die Magd Resi, alle arbeiteten fleiig, doch ohne Hast; whrend der
Garde krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt, wie wenn er
mithelfend htte beim Werk sein knnen.

Eusebi hatte zum Verdru seiner Mutter eine stille nrrische Freude, da
nun Vroni im Hause weilte, er ging dem Mdchen auf Schritt und Tritt
nach, sah ihm bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei.

Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien Augenblicke, die jetzt
glcklicherweise wieder kamen, zu seiner Frau, die noch nicht recht
wute, wie sich zu dem hereingeschneiten Gast stellen?

Ich finde, da Vroni dem Haus wohl ansteht, es ist immer, als scheine
die Sonne darein, wenn doch nur ihr helles Haar glnzt.

An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um Josi. Sie wute, was es
hie, bei Blzi Knecht zu sein. Harte Arbeit an den Flhen, Aufbruch im
Morgengrauen, Heimkehr in der Abenddmmerung und -- was schlimmer war --
wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines schlechten Haushaltes,
in dem hufig gestritten wurde. Denn einen wetterwendischeren Menschen
als Blzi gab es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit
selbst sein, im nchsten aber ein Teufel an Bosheit. Dann flogen nicht
nur die Worte, sondern was ihm in die Hnde geriet. Und Josi, der
starke, trotzige, lie sich gewi keine Prgel gefallen. Entweder gab's
Hndel, oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit Blzi.

Ungefhr wie Vroni dachte Binia.

Der wilde, schmerzvolle Zuruf des unglcklichen Burschen hatte sie
geschttelt und gerttelt.

Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: Mutter -- Mutter -- ich bin schuld,
da es Josi so schlecht geht -- Mutter, sage mir, wie kann ich das groe
Unrecht wieder gut machen? -- Mutter, mu ich dem Vater folgen und gar
nicht mehr mit Josi reden?

Wie sie aber auch das brennende Kpfchen qulte, kam doch kein kluger
Gedanke darein.

Sie wute nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr hatte, stand er ihrem
Herzen noch nher. Sie meinte immer, sie sollte ihm Frnzi ersetzen, und
sie war voll Liebe und Barmherzigkeit fr ihn.

Sie klammerte sich an den alten Glauben, da es Kindern, deren Vater an
den heligen Wassern gefallen ist, besonders gut gehe, und lie ihre
Augen leuchten: Er wird schon einmal sehen, da ich keine Giftkrte
bin!




IX.


So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr fr die Hinterlassenen
derer einstehen, die im Gemeindewerk gefallen sind. Wie wohl wre es
einem wohlhabenden Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen
htte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn, wie der Garde Vroni als
Tochter. Lest in den alten Protokollen, wie man fr die Kinder derer,
die an den heligen Wassern gestrzt sind, stets besonders gut gesorgt
hat. Und sie wurden Leute, da es eine Freude war. Jetzt aber kommt ein
neuer Brauch. Auf einen bsen Handel legt man einen bsen Handel, man
giebt den Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird Josi bei
Blzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde davon? Die Schande!

Ich htte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter ist immer arbeitsam
gewesen.

Einen Gotteslohn htte man dabei verdient. Wahrhaftig, man schmt sich,
wenn man denkt, da der selige Seppi und die selige Frnzi vom Himmel
herunter auf die von St. Peter schauen.

So schwirrte das Gesprch.

Die Gemeinderte, die ihre Pflicht versumt hatten, lieen die Kpfe
hngen und kratzten sich hinter den Ohren, der Presi aber hielt sich an
das Haus voll Fremder und vermied den Verkehr mit den Drflern.

Er hatte auch seinen Verdru.

Blzi, sein Schtzling, war mit dem Bergfhrerberuf auf eine wenig
ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein Gast vermite sein Taschenmesser,
er sah es einige Tage spter im Besitze Blzis, der ihn auf einer
kleinen Gletscherwanderung begleitet hatte; der Gast behauptete, sich
deutlich zu erinnern, da er es bei einem Imbi am Rand des Eises habe
liegen lassen. Blzi htte es ihm einfach zurckgeben knnen, aber er
wurde frech und verlangte einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der
Presi hatte die Vorwrfe seiner Gste, die nichts mehr von Blzi wissen
wollten.

Bald aber war es am Presi, zu lachen.

Blzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter sei aus dem Dienst
gelaufen, sie htten zusammen ein Unwort gehabt.

Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm einen neuen Dienst suchen
mssen.

Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund noch den Behrden.
Niemand wute, wo er war, niemand wurde aus ihm klug.

Das Gercht verbreitete sich, er treibe sich auf den Alpen umher. Aber
wovon lebte er? Die Leute sagten: Er zieht den Khen und Ziegen
heimlich die Milch aus dem Euter.

Der Presi hhnte: Da seht Ihr den Tagedieb, von dem Ihr mit so viel
Erbarmen geredet habt. Ich habe den gekannt.

Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen.

Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi nicht gnstig. Manchmal
schien es wohl, man wrde sich an die Fremden gewhnen, aber die Gste,
die wieder ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches, was
denen von St. Peter bis auf die Knochen ging.

Da war ein dicker Gast, der wie ein Fchen daherkugelte und stets mit
den Leuten reden wollte, den sie aber in seiner fremden Mundart nur das
dritte Wort verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die Histen,
die Holzgerste sah, an denen die Bauern im Herbst ihren Roggen zum
Ausreifen aufzuhngen pflegen, fragte er spttisch: Hat man denn in St.
Peter so viel Diebe, Schelme und Mrder, da man alle die Galgen
braucht?

Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wuten die Drfler nicht viel,
ihr Leben war Arbeit und Andacht. Wir einen Galgen? -- Mrder? -- Seit
Matthys Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen gettet. Und
Diebe? -- Wer schliet des Nachts die Thre? Kein{5} Haus als der Bren
hat ein Schlo mit Schlssel. Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl
vorgekommen; die Briefe, die Pcklein und Wertsachen, die es zu besorgen
giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand schon daran gerhrt als
der Postbote, der sie aufnimmt und nach Hospel trgt? Aber die Fremden
wollen uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was fr ein neues Leben
anfngt? Blzi hat ein Messer gestohlen, und Josi Blatter ist Aufrhrer
geworden, es kann schon so kommen, da wir einen Galgen brauchen.

O, der Fremde hat gewi nur gescherzt.

Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf ber die Histen, die
es reifen, spaen?

Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser.

Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf weht. Das tattert die
ganze Nacht. Geben Sie doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu
fressen, da das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig schttert,
sagte ein anderer.

Die heligen Wasser, an denen so viele wackere Mnner zu Tod gefallen
sind, die einen Flecken und fnf Drfer erhalten und ernhren, eine
hungerleidige Schlange!

Die von St. Peter bekreuzten sich. Snde ber Snde.

Und die heilige Religion beleidigen sie!

Denn durch die Mgde war es bekannt geworden, da manche Gste im Bren
auch am Freitag Fleisch essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es
also zu.

Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so kommt Gottes Zchtigung
ber uns. Unsere Buben knnen nicht mehr recht thun -- seht Josi
Blatter! Und er hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig mssen
wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.

Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann, der Josi Blatter antreffe,
mge ihn auffordern, da er sich der Behrde stelle.

Josi Blatter, der Rebell, dann kurzweg der Rebell. So sprach man in
St. Peter. Sein Umhertreiben erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es
nicht gewhnt, da die jungen Leute sich dem Gehorsam der Behrden, der
Kirche und der Dorfschaft entzogen. Dazu gesellte sich die Furcht vor
Diebstahl. Aber weder die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die
Drfler wuten die Spur einer Entwendung zu melden. Es konnte den
Rebellen auch niemand auffordern, zurckzukehren, denn man sah ihn immer
nur von ferne, meist an den hohen Felsen ber den Alpen, ja viele
glaubten, es sei berhaupt ein miges Gerede, da er sich noch in der
Gegend aufhalte. Aber heute war es ein Drfler, morgen einer der
khneren Fremden, die hoch an den Flhen, wo Grnland und Weiland sich
scheiden, einen verdchtigen Jungen gesehen haben wollten.

Wir gehen nicht aus, man wei nicht, was einem der geheimnisvolle
Vagant anthte! meinten die Furchtsameren, und unter den ngstlichen
Gsten kam St. Peter zum groen Aerger des Presi in den Ruf der
Unsicherheit.

Ein Diebstahl -- eine Verurteilung -- dann wre Josi Blatter fr sein
Lebtag im Thal gerichtet und alles zu Ende. Gefngnis nahmen die zu St.
Peter furchtbar ernst, es gengten die roten Epauletten eines
Landjgers, der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die
Bewohnerschaft in Aufregung zu versetzen.

Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi den Rebellen des Diebstahls
berfhren zu knnen. Die Sonne schien noch warm, die Glotter aber,
deren Wasser stark zurckgegangen war, flo klarer als sonst. Nun
glaubte er Anzeichen dafr zu haben, da aus seiner Fischenz
nchtlicherweile Forellen gestohlen wrden. Thni und ein paar Mann
legten sich in den Hinterhalt. Um Mitternacht watschelte es in dem
Glotterbach, eine Gestalt bckte sich und langte mit den Hnden in die
Forellenverstecke, man fate den Dieb -- Blzi!

Ganz St. Peter lachte, da der Presi seinen ehemaligen Schtzling
gefangen hatte, sogar mehr, als wenn der Rebell verhaftet worden wre,
denn die Migunst gegen den Presi war grer als der Aerger ber den
unbotmigen Jungen.

Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, da Josi wieder auf gute
Wege komme, war wie Aprilschnee geschmolzen, der Garde wollte nichts
mehr von ihm hren, er war wtend auf sein Mndel. Nicht, weil Josi
seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverstndlich, aber
weil er sich seinem Vormund nicht gestellt hatte. Von Zeit zu Zeit
fragte er Vroni im Ton des Verhrs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen
seiner Anwesenheit gegeben.

Das war's ja eben, was sie am tiefsten krnkte -- er hatte sie
vergessen.

Sie horchte fleiig in die Nacht, ob sie ihn nicht ums Haus streichen
hre, aber was sie erlauschte, war immer nur das Klagen des Windes in
den Felsen.

Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne Abschied ber Hospel
hinaus in die weite Welt gegangen, wie jener Bursche im Kirchhoflied?
Hinweg vom Grab des Vaters und der Mutter.

    Gebrunter Bursch ist fortgezogen,
    Den Mund so frisch, den Blick so hell
    Dahin mit Wellen und mit Wogen
    Gewandert ist der Frohgesell.

Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verunglckt? -- Sie hoffte es
fast, denn ein toter Bruder wre ihr lieber gewesen als einer, der in
Unehren lebt. O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer
Abgeschiedenheit von Josi denken.

Oft fielen die Thrnen um ihn auf das Armseelenmahl, das sie fr die
Toten rstete. Und doch ging es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar
von oben herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht sah, wie
eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit.

Ich bin ja gewi bescheiden, dachte sie dann, wenn ich nur im Haus
bleiben darf.

Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete, wenn sie die
Jauchetanse an den Rcken hngte oder den Mist der Schweine aus dem
Stall zog, dann knurrte der breite Garde: Du darfst das nicht thun,
Vroni; la das den anderen!

Eusebi freute sich darber unbndig und begann den Vater nachzuahmen,
indem er sie von den rauhesten Arbeiten zurckhielt, die Gardin aber
schmollte: Herrgott, ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes
Gesichtchen hat, denn eine Prinze?

Die ist mehr als eine Prinze, Gardin; merkst du nicht, da uns Gott
das Mdchen eigens zum Trost ins Haus geschickt hat? Sieh dein
Schmerzenskind, den Eusebi, an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war
und wie er jetzt ist. Stottert er noch? Lt er die Glieder noch so
elend hngen? -- Nein, es ist eine Freude, wie der Bursche alles
nachholt, was er in sechzehn Jahren versumt hat. So mahnte der Garde
voll Vaterglck.

Meinst du, es freue mich nicht auch? fragte seine Frau, meinst du, es
freue das Mutterherz nicht am meisten -- warum bin ich denn so viel
gewallfahrtet fr Eusebi!

Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber haben nichts als
Geschwister gefehlt; doch htten ihn sechs Brder und sechs Schwestern
nicht so geweckt wie die einzige stille Vroni.

Nun -- nun -- ich lasse ja sie gelten, wenn sie nur nicht einen so
geringen Bruder htte.

Daran ist der Presi schuld!

So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen.

Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern erst gegen den
Herbst hin kam der Presi zu dem langsam genesenden Freunde auf Besuch.
Binia begleitete ihn. Aber zwischen den beiden Mnnern war nichts als
Streit und Zank.

Wenn der Bursche hinter die genagelte Thr in der Stadt kommt, wenn St.
Peter diese Schande hat oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert
an den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen, Presi. Ich htte
mit dem Peitschenstiel auf Euch losgehen mgen, als Ihr den Waisenbuben
zu Blzi gabt.

Da fuhr der Presi auf: Gott's Donnerhagel! So ist mir noch niemand
gekommen! Garde -- Garde! -- Wit Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt
hat?

Ihr seid der Presi, seid doch erhaben ber des Geschwtz. Und nun
wollen wir Binia fragen, ob er' s wirklich gesagt hat!

Binia, die sich in der Kche bei Vroni leise nach dem verschwundenen
Josi erkundigte, kam auf den Ruf des Presi hochrot vor die entzweiten
Mnner, und auf ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren
Sammetaugen, ihre Nasenflgel und Lippen bebten.

Vater! -- Vater! -- er hat's nicht gesagt -- ich schwr's Euch noch
einmal wie am Tag nach Frnzis Tod -- er hat's nicht gesagt -- sondern
der Kaplan Johannes.

Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Glckchen, sie stand da wie eine
kleine Mrtyrerin.

Wie am Tag nach Frnzis Tod, wiederholte der Garde und sah den Presi
mit zusammengezogenen Brauen scharf an.

Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn. Hast du auch nicht
gesagt, du wolltest Josi heiraten? Er stammelte es mehr, als da er es
sprach.

Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt, was ich nicht
htte sagen sollen. Angstvoll und entschlossen zugleich sprach Binia,
der Presi aber warf ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden
schmettern.

Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine Augen!

Was fr einen Mut hat das Kind, knurrte der Garde beruhigend, als sich
Binia geflchtet hatte, Presi, tragt dem Mdchen Sorge.

Dem Kaplan will ich znden! schnob der Presi.

Das kurze Gesprch hatte dem Garden ein Licht aufgesteckt. Darum also
hate der Presi Josi so grimmig, weil Binia ein Auge auf den hbschen
Burschen geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war, den
Kopf.

Kinder -- Kinder! -- Aber sie wachsen wie die Tannen und die Tannen
sprengen mit den Wurzeln den Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe,
es mu nur eine echte sein! Zwischen Binia und Josi lag allerdings
nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi wurde der Garde nicht
klug. War der Bursche wirklich so empfindlich, da er wegen eines
unverdienten Donnerwetters seinen Vormund verleugnete?

Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das sanfte Kind beichtete
aus freien Stcken, doch als ob sie sich fr ihren Bruder tief in die
Erde schmen msse: Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem
Bettelsack am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und sagte, Josi
lasse mich gren. Es gehe ihm wie einem Herrn.

Der Garde wute jetzt, woher Kaplan Johannes die Mineralien fr seinen
Sommerhandel bezog.

Der Herbst kam, die Fremden reisten von St. Peter{6} fort, mit
klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen, voran die mit Enzianen
geschmckte Meisterkuh. Jetzt mute sich Josi, wenn er noch lebte,
zeigen. Dem Winter, dem furchtbaren Hhenwinter wrde er nicht trotzen,
der wrde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verlieen ja selbst die
armen Seelen die Hhen, ber die der Wind hinpfiff, und schlichen sich
nachts in die Huser, und die ausgehungerten Gemstiere kamen zu den
Stdeln und schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu.

In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab Josi bestimmte Kunde
seiner Anwesenheit. Auf den Grbern seiner Eltern lagen am Morgen
Bergastern und standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan.

Sie entzndete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen.

Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging und stand, flsterten die
Leute: Die Schwester des Rebellen! und jetzt fragten sie: Woher hat
er das Geld gehabt fr die Kerzen? Andere trsteten wohl: Man
sieht's, da er nicht verstockt ist, die Geschichte seines Vaters hat
ihm nur den Kopf zerrttet und der Presi hat ihn mit seiner Schrfe ganz
um den Verstand gebracht. Doch das war ein schlechter Trost.

Der erste Schnee fiel, grimmige Klte trat ein, Josi erschien nicht als
reumtiger Snder im Dorf. Da waren die Leute berzeugt, da er nun doch
verhungert sei, und erwarteten, da man im Frhling sein Gerippe in
irgend einer Alphtte finden werde.

Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede stellte, gab zu, da Josi
eine Weile fr ihn Krystalle gesucht habe, aber jetzt sei er, so
versicherte er, ohne Ziel in die Welt gewandert.

Das war nicht glaubwrdig, wer in St. Peter geboren ist, geht nicht von
St. Peter fort, eher war Josi aus Mangel gestorben.

Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verfhrt! seufzte Vroni.

Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber verdarb als sich
ergab, kam ihm unheimlich vor. Der ist noch zehnmal strker als sein
Vater, dachte er mit nagendem Verdru.

Und in den Abendgesellschaften der Drfler lief dem toten Josi zu Ehren
wieder die alte Kaufbriefgeschichte mit allerlei Verzierungen.

Josi aber lebte -- elender freilich als ein Tier -- er lebte hart am
Weg, auf dem die von St. Peter gingen.

Das war sein und des letzkpfigen Pfaffen Geheimnis.

Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten Fremden gekommen
waren, hatte ihm Kaplan Johannes aufgelauert und ihn jammernd gebeten,
ihm Krystalle und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver
verstampft, in seine Arzneien mischen knne. Ja, freilich, lachte
Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien, die man im Dorfe
nicht mehr als Spielzeug schtzte, an den Flhen des Bockje und der
Krone kannte. Und er brachte dem Kaplan hbsche Stcke, auf denen
Tautropfen saen, die klar wie Thrnen sind, blhendes Gestein, wie er
es grad beim Wildheuen erreichen konnte. %Gracia et benedictio tibi%,
sprach der Einsiedler mit seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen
funkelnden Franken. Seither blhte in tiefer Heimlichkeit vor der Mutter
und Vroni ein kleiner Handel zwischen den beiden. Nicht, da der Kaplan
nun Josi fr jeden quellklaren Quarz, fr jeden braungoldenen Diamanten
der Zinkblende, fr jeden Brocken, auf dem die grauglnzenden zierlichen
Bltter des Wasserbleis saen, ein Geldstck gegeben htte, meist
bezahlte er, wenn er die Stcke mit gierigem Blick in den Sack gesteckt
hatte, mit Segenswnschen und geheimnisvollen Andeutungen, er wrde ihn
einmal zu groem Glck fhren. Darber lachte der trockene Bursche, und
als er sah, da ihn der Kaplan betrog und die Drusen verkaufte, stellte
er die Lieferungen ein.

Allein der Laurer lie ihn nicht mehr los. Als Josi den ganzen Groll und
Grimm gegen den Presi und das Dorf im Herzen, von Blzi, der ihn nach
hartem Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte ihn der
Kaplan, der in der Dmmerung mit dem Bettelsack von den Alpen kam, am
Fu einer graubrtigen Wetterlrche berrascht.

Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme vorspiegelte,
entlockte der tobenden Brust des Flchtlings eine Beichte, die nicht
vollstndiger htte sein knnen. Alles Elend, aller Ha einer von einem
schweren Unglck zerschmetterten und mihandelten Seele lag frei vor dem
Schwarzen.

Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden nicht, suche mir
lieber Krystalle, ich will fr deinen Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir
verabreden, treffe ich dich jeden Tag, berredete der Kaplan den
verirrten Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art Herzensbund
zwischen ihnen.

Furcht und Trotz halfen den Ratschlgen des Kaplans, am folgenden Tag
wurde Josi Strahler. Von den Felsen der Krone, wo sich sonst niemand
hinwagt, brachte er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die
klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen Strahlen des
Grauspieglanzes und die zierlichen Eisenrosen, die im Stahlschimmer
leuchten. Immer trug er die Leiter bei sich, die ihm frher zum
Wildheuen gedient, unermdlich kletterte er zu den Rissen, Hhlen und
Kammern der Felswnde empor. Es gab aber Tage, oft mehrere
hintereinander, an denen sich Krystalle und Erze wie durch einen Zauber
vor ihm versteckten, an denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren
Hnden zu Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gtig, prophezeite ihm
in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am nchsten Tage, schttelte
alles, was der Bettelsack Ebares enthielt, vor dem Heihunger des
Burschen aus, streichelte ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er
ihn fr die groe Einsamkeit, in der er lebte, entschdigen, und
manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn leidenschaftlich
lieb.

Aber das Heimweh kam. Vroni! -- Vroni! brllte es in der Brust Josis,
und wenn er tief unter sich einen Menschen ber die grne Alpe gehen
sah, so htte er hinabeilen und ihn umarmen mgen -- o, alle von St.
Peter, nur den Presi nicht.

Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentmliches Lcheln ging ber
sein finsteres Gesicht: Josi, es ist ein Landjger im Dorf, der es vor
dir bewachen mu; denke dir, Blzis Weib hat vor dem Garden beschworen,
da du im Schlaf gesagt hast, du zndest den Bren und St. Peter an.
Wegen Ungehorsam gegen die Behrden und Drohung auf Brandstiftung will
man dich verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Hscher um das Haus
des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, du kommest am ehesten dorthin,
weil du Vroni sehen mchtest. Also hte dich! Und noch eins! Rhre
keinen Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd auf dich und
die hchsten Felsen retten dich nicht; sei vorsichtig, Josi. Ich fttere
dich ja, Rabe, selbst wenn ich fr mich keinen Bissen habe.

Josi erblate -- zitterte -- also so weit war er: die Landjger suchten
ihn.

In seinem Schuldbewutsein durchschaute er die Lge des Kaplans vom Weib
Blzis, das ihn verraten haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur
halb, da er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlrche etwas
vom Brenanznden gesagt hatte. Aber nur in der grlichsten Erregung.

Nein! -- nein! -- Mochte ihn der Presi hngen lassen, eine
Brandstiftung that er dem Andenken seiner Eltern nicht zu leid.

Bald erhielt er die Besttigung dessen, was der Kaplan gesagt hatte, aus
unverdchtiger Quelle. Er traf unvermutet und so, da er nicht mehr
ausweichen konnte, auf den Viehknecht des Bockjelplers: Fort, Rebell,
lachte der gutmtig rohe Mensch rauh und laut, fnfzig Franken erhlt,
wer dich lebend oder tot ins Dorf bringt, doch so, als ob er selber die
fnfzig Franken nicht verdienen wollte.

Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar und lebte in den
hchsten Flhen.

Was er litt! -- Die Nchte, die entsetzlichen Nchte, whrend deren er
irgendwo auf einer Planke lag, mit ihrem ehernen Schweigen und ihrer
Einsamkeit! Tief unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein
Huflein Sterne und riefen: Komm, komm! Und jeder leise Glockenklang,
den die Luft zu ihm emportrug, schmeichelte: Komm, komm! Vroni nie
sehen -- nie auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben sind
-- nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stck Vieh, das er sah, entlockte
ihm fast Thrnen, vorsichtig lief er hinzu, streichelte es, kte es und
redete lieb mit ihm. Gelt, wenn du ins Thal kommst, grest du mir
Vroni!

Im grlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. Er liebte seine
Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen Blumen des Gesteins: Warum
mt ihr so schn aus der Erde wachsen, du wie ein Rschen, du wie eine
Thrne, die ein Engel vom Himmel hat fallen lassen, und du wie ein
Haufen Spiee fr den Ameisenkrieg. Wer hat dich gemessen und
gezirkelt, du kantiger Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefllt und
die Haarstrhnen durch dich gezogen, du schner Topas, und dich den
weien Stein mit Granatkrnern bestreut wie die Mutter selig am
Dreiknigstage die Brotmnner mit Wachholderbeeren?

O Wunder! Selbst die Krystalle drngen sich wie Bruder und Schwester
zusammen, sie suchen ihre Gespielen und auf manchem Stein stehen so
viele, gro und klein, wie wenn sich am Sonntag die Drfler auf dem
Kirchhof zum stillen Plaudern sammeln.

Nur er war einsam.

Mitten in seinem Elend ahnte er aber, da alles in der Welt zum Schnen
drngt, da auch der Mensch leiden und sich ffnen mu, wie der harte
Fels, der Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er wieder
einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen wre, Krystalle guter
Thaten zeugen, alles Rechte wrde er thun, was Brauch und Sitte, was die
Vorgesetzten forderten, selbst Dienste bei Blzi.

Doch jetzt nicht ins Gefngnis, lieber sterben!

Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und er keine Mineralien mehr
verkaufen kann, ist der Kaplan mrrisch gegen ihn, er bringt ihm das
Essen unregelmig und oft zu wenig. Da wei es Josi pltzlich: Er ist
der Gefangene dieses halbverrckten und schlechten Mannes, Johannes hat
ihn dort unter der Wetterlrche verfhrt, da es keine Rettung mehr
giebt. Und ein grimmiger Ha gegen den Kaplan zuckt auf in seiner Brust.

Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten vor Klte. Ein Ausweg!
Fort von St. Peter, fort, wie der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben
macht nichts, nur nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden
Frhe des Tages Allerheiligen luft er, am Schmelzwerk vorbei, wo Kaplan
Johannes haust, das Thal hinaus. Lebe wohl, seliger Vater, -- lebe
wohl, selige Mutter, -- und du, liebe Vroni, mit den schnen blauen
Augen.

Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon Kinder auf der Strae, sie
springen vor ihm schreiend davon: Ein wilder Mann -- ein wilder Mann!
Da fllt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles Haar hngt
ihm in Strhnen ber die Wangen, seine Kleider sind Fetzen, die Schuhe
zerlchert, als ein Landstreicher wrde er aufgegriffen. Auf das
Geschrei der Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem
Fenster, Susi aus dem Bren. Sie erkennt ihn und nun regt sich doch in
ihr das Mitleid und die Neugier. Sie ruft ihn herein.

Sie hat schon von seinem Rebellentum gehrt; indem sie ihm den Kaffee
einschenkt, den er gierig trinkt, fragt sie ihn hundert Dinge.

Ist es wahr, da du mit Bini verhext und besprochen bist?

Das behagliche Stbchen und der warme Trunk im Leib stimmen Josi ganz
weich: O, Susi, ich habe gewi andere Sorgen -- ich mchte wieder ein
rechter Mensch werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so arm,
da ich fr meinen seligen Vater und die selige Mutter nicht einmal zwei
Kerzchen kaufen kann.

Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein elendes Aussehen und
seine Verwilderung weckten das Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei
Wachskerzen und redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme mtterlich zu,
da er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewi nicht so bse.

Ich will's thun, Susi. Aber wie er ber die verlassenen Alpen des
Schmelzberges, auf denen die letzten Sonnenlichter des Jahres spielen,
die letzten Blumen blhen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, kmpft
er wieder.

Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er kniet zwischen den
Kreuzen an den Grbern der Eltern nieder, er steckt die Kerzen und
Astern auf die Hgel. Da kommt der Nachtwchter singend vom Oberdorf. Es
ist der breite Brummba des Fenkenlplers, der in der Kehrfolge der
Brger den Dienst hat. Er mhnt:

    Es ist nicht unsere Gerechtigkeit,
    Da Gott uns so viel Gut's erzeigt,
    Es ist seine Gnade und Gte,
    Ihr lieben Heiligen schtzt uns vor Gefahr,
    Vor Brand und Laue besonderbar,
    Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch,
    Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!

Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des Sngers. Josi aber
schreit: Hrst du' s, Vater -- hrst du's, Mutter, so geht es mir! --
Ich lasse mich aber nicht einsperren!

In wildem Weh brllt er es und rauft das Kirchhofgras, als wolle er
hinabflchten zu den Toten.

Das alles haben der Presi und Binia ber mich gebracht.

Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das Dorf fhrt, auf der
Freitreppe steht der Brenwirt mit einem Hohnlcheln.

Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger gepeitscht, in die Falle
kriecht, von der er wei, da sie ihn verderben wird -- er flieht vom
Dorf zu Kaplan Johannes, den er doch hat wie den Tod.

Mit einem hllischen Lcheln gewhrte der Letzkpfige dem Ausreier
Schutz und Obdach in der Ruine. Den einzigen noch berdachten Raum
bewohnte der Einsiedler selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster
das Licht herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden
zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll jener langen
Flechten, die wie riesige graue Brte von den Aesten der alten
Lrchenbume fluten, gegenber der Thre ein dreiteiliger Altar, den ein
Totenschdel schmckte, davor ein Betschemel. Und von der Decke hing
eine Ampel, in der ein Lichtfunke brannte.

Sonst war das Gemach leer.

Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewlbe, in das man nur
halbgebckt kriechen konnte, wohl, wie die rotgebrannten Steine vermuten
lieen, ein groer alter Ofenraum.

In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da war Josi vor jeder
Entdeckung sicher. Niemand wagte sich in die Zelle des unheimlichen
Kaplans; wenn je nach Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um
ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es drauen schchtern an,
dann trat der Einsiedler heraus, gab ihr mit seiner Grabesstimme den
Segen und ging mit ihr.

Er war gewi ein unheimlicher Kauz, der Kaplan Johannes mit dem fahlen
Gesicht und den lodernden Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder,
die stark weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken,
Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen Modulationen in einen frommen
Gesang ber, wie man ihn am Altar der Dorfkirche hrte.

Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes oft laut mit sich
selbst, schnitt Grimassen, verwarf die Arme, geriet in einen Taumel und
verga, da Josi da war.

Die Mauer war hoch, erzhlte er klagend, aber der Kastanienbaum war
hher. Johannes sa darunter und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal
aber im Herbst erzitterte der Kastanienbaum ber seinem Haupt. Was
zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder und stieg auf den Baum.
Ein Ast ragte weit ber die Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast
schwankte. Johannes schaute ber die Mauer. Da sah er Graziella, die
Kastanien schttelte. Sie hatte braune Arme und braune Augen und lachte
ber den Klosterschler. Eines Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb
hast, Johannes, steige nur vom Baum.' An der Mauer kten sie sich.
Mehrmals. Als das Laub fiel, rttelte Graziella wieder am Ast und lockte
-- die Falsche. Der Schler kletterte am Kastanienbaum ber die Mauer,
sie gab ihm einen Ku, und dann warfen die Klosterbrder ihn nieder --
und dann -- seine Stimme hob sich zu einem klagenden, wiehernden Geheul
-- sie haben mich im Gefngnis mit kaltem Wasser begossen -- sie haben
sich vergriffen an mir, da ich nicht mehr Johannes bin.

Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und hielt den Leib, als ob
er Schmerzen htte.

Josi graute es bei diesen Selbstgesprchen des Kaplans, schrecklicher
war es ihm aber, wenn Johannes ihn zu peinigen begann.

Immer wieder kam er auf jenen Ku zu sprechen, den er im Teufelsgarten
Binia gegeben.

Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu kssen? Ob er sie
einmal nackend sehen wolle? Er knne ihm mit einem Alrunchen dazu
helfen. Er wisse, wo ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und
schneide, da daraus ein kleines wunderthtiges Mnnchen werde.

Schamlos redete der Kaplan.

Josi scho dann das Blut in die Wangen und er prete die Fuste an die
Ohren -- o, es war schn gewesen hoch oben in der Einsamkeit des
Gebirges, das Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie.

Wann zndest du den Bren an? -- Du mut es thun, solange keine Gste
da sind, die Snde wre sonst zu gro. Heute ist eine so finstere Nacht,
willst du denen in St. Peter nicht etwas hell machen?

Ihr seid ein Teufel, Johannes! Da lachte der Kaplan widerwrtig: Ich
glaube manchmal selbst, da ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb,
bleicher Knabe. Komm an mein Herz, Shnchen!

Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn, sondern als hange er mit
der ganzen Seele an Josi, denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war,
ntigte er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger.

Im Sommer aber mut du mir wieder Krystalle suchen, du mut mein treuer
Sohn sein, du gehrst jetzt zu mir, nicht zu denen von St. Peter -- aber
-- aber -- Knabe, wenn du mich verraten wrdest, ich ttete dich.

Er fuchtelte mit den Hnden in der Luft herum und murmelte mit seiner
hohlen Stimme lateinische Verwnschungen.

Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden Goldhaar sehen,
nur noch einmal sie mit ihrer Glockenstimme reden hren. Mde und
traurig war Josi und ihn ekelte vor dem Kaplan.

Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen.

Oft froren er und Johannes in der schlechtgeschtzten Ruine. Der Wind,
der durch die Mauern blies, verjagte die Wrme des offenen Feuers, und
wahrscheinlich wre Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben
kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, htte er nicht auf den
Rat des Kaplans, der darin Schtze vermutete, das alte Bergwerk zu
durchforschen angefangen.

Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Trbsinn eine Ableitung und die
Tiefen des Bergwerks schtzten besser vor der Klte als jedes Herdfeuer.

Josi lchelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans, da er Silbererz
finden werde, unglubig, aber er whlte sich mit groem Eifer durch das
Gewirre von Gngen, Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine mhsame
Arbeit! Viele Gnge waren eingestrzt, in anderen tropfte das Wasser und
bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf und feucht. Oft lschte ein
Tropfen seine Kerze aus, dann hatte er Arbeit genug, sich in Stunden
beklemmender Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu tappen.
Wenn er wenigstens Erz gefunden htte! Aber die Stollen waren wst und
leer. Nein, endlich entdeckte er einen Schacht mit zuckerkrnigem
Bleiglanz, der nach den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten
Silber enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel und
sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das Erz los und hatte
reiche Ernte. Er hufte den Reichtum fr Kaplan Johannes, der wie er
selbst den Silbergehalt des Erzes weit berschtzte, und ber dem
Tagewerk im Dunkel des Berges verflo die Zeit.

Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Frhling an den sonnigen
Berglehnen die ersten Blten hervorlockte, war Josi so elend zu Mut, da
der Gedanke, eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor.
Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen. Er war wund am
Herzen und an den Fen.

Oft sa er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor denen, die des Weges
gingen, lie die Sonne auf den Rcken scheinen und horchte auf das
einfrmige Klappern an den Weien Brettern.

Er dachte an seinen Vater, an das groe Unglck, aber er hatte gegen
niemand einen Groll mehr, kaum gegen den Presi, ihm war alles
gleichgltig.

Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter springen lassen?

Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da war ihm, er rieche
Veilchen, nein, eine Mcke krieche ihm durch den Flaum der Oberlippe, er
wollte die Hand erheben, aber sie sank ihm bleiern zurck.

Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst dem Vater
entgegengeritten war, den Schlfer. Zuerst mit mchtigem Erschrecken.
Auch sie hatte geglaubt, Josi sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch
bleich wie ein Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm war er
in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der bloe Krper schimmerte.
Zwischen dem Filz der langen Haare flo das wsserige Blut offener
Wunden und die Frostbeulen an den bloen Fen schwrten. Sie schluchzte
vor Mitleid. Aber die Freude, da sie den toten Josi lebendig fand, war
strker als die Trauer ber sein Elend. Als sie ein paar Luse lustig
durch sein Haar spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem
tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm mit dem
Veilchenstruchen, das sie sich gesucht hatte, leicht unter der Nase
hin und lchelte, als seine Hand sich regte, aber wieder sank.

Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da scho er taumelnd auf. Er that
einen Schrei: Binia! Dann aber ma er sie mit einem finsteren,
verchtlichen Blick und wollte gehen.

Schau mich doch nicht so bse an, Josi, bettelte sie mit feinem,
sanftem Stimmchen, indem sie bis in die dunklen Haare errtete und den
Blick wie eine Schuldige senkte.

Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun, erwiderte er mit
dunklem Groll.

O, ich freue mich, da du noch am Leben bist, Josi, gewi freue ich
mich.

Das tnte so lieb, so hingebend, da er nun doch aufhorchte. Er erhob
sich und setzte sich in einiger Entfernung von Binia auf einen Stein.

Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie schn geworden in den
paar Monaten, da er sie nicht gesehen! Wie ein Engel, dachte er. Die
Rte der Hagrose prangte duftig auf ihren Wangen, die groen, dunklen
Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie frher, und doch war noch
etwas hinzugekommen, was frher nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas
unsglich Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein letzter
Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und alles, was Kaplan Johannes
Hliches gesagt hatte, war vor ihrer Reinheit und Schnheit aus seinem
Gedchtnis entschwunden. Aber er schmte sich wegen seines Aussehens, er
war ganz scheu.

Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals nicht wieder. Wie gro ist
Josi geworden, dachte Binia, er ist ja beinahe ein junger Mann, und
beide sahen sich verlegen an.

Wie geht es Vroni? stotterte Josi.

Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag hier vorbeireiten sehen?
fragte Binia. Der Garde, die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer
Taufe nach Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das Htchen mit den
langen Seidenbndern und ein buntes, seidenes Brusttuch, dazu Geschmeide
wie eine Bauerntochter. Wie unsglich glcklich wird sie sein, wenn sie
hrt, da du lebst!

Wie eine Bauerntochter, dachte Josi. Er aber war arm wie jener
Lazarus, von dem einmal der Pfarrer gesprochen hatte.

Was sprechen die Leute von mir. -- Sagen sie, ich sei ein Halunke? Er
lchelte bitter.

Binia schwieg purpurrot.

O, sage es nur, ich wei es schon -- aber weit, wer mich dazu gemacht
hat?

Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen Pause hauchte sie
kaum hrbar und in zitternder Scham: Mein Vater.

Ja, dein Vater! besttigte Josi vorwurfsvoll.

Ihr strzten die Thrnen aus den Augen, mit einer raschen Wendung kniete
sie vor ihm.

O Josi! -- Josi! -- Ich wei, da ich an allem schuld bin. Aber -- o
Josi -- wenn du keinen Fetzen auf dem Leib httest und noch zehnmal mehr
Luse auf dem Kopf, ich liebte dich doch!

Ihre molligen kleinen Hnde umspannten seine ausgemergelten Finger, sie
sah ihn so rhrend demtig an und ihre Stimme bebte wie ein Glckchen:
Ich habe ohne Absicht ber dich gelogen -- ich war so krank -- aber ich
will gewi alles an dir gut machen, Josi!

Ihre Lippen berhrten seine Hnde, ihre Thrnen liefen durch seine
Finger, er wollte reden, aber er schluchzte nur: Bini -- Bini, wie lieb
bist du mit mir. Der wunderbare erste Gru aus einer Welt, die er
verloren hatte, ging ber seine Krfte.

Da verzerrte sich Binias Gesicht: Va --

Ein Peitschenhieb sauste durch die Luft -- das Blut strmte ber die
Wangen Josis.

Vor den beiden stand furchtbar der Presi. Sie hatten das Kommen seines
Wagens berhrt, er hatte das Vorspanntier ohne Hterin getroffen und
Binia gesucht.

Einen Augenblick waltete die Ruhe grenzenloser Ueberraschung.

Binia starrte entgeistert auf das blutberstrmte Haupt Josis. Da ri
sie der Presi hinweg.




X.


Was man in St. Peter erlebte!

Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der Pfarrer, der zwischen Tag
und Nacht von Hospel kam, im Teufelsgarten ein unheimliches Sthnen
gehrt. Er war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht zu frchten
hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter, den Rebellen, gefunden, den
man verhungert und erfroren glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem
Vormund des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken,
blutrnstigen Jungen, der vor Entkrftung nicht mehr gehen konnte, mit
einem Wgelchen in seine Wohnung geholt.

Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der Presi hatte, ohne da
er vorher mit einem Menschen davon gesprochen htte, fast heimlich und
ber Nacht Binia aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? -- Die Brenwirtin
erzhlte den Drflern, die es hren wollten, sie sei in eine
Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden Sprachen lerne, die man
im Verkehr mit den Sommerfrischlern brauche.

Es ist aber doch seltsam, sagten die Leute, und sie ergingen sich in
allerlei Mutmaungen, doch ohne die Ursache der pltzlichen Reise zu
ergrnden.

Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen, da Kaplan
Johannes den Gemeindebann verlassen msse, da er einem minderjhrigen
jungen Menschen Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen die
Behrden untersttzt habe.

Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte in alle Huser, wo er
auf Gehr rechnen konnte. O, der meineidige Rebell. Wem als mir hat es
St. Peter zu danken, da das Dorf noch steht. Ich schwre es, er hat es
an allen vier Ecken anznden wollen, nur mit den hchsten Formeln habe
ich ihm die Hnde binden knnen. Aber wit, wit: Durch den Rebellen
Josi Blatter wird frher oder spter ein Unglck, wie noch keines erlebt
worden ist, ber das Glotterthal kommen. Ein Alraun hat es mir im
Spiegel gezeigt: Die Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und
die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'Lat uns den Uebelthter
erschlagen!' Und der Bren lag in Schutt und Asche.

Die Zhne der Weiber klapperten, doch die gruseligen Erzhlungen
retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren Brger drangen darauf,
da er jetzt mit fester Hand aus dem Thal vertrieben wrde: Er macht
das Dorf verrckt, sagten sie, denn die Weiber glauben ihm. Der
Presi, der sich selber zrnte, da er Johannes zu lange hatte gewhren
lassen, schickte kurzerhand ein paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das
Germpel des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen, da
sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnsttte eignete.

Dafr war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar -- jetzt, in alten
Tagen, konnte er ungestrt das Wort Gottes sen, der bse Feind, der
immer das Unkraut des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war
vertrieben. Zum Dank dafr richtete der alte Priester, der es sonst fr
klger hielt, sich nicht unmittelbar in die Angelegenheit der Bauern zu
mischen, am Sonntag ein krftiges Wort an seine Herde und bat darin, da
man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller Verirrung
nichts Bses gethan, in Liebe erbarme.

Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die anderen am Pfarrer.

Inzwischen genas Josi.

Eines Tages sprte er das Gesicht Vronis ber sich und er hatte einen
wunderschnen Traum: Er, Vroni, die Mutter und Binia saen auf dem
Felsen ber dem Haus, sie sangen: Du armer Knabe, schlaf am Meere, und
die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein leises Echo von den
Bergen zurck. Pltzlich aber fing es an zu regnen, die heie Erde
khlte sich, die Blumen erhoben die Hupter, die ganze Welt trank das
kstliche Na. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren Thrnen
Vronis!

Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah Vroni, lchelte, dann
fielen ihm die Augen mde wieder zu und er trumte weiter.

Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des verlorenen Sohnes
erbarmt, der wiedergefunden war. Er schlachtete zwar kein Kalb zu seinen
Ehren, aber er beruhigte die Gardin, die ber den unerwarteten
Familienzuwachs ungehalten war.

Htte Frnzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du wrdest mir alle zehn
an den Tisch bringen -- sind wir eigentlich das Waisenhaus von St.
Peter?

Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten fr andere
geneigtes Weib, das keinen Vorwurf der Hrte auf sich kommen lie, aber
Josi litt sie nicht wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar
geschnitten hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem blutroten
vernarbenden Ri ber die Wange, der hbschere Bursche als Eusebi. Und
doch htte sie auf der Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen
schnen Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben und
Mdchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen, die hbsche Kinder
besaen, sondern auch der Anblick fremder schner Jugend bereitete ihr
Herzeleid.

Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi wchst und erwacht? Nimm den
Segen nicht mit unchristlicher Rede von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die
ist so gro, da ich sie nicht verraten darf, mahnte der Garde.

Thun wir nicht genug an Vroni? fragte die Frau.

Was genug ist, wei der Herrgott -- ich meine, bis er wieder ganz
gesund ist, bleibt der arme Bursche da.

Murrend fgte sich die stolze Garden.

Vor dem Haus sa Josi auf dem Dengelstein, er sonnte die sich
krftigenden Glieder und ein unsgliches Glck summte in seinem Kopf.
Der Garde hatte sehr ernst und vterlich mit ihm geredet. Alles hatte er
ihm bekennen mssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte. Dann
hatte er ihm in die Hand versprochen, da er sein Leben lang nie mehr
mit Kaplan Johannes verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle.

Nein -- nein, versicherte Josi, er war ja berglcklich, da er durch
den Streich des Presi wieder unter die rechten Menschen gekommen war.

So viel war der grausame Hieb schon wert.

Da schlarpte der letzkpfige Pfaffe heran und redete dem Burschen, der
in einem hbschen Kleid aus einem alten Sonntagsgewand des Garden
steckte, schmeichelnd zu: Du liebes Shnchen, komme mit mir -- bei
Fegunden baue ich eine Einsiedelei -- du bist es mir fr den Winter
schuldig, da du mir sommersber Krystalle suchst. Im Herbst will ich
dich loslassen.

Gebt Euch keine Mhe, Johannes, mit Euch bin ich fertig, erwiderte
Josi, den Blick verachtungsvoll von seinem Peiniger wendend.

Da wtete der Schwarze grlich: O du rudiges Schaf -- du Lgner -- du
teuflischer Judas. -- Deinetwegen werde ich aus St. Peter vertrieben --
Du Satansaas! -- du vom Teufel Gezeichneter -- du ekliger Dmon! -- ich
wei es, du liebst den Balg des Presi noch, aber auf des Teufels
Gromutter reite ich, wenn ihr die Hnde nacheinander streckt, zwischen
euch; meine weie Seele werfe ich dafr hin, da ihr nie zusammenkommt.

Josi lchelte ber die Ohnmacht des Tobenden: Thut, so wst Ihr wollt,
ich glaube nicht an Eure schwarze Kunst.

Mit entsetzlichen Flchen ging der Kaplan. Josi lchelte immer noch
vertrumt in sich hinein. In die Schlfrigkeit der Genesung gaukelten
die lieblichsten Bilder: Binia und Vroni! -- Vroni und Binia! Es war
ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten allen seinen
Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein Wesen mit Licht bergossen.

Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines Elends getreten, er
schmte sich, da er sie so viele Jahre in seinem Herzen nie anders als
die Giftkrte genannt hatte. Er sann allerlei schne Namen aus fr
sie. Glich sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen
nennt?

Tautrpfchen, Tautrpfchen, du liebes, wo bist du jetzt?

In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die seinetwegen aus dem
Thale hatte gehen mssen.

Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt, da er sich jeden
Gedanken an Binia aus dem Kopf schlage, das sei berspanntes Zeug, aber
ihm klang es immer in den Ohren: Wenn du keinen Fetzen auf dem Leib
httest und noch zehnmal mehr Luse auf dem Kopf -- o Josi -- ich liebte
dich doch. Das rauschte wie Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch
der Garde nicht ausdrcklich gewnscht htte, so htte er es schon um
Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der hliche rote Strich
auf seiner Wange kam.

Dafr mute er es freilich dulden, da ihn jeder, der des Weges ging,
mit neugieriger Scheu betrachtete und die Leute von St. Peter es
einander zuraunten: Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der
Teufel hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn er ihn
holen kann.

Die Geschichte machte dem Garden schwerer{7} als Josi selbst. Mit
gelassener Ruhe suchte er fr den Burschen bei rechtschaffenen Leuten
einen neuen Dienst, erhielt aber berall ausweichenden Bescheid: Ja,
als er zu Blzi kam, htten wir ihn auch genommen, aber jetzt --man wei
nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und einem ins Haus bringen
wrde. Und hat er nicht St. Peter anznden wollen?

Doch forderte wenigstens niemand mehr, da man ihn ins Gefngnis werfe.
Den breiten, schwerflligen Garden aber hielt das Dorf fr einen
gutmtigen Narren.

Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst aus der Gemeinde, als
man ihn bei knappstem Futter einige Tage eingesperrt hatte. Sein
Abschied waren grliche Flche auf den Presi: Holt der Satan nicht
ihn, schwor er mit rollenden Augen, so holt er sein Kind.

Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden, die wieder nach St.
Peter kamen und mit frhlichem Lachen durch das Bergthal schweiften --
Schweizer, Deutsche, Franzosen und -- der erste Englnder. Auf diesen
war er besonders stolz, erst die Englnder gaben seiner Meinung nach
einer Sommerfrische die Vornehmheit, die man sich wnschte.

Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht, aber -- was fast
ebensoviel bedeutete -- ein Ingenieur der britischen Regierung in
Indien.

Er war bergsteigermig gekleidet, trug Nagelschuhe, grnwollene
Strmpfe mit gewrfeltem Muster, graue Kniehosen, graue Jacke und grnen
Filz. Er war ein Dreiiger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem
Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen Zhnen, ein Mann
von beinahe schwchlichem Krperbau, aber von berraschender Energie des
grauen Auges und der Haltung. Er wute immer genau, was er wollte, und
setzte es mit einer gewissen Schrfe durch. Und als der Presi die
wissenschaftlichen Apparate sah, die sich George{8} Lemmy nachfhren
lie, galt es ihm fr ausgemacht, da er ein Besonderer sei.

Nun, Herr Brenwirt, htte ich gern einen vertrauenswrdigen Mann oder
Burschen, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, als Trger und
Begleiter. Der Englnder sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit stark
englischer Betonung.

Der Presi stellte ihm den lustigen Thni Grieg zur Verfgung. George
Lemmy pfiff eine Melodie vor sich her und ma den Burschen mit einem
scharfen Blick: Well, ich will ihn prfen! Aber am dritten Tag kam er
wieder: Ich mag Thni nicht, er schwatzt mir zu viel, er ist
eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, da die ganze Geographie dieser
Gegend ins Wanken kommt.

Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand der frisch
angekommene Englnder von der Gegend? Er wagte einige Einwendungen, man
sei mit Thni bis jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber
schlug seine Karten auf und erklrte dem Presi die Aufschneidereien
Thnis mit Heftigkeit.

Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas von den Karten
verstnde, und seufzte verlegen.

Ich will mir selbst einen Mann suchen. Damit klappte der Ingenieur die
Karten zusammen. Er hatte sich beim Presi in einen groen Respekt
gesetzt, Thni aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum
wie ein gezchtigter Hund. Er wute es schon, wie oft er die Fremden mit
den tollsten Angaben beschwindelt hatte. Jetzt war er an den Unrechten
geraten. Und der Presi sah's kommen: Sein erster Englnder fand in St.
Peter keinen, der mit ihm ging -- er reiste wieder ab.

Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zurck, pfiff vor sich her
und lachte befriedigt: Ich habe ihn schon -- habe ihn schon -- und
rief Josi Blatter, der etwas zgerte, vor dem Presi zu erscheinen,
lustig zu: Komm, zeige dich, Boy!

Teufel auch, knirschte der Brenwirt leis, und als er die rote Narbe
auf der Wange des Burschen sah, ging ihm doch ein Stich durch die Brust.

Josi, ist der Garde auch einverstanden, da Ihr Bergfhrer werdet?

Josi war ber zweierlei verwundert, ber den freundlichen Ton, den der
Presi anschlug, und darber, da er ihn mit Ihr anredete. Er stotterte
es beinahe: Ja, ich finde halt sonst nichts zu thun.

So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde, als die Augen des Jungen
hoffnungsvoll aufflammten, eingewilligt, da er mit dem Fremden gehe.
Nur aus bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen
annehmen wollte, weil die Gardin stets ber den ungebetenen Kostgnger
murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene berall tchtig zugriff, wo er
etwas zu thun sah.

Was denkt das Dorf? -- Wohl, er, er, der Garde, helfe mit am
Hudligwerden!

Als der Presi den Bescheid des Garden hrte, lchelte er sonderbar
befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte sich, er erriet, was sein
Gegner dachte, und der Englnder mit den stechend klugen Augen merkte,
da die beiden bers Kreuz standen. Lustig sagte er: Bitte, besorgen
Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis jetzt gewohnt hat, nicht
bleiben. Haben Sie im Bren einen Schlupf fr ihn?

Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu den armen Leuten, die in
Josis Vaterhaus wohnten, und mietete dort fr den Burschen das
Dachkmmerchen, in dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte.
Ein saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden, der das
Huschen und den Acker verwaltete, nicht ganz verderben und der grollte
ihm wegen Josi schwer.

Als er zurckkam, meinte Thni eiferschtig: Ihr werdet es doch nicht
zugeben, da der Rebell Fhrer wird!

Da schnauzte ihn der Presi an: Ich glaube, da der eher auf einen
grnen Zweig kommt als du.

Thni hatte seine Schwchen. Das wuten nicht nur der Brenwirt und
seine Frau, sondern bald auch die Gste. Die Damen, die in der
Sommerfrische waren, trieben hufig ihren heimlichen Ulk mit dem
frhlichen Jungen, indem sie seine kleinstdtische Galanterie
herausforderten und dann mit ihrem Spott ber ihn fielen.

Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger und oft donnerte der
Presi: Herrgott, Thni, so ziehe doch einmal die Bubenschuhe aus. Du
bist ja der Narr aller.

Dann stellte sich der schne Thni einige Tage beinahe hochmtig gegen
die Fremden, aber er erlag ihren Schelmereien immer wieder.

Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi ber seinen Mierfolg bei dem
Englnder war, und nachdem er zuerst mit dem grten Hohn auf Josi
Blatter gesehen, hate er ihn. Eines nur lie ihn den Englnder leicht
verschmerzen, die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen aufbrdete!

Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und schleppte ihm die
Instrumente, insbesondere den photographischen Apparat, nach. George
Lemmy photographierte, indem er dazu fortwhrend pfiff, Berge, Huser,
Bume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber sprach er ein
berflssiges oder gar ein freundliches Wort zu seinem Gehilfen, doch
gab es in seinem Verkehr so viel Neues zu sehen, da Josi das Leben
beraus kurzweilig erschien. Er lernte die Instrumente handhaben und die
Furcht, sein Herr wrde ihn eines Tages entlassen, verschwand vor dem
beglckenden Gefhl, da er ihm ntzlich sei.

Freilich, hart genug lie es ihm der Ingenieur werden, doch just, wenn
er mit den letzten Krften noch aushielt, indem er an die guten Vorstze
dachte, die er in der Einsamkeit seines Rebellentums gefat hatte,
lchelte sein Herr: Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.

George Lemmy war einer von denen, die mit sich selbst und anderen erst
zufrieden sind, wenn sie von der Mhe des Tages am Abend
zusammenbrechen.

Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie wrden ihm die
Bildermaschine zusammenschlagen, wenn er sie und ihre Huser damit nicht
unbehelligt liee; nun war er wtend ber die Pfahlbauern, wie er sie
nannte, und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der Oberpfahlbauer,
erklrte, er knne ihn nicht schtzen, man msse die von St. Peter
nehmen, wie sie seien.

Abreisen! -- Allein George Lemmy war verliebt in das Glotterthal und
wandte nun seine Aufmerksamkeit den heligen Wassern zu. Ihretwegen war
er ja eigentlich ins Thal gewandert.

Er war von Brggen im Oberland nach Hospel gekommen und hatte dort
zufllig ein berraschendes Volksbild erlebt. Ein Ausrufer gab unter
Trommelschlag den Leuten, die aus der Kirche strmten, bekannt, da die
Versteigerung eines Baches stattfinde. Neugierig schaute er zu, wie
sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen und roten Westen sammelten,
wie die Frauen, Mdchen und Buben sich in ihren malerischen Trachten an
die blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Strae der
Prsident, der Garde und der Schreiber von Hospel Stellung nahmen und
einen von den hundert Fden, in die sich die heligen Wasser beim Flecken
teilen, fr den Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem
Meistbietenden zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche um
Woche whrend drei Tagen zu benutzen. Jedes Angebot malte der Schreiber
mit groen Zahlen an ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild
vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer, mit dem die Bauern
boten, sprte der Ingenieur, wie wichtig ihnen der Besitz des Wassers
sei. Bei der Gasttafel sprach er mit dem Kreuzwirt darber: Warum
versteigert man das Wasser nur fr die ersten Tage der Woche? -- Nach
einem alten Gesetz gehrt es Donnerstag, Freitag und Samstag jedermann,
also den Armen. Und sie redeten von den heligen Wassern so lange, bis
den Ingenieur eine groe Neugierde dafr gefat hatte.

Jetzt studierte er sie. Er ma und photographierte ihren Einla am
Gletscher, folgte den Knneln, bestimmte an vielen Stellen zwischen St.
Peter und Hospel die Wrme des Wassers, merkte sich die Geflle, die
Wassermengen, die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben und
zeichnete drauen in den Reben von Hospel die geeichten eisernen
Schaufeln und Scheiben, mit denen die Winzer die Verteilung des Wassers
besorgen.

Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht fr alles ein, was der
Ingenieur that, aber er spitzte die Ohren und hrte es gerne, wenn
George Lemmy ber die heligen Wasser sprach.

Der Englnder forschte nach hundert kleinen Dingen, und wenn ihn die
anderen Gste foppend fragten, ob er denn nicht mehr von der groen
Klapperschlange loskomme, antwortete er lachend: Lassen Sie mich. Sie
ist ein merkwrdiges Stck Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium der
Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung fhrt in ihren
Wassern jede Woche hundert Zentner Schlamm, darunter zehn Pfund reine
Phosphorsure, sieben Pfund Kali und hundertfnfzehn Pfund Bittererde.
Stattliche Dngerfabrik, was? Und der analytischen Wertung entspricht
die praktische Erfahrung. Drben am Hochpa haben Sie die
Wsserwasserfuhre der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie auf
weite Strecken zerstrte, konnte, wie amtlich belegt ist, die
Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch fnfzig Stck Vieh erhalten,
whrend vorher zweihundert reichliche Weide auf ihrem Gebiet gefunden.
So giebt es genug Nachweise, da die sonnenwarmen Gletscherwasser den
Ertrag des Bodens verdrei- und verfnffachen. Lassen Sie also die
Heligen ruhig klappern -- ich erwge sogar ernsthaft, ob ich der
britischen Regierung nicht vorschlagen will, da sie vom Himalaja
herunter in benachbarte Distrikte Indiens hnliche Leitungen baue.

Wrter, die Josi nie zuvor gehrt, schwirrten ihm im Verkehr mit dem
Ingenieur um den Kopf und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich
George Lemmy damit beschftigte, selber viel wunderbarer als je zuvor.

Eines Tages schritt er mit George Lemmy den schwindligen Weg ber die
Knnel an den Weien Brettern, und mit Staunen sahen Einheimische und
Fremde die beiden Akrobaten an den schimmernden Wnden.

Josi war es ein unvergelicher Tag. Als er an der Stelle stand, wo sein
Vater gestrzt war, pochte sein Herz in der Brust, und als sie in der
Mitte des schrecklichen Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal
tief unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der Mund ber
und er erzhlte dem Ingenieur das Leiden und Sterben des Vaters.

George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war und blieb der trockene
Englnder. Aber Josi fhlte doch seinen Blick der Teilnahme. Erst als
sie aufstanden, meinte Lemmy fast scherzhaft: Josi, neunzehnjhriger
Boy, werde Ingenieur und fhre die Leitung sicher durch die Felsen. Es
giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug, da man auch diese
Schlange zhmt. Nicht wahr, das wre ein Streich fr die Pfahlbauer von
St. Peter, wenn es keine Wasserfron mehr gbe.

Ein jhes Feuer flammte aus den Augen Josis.

Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der zweiten Hlfte des
schmalen Weges fast nicht gehen.

Als sie am Abend ins Dorf zurckkamen, schlang Vroni die Arme um den
Bruder: O, was die Leute sagen! Weil du unntig ber die Knnel an den
Weien Brettern gegangen bist, so habest du fr die nchste
Wassertrstung das Los auf dich gezogen.

Da lchelte Josi khl geheimnisvoll: Die Leute sagen, wenn der Tag lang
ist, viele Thorheiten -- aber ich glaube selbst, da ich einmal wie
unser Vater selig an die Weien Bretter steigen mu.

Vroni sah ihn erbebend an: Josi, du bist frher ein so artiger lieber
Bub gewesen, und jetzt bist du ein so Besonderer worden, so ein
Geheimnisvoller, da es mir bald wie den anderen Leuten geht, da ich
dich zu scheuen und zu frchten anfange.

Sei nicht so nrrisch, Vroneli, schmeichelte Josi und blickte zufllig
nach den Firnen der Krone.

Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die armen Seelen hausen! Josi!
Versprich es mir, da du es nicht thust. Denke an den seligen Vater,
denke an die selige Mutter!

Je inniger das Mdchen flehte, um so finsterer zog der Bruder das
Gesicht: Alle Tage denke ich an sie, aber wenn George Lemmy es wnscht,
so gehe ich mit ihm auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.

Dann strzest du dich ins Unglck, jammerte das Mdchen. Josi aber
schritt mit einem nachdenklichen Lcheln in sein Nachtquartier.

Was man doch um einen so lieben Bruder fr Kummer hat! Vronis schne
blaue Augen wurden trb. Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs
auch stark fr die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser gingen, und
ihn Josi, der im Erzhlen nicht besonders gewandt war, zu ihr fhrte,
da hatte sie ihre helle Freude an dem aufmerksamen Zuhrer.

Bei Vroni sa der Fremde an der vollen Quelle. Dem Bruder zuliebe
besiegte sie die Scheu vor ihm, und dem Ingenieur gefiel das blonde
schne Mdchen, das seine Geschichten in der vollklingenden alten
Sprache des Thales erzhlte, ausnehmend gut.

Er behandelte es mit Auszeichnung. Ein Brigante wie du bist, hat so ein
Edelwei zur Schwester! scherzte er zu Josi.

Und also fgt es Brauch und Gesetz, erzhlte sie mit errtenden
Wangen, die Hnde ber das Knie geschlagen, wenn ein Jungknabe ein
Mdchen lieb hat und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er
sich beim Garden melden, da er ihm einen Sommer lang in der Bestellung
der heligen Wasser zudiene und in der Wasserpflicht erfahren in den
Stand des Hausvaters trete.

Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst geringen Standes ist, ein
Mdchen liebt und es vom Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem
Garden darlegen und glaubhaft darthun, da die Jungfrau einer Seele mit
ihm sei, und legt er vor dem Garden und der Gemeinde das Gelbde ab, da
er beim nchsten Leitungsbruch an die Weien Bretter steige, so soll der
Gemeinderat Freiwerber fr ihn werden. Will aber der Vater des Mdchens
nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben und wer will unstrafbar den
Lauf haben, ihn und sein Haus zu verhhnen und dem Werber zu helfen, bis
der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.

Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung hrte er zu,
obgleich er die Satzungen schon kannte.

Vroni sah es wohl. Wegen Binia, dachte sie.

Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er befreundete sich auch mit
dem Garden.

Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gesprch der beiden, wer
George Lemmy eigentlich sei. Er habe zuerst, erzhlte er, an einer
Hochschule in England, dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert
und auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen. Spter sei
er nach Indien gegangen, wo schon sein Vater Kolonialbeamter gewesen,
und dort baue er im Auftrag der Regierung Straen und Eisenbahnen. Das
Klima sei aber unzutrglich, und nachdem er fnf Jahre in dem heien
Land gearbeitet habe, sei er gentigt gewesen, lngeren Urlaub zu
nehmen. Den Sommer verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht blo, um
die Schnheiten des Landes zu genieen, sondern auch um einen oder zwei
tchtige Bergfhrer anzuwerben. Er brauche die Leute als Pioniere beim
Bau von Straen, die man bedrfe, um die kleinen wilden Gebirgsvlker,
welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bekmpfen zu
knnen. Ein Fhrer, den er von frher her kenne, sei schon geworben,
Felix Indergand zu Brggen, und im Herbst wollen sie gemeinsam nach
Indien reisen.

Felix Indergand kenne ich von manchem Markt, das ist ein
rechtschaffener und einsichtiger Mann, sagte der Garde. Da habt Ihr
einen Tchtigen geworben.

Und wenn ich nun auch den zweiten htte, antwortete Lemmy.

Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte er nichts anderes, als ob
wohl George Lemmy nicht ihn einladen wrde, mit ihm nach Indien zu
gehen. Was wrde er dann thun? Ein freudiges Ja! wrde er ihm
zujubeln. St. Peter war fr ihn doch kein Boden mehr und kein Glck. Was
sollte er im Dorf beginnen, wenn der Ingenieur wieder abgereist war?

Vroni ahnte die Plne des Bruders. Als Josi eines Tages freudvoll zu ihr
gestrmt kam, fragte sie erschreckt: Hat dich Lemmy nach Indien
angeworben, da du so rote Wangen hast?

Nein, erzhlte er hastig, aber weit du, wo Binia ist, ich wei es!
Der Knecht des Fenkenlplers war mit einer Viehherde im Welschland. Da
hat er sie gesehen, wie sie mitten unter Klosterschlerinnen ging. Das
Kloster heit Santa Maria del Lago und liegt an einem schnen See.
Denke, er hat mit ihr geredet, aber es war eine Nonne dabei -- Bini lt
dich und mich gren!

Josis Augen strahlten, der Gru war fr ihn eine Welt voll Sonne.

Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde Josi in St. Peter
zurckhalten, aber -- blieb er, so stieg er wohl bei der nchsten besten
Gelegenheit fr Binia an die Weien Bretter und fiel wie der Vater zu
Tode.

Die Kunde, da Binia im Kloster Santa Maria del Lago jenseits des
Hochpasses sei, erregte im Dorf groe Verwunderung, namentlich als man
von Hospel aus erfuhr, die besondere Thtigkeit der Nonnen der frommen
Anstalt sei die Besserung solcher Mdchen aus wohlhabenden Familien, die
sich irgend einen leichtsinnigen Streich hatten zu schulden kommen
lassen oder auf deren Lebenswandel ein Makel lag. Fast mit Schaudern
sprach man von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen
anwenden, um ihre wilden Zglinge zu zhmen, die Dunkelzelle, das
genagelte Scheit, auf das die Snderinnen so und so viel Stunden knieen
mten, den Hunger, das Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem
Wasser.

Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an diesem Ort Aufsehen in St.
Peter. Was hat sie verbrochen? -- Darber grbelte man, und dann lste
die alte Susi in Tremis den erstaunten Drflern den Knoten: Binia und
Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes den bsen Segen empfangen, da
sie nicht voneinander lassen knnen. Jetzt wird sie im Kloster enthext.

Da man nichts Besseres wute, so glaubte man der Erzhlung der Alten. Um
so mehr, als der Kaplan, der von seinem Fuchsbau an der Berghalde von
Fegunden aus immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache nicht
in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll lchelte und die lodernden
Augen vielsagend spielen lie.

Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange das Zeichen des Teufels
trug, erst recht mit scheelen Blicken an.

Dem Presi lag es schief, da der Aufenthalt Binias bekannt geworden war,
ein Schatten fiel damit auf die Hausehre, obgleich es um das Kloster
nicht so schlimm stand, wie die Drfler erzhlten. Wre er nur den
Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang Sommer bis jetzt
war in qulender Gleichfrmigkeit die Frage: Wo ist denn Ihre alpige
Rose, Ihr Herzensmdchen? Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt.
Dazu Ausdrcke des Bedauerns, die man nur mit Lgen beantworten konnte.
Und ihm selbst fehlte sie, die zrtliche Maus, das Vgelchen mit den
dunklen Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte. Die
Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago ber Binia lauteten auch
nicht sonderlich. Sie bete alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester
fr ihre Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange, so weit es
ohne Strafe durchschlpfen knne, sei es immer bereit, sich ber die
Nonnen lustig zu machen. Und im Hintergrund der Briefe versteckt sah der
Presi einen frommen Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel
auf eine Seele.

Nein -- nein, siebenmal nein! Keine Braut des Himmels wollte er, nein,
er selber wollte sich freuen an seinem lieben Vogel, an dem zrtlichen
Kind.

Eher als den Nonnen gbe er sie Josi Blatter, dem Rebellen.

Aus Emprung ber die sonderbare Liebeserklrung, deren Zeuge er im
Teufelsgarten gewesen war, hatte er Binia in der Meinung fortgeschafft,
da sie das siebzehnjhrige Kpfchen schon breche, wenn sie den
furchtbaren Ernst seines Willens sehe. Das war wohl ntig, denn Binia
und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo der Ernst des Lebens
beginnt.

Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot gesagt hatte, lebte so
gesund. Jeder andere wre in dem furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu
Grunde gegangen, aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so
trstlich mit seinem Englnder, als htte er nie etwas anderes gethan.
Und merkwrdig, dachte der Presi, von dem Peitschenhieb, den er auf
seine Wange gefhrt, wei im Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche
schwieg auf alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und
ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten, der Hinkende habe
einen Hufstreich in sein Gesicht gefhrt.

Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war manchmal, er msse Hndel
mit dem Burschen anfangen, der schlank und gerade wie ein Bolz
heranwuchs, das Nchstliegende mit klugem Auge erfate, seine
Tagesarbeit mit zher Ausdauer that und sich sonst nicht um die Welt
scherte. Den knnte man, dachte er, tten und begraben, am Morgen aber
stnde er wieder da in blhender Lebendigkeit und schaute, wenig redend,
doch alles berlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich.

Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz. Merkt Ihr nicht,
Prsident, da das einer ist, der einmal euch allen in St. Peter ber
den Kopf wchst? Ich wrde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen
lassen und zge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter als Fhrer
ein, wir machen Staat mit ihm.

So, Prsidentin! donnerte darauf der Brenwirt, drfen mir die Gste
nicht mehr selber sagen, was sie fr thrichte Wnsche aushecken -- mt
Ihr ihnen als Frsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu drr.
Wo habt Ihr den Verstand?

Eines Tages aber entstand in St. Peter ein groer Auflauf von
Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze der Krone sah man zwei
schwarze Punkte -- zwei Bergsteiger! Der Englnder und der Rebell,
rieten die Leute gleich, es sind gewi keine anderen. Was im Thal an
Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf den in erhabener
Einsamkeit schwebenden Gipfel des reinen Firns. Seit vor fnfunddreiig
Jahren jener Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone ber die
Schneelcke nach St. Peter niedergestiegen war, hatte niemand mehr die
wunderbare Spitze betreten. Von den Schleiern der Armenseelensage
geheiligt schien sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein
gttlicher Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend ihre
Fackeln anzndeten, die Sterne in bleicher Mitternacht ruhten und arme
Seelen sich bend auf die Freuden des Paradieses vorbereiteten.

Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten, sie schwangen den
Khnen zum Gru mchtige Tcher und sahen durch die Fernglser, wie die
zwei Mnnchen auf der Spitze die Gre erwiderten. Ein patenter
Bursche, dieser Boy des Ingenieurs! widerhallte es im Bren.

Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die Mnner tobten: Jetzt
ziehen die armen Seelen aus, das Dorf mu untergehen, wre doch der
Rebell im letzten Winter erfroren, der bringt Unglck ber das ganze
Thal.

Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten, die Strafe des
Himmels breche sofort herein, rsteten ihre Siebensachen zum Auszug,
andere strmten zur Kirche: Lutet die heiligen Glocken, damit die
armen Seelen bleiben.

Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im Eise glaubte, erhob
Einsprache -- umsonst -- die Glockenklnge rauschten durchs Thal und
vermehrten die Verwirrung.

Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen zu verehren, den
niemand kennt als sie?

So fragten die Fremden verwundert, der Presi und Frau Cresenz aber gaben
ausweichenden Bescheid.

Vroni weinte herzlich: Nun ist er doch gegangen!

Als die beiden Bergsteiger in der Abenddmmerung todmde, aber mit
erhobenen Huptern in das Dorf schritten, da ballten sich die Fuste und
die Zurufe der erzrnten Drfler schwirrten an Josis Ohr: Du
Teufelshund -- wrst du doch im letzten Winter beim Kaplan verreckt!

Und hinter den Huserecken hervor flogen die Steine um die Kpfe der
beiden.

Der Presi und der Garde gingen ihnen entgegen, beruhigten die
schimpfenden Aelpler und Bauern, und ihrem Ansehen gelang es, die
Tollkhnen, ohne da sich die von St. Peter an ihnen vergriffen, in den
Bren zu fhren.

Da bereiteten die Gste, die eben an der Tafel saen, den Bergsteigern
einen begeisterten Empfang -- besonders Josi.

George Lemmy nahm den Vorfall von der frhlichsten Seite, mit dem Humor
seiner Rase fand er, es sei merk- und denkwrdig, ein solches Abenteuer
erlebt zu haben.

Bub! -- Unglcksbub! -- was hast du angestellt? -- du bist ja deines
Lebens nicht mehr sicher im Dorf, komm morgen zu mir, wir wollen
beraten, was zu thun ist, knurrte der Garde und ging, nachdem er noch
mit dem Presi abgeredet hatte, da Josi zur greren Sicherheit im Bren
schlafe, mit tiefbekmmertem Gesicht.

Seine Worte klangen Josi, obgleich ihn die Kletterei fast zu Tode
erschpft, die ganze Nacht in den Ohren wie die Posaunen des Gerichts.

Vater -- Mutter, jammerte er in sich hinein, was habe ich thun
knnen, als mit meinem Herrn gehen. Mit zerschlagenen Gliedern und
matten Sinnen erschien er am Morgen vor dem Ingenieur.

Ich komme mit dir zum Garden! lachte der gutgelaunt.

Der Presi sah, auf der Freitreppe stehend, den beiden nach. Er wollte
sich wegen der khnen Bergbesteigung in einen groen Zorn auf Josi
Blatter hineinreden, aber es gelang ihm nicht, der Mut des Burschen
zwang ihn zu heimlicher Hochachtung vor ihm und er dachte an das Wort
der Frau Cresenz: Das ist einer, der euch allen in St. Peter ber den
Kopf wchst, er dachte an Binia -- und seufzte.

Am Nachmittag kam der Garde in den Bren und sa mit dem Presi lange im
oberen Stbchen.

Ich habe mit dem Pfarrer geredet, berichtete der Garde, er will die
Leute, indem er von Haus zu Haus geht, zur Ruhe mahnen und am Sonntag
einen Spruch, da der Glaube an die armen Seelen im Eis eine wahrer
Frmmigkeit widersprechende Thorheit sei, in die Predigt flechten. Ich
aber mache mir eine Todsnde daraus, da ich Josi mit dem Ingenieur habe
gehen lassen.

Er ist ein Satan, der Rebell, lachte der Presi, ich frchte, er ist
bald nicht mehr zu bndigen -- das kommt, weil Ihr ihn immer beschtzt.

O, ich habe ihm heute vor dem Ingenieur das Kapitel verlesen wie noch
nie, aber nicht mit gutem Gewissen, Ihr und ich, wir sind verantwortlich
fr ihn und sein Thun. -- Ihr von lange her -- ich, seit ich ihm
gestattet habe, da er mit George Lemmy gehe. -- Im brigen giebt es
eine Aenderung im Leben Josi Blatters -- ladet auf den nchsten
passenden Tag den Gemeinderat ein. -- George Lemmy, der Ingenieur, will
ihn mit nach Indien nehmen. Wie ich den Burschen so recht in die Zange
gefat habe, hat mich der Englnder lachend unterbrochen: 'Unntige
Mhe!' eine Lobrede auf Josi gehalten und bestimmt erklrt: 'Ich nehme
ihn mit mir!'

Nach Indien! Der Presi scho auf. Hundert Gedanken kreuzten sich in
seinem Kopf, am vernehmlichsten der: Endlich von einem Alpdruck
erlst!

Er beruhigte sich aber und sagte: Das will doch erwogen sein!

Lemmy hat mir versprochen, da er einen rechtschaffenen Mann aus ihm
mache -- einen Ingenieur, so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt
-- und, ich wei nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen zu dem
Manne. Ich reise brigens morgen eigens nach Brggen, um mit Felix
Indergand zu reden, der auch mit Lemmy ber das groe Wasser geht.
Schlaflos legt mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist,
kann Josi nicht in St. Peter bleiben.

Das stimmt, das stimmt! erwiderte der Presi khl, es ist ein
verdammter Streich, den uns die beiden gespielt haben. Im brigen, wie
sind die Bedingungen? Mu die Gemeinde etwas fr ihn zahlen?

Nichts! Es ist freie Hin- und Rckfahrt verabredet, Josi mu wenigstens
drei Jahre bleiben und wird von Lemmy gehalten wie jeder andere, der
unter seiner Fhrung steht. --

So -- sonst htte ich vielleicht einen Beitrag dran gethan! --

Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungefhr sagte: So steht es
also um dein Gewissen, Presi!

Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf und ab: Heimkommen,
Binia! -- Die Luft ist rein. -- Seppi Blatter, wir wollen dafr sorgen,
da dein Spiel verloren ist! -- Dann stutzte er: Dieser Josi Blatter
-- der stirbt in Indien nicht. -- Der kommt eines Tages wieder heim --
und dann ist die Not um Binia grer als jetzt. -- Das Kind mu jung
heiraten.

Nicht lange, und die Nachricht, da Josi mit seinem Englnder in ein
fernes Land gehe, flog durchs Dorf. Man krnkte sich sonst in St. Peter,
wenn, was bei Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger Brger in die Fremde
zog. Nach der Meinung der Drfler war es doch nirgends auf der Welt so
schn, lebte es sich so gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden
als einen Verlorenen, der sich auer Landes begab. Josi Blatter, den
Rebellen, aber lie man gern ziehen. Die Kunde von seiner bevorstehenden
Abreise beruhigte die Leute, und die Gste des Bren, die genufreudige,
vom schlichten frommen Sinn der Drfler durch eine Welt anderer
Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten wie sonst
durch Dorf und Feld, auf dem bereits die Herbstblumen zu blhen
begannen.

Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der Krone das eingeborene
St. Peter bewegt hatte, hatten sie kaum Kenntnis erlangt.

Aus dem groen Thal kamen ein paar junge Bergsteiger, die von der
berraschenden Besteigung der Krone gehrt hatten, und wollten sie mit
Josi Blatter wiederholen. Er aber wies sie ab.

Thni indessen, der an dem Tag, wo die beiden den Gipfel der Krone
erstiegen hatten, in Hospel gewesen war und nach seiner Rckkehr mehr
vom Ruhm der Gste als von der drohenden Haltung der Bauern reden gehrt
hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark.

Er lie sich heimlich von den jungen Steigern als Fhrer mieten. Als ob
er mit den Ehrgeizigen nur einen greren Spaziergang auf den Gletscher,
aus dem die Glotter fliet, unternehmen wollte, ging er mit ihnen in der
Morgenfrhe weg. Erst am Nachmittag sah man erstaunt eine kleine Kolonne
auf dem unteren Firn der Krone. Die Wahnsinnigen gehen auf einem
berhngenden Schneeflgel! riefen pltzlich Stimmen, und man hatte es
kaum bemerkt, so brachen die fnf durch die Wchte. Zum Glck kollerten
sie nicht sehr tief einer Wand entlang, aber nun saen sie auf einer
Felsenplanke, von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten Tcher,
da man sie holen mge.

Und sicher war eins: Mute das arme Fnfblatt dort ber Nacht bleiben,
so erfror es.

Der Presi wtete ber Thni, er sammelte dann eine Hilfskarawane, und
die von St. Peter lieen sich, obgleich sie sich ber den neuen Frevel
wie ber den ersten emprten und ihre Schadenfreude nicht verbargen,
sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen. Denn wo
Menschenleben in Gefahr schwebten, waren sie, wie alle Leute der Berge
sind: sie kannten nur die Pflicht der Hilfe.

Josi war in fiebernder Erregung: Darf ich sie holen? Sie erfrieren, bis
die Mannschaft oben ist, fragte er den Ingenieur.

Well, hole die Unglckseligen, Boy. Und George Lemmy war, indem er die
Hnde in die Hosentaschen steckte und ein Liedchen pfiff, selber
neugierig, wie der Bursche nun vorgehen wrde.

Eine -- zwei -- drei Stunden! -- Man sieht ihn! Wo scheinbar nur glatte
Wnde sind, klettert der ehemalige Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch
Felsenrisse, eilt ber schmale Kanten, ist wieder in einem Ri und
klettert aufwrts!

Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. -- Noch eine Stunde -- die
Hilfskarawane ist erst auf den oberen Alpen -- da schwingt sich Josi auf
das Band, wo die fnf armen Knaben sitzen.

Er hrt die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er wei nur, da er eilen
mu, die Leute zu bergen, denn St. Peter liegt schon im tiefen blauen
Schatten, nur noch an den Spitzen glnzt die Sonne.

Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen, empfngt ihn Thni.

Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid ber Nacht da oben
hocken, erwidert Josi.

Die von Thni Schlechtgefhrten danken ihm berschwenglich, einer weint
vor Freude. Josi mahnt: Nur Mut! -- gangbarer Fels und Schutt ist nicht
weit, aber ein Umweg ist ntig.

Er kennt die Gegend genau, er hat ber der Planke manchen Tautropfen
gebrochen, er lst auch jetzt einen, den sein gebter Blick in einer
kleinen Hhle entdeckt hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die
Westentasche.

Aufpassen! ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht im Bogen und
Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren Vorsprngen entlang. Er wrde
den halsbrecherischen Weg in einer Viertelstunde machen, aber er mu den
Ermdeten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen die Fe einstellen,
die Handgriffe zeigen, die mutlos werdenden Zurckgebliebenen nachholen,
einen um den anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter
Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel -- die Nacht ist
gesunken -- aber jetzt! -- endlich! -- endlich hat die Gesellschaft ein
sanftes Gerllfeld erreicht -- Josi will jauchzen, er kann es nicht vor
Erschpfung. Heiser nur sagt er: Ihr seid auch da, Grieg!

Thni sprt aber kaum den sicheren Boden, so fhrt er Josi an: Du
httest uns nicht zu holen brauchen, du Laushund, ich wre schon
losgekommen. Den Schimpf machen wir einmal handgreiflich aus!

Gut, Ihr knnt Euch nur melden!

Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten und die Hilfskolonne
im Dorfe an. Einheimische und Fremde wachten. Unter der Thre des Bren,
wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher Achtung
entgegentrat und beide Hnde reichte, brach er, den Jubel der
Glckwnschenden in den Ohren, zusammen.

Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der Presi in jene Stube
rufen lie, wo sie sich nach dem Tod der Mutter gegenber gestanden
hatten. Als der mitrauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn
der Brenwirt fast feierlich. Er stand auf, sttzte die Linke auf das
Pult und reichte ihm die Rechte: Setzen wir uns! Ich bekenne, da ich
Euch eine Weile unterschtzt habe, Blatter, sonst htte ich Euch nicht
zu Blzi gethan. Zunchst danke ich Euch, da Ihr die fnf geholt habt.
Die Rettung ist ein Ehrenblatt fr Euch.

Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem Lob des Presi wie auf
Nadeln. Der Mann, der so mit Wrme und Achtung zu ihm sprach, war der,
der ihm die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch Binias
Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander und verwirrten ihn.

Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien. Das ist ein
abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat hat indes einstimmig beschlossen,
da man Euch kein Hindernis in den Weg legen will. Im Frhling werdet
Ihr ja volljhrig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft
entlassen.

Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach: Wenn man ins Leben
geht, dann ist es von besonderer Wichtigkeit, da man die Freiheit, sich
zu wenden und zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich mchte
Euch einen Reisepfennig mitgeben. -- Ihr seht, wenn ich gebe, bin ich
nicht klein!

Er reichte Josi etliche Bltter Banknoten. Der junge Mann fuhr auf, er
wollte reden, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Nur ein
seltsames Herr Presi! wrgte er hervor.

So viel Geld hatte er natrlich noch nie beisammen gesehen, dachte der
Presi, miverstand seine Bewegung und hielt sie fr Gier.

Ich will keinen Dank, die Bltter sind fr das Herunterholen der
Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung -- nehmt sie herzhaft.

Eine verwirrende Liebenswrdigkeit lag in seinem Ton.

Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter. Gebt mir nur das
Versprechen in die Hand -- da Ihr -- wenn Ihr je aus Indien zurckkehrt
-- mit Binia nichts zu schaffen haben wollt. -- -- Es kann nicht sein --
es darf nicht sein. -- Ich sage es Euch in heiligem Ernst: Ich leide es
nicht -- ich leide es nicht.

Dster und trotzig waren seine letzten Worte.

Nun aber brach Josi los: Herr Presi, glaubt Ihr, da ich meinen Vater
schnde? Um wie viel weniger Geld habt Ihr ihn in jener Nacht
gekreuzigt, da er an die Weien Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je
einen Rappen[27] an aus Eurer Hand?

  [27] _Rappen_, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime.

Etwas Ergreifendes, Rhrendes lag im Zorn des Burschen, eine durch
Bescheidenheit gezgelte heie Entrstung.

Seppi Blatter und Frnzi in einem, ein verdammt schner Bursche, dachte
der Presi.

Und Binia? fragte er mit einem leisen Seufzer, schon halb verstimmt.

In den Augen Josis loderte es, er keuchte: Herr Presi, ich bin kein
Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte mir das Recht, das Mdchen um
seine Hand zu fragen, das mir am besten gefllt. Und im Glotterthal
ist's ja noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer Bursch darf
um ihre Hand anhalten.

Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: Gewi darf er darum
anhalten -- es kommt aber nicht aufs Fragen, sondern auf den Bescheid
an, den er erhlt. -- -- Wollt Ihr das Geld, Blatter?

Das letzte sprach er mit hartem, hhnischem Klang.

Nein, Herr Presi!

Das tnte nicht herausfordernd, aber als wren die Worte von Granit.

Du Steckgrind -- ein Rebell bist und bleibst du! -- Der Presi schrie
es. -- Mit dir habe ich es gut gemeint. Ich habe wollen Frieden
zwischen mir und dir machen -- du bist aber ein Thor -- ein
wahnsinniger, verstockter Thor -- -- he, du und Binia? -- Wo nimmt auch
so ein Ftzel das Recht her, an so etwas zu denken?

Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen reden, helf' mir
der Himmel, da Ihr mich dann nicht mehr so verachten knnt.

Josi sagte es bescheiden -- doch das Wort war Oel ins Feuer.

Gottes Heilige hren es -- die Tatze soll mir eher aus dem Grabe
wachsen, eher soll ein Traum, den ich einmal gehabt habe, in Erfllung
gehen und Binia von einem Gespenst erschlagen werden -- als da ihr zwei
zusammenkommt.

Ihr redet entsetzlich! Helle Thrnen liefen Josi ber die braunen
Wangen. Lebt wohl, Herr Presi!

Dich mgen in Indien die Knigstiger fressen!

Er donnerte es dem Forttaumelnden nach -- --

Ihr redet entsetzlich! Dem Presi klang der Ausruf Josis im Ohre fort,
es lag darin etwas so Wundes, wie wenn ein Tier aus tiefsten Nten
schreit. Aus sich selber wiederholte er: Ich redete entsetzlich! Ihm
war, er msse Josi zurckrufen, er msse ihm noch etwas sagen. Ein
seltsamer Einfall kam ihm. Er wollte zu George Lemmy sprechen: Lat
mir Josi Blatter da -- er pat mir als Bergfhrer. Eine sonderbare
Empfindung durchrieselte ihn. Er knnte, war ihm, den schnen,
gescheiten, rechtschaffenen, heimlich stolzen Burschen unendlich lieb
haben -- lieb wie einen Sohn, -- er staunte, wie ihm der Gedanke
angeflogen kam -- er sperrte sich wtend dagegen -- er zitterte -- er
schwitzte und schnaufte.

Ich mu noch einmal mit ihm reden! -- Seppi Blatter -- Frnzi. -- Habt
ihr Gewalt ber mein Herz?

Nach drei Tagen aber sammelte sich in der Morgenfrhe ein Huflein
Drfler vor dem Bren, um Josi Blatter, den Abenteurer, abreisen zu
sehen. Der Brenwirt stand auf der Freitreppe und winkte, wie ein Wirt
winkt, wenn ein so angesehener Gast wie George Lemmy geht. --

Jetzt habe ich doch nicht mit ihm geredet. Seit einer Weile sa der
Presi, den Kopf sttzend, am Tisch. Und wtender ber sich selbst als
ber Josi, murmelte er:

Binia erschlagen -- nein -- nein -- das ist Wahnsinn.

Bei sich selbst war er berzeugt, da Josi Blatter in drei Jahren als
Freier vor ihm stnde.

Nun wohl -- dann Gewalt gegen Gewalt.

Da kam Thni: Ich fhre das Gepck des Englnders nach Hospel!

Gut -- doch noch etwas! Der Schwager Kreuzwirt fhrt Ende dieser Woche
oder Anfang der nchsten ber den Hochpa. Ich lasse ihn um den groen
Gefallen ersuchen, da er Binia aus dem Kloster heimbringt.

Als Thni gegangen war, lchelte der Presi glcklich: Binia -- wenn du
schon an dem Burschen hngst und thricht bist wie alle Weiber -- mein
lieber Herzensvogel bist du doch!




XI.


Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller Kerl bis ans
Ende, sagten die zu St. Peter, als sie sahen, da er mit seinem
Englnder das Glotterthal nicht auf dem Weg ber Tremis, Fegunden und
Hospel verlie, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern sich
mit ihm vom Haus des Garden ber die unwegsame Schneelcke wandte.

An der Grenze zwischen Weltland und Weiland erhebt sich ein altes
verwittertes Holzkreuz, bei dem die Hirten sommers ber ihren
Sonntagsdienst halten. Bis dorthin, wo man eben noch die Kirche in der
tiefen Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem Kreuz
knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum Abschied eine
gemeinsame Andacht.

Mit Thrnen in den Augen blickte Vroni Josi nach. Als sie aber immer
noch ihr Tchlein schwenkte, da stapfte er schon unentwegt mit seinem
Herrn in die groe wilde Gebirgseinsamkeit hinein.

Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt. Sie aber war
vor Schmerzen vergangen: den Vater, die Mutter hatte sie schon verloren
-- und nun verlor sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, da er
je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und in ihrem Herzen summte
das Kirchhoflied:

    Und als er stand an blauer See,
    Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.

Sterben wird er vor Heimweh!

Whrend seine sanfte Schwester mit den groen Blauaugen in Thrnen
trumte, was doch so ein lieber Bruder fr ein bser Mensch sei, schritt
Josi tapfer in die Zukunft und mit seinem Herrn quer ber Gletscher und
Hochgebirge. Drben in einer kleinen Stadt wollten sie Felix Indergand,
der in einigen Tagen nachzukommen versprochen hatte, erwarten und dann
von Genua aus die groe Reise nach Indien antreten.

Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und herbstlich still. Aus der
Hhe ertnte der Ruf der Zugvgel. Die vom Sommer ausgelaugten und
ausgewitterten Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr
wre, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich bei ihrer
Sumerei ber die Schneelcke in Strmen und Wettern Ladungen Silbers
verloren hatten, so wrde man sie jetzt wohl finden knnen.

Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er nach Indien gehen, ohne zu
Binia, die er fr ewig verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben?

Unter einem berhngenden Felsen, bei den Resten alter Jgerfeuer
bernachteten sie. Brigante, solche Nchte unter freiem Himmel wird es
auch bei unserer Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so
still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und brllen ringsum!

Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon.

Am Morgen standen sie auf einem mchtigen Firngrat, einem
wunderherrlichen silbernen Wall, wo der Himmel so nahe schien, als
knnte man den dunkelblauen Teppich mit der Hand streicheln. Boy, wo
ist jetzt das Glotterthal?

Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte, war ein kleiner
dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar. Da konnte es Josi kaum
fassen, da er sein ganzes bisheriges Leben in der schwarzen Spalte
zugebracht habe.

Dort sa Vroni.

Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im Sden unter ihnen, wo
die Berge ausgingen, geheimnisvolle Blue. Ist das wohl das Meer? dachte
Josi. Da wies ihn George Lemmy auf weie Flecken, die in der Blue
schwammen, und sagte: Das sind die italienischen Stdte.

Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen klaren Wasser entlang
durch eine grne Berglandschaft und kamen auf die schne Strae, die vom
Hochpa herniederfhrt.

George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch den Wald ber eine
Wurzel gestrauchelt und hatte den Fu leicht verstaucht.

Im ersten Dorf nahmen sie ein Wgelchen und fuhren durch den goldenen
Abend.

Kirchen, Klster und Schlsser hoben ihre Trme aus Kastanienhainen und
in der Ferne schimmerte eine Stadt. Frhliches Volk in bunten Trachten
kam ihnen entgegen, Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den
Gru in einer fremden Sprache zu.

Der Kutscher, der wohl an Fremde gewhnt war, wies mit der Peitsche
nach allen Sehenswrdigkeiten und erklrte den beiden in mangelhaftem
Deutsch ihre Namen und Bedeutung.

Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen.

Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster aus mchtigen
Bumen, unter denen ein Zickzackweg zu dem groen alten Bau
hinauffhrte. An weien Kapellen vorbei, die den Weg schmckten, sah man
das von Epheu umrankte Thor und durch die Bume, die reichlich Frucht
trugen, blitzte neben dem Kloster der See.

Das sehr berhmte Kloster Santa Maria del Lago mit den
dreihundertjhrigen Pinien, erklrte der Fuhrmann.

Da berzwirbelte dem starken Josi das Herz.

Gleich hinter dem Hgel, auf dem das Kloster steht, lag die Stadt, und
vor einem kleinen netten Gasthof hielt nach der Weisung George Lemmys
das Fuhrwerk an. Da bernachteten sie.

Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte dieser: Josi,
Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert, der Fu ist elend
geschwollen. Ich frchte aber, da du ein schlechter Krankenwrter bist,
darum bleibe mir ein gutes Stck, mehr als dieses Zimmer lang ist, vom
Leib. Die Wirtin wird dich unten fttern, doch strecke alle Tage den
Kopf einmal herein. Da hast du etwas Klingendes in die leere Weste und
hrst du: Wein, Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den
Worten: %Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!%

Und nun versuche einmal, wie sich' s auf eigenen Fen geht.

Josi war glcklich. Einige Tage frei. Und er war jetzt so nah bei
Binia! Aber die Welt war ihm so fremd, da er kaum wagte, sich zu
rhren. Durfte er zu dem Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein,
nein! Der Knecht hatte es schon thun drfen, denn er war ein alter
stoppelbrtiger Mann ohne alles Verdchtige. Ihm aber wrde alle Welt es
ansehen, da ihn die Liebe zu Binia hingetrieben.

Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den Bgen der Huser das
Kupfer schmiedeten, das Leder klopften und das Holz bearbeiteten. Ein
Schneider, der die Brille tief auf die Nase gerckt hatte, sang beim
Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein, das er mit der
Mutter, mit Vroni und Binia gesungen, aber freilich, wenn er an den
Presi dachte, war ihm nicht ums Singen.

Eine Weile spter strich er doch um das Klostergut und sang:

    Das Steingenelk, die Knigskerzen
    Erblhn voll Pracht im heil'gen Rund,
    Sie steigen aus gebrochnen Herzen
    Und jede Blume ist ein Mund!

Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet jenseits der
epheuumsponnenen Klostermauer eine silberne Stimme mit der gleichen
Melodie.

    O wie das weint, o wie das lacht,
    Dem Flstern horcht die Sommernacht!

Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. -- Er hrt eine keifende
Frauenstimme, dann helles Lachen von jungen Mdchen.

Er rennt davon.

Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte und Melodie kennen?
In der fremden Welt hat er ihre Stimme gehrt. Es wird ihm feierlich zu
Mut. Gewi wird er sie auch sehen.

Aber, wie er so berlegte, wurde er ganz traurig. Was ntzte es, sie zu
sehen? Er wute ja jetzt bestimmt und fest, da sie nie zusammenkommen
wrden. Ihm war, der grliche Wunsch im Mund des Presi, Binia mge eher
durch eine fremde Hand fallen, als da sie mit ihm durchs Leben gehe,
habe allen Segen, der auf seiner Liebe zu Binia ruhen knnte,
hinweggenommen!

Und doch war, seit er ihre Stimme gehrt, sein ganzes Wesen in einem
Aufruhr der Hoffnung. -- Binia sehen! sie sehen!

Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen groen weien Schurz ber
seine leutselige Seele und seinen dicken Bauch gespannt hatte und vom
Viehhndlerverkehr her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob die
Klosterschlerinnen in die Stadt zur Kirche kmen.

Nein, antwortete der Gastwirt, sie htten eine eigene Kirche, die
Klosterfrauen kmen nur an hohen Festen in die Stadt, aber sie besuchen
mit den naschhaften Mdchen oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja,
da kmen sie wahrscheinlich. Er mge um acht Uhr dort sein, wenn er die
Verwandte sehen wolle, aber ansprechen drfe er sie nicht, dazu msse er
sich schon im Kloster selbst anmelden.

Die Verwandte! Josi lchelte ein wenig ber die Vorstellung des
Wirtes.

Am Morgen war er frh auf dem Markt. Als es acht Uhr schlug, entdeckte
er die kleine Klosterschule, einige Nonnen fhrten die Schar Mdchen,
die mit braunen und blonden Zpfen einherwandelten und ihre Blicke
neugierig ber die Menge der auf dem Markt gehuften Frchte warfen.

Binia war die Zierlichste und Schnste unter ihnen -- so schn, da er
sie kaum ansehen durfte. Sie errtete, sie fuhr ein wenig zusammen, als
sie ihn bemerkte, dann schaute sie auf die andere Seite und hielt sich
dicht an die Schar der brigen. Sie sandte keinen Blick zurck.

Jetzt sieht sie mich nicht einmal an, dachte Josi, und schmte sich,
da er sich so fest eingebildet hatte, Binia liebe ihn sterblich.

Er war enttuscht, er wagte es nicht, der dutzendkpfigen Gesellschaft,
die sich in eine Gasse verlor, zu folgen. Unruhig und verlegen schaute
er in das bunte fremde Gewhl der Kufer und Verkufer. Sollte er
bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da drckte ihm ein blasser
Junge, der einen Bndel Schuhe ber die Schultern gehngt hatte, einen
Papierstreifen in die Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging
erbost ber Josi, der vor lauter Neugier das Geben verga, mit einem
%Brutto Tedesc% davon.

Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia. Josi hatte genug
Arbeit, die paar Worte zu entziffern, das Blatt zitterte in seinen
Hnden. Wohl, wohl sie liebt mich, jauchzte es in ihm.

Wie lange es nicht elf Uhr wurde!

Pochenden Herzens stand er vor dem Pfrtchen unter einem Kastanienbaum,
der seine Aeste in die Flut senkte. Da bimmelte das Glcklein im
Kloster; whrend es noch tnte, ging die kleine Thr in der Epheumauer
auf.

Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade so leicht und flchtig
wie einst, huschte Binia hervor, eine Grtnerin hob warnend den Finger
auf und rief ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schlo sich das
Pfrtchen wieder.

Man sah, wie Binia das Herzchen flog. Josi, wie kommst du auch da her?
rief sie.

Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm glht der Kopf, er wei nichts zu
sagen.

Binia ist so schn, da er es kaum wagt, ihr die Hand zu geben, und wie
er die weichen Finger in den seinen hlt, da ist ihm, er halte einen
jungen Vogel, dessen Brust er schlagen fhlt.

Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem sie hastig erzhlt, sie
sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin bemerkte, unter dem Vorwand, sie
bedrfe neuer Schuhe, in eine Werksttte geschlpft, habe dort die Zeile
geschrieben und nach der Heimkehr die Grtnerin bestochen.

Nun lachte sie schelmisch auf, fate Josi bei der Hand und zog den
Willenlosen von der Klostermauer hinweg unter den Bumen hindurch, bis
sie an eine kleine stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief.
Dort stand sie mit ihm still.

Gelt, das ist schn hier, Josi, sagte sie, der See und die weien
Segel und der Duft um die Berge, aber im Kloster ist's hlich!

Traurig erwiderte Josi: O Binia, ich gehe jetzt in die weite Welt --
ich gehe nach Indien. Noch einmal aber habe ich dich sehen wollen. --
Grad wie ein Engel bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und
weit nicht, wie du mir dort in meiner unsglichen Schmach wohlgethan
hast! -- Also lebe wohl, Bineli -- ich wnsche dir tausendmal Glck und
alles Gute!

Er streckte ihr die Hand entgegen.

Binia machte ein sehr betrbtes und rhrendes Schmollmndchen, das
bebte, als wollte es weinen:

Aber Josi.

Da hrten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Pltzlich blitzte es in
ihren Augen auf, sie hob sich auf die Zehenspitzen, sie legte die
Handmuschel an den Mund, als wollte sie laut Antwort geben, sie lchelte
aber nur: Ich komme nicht!

Josi war ganz verwundert: Binia!

O, Euphemia, die alte Grtnerin, wird sich schon herauslgen, da ihr
nichts geschieht. Du glaubst gar nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern
alle gut lgen knnen. Ich allein kann's nicht -- ich bin zu ungeschickt
dazu.

Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes Gesicht, hielt den
Fingerknchel an die weien Zhne und schaute den Burschen mit ihren
dunklen Lichtern ganz komisch an. -- Josi, schmeichelte sie, weil du
da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die Fe, heute wollen
wir zusammen durch Luft und Sonne laufen, bis das Abendrot scheint. Ich
drste nach ein bichen Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater
bekommen, da mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und ich
wieder nach St. Peter zurckkehren kann. Da knnen mir, wenn ich ihnen
auswische, die heiligen Frauen nicht mehr viel thun. O glaube mir, Josi,
das sind furchtbar grausame Weiber!

Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt.

Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewi nicht grad wieder ins
Kloster hinein!

Sie zog ihn mit. -- Die Liebe zu Binia und der Trotz gegen den Presi
besiegten seine Vorstze. Still wie Flchtlinge gingen sie eine Weile
durch Bume und Gestruch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf.
Sie entdeckten bald, da man sie nicht verfolge, auf der Hhe stie
Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich.

Josi, es ist so schn von dir, da du gekommen bist. Niemand strt uns
in dieser fremden, sonnigen Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine
Narbe immer noch!

Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia darber hin, er sah das Licht
rosig durch ihr kleines Ohr schimmern, die Spitzen ihres dunklen
Seidenhaares berhrten sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange
streifte ihn.

Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden Stimmen des Glckes
vermochten die Sorge nicht ganz zu bertnen. Du, Binia, hob er etwas
beklommen wieder an, es ist mir gar nicht recht. --

Was bist du fr ein schner Bursch geworden, Josi, unterbrach sie ihn,
berichte mir von daheim -- ich bin so neugierig.

Whrend er erzhlte, gingen die feinsten Spiele ber ihr Gesicht, es
wurde frhlicher und frhlicher -- als er ihr schilderte, wie er Thni
von der Planke geholt hatte, klatschte sie in die Hnde: Josi, das ist
herrlich -- ich mchte dir gern etwas Liebes anthun, aber ich wei nicht
was! Und mit demtiger Stimme: Ich wei nicht, warum ich dich so lieb
habe, Josi.

Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!

Das ist merkwrdig, erwiderte sie trumerisch und ihre Stimme wurde
wieder hoch und fein. Am Wassertrstungsmorgen, als ich sah, wie deine
Mutter wegen meines Vaters litt, da war's, als stnde pltzlich in
meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!' Und als der
Vater miverstand, was ich im Fieber redete, als er dich hate, da wurde
die Liebe nur grer; als er dich zu Blzi als Knecht gab, da wuchs sie,
als du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein Vater
schlug, da wute ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut Josis um mich, jetzt
kann ich ihn nicht mehr lassen, selbst um meine Seligkeit nicht! Und so
ist's mit mir: Wrdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so wrde
ich steigen, bis ich vor Mdigkeit umsnke, und wrdest du befehlen:
'Schwimme ber diesen See', so wrde ich mit meinen Armen rudern, bis --
du ziehst so ein finsteres Gesicht, Josi -- ich bin ganz unglcklich --
du denkst gewi, es sei schlecht von mir, da ich mit dir gehe, obgleich
es mein Vater nicht gern hat -- aber ich habe dich halt so lieb!

Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und schmig.

O Binia, antwortete er, du hast recht -- ich will mich mit dir an dem
schnen Tag freuen -- es ist vielleicht der einzige, den wir erleben.

Sie gingen weithin ber die sonnigen Hgel mit den prangenden
Herbstfarben, aber eine leise jugendliche Scheu schritt noch zwischen
ihnen, die manches, was sie sagen wollten, zurckhielt. Um so mehr
redeten ihre Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen
das andere.

Vor sich an einer Hhe sahen sie in die welkenden Bume hineingespannt
die Netze eines Vogelstellers. Neugierig wie Kinder liefen sie hinzu und
beschauten die malerisch hngenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln hing
mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen Vogel um den anderen
vorsichtig heraus, betrachtete lchelnd jedes Tierchen, prete ihm einen
Ku auf den Schnabel und gab ihm die Freiheit. Die Vgel flatterten erst
ngstlich, sprten dann die Befreiung, flogen in die Hhe und freudiges
Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die Erde zurck.

Josi staunte Binia nur an: Du herrliches Kind! Wenn aber der Mann kme,
dem diese Vgel gehren!

O, ich habe den Nonnen manchmal den Spa verdorben, und sie haben die
Thterin nie erwischt. Ich htte mich auch fr ein glckliches
Vogelherzchen die ganze Woche einsperren lassen. -- -- Josi -- ihre
Finger berhrten seine Hand -- vielleicht bin ich auch einmal so ein
armes Schelmchen -- und dann kommt jemand Barmherziger und lst mich.

Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund aber lchelte
herzgewinnend.

Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen, wie wir trotz dem
groen Zorn deines Vaters zusammenkommen knnten, stammelte Josi. Und
ich wei es -- es bleibt mir nichts anders brig, als da ich fr unsere
Liebe an die Weien Bretter steige.

Da lehnte sie ihr Kpfchen schluchzend an seine Brust: Das willst du
fr mich thun, Josi! Nein -- nein. -- Das darfst du nicht. -- Du wrdest
fallen, wie dein Vater gefallen ist. -- Und denke an meinen Vater -- ich
habe ihn, wenn er auch manchmal wst und bse ist, doch so stark lieb;
ich mchte nicht, da die Nachtbuben kmen, um dem Gemeinderat im Werben
zu helfen, und die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen:
'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da wrde er auch erst recht
wild ber dich.

Sie sah ihn hilflos an.

Binia, so thricht bin ich nicht. Ich plane es anders! Kein Mensch wei
es, was ich thun will, dir aber, liebes Bineli, will ich es verraten. --
In drei Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter aus der
Blutfron an den Weien Brettern befreien. Um zu lernen, wie ich's
angreifen mu, gehe ich mit George Lemmy nach Indien.

Josi! -- Du willst St. Peter aus der Blutfron befreien. -- Ein
berirdischer Glanz lag in ihren Augen und das Wort tnte wie ein
Schrei. Sie schaute ihn staunend an, sie prete seine Hnde. Josi,
kannst du das? -- Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben. -- Ich
halte dich nicht zurck -- nein, lieber Josi, thu's -- thu's! -- Meine
Gedanken sind mit dir, wenn du an den Brettern schaffen wirst.

Weiter, weiter fhrte sie die Sonne unter Kastanienbumen dahin, die
ihre stachlichten Frchte auf den Boden fallen lieen. Tief unter ihnen
gegen den See hin jauchzten die Winzer in den Reben.

Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie hatten zu viel von
Brust zu Brust zu tauschen.

Binia glhte fr Josis Plan.

Josi, jetzt wei ich, warum ich dich so lieb habe. Du hast halt ein
groes, mutiges Herz -- und als ich es noch nicht wute, habe ich es
doch schon geahnt, denn es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir,
ein Thor habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe hinaus in
den Frhling wandern kann. Es kommt alles, alles gut! Sieh, nur ein
festes Vertrauen braucht es, dann werden zuletzt alle Trume und Wunder
wahr -- auch das unserer Liebe und unseres Glcks. Gewi ist mein Vater
der erste, der dich mit Freuden empfngt, wenn du die Blutfron von St.
Peter nimmst. Er hat Sinn fr alles Groe.

Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder zu glauben und zu
hoffen an -- du liebes, liebes Kind. Er schlang den Arm um ihre Hfte
und so wanderten sie in heiligem Glck.

Das ist ein herrlicher Tag, jubelte Binia.

Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke an den Fluch des
Presi verschwand vor der blhenden Wirklichkeit. So schn hatte er sich
das Leben nie gedacht. Wie das nur kam, da er so allein mit Binia durch
die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte er es nur verdient? Rein
wie der milde blaue Herbsthimmel erschien ihm sein Leben, es war ihm,
als mte es nun immer so bleiben und als stnde nun die Zeit ber ihm
und Binia stille.

Wie lange ist so ein glcklicher Tag!

Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abwrts, und mit freundlichem Zuruf
grte Binia das bunte Vlklein der Winzer, dieses reichte ihnen dafr
Trauben und Pfirsiche ber Mauern und Hge und lachte dem wandernden
Prchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der Erntenden waren, schob
eines dem anderen scherzend die Beeren in den Mund.

Ich habe gar nicht gemeint, Josi, da du so lieb und artig sein
knntest, lachte Binia.

Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo man die Aussicht auf
den Spiegel des Sees frei geniet, setzten sie sich auf eine Bank im
Garten. Die Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas zu
essen und zu trinken wnschen.

Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand, da nippten sie nur an
den Glsern. Die Wirtin schaute ihnen etwas betrbt zu und versicherte
sie, da die Speisen gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein
paar Schnitten des rtlichen Fleisches in den Teller Josis. Sie selber
mge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin.

Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah, wie Binia pltzlich
erglhte.

Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia, warum sie so rot geworden
sei.

Sie senkte, aufs neue errtend, das Kpfchen, schlug die Augen auf und
lchelte kaum merkbar: Wenn ich's nur sagen drfte -- sie -- hat
gefragt -- ob wir Brautleute seien.

Da bergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem Rot und seine Narbe
trat deutlich hervor. Zgernd fragte er: Was hast du ihr geantwortet?

Es hat mich halt so schn angemutet, da habe ich 'Ja' gesagt. Sie
flsterte es mit feiner Stimme, sie lehnte sich zurck, da er sie nicht
sehen konnte, sie schmiegte sich so an ihn, da ihr weiches Haar, das
sich um die Schlfen wand, sein Ohr berhrte und umschlang mit ihrem Arm
seinen Arm.

Htte ich es nicht thun sollen, Josi?

Da suchten sich ihre Hnde, und als sie sich gefunden hatten, flsterte
sie: Jetzt sind wir aber auch wirklich Brautleute.

Josis Augen strahlten.

Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem noch blhenden Stock
schnitt sie die Rosen und gab sie Binia mit einem Glckwunsch. Binia
steckte die Knospen an die Brust und nun drngte sie zum Fortgehen. Sie
wollte mit Josi allein sein.

Das erste Stck Weges gingen sie schweigend. Da sagte Binia wie im
Traum: Ringe haben wir noch nicht!

Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli -- einen Tautropfen von der
Krone. 'Tautropfen' habe ich dich immer genannt, wenn ich an dich
dachte, Bineli.

Das ist lieb, sagte sie leuchtenden Blicks. Ich mchte gern ein
Tautropfen sein, so rein, so frisch, so sonnenvoll, damit ich dir immer
gefalle, Josi. Ich habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner
Mutter selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er gewi an einer
treuen Brust. -- Ich gebe dir diesen Mdchenreif -- er ist zu klein fr
deinen Finger. -- Aber trag ihn auf dir. -- Ksse ihn jede Nacht und
denke an mich.

Sie schmiegte sich zrtlich an ihn, er kte sie auf die Schlfe.

Da kte sie ihn auf den Mund -- er sie wieder.

Auf dem See lag ein weicher Abend und hllte die Welt in Licht und
goldigen Duft. Binia sah in ser Trumerei vor sich hin. In drei
Jahren kommst du wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann
alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen kommst.

In der Dmmerung erreichten sie die Nhe der Stadt wieder. Binia war
still. Die lange Wanderung hatte sie mde gemacht und ihre tolle
Entweichung aus dem Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken.

Was wird man dir anthun, arme Bini?

Sie zwang sich zu einem Lcheln: Auf einem kantigen Scheit werde ich
neben der Nonne knieen mssen, welche die Nachtwache hat, und beten.

O, du armes Kind, erwiderte Josi voll tiefen Mitleides.

Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich und an den langen
schnen Tag.

Wie mild und innig das von ihren Lippen flo. Josi wute nicht, sollte
er jauchzen vor Glck oder weinen, da sie seinetwegen in so grausame
Strafe kam.

Am mondbeglnzten See betrachteten sie die kleinen Heiligtmer noch
einmal.

Jetzt sind wir verlobt, hauchte Binia, jetzt bin ich deine Braut.

Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit, aber sie waren nun in
die Nhe des Klosteraufganges gekommen und pltzlich drckte sie Josi
heftig die Hand und kte ihn leidenschaftlich: Lebewohl, lieber,
lieber Josi, wir sehen uns gewi wieder und es kommt alles gut.

Dann ri sie sich los, kam nach ein paar Schritten noch einmal zurck:
Josi! Ein schmerzlicher Schrei aus blassem Gesicht, und dann
verschwand die flchtige Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und
starrte in die Dunkelheit, dann hrte er den schrillen Anschlag der
Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam, da ri auch
er sich von der Stelle los.

Wachte er oder trumte er? Er kte das Ringlein Binias, er dachte so
innig, so hei an sie, die jetzt um ihn litt. Aber auch der Fluch des
Presi peinigte ihn wieder.

Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer George Lemmys steckte, rief
dieser lustig: Boy, der Fu ist schon fast besser -- Felix Indergand
ist da -- morgen reisen wir!

Da trat Indergand, der starke, krftige Mann mit dem offenen Gesicht,
unter die Thre: Blatter, eben ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner
Nichte aus der Stadt gefahren.

Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und faltete die Hnde: An
die Weien Bretter fr Binia! dachte er. Was man im Namen der heligen
Wasser thut, das mu unabwendbar geschehen. Ich will's glauben wie die
zu St. Peter und dem Himmel mit einer That fr den schnen Tag danken.




XII.


Im Bren ist es, seit die Fremden fort sind, sonntglich still. Der
Presi sitzt in der groen Stube am Tisch unter dem Meerweibchen, raucht
seine Zigarre und erwartet den Garden.

Drauen im Flur hrt er Binias Stimme. Wie sie schn singt!

Der Presi hat eine aufrichtige Freude ber die Wiederkehr Binias. Nicht
blo weil damit ein bser, bereilter Streich gut gemacht ist, sondern
weil der Anblick des Mdchens sein Herz erquickt. Seine Augen bleiben,
so oft er es sieht, an dem Kinde hngen. Sie ist zwischen Siebzehn und
Achtzehn und der Aufenthalt auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im
geringsten geschadet. Sie ist frisch und schn, sie ist grer geworden,
die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfmdchen, dafr sind ihre
Glieder zu zart. An der ganzen lieben Gestalt sieht man eigentlich
nichts als die Augen, die unter den langen Wimpern so gro und dunkel
sind, die so lebendig leuchten, da einem darber ganz warm ums Herz
wird.

Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von ihm, vom Presi, sie
sei berhaupt sein Ebenbild, aber nur so, wie ein feines junges
Tnnchen einer Wettertanne gleiche.

Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich lchelt er jetzt. Binia singt.

Wenn sie nur nicht immer dieses hliche Kirchhoflied singen wrde,
denkt er. Aber es ist das einzige Lied, das sie kennt. Und das beste,
sie singt. Sie hat es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr
Gesang beweist, da ihr die Abreise Josi Blatters gleichgltig ist. Ja,
das Kind wird schon noch vernnftig, die Luft ist jetzt rein. Es ist
gut, da ich mit dem Burschen nicht mehr geredet habe.

Das Lied Binias bricht ab. Sie hat drauen ein kleines Wortgefecht mit
Thni. Sie zanken sich wie ehedem.

Da kommt der Bursche in die Stube: Es ist da ein Brief fr Euch,
Prsident! Und geht.

Der Presi liest, ber sein vergngtes Gesicht fliegen die Schatten
tiefer und tiefer, vom Vergngen sieht man keine Spur mehr -- nur
zuckende Wetter.

Gott's Donnerhagel, da ich es an dem Tage nicht merkte, wo sie ber
die Schneelcke gingen. -- Ein Telegramm -- sie htte im Kloster bleiben
mssen. Ah -- ah -- eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was bin
ich fr ein Kalb! So fhrt er mit rotem Kopf das Selbstgesprch und
knirscht vor Wut.

In dem Augenblick, wo der Presi so chzt, tritt der Garde mit schwerem
Tritt in die Stube und sieht die Verwstung in seinem Gesicht.

Was giebt's, Presi? Da reichte ihm dieser nur den Brief der Priorin
von Santa Maria del Lago. Drauen hatte Binia ihren Gesang wieder
aufgenommen.

Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig auf den Tisch legte,
sthnte der Presi: He, das ist eine schne Geschichte -- wenn man da
nicht verrckt wird. -- Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort,
da sie einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut, und
biete den beiden die Gelegenheit, da sie einen ganzen Tag ungestrt
miteinander herumludern knnen. Das wird schn zu- und hergegangen sein
-- der lausige Blatter -- und mein Kind!

Er prete die Pratze an die Stirne.

Schmt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind -- ich kenne Josi. Da ist gewi
weniger geschehen, als wenn die Bursche und Mdchen in Hospel drauen
auf dem Tanzplatz sind. Rechte Liebe ist ehrfrchtig, eines fr das
andere.

Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag halt den
Wildheuerbuben nicht leiden.

Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines Freundes und Gegners.

Hrt, Presi! Im Frhjahr vor einem Jahr, damals, als Frnzi starb, habe
ich mehr aus Zorn ber Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir
genommen. Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein geworden,
da wir nicht mehr leben knnten ohne sie!

Ja, das wei das ganze Dorf, da Ihr als alter Knabe verliebt seid in
das Jngferchen. Sie ist auch ein artiges Kind. Ihr httet es mir wohl
in den Bren geben knnen.

Mit einem hhnischen Lcheln sagt es der Presi. Der Garde aber fuhr in
ehrlicher Entrstung los: Verliebt. -- Presi, schaut, wie viel graue
Haare ich habe im Bart. Wit Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen
von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt hat es sich, da der
Bube, fr den sie so viel gelitten hat und fr den ich an die Weien
Bretter gestiegen bin, als ein Bldling aufgewachsen ist. Wir haben
keine wahre Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen und
die Gardin hat sich halb zu Tode gekrnkt, da ihr just so einer als
einziger beschieden war. Als er fnfzehn gewesen ist, hat er immer noch
nur blde zugeschaut, wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den
Steinchen gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin ins Herz
geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag gar nicht zusammen reden
mgen. Jetzt aber, seit Vroni da ist, ist er wie ausgewechselt. Frhlich
sichelt er neben ihr oder hlt mit den Knechten die Mahd, die schwachen
Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und hat Freude am Reden.
Das Herz geht mir auf, wenn ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie
wenn ein Wunder des Glckes ber den Burschen gegangen wre.

Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend die Hand hin:
Ich verstehe Euch schon, ich wnsche Euch Glck zur Schwiegertochter.
Ich htte einen anderen Geschmack gehabt, Garde.

Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi den Garden, dann
erwiderte er ruhig: Ich wollte gern, das Mdchen, das artige, gute,
nhme Eusebi, ich darf es ihm nicht zumuten -- nein -- nein -- ich
drnge sie nicht zusammen. Die zwei mssen sich von selber finden.

Als er den Hohn sah, der ber das sauber rasierte Gesicht des Presi
spielte, versetzte er barsch: Ich gebe Vroni, auch wenn sie Eusebi
nicht nimmt, eine Aussteuer, wie sie in St. Peter keine Bauerntochter
bekommt, ich wnsche nur, da sie noch ein paar Jhrchen bei uns
bleibt.

Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben mssen, Ihr erzieht ja das
Kind, als wr's vom Herrenhaus zu Hospel. Ist's denn richtig, da sie
eine eigene Mauleselin besitzt?

Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie schn sie auf der
Blanka zur Weinlese reitet!

Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden, so kann's in St. Peter
gut kommen!

Presi, seid doch still! -- Eure Fremden verderben das Thal, da wre
viel zu reden. Jetzt hat der Glottermller auch eine Wirtschaft
aufgethan. Das bse Beispiel.

Ja, was ist denn an Vroni Besonderes, lenkte der Presi ab, da Ihr
dem Kinde ein Maultier geschenkt habt.

Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten drfen, Presi.
Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich mit Eusebi an die
Militreinschreibung zu Hospel geritten. Fast gezittert habe ich vor dem
Tag und gefrchtet, Eusebi werde vor Scham, da man ihn nicht zum
Militr nehme, wieder ein Blder. Ich sitze whrend der Prfung der
Rekruten im Kreuz und mache mir trbe Gedanken. Da kommt Eusebi frher
als ich ihn erwartet geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich
angenommen.' Er zittert vor Seligkeit, da er das Glas nicht halten
kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum Wohlsein, Soldat!'
sagen, so hat mich die Freude, die ich nicht habe zeigen wollen,
gedrckt und gewrgt. 'Weit, Vater,' erzhlt er, 'wie mich so einer
mit Augenglsern angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe
hinter mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich aber denke
jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist kein Blder mehr!' Ihr
httet mir das schnste Heimwesen im Glotterthal schenken knnen, so
gefreut htte es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht ein
Krmlein bringen?' -- 'Allerwegen,' antworte ich, 'deine Schulmeisterin
mu einen Kram haben,' ich gehe zum Maultierhndler Imahorn in Hospel
und von vierzehn Stuten kaufe ich die schnste, und wie wir heimkommen,
sage ich: 'Die ist fr dich, Vroni, weil Eusebi zum Militr angenommen
worden ist!' Einem anderen, Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe
zweihundert Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin noch
heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren Herrgott vernarrt.

Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden spttisch das Haupt,
aber seine Stimmung war eine bessere geworden. Auf den Brief der Priorin
deutend, murrte er: Und nun meint Ihr -- das ist doch Eurer Rede
Sinn --, da ich Josi auch auf einen Esel setzen soll? Die zwei
achtbarsten Mnner von St. Peter die Schwiegervter der Wildheuerkinder
und so eine Art Gegenschwher!

Mit lachendem Hohn stie er sein Glas an das des Garden. Sagt ehrlich,
wenn es Eusebi so tagt im oberen Stbchen, was wr's mit ihm und Binia?
Der Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien wre doch eine andere Freude
als nur eine Verwandtschaft durch die Wildheuerkinder.

Man wute nicht recht, war es Scherz oder Ernst, so eigentmlich sprach
er es, der Garde aber schttelte den mchtigen Kopf: Etwas langsam ist
halt Eusebi immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches,
heftiges Blut. Das pat wohl nicht zusammen.

Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt, pat die
Rebellin, die aus dem Kloster luft -- -- nicht wahr, Garde, sagte der
Presi halb hhnisch, halb lustig.

Ho! erwiderte sein Gastfreund, ich meine, Josi Blatter wre mir an
Eurer Statt so lieb wie Thni Grieg.

Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Thni Grieg! Er und Binia verkehren ja wie
Hund und Katze. Jetzt will ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini
-- Bini! -- Er stand auf und rief es durch die Thre.

Das Mdchen, das mit seinem Gesang aufgehrt hatte, als die beiden
Mnner laut geworden waren, erschien, nichts ahnend, mit
freudestrahlendem Gesicht.

Da lies diesen Brief, sagte der Presi streng. Ein Blick Binias in das
Schreiben, sie wurde dunkelrot und zitterte.

Was habt ihr an dem Tag gethan? -- rede nur, der Garde darf es auch
hren. Es klang nicht eben bs, wie es der Presi sagte.

Binia stutzte einen Augenblick, ihre Rte ging in Totenblsse ber. Sie
warf sich vor ihm auf die Kniee, umschlang die seinen und hauchte leise,
doch fein und klar: Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam
wir gewesen sind. -- Josi und ich haben uns -- verlobt.

Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf es neben die Knieende auf
den Boden, da es in hundert Stcke zersplitterte.

Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel! keucht er heiser, taumelt
und will mit den Fusten auf sie los, aber der Garde hlt ihn: Lat sie
ausreden! und wie der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit
seinen eisernen Armen und drckt ihn auf den Stuhl. Hockt ab, Presi,
und hrt. Dann sprecht!

Binia wollte sich flchten. Bleibe, Kind! knurrte sie der Garde an.

Der Presi schnaubte und zischte: Der Hund! der Hund! Wie wagt er sich
an dich? He, schne Augen hast du ihm gemacht, du!

Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem Rcken an der Wand, an die sie
hingetaumelt war, nur die wogende Brust und die bebenden Nasenflgel
verrieten das pulsierende Leben.

Vater -- ttet mich -- aber ich sage es! -- Ihr seid mit Frnzi verlobt
gewesen, Ihr habt sie ohne Grund verlassen; ich aber mu an Josi gut
machen, was Ihr an ihr bs gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter
eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber ich lasse ihn
nicht, ich habe alles gehrt, was Ihr am Wassertrstungstag mit der
Frnzi geredet habt. Da ist mir die Liebe gekommen.

Wie merkwrdig die feine verhaltene Stimme klang, ein Singen war es,
mehr als ein Reden, ein sonderbares Singen, wie wenn der Wind durch die
Waldwipfel streift, ein Ton, als flstere er aus schweigender Hhe.

Die Stimme brach, die Unglckliche schwankte und tappte der Wand entlang
gegen die Thre.

Du --

Von schaumbedeckten Lippen zischte das grliche Wort, das Wort, das ein
reines Mdchen ttet.

Presi! Ihr habt Euch vergangen! stt der Garde mit einem Blick
hervor, als wolle er sich auf ihn strzen.

Der Presi rchelte. Pltzlich scho er auf und faustete. Dann sank er
entkrftet auf einen Stuhl -- chzte -- und nach einer Weile sthnte er
wirr: Jetzt ist es klar. -- Frnzi -- das hat mich immer gewundert,
wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner Stube verschwunden ist. -- --
Bini -- Bini. -- -- Seppi Blatter -- Frnzi -- ihr seid grausam gegen
mich!

Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst als seine Wut in eine
weinerliche Wehmut berging, die dem gewaltigen Mann fast komisch stand,
sagte der Garde feierlich: Ich will Euch eine Geschichte erzhlen, ich
habe sie von Frnzi.

Der Presi krmmte sich unter dem Namen.

Hrt, Presi! Auf der Burg zu Hospel sa ein Ritter. Seine Tochter
liebte einen Knappen. Zornig darber lie der Vater den Jngling ber
den Felsen, auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber strzte
sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf machte der Ritter eine
Bufahrt nach Rom. Als er ber den Gletscher kam, da standen im Eis weit
voneinander die armen Seelen der Liebenden. Sein Tchterlein lchelte.
Da fragte der Ritter: 'Warum lchelst du, Kind, whrend du doch so
frierst?' Sie antwortete: 'O Vater, siehst du nicht, da ich und mein
Liebster bald beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite
harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zurckkehrte, da waren die armen
Seelen einander so nahe gekommen, da sie sich mit den Hnden
erreichten. Bestrzt darber, da das Eis barmherziger war als er und
nachgab, bereute er seine Hrte bitterlich. Da hrte er eines Tages eine
Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!' Da wute er, da die groe
Liebe das Eis ganz berwunden hatte und die armen Seelen dicht beisammen
standen.

Wozu das? fragte der Presi dumpf. An die armen Seelen glaube ich
nicht!

So -- meinetwegen -- aber glaubt Ihr, Ihr seid strker als der Ritter
von Hospel? -- Ihr seid strker als der Gletscher?

Der Presi sthnte.

Josi und Binia, fuhr der Garde mit getragener Stimme fort, es giebt
kein schneres Paar im Glotterthale, aber auch nicht zwei so wilde
Herzen wie sie.

Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel, sthnte der Presi in wehem
Zorn, -- ich will nicht, da mein Kind nur so ber mich
hinwegschreitet. -- Das verzeihe ich Bini nie!

O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen. Ich an Eurer Stelle
wrde auf ein schnes Alter denken. Wenn Ihr aber den Kopf zu stark
setzt, so seht zu! Dann kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben
Frau an der Brcke rutschen wrdet, wenn Ihr Bini nur Josi geben knntet
und sie friedlich wtet. Gnnt ihnen beizeiten ein grnes Pltzchen zum
Glck, sonst steigen auch sie auf die Berge und halten dort oben wie der
Knappe und das Frulein Hochzeit als schuldige Seelen.

Ihr meint an den Weien Brettern!

Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte und sein Gesicht
hatte sich verzerrt.

Was sagt Ihr? fragte der Garde berrascht.

O Garde -- es ist nur ein schrecklicher Traum, aber er ngstigt mich.
Ich habe Binia mit blutendem Haupt neben dem jungen Blatter an den
Weien Brettern gesehen.

Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das herrliche Kind, wie nicht
alle hundert Jahre eins im Berglande wchst, stand blutend an den Weien
Brettern?

Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich liebe und die mich so
elend macht.

Und die Wehmut berwog den Zorn.

Presi! Trume sind Schume, sagt man, der Traum aber kommt aus dem
Gewissen -- es steht bse darin -- macht Ordnung -- an Seppi Blatter, an
Frnzi habt Ihr es verbrochen -- macht es am Sohn gut -- sprt Ihr
nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um Zug ber Euch ist. --
Merkt Ihr es nicht, Presi? -- Macht Ordnung!

Wie Hammerschlge fallen die Worte des Garden auf die Brust des Presi.
Er bebt, er schwitzt.

Wohl, ich merk' es -- ich merk' es, Garde, sonst htte mir das meine
Binia nicht angethan -- ich htte den Josi Blatter nicht nach Indien
gehen lassen sollen. -- O Garde! -- Mir ist, ich knnte ihn lieb haben.

Wie aus gebrochenem Leib sthnte es der Presi.

Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da trat Frau Cresenz in
die Stube und wischte die Scherben des zerschmetterten Glases zusammen.
Ohne da sie recht wute, was vorgefallen war, jammerte sie: Das Kind
ist halt ganz der Vater, das kann man nicht ndern, das sind zwei harte
Kpfe. Und dann wandte sie sich an den Presi und trstete ihn mit
fraulicher Milde, aber mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht
tief gingen.

Der Garde htte viel darum gegeben, die Frau wre nicht gekommen oder
wenigstens rasch wieder gegangen, als sie aber blieb, da wurde er ber
die Strung wild und ging selbst.

Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau, aber das Weib, die
Mutter von unergrndlich tiefem Herzen, das an diesen Posten gehrt, ist
sie nicht.

So knurrte er, als er ber die steinerne Treppe hinunterschritt.

Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte, war dieser hart wie
Glas, die beiden gewaltigen Mnner, die sich sonst so gut verstanden
hatten, berwarfen sich und der Verkehr von Haus zu Haus hrte auf. Nur
Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen.

Bini ist eine Spinnerin geworden!

So sagten die Leute von St. Peter und streckten dabei den Zeigefinger
gegen die Stirn. Man munkelte, sie sei im Kloster Madonna del Lago
mihandelt worden. Um den bsen Segen, den sie und Josi von Kaplan
Johannes empfangen haben, zu vertreiben, htten ihr die Nonnen jede
Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen um Tropfen, auf das Haupt
gespritzt, da mit dem bsen Segen auch ein Stck guter Seele von ihr
gewichen sei. Und das suche und suche sie in Gedanken.

Die thrichten Leute! Binia war allerdings, nachdem sie aus dem Kloster
gekommen, eine Weile bla und wankte wie ein Schatten einher, aber nicht
die Nonnen hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der
Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt nichts als die
groen dunklen Augen wies.

Ein einziges, grliches Wort des Vaters!

Und jetzt warb er nicht um sie wie einst -- er setzte sich nicht an ihr
Bett, er flsterte nicht: Meine Maus -- mein Gemslein. Er sagte nicht:
Du lieber, lieber Vogel. Jetzt war auch keine Frnzi mehr da, die ihr
zu mitternchtiger Stunde das wirre Kpfchen zurechtsetzte.

Droben in ihrem Kmmerlein schluchzte sie: Mutter -- liebe tote Mutter:
Es ist schrecklich -- wie mich der Vater verachtet. -- Und er ist doch
so ein herrlicher Mann. -- Und Josi mu ich halt lieben.

Manchmal wute sie nicht, war es die Emprung gegen den Vater, war es
die Liebe zu ihm, die strker in ihr wteten. Ein Blick -- ein
herzliches Wort -- sie wre jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton
blieb kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge wurde,
sobald er sie erblickte, lauernd und mignstig. Und das entsetzliche
Wort, das er ihr entgegengeschleudert -- das sa!

Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen Herzen kann die Hoffnung
nie sterben. Dazu mu der Mensch alt sein -- alt -- alt! Mihandelt ein
junges Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und lchelnd liest es seine
Scherben auf, streicht mit zitternder Hand darber, und es ist fast das
feurige Herz von zuvor.

Wie ein Tnnling ist die Jugend. Ein Stein saust aus der Hhe und
schlgt ihm die Kerze ab, die er so lustig in das Spiel der Winde erhob.
Was thut der arme Tnnling? -- Er richtet ein Zweiglein gerade auf, das
wchst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und kaum der Forstmann
erkennt noch, da der Tanne einmal die Krone abgeschlagen war. Aber eine
junge, kerngesunde Tanne mu es sein, sonst bringt sie das Wunder nicht
zu stande.

Binia war eine junge, kerngesunde Tanne.

Sie wurde die stille Wohlthterin des Dorfes und bte ihren Herzensberuf
mit der Frische und Wrme der Jugend. Sie guckte mit einem guten Lcheln
in die Htten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte Liebes
mit ihnen. Sie gewann die Herzen und vershnte. Wenn sie fort war, lag
eine Blume auf dem Bett oder es klang ein Wort nach, das Glck
verbreitete -- und ihre grte Kunst -- sie wute jedem das, was er
bedurfte, so zu geben, da es kein Almosen war.

Redet einmal mit Binia, die wei schon Rat, sprach man im Dorf, sie
hat noch das bessere Herz als die selige Beth.

Und seltsam! Der Presi lie sie gewhren. Wie der Name Josi Blatter, so
schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte aus den Gesprchen der
Leute von St. Peter, sie sagten nur:

Wie ein Engel geht sie durchs Thal.

Unter den Gsten war niemand, der sie nicht liebte. Manche junge
vornehme Tchter stellten sich wie Schwestern zu ihr: Binia, Sie liebes
gescheites Bergkind, wenn wir Sie nur mit in die Stadt nehmen knnten,
man bekommt ja ein heies Heimweh nach Ihnen.

Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein junger Herr der alpigen
Rose ein Rslein schenkte.

Thni Grieg!

Die schmhliche Versteigung an der Krone, die ihn dem Gelchter des
Dorfes preisgegeben hatte, war der Anla, da er nacheinander die
Bubenschuhe, zuerst den einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und
nach dem groen Donnerwetter von damals stellte sich der Presi besser
als je zu ihm.

Thni besorgt die Post, die im Sommer wichtig genug war, gewissenhaft,
ebenso die Zufuhr der Lebensmittel von Hospel und war den Fremden im
Haus durch sein frhliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter.

Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie!

Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze mit den
Teufelsaugen!

Thni, schme dich doch, dich hat man ja von den Kronenplanken holen
mssen.

Ich wrde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen in Santa Maria del
Lago versorgt gewesen wre.

Wtend lief Binia davon. Sie wute wohl, da ihr der Vater mit Santa
Maria del Lago einen Schimpf angethan hatte -- einen Schimpf, den sie
erst verdient hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt
hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag glnzte wie ein Stern in
ihren Gedanken, sie lchelte jedesmal vertrumt, wenn sie seiner
gedachte.

Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr Thni wie ein wildes
Tier dazwischen.

Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen. Ich tte ihn,
wenn er je wieder nach St. Peter kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal
ein gutes Wort -- oder -- oder --

Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wute sie es: Hinter seinen
Beleidigungen stand die wtende Eifersucht.

Sie frchtete Thni und er merkte es.

O, ich thue dir nichts, sagte er vorwurfsvoll, aber wenn du nicht
anders zu mir wirst, so stelle ich an mir selbst ein Unglck an.

Thni, erwiderte sie khl, wenn du das nur ber die Lippen bringst,
so ist es kein Schade fr dich. Du machst ja jetzt Blzis Kind den Hof.

O, nur aus Verzweiflung, da du, statt mit mir lieb zu sein, mich
kratzen mchtest.

Dann wollt' ich aber sie nicht sein! spottete Binia.

Sie gab ihm kein gutes Wort.

Zwischen Thni und Blzis Aeltester, die im Bren Magd geworden war, kam
es so weit, da Frau Cresenz, um den Unwillen der Gste gegen die
Liebeleien zu beschwichtigen, das sonst anstellige Mdchen mitten im
Sommer entlassen mute. Jeden Abend, oft noch sehr spt, lief er aus dem
Haus, man munkelte, zu ihr.

Es geschah aber heimlich und hinter dem Rcken des Presi, und Frau
Cresenz schwieg, sie frchtete die Hndel.

So ging der Sommer.

Da machte Binia in den letzten Tagen zufllig eine merkwrdige
Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann, der ihr sehr streng
geschienen hatte, den sie aber doch liebte, sagte Abschied nehmend zum
Vater: Schn ist's im Glotterthal -- und ein Meitli[28] habt Ihr
schon, Herr Prsident, da man noch einmal jung werden mchte!

  [28] _Meitli_, schweizerdeutsch, so viel wie Mdchen, Tochter.

Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort des Vaters.

Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb? -- Fr wen rackere
ich mich denn? Ich htte den Mut fr das Vielerlei des Geschftes nicht
ohne das sonnige Kind!

Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort, einen vollen
rckhaltslosen Blick gab.

Sie mute an sich halten, da sie nicht laut aufjauchzte, sie rannte und
sprang wie ein Reh und die Gste fragten: Haben Sie denn Sonntag in den
Augen, Binia?

Ja freilich, das Leben ist halt schn! lachte sie und fort war das
Reh.

Ist das eine liebe Hexe -- eine herzbezwingende Gestalt, redeten die
Gste hinter ihr.

Es war im Herbst, der Vater zhlte mehrere Rollen Silber und Gold -- er
schmunzelte, er lachte, er trank Hospeler dazu. Dann redete er irgend
etwas mit Frau Cresenz, die ihn bald wieder verlie, und pltzlich sah
Binia, wie er vor sich hin faustete: Sie ist ein Affe -- sie ist ein
verdammter Affe. -- Die selige Beth hat doch nicht immer Ja gesagt,
hrte sie ihn murmeln.

Binia kannte den Vater genau. Er konnte den Widerspruch nicht leiden,
aber wenn ihm von Zeit zu Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es
ihm auch nicht wohl. Und da er der toten Mutter ehrenvoll gedachte,
freute sie tausendmal.

Heute war der Vater entschieden verstimmt ber Frau Cresenz. Der Affe!
Niemand hat man, mit dem man ein vernnftiges Wort reden kann, als
Thni.

Als Thni! Binia glhten die Wangen vor Eifersucht, sie hob sich auf
die Zehenspitzen und von rckwrts, so da der Vater sie nicht sehen
konnte, lief sie auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und
drckte ihren frischen roten Mund mit sem Ku auf seinen Mund. Kind!
-- Binia! -- Was willst? -- Der Presi war ganz erschrocken.

Sie lchelte ihn an, frhlich und schmerzlich zugleich, flehentlich und
hoffnungsvoll.

Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen -- ich ertrage es nicht.
Der Presi sagte es unsicher.

Wohl, wohl, umkehren mcht' ich's dir, Vater, ich mchte die Liebe
darin sehen! Vater -- ich halte es auch nicht mehr aus, ohne da du ein
bichen lieb mit mir bist.

Da war der harte Presi berwunden, es ging ein glckliches Lcheln ber
sein eben noch finsteres Gesicht. Und er nahm ihre beiden Hnde: Ja,
Vogel, ich mu mit dir reden. -- Du bist ja jetzt in einem Alter, wo man
keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den frhlichen Finken
einfangen will. -- Kind, ich habe nur dich und wnsche, da du glcklich
werdest. Ich gebe dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du
heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.

Mit rotem Kpfchen sa Binia da -- sie schluckte, als wollte sie etwas
sagen.

Ein mitrauischer Blick des Vaters, dann sagte er streng: Es giebt
einen Namen, der in unserem Haus nicht mehr ausgesprochen wird.
Verstehst du! -- Im brigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.
-- --

Binia steht sinnend in ihrer Kammer.

Zwei Jahre noch -- dann kommt Josi -- er kommt wie ein Held -- er tritt
mit einer That vor das Volk, so gewaltig, wie noch keine im Bergland
geschehen ist -- er erlst St. Peter von der Blutfron an den Weien
Brettern und alle jubeln: Josi Blatter ist grer als Matthys Jul.

Und er besiegt den Vater.

So lang will sie tapfer kmpfen, den Vater nicht reizen, aber Josi treu
sein im Herzen.

Und unter Thrnen lchelnd kte sie den Tautropfen, den er ihr gegeben
hat.




XIII.


Pate! -- Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es geht ihm gut. Mit
strahlendem Gesicht jubelt es die sonst zur Stille geneigte Vroni und
hlt den in groen ungefgen Buchstaben gemalten Brief in zitternden
Hnden. Hrt, wie er lautet:

Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder einmal berichten, wie's
mir geht. Es geht mir gut und George Lemmy ist recht mit mir, aber
scharf und vom Schaffen klpft[29] mir schier der Rcken. Das ist
gesund. Wir sind jetzt an einem Berg, der heit Himalaja. Die Stadt
heit Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir machen eine Strae.
Liebes Vroneli, Du wirst denken, ich schreibe nicht schn. Das kommt vom
Felsensprengen und Du mut nicht lachen. Thue Dich gar nicht kmmern
wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. -- Und an den Vater selig,
was ich auch thue. Es ist dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat
es Dir gewi schon erzhlt. Und wenn ich in der Nacht zwei Sternlein
beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli -- du liebes Vroneli'.
Ich mu manchmal in den Hemdrmel beien, sonst wrde ich brllen[30].
Der Indergand vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. Ich
lasse das Bineli tausendmal gren, Dich auch, den Eusebi und alle. Und
ich komme dann schon wieder heim. Schreibe mir recht bald. Dein treuer
Bruder Josi. Die Adresse steht auf dem Umschlag.

  [29] _klpft_, schweizerdeutsch, so viel wie bricht.

  [30] _brllen_, schweizerdeutsch, heftig weinen.

Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel greren Brief, als sie
empfangen, an Josi. Wie in ihrer Hand die Feder gut lief!

Aber ber eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, auf diese fielen
ein paar Tropfen, die den schnen Brief fast verdarben.

Die unglckselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem Bruder nichts
Betrbliches schreiben, aber sie wute schon, da aus dieser Liebe
nichts Gutes entstehen konnte. Binia war fast noch die Schlimmere als
Josi. Auch jetzt kam sie gelaufen und bat und bettelte, da sie den
Brief lesen drfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz
berstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief Vronis schrieb
sie:

Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an die zuckenden Vgel von
Santa Maria del Lago und lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben
schon den Tod gesehen, und nun fliegen sie doch ber Land und Meer. In
herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.

Vroni sah den Gru mit Schmerzen, der trotzige Mut Binias, die doch mehr
einer wehrlosen Blume als einer Kmpferin glich, kam ihr wie eine
Vermessenheit vor.

Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut.

Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, der Gardin und Eusebi im
Glotterhtchen, unter dem die zwei blonden Zpfe niederhingen, mit
blauen lachenden Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch ber die
junge Flle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und den
Rosmarinstrau in den Hnden, sittig die Kirchentreppe zum Kirchhof
hinaufschritt, so flsterten die Leute: Wenn nichts Ungeschicktes
dazwischen kommt, so giebt die keine Wildheuerin.

Am hbschesten aber war die Zwanzigjhrige wohl, wenn sie mit Rechen und
Gabel frisch und gesund im Morgentau ber die Wiesen schritt. Etwas vom
stillen Wesen der Gardenfamilie war auf sie bergegangen, ein rasches
Vorwrts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, aber was sie in Ruhe
that, ging ihr mhelos und anmutig von der Hand. Und wo sie in stillem
Frohsinn mitwerkte, lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten
es.

Und sie selber wnschte sich nichts Schneres, als das wandernde
Sommerleben der Bauernleute von St. Peter. Fr ein paar Tage ritt man,
das Notwendigste zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, wo
jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besa, dann hielt man sich
einige Tage auf der Maienssse auf, um dort das Vieh grasen zu lassen
oder zu heuen, wieder etwas spter arbeitete man auf dem Acker beim Dorf
und am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch.

Da sa der ganze Haushalt mit den Knechten vor der Htte, die Glocken
des Viehes klangen friedlich in die tiefe Stille und die Enzianen
standen wie im Gebet.

Vroni, erzhle eine Geschichte, sagte das eine Mal der Garde, das
andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, der Viehknecht, war ein dankbarer
Zuhrer, und mancher, der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis
Glockenspiel hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge hbsche
Burschen, die sich nicht blo wegen der Geschichten in den Kreis
drngten.

Sie ist halt grad wie die Frnzi selig, darum hlt sie der Garde so in
Ehren.

So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni gram, die Burschen aber
waren ihr gut.

Frau, sagte der Garde, wir mssen uns entscheiden. Es geht um das
Mdchen wie um frisches Brot. Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenlpler
gefragt, ob sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen drfe. Er
wrde Vroni gern einen Antrag machen. Heute ist der alte Peter Thugi
gekommen und hat so eindringlich gebeten, wir mchten sie dem jungen
Peter geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe aber beiden
abgewinkt.

Httest du doch lieber zugesagt, schmollte die Gardin, Vroni setzt
sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme Eusebi.

Geschehe nichts Schlimmeres! erwiderte der Garde.

Und ich meine, es wre jetzt, wo Eusebi im Militrdienst ist, gerade
die rechte Gelegenheit, da wir Vroni aus dem Haus bringen, natrlich in
allen Ehren. Ich habe nichts gegen sie -- es geht mir nur so stark gegen
das Herz, da unser einziger ein Wildheuermdchen nehmen soll. Htte ich
drei Buben, so knnte einer schon Vroni nehmen -- aber der einzige. Wir
sollten doch auch auf eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so
zuweg, da er berall anfragen darf.

Das thtest du deinem Buben zuleide, da du Vroni in seiner Abwesenheit
gehen lieest. -- Nein, Gardin, Vroni bleibt da!

Mit Festigkeit erklrte es der Garde.

Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurck. Vater, ich habe
mich furchtbar zusammennehmen mssen, da ich immer nachgekommen bin,
aber es ist gut gegangen. Das sprte man Eusebi an. Er erzhlte seine
Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen.

Ja, aber Eusebi, lachte der Garde, bei uns giebt's auch Neuigkeiten.
Vroni bleibt wohl nicht mehr lang da, die Burschen im Dorf gucken sich
fast die Augen aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will,
haben sich schon als Freier gemeldet.

Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, glhte wie eine Rose
auf: Ich will aber keinen, ich bleibe bei euch, Garde. Und wer wollte
sich auch im Ernst um mich kmmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich
ledig bleibe.

Schn war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, das Haupt gesenkt,
mit zitternden Fingern an den Haften ihres Mieders nestelte.

Eusebi aber ri an seinem Schnurrbrtchen, da es ihm in den zuckenden
Fingern geblieben wre, wr's nicht so fest angewachsen gewesen. Wie
unvorsichtig war es, denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht
beinahe hbsch!

Am Abend berraschte die Gardin ihren Sohn, wie er bei Vroni am
Herdfeuer in der Kche stand und das Blondhaar des abwehrenden Mdchens
zu streicheln versuchte und immer wiederholte: Gelt, liebe Vroni, es
ist dir doch nicht ernst, da du ledig bleiben willst?

Halb freute, halb rgerte sich die Gardin. Nein, das war nicht mehr der
scheue, blde Eusebi. Mit einem Scheit jagte sie ihn aus der Kche und
Vroni hielt sie eine Predigt.

Der erwachende Eusebi warb aber so freimtig um Vroni, da ihre Stellung
zwischen Sohn und Mutter immer schwieriger wurde und sie Mhe hatte,
sich in den Augen der Gardin untadelig zu benehmen.

Bald aber berschattete ein trauriges Ereignis das im Hause aufblhende
sanfte Liebesspiel.

Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren Brief mit dem Zusatz von
Binia an Josi geschickt hatte, mitten im tiefen Winter, kam das
Schreiben, mit vielen Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas
durchschnitten, an sie zurck und auf der Rckseite stand: %Addressee
died in the cholera-hospital at Srinigar.% Diensteifrig hatte Thni
schon die Uebersetzung auf den Umschlag gefgt: Der Adressat ist im
Cholerahospital zu Srinigar gestorben. Darunter stand irgend ein
Stempel.

Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Hnden, da kam schon
Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; Vroni, liebe Vroni, gelt, das
ist nicht wahr, er lebt!

Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mchtig, auf einen Schemel gesunken
war, rief immer nur, da sich die Wnde htten erbarmen mgen: Es ist
halt nach dem Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot
-- o, als er ging, habe ich es gewut, da er sterben wrde!

Die groen dunklen Augen Binias erweiterten sich schreckhaft.

Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft und der Zusammenbruch
Vronis erschtterten sie mehr als die erste Nachricht, um ihren Mund
zuckte das Weinen, sie wankte hinaus in die Winterdmmerung. Es ist
nicht wahr! -- Diejenigen, die gelobt haben, fr die heligen Wasser an
die Weien Bretter zu steigen, knnen ja nicht krank werden und nicht
sterben, bis ihr Gelbde erfllt ist.

Im Volksglauben suchte sie Trost.

Zuerst mitraute auch der Garde und das ganze Dorf der Todesbotschaft.
Hatte man Josi Blatter nicht schon einmal fr tot gehalten und dann war
er doch wieder lebendig zum Vorschein gekommen!

Hat er sich gemeldet? fragte man Vroni. Nein, das nicht -- ich habe
nichts gesehen und nichts gehrt.

Dann lebt er, dem nchsten Verwandten mu sich ein Sterbender melden,
und ginge sein Weg ber das weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in
Tremis einer, der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.

Allein die Trstungen des Volksglaubens hielten nicht stand vor der
herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den Brief bei der ersten Gelegenheit
mit in die Stadt und legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die
Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil es auf der
Rckkehr aus dem Choleragebiet geruchert worden sei, und die Cholera
sei eine Krankheit, die den gesundesten Mann in einer Stunde wegblase.

Der Garde erbat sich aus Brggen die Adresse Indergands; als sie
anlangte, schrieb er an den Kameraden Josis, Vroni sandte noch einmal
einen Brief an Josis eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja
nicht einmal mehr die Briefe zurck, auch das groe amtliche Schreiben
nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter an den schweizerischen
Konsul in Kalkutta wandte, und unter Angabe der nheren Umstnde um
einen Totenschein fr Blatter ersuchte.

Unterdessen war man schon wieder in den Sommer gekommen, und Vroni sagte
die Totengebete fr den Bruder her, und das Schnste deuchte sie immer
das Kirchhoflied:

    Du armer Knabe! Schlaf am Meere!
    Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,
    Sieh, Gottes sind die Sternenheere,
    Er schickt ein Trpfchen, das die Stirn
    Mit frischem Gletschergru umsplt
    Und dir das heie Heimweh khlt!

Die tiefe Trauer des Mdchens hielt auch im Dorf das Andenken an Josi
Blatter noch eine Weile rege.

In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den Drflern das kurze
Leben Josis. Sein Vater war zu Tode gestrzt, durch die Schuld des Presi
war der Bursche auf einen bsen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen
Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich nie gewesen,
gromtig hatte er sogar sich selbst fr die fnf Verstiegenen in die
Schanze geschlagen.

Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu Grunde gerichtet hat,
wird es kommen!

Das flsterte stetig durchs Dorf.

Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie Eusebi, und die Gardin
wurde darber eiferschtig auf sie. Als eines Tages, just wie der Garde
und Eusebi auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis blauen
Augen das tiefe Gemt entdeckt hatte, das Mdchen als Begleiterin
anstellen wollte, riet die Gardin Vroni dringend zu: Du bekommst es
gewi besser als bei uns -- du wirst vielleicht in ein paar Jahren
schon eine reiche Erbin!

Da strzten Vroni die Thrnen hervor. Das war ein Blitz aus heiterem
Himmel. Vor ihrem Bett im Kmmerlein kniete sie und schluchzte
herzzerbrechend und stundenlang.

Sie merkte es nicht, wie die Mnner heimkamen, wie Eusebi, er, der
Langsame, die Treppe heraufstrmte, wie er etwas schchtern die Thr
ffnete und in das Kmmerchen trat, sie sprte es erst, als er immer
noch etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: Vroni,
weine nicht.

O Eusebi, ich soll fort -- und ich kann nicht. Es ist mir ja nirgends
wohl als bei euch!

Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb, trstete er herzlich.

Da blickte sie mitten aus den Thrnen einen Augenblick sonnig und
glubig auf, aber nur einen Augenblick:

Eusebi, rede nicht so -- du weit, ich bin ein armes Mdchen, obwohl
ihr mich wie eine Tochter gehalten habt. Es ist besser, ich gehe.

Da rannte Eusebi aus der Kammer: Mutter, wenn Vroni fortgeht, so gehe
ich auch.

Sei kein Narr, Eusebi, sagte diese berlegen und khl, hat je ein
Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?

Eusebi tobte und strmte in die Stube: Hast du's gehrt, Vater -- Vroni
geht fort.

Der Garde sa breit am Tisch und sttzte den Kopf in beide Fuste:
Thorheiten -- Thorheiten, murmelte er vor sich hin.

Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder fort, hinauf in sein
eigenes Kmmerlein, kam aber bald zurck und die Buerin schlug die
Hnde zusammen.

Seit wann trgt man das Sonntagsgewand zum Werktagsfeierabend?
spottete sie.

Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter -- mit Vroni zusammen
suche ich einen Dienst.

Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, seine Augen blitzten
nur so. Da nahm sie ein Scheit, drohte dem schnurrbrtigen Sohn und rief
zornig: Auf der Stelle legst du das Sonntaggewndchen ab, du, -- du --

Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, ergriffen, mit einem
Ruck warf er es weit weg: Mutter, so geht es nicht mehr!

Da schrie die Gardin in die Stube: Alter, hrst du nichts. Eusebi will
mir nicht mehr folgen. O, der Lmmel -- der Lmmel!

Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr, trotzte Eusebi, ich gehe
jetzt mit Vroni.

Das ist der Segen und der Sonnenschein, von dem der Alte immer geredet
hat. -- Einen ungeratenen Buben habe ich jetzt durch sie -- Garde --
Garde -- bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht? Und sie ri
ihm die eine Armsttze vom dicken grauen Haupt hinweg.

Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, da er es nicht mehr
verhalten mochte, vor sich hin lachte.

Was ist auch das, du lachst! Sie war verwirrt und wtend.

Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. Ich kann dir nicht
sagen, wie gut er mir jetzt gefllt.

Die grogewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernchtert grollte sie: O,
ihr wsten Mnner!

In dem Augenblick kam Vroni sonntglich gerstet und schluchzte: Nur
danken mcht' ich euch fr alles Liebe und Gute, aber Streit soll es
meinet -- -- Ihre Stimme erstickte.

So lebe wohl, liebes Vroneli, sagte der Garde, nicht traurig, sondern
gemtlich, Eusebi wird schon recht zu dir schauen.

Die Gardin war starr.

Und Eusebi sagte tief bewegt: Also lebet wohl, ich habe halt Vroni zu
lieb, ich gehe jetzt mit ihr -- behte dich Gott, Vater -- behte dich
Gott, Mutter!

Als er nun aber Vroni, die, gerttelt von Leid, die Stube schon
verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin ihrem Manne zu: Du
Rabenvater, deinen Einzigen lssest du nur so in die Fremde gehen --
wenn er jetzt ein armes Knechtlein wird -- der Sohn des Garden von St.
Peter.

Sie weinte aus heiem mtterlichem Herzen und der Garde knurrte: Man
mu ihm halt dann und wann einen Napoleon[31] schicken.

  [31] _Napoleon_, ein Zwanzigfrankenstck.

Da eilte die Gardin unter die Hausthre und schrie aus Leibeskrften:
Eusebi -- lieber Eusebi -- komm zurck.

Die beiden Flchtlinge waren noch nicht weit gegangen, denn Vroni suchte
Eusebi durchaus zu bereden, da er zu den Eltern zurckkehre, sie wolle
kein Glck auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni aber hrte
Eusebi die Mutter nicht rufen.

Nun schritt das junge Paar vorwrts.

Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: Vroni! -- liebes Vroneli --
kehr um! und wirr durcheinander: Vroni -- Eusebi -- Vroneli -- Eusebi,
ums Himmels willen -- kommt doch wieder!

Da stutzten die Flchtlinge, und jetzt ertnte hinter der Mutter der
frhliche Ruf des Vaters: Kommt jetzt nur wieder!

Eusebi zog sein Mdchen mit einem Juchschrei zurck; halb noch ergrimmt,
halb gerhrt wischte die Gardin die Thrnen ab und grollte dem Garden:
Ich habe nicht gemeint, da du ernster Mann in deinen alten Tagen noch
so ein Erzschalk sein knntest, aber drei sind strker als eines, ich
merke es und will mit euch in Liebe auskommen. Gieb sie nur zusammen.

Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte sich auf sie und kte
sie. Du warst immer mein Kind, jetzt bist du's erst recht, du sanfte,
stille Wunderthterin, die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem
ganzen Manne gemacht hat.

Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und schluchzte:

In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das ist so herb, aber
jetzt, Vroni, bist du drinnen -- nenne mich Mutter und eine gute Mutter
will ich dir sein!

In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. Feierlich bewegt stand
der Alte, den funkelnden Zinnteller in der Hand. Er brach einen Bissen
Kse wie ein Felskltzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein
einziges Glas.

Nehmet, esset und trinket! Er reichte die Hlfte des Bissens, der ein
einziges Stck gewesen war, Eusebi, die andere Hlfte Vroni und bot
ihnen das Glas.

Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich verlobe euch nach dem
alten Brauch des Thales. Ihr kennt den nicht, der den Kse bereitet, und
den nicht, der den Wein gekeltert hat. Vter haben es vor mehr als
hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewut, fr wen. Also sollt
auch ihr thun, damit kein Geschlecht ohne den Segen der vorangegangenen
sei. Die Ahnen segnen euch und wnschen euch Glck. Eusebi, Hochzeiter!
-- Vroni, -- Braut!

Amen! sprach die Gardin, die mit gefalteten Hnden hinter den
Liebenden stand.




XIV.


%Died in the cholera-hospital at Srinigar!% Thni jubelte das Wort wie
Siegesbotschaft durch das Haus. Der Presi sah vergngt in das Spiel der
Schneeflocken, die dicht und schwer herniederwirbelten.

Da zog es doch pltzlich wie ein Seufzer durch seine Brust: Ich htte
Josi Blatter in St. Peter zurckhalten sollen!

Wie er es wider Willen dachte, schritt vor dem Fenster Kaplan Johannes
durch das Schneegestber und wies ihm eine drohende Grimasse.

Die pltzliche Erscheinung des Halbverrckten, der seit seiner
Vertreibung einen dmonischen Ha auf ihn und Binia warf, peinigte den
Presi, ohne da er wute warum, wie Schicksalsdrohung. Es giebt aber
einen Helfer in der Freude und einen Sorgenbrecher im Leid.

Die trostlose Binia berraschte den Vater und Thni, die zusammen vom
besten Hospeler zechten. Da stie der schon lallende Vater sein Glas ins
Leere: Zum Wohl, Seppi Blatter -- hrst du, dein Bub' ist gestorben.
-- Was willst du jetzt noch? Er lachte hellauf.

Thni, der nchterner war, folgte dem Beispiel: Josi Blatter, du
Laushund. -- Ja so, da ist Binia. -- Komm, trinke auch eins auf deinen
toten Schatz!

Schndet die Toten nicht. Mit dem gellenden Ruf sprang sie zu den
beiden Mnnern und wischte die vor ihnen stehenden Flaschen und Glser
mit leichtem Arm vom Tisch.

Josi lebt -- er lebt! bebte ihre Stimme. Ihr knntet ihm sonst nicht
zum Wohlsein trinken. Der Blitz vom Himmel wrde in den Bren fahren!

Binia, wenn du so wild bist, bist du teufelsschn, lallte Thni.

Der Vater wollte ber ihre Keckheit wten, aber es ging nicht mehr wohl
an. Am anderen und in den folgenden Tagen sagte er kein Wort, er war
stillverdrielich, und das war ein Zeichen, da er sich selbst grollte.

Seit Binias emprtem Ruf: Er lebt! glaubte auch er nicht mehr, da
Josi Blatter tot sei. Nein, der stand ja immer wieder auf, wenn er schon
begraben war. Um so strker jedoch bekrftigte der Presi die
Todesnachricht, wenn andere Leute darein Zweifel setzten: Ta-ta-ta!
sagte er, es giebt auf der Welt nichts Zuverlssigeres als die
englische Post!

Unterdessen begann eine seltsame Zeit fr Binia. Sie mute an ein Wort
der alten thrichten Susi denken: Schlafe, schlafe, Schfchen, wenn du
gro und ein schnes Mdchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen
fragen.

Darauf hatte sie erwidert: Ich liebe aber nur Josi.

Nun war beides in Erfllung gegangen: viele Freier kamen, und sie liebte
nur Josi.

Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie fhlte sich ihm hei
verpflichtet, da er sie nicht zwingen wollte, irgend einem jungen
Manne, der ihm gerade gefiel, die Hand zu reichen. Das war ein groes
Zugestndnis. Fr Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier
ausschlagen, darber wrde er kommen. Die Todesnachricht auf dem Brief
war gewi ein Irrtum.

Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzhndler aus dem Oberland.
Als er sich mit ein paar Schoppen Hospeler Mut getrunken hatte, stie er
sie mit dem Ellenbogen in die Seite: He, Kind, luge einmal meine
Geldkatze an -- was meinst -- wollen wir einander heiraten? -- Ich bin
halt keiner von denen, die lange 'ich bitte und ich bete' stammeln und
Ksse betteln -- dummes Zeug -- gerade recht geheiratet mu sein.

Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben, lachte Binia.

Der Presi war es zufrieden, da sie den ersten, die nach ihrer Hand
trachteten, Krbe gab, denn es schien ihm nicht vornehm, da ein Mdchen
gleich auf einen, der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und
er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke, sich einmal
von Binia trennen zu mssen, fiel ihm schwer.

Doch in St. Peter htte kein junger Mann so recht den Mut gehabt, der
Schwiegersohn des gefrchteten Presi zu werden. Binia allein hielt den
alten freundschaftlichen Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie
war mehr die Freundin der Armen und Gedrckten, als der wohlhabenden
Haushaltungen mit heiratsfhigen Shnen.

Vater, gebt mir noch zwanzig Franken -- ich habe keinen Rappen mehr.
Sie wute so drollig zu betteln.

Ich spare -- und du verschwendest -- will wieder einer eine Gei
kaufen?

Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht --

Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr den Betrag. Was
verschlug es? Es ging ja auch viel Geld ein. Und es mute ein leidliches
Verhltnis mit dem Dorf unterhalten sein.

Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu, wie die Touristen mit
ihren Bergstcken durch die Gegend klapperten. Besteigungen der Krone
fanden jetzt jeden Sommer mehreremal, ja hufig statt und der Bren war
ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden.

Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht hatte, herrschte ein
dumpfer Groll. Die Drfler fhlten sich in St. Peter wie nicht mehr zu
Hause, und wenn die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu
erhhten Preisen in den Bren verkaufen konnten, so sprachen sie doch am
liebsten von der alten Zeit, wo der Sommer in ruhigen Prchten durch das
Thal gegangen war.

Thni diente nicht mehr als Bergfhrer, er war in allen Dingen die
rechte Hand des Presi. An seiner Stelle geleiteten jetzt Fhrer von
Serbig und Grenseln, Leute, die gemerkt hatten, da auch in St. Peter
ein schnes Stck Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge.

Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft zwischen dem Vater
und Thni.

Thni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein recht gemeiner
Kerl. Wenn er einen freien Augenblick hatte, stand er unten vor dem Haus
bei den Fhrern und unter vielem Lachen redeten sie miteinander wste
Dinge.

Dann fuhr der Vater wohl mit einem Gott's Sterndonnerwetter, Thni!
dazwischen. -- Wenn er ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel
verlesen hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er hatte
seine Freude an dem jungen Mann, der sich gewhlt wie ein Fremder
kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart khn in die Welt stellte und
seine vielen Geschfte mit spielender Leichtigkeit erledigte.

Und wie wute Thni dem Vater zu Willen zu sein und sich seinen Launen
anzupassen! Darin war er unbertrefflich.

Wie eine Hornisse aber scho er durch das Haus, wenn er in irgend einem
Gast einen Freier fr Binia witterte. Und sie kamen immer zahlreicher,
die Freier; aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen Hndler, die
jungen Hotelbesitzer, und unter den Gsten waren nicht wenige, die fr
Binia schwrmten.

Der Vogel aber entschlpfte. In Binias ganzem Wesen lag wie in ihrem
schlanken Leib die Kraft sthlerner Geschmeidigkeit und sthlernen
Widerstandes. Wo sie ein echtes Gefhl sprte, da lohnte sie es wohl mit
einem Blick, da der Freier meinte, er habe in seinem Leben noch nichts
Seres gesehen, aber durch alles, was sie that und lie, klang es bald
schelmisch, bald traurig: Seht ihr nicht, da ich frei sein will? --
Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen? Wer ihr mit zudringlichen
Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie mit einem Blick oder einem
Wort nieder, da er sich schmte und zahm wurde wie ein kleines
Maultier.

Jetzt lchelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie einen Freier
zurckwies. Mitrauisch und grimmig loderte es aus seinen Augen. Kind,
stie er hervor, wenn du meinst, du knnest mich narren! Und der Zorn
zuckte um seine Brauen.

Frau Cresenz trstete dann auf ihre Art.

Was sich zankt, das liebt sich, meinte sie mit khlem Lcheln. Ihr
werdet sehen, das Blatt zwischen Thni und Binia wendet sich. Nur sich
nicht einmischen und nicht drngen.

Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Thni und Binia selber nicht mehr
so unsinnig vor wie damals, als er den Garden wegen des sonderbaren
Gedankens ausgelacht hatte.

Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu zwingen hatte er aber das
Herz nicht. Sie war ja noch so jung.

Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und Vroni, das glckliche Paar,
Hochzeit hielten.

So ein schnes Fest hatte man in St. Peter noch kaum erlebt. Ein junger
Verwandter der Gardenfamilie und Binia fhrten das Brautpaar, und wie
lieblich war Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden
Haupt, wie hbsch der einst so hliche Eusebi, wie sah man es ihm an,
da das Glck den Menschen verschnt.

Ans Glck dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit, da donnerte sie der
Vater an: He, das Wildheuerkind ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue
ich jetzt nicht mehr zu. -- Meinst du, du drfest um den toten Rebellen
noch ein paar Jahre greinen. -- Nichts da! Wenn du jetzt deinem Vater
nach vielem Leid eine Freude bereiten willst, so zankst du dich mit
Thni nicht mehr, sondern berlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden
seine Frau werden knntest. Ich habe einen schnen Plan und daran hnge
ich. Der Bren ist fr unsere Gste zu klein geworden, ich baue drben
gegen die Maiensssen hin ein Chalet im Berneroberlnderstil, da es
mit seinen Balkonen ganz St. Peter berscheint. Und nun meine ich, wenn
Thni Direktor und du Frau Direktor des Hotels zur 'Krone' wrdest, so
wre fr dich gesorgt und ich knnte mein Haupt ruhig niederlegen.
Thni, fuhr er fort, ist aus guter Familie, er versteht das Geschft
und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem Jahr lieb
gewonnen -- er ist lenksam und hrt auf mich.

Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck.

Binia sah den Vater nur noch durch Thrnen.

O, Vater, sthnte sie, mir thun Kopf und Herz weh. -- -- Baue doch
lieber nicht. -- Denke an die Leute von St. Peter, die uns jetzt schon
wegen der Fremden im Bren grollen.

Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf, erwiderte er hart und es
blitzte so bs aus seinen Augen, da sie verstummte.

Thni zankte, wtete, schmeichelte, er weinte vor ihr. O Bini -- Bini,
suchte er sie zu berreden, wir htten's so schn zusammen!

Thni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht einen, der schon mit
so vielen Mdchen gelaufen ist.

Sie sagte es ernst und bekmmert -- sie hatte eine geheime Furcht vor
ihm.

Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen htte zurckkehren
mssen. Sie war in fieberischer Erregung, sie stand stundenlang am
Fenster und schaute auf die Strae in den Herbstsonnenschein, spter
schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreiknigstag sah
sie, wie die Kinder ihre Hspel mit den drei papiernen Sternen drehten
und hrte ihren Ruf:

    Die heiligen drei Knige mit ihrem Stern,
    Sie kommen von fern und suchen den Herrn!

So hatte sie als kleines Mdchen neben Josi den Windhaspel getragen und
sich innig gefreut, wenn die drei Rosen, die gewhnlich nicht spielen
wollten, liefen.

Kein Brief kam an Vroni -- kein Lebenszeichen von Josi -- er kam nicht
und kam nicht. Und zum Neubau fllte man das Holz.

Ja, wenn ihr dummes Kpfchen nur einsehen wollte, da Josi gestorben
ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich: Sie sah sein liebes, offenes
Gesicht nicht mehr so klar wie einst. Ihr war, leise und langsam senke
sich ein feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche in die
Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: Josi, zeige mir deine
schwieligen Hnde -- ich kann sie mir nicht mehr so recht vorstellen. --
Josi, lache mit deinem trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es
klingt mir nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! -- Mutter! -- Hilf mir,
da ich nicht wanke!

Und ein Wunder geschah! Fr viele Wochen gab Thni Grieg manchmal sein
wildes, eiferschtiges Drngen auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag
etwas Unerklrliches, etwas wie Ha und Drohung.

Er war nicht mehr der schne Thni, der lustige Thni, er war ein
reizbarer, bellauniger Herr mit einem aufgedunsenen rtlichen Gesicht.
Sobald der Vater aus dem Haus gegangen war, wurde er nachlssig und
grob, er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und schenkte sich
Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz oder Binia auch in der Ablage
geleerte Flaschen. Und auf ihre Vorhalte grollte er: Was hat das
Weibervolk im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?

Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren, so viel als
mglich besorgte sie mit flinken Fingern die Depeschen selbst.

Das ist langweilig, sagte sie vorwurfsvoll, da du immer die
Schlssel ziehst. Frher wute ich alles, was auf der Post ging -- hast
du so eine Lumpenordnung, da man nicht mehr hineinsehen darf?

Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze, hhnte er.

Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch liegen!

Ich gehe jetzt Revolverschieen, trotzte er

Wozu brauchst du einen Revolver?

Er ist fr solche, die nach St. Peter kommen, aber nicht hergehren,
lachte er seltsam.

Binia kam ein frchterlicher Verdacht, aber sie wagte ihn kaum zu
denken. Nein, so bodenlos schlecht ist Thni doch nicht, beruhigte sie
sich selbst.

Im brigen scho er, wenn er ausging, nicht immer mit dem Revolver,
sondern sa ebenso hufig im Wirtschftchen des Glottermllers oder bei
irgend einem hbschen Mdchen.

Frau Cresenz und Binia, Gste und Dorf sahen es, der schne Thni, der
lustige Thni, hatte einen Wurm, die einen sagten im Kopf, die anderen
im Leib.

Zuletzt sah es auch der Presi: Thni, du gefllst mir nicht mehr --
wei der Kuckuck, was du hast und was mit dir ist.

Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das Holz liegt schon lange
genug, gab Thni mrrisch zurck.

Natrlich wir bauen jetzt, antwortete der Presi fest.

Als man den ersten Spatenstich fhrte, rief er Binia auf seine Stube. Er
streifte sie mit forschendem, sorgenvollem Blick; dann hob er an:
Binia, du verlobst dich jetzt mit Thni, sptestens im Frhjahr
heiratet ihr. Ich habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu
treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!

Binia stand totenbla; mutlos und verschchtert wagte sie keinen
Widerspruch.

Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die Werkleute brachten die
Krone nicht vorwrts. Als htte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete
und wetterte es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und der Presi
eilte in hundert Nten zwischen dem Bren und der Baustelle hin und her.
Zum erstenmal, seit Fremde nach St. Peter kamen, fllte sich der Bren
nicht. Und er wnschte das Trpplein von Sommerfrischlern, das da war,
wieder nach Hospel zurck und weiter. Herr Prsident, fragten sie Tag
um Tag und jede Stunde, glauben Sie, wir bekommen bald schnes Wetter?
-- Ich wei es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer ja auch im
Glotterthal einmal herzlich schlecht sein. Mit verhaltener Wut sagte er
es. Die Maulaffen! Wer litt mehr unter dem schlechten Wetter als er.

Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem Bren nicht zufrieden. Der
Herr Prsident ist mrrisch, klagten sie, Herr Grieg, der frher so
jovial war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz lchelt so seelenlos wie
ein Automat. Und Binia, die alpige Rose, hat alle Schelmerei verloren
oder dann zuckt sie so heftig und seltsam heraus, da es wie ein Lachen
im Fieber ist.

Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch an sie, ein junger
stiller Gelehrter.

Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz dem schlechten Wetter
an den Bergen gewachsen waren, aber sonst eine groe Zurckhaltung gegen
sie beobachtet. Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand:
Frulein Waldisch -- Binia, sagte er tief bewegt, diese Hand ist zu
klein und zu mollig fr Ihr rauhes Bergthal. -- Kommen Sie mit mir in
die Stadt -- ich liebe Sie -- werden Sie meine Braut -- meine herzliebe
Frau. -- --

Es war so ein gediegener Mann und redete so warm.

Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: Herr Doktor! Sie senkte
das Kpfchen. Ich passe nicht in die Stadt, ich kann ja kaum recht
lesen und schreiben und bin ein schlichtes Bergkind.

Da drang er hei in sie: O Binia! fr mich ist das genug -- ich bin
selbst ein einfacher Mann. Was Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen
Sie mir hundertmal mit Ihrer sonnigen Natrlichkeit, mit Ihrem klugen
Auge, mit der Wrme Ihres Gemtes. Ich habe eine liebe alte Mutter
daheim -- sie ist auch schlicht und kann keine berbildete Tochter
brauchen.

Bei dem Wort Mutter begann Binia zu schluchzen. Eine Mutter! In ihrem
Leben noch einmal eine Mutter. Das war ein strmischer Angriff.

Die oberflchlichen Leute meinen, fuhr der junge Mann fort, Sie seien
nur ein beraus gescheites, allerliebstes Naturkind, aber ich will es
Ihnen sagen: Sie sind ein groes, liebeheischendes, heies Herz -- und
wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia, so gehen Sie um
Ihres eigenen Glcks willen nicht kalt an mir vorbei. Darf ich mit dem
Herrn Prsidenten reden?

Wie die Mnnerstimme zitterte!

Nein -- nein -- Herr Doktor, nein, erwiderte sie angstvoll, ich ehre
Sie -- ich will Ihnen ein Geheimnis verraten -- ich bin verlobt. -- --

Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er schrieb ihr aber spter:
Ich wei, was ich verloren habe, Sie einzige -- tausend-, tausendmal
Glck!

Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wute es, sie htte froh
werden knnen mit dem Manne. Und, seine Hand wre Rettung vor Thni
Grieg gewesen.

Wozu diese wahnsinnige Treue fr Josi? Das fnfte Jahr erfllte sich
jetzt bald, da er fortgegangen war.

Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte Sommerwetter
entstandene Stimmung im Dorf.

Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen drfte, aber er ist wie ein
Pulverfa. Man darf nicht an ihm rhren. Alles mu sich vor ihm drcken.
Thni -- Frau Cresenz -- am meisten sie selbst: Bini, donnert er sie
an, Gott's Hagel -- ich mache das Wetter nicht, lasse mich mit den
Klbern im Dorf in Ruh'.

Binia, sagten die von St. Peter, Ihr seid ja lieb und gut, aber wir
wollen nichts aus dem Bren, es klebt Unglck daran, und einige Weiber
erklrten es frei heraus: Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn Ihr schon
so lieb lcheln und reden knnt, mit Euren dunklen Augen seid Ihr doch
eine Hexe und der Bren ist das Unglck von St. Peter.

Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen Nebel an den Bergen; wenn
die Sonne am Morgen auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag
doch wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig lichteten,
sah man neue Runsen an den Bergen. Die oberen Alpen wurden spt
schneefrei, ehe das Gras gewachsen war, deckte sie schon wieder Schnee,
ein frher Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat rckte der
Gletscher vor. Die Wildleutlaue rstete sich!

Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgefhl legte sich ber das
Dorf, als drfe es nie mehr auf bessere Zeiten hoffen, und der grliche
Kaplan Johannes, der wieder von Fegunden heraufgekommen war, verlie St.
Peter nicht mehr.

Binia wute es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur von dem Ha gegen den
Vater, der ihn vor Jahren hatte aus der Gemeinde treiben lassen. Er
whlte und hetzte im Dorf mit den dunkelsten Knsten des Aberglaubens.
Entsetzlicher noch! Der bse Narr hatte seine Begierde auf sie geworfen.
Sie frchtete ihn wie die Taube den Habicht; seit er ihr letzthin
zugerufen: Jungfer, merkt Ihr, wie mein Korn reif wird? zitterte sie
vor ihm und ahnte schwere Ereignisse.

Gewi trieb der dmonische Kaplan die von St. Peter zu einer thrichten
That, um in einer Stunde der Verwirrung seine dstere Seele an den
Bildern erfllter Rache zu ergtzen.

Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Glck der Vater selbst
nichts erfuhr, trat dazu.

Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund hergekommen war,
verlangte, da man das Tier wie einen Gast bediene. Thni, der Thor,
der sich in das Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur in
einem besonderen Zimmer. Die Mgde hatten zu dem Hund Guten Tag, Herr
Walo! zu sagen, wenn er auf den Stuhl sprang, ihm ein weies Tuch
vorzubinden und dann je auf besonderem Teller fnf Gerichte vorzulegen,
zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: Wnschen wohl gespeist zu haben,
Herr Walo! und die Dame berwachte die Bedienung ihres Viehes.

Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung, aber die Mgde
schwatzten, und nun lief die Geschichte im Dorf.

Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden, staunten die Leute
entsetzt.

Kaplan Johannes trug die Erzhlung von Haus zu Haus: Merkt ihr, fragte
er, aus dem Wetter nichts? Geht nach Hospel, dort sind sie froh ber
den Regen, der dann und wann fllt. Merkt ihr nichts?

Wohl, wohl! erwiderten die Drfler, die armen Seelen wollen die
todsndige Vllerei im Bren nicht, sie wollen den Neubau nicht, die
Zwingburg, die uns hudlig machen soll. In den frchterlichen Wettern
geben sie uns ihre Zeichen.

Wir sind ja schon hudlig, antworteten andere ingrimmig: die drei
Kleinsten Blzis stehen am Weg und strecken den Fremden die Hnde um
Almosen hin. Die Haushaltung hat nichts zu beien und zu brechen. Und
noch viele mssen vor Elend auch zu betteln anfangen. Das ist das Werk
des Presi.

Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte gegen den Aberglauben
und wies seiner Herde in Chroniken nach, da es auch frher schon so
schlimme Jahre gegeben habe.

Die Drfler aber schrieen ihm zu: Pfarrer, Ihr htet die heilige
Religion nicht. Wit ihr es nicht? Der Presi will in dem Neubau heimlich
eine Kapelle fr die Unglubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht,
und wenn Ihr nicht helft, mssen wir selbst Ordnung schaffen. Wir sind
nicht gewaltthtig und den Fremden wollen wir nichts thun, aber
wenigstens den Neubau dulden wir nicht.

Man mu mit dem Presi in Gte reden! meinten einige Ruhige, wie der
Fenken- und der Bockjelpler.

Wenn wir das thun, erwiderten aber die anderen, sind wir verloren. --
Er ist ein alter Fuchs, er wei schon, wie er zu sprechen hat, da
keiner von uns mehr etwas sagen kann.

Der Glottermller hatte mit seinem Wirtschftchen gute Zeiten, aber auch
in den eigenen Stuben sammelten sich da und dort die Drfler.

Wir mssen es hinter den Garden stecken, meinten sie, er kommt dem
Presi am ehesten bei. Der Glottermller mu mit ihm gehen. Der Kaplan
Johannes auch.

Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine Wohnung kam und ihm
zuredete, da er Vermittler zwischen der Gemeinde und dem Presi werde.
Ich bin nicht mehr sein Freund! erklrte er. -- Aber Ihr seid der
Garde! drangen sie in ihn. -- Dann gehe ich allein, sagte er. --
Nein, wenigstens einer mu mit, erwiderten sie, damit der Presi
sprt, da es Ernst gilt.

Nach gewaltigem Struben fgte sich der Garde in den sauren Gang und
darein, da der Glottermller ihn begleite.

Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verdsterung stand der
Himmel in reinem Blau, nur hingen an der Krone so drohende Wchten, wie
man sie niemals zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund zu Mund:
Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der Himmel uns wieder
wohlgesinnt.

Wrdig empfing der Presi die beiden Abgesandten von St. Peter, wrdevoll
wie ein Knig antwortete er ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult
sttzend: Ihr Mnner von St. Peter. Meint ihr, da ich die Gemeinde
weniger lieb habe als ihr? -- Aber in einer thrichten Sache lasse ich
mich nicht von euch zwingen. Wir sind alle freie Mnner. Wir beugen uns
vor nichts als vor den Ueberlieferungen unserer Vter und den Gesetzen
des Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, da jeder bei uns frei
bauen darf, wie er will. Ich habe kein minderes Recht als ihr, der Bren
und die Krone stehen unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum
heiligt. Wer daran rhrt, ist dem Gericht verfallen. Nicht anders ist es
mit den Fremden, die ins Thal kommen. Sie sind nicht, wie ihr meint,
vogelfrei, sie stehen unter dem Schirm mchtiger Vertrge. Wehe dem, der
die verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn ich ein neues
Haus aufschliee und Gste darein fhre, und ich will es euch beweisen,
da ich euerm ungerechten Verlangen nicht nachkomme. Thni -- Binia!

Presi, seid barmherzig, bat der Garde, sonst gert die Gemeinde ins
Unglck. Was Ihr sagt, ist wohl wahr -- aber es ist nicht gut -- es ist
nicht gut.

Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden fast nicht ansehen,
Thni aber erschien wie ein groer Herr.

Thni Grieg und Binia Waldisch, wandte sich der Presi stolz und
feierlich an die beiden, vor der Gemeinde St. Peter verlobe ich euch,
auf da ihr in Frieden und Glck das neuerbaute Haus zur Krone fhrt.
Binia, hole mir Bissen und Wein, da ich sie euch reiche.

Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: Nein -- ich kann nicht,
Vater.

Da wurde er kreidewei: Du Elende! knirschte er mit einem
entsetzlichen Blick der Wut, vor der Gemeinde machst du mich zu
Schanden -- mge Gott dich dafr schlagen!

Der Glottermller verlor seine Haltung und quiekte mit seiner hohen
Weiberstimme: Das ist ja abscheulich! Ich gehe, lebt wohl!

Ja, bebte die Stimme des Presi, sagt es dem Dorfe nur, was fr eine
Ungeratene ich zum Kinde habe.

Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit Thrnen in den Augen sprach
er: Gewaltthat auf Gewaltthat! -- Snde auf Snde -- Presi! alter
Freund -- mu ich es wirklich erleben, da Ihr Euch selbst, Euer Kind,
Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!

Was, alter Freund? erwiderte der Brenwirt kalt und hohnvoll, einer,
der es mit den Klbern hlt, -- ein Tropf seid Ihr, Garde!

Alte Mnner schlagen sich nicht. -- Ihr schlagt Euch selbst.

Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke lag Binia, das Huflein
Unglck.

Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund zu Mund: Nun hat sich Binia
doch mit Thni Grieg verlobt. Schreckliche Gerchte waren im Umlauf.
Drei Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe mit Armen und
Beinen ausgeschlagen. Ich kann nicht mehr leben. Mein Kind hat mich vor
der Gemeinde zu Schanden gemacht. Da habe sich Binia auf ihn geworfen
und verzweifelt gerufen: Vater -- lebe! -- ich will Thni nehmen!

Der Presi hatte den Sieg ber sein Kind und die Abgeordneten
davongetragen, aber der Bren lag in Acht und Bann, furchtbare Erregung
und Emprung gegen ihn herrschte im Dorf.

So kommt der Winter, ein verkehrter Winter! Es fllt viel Schnee, aber
er hlt nicht. Die Lawinen donnern Tag um Tag und ihre Luftste
erschttern die Htten. Jetzt tritt endlich bittere Klte ein. Da
geschieht ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut fhrt ber die
Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken auf, die Wolken
verfinstern das Thal, sie sausen herab, sie drehen sich und prasseln
aufs Dorf. -- Die Glocken luten.

Wohl denen, die tot sind, schreien die Leute. St. Peter geht unter --
die armen Seelen ziehen aus -- fr die Zeit, die uns bleibt, haben wir
noch genug zu essen, und da unser armes Vieh an Seuchen stirbt, kann
nichts mehr schaden.

Da schleicht ein Wort heimlich durch das gengstigte St. Peter, das Wort
Ahorn! Wo sich zweie treffen, redet der eine geheimnisvoll von hundert
Dingen, bis er unauffllig das Wort Ahorn ins Gesprch mengen kann.
Ahorn! erwidert der Angeredete feierlich. Auer dem Garden, den man
immer noch einer alten Freundschaft fr den Presi verdchtig hlt, dem
Pfarrer und einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter
in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im Wort Ahorn erkennen.
Wer die Losung spricht, wei es: Im Namen der armen Seelen mu der
Bren, das Sndenhaus, fallen und der Neubau zerstrt werden. Es giebt
sonst keine Rettung fr das Dorf. Wen das schreckliche Los trifft, der
mu den Bren und die Krone anznden. Sonst ihm selbst Ahorn. Es giebt
keinen Verrter im Bergland. Sonst auch ihm Ahorn. Wer es aber thut,
der soll, auch wenn er dem Gericht in die Hnde fllt, in der Gemeinde
nicht ehrlos sein, sondern alle anderen sollen fr seinen Haushalt
einstehen.

Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so frchterlich, da sie
selber davor zurckbeben. Sie losen noch nicht, erst zu uerst soll es
geschehen -- gerade ehe die Fremden wieder erscheinen.

Ahorn und Wildleutlaue! So kommt der Frhling.

Der Presi und Thni sind nach Hospel geritten. Am offenen Fenster steht
im Abendsonnenschein Binia und trumt. Ihre Wnglein sind bleich, die
Augen noch dunkler und grer als frher. Auf dem Kirchhof spriet das
erste flaumige Grn und auf dem Kirschbaum, der sich brutlich schmckt,
fltet eine Amsel.

Eine Amsel. -- Sie denkt an Santa Maria del Lago. -- Jetzt ist sie
selbst der gefangene Vogel, aber keine barmherzige Hand kommt und
schneidet sie aus dem Netz.

Josi, dessen Bild ihr so grlich entschwebt ist, steht wieder in
Klarheit vor ihr.

Die Reue wtet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen Wallung des
kindlichen Gefhls hat sie dem Vater das Opfer gebracht, da sie sich
mit Thni verlobte. Ist der Vater des Opfers wert? -- Nein, wie knnte
er sonst die Freundschaft mit Thni halten, dem Schuft.

Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Thnis wehrte sie ab, da kam er
gerade, allerdings nicht ganz nchtern, dazu. Thni lie sie los, da
lachte der Vater glckselig. Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht
ihr nicht so scheu zu thun. Und Thni berredet den Vater, heimlich sei
sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber hat es noch nie dazu gebracht, Thni
nur den kleinen Finger zu strecken oder sich eine Berhrung von ihm
gefallen zu lassen. Allein an den miverstandenen Augenblick, an Thnis
Vorspiegelungen klammert sich der Vater und betubt sein schlechtes
Gewissen.

Ob er nun glcklich ist? -- Nein, er ist ein armer, armer Mann! Er fllt
aus den Kleidern, er beginnt zu ergrauen, er lchelt wohl darber, da
kein Mensch den Bren betritt, aber der Ha des Dorfes peinigt ihn, die
Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, ttet ihn fast.

Er knnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf wrde an ihm hangen, aber
die Welt mag sterben, er setzt seinen eigenen Willen durch.

Und sie -- und sie -- dieses viel zu starken Vaters Kind -- sie ist
schwach geworden -- nach unsglicher Treue doch treulos.

Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war, beit sie in die Finger
und schaut mit groen traurigen Augen in die sonnige Frhlingswelt.

Da rennen Leute die Strae daher und kreischen: Es ist ein Toter
auferstanden -- Josi Blatter, der Rebell!

Sie schreit auf -- sie fllt in die Kniee, sie flstert: Er lebt! und
vor ihr versinkt die Welt.




XV.


Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi Blatter!

Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden Fhnsturm des Mrzen
schritt er am Sptnachmittag von der Schneelcke herunter.

Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im Dorf den einsamen
Wanderer bemerkt. Ein Mann, ein Tier oder ein Gespenst! rieten die
Leute und waren eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas
Natrliches zu glauben. Was fr ein Christ konnte um diese Zeit der
hchsten Gefahr ber die Schneelcke steigen, an der selbst im
Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. Der Wanderer aber schritt
unentwegt nher und sprach zu den verwundert Sphenden und Harrenden:
Gr euch Gott, gerade wie es die zu St. Peter sprechen.

Alle Heiligen. -- Das ist Josi Blatter -- das ist der Rebell! Die
Frauen und Kinder bekreuzten sich, man hrte ngstliche Stimmen: Ist er
lebendig oder tot? und die aberglubisch Erschrockenen fuhren zurck.

Er mute wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, den Rucksack ber
die Schultern gehngt, den eisenbeschlagenen Bergstock in starker Hand,
so fest und gelassen kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof
gehen, und in scheuer Entfernung folgten ihm die Drfler: Der ist jetzt
ein schner Mann geworden! meinten einige. Er aber wandte sich um.
Blilplerin, wit Ihr, welche Nummer das Grabscheit meiner seligen
Schwester Vroni hat? Ich mchte fr sie beten.

Alle, die es hrten, schrieen auf und wichen zurck. Der junge Peter
Thugi nur grte ihn herzlich: Josi, was denkst du? Deine Schwester
Vroni ist nicht gestorben, sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des
Garden.

Josi wankten die Kniee; als ob er strzen wolle, pflanzte er sich an den
Bergstock. Er konnte nicht reden.

Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. Lebe wohl, Josi! sagt Peter
Thugi. Der murmelt aber nur finster: Warum hat mir der Garde das
gethan?

Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden! tnt es wie Feuerruf durch
das Dorf, halb St. Peter sammelt sich vor der Wohnung des Garden.

Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. Da sieht er den Auflauf.
Im gleichen Augenblick pocht es an der Thre und Vroni ffnet.

Josi! -- Alle Heiligen -- Josi! Mit blutleeren Wangen weicht sie
zurck -- dann strzt sie wieder vorwrts und umhalst ihn jubelnd und
weinend. Du lebst, Josi, -- du lebst! Allein der Ankmmling bleibt an
der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die Wand, legt den
Rucksack nicht ab, und als der Garde ihm entgegengeht und sagt: Komm
doch herein, Josi, da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thre.
Ja, darf ich? fragt er gedrckt. Lange eng machen will ich euch
nicht. Ich wei jetzt, da ich berzhlig bin.

Finster und wankend steht er an der Thre: Ehe ich eintrete, pret er
hervor, mu ich doch fragen, wie Ihr mir habt so einen Brief schreiben
knnen, Garde. Vroni lebt und ist nicht tot! -- O Vroneli, du lebst --
du lebst! Er will sie umarmen, aber sie tritt zurck und schlgt die
Hnde ber dem Kopf zusammen.

Mutter Gottes, was Josi redet, jammert sie. Ich gestorben und der
Vater einen Brief? -- Josi, hat dir die fremde Welt das Hirn verrckt?
Ihre Augen nehmen einen schreckhaften Ausdruck an.

Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung fat, ist der Garde:
So komm doch herein, Josi, redet er ihm freundlich zu, wir wollen
ber alles im Frieden reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken,
mit dem Wiederfortgehen drngt es gewi nicht, Josi.

Der sitzt nun am Tisch und schluchzt in die Hnde: Vroni lebt!

Der Garde ist tief erschttert. Ein Brief -- ein Brief! sagst du,
Josi. Er langt in ein Schubfach des Buffert. Da ist auch ein Brief,
aus dem wir nicht klug geworden sind. Josi schaut auf -- er dreht und
dreht den Brief in zitternden Hnden. Vor vier Jahren! Da war ich
allerdings in der Gegend von Srinigar! Vor zweien noch. Auch die Cholera
war dort. Ein paar hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist
abscheulich drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die Post
nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege auf dem Karren. Solche
Dinge sind in der groen Verwirrung vorgekommen, viele Angestellte der
Post sind gestorben, es hat neue gegeben, und die waren nicht immer
zuverlssig. So ist ein Irrtum denkbar. Er wirft einen Blick in den
Brief: Und Binia hat das Wort von den Vgeln geschrieben: 'La die
Hoffnung nicht fahren.' Er erbebt.

Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch zurck, sie deckt
den Tisch mit weiem Linnen und der Garde sagt, indem er dem jungen
Manne noch einmal die Hand schttelt: Josi, gottwillkommen, ich merke
schon, es ist viel aufzuklren.

Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere sei tot, umarmen
sich wieder und wieder: Josi, du lebst -- Du lebst auch, Vroni!

Pltzlich sagt Josi: Aber wie so lange kein Brief gekommen ist, hab'
ich doch wieder einen gesandt. Darauf ist Euer Brief, Garde, gekommen,
und ich habe Euch noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten.
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Er langt in die Brusttasche. Da ist
Euer Brief, Garde!

Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder bleich: Nicht selig
werden will ich, wenn ich das geschrieben habe, so gotteslsterliche
Dinge -- schau! -- schau! -- Vroni!

Und sie liest:

Lieber Vgtling Josi! In gar groer Betrbnis melden wir Dir, da das
gute, liebe Vroneli nach langem Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im
Winter sehr unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu unserem
groen Leidwesen legen mssen und nimmer mgen genesen. Aber Deinen
Brief hat es noch mit mageren Hndchen gehalten und sich noch auf dem
Todbett daran gefreut. Es ist so traurig, da ich nicht alles schreiben
mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in St. Peter. Du hast damit, da
Du auf die Krone gingest, ein groes Unglck angestellt. Kein Frieden,
keine Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, da Du fort bist! Die
Bini hlt in vierzehn Tagen Hochzeit mit Thni Grieg. Wer htte gedacht,
da sie den Ftzel nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das
Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt, es sei ihm recht,
da es die Hochzeit nicht mehr erlebe, es htte keine Freude daran wegen
Dir. Es hat Dich noch tausendmal gren lassen. Du sollst fr die Selige
beten. Lebe wohl, Josi, und trste Dich! Auf Wiedersehen kann ich nicht
sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie mehr nach St. Peter kommen. Hans
Zuensteinen, Garde.

Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde luft wtend hin und her:
Merkst du nicht, wer den Brief geschrieben hat, Vroni? Er nimmt ihn
wieder. Gerade meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind es
andere. Er whlt mit zitternden Hnden im Buffert. Da ist noch etwas
Geschriebenes von Thni Grieg. -- Da schau, schau! -- Da am Ende hat es
von seinen Buchstaben -- du unseliger Hund! -- Thni, du unseliger Hund.
-- Und du nennst dich nur Ftzel -- und bist so ein Schuft!

Josi schluchzt: Ich habe nicht auf die Buchstaben gesehen, mich hat der
Brief halt gerade so angetnt, als ob er von Euch wre -- ich habe so
viele Thrnen darauf vergossen. Thni -- das hast du mir gethan! -- Und
Bini ist gewi auch nicht sein Weib.

Da ffnet sich die Thre ein wenig, man hrt drauen Eusebis gedmpfte
Stimme. Schau nur schnell, Bini -- er ist wirklich und wahrhaftig da --
aber zittere nicht so!

Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und springt: Josi!
Binia fllt an der Schwelle nieder, sie stt gegen die Thre und diese
ffnet sich breit.

Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia. Bineli! schreit er in
seliger Freude, aber er fhrt zurck, tonlos stammelt er: Sie trgt
doch einen Ring! Er ruft: Geh fort, Bini, geh fort -- ich halte es
nicht aus -- ich kann dich nicht ansehen -- -- fort, fort -- Frau Thni
Grieg!

Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen Worten. Vroni mht sich
um die Gestrzte und begleitet sie aus dem Haus.

Der Garde nimmt Eusebi beim Rockrmel: Wie hast du auch Bini
hereinbringen knnen, knurrt er wild.

Wir haben Sgetrmmel in der Glotter geflt, da kommt ein Bub Blzis
gesprungen: 'Josi Blatter ist wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie
ich vor das Haus komme, stehen die Leute da -- mitten unter ihnen wie
eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine Hnde. 'Ich komme
gerade von daheim, ist es wahr, ist Josi da?' Ein Stein htte sich ihrer
erbarmen mssen. Und gebettelt hat sie: 'La mich nur durch die
Thrspalte lugen wie er jetzt ist.' Ihr httet auch nicht widerstehen
knnen, Vater!

Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi hrt es nicht mehr. Er hat sich zu
Josi gewandt: Josi -- Schwager -- lieber Schwager.

Ja so -- du bist es, Eusebi! stammelt Josi. Dich habe ich nicht
gleich wieder erkannt. Was bist auch fr ein Mann geworden -- und ich
habe dich immer noch im Gedchtnis gehabt, wie du so ein blder Bub
gewesen bist!

Schwager! wiederholt Eusebi.

Wie rufst du mir! -- 'Schwager?' -- das ist eine spaige Welt.

Du weit noch nicht, da Vroneli meine Frau ist -- meine liebe, herzige
Frau.

Eusebi, was sagst -- Vroni, deine Frau! Josi strzt von einer
Ueberraschung in die andere.

Und du weit noch nicht, sagt Eusebi, da wir ein so liebes, herziges
Kind haben, komm und beschau's!

Der Glckliche zieht den von allem Neuen auf den Kopf geschlagenen Josi
in die Nebenstube: Siehst, da liegt es und schlft und wei nicht, da
du gekommen bist. Es ist jhrig, und weil es gesund ist, so schlft es
bei allem Lrm.

Wie heit es? fragt Josi.

Joseli heit es wie du und dir zu Ehren.

Joseli heit es und mir zu Ehren, wiederholt er wie in tiefem Traum.

Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht; wie er den Vater sieht,
streckt er lachend die Aermchen, und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend
auf den Arm: Joseli!

Schwager! sagt er, wie mich das freut -- wie mich das freut, da du
wiedergekommen bist. Vroni hat so viel getrauert um dich, jetzt mein'
ich, ist sie dann erst recht glcklich mit mir, weit, das ist eine
Frau, wie die Frnzi selig, wie deine Mutter -- o so himmelgut.

Wie die beiden Mnner wieder in die Wohnstube treten, ist Vroni, die
junge Frau, eben von der Begleitung Binias zurckgekehrt und auf einen
Stuhl gesunken. Mit gefalteten Hnden spricht sie: Bini ist
heimgegangen -- aber was jetzt geschieht, wei Gott!

Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni ist glcklich, wie die
Mutter Josi herzlich begegnet: Tausend, was fr ein schner Mann Ihr
seid! Einen so braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark.
Und die hliche Narbe sieht man nicht mehr. Sie schttete einen ganzen
Korb voll neugieriger Fragen vor ihm aus.

Der Garde sagt aber ernst: Ich gehe noch ins Dorf, es mu in der ersten
Frhe ein zuverlssiger Bote nach Hospel auf die Post! Schweigt zunchst
ber die Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen
Thnis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr gegen den Bren. Er
geht und die unaufschiebbaren Abendarbeiten, welche Eusebi und die
Gardin in Anspruch nehmen, fgen es, da die Geschwister allein sind.

Leise snftigen sich die Wogen des berraschenden Wiedersehens.

Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der Sturm hat ihn
berwltigt.

Da streichelt ihn Vroni und fragt: Wie hast auch den Heimweg wieder
gefunden, Josi, nach mehr als fnf Jahren?

Mit gerteten Augen schaut er auf: Ich will es dir nur bekennen,
erzhlt er, ich wre nicht wieder gekommen, htte mich Felix Indergand
nicht mit Gewalt zurckgeschleppt. Wie zwei Brder haben wir zusammen
gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh, da du gestorben seiest,
und Binia an mir so schlecht gewesen ist, so hat er manchmal meine Hand
genommen und so warm geredet, da ich ganz trstlich geworden bin. 'Was
willst im fremden Land freudlos leben?' sagte der gute Felix, 'kreuzige
dich nicht so stark, Untreu' ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich
von dir, Vroni, erzhlt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate, mein
liebes Schwesterkind zu Brggen.' Und er meint, ich soll sie um ihre
Hand fragen. Er drngte mich. Und nun, Vroni, gab ich ihm ein
Versprechen, das mich reut, aber wenn man keinen lieben Menschen auf
dieser Welt mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde viel zu
Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag fhrt das Mdchen von Brggen in
die Stadt zu seinem alten Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um
ihm als Patenkind Glck zu wnschen. Also auch morgen. Und ich mu
ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen, ob mein Geldlein richtig auf
die Bank angewiesen worden ist. Da kann ich sie sehen, ohne da sie vom
Plan wei. Sie mu in Hospel bernachten. Doch ist mir so sonderbar! Ich
htte schon vor drei Tagen in St. Peter sein knnen, aber ich meinte:
'Nur geschwind beten auf den Grbern und durch das Dorf laufen.' -- Und,
Vroni, um die Beate kmmere ich mich nicht -- ich kann nicht -- sieh,
wer von Bini ein Reiflein hat, der hat keine andere mehr lieb! Immerhin
will ich dem Freund das Versprechen halten.

So berichtete Josi.

Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder? Sei nicht so
bitter, glaube mir, Binia hat grlich um dich gelitten. Sie ist zu der
Verlobung mit Grieg gezwungen worden. Und in fliegenden Zgen schildert
ihm Vroni die Ereignisse der Zeit.

Sie hat grlich gelitten um mich. Tonlos sagt es Josi und weint.

Da ich auch so flennen mu, stammelt er, es ist ja eine Schande,
wenn ein Mann greint, aber ich kann mich nicht wehren -- ich flenne vor
Freude, weil es dir so gut gegangen ist, Vroni, -- wer htte gedacht,
da Eusebi so ein Mann, wer htte gedacht, da wir die nchsten
Verwandten des Garden wrden -- ich flenne, weil dein Kind Joseli heit
-- weil ich wieder in St. Peter bin, wo Vater und Mutter begraben sind.
Ich weine aus Wut ber Thni Grieg, erschlagen knnte ich ihn vor Grimm
-- ich weine, weil es mir das Herz vertrdelt und bricht, da ich Bini
wiedergesehen habe. -- Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst
du, schmerzenreich und ist jetzt doch Thnis Braut!

Josi hat alle Fassung verloren.

Da kommt der Garde zurck. Wie er hrt, da Josi schon am Morgen in die
Stadt gehen will und von dem Versprechen erfhrt, das er Indergand
gegeben, seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegenber und
nimmt seine Hand. Ich meine, sagt er herzlich, ich sei auch dein
Vater, Josi, und will offen mit dir reden. Wie du zu Bini standest, wei
ich und der Herrgott, der ins Herz sieht, wei ebenso gut, wie schwer es
mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Da du aber morgen die Beate Indergand
sehen willst, das ist des Himmels Wink. Kmpfe, kmpfe, Josi, gegen dein
Herz! Es wird jetzt schon eine Aenderung im Bren geben, Thni Grieg
kann nicht in St. Peter bleiben, ich knnte mich nicht zhmen, wenn ich
ihn trfe, den unseligen Hund. Was da aber komme, Josi, hte dich vor
Binia! Der Bren wankt. Zu malos hat der Presi gewtet. Ein
Volksgericht bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben hat --
und, lieber Josi, ich mchte dich, wenn der Bren gestrzt ist, nicht
unter den blutenden Opfern finden. Darum, um Gottes willen, Hand weg von
Binia. So wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi -- mein Haus soll
rein bleiben von Schuld -- und wenn dir die Beate ein wenig gefllt, so
sei freundlich zu ihr. Es ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.

O, wre Bini nur nicht verlobt, sthnt Josi, ich holte sie jauchzend
mitten aus der Wut derer von St. Peter, aber ich kann nicht der
Nachgnger Thni Griegs sein -- nein, beim Himmel nicht -- und nicht mit
einem Stecklein knnte ich sie mehr anlangen.

Josi, geh' zur Ruhe, mahnt Vroni, du bebst ja am ganzen Leib -- du
bist krank.

Josi steht auf.

Noch eins, Josi, sagt der Garde, so schwer es dir und mir fallen mag
-- gegen das Dorf wollen wir ber Thnis That schweigen und wenigstens
jetzt auch noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat sich
gerstet und das ist immer eine schwere Zeit -- ein Wort von uns, und
sie kann den Bren mit den heligen Wassern zusammenschlagen. Gieb mir
die Hand darauf, Josi, da du ruhig bist.

Stumm reichen sich die Mnner die Hnde, zuletzt sagt der Garde: Mit
dem Presi will ich aber morgen doch reden -- nicht seinetwegen -- aber
wegen des armen Dorfes.

Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, doch wirre Trume
qulten ihn, am meisten der, Binia schwebe in irgend einer groen
Gefahr und rufe mit ihrem Vogelstimmchen: Josi -- Josi -- ich bitte
dich -- hilf mir. Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um ihn und
einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die Kammerscheiben
geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit bleiernen Gliedern blieb er
liegen. Im ersten Grauen des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weies
vor seinem Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein Faden
gezogen war, hing am Fensterhaken.

Bini! schrie er.

Sie schrieb: Ich mu mich vor Dir rechtfertigen, sonst sterbe ich. Bei
dem schnen, unvergelichen Tag von Santa Maria del Lago, sei heute um
Mitternacht im Teufelsgarten. Dein unglcklicher Vogel Binia.

Josi bi sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte sich.
Thorheiten, Bini, flsterte er, und beim frhen Morgenessen sagte er
zu Vroni: Schwesterlein, ich habe es mir berlegt. Ich mu wieder in
die Fremde. Je blder je besser. Am Sonntag noch wollen wir miteinander
zur Kirche gehen, dann reise ich wieder ab.

Und seltsam! Vroni war ber seine Rede wohl traurig, das Wasser trat ihr
in die Augen, aber sie widersprach ihm nicht.

Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele witterte Gefahr fr
Josi.

Er zgerte und zgerte fortzugehen, er scherzte noch mit Joseli, der
erwacht war, und dann war es immer, als wolle er noch etwas sagen oder
fragen.

Du kommst gewi zu spt, mahnte Vroni.

Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs- und schmerzenreichen
Weg ber den Stutz hinunter, am Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei.

Als er zu den Weien Brettern aufschaute, erschrak er. Es rieselte wei
in den Wildleutfurren und knatterte in einem fort. Gerade wie damals,
dachte er, als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so frh im Jahre!

Er dachte an den Vater -- er dachte an seinen eigenen groen Plan, als
ein zweiter und strkerer Matthys Jul und fr Binia die heligen Wasser
den sicheren Weg durch die Felsen zu fhren und St. Peter aus der
Blutfron zu lsen.

In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein wunderbarer Anreiz lag in
dem Gedanken.

Bah -- Bini ist fr ihn verloren -- er will wieder fort, die in St.
Peter mgen selber sehen, wie sie mit den heligen Wassern fertig werden.

Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine wunderliche Stunde
kam ihm ins Gedchtnis.

O Binia! -- Binia! seufzte er.

Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu schicken und ihr sagen
zu lassen, sie mchte von dem Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch
nur zu Vroni, wre ihm doch wie ein schnder Verrat am geliebten Bild
erschienen.

Glaube mir, sie hat grlich um dich gelitten -- sie ist zur Verlobung
mit Thni gezwungen worden. Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren.
Und Binia ist in Gefahr.

Ich kann sie aber doch nicht treffen -- sie ist die Braut Thni
Griegs, murmelte er, und der Gedanke an Binia und an die Warnung des
Garden qulte ihn so, da er im reinen Frhlingstag vor Weh fast starb.
Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze mit dem Bettelsack
stutzte einen Augenblick -- dann schlug er ein hllisches widriges
Lachen an. Guten Tag, Shnchen! -- Bist du wieder da, du undankbares
Aas!

Schweige, Pfaff! Und Josi machte eine drohende Bewegung mit seinem
Stock.

Ein entsetzlicher Ha loderte aus den Augen des Verrckten, Josi aber
hatte eine sonderbare Empfindung: Wie wenn mir einer Gift angeworfen
htte.

In Tremis streckte die alte verkrmmte Susi ihren Kopf aus dem Fenster.
Je, je, lachte sie verwundert, der zweimal verloren gegangene Rebell!
-- Jetzt seht Ihr aber schn aus. Bini mu jetzt wohl den Thni fahren
lassen. H-h h!

Haltet Euer altes Maul! rief er ihr verdrossen zu, er eilte vorwrts
und kam in Hospel eben recht auf die Post.

Der Wagen rollte das groe Thal entlang. Ein betagtes Ehepaar und ein
junges Mdchen teilten sich mit Josi in den Raum des offenen Gefhrtes.
Das Mdchen glich Vroni und war blond wie sie. Er hrte bald, da sie
erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie bernachtet habe. Die drei
sprachen dann aber wieder von gleichgltigen Dingen, namentlich vom
Segen der heligen Wasser zu Hospel und den fnf Drfern, wo ihr erster
lauer Strom die Aprikosen- und Pfirsichblten geffnet hatte.

Ihr seid von Brggen, wandte sich Josi hflich an das Mdchen, sagt,
ist Felix Indergand gut heimgekommen von seiner weiten Reise?

Vorgestern, antwortete sie frisch, kennt Ihr ihn?

Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien zusammen, wir
haben uns erst vor wenigen Tagen getrennt.

Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im Glotterthal?

Zwei hbsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches Lcheln
umspielte die Lippen des Mdchens.

Felix, fuhr sie fort, hat uns viel von Euch erzhlt, er sagte, ohne
Euch htte er es niemals ausgehalten in dem fremden Land, aber wenn er
fast vergangen sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so lieb
angesehen mit Euren braunen Augen.

Sie lchelte wieder und betrachtete Josi, der unter ihren Blicken
unruhig wurde.

Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes Mdchen.

Bei einem der nchsten Drfer stiegen die alten Leute aus -- die Jugend
fuhr bis in die Nhe der Stadt allein durch den Frhling und plauderte.

Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen lastete auf
ihr und ihrer Mutter, und wenn Josi nicht zu viel in ihre Worte legte,
so dachte sie ernstlich, sich mnnliche Hilfe zu suchen.

Ja, in Brggen, scherzte er, giebt es gewi Bursche genug, die gern
zu Euch in den Dienst treten, zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.

Seid doch still, antwortete sie, die Bursche bei uns lungern lieber
vor den Gasthfen herum.

Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust htte, bei ihr als Knecht
einzutreten.

Ach, geht, sagte sie errtend, so ein gescheiter, schner Mann wie
Ihr, der in Indien Aufseher gewesen ist, wird doch nicht Knecht, das
knnte ich gar nicht leiden.

Und sie sah ihn so sonderbar frhlich und gtig, mit so viel Achtung an,
da er ganz verwirrt wurde.

Kommt aber, sprach sie, nur sonst bald einmal nach Brggen, Felix
wird eine groe Freude haben und Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann
selbstverstndlich ein paar Tage nicht los.

Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie: Ja, etwas mu ich Euch
noch erzhlen. Wie ich gestern mit der Post im Kreuz zu Hospel
angekommen bin, saen zwei Mnner von St. Peter da, der Prsident und
ein jngerer Herr, Thni haben sie ihn genannt. Ich frage sie, ob Ihr
schon daheim seid. Da sagt der Prsident: 'Der ist ja gestorben!' der
jngere aber wird grn und gelb wie eine Leiche und wiederholt auf
spaige Art: 'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und
habe erzhlt, was ich von Felix ber Euch wute: wie Ihr, obgleich noch
so jung, geachtet und angesehen und Aufseher ber mehr als hundert
Arbeiter gewesen seid und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, da
man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird, wenn Ihr Euch wieder
meldet. Die haben Mund und Augen aufgesperrt, der Prsident hat vor
Schlucken nichts sagen knnen als: 'So -- so -- -- Josi Blatter -- so --
so!' Der jngere aber hat die Glser nur so gestrzt. Es war ganz
sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt auf einmal gesagt: 'Die Maultiere
sind bereit -- reitet heim, ihr habt ja eine groe Neuigkeit zu
bringen.'

So lieb habt Ihr von mir geredet, dankte Josi, seine Wangen glhten,
er versprach den Besuch zu Brggen und nahm ihre Hand. Ihr seid so ein
artiges Mdchen!

Ihr gefallt mir auch gut -- ich bin sonst nicht von der Art, da einer
nur meine Hand nehmen darf, sondern recht whlerisch, lchelte sie.

Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann stieg ein, und weil
Josi und Beate nichts Gleichgltiges sprechen wollten, so wurden beide
still.

Es wre gewi ein schner Traum: Ein freundliches Gut im grnen
Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das Lachen eines so jungen sonnigen
Weibes wie Beate, am Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der
in schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt hat, und dazu
den Frieden der Heimat.

Josi wei es. Aber er ist kaum allein, so bereut er das Versprechen,
nach Brggen zu kommen, bitterlich. Es wre ein Unrecht an der sonnigen,
arglosen Beate, wenn er ihr Liebe heuchelte, whrend er doch ein anderes
Bild im Herzen trgt: Binia, das feurige Herz, die mutvolle Seele. Da
giebt es keine Rettung.

Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer Binia, ihr
glnzendes Augenpaar, die frischen Lippen, das rosige Ohr und er geht
mit ihr am Gestade von Santa Maria del Lago.

Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute Wort, das er Beate
gegeben hat.

Felix, ich kann dir nicht helfen! sagt er fr sich, und dann: Bini!
-- Bini! -- Ich komme, wenn es das Leben kostete, in den Teufelsgarten
-- ich mu deine dunklen Augen sehen -- deinen Ruf 'Josi' hren. --
Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien -- morgen schon fort
-- trotz Garde, Vroni und Joseli -- fort -- fort! ein einsamer
heimatloser Mann.

Wie gern wre ich fr dich an die Weien Bretter gestiegen, aber -- o
Bineli -- weil du mit Grieg gegangen bist, habe ich den Mut nicht
mehr.




XVI.


Einen Tag zurck.

Binia ist vom Haus des Garden wieder daheim. Mit verkrampften Hnden
sitzt sie am Rand des Bettes. Die dunkle Flut ihrer Haare ist ihr zu
beiden Seiten niedergeglitten, zwei brennende Augen schauen zwischen den
Strhnen hervor. Das Gesicht ist starr und bla wie ein Steinbildnis,
aber im Blick funkelt das Leben, strmt die Leidenschaft. Sie stt
einen Ton hervor, wie ein kleines Kind, das seufzt. Es beben die Lippen:
Er ist gekommen wie ein Held -- er ist schn wie ein Held!

Dann wimmert sie und beit sich die Fingerknchel wund. Wie hat er mich
genannt? -- Frau Thni Grieg! Das Wort brennt sie wie eine Hlle im
Herzen! Es ist nicht wahr. Nein. In Ewigkeit nein. -- Ich werde es
nicht.

Sie schleudert den Reifen weit von sich.

Sie wankt zum Schrank, sie nimmt aus einer kleinen bemalten Truhe ein
goldenes Kettchen, sie ffnet die Kapsel die daran hngt, und ein
Tautropfen glnzt. Sie kt ihn mit glhenden Lippen und sagt: Wie ein
Tautropfen so frisch, so rein, so sonnenvoll habe ich wollen sein, damit
ich dir immer gefalle, Josi.

Die Stimme erbebt zart und fein. Da merkt sie erst, da ihr die Haare
niedergefallen sind. Sie tritt vor den Spiegel und ordnet sie. Und nun
lchelt sie doch. Sie ist wohl bla und ihre Wnglein sind schmal, aber
ihre gewlbte Stirn ist rein -- und die Lippen sind rein.

Und sie stammelt: Das Herz ist rein! -- Und er liebt mich noch -- ich
habe es ihm angesehen -- ich will demtig sein gegen ihn -- o, so
demtig -- und wenn er mich nicht mehr will --

Ein Schrei!

Und nun staunt sie wieder: Wenn der Vater nicht will, wenn Thni nicht
will. Sie wollen nicht!

Kmpfen, kmpfen will sie jetzt um Josi bis ans Ende -- gegen Thni --
gegen den Vater -- gegen die ganze Welt. Nein, um das einzige groe
Glck ihrer Liebe darf sie sich nicht betrgen lassen.

Und wenn sie Josi fortjagt, so will sie zu ihm hinkriechen und betteln:
Dulde mich bei dir!

Sie sinnt und nach einer Weile tnt wieder ihr kleiner Schrei.

In den fliegenden Gedanken hat sie etwas Sonderbares gehrt und gesehen;
die Leute haben gesagt, Josi habe geglaubt, Vroni sei tot. Und auf dem
Tisch des Garden lagen zwei Briefe. -- Ein alter Verdacht zuckt auf:
Warum hat Thni die Postschlssel immer abgezogen? Ist sie
hellseherisch geworden aus langer, unbegreiflicher Blindheit?

In verbrecherischer Weise hat sich Thni zwischen mich und Josi
gestellt.

Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung gewonnen.

Ja, jetzt Kampf! Ihre Augen flammen auf, alles an ihr lebt und bebt.
Du wirst sehen, Vater, du armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor,
wie ich Thni liebe.

Mit fieberglhendem Kpfchen schwankt sie hinab in die Postablage. Sie
hat die Hand am Telegraphenapparat: Postdirektion. In St. Peter ist ein
Postverbrechen geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch. Da
lt sie die Hand sinken -- der Schrecken lhmt sie. Der Vater ist der
Posthalter, nicht Thni. Hat je ein Kind seinen Vater den Gerichten
ausgeliefert?

Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie wei ja nicht einmal,
ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt ist. Und nun noch ein
furchtbarer Gedanke: Wenn der Vater in seinem wilden Ha auf Josi der
Anstifter der Briefunterschlagungen wre?

Schme dich, Binia, flstert sie, so ist er nicht. -- Unerhrte
Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt, aber du mut ihm nur in die
Augen sehen, in die lieben und schnen Augen, dann siehst du einen
gewaltigen Mann, der sich eher wrde zerbrechen lassen, als da er mit
Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit mithlfe. -- Er ist das
Opfer -- armer, armer Vater!

Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen Thnis sein.

Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mitrauisch folgen -- sie
geht in ihre Kammer -- -- sie liest den Ring Thnis knirschend auf --
aber sie bringt ihn nicht mehr an den Finger -- sie lt ihn in die
Tasche gleiten.

Mutter, flstert sie, jetzt sollte dein armes Kind klug sein wie eine
Schlange.

Sie steigt in die groe Wohnstube hinab -- sie nht -- aber die Nadeln
brechen und der Faden reit. Und dennoch denkt sie: Wie ich heucheln
gelernt habe! Nhen -- und das Herz zerspringt.

Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam erlebt hat. Sie sieht die
Bilder, als schaue sie in einen Guckkasten: den kleinen Buben, der das
wilde Kind herumtrgt -- den Ku im Teufelsgarten -- den schlafenden
Josi, den sie mit Frnzi beschaut -- Josi, das Knechtlein, das
zerschmettert mit Blzi geht -- Josi, der unter dem Peitschenhieb des
Vaters blutet -- Josi, der zu Madonna del Lago erwartungsvoll vor der
Gartenpforte steht.

Wie hat sie auch nur einen Augenblick vor dem Zorn des Vaters schwanken,
einen Augenblick glauben knnen, Josi sei tot.

Da kommen die Mnner heim.

Hole mir Wein, Bini, ich habe noch einen verdammten Durst, johlt
Thni, -- schau mich nicht so verchtlich an, Bini, und so seltsam. So,
schwillt dir der Kamm wieder, weil der Rebell und Halunke da ist. Es
ntzt dir nichts. -- Am Sonntag mu der Pfarrer unsere Ehe verkndigen!

Ins Bett mit dir, Thni, keucht und donnert der Presi, der mde und
elend auf einen Stuhl gesunken ist.

Von Euch la ich mich nicht mehr so anfahren, Presi, mault Thni unter
der Thr zurck, wenn ich im Kot bin, so seid Ihr auch drin.

Geh jetzt, sagt der Presi matt, schlafe den Rausch aus. Gelt, Bini,
du machst keine Thorheiten wegen des Rebellen! Thni schwankt ohne
Gute Nacht fort.

Sie antwortet dem Vater nicht. Das Linnen, an dem sie arbeitet, ist ihr
vom Scho geglitten. Sie hat das letzte Wort Thnis anders gefat als
der Vater -- fr sie ist es ein Schuldbekenntnis, da an Josi ein
Verbrechen geschehen sei.

Ich gehe jetzt auch zu Bett, es ist mir nicht recht wohl. Gute Nacht,
Binia. Der Vater sagt es so gtig, wie er seit langem nicht mehr
geredet hat, aber tiefbekmmert, als htte er etwas Schweres erlebt.

Binia schlft nicht.

Mitten in der Nacht wandelt sie barfu und gespensterhaft durch das
Haus. Leicht gekleidet schleicht sie von ihrer Kammer durch den Gang zu
Thnis Zimmer. Sie lauscht eine Weile an der Thre. Der drinnen
schnarcht laut. Sie ffnet die Kammer, luft auf den bloen Zehen zu
Thnis Kleidern und zieht daraus den Schlsselbund, er klirrt leise, der
Schlfer wendet sich auf die Seite, sie huscht in den Mondschatten, aber
einen Augenblick spter schnarcht er weiter, sie huscht zurck durch
Gang und Treppen abwrts bis zur Postablage.

Sie entzndet Licht, schliet Pult und Truhen auf und findet, was sie
sucht, in einer kleinen Schublade -- Briefe -- die Notschreie Josis um
sein totes Schwesterlein und um sie.

Sie kt sie -- ihre Augen blitzen -- ein bleiches Lcheln geht ber ihr
Gesicht. Darum hast du so viel trinken mssen, Thni, du Schuft! Aber
ein Narr bist du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst httest du die
Briefe vernichtet. Aus der Ferne hrt sie den gleichfrmigen Gesang des
Wchters, der mit seinem Spie taktmig auf das Straenpflaster
schlgt. Sie lscht das Licht aus, bis er vorbergegangen ist.

Dann entzndet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgefhl steigt in ihr
auf -- sie will am Morgen die Briefe dem Vater vorlegen -- Thni ist
geschlagen, das Feld fr Josi frei. -- Und vor Josi will sie sich
rechtfertigen -- so bald als mglich.

Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die ihn in den
Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden ins Freie und hngt
den Brief mit Hilfe einer Stange, einer Nadel und eines Fadens an die
Haken des Fensters, hinter dem Josi schlafen mu, und kehrt leis zurck.

Alles was sie thut, thut sie wie im Traum -- sie ist ihrer Sinne nicht
mchtig, so hmmert die Brust -- sie taumelt durchs Haus, sie tritt
wieder in Thnis Zimmer, sie steckt den Schlssel in seine Kleider, sie
betrachtet einen Augenblick den Schlfer, sie hebt die geballte Faust:
Josi hast du gemartert und schlfst so gut.

In ihren Augen funkelt der Ha, sie flstert: Wei Gott, ich knnte
Judith sein.

Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie hre etwas. -- Das Entsetzen
rttelt sie -- sie hat den Vater seufzen gehrt -- aber sie hat nicht
gewagt, sich umzusehen. War es nur Einbildung der gespannten Sinne, da
er unter der Thr seiner Kammer stand?

Wie eine Bildsule lehnt sie noch im Morgenrot mit gefalteten Hnden an
ihrem Bett, bla und aufgeregt, aber in furchtbarer Entschlossenheit.

Sie mu mit dem Vater reden -- rasch -- rasch.

Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater sei krank, und wie Binia
doch zu ihm heraufsteigen will, da fleht jene, da sie ihm Ruhe gnne.

Daran htte sich Binia nicht gekehrt, es handelte sich jetzt gewi um
mehr als Ruhe, aber -- ihr selber liegen die Erregungen der Nacht wie
Blei in den Gliedern -- sie htte die Kraft nicht, mit dem Vater zu
reden, wie sie mte -- sie knnte nur weinen.

Wohl, wohl, meint Frau Cresenz, das wird eine heitere Wirtschaft auf
den Sommer, der Prsident chzt, du bist so zitterig wie Espenlaub und
von Thni mag ich schon gar nicht reden -- der war heute frh wie eine
Leiche -- die Post hat er nicht besorgt -- er hockt schon wieder beim
Glottermller und suft. -- Und ich berlege, ob ich nicht fortlaufen
will. -- --

Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und sthnt: So viel Elend!
-- Die Drfler drohen mit Aufruhr -- der Garde ist wild ber mich -- die
Wildleutlaue steht in Sicht -- und nun ist auch der Rebell wieder da --
der unheimliche Rebell, von dem man nicht wei, woher er in allen Dingen
seine Strke hat.

Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen, da der zurck
ist. Die Brggerin plauderte so harmlos, als ob sie nichts merke. Thni
aber strzte Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem
Heimritt immer nur, er werde den Rebellen tten.

Er hat sich an der letzkpfigen Aufregung Thnis gergert -- er konnte
nicht schlafen vor Verdru. -- Da -- da -- hrt er eine Thr gehen -- er
streckt den Kopf aus dem Schlafgemach -- -- Binia schleicht
leichtgekleidet und barfu aus Thnis Kammer und huscht hinber, wo sie
und die Mgde schlafen -- Bini -- seine Bini. -- Ist's mglich -- sie in
der Nacht bei Thni -- sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und
gesperrt hat -- sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil
geworden.

Er chzt -- er sthnt. -- Es ist unfabar, da Binia zu Thni gegangen
sei, aber was das Auge sieht, glaubt das Herz. Er hat gestern abend
einen Groll gegen ihn gefat -- und die Wahrheit -- er hat schon lange
etwas gegen ihn. Wie, wenn Thni doch nicht der rechte Schwiegersohn
wre? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit der Verlobung das Dorf
schlagen wollen, nun ist ihm, er habe sich selber und Binia geschlagen.
Das arme Kind -- der liebe, lose Vogel -- ob ihm nun die Wiederkehr Josi
Blatters nicht das Herz bricht. Und in heien Sten sprt der Presi,
wie er Binia liebt, die arme Maus, die sich mit Thni vergessen hat. --
Er mchte sie schlagen vor Wut, er mchte vor ihr niederknieen: Bini,
meine einzige, sage es deinem alten Vater, was er gesehen hat, sei nicht
wahr. Aber er kann das Kind nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz
klagt ihn schreiend an: Ich habe sie mihandelt. Und der Mensch ist wie
ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es genug Schlge bekommen hat,
strrisch und strzt sich in den Abgrund.

So ist Binia gestrzt, sein herrliches Kind -- sein ist die Schuld -- er
darf ihr nicht mehr in die Augen sehen.

Mge dich Gott schlagen, hat er einmal gesagt -- und Gott hat sie
geschlagen.

Es ist schrecklich. -- Eine Umkehr giebt es nicht mehr, nur Eile vor dem
Rebellen. Am Sonntag mu der Pfarrer die Ehe Thnis und Binias
verkndigen. Ein Glck ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia wei
jetzt, da das Spiel mit Josi Blatter aus ist -- das ist vorbei!

Es ist ein furchtbar bleiches Lcheln der Genugthuung, das um die Lippen
des Presi spielt.

Josi Blatter bringt er nicht aus dem Kopf. Er ist in Ehren und mit guten
Zeugnissen aus der weiten Welt zurckgekehrt. -- -- Ja, er ist halt
Frnzis Sohn, das ist seine geheimnisvolle Kraft.

Der Presi keucht und schwitzt. Da pocht es, Frau Cresenz bringt ihm
einen Brief, den der Viehhter Bonzi abgegeben hat. Er trgt die
knorrige Schrift des Garden.

Der Presi ahnt nichts Gutes, erst als Frau Cresenz gegangen ist, ffnet
er das Schreiben.

Presi! schreibt der Garde, ich laufe Euch nicht nach, aber wenn Ihr
zu mir kommen wolltet, so htte ich Ernstes mit Euch zu reden. Ich habe
die Beweise in den Hnden, da Thni Grieg an Josi Blatter einen
gottlosen Brief geschrieben, die Schrift geflscht und das Schreiben mit
meinem Namen mibruchlich unterzeichnet hat. Ferner besitze ich von der
Post in Hospel die Bescheinigung, da zwei eingeschriebene Briefe,
darunter der des Gemeinderates an den Konsul in Kalkutta, im Postbuch
nicht vermerkt und also nicht durch Hospel gegangen sind. Thni Grieg
hat also diese und andere unterschlagen. Ich hoffe, da Ihr nicht
Mitwisser des Verbrechens seid.

Der Presi liest den Brief nicht zu Ende -- er neigt das blasse Haupt auf
die Seite -- seine Hnde zucken -- er will aufstehen -- es geht nicht
-- mit vorgelegten Armen lt er den Kopf fallen. -- Aus der Brust des
Gerichteten sthnt es, wie wenn eine gewaltige Eiche sich zum Falle
rstet.

Der Sturz einer Eiche. Wer das Bild einmal gesehen hat, vergit es nie!
Es seufzen tief unter der Erde die Wurzelgrfte, es bebt die Krone, die
Vgel flattern schreiend heraus, die Kfer kriechen aus der Rinde und
rennen davon, quiekend wrgt es in den Stammfasern, als ob sich
Jahrhunderte trennen, es ist ein Knistern und Brechen, ein
geheimnisvolles Raunen von Abschiedsstimmen -- das Fallen einer Eiche
ist eine ganze Schlacht.

Eine wrgende, chzende Schlacht ist in dieser Stunde das Leben des
Presi.

Er zweifelt nicht. Er wtet nicht, aber sein leises Zittern ist
schrecklicher als ein lauter Ausbruch der Wut.

Wenn die Eiche vor dem Falle erbebt, so sagen die Holzleute: Der Baum
redet!

Der Presi redet.

Mit zuckenden Lippen murmelt er: Nein, Garde. -- Gott wei es -- ich
bin unschuldig -- Bini -- Vogel -- meine Ehre und deine Ehre durch einen
Schuft dahin.

Sein Wort klingt wie eine sanfte, feierliche Knabenstimme. Die dnnen
sprlichen Thrnen des Alters rinnen ber seine Wangen. Er merkt es
erst, wie sie auf seine Hnde fallen. Die Thrnen beelenden ihn noch
mehr. Sechsundzwanzig Jahre hat er nicht geweint. Er hat es beim Tode
der Beth nicht gethan, sondern das letzte Mal, als er Frnzi um ihre
Hand bat.

Frnzi. -- Seppi Blatter, sthnt er, erbarmet euch meiner -- ich gebe
nach!

Ich gebe nach -- ich will hinter sich machen -- zuerst mit Bini. -- --
Ja, wenn es ginge! Aber sie ist aus Thnis Kammer gekommen!

Und das Wort Thnis: Wenn ich im Kot bin, seid Ihr auch drin, tnt in
seinem Ohr wie die Posaune des Gerichts.

Da murmelt er in seinen wilden Schmerzen: Fr den Rebellen thut sie es
schon noch, doch er hat es kaum gesagt, so rauft er sich das Haar:
Nein -- nein -- das gilt nicht -- das habe ich nicht gedacht. Er zuckt
in der grlichen Furcht, da dieser eine schlechte Gedanke schon wieder
ein neues Verhngnis zeitige, und die Stunde ist da, von der der Garde
gesprochen hat. Auf den Knieen wrdet Ihr zur Lieben Frau an der Brcke
rutschen, wenn Ihr Bini nur dem Josi geben knntet und Ihr sie friedlich
wtet.

Die Stunde ist da -- sie ist gekommen wie ein Dieb ber Nacht.

O, wie der wilde Presi zahm ist und betet.

Ein schnes Alter. -- Nein, kein schnes Alter. -- Binias Augen reden:
Vater, warum hast du mich in die Hand eines Schuftes gezwungen und ich
htte glcklich sein knnen mit Josi Blatter, der ehrenvoll aus der
Fremde heimgekommen ist.

Frieden. -- Frieden! --

Wieder sinkt sein Kopf. Er sieht es nicht, wie Frau Cresenz angstvoll
kommt und geht. Er wei nicht, wie viele Stunden er in brtender
Vernichtung sitzt, er hrt es nicht, wie der wachsende Fhnsturm pfeift
und an den Fenstern rttelt.

Sein Leib ist lahm, seine Glieder sind gebrochen, endlich aber steht er
schwankend auf, er nimmt Rock und Hut und steigt die Treppe hinab. Wo
ist Bini? fragt er Frau Cresenz. Er leidet furchtbare Angst um das Kind
-- es ist ihm, es schwebe in drohender Lebensgefahr -- und doch, nein,
er mchte sie nicht sehen -- er schmt sich vor Binia und fr sie.

Sie hat so stark den Fhn im Kopf -- sie hat nicht mehr stehen knnen
-- sie ist in ihre Kammer gegangen, jammert Frau Cresenz. Um tausend
Gotteswillen redet jetzt nicht mit ihr.

Fhn im Kopf, grollt der Presi dumpf -- ich gehe jetzt zum Garden --
und ich hoffe, da mir Thni nicht begegnet -- sonst mu er sterben.

Das letzte sagt der Presi so fest, wie es ein Richter sagen wrde.

Frau Cresenz schlgt die Hnde ber dem Kopf zusammen: Was giebt es
auch, Prsident, was giebt es?

Da schleudert er ihr den Brief des Garden vor die Fe und geht.

Allein in der Dmmerung geht er nicht gleich zum Garden, er schwankt,
ohne zu wissen, was er thut, hinber zum Neubau, steht eine Weile davor,
schttelt den Kopf und wendet sich wieder zum Gehen.

Da hrt er pltzlich ein grliches Lachen. Kaplan Johannes mit dem
Bettelsack steht neben ihm. Herr Presi, merkt Ihr es nicht, es kommt
ein Wetter. Geht doch lieber zum Glottermller, dort zahlt einer Wein,
so viel man will, und erzhlt den Leuten lustige und traurige
Geschichten aus dem Bren von St. Peter.

Du rudiger Pfaff! schreit der Presi, er strzt sich auf den Kaplan
und mihandelt ihn. Unter heulenden Flchen flchtet der Letzkpfige,
er droht: Ich will doch einmal mit Eurer Tochter tanzen!

Das andere versteht der Presi nicht.

Zu allem Elend den Hohn. Aber warum sollte man mich nicht auslachen,
mich, den alten Thor, der sein Kind in die Arme eines Verbrechers
gezwungen hat. Und der Schuft hockt noch in St. Peter? Eine Axt will ich
nehmen und ihn erschlagen.

Er schwankt nun aber doch zum Garden, zu dem schwer beleidigten
ehemaligen Freund. Bitter wie noch kein Gang in seinem Leben wird ihm
der Besuch. Garde, keucht er, verzeiht mir, und Josi Blatter lasse
ich danken, da er nicht klagt.

Mehr wrgt er nicht hervor, der Garde will ihm die Beweise vorlegen,
aber ein Blick, und der Presi nimmt pltzlich den Hut und strmt fort.

Beim Garden hat er das Glck gesehen, das innige Familienglck um Vroni,
in seinem Haus aber wtet das Unglck.

Er strmt durch die Nacht. Wer nicht ein Drfler ist, fnde jetzt den
Weg nicht. Der Fhnsturm singt an den Felsen ringsum, er sthnt, er
jauchzt und die Wolken hangen so tief ins Thal, da sie das Dorf fast
erdrcken. Ferne Lawinen donnern, es regnet in starken einzelnen
Tropfen. Jeder Regentropfen thut dem Presi im brennenden Gesichte wohl.

Zuletzt kommt er doch wieder heim; der wirre Mann chzt: Prsidentin,
ich mu zu Bett -- ich glaube, es ist meine letzte Nacht -- ich habe
mein Herz gewendet -- aber ich wei schon -- es kommt noch mehr -- es
kommt noch mehr. Grliche Furcht rttelt ihn.

Frh schon ist der Bren dunkel. Einige Stunden spter steht im
Wettersturm ein Mann vor dem unglcklichen Haus, und wie es elf Uhr
schlgt, ffnet er die Thre.

Bist du es, Thni? kreischt Frau Cresenz, die ihn trotz dem Sturme
gehrt hat, angstvoll. Keine Antwort. Da rennt sie halb angekleidet die
Treppe hinunter, Thni kommt aber schon wieder aus der Postablage und
eilt ins Freie.

Thni, was thust du? schreit sie angstvoll.

Lebt wohl, Tante, Frau Prsident, ruft er. Nach der Postkasse fragt
nicht -- ich gehe nach Amerika -- und der Revolver ist fr Verfolger
geladen.

Er geht den rechten Weg, knirscht der machtlose Presi, der sich ans
Fenster geschleppt hat.

Eine Nacht ist eingefallen, wie man sie im Bergland selten erlebt.

Der Fhn fhrt in Sten von den Gipfeln, hei im einen Augenblick, im
nchsten bis ins Mark erkltend. Die Wolken jagen sich, stieben schwarz
und schwer ber die Hausdcher dahin, die Blitze erleuchten das Thal
taghell, die schumenden Wasser der Glotter erglnzen. Dann ist wieder
pechschwarze Nacht. Jetzt spielen die Feuerflammen um die Krone, der
Firn funkelt und leuchtet. Unaufhrlich knattert der Schnee- und
Eisbruch im Gebirg, an den Bergwnden verfngt sich der schmetternde
Donner, rollt und grollt, das Krachen der frischen Schlge wird
verstrkt durch den Wiederhall der vorangehenden und rings im Gebirg
sind die Runsen los. Die Berge wanken, es ist, als ob, was tausend Jahre
fest und starr gewesen ist, pltzlich lebendig wrde und wandern msse.
Es ist ein Bild wie Weltuntergang!

Die Wetterglocken von St. Peter wimmern durch den Aufruhr der Elemente.

In allen Husern brennt Licht, um den Tisch sammeln sich bleiche
Gesichter, in den Hnden der Beter beben die Kruzifixe, und selbst die
Gottlosen falten die Hnde und seufzen: Herr! -- Herr! --

Es ist eine Totennacht, flstern die Aelpler. In dieser Nacht steht
nach uralter Sage ein geheimnisvolles, im Bergland begrabenes Kriegsvolk
auf und zieht zur Heimat. Da darf niemand ins Freie blicken, denn wer
die Reiter sieht, wird vor Schrecken siech:

    Es donnern die reitenden Boten:
    Gebt Raum fr das irrende Heer,
    Es fahren, die Goten, die toten,
    Vom Bergland ans heilige Meer.

    Frau Hulder auf leuchtendem Schimmel
    Sprengt jauchzend den Reitern voran,
    Sie ziehn auf der Erde, am Himmel;
    Sie kmpfen und brechen sich Bahn.

    Von reisigen Vtern und Shnen,
    Wallt klirrend der Heerzug durchs Thal, --
    Die Trommeln, die Hrner erdrhnen --
    Sie reiten in brennender Qual.

    Schaut -- allen die fahren und fliegen,
    Strmt aus den Wunden das Blut,
    Die weinenden Mtter, sie wiegen
    Im Arm die erschlagene Brut.

    So reiten und ziehen die Goten,
    Der schallende Hornruf ergellt:
    Hu-hoi, hu-hoi! Wir Toten
    Sind Herren der lachenden Welt.

In dieser Nacht schwitzt der Presi Blut: Es kommt noch mehr -- es kommt
noch mehr!

Ja, Herr Presi, es kommt noch mehr.

In dieser Nacht stehen im Teufelsgarten eng aneinander geschmiegt zwei
Liebende. Und zrtlich spricht der junge Mann: Bini, weil ich dich rein
erfinde wie einen Tautropfen, will ich das groe Gelbde meiner Jugend
halten.

Josi -- es tnt wie ein kleiner Schrei, Josi, mein Held! Sie umarmen
sich, sie kssen sich, sie flstern es einander selig zu, da es kein
Leben mehr giebt als eines im anderen.

In dieser Nacht flieht ein Mann, den das schlechte Gewissen jagt,
thalaus.

Wie er am Teufelsgarten vorbeirennen will, zuckt eine Blitzschlange
durch die Glotterschlucht und erleuchtet sie taghell. Er sieht das
engverschlungene Paar. Aus dem Revolver blitzen die Schsse, die Kugeln
zischen. Die Schlucht wird dunkel, am Glottergrat kracht es und ein
gewaltiger Donner erstickt die Stimmen eines Kampfes, der im
Teufelsgarten wtet, und bertnt den Sturz eines Mannes, der in der
Glotterschlucht versinkt.

Im ersten Morgengrauen geht das Liebespaar bla und eng aneinander
geschmiegt den Stutz empor und der Mann flstert dem bebenden Mdchen
zu: Arme Bini -- das habe ich nicht gewollt -- so elend mssen wir sein
-- nun mag uns Gott helfen.

Wie er es sagt, schiet johlend Kaplan Johannes am Wegrand auf.

Hoho! -- Rebell und Hexe, lacht er drohend, ich komme auch an eure
Hochzeit.

Und whrend des Mnnerkampfes im Teufelsgarten ist die Wildleutlawine
gegangen.




XVII.


Die Wildleutlawine ist gegangen! -- Man hat es in dem Aufruhr der
Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, aber der Morgen bringt die
erschreckende Kunde. -- Und heute ist Wassertrstung -- Losgemeinde! Ein
Mann mu auf Leben und Sterben an die Weien Bretter steigen und
geheimnisvoll waltet das Los.

Der Sturm der Nacht hat sich gesnftigt, der Himmel hat sich gereinigt,
mit unschuldigem Kinderlcheln schaut er auf die Welt, und der Fhn, der
gewaltige Geselle, schmeichelt um die ergrnenden Berghalden wie ein
verliebter Bursch, der von seinem Mdchen Blumen bettelt.

Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, die Enzianen ffnen
die blauen Augen.

Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hlt ihre Augen. Der Tag
entwickelt die alten Bilder! Aus der Runde reiten die Bauern auf ihren
Maultieren zur Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und
Tchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche Ruhe waltet,
tiefer als je an einer Wassertrstung. Da und dort grollt es flsternd:
Schon nach elf Jahren. Merkt Ihr es! Und die dumpfe Antwort lautet:
Ahorn! Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: In zwlf Wochen
sptestens sollen Bren und Krone brennen.

Wie einsam steht der Bren, das schne alte Wirtshaus! An die Stangen
vor ihm bindet kein Bauer sein Maultier an. Frau Cresenz tritt ein
paarmal angstvoll unter die Thre, aber die Ziehenden reiten grulos
vorbei und stellen die Tiere vor die Huser der Verwandten oder vor die
Glottermhle.

Verfemt ist der Bren! Nein! Wie die Glocken zu luten anheben,
schreitet wie ehemals der Gemeinderat in wrdigem Zug die Freitreppe
hernieder, voran der Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi
und der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die Binde trgt.

Die Mnner sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der
kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen,
die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der
Presi jedoch, der wohl um den Kopf grer ist, schaut abgezehrt aus, und
die paar mchtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch lnger, noch
tiefer geschnitten. Man wrde glauben, er wre von den beiden der
ltere, wie er aber so mit den anderen geht, mu jeder, der ihn sieht,
denken: Er ist halt doch der Presi!

Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet
haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Drfler,
die nach ihm sehen, ist ihm zuwider.

Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder.

Er hat kein Wort von Beate Indergand erzhlt, bla, mde und stumm ist
er im Lauf des Vormittags heimgekommen.

Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weien Bretter,
denkt Vroni. Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder
seine Qual um ihn.

Der Weibel riegelt die Thre vor den Weibern zu, die betend und jammernd
im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia.

Ein Zittern luft durch ihren Krper, mit der schmalen Hand sttzt sie
sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen.

-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist
nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht
lchelnd der grliche Kaplan?

In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertmlichen Altar
gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den
geschnitzten Sthlen harren hundertundsiebzehn Brger, den dunklen Filz
vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hte und wie aus Erz
gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Mnner. Durch
die gelben, roten, blauen und grnen Scherben, welche die
Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen
Bndel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen
ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grnes Mal auf das Kleid,
und von drauen rauschen die brnstigen Gebete der Frauen.

Nun redet der Presi und jeder sprt es, so schn, so warm und
eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: Es ist ein
Elend, da man diesem Manne ein Leid anthun mu. Wie spricht er
furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn
nicht grimmig hat. Wie wenn er es nicht wte, so frei steht er da. Und
doch wei er es, er hat gewi eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben
kann er nicht. Darum mu man den Bren verderben.

Jetzt verkndet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand
freiwillig meldet.

So ein Knechtlein wre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein
Mdchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an
die Weien Bretter steigen fr seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm
Freiwerber sein!

Schweigen.

So einer wre, der htte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die
heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weien
Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen
sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar
nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales
darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.

Schweigen! Der grliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der
Erinnerung aller. Htten die Gemeinderte aber vom Altar nach Josi
Blatter geblickt, so htten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schwei
von der Stirne strich.

So lasset uns denn losen, spricht der Presi. Nach alter Sitte ist 77
die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?

Schweigen! Jeder der Mnner hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen
des Vaterunsers fllt den Raum.

Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darber, verschliet
ihn mit dem silbernen Deckel, rttelt ihn und wendet ihn dreimal
feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des
Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf
den Altar.

Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: In Gottes, in Jesu Christi,
in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so
wollen wir losen. Und er hebt den Deckel der Urne ab.

Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten
sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften
bleiben zurck. Am Altar thut jeder einen Stoseufzer, langt in die
Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurck in die
Sthle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und ffnet sein Los. Den
letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los
nimmt der Presi selbst.

Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut
verrt sich die grenzenlose Spannung, die ber der Gemeinde liegt, denn
es gilt als ein Zeichen der Schwche, sich hastig oder neugierig zu
zeigen, oder Freude zu uern, wenn die schreckliche Zahl glcklich
vorbeigegangen ist.

Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.

In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St.
Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag
stehen bleiben.

Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus
ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen.

Peter Thugi, habt Ihr das Los? fragt der Presi feierlich.

Ja, sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge
Frau ist ihm krzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten
Grovater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und
nicht mittellos.

In einen seltsamen klagenden Laut lst sich das Erbarmen der Mnner aus.

Ein feierlicher Augenblick.

Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: Presi und Gemeinderat, darf
ich reden? fragt er bewegt.

Sprecht, Blatter, sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig,
doch mit warmer Achtung mit.

Josi errtet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert
und mitrauisch auf ihn gerichtet sind.

Will er an die Stelle Peter Thugis treten?

Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er:

Herr Presi, ihr Gemeinderte und Brger von St. Peter! Obwohl ich nur
ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde
zurckgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat
es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weien Brettern gefallen
ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es
zugebt und mir die ntige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis
zum Allerheiligentag fr die heligen Wasser eine Leitung durch die
Felsen der Weien Bretter fhren, da alle Knnel berflssig sind, und
die Blutfron von St. Peter lsen. Es ist die Erfllung eines Gelbdes
fr ein groes Glck, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.

Mchtige Bewegung. Man hrt dumpfes Murren: Was er sagt, kann niemand
thun! und halblaute Rufe: Prahler! -- Grohans! -- Gotteslsterer!
Der Presi aber donnert: Lat ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das
Wort.

Es giebt jetzt ein weies Pulver, fhrt Josi fort, das ist wohl
hundertmal strker an Gewalt als das schwarze und heit Dynamit. Man
sprengt damit die Wege fr die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr
euch drauen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, da
damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weien
Bretter nur ein Spiel ist.

Der Bockjelpler ruft: Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.
Andere Stimmen sagen: Hrt -- vielleicht hat der Plan doch Hnde und
Fe, wieder andere grollen: Nichts Neues in St. Peter, wir haben am
Alten genug. Dritte drngen: Nur reden, und vierte mahnen drohend:
Nein, abhocken, Rebell.

So schwirren die Rufe.

Da mahnt der Garde: Er hat das Wort vom Presi!

Der Bockjelpler ruft: Aber er kommt nicht durch die Wildleutfurren!

Josi Blatter fhrt fort: Durch die Wildleutfurren baue ich eine Mauer,
setze den Kanal darauf, darber ein stark steiles Dach aus den dicksten
Balken, darber ein zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit
Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das Dach dicht an die
Felsen der Furren, die ich ein gutes Stck empor so verbauen will, da
die Lawine keinen Angriff findet, wenn sie kommt, und da sie machtlos
ber die Steinplatten niederpoltern mu. Trgt man zu dem Werk ein wenig
Sorge, so hlt es tausend Jahre.

Hm -- es scheint, er versteht etwas! -- Lat euch nicht ein, das ist
Aufruhr und Todsnde. -- Er ist noch der alte Rebell, verwirren sich
die Stimmen.

Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, das Klopfen der
gengstigten Frauen, das durch die schwere Thre dringt, vermehrt sie.

Josi kann vor dem Lrm um ihn nicht weiter reden, fast hoffnungslos
sitzt er ab.

Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden Augen und mit
glhrotem Kopf vor der Gemeinde auf. Ihr Mnner von St. Peter, spricht
er mit zwingendem Klang der Stimme, wir wollen das Angebot Josi
Blatters nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren der englischen
Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, er war der Kopf einer
Abteilung von ber hundert Mann. Und die Englnder sind ein tchtiges
Volk. Prft also das groherzige Anerbieten, es handelt sich, wenn das
Werk gert, um eine wunderbare Wohlthat fr uns, unsere Kinder und
Kindeskinder. Weil aber die Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich,
die Gemeinde sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim
Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu halten sei. Ohne ihn
knnen wir nicht vorwrts gehen, er mte auch zwischen uns und den
ueren Gemeinden vermitteln, da die heligen Wasser einen Sommer lang
stillstehen drfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit wir in acht
Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden knnen, ob wir das Werk
annehmen oder nicht. Ich wei, da ihr mir alle grollt, aber Gott im
Himmel wei es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten teile,
habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. Ich will das Amt, das
ich zwanzig Jahr bekleide, vor euerm Groll in der Maigemeinde
niederlegen. -- Folgt nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das
Angebot Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.

Mit hinreiender Wrme, mit strahlendem Auge, zuletzt mit einer
Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, hat der Presi geredet und alle
verwirrt. Ist das der hochmtige Mann, der dem Dorf den harten
hhnischen Bescheid gegeben hat?

Sein Auge sucht Josi Blatter -- ein kleines, unendlich schnes Lcheln
geht um seinen Mund -- ein Lcheln, bei dem Josi ist, es schmelze der
Ha aller Jahre hinweg.

Er ist wonnig bestrzt ber den Blick.

Nun aber hlt der Glottermller mit seiner hohen Weiberstimme auch eine
Rede: Nur nichts Neues. Die Wasserfron ist St. Peter von Gott
auferlegt, da wir nicht bermtig werden in Bosheit. Josi Blatter ist
ein Aufrhrer und bleibt ein Aufrhrer, und wie frher gegen das Dorf,
wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. Ich sage: Nichts
Neues! -- Keine Abordnung!

Nichts Neues! -- Keine Abordnung! fielen einige ein, andere riefen:
Fort mit der Blutfron!

Peter Thugi sa da wie ein Gerichteter, dem man das Leben zu schenken im
Begriffe steht.

Mit Hilfe seiner groen Verwandtschaft beschlo die Gemeinde, die
Abordnung an den Regierungsrat zu schicken, und bestellte sie aus dem
Glottermller, zwei weiteren Anhngern des Alten, dem Garden und dem
Bockjelpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den Presi aber berging
die Gemeinde in der Wahl.

Bis die Abordnung ber die Antwort der Regierung Bericht erstatte, solle
Peter Thugi bei seinem Los behaftet sein.

Ein Krieg htte das Dorf nicht mehr aufregen knnen als der erstaunliche
Ausgang der Losgemeinde.

Der Presi, hhnten einige grimmig, hat uns mit seiner
schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. Htet euch.

Da Josi Blatter mit seinem Gelbde gerade auf die Zeit zurckgekehrt
ist, wo die Wildleutlawine gegangen ist, bedeutet etwas -- ein groes
Glck oder ein noch greres Unglck, meinten andere.

Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang zu machen. Vroni wandelt
mit Josi durch das ergrnende Feld und schaut den schweigsamen Bruder
mit ihren blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung
an.

Josi, sagt sie, du bist also der Mann, der uns geweissagt ist in den
alten Heligen-Wasser-Sagen, die da melden: Es wird einer kommen, der
strker ist als Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron an den
Weien Brettern erlsen. Du bist also der Mann, Josi!

Ich hoffe es! erwidert er mit einem bleichen Lcheln.

O Josi, versetzt sie, es ist schwer, dieses Mannes Schwester zu sein
-- -- und in den alten Sagen steht auch, es msse eine Jungfrau ber dem
Werke sterben.

Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um die Hfte Vronis. Ich
wei nur, da ich mein Gelbde erfllen mu, sagt er ernst, es ist fr
Binia, dafr, da sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein mu,
sterben wir beide fr das Werk, aber gewi nicht eines allein.

Da sieht Vroni das grne Feld nicht mehr, durch das Peter Thugi, der vom
Los Getroffene, mit seinen Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: Seht,
das ist der Mann, der euren Vater retten wird; er wendet sich zu den
Geschwistern: O Josi -- knnte ich es dir einmal danken, was du an
diesen Kleinen thun willst.

Siehst du, Vroni, sagt Josi bewegt, und ich kann nicht glauben, da
ein Segen zuletzt in einem Unglck endet. -- Wenn es aber wre -- so
thue ich doch, was ich mu.




XVIII.


Der Presi sitzt im Bren auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi,
der das Znglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit
hinreiendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann.
Seppi Blatter -- Frnzi, sthnt er, seid ihr jetzt mit mir zufrieden?
-- Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet -- ich habe fr
euern Josi geredet -- ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem
Werk helfen -- ich will Frieden -- Frieden -- mit euch und eurem Sohne
Josi -- den ich geschlagen habe -- den ich achte und liebe.

Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit
erhob, wie er mutig und mutiger redete, fat er es nicht mehr, wie er
Josi Blatter jemals hat gram sein knnen. Sein Plan ist gro. Wie er ist
noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein knnte
-- aber -- -- er brtet wieder.

Da schwankt Binia zu ihm herein, bla, md und auf den schmalen Wnglein
doch einen Schimmer des Glcks.

O, sie ist rhrend schn, die blasse Binia.

Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Hndchen: Vater, ich danke dir,
da du fr Josi eingestanden bist. Ein schmerzliches Lcheln geht ber
ihr bleiches Antlitz.

Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel -- gelt, ich kann fr dich --
und fr Josi Blatter viel thun. Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm
nieder -- er streichelt ihren Scheitel: Kind -- ich mchte Frieden
machen. -- Bini -- ich mchte noch einmal glcklich sein -- und wenn es
nur ein Jhrchen wre. -- Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch.
Beth, mein guter Engel. -- Ich wre mit ihr nicht so weit gekommen und
das Hintersichkrebsen wre nicht so schwer. -- Josi Blatter ist ein Mann
wie ein Held -- ich will fr ihn kmpfen. Wenn mich die von St. Peter
schon nicht in die Abordnung gewhlt haben, so gehe ich doch fr ihn in
die Stadt, und ob das Dorf mich hat, so bin ich vor der Regierung noch
der Presi von St. Peter. -- Soll ich gehen, Kind?

Ja, Vater, ja.

Herzzerbrechend weint die knieende Binia.

Bini -- Gemslein, hebt der Presi wieder an, ich kann deine blassen
Wangen nicht mehr sehen -- sie tten mich -- Bini, bekomme rote Wnglein
-- la die Geschichte von Thni nur erst still werden -- dann nimm in
Gottes Namen Josi -- ich habe ihn lieb -- und lache wieder einmal mit
deinem glcklichen Kinderlachen.

Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glcks -- und des Elends.
Wahnsinnig kt sie die Hnde des Vaters und dann schaut sie ihn an so
rhrend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: Vater, es
ist zum Kinderlachen zu spt!

Da wird er in grlicher Angst pltzlich wieder der alte, bse Presi. Er
zischt sie an: Zu spt -- Bini, du hast wohl knnen so eine Komdie
machen, bis du dich zu Thni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit
ihm gekommen.

Nein --. Vater -- nein! Es tnt wie ein zersprungenes Glcklein.

Warum bist du denn so bla -- so hinfllig? -- Ich habe es ja selber
gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.

Binia wimmert nur, etwas Schweres schliet ihr den Mund. -- Sie schwankt
empor, sie tappt davon wie eine Trunkene.

Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: Mutter -- Mutter --
es ist entsetzlich -- das glaubt der Vater -- ich htte mich mit Thni
vergangen! -- Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein
Kinderlachen verloren habe. Er wrde daran sterben.

Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stie.

Mutter -- Mutter -- wie sind wir unglcklich. -- Aber gelt, Mutter,
liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlsen -- er, der so viele erlst,
kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. -- Und den grlichen
Vorwurf des Vaters mu ich tragen -- Mutter -- um des Vaters selber
willen -- hilf mir schweigen.

Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.

Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare
Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau
Cresenz, er donnert sie an: Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte
von den Briefen -- was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini?
-- Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins
Haus gebracht. -- He, Frau Cresenz -- gestupst und getrieben habt Ihr
Tag und Nacht an mir, da ich Bini dem Thni gebe -- und er hat mich
getrieben, da ich den verfluchten Neubau angefangen habe.

Frau Cresenz, die khle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht
aufhrt zu wten, mit der Schrze die Thrnen ab: Prsident, sagt sie
entrstet, ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thni,
den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an
dem Ihr mit Thni, aus Freude darber, da Blatter tot sei, wie toll
getrunken und die Glser miteinander ins Leere gestoen habt: 'Zum Wohl,
Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht
geahnt, da es ein Unglck giebt?

Schweigt! schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als znde ihm jemand
mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mchtig, er
wrde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen.

Als die Todesnachricht falsch war, fhrt sie fort, und Blatter wieder
schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint,
es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten
Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rckwrts knnen, hat falsch
geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Da er ein Schelm
und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.

Pltzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thnis.

Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mchtigen Karst, rennt
damit in der beginnenden Dmmerung durch das Dorf, und erschrocken
sehen es die von St. Peter.

Was hat der Presi? fragen sie, was will er mit seiner Hacke?

Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit
wuchtigem Arm schlgt er die Zinken in Mauer und Balken, er reit vom
Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel
ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu
vernichten, was ihn an den unseligen Thni mahnt. Aus scheuer Entfernung
sehen ihm die malos erstaunten Drfler zu. Er ist letzkpfig
geworden! meinen die einen, die anderen: Nein, seht, er hat doch ein
Herz fr uns. Wie er sich beobachtet sprt, stutzt er, dann ruft er den
Nhertretenden zu: Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt,
verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, da sie's holen mgen. Bringt
eure Aexte und Krste, helft mir!

Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: Presi, etwas
Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!

Gewendet habe ich mich, Garde, sagt er und die Drfler staunen.

Der Presi hat sich gewendet. -- Wenige lcheln, es ist kein Spott oder
Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den
Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frhlingsnacht
heimwrts schreitet, lften die Drfler, die unter den Thren stehen,
achtungsvoll die Hte vor ihrem Presi.

Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschtteln, flstern
sie einander zu, und fr St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.

Und die Frhlingssterne, die zu schimmern beginnen, sehen den
zertrmmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist.

Seltsam! -- Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch
des Friedens -- er wtet nicht mehr, nur eine heie Wehmut um Binia
schleicht noch durch sein Herz.

Wie -- wenn Josi Blatter sie so stark liebte, da er sie trotz allem,
was vorgefallen ist, doch zu Ehren annhme! -- Um Binias willen mu er
Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch
zgernden Garden berredet er mit dem Feuer eines Jnglings von der
Ausfhrbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant.

Ohne da er es wei, hat er dafr schon das Beste gethan.

Die Drfler sagen: Wenn das Wunder mglich ist, da der Neubau des
Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere mglich, da Josi
Blatters Plan gut ist.

Das schwer erschtterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem
gengstigten Dorf.

Es sind so wunderliche Zeitlufte in St. Peter, da man sich aus dem
Verschwinden Thni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er
schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermller
mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr
auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein.

Einige Tage spter durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle
Teilnahme so gefangen, da die von St. Peter vor Spannung nicht mehr
arbeiten mgen.

Die Regierung ist mchtig fr den Plan Josi Blatters eingenommen, der
ihn selbst den Herren dargelegt hat.

Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter
gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither
hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das
Dorf, da zur zweiten Wassertrstung zwei Regierungrte auf einmal
kommen. Die liebenswrdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden
als der glatzhuptige Glottermller, der quiekende Unglcksrabe.

Josi Blatter, der groherzige Mann, sagen sie, soll sein Gelbde
lsen, die Leitung nach den neuen technischen Grundstzen bauen und
treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die
Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken
verpflichten, die ntig sind.

Ja, wenn die Regierung dafr einsteht, meinen die von St. Peter, so
ist der Plan gewi gut, und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.

Umsonst ruft der letzkpfige Kaplan sein Wehe -- wehe -- wehe! durchs
Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: Ab mit der Blutfron -- ab -- ab!
-- es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist fr uns,
unsere Kinder und Kindeskinder.

Eine gute That! -- Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die
Unglckstafeln an den Weien Brettern werden verrosten, die Losgemeinde
wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in
der Enkel Hand.

Und der Ahornbund liegt am Boden.

Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bren begleiten mssen, aber
jetzt sind sie fort.

Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die
Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen!

Aber nun steht Binia doch so selig, so demtig in Josis Arm -- und er
kt ihren Scheitel: Bineli -- mein Bineli. Und Josi antwortet sie.

Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende Wunde -- sie sind am
Ziel. Ihre stille Verlobung von Santa Maria del Lago gilt wieder und er
geht jetzt an das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heien
Segenswnsche ruhen.

Aber dann freilich ist noch eine That ntig, die fast schwerer als die
Befreiung St. Peters von der Blutfron ist, die Selbsterlsung aus einem
Schein der Schuld, den ein bermchtiges Verhngnis auf sie geladen hat.

Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits der groen Dinge
vor ihnen das Glck.

Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen und ihre Augen glnzen
ineinander.

Da kommt der Presi, sieht es -- sieht es -- er lchelt ihnen glcklich
und mit seinem herzinnigsten Lachen zu, er meint ein Wunder zu erleben
-- er schwankt, ob er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen
Augen gesehen hat, da Binia aus der Kammer Thnis trat.

Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wrme, voll Treue, voll
Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das Mdchen findet, das sich in
seiner Liebe treu, rein und unschuldig wei.

Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz.

Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis zur Vollendung mehr
gehrt als der Welt.

Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: Bini -- Vogel -- Gemslein,
dringt er in sie, jetzt darfst du's deinem Vater schon sagen: Hast du
Thni wirklich nie gern gehabt?

Du thust mir furchtbar weh, Vater! antwortet sie schamvoll, glaubst
du, ich drfte einem so herrlichen Mann wie meinem Josi in die Augen
sehen, wenn ich mich nicht treu wte, meinem Josi, der nur aus
Dankbarkeit gegen den Himmel an die Weien Bretter geht, weil er mich
trotz allem Gegenschein treu erfunden hat. Und im Sturm der Wallung
kann sie nicht mehr schweigen. Als du mich aus Thnis Kammer kommen
sahst, habe ich nur die Schlssel geholt, um mich der Briefe zu
bemchtigen, die er unterschlagen hat, -- da sind sie.

Sie reit die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt sie vor den Vater
und will sich flchten. Er aber zieht sie an seine Brust: Vogel --
Herzensvogel -- und das hast du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast
mich in der verzehrenden Angst gelassen -- du Grausame. -- Aber jetzt
rote Wnglein, Kind!

Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie msse dem Vater mehr und alles
verraten, sie msse ihm jetzt auch sagen: Vater, uns ist ein Unglck
geschehen, hilf uns in entsetzlicher Not, aber das unendliche Glck,
das in seinen Augen strahlt, schliet ihr den Mund.

O Bini -- Bini, lacht und jubelt der Presi. Aus Beelendung ber dich
bin ich so rckwrts gekrebst -- gezittert und gebetet habe ich, da
Josi sich doch deiner erbarmen mge. -- Und nun ist das Wunder
geschehen, da das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt will
ich auf ein schnes, ruhiges Alter mit dir und Josi denken. -- Ich mag
die Unruhe nicht mehr -- ich gebe das Fremdenwesen auf!

Der Presi spricht es in einem Taumel des Glcks. Aber Binia weint
bitterlich -- sie schluchzt vor Leid: O Vater, sobald Josi sein Werk
vollendet hat, so wollen wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes
Land ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hten und pflegen.

Leidenschaftlich stt sie es hervor.

Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi eingegeben? fragt er
ernst und erstaunt.

Nein, Vater, ich mir selbst! bebt ihr Mund.

Was denkst du, spricht er nach einigem Besinnen, ich kann nicht fort
von St. Peter. Wer so lange in St. Peter gelebt hat wie ich, mu in St.
Peter sterben. --

Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an und geht.

Sie ist ein merkwrdiges Kind, jetzt wie frher, denkt der Presi, aber
er ist selig ber das Bekenntnis, das sie ihm abgelegt hat. Er baut
Plne des Glcks fr Binia, fr Josi, fr sich. Er ist beinahe wieder
der alte Feuerkopf.

Und er schttelt den Kopf: Wie ich so lange habe ein Narr sein und Josi
widerstehen knnen!

Prsident, meint Frau Cresenz, wir sollten doch langsam auf unsere
Vorbereitungen fr den Sommer denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben
habt, so werden wir um so mehr zum Bren sehen mssen.

Er lacht sie nur seltsam an und sagt: Ja, Prsidentin, ich gehe morgen
nach Hospel hinaus zu Malermeister Serbiger. Er mu mir eine groe Tafel
malen, auf der steht: 'Pension und Hotel zum Bren in St. Peter sind
geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe Pfhle am Eingang
des Glotterwegs aufstellen. Auch schicke ich einen gedruckten Brief an
alle frheren Gste, da ich das Fremdenwesen aus Altersrcksichten
aufgegeben habe.

Sprachlos schlgt Frau Cresenz die Hnde ber dem Kopf zusammen, dann
aber jammert sie: Wenn Ihr das thut, so gehe ich aus dem Haus -- ich
bin es nicht anders gewhnt, als da ich im Sommer eine Pension leite --
und bedenkt doch, Prsident, wie man Euch, wenn Ihr jetzt dem Dorf so
stark nachgebt, auslachen wird.

Gott's Donner, Prsidentin, zrnt er, ob ein paar Klber lachen oder
nicht, darauf kommt es mir nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thni, hat
mir das Sommerleben verleidet -- ich will jetzt ein wenig glcklich
sein. -- --

Frau Cresenz aber ist unglcklich -- eines Tages erscheint der Kreuzwirt
von Hospel im Bren, die Mnner rechnen im Frieden die Reingewinne aus
den Bchern des Gasthofes whrend der zehn letzten Jahre aus, ein
Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in Banknoten vor und legt
aus eigenen Stcken noch tausend Franken darauf: Da, Prsidentin, ist
Euer Anteil.

Die Gromut in Dingen des Geldes gefllt dem Kreuzwirt. Schwager, sagt
er, es thut mir leid, da es so ungeschickt hat gehen mssen. Wre ich
bei den Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thni hoch auf
der Post ber den Pa haben fahren sehen, htte ich ihn heruntergelangt
und ihm eine Tracht Ohrfeigen mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben,
der seinen nchsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl und 'Es ist mir
leid' gesagt hat.

Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung bringt, mu sich an
der Stuhllehne des Vaters halten.

Thni ber den Pa gefahren! staunt sie. Ja, ist denn das schreckliche
Erlebnis im Teufelsgarten, das ihr Tag und Nacht mit frchterlicher
Deutlichkeit vor den Sinnen steht, nur ein bser Traum?

Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart gegen sie gewesen ist,
und der Kreuzwirt und Frau Cresenz reiten gerade so vom Bren, wie sie
vor elf Jahren zugeritten sind.

Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames blhendes Geschft
aufgebaut worden ist, hat ein friedliches Ende gefunden.

Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor elf Jahren stand, der
Bren ist wieder ein Dorfwirtshaus -- mit Binia und einer Magd haust er
allein.

Aber er ist es zufrieden, er sprt nichts von Heimweh nach dem lebhaften
Treiben der frheren Sommer, nach dem khlen Lcheln der Frau Cresenz,
er lebt ganz in Binia, dem wiedergefundenen Kinde.

Und der Bren ist nicht de. Aus der weiten Umgegend kommen Leute, die
von dem Wunderwerk gehrt haben, das an den Weien Brettern im
Glotterthal ausgefhrt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges und
Thrichtes darber. Thun sie das letztere, dann zuckt es um die Brauen
des Presi: Ta-ta-ta, wenn jemand von einer Sache nichts versteht, so
soll er nicht darber sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der
Regierung dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.

Auch die Drfler kommen wieder in den Bren, wie eine ferne drckende
Sage liegt der Ahorn hinter ihnen; sie begegnen dem Presi mit jener
Hochachtung, die das beschmte Unrecht fr den Gegner hat, der edel
nachgiebt, sie freuen sich ber den Sommer, der wie einst in friedlichen
Prchten ins Thal zieht.

Der Garde und der Presi, die wieder vershnten Freunde, sprechen mit
wahrer Erhebung von Josis Werk.

In der greren Wildleutfurre ist die Mauer schon erstellt, die Leitung
darauf gelegt, das Schutzdach aus Holz und Stein gebaut, die Furre
selbst hochhin ausgeebnet und in der kleineren Wildleutfurre geht die
Arbeit auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg bis in
die entlegene Hhe der heligen Wasser reicht, steigen Hilfsarbeiter,
schweben die Hlzer, die Deckplatten, die Zementscke zu Josi, dem
Befreier, empor.

Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi baut jetzt den Wasserweg
durch die Weien Bretter selbst. Er ist von der Sonne braun gesengt, er
ist abgezehrt von der Arbeit, aber er liebt die Mhe und die groe
bestndige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. Wer um
Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, hrt sein Hmmern in der
fernen Hhe, wer gegen Sonnenuntergang von dort zurckkehrt, hrt es
noch. Wenn das Ave-Maria-Glcklein von St. Peter verklungen ist, wenn
das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, dann hallen seine
Sprengschsse durch das Thal. Im Wiederhall ertnen die Bergwnde;
heraus, herein durch das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon
lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend in einem fernen
Schlund des Gebirges.

Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi! lacht der Brenwirt.

Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bsen Trume mehr haben, erwidert
der Garde froh.

Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal ber ein dummes
Trumchen habe ngstigen knnen, sagt der Presi, um den eine ganz neue
Welt gesponnen ist. Ich zhle im Kalender die Tage bis zu
Allerheiligen, bis im Bren Hochzeitsleben jauchzt.

Ein hoffnungsvolles Lcheln geht ber das Gesicht des Presi. Wie der
Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt er und ist nachdenklich. Auch er
zhlt die Tage bis Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund.

Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewtet in Gewaltsamkeit und
Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. Eines Tages nun fllt ihm ein,
glcklich zu sein. Aber steht die Vergangenheit nicht drohend hinter
diesem Glck? Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch etwas
so Uebermenschliches, um diese rhrende Hingabe, um diese hohe Treue von
langen Jahren her. Kommen wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie
noch keines im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine Heldin
der Treue, zum Ziel?

So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem Dorffrieden nicht.

Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig fr das kleine St. Peter. Wohl hat
es, als die Regierung seinen Plan gutgeheien hat, Josi zugejauchzt, und
wenn einzelne Gegner wie der Glottermller brig blieben, so schwiegen
sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte Dynamitfuhre
kam, regte sich im Volk wieder aberglubische Furcht. Alle, selbst die
Frauen, eilten damals hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen zu
sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, das eine schwarze Fahne
mit der Aufschrift Dynamit trug, erschreckte sie aber. Es sei ein
mchtiger Sarg gewesen, jammerten sie, umsonst erklrten die
militrpflichtigen Mnner, es sei ein Militrcaisson, die Vorstellung
des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet Unglck.

Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, da die Mnner, Brder und Shne
die zugesagten Arbeiten leisten, einzelne Brger zahlen die
versprochenen Tagewerke in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe,
die Josi braucht, fehlt.

Er stand mit seinem so glcklich begonnenen Werk allein und in der
groen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat Ersatz von der Regierung.
Unter der Fhrung eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter
ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, aber die
Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider trug und in der es
verwegene, rohe Gesichter genug gab, gefiel denen von St. Peter nicht.

Das Wort Zuchthausstrflinge flog durch das Dorf, es erzeugte einen
Sturm der Furcht und Erbitterung, denn Sitte war es bis jetzt gewesen,
da an den heligen Wassern nur rhren durfte, wer in brgerlichen
Rechten und Ehren stand, und selbst der bedchtige und nchterne Garde
wurde zornig ber den Schimpf, den die Regierung den heligen Wassern
durch die Entsendung der Strflingskolonne angethan. Der Gemeinderat
ersuchte die Herren um die Zurckziehung der Mannschaft. Die Strflinge
verlieen das Glotterthal, dafr berichtete die Regierung zurck, die
von St. Peter mgen nun selber zuschauen, wie sie mit dem Werk an den
Weien Brettern fertig wrden.

Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man gewaltig emprt: Das
sind die Herren, die so schn haben reden knnen -- jetzt wollen sie
nichts mehr wissen von dem Verbrechen, das an den Weien Brettern
begangen wird.

Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen brauchte, kamen immer
entsetzlichere Gerchte in Umlauf.

Eine Spur Teufelssalz, so gro wie eine Prise, sei so stark, da man
damit einen ganzen Berg in den Himmel sprengen knne, die Knigs- und
Frstenmrder brauchen es, aber bevor es einer anwenden knne, msse er
schon einen Menschen umgebracht haben, sonst wrde ihm das Salz die
Hnde durchfressen. Josi Blatter jedoch -- das haben einige zuverlssige
Mnner gesehen -- ist so gefeit, da er die Patronen in den Scken und
Taschen seines Kleides herumtrgt, ohne da ihm das mindeste geschieht.

Also mu auch er jemand gettet haben.

Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Drfler, steigt er am Sonntag
von den heligen Wassern hernieder nach St. Peter -- und bis auf wenige
haben sie alle ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie nicht
kmmert.

Sein erstes ist ein guter Tag in dem Bren, dann geht er, den
Bruchen des Thales treu, zur Kirche, nach dem Gottesdienst zum Garden
und Vroni und bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine
Hoffnung Vronis geht nicht in Erfllung. Sie hat gemeint, er wrde ihr
nun viele merkwrdige Dinge aus dem Wunderland Indien erzhlen, aber es
ist, als wre das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang
arbeitet, auf ihn bergegangen, nur sein Blick ist warm, sein trockenes
Lcheln herzinnig wie immer, und gegenber allen Sorgen des Garden um
das Werk bewahrt er eine stille, freudige Zuversicht. Auch ohne
Hilfsarbeiter, versichert er, werde ich es auf Allerheiligen
vollenden. Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, man sieht es,
das Bblein ist ihm lieb, und wenn Vroni den beiden zuschaut, dann
erkennt sie in Josi, dem unheimlich starken Mann, den trstlichen Knaben
wieder, mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt
haben.

Am Nachmittag geht Josi in den Bren zu Binia.

Bebendes Glck! -- Ohne diese Stunden mte Binia sterben wie ein Vogel
ohne Sonne und Luft. O, wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen
sich die beiden Mnner gut, der alte Feuerkopf und der junge ruhige
Mann.

Der Presi ist noch viel strker fr Josi als je fr Thni unglckseligen
Angedenkens eingenommen. Die beste Flasche aus dem Keller und der beste
Bissen aus der Kche des Bren wandern mit Bonzi, dem Viehhter, der
Vronis lndliches Essen auf die Arbeitssttte Josis schafft, zu den
heligen Wassern empor. Und bei jeder Sendung des Vaters liegt ein Wort
von Binia!

Herzlieber Josi! -- Es hat manchmal Zeiten gegeben, wo ich mir den Kopf
zerbrach, wozu denn die ungestme, thrichte Bini auf der Welt sei? --
Jetzt aber wei ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland ein wenig
glcklich zu machen. Wenn es kein Mensch wei, so zerspringt mein Herz
doch schier vor Stolz, da du wegen der tollen, unntzen Bini die
Blutfron von St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so denk'
ich es doch noch: Josi hat es fr mich gethan. Und ich wei es, du bist
stark, so stark, da du auch uns erlsest. Lieber Josi, du thust nichts,
wobei nicht mein Herz und meine Seele wren!

Von ihm kam zwar kein Brief zurck, aber wenn es dunkel geworden war,
sah man in einem der Felsenfenster, die Josi von seinem Tunnel her gegen
das Thal geffnet hatte, ein Licht.

Das bedeutet: Gute Nacht, liebe Bini! Und wenn das Licht schon lang
verschwunden ist, so steht sie noch am Fenster, staunt in die Stille und
denkt mit gefalteten Hnden an Josi.

Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht mehr so grlich
vor, da sie deswegen nicht ein wenig lcheln drfte, wenn sie an Josi
denkt. Es ist kein Verbrechen, es ist nicht einmal eine That des Zorns,
es ist nur ein Unglck geschehen. Welche Migung hat Josi in dem
entsetzlichen Kampf bewiesen, wie bermenschlich ruhig ist er darin
geblieben. Sie hat sich vor ihm gerechtfertigt, sie steht selig in
seinem Arm. Da zuckt ein langer Blitz auf und ab, in berirdischem Licht
erglnzen die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht Thni. Die
Kugeln seines Revolvers zischen um ihre Kpfe. Sie schreit. Im gleichen
Augenblick aber hat Josi auch schon die Waffe aus Thnis Hand auf den
Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. Wie aber wieder
eine Blitzrute durch das Thal fhrt, ist Thni in der Macht Josis, der
ihm die Arme eisern umklammert hlt. Grieg, ruft er, sei vernnftig
und la uns in Ruhe, du weit, da ich ltere Rechte auf Binia habe als
du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen dich, aber gieb Frieden. Und
sie kniet vor dem gefesselten Burschen, sie fleht: Thni, um Gottes
willen, mache dich und uns nicht unglcklich! Er faucht eine Weile
unter Josis berlegener Kraft, dann sthnt er: Lat los, lat los,
Blatter, -- ich gebe nach! Da giebt ihn Josi frei, der Unglckliche
rafft im Fliehen seinen Revolver auf, er eilt ber die Brcke, aber wie
sie noch stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zurck und
schiet wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz -- Dunkelheit. Josi eilt
auf Thni los, der will fliehen, wieder ein Blitz, da rennt der
Flchtling quer ber die Strae und der Irrende versinkt vor ihren Augen
in die Glotterschlucht. Aus unglcklichem Herzen schreit Josi: Grieg,
kann ich Euch helfen, wo seid Ihr? Keine Antwort -- die Wildleutlaue
geht -- sie erleben einen langen, langen Augenblick, wo sie meinen, das
Weltende sei da. Und wie sie ihrer Sinne wieder mchtig sind, suchen sie
voll Verzweiflung Thni -- knnen aber keine Spur mehr von ihm
entdecken. Ein Unglck ist geschehen, aber kein Verbrechen! -- Es ist an
Josi nichts Ungerechtes -- es war nur so grlich zu sehen, wie Thni
versank.

Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untrstlich. Er wollte den Fall
anzeigen, dann besann er sich wieder. Zuerst kommt das Gelbde -- dann
das Recht der Menschen.

So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch noch glcklich werden
knnen -- ihre Gewissen sind rein. Aber fort -- fort von St. Peter. Hier
kommen sie vor dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In der
Fremde aber ist es schon mglich, da sie ihr Kinderlachen wiederfindet.

Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am Vater, da er den Bren
verkaufe, da er mit ihr und Josi in die Ferne ziehe: Alles hier mahnt
mich an Thni, redet sie ihm mit flehenden Augen zu, aber ich
verspreche es dir, Vater, drauen will ich wieder lachen wie ein Kind
und glcklich -- o so glcklich sein!

Und seltsam! -- Die Furcht vor Thni wirkt ansteckend auf den Presi, ihm
ist, er msse dem Geflohenen noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den
Verkauf des Bren zu berlegen, und whrend der Bann der schrecklichen
Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich langsam, aber mit
aller Macht ins Bewutsein des Presi, da er mit Thni noch nicht fertig
ist.

Manchmal ist es Binia, sie msse den Vater ber das schreckliche
Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen ziehen, aber dann hat sie wieder
das sonderbare Gefhl, sie wrde ihm die letzte Ruhe rauben, er wei es
ja nicht, da sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen
Liebe, die selbst die Toten nicht frchtet, drauen im Teufelsgarten
gewesen ist.

Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die berraschende Kunde mit, da
sein Werk zu mehr als zwei Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der
nheren Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch die
Felsen der ersten zwei Bretter und ber die Wildleutfurren wandeln
knne.

Da gab ihm Bini einen glhenden Ku: und ihr kleiner Schrei: Josi, mein
Held! verriet ihre Freude ber die Meldung.

Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen Tag an den Weien
Brettern einen Besuch zu machen.

Da klangen die Kirchenglocken.

Als sie aber mit gesenktem Kpfchen, das Betbuch, das weie Tchlein und
den Rosmarinzweig in den Hnden, sittsam die Kirchhoftreppe
emporschritt, wichen links und rechts die Frauen zurck: Das
Teufelsmdchen -- das dem Rebellen den Daumen hlt!

Der berraschten Binia entglitt das Betbuch und es fiel zu Boden.

Seht ihr es, da sie eine Teufelin ist, sie kann das Betbuch nicht mehr
halten, riefen die Weiber.

Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene Bchlein auf: Binia,
ich bleibe bei dir!

Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen Hauptes, mit
glhenden Wangen, blitzenden Augen. Vroni, sagte sie, gehe von mir,
es knnte auch dir schaden.

Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine Bank setzen, wo das
Wappen der seligen Mutter, ein Steinbock, gemalt ist. Da tritt die
Glottermllerin, das hliche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit
zahnlosem Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den nassen
Fleck am Boden und sagt: Das bannt -- darber hinaus kommst du nicht,
Hexe!

Und richtig, Binia weicht zurck.

He, seht, schreit die Glottermllerin, sie ist eine Teufelin -- ja,
sie hlt dem Rebellen an den Weien Brettern wirklich und wahrhaftig den
Hexendaumen.

Da ist Josi pltzlich an Binias Seite. Ihm ist es nicht besser ergangen.
Die Mnner haben die Fuste gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der
ganzen Gemeinde die Hand: Komm, Binia, wir gehen wieder, und den Kopf
zurckwerfend, sagt er: Schmt euch, ihr Unvernnftigen von St. Peter!

Damit wendet sich das Paar.

Am Altar steht aber schon, das weie Heilandskreuz auf der dunklen
Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt das kleine Handkruzifix, tritt
schwankend vor und spricht mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und
dem wackelnden Kopfe des hohen Alters:

Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes und aller Heiligen,
bleibet! Ich schtze euch mit dem heiligen Kreuz. Ihr aber von St.
Peter, htet euch. In euern Htten und Husern geht ein alter
heidnischer Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine
unchristliche rudige Rotte geworden und gehorcht dem Baalspfaffen
Johannes mehr als der heiligen Kirche. Ich, euer rechtmiger Pfarrer,
sage euch: Wenn ihr, ihr Tollen von St. Peter, nicht aufhrt mit eurer
Bosheit, so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus, an eure
Glocken, ich verweigere euch die Sakramente und ein christliches Grab,
leben und sterben sollt ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am
Aberglauben hngen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.

In seinen Stuhl zurckgesunken erwartete der alte Priester, seine
Gebete murmelnd, die Wirkung seiner Worte, doch auf der Seite der Mnner
sah er nichts als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte
das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann er, noch zitternd
vor Erregung, den Gottesdienst.

Als der Presi hrte, was fr einen Schimpf man seinen Kindern zugefgt
hatte, wtete und tobte er gegen das Dorf wie in alter Zeit: Keiner
auer dem Garden bekommt im Bren mehr einen Trunk, von heute an ist er
kein Wirtshaus mehr! Dem Pfarrer aber, seinem ehemaligen Feind, ging er
mannlich danken.

Am anderen Tag stieg er, den grnen Asersack[32] an der knorrigen Hand,
mit Binia hinauf durch die Alpen, wo das Vieh zum Abzug rstete. Es war
ein sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote Wnglein, ihr
glckliches Kinderlachen erwachte fr einen Augenblick wieder und
lutete ber die Enzianen dahin und im Arm trug sie die Bergastern, um
das Werk Josis zu schmcken.

  [32] _Asersack_, schweizerdeutsch, Sack fr den Mundvorrat.

Der Presi baute Luftschlsser. Ja, den Bren will er verkaufen auf die
Zeit, wo Josi sein Gelbde gelst hat, seine Kapitalien flssig machen
und dann dem Zug des Glckes und der Liebe folgen. Josi, sagt er zu
Binia, wird in der weiten Welt schon ein schnes Pltzchen fr uns
wissen. Unter dem thrichten Volk von St. Peter ist es mir verleidet.

Sie erreichten die Hhe der heligen Wasser, sie standen am Eingang der
Weien Bretter, wo die trbe Flut, die aus dem Hintergrund des Thales
kam, durch einen Knnel abgelenkt in eine Runse flo und in lustigen
Bchlein in die blauen Tiefen des Glotterthals niederschumte.

Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang Josis, der sich
mannshoch wlbte, und der Presi betrachtete das Werk in Bewunderung.
Anderthalb Fu breit und einen Fu tief zog sich am Grund des Stollens
der neue Wsserwassergraben dahin, neben ihm ein gengend breiter
erhhter Felsenweg fr den Garden, die Wnde waren mit Hammer und Meiel
ausgeglichen und die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und
dort fiel durch ein Felsenfenster ein Bndel Tageslicht in das stille,
halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter dem Balkendach der
Wildleutfurre, weiter durch das mittlere Weie Brett, wieder ber die
Wildleutfurre -- da sieh -- da horch -- im Dunkel vor ihnen glht ein
roter Lichtfunke und tnt Hammerschlag. An das Gestein hingeknuelt
arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe.

Ein kleiner Ruf Binias -- er lt das Werkzeug fallen: Bini -- meine
Bini -- Vater gottwillkommen!

Die schne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes Kleid angezogen, sie
steht, in den Hnden den Strohhut, um den sie zum Schutz ein weies
Tchlein geschlagen hat, demtig erglhend vor dem bestaubten
Felsensprenger, der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist.

Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt fr die Ewigkeit,
Josi, grt der Presi im Vaterstolz.

Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in der sonnigen Hhe. Am
Eingang des Felsenkanals sitzen die Liebenden mit dem Presi, der sein
Reisescklein auspackt, und die Glser der dreie klingen auf glckliche
Vollendung des Werkes zusammen.

Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des Nachmittags
hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen steht weit im Kreise still
und feierlich in Verklrung da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am
erhabensten die Krone.

Josi, flstert Binia und ihr weiches dunkles Haar streift ihn, heute
ist es schn wie zu Santa Maria del Lago -- es ist so schn, da man vor
Glck sterben knnte.

Da rollt es von der Krone dumpf -- ein seltsames Zeichen im Herbst, wo
sonst die Gletscher friedlich sind. Aber man lebt eben in einem Jahr, wo
die Natur ausgleicht, was der vorausgegangene schlechte Sommer zu viel
an Schnee auf das Gebirge gehuft hat. Darum schaffen und donnern die
Gletscher bis spt ins Jahr hinein.

Glckselig steigen Vater und Tochter von der Leitung, von dem Werk, wie
es sonst keines im Berglande giebt, durch den Abendnebelflor des
Herbstes zu Thal und hren noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den
anderen Tag ist der Presi drauen in Hospel und unterhandelt mit dem
Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit Frau Cresenz ein gieriges Auge
auf den Bren geworfen hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im
Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in die Stadt und
tritt mit starken Einschlgen alle Kapitalbriefe gegen Bargeld an die
Bank ab.

Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen beinahe die letzte
Hoffnung raubt.

Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das Kreuz vor ihr und sagt:
Ihr seid eine Hexe und haltet es mit dem Teufel -- ich gehe jetzt
gleich aus dem Haus.

Aber Cleophi, seid nicht nrrisch! Und Binia lchelt ihr gtig zu.

Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin -- der Kaplan und selbst die alte
Susi in Tremis sagten es und Kinder haben ja im Teufelsgarten den Ring
Eures ehemaligen Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in der
Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes geht mit ihm durchs
Dorf, alles wei es: Es scheint nur, da Euer Liebster das Werk an den
Weien Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur so am
Tag, und in der Nacht baut es der Teufel. Dafr mt Ihr mit dem Satan
siebenmal um das Bockje reiten.

Geht, Cleophi, geht -- da ist Euer Lohn.

Totenbla steht Binia. Sie hat bei dem Kampf im Teufelsgarten Thni den
Ring vor die Fe geworfen. Jetzt ist er in den Hnden des grlichen
Kaplans, und nun ist er ein neues Mittel fr den Verrckten, gegen sie
zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den Ring gefunden hat, Thni
finden?

Sie beit hilflos in die Fingerknchel: Warum hat uns denn der Himmel
vor den Kugeln Thnis bewahrt, wenn Josi und ich an einem Schein von
Schuld und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?

Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad, das in die Leitung
eingeschaltet werden soll, auf den Berg schaffte, hat Josi das
Versprechen abgenommen, da er die paar Wochen, die noch zur Vollendung
ntig sind, an den Weien Brettern bleibe. Er kommt nicht mehr zu Thal.
Auch der Garde ist im tiefsten Herzen berzeugt, da Josis Werk gut ist,
aber er kennt die furchtbare Emprung im Dorf. Wo er zum Guten redet,
begegnet er hhnischem, kaltem Lcheln und drohendem Schweigen, die
Gemeinde horcht nur noch auf den bsen verrckten Kaplan Johannes.

Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte Warnung und Drohung des
Pfarrers Zgel angelegt, aber jetzt knurren die Drfler: Der Alte wagt
es nicht, uns die Kirche zu verschlieen, wir wollen ihn schon
meistern, und die Weiber hangen an Kaplan Johannes. Er hat ein
besseres Herz fr uns als der Pfarrer, der nichts von unseren alten
heiligen Sagen wissen will. Und wenn ein Halbvernnftiger noch den
Einwurf erhebt, man wolle doch nicht so stark zu einem Verrckten
halten, sonst komme man gewi an ein bses Ziel, antworten die anderen:
Kaplan Johannes ist schon nrrisch, aber gerade denen, die Gott etwas
geschlagen hat, giebt er dafr besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes
sieht und wei mehr als sieben Pfarrer.

Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll, wo er geht, rufen
die Weiber: Kommt doch ein wenig zu uns herein, Johannes! Klagt ein
Bauer: Meine Khe fressen nicht mehr und geben keine Milch, so
antwortet Johannes: Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das kommt vom
Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach Schwefel. Nun spren auch die
Drfler den Geruch. In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. Seht
Ihr, flstern es die Frauen einander zu, die Kinder knnen nicht mehr
zur Welt kommen. Das rhrt vom Sprengen her!

Die von St. Peter spren es kaum, wie der Kaplan ein Netz des
Aberglaubens um sie zieht.

Und pltzlich geht die feste Sage unter denen von St. Peter, es sei eine
weie arme Seele durch das Dorf gewandelt und habe dreimal gerufen:

    O weh, o weh -- am Teufelssalz
    Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!

So in drei Nchten!

Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie doch sonst schweigen?
Das bedeutet: Am letzten Weinmonat geht St. Peter mit Menschen und Vieh
unter. In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen Leitung
einsetzt, verlassen die erzrnten armen Seelen die Krone, die Firnen
fallen mit so schrecklichem Donner auf das Dorf, da das bloe Hren
schon ttet!

Drei Mnner nur noch, der Presi, der Garde und der Pfarrer, und einige
stille, wie Eusebi und Peter Thugi, glauben an Josis Werk.

Die Regierung hat sich brigens auch nicht ganz von dem Werk
zurckgezogen, wie sie drohte, sie meldet, sie hoffe, die Leute von St.
Peter haben sich, da das Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme,
wegen des Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf den Tag
der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein hbsches Gemeindefestchen zu
Ehren Josi Blatters zu veranstalten. Sie wolle sich dabei vertreten
lassen und ersuche Josi Blatter, da er die letzten rettenden Schsse
auf diesen Tag verspare, an dem man, whrend im Thal die Glocken luten,
in feierlicher Prozession an die Weien Bretter ziehen wolle.

Dazu schtteln der Garde und der Presi wehmtig und unglubig die
greisen Hupter, aber es ist gut, wenn auf diesen Tag jemand von der
Regierung kommt -- vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am
ntigsten -- es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr
losbricht, denn so sind die Leute des Thales -- sie warten in der
Voraussetzung, da doch irgend noch ein Ereignis geschehen und ihre That
berflssig machen knnte, den letzten Augenblick zum Handeln ab.

Aber dann -- --

In diesen Tagen der uersten Spannung, die durch die Stille des Dorfes
noch unheimlicher wurde, sagte der Presi einmal zu Binia: Der Garde hat
mich gefragt, wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel zu
reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich habe geantwortet, du
habest ihn Thni zurckgegeben und er habe ihn wohl auf der Flucht
fortgeworfen. Ist es so?

Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt vor Entsetzen. Sie wagt
es nicht mehr, dem Vater das grliche Geheimnis lnger vorzuenthalten.
Jeder der schnen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die Gefahr,
da Thnis Leiche gefunden werde, denn die Wasser der Glotter flieen
immer sprlicher und immer klarer, und der arme Vater darf doch nicht
ungerstet von der Entdeckung der Leiche berrascht werden.

Zgernd legte sie, die Hnde gefaltet, die Augen auf den Boden geheftet,
mit leiser und feiner Stimme die furchtbare Beichte ab. Als sie erzhlt,
wie sie Josi in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch
die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die Augen des Presi
noch einmal in alter Zornglut auf und mit bser Stimme sagt er: Gott's
Donner! Du giebst es mir recht zu schmecken, da du immer ein Trotzkopf
gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine hllische Geschichte
aus.

Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut der Verzweiflung.
Pltzlich wird der rote Kopf des Presi bla. Weil sie vor ihm in die
Kniee sinkt und schreit:

So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater -- verzeihe mir! da zieht er
sie mit zitternden Armen empor und pret die leichte, schne Gestalt
seines Kindes strmisch an seine breite Brust.

Bini -- arme Bini, sthnt er, da ist nichts zu verzeihen -- du bist
den Weg gegangen, den du hast gehen mssen, und es ist geschehen, was
hat geschehen mssen. -- Es ist Schicksal -- --

Seine Stimme bricht schluchzend ab und pltzlich fhlt Binia, wie zwei
warme Thrnen ber die Wangen des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat
weinen gesehen. In mchtiger Bewegung halten sich Vater und Kind
umschlungen, eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge ein Engel auf
leisen Sohlen an den zweien vorbei.

So halten sie sich in Glck und Elend lange, lange.

Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias einen Sto erhalten wie
noch nie.

Er findet den Mut nicht, in der grlichen Angelegenheit irgend etwas zu
thun. Er klammert sich an die Hoffnung, Thnis Leiche wrde schon
deswegen nicht gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist
jetzt vorber, seit die That geschehen ist, und niemand kmmert sich um
Thni mehr. Ist es nicht bei Unglcksfllen schon hufig genug
vorgekommen, da man mit dem grten Eifer die Leichen solcher, die in
die Glotter gestrzt sind, nicht mehr hat finden knnen? Entweder lagen
sie in den Schlnden der Schlucht verborgen oder der mchtige
Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter geschwemmt und in den Strom
hinausgefhrt. So mochte es auch mit der Leiche Thnis gegangen sein.

Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung qulen den Presi die
Erinnerungen an Thni, das Bewutsein, da er die Verantwortung fr das
unglckliche Leben trgt.

Thni, der mir alles von den Augen absah, hat gemeint, es sei mir ein
Gefallen, wenn Josi tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen,
dann hat er nicht mehr rckwrts gehen knnen, hat falsch geschrieben,
und es ist gekommen, wie's hat kommen mssen. Da er ein Schelm und
fremd geworden ist, daran bin ich schuld.

Das tnt ihm unaufhrlich durch die Sinne.

Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, da Thni selber in die
Glotter gelaufen sei. Es klingt so unglaubwrdig. Sein Kind redet es
sich nur so ein, um nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschlger,
umzukommen -- -- aber der Presi wagt es nicht, sie noch einmal darber
zu fragen -- nein -- nein -- er zittert nur davor, eines Tages knnte in
Josi doch die Selbstanklage erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht
ist, und es wrde die zwei, die nicht ohne einander leben knnen,
trennen.

Ein Fluch des Unglcks ginge dann von ihm und seinen Gewaltthaten noch
in das folgende Geschlecht hinein.

Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er glaubt nicht mehr an ein
schnes Alter, aber wenn er die dunklen Augen Binias traurig auf sich
gerichtet sieht, so lchelt er sie mit seinem wrmsten Lcheln an, hebt
den gebeugten Rcken und meint vor ihr verbergen zu knnen, wie rasch er
zusammenfllt und aus den Kleidern schwindet.

O, es ist rhrend, wie sich der alte Mann zu verstellen sucht, da Binia
nicht sehe, wie er hoffnungslos leidet.

Hoffnungslos! -- Nein, wenn er sein herrliches Kind sich anschaut, wie
es mutig und geduldig seine Leiden trgt, wie es auf Josi wie auf einen
Felsen baut, glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen
Wasser sei so stark, da er selbst das Ereignis in der Glotterschlucht
besiege.

Um den Vater mht sich Binia treu und hingebungsvoll, sie sinnt Tag und
Nacht nur darber, wie sie den Gram von seiner Stirne scheuche.

Kind -- Herzensvogel, sagt er, wie bist du mit deinem Vater lieb.

Seine Auswanderungsplne hat er aufgegeben -- in St. Peter hat er
gelebt, in St. Peter will er sterben -- steigt Josi von seinem Werk
herunter, so wird er ihm sagen: Nimm meine Binia -- schenke ihr Glck,
viel Glck -- zieht fort -- mein Segen begleitet euch -- ich aber
erwarte mein letztes Stndlein in St. Peter.

In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand wagt auch nur das
bescheidenste Festchen vorzubereiten. Der Handel um den Bren stockt.
Aus Scheu vor Frau Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus
Sorge, es knnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid geschehen, wagt es
der Presi nicht mehr, nach Hospel hinauszugehen. Die ganze blinde Wut
des Volksaberglaubens hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erfhrt
Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und die Drfler schlagen
das Kreuz und speien vor ihr.

Der Verkauf des Bren wrde die Aufregung im Dorf noch steigern.

Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter, aber ndern kann
er an der entsetzlichen Lage nichts, er vertraut nur auf die heilige
Scheu, die denn doch jeder im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das
thun sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden
Schweigen.

Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi auf seinem Posten
stehen -- und so stark sein, da er sie bndigt. -- --

Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf den Posten stellen
mssen -- in St. Peter stehen die Dinge bs.




XIX.


Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als der erste, so
furchtbar, da ihn niemand auszufhren wagt und jeder zittert vor dem
Los, das ihn treffen knnte.

Ehe der Hammer an den Weien Brettern schlgt, mu zur Rettung St.
Peters ein Mord begangen sein. Josi Blatter, der sich gegen den Himmel
gewendet hat, mu fallen, die armen Seelen auf der Krone mssen vershnt
werden.

In der Nacht halten die Mnner seitab vom Dorf unter Wetterlrchen ihre
ernsten Beratungen. Leichten Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder
ist ganz durchdrungen von dem Gedanken, was fr eine schreckliche That
ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im Dmmerschein der Sage steht,
hat im Glotterthale kein Mann einen anderen gettet. Es ist aber doch
besser, es falle nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als da das
ganze Dorf untergehe.

Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter, sondern der ist es, der
ihn erschlgt.

Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben in den Felsen, er
steht in einem schmalen Gang, in dem nur ein Mann auf einmal gehen kann,
und er ist Herr des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und
wenn Hunderte gegen ihn streiten, so berwltigt er sie mit einer
einzigen Patrone, die er nach dem nchsten Stein schleudert.

Die Mnner stehen ratlos. Nur noch zwei Tage, dann wird der Hammer von
den Weien Brettern schlagen.

Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan Johannes dem Schicksal
Thnis auf der Spur. Warum sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der
Wetternacht ber den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Thni Grieg
geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in Hospel nie die geringste
Nachricht von ihm bekommen? Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern
der Glotter und spht in die Wasser.

Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim Bildhaus an der Grenze
von Tremis, in dem das Wasser quirlt und brodelt, etwas auftauchen
sehen, was ein Bein und ein Schuh sein knnte -- nein, was ein Bein und
ein Schuh ist.

Wie die Mnner von ihren heimlichen Beratungen heimkommen, herrscht
unter den Weibern schon Wehklagen: es stehe einer auerhalb der Brcke
in der Glotter, er strecke den Arm gegen die Weien Bretter und sthne
immer nur: Der dort oben -- der dort oben -- und hinterher seufzte er:
Und Binia Waldisch!

Aberglubisches Entsetzen fllt das Dorf. Es ist kein Schlaf in St.
Peter -- nur Beten und Gejammer: Warum haben wir den Bau an den Weien
Brettern zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verfhren
lassen? Und dazu die dumpfe Antwort: Auf ihn und sein Kind mag es
kommen.

In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal, ehe der Tag
dmmert, klopft der Mesner schreckensbleich an die Thren: Ich kann
nicht zur Frhmesse luten, es steht einer in weiem Gewand an der
Kirchenthre!

Mit ihren Laternen gehen die Drfler in festgeschlossener Schar zum
Gotteshaus.

Es steht keiner an der Kirchenthre, aber ein groer Zettel klebt daran,
sie lesen ihn mit Entsetzen und die Frauen fahren kreischend zurck.

Gerechte Brger von St. Peter! heit es auf dem Blatt. Ich, Thni
Grieg, klage es euch. Aus den Wassern der Glotter schreie ich seit dem
Fridolinstag um ein ehrliches Begrbnis in geweihter Erde, whrend mein
Blut sndig an den Weien Brettern vermauert wird. Ihr kennt meine
Mrder. Begrabt mich und schafft Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen,
was ich leide, und ziehen aus.

Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den Gliedern, einer raunt
es dem anderen zu: Wenn die Toten zu schreiben anfangen, dann ist es
Zeit, da wir handeln.

Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen heran. Seht ihr, die
Toten reden! Was wollt ihr mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die
Zunge soll dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren, der mich
verrt. Bevor ihr den Mord am Rebellen shnen knnt, mt ihr Binia
Waldisch, die Teufelin, schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er
schwach und leicht zu bewltigen. Wozu der Schrecken, wozu das Erbarmen?
Lest, wie sie Thni gettet und sein Blut nach der Stadt gebracht haben,
damit man das Teufelssalz hat bereiten knnen. Die erste Schuldige ist
Binia Waldisch, die Tochter des Presi; sie mt ihr schlagen, sonst geht
St. Peter unter.

Die Mnner schaudern: Das thun wir, so wahr uns Gott helfe, nicht. Mann
gegen Mann, so ist's in den alten Zeiten gehalten worden, aber eine
Jungfrau ttet, selbst wenn sie eine Teufelin wre, keiner. Eher mag St.
Peter untergehen.

Da rollt der Gletscher.

Hrt ihr's -- St. Peter geht unter! wehklagen die Frauen, und der
Kaplan lchelt: Ihr knnt die Hexe mit weltlichen Waffen nicht
umbringen, die heiligen Grabkreuze mt ihr aus der Erde reien und sie
damit schlagen.

Johannes, grollen die Mnner und ballen gegen ihn die Fuste, seid
Ihr der Satan, der uns ins Unglck bringen will? Eine Jungfrau mit
Grabkreuzen erschlagen! Das ist unerhrt im Bergland. Thten wir das
unseren heiligen Toten zu leid, da wir ihre stillen Grber schnden, so
geschhe es uns gerecht, wenn unser alter Pfarrer uns das Gotteshaus
verschlsse und die Glocken bannte. Dann mten wir ja auch zu Grunde
gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie Drfer vergangen
sind, denen die Kirche den Segen entzogen hat. Die Weiber sind
unfruchtbar geworden, der Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie
die Wlfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten sich in
Verzweiflung ber die Felsen gestrzt. Kaplan -- Ihr wollt uns zu Grunde
richten -- seht Euch vor, wenn Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der
erste, den wir erschlagen.

Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie er ihn selbst
hervorrufen kann. Er strzt, er zuckt, er schumt, er schreit.

Er ist seiner selbst nicht mehr mchtig, jetzt redet Gott aus ihm,
mahnt der Glottermller und streckt die gefalteten Hnde zum Himmel. Was
aber Johannes spricht, ist entsetzlich: Thni Grieg -- du mut
aufstehen, sie mssen einen Toten zeugen hren, da St. Peter
untergeht.

Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Thni Grieg in der Glotter liegt, so
wollen sie dem Kaplan glauben und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch,
die Mrderin, erschlagen.

Whrend aber die Drfler auf dem Kirchhof noch beraten, ertnt der Ruf:
Der Pfarrer kommt -- der Pfarrer!

Da springt der Kaplan auf: Er will euch berreden. -- Eilt an die
Glotter und seht. -- Vor dem Bildhaus zu Tremis schwimmt Thni Grieg in
der Schlucht.

Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht die Gemeinde vor ihrem
Pfarrer. Er liest den Anschlag an der Kirchenthre, sein weies Haupt
zittert, er stammelt: Jetzt mu ich Wort halten! Weinend schleicht der
alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zurck. Sie haben sich dem
Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von der heiligen Kirche gewandt,
wohlan, so mu ich mein Wort halten.




XX.


Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des kalten Herbstmorgens, der
schon an den Winter mahnt, ber den Stutz hinab thalaus geeilt, aber
Kaplan Johannes ist nicht mehr bei ihnen.

Sie mgen Thni Grieg selbst suchen, das Entsetzen wird um so grer
sein, wenn sie ihn finden.

Der Garde weilt beim Presi: Binia retten, was auch geschehen sei, auf
eine blutige That darf keine blutige That folgen. Und die Gier des
Verrckten trachtet nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut -- Presi
-- ich brge fr sie. -- Aber rasch -- rasch --

Der Presi sprt die bittere Not der Stunde: Wohin wollt Ihr mit ihr,
Garde?

Ich geleite sie auf den Berg, da sie zu Josi gehe. Dort ist sie
sicher; wenn er will, kommt keine Maus in seinen Gang, und bis am Morgen
ist auch schon Mannschaft zum Schutz beider an den Weien Brettern.
-- Presi, telegraphiert in die ueren Gemeinden um Hilfe.

Der Presi will es thun -- er kommt kreidewei aus der Postablage zurck
-- der Draht ist abgeschnitten.

Dann holt Eusebi die Mannschaften -- ein paar Stunden spter sind sie
doch da -- nur ein Verbrechen darf nicht geschehen -- eher mgen unsere
Huser zerstrt werden.

In dem sonst so schwerflligen Garden lebt und bebt alles, die klugen
und guten Augen unter den buschigen Brauen sprhen Feuer, er ist wieder
jung.

Ja, zu Josi! klingt das Stimmchen der erschrockenen Binia fein und
traumhaft und ihre Finger spielen, ohne da sie es wei, mit dem
Tautropfen, den sie aus der Kapsel des Halskettchens geholt hat. Komm
mit mir, Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht
trennen.

Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng: Heute gehrt der
Presi in die Gemeinde, das weit du, Kind! Dann in berstrmendem
Gefhl: Geh, Binia! -- Auf Wiedersehen, Herzensvogel -- gre mir
Josi. Er reit sie an seine Brust: Liebe Bini -- sollte es anders
kommen -- sollte ich morgen nicht mehr leben -- doch wenn nur du lebst
-- ich habe einmal einen sonderbaren Traum gehabt -- aber ich glaube
nicht mehr daran -- geh zu Josi -- geh in Gottes Namen.

Mit sanfter Gewalt lst der Garde die schluchzende Binia aus den Armen
des Vaters: Ich will dich fhren, Binia! -- Komm -- komm.

Vater und Kind nehmen Abschied wie fr die Ewigkeit.

Der Garde fhrt Binia im kalten, dichten Nebel durchs de Dorf gegen die
Alpen empor. Er redet herzlich zu der Schwankenden, die doch tapfer
geblieben ist: Und nun, Binia, fragt er, was fr eine Bewandtnis hat
es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und Josi erhoben
wird --

Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater gebeichtet hat.

Binia! sagt der Garde stillstehend und fat ihre beiden Hnde: Jemand
anders als du knnte es mir nicht vorgeben, da der betrunkene Thni
selber in die Glotter gelaufen ist -- aber wenn es einen Menschen giebt,
dem ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt
wren, immer den Mut der Wahrheit besessen.

Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia. O, sie hat es wohl
gefhlt, da der Vater ihrer Erzhlung nicht ganz vertraute, und nun ist
sie endlich glcklich, da wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen
Elend versteht.

Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, da alles gut kommen werde, durch
ihre Brust, da aber taucht Kaplan Johannes gespenstisch aus dem Nebel
auf und lacht sein grlichstes Lachen: Wir tanzen doch, Jungfrau --
wir tanzen an den Weien Brettern!

Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken.

Ehe der Garde sich auf ihn strzen kann, verschwindet er so rasch, wie
er aufgetaucht ist, im Nebel.

Binia zittert und der Garde mu sie wohl oder bel noch ein gutes Stck
begleiten.

Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau -- es liegt unter ihnen --
eine blasse Sonne scheint durch weie Wolken -- ber das Gebirge ziehen
dunklere Streifen und Bnke her -- es rstet zum Schneien -- aber in der
Felsenhhe winkt der sichere Hort.

Frchte dich nicht, Binia, mahnt der Garde, gewi geht eher St. Peter
unter, als da deinem Haupt ein Leid geschieht.

Hoch oben trennen sie sich. -- Binia geht langsam, Schritt fr Schritt,
sie steigt in die falbe, schweigende Einde -- sie ist auf der Flucht --
ihre Lippen zittern: Zu Josi!

Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann wendete er sich in
Selbstvorwrfen: Der Mensch meint, er mache ein Ding gut, und er macht
es bse. -- Es wre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf wte,
was fr ein Verbrechen Thni Grieg an Josi begangen hat. -- --

Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde eilt zu den Drflern
hinaus, die die Leiche in der Glotter suchen. Vielleicht bringt er sie
im letzten Augenblick zur Vernunft.

Im Bren aber kmpft ein alter, einsamer Mann, er kmpft wie der
angeschossene Adler, der jher als je zuvor gegen den Himmel steigt. Er
kmpft wie die Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers
schiet und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber der Adler fllt
rauschend in die Hochgebirgstannen, die Forelle verliert die Kraft und
mu aufwrts steigen.

Der Presi wei es: er ist der Adler -- er ist die Forelle -- seine
Stunde ist da.

Er sitzt und betet -- er blickt ber sein Leben -- er sieht alle seine
Missethaten gegen Frnzi und Seppi Blatter -- gegen die selige Beth --
gegen Josi -- gegen Binia -- und er hat Thni auf dem Gewissen. Eine
furchtbare Angst um Binia berfllt ihn. Sie ist wohl sicher in Josis
Felsenwerk -- aber er htte sie nicht gehen lassen sollen -- in seiner
grenzenlosen Verlassenheit gewinnt der alte Traum Macht ber ihn -- und
er wei jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes rhren
wird -- es ist der schreckliche Kaplan, der den Ha gegen ihn und eine
verbrecherische Leidenschaft fr das Kind in einer Blutthat ertrnken
mchte.

Er sollte jetzt der Presi sein -- er sollte handeln -- sollte reden --
aber die Kraft versagt. -- Das Dorf ist totenstill -- er wei nicht, was
drauen an der Glotter geschieht -- wie Binia ihr Ziel erreicht. -- Die
Furcht lhmt ihn und kein Mensch kmmert sich um ihn.

Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und harrt den langen Tag
als Samariterin bei ihm aus.

Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten Thni bringen.
Mittag. -- Abend. -- Da naht endlich der traurige Zug, in dessen Mitte
die Leiche auf einer Bahre liegt.

Die Mnner des Gebirges haben die Hte gezogen, finster und gemessen
schreiten sie und reden nichts.

Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschlu, den sie nur im hchsten
Taumel des Schreckens faten, erschttert worden.

Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen wollten, den
falschen, entsetzlichen Brief Thnis gezeigt, und das Mitleid mit dem,
der in der Glotter lag, ist dahin. -- Htte ihn Josi erschlagen, man
knnte nichts dawider haben.

Nein, sie knnen Binia nichts thun -- selbst das entstellte Gesicht
Thnis, den man unter unendlichen Mhen aus den Tiefen der Glotter
geholt hat, giebt ihnen den Mut nicht mehr.

Da ziehen die Sprengschsse Josis lang hinhallend durch das Gebirge und
die Donnerschlge von den Weien Brettern jagen die Furcht neu in die
vom Totenfund erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer hheren
Fgung stehen. Morgen schlgt der Hammer -- morgen fallen die Lawinen
von der Krone -- morgen geht St. Peter unter.

Die Fuste ballen sich, die Blicke steigen drohend gegen die Felsen
empor. Der braucht wohl noch zu sprengen, knirschen die Mnner, in
dieser Nacht mu doch noch das Gericht ergehen.

Wohin mit der Leiche? -- Auf den Kirchhof. Die Bahre steht. Um sie
knieen im sinkenden Abend die Drfler.

Von der Freitreppe des Bren schreitet im Sonntagsstaat wrdig und
feierlich der Presi, der den schrecklichen Anfall vom Morgen berwunden
hat. Zitternd, doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof
empor und scheu geben die Drfler Raum.

Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt die schneeweie Hand des
Ertrunkenen. Ruhig spricht er, so da es alle hren knnen: Thni
Grieg, du weit es, da ich dich erschlagen habe, da Josi und Binia
unschuldig sind. -- Garde und Gemeinde, ich ergebe mich euch als der
Mrder Thni Griegs!

So spricht der Presi!

Was er erwartet, erfllt sich aber nicht. Das Volk strzt sich nicht auf
ihn, sondern stutzt in Verwirrung und Hohngelchter erschallt ringsum.
Die Rede des Garden und des Presi widersprechen sich. -- Der Garde
schluchzt laut auf: O Presi, was habt Ihr gesagt! Er fllt seinem
Freund an die Brust.

Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die Drfler schreien: Sie
spielen Komdie -- der Garde drauen, der Presi hier -- sie lgen --
Josi Blatter und Binia Waldisch sind die Mrder. -- Die Fhrer der
Gemeinde sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.

Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenthre herber ein zweiter -- ein
entsetzliches Geschrei: Wehe St. Peter -- wehe -- wehe -- wir sind
exkommuniziert.

Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren wre, htte die Verwirrung nicht
vermehren knnen.

Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing, klebt eine andere. Der
Pfarrer{9} schreibt:

An die rudige heidnische Rotte von St. Peter. Im Namen der heiligen
Kirche sind die Siegel an dieses Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der
sei einem Selbstmrder gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht,
den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben, und wer in
der heiligen Erde whlt, soll selbst kein geweihtes Grab finden. Das
soll so lang gelten, als ihr nicht mit dem rechtmigen Pfarrer Frieden
macht und von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben lat!

Darunter steht das Pfarramtssiegel. -- Die Leiche Thni Griegs ist ber
dem Schrecken, den die neue Botschaft erregt, vergessen. Man sucht den
Pfarrer, man findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte
gekrnkte Mann das Thal verlassen, einige, die an der Glotter standen,
haben ihn sogar gesehen.

Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und bermorgen ist
Allerheiligen -- dann Allerseelen! Kirche und Kirchhof aber sind
gesperrt.

Nun rttelt und schttelt das Entsetzen ein ganzes Dorf.

Die Regierung hat uns ins Elend gefhrt, unsere alten Vorsteher lgen
uns an, die Kirche giebt uns auf -- und alles kommt vom Rebellen und der
Hexe -- den Mrdern. -- Gut, wenn man will, da wir wilde Tiere werden,
so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres Lebens wehren -- der
Rebell und die Hexe mssen sterben.

So rasen die von St. Peter.

Der Presi schwankt, wie er sieht, da seine Selbstaufopferung nichts
hilft, davon -- die Drfler beachten es im Aufruhr kaum -- der Garde
will reden -- aber ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender
Weiber und tobender Mnner: Wir wollen nichts mehr von euch -- ihr seid
alle Verrter.

Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken -- das Grauen wchst.

Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden Kienfackel auf die
Bahre und beleuchtet das zerwaschene Gesicht des Toten; der Ruf luft
durch die dunklen Gruppen: Wir haben niemand mehr, der sich unser
erbarmt, als Johannes -- Kaplan, fhrt uns -- sagt uns, was sollen wir
thun?

Der Schwarze lchelt hllisch: Erschlagt die Teufelin und den Rebellen
-- sie ist bei ihm an den Weien Brettern, ich ffne euch den Weg.

Da ruft der alte greise Peter Thugi: Ergebt euch nicht in die Gewalt
des Schwarzen -- ihr werdet es bereuen.

Im gleichen Augenblick aber ertnt ein seltsames klirrendes Gerusch
durch den Kirchhof. Alle erschaudern. Wahnsinnige Weiber haben die
ersten Kreuze ausgerissen. Die Mnner knirschen dumpf: Jetzt knnen wir
nicht mehr zurck -- vorwrts also -- wir mssen Totschlger sein!

Das vom Entsetzen gerttelte Dorf rstet sich zum schrecklichen Auszug
an die Weien Bretter, die Grabkreuze klirren durch die Nacht. Hinter
Kaplan Johannes, der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und
den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende, betende
Schar, die sich der Hlle ergeben hat. Sie hat aber das Dorf kaum
verlassen, da rten sich die nchtlichen Nebel und schon rennen die
Ausziehenden schreiend zurck: Es brennt in St. Peter. -- Feurio! --
Feurio!

Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende, wachsende Glut reit alle
ins Dorf zurck. -- Vielleicht ist es unser Haus -- vielleicht ist es
unser Vieh, das verbrennt, jammern sie; es scheint durch die
schwelenden Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen.

Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die Kreuze von sich wirft
und zu ihren Husern rennt.

Wie die Erschrockenen aber zurckkommen, brennt der Bren, steigen die
Lohen schon prasselnd durch das Dach in die Nebel empor. Der Bren, das
alte schne Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des Dorfes,
brennt. Sie stehen erschttert davor -- und ihre erste Eingebung ist:
retten -- helfen, -- das Gewissen fr die brgerliche Pflicht erwacht.

Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die Sturmglocken ziehen
wollen, prallen sie wieder an die Siegel des Pfarrers. Es brennt und
man darf nicht luten.

Die Verzweiflung packt das Dorf. -- Die Leiche Thni Griegs, die noch
auf dem Kirchhof steht, steigert das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt
ber sie und giebt den Zgen einen Schein des Lebens. -- --

Wer hat den Bren angezndet? -- Ein Voreiliger vom Ahorn! So redet
ihnen das schlechte Gewissen ein. Wo ist der Presi? Wenn er im Haus
verbrennte? -- Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist nicht darin.

Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der schwarze Kaplan, der
schrecklich im Schein der Flammen steht, mit seiner hohlen Grabesstimme:
Meine fromme Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten -- wir mssen
Teufelstter sein -- folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen ein
erlsendes Wunder fr alle geschehen, die mit mir sind -- folgt ihr mir
nicht, so seid ihr um Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes -- der
Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und bietet die
ueren Drfer gegen uns auf. Er hat das Haus angezndet, um uns
aufzuhalten.

Das erste glauben die Drfler, das letzte nicht, denn zu sehr hat der
Presi sein schnes Heim geliebt.

Das Entsetzen steigt. -- Mord und Feuersbrunst in der Gemeinde -- und
morgen militrische Besetzung oder Untergang. -- Dazu den Zorn und die
Strafen der Kirche.

Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden Funkengarben auf
das Dorf, Frauen und Kinder flehen die Mnner auf den Knieen an, da sie
das Dorf retten, der Garde mahnt mit Thrnen in den Augen zur Vernunft.

Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert,
Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die nchsten Huser. Die Nacht
ist windstill, die riesige Lohe des Bren verfliet wie eine feurige
Wolke im Nebel, die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den
berstenden Fenstern zischen die Flammen und zerstren die alten
Jagdtrophen am Dachgeblk und prasselnd fllt das graue Brenhaupt auf
die Strae und zersplittert.

Aus dem Erdgescho ist einiges gerettet worden und nun schreit Blzi:
Der Wein! der Wein! Lat uns doch den Wein holen!

Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie wlzen die Fsser auf
die Strae, und da man sich wegen der steigenden Hitze zurckziehen mu,
zum Kirchhof hinauf.

Die Flaschen, Krge, Becher und Glser kreisen.

Wenn doch St. Peter untergehen mu, grhlen die Mnner, so wollen wir
noch trinken. Zum Wohl -- zum Wohl!

Ein grliches Bild! Der Brand nimmt schon ab, die Gefahr fr das Dorf
ist vorbei, der Bren ist ein riesiger glhender Ofen, auf dem Kirchhof
aber beraten die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden
Kindern, was sie jetzt anfangen wollen.

Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der Garde und noch
einige haben sich auf den Kaplan geworfen, haben ihn gefesselt und
wollten den Tobenden abfhren.

Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken der Besinnung
lscht: Wir sind verraten. -- Die wehrfhige Mannschaft der vorderen
Drfer ist im Anzug -- sie sind schon an der Brcke -- sie helfen dem
Rebellen -- sie sind gegen die von St. Peter.

Die Bestrzten bitten, drohen, sie kmpfen, sie machen den gebundenen
Kaplan Johannes mit Gewalt frei: Er allein kann uns jetzt helfen!
rufen sie. Er aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder
ergreifend: Vertraut mir, ihr Frommen. -- Zu Allerheiligen erlse ich
euch alle -- denn ich bin nicht Kaplan Johannes, wie ihr meint --
sondern ich bin St. Peter, euer Schutzpatron, ich richte unter euch
meine Kirche ein -- und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!

Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen, der sein
Grabkreuz schwingt -- die Hlfte der Drfler weicht ber die
Gotteslsterung entsetzt von ihm zurck: Wir haben uns einem Narren
ergeben! stammeln sie.

Zwanzig, dreiig Frauen aber, die noch in Furcht und Entsetzen an ihn
glauben, scharen sich um ihn, eine Zahl Mnner ahmen das Beispiel nach,
doch viele unter ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: Wir gehen
mit, knurren sie finster, denn nach allem, was sich ereignet hat,
knnen wir nicht mehr zurck, aber wenn er uns ins Unglck fhrt, ist er
der erste, der fallen mu. -- --

Siegesgewi lchelt der wahnsinnige Kaplan: Kommt, kommt, ihr Getreuen
-- an den Weien Brettern wird sich das Glck der Gemeinde erfllen.

Auch Ihr, Peter Thugi? -- Der Garde, der den Mut verloren hat, sagt es
traurig und vorwurfsvoll. --

Garde, erwidert der junge Mann, wenn Josi oder Binia ein Hrchen
gekrmmt wird, so kehre ich nicht zurck zu meinen Kleinen -- mich
schmt das Leben an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!

Der Zug der Verzweiflung zieht, whrend es leise zu schneien beginnt, in
die Nacht.

Umsonst hat der Garde noch einmal geredet -- jetzt sitzt er still in
seiner Wohnung und weint ber seine verirrte Gemeinde.

Vroni steht trstend bei ihm, aber ihr ist todesangst um Binia. Die alte
Sage!

Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht.

Da horch! Gleichmige, taktfeste Schritte von Mnnern schallen von der
Strae, die sich mit dem Flaum des fallenden Schnees bedeckt. In guter
Ordnung rckt die waffenfhige Mannschaft der ueren Drfer in St.
Peter ein, die Befehle tnen ruhig durch die Nacht, im Haus des Garden
atmet man auf aus grimmiger Not.

Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen? fragt Vroni die Ankommenden.

Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem Dorf an die Weien
Bretter empor geschwenkt. -- Josi Blatter darf nichts geschehen,
antworten die Mnner.

Drauen im Lande wei man es: Das Werk Josi Blatters ist gut. Mit denen
von St. Peter aber, die man schon lange als harte, aberglubische Kpfe
kennt, mu man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute geschehen
ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt.

Da Josi Blatter, der Held der heligen Wasser, ein Mrder sei, will
niemand glauben; da die von St. Peter sich unter die Anfhrung des
verrckten Kaplans stellten, den man als einen gemeingefhrlichen
Vagabunden kennt, da sie nach dem Leben eines durch seine
Rechtschaffenheit und Schnheit bekannten Mdchens trachten, erfllt die
Mannschaft mit solcher Wut, da die Fhrer Mhe haben, sie von
unberlegten Thaten gegen die Drfler zurckzuhalten.

Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung walten, bis in
die Stadt ist man durch Eusebi und den Pfarrer ber den Plan derer von
St. Peter unterrichtet und emprt.

Wenn den zwei Liebenden ein Leid geschhe, wehe dann dem Dorf.

Nun aber sind die Mnner enttuscht -- in St. Peter brennen nur wenige
Lichter -- wo sie eintreten, treffen sie nur betende Frauen -- aber
keinen Mann, der Auskunft ber die Ereignisse des Tages gbe.

Endlich greifen sie einen auf -- den betrunkenen Blzi, der in seinem
Rausch den schrecklichen Ahornbund verrt. Sie sperren den Gefesselten
in die Gemeindescheune.

Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an die Weien Bretter
emporgestiegen sind, auf einer Notbahre von Tannenreisern einen Mann.
Die erste falsche Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen
worden sei, aber es ist der Presi, der machtlos rchelt.

Wohin mit ihm? fragen die Trger. -- In mein Haus, erwidert der
erschtterte Garde, und wie er in das Gesicht seines Freundes blickt, da
wei er, da er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird.

Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos zusammengesunken.

Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber er kann nicht sterben:
Mein Traum, sthnt er, mein entsetzlicher Traum -- dazu die alte
Sage, da eine Jungfrau bluten mu, ehe St. Peter von der Wasserfron
erlst ist. Garde, seht Ihr nicht -- meine arme Bini blutet.

In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende.

Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse meine Bini mit Josi
glcklich und da er unschuldig ist. Nur kein Fluch von mir in ein
folgendes Geschlecht. -- Seppi Blatter -- Frnzi -- macht es mir nicht
zu streng.

Der Garde hlt die Hand des Bebenden, selbst ein unglcklicher Mann,
fhlt er verzehrendes Mitleid mit ihm und trstet: O Presi -- es leben
allerdings mchtige Wahrheiten in den alten Sagen, in Trumen wohnt
tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure, vermag die
verhngten Schicksale zu brechen. Es wird Euch vor Gott gro angesehen
sein, da Ihr Euer Kind in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet,
dahin ziehen lieet, wo seine Sicherheit und sein Glck liegen, -- da
Ihr die Folgen einer unglcklichen Stunde vor dem erregten Volk selber
tragen wolltet, -- da Ihr Eure letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr
glaubtet, Eure Kinder htten Eures Schutzes ntig. Presi, gebt die
Hoffnung nicht auf.

So trstet der treue Freund feierlich und unablssig und zitternd horcht
der Presi.

Der Garde, der es sprt, wie das Leben seines Freundes schwinden will,
sagt: Ihr habt mehr gethan -- um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das
Euch lieb war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!

Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht.

Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein Freund ist noch der alte
Presi. Er wrde, wenn er seine Kinder nicht mehr she, mit einem
schrecklichen Geheimnis ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht
der Brandstiftung ruhen lassen.

Bekennt Ihr, fragt der Garde, wenn Josi und Binia unversehrt durch
diese Thre treten?

Da schluchzt der Presi, aber er schweigt.

Josi und Binia sind unschuldig -- es kann ihnen nichts geschehen --
jetzt nicht und vor Gericht nicht -- ich werde mit ihnen kmpfen -- sie
mssen glcklich werden, die so viel gelitten haben!

So mahnt und trstet der Garde, und aus seiner vollen Brust strmt der
Glaube in die Brust des Presi ber, ergebungs- und hoffnungsvoll
erwartet er, whrend seine Pulse schon schwcher und schwcher gehen,
die Botschaft von den Weien Brettern.

Ehe er wei, wie es sich an den heligen Wassern entschieden hat, kann er
nicht sterben.




XXI.


Zu Josi! Durch die letzten Bergastern, durch die den herbstfalben
Weiden schwankt Binia langsam empor -- empor -- sie folgt, ohne da sie
es wei, dem Weg, den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie
still, dann greift ihr Fu, indem sie flstert: Zu Josi! wieder
mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zurck in die Nebel: Vater --
Vater! Die Kindesliebe zieht sie zurck. Doch sie geht wieder vorwrts.
Alle ihre Regungen sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger
Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart.

Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da erreicht sie die
Stelle, wo die heligen Wasser vom Gerll auf die Weien Bretter
bergehen. Ein seltsamer Gedanke kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und
Josi nichts geschehen! -- Aber die alte Sage -- sie bebt. Wird sie fr
Josis Werk sterben mssen?

Sie wandelt durch den Felsengang, da glnzt tief im Hintergrund ein
Licht.

Josi! Er meielt am Boden hingekniet und sieht sie nicht. Josi!
schreit sie.

Er fhrt auf und lt den Hammer fallen. Bini! Er umarmt sie. Im
flackernden Grubenlicht sieht er nicht, wie bleich sie ist.

Bini -- dich hat in dieser Stunde Gott zu mir gefhrt. Engel -- du
kommst, um mein Werk zu segnen -- die Leitung vollendet sich. -- Schau!
-- Durch dieses Bohrloch blitzt von drben schon der Tag.

In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast berirdische Freude,
sie schluchzt: Josi, der Kaplan Johannes hat in der Glotter Thni Grieg
gefunden -- mein Leben ist im Dorf verwirkt -- meine letzte Zuflucht
bist du.

Sie legt ihre kleinen Hnde in seine groen arbeitsharten und neigt ihr
Kpfchen auf seine Schulter und weint bitterlich.

Da kt er sie auf den Scheitel: Sei ruhig, liebes Bineli -- du weit
es, ich habe Thni Grieg nicht zu frchten -- mit uns ist die Wahrheit
-- sei nicht so traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir:
Glaube, vertraue -- das Glck wird doch noch wahr.

Er steht vor ihr im Vollgefhl des vollendeten Werkes. Und nun ertnt
ihr kleiner Schrei: Josi, mein Held!

Binia geht es wundersam -- Bei Josi, dem starken Manne, der ihr milde
zulchelt, sinkt alles Schwere, was sie erlebt hat, wie ein wster
schwerer Traum von ihr. Ihr ist, an seiner Seite knnte sie einem ganzen
Schwarm von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so grlich wie
Kaplan Johannes wren, wrde ihr kein Leid geschehen.

Mit glnzenden Augen schaut sie Josi an.

Hast du Mut, Bini? lchelt er. Zeige es mir. -- Ich wre glcklich,
wenn du mit deiner lieben Hand die letzten Schsse entznden wolltest.
Das wre mir ein greres Fest, als wenn morgen die Regierung nach St.
Peter kme und mich unter Glockengelute vom Berg holte. -- Wozu das? --
Fr dich ist's ja gebaut und gethan! -- Weihe es, Binia! -- --

Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt die Patronen in die
Lcher und setzt die Znder auf. Hier und hier -- hier und hier -- da
und da.

Demtig und mutig nimmt sie die Lunte und legt sie an die Znder, die
leise zu summen beginnen.

Zurck, so weit ich dich fhre, und sei stark, Bini.

Josi zhlt. -- Jetzt. -- Es kracht. -- Ein Donnerwetter geht durch die
Felsen, als ob das ganze Gebirge strzen msse -- jauchzend reicht Josi
Binia die Hand: Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser -- die
Blutfron ist gelst!

Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und rollt zurck. -- Der
Rauch zieht an ihnen vorbei und durch das Thor herein, das sich geffnet
hat, glnzt ein Schein des Abendrotes, das ber Tremis steht.

Mit wuchtigen Hieben glttet Josi die Stelle. Doch nach einiger Zeit
sagt er zu dem Mdchen, das am Rand des Wassergrabens kauert und ihm
bewundernd zuschaut: Fr heute Feierabend -- Bini -- dir zu Ehren.

Da wird sie wieder etwas ngstlich: O, Josi! -- wir sollten fliehen. --
Wir sind selbst hier oben nicht sicher -- es ist mir, es geschehe
Schreckliches in St. Peter!

Sie drngt sich schmeichelnd und Schutz suchend an den strahlenden Mann.

Fliehen! -- Ich frchte mich nicht vor denen von St. Peter. Und den
Vater verlassen wir nicht, Bini.

O mein Vater, -- mein armer Vater! -- Nein -- gelt, lieber Josi, wir
verlassen ihn nicht! -- Wir wollen wieder zu ihm niedersteigen, fleht
sie.

Sieh, Bini, antwortet er trstlich, wir haben einen geraden Weg, den
mssen wir gehen: Bevor die Wasser laufen, scheiden wir nicht von den
Weien Brettern -- bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit uns
kommen will, gehen wir nicht von St. Peter -- und bevor ich mich nicht
vor dem Gericht von jedem Verdacht wegen Thni Grieg gereinigt habe,
wirst du nicht mein Weib -- dann aber Glck zu, mein herzlieber, reiner
Tautropfen.

Weich und demtig erwidert sie: Dein Weg ist mein Weg, Josi!

In weltferner Einsamkeit hoch ber den Menschen halten sie Feierabend.
Ueber dem grauen Nebel der Tiefe, der wie ein See in die Berge gegossen
liegt, geht der Tag zur Rste, sie sehen nicht und hren nicht, wie
unter ihnen in St. Peter der Aufruhr braust, sie sehen auch die Sterne
nicht, denn Schneewolken ziehen schwerer und schwerer ber das Gebirg --
zwischen lauter Wolken sind sie mit ihrer Liebe allein.

Josi hat von lange her eine Felsennische heimelig eingerichtet, da
flackert jetzt ein Feuer, die Milch, die der pflichttreue Bonzi wie
sonst heraufgeschafft hat, siedet im Topf; auf einem Teppich, der ber
eine Felsenbank gelegt ist, sitzt das Paar Wange an Wange und in der
stillen Felsenheimlichkeit vergit es die armseligen Menschen, die sich
in den Qualen des Aberglaubens winden, und nichts bleibt ihnen bewut
als ihre starke Liebe. Alle Strme sind zur Stille gekommen, die Seelen
der Gehetzten ruhen in seligem Traum.

Josi, erbebt die Stimme Binias fein und weich, eine alte Sage geht,
da ber der Befreiung St. Peters aus der Blutfron eine Jungfrau sterben
mu -- sie hat mir meinen Gang zu dir schwer gemacht -- aber jetzt ist
mir, es wre mir leicht, das Leben fr dich und dein Werk hinzugeben!

Und in unendlicher Treue hangen ihre Augen an ihm.

Rede nicht so --, Bini, erwidert er sanft, nein, wir wandern ins
Leben -- du und ich -- und wir wollen unserer Liebe im Frieden froh
werden und schaffen, bis es Abend ist!

Ins Leben! wiederholt sie traumhaft.

Er streichelt ihr dunkles Haar, mde lt sie das Kpfchen an seine
Brust sinken, lange Leiden fordern Auslsung, und sorglich bettet er die
in einen bleiernen Schlaf Versunkene in die Felsenecke. -- Das Feuerchen
flackert und beleuchtet zwei Friedliche. --

Etwas Sonderbares weckt Josi aus seinem halben Schlummer. Ihm fehlt in
der Morgenfrhe das leise Klingen der Glocke von St. Peter, und
pltzlich erinnert er sich, da er es auch am Abend nicht gehrt hat.
Nun wird er doch unruhig. Ist in St. Peter so Schlimmes geschehen, da
der alte Pfarrer seine Drohung wahr gemacht hat?

Besorgt zndet er in das Gesicht der schlafenden Binia. Sie lchelt
innig im Traum und von ihren Lippen zittern die Worte: Die Vgel, sie
fliegen ber Land und Meer.

Schlafe, armes Kind, das so viel erduldet hat, schlafe -- das Rauschen
der Wasser, das Schlagen des Hammers mag dich wecken. Er geht leise
davon, er schreitet sein Werk ab, im Schein der Lampe legt er da und
dort noch Hand an, er setzt am ueren Ende der Leitung das kleine
zierliche Wasserrad ein, das den Merkhammer treiben soll.

Es schneit ruhig und feierlich, die Flocken fallen leis und weich ins
Morgengrauen und tiefe Stille waltet ringsum. Da ist ihm doch, er hre
Stimmen aus der Tiefe und klirrende Tne -- aber so unbestimmt, da er
nicht klug daraus wird, was er hrt.

Er wandert rasch, die ruhig schlafende Binia im Vorbeigehen betrachtend,
das ganze Werk zurck -- er lenkt den Auslaufknnel am Eingang der
Felsen vom Abgrund zurck und hinein in die neue Leitung.

Eilig strmen die Wasser.

Da horch! -- Stimmen schwellen im Schneegestber -- eine Schar
Gestalten, die -- sonderbar genug -- Grabkreuze tragen -- Mnner und
Weiber tauchen gespenstisch in den Flocken auf -- er erkennt den
schwarzen Kaplan -- er hrt die hohe Stimme des Glottermllers: Wir
mssen sie totschlagen, ehe das Rad geht -- vorwrts!

Josi stellt sich ruhig einige Schritte vor dem Eingang seines Werkes
auf, aber seine Hand langt in die Tasche und seine Augen funkeln.

Die Schar steht vor ihm.

Halt -- oder ich sprenge euch alle samt und sonders in die Luft.
Hochaufgerichtet, eine Dynamitpatrone in der erhobenen Hand, donnert er
es ihnen entgegen. -- Die Mnner stutzen, aber Kaplan Johannes ruft:
Die heiligen Kreuze sind strker als das teuflische Salz! -- Und er
will mit dem erhobenen schweren Grabkreuz in wahnsinniger Wut auf Josi
los.

Da geschieht etwas Entsetzliches.

Aus dem Felsengang strzt Binia -- sie strmt an Josi vorbei -- sie
luft unter das erhobene Kreuz des Kaplans -- sie schreit flehentlich:
Schlagt mich, Kaplan -- aber ttet meinen Josi nicht.

Schon saust das Kreuz gegen das junge schne Haupt hernieder und Josi!
schreit Binia in Todesnot.

Da sinkt der Kaplan selbst.

Er sthnt unter den Fusten Peter Thugis, der ihn im letzten Augenblick
niedergerissen hat.

Einige der verdutzten Mnner machen Miene, dem Schwarzen zu helfen, aber
jetzt ist Josi neben der in die Kniee gesunkenen blassen Binia, er hlt
in finsterer Entschlossenheit die Patrone hoch und sein funkelnder Blick
hat den Stein schon erspht, an den er sie schleudern knnte.

Die Waffen weg, oder ihr fliegt! schreit er.

Ein furchtbarer Augenblick, ein Mann gegen einen Schwarm -- einzelne der
Gestalten tauchen, wie Gespenster verschwinden, in das Schneegestber
zurck. -- Die schwarzen Kreuze und Scheiter fallen in den weien,
reinen Schnee.

Nur der Glottermller mit einem kleinen Huflein steht noch, aber sie
wagen keine That.

Da horch -- der Hammer schlgt -- er schlgt rasch und rascher, laut und
lauter -- und rings im Gebirgskreis bleibt es still -- die Lawinen
fallen nicht -- es schneit nur leise und feierlich. -- Die letzten
Kreuze sinken -- aus der Tiefe tnt der Ruf: Josi, wir kommen -- Josi,
halte aus -- die Hilfe ist da! -- Es ist Eusebi, der ruft. -- Und durch
den Schnee blitzen schon Waffen und Wehr.

Wie Peter Thugi die erlsenden Zurufe hrt, lt seine Faust etwas von
dem sich windenden Kaplan. Der kann entfliehen und springt in gewaltigen
Stzen bergwrts. Hinter ihm die letzten Kreuztrger.

Um Josi, der die halb ohnmchtige Binia im Arm hlt, und Peter Thugi,
den Freund, steht die Entsatzmannschaft, und Eusebi Zuensteinen vergiet
die hellen Thrnen der Freude, da sein Schwager gerettet ist.

Josi dankt Peter auf den Knieen fr die rettende That.

Wer sollte es besser wissen, Josi, erwidert Thugi, was du fr St.
Peter gethan hast, als ich.

Andchtig horchen die hundert Mnner dem Schlagen des Hammers und
schtteln Josi und Binia die Hand.

Ein sonderbarer Zug bewegt sich in dem fallenden Schnee thalwrts. -- In
der Mitte geht Josi, nicht wie ein Held, sondern wie ein Geschlagener --
er wei es, er mu mit Binia an ein Sterbebett treten. Und Binia
schluchzt herzzerbrechend. Aber da sie noch gehen kann, ist ein Wunder.

Wer ist der grere, Josi, der die Blutfron von St. Peter genommen hat,
oder der Presi, der Vater, der bis in den Tod fr sein Kind gekmpft
hat?

Ja, ja, arme Bini, ruhige Jahre werden dir nun wohl thun, denn zuletzt
verliert auch der Stahl seine Biegsamkeit und bricht.

Sie sehen den verwsteten Bren; Josi ist bereit, noch heute den
Gerichtsbeamten, die schon eingerckt sind, Rede und Antwort zu stehen.

Das Paar tritt in die Wohnung des Garden -- es sinkt an das Bett des
Presi.

Man hat ihm die Fenster ffnen mssen, damit er das Schlagen des neuen
Hammers an den Weien Brettern hrt. Seitdem ist er ruhig und nun
richtet er sich auf vom Lager. Er schluchzt -- die dnnen Thrnen
flieen ber seine abgehrmten Wangen. -- Seppi Blatter -- Frnzi --
ihr habt mir's nicht zu streng gemacht. -- -- Und Josi, wenn du wegen
Thni Grieg etwas auf dem Gewissen hast, -- so nehme ich es dir ab.

Da antwortet Josi: Nein, Vater, ich bin frei von Schuld. Thni Grieg
ist zehn Schritt vor mir gestrzt.

Garde, ich habe den Bren angezndet, spricht der Presi laut, dann
murmelt er: Und St. Peter habe ich lieb gehabt. -- Seid glcklich --
Josi -- Bini. Einen Blick unsglicher Liebe noch wendet er auf das Paar
-- er sinkt zurck und der Todesengel schwebt durch das Haus.




XXII.


Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter gethan haben,
erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint der Welt unbegreiflich. Das
Dorf wollte den schlagen, der ihm die grte Wohlthat erwiesen hat, den
es mit Ehren wie seinen Erlser feiern sollte. Unbegreiflich? -- Als ob
der Wechselruf Hosianna! und Kreuziget ihn! nicht die Jahrhunderte
herab durch die Bltter der Geschichte jauchzte und klagte. Als ob es
nicht bis in die blhende Gegenwart hinein der Beispiele genug gbe, wo
nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern groe mchtige,
gebildete Vlker sich unter dem Druck eines Zwangsgedankens verwirren
und eine Weile den Weg der Vernunft nicht finden knnen. Als ob die
Gestalt des bsen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die dunklen
Regungen der Volksseele mibraucht, nicht berall auf der Lauer stehe,
um seinen Bettelsack aus der allgemeinen Verirrung zu fllen und seine
nchtliche Seele in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. --
--

In bebender Zerknirschung liegt St. Peter.

Jahrhunderte hat sein Vlklein unter dem Donner der Lawinen friedlich
und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht hat mannlich getragen, was
eine bermchtige Natur an Gefahren und blutenden Opfern ber sein
Dasein verhngte. Im Scho des stillen Lebens blhten innige Sitten und
Bruche, die Wunderblume der Sage hielt ihre Kelche offen und atmete
ihre Dfte aus. Da fhrte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen
Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der Volksanschauungen.
Die Drfler sahen, was Eltern und Altvordern gro und heilig gegolten,
von einem Schwarm leichter Menschen, der kein Verstndnis fr ihr
eigenartiges Fhlen besa, miachtet, in den Stimmen der Lawinen hrten
die Gengstigten den Zorn des Himmels reden. Und siehe da -- die
Wunderblume der Sage vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen
schlich sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das Fieber des
Aberglaubens.

Die Stimmung ist vorbereitet. -- Da geschieht das Unfabare, da einer
vom Dorf das Verhngnis lsen will, das wie Gottes Zchtigung darber
schwebt -- da ereignet sich das Schreckliche, da ein verborgener Mord,
so glaubt das Vlklein, ans Tageslicht kommt -- eine tragische Folge der
Umstnde schaltet alle Hemmungen der Vernunft aus.

So hat das Entsetzliche geschehen knnen! -- --

Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer an der rettenden
Leitung schlgt, von einem Fest zur Einweihung des Werkes spricht
niemand.

Eine unheimliche Stille brtet ber St. Peter. Mchtiger als die ernsten
Patrouillen, die das Dorf auf und ab schreiten, spricht es in die
Gewissen, da das schne alte Haus zum Bren in schwarzen Ruinen aus der
weien feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist ohne den Bren
nicht mehr St. Peter.

Wer hat die Flamme hineingeworfen? -- In der Gemeindescheune halten die
herbeigeeilten Gerichtsbehrden an einem Tisch die Verhre, zu denen
ihnen der Verrat Blzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen
Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die Fragen. Da er Kreuze
aus dem Kirchhof ausgerissen hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber
verrt keiner. Und keiner nennt den Brandstifter, die
Untersuchungsbeamten aber bestehen darauf, da es irgend einer vom Bunde
sei, und halten den Verdacht auf den Presi fr eine Ausflucht. Sie
fassen einen heien Groll gegen das verstockte Dorf und drohen mit
langen Einquartierungen auf Kosten der Gemeinde.

Da tritt erschttert der Garde herein: Ich kann euch die Untersuchung
erleichtern. Keiner von denen, die ihr verhrt habt, hat den Bren
angezndet. Das hat ein Vater fr sein Kind gethan. Ich sage es euch im
Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben ist.

O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben, sie haben den Presi
schon gekannt, den gewaltthtigen Mann, der, die anderen alle um
Haupteslnge berragend, nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so
gro in seiner Liebe, da ihm die That wohl zuzutrauen ist.

Sie sprechen bewegt: Immer war er der Presi -- sich selbst getreu bis
in den Tod -- in der Enge der Berge, wo der gewaltige Mann berall
anstie, hat er werden mssen, wie er war -- in der Welt aber wre er
nach Kopf und Herz ein Groer geworden -- denn Kernholz, aus dem das
Volk seine starken Fhrer schnitzt, war an ihm von der Sohle bis zum
Scheitel.

Whrend sie noch flsternd dem toten Presi ihr Krnzlein winden, tritt
Josi Blatter an den Tisch und wnscht wegen Thni Grieg verhrt zu
werden. Ruhig und fest erzhlt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig
und fest antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter der
Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den Helden der heligen Wasser
blickten, werden ernst. Die Darstellung klingt unglaubwrdig.

Ihr besteht darauf, da es nicht Totschlag in Notwehr war?

Ich bestehe darauf.

Ihr habt das Werk an den Weien Brettern nicht zur Shne gebaut?

Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.

Ihr verzichtet auf die altgebruchliche Rechtswohlthat, die seit
Matthys Jul denen zugebilligt wird, die fr die heligen Wasser an die
Weien Bretter steigen?

Ich verzichte!

Josi steht -- es geht nicht anders -- unter der Anklage, in Notwehr
Thni Grieg erschlagen zu haben -- aber wenigstens so hart sind die
Mnner des Gerichtes nicht, da sie ihm eine Haft auferlegen. Sein
Ehrenwort, sich der Untersuchung immer zur Verfgung zu halten, gengt.

Kaplan Johannes ist nicht zurckgekehrt. Von seinen eigenen Anhngern
zuletzt in die Enge getrieben, hat er sich auf die Felsen geflchtet,
die vom Neuschnee schlpfrig waren, er ist gestrzt und erst im Frhjahr
hat man seinen zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden.

Whrend der Untersuchung ber die Vorflle in St. Peter, die mehrere
Tage in Anspruch nimmt, ist der alte Pfarrer zurckgekommen und hat
seine Siegel von der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten
begraben, heute in aller Stille Thni Grieg, morgen in herzlicher Trauer
den Presi, der den Drflern nie bewunderungswrdiger schien als in
seinem Tod. Man hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und
wieder in die Grber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu geweiht, und wie
nun die Glocken zum Begrbnis des Presi wieder erklingen, da geht ein
aufschluchzendes Weinen der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung
durch das Dorf.

Am Schlu der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer: Ich wei, da auch ich
schuldig bin und euch nicht htte verlassen sollen, und vor den Behrden
der Kirche will ich fr euch um ein gndiges Urteil bitten. Ich lasse
euch als Vermchtnis meiner Amtsthtigkeit, die ich niederlege, die
Schlssel zum Gotteshaus und den Glocken zurck. Hoffentlich fr ewig.
-- Eine junge starke Kraft mge euch besser fhren, als es mir altem
kraftlosen Manne gelungen ist! -- --

Langsam schreitet der Proze, es ist, als knne sich das arme Dorf nicht
mehr erheben aus seiner Schande, als msse es daran zu Grunde gehen.

Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten Josi Blatters und
Thni Griegs durch die Untersuchung in immer schrferen Umrissen
erscheinen, wie der geflschte Brief Thnis bekannt wird, wie man den
Leidensgang und die hohe Treue der Liebenden erfhrt, da fliegen ihnen
alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht. Selbst wenn er
eine That des Zornes begangen htte, spricht das Volk, mte er
freigesprochen werden, sie wre Gottes Gericht ber den Schuft.

Es ist aber keine That des Zornes geschehen. -- Und fr Josi und Binia
spricht mit glhendem Feuer der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in
aller Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist.

Tausend Umstnde zeugen fr das Paar.

Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem Werk empor, prft es,
vollendet noch da und dort etwas -- sobald er aber das gerichtliche
Verfahren hinter sich hat, will er mit Binia ber das Meer ziehen und in
einem fernen Erdenwinkel Glck und Vergessen suchen.

Eines Tages aber erhlt er den Besuch seines Freundes Felix Indergand.
Der spricht nicht mehr von Beate, dagegen redet er Josi herzlich zu:
Ziehe nicht fort, Josi! -- Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist,
findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensglck. Wir beide haben es
erfahren, wie de und leer das Herz in der Fremde bleibt, das deckt alle
Liebe nicht zu. Thue es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind
wrde in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht zu St. Peter
bleiben magst, zu uns ins grne Oberland, ich will ein Gtchen fr dich
erhandeln. Dort lebe in meiner Nhe und sei glcklich mit deinem Weib.

Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen -- er willigt ein.

Endlich, wie schon die ersten Frhlingsblumen blhen, ist der
Gerichtstag fr ihn und die von St. Peter da, das Landvolk ist wie an
einem Markttag auf der Fahrt in die Stadt.

Die Tribnen des Gerichtssaales sind gefllt und zweimal entsteht eine
mchtige Bewegung unter den Zuschauern.

Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche Gestalt in tiefer
Trauer als Zeugin vor die Schranken tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu
Josi vor der Menge zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle
geht ber das feine Gesicht und hilflos fragt sie: Ja, mu ich das auch
sagen? Auf manche harmlose Fragen antwortet sie in so heier Scham,
dann mit einem blitzenden Wahrheitsmut, da die Schauer der
Ergriffenheit durch den Zuschauerraum gehen.

Der Garde von St. Peter hat recht, flstert sich die Menge zu, Binia
Waldisch kann keine Unwahrheit sagen!

Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus Indien zur Verlesung
kommt:

Josi Blatter, ber den Sie mich gerichtlich anfragen, hat sich in fnf
Jahren als ein Mann ohne das geringste Falsch bewhrt. Er ist so fest
und treu wie Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie wrden eine Schmach
auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen Glauben schenken und einen
Makel auf ihm ruhen lieen. George Lemmy, Oberingenieur der britischen
Regierung in Indien.

Ein Stndchen spter ist der volle Freispruch da.

Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal: Josi, mein
Held, und Hunderte schluchzen mit und ein Jubelruf pflanzt sich fort
durch die Straen der Stadt.

So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgeprften! sagt der Garde, der
mit Vroni und Eusebi dem Paar die Hnde reicht, wenn zwei glcklich
werden knnen auf dieser wandelbaren Erde -- so seid ihr es, ihr heien
Herzen von unwandelbarer Treue. --

Auch St. Peter hat keinen bsen Tag.

Die Richter wissen, da es jetzt nicht gilt, das arme, verirrte, von
einem Wahnsinnigen verfhrte Dorf, fr das der alte ehrwrdige Garde mit
Thrnen in den Augen bittet, noch tiefer in Unglck und Schande zu
drcken, sondern zu beruhigen und zu vershnen, sie legen leichte
Strafen auf die Grabschnder, und willig tragen die Drfler das
verhngte Ma. -- --

Wie ein reinigendes Gewitter haben der bse Tag und seine Folgen auf
die von St. Peter gewirkt. Ein Jahrhundert ruhiger Entwickelung htte
die Sinnesart des Vlkleins nicht so gendert und geweckt wie der Sturm.

Und sonderbar, wie sich das Urteil ber den toten Presi gewendet hat.
Seinen einst so verhaten Namen nennt man in St. Peter in glhender
Ehrfurcht. Vor dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter Thugi,
der jngere, im letzten Augenblick den Schlag des Kaplans vom Haupt
Binias gewandt. Nein, aus dem alten Fluch, da eine Jungfrau ber der
Befreiung St. Peters von der Wasserfron an den Weien Brettern sterben
msse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet; indem er selber in
den Tod ging, schtzte er das Leben seines Kindes und bewahrte das Dorf
vor noch entsetzlicherem Unglck.

Als ein Held erlsender Vatertreue steht er im Gedchtnis des
Berglandes.

Sogar sein Werk, die Einfhrung des Fremdenverkehrs in das Thal, ist
nicht untergegangen. Ein Jahr stand der Bren als eine Ruine da. Dann
kam denen von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer, die man so
geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die Gemeinde wnschte, da das Haus
von einem tchtigen Wirt wieder aufgebaut wrde. Die Fremden falterten
darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bevlkerung hat nichts
wider sie einzuwenden.

Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern, wie man die schnen einst
geliebt hat, verabscheut man sie.

In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges Ehepaar in halber
Verborgenheit und tiefem Frieden.

Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner Zug von Mnnern, an
ihrer Spitze Hans Zuensteinen, der alte Garde, und der jngere Thugi,
der neue Garde, den Weg in den Winkel des Glcks.

Die Mnner drehen vor Josi Blatter und seiner schnen jungen Frau
verlegen die Hte und der alte Garde spricht: Josi Blatter, es ist
vieles anders geworden in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die
rechte Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter sei noch
nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia uns fehlen. Wir wissen,
da dein Werk gut ist, die Gemeinde will dich in Ehren halten und zum
Zeichen haben dich gestern die hundertzwanzig Brger von St. Peter
einstimmig zu ihrem Presi gewhlt. Denn ich bin alt und den Aemtern
nicht mehr gewachsen. Wir brauchen einen starken, aufrechten Mann. Josi,
versage uns die Freude und Ehre nicht!

Die anderen besttigen die warme Rede: So ist es, wir bitten dich.

Josi will antworten, aber er kann nicht -- er geht zur Thre hinaus --
in einer stillen Ecke schluchzt er: Hrt ihr es, Vater -- Mutter --
ich, euer verachteter Bub, Presi von St. Peter. -- Wie er sich aber
gefat hat und den Mnnern sein Nein entgegenbringen will, da fllt
ihm Binia um den Hals: Josi, ja, wir wollen nach St. Peter
zurckkehren, dessen Kinder wir sind und wo die Grber der Eltern
liegen. Ich stelle mich zu den Mnnern.

Mit einem Jawort ziehen sie.

In St. Peter waltet Josi Blatter seit vielen Jahren als Presi in Strke
und Weisheit. Das Dorf hat sich vollends aus seiner Schande erhoben, es
blht unter seiner Fhrung und unter dem Segen des guten Beispiels, das
die feine Binia den Frauen von St. Peter giebt.

Die Blutfron an den Weien Brettern, der Lostag, die Schreckensarbeit
des Knnellegens tnt einem jungen Geschlecht wie eine Sage ins Ohr und
langsam verrosten in der Kapelle zur Lieben Frau die Unglckstafeln. Das
Werk Josis hat sich bewhrt. Die Wildleutlaue mag donnernd gehen, die
heligen Wasser flieen, sie rauschen und spenden Segen.



Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft
in Stuttgart



Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin


Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband, Hlbfrzbd. =
Halbfranzband

_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brcke und andere
        Geschichten                          Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Das verlorene Wort. Roman              Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Andreas-Salom, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung.
        Zwei Erzhlungen                     Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Ma. Ein Portrt. 4. Aufl.              Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Menschenkinder. Novellensammlung.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Ruth. Erzhlung. 5. Aufl.              Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Aus fremder Seele. 2. Aufl.            Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Im Zwischenland. Fnf Geschichten.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgnge.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl.       Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13.
        2. u. 3. Aufl.                       Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Auerbach, Berthold_, Smtliche Schwarzwlder Dorfgeschichten.
        Volks-Ausg. in 10 Bdn.       Geh. M. 10.--, in 5 Lnbdn. M. 13.--
--"-- Barfele. Erzhlung.
        40. u. 41. Aufl.                     Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Auf der Hhe. Roman. Volks-Ausg. in 4 Bdn.
                                       Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.--
--"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. Volks-Ausgabe in 4 Bnden
                                       Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.--
--"-- Drei einzige Tchter. Novellen. Min.-Ausg.
        4. Aufl.                                   In Leinenband M. 3.--
--"-- Waldfried. Vaterl. Familiengeschichte.
        2. Aufl.                             Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.50
_Baumbach, Rudolf_, Erzhlungen und Mrchen.
        15. u. 16. Tsd.                    Lnbd. M. 3.--, Ledbd. M. 5.--
--"-- Es war einmal. Mrchen.
        15. u. 16. Tsd.                    Lnbd. M. 3.80, Ledbd. M. 5.80
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_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben.
        2. u. 3. Aufl.                       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Bob, der Sonderling. 4. Aufl.          Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Milbrandt.
        10. u. 11. Aufl.                     Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Bhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Boy-Ed, Ida_, Die sende Hand. Roman.
        4. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl.             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Ein kniglicher Kaufmann. Hanseatischer Roman.
        8.-10. Aufl.                         Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl.  Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die groe Stimme. Novellen. 3. Aufl.   Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Blow, Frieda v._, Kara. Roman              Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Busse Carl_, Die Schler von Polajewo. Novellen
                                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Trume. Mit Illustrationen von Kunz Meyer
                                             Geh. M. 2.60, Lnbd. M. 3.50
--"-- Im polnischen Wind. Ostmrkische Geschichten
                                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Dove, A._, Caracosa. Roman. 2 Bnde.
        2. Aufl.                       Geh. M. 7.--, in 2 Lnbdn. M. 9.--
_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Bo[vz]ena. Erzhl.
        8. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Erzhlungen. 5. Aufl.                  Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Margarete. 6. Aufl.                    Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, %Hypnosis perennis% -- Ein Wunder
        des h. Sebastian. Zwei Wien. Gesch.  Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 8. Aufl.     Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
_El-Correi_, Das Tal des Traumes (%Val di sogno%). Roman.
        2. Aufl.                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
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_Engel, Eduard_, Paraskewla u. a. Novellen  Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl.    Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
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--"-- Vor dem Sturm. Roman. 11. u. 12. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Unwiederbringlich. Roman.
        5. u. 6. Aufl.                       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors.
        2. Aufl.                             Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Die Juden von Barnow. Geschichten.
        8. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bde.
        6. Aufl.                        Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50
--"-- Ungeschickte Leute. Geschichten.
        3. Aufl.                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Junge Liebe. Novellen.
        4. Aufl. Min.-Ausg.                  Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl.      Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Der kleine Martin. Erzhlung. 3. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.--
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--"-- Neue Novellen. 2. Aufl.                Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Tragische Novellen. 2. Aufl.           Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Der Pojaz. Eine Gesch. a. d. Osten.
        6.-8. Aufl.                          Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
--"-- Der Prsident. Erzhlung. 4. Aufl.     Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzhlg.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Die Schatten. Erzhlung. 2. Aufl.      Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Judith Trachtenberg. Erzhlung.
        5. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bde.
        3. Aufl.                       Geh. M. 6.--, in 2 Lnbdn. M. 8.--
--"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind.
        3. Aufl.                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen.
        3. Aufl.                             Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Gleichen-Ruwurm, A. v._, Vergeltung. Roman
                                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Grasberger, H._, Aus der ewigen Stadt. Novellen
                                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.20
_Grimm, Herman_, Unberwindliche Mchte. Roman. 2 Bnde.
        3. Aufl.                      Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.--
--"-- Novellen. 3. Aufl.                     Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chines. Novellenbuch
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits.
        Ein moderner Totentanz. 2. Aufl.     Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman       Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte e. Jugend.
        16. u. 17. Aufl.                     Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Der Knig der Bernina. Roman.
        51.-55. Aufl.                        Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Der Knig der Bernina. Roman.
        50. (Jubil.-) Aufl. Mit Portrt      Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Laubgewind. Roman. 33.-36. Aufl.       Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Felix Notvest. Roman. 17.-20. Aufl.    Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
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        51.-54. Aufl.                        Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Der Wetterwart. Roman. 45.-50. Aufl.   Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman           Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer. Roman. Mit Portrt.
        26.-30. Aufl.                        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Der Adjutant. Roman. 5. u. 6. Aufl.    Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman.
        14.-18. Aufl.                        Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Es gibt ein Glck ... Novellen.
        6.-10. Aufl.                         Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Hanseaten. Roman. 41.-45. Aufl.        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Das Lebenslied. Roman. 32.-36. Aufl.   Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Die vom Niederrhein. Roman.
        26.-30. Aufl.                        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzhlungen.
        8. u. 9. Aufl.                       Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Die Wiskottens. Roman. 66.-70. Aufl.   Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Die Wiskottens. Roman.
        50. (Jubilums-) Aufl. Mit Portrt   Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.--
--"-- Das goldene Zeitalter. Roman.
        5. u. 6. Aufl.                       Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle.
        12. Aufl.                            Geh. M. 1.20, Lnbd. M. 2.40
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        9. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Buch der Freundschaft. Novellen.
        7. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl.         Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
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        23.-25. Aufl.                        Geh. M. 4.80, Lnbd. M. 6.80
--"-- Helldunkles Leben. Novellen.
        2.-4. Aufl.                          Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Himmlische u. irdische Liebe u. a. Novellen.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Neue Mrchen. 4. Aufl.                 Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Marthas Briefe an Maria. 2. Aufl.      Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.--
--"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder.
        2.-4. Aufl.                          Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl.          Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
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--"-- Novellen. Auswahl frs Haus. 3 Bnde.
        12. u. 13. Aufl.              Geh. M. 7.50, in 3 Lnbdn. M. 10.--
--"-- Novellen vom Gardasee. 6. u. 7. Aufl.  Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40
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--"-- Neue Novellen. Min.-Ausgabe. 6. Aufl.  Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
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        13. Aufl.                     Geh. M. 4.80, in 2. Lnbdn. M. 6.80
--"-- Das Rtsel des Lebens. 4. Aufl.        Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
--"-- Der Roman der Stiftsdame.
        13. u. 14. Aufl.                     Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40
--"-- Der Sohn seines Vaters u. a. Novellen.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Crone Studlin. Roman. 4. Aufl.        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte.
        5. u. 6. Aufl.                       Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40
--"-- Moralische Unmglichkeiten u. a. Nov.
        3. Aufl.                             Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
--"-- Victoria regia und andere Novellen.
        2.-4. Aufl.                          Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Villa Falconieri und andere Novellen.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Aus den Vorbergen. Vier Novellen.
        3. Aufl.                             Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
--"-- Vroni und andere Novellen              Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl.        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Unvergebare Worte u. a. Novellen.
        5. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Xaverl und andere Novellen             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Hillern, Wilhelmine v._, Der Gewaltigste.
        4. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl.               Geh. M. 1.50, Lnbd. M. 2.50
--"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman.
        3. Aufl.                             Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
--"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl.      Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Hobrecht, Max_, Von der Ostgrenze. Drei Nov.
                                             Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.20
_Hcker, Paul Oskar_, Vterchen. Roman       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Hofe, Ernst v._, Sehnsucht. Roman           Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Hoffmann, Hans_, Bozener Mrchen. 2. Aufl.                Lnbd. M. 3.50
--"-- Ostseemrchen. 2. Aufl.                              Lnbd. M. 4.--
_Holm, Adolf_, Holsteinische Gewchse        Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Kst und Kinnerbeer. Und sowat mehr. Zwei Erzhlungen
                                                           Lnbd. M. 2.40
_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. 5. Aufl.    Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jngeren. Roman.
        9. u. 10. Aufl.                      Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
Jugenderinnerungen eines alten Mannes, s. _Kgelgen_
_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman.
        2. Aufl.                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestt! Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen.
        3. Aufl.                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Keller, Gottfried_, Der grne Heinrich. Roman. 3 Bnde.
        56.-60. Aufl.   Geh. M. 9.--, Lnbd. M. 11.40, Hlbfrzbd. M. 15.--
--"-- Martin Salander. Roman.
        39-43. Aufl.      Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.--
--"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bnde.
        64.-68. Aufl.    Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.60, Hlbfrzbd. M. 10.--
--"-- Zricher Novellen.
        58.-62. Aufl.     Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.--
--"-- Das Sinngedicht. Novellen. Sieben Legenden.
        50.-54. Aufl.     Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.--
--"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausg.
        7. Aufl.                             Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.--
--"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzhlung. Miniatur-Ausg.
        7. Aufl.                             Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.--
_Kossak, Marg._, Krone des Lebens. Nord. Novellen
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Kgelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes.
        Original-Ausg. 25. Aufl.             Geh. M. 1.80, Lnbd. M. 2.40
_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzhlung   Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Italienische Erzhlungen                             Lnbd. M. 5.50
--"-- Frutti di Mare. Zwei Erzhlungen       Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Genesung. Sein Todfeind. Gedankenschuld. Drei Erzhlungen
                                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl.       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Florentiner Novellen. 4. u. 5. Aufl.   Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Phantasieen und Mrchen                              Lnbd. M. 3.--
--"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der florentinischen
        Renaissance. 5. u. 6. Aufl.
        Mit 16 Abbildungen                   Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.50
_Laistner, Ludwig_, Novellen aus alter Zeit  Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Langmann, Philipp_, Realistische Erzhlungen
                                             Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Leben und Musik. Roman                 Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Ein junger Mann von 1895 u. and. Novellen
                                             Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
--"-- Verflogene Rufe. Novellen              Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Lilienfein, Heinrich_, Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bnde.
        5. u. 6. Aufl.                  Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50
--"-- Arme Mdchen. Roman. 10. Aufl.         Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Spitzen. Roman. 9. u. 10. Aufl.        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Der Zug nach dem Westen. Roman.
        11. Aufl.                            Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Mauthner, Fritz_, Hypatia. Roman. 2. Aufl.  Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Aus dem Mrchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa.
        2. Aufl. von _Lgenohr_            Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Meyer-Frster, Wilh._, Eldena. Roman.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman.
        2. Aufl.                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Tchter der Zeit. Mnchner Roman       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Muellenbach, E._ (Lenbach), Abseits. Erzhlungen
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Aphrodite und andere Novellen          Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Vom heien Stein. Roman                Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. Erzhlungen und
        Skizzen.
        Buchschmuck von _Hans Deiters_       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Olfers, Marie v._, Neue Novellen            Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Pantenius, Th. H._, Kurlndische Geschichten.
        2. Tsd.                              Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Petri, Julius_, Pater peccavi! Roman        Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_du Prel, Karl_, Das Kreuz am Ferner.
        3. Aufl.                             Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
_Proel, Joh._, Bilderstrmer! Roman.
        2. Aufl.                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Raberti, Rubert_, Immaculata. Roman. 2 Bde.
                                      Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.--
_Redwitz, O. v._, Haus Wartenberg. Roman.
        7. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Hymen. Ein Roman. 5. Aufl.             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen.
        5. Aufl.                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Am Feierabend. Sechs Novellen.
        4. Aufl.                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Lebensrtsel. Fnf Novellen. 4. Aufl.  Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl.       Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.--
--"-- Kulturgeschichtliche Novellen.
        6. Aufl.                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Neues Novellenbuch.
        3. Aufl. (6. Abdruck)                Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 Bnde
                                        Geh. M. 4.--, in 1 Lnbd. M. 5.--
_Saitschick, R._, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch
                                             Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hhnchen. Gesamtausgabe.
        7. Aufl. (36.-40. Tsd.)              Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe.
        2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.)             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe
                                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe.
        2. Aufl. (3. Tsd.)                   Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe
                                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Phantasiestcke. Gesamtausgabe         Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamtausgabe
                                             Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 Bnde.
        9. Tsd.                        Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.--
--"-- Wintermrchen. 2 Bnde. 4. Tsd.  Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.--
--"-- Ludolf Marcipanis und anderes. Aus dem Nachlasse herausg.
        von _H. W. Seidel_. 2. Tsd.          Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman    Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Stille Wasser. Roman                   Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin.
        9. u. 10. Aufl.                      Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen.
        3. Aufl.                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Die ewige Burg. Roman. 5. Aufl.        Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Fr Dich. Roman. 16.-20. Aufl.         Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Ich harr' des Glcks. Novellen.
        4. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Gib mir die Hand. Roman. 6.-9. Aufl.   Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Herzblut. Roman. 13.-15. Aufl.         Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Der du von dem Himmel bist. Roman.
        6. u. 7. Aufl.                       Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die trichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Der arme Konrad. Roman. 4. Aufl.       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Montblanc. Roman. 6. u. 7. Aufl.       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Du bist die Ruh'. Roman. 6.-8. Aufl.   Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Der weie Tod. Roman aus der Gletscherwelt.
        16.-18. Aufl.                        Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Es war ein Traum. Berl. Novellen.
        5. Aufl.                             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die letzte Wahl. Roman. 4. Aufl.       Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman.
        47.-49. Aufl.     Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 6.50
--"-- Geschwister. Zwei Novellen.
        30.-34. Aufl.     Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.--
--"-- Jolanthes Hochzeit. Erzhlung.
        28.-30. Aufl.     Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50
--"-- Der Katzensteg. Rom.
        76.-80. Aufl.     Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.--
--"-- Das Hohe Lied. Rom.
        51.-55. Aufl.     Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 7.--
--"-- Frau Sorge. Roman. 116.-125. Aufl. Mit Jugendbildnis
                          Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.--
--"-- Frau Sorge. Roman. 100. (Jubil.-) Aufl. Mit Portrt.
        Buchschmuck von _J. B. Eissarz_      Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
--"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten.
        33. u. 34. Aufl.  Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50
_Telmann, Konrad_, Trinacria                 Geb. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Knigsschieen u. a. Humoresken.
        2. u. 3. verm. Aufl.                 Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
_Vo, Richard_, Alpentragdie. Roman aus dem Engadin.
        5. u. 6. Aufl.                       Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
--"-- Rmische Dorfgeschichten. 4. Aufl.     Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Du mein Italien! Aus meinem rmischen Leben.
        2. u. 3. Aufl.                       Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
--"-- Richards Junge (Der Schnheitssucher). Roman.
        3. Aufl.                             Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
_Widmann, J. V._, Touristennovellen          Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Wilbrandt, Adolf_, Adams Shne. Roman.
        3. Aufl.                             Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
--"-- Das lebende Bild u. a. Geschichten.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Dmonen u. andere Geschichten.
        3. u. 4. Aufl.                       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Der Dornenweg. Roman. 4. Aufl.         Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Erika. Das Kind. Erzhlungen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl.               Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Feuerblumen. Roman. 3. Aufl.           Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Franz. Roman. 3. Aufl.                 Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die glckliche Frau. Roman. 4. Aufl.   Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl.      Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl.    Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Hermann Ifinger. Roman. 6. Aufl.       Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Irma. Roman. 3. Aufl.                  Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl.    Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl.     Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl.          Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Novellen                               Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- %Opus 23% u. andere Geschichten.
        1. u. 2. Aufl.                       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl.        Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl.        Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl.        Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Die Rothenburger. Roman. 8. Aufl.      Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Der Snger. Roman. 4. Aufl.            Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl.  Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Sommerfden. Roman. 2. u. 3. Aufl.     Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Am Strom der Zeit. Roman.
        2. u. 3. Aufl.                       Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Vater und Sohn u. andere Geschichten.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl.           Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Groe Zeiten u. andere Geschichten.
        3. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman.
        18. u. 19. Aufl.                     Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
_Worms, C._, Aus roter Dmmerung. 2. Aufl.   Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
--"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl.      Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl.             Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
--"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzhl.
        2. Aufl.                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
--"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl.          Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
--"-- berschwemmung. Eine balt. Gesch.
        2. Aufl.                             Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
_Zimmermann, M. G._, Tante Eulalia's Romfahrt
                                             Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--


       *       *       *       *       *



Korrekturen und Anmerkungen zur Transkription:

  1. Fehlender Punkt im Original.

  2. Im Original wird an dieser Stelle Euesbis Stottern durch
     Trennstriche angezeigt; hier und im Weiteren in doppelte
     Bindestriche umgendert.

  3. Fehlendes Anfhrungszeichen im Originaltext.

  4. Im Originaltext "umheimlicher", korrigiert zu "unheimlicher".

  5. Im Originaltext "kein", korrigiert zu "Kein".

  6. berflssiges Komma im Originaltext; gelscht.

  7. Nach "schwerer" scheint "zu schaffen" zu fehlen.

  8. Im Originaltext "Georg", korrigiert zu "George".

  9. Im Originaltext "Pfarerr", korrigiert zu "Pfarrer".



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***


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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
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Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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