The Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern

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Title: Stufen
       Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Author: Christian Morgenstern

Release Date: May 25, 2005 [EBook #15898]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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CHRISTIAN MORGENSTERN





STUFEN
EINE ENTWICKELUNG IN APHORISMEN UND TAGEBUCH-NOTIZEN





[Illustration]

R PIPER & CO VERLAG MNCHEN

1922


Zeichnung von Hans Wildermann frei nach einem Entwurf Christian
   Morgensterns zu Seite 42: Bild meines Lebens.

Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit.

Schale: ffnung durch Johanneisches.

Blut: Erfllung.





     _'Nur wer sich wandelt,
     bleibt mit mir verwandt.'_








AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ

1913


Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl
Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern) und
seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef
Schertel) in Mnchen geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu
gelegenen -- aller Kunst und heiteren Geselligkeit geffneten -- Hause mit
parkartigem Garten glckliche, eindrucksreiche Kindheitsjahre. Meine
Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus Rcksicht auf ein
beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem
dritten oder vierten Jahre an berallhin mit. Besonders ist mir eine lange
Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsa in Erinnerung, die im
wesentlichen in einer von zwei unermdlichen Juckern gezogenen Kutsche
zurckgelegt wurde. Dazwischen und spter waren es dann die (damals noch
lndlichen) bayerischen Seedrfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching,
Weling und noch spter schlesische Drfer am Zobten und im Vorland des
Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben
unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch
die Lebensfhrung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie
dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um
Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, da er ihn, als eifriger Jger,
bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.

Diese Jahre waren grundlegend fr ein Verhltnis zur Natur, das ihm spter
die Mglichkeit gab, zeitweise vllig in ihr aufzugehen.

Sie waren aber auch ntig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er
die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von auen wie
von innen. Was sich bisher, gehegt und verwhnt, daheim und im Freien so
durchgespielt hatte -- mein Spielen bildet fr mich ein eigenes sonniges
Kapitel -- zeigte sich dem ueren Leben, wie es vor allem in der Schule
herantrat, weniger gewachsen. Es war, als wre das Leidenserbe der Mutter,
das doch erst zwlf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein fhrte, schon
damals bernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer
wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen
ein, die ihn wohl nicht htten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht
irgend etwas in ihm ebenso zhe fr ihn gestritten und ihn ber das
Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht htte. Vielleicht war es
dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen
hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich
gleichsam nicht hatte geben knnen, ihm nun aus geistigen Welten heraus
mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins
Leben hinein, sondern zugleich auf Hhen des Lebens hinauf den Weg hatte
finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren
gttlichen Sinn wiedergewonnen hat.

Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugefhrt haben, _Friedrich
Kayler_, dem die Sammlung 'Auf vielen Wegen' (und wieviel anderes!) mit
dem Danke gehrt: 'Wr der Begriff des Echten verloren / In Dir wr er
wiedergeboren'.

In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Glck philosophischer
Gesprche. Schopenhauer, vor allem, auch schon die Lehre von der
Wiederverkrperung traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der
Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und
die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens
Verswerke zu bertragen, fhrte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik
Ibsens teure Person kennen und durfte in den bersetzungen von 'Brand' und
'Peer Gynt' mich innerlichst mit ihm verbinden.

Das Jahr 1901 sah mich ber den 'Deutschen Schriften' Paul de Lagardes. Er
erschien mir -- Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet -- als
der zweite magebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch
stimmen mochte, da sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war.

Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:

    Zu Niblum will ich begraben sein,
    am Saum zwischen Marsch und Geest ...

    Zu Niblum will ich mich rasten aus
    von aller Gegenwart.
    Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus
    nur den Namen und: 'Lest Lagarde!'
    Ja, nur die zwei Dinge klein und gro:
    Diese Bitte und dann meinen Namen blo.
    Nur den Namen und: 'Lest Lagarde!'

    Das Inselchen Mutterland dorten, nein,
    das will ich nicht verschmhn.
    Holt mich doch dort bald die Nordsee heim
    mit steilen, strzenden Seen --
    das Muttermeer, die Mutterflut ...
    o wie sich gut dann da drunten ruht,
    tief fern von deutschem Geschehn!

Inzwischen war dem Fnfunddreiigjhrigen Entscheidendes geworden. Natur
und Mensch hatten sich ihm endgltig vergeistigt. Und als er eines Abends
wieder einmal das _Evangelium nach Johannes_ aufschlug, glaubte er es zum
ersten Male wirklich zu verstehen.

Die nchsten Jahre -- des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens --
berstand er so, wie er sie berstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit
und Mittel fehlten, sich irgendwohin zurckzuziehen, wo er in vlliger
Unbekanntheit seine Tage htte vollenden drfen. Er war doppelt geworden
und in der wunderlichen Verfassung, sich, sozusagen, gro oder klein
schreiben zu knnen. (In 'Einkehr', 'Ich und Du' und einer Sammlung
Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem Abschnitt.)

Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und fhlen: 'So von seinem
Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen
und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das mchtige
Fenster die drauen hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter
der Glaswand eines groen Behlters, -- und dann und wann der Vorstellung
sich hinzugeben: Das bist Du! -- Und sie alle zu sehen, wie sie nicht
wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet und wer sie
aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!' ...

Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberflchen-Erkennen und darum
letzten Endes noch zur Unfruchtbarkeit verurteilt.

So kam das Jahr 1908 --

    'Da traf ich Dich, in rgster Not: den Andern!
    Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.
    Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,
    und siehe da: Das Schicksal war uns gut.
    Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam
    empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.
    Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam.
    Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.'

Der Andre war _Sie_, die mein Leben fortan teilte; der Pfad war der Weg
theosophisch-anthroposophischer Erkenntnisse, wie sie uns heute, in
einziger Weise, durch _Rudolf Steiner_ vermittelt werden.

In dieser Persnlichkeit lebt ein groer spiritueller Forscher 'ein ganz
dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben' vor uns und fr uns dar.

Vor ihm darf auch der Unabhngigste sich von neuem besinnen und
revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der getan, der immer am liebsten
dem Worte nachleben wollte: -- Vitam impendere vero.




IN ME IPSUM


     _Was ist denn von auen her ber ein Leben zu sagen!
     Gar nichts._



1891


Nicht im lrmenden Kampf der Tage, auch nicht im Sturm einer groen Zeit,
aber nach Jahrtausenden stiller Arbeit, nach onen ewig fortwirkenden
Webens -- dann werden die Menschen gut werden.

O, wer diesen Glauben, der mir Gewiheit ist, in allen Augenblicken seines
Strebens im Herzen lebendig fhlte, er wrde glcklich sein.

       *       *       *       *       *

Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie allein kann ich
wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! Vertiefung!



1892


Ich bin ein Studienkopf, den der Schpfer einst flchtig skizzierte, als
ihm ein Knstlerportrt im Sinne lag.



1894


Ich mchte nicht leben, wenn Ich nicht lebte.

       *       *       *       *       *

Vor einer Menschenmenge: Ich sehe pltzlich die Gedanken dieses Volks wie
eine dicke schwarze Wolke ber ihm. Eine Wolke voll Trnen und Blitzen.

       *       *       *       *       *

ber all meinen Werken soll es wie ein groes Verstehen liegen -- und
davon werden viele glcklich werden.



1895


Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein Weg oft an der Hecke des
Paradieses vorbei. Dann streift mich warmer Hauch, dann mein' ich, Rosen
zu sehn und zu atmen, ein ser Ton rhrt mich zu Trnen, auf der Stirn
liegt es mir wie eine liebe, friedegebende Hand -- sekundenlang. So
streife ich oft vorbei an der Hecke des Paradieses ...

       *       *       *       *       *

O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt.

       *       *       *       *       *

Mchte gern noch oft erwachen, stets als groer Knstler.



1896


In Arco:

Ich dnkte mich einer jener alten blonden Germanen, die hier einst mit
Herrscherschritt durch die Straen wanderten.

       *       *       *       *       *

Ich sehe auf mich selbst zurck. Unzhlige Gestalten huschen schemenhaft
an mir vorber.

       *       *       *       *       *

Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.

       *       *       *       *       *

Da ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt habe! Kein fremdes Weib
kann dem Bruder ein solches Verhltnis ersetzen.

       *       *       *       *       *

Man lasse sich durch meine Ironie nicht irrefhren. Meine Ironie ist naiv
wie mein Pathos. Ich vermag Unglaubliches ironisch zu sagen, ohne eine
Spur von frivoler Empfindung ..., ja vielleicht schrieb ich es mit
ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen als das eines in sich
heiteren unbewegten Geistes.

       *       *       *       *       *

Traum

Ich fange das Raubvogelgesindel meiner hlichen Gedanken und brate sie am
Spie, der ber einem Feuer sich dreht. Ach, vergebens.

       *       *       *       *       *

Nach einer Zoten-Posse

Je lter ich werde, einen desto tieferen, bittreren, inbrnstigeren
Widerwillen empfinde ich gegen die Zote. Weniger gegen die, welche etwa
von Mann zu Mann kursiert, obschon ich auch sie vollstndig entbehren
knnte, als gegen die ffentliche Zote von der Bhne herab. Wenn pltzlich
Hunderte versammelter Menschen jede Scham voreinander verlieren und in
wiehernder Freude ber eine nicht mizuverstehende Andeutung
bereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch unter das Tier und ein
schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz zusammen.

Ich habe doch fr vieles Leichtsinn und nicht zum mindesten fr die Liebe
jeglicher Art, aber vor der berechneten Zote vergeht mir aller bermut. Da
schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit und Hlichkeit. Wir jungen
Mnner, die wir etwas auf uns halten, sollten jenen Auffhrungen
beizuwohnen nicht als uns angemessen erachten und am wenigsten Weiber, die
wir ehren, mit uns in jene niedrige und widerwrtige Sphre hinabziehen.

       *       *       *       *       *

Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische des
philosophischen Dilettanten. Der philosophische Dilettant ist immer
schnell am Ende aller Dinge, weil er nur die Ergebnisse der bereits
gewonnenen Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege zu gehen, ja oft auch nur
zu kennen, auf denen jene erreicht worden sind.

       *       *       *       *       *

Jedes Jahr habe ich mindestens Eine Periode frchterlichsten Zweifels an
mir selbst. Dann lebe ich mit bestndigen Todesgedanken.



1897


Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft bermchtige Sehnsucht nach
praktischem Schaffen im Groen. Plastik wre (und Architektur) mein
hchster Fall. Meine hchste Liebe galt immer dem Gegenstndlichen, der
Linie, der Farbe, dem Ton an sich. Schon er allein vermochte mich zu
entzcken, wievielmehr erst seine organischen Verbindungen.

       *       *       *       *       *

Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht auf der einfachen
Grundlage, da ich in jedem Augenblick ber das kleinste Stck Natur
irgendwelcher Art in hchste Verwunderung geraten kann.

       *       *       *       *       *

Dieser Norden! Da wacht man in der verheiendsten Stimmung auf.
Griesgrmig, grau, teilnahmslos ruhen die groen Augen der Fenster auf
dir, als wollten sie sagen: wozu regst du dich so auf? was willst du mit
deinen trichten Idealen? Alles ist eitel.

       *       *       *       *       *

Ich verbrenne an meinem eigenen Mastab.

       *       *       *       *       *

Trume

Die wilde Jagd.

Der Schcher am Kreuz.

       *       *       *       *       *

Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im
Nassen gelegen hat.



1904


Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele zu. Das lt mich in
keiner Trgheit ganz ruhn, in keinem Glck ganz vergessen.



1905


Ich mchte am liebsten auf einem Turm wohnen. Tglich im Leben drunten ein
Bad nehmen, untertauchen, und dann wieder hinaufsteigen in sein
Luginsland, sein au dessus de la vie.

       *       *       *       *       *

So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme ich mit Wunden bedeckt
von ihnen zurck. Es sind freilich nur leichte oberflchliche Schrammen,
die bald wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden, wie
zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als eine tiefe Verwundung
ihr Werk an meiner Seele getan.

       *       *       *       *       *

Ich kann ungeklrte Verhltnisse einfach nicht ertragen. Warum knnen die
Menschen nicht _offen_ gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!

       *       *       *       *       *

Ich mag die Verrgerten nicht leiden.

       *       *       *       *       *

Meine Natur hat sich von frh auf mit Apathie beholfen. Diese Langsamkeit
zu reagieren, hat alles, was auf mich einbrach, auf eine breitere Flche
verteilt, und was mir in einer Stunde unzweifelhaft den Atem abgeschnrt
htte, wurde mir so in Tagen und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein
Leben nicht eben zerstrte, aber langsam und sicher ermattete.

       *       *       *       *       *

Und das Verhateste von allem wird einst geschehen: Man wird mir
'Milderungsgrnde zubilligen'. ('Er war ein guter Mensch, er wollte das
Beste usw.')

       *       *       *       *       *

Was mu ich auf die Menschen fr einen Eindruck machen, da sie mich so
oft wie ein unmndiges Kind behandeln wollen.

       *       *       *       *       *

Ich trage keine Schtze in mir, ich habe nur die Kraft, vieles, was ich
berhre, in etwas von Wert zu verwandeln. Ich habe keine Tiefe, als meinen
unaufhrlichen Trieb zur Tiefe.

       *       *       *       *       *

Mein nchstes Buch soll 'Auferstehung' heien, wenn mir noch eine
Auferstehung beschieden sein sollte, im grten Sinne.

       *       *       *       *       *

Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und andere mit mir
schlecht gemacht haben, aber nur noch _in mir_, in mir selbst. Alles
andere ist Sentimentalitt und Pfuscherei.

       *       *       *       *       *

Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach dem ersten
Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen Gehirnzustnde (etwa
der achte in der Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, da ich
-- innerhalb des Traumzustandes -- aus einem unangenehmen Traum mit aller
Willenskraft ins wache Bewutsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand
des Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden Traum das
eigentliche Thema eines solchen Traumzustandes. So erinnere ich mich
augenblicklich nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern nur noch
des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich Erwachtseins im Traume. Ich
schien mich endlich mit aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen
zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches Erwachtsein. Da fhlte
ich ein Fnfpfennigstck zwischen den Zhnen. Ich bi darauf: jetzt war
kein Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich schien
wirklich wach. Whrenddem wachte ich mehr und mehr auf. Im letzten Stadium
vor dem wirklichen Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender
Intellekt das Geldstck in eine Emser Pastille, die sich zu lsen begann
und den salzig-suerlichen Geschmack auf meiner Zunge verstrkte. Hierauf
wachte ich wirklich auf und war verwundert, nichts in meinem Munde zu
finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag -- aber nicht den Abend zuvor
-- einige Emser Pastillen gegessen.)

       *       *       *       *       *

Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend, mchte ich ein
dramatisches Mrchen orientalischen Charakters schreiben. Der Traum war
etwa so: Eine Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, spter auch
Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von andern eingeladen worden,
Schriften (Dramen, Lyrisches, Lehrhaftes) eines fremden, hchst
merkwrdigen Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um sie zu
bersetzen. Es hie, 12 Personen htten genug auf Jahre zu tun, wenn sie
einen Vorsto in diese fremde wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem
Zweck wurden uns groe Bcher vorgelegt, die mit schnen mnchischen
Handschriften gefllt waren, und uns Stellen vorgelesen, die uns
auerordentlich bedeutsam erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im
Traum unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es wurde uns
geraten, seine Tempel, Grten, Theater, Schlsser kennen zu lernen. Ein
Trupp von uns wurde herumgefhrt. Ich erinnere mich eines ungeheuren
Lesesaales, in den man uns blicken lie und dessen uns entgegengesetzte
Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe abschlo, durch die man eine
Schweizer Landschaft mit einer Stadt erblickte, -- wie wir erfuhren: Bern
und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten der Wirklichkeit
nachgebildet und hinter jener Scheibe als Aussicht angebracht.

Nach einer Weile verlor ich meine Gefhrten. Ich nahm einen eigenen Fhrer
und lie mich von ihm, ich glaube nach einem Tempel, tragen. Der Trger
trug zwei Stangen, die oben Futritte wie die Stelzen hatten. Auf diese
trat man, whrend man sich an ihrem obersten Teile mit den Hnden und
Armen festhielt. Der Trger trug dann das Ganze wie eine doppelte
Fahnenstange.

Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Befrchtung, ich knne ihm zu
schwer werden und versicherte, ich wrde viel eher loslassen als er. Er
trug mich durch reiende Kanle und zuletzt begann ich sowohl mde zu
werden, wie ihn zu frchten. Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung
ein, die ich in einem der Theater gesehen haben mu und in der ein junges,
ses, zartes Geschpf die Hauptrolle gespielt haben mu. Worte und
Erscheinung berwltigten mich mit solcher Macht, da ich in Trnen
ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen Wesen, aber ohne jede
Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung der Seele, da ich meine, dies
Gefhl nie vergessen zu knnen. Was das Stck enthielt, wei ich nicht
mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als hinterher wieder davon als von
einem bersetzungsangebot gesprochen wurde, hrte ich, da die Sonne darin
einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich durch Alliebende (!) zu
bertragen vorschlug.

Chor (zu vorigem)

    Gebrochen von des Lebens vielen Strafen,
    hinwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes,
    schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade,
    die sen Boten lchelnden Erbarmens.

       *       *       *       *       *

Wenn ich ein Musiker wre, so wrde ich eine Symphonie 'Vineta' schreiben.

       *       *       *       *       *

Ich wre als Maler gewi in Menzels Spuren gegangen, so sehr interessiert
mich jeder Gegenstand als rein malerisches Objekt.

       *       *       *       *       *

Wenn man durch Zusammenstellung der beiden Hnde geheimnisvolle Figuren
bildet, so habe ich ein besonderes Verstndnis dafr und mchte sie alle
kennen lernen. Fr mich ist die Mystik der Hnde unaussprechlich. (Dabei
sind meine eigenen zwar klein, aber nicht schn. Nur der Handrcken --
berhaupt die geballte Faust -- ist gut und vielleicht die Daumen. Die
andern Finger sind Herdentiere. Der Handteller ist sehr bemerkenswert: Ein
Chaos von Linien um ein riesiges M.)

       *       *       *       *       *

Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja Lebens) steigt mir aus dem
Bild meines eigenen Umzugs auf: Wre es nicht wrdiger, sein bichen Hab
und Gut in einer Erdhhle, die einem aber fr immer gehrt, wenn sie nicht
ein Naturereignis vernichtet, zu bergen, als mit seinen Bndeln und Kisten
durch prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich
den in festgemauerten Gelassen Sehaften zu spielen, allen Ernst und alle
Liebe zu einem eigenen Heim an teuer gemietete Wnde zu verschwenden, die
einem nie gehren knnen, die uns ewigen Nomaden Verhltnisse vortuschen,
die fr uns eben nur erlogen, nur uneingestandene Kulisse sind. Mein
Wohnungsideal ist das Zelt. Nur so weit mchte ich es noch bringen.

       *       *       *       *       *

Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine ewige Fragestellung, ob
nicht jeder Humor ein Quantum Philistrositt einschliet.



1906


Wenn ich heute strbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin
dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu knnen.

       *       *       *       *       *

Warum mu ich so unaufhrlich unter mir und anderen leiden! Meine Seele
ist fortwhrend das Spiel ber sie hinziehender Schatten.

       *       *       *       *       *

Fr mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst nicht
einzuben: Fortwhrende Kritik.

       *       *       *       *       *

Der alte oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt mir ewig verborgen.

Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele, einen anmutigen
Krper.

In Ruland fnde ich diese Gefhrtin, in Italien -- nein. In Deutschland,
dem fr mich doch allein zulssigen Lande -- wo, wo, wo?

Ihr wollt alle nur die Liebe zur Mglichkeit haben. Ich habe nur die Liebe
zur Unmglichkeit.

       *       *       *       *       *

Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik,
ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor.

       *       *       *       *       *

Wie die Nacht ber einen Tod zieht, so zieht Vergessenheitsnacht
allnchtlich ber mein Gehirn. Ja, oft hat ein Tag so viele Tage und
Nchte, wie bei andern wohl oft Wochen und Monate. Wenn mich jemand
hypnotisierte, ich sei eine Mcke und htte nur einen Tag zu leben, so
glaube ich wohl, da dieser Tag fr mich ein ganzes Leben werden knnte.

       *       *       *       *       *

Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an meinen Ofen
verfat und sie ihm dann gegeben. Er verschlang sie gierig und wrmte mir
mit seinem Feuer zwei Minuten lang Gesicht und Hnde. Gewi, das war
alles; aber es gibt Menschen, die nicht einmal wie ein Ofen zu antworten
vermgen.

       *       *       *       *       *

Ich ermangele ganz des Vermgens, mir nach einer Beschreibung -- und wenn
sie noch so genau ist -- ein Zimmer oder eine Landschaft vorzustellen.
Bhnenanweisungen gehen an mir meistens spurlos vorber und Schilderungen
etwa wie des Hauses der Buddenbrooks gehen nur mit einigen groben Zgen in
mein Gehirn ein.

       *       *       *       *       *

Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe, eingehend zu
begrnden, zu erklren. Die Mehrzahl der Heutigen hat umgekehrt die Gabe
des Begrndens und Erklrens in hohem Mae, aber dafr keine innere
Direktion. Es ist unendlich qulend, die Berechtigung seines Urteils immer
wieder aufs neue beweisen zu sollen.

       *       *       *       *       *

Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes,
fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes
Leben nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmit sie das Land nach allen
Seiten. Und oft fllt sie zu Boden in ihrer groen Mdigkeit, und man
kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewhnen. Aber so
bald sie die Flgel nur wieder fhlt, fliegt sie von neuem fort, auf die
einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht gengt, die unvermeidliche Suche nach
dem Ort ihres Ursprungs.

       *       *       *       *       *

Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: 'Und er entwich vor
ihnen in die Wste.'

       *       *       *       *       *

Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit welcher Leichtfertigkeit
habe ich heute Abend ber Menschen geredet: so da ich nun nachts ber
mich erschrecke. (Ich werde mir doch das Armband 'Denke daran' anlegen
mssen.)

       *       *       *       *       *

Eines kann ich wohl als Merkwort ber all mein Leben und seine Erfahrungen
schreiben: Fast alles, was ich geworden bin, verdanke ich mir selber,
einigen Privatpersonen und dem Zufall. Von irgendeiner bewuten
organischen Kultur um mich herum, die das Einzelindividuum zu benutzen und
systematisch auszubilden vermocht htte, sprte ich nie etwas. Weder
Eltern noch Lehrer noch irgendwer hat mich je kraftvoll in die Hand
genommen und in groem Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch von
ursprnglich glnzender Begabung, alles in allem ein Dilettant geblieben
bin, so hat die Hlfte der Schuld daran gewi die Unsumme von
Dilettantismus, von Halbheit und Kulturlosigkeit, die ich berall gefunden
habe, wohin mich meine bewegte Jugend gefhrt hat. (Gelegentlich der
herrlichen Schilderung der Krapotkinschen Jugend.)

       *       *       *       *       *

Es ist bitter, sich sagen zu mssen, da man zwischen 35 und 45 zu
erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 htte sollen erledigen knnen.

       *       *       *       *       *

Ihr macht mir aus meiner gleichmigen Hflichkeit gegen alle einen
Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es gibt gewi nicht gar so viele, denen es
_leicht_ fllt, die Menschen zu lieben. Nun, mir fllt es zuweilen leicht:
warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich zu ihnen sein? Ich finde an
jedem etwas, was mir Sympathie oder doch Interesse abntigt; und wrde
nicht mein Gefhl vom Einssein mit allem eine Lge sein, wenn ich
irgendeinem Mitmenschen gegenber vllig kalt bleiben knnte?

       *       *       *       *       *

Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflubarste Mensch, den ich kenne.

       *       *       *       *       *

Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance von Hochmut in einem
auftaucht. Wenn man der offenbaren Niedertracht gegenber zuweilen eisig
wird -- das Einzige, das ihr nicht zu Gebote steht. Die Menge wei nichts
von der Tiefe der Demut, die ein einzelner empfindet, der sich ganz zu
erkennen strebt.

       *       *       *       *       *

Luther spricht einmal von 'bsen Gedanken', deren Kommen man nicht hindern
knne, aber die es gelte, vor der Schwelle bleiben zu lassen. Der Satz
(dessen schner krftiger Wortlaut mir im Augenblick leider nicht
gegenwrtig) ist mir oft im Leben ein Trost gewesen; denn ich habe von
frh auf, d.h. wohl etwa von meinem 14. Jahr an, daran gelitten, da in
der Reihe meiner Assoziationen pltzlich zuweilen ein 'hlicher Gedanke',
eine hliche Vorstellung auftauchte, die ich sofort als solche erkannte,
ohne indes die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja ihr
Wiedererscheinen zu hindern.

       *       *       *       *       *

Es wre vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch zu beginnen.
Drauen regnet es ununterbrochen seit neun Stunden und bringt mir meine
Einsamkeit erdrckend zum Bewutsein. Heute Nachmittag durchfuhr es mich:
wenn ich meine Gedanken und mein Schaffen nicht htte, wie wrde ich dann
wohl solch ein Krankenleben ertragen knnen. Und ich bin krank, wenn ich
es auch fortwhrend wieder vergesse und mitten in meiner Krankheit
Stunden, Tage, Wochen vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll
herrlichsten Blhens, in denen der Zerfall in mir gleichsam berblht,
hinweggesiegt wird von einem Frhling, der Herbst und Winter des Leibes
nicht anerkennt, der die Ordnung der Natur vergewaltigt und, als
unberwindliche immer wieder auferstehende Lebenskraft mich ber mich
selbst hinwegretten zu wollen scheint. Aber dann kommt ein Sptnachmittag
mit seiner gefhrlichen Mue, dann kommt ein nasser, trbseliger Tag wie
dieser, und mit dem Vergessen dessen, 'was ist', ist es vorbei. Ich sehe
ihn vor mir, meinen treusten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten Kauz
der Welt. Seine Beschftigung besteht seit zehn, seit vierzehn Jahren
darin, mich mit einer feinen Federpose in der Luftrhre zu reizen, gleich
als wnschte er auf Erden nichts, als immer von neuem, Stunde um Stunde,
Tag um Tag, Jahr um Jahr meine Stimme zu hren, lediglich die Stimme,
unartikuliert, tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er denn wohl auch
selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein Gespenst ohne Hirn, nichts
als fixe Idee von oben bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger
Lebenszweck.

Es berhrt mich eigentmlich, wenn meine Freunde knftige Plne vor mir
ausbreiten. Die einen denken sich ein kleines Haus fr mich aus in ihrer
Nachbarschaft, die andern wollen mich wei Gott wohin haben. Vielleicht,
vielleicht. Aber ich gebe mir hchstens noch zehn Jahre. Und diese zehn
Jahre haben ihre Bestimmung, und die ist kaum: Nachbar zu werden und
Besuchsreisen zu machen. Am meisten schmerzt mich, was ich von
dichterischen Mglichkeiten alles fallen lassen mu. Zum Drama werde ich
nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu und mich auf Drama
hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt, Zeit und dann auch Energie.
Mein Widerwille nmlich gegen richtiges, zusammenhngendes 'Schreiben' ist
allzu gro. Daran wird auch mein Roman scheitern. Ich bin
Gelegenheitsdichter und nichts weiter.

       *       *       *       *       *

Ihr wollt meinen Platz wissen? berall, wo gekmpft wird.

       *       *       *       *       *

Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.

       *       *       *       *       *

Niemand war und ist mir eine empfindlichere Geiel als der richterlich
geartete Mitmensch. Er ist fr mich der personifizierte bse Blick. Vor
ihm erschrickt alles Lebendige in mir so tief, als htte der Tod selbst es
gestreift. So mag eine Pflanze aufhren zu wachsen, wenn sie ein schlimmer
Zauberer anhaucht. Sie will gern von Wind, Regen und Klte vernichtet
werden, und wenn sie jemand zertritt, so wird sie es als etwas Natrliches
hinnehmen, aber sich bei lebendigem Leibe von einem andern lebenden Wesen
schlechtweg in Frage stellen, verneinen, fr unfhig, fr einen Irrtum
erklren lassen zu mssen und das nicht etwa unter einem Feuer von
Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht -- das ist unertrglich.

       *       *       *       *       *

Dieser Ofen knnte mich veranlassen, zu bleiben. Er ist aus lnglichen
Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem Lila umrahmtes milchweies
Ornament zeigen, und von schnen Verhltnissen. Wenn die Menschen mehr
bedchten, wie viel Glck von einem einfachen Gegenstand ausgehen kann,
wenn sich nur ein reiner Geschmack in ihm ausdrckt, wrden sie unter den
einfachsten Bedingungen viel dankbarer gegen ihr Leben sein drfen. Ich
kann nicht sagen, wie mich die ersten Architekturen des Sdens (in Bozen)
wieder bewegten. Ich glaube, ich werde von hier unaufhaltsam nach Italien
hinabsinken -- und vielleicht blo um seiner Bauwerke willen, die mir den
Menschen erhhen, wie der Mensch sich in ihnen erhht hat.



1907


Als Primaner versuchte ich zum ersten Mal zu einer lebendigen Vorstellung
dessen zu gelangen, was wir des Alls Unendlichkeit nennen. Ich legte mich
nachts auf einen fast horizontal gestellten Klappsessel in den Garten, und
bemhte mich, ber das rein Bildmige des Sternenhimmels hinaus in seine
Wirklichkeit einzudringen. Es gelang mir so wohl, da ich empfand: Jetzt
noch eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein einziger kleiner Schritt
weiter und mein Gehirn ist auf immer verloren. Und ich brach das
schauerliche Experiment ab. Jetzt, etwa fnfzehn Jahre spter, droht mir
die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann an einem sthlern blauen
Frhlingsabende in einer Gartenanlage in Obermais, mit dem Blick auf die
dem Vinschgau vorgelagerten Ketten. Die Berge formten sich ungefhr wie zu
einem Maulwurfshgel zusammen, die Ortschaft, die Gegend um mich verloren
ihre Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht bedeutender als der
Abdruck eines Daumenballens in einer Wachskugel, und mich trug der riesige
doch kleine Planet wie ein Infusor auf seinem Rcken rund durch den Raum.
Ein leichtes geistiges Schwindelgefhl, ein Vorgefhl von Seekrankheit des
Geistes erfate mich. Die Begriffe oben und unten gingen in einem dritten
unter. Ich sa da nur einfach von Luftdrucksgnaden.

       *       *       *       *       *

Wenn ich das Gegenwrtige nicht so liebte, wenn ich diese Liebe nicht
htte wie einen groen und sicheren Fallschirm, ich wre lngst ins
Bodenlose gefallen.

       *       *       *       *       *

Da stamme ich nun von Malern -- und mu den Zusammenbruch der Natur als
eines _Bildes_ in mir erleben!

       *       *       *       *       *

Ich bin wie einer, der ohne Fhrer, nur so nach Karten und gelegentlicher
Auskunft von Hirten und Wanderern ins Hochgebirge hineinsteigt. Niemand
ahnt, mit was fr Martern ich das oft zahlen mu und wie mir ein schneller
Tod oft gttliche Wohltat wre. Nein, mein 'Dilettantismus' ist kein Spa,
keine Koketterie; er ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen;
denn war mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis fehlte es allezeit
an jener letzten besten Energie, die sekundieren mu, wo irgend etwas
Groes auf Erden werden soll.

       *       *       *       *       *

Es ist viel Glck in mir, Glck, das mir meine Grenzen verschleiert und
Glck, das sie mir ins Unbestimmte hinausrcken zu drfen scheint. Ich
habe viel Talent zum Leben, -- wenn das Leben nur mehr Talent zu mir
htte. Aber manchmal weht doch ein Windsto alle die warme schtzende
Illusion fort und dann sehe ich flchtig meinen Umri und -- schaudere.

       *       *       *       *       *

Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf Erden und das bin ich
selbst.

       *       *       *       *       *

Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. -- Und deshalb sollte
ich eigentlich nicht mehr unter Menschen und am wenigsten unter Freunde
gehen: denn sie wissen alle nicht, da ich nur gastweise bei ihnen bin und
ihnen zuhre, da mir fr vieles von ihrem Leben und Treiben die letzte
leidenschaftliche Aufmerksamkeit verloren gegangen ist, als wre ich ein
Mann, der etwa in einem Saal einer feinen und groen Musik zuhrt -- aber
drauen vor der Tre steht heimlich sein Weib und wartet auf ihn und vor
lauter innerer Unruhe hrt er nur mit halbem Ohre zu und verbirgt kaum
seine Zerstreutheit und mag manchem schrferen Beobachter mit Recht als
kein sehr fachmnnisch engagierter Zuhrer gelten.

       *       *       *       *       *

Ich irre in diesen europischen Lndern umher wie ein Vogel in einem
Treibhaus. Die Menschen glauben, weil ich von einem Ort zum anderen reise,
lebte ich ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, da mich letzten
Endes jeder dieser Orte enttuscht -- denn ber jeden ist der Fluch
europischer Zivilisation ausgegossen, vor dem er vor hundert, ja vor
fnfzig Jahren noch verschont war. Die entsetzliche Nchternheit der
letzten 30, 40 Jahre kriecht einem berall nach, ja sie frbt auf einen
selber ab: Man verhotellt zuletzt rettungslos. Denn wo kein Hotel ist, da
ist kein Platz fr dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner
schriftdeutschen Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit an die
Groartigkeit unserer Epoche der Technik geglaubt, aber jetzt fhle ich
nur noch das Eine: da sie die Erde entzaubert, indem sie alles allen
gemein macht.

       *       *       *       *       *

Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen erinnert mich an die
Responsorien der katholischen Kirche. Ich sehe die wohlgenhrten
Schwarzrcke vor mir, ich sehe den zelebrierenden Priester auf den Stufen
des Altars und den Altar selbst mit seinen schlanken Kerzen und alten
Gemlden.

       *       *       *       *       *

Ich habe diesen Herbst mit beltaten angefangen. Ich habe an zwei heien
Septembertagen fnf oder sechs Wespen gettet, die in mein Zimmer gekommen
waren und mich beunruhigten. Das war ganz und gar gegen meine Gewohnheit
und nur durch eine Unruhe und Unbeherrschtheit zu erklren, die unter dem
Einflu des Sdwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen berkommen
hatte.

Sptere Bemerkung:

Ich wei noch, wie mich damals besonders die 'Dummheit' der Tiere erregt
hatte, die oft eine Stunde lang an der Zimmerdecke hin und her und auf und
ab irrten, ohne den scheinbar so einfachen Weg durch die offene Balkontr
wiederzufinden oder wiederfinden zu wollen. bertragen wir diese meine
Ungeduld und Unduldsamkeit auf Gtter und Menschen, so htten diese Gtter
wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen totzuschlagen.

       *       *       *       *       *

Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den ich hier ins trge
Fleisch drcken knnte -- und finde ihn nicht.

       *       *       *       *       *

Ich knnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus Steinen und
Holzstcken Huser bauen, mit drren Zweiglein Straen abstecken und Haine
bilden, einen Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und einem
Hirschkfer und seiner Frau die Herrschaft ber das alles verleihen. Und
dieses kleine Reich wrde mich glcklicher machen und meine Phantasie
umstndlicher erregen und beschftigen -- als ein noch so groes der
Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit 35 Jahren, acht Tage am Strande von
Sylt mit Bauen und Zimmern einer Strandhtte verbracht und war wohl selten
so von Herzen froh, wie bei diesem harmlosen Spiel.

       *       *       *       *       *

Je lter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein Wort vor allen: Grotesk.

       *       *       *       *       *

Wenn ich ein Musiker wre, so wrde ich einen gemischten Chor mit
Orchester komponieren: den 'Chor der Genesenden', -- und im Himmel selber
sollte nicht tiefer, inbrnstiger und ser gesungen werden.



1908


Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe und kratzt nicht alles
hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet nicht, da in
der Breite meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft dienlich sein kann.

It man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngehuse,
die Schale, den Stengel? Also lernt auch mich essen und schlingt mich
nicht hinunter mit alledem, was nun zwar zu mir gehrt und gehrte, aber
von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr davon sollt wissen
wollen. Lat mein allzuvergnglich Teil ruhen und zerfallen: Dann erst
liebt ihr mich wirklich, habt ihr mich wirklich verstanden.

       *       *       *       *       *

Ihr seid von hier, ich bin von dort.

       *       *       *       *       *

Ihr met jedem sein Ma Liebe zu: dem dreiviertel, dem zwei Viertel, dem
ein Viertel, dem nichts. Davon verstehe ich nichts. Ich kann nicht messen
und meine Seele ist immer da am eifrigsten, wo ich sehe, da Eure sich
spart und sperrt.

       *       *       *       *       *

Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es gibt fertigere Menschen
denn mich, sicherlich ungezhlte. Aber keiner ist fertig, soll je fertig
sein.

       *       *       *       *       *

Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt!

       *       *       *       *       *

Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als einen wehr- und hilflos
dem Groen preisgegebenen Menschen. Auf mich kann eine Seite Lagarde z.B.
wie eine Sure wirken, die mich fr den Augenblick vllig zersetzt. Oder
ein Wort Nietzsches oder Goethes.

       *       *       *       *       *

An dieser meiner Lieblingsbank fhrt kein Spazierweg vorber, geschweige
denn eine Strae, -- nur ein schmaler Wiesenpfad von zwei Spannen Breite.
Da kommt denn auch begreiflicherweise wenig Volks vorbei, -- --
Einsiedler, Sonderlinge!

       *       *       *       *       *

_Ich sehe_ mich selbst, schreibend zur Nachtzeit -- im Bett bei der Lampe,
dies Bchelchen schreibend ...

Und all das bin Ich.

_Ich sehe._ --

       *       *       *       *       *

Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem richten mu, weil sie
jeden Tag immer wieder von neuem nachgeht.

       *       *       *       *       *

Mein Traum 26./27. Nov. 08: Ich sehe etwas in der Luft wie etwa drei
glnzende glasklare pfel an einem (unsichtbaren?) Zweige, sie bewegen
sich leicht im Wind -- und daran geht mir das Wesen alles Lebens auf. Ich
denke an Bhme und seine Lampe. Nach jenem Vorgang -- bewegtes All --
erklre ich mir, im Traum, das ganze Leben. Das Ende ist mir leider
entschwunden, ich wei nur, da ich groer Klarheit geno.

       *       *       *       *       *

Ich mchte sagen, da ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner
Kindheit lebe.

       *       *       *       *       *

Wenn ich mir je ein Haus baue, so mu es einen Hof umschlieen, in dessen
Mitte ein riesiger Baum steht. Nichts ist fr mich mehr Abbild der Welt
und des Lebens als der Baum. Vor ihm wrde ich tglich nachdenken, vor ihm
und ber ihn ...

       *       *       *       *       *

ber die uere Technik zur Hervorbringung kontemplativer Zustnde mich
unterrichten!

       *       *       *       *       *

Mir den Sonntag Morgen als Posttag einrichten. Nur dann
Privatkorrespondenz empfangen und beantworten. (Private Ordensregeln.)

       *       *       *       *       *

Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten 'guten Handlung'. Da
bin ich eben bei einem Begrbnis gewesen. Aber nichts von meiner ganzen
Beteiligung an diesem actus war anders als so gut wie nur uerlich, auer
der ursprnglichen spontanen Regung beim Empfang der Todesnachricht: Du
willst diesem Entschlafenen die letzte Ehre erweisen.

       *       *       *       *       *

Schlielich und endlich: was vermisse ich unter meinen Mitmenschen am
meisten: Wirkliche, _wirkliche_ Phantasie.

       *       *       *       *       *

Heut habe ich mich zum zweiten Mal an die Erweckung des Lazarus gemacht ..
Was ich hier will, ist viel tiefer als 'Kunst'.

       *       *       *       *       *

Das ist es: Alle die andern beschftigen sich mit 'Gott'. Ich wage zu
sagen: Ich -- bin -- das, was wir Gott nennen -- selbst. Wer das versteht,
aber auch nur der, wei, was ich meine, wenn ich von 'meinem Ernste'
spreche.

       *       *       *       *       *

Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken ausdrcken will)
datiert nicht etwa vom August 1908, sie hatte sich mir schon lange vorher
verraten. Ein ueres Merkwort bedeutete fr mich auf diesem Felde eine
gelegentliche Auslassung Heinrich Frickes, etwa im Vorfrhling 1907, ber
sich, Goethes Farbenlehre und den Dualismus. Da ein so tiefer Mensch
berall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich berall Einheit
fhlte, konnte ich nicht mehr vergessen. Aber ich kam doch auch noch auf
ganz andern Wegen zu der Formulierung der Welt als Gottes 'Du'.

       *       *       *       *       *

Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein gebissen. Seitdem bitte
ich jedes Brot vorher: enthalte keinen Stein!

       *       *       *       *       *

An M. a Jetzt fangen wieder diese groen herrlichen Vormittage an, an
deren sptem Ende ich, an allen Fibern zitternd, den Mittagstisch
aufsuche, um unwillig und abwesend mein Essen beizunehmen, das mich
langsam wieder dem Gesetz der Schwere unterwirft. Du kannst Dir keinen
Begriff von diesem inneren Brennen und Verzehrtwerden machen, dessen ich
oft kaum gewahr bin, so da ich jeden Augenblick und bei jeder Berhrung
durch irgend etwas, einen Anblick, eine Zeitungsnachricht, eine Melodie,
in Trnen ausbrechen mchte.

       *       *       *       *       *

Man wird mich einst in manchem meiner Stze zu einem Eklektiker
degradieren wollen, aber wenn ich auch in nichts Bisheriges berschritten
haben sollte: Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf, wozu
ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung gekommen wre und
vieles fand ich und finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich fr mich
allein zuvor besa.

Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher: 'Darum lebt das
ganze Universum, das Gttliche, in jeder Individualitt, als jede
Individualitt'. Ist dies nicht mein Gedanke? und habe ich Schleiermacher
je zuvor nher kennen gelernt?



1909


Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum uersten gehen. Wenn
Ihr aber sagt: Dagegen wendet der Politiker dies ein und dagegen der
Historiker dies und dagegen der Nationalkonom dies, so erwidere ich: Lat
auch sie ihr Fach bis zum uersten treiben. Ihr Fach ist der Mensch in
irgend einer sozialen Form, das meine der Mensch an sich, der Mensch als
inkommensurables Wesen.

       *       *       *       *       *

Bei hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, den Bedrfnissen
nachzuspren, woraus ihre Werke entsprungen sind, als diesen Werken
selber. Bei mir mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe.

       *       *       *       *       *

Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein.

       *       *       *       *       *

Ich wei mich merkwrdig frei von jeder 'romantischen Sehnsucht', ich
fhle im Durchschnitt meines Wesens brderlich zum Leben als etwas, dem
ich nichts hinzuzufgen brauche und das mir nichts hinzuzufgen braucht.
Darum vermag ich mich auch rein an ihm zu freuen, wo es Freude erweckt,
darum wendet sich mein Schmerz ber das Leid der Welt gleich bis in seinen
Grund zurck.

Kein _Anders_-Sein wollend, sondern das Sein in seinem Kern und Wesen
anklagend und in Frage stellend.

       *       *       *       *       *

An Steiner

Glck in medias res.

Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und glaubte kaum noch, da es
nun noch wesentlich heller fr mich werden knnte. Ich sah berall das
Licht Gottes hervordringen, aber ..

Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten letzten Augenblick
ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr -- einen neuen Tag.

       *       *       *       *       *

Ich werde noch manches verffentlichen mssen, was einer frheren
Entwickelungsstufe als meiner jetzigen angehrt, denn ich darf niemanden
ber den Weg betrgen, den ich gegangen bin.

       *       *       *       *       *

Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!

       *       *       *       *       *

Immer bewuter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde und Flackernde
in mir berwinden. An jeden guten Gedanken, jede gute Empfindung einen
Stein hngen, sie verankern. Damit zusammenhngend: Sehaft werden,
Tempobndigung, Tempobeherrschung.

       *       *       *       *       *

Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter -- 42?

       *       *       *       *       *

Ich widerrufe alles Harte und Bse, was ich je in meinen Worten oder
Briefen gesagt habe.

       *       *       *       *       *

O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer wieder absinken. Zchte
doch den _Willen_ in dir, du ewiger Wanderer _ohne Stab_.

Man soll mich als einen malen, der _ohne Stab_ einen Berg erklimmt. Der
Dmon seiner eigenen Schwche hindert ihn, sich einen Stab zu bilden, --
aber am Steigen selbst kann er ihn nicht hindern, wie oft er auch wie tot
daliegen mag.

       *       *       *       *       *

Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, sondern um meiner Liebe
zum Menschen willen.

       *       *       *       *       *

Einem Menschen wie mir gengt es nicht, Ein Mal das Richtige zu erkennen.

       *       *       *       *       *

Ich mchte gern auch noch zu uerem Wirken gelangen. Ich mchte mein
Berlin als geistiges Staatskunstwerk zum Ziel machen.

       *       *       *       *       *

In alles und jedes einflieen lassen einen hheren Geist!



1910


Ich trumte mir die Kraft eines Zuknftigen, -- _meine_ Zukunft und lie,
als ich vom Haus der lieben Freunde dankbar Abschied nahm, in jedem Zimmer
eine Rose zurck, geschaffen durch den Willen meiner Liebe.

       *       *       *       *       *

O meine Hand, du seltsames Geschpf, du warst mir immerdar ein Angelhaken
der Meditation. Wenn ich in deine Schale blicke, meine ich ein
Geistgebilde zu schauen.

       *       *       *       *       *

Bild meines Lebens.

_Stiel_: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit.

_Schale_: ffnung durch Johanneisches.

_Blut_: Erfllung.



1911


Ich darf wohl sagen: Die Entdeckung meines Mannesalters ist die _Frau_.



1912


Mit meinen Erkenntnissen ist es so, wie wenn endlich ein Stck Berglehne
abbricht und zerbrckelnd in die Tiefe rutscht. Wie einen Bergrutsch fhlt
man's in sich und frohlockt, da das Massiv der Blindheit, die wir sind,
wieder um etwas kleiner geworden ist.

       *       *       *       *       *

Ich kann ebensowenig Briefe schreiben, wie Gesprche fhren. Beides
verflacht mich und lt mich in einem Zustand zurck, dessen
Unerquicklichkeit ich niemandem wnsche.



1913


Sprich du zu mir, mein hher Du!
Ich will mich ganz in dich verhren.

       *       *       *       *       *

Groer philosophischer Moment whrend des Vortrags vom 27. August 1913:
ich sah einen Augenblick lang den Menschen (Steiner) als reinen, bewuten
_Willen_, sich allein durch ein ungeheures gttliches Vorwrts-_Wollen_ im
Leben und als solches Leben behauptend.




NATUR

1892


Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund des Luftmeeres) --
Vineta.



1895


Die Sterne lauter ganze Noten.

       *       *       *       *       *

Der Quellnixe wehendes Fontnenhaar.



1896


Der Zypressen grne Obelisken.

       *       *       *       *       *

Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken.

       *       *       *       *       *

Wer wei, ob die Gedanken nicht auch einen ganz winzigen Lrm machen, der
durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und
Experiment) zu entrtseln wre.



1897


Rhythmisch bewegte Luft ist gewissermaen farbige Luft. Wirkung der
Glocken.



1904


Warum sind Hgel schner als Berge? Weil sie den Begriff des Gebirges
gegenber der Ebene, diese beglckende Naturbrechung und Erhhung des
Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren als die starren Felsberge,
die mehr blo Begriffliches sozusagen, weniger Gefhlswarmes an sich
haben.



1905


Die Natur kennt nur Farbenbergnge, keine Farben.

       *       *       *       *       *

Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: 'Wie? Sie bedauern den Tod
eines Seehunds? Ausrotten mte man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie
seien ntzlich? Sie sind die rgsten Fischruber, die es gibt, ganz
schdliche, unntze Geschpfe!' Ich dachte an die feuchten dunklen Augen
der gutmtigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese
Anschauungen eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses Rubertum
als Mensch so ganz und gar von selbst verstand.

       *       *       *       *       *

Mir gengt zur Zeit das Schwatzen der Seevgel, das leise Sich-Wiegen des
stachlichen Strandhafers, ein wenig durch die Finger rinnender Sand und
die graublaugrne Flche vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit.

       *       *       *       *       *

Die Verschwendung der Natur ist zu gro. Und das ist das Bitterste: Unsere
anklagenden Gedanken, und seien sie noch so erhaben, sind nur wie
namenlose gleichgltige Vgel, die gegen ein kristallumpanzertes Feuer
prallen, um ohnmchtig und ruhmlos in die Nacht hinabzufallen, vertan,
verschwendet wie das Wesen das sie gebar.

       *       *       *       *       *

Wie ich das Brckeln und Rinnen einer in den Sand gewhlten Mulde
beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindrcke meines Lebens ins
Gedchtnis. Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, und was
hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische Wirklichkeit. Von den
mchtigen Gewlberesten rieselte fast unaufhrlich Mrtel und verwittertes
Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich strker erhob, flog
wohl auch ein grerer Stein polternd in die Tiefe. Es war ein
unheimliches und erschtterndes Gesprch der Vergnglichkeit, dem der
gefhrdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das Totenraunen einer
Kultur, das vielleicht noch whren wird, wenn der Petersdom das seinige
anheben sollte. Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit ihren
ewigen Steinschlgen, in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen
scheinen.

       *       *       *       *       *

Die groe Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen
Berge.

       *       *       *       *       *

Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige
Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht und in dem
sich zugleich Gegenstnde unseres Zimmers spiegeln.



1906


Wie knnen Baumwipfel wie ein Mdchen aussehen, ja mehr noch: seinen
ganzen Charakter zu enthalten scheinen? Und doch ist es manchmal so.

       *       *       *       *       *

Ich habe heute ein paar Blumen fr dich _nicht_ gepflckt, um dir ihr --
Leben mitzubringen.

       *       *       *       *       *

Ich hre einen Vogel fortwhrend 'Chi--rur--gie' flten.

       *       *       *       *       *

Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie schn sind in ihrer jungen
Natrlichkeit und Zrtlichkeit zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen
kann reizender aussehen, als wenn das Mnnchen dem Kameraden mit seinem
Auge folgt oder wenn das Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den
Rcken legt voll Anmut und Anschmiegungsbedrfnis. Und welches Wohlgefhl
des Lebens, wenn sie so, die Nase dicht am warmen Moos, die
sonnendurchwrmte Waldluft einsaugen mit ihren vielfltigen Reizen, von
denen wir nur einen groben Begriff haben. Und welches stets rege Interesse
fr alle die kleinen und groen Tne, die eine Landschaft fortwhrend
erfllen und beleben.

       *       *       *       *       *

Gebell eines 'Achtung'-Hundes:
Nervositt durch Geschrei von Kindern
Argwohn, es knnte auf ihn gemnzt sein (monoman)
Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)
Beschimpfung (da nichts erfolgt)
Selbstgerechter rger (mehr monologisch)
Mitteilungsgefhl (Klatschbedrfnis)
     (er teilt die Sache der Auenwelt mit)
Quittungen ber vieles
Rivalitt   \
             |- mit andern Hunden
Solidaritt /
Grundloser Unwille
Katzenjammer, der sich zu betuben sucht.

       *       *       *       *       *

Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man lernt sie nie aus. Jeder und
jede vermgen unter Umstnden alle Phasen von der rmlichsten Hlichkeit
bis zur lebensvollsten Schnheit zu durchlaufen.

       *       *       *       *       *

So schimmert ein Birkenwldchen durch Kiefern, wie deine ferne Jugend in
und durch meine Gedanken.

       *       *       *       *       *

Die Natur ist die groe Ruhe gegenber unserer Beweglichkeit. Darum wird
sie der Mensch immer mehr lieben, je feiner und beweglicher er werden
wird. Sie gibt ihm die groen Zge, die weiten Perspektiven und zugleich
das Bild einer bei aller unermdlichen Entwickelung erhabenen
Gelassenheit.

       *       *       *       *       *

Es ist ein seltsames Gefhl, senkrecht in die Erde zu unseren Fen
hineinzudenken. Man kommt nicht weit, die Phantasie erstickt buchstblich.

       *       *       *       *       *

Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen, als den uns
bekannten. Das wissen wir und doch spielen wir damit, in einer Landschaft
Geheimnisse zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau kennen.



1907


Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand ich die sen Berge.

       *       *       *       *       *

Der Frhling ist etwas Herrliches. Der Frhlung aber, der nicht mehr
kommen _mute_, der nur so aus berirdischer Gnade noch einmal gekommen
ist, der ist nicht mit Namen zu nennen.

       *       *       *       *       *

Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe Beruhigung, die er dem
Menschen gibt? Darauf wohl zumeist, da uns in ihm eine unbersehbare
Anzahl pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt, die
Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit uerster Zweckmigkeit
vereinen. Der Stamm einer Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich
gefestigter Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts zu stren
oder gar zu brechen vermag, offenbart sich in ihm. Ihre ste, Zweige und
Nadeln aber strahlen mit solch uerster Zweckmigkeit rings von ihm aus,
stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln einen so weise der
Auen- und Umwelt eingepaten Krper dar, da man begreift: hier liegt
die _Lsung eines Problems_ vor, an der vielleicht unermeliche Zeiten
gearbeitet haben.

       *       *       *       *       *

Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.

       *       *       *       *       *

In der Katze hast du Mitrauen, Wollust und Egoismus, die drei Tugenden
des Renaissance-Menschen nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich
mchte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund ist dagegen glubig,
selbstlos und erotisch kulturlos. Unsere heutige Zivilisation nhert sich
mehr der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich gegen die Katze
gerichtet. Man darf nach dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen
erwarten.

       *       *       *       *       *

Die Selbstachtung einer Katze ist auerordentlich.

       *       *       *       *       *

Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als die des Menschen. Der
Mensch wscht sich, kmmt sich, brstet und klopft seine Kleider, er
entledigt sich, mit einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser,
der Luft, der Erde zurckgibt. Die Katze hingegen schleckt ihn mit
unermdlicher Zunge in sich auf, verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn --
aber im fruchtbarsten Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches
Leben mit hineinnimmt.

       *       *       *       *       *

Du hast einen Grostadtwinter umsonst den Anblick einfacher, natrlicher
Anmut ersehnt. Drehe dich um. Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren
Divan eine etwa einjhrige Katze, die dich dann und wann besucht, um sich
dort eine halbe Stunde umstndlich zu putzen und dann eine zweite halbe
Stunde voll tiefen Behagens zu schlummern, -- und du siehst was du
suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewuter Natur.

       *       *       *       *       *

Eine der grten Unverfrorenheiten des Menschen ist, dies oder jenes Tier
mit Emphase falsch zu nennen, als ob es ein annoch falscheres Wesen gbe,
in seinem Verhltnis zu den andern Wesen, als der Mensch!

       *       *       *       *       *

Warum erfllen uns Grser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust?
Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von auen her zerstrt
werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem
Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von auen droht
ihnen jede mgliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen
sich nicht selbst in den Rcken, wie der Mensch mit seinem Geist und
ersparen uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen
Lebens.

       *       *       *       *       *

Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer gemigten, sehr
gemigten Landschaft zu leben, da man doch nur den Blick zu erheben
braucht, um ins vllig Ungemigte zu strzen, und nur die Gedanken, um zu
fhlen wie wenig es verschlgt, im wilden Ozean des ewig Ungewissen auf
einem gehobelten Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu treiben.

       *       *       *       *       *

Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung gezollt
werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den Menschen vom
unendlichen Raum trennt, als der gndige Vorhang vor der offenen vierten
Wand unserer Erdenbhne.

       *       *       *       *       *

Merkwrdig, zu fhlen, wie man auf diesem seinem Erdboden nicht viel
anders festgehalten wird, als jene kleinen Saugnpfchen aus Gummi, die man
an die Wand pret, um Uhren und Schlssel dran aufzuhngen.

       *       *       *       *       *

Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze erleuchtet, gegen den
Nachthimmel. Vision eines geisterhaften Planeten in nchtlicher Dmmerung.

       *       *       *       *       *

Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und Wrme in seinen Hnden, auf
seinen Armen sucht, so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und Wrme in
jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den wir Natur nennen.

       *       *       *       *       *

Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer wieder. Wehe, wenn er als
Mensch in dem unseligen Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur
zerstrt haben wird.



1908


Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wre, mte ber ihr den Verstand
verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes wrde gengen, ihn zu
vernichten.

       *       *       *       *       *

Ich glaube, wer blind wre, mte die Pflanzen viel besser verstehen.

       *       *       *       *       *

Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie lt sich Gott gefallen. In der
Blume, als Blume trumt er seinen schnsten Traum, da widerstrebt ihm
nichts.

       *       *       *       *       *

Ich kenne keine 'getrennten Gebiete'. --

       *       *       *       *       *

Wie schn wird eine Henne als Mutter. Vorher wirkt sie immer ein wenig
komisch. Mit den Kchlein an sich aber rckt sie fr mich unter --
Sternbilder.

       *       *       *       *       *

Eine schne stattliche weie Kuh mit geschwungenen Hrnern und einer
groen sonoren Glocke -- das ist schon ein Symbol, fr den Gottesdienst
eines Volkes.

Oder ein Stier ..

       *       *       *       *       *

Wer mag wissen, was Glockengelut z.B. in den Vgeln fr eigentmliche,
dunkle Gefhle auslst. Ob sie sich da nicht momentweise auch 'ber sich
selbst erheben', nur so in einem dumpfen Drang ...



1909


Ein verbummelter Hund, der auf eigene Faust jagt -- und ein gehorchender
treuer, bei allem Feuer durch innere Gesetze gezgelter Hund -- zwei
Stufen Gottes auch sie.

       *       *       *       *       *

Es ist ergtzlich zu beobachten, wie Wespen und Ameisen von der
Zudringlichkeit und Dickfelligkeit der Fliegen genau so wie wir Menschen
gestrt und irritiert werden.

       *       *       *       *       *

Wie mag in einem rechten Sturm ein Baum zum Gefhl seiner selbst kommen!
Wie wunderbar ist eine Birke im Sturm! Wie gttlich grazis! Wie unsagbar
malerisch!

       *       *       *       *       *

Lrchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald!

       *       *       *       *       *

Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig und nicht frhlich, wir
sind fest.

       *       *       *       *       *

So ein Spinnentchlein voll Regentropfen -- wer macht das nach?

       *       *       *       *       *

Wenn man berechnet hat, da die Erde unter dem Einflu des Mondes ihre
Ebbe und Flut hat wie das Meer, so frage ich, warum nicht auch das
menschliche Blut und Gehirn seine Gezeiten haben sollte.

       *       *       *       *       *

Die Luftschiffahrt wird dem religisen Genie der Menschheit neue Nahrung
geben. Zu den groen Befrderern kosmischer Stimmungen: Wald, Meer und
Wste wird nun noch der Luftraum kommen.

       *       *       *       *       *

Wir versuchen uns an dem ueren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl
selten ber ein gewisses Ma von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch --
Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!

       *       *       *       *       *

Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du
gegenberlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den
Eindruck einer gegenwrtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den
eine andere, frhere, deiner Seele eingeprgt hat. Etwa wenn du einen
Ausschnitt der gegenwrtigen betrachtest, der recht gut auch jener
vergangenen angehren knnte, -- so da dir eine Weile so unheimlich
zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar
Verstorbenen zu halten, whrend es doch, wie du weit, die des dir
Gegenberstehenden ist.

       *       *       *       *       *

Ich sehe eine Zeit herankommen, wo man die Luft und das Meer so grndlich
durchforscht haben wird, da man dazu bergeht, in irgend einer Ebene oder
Wste einen Schacht anzulegen, durch den Generation um Generation mit
allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln tiefer unter die Erdoberflche
eindringt.



1910


Darum ist die Natur so tieftrstlich, weil sie schlafende Welt, traumlos
schlafende Welt ist. Sie fhlt nicht Freude, nicht Schmerz, und doch lebt
sie vor uns und fr uns ein Leben voll Weisheit, Schnheit und Gte. So
schliefen auch wir einst und solchem Zustand kehren auch wir einst wieder
zurck, nur mit dem Unterschiede, da dann dies ganze ber-Glck,
ber-Leid uns bewut sein wird und da wir dann auch keine Trume mehr
brauchen, weil wir die Himmel selbst offen sehen.



1911


Das Kleine in der Natur ist gewhnlich grer als 'das Groe'. Denn das
Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit, wo das Groe nur Gtterwerk.

       *       *       *       *       *

berall, berall liegen Keime des Lebens -- darum -- und nun kann man auf
zweierlei Weise fortfahren: -- tue ja nirgends Lebendigem Abbruch! oder:
sorge nicht allzusehr des Einzelnen in einem Haushalt, der so auf Schritt
und Tritt Verschwendung predigt und herausfordert.

       *       *       *       *       *

Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.



1912


Dir sind die Alpen nicht hoch, nicht geheimnisvoll genug, du trumst von
den Anden, vom Kaukasus, vom Himalaya. Und doch gilt es eben hier die
Seele ganz zu weiten und schon hier letzte Erhabenheit zu empfinden. Sind
nicht alle diese Berge gleiche Klippen der groen blauen, strahlenden
Geister- und Gottes-See, auf die immer wieder hinzublicken, ja, die frher
oder spter mannhaft zu befahren unsere edelste Bestimmung und Freiheit
ist?



1913


Der Mensch hat noch immer sehr wenig Sinn fr Wirklichkeit. Man erwge nur
etwa den gewhnlichen Standpunkt der Sonne gegenber. Heit das
Wirklichkeitsempfinden, von einem solchen Phnomen ein Leben lang nicht
anders berhrt zu werden, wie es gemeinhin zu geschehen pflegt? Oder
schauen nicht vielmehr die Menschen die Sonne noch gar nicht?

       *       *       *       *       *

Auch der Baum, auch die Blume warten nicht blo auf unsere Erkenntnis. Sie
werben mit ihrer Schnheit und Weisheit aller Enden um unser Verstndnis.

       *       *       *       *       *

Hast du noch nie empfunden: es mu anders werden! Wenn du z.B. im Walde
saest und die lieben Bume und Grser um dich herum sahest, von denen
dich doch so ein Weltabgrund der Nichterkenntnis schied! Was waren sie
eigentlich, wo war ihre Seele, wo war der Punkt, in dem ihr euch
brderlich treffen konntet, nicht nur in dumpfer Liebe von deiner Seite,
sondern euch gleichsam ins gottgeschwisterliche Auge schauend? Wre es
nicht unsinnig, wenn es in einer Welt, so weit und verschwenderisch
angelegt, immer so bliebe, nie anders wrde? Mu es nicht anders werden?
Und lst diese Not und Notwendigkeit nicht etwas in dir, das sagt: Ja, es
mu besser werden, und ich will Tag um Tag dem Geist und den Geistern der
Dinge entgegengehen, sind sie doch gewi auch schon lngst auf dem Wege zu
mir.




KUNST

1891


Zugleich aus dem Leben gegriffen und zugleich typisch -- das ist hchste
Kunst.



1892


Es ist etwas Jmmerliches um einen Lyriker ohne Liebe. Was helfen da Mai
und Nachtigallen und Mondscheinnchte. Trauriger Zustand.

       *       *       *       *       *

Ihr frchtet, da die Umsturzepoche, vor der wir zu stehen glauben, alle
Kunst und Poesie, alles Schne und Wertvolle im Leben vernichte?

Ich frchte das nicht. Denn mag jeder Tempel zertrmmert, jedes Kunstwerk
verbrannt, jedes Saitenspiel zerschmettert werden, das unantastbare
Saitenspiel, das Menschenherz, wird nie aufhren, von den ewigen Melodien
zu tnen, die der Geist der Welten ihm zuhaucht.



1894


Alle wahrhaft groen Dichtungen sind Variationen zum Schicksalsliede,
seien es Maestosi, Allegri oder Scherzi.



1895


Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter, neue Mythen
zu schaffen, und wir wollen ihnen schon vorarbeiten.

       *       *       *       *       *

Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung aber ist
selbst etwas Dichtendes, knstlerisch Zusammenfassendes und Auswhlendes.

       *       *       *       *       *

Ein Dichter mu 77mal als Mensch gestorben sein, ehe er als Dichter etwas
wert ist.

       *       *       *       *       *

Der reimlose Jambus hat ein so formelles Pathos, ein so grorednerisches
Moment in sich, da er uns Modernen meistens geradezu unmglich wird, da
wir in tiefster Seele von dem Willen durchdrungen sind, wahr zu sein,
redlich vor allem in der Wiedergabe unserer Stimmungen und inneren
Erlebnisse.

       *       *       *       *       *

Hchste Empfindungen, Phantasie im Gewande intimster Natur -- -- -- --
eine Durchgeistigung der Realitt auf allen Punkten, knstlerischer
Polytheismus (im Sinne der Kunst), das meine ich, mu das Programm der
Zukunft, unserer Zukunft sein. Der Sieg des menschlichen Geistes ber die
Auenwelt mu vollkommen werden.

       *       *       *       *       *

Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt, um so mehr
ist es bei sich selbst _daheim_. Daher der Zauber des _mittelalterlichen_
Stils, daher heute unsere Heimatlosigkeit.

       *       *       *       *       *

Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten, mten wir eine
einheitliche Weltanschauung haben.

       *       *       *       *       *

Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen Khne vorberschleppen sehe,
mu ich immer an den Dichter und das Publikum denken.

       *       *       *       *       *

Schnheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen, durch die uns
alles Auen vermittelt wird.

Oder auch: _Schn_ ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je
mehr jemand die Welt liebt, desto schner wird er sie finden.

Gesetzt also, es gbe einen Gott, so wre sein Glaube, die beste aller
Welten vor sich zu haben, verzeihlich.



1896


Das naturalistische Drama hat nur dann Wert, wenn es den Menschen, so wie
er heute ist, sich selbst unertrglich macht. Ibsen. Hauptmann.

Kritik oder Beispiel -- naturalistische oder idealistische Kunst.

Der Naturalismus eine rein historische Kunstanschauung. Der Naturalismus
nur ein Stadium, kein Ziel.

       *       *       *       *       *

Wenn heute wieder ein Schubert geboren wrde, wrde er eine Mission mehr
haben, nmlich, nur _Texte_ zu komponieren, die Kulturwert haben.

       *       *       *       *       *

Die Orgel, das Instrument der Zukunft.

       *       *       *       *       *

In einem Philharmonischen Konzert:

Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur empfunden. --

All-Genu.

Mir ist, ich wre ein Adler und trge mich selbst und meine Last dnkte
mir kstlich und ein tiefes Wohlgefhl durchstrmte mich.

       *       *       *       *       *

Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von Landschaften
fortwhrender Vergleichs-Standpunkt. Wie es in der Musik heit, da der
ein Dilettant sei, der beim Anhren eines Musikwerks in lauter
Reminiszenzen aufgeht.

       *       *       *       *       *

Ihr wit ja alle nicht, was Schaffen heit. Ein Bild malen, ein Gedicht
machen? Nein! Seine ganze Zeit umgestalten, ihr das Geprge seines Willens
aufdrcken, sie mit seiner Schnheit erfllen, sie berwltigen und
unterwerfen mit seinem Geiste.

       *       *       *       *       *

Der Krug des Nichts, aus dem alle Knstler schpfen.

       *       *       *       *       *

Schopenhauer nennt das bloe intellektuelle Anschauen die hchste
Seligkeit, weil hier der schaffende Wille ganz schwiege. Als ob Schauen
nicht schon Schaffen wre!

       *       *       *       *       *

Den sthetikern:

Zeigt Wege der Zukunft, aber beschwrt nicht ewig die Toten gegen uns.

       *       *       *       *       *

Vor einer roh gefgten Gebirgsbach-Brcke:

So mte sich jeder Architekt vor die roheste natrlichste Form der
Menschenarbeit hinstellen und an diesen Balken und Brettern seine ersten
Kunstgedanken auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als
Bedrfnis empfinden mssen und wrde so gewi zu originellen Gedanken
gelangen, deren Regulativ dann das Studium der Vergangenheit sein knnte.

       *       *       *       *       *

Der erste Schnee! Mein erster Gedanke war die ehrsame Zunft der Lyriker,
die in deine Flocken starrt, dich grend zu besingen. Welche Dekadenz,
diese unpoetische Reflexion ber deine himmlischen Dekadenzen, lieber
trauter Schnee.

       *       *       *       *       *

Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, da der Dichter nicht -- gleich
dem Musiker -- den Teilen seiner Werke hinzufgen darf, in welchem Tempo
er sie genommen wissen will.

       *       *       *       *       *

Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor meinem Fenster), das
mit seinem freien Ende im Wasser liegt, so da es fr den strksten
Windsto zu schwer wird, es als Fahne auszurollen: Bild fr ein
Knstlerschicksal.



1897


Als ob Kunst nicht auch Natur wre und Natur Kunst!



1901


Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen groen Menschen, die
das Ja- und Amen-Lied im Herzen tragen, das Drama des Mittags, der
Sonnenhhe, 'da alle Dinge rund und vollkommen' geworden sind.

       *       *       *       *       *

Was soll uns Tragdie heien und als tiefste Erregung von der Bhne herab
gelten? Die Darstellung des wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine
tragische Erscheinung ist, weil in allem menschlich Groen neben der
groen Freude auch der groe Schmerz wohnt, weil in jedem ungemeinen
Schicksal das Ja und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen erklingt,
weil der groe Mensch eine Abbreviatur des ganzen Weltgeheimnisses ist.
Die Tragdie ist der tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von Zeit zu
Zeit erschttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst in all dem uns
berbrausenden Alltag.



1905


Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unmnnlich, besonders aber
Dichten und Musizieren. Daher Nietzsches Vorliebe fr Horaz als einen sehr
mnnlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor allem als Mathematiker,
Goethes: recht sehr als Staatsminister zu gelten.

       *       *       *       *       *

Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in ihnen. Ihr Geheimnis
ist, da sie nicht nur selber Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben,
das sich mit ihnen vermhlt, zum Kunstwerk machen, indem sie es zu einem
Bilde abtnen und feierlich umrahmen. Betritt die schlimme rmische
Sinnenfngerin Ges, wann immer du willst, oder die ehrwrdige Ara Coeli
oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen, Gesten, Mienen, welche
gehaltenen und tiefen Ausdrcke des Individuums, welche stets bedeutenden
_Bilder_! Gewi, alles, was die Menschen zu einem bestimmten Zwecke
sammelt, vereinigt sie so mit sich zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der
Bahnhof, die Kaserne, das Schiff, eine Strae, ein Kornfeld im Herbst --
aber wohl nichts bietet so die Gewhr eines knstlerisch abgeschlossenen
und abgerundeten natrlichen Lebensgemldes, wie die Kirche, nichts
distanziert sich und seine Gemeinde mit soviel Glck vom kunstarmen Alltag
wie sie.

       *       *       *       *       *

Es gibt vielleicht keine glcklichere Manier, als alle Dinge vom
Standpunkt des Malers aus zu betrachten.

       *       *       *       *       *

Fr Portrtmaler.

Wer einen Menschen recht erfassen will, mu ihn sehen, wenn er vom Schlaf
aufwacht, mit wirrem Haar, die Zge und Glieder noch halb gelst, noch
halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne Namen, ohne Beruf -- wenn
auch mit all dem Bedeutenden, wodurch ihn das Leben bereichert hat. Zudem
gibt es nichts, das malerischer wre, als ein Mensch in Trikot oder
langem, flieendem Hemd, ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim
Abtrocknen nach dem Bade, beim Kmmen und Brsten der Haare. Auch gebe ich
allen Bildhauern und Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen
gerumigen Krug mit beiden Armen unter die geffnete Brause emporhalten zu
lassen. Es ergeben sich da durch die zunehmende Schwere des Krugs eine
Reihe interessanter und charakteristischer Phasen, von der ungezwungensten
Pose bis zur angespanntesten.

       *       *       *       *       *

Zu Frsten:

Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist.



1906


An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt euch unter die
gewhnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft zu gewinnen, sucht so reden zu
lernen, da sie euch verstehen wie ihresgleichen. Geht zu den
verschiedensten Handwerkern, auf die Werften, in die Fabriken, in die
Bergwerke; lernt vom Volk und fr das Volk, seht zu, da was und wie ihr
dann schreibt, jedem verstndlich sein knne, der den guten Willen fr
euer Verstndnis mitbringt. Lat euch Jahre eures Lebens in einsamen
Drfern nieder, im deutschen Gebirge, an den Ksten, auf Inseln. Lat euch
vom glatten charakterlosen Grostdter nicht das Bild des Menschen
flschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter die Schale dringen kann.
Denkt an Luther, wie er herumging in allen Werksttten, um sich die
Sprache fr seine Bibelbersetzung zu bilden, wandert, soviel ihr knnt,
werdet lieber Handwerksburschen als hoffnungsvolle Literaten, die von
Gesellschaft zu Gesellschaft eilen, die sich ihre Ziele aus Theatern und
Zeitschriften holen, die sich sthetisch anregen lassen, statt immer
wieder auf den Grund des Lebens zu gehen.

       *       *       *       *       *

Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick gerichtet -- -- --

       *       *       *       *       *

Eine Karikatur ist blo immer einen Augenblick wahr.

       *       *       *       *       *

Es ist ein erheiternder Gedanke, da es Schnes und Hliches nur im
Gehirn des sthetikers gibt. Von 'der Darstellung des Schnen' zu reden --
welch eine Einfalt! Es gibt nichts 'Schnes' darzustellen, weil es nicht
hier und dort etwa herumliegt, sondern in jedem Augenblick erst
_erschaffen_ werden mu. Und wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist
doch schn! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen die Schnheit der
Rose im Moment Ihres Schauens und das fllt Ihnen leicht, denn Milliarden
haben sie vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die Schnheit,
welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht mit der messen knnen, die ein
wahrhaft schpferisches Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken
wird, weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft.

Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen -- nachgeschaffenen --
Schnheit als von Schnheit berhaupt reden, so drngen Sie damit Ihren
sehr mittelmigen schpferischen Geist der Welt und vor allem den
Knstlern wie ein Joch auf, unter das man sich beugen msse: als drfe nur
ebensoviel Schnheit erschaffen werden, als Ihnen zu schaffen mglich ist.
(Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen von der Schnheit
nichts, so wenig wie irgendein andrer. Sie wissen nur von der von _Ihnen_
geschaffenen (meist nachgeschaffenen) Schnheit. Auch wir Knstler wissen
nicht, was 'die Schnheit' ist, aber wir vermehren sie als von Natur aus
strker empfindende, zeugende, als die am weitesten vorgestreckten Fhler
des Menschen.

       *       *       *       *       *

Es gibt zwei groe Gruppen produktiver Naturen: die mehr lehrhaften und
die mehr unmittelbaren. Man soll sie, man mu sie beide gelten lassen und
ihnen das 'und' nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller, Shakespeare
und Ibsen, Monet und Bcklin, Rodin und Klinger ergibt sich das ganze Bild
unserer Kunst.



1907


Es ist so plump von Knstlern und Dichtern, sich geradezu ans Geschlecht
zu wenden. Als ob man sich ans Geschlecht erst wenden mte.

       *       *       *       *       *

Wenn das Individuum -- wie Hebbel sagt -- letzten Endes komisch ist -- und
es ist komisch --, so ist die Tragdie die hchste Form der Komdie.

       *       *       *       *       *

Alle Kunstform borniert.

       *       *       *       *       *

Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus lebendigen Blumen.

       *       *       *       *       *

Ein Knstler mu seine Weisen eigentlich immer einer Geliebten ins Ohr
spielen.

       *       *       *       *       *

Chopin ist immer Mann oder doch Jngling, Beethoven hat noch das Kind vor
ihm voraus -- und seiner ist darum nicht nur das Erden- sondern auch noch
das Himmelreich.

       *       *       *       *       *

Kunst ist nicht ein Stck Welt im Spiegel eines Temperaments, sondern --
ein (Stck) Temperament im Spiegel des Bewutseins.

       *       *       *       *       *

Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die schpferischen
Geister und Bienen, die andern, die daraus Honig sammeln.



1908


In jedem Kunstwerk ist der Knstler selbst gegenwrtig. Wir spielen und
hren in _Wahrheit_ Beethoven, sehen Lionardo, lesen Goethe.

       *       *       *       *       *

Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus.

       *       *       *       *       *

Musik -- gesanggewordener Mensch und somit seine fr uns vielleicht
hchste Erscheinungsform. -- Ein altes Bild: Der Gesang der Engel vor
Gott: umgedeutet: Menschen vor Gott (der berall) zu Lied, zu Gesang
geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der in unser aller) und zu Gottes
(der in unser aller) Preis unaufhrlich tnend -- Beethoven, ein Gesang
Gottes vor sich selbst.

       *       *       *       *       *

Das willkrliche Abbrechen von bedeutenden Musikstcken ist deshalb oft so
schmerzlich, weil da nicht nur Musikstcke, sondern -- Menschen
abgebrochen werden.

       *       *       *       *       *

Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert mit edler Musik.

       *       *       *       *       *

Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft, Natur) -- ein
weiterer Schritt der Erde zur Erkenntnis und Liebe ihrer selbst.

       *       *       *       *       *

Ein rechter Knstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu --
_zeigen_.

       *       *       *       *       *

Jeder Knstler ttet zehn folgende (Dilettanten).

       *       *       *       *       *

Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, dessen Vorwurf der Kampf
zwischen der Newtonschen und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die
Farben treten auf und suchen umsonst das weie Tageslicht in gemeinsamer
Aktion zusammen hervorzubringen. Schlielich erscheint das eine weie
ungeteilte und unteilbare Sonnenlicht in Gestalt eines weigekleideten
Weibes und entlarvt dieses ganz anmaende Unterfangen als Betrug und
Selbstbetrug.



1909


Wenn mich nicht alles trgt, so stehen wir dicht vor Knstlergenerationen,
die sich des ganzen irdischen Lebensstoffes noch ganz anders bemchtigten
werden als die bisherigen.

       *       *       *       *       *

Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten uerungen hinab lieb und ihr
werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewut von ihm
zeugen.

       *       *       *       *       *

Allzuviel Lyrik frit die gesunde Natur des Dramas an und nimmt ihm, in
einem ganz hohen Sinne, seine natrliche Sittlichkeit.



1910


Schnheit 'an sich'? Nein, Schnheit, die ber sich hinausweist.

       *       *       *       *       *

Die neue -- die christliche -- Tragdie wird berall erst mglich sein,
wenn der Mensch mehr und mehr aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die
Tragik seiner dann endlich berschauten und klar gewordenen Entwickelung
sein und ihre Gre das dann noch ganz anders, weil aus einem ungleich
hheren Bewutseins- und Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem!
und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit! ...

Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen geboren werden,
was der Mensch verbrochen und was er gutzumachen hat, sie wird den
schauerlichen Fall des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine
bermenschlichen Anstrengungen, Unshnbar-Scheinendes zu shnen,
Unbezhmbar-Widerstrebendes zu berwinden, Unwiederbringlich-Verlorenes
wiederzugewinnen. Erheben wird sich nach langen Geburtswehen endlich der
Heerbann des Verstndnisses und der Liebe, und seine Siege und Niederlagen
werden fortan wie ein Ringen erwachter Gtter erschttern, wo heute der
Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst vereinzelte Ahnungen zult.

Lat uns darauf demtig warten und dazu das Unsere tun, Krnlein um
Krnlein. Lat uns uns dessen vertrsten in vielem Kleinkram und Wirrwarr
noch unserer Tage.



1911


Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem vielleicht oft
anfechtbaren Menschlichen groer Knstler nichts, als da uns durchaus nie
zu lebendigem Bewutsein gekommen ist, was ein solcher Knstler fr den
Menschen, fr uns wirklich bedeutet. Wir knnen kalten Herzens den
'Menschen' Wagner ablehnen, ja schmhen und damit es ganz fr nichts
erachten, da tglich Strme des Segens von ihm ausgehen, Strme der
Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag, der Reinigung durch geistige
Mchte.



1913


In ein Zimmer, dessen rosa getnchte Wnde in einer breiten bunten
Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares blaues Muster aufweisen, wird
eines Tages ein groer blauer Teppich gehngt. Und nun sollte man die
kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit einem Male leben und leuchten!




LITERATUR

1895


Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben, zhlen.



1897


Nach der 'Wildente': Ibsen wre 'ungriechisch'? Aber was taten die alten
Griechengtter andres, als (scheinbar) kalt und spttisch das Treiben der
Sterblichen betrachten, im Bewutsein der Notwendigkeit aller Dinge.

So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe Duft einer gewissen
Lcherlichkeit, welche das Kennzeichen jeder Tragik ist, schwebt um seine
Werke.



1901


Es gibt ein hchst bedeutendes Bruchstck in unserer Literatur: Der
'Empedokles' von Hlderlin. Hier habe ich einmal den abgebrochenen Weg des
deutschen Dramas zu sehen vermeint.

       *       *       *       *       *

Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance lebte in diesen Sagen
und in den Erzhlungen der Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer
Vlker jenen Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner rckend, mu die
ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer Kunstwerke nehmen. Unsere Sage
sind die groen Epochen der Geschichte geworden, unser Gttermythos der
Mythos vom groen Menschen in allen Zeiten. Dies ist recht eigentlich die
uns zugeborene Sage: die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen
und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst ist noch
unausmelich weiter und tiefer, ihr Reich geht noch hinter alle
Sagenkreise zurck und unter sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf
die Vlker, die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer berblick
ber dreitausend Jahre geistige Erde ward mglich. Menschen dieses
berblicks werden die neue Tragdie schreiben, die einzige, welche der
griechischen ebenbrtig sein wird, ja, welche sie berfliegen wird wie der
Adler den Falken.



1904


(Zum Thema Strindberg.)

Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Schtteln des Kopfes, wenn ein
absonderlicher Mensch durch das Mittel einer groen knstlerischen
Begabung in die Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer mit
Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern in aller Ruhe lernen und
bewundern will; so kommt man weiter in der Bravheit, und damit, meint man,
in der Kultur. Ein Mensch, der einen ntigt, mit ihm zu laufen, dann jh
wieder umzukehren, dann pltzlich ins Wasser zu springen, darauf
vielleicht donquichotisch auf ein eingebildetes Amazonenheer loszurcken,
schlielich mit einem Male in einem Kloster zu verschwinden, um mit einer
Maske in der Linken und einer Geiel in der Rechten wieder hervor zu
kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird nicht gern
einregistriert und als voll genommen. Ein genialer Verrcktling, sagt man
und geht wieder zur Ordnung ber. Da aber hier ein Mensch wie ein
gehetztes Wild durch die Felder und Wlder, Schluchten und Flsse des
Lebens strzt, gehetzt -- ja wovon? -- von irgend einem Verfolgungswahn:
als flge die Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und er
mte das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder packte, -- oder von
irgend einem Sehnsuchtswahn -- wonach? --: nach dem grnen Wiesental eines
unbewlkten Friedens oder nach dem Gipfelfelsen ber den Nebeln, von dem
aus er hinberfliegen knnte ans Ufer eines anderen Sterns, einer hheren
Welt, -- da aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen Jammer des
Menschlichen vor sich her tragend, in Jubel und Hohn und Ha und jedem
Gefhl vom niedrigsten bis zum hchsten, das wird als nichts empfunden,
das bleibt tot und unfruchtbar fr den ganzen Bann der Geordneten.

So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten und unvollkommen
lebendig Werdender ist August Strindberg, ein gehetztes Wild, eine
laufende Flammensule, ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht
nach jenem 'Blitz aus der Wolke, der da heit ber-Mensch' aufschreit,
wenn irgendwo: denn dieser Untergehende ist ein Hinbergehender.

Was liegt an 'Werken' (im letzten Grunde), was an Korrektheit, Bravheit,
Ntzlichkeit, Tradition, Gemt, Liebe -- kurz was an all dem
Vordergrundswesen, auer da da ein Mensch seinen Sinn sucht -- ein
_Mensch_. 'Respektiert den Menschen --'; er kommt so selten zum Vorschein.
Die Menschen -- was sind sie wert. Der Mensch ist immer ein Phnomen. Er
sieht nicht schn aus: Irgendwie heit sein Name und Ruhlos sein Schuh,
sein Rock heit Elend, seine Zunge Eitelkeit, sein Eingeweide Wollust,
sein Herz Flamme, sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim
und seine bittere Nahrung Er selbst.

In den Hfen und Grten des Menschlichen gibt es viel Ntzliches und
Tchtiges zu tun. Da gebe es nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das
Handwerk getan. Aber in der Gespensterstunde von zwlf bis eins, da horcht
hinaus auf die wilde Jagd der vom Genius Gezeichneten, da lat den
Menschen zu euch hinein und legt die Finger in seine Wunden und fhlt --:
es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen und all das versinkt wie ein
Rauch.

Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein genialer Sonderling dnken.



1905


Was wir in unsern neueren Bchern von der bisherigen Entwickelung der
menschlichen Gesellschaft vor uns haben, ist vor allem eins: _gewaschene_
Geschichte. Der natrliche Duft und Brodem der Dinge drfte uns
schlechtweg ersticken.

       *       *       *       *       *

Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des
Schreibens ein Grerer ber die Schulter, sei es ein Vergangener,
Lebendiger, oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fhlt: Er
wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf.

       *       *       *       *       *

Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument der Kultur
war -- ein Tagebuch.

       *       *       *       *       *

Warum ist Balzac grer als Flaubert? Weil er eine unendliche Flle ist,
aus der Groes und Geringes, aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac
ist eine blhende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller Garten.
Keine Bewunderung hilft ihm gegenber, man mu ihn lieben. Er hat dieses
tief alles durchblutende Mitgefhl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die
ihn das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten Hnden anfassen lt,
womit dieses feine und des schrfsten Beurteilers immer noch spottende
Gewebe allein angefat werden darf.

       *       *       *       *       *

Der Sonderling:

Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich diesen Dichter fr
mich Max Zottuk getauft; so sehr haben mir Presse und Publikum jeden
Buchstaben des einst teuren Namens verleidet.



1906


Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, da ihre Leser sich
immer wieder die Mhe nhmen, die von ihnen sorgfltig beschriebenen
Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf glich einer
umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort ein Bild; wenn es aber heit, sein
Haar war braun, seine Stirn niedrig, seine Nase schn geschwungen, sein
Mund grob aufgeworfen, so geht das -- an mir wenigstens -- ziemlich
spurlos vorber.

       *       *       *       *       *

Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten 'von auen her'
schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl hnliches erzhlt wird wie
heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, da die geschilderten
Menschen durchsichtig gemacht sind -- gegen das Mysterium hin. Sie werden
charakterisiert werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch
zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden uns fesseln wie
irgendwelche Gegenstnde der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen,
fr den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde
mitgeteilt sein, so da sie im selben ergtzen und ein tiefes unheimliches
Wundern erregen.

       *       *       *       *       *

Etwas vom bersetzen.

Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner Stcke durchschnittlich
zwei Jahre. Wenn nun ein Auslnder hergeht und eines jener Dramen in vier
Wochen in seine Sprache bersetzt, so wird er schwerlich jede der redenden
Personen so in sich lebendig fhlen knnen, wie der Dichter, der sie
zuletzt gleichsam als seine bestndige Gesellschaft empfand.

Es gibt eine Art, ich mchte sie die rationalistische Methode zu
bersetzen nennen. Der bersetzer mchte das Original womglich noch
verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht,
wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.

       *       *       *       *       *

Es ist das Unglck der Franzosen, zu gut schreiben zu knnen.

       *       *       *       *       *

Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig oder gar
abstoend ablehnen. Der nchste Frster, der ihnen begegnet, zieht sie
unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, der um Einen Stendhal
smtliche Frster der Welt hingibt, ist ihnen fremd, die Wibegier dessen,
dem der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen
ersetzt, stark, warm und einfach zu fhlen.

       *       *       *       *       *

Nach den Erinnerungen eines Egotisten.

berall, wo Stendhal ber fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon ...)
fesselt er, wo er aber ber sich selbst und seine Gesellschaft und
Liebschaften schreibt, wird er sehr bald langweilig.

       *       *       *       *       *

Zu Dostojewski.

Aus seinen Bchern findet man schwer wieder nach Westeuropa zurck.

       *       *       *       *       *

Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als she ich einem Feuer zu --
einem Steppenbrand --, das ber die Ebene wandert. Und jetzt frit und
whlt es sich schleichend durchs knisternde Gras -- und jetzt fhrt ein
Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und
glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg --
und jetzt steigt es bei einem neuen pltzlichen Sto gleich einer Sule
zum Himmel und bergiet Himmel und Erde mit bergewaltigem,
erschtterndem Glanz.

       *       *       *       *       *

Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein
Menschenleben grbt sich sein Strombett und damit mu man zufrieden sein.
Nietzsche ist gewi nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht
weiter gegangen. Mauthner unterschtzt das Dynamische im Genie.

       *       *       *       *       *

Es ist das Interessante an Bchern, ber denen man eigentlich den Verstand
verlieren mte, da man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich
ist das nur ein neues Kompromi -- denn anstndigerweise mte man
allerdings nach ihrer Lektre abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was
wir anstndig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, da der Autor
seinen Verstand behalten hat, wird gengen, den Leser zum gleichen zu
veranlassen; es sei denn -- da er nur so beweisen zu knnen meinte, da
er noch tiefer als jene sei, da er sozusagen aus Ehrgeiz, aus 'Willen zur
Macht' wahnsinnig zu werden geradezu -- wnschte.

       *       *       *       *       *

Ich habe nie einsehen mgen, warum mittelmige Menschen deshalb aufhren
sollten, mittelmig zu sein, weil sie schreiben knnen.



1907


ber etwas schreiben heit, sich mit etwas berschreiben.

       *       *       *       *       *

Denke dir immer jemanden, auf den deine Stze durchaus nicht so Eindruck
machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und
gleichgltig prft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue
Behauptung zunchst -- rgert.

       *       *       *       *       *

Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen knnte. Ibsen
war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare
einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern werden erst kommen:
Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und ber ihm
in schier unerreichbarer Hhe kreisen. Geister mit einer 'Freiheit' auch
von sich selbst -- ...

(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.)

       *       *       *       *       *

Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So
oft man auf ihm wandert, strzt man in den Abgrund.

       *       *       *       *       *

Alles Groe macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde
nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen,
dem sind sie nie geboren worden.

       *       *       *       *       *

Was wre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und Hhe, wenn
nicht eine so groe Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung
in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen wre. Er gleicht einem
Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen
Erscheinung fr sich allein noch gebietender wirkt als sie.

       *       *       *       *       *

Wer Lagarde ertrgt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese.

       *       *       *       *       *

Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn
du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine
produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit doppelter
Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein,
der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, da es auf den Tasten
fortan kein Hindernis mehr fr ihn gibt.

       *       *       *       *       *

Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorwrts. Das
macht, sie reden ohn' Unterbruch.

       *       *       *       *       *

Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergroes
Stck Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit
einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit.

       *       *       *       *       *

In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde
raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der
Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen -- und wie alles
Groe grausam ist -- grausamen -- Triumph.

Im brigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsproze, der
unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu drfen
meint, wird sich auch nicht sagen knnen: Hier vollzieht sich ja im Groen
nichts andres wie im Einzelnen: Persnlichkeitsentwickelung. Hier will ja
irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer hherer
Selbstschnheit ...

       *       *       *       *       *

Vor seinem Kammerdiener, heit es, ist kein Held ein Held mehr. Das
gefllt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert
predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, und
berschtten die Welt mit dem berlegenen Lachen des -- Kammerdieners.

       *       *       *       *       *

Wenn man wei, was zwei- oder dreitgiger Kefir ist, so hat man ein Bild
fr den Stil des Essayisten N. Knnte man sein Buch wie eine Flasche
schtteln, so wrde man verhltnismig leichtflssige Milch bekommen. Da
man es aber nicht schtteln kann, hat man ein dickes und schwerflliges
Getrnk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getrnk,
nicht minder wertvoll als der ungeschttelte Kefir, aber weniger angenehm
geniebar als der geschttelte.

       *       *       *       *       *

Gesprch ist gegenseitige distanzierte Berhrung. Ein Buch ist
chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet
werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die
deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren Fingern
durch die Stirn.

       *       *       *       *       *

Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein: die
berflssigen Interpunktionen, die allzuhufigen Abstze, den Sperrdruck.



1908


Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat, sondern dieses
Menschenmysterium selbst, ebenso wie das Musikstck, das ich heut abend
von dem Nachbarhause herberklingen hrte, kein Musikstck von Beethoven
war, sondern das Mysterium Beethoven selbst.

       *       *       *       *       *

Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die unmittelbare. Die
meisten Leser spren nur die mittelbare. Darum bleiben auch so viele
Bcher Druckerschwrze auf Papier. Und doch offenbart auch noch das
schlechteste Buch seinen Vater nicht blo mittelbar, sondern auch
unmittelbar: ihn selbst, die Persnlichkeit, in der Chiffre dieser Stze
unverlierbar aufbewahrt und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen
ursprnglichen Kraft auf uns zu wirken.



1909


In der bertriebenen Abneigung gegen schlechte bersetzungen, gegen
bersetzungen berhaupt, liegt eine gewisse Verzrteltheit. Groe
Originale leuchten auch aus unbeholfenen Reproduktionen unzerstrbar
hervor.

       *       *       *       *       *

Tolstoi war ein Protest des hheren Menschen wider den Menschen, wie er
gemeinhin heute noch ist. Tolstoi wollte nur ganz einfache, simple Dinge.
Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen, -- fr jeden anstndigen
Menschen.

       *       *       *       *       *

Man fordert von Tolstoi Mrtyrertum. Man sagt: Lebe wie Franziskus, stirb
wie Christus. Nun, er hat sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates
dargeboten: -- 'nehmt mich und fhrt mich hin wie jene armen Opfer, legt
den eingeseiften Strick um meinen alten Hals ...'

       *       *       *       *       *

Der groe Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier, was nicht
ausschliet, da der groe auch einmal klein und der kleine gro, d.h. ein
Stilist sein kann. Maeterlinck -- oder ein versetzter Konditor.

       *       *       *       *       *

In diesen Erzhlungen von Liebe sehe ich immer nur eines: die Liebe als
Selbstpreis. Selten oder nie, da diese Menschen durch ihre Liebe zu
einander _wachsen_ wollen, da sie sich ber sich hinaus lieben. Daher
denn auch die bersttigung, ja der Ekel, der einen nach und vor derlei
erfat, ein Verlangen, es mchte doch auch hier endlich eine neue Optik
Platz greifen, eine tiefere, religisere Betrachtung des Liebeslebens.

       *       *       *       *       *

Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit hier und dort ber den
Eckermann geredet wird. Immer ist ein halb mitleidiges Lcheln dabei,
gleich als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur, der es jeder
seiner gnnerhaften Bespotter unvergleichlich zuvorgetan haben wrde. Man
hngt sich an die Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, da er
oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen, man wirft ihm eigene
Unbedeutendheit vor und bersieht die Flle feiner Beobachtungen und
Bemerkungen, die anmutigen Berichte ber seine Liebhabereien, den langen
Brief aus Genf und berall den Sinn und Takt frs Wesentliche, der uns
niemals mit Tagesgeschwtz langweilt, sondern ihn fortwhrend bei der
Wrde seiner einzigartigen Aufgabe festhlt.

La sie sich immer berheben, wrde Goethe selbst sagen, soviel ist gewi,
da ihrer keiner mich vermocht htte, mein inneres Leben so munter und
lebendig vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der wohl nicht
gro war im Sinne schpferischer Kraft, aber in seinen Maen ein ganzer
Kerl, ein Vorbild, allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung
wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende Kraft nur
unvollkommen gewhrt hat, im produktiven Empfangen seiner Hhe zustreben
mssen und ihm damit wohl ebenso nahe kommen mgen, wie unsereins mit
seinen strkeren Mitteln und glcklicheren Voraussetzungen.



1910


In aller Literatur von heute mu man dem Seelischen nachspren. Was der
Geist heute hinzutut, hat nicht allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl
selten auf einer bescheideneren Stufe.

       *       *       *       *       *

Manchen Menschen wrden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen, und zu
Mundwassern, Seife, Thermosflaschen, Petroleumfen usw. beigepackte
Erklrungen und Referate fr lebenslngliche Lektre vllig gengen.



1911


Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren Zeit den
literarischen Jargon hinaus und man wird viel gewonnen haben.

Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise die
humanistische Ablehnung der Bibel, als einer Gefahr fr den klassischen
Stil.

       *       *       *       *       *

An 'Geist' fehlt es heute so wenig, da man ihm aus dem Wege gehen mu, um
nicht vom berdru erfat zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat
etwas von einem Varit, darin Athleten, Jongleure, Akrobaten auftreten.
Eine Zeit, die den intellektuellen Biceps so eifrig und coram publico bt
und spielen lt, erfllt damit gewi eine bestimmte bedeutende Aufgabe,
aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde von niemandem gewnschtes
Massenangebot bloer Kunstfertigkeit destruktiv.



1912


Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewut wre, die in seine
Hand gegeben ist, wrde ein ungeheures Verantwortlichkeitsgefhl ihn eher
lhmen als beflgeln. Auch das Bescheidenste, was er verffentlicht, ist
Same, den er streut und der in andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.

       *       *       *       *       *

Entwurf fr ein Vorwort zu: 'Wir fanden einen Pfad'. Man glaubt, es komme
in neuen Dichtungen vor allem darauf an, da sie gewissen vertrauten
Empfindungen und Vorstellungen gengen, ja schmeicheln. Nun ist ja z.B.
das, was wir Deutsche unter einem Liede verstehen, etwas ungemein
Liebliches und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der reinen Musik,
sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt, den Wagner bedeutet,
Rckschritt nennen, werden fr ein wirklich gelungenes Lied ...

Aber diese so sehr verstndlichen und sympathischen Menschen sind in
diesem Punkte Trumer und Liebhaber, an denen die Entwickelung sacht aber
entschieden vorbeigehen mu. Es geht nicht an, bei einmal gewonnenen
schnen Dingen versunken stehen zu bleiben und, weil sie dem viel
angefochtenen Herzen so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu fordern;
als wollte einer blo von Blten wissen und das weitere Werden der Frucht
nur so mit in den Kauf nehmen. Gewi, ein ewiger Frhling wre ein holder
Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, als welche ganz anderen Zielen
denn unschuldigem Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst, deren
Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich weiter tastet, die dem
wahrhaft Neuen, das in unsere Zeit hereinfliet (nicht _dem_ Neuen
freilich, das in Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben
besteht) sich zu ffnen ringt, eine Kunst, die weder von den 'Neutnern'
akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet werden will, ja auch
nicht zu 'guter Kunst', -- denn in diesem 'gut' verbirgt sich hier nichts
weiter als 'das, was wir lieben', und eben das liebt diese Kunst nicht
mehr.

       *       *       *       *       *

Der Bekmpfung der Schundliteratur sollte die von fratzenhaften
Reklamebildern zur Seite treten. Nur die groe Trgheit in solchen Dingen
nimmt hin, was hier tglich auf Plakaten und in der Presse vor Augen zu
rcken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen, schdlichen
Wirkung solcher Zerrbilder auf jede, besonders aber auf jede jugendliche
Seele.

       *       *       *       *       *

Man wei, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verhltnisse zu
schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die sich fortwhrend
im Zustande der Mutterschaft befindet?

       *       *       *       *       *

Wir sollten gewisse Bcher mehrmals lesen, ehe wir darber sprechen. Etwa
einmal im Winter, einmal im Sommer -- und manche in noch ganz anderen
Intervallen. Was wir dann ber sie zu sagen htten, wrde vermutlich
ebensovielmal besser sein ... Und uns selbst wrde solche Selbstzucht
nicht nur zu besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen
machen.

       *       *       *       *       *

ber jedem guten Buche mu das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell
werden. Die Sonne innerer Heiterkeit mu sich zuweilen von Seele zu Seele
gren, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in Ordnung.



1913


Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere Liebe noch steigern: die
zu -- Dostojewski.

       *       *       *       *       *

Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als da,
sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, whrend es frher nur die
Reichen konnten.



NIETZSCHE

1896


Es gibt kaum eine grere Gefahr fr einen Menschen wie mich, als
Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein Whlen im Schmerz meines eigenen
Unwerts.

       *       *       *       *       *

Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft ehrwrdigen
_Bescheidenheit_ und einer Frmmigkeit zur Kultur anfnglich immer sagt:
Mchten andere es besser machen als ich.

       *       *       *       *       *

Ein ganzes Leben in Denken aufgelst, im Wort sichtbar geworden, strmt
vor unsern Augen, aus geheimnisvollen Grnden hervorbrechend, in
undurchdringliches Dunkel sich verlierend.

       *       *       *       *       *

'Also sprach Zarathustra!' -- wie? wenn dieser Kehrreim mit einem gewissen
Auguren-Lcheln gelesen und geschmeckt werden mte. Wenn er eine feine
Parodie auf jene Schluphrasen wre, womit noch jeder ethische Neuerer
bisher seine Stze gesiegelt, ein anderes 'Amen! Amen!', eine Schlu- und
Banngeberde, feierlicher Schauer voll fr den Glubigen, fr den Auguren
aber nur ein Lcheln mehr ... Wie beginnt doch die frhliche
Wissenschaft? ...



1897


Man sieht Nietzsche ins Auge und wei, wo das Ziel der Menschheit liegt.



1905


Wer mit Nietzsche denkt, 'widerspricht' sich auch mit Nietzsche. Wer sich
an seinen 'Widersprchen' stt, hat nie mit ihm _gedacht_ (noch mehr:
_gefhlt_) -- ist nie mit ihm geflogen.

       *       *       *       *       *

Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert schlielich ein Ma von
Intellekt, nichts weiter. Einen leidenschaftlichen Wegsucher aber wie
Nietzsche begreift man nicht blo als kluger Kopf; man mu ihm noch
obendrein ein bichen -- verwandt sein.

       *       *       *       *       *

Gewi, es gibt Zge, die ich Nietzsche, dem Menschen, verarge -- aus
Liebe. Nur kleine Zge, aber ich verstehe sie nicht an ihm -- oder
vielmehr: ich wrdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche dieser
Geist getaucht wurde, als er unter der Last seiner Gedanken, seiner
Einsamkeit und seiner Krankheit zugleich, ein ebenso furchtbares wie
groes Menschenopfer, zusammenbrach.

       *       *       *       *       *

'Also sprach Zarathustra' -- Nietzsche selbst htte diesen Titel und
diesen Refrain in frheren Jahren streng abgelehnt. Es ist die Tragik
dieses Buches, manchmal nicht mehr gefat und katonisch genug zu sein.

       *       *       *       *       *

Ad Zarathustra -- Vorrede.

1. Wo gbe es einen greren tieferen Prolog eines Schicksals! Wo ist das
Gleichnis und die Anrufung, diesem Bilde und diesem Gebet an Wrde,
Heiterkeit und Tiefe gleich?

2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg zur Wendepunkt-Wahrheit
aller irdischen Kultur. Man kann hundertmal ber diese Schluworte
hinweggesprungen zu sein meinen, bis man eines Tages erkennt, da sie ein
Berg sind, den man vielleicht nie ganz erklettern wird und von dem aus
Zarathustra die Wasser gen Osten und gen Westen hat flieen sehn.



1906


Es wird mir immer gewisser, da Nietzsche berall da versagt, wo er sich
bewut oder unbewut der Eitelkeit seines Geistes hingegeben hat. Htte er
diesen polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er stnde oft noch viel
grer da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch fr einen Denker, als sich
seinem Volk gegenber als Schriftsteller verpflichtet zu fhlen. Wenn
einer Denker geworden ist, das heit ein Mensch, dem das Nachdenken ber
menschliche Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden
ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken
mitzuteilen.

Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein _Kmpfer_. Er war ein Weiser
aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester.

Vielleicht htte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die Milde der
Weisheit ausgestrmt, nach ihren Blitzen auch ihre Wrme.

       *       *       *       *       *

Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer Gre eines der
schlechtesten Bcher, die es gibt. Er ist weder ein Volksbuch noch ein
Buch fr Verwhnte und Einsame, es ist ein Mischmasch von Grandiosem und
Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. Ein Vordrngen, ein Aufdrngen
persnlicher Stimmungen, ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren
'kategorische Erledigung' immer nur eine 'niaiserie' bleibt, ein Spiel mit
dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft gro und tragisch, fter
noch fast unbeherrscht und geschwtzig wirkt. Ein Buch, das nur durch
Reduktion seiner Reden auf etwa 12-20 zu dem klassischen zu machen wre,
was es zu sein wnscht.

Unglckselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Grten, gelastet.



1907


Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man halte ihren
biologisch-ethischen Grundgedanken sowie die Lehre vom bermenschen gegen
Kants kategorischen Imperativ, und sie werden ihm an ideeller
Groartigkeit nichts nachgeben und als leidenschaftlicher Appell an die
menschliche Armee in demselben Verhltnis zu ihm stehen, wie zum einfachen
'ich erwarte, da heute jeder seine Pflicht tut' das grandiose 'Soldaten,
vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!'

       *       *       *       *       *

Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war (soweit man sich so
ausdrcken darf). Sobald er sich ins Schlepptau nehmen lie, wurde er ein
Schriftsteller unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster.
Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch mehr mitgeregt.

       *       *       *       *       *

Ich kann damit nichts anfangen, -- Nietzsche sei vor allem ein groer
Knstler, ein groer Stilist, Artist gewesen. Was heit das, vor allem.
Was macht denn den groen Stil, wenn nicht der Mensch von berragendem
Rang, der geborene Fhrer und Schpfer? Und wo Nietzsche das nicht war --
und er verga manchmal seinen Rang und fhrte weder noch schuf -- da
taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein Manierist seiner
selbst.

       *       *       *       *       *

Nietzsche, die groe Antithese seiner Zeit.

       *       *       *       *       *

Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: -- Geistige Austern. Man
kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn Bchern --
verkennen.

       *       *       *       *       *

Welch ein unntzes Geschwtz, Nietzsche habe die napoleonische Natur
deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr Mller
also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons -- nicht liebt.



1910


Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.

       *       *       *       *       *

Nietzsche konnte mit den bisherigen fnfsinnlichen Erkenntnismitteln den
Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen ber-Menschen. Er
ward damit der letzte groe deutsche Philosoph -- ante Christum natum. Er
war, um in seiner Manier zu reden, der letzte -- Ante-Christ.



1911


Nietzsches Schicksal war, ber den Trmmern des komischen
Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der
'Bildung'. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu
zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben.



1912


Da Knstlerschaft und Knnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von
selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht
und was -- nicht nur wie -- gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer
unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in hherem Sinne
unfruchtbar. Ich wge meine Worte, denn wenn je einer, habe ich Nietzsche
_erlebt_. Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich wei auch, worin
er lange Zeit mein Hchstes war: in seiner Gre als Mensch; nicht in der,
ach nur allzu zeitgemen, Art seiner Philosophie. Die war Abendrte,
nicht Morgenrte und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die
-- Nacht.




THEATER

1905


Wer sich mit der Materie einlt, wird von ihr erschlagen. (Zu R.'s
Dekorationskampf.)

       *       *       *       *       *

Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die kunstrichtenden,
sondern schlechtweg die richtenden Geister.



1906


Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler aus seinen Worten machen
wird. Er mag sie so einfach setzen, wie er will -- dieser wird sie
vielleicht ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren feinsten
Gehalt verndern; er mag sie so leidenschaftlich gemeint haben, wie er
mag, dieser wird vielleicht nie im Leben bis zur Schwelle wahrer
innerlicher Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der
Ruberknstler par excellence. Aber oft auch ist der Ruber grer als der
Beraubte und der Schatz des Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn
erschlug, damit zu abenteuern beginnt.

       *       *       *       *       *

Wenn ich Schauspieler wre, wrde ich mir fr mein Studierzimmer zunchst
einen riesigen Spiegel anschaffen. Vor ihm wrde ich tglich mindestens
zwei Stunden verbringen und meinem Krper eine Geschmeidigkeit anzchten,
die mir spter gestattete, auch die leiseste Gemtsbewegung in
unwillkrliche Sichtbarkeit umzusetzen. Ich wrde mich dabei nicht in
malerische oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich wrde die Seele
ganz allein Herr sein lassen und ihr, ihr allein, meine Glieder dienstbar
machen. Unmittelbare bertragung dessen, was mich bewegte, wre mein Ziel,
so da man nicht einen Krper und einen Geist zu sehen vermeinen sollte,
sondern nur eins. Ich wrde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck
meines Innenlebens haben wollen, aber freilich die Art meines Innenlebens
wre bereits der Stil, den ich will. Er wre, meiner Natur entsprechend,
zugleich lebhaft und mavoll. Er wre, wie ich hoffen drfte eindringlich,
nicht aufdringlich. (Ich rede hier fast lediglich von der Darstellung
moderner Menschen.) Des weiteren wrde ich folgendes tun: Ich wrde mich
nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende Person zu verwandeln
suchen. Ich wrde wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, das
heit in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen Gehaben, mit ihrem
Charakter, ihren Gewohnheiten. Dazu gehrt allerdings eine eiserne Natur,
aber des Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, da er sich wie ein
Krieger mit allem nur mglichen Raffinement wider das Zerstrende seines
Berufes wappnen kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf ums Ziel
und nicht zum Behagen. Htte ich pathologische oder Verbrechernaturen
darzustellen, so wrde ich, wie Hermann Mller es gelegentlich tut,
Irrenhuser, und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl machte,
Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer sollen sich wochenlang in Drfern
aufgehalten haben, bevor sie ein Stck mit Bauern spielten. Das nenne ich,
auf die Eroberung des Andern, das wir nicht sind, aber der Kunst halber
einmal sein wollen, losgehen; das mchte ich vielleicht mit dem Namen
praktischer Dualismus bezeichnen.

Mag sein, da ich nichts von alledem tte, wenn ich Schauspieler wre, das
heit natrlich auch meiner ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim,
Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin, glaube ich, ich wrde das
tun, wenn ich das wre.



1907


Man mag das Wort 'Schmiere' zu seiner Bildung zum Theaterkritiker
brauchen, aber es wird von wahrer Urbanitt zeugen, wenn man es spter
jemals wieder zu brauchen -- ablehnt.

       *       *       *       *       *

Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen Schaffenden im Sinne eines
Schpfers zu nennen, so soll man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott
wird dann schon einmal zu ihm sagen: 'Schaffe eine Maus,' -- 'O nein,'
wird der Kritiker antworten, 'so ist nicht die Gabe meines Schaffens. Gib
mir ein Nashorn oder ein Knguruh, so will ich dir sagen, was ich daran
falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst werde ich noch
manches zum Thema sagen, was vielleicht interessanter ist als das ganze
Knguruh oder das ganze Nashorn,' -- 'Ja, ja,' wird der liebe Gott sagen,
'das mag wohl sein, aber wenn ich nun so klug gewesen wre wie du -- was
htte ich dann wohl anfangen sollen? Wie htte ich die Welt wohl aus mir
heraussetzen sollen, wenn ich erst etwas bereits Herausgesetztes htte
vorfinden mssen, um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedrckt,
um daran in deiner Weise schpferisch zu werden?'

       *       *       *       *       *

Wenn einer vorliest! was denkst, was fhlst du da alles! ... aber weil du
(auch) zuhrst, so wirst du ein Zuhrer geheien. Als ob dich das
erschpfen knnte: "der 'Zuhrer' war ganz ergriffen" -- O gewi, aber
vielleicht nicht blo als Zuhrer.

Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend
erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: 'Das also hast du vor,
diesen Weg willst du gehen!' .. Aber das kmmert den wenig, der vorliest.
Er 'liest vor' und du 'hrst' zu. Ich mchte, da du daraus ersiehst, wie
armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als
'Zuschauer' bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch)
zu, aber daneben -- was ist alles daneben noch mglich -- was begibt sich
alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher
Wrter struben. Es ist, als bnde uns einer eine starre Maske mit nur
einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert -- erwachen
wir doch und erkennen, da wir auch im Theater nicht Zuschauer allein
sondern unendlich viel mehr, nmlich durch keine Bezeichnung zu
erschpfende Wesen sind, und da wir daher auch im Theater alles erleben
drfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was
ein 'Zuschauer' erleben darf. Aber wir sind so ber und ber im Bann von
Bezeichnungen, da wir aus lauter Pflichtgefhl ihnen zu entsprechen,
keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich
noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden
zu mssen glauben, weil wir als 'Zuschauer' nicht ganz auf die Kosten
gekommen sind. --



1908


Zum Gastspiel des Moskauer Knstlertheaters.

Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen -- und
nicht nur Stanislawskis -- nicht widerstehen knnen, warum wohl? Weil von
den Russen das ausging, was in den Deutschen heute hchstens als
Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt:
Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose,
unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverstndliche Liebe. Es gibt
kein anderes Wort, hchstens da man noch sagte: innere Religiositt.
Hieraus quoll die letzte Schnheit dieser Knstler. Und zu ihr knnten
auch wir uns hinankmpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem
Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten,
sondern verstehend und liebend einander zu frdern, einander zu steigern,
einander zu vervollkommnen suchten.

       *       *       *       *       *

Es ist nur sehr viel leichter zu wnschen und von Groem, wie es sein
mte, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die groen
Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum
enthlt. Da mu man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht
gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in
den Punkten, in denen man gern befriedigt sein mchte, auf seine Rechnung
zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert erschpft sich noch lange
nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel
in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor
allen mglichen Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und
verbildete Grostadt-Kritiker, dem die Augen frs innere Leben und
Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mgen,
zumeist, weil die persnliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht
da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clichausdruck wie
Schmierenkomdianten abtun wrde; und ich bin weit entfernt davon, diesen
braven, willigen und frhlich-unermdlichen Soldaten der Kultur, mgen sie
im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit
einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo
Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, da ich ein
Gottseidank unverpflichteter Auenseiter bin und da der Berufsmensch wohl
unwillkrlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Einugigen, des
Monophthalmoden, verfllt. Das Eine Auge starr auf die Bhne gerichtet,
sieht er alles nur in der Kunstflche, whrend es in Wahrheit bis in den
Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese
Bhnenmenschheit da droben.



1909


Wie kann man einem Schauspieler 'die Wahrheit sagen' und zugleich den
Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja
Blumen, Steine, Tiere -- ist der Mensch der Liebe weniger wrdig? Schliet
denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr
Erkennen, desto mehr Liebe? So da, je mehr einer einen Schauspieler durch
und durch sieht, er auch weniger und weniger imstande sein wird,
richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts,
als seine eigene Unschnheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein
Weiser reden und fast wie ein Wilder.



1911


Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht
zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer
Zeit, da sie meint, man knne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange
herauspflcken und fr sich allein lsen.




SPRACHE

1895


Ein 'Wort' ist etwas unendlich Rohes: es fat millionen Beziehungen mit
einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die
Erde trocken und hart -- die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes,
aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut
wie vergessen.



1896


Oft berfllt dich pltzlich eine heftige Verwunderung ber ein Wort:
Blitzartig erhellt sich dir die vllige Willkr der Sprache, in welcher
unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkr dieses unseres
Weltbegriffes berhaupt.

       *       *       *       *       *

Ich habe oft bemerkt, da wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die
Sprache fr die Wirklichkeit untchtig machen.

       *       *       *       *       *

Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!

       *       *       *       *       *

Charleytantismus der Bhne.



1905


Ein Diletalent.



1906


Man mte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen
entsprchen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die
Fortsetzung davon _mte sein_), als Optativzeichen = (man) mte, sollte
haben, sein usw. Die Umkehrung :> = drfte _nicht_ sein, sollte _nicht_
sein.

       *       *       *       *       *

Erst das Wort reit Klfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache
ist in unsere termini zerklftete Wirklichkeit.

       *       *       *       *       *

Der Ausdruck 'Lieber Gott', ber den schon Nietzsche spottet, mute in der
Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal
aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick fr die unaussprechliche
Gewaltigkeit und Frchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen
hchster Personifikation das vertrauliche Wrtchen 'lieb' voransetzt.

       *       *       *       *       *

Unter brgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen
gefhlt hat. Brgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu
entbrgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.

       *       *       *       *       *

Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Schnheit und
Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du
mglich sind: in jenen kstlichsten Zwischenstadien der aufblhenden
Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie.



1907


'Ewiger' Schnee, welch ein gtiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja
stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre.
Gestorbenes Wort: Zufall.

       *       *       *       *       *

Prfe gelegentlich deine Adjektiva nach.

       *       *       *       *       *

Statt sehr geehrter Herr! knnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e!
Und statt hochachtungsvoll 2 o.

       *       *       *       *       *

Das trnenscksische A.

       *       *       *       *       *

Gewhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr
geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und schnst. Schlieen
wir nicht mit tausend Gren, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der
den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gru. Umarmen wir uns auch
nicht mehr brieflich -- ich rede natrlich hier stets nur vom Briefwechsel
unter Mnnern --; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit
ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen
Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in
Herzenssachen.

       *       *       *       *       *

Beim Dialekt fngt die gesprochene Sprache erst an.

       *       *       *       *       *

Der sterreichische Dialekt ist darum so hbsch, weil die Rede bestndig
zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er
gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der
Stimmungswiedergabe.

       *       *       *       *       *

Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man knnte ruhig fast
alles, was sie sagen, in Anfhrungsstriche setzen; denn es ist berkommen,
nicht im Augenblick des Entstehens geboren.

       *       *       *       *       *

Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts
andres als -- bellen, gackern, krhen, meckern usw. Verfolge nur einmal
die Tischgesprche einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der
Kartenspieler, kurz, all das Geschwtz, was nichts weiter ist noch sein
will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache
Lebensuerung.

       *       *       *       *       *

Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben,
nach etwas Abflligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.

       *       *       *       *       *

Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal
geheiligte Wrter, welche die modische Abneigung der 'Jetztzeit' ertragen
knnen. _Derselbe_, dagegen sich heute der berlegene Spott noch des
armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als
eine Unmenge anderer deutscher Wrter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort
solcher Art eine Mglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen
Sprachreiniger kann nicht entgehen, da just dieses derselbe in Mundarten
-- man denke an z.B. selch, sell, dersll -- ein hchst lebendiges Dasein
fhrt.

       *       *       *       *       *

Gott ist nur ein Wort fr 'sich'. Das Tier hat keines dieser beiden Worte.
Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich
und Gott. Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel.
Es gibt kein Wort, das auerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn
ergbe. Wer sich auerhalb der Sprache setzen mchte, findet keinen Stuhl
mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun wei ich wenigstens, da Wissen
Unmglichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielmnze, wie 'sein', wie
'Unmglichkeit' wie 'Sprache', wie 'auerhalb'. Es ist dafr gesorgt, da
wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese
widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer
Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines
Gottes wrdig.

       *       *       *       *       *

'Er gibt Frieden' (schreibt Amiel) 'und das Gefhl des Unendlichen,'
Welche Zusammenstellung, nur daraus erklrlich, da der Begriff des
Unendlichen noch nie erlebt wurde. So knnen Menschen Jahrhunderte lang
ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung
ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte knnen nur
solange gebraucht werden, als ihr mglicher Sinn nicht vllig zu Ende
gedacht wird. Wer 'Gott' siehet, stirbt.

       *       *       *       *       *

Philosophien sind Schwimmgrtel, gefgt aus dem Kork der Sprache.

       *       *       *       *       *

Groe geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.

       *       *       *       *       *

Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, da nun auch die
Worte alle 'gleich' gewertet werden.

Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen,
geschrieben wird, ein Individuum fr sich und nicht einmal demselben --
vor oder nachher geborenen -- Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je
irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein
Nachbar hrt das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und
der andre hrte: Schneehaufen.



1908


Die gleichen Worte sind einander _nicht_ gleich. Es gibt keine Tautologie.
Sondern alles ist pro -- cessus.

       *       *       *       *       *

Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.

       *       *       *       *       *

Es gibt gar keine Worte, die blo Worte wren. Sondern jedes Wort ist von
vornherein ein -- hchst individuelles -- _Urteil_. Man glaubt, a sei
gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.

       *       *       *       *       *

Freuen wir Deutschen uns, da unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib
schenkt und lehrt. Da sie der schlichteste Sinn bei uns als -- Mutter
empfinden darf. Und da wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere
ewigen -- Mtter schauen und verehren drfen.

       *       *       *       *       *

In dem lateinischen Wrtchen 'duo' ist nur das deutsche Du sichtbar
enthalten; das 'Ich' ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie
unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Wer
konversiert, der _spricht_ nicht.

       *       *       *       *       *

Zitate sind Eis fr jede Stimmung.

       *       *       *       *       *

Impressionismus -- Eindrucktum.

       *       *       *       *       *

Gro betrachtet ist alles Gesprch nur -- Selbstgesprch.

       *       *       *       *       *

Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja
-- diese Worte selbst.

       *       *       *       *       *

Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite 'die die' lese, so kann
mir schon bel werden. Wozu hat der liebe Gott das schne Wort 'welche'
geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher
und derselbe!

       *       *       *       *       *

Gingganz ist einfach ein deutsches Wort fr Ideologe.



1909


Wie eigentmlich hneln sich Schwyzerdtsch und Norwegisch!

       *       *       *       *       *

Wie ist jede -- aber auch jede -- Sprache schn, wenn in ihr nicht nur
geschwtzt, sondern gesagt wird.

       *       *       *       *       *

Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinpltze und Redensarten. Jede
Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe
des Denkers.

Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte
eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.

       *       *       *       *       *

Die Sprache ist eine ungeheure fortwhrende Aufforderung zur
Hherentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein
Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablssig
weiter hineintragen.

       *       *       *       *       *

Mit jedem Worte wachsen wir.

       *       *       *       *       *

Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit)
fr immer.

Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus.
Man kann kein Wort lesen oder hrend aufnehmen, ohne es zugleich aus
seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu _schaffen_. Beseelen heit
schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder
geschaffenes, das heit fr den Nichtbeseeler tot.

Man nehme ein paar beliebige Wrter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze
Welten von Schpfungen erheben sich, indem wir sie lesen.



1910


A.

Ich halte es fr unrichtig, ja schdigend, die Orthographie in Hinblick
auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren. Die Bedeutung der in
den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu unterschtzen.
Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische [Griechisch: thr] dabei
als reiner Unterton mitklingt, wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei
diesem Worte mich an sich mahnen darf (nicht mu), so ist das etwas
Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig
berauben sollten. Da denen, die von der Antike nie berhrt wurden, damit
unntiger Buchstabenballast aufgeladen wird, kann meiner Ansicht nach
solange kein Gegengrund sein, als in geistigen Dingen den geistigen
Menschen einer Nation und nicht den andern zunchst ihr Recht zu wahren
ist.

B.

Vielleicht doch nicht. Der Klgere gibt nach. Dem Geistigeren ist es eine
Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unzhligen wohlgetan und
gentzt wird. Du lufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu gro und tief
dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du
verstehst, wie das Wort Liebhaber hier gemeint ist. Mchten wir doch alle
mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf unsere eigene
Geschmacksbefriedigung auszugehn, mchten wir doch endlich diese
pseudoaristokratischen Allren berwinden und durch reifere, reichere
Gesichtspunkte ersetzen.

       *       *       *       *       *

Der Rckschritt im Alphabet der Buchstaben von R zu K kann einen
Fortschritt im Alphabet der Moral bedeuten: Starr -- stark.



1911


Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.

       *       *       *       *       *

Wie sich in der Wortzusammensetzung 'Heilsarmee' fr den Deutschen eines
seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner weltlichsten Fremdwrter
verbindet, erscheint in der Heilsarmee selbst etwas Gttliches mit etwas
sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort
empfunden werden kann (obzwar nicht mu), wie das Wort Armee vor dem Geist
unserer Sprache.



1912


Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Mnzen schlagen, und Menschen,
welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.

Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die hchsten
Geisteskreise hinauf gebraucht und hngt oft noch dem Scharfsinnigsten als
Zpfchen hinten.

       *       *       *       *       *

Mit keinem Kder fischt Mephisto so glcklich, als mit allem, was im
Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fllt.

       *       *       *       *       *

Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse Worte wie
sittlich, vollkommen, edel, die Animositt dessen, dem sie irgend einmal
grndlich verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. Knigliche
Begriffe knnen nie von ihrem Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen
so scheint, wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bemchtigt
hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Diener, Berater und
Leiter gewesen sind?

       *       *       *       *       *

In einer nicht ganz natrlichen Redeweise liegt eine Gefahr fr den
Sprecher wie fr den Hrer. Das gilt vom persnlichsten Verkehr wie von
dem mit der ffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche immer ein
wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als vielmehr
bei irgend einem Spitz- oder bernamen. Damit wirken sie kurzweilig, fter
aber demoralisieren sie, und ob auch nur um einen Schatten, sich wie den
andern.



1913


Alles Schwtzen hat zur Grundlage die Unwissenheit um Sinn und Wert des
einzelnen Wortes. Fr den Schwtzer ist die Sprache etwas Verschwommenes.
Aber sie gibt's ihm genugsam zurck: dem 'Verschwommenen', dem
'Schwimmer'.




POLITISCHES SOZIALES

1895


Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr
abschlieen und begrenzen soll, und vergit, da gerade das
Unbegrenztseinwollen, das ber engen Nationalittsschranken stehen wollen
ihre Haupteigentmlichkeit ist.

       *       *       *       *       *

Man mu eine Operette wie den 'Rastelbinder' von Lehar hren, und zwar in
einem jubelnden Theater, -- um alle 'modernen Ideen' als Sentimentalitt
zu verwerfen. Nach einem solchen Abend knnte man sogar zu einer neuen
Inquisition ja sagen.

Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwtzer in solch ein Theater
fhren und nachdem die Zwerchfelle und Trnenscke nach Schlu des ersten
Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll -- regieren?



1896


In Arco:

Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmnnern die Luft in Pacht.



1904


Es ist etwas ganz Eigentmliches, wie verschieden die Menschen
verschiedener Erdstriche ihre Zune bauen. Ich erinnere mich z.B. bei
Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu
Trnen rhren knnen, wie die Steinzune des Tessin ...



1905


Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen Mnze
ebenbrtige Geldstck, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als
'unpraktisch' abschaffen.

       *       *       *       *       *

Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preuens Gre. Mge es dies
Talent feiner und feiner ausbilden und dafr lieber auf Gebieten
nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialitt schlechtweg
ankommt. Menzel ist der preuische Knstler an sich. Menzel sollte eine
religise Formel fr die Preuen werden. Denn was leistet damit der
Preue: Die ganze _Vorarbeit_ des schrankenlosen und hchsten Genies und
damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Flei ist, also vier
Bestandteile von fnf mgen 'preuisch' genannt werden. Preuen, wenn
irgend ein Land, hat noch den Gedanken der _Zucht_. Hier ist sein Weg zu
seiner Hhe, wie er es immer gewesen.

Darum soll Berlin das preuische Element in sich nicht abtten, sondern
steigern. Es hat es bereits zu sehr gemiachtet. Schinkel baute preuisch;
es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast
nchternen Gebude jener Zeit, an deren Stelle eine zgellose Horde von
neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre wsten Massenproduktionen
gesetzt hat. Der Preue hat keinen andern Weg zur Kunst als den der
Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er
bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und
ffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder
nehme sie wenigstens so weit in sich auf, da er sie ganz aus seinem
schlichten, nchternen Geiste wiedergebre, wie es Schinkel tat, dieser
Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr
liebe.

Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und
Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier
selbstndigen Seiten wieder und erlse es damit aus dem Zustand einer
Migeburt -- oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann
diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur Hhe der
Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der
Rechte es anfat, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelmigen
langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Groartigkeit. Man rume
nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.

       *       *       *       *       *

(Staat, Stil, Sittlichkeit)

Vom hchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.

       *       *       *       *       *

Disziplin ist Abkrzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit
seiner Arbeit vorwrts als der Sddeutsche, wobei er durchaus nicht der
Produktivere zu sein braucht.

       *       *       *       *       *

Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich
entschliet, neuen Adel aus sich zu zchten. Die schnsten Dinge auf Erden
sind nur durch Adel mglich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das
schnste Ding der Erde.

       *       *       *       *       *

Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein
einziger wirklicher Mensch wrde das alles ber den Haufen werfen. Wieviel
liee sich da _individualisieren_!

       *       *       *       *       *

Es mte Anekdotenerzhler geben, die durch die Krankenhuser gingen. Eine
gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender
mte noch lcheln, wenn er von dem franzsischen Landedelmann hrte, der
sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, da er sein Leben lang
Prosa gesprochen htte.

       *       *       *       *       *

Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europischen Friedens: England.
Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum mu es isoliert werden.

       *       *       *       *       *

Eine der schnsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede
beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr,
Frulein, gndige Frau.

       *       *       *       *       *

Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch
Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte,
knnte, mte. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden
Versenkung ins Nchste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren
Trachten ber den 'Tag' und sein Leben hinaus. Ich mchte sagen, der Drang
ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.

       *       *       *       *       *

Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder
Gelegenheit auf seine 'Geistesheroen', die doch fast immer nur im
Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil
bedacht wie der Nachbar.

       *       *       *       *       *

Wir Deutsche haben nicht nur rmisches Recht, noch viel mehr rmischen
Geist im Leibe. Das Haupthindernis fr uns, unsere 'Seele' zu entdecken,
ist, da wir immer noch zu sehr darauf achten, da alles, was wir von uns
aussagen, auch ins Lateinische bersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des
rmischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Rulands, der ersten
rcksichtslos modernen Rasse.

       *       *       *       *       *

Die sozialistische Lehre -- das Brot der Armen.

       *       *       *       *       *

Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und
Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will
vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein -- Schwangerer ist? Man wrde
den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der
Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken.



1906


Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft
gekommen sein werden, dann fngt das Blut berhaupt erst _an_, zu flieen.

       *       *       *       *       *

Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegfhren, Ihr Menschen, ist nicht mehr
und nicht weniger als -- Selbstmord. Ein Volk wrde ein anderes Bild
bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige groe Familie wre. In
einer Familie fhlt sich jedes Mitglied fr das andere verantwortlich.

Alle fr jeden, jeder fr alle. Statt dessen lebt man in unsern groen
Vlkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder fr sich: Alle fr mich.
Was kmmert den Brger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitbrger auf
seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses
Mitbrgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er
ihn auf 'zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind'. Dann zieht
er pltzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus
seinem Dunkel hervor. Und seine pltzliche Begeisterung wirkt ansteckend,
-- mein Gott, gewi, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, --
kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den
frhlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein
Schwert ...

       *       *       *       *       *

Im Himmel, knnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben.
Man wird zwar seine smtlichen Brieftrger dort wiederfinden -- denn der
Brieftrger kommt eo ipso in den Himmel -- aber sie werden alle selige
Engel und auer Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal
deiner Tage und Nchte.



1907


Alles Jdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der grte Jude, ist auch
der grte Destruktor der 'Welt'. Spinoza ist nichts andres und wird darum
auch von dem jngsten jdischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft
als Antiteleologe ber alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst
kommt vielleicht die tollste Zerstrung in Gang, die die Geschichte des
Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese dmonischen Revolutionre
den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie
Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein
Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm
alle Mittel, er lebt und stirbt fr selbstgeschaffene, irdische, hiesige
Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen
adeln, formen, berwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind
die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bsen Gewissen.

Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren
hineinzuhorchen.

Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist fr mich vor
allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein
jdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug
dazu, oder, anders ausgedrckt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht
so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch
seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr
zeitweilig, das wute auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus ber die
'Welt' hinweg. Den Germanen aber ist diese 'Welt' doch zu sehr selbst
Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr
ber die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die
Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mute ihm eine Brgschaft mehr sein,
da dieser verhate Wahn von einem auerweltlichen Gott eben nur ein Wahn
sei. Und nun mit dieser bestrkten Souvernitt in sich ging er hin und
wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich
vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so 'in der
Beschrnkung' der 'Meister', als den wir ihn immer wieder erleben.

       *       *       *       *       *

Alles ffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist
von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.

       *       *       *       *       *

For the happy fews -- sollte das doch aller Weisheit Schluwort zur
ffentlichkeit sein?

       *       *       *       *       *

Fr mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein
groes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgltigkeit und Kleinlichkeit
verkmmern lt, dann steigt mir der Zorn auf.

       *       *       *       *       *

Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen
denken. Ich mchte lieber selbst ein Pole sein, um glhend an der inneren
Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von auen dem Schauspiel
seiner Schmach und Schwche beiwohnen zu mssen.

       *       *       *       *       *

Am Vollblut sprst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht
gelten lassen. Wohin kme ein stiller Beobachter, wenn er die
gegenwrtigen deutschen Zustnde an einigen groen Gedanken Paul de
Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von
allem gegenwrtigen Leben zurckziehen wollte, weil es ihrem erhabenen
Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren
mchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der
Verneinung. -- Aber eine bestndige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege
die Entwickelung htte einschlagen knnen und welche sie eingeschlagen
hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der
Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden
mssen, den die Deutschen nicht verdient haben.

       *       *       *       *       *

Organisation ist das groe Wort, dem die Zukunft gehrt.

       *       *       *       *       *

Darf einem die Organisation der rmischen Kirche keine Bewunderung
einflen -- als eine der wenigen groen Machtgebilde auf Erden, die
dauern?

       *       *       *       *       *

In der Gesellschaft luft alles darauf hinaus, da einer vor dem andern
den Hut abnimmt. 'Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir
abnimmst.' Ein stillschweigendes bereinkommen, das den, der klug und
'liebenswrdig' in seinem Sinne handelt, in der 'allgemeinen Achtung'
auerordentliche Grade erreichen lt.

       *       *       *       *       *

Du erklrst, du fhlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast
mehr als da du sie liebst. Gut. Ich verlange weder soziales Gefhl von
dir, noch Verehrung des 'Nchsten'. Aber wenn du neben dir einen Hund
verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das
versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, da du mit einem
Mitmenschen fhlst wie mit einem Hunde, nmlich: Im Fall der uersten
Not: solidarisch.

       *       *       *       *       *

In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie
auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr
(welch berlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.

       *       *       *       *       *

Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur
in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen,
von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den
Komdianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein
Weib bleibt, das heit ein Geschpf, von dem vollkommene Sachlichkeit
weder verlangt werden darf noch will. In der groen Universitt der
tglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut
der ehrwrdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke,
sollte der Lehrstuhl fr die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten
des Kellners besonders sorgfltig besetzt werden. Wann brigens wird diese
Universitt, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der
bereits unzhlige Anstze vorhanden sind, ins Leben treten?

       *       *       *       *       *

Es ist ganz gewi, da die Menschen erst _anfangen_ werden, im Geist zu
leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue
Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der
Langweiligkeit und Mittelmigkeit der heutigen Geschfte bleiben. Die
Phantasie wird ihr groes Zeitalter antreten, Organisationen werden
entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und
werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen
dann strker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust
zur grtmglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen
Sinne. Weil man dann wieder jene hhere Art des Genieens, des
Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa
erfllte, und in deren Bann unzhliges Volk allen Schlages und Ranges
wieder einmal bewies, da es noch ein ganz anderes Glck bedeuten kann,
mit einem 'vive l'empereur' auf den Lippen zu sterben, als mit einem 'ni
Dieu ni Maitre' zu leben.

       *       *       *       *       *

Manche Leute mssen ber ihre Dummheit durchaus ffentlich quittieren.

       *       *       *       *       *

Einen Krieg beginnen, heit nichts weiter, als einen Knoten zerhauen,
statt ihn auflsen.

       *       *       *       *       *

Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen -- bis man eines Tages
erkennt: nein, der Krieg gehrt vielleicht noch immer unter die tragischen
Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt,
da selbst dieses schreckliche Mittel dem Menschen nicht mehr ntzt, als
es geschieht; da es ihn wohl tchtig erhalten mag, im gegebenen
Augenblick in den Tod zu gehen, aber da es ihn nicht tchtiger dazu
macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.

       *       *       *       *       *

Lehrer-Komdie: Die Armut der Lehrer, whrend die Staaten Unsummen fr die
Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer fr 600 Mark sich leisten
knnen, bleiben die Vlker so dumm, da sie sich Kriege fr 60 Milliarden
leisten mssen.



1908


Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung,
inwieweit Asien entscheidend war.

       *       *       *       *       *

Deutschland, der groe Lyriker unter den Vlkern.

       *       *       *       *       *

Jede ernsthafte 'Bewegung' ist tchtig, aber Tchtigkeit ist vielleicht
das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.

       *       *       *       *       *

Ein gewandter Dieb ist ein -- teures Kunstwerk.

       *       *       *       *       *

Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur
zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur
Einzelpersnlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die
Volkspersnlichkeit zugleich wohl wieder in einer hheren Einheit aufgeht,
usf.

       *       *       *       *       *

Der moderne Jude -- als Denker -- wird selten glauben, das heit ahnend
ergreifen knnen. Aller Gottesgedanke knnte nmlich, so frchtet er, doch
am Ende nur die feinste Blte einer groen -- Dummheit sein. Sich dem
Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, dnkt seiner
mitrauisch gewordenen Seele unertrglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht
den Mut durch das Anonyme _hindurch_ zu strmen, er ist eben berall kein
Krieger, er mchte gern um es herum. Aber man mu mitten in den Nebel
hinein, das ist es. Und: Gott lt sich (so wenig wie Goethe) -- Brillen
gefallen. Und: ohne ein gewisses Ma von Blindheit ward noch nie ein
Seher.



1909


Damit, da der Jude sich immer geistig berlegen dnkt, kommt er nie zu
berlegener Geistigkeit.

       *       *       *       *       *

Ich glaube nicht, da ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten
hat wie ich, und zugleich so viel von ihm hlt. Dies mag mir ein Recht
geben, an sein Problem zu rhren.

       *       *       *       *       *

Oh, wenn erst die Leidenschaft fr den Planeten als solche uns ergriffen
haben wird, der groe amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr
geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen
Kraftproben einer noch dunklen Periode berflssig machen! Denn freilich:
das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur
einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst mu der Geist der
Vlker den neuen Aufgaben, den neuen, hheren Ambitionen gewachsen sein,
zuerst mu ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer
anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich
sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft -- berwunden.

       *       *       *       *       *

Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen groen Schlchter schmhen heit
nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter
ffentliche Ruhestrung.

       *       *       *       *       *

An Napoleon mu man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der
Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, Tlern, Drfern und
Stdten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die
Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er,
gleich dem Monde das Meer, all dies schwerfllige, schwerflssige Leben
bermchtig zu sich emporzwang, so da es auf eine Weile in ihm seinen
natrlichen Mittel- und bernatrlichen Hhepunkt fand.

       *       *       *       *       *

Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur
etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer
und berall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der
mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber.

       *       *       *       *       *

So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom jngsten
Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.

       *       *       *       *       *

Die 'bessere' Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne
unwissende und ungebildete.

       *       *       *       *       *

Nicht da ein Frst in allen Stcken der Seinen Herzog sein mchte, ist
der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Vermgen nach nicht sein
kann, nicht _ist_. Nicht nur einmal -- zehnmal Absolutismus -- und _nicht_
Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.

       *       *       *       *       *

Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zurckkehren. Lat
erst einmal Einen Geist ber die Vlker kommen, und sie werden nicht
_mehr_ begehren, als sich in ihren geborenen _Fhrern_ auch sichtbarlich
zu gipfeln.



1910


Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu
sagen oder sie minder schlagend zu sagen.

       *       *       *       *       *

Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der 'Verpflichtungen'. Sie
macht unsere Strke und unsere Schwche.

       *       *       *       *       *

Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europischen Negers. Um die Zeitung
verkauft er dem schlauen Hndler Ahriman mindestens das eine Horn seiner
Weisheit.

       *       *       *       *       *

Jede Zeit schweigt zunchst das Grte tot, das in ihrem Schoe ruht; geht
dies nicht lnger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf
alle Weise zu vernichten.

       *       *       *       *       *

Was das Fazit der europischen Rstungen sein wird? Der mglichst
vollkommene dluge aprs nous.



1911


Man mag in den Rstungen eins nicht bersehen: Das Zchtungsmoment. Ist
der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf
eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preuens Mission z.B.
ist gewilich nicht nur die der Geschichtsbcher. Wer einmal ein echter
Preue gewesen, der -- knnte jemand zu sagen versucht sein -- wird so
leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem
spteren Erdenleben).

       *       *       *       *       *

Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas
vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch
das 'rote Tuch' in dem Etwas. Nie wird gegen 'etwas' vorgegangen, immer
nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Vlker gegen einander ziehen, so
strzt ein jedes blo gegen rotes Tuch: denn wie knnte ein Volk wider ein
andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wren, wenn nicht
unaufhrlich von hben und drben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht wrde,
so da die Vlker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander
anrennen.



1912


Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, da er sich zu wenig mit
Politik beschftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht 'whlt', wird
leicht Verrter gescholten. Aber wie? Whlt er wirklich nicht, ergreift er
wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist
es ihre Schuld, da die hchsten Geister, die sie als Fhrer verehren und
whlen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im
Parlament der Menschheit sitzen?

       *       *       *       *       *

Man kann an Vlkern und Vaterlndern auf mancherlei Weise bauen, es gibt
nicht blo die Schpf- und Schpferkelle der Wahlurne.

       *       *       *       *       *

An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten,
das heit es lieben, das allein heit mehr und anderes, als seinen
unaufhaltsamen -- Verfall wollen und mitbewirken.

       *       *       *       *       *

Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten,
indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht
sagen, man glaubt, es knne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll
anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen mssen ihren Gang
gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. fr sonderlich
wahrscheinlich hlt, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie
gegenwrtig des Losbruches harrt, knne dem Versucher eines Tages in den
Hals zurckgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die
Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine
Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, da die
Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar
bekmpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem,
wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis wei. Nicht also
um fromme Wnsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des
groen Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer
Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.

       *       *       *       *       *

Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Sptling ereiferten sich
unter anderem ber die 'Extravaganzen' der Heilsarmee. Sie hatten noch
immer nicht begriffen, da mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas
zu schaffen vermag und gewillt ist, und da es unter Umstnden mehr
bedeuten kann, der 'dumme August' in der Manege als der Baron in der Loge
zu sein.

       *       *       *       *       *

Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorbergehend
vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn
irgend mglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht
umsonst und ohne Sinn mu die eine Seele noch uerlich dienen, whrend
die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie mu noch grobe
Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der
Verschiedenheit aller Lebensverhltnisse; wir aber sind zu Feinarbeit --
auch an ihnen -- verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens
und mssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur
immer mglich ist. Auf sichtbare Erfolge mssen wir dabei ebenso
verzichten lernen, wie wir uns davor zu hten haben, sie unseren
Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spren zu lassen. Wenn wir nur
nie die Achtung vor der unsterblichen Individualitt, die in ihnen
verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen
Geschwisterwesen, wird vieles Mgliche an ihnen vermieden und getan sein.




KRITIK DER ZEIT

1896


Das einzige, was uns in die Zukunft hineinhelfen mag, sind einzelne
glckliche Geburten; ein tragischer Trost fr einen allgemeinen Miwachs.



1904


Lustspielfigur. Letzte Menschen (Erfllung des historischen Zeitalters).
Professor, der eine Geschichte des Wrtchens 'und' schreibt. Der
Historiker des Wrtchens 'und'.



1905


Mu nicht der Tod etwas sein, ohne das der Mensch nicht leben mchte? Ohne
das er es nicht aushielte zu leben? Nein, ich will nicht unwillig sterben,
ich will freudig und dankbar sterben, dankbar fr die Mglichkeit, mich
denen anreihen zu drfen, welche als Opfer gefallen sind, um mit ihnen und
fr sie gegen die Lebendigen zu protestieren, welche die Erde zu einem
schlechteren und unanstndigeren Aufenthalt machen als das Grab.



1906


Der Tag ist abgegriffen, lat uns in den Morgen zurcksteigen.

       *       *       *       *       *

Welcher Mensch kann das Groe und Echte lieben, ohne das Kleine und
Unechte zu hassen? Antwort: Der 'moderne' Mensch.

       *       *       *       *       *

Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits eine Gewohnheit geworden
wie Essen, Trinken und Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was fr ein
trges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es
groer und grter Schrecken und Trbsale, damit er nicht immer wieder in
Schlaf versinke!

       *       *       *       *       *

Man knnte Kulturperioden von ungeheurer Gre trumen: Aber, so wie die
Masse der Menschen bewillt und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst
durch Mdigkeit kommen, erst dann, wenn es sich der Weisheit nicht mehr
verlohnt.

Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, da Gre nicht so nebenbei im
Weiterabwickeln tglicher Geschfte und Notdrfte erreicht werden kann?
Frage doch herum, wer sich heut noch fr solche Riesenorganisationen, bei
deren Herauffhrung ganze Generationen keine Rolle spielen drften,
erwrmen mchte? Der eine wird dich verstndnislos anblicken, der andere
seine Geschfte, den tglichen Zwang seines Lebens vorschtzen, der dritte
wird gerade verliebt sein, der vierte ist Knstler und hat keine Zeit, der
sechste glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er interessiere
sich lediglich fr sich selbst und seine eigene Vervollkommenung, in ihm
knne Gott allein verwirklicht werden, es gbe kein Ziel fr 'die
Menschheit', nur _sein_ Ziel und darum sei er fr keine Utopie, als welche
den Menschen nur von sich und seiner innersten eigentlichsten Aufgabe,
sich in sich selbst zu vollenden, weglocken knne. Und dieser siebente hat
vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein hheres Recht, das
heit eine hhere Macht das Heft aus der Hand nimmt. Nmlich der Despot,
der zugleich Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der Knig Platons.

Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo ist er? Wo kann er
kommen? Der letzte Ort, wo er noch mglich gewesen wre, war Ruland. Aber
mit der Unfhigkeit der dort Regierenden hat der Mensch eine seiner
auerordentlichsten Mglichkeiten verloren. Denn _freiwillig_ wird kein
Volk mehr zur Kastenbildung zurckkehren; dafr ist es das Ungetm mit
Millionen Kpfen, das nur Sinn fr sich und seine nahen Interessen, das
keinen Ehrgeiz und keine Schpfersehnsucht hat. Das Wirtschaftliche tritt
mit ihm in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens anstelle jeder
Ambition, etwas Hheres aus ihm zu machen, aus ihm, das als solches doch
nur Stoff ist, Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf die
Stufe der Tierheit _zurck_, whrend er sich zum Brger eines irdischen
Himmelreichs zu _erheben_ glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich
selbst allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch als Schpfer
ab. Der Geist wird ber diese endlose Horde noch ein letztes Abendrot
ergieen, dann wird auch er dumpf und verstrt die Hhlen der Einzelseele
aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und Sektierern erwecken. Eine
Anzahl wunderbarer Individuen werden dann vielleicht noch ber die Erde
wandeln: Die groen Verzichter und Durchschauer des Traumes Mensch,
einsame Halbgtter, inmitten des Fiaskos des Versuchs der Erde, im
Menschen zum Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese Menschen,
die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit aller irdischen Historie in
sich tragen, die grten und erschtterndsten Menschen sein, die je gelebt
haben. Aber kein Tempel ist um sie -- auf unendlichen Trmmern schlagen
sie ihre Harfen der auch sie einst verschlingenden Nacht entgegen.



1907


Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine schlimme Laxheit
mitbekommen. Das Verstndnis fr unerbittliche Forderungen ist mehr und
minder gesunken. Beweist das nicht, da der Mensch die Vorstellung eines
gerechten Gerichts nach dem Tode (vollstrecke sich das nun selbst mit
Naturnotwendigkeit oder werde es vollstreckt) -- braucht? Braucht -- und
sei es nur: um nicht unter seiner eigenen Mglichkeit zu bleiben? Wird man
wirklich seine Persnlichkeit mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man sie
nicht -- fr eine unbekannte Zukunft ausbilden zu mssen meint? Was sind
alle Appelle der Erde gegen jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit?

Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja, _auch_ das. Wie wre Groes
entstanden, ohne dies Ingrediens? Und wre es etwas Schimpfliches, sich
vor dem Frchterlichen -- und ist das Geheimnis der Welt, des Lebens nicht
frchterlich? -- zu frchten? Man fhrt heute die 'Entstehung der
Religion' (welch ein Ausdruck!) vielfach auf Furcht zurck. Nun, ihr
armseligen Psychologen: nicht diese Furcht war das Trbselige, sondern
euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel an Gefhl, Phantasie,
berlegenheit. Jawohl, berlegenheit. Ich kenne nichts Untergeordneteres
als den Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas _erklrt_. Der
Wissenschaft nicht blo als eine gewaltige und fruchtbare bung des
Menschengeistes betrachtet, nein: als etwas, das ihm wirkliche
Wesensaufschlsse ber Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, da alles nach
denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe, ist doch kein Wesensaufschlu!
Oder den Bau des Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein
beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschlu! Das ist
Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden, ganz gewi; aber _Joseph_ war
Tischler, nicht Jesus. Was wei Joseph, der Handwerker, vom Geist und
Wesen der Dinge?

       *       *       *       *       *

'Geist' ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich eigener
Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldstck im Rinnstein.



1908


Wir mssen aus der wissenschaftlichen Idylle endlich wieder ins Groe
kommen. Wieder Atem holen lernen, das ist es. Das Netz, das die
'Geschichte', die 'Weltgeschichte' ber uns geworfen, als Netz erkennen
und seine Maschen so weit machen, da wir jeden Augenblick frei sein
knnen, den wir frei sein wollen.

       *       *       *       *       *

Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte frei. Ich sage nicht:
von der Geschichte, ich sage: von der Tyrannei der Geschichte.

       *       *       *       *       *

Die Zrtlichkeit, womit sich der moderne Mensch behandelt, ist
erstaunlich. Was alles ist nicht 'fr sein Innenleben wichtig'! Man liegt
heute auf den Knien vor diesem seinem 'Innenleben'. Aber es ist nur eine
andre Art Mops oder Affenpintscher, wofr nun die ganze Welt als Kichen
und Zuckerchen gerade gut genug ist.

       *       *       *       *       *

Unsere Zeit, welche die interessanten 'Aberglauben' frherer Zeitalter
selbstbewut entwertet, ist selbst nur weniger interessant, keineswegs
weniger aberglubisch, und wird einst ungleich anderer Nachsicht der
Betrachtung bedrfen, wenn sptere Geschlechter eingesehen haben werden,
da dem Menschen, unbeschadet aller begreiflichen und jeweils sogar
notwendigen Vordergrundsoptiken, als letzte Hintergrundstimmung doch nur
Eines ziemt: Bei Gott kein Ding fr unmglich zu halten.



1909


Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen 'heutigen' Geist nur einmal von oben
sehn knntet. Eure Wissenschaft, eure Kunst, euer tgliches Leben! Nicht
um dies alles gering schtzen, o nein, nichts weniger als gering, sondern
um es _richtig_ schtzen zu lernen. Eine Menschheit, die zu sich selbst
und ihrem Treiben noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif,
so erwachsen sie sich auch sonst gebrden mag.

       *       *       *       *       *

In und trotz aller Geschftigkeit -- wieviel Verschlafenheit, wieviel
Vertrumtheit! Das wacht oft ein ganzes Leben lang nicht auf. Rttelst du
aber zu unsanft, so magst du leicht einen Sto vor die Brust bekommen, wie
von einem Schlaftrunkenen, den man vorzeitig strt. Trste dich mit diesem
'vorzeitig'. Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl auch noch nicht,
_mu_ wohl noch -- schlafen.

       *       *       *       *       *

Hte dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich Gegenstand einer
-- Trauerfeier. Du bist vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke
aus dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das heit heute, so hilft
dir kein Todesgott vor dem endlichen 'Theater ber Dir', an dem der
Philister sich sttigen mu, soll er von dir berhaupt etwas haben.



1910


Man kann nicht bescheidener sein als der 'gute Europer', der vor einem
Universum voll Sternen, den tadellosen Zylinderhut seiner Wissenschaft in
der Hand, ein Bild weltmnnischer Reserve hochachtungsvoll und ergebenst
verbleibt.

       *       *       *       *       *

Der moderne Mensch 'luft' zu leicht 'hei'. Ihm fehlt zu sehr das l der
Liebe.



1911


Man mu die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden hren, um zu wissen,
was ein Parven ist.

       *       *       *       *       *

Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich wei, da ich nichts bin
und Ich befinde ber alles -- in der Riesen-Zwerg-Brust des aufgeklrten,
des 'guten' Europers. 'Ein Irrtum' wird erwidert. 'Wir befinden ber
keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach auf sich beruhen, als etwas
menschlicher Erkenntnis nicht Zugngliches. Was ich nicht wei, macht mich
nicht hei! -- sollte das nicht ein mnnlicher, ja ein heldischer
Wahlspruch sein? Genug, er ist unser Wahlspruch, und er deckt sich mit dem
des Peer Gynt: Jeg er mig selv nok'. (Ich bin mir selbst genug.)

       *       *       *       *       *

Es wre auerordentlich merkwrdig, da so viele selbst der Geistigsten
weit unter dem Niveau leben, das der Geist auf Erden schon einmal erreicht
und aufgestellt hat, -- wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe htte und
die heute verkrperten Seelen eben durch die Entwickelung dazu bestimmt
wren, sich gewissen Erkenntnissen ebenso entschieden zu verschlieen wie
andern vorbehaltlos Tr und Tor offen zu halten.

       *       *       *       *       *

Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs: 'Man darf jetzt
schon wieder -- nun z.B. von -- Gott sprechen.'

'Man darf jetzt schon wieder' -- das Siegel einer 'groen', 'freien' Zeit.

       *       *       *       *       *

Fr jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder
'ruiniert' werden mu. So auch: fr jede Kulturperiode. Die unsrige hat
diesen Zeitpunkt bereits berschritten. Sie kann trotz allem, was dagegen
einzuwenden ist, in einem gewissen sehr hohen Sinne nicht mehr ein
ausschlieliches Interesse beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich
ber ihren mehr oder minder glnzenden Abklang hinweg auf den folgenden
Abschnitt, dessen Aufbau, dessen Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun;
freilich aber auch dies: sich mglichst unmiverstndlich und allseitig ad
absurdum zu fhren.




ETHISCHES

1891


Die Menschenverachtung ist fr den nachdenkenden Geist nur die erste Stufe
zur Menschenliebe.



1892


Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde Bewutsein des
wirklichen Elends auf Erden, sonst wrden wir ber den Gefhlen einerseits
des Mitleids, andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere des
eigenen Lebens vergessen.



1896


Es ist etwas Frchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne Tragik
empfinden zu lassen.

       *       *       *       *       *

Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen von Geist: die
soll man nicht aussprechen. 'Oberflchlich sein' (oder scheinen wollen)
'aus Tiefe', das gehrt hierher. Eine schwere Forderung an den
Radikalismus der Jugend.

       *       *       *       *       *

Und immer wieder komme ich darauf zurck, da die Bewertung der
geschlechtlichen Liebe unter uns Heutigen eine krankhafte Hhe erreicht
hat, von der wir durchaus wieder heruntersteigen mssen.

       *       *       *       *       *

Es gibt noch eine grere Liebe als die nach dem Besitz des geliebten
Gegenstandes sich sehnende: Die die geliebte Seele erlsen wollende. Und
diese Liebe ist so gttlich schn, da es nichts Schneres auf Erden gibt.



1904


Hinter die Oberflche der Menschen sehen, hinter das 'Persnliche', das
Leben selbst in ihnen lieben.

       *       *       *       *       *

Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt oft in einem Blick
von uns, in einem Gedanken, um dessentwillen wir uns selber lieben mchten
und um den doch niemand je wei und erfhrt, als wir selbst.

       *       *       *       *       *

Glck? Sollst du Glck haben? Wnsche ich dir auch nur eine Spur von Glck
-- wenn sie nicht deinen Wert erhhte? Wert wnsche ich dir.

       *       *       *       *       *

Zum Thema Egoismus:

Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns selbst, nie das
andere selbst.

       *       *       *       *       *

Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes Programm, aber er
soll es wenigstens so taktvoll wie mglich vorbringen, nicht wie ein
Plebejer, der sich erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre
niedergebrllt hat.



1905


So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig
bin.

       *       *       *       *       *

Das Bild vom Sndenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als die --
moralisch gesehene -- Sichselbstbewutwerdung des Tieres. Den Eintritt des
'Geistes' in die Naturgeschichte.

Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen knnen, das ist, meine ich,
vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu uern.

       *       *       *       *       *

Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir mssen uns
durchaus gegenwrtig halten, da die Bestrafung eines Verbrechers durch
unsere Behrden nur den Schein der Gerechtigkeit fr sich hat, nicht die
Gerechtigkeit selbst; denn wie knnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen
einen einzelnen wenden, sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich
ausgebreitet she.

       *       *       *       *       *

Alles mu allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.

       *       *       *       *       *

Wer tief ist, mu sich schmen, sich so zu zeigen.

       *       *       *       *       *

Es gibt kein widerwrtigeres Schauspiel, als wenn aus einem Menschen ein
Berufspfaffe wird.

       *       *       *       *       *

Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der
bemht sich selbst in kleinen Dingen, wie dem Niedertreten des Grases,
schonungsvoll zu sein.

       *       *       *       *       *

Es ist leicht mglich, da die moralischen Vorstellungen allmhlich eine
nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische) Atmosphre
ber der Erdoberflche geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem
Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre eigene
Gerechtigkeit hat und bt. Daher dann jene oft beobachtete Justiz der
Geschichte, jene vielen 'gerechten Vergeltungen', jene moralischen
Ausbrche und Gegenstrme.

       *       *       *       *       *

Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte Ntigen bei
Tische. Dieses ewige Zureden in einer hchst untergeordneten Sache, die
jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, die auf sich
halten, verpnt sein.

       *       *       *       *       *

Auf Fhr:

Ich hre Anreden von Fremden an Eingeborene wie die folgenden: 'Sie tragen
noch die alte Tracht; bleiben Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen
Sie auch Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!' Oder: 'Nein, was ist Ihre
Tochter fr ein schngewachsenes Mdchen! Sehn Sie nur, meine Herren,
dieses schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder ...' Als ob diese
Halligbewohner, diese Nachkmmlinge der alten Friesen, Schaustcke eines
Panoptikums wren; als ob sie nicht mit Fug herabsehen knnten auf diese
zusammengewrfelte Gesellschaft halbkranker Gro- und Kleinstdter, die
mit all ihrer 'Bildung' nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen
gegenberzutreten hat.

       *       *       *       *       *

Meine Liebe sind allein die groen Unbedingten, die Glck oder Tod
bringen, die _sich_ vor allem bringen mit ihrem Geschmack, ihrer
Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn fr
Gre besitzen, eine tiefe unauslschliche Liebe zu dem, fr welches sie
geboren sind.

Und mein Ha: Die Geschmackler, die Renaissanceier, die 'Tpfegucker jeder
Stimmung' -- die qualligen stheten, die stupenden Magister .. all dieses
unproduktive und anmaende Volk, das die _Mode_ von heute ist, wo unser
innerstes Leben nach _Stil_ drstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft,
nach Mnnern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines
Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi.

       *       *       *       *       *

Niemand ist zu gut fr diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird,
sind vielmehr in irgend einem Betrachte _nicht gut genug_.

       *       *       *       *       *

Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.

       *       *       *       *       *

Die Mutter der Tiefe heit: Schuld.



1906


Tugend -- im gemeinen Sinne, nicht als virt -- ist sehr oft nur ein
Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt,
weshalb sie fr Menschen, fr die kein Grund vorliegt ein
auergewhnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste Art bildet, mit
einiger Schnheit durchs Leben zu kommen.

       *       *       *       *       *

Ich meine, es mte einmal ein sehr groer Schmerz ber die Menschen
kommen, wenn sie erkennen, da sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich
htten lieben knnen.

       *       *       *       *       *

Als Dank -- pour un sourire de printemps.

Als Dank -- pour un sourire de vie.

       *       *       *       *       *

Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwrtigt, mit der die Masse der
Menschen ihr tgliches Arbeitslos trgt, der wird sie namenlos achten
mssen, diese 'Menge', trotz alledem und alledem. Und wenn wir Geistigen
uns nur zu oft ber sie erheben: sie kann doch nie brderlich genug
geliebt werden. Und jedenfalls soll sie bestndig in unseren Gedanken
wohnen, auch in denen, die ihr etwa zrnen.

       *       *       *       *       *

Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und
unveruerlich die gttliche Wrde.

       *       *       *       *       *

Man mu Erdbeben sein und die festen Stdte der Menschen immer wieder zu
Falle bringen. Man mu ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben
in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man Urgestein sein mu,
dahinauf sich ein namenlos gengstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um
der Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und
verleumden mu, die den Erdboden zur schwankenden Welle machten, die den
Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird aus Himmel und
Sternen wieder ein Bild machen, man wird die Spinnweben alter Mrchen auf
offene Wunden legen mssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen,
das die Kulturen bisher hervorbrachten.

Der Brger und nichts als Brger ist ein trister Anblick, aber der aus
jeder und gar jeder Brgerlichkeit hinausgeschreckte Mensch, der
verfluchte Brger, der irre, friedlose, von jeder Gewiheit enterbte, das
personifizierte Grauen vor dem Unfabaren, der aus Tiefe wahnsinnig
werdende Mensch -- das wre der Untergang selbst. 'Oberflchlich aus
Tiefe' -- Lebenswort! Auf die Stirne von Tempeln!

       *       *       *       *       *

Der Mensch hat die Liebe als Lsung der Menschheitsfrage einstweilen
zurckgestellt und versucht es augenblicklich zunchst mit der
Sachlichkeit.

(Vergleiche z.B. die groen rzte unserer Zeit.)



1907


Enthusiasmus ist das schnste Wort der Erde.

       *       *       *       *       *

Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich fhlen und nennen.
Und am Ende wird er sagen: Wer wei sich mit hunderttausend Stricken
gefesselter als ich?

       *       *       *       *       *

Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft schuldig
machen, ist schrecklich. So wenn einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt:
das verlogene Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am
dritten Ort -- aber auch am vierten und fnften? -- Und wir selbst, die
wir so sprechen, sind es also an keinem? Nirgends verlogen, nirgends
angreifbar, nirgends verwerflich?

       *       *       *       *       *

Es knnen nur einigermaen gleiche Naturen in ihrem ganzen Umfang einander
erklren und abschtzen. Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er
nur schreiben gelernt hat.

       *       *       *       *       *

Man soll ber einen wahrhaft groen Menschen nicht reden. Denn worber man
bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf an,
wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden erscheint. Von diesen
unionibus mysticis aber kann man nur -- schweigen oder doch nur in
Momenten groer innerer Kraft zeugen.

       *       *       *       *       *

Glaube mir, es gibt nichts Groes ohne Einfalt. Der Mensch, das Individuum
ist Gottes Einfalt, ist einfltig gewordene Gottheit. In der Beschrnkung
zeigt sich erst der Meister.

       *       *       *       *       *

Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre sage ich, nicht 'Lob'.
Tadeln, ja ganz ablehnen knnen und doch immer noch ehren, das heit
fhlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen mu, so wenig ich eine
Blume in ihren inneren Organen verletzen mchte, so wenig mchte ich Dich
-- verletzen! das ist es.

       *       *       *       *       *

Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem Wege -- und sei
es zehnmal ein wider Sitte und Gesetz verstoender -- zur Freiheit strebt.

       *       *       *       *       *

Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer -- welch grober
Gedankengang! Als ob --

       *       *       *       *       *

O, wie erniedrigt doch die 'Konversation', wie verfhrt sie uns
fortwhrend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns gleich
darauf schmen, die nichts als hheres Geschwtz sind, das mit unserm
wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es dessen Teil an Torheit und
Schwche aufdeckt.

       *       *       *       *       *

Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, -- aber man mu mit diesem
Bedrfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede,
ausschlielich _geliebt_ sein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der
Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen. Sie wollen ein ganzes
Leben in Beschlag nehmen, aber dafr kein Leben der Kameradschaft, sondern
ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie
ewige Musik oder ewiger Frhling. Die Liebe verdirbt die Seele zur
Kameradschaft, sie ist kalt und hei, eiferschtig und unberechenbar, die
Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis
zu jedem mglichen Grade unegoistisch, sie ist der hchste Zustand
zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das Mittel zum Werden des
Kindes, aber die Freundschaft ist das Mittel zum reif und s Werden
deiner selbst.

       *       *       *       *       *

Wann wird dies sein? Wann wird das sein? -- Wann wir es uns verdient haben
werden.

       *       *       *       *       *

Beim Menschen ist kein Ding unmglich im Schlimmen wie im Guten.

       *       *       *       *       *

Wer nicht auch bse sein kann -- kann der wirklich tief sein?

       *       *       *       *       *

Bedenke, da der sogenannte gemeingefhrliche Mensch nur um deines
Behagens willen im Gefngnis sitzt, und da auf deiner Seite viel dazu
gehrt, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.

       *       *       *       *       *

Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit -- wo
Gutes gewollt wird -- ist zu nichts ntze. Umgekehrt, sie ist nur eine
Quelle immer weiterer Schwche und damit immer weiterer Mierfolge.

       *       *       *       *       *

Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens, aber vor
dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht.

       *       *       *       *       *

Finsternis wrde mich in krzester Frist um alles Glck und um allen
Verstand bringen. Gebt allen Menschen vor allem Licht und vorzglich den
Unglcklichsten unter uns, unsern Gefangenen.



1908


Wer sich gro verfehlt, der hat auch groe Quellen der Reinigung in sich.

       *       *       *       *       *

Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden Wesen, dem Menschen -- als
denkendem Wesen -- am meisten. Und dann Phantasie. (Aber was wre
Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden eine der
grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht kann der Mensch nur mit einem
gewissen Quantum von Feigheit und Trgheit -- existieren.

       *       *       *       *       *

Tugend -- Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz, der nur die Unseligkeit
des blichen Tugendbegriffs verrt, als etwas durchaus Negatives.

       *       *       *       *       *

Wem das allgemeine Wohl das hchste Ziel auf Erden dnkt, der tut den
Menschen gar nichts so Gutes, wie er meint. Man soll nie das Wohl, man
soll nur das Heil jedes Menschen im Auge haben, -- zwei Dinge, die sich
oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.

       *       *       *       *       *

Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher gestickt steht: Ein
Viertelstndchen. Aber ganze Generationen schlafen ihr ganzes Leben auf
ihr. -- Was ist dem Erwachten -- Geschichte? Das, was -- andre getan
haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein eigenes Tun denken kann.



1909


Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme.

       *       *       *       *       *

O helfen, helfen knnen -- es gibt nichts Greres fr menschliche Art!

Und nicht helfen knnen, nicht helfen drfen, es hat gewi nicht minder
bittere Trnen erpret als: wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen
haben.

       *       *       *       *       *

Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem ueren meist zu viel
Wichtigkeit beigelegt wird. Aber es ist damit wie mit der Kleidung. So
mannigfaltig sich der Mensch auch tragen mag, in der Hlle steckt allemal
Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe allerletzten Endes
unablehnbare Geschwister.

       *       *       *       *       *

Was ist der Mensch, da er nicht alles hingeben sollte -- um des Menschen
willen! In dem Mae, wie der Wille und die Fhigkeit zur Selbstkritik
steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.

       *       *       *       *       *

Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer wiederkehrt,
wird aufhren, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht sich Schulter an Schulter
mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft zwischen
ihm und sich. Mag der Andre noch sein Feind sein wollen, er selber
empfindet ihn nicht mehr als Feind; fr ihn fllt er, wenn er sich und ihn
sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der
Andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren, als
ihm zu helfen, zu ntzen, zu dienen. Er wei, wie alles zusammenhngt.
Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, sondern der Zusammenhang
liegt klar vor ihm.

       *       *       *       *       *

Frage und Prfung:

Was kannst du?

Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur
einen Schatten von Zorn wider den Bruder zu fhlen?

Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man
foltert dich, man hngt dich auf -- gesetzt, du fielest unter Wilde oder
gerietest vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte
amerikanische Volksmenge. Knntest du dann leiden und sterben -- ohne
Verwnschung?

       *       *       *       *       *

Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.

       *       *       *       *       *

Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit
aber den eigenen Herrn verstmmelt.

       *       *       *       *       *

Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie
vorschreiben drfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten.

       *       *       *       *       *

Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So gro ihre Muler auch sein
mgen, sie tun der Pflanze selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie
niemals. So handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur heit,
sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe die Kunst vom Leben zu nehmen,
ohne ihm zu schaden.

       *       *       *       *       *

Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient,
selbst tten mte, wrde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene
steigen.



1910


Man hte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen
lenkt einen blo von der groen Liebe ab, die sich allein auf die
Menschheit in ihrem Vorwrtskommen richten soll; dergleichen sind blo
Fallgruben der Eigenbrdelei, Sackgassen der Egoitt. Mag sich ins
Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Trume spinnen, wer die
Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der wei,
da es fr ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen
Realisten der Liebe.

       *       *       *       *       *

Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede Krankheit ist eine
Reinigung; man mu nur herausbekommen, wovon. -- Es gibt darber sichere
Aufschlsse; aber die Menschen ziehen es vor, ber hunderte und tausende
fremder Angelegenheiten zu lesen und zu denken, statt ber ihre eigenen.
Sie wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen und
interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr fr das Spielzeug des
Lebens, als fr seinen Ernst, als fr ihren Ernst. -- Hierin liegt die
wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen
gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien.

       *       *       *       *       *

Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb noch im
Schnee der Khle, Klte. Dann taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese
und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen; weie, unvertilgbare Flecken
bleiben zurck: nie werden wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit,
nie _ganz_ Liebe -- solang wir noch dieser Berg sind.

       *       *       *       *       *

Es gibt nur einen Fortschritt, nmlich den in der Liebe; aber er fhrt in
die Seligkeit Gottes selber hinein.

       *       *       *       *       *

Der Welt Schlssel heit Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen,
Sphen umsonst.

       *       *       *       *       *

Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren.

       *       *       *       *       *

Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, ist Egoismus, noch
nicht -- Liebe.

       *       *       *       *       *

So wie der Strom in das Meer mu, so mu der amor in die caritas.



1911


Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre
Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.

       *       *       *       *       *

A sagte zu B, der sich mit seinem persnlichen Schicksal herumschlug und
des Jammers kein Ende fand: Wie erbarmungslos bist du!

Wie erbarmungslos? gab B befremdet zurck und fgte, da er A nicht
durchdrang, nach einer Weile hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist!
(indem er meinte, dieser habe fr sein Unglck kein Verstndnis). Und
_wenn_ ich es gegen dich wre, erwiderte A, so wre ich es gegen einen
Einzigen. Du aber bist es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes
Leid, nicht auch das ihre. Du wrst aus ganzer Seele zufrieden, wenn nur
du allein getrstet wrdest, wenn nur dir allein unter allen Millionen
geholfen wrde. Prfe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch
strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, ihn selbstschtig,
hart und erbarmungslos zu nennen.

       *       *       *       *       *

Man mu von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst kann die
groe Liebe entstehen.

       *       *       *       *       *

Der Ha hat uns in eine solche Grobheit des Urteils und der Beurteilung
hineingesteigert, da wir nichts mehr rein zu sehen vermgen. Wir
vergessen, da es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn, sei es
einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen wir uns doch einmal entschieden
auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.

       *       *       *       *       *

Viele Menschen fhlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit gestrt und
fordern laut nach strengen strafrechtlichen Manahmen gegen den
Verbrecher.

Das ist verstndlich, aber es zeigt auch, woran es noch viel mehr als an
gesetzgeberischen Bestimmungen fehlt: An dem Bewutsein, an der Ahnung
wenigstens, was man selbst und was der sogenannte Verbrecher ist. Der
Verbrecher und ich sind nichts wesentlich Getrenntes, wir stehen im
engsten menschlichen Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht
auch sich selber tte, und wir knnen ihm nichts tun, was wir nicht auch
uns selber tten. Er ist nicht anders von uns verschieden, als unser Arm,
unser Bein, unser Auge. Nun heit es zwar: So dich deine Hand rgert, so
haue sie ab. Aber wenn ich die Hand abhaue, so fge ich mir damit einen
Schmerz zu, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte ich
ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr Fehlen etwas, was sich nicht
vergessen lt.

Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher vom Leibe schafft.
Dann schafft sie sich ihn eben vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der
entsprechende Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den sie nicht wieder
los wird.

       *       *       *       *       *

Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, da er als ruhiger Brger
seinem Tagewerk nachgehe, sie ist noch etwas darber: da er sich mehr und
mehr verinnerliche, sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt mehr und
mehr verchristliche.

Alle, die beispielsweise fr die Todesstrafe stimmen, wollen nicht die
Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat eines Bruders bringen und die
dann Frucht ber Frucht aus ihm zeitigen mte, sondern sie wollen ihre
Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungestrtes Weiterwirtschaftenknnen im
einmal berkommenen. Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden, wenn
sie einer gewissen Sicherheit genieen wollen, aber sie mten dafr, da
sie mit der einen Hand nehmen, nmlich Freiheit oder gar Leben vom
Mitmenschen, mit der andern Hand geben: nmlich doppelte, dreifache Liebe.

Sie mten nicht nur den andern sich, sondern sich zugleich dem andern
opfern, sich, das heit ihren Eigennutz, ihren Hochmut, ihre
Gleichgltigkeit, ihre Trgheit. Aber dem wird ausgewichen und darum ist
in unseren Strafen so viel -- Rache; was man auch von Erziehungs- und
Abschreckungstheorien redet. Erziehen soll man zuerst sich selbst und dann
erst den, der mitten im Schoe von uns Tugendhaften als Lasterhafter
emporblhen konnte. Wahrlich, es kann mit der allgemeinen Tugend nicht
soweit her sein, wenn der Ruber und Mrder so ppig gedeiht, wahrlich, es
ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden wie unsere Gesellschaft auch
noch nach Schutz und besonderer Frsorge verlangt. Sie mge erst die
sieben Todsnden in sich bekmpfen und im Verbrechertum zunchst vor allem
das vergrerte Spiegelbild ihrer selbst sehen, den immerwhrenden Vorwurf
ihrer selbst. Sie mge im Verbrechertum zunchst erst einmal ihr --
_Schuld_-Konto erblicken. Wenn sie aber meint, da, sagen wir, der Bauer
Adam in Vaduz unmglich Schuld haben knne, wenn in den Sdstaaten ein
Neger sich an einer Weien vergreift, so ist zu erwidern, da weder der
Bauer noch der Neger fr sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind,
da sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer Welt als
schpferische Faktoren rechnen, die nach der einen Seite unendliches
Schulden-Karma abzutragen, nach der andern Seite die Geisterreiche der
Zukunft mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als Bauer und Neger,
sondern in hinreichenden menschlichen Manifestationen ab aeterno in
aeternum wiederkehren.



1912


Da Gte (z.B.) nicht Schwche sein _knne_, behauptet niemand, da sie es
_sei_, nur ein Tor.

       *       *       *       *       *

Wer 'fr Gte Dank' erwartet, macht sich schon allein dadurch, da er sich
selbst als 'gtig' empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten
verlustig, indem er sich im Gefhl und Bewutsein seiner Gte als ein
besonderer Wohltter andrer vorkommt, sich also ber sie erhebt und
berhebt. Eine solche Erwartung, so natrlich und allgemein sie sein mag,
verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade das, womit ihr gewhnlich
vergolten wird: eine gewisse Gleichgltigkeit, ja beinahe einen gewissen
(zurckschlagenden) Hochmut. Wer Gutes tun und dabei nicht in die Brche
geraten will, mu es soweit bringen, da er sich nie anders denn als einen
Diener des andern empfindet, dem eine glcklichere Fgung gestattet --
Schuld abzutragen. Er mu, fern davon, von dem andern Dank zu erwarten,
vielmehr das Gefhl der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln, weil
er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, wie solche Hilfe
nachtrglich 'gelohnt' wird. Dies mag fr uns freilich mehr oder minder
immer ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem Satze von der
Dank verdienenden Gte in uns und auer uns zu Leibe zu gehen.

       *       *       *       *       *

Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen nicht lieben.
Aber den Bswilligen, den Ungeistigen, den Langweiligen zu lieben gilt es.
Nicht so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche mehr oder
minder bezahlen, als der barmherzige Samariter derer, die nichts haben als
ihr schmerzliches Schicksal.

       *       *       *       *       *

Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosphre des tiefen, ungeheuren
Geheimnisses, das uns alle umfngt, das wir alle sind, und vor dem es
keine andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht gibt,
herauslsen, herausgelst empfinden, weil er ein 'Mrder' geworden ist?

       *       *       *       *       *

Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen dienen will, bersieht
zu leicht, da sein Selbst in ein niedrigeres und in ein hheres Selbst
zerfllt, und da er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern in
eben dem Mae selbstvoll im andern Sinne werden sollte. Sein Selbst
verlieren, heit sich lutern, seine Seele bereiten, wie einen Acker,
welcher der Saat wartet. Sein Selbst gewinnen aber heit, Frucht tragen
wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen.

       *       *       *       *       *

Geistige Leidenschaft, Leidenschaft frs Geistige, -- prfen wir uns
einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. Nach allem Mglichen wird unter
Umstnden mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um Morgen dein
Leben lang an deiner Tre vorbeigeht mit Lebensbrot, so kann er ein Leben
lang ungerufen davor vorbeigehen; denn seine Bettwrme wie sein
appetitliches Frhstck oder seine Zeitung oder gar seine 'Pflicht' lt
keiner so leicht im Stich um Lebensbrotes willen.

       *       *       *       *       *

Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht wie erwachsene bewute
Menschen. Wir essen und trinken ruhig, whrend Mitmenschen neben uns
verhungern und verdursten, wir gehen frhlich in Freiheit herum, whrend
Mitmenschen neben uns in Kerkern verderben. Wir knnen uns in jeder Weise
freuen, whrend um uns in jeder Weise gelitten wird, und wenn wir selbst
leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem Schicksal darum zu
hadern. O, da unser Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt wrde und
diese bittere Hlichkeit von uns abfiele und wir aus Kindern Erwachsene
wrden.



1913


Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders als ein -- Helfen! Als
wunderreichste, geheimnisvollste Hilfe!

       *       *       *       *       *

Alles ernsthaft Angefangene mu die Menschheit auch entschlossen weiter
treiben und weiter entwickeln. Tte sie's nicht, so wre sie ebenso unreif
und leichtfertig wie die Individualitt, die anfngt und liegen lt,
statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebenslufen, allem in sich
eine Folge und Ausbildung zu geben. Einziglich schon von diesem
Gesichtspunkt aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen ablehnen,
als ob es ein Verdienst wre, ein so wundertief begonnenes Geisteswerk in
die Rumpelkammer zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau
anzunehmen, zum mindesten dankbar gewrtig zu sein.




LEBENSWEISHEIT

1895


Mit allem Groen ist es wie mit dem Sturm. Der Schwache verflucht ihn mit
jedem Atemzug, der Starke stellt sich mit Lust dahin, wo's am heftigsten
weht.



1896


Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen _nicht_ kommen. In den
gewhnlichsten Verhltnissen.



1905


Alles Festlegen verarmt.

       *       *       *       *       *

Dem Steigenden werden Grten der Schnheit Wsten der Unbedeutendheit.

       *       *       *       *       *

Der Schmerz ber das, was wir an der Welt verfehlen und von dem sie
gemeiniglich nichts wei, kommt ihr wieder aus der Reife unseres
Charakters.

       *       *       *       *       *

Man kann wohl sagen, da das Geschlecht zwei Drittel aller mglichen
Geistigkeit auffrit.

       *       *       *       *       *

Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten
Menschen nicht gro, sondern klein.

       *       *       *       *       *

Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack lngst nicht mehr rhrt,
wird selbst Gegenstand des Spottes, ja der Verachtung.

       *       *       *       *       *

Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden, so tun sie's gewi aus
Ungeschicklichkeit.



1906


Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schlielich doch das
Schmerzlichste. Leide an mir, so spricht selbst noch das Liebste zu uns.

       *       *       *       *       *

Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann man Wahrheit nicht
lehren, nur zeugen.

       *       *       *       *       *

Alles, im Kleinen und Groen, beruht auf Weitersagen.



1907


Es ist merkwrdig, da ein mittelmiger Mensch oft vollkommen recht haben
kann, -- und doch nichts damit durchsetzt.

       *       *       *       *       *

Mit Jedem wchst auch sein Herold oder sein Henker.

       *       *       *       *       *

Wenn du ein Geldstck von Wert bist, so briefwechsle dich nicht zu oft.

       *       *       *       *       *

Spannung ist alles und Entladung.

Und hchste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.



1908


Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortwhrend bei sich wie bei den
andern hunderterlei Krumm gerade sein liee.

       *       *       *       *       *

Jede grndliche Erfahrung mu mit eignem Leben bezahlt werden -- und
fremdem.

       *       *       *       *       *

Was du andern zufgst, das fgst du dir zu.

       *       *       *       *       *

Es gibt in Wahrheit kein letztes Verstndnis ohne Liebe.

       *       *       *       *       *

Das sind die zwei Blumen des Lebens: Das Schaffen und die Liebe. Und nie
wird wohl jemand ergrnden, ob Gott sich als Welt schafft um der Liebe
willen, oder ob er liebt um des Schaffens willen.

       *       *       *       *       *

Es gibt keine 'toten' Gegenstnde. Jeder Gegenstand ist eine
Lebensuerung, die weiter wirkt und ihre Ansprche geltend macht wie ein
gegenwrtig Lebendiges.

Und je mehr Gegenstnde du daher besitzest, desto mehr Ansprche hast du
zu befriedigen. Nicht nur sie dienen uns, sondern auch wir mssen ihnen
dienen. Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die unsern.



1909


Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung.

       *       *       *       *       *

Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend verzichten lt; denn
er wei, da jedes Ding eine Wolke von Unfrieden um sich hat.

       *       *       *       *       *

Die Hlfte allen Unglcks -- vom grbsten bis zum feinsten -- geht auf
Unwissenheit oder Denkfehler zurck, gewollte und ungewollte
Ungeistigkeit.

       *       *       *       *       *

Lesen-Knnen, -- darauf luft schlielich alles hinaus.

       *       *       *       *       *

berall dem Selbstverstndlichen zum Wort verhelfen -- das ist ein groes
Geheimnis.

       *       *       *       *       *

Jeder mu sich selbst austrinken wie einen Kelch.



1910


Nur durch Schaden werden wir klug -- Leitmotiv der ganzen Evolution. Erst
durch unzhlige, bis ins Unendliche wiederholte leidvolle Erfahrungen
lernt sich das Individuum zum Meister ber sein Leben empor. Alles ist
Schule.

       *       *       *       *       *

Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfnger fr sie reif ist. Nicht
an der Wahrheit liegt es daher, wenn die Menschen noch so voller
Unweisheit sind.

       *       *       *       *       *

Es gehrt mit zum Seltsamsten, was es gibt: Das pure, lautere Gold liegt
vor uns, um uns. Aber wir leben mit Blei, Kupfer, Zinn; von Minderem zu
schweigen. Wir haben die Wahrheit wie die Sonne ber uns und folgen
Schatten und Gespenstern.

       *       *       *       *       *

Es gibt fr Unzhlige nur Ein Heilmittel -- die Katastrophe.



1911


Von Hundert, die von 'Menge', von 'Herde' reden, gehren neunundneunzig
selbst dazu.

       *       *       *       *       *

Vorsicht und Mitrauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegenber
Vorsicht und Mitrauen ntig. Der geschftige Clown im Zirkus, der den
Teppich 'mit aufrollen hilft' -- ein Bild, das einem tausendfach aus dem
Leben wiederkommt.



1912


Das von selbst Verstndliche wird gemeinhin am grndlichsten vergessen und
am seltensten getan.



1913


In vielen Fllen wre der gerade Weg der krzeste -- zum Verderben.

       *       *       *       *       *

Was wre wohl aus der Welt geworden, wenn alle zum Mitschaffen
Aufgerufenen immer gleich 'schnurstracks' auf ihr Ziel losgegangen wren.
Alle Weisheit ist langsam, alles Schaffen ist umstndlich.

       *       *       *       *       *

Lachen und Lcheln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den
Menschen hineinhuschen kann.



1914


Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben wir uns.




ERZIEHUNG SELBSTERZIEHUNG

1895


Jeder Jngling mag von sich denken, er sei der Messias, aber er mu nicht
Messias sagen, sondern nur Messias tun.



1896


Man mte sein Ich nicht immer mit sich identifizieren, sondern wie eine
Mutter ihr Kind behandeln.

       *       *       *       *       *

Fa das Leben immer als Kunstwerk.

       *       *       *       *       *

Umschnalle dein Herz mit Schweigen.



1905


Wir _brauchen_ nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben. Macht
Euch nur von dieser Anschauung los und tausend Mglichkeiten laden uns zu
neuem Leben ein.

       *       *       *       *       *

Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber sagt zu einem nein, so mu
man auch zu diesem Nein ja sagen.

       *       *       *       *       *

Man kann nur als Totschlger leben.

       *       *       *       *       *

Hher als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle, die
absolute Skepsis gegen sich selbst.

       *       *       *       *       *

Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung einfangen -- wre
schon genug fr ein Leben.



1906


Nur im Flu bleiben, nur nicht zur Spinne eines Gedankens werden.

       *       *       *       *       *

Sei mit dir nie zufrieden, auer etwa episodisch, so da deine
Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu strken.

       *       *       *       *       *

Ich schreibe der Gegenwart schn gebildeter Gegenstnde einen groen
Einflu auf den Menschen zu. So sollten wir die Mbel unserer Kinderzimmer
mit auerordentlicher Sorgfalt auswhlen. Irgend ein schner, schlichter,
ehrwrdiger Schrank, auf den der Blick unsres Kindes von seinem Lager aus
fllt, ja kunstvolle Modelle bedeutender Bauwerke, z.B. eine kleine
Nachbildung der Peterskuppel, eines griechischen Tempels, einer modernen
Eisenbrcke wrden ihm zweifellos eine Ahnung von groem Stil geben, die
es sein ganzes Leben hindurch nachspren und weiterentwickeln wrde.



1907


Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. Und zwar einer
Ausstellung von Dilettanten verfertigter Dinge, als da sind Drfer aus
Streichholzschachteln, rollendes Material aus Garnspulen, ein Haus aus
einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. Mir lacht das Herz. Seit
manchem Jahre schmhe ich das luxurise moderne Spielzeug, diese echte
Aus- und Nachgeburt einer materialistischen Periode, -- und nun erhebt
endlich wieder das Spielzeug unserer Kindheit das bescheidene und
phantasievolle Kpfchen. Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach
und unter so viel dem Bildungsphilistertum wieder den Geist und die
Liebe.

       *       *       *       *       *

Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf
Bestrken und Schwchen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht
schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen,
der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden. Der bedeutende Mensch
ist ein Mensch, an dem viele andre sich klar werden. Er greift in ihr
Unbewutes und Unterbewutes und strkt dort das ihm Verwandte. Wenn
Lichtenberg von seinem Aberglauben redet, so schwcht er damit die
Mannhaftigkeit vieler; denn ihre heimliche Neigung zum Unkontrollierbaren
fhlt sich durch einen solchen Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge
Zucht scheint ein wenig im Werte sinken zu drfen. Wenn er aber von einem
geluterten Spinozismus als der Religion der Zukunft spricht, wie fllt da
sein Wort bei manchem wie ein Frhlingsregen auf Saatfelder. Wie strkt er
da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.

       *       *       *       *       *

Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich auer
Betracht bleibt: wozu?

       *       *       *       *       *

Wer mchte die Furcht in seiner Erziehung entbehren?

       *       *       *       *       *

Jeder mu seinen Mann haben, der ihm ber die Schulter sieht, und dieser
wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so allein kommt der
Mensch vorwrts.

       *       *       *       *       *

Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt,
gekreuzigt oder verbrannt zu werden. Um so mehr will es der Anstand und
die Solidaritt, aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen, und sollten
es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung sein.

       *       *       *       *       *

bung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.

       *       *       *       *       *

Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken, worauf's
ankommt, auch bei dir.

       *       *       *       *       *

Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu dem: im Begonnenen
unermdlich weiter zu arbeiten, aber nicht in Verzweiflung und
Selbstbetubung, sondern indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer mehr
durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer entschiedener vergeistigen.
Was denn schlielich auch unserer Hnde Werk sich wunderlich wandeln
machen wird, so da, wenn einer etwa im Kriegshandwerk begann, er, wer
wei, als Kolonisator endet, oder als Kriegsmann irgend einer andern
hheren Kriegsidee, als es die der bisherigen Kriege war.

       *       *       *       *       *

Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre wir wohl alt sein mgen,
werden wir geduldiger gegen das Tempo unserer heutigen Entwickelung
werden. Die von uns heute so ungestm begehrte edlere Zukunft unseres
Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch einmal verwirklichen, aber
statt in Jahrhunderten erst in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost
fr den Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost: da ihm fr
seine Person schon heute die Mglichkeit gegeben ist, sich selbst so edel
zu verwirklichen, wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen ist
jederzeit und berall mglich; zuletzt bleibt doch diese Erkenntnis und
was sie fruchtet, der einzige wahre Fortschritt.

       *       *       *       *       *

A. Zuknftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, sich selbst als sein
einziges Ideal, im ethischen Sinne, zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei
sich anfinge, wre die schnste Zukunft vorweggenommen.

B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren, fange
doch gleich bei dir selbst an. Auch dein Reden ist nmlich nur ein Umgehen
deiner Pflicht. Bilde, Knstler, rede nicht.

       *       *       *       *       *

Sich immer am Leben korrigieren.

       *       *       *       *       *

Es ist hart, aber es gibt nur einen Weg, als Kmpfer fr das Echte zuletzt
den Erfolg an sich zu fesseln: So lange zu schweigen, Geduld zu haben,
Menschen und Dinge gehen zu lassen, bis man durch die Treue gegen sich
selbst und die ueren Umstnde eines Tages ein Faktor geworden ist, mit
dem gerechnet werden mu. Dann endlich mag man dem Zorn und der Liebe in
sich nachgeben, wann und wo es auch sei. Dann erst hat es, sie rckhaltlos
zu uern, Sinn und Wert: Fr einen selbst, fr den Getroffenen, fr den
Verteidigten, fr alle andern.

       *       *       *       *       *

Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch mit khlen Blicken unter
sich sehen lernen. Man sei stolz darauf, wenn man die Welt nicht mit jener
brnstigen Liebe mancher Mystiker liebt, die nichts ist als versetzte
Erotik. Man gebe dem Weibe, was des Weibes, und Gott, was Gottes ist.



1908


Von sich zurckzutreten wie ein Maler von seinem Bilde -- wer das
vermchte!

       *       *       *       *       *

Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlstes in sich, daran
unaufhrlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe bleibt.

       *       *       *       *       *

Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was man Taugliches wird,
wird man in der Regel trotz der Schule, nicht durch die Schule.

       *       *       *       *       *

Gute Erziehung -- ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein
wirklicher Mensch, ein Mensch von _Umfang_, infolge seiner guten
Erziehung.

       *       *       *       *       *

Suche allem nach Mglichkeit eine Folge zu geben. Nichts macht das Leben
rmer als vieles anfangen und nichts vollenden.

Aber ebenso gewi ist, da wenn auch kein Schu ins Schwarze trifft,
unzhlige es wie ein Sternenhimmel umschreiben.



1909


Es ist der Schritt, der erobert. 'En marche' -- ist eines der schnsten
Worte der Welt.

       *       *       *       *       *

Siehe eine Sanduhr: Da lt sich nichts durch Rtteln und Schtteln
erreichen, du mut geduldig warten, bis der Sand, Krnlein um Krnlein,
aus dem einen Trichter in den andern gelaufen ist.

       *       *       *       *       *

Was habe ich immer vor mir? Meine Hnde. Darum mchte ich eine 'Erziehung
zum Nachdenken' geschrieben sehen unter Zugrundelegung der Anschauung der
Menschenhand.



1910


Die beste Erziehungsmethode fr ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu
verschaffen.

       *       *       *       *       *

Die kleinen Schwchen legt man am schwersten ab, so wie man der Moskitos
weit schwerer Herr wird als des Skorpions oder der Schlange. Und so ist es
recht eigentlich das Kleine, was den Fortschritt der Menschheit aufhlt:
Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Trgheit, Lauheit.



1911


Man mchte sich wie Bruder Bernardo auf irgend einem Marktplatz dem
Gesptt der Welt aussetzen, um gleich ihm ein jegliches um Christi Liebe
willen geduldig und heiter zu ertragen -- und leidet vielleicht schon
darunter, wenn die Schaffnerin, die das Zimmer aufrumt, vergit, guten
Morgen zu wnschen, oder wenn der Trhter des Hauses schlecht geschlafen
hat.

       *       *       *       *       *

Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist, sondern nur einfach
etwas von deiner Pflicht zu tun versuchen, Tag um Tag.

Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit und
Wachsamkeit von Anfang bis Ende zu verleben, als ein Jahr in groen
Absichten und hochfliegenden Plnen.

       *       *       *       *       *

Jedem Menschen sein Recht lassen und wenn es uns noch so sehr als Unrecht
erscheint. Den Kampf gegen dies sein Unrecht deshalb nicht aufgeben, aber
ihn nicht auer sich fhren, gegen jenen, sondern in sich, gegen sich,
gegen das in sich, was, wenn auch noch so verborgen, jenem Unrecht
entspricht. Oder knnten wir leugnen, da wir innerlich an allem noch
irgendwie teilhaben, was an Bsem auer uns geschieht? Da in uns von dem
z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung versetzt und zu
unverantwortlichen Handlungen verfhrt, noch genug lebt, um unsere ganze
Wachsamkeit und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen, und sei es nur ein
gewisses Sichfreuen bei dem 'Sieg' des schwcheren Gegners oder eine
'gerechte Emprung' ber dies und das, was das blutige Handwerk nach sich
zieht? Wir mchten allzugern wahrhaben, es sei menschlich schner, mit dem
Schwcheren sich zu freuen, als die gleichmige Trauer ber Siegende wie
Besiegte eine Quelle neuer Gelbnisse vermehrter Anstrengung in uns selber
werden zu lassen; es sei nicht leichter, emprt ber Grausamkeiten zu
sein, als die Blitze der Entrstung auf und in uns selbst abzuleiten, auf
das Triebwesen, dessen feinere Wildheiten auch in uns noch nicht vllig
gebndigt, noch nicht genug in rein dem vergeistigten Ich dienenden
Krften leben.

       *       *       *       *       *

A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie empfinden, doppelt
streng gegen sich selbst vorgehen, nicht aber Ihrer Antipathie nachlaufen,
wie der Student seiner Flamme.

B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht mehr verlassen drfen?

A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie Ihren Hunden, mit
denen Sie ber Land gehen. Aber behalten Sie sich stets vor, sie
zurckzupfeifen, und pfeifen Sie gelegentlich auch einmal ohne Grund,
einfach weil Sie der Herr sind und die Instinkte Ihre Diener.

       *       *       *       *       *

'Da du dann niemals mehr Wein anrhrtest!' rief ein Knabe seinem Vater
zu, der mit ihm die Wendeltreppe eines Turms emporstieg. 'Welche
Selbstberwindung! Welche -- Entsagung!'

Der Vater nickte lchelnd und wies dem Sohne die Aussicht, die das eben
erreichte Treppenfenster erlaubte. Nachdem sie diese eine Weile bewundernd
genossen, stiegen sie weiter und gelangten zum nchsten. Welche Entsagung!
rief da der Vater verstellt. Hier haben wir nicht mehr den Blick von
vorhin. Wie schn war es, auf all die nahen Dcher hinabzuschaun; da
strte noch keine Landschaft wie jetzt ...

'-- Strte?' fragte der Sohn --

... und sind wir erst droben, so werden wir auch diesem Rundbild entsagen
mssen; denn droben, du weit ja, schaut man bei hellen Tagen das Meer ...
Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der Schelmerei gewahr, maen sie
lange und nachdenklich den Sprecher ... bis -- hoch, ein Silberstreif --
das Meer am Horizont erschien und sie mit Trnen fllte. (Denn wie liebte
schon dieser Knabe das Meer!)

       *       *       *       *       *

Sich bewut ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz gehen. Vom Ersten bis
zum Letzten und umgekehrt. Keinen und nichts vergessen, bersehen, gering
achten.

       *       *       *       *       *

Wir sind allzumal trge; daraus entspringen die meisten bel. In jedem
schlgt das Gewissen und regt sich das Wissen, wie es im Kleinen und
Groen sein mte und wie es nicht ist. Aber die Faulheit, die
Vergelichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu kommen, da wir aus
Gedanken zu Taten hervorschreiten. Wir kennen manches groe innerliche
Mittel, aber man sollte auch kleinere, mehr uerliche schaffen. Alle, die
gut sein mchten, aber es nicht so sein knnen, wie sie mchten, weil sie
sich zu schwach dazu fhlen, sollten sich zusammentun und eine
Hilfsbrderschaft ber sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt.
Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einrumten, ja die Pflicht
auferlegten, sie immer wieder wachzurtteln und mit dem problematischen
Willensmaterial, das in ihnen ist, zu arbeiten -- so wie ein treuer
Diener, der uns zum Sonnenaufgang aus dem Bett rttelt, so wie ein Staat,
der mit unseren Steuern 'arbeitet'. Eine Brockensammlung guter
Willensregungen, sozusagen, das glte es fr diese Gruppe Tag fr Tag. Des
Menschen Wesen ist Schwche; kann er nicht allein in die Hhe wachsen, so
soll er sich an Stangen und Spaliere binden oder binden lassen. Ehre
jedem, der statt auf dem Stroh zu verkmmern, zur Krcke greift, Ehre
jedem tapferen Invaliden.

       *       *       *       *       *

Ein Hauptzug aller Pdagogik: Unbemerkt fhren. Viele Menschen sind
durchaus fhig und gewillt, der Wahrheit zu folgen, aber sie darf ihnen
nicht geradezu gesagt, vor Augen gerckt werden. Sie verlieren in diesem
letzteren Falle jede Freude an der Wahrheit; denn ihre Eigenliebe ist noch
strker als ihre Liebe zum Geiste, als ihr Geist, und so gefllt ihnen
nur, wer und was sie -- schont.

Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht ihren Wahrheitsbesitz
erarbeiten.



1912


be dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird gegeben, mit der anderen
genommen. Alle Erziehung verluft unter diesem Pendelgesetz. Alles
Erzogensein besteht in der endlich errungenen inneren Ruhe dem einen wie
dem andern Schicksal gegenber und einer Liebe und einem Vertrauen, die
hher sind als alle Vernunft zwischen Geburt und Tod.

       *       *       *       *       *

Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den unerschtterlichen
Entschlu des Durch-ihn-lernen-Wollens wie einen Schild vor sich her.

       *       *       *       *       *

Wie mancher hat es schon ausgesprochen, da Heldentum ebenso leichter sein
kann als langsame, geduldige, unauffllige Selbsterziehung, wie eine Tat
leichter sein kann als eine Handlung, ein Gefhl leichter als ein
Empfinden.

       *       *       *       *       *

Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe fr dich Partei
ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein.



1913


Sieh an, wie ein Zweirad in Bewegung und Fahrt gesetzt wird. Wenn du
deinen Willen so in Bewegung und Fahrt zu setzen vermagst, so wirst du
nach einigen Schwankungen wie ein Meister im Sattel sitzen.




PSYCHOLOGISCHES

1891


Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man
verstanden wird.



1892


Ich halte es nicht fr das grte Glck, einen Menschen ganz entrtselt zu
haben, ein greres noch ist, bei dem, den wir lieben, immer neue Tiefen
zu entdecken, die uns immer mehr die Unergrndlichkeit seiner Natur nach
ihrer gttlichen Seite hin offenbaren.



1895


Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag einer starken
unbesiegbaren Lebenshoffnung.

       *       *       *       *       *

Unten am Fenster ging Meta vorber. Mein Herz klopfte hrbar. Es klopfte
so heftig, da ich unwillkrlich "Herein!" sagte. Und das Tor meiner
Traumwelt tat sich ein ganz klein wenig auf und herein schlpfte: die
Liebe.



1896


Es ist eine Kunst fr sich, einen Brief zur rechten Zeit ankommen zu
lassen. Man vergit ihrer gewhnlich. Und doch -- wie oft ein intimes,
beschauliches Gesprch am Morgen keine Hrer an uns fnde, so mutet uns
ein Brief morgens und abends anders an.

       *       *       *       *       *

Einer der seltsamsten Zustnde ist das dunkle und unvollkommene
Bewutsein, das wir von der Form und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes
haben. So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck erzhlt,
hinter dem sich jedoch durchaus nicht das verbirgt, was man aus ihm
schlieen zu sollen glaubt.

       *       *       *       *       *

Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand vors Auge und das ganze
Zimmer liegt im Dunkel usw.

       *       *       *       *       *

Das ist ein uerst merkwrdiges Gefhl, wenn man sich frhmorgens Gesicht
und Kopf abreibt und sich dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit
gewaschen und abgetrocknet.

       *       *       *       *       *

An den Glockenstrngen der Stimmungen.



1897


Es ist schn, zu denken, da so viele Menschen heilig sind in den Augen
derer, die sie lieben.

       *       *       *       *       *

Es gibt kaum eine grere Enttuschung, als wenn du mit einer recht groen
Freude im Herzen zu gleichgltigen Menschen kommst.

       *       *       *       *       *

Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das Greuel aller Greuel.

       *       *       *       *       *

Da der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine seiner qualvollsten
und verderblichsten Forderungen an sich selbst.

       *       *       *       *       *

Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!

       *       *       *       *       *

Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffat, je glcklicher ist man.
berall die Bewegung aufzeigen, das schafft das meiste Glck.



1904


Bild:

Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend (gleitend, fliegend).
Die am nchsten schwebenden Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen.

       *       *       *       *       *

Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht berall versteckt.

       *       *       *       *       *

Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom
Standpunkte des Unendlichen aus. Oder: Humor ist das Bewutwerden des
Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus
entspringende souverne Weltbetrachtung, welche die gesamte
Erscheinungswelt vom Grten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefhl
umschliet, ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt und Wert
zugestehen zu knnen.

       *       *       *       *       *

Tragikomdie:

Ein Mensch, der seine Grnde, mit denen er bejaht oder verneint, nicht
mehr ernst nimmt, sondern unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen
taucht.



1905


Es ist das Vorrecht junger Mdchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien.

       *       *       *       *       *

Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.

       *       *       *       *       *

Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht erfliegen.

       *       *       *       *       *

Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen whnen, wenn jemand eine
Meinung ausspricht.

       *       *       *       *       *

ber den Wassern deiner Seele schwebt unaufhrlich ein dunkler Vogel:
Unruhe.

       *       *       *       *       *

Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer htte, in dem zu Zeiten der
Ebbe jedermann spazierengehen kann.

       *       *       *       *       *

Mir macht es oft Mhe, deine Gedanken zu denken, aber du wirst niemals
meine Empfindungen haben.

       *       *       *       *       *

Manchmal wird mir die ganze Psychologie verdchtig, wenn ich bemerke, da
auf eine richtige Kombination schon bei den alltglichsten Dingen so und
so viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip so denken und
empfinden mte, wie die andern!

       *       *       *       *       *

Das schwer bersichtliche, das nicht recht Durchdringliche -- damit lockt
uns das Leben selbst immer weiter und damit lockt auch der platteste
Betrger noch -- und gewinnt.

       *       *       *       *       *

Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz an den Dingen. Zum
Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft, die mehr noch verbirgt als
zeigt. Ibsen hat darum von jeher gewut. (Vielleicht zu sehr _gewut_.) Es
ist eine Art Dmmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken z.B. nachts die
Huser einer Stadt. Solch ein Haus mag noch so hlich sein, nachts wirkt
es mit dem ganzen Zauber eines unbegreiflichen Behltnisses
unbegreiflicher Wesen, die namenlos und unerklrlich geworden sind, wie es
selbst.

       *       *       *       *       *

Warum fhlen wir uns so zum Romanischen als dem wesentlich Formalen
hingezogen? Weil wir selbst vielleicht nur zu fhig sind zu zerflieen,
uns metaphysisch zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren
und zu 'vergttlichen' und dafr das einzuben, was starke Vlker und
Zeitalter unter einer groen, starken Erdenpersnlichkeit verstanden
haben.

       *       *       *       *       *

Der gesunde Mensch ist schn und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber
es mu ein bichen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, da er auch
geistig schn werde.

       *       *       *       *       *

Mglichst viel Glck sagt man. Aber wie, wenn die hchste Glcksempfindung
einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes _gelitten_ haben mu?
Wenn Glcksgefhl berhaupt erst mglich wre in einem durch Lust und
Unlust gereiften Herzen? Wer mglichst viel Glcksmglichkeiten fordert,
mu auch mglichst viel Unglck fordern oder er negiert ihre
Grundbedingungen.



1906


Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale jedes einzelnen
derer, die du kennst und frage dich, ob es etwas andres als eine fast
unerklrliche Illusion ist, die alle diese Menschen das Leben als
lebenswert empfinden und preisen lt. Ob das groe Glck eine andere
Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens, ob nicht vielmehr
die Gewohnheit und das kleine, das ganz minimal dosierte Glck es ist, was
dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert.

       *       *       *       *       *

Ich frage mich oft, welches der wnschenswertere Typus von beiden ist: der
mehr geistige Mensch, fr den es nichts Abstoenderes gibt, als das
Uninteressante, oder der mehr gemtliche, fr den es schlechtweg nur
Anziehendes und Abstoendes gibt.

       *       *       *       *       *

Das ist das rgste, was einem Menschen geschehen kann, aus einem
Flieenden ein Starrer (ja auch nur ein Stockender) zu werden. Das erkennt
mancher und nhrt Friedlosigkeit in sich oder unaufhrlichen Zweifel (so
tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach fast Unmglichem,
Ungeheurem. Manche aber berlassen sich ihrer natrlichen Liebe zu Welt
und Mensch und damit geraten sie denn bald in die Strmung unendlichen
Lebens, werden hineingerissen in den ewigen Zusammenhang aller Dinge, in
dem es keinen Stillstand gibt.

       *       *       *       *       *

Es ist das Unglck, da Wrde und Feinheit von Gedanken oft von den
Raumverhltnissen eines Zimmers, einer beglckenden Fensteraussicht, einem
gewissen Ma von Licht und Farbe abhngig sind, so da einer, der sein
Leben lang in einer Art von lnglichen Schachteln gehaust hat und eines
Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt
findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnrume
geistig verloren haben knnte.

       *       *       *       *       *

Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, da sich der Raucher,
wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosphre umgeben kann, einer mehr
oder minder verklrten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gefhl von
Heimat empfinden darf mit all dem unwgbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit
uns das oft wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser
Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuitt der Stimmung befrdert, ja
wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes fr uns bewahrt,
Werdendes treulich hinzunimmt.

       *       *       *       *       *

Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben des Individuums
mischen und vermhlen. Daher ihr groer Reiz fr den Teilnehmer wie fr
den Betrachter.

       *       *       *       *       *

Es ist ein wahres Glck, da der liebe Gott die Fliegen nicht so gro wie
die Elefanten gemacht hat, sonst wrde uns, sie zu tten, viel mehr Mhe
machen und auch weit mehr Gewissensbisse.

       *       *       *       *       *

Ob Geister, sofern es solche gibt, auch Bcher lesen? Ich meine, ob sie,
wie sie vielleicht in unserm Zimmer mit uns wohnen, auch dann und wann, in
stillen Winternchten etwa, wenn sie es mde geworden sind, den massigen
Menschenschlfer zu betrachten und zu belauschen, sich in die Werke
vertiefen, die auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie das
Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne auch nur ein einziges Blatt
umzuwenden, von Anfang bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch
einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem ich gerade studiere. Ich
zaudere, ihn zu verbessern, -- es ist nichts weiter, als da in dem
Bindewort 'da' das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch:
Denn, wenn es nun doch Geister gbe, -- mten sie nicht unglcklich ber
diesen Fehler werden, den sie selbst nicht verbessern knnen und aus
dessen Stehengebliebensein sie schlieen mssen, da ihr Freund ihrer
nicht gedacht hat?

       *       *       *       *       *

Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich tglich auf Weg und Steg
finden lassen. Im uersten Gegensatz hierzu wrde, gesetzt auch geistige
Dinge knnten in solcher Weise verloren gehen, tglich wohl kaum Ein Paar
Scheuklappen gefunden werden.

       *       *       *       *       *

Tiefstes Problem des modernen -- also wesentlich hlichen, irgendwie
verbogenen, schlecht weggekommenen -- Menschen: Wie kann Schnes aus
Unschnem kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? -- Alles ist
Ausdruck. Kein Mensch kann Schneres, Vollkommeneres geben, als er selbst
ist. Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns anders wohin,
sondern einfach wir selbst.

       *       *       *       *       *

Es gibt nichts Degoutableres, als fortwhrend von sich als Person zu reden
(auer zu bestimmten Zwecken), oder ber sich reden hren zu mssen. Daher
ist es so klglich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses Reden und
Beredetwerden fast unvermeidlich ist.

       *       *       *       *       *

Wenn dich jemand 'vollkommen versteht', sei gewi, da dich niemand
vollkommener miversteht.

       *       *       *       *       *

Einander kennen lernen, heit lernen, wie fremd man einander ist.

       *       *       *       *       *

Ja -- nein: geistiges Strickziehen.

       *       *       *       *       *

Es ist gut, da wir Spiegel haben. Da wir fr gewhnlich unsere eigene
Miene nicht sehen, ist eines der unheimlichsten Dinge, die es gibt.

       *       *       *       *       *

Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in Wirklichkeit unsere
Temperamente.

       *       *       *       *       *

Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und der sagt's.

       *       *       *       *       *

Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft begreifen
wollen, so brauchen wir nur zu bedenken, da sich in den beiden Menschen,
die sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier riesenhafter
Zellenvlker manifestiert -- so, als ob Ruland aus lauter Mnnern und
Westeuropa aus lauter Weibern bestnde und eines Tages will das zusammen
in orgiastischer Hingerissenheit.

       *       *       *       *       *

Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalitt gehrt unstreitig zum
Charme jeder Frau. Sie ist die Verbrgerin jener Augenblicke, wo wir ihr
ganz Schutz, ganz Ruhe, ganz Meer sein drfen.

       *       *       *       *       *

Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, in seine Heiterkeit
oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch
der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. Daher die vielen
Enttuschungen.

       *       *       *       *       *

Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein Wassertropfen in der
flachen Hand.

       *       *       *       *       *

Wir sind alle hart und uerlich zueinander, auch wenn wir noch so sehr
aufeinander einzugehen trachten; aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern
liegen und nachts der Regen herniederfliet, dann suchen wir uns im Geiste
mit zrtlicher, bereuender Teilnahme, dann drngen wir uns aneinander wie
unwissende und zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, dann
liebkosen und trsten sich unsere Seelen, die der erkltende Tag wieder
verstocken und verhrten wird, dann lieben wir wirklich einander mit einer
tiefen, schwermtigen, unbezwinglichen Liebe.

       *       *       *       *       *

Es ist schauerlich an Toren zu rtteln, die verschlossen sind; noch
schauerlicher aber, wenn sie nur aus dnnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur
aus den khlen, harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in
sich eindringen lassen will.

       *       *       *       *       *

Wir sind alle Besessene, man mu das Wort nur wrtlich genug verstehen.
Aber zugleich knnen wir auch Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein,
den wir 'unsern Geist' nennen, zugleich auch Besitzergreifende.

       *       *       *       *       *

Die Forderung mglichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern
gegenber so gern geltend machen, entspringt vornehmlich dem Unbehagen,
das uns alles nicht vllig Verstandene als etwas von uns nicht
vllig Beherrschtes einflt. Es ist der ewige Kummer der
Durchschnittsintelligenz, da es auch auerhalb ihres Begriffsvermgens
noch Geistigkeit gibt.

       *       *       *       *       *

Eine schwache Persnlichkeit wird manchmal eine strkere Persnlichkeit
werden knnen als eine starke Persnlichkeit.

       *       *       *       *       *

Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann?

       *       *       *       *       *

Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander in seine Teile, aber
diese Teile gibt es in Wirklichkeit nicht.

       *       *       *       *       *

Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem Tode -- wie erklrlich von
der Seele, die ihre -- zum mindesten nchste -- Zukunft voraussieht.



1907


Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grblers die
Melancholie.

       *       *       *       *       *

'Totentanz' ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen, wie das
Weib den Mann in den groen Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man die
breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, und in diese Suppe
hineinfhrend eine unabsehbare Kette von Weib und Mann, immer das Weib
voraus, mit tausend Gebrden, von der unschuldigsten bis zur
lasterhaftesten. Die Mnner, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie
wollen die Welt vorwrtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm
gengt das Gegenwrtige vollkommen, und es glaubt sich vllig
gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient. Es ist die,
trotz der bekannten Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit
zu frdern: man stellt ein Kind, das heit man beschrnkt sich darauf, die
Aufgabe weiterzugeben, einen Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das
nicht begriffen haben, nmlich, da es neben ihrem blichen huslichen
Ideal auch noch andere grere Kulturideale geben knnte, wird die
Menschheit nicht entscheidend vorwrts rcken. Und deshalb liebe ich die
Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet man heute noch am ersten
Frauen, die nicht nur Sinn fr sich, sondern auch Sinn fr den Mann haben,
die ihn wirklich wie Kameraden untersttzen, und nicht nur als gesetzliche
Konkubinen zum obersten Haussklaven machen wollen.

       *       *       *       *       *

Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern
versteht und wie sie sich im Alter darstellt.

       *       *       *       *       *

Wie macht das Gefhl bloen Sichnaheseins Liebende schon glcklich.

       *       *       *       *       *

In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses. Sein 'Wie
schn ist das! Wie schn ist das' ist nichts andres als ein 'Wie wohl
fhle ich mich, wie wohl fhle ich mich!' Das aber brauchte er nicht
fortwhrend in die Welt hinauszuempfindeln. (Im 'nil admirari' liegt doch
immerhin ein ganzes Teil Selbstzucht und Takt.)

       *       *       *       *       *

Dunkelblau gekleidete kleine Mdchen auf grnen Matten -- eine beinahe
tragische Wirkung.

       *       *       *       *       *

Es ist eines der merkwrdigsten Dinge der Welt, da man eine Seite und
mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.

       *       *       *       *       *

Wre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so wrde er in einer so
ber alles Ma gewaltigen und erschtternden Welt, in verhltnismig
unmittelbarer Nhe eines Naturphnomens wie unserer Sonne, -- um nur etwas
herauszugreifen -- nicht so sein, wie er heut noch ist: ein kleinliches,
grmliches, banales, kindisches, eitles, zankschtiges, gedankenloses,
planloses, kurz, durchaus noch dumpfes und niederes Wesen.

       *       *       *       *       *

Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.

       *       *       *       *       *

Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der Mensch an seine
Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen nach grerer und feinerer
Behaglichkeit des persnlichen wie sozialen Lebens aus: Der Mensch will
wohl endlich soweit kommen wie die Blumen und die Bume: ruhig leben und
sterben zu drfen. Zweifellos wnschen sich die meisten Menschen nichts
Besseres.

       *       *       *       *       *

Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von
Polizisten ohne Exekutivgewalt.

       *       *       *       *       *

Eine Hauptsache bei vielem ist, da stets der Anschein uerster
Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer fortluft,
so mu das aussehen, als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas
ungemein Wichtiges zu tun htte, was jeden andern Gedanken ausschlsse.
Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner gerufen wird, so mu er immer erst
wie der Mond aus dem Gewlk treten, das heit erst nach lngerer Zeit und
nur auf einen Moment, zu dem man sich beglckwnschen mu, da ihn neues
Gewlk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen Dingen ntzt
dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann sicher sein, da ihn
sobald keiner wichtig nimmt.

       *       *       *       *       *

Ironisches Gebot:

Wenn du gereizt bist, so wirf die Tr hinter dir zu, das erweckt allgemein
Furcht.

       *       *       *       *       *

Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen durch ein
schnes Wort zu Hilfe zu kommen. Verordne einem 'Patienten' dreimal
tglich Manulavanz, und er wird sich ber alle erhaben fhlen, die sich
blo die Hnde waschen. Je interessanter du seine Gewohnheiten benennst,
desto geschmeichelter und dankbarer wird er sein, und das eine Wrtchen
Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis
Satin, sondern unzhlige andere Unglckliche unzhlige Male berauscht und
getrstet. bersetze das Unglck mavoll ins Arabische, Griechische,
Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltter der Menschen werden. Du
gibst ihrem Geist dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine
Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu
haben, wie beinahe ehrenvoll, die Krisis eintreten zu fhlen. Du knpfst
damit das Individuum, das nichts mehr frchtet als das Alleinsein, das
Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten und Kulturen; das alte, das
neue Europa versammelt sich um sein Lager, und selbst wenn die Pest es
befllt und fllt, kommt sie ihm doch aus Asien: die Mutter der Menschheit
selbst trifft es mit den Schatten ihrer gewaltigen Flgel.

       *       *       *       *       *

Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Mller in den Himmel kommen? Sie
bitten um Ansichtspostkarten.

       *       *       *       *       *

Es ist etwas Herrliches, wenn in das Hndeklatschen einer Menge jenes
Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen mchte.

       *       *       *       *       *

Mir sind diese Leute, die ber alles so klug zu reden wissen, verdchtig.
Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes
zu sagen mitgab, den kmmert es wenig, in jenem Sinne klug zu reden. Ihn
erfllt ganz der Geist seiner Aufgabe (nicht der Aufgabe anderer).

       *       *       *       *       *

Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet,
dem mu das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein
Gespinst aus Baumstmmen.

       *       *       *       *       *

Die Psychologie befat sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat
ein Bach je aus -- Wellen bestanden?

       *       *       *       *       *

Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn fragt: Was
ist das -- ein Baum? Ein Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln,
einem Stamm, sten, Blttern usw. Und das Kind des 19. Jahrhunderts ist
ganz glcklich, da es nun 'wei', was ein Baum ist.

       *       *       *       *       *

Man mu scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Menschen
unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt fr sich. Und vor allem,
wird der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich fr sich. Denn wenn
der Kontemplative der Duft der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist
'die Welt' der einzige Weg zu diesem Duft.

       *       *       *       *       *

Wenn ich die Augen fnf Minuten lang geschlossen und inzwischen nicht ganz
klar und zusammenhngend gedacht habe, so knnte ich mir leicht einreden,
ein Jahr sei vergangen und noch viel mehr.

       *       *       *       *       *

Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, da man
als der und der lebt.

       *       *       *       *       *

Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das: desto
mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein -- aus Zartgefhl,
Schamgefhl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, aus
den allerbesten Grnden und mit dem unanfechtbarsten Takt des Herzens.

       *       *       *       *       *

Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und
tausend.

       *       *       *       *       *

Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch der
vollkommene Weise im Geistigen jher Bewegungen enthalten. Im Grunde ist
es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen gewinnst,
und wie du an einen Menschen dich wendest und ihn eroberst.

       *       *       *       *       *

Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er
seinen Ernst nehmen.

       *       *       *       *       *

Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.

       *       *       *       *       *

Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es nicht
ertrgen, von andern berlegen betrachtet zu werden. Sie frchten die
Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefhls, sie ziehen es
vor, in ihren vier Wnden die Ersten zu sein, statt auf dem Markte die
Zweiten. Aber manch einen macht solch heimliches Schatzhtertum auch
bitter und hochfahrend. Immer lauter mu er bei sich Stolz nennen, was im
Grunde vor allem Furcht ist, um schlielich, statt der Verschwender, der
giftige Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut
verachtet.

       *       *       *       *       *

Vorsehung --

Ich kann mir wohl denken, da in einem genialen Menschen auch ein geniales
un- oder unterbewutes sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln
dem berall drohenden Tode instinktiv ausweicht.

Napoleon im Kugelregen.

       *       *       *       *       *

Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das wei vielleicht am Besten, wer
sich dem Feind entgegenwirft.

       *       *       *       *       *

Phantasie ist ein Gttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch. Ich
behaupte, ohne diesen Mangel wrde die Menschheit den Mut zum
Weiterexistieren lngst verloren haben.

       *       *       *       *       *

Was wirkt am innerlich glhenden Menschen _nicht_ bertrieben? Steht er
nicht ewig wie unter lauter Gromttern und Grovtern? Und geht und
spricht er drum nicht am liebsten zu -- Kindern?



1908


Dieser Brief wre an _Dich_ gerichtet, von dem ich zehn Jahre nichts mehr
gehrt noch gesehen habe? O nein, wie wre das mglich. Er ist an das Bild
gerichtet, das ich von damals und frher von Dir in mir trage, das ich
zwar zu modifizieren versucht habe, aber mit nicht grerem Glck als der
Bildhauer, der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt htte und nun unternhme,
die 10 Jahre Vernderung hineinzubringen, ohne das also vernderte
Original vor sich zu haben.

Und Dein Brief, meinst Du, wre an _mich_ gerichtet?

       *       *       *       *       *

Es ist rhrend, dem Erklren und Beschreiben feiner Historiker und
Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie das Leben
zergliedern, zerfasern -- und wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens
unberhrt bleibt.

       *       *       *       *       *

Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie mglich, um -- grer
als diese zu bleiben.

       *       *       *       *       *

Dem Worte Grenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn oder
Niedrigkeitswahn gegenbergeprgt worden. Und doch ist dieses Leiden so
verbreitet, da ganze Vlker noch nicht darber hinausgekommen sind, sich
als bloe Tiere zu empfinden, zu gebrden und zu behandeln.

       *       *       *       *       *

Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.

       *       *       *       *       *

Ein berhmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er wei nie, wie
weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.

       *       *       *       *       *

Wie wohl kann das Gerusch einer Sge oder einer arbeitenden Lokomotive
tun, ein Hmmern, ein Trenschlagen, ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man
wund und weh daliegt und nach einfachen krftigen Gren des Lebens
hungert.

       *       *       *       *       *

Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind
wir nur, sobald wir blo _sind_, unser Sein blo _fhlen_. Daher das tiefe
Friedensgefhl, das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen drfen.

       *       *       *       *       *

Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie und Initiative
hat oder nicht.

       *       *       *       *       *

Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des Weibes, Gattin
oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum
vllig ausgeschaltet, als htte es an sich berhaupt keinen Wert, keinen
Sinn, keine Entwickelungsmglichkeiten, habe berhaupt nur in Beziehung
auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. Mchten sich doch alle darber
klar werden, da wir auer Mnnchen und Weibchen auch noch _Menschen_
sind.

       *       *       *       *       *

Im Sohn will die Mutter Mann werden.

       *       *       *       *       *

Das ist die Gefahr von uns Knstlern: Wir empfinden z.B. einen
aufgesttzten, entblten Frauenarm von so hinreiender Schnheit, da wir
ganz vergessen, da er einer bestimmten Frau gehre. Und wenn wir zu
dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich die Schnheit des
Weibes, des Menschen berhaupt, die wir anbeten, weniger sie selbst. Und
da setzt leicht die Tragdie ein.

       *       *       *       *       *

Ein Mdchen gefllt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen, als ihre
Augen um seinetwillen, das heit um seiner ganzen imponderablen
Persnlichkeit willen.



1909


Das Weib mischt uns ins Leben hinein.

       *       *       *       *       *

Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.

       *       *       *       *       *

Natrlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).

       *       *       *       *       *

Es ist schauerlich, Klavier spielen zu hren, whrend man ber Berge und
Tler hinwegblickt und die Erde als eine ihrer unzhligen Schwestern mit
sich im unendlichen Rume schweben und kreisen fhlt.

       *       *       *       *       *

Ein gewisses Ma von Schelten gehrt wohl zum Leben. Schelten in seiner
sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, ja, als religiser
Pessimismus, drfte ebenso nur eine Art von Ventilierung sein, wie der
mehr oder minder gerechtfertigte rger des Eintags. Alles in Allem mchte
hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten gelst werden wird; wenn
nmlich dies ganz groe Zucht (also ganz groer Stil) ist: ein
leidenschaftlich empfindsamer Geist und doch zugleich ein _Weiser_ zu
sein.

       *       *       *       *       *

Die Meisten wissen garnicht, was sie fr ein Tempo haben knnten, wenn sie
sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.

       *       *       *       *       *

Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind sie anderswo, als wo
man sie haben will, als wo sie sich selbst haben wollen.

       *       *       *       *       *

Darum knnen Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so unsglich
dezentrieren, recht eigentlich zer--streuen.

       *       *       *       *       *

Wer sich berhebt, verrt, da er noch nicht genug nachgedacht hat.

       *       *       *       *       *

Vielen ist Reisen ein Ersatz fr Leben. Es gibt oft nichts
Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.

       *       *       *       *       *

Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so viel wichtiger nhme
als das Groe, wrde das Groe nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der
Mensch sich mehr um den Himmel als um die Erde kmmerte, wrde nicht nur
die Erde, sondern auch der Himmel verkmmern. Der Geist ist nicht umsonst
in die Materie herabgestiegen.



1910


Wie schn ist es, das Auge von einem schnen Buch, in das man versunken
war, zu einer schnen Landschaft aufzuschlagen. Dieser kurze bergang von
chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfruliche Augenblick
unbewuten Staunens ist einzig.

       *       *       *       *       *

Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht. Die edelste Musik
kann so z.B. ebenso wie die tiefste Philosophie Gegenstand erbitterter
Gegnerschaft werden.

       *       *       *       *       *

Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird es seinen Esser auch
besitzen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei
keine Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der Kuh, des Ochsen und
der ihrer Verzehrer, es bertrage der Hammel, das Schwein, der Fisch usw.
nicht ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize?

       *       *       *       *       *

Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den man liebt, einen Weg
gehen lassen zu mssen, der zur nchsten Stadt fhrt, statt auf den
nchsten Gipfel.



1912


Fr den Trgen gibt es nichts Aufreizenderes als die unaufhrlich
fortschreitende Zeit. Er fhlt, wie sie ber ihn hinweggeht und stammelt
ihr in dumpfem Ingrimm seine Verwnschungen nach.

       *       *       *       *       *

Was gegen die hchsten, reinsten Empfindungen ausgespielt wird, sind
nichts als die gleichen Empfindungen, nur noch mehr oder minder vor ihrer
Katharsis. Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die Liebe, und an
anderer Stelle der Meinung sein, eine vom Tierischen ganz losgelste
seelisch-geistige Liebe sei -- wohl vielleicht eine reinere, aber auch
eine khlere, blassere, ohnmchtigere Liebe!

       *       *       *       *       *

Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis beschreiten zu
wollen. Sollten sie als 'von Gottes Stamme' nicht noch zu wenig stolz sein
und als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig demtig?

       *       *       *       *       *

Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und Empfindungsleben den Zustand
des Federstrubens der Vgel.

       *       *       *       *       *

Ich machte die Beobachtung, da Menschen, die beim Beifallklatschen die
Arme weit von sich, ja fast ber Kopfeshhe ausstrecken, in einer zugleich
wunderlichen und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig Bittender,
ungeduldig -- Betender gewhren, eine Vorstellung, von der sie selbst
nicht das Geringste ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze
drstende Seele -- in einem doppelgngerischen Bilde gleichsam --
enthllt.

       *       *       *       *       *

Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute noch unter- wie
gegeneinander bewut oder unbewut anwenden, ist gro. Eines davon ist das
Fragen. Es gibt Menschen, die so wenig wie mglich gefragt sein wollen;
wohlverstanden: nach Unwesentlichem. Und Gegenstcke dazu: Menschen, die
fast keine andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen.

       *       *       *       *       *

Wie mancher mu sich auf Kosten seiner Vergangenheit lieben lassen. Diese
Vergangenheit hat ihm vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. lter
werdend aber erkennt er mehr und mehr auch das Bse in sich. Nun aber
hngt ihm seine Miene wie ein Schild vor, das nur die eine Seite seines
Wesens anzeigt.

       *       *       *       *       *

Gewi hat der Mann die moderne Kultur geschaffen, aber sie ist denn auch
nur fr ihn ein so ungeheurer Ruhmestitel. Er selbst wrde vermutlich nie
an dieser kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es nicht Frauen
gbe, die, ohne seinen 'Geist der Schwere' himmlisch unbefangen daran
vorber und dem entgegenschritten, was ihrer Seele -- denn fr sie gibt es
in der Tat und horribile dictu noch eine Seele -- not und wohl tut.

       *       *       *       *       *

Wie ein Wind ber ein hrenfeld, so ging diese durchfahrene Viertelstunde
ber seine bewegliche Seele.



1913


Takt erfordert vor allem Phantasie. Man mu viele Mglichkeiten der
fremden Seele berschauen, viele Empfangsmglichkeiten und danach, was man
geben kann, einrichten.

       *       *       *       *       *

Es gibt Naturen, die fr sich allein Stunden lang mit ihren Freunden und
Bekannten reden, whrend ihnen in deren Gegenwart jeder Gesprchsstoff
entfallen ist.

       *       *       *       *       *

Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit dir zugleich bewohnen.
Einer dieser Hausgenossen ist ein auf den Tod Kranker, von dem du weit,
und viele der andern wissen es mit dir, da ihm jeder Lrm, vor allem jede
irgendwie laute und grelle Musik zur vollkommenen Folter und Marter wird.
Da erscheint ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem Hause und fngt an
seine Operetten zu spielen. Dein erster Gedanke ist: Dem Mann mu sofort
ein Geldstck gegeben werden, das ihn veranlat, sein Spiel einzustellen
und weiterzugehen. Aber du kannst es nicht, denn du liegst selbst zu Bett
und deine Bedienung ist ausgegangen. Aber das ganze brige Haus! Einer
wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen, wenigstens einer aus der
nchsten Umgebung des Kranken. Niemand rhrt sich. Der Musikant spielt
eine Viertelstunde lang, er berbietet sich.

Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer darinnen vielleicht hat
jeweilig den rechten ursprnglichen Gedanken -- den Gedanken, der sich im
Grunde von selbst versteht -- aber er ist an seiner Ausfhrung gehindert.
Vielen andern geht auch noch so etwas hnliches durch den Sinn -- aber sie
lassen es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermi daraus die Kraft
der _Originalitt_ des Menschen, berechne daraus die Mglichkeit, die
Wahrscheinlichkeit einer wahrhaft originellen Handlung.




ERKENNEN

1896


Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in diesem Bewutsein.

       *       *       *       *       *

Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener.



1905


Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten
Mal wirklich sieht.

       *       *       *       *       *

Ein jeder sollte erst seine Grenzen anzugeben suchen, soweit er sie selbst
erkennen kann, um darauf umso freier und unbefangener seine Beobachtungen
und Meinungen niederzulegen.

       *       *       *       *       *

Die Menschen haben sich daran gewhnt, von hinten nach vorn, statt von
vorn nach hinten zu denken.



1906


Bedeutet es schlielich etwas, seine Kniee und Fe anblicken zu knnen?
Und doch kannst du es nur solange, als du in dir lebst.

       *       *       *       *       *

Nur der Erkennende lebt.

       *       *       *       *       *

Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von Grund aus und hasse
alle Schwarmgeisterei. Eine Wissenschaft aber, die vergit, da sie eine
seltene, wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums ist, ja, die
vergit, da sie selbst Mysterium ist, sie fllt mit der belsten
Schwarmgeisterei in eins zusammen, sie ist im Tiefsten inferior, allein
schon rein intellektuell genommen.

       *       *       *       *       *

Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. Und nicht einmal eine
wesentliche.

       *       *       *       *       *

Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit dem Feuer. Wenn
der Alltag nicht wre mit seinen 24 breiten Krperstunden, wenn wir nicht
als Tiere so fest und konomisch gebaut wren, so wrde unser armes Gehirn
zehnmal statt einmal verbrennen, so wre philosophische Begabung und
Anwartschaft auf Verrcktwerden dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn
auch immer gewagt werden drfen. Zwar, der Einsatz ist dein Leben, aber
wenn du auch die Gefahr nicht bestehst, so _brauchst_ du selbst keineswegs
grundstzlich zu verlieren.

       *       *       *       *       *

Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du zu Tisch einladen.

       *       *       *       *       *

Jedesmal wieder, wenn man so recht in die 'Welt' hineindenkt, kommen einem
alle menschlichen Gedanken darber vor wie Kinderstammeln, was sage ich,
wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres Grashalms in die
Luft hinaustasten. Und das gilt nicht nur von gewhnlichen Gedanken, das
gilt ebenso von den tiefsten Gedanken unserer fhigsten Kpfe. Nur da wir
durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht -- besser vielleicht von einem
Unendlichfachen auf ein Fnffaches gebracht -- haben, ermglicht uns, in
ihr mit so festen Schritten zu wandeln; nur da wir meinen, 'die Welt' in
Wahrheit vor uns zu haben, wie ein gewaltiges Gemlde, das -- wenn auch
nur im Groen -- so sei, wie wir es sehen, ermglicht den ganzen Schatz
menschlich-brgerlichen Hochgefhls, die Freudigkeit des Tatmenschen, den
tragischen Stolz des Philosophen, die kniglichen Empfindungen des
Knstlers. Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere
Beschrnktheit, der wir das Gefhl unbeschrnkter Entwickelungsfhigkeit
verdanken. Aber umsonst. Irgend einmal und dann immer wieder wird -- wenn
auch nur blitzartig -- die Armut als Armut, die Beschrnktheit als
Beschrnktheit erkannt, die groartige Illusion zerreit und die
Geschichte der Erde und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison
des 'Universums' als -- brgerliches Schauspiel, eines unter unzhligen,
Verfasser unbekannt, Wert indifferent.

       *       *       *       *       *

Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte geschrieben.

       *       *       *       *       *

Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke Wurzel fassen und gro
werden. Sich vorbereiten, sich zubereiten, den Acker lockern fr das beste
Korn, ist alles.

       *       *       *       *       *

Es gibt kein greres Hindernis, zur Wahrheit zu gelangen, als --
schreiben zu knnen. Vergi deinen Stil, vergi allen Stil, berla dich
ganz dem Rhythmus der inneren Stimme, berla alle 'Kunst' denen, die mehr
Knstler sind als Wahrheitssucher.

       *       *       *       *       *

Der Materialismus hat uns in viele Jmmerlichkeiten gestrzt, aus denen
wir uns erst nach und nach wieder erheben werden.

       *       *       *       *       *

Alles Denken ist Zurechtmachen.



1907


Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend andre. Wird dieser Begriff
mehr und mehr aus der Welt geschafft, so heit das nichts weiter als: wir
brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er ist fr uns
aufgegangen in den Begriff Entwickelung.

Wunder nannte man einst alles bernatrliche. Da man heute bereingekommen
ist, alles berhaupt Mgliche dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es
nichts bernatrliches, also auch kein Wunder mehr. Aber Natur ist auch
nur ein heuristischer Begriff und wer sich in der Zwangsjacke eben dieser
Begriffe nicht wohl fhlt, wird ihn abermals entthronen und das alte Wort
Wunder -- vielleicht auf lateinisch als 'Mysterium' -- in einem neuen
greren Sinne ber ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen, da
Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?

       *       *       *       *       *

Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die 'Natur' auf 'natrliche'
Weise erklrt sehen zu wollen.

       *       *       *       *       *

Wie mancher Gedanke fllt um wie ein Leichnam, wenn er mit dem Leben
konfrontiert wird.

       *       *       *       *       *

Ich meine: Gehirn und Dinge sind in _Einem_ Zirkel beschlossen. Im Gehirn
kann nicht sein, was nicht im Stoff ist.

       *       *       *       *       *

Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter den Formen von Zeit und
Raum begreift, so ist anzunehmen, da der unendliche Stoff hier keine ihm
nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht, oder: wird
zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation, die unter Raum und Zeit
begreift, erstand doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann
darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell von diesem
verschieden sein ...

       *       *       *       *       *

A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen reden wrde, so mchte er
wohl frhlichem Lachen begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen
wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie der Ameisen
wre? Stelle dir nur an einem schnen Sommerabend den Erdball und das
Leben auf seiner Oberflche vor!

B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur nicht zu dem einen
Gedanken gebracht htten: alles ist mir nur insoweit bekannt, als es meine
Vorstellung ist. Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint, gibt ihm
zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel gegenber zu behaupten,
denn das Bewutsein, da alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm
ist, ja, noch mehr, das dies 'er selbst' nur ein Bild -- soll er sagen
sein Bild? -- ist, erlaubt ihm, deinem Ameisengleichnis den Stachel zu
nehmen, so gut, wie dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung steht
nun fr ihn so: Auf der einen Seite 'alles Seiende' als Bild. Auf der
andern das, welches 'all dies Seiende zusamt sich selbst' -- als Bild
empfindet. --

Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und was ich beim Lesen
Meister Ekkeharts einmal so formulierte: Gott ist ein Subtraktionsexempel.

       *       *       *       *       *

Betrachte den Fhler dieses feingliedrigen Kfers. Was ist der Mensch
anderes als solch ein Fhler, von unbekannter Urkraft ausgestreckt,
tastend sich ber die Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend
zurckgekrmmt auf sich selbst -- ? Der Mensch, ein Taster Gottes nach
Sich selbst.

       *       *       *       *       *

Alles Denken ist bersetzen Gottes ins Rationalistische. Von Gott, dem
Original, wissen wir nur durch Gott, den bersetzer.

       *       *       *       *       *

Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede der Weltgeist. Ach,
auch aus ihnen, den Spttern, redet leider nichts anderes.

       *       *       *       *       *

Ich lese mit Erschtterung in Hegel, an dem ich immer vorbeigegangen war.
Zwei Dinge hielten einst schon den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte
geheime Neigung zu entziehen: Seine berlebensgroe Bste, die ihm am
Kastanienwldchen hinter der Berliner Universitt manchen bedeutenden
Augenblick schuf, und das ber ihn umlaufende Wort: niemand habe Hegeln
zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst. Ich halte den nmlich
nicht fr den Trger und Offenbarer hchster Erkenntnisse, der diese
Erkenntnisse ein fr alle Mal 'versteht'. Das Hchste vermag der
menschliche Geist auch nur in hchsten Momenten zu leisten, und manchmal
ist es nur ein Blitz, der die Tiefe der Welt sekundenlang aufreit.

       *       *       *       *       *

Entweder man ist Knstler oder Philosoph. Der Philosoph achtet die Kunst,
ja liebt sie, -- aber er komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem
Ernst allein sein will.

       *       *       *       *       *

Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die Brgerlichkeit so vieler
bisheriger Philosophie. Es fehlt mir darin zu sehr an jener berwltigung
des menschlichen Geistes durch das, was ihn wohl berwltigen darf: die
nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich erlebten
Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit. Fr mich beginnt Philosophie
hart vor dem Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre auch. Und sie
mu immer wieder bis hart an den Wahnsinn fhren, das ist beinahe eine
Forderung der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst einen
Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verrt. Ohne Leidenschaft aber ist
jede Ttigkeit groen Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag, gemein.

       *       *       *       *       *

Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt dem Klettern einer Gemse
seinen Ursprung. Dies bedenke auch du, der du auf Gedankenbergen
herumkletterst, und -- freue dich dessen oder mache dir Vorwrfe darber
oder beides zugleich, je nachdem du geartet bist.

Man mu Pessimismus und Optimismus als 'Stimmungen' hinter sich lassen,
wenn man, obzwar erkenntnislos, aber von allen Seiten umwittert, den Pfad
der Wirklichkeit wandelt.

       *       *       *       *       *

Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den fortwhrenden
Zweifelns. Denn nur, wer die Relativitt jeder Meinung eingesehen hat,
sieht zuletzt auch die Relativitt dieser Einsicht ein -- und schwingt
sich endlich vom letzten Erdenwort in -- Sich selbst zurck.

       *       *       *       *       *

Wenn ich wte, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so
wrde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu berwinden. Aber
dieses Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem obersten Siebe
liegen, das alle andern passiert haben.

Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu knnen. Denn wenn ich sage:
Die Welt ist meine Vorstellung, so sage ich damit nichts andres als: eine
Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen Weg hinaus, es gibt nur
einen Weg hinein.

       *       *       *       *       *

Welche Vorstellung wre zuletzt nicht anthropomorph! Anthropomorph, sagt
man, sei die Vorstellung eines persnlichen Gottes. Aber der
Naturforscher, der sich die Welt unpersnlich, nmlich als Natur, als
Wirklichkeit, als einen unendlichen Knuel von Wirkungen denkt -- hat ja
auch von sich selbst kein anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich
'naturwissenschaftlich' als 'Natur' und projiziert sich (in seiner neuen
Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich ins 'Universum' hinein wie
frher. Oder vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion.
Anthropomorph ist und mu 'alles' bleiben.

       *       *       *       *       *

Das menschliche Denken ist wie eine trbe Flssigkeit, die sich im Lauf
der Jahrhunderte langsam klrt. Nach immer mehr Erklrung trachtet der
Geist, aber das Ergebnis ist nur immer mehr -- Klrung. Und zuletzt wird
das Denken schn geworden sein, wie klarer Honig, klares Wasser, klare
Luft.

       *       *       *       *       *

Mir fllt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie hat nie recht
genug -- Phantasie, Sie zerbrach nie ihre Begriffe -- aus Phantasie.

       *       *       *       *       *

Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache weniger Schande als
die indocta, scheint mir das Erschpfendste, was ber das Problem der
Wissenschaften gesagt werden kann.

Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr wert als die Wahrheit
selbst, um Lessingsch zu reden; noch wertvoller als der Weg selbst scheint
der Wille zu solch einem Wege.

       *       *       *       *       *

Wer sich an Kant hlt, dem mu alle Metaphysik erscheinen wie das
hartnckige Surren einer groen Fliege an einem festgeschlossenen Fenster.
berall wird das Tier einen Durchla vermuten und nirgends gewhrt die
unerbittliche Scheibe etwas anderes als -- Durchsicht.

       *       *       *       *       *

Gesetzt und endlich einmal festgehalten, da alle Wissenschaft nur
Beschreibung und nicht Erklrung sein kann, steht dem nichts im Wege, den
Menschen als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben.

       *       *       *       *       *

Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete Pessimist wrde
verstummen und -- sterben.



1908


Alle Wissenschaft hat einen doppelten Wert. Einmal ihren Wert als
Wissenschaft, den man allgemein fr ihren eigentlichen, fr ihren
Hauptwert hlt, und der doch nur ein Hilfswert ist; und ihren Wert als
einer Art moralischer und intellektueller Gymnastik, deren bung dem
Einzelnen die Mglichkeit gewhrt, seine Persnlichkeit (ganz ebenso wie
es z.B. die Disziplin bei einem Streckenwrter tut) zu krftigen, zu
entwickeln, zu erhhen. Und das ist ihr Hauptwert.

Und das ist der Hauptwert aller historisch gegebenen Berufe. Sie sind vor
allem _Kunstgriffe_ -- um der Kultur der Persnlichkeit willen. Es knnten
auch andere sein, und es werden sich auch vermutlich mit zahllosen
Planeten noch zahllose andere finden. Die Gesamtheit dieser Kunstgriffe
und ihrer Benutzung nennt man dann die Geschichte des Planeten.

       *       *       *       *       *

Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-Tren-Einrennen.
Dreiviertel seiner Kraft geht darauf flten.

       *       *       *       *       *

Von letzten Dingen kann man nicht immer gemein-verstndlich reden. Genug,
frs erste, da man sich selber verstand. ('Ich und Mich, der Freund ist
immer erst der -- Dritte.')

       *       *       *       *       *

Ich mchte bisweilen eine Erkenntnis in Form einer mathematischen Figur
geben, z.B. die Anschauung Gottes in Form einer Kugel, aus einem
Mittelpunkt strahlend.



1909


Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der grten
Materialismen der Epoche.

       *       *       *       *       *

Man fragt sich oft: wie ist es mglich, da dieser groe Intellekt dies
und jenes nicht gesehen oder seines Blicks nicht gewrdigt haben sollte.
Aber ebenso bersehen vielleicht unsere Zeitgenossen Dinge, von denen
wieder sptere nicht begreifen werden, da sie fr uns offenbar vllig im
Schatten lagen. Man darf wohl sagen, jeder Blick vorwrts ist zugleich ein
Nichtbeachten dessen, was zur Seite liegt. Der Geist gleicht einer
Granate, deren Gebiet das vertikale Segment zwischen dem Punkt ihres
Ausflugs und dem ihres endlichen Aufschlags ist.

       *       *       *       *       *

Frage die Philosophie sich erst einmal: 'wo bin ich hergekommen?'

       *       *       *       *       *

Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur wir stufen
uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich,
es gibt nur Uneingeweihte aller Grade.

       *       *       *       *       *

Ein vorlufiger kritischer Gedankenstrich: da man ber ein gewisses Ma
hinaus nicht wissen knne, verwandelt sich unvermerkt in das Postulat,
niemand habe auer den 'nun einmal festgestellten' Grenzen etwas zu
suchen. Man fhlt sich vor solchem Doktrinarismus an das Gebahren kleiner
Kaufleute erinnert, die von einer Ware, die sie nicht fhren, erklren, es
gbe diese Ware berhaupt nicht.



1910


Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann Holz spalten. Das auf
den Hackblock geschmetterte Scheit sinkt bereits nach links und nach
rechts auseinander -- da erreicht dich erst der Schall. So mgen wir die
Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir das Wort vernehmen, das zu
ihr gehrt, die Seele, die von ihr redet.

       *       *       *       *       *

Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut auf morgen verstehen zu
mssen glaubt, der sich ber die augenblickliche Konfiguration der Erde
nicht so hinwegzusetzen vermag, da ihm heut und morgen zu
Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die Gtter und ihre Werke
verstehen, vor dem tausend Jahre nicht wie ein Tag sein knnen und wie
eine Nachtwache.

       *       *       *       *       *

Man mu aufhren knnen zu fragen, im Tglichen wie im Ewigen.

       *       *       *       *       *

Weder 'ich' bin, noch jener 'Baum' ist, sondern ein Drittes, nur _unsere
Vermhlung_, ist.



1911


ber jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen hundert Gedanken und
Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte
verhllt.

       *       *       *       *       *

Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen sich mit Stolz
Realisten und den anderen Teil schlechtweg Idealisten zu nennen.



1912


Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. Der wirkliche Philosoph
ist nicht Politiker, sondern Knstler. Er 'redet' nicht, er bildet, baut.

       *       *       *       *       *

Der Systematiker ntigt mich, ihm seinen Weltbau nachzudenken. Er sagt:
Baue mir meine Gedankengebude nach -- und mit ihm bauend werde ich selbst
zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das reine Denken in mir, an den
Geist.

Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die -- Seele. Hegel. Nietzsche.

       *       *       *       *       *

Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem persnlichen Grunde hat
er das gesagt, -- fgt sich selbst den grten Schaden zu; denn er geht am
einzig Wesentlichen in dessen Stzen vorber, daran nmlich, ob sie wahr
in sich selbst sind oder doch sein knnen, oder nicht. Gewi ist jede
Philosophie von der Persnlichkeit ihres Erzeugers gefrbt und darf
dementsprechend empfunden und gewrdigt werden; aber ber alledem steht
ihr Gehalt an Wahrheit, der nachgeprft und entschieden werden kann, _ohne
Ansehen der Person ihres Urhebers_.

       *       *       *       *       *

Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, ber Kopf, Hals
und Schulter gesonnen! Wieviel Mhe gibt man sich nicht, ihn und das
Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst
verstanden werden knnte, mte.

       *       *       *       *       *

In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise bereits ein Teil
Binsenwahrheit, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch schon lange
denkt, whrend die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze Pensum
des Menschen noch einmal zu rekapitulieren und, noch mehr, zu
popularisieren ist. Der Mensch ist nicht so von Gott verlassen, wie die
Menschen glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden Grade von Gott
erfllt, wie sie annehmen, wenn einer einmal etwas Unerwartetes sagt.

       *       *       *       *       *

Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzulsen, wie,
materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft.

       *       *       *       *       *

Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts
vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, 'der Sinn fr Feierlichkeit'
ab.

       *       *       *       *       *

Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als -- konkrete Wesenheiten;
es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen.

       *       *       *       *       *

Zu Ende denken ist alles ... Da wre das erste, diesen Satz zu Ende zu
denken. Will man ihn zu Ende denken, so darf man ihn nicht 'zu Ende'
denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch das Denken. Alles,
also auch alles Denken, endet in Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das
Ende von allem. Etwas zu Ende denken wollen heit also, es bis zu Gott
hinaus denken wollen; Gott aber hat mit Denken nichts mehr zu schaffen.

       *       *       *       *       *

Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so schleppt heute die
sancta simplicitas der Wissenschaft ihre Scheiter herbei, den 'Ketzer' zu
verbrennen.



1913


Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen lchelnden Festungen.

       *       *       *       *       *

Wenn einer heute in zehn Bchern dargetan, da der Mensch _nichts wissen_
knne ber Gott und die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine
Mitwelt einen '_Wissenden_' und erbringt damit den Beweis, da man zehn
Bcher schreiben und zehn Bcher lesen und doch noch nicht so weit sein
kann, sich folgerichtig auszudrcken.

       *       *       *       *       *

Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, ber sie nachzudenken; wer
sie zu wenig liebt, kann nicht grndlich genug ber sie denken.

       *       *       *       *       *

Inmitten unzhligem Hin- und Herreden der Einzelnen wchst still und gro
das ewige Weisheitsgut der Menschen weiter.




WELTBILD: ANSTIEG


     _('Nihil contra Deum, nisi Deus ipse.')_



1891


Wer Gott aufgibt, der lscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu
wandeln.



1893


Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je ntig, den
Blick aus den Tagesaffren emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg
auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren
Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist.



1895


Weltuntergang.

Alles Leben kehrt sich um und kehrt wieder zurck, aufwrts, in das
Ehedem. Vergangenheit wird Zukunft. Die Knoten lsen sich wieder. Die
ganze Welt lebt sich so selbst ...

       *       *       *       *       *

Tod einer Welt: ihre Geburt.

       *       *       *       *       *

Nur die Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht schon wieder im
Keim einer neuen vollkommeneren Form schlummern.

       *       *       *       *       *

Es gibt keine Grenzen der Dinge.

       *       *       *       *       *

Sich die Menschheit als die Bltter des Erd-Baums zu denken!

       *       *       *       *       *

Hngt malus bse mit malus Apfel zusammen? Annahme eines Christen.

       *       *       *       *       *

Der beste Beweis fr die Gotteskindschaft Christi ist der, da es Zeiten
gab, wo jeder Teufel vor einem Kreuz die Flucht ergriff.

       *       *       *       *       *

Wesen der antiken Gtter: Bewutsein des Fatums.

       *       *       *       *       *

So gut Kirchen innerhalb unseres Gemeinwesens mglich waren und teilweise
noch sind, so gut drfen wir es von den Tempeln einer neuen Kultur hoffen.
Weihe ist alles. Ist erst Wille zu solchen Heiligtmern, so werden sie
selbst in unsern nchternen Stdten emporwachsen knnen. Der Mittelpunkt
mu freilich ein groes Nationalheiligtum sein, etwa in Thringen.

       *       *       *       *       *

(Undatiert.)

Was ist 'persnlicher Gott' anderes als der Riesenschatten, den wir selber
auf den Vorhang der ewigen Mysterien werfen.

       *       *       *       *       *

Sieh wie deine Studierlampe sich an die Zimmerdecke projiziert. So
projizierst du dich auf die Wand des Auer-Dir. Wie du dich dort siehst,
das nennst du 'Welt', das Bewutsein dieses (dich) So-Sehens deine
'Weltanschauung'.

       *       *       *       *       *

Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das All ist.

       *       *       *       *       *

Die Welt ist nur eine Form des Menschen.



1905


Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet, wird man gestehen mssen,
da Gott, der Schpfer, der grte Gedanke war, der je in ein
Menschengehirn kommen konnte, wie zugleich Gott, der Sittenrichter einer
der beschrnktesten. Aber so gewi der letzte unzhlige Male bis zu Ende
gedacht worden ist, so ungewi ist es, ob der erste je in seiner ganzen
unerhrten Mchtigkeit Herz und Hirn eines Sterblichen ergriffen und
zerstrt hat.

       *       *       *       *       *

Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist, das Rtsel Christi
zu lsen.

       *       *       *       *       *

Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam denselben Weg wie die
religise Entwickelung. Der Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft
wird ins Innere selbst verlegt.

       *       *       *       *       *

Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.

       *       *       *       *       *

Der Mensch hat kein Vorrecht auf Rcksicht. Gro und unbeirrt geht die
Natur ihren Gang, und Legionen denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr
Denken noch nicht Macht genug ber ihr Leben gewonnen hat.

       *       *       *       *       *

Wie knnten wir die groe Selbstkorrektur des Lebens anders als
ahnungsvoll verfolgen?

       *       *       *       *       *

Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, ber sich ins Reine zu
kommen.



1906


Wie die Sprache fr uns denkt und dichtet, so auch das Leben. Es ist
interessant, zu beobachten, wie ins Rollen gekommene Verhltnisse sich oft
genug ohne unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein
Liebesverhltnis, fr dessen Entwickelung sich das Leben gewissermaen
viel mehr interessiert als die Beteiligten selbst). (Kette der 'Zuflle'.)

       *       *       *       *       *

Alles Lebendige ist umflossen vom ther der Sinnlichkeit. Oder: Die Luft
der lebendigen Welt ist ein leicht entzndliches und jeden Augenblick an
hunderttausend Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.

       *       *       *       *       *

Gibt es eine schnere Form, an einen Menschen zu denken, als ihn 'Tag um
Tag in sein Gebet mit einzuschlieen'? Und doch haben wir diese Form
fallen lassen mssen ...

       *       *       *       *       *

Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schlu des Johannes-Evangeliums.
Zuerst die dreimalige Frage an Simon Johanna: 'Hast du mich lieb?' Es ist,
als ahnte und frchtete Christus das ganze Papsttum voraus, die ganze
offizielle Kirche, die ihn unzhlige Male vergessen und verraten sollte.
'Weide meine Schafe!' Eine welthistorische Szene. Und Christus verkndet
ihm seinen Tod. 'Und da er das gesagt, spricht er zu ihm: Folge mir nach!'
'Petrus aber wandte sich um und sah den Jnger folgen, welchen Jesus lieb
hatte ...' 'Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber
dieser?' 'Jesus spricht zu ihm: So ich will, da er bleibe, bis ich komme,
was geht es dich an? Folge du mir nach!' 'Da ging ein Reden aus unter den
Brdern: Dieser Jnger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er
stirbt nicht, sondern: So ich will, da er bleibe, bis ich komme, was geht
es dich an?' Keine Szene mehr, ein Mysterium: Dieses Vorbei Christi an dem
andern, dieses allerletzte Wort -- nach dem letzten -- an den Vertrauten
seiner Seele. -- 'Was geht es dich an?!' -- 'Bis ich komme. --'




WELTBILD: EPISODE, TAGEBUCH EINES MYSTIKERS

1906


Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenfllt,
wo er aufhrt, sich als Sonderwesen fhlen zu knnen.

       *       *       *       *       *

Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als ebendamit gttlichen
Geistes. Religion ist die Erkenntnis, da alles Denken gttliches Denken
ist, wie alle Natur gttliche Natur, da jede Handlung eine Handlung
Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, da Gott nur soweit Gott
ist, als er Welt ist, da die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, --
da in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewut
wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewut wird.

       *       *       *       *       *

Betrachte den Sternenhimmel -- alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer
bist du. Dein Denken schweigt. Du fhlst dich wie hinweggehoben,
zerflattern ... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -- Es. Das unfabare
Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer
bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst -- und wei
keine Antwort, erstummt in sich selbst ...

       *       *       *       *       *

Wie kann es eine Snde fr mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen
Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht
ein Recht htte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der Tter ist
zugleich der Erleider -- vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein,
vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind
und dem gegenber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur
dies brig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden
haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv fr Uns, als
Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.

       *       *       *       *       *

Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber
bedenke, da du es dir selbst tust.

Wenn du meinst, es dir selbst tun zu drfen, so tue selbst das uerste.
Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerstren. Mit diesem Gebot bist du
frei zu allem und doch wird es dich weise machen.

       *       *       *       *       *

Wie kann ich schwren: Ich schwre bei dem allmchtigen Gotte, da ich
dies nicht getan habe -- da ich doch selbst dieser allmchtige Gott bin
und -- als ein sogenannter anderer Mensch -- es sehr wohl getan habe? Aber
ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen vermgen; er wird
niemals begreifen, da er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist:
und ich werde als Mensch wie ein Verrckter dastehen und als Gott auf mich
den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er
ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, da er mit
ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.

       *       *       *       *       *

Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften,
leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer
Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem
bestndigen Wunsch erfllt, sich zu verinnerlichen; ein Schwchling, ja
ein wrdeloser Mensch mitunter, ohne ausgeprgten Sinn fr Moral, von
einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine Wrme ber sein Leben
verbreitet, deren eigentliche Ausbrche indessen nicht so sehr von Belang
sind, soda man bei ihm zugleich von einer ihn hufig, wie die Flamme das
Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr
geringen Fhigkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer
angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und
Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von
schlechtem Gedchtnis, ungebt und trge im Dialektischen, durchdringend
nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewut oder unterbewut zu
verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Auer-Ihm zu erkennen; --
denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und
der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her
wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden lt; denn er springt auf
seine inneren Erlebnisse nicht zu, er lt sie leben oder sterben je nach
ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewutsein seiner selbst zu
bringen scheint, als wre alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit:
sich nicht als Gott selbst -- als das Eine und Alle, als das Einzig --
Bestehende zu sehen, als wre es geradezu eine 'Ver-rcktheit', sich
'Gott' gegenber als irgend etwas anderes, Gegenstzliches, Seitliches,
Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu fhlen, ja die Frage 'Gott'
berhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als msse man -- _sich sich
selbst beweisen!_ 'Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? -- Wer mich
hat, der hat auch den Vater. --'

Wie mich diese steten Wiederholungen einst rgerten, wie einfltig und
eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe
wiederholte!

Bis mir eines Abends dmmerte, aus welchem Gefhl heraus dieses
unermdliche Betonen geflossen sein mu ...

       *       *       *       *       *

Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als
Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist
dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze
bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist,
ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist hchste Bejahung und
hchste Bejahung Wahrheit.

       *       *       *       *       *

Ich werde erst sterben, wenn ich erfllt haben werde, was ich erfllt
haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und
schlft dort ein, wie es gut ist. Was strubst du dich gegen das, was du
dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist,
da du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses
Wortes fate, da wre unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein
Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist
Tod, das wuten alle Vlker. Gott erraten ist Leben.

       *       *       *       *       *

Jahrhunderte stritten ber das Wort Dreieinigkeit Und doch enthlt es die
Welt, fr ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben, das alles ist
und das der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder gar
erklren kann. Der Sohn, das ist dies selbe gttliche Leben als sich
erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der
heilige Geist, das ist das langsame Weitergren dieser Erkenntnis auf
Erden: da alles 'Gott' ist. --

       *       *       *       *       *

Tief unten schlachten sich noch die Vlker, es raucht das Blut und in
Selbstzerfleischung fllt noch -- Blindes sich selber an. Warum tue -- Ich
das. Ich wei es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige
Geist hat das Tier erst zur Hlfte verwandelt.

       *       *       *       *       *

'Gott ist nur der Lebensfunke.' Schn. Dieser Funke aber bildet Sterne und
Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott ber sich in den Mund. Und
so brauch ich's denn.

       *       *       *       *       *

Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das
Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort,
sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes.

       *       *       *       *       *

Ich habe den verwandelnden Blick.

       *       *       *       *       *

Vor einer Anzahl von Leuten der 'guten Gesellschaft'. Sind es nicht alles
Menschen, die man in irgend einem Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind
so oder so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie mten auch fast alle
mit dem Gift einer schwachen doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen
zu wenig ber sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an,
sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben, mit 30
Jahren sich gefunden zu haben -- sie nennen es: erwachsen sein -- und
setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird nichts Unerwartetes
von ihnen mehr sehen oder hren; als ob man nicht von jedem Menschen in
jeder Stunde Unerwartetes erwarten mte! Man kann sie vorausberechnen wie
irgend etwas ganz Gewhnliches -- und dabei sind sie das Ungewhnlichste
der Welt, nmlich Menschen und tragen das Unberechenbarste der Welt in
sich: eine zu jeder Unerhrtheit fhige Seele. Sie haben ganz vergessen
oder nie begriffen, da sie -- Gott sind, sie begngen sich damit, Herr X
oder Frau Y zu sein und als solche und nur als solche zu leben und zu
sterben.

       *       *       *       *       *

Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen, ist es,
den ich unter der Bezeichnung 'brgerlich' berall aufspre und verfolge.
Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man sollte
tglich zu einer festgesetzten Stunde einen Glockenton durchs ganze Land
gehen lassen, der keine andre Bedeutung htte, als die, den Menschen in
Erinnerung zu rufen, da sie nicht nur Brger von diesem Namen und jenem
Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Man mte
eine eigene Glocke dafr erfinden und in unzhligen groen und kleinen
Exemplaren gieen lassen: eine 'Gedchtnisglocke des Menschen'. Wo aber
ein Tempel gebaut wrde, da mte ber seiner Pforte stehen: Dem
furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten.

       *       *       *       *       *

Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift sehen zu
drfen: die Erkenntnis des Brgerlichen. Als das Brgerliche bezeichne ich
das Absehenknnen des Menschen davon, da er das Geheimnis der Geheimnisse
ist, das Sichhinstellen- und Verharrenknnen des Menschen als eines
Zweiten. Brger heit: der sich in einer Burg Bergende. Brger heit mir
der Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas andres
als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott fhlen,
der er ist. Es kann Gott sich nur brgerlich und nicht anders ergreifen.
Das Menschliche ist schlechtweg das Brgerliche.

       *       *       *       *       *

Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott ist nichts
Auerbrgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich
Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist berflssig, ebenso
wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase Wasser) auch nur ein Tropfen
Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist 'Burg'. Seit Welt berhaupt ist,
gibt es nur Gott, den Geborgenen, den Brger.

       *       *       *       *       *

(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor
sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich
unterhalten, und durch das mchtige Fenster die drauen hin und her
treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines groen
Behlters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist
Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als
sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt
und aus ihren nur als sie!

       *       *       *       *       *

Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie
das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erhlt, diese
Menge, die unter den Hnden der Aufklrer zu einem platten, sich selbst
und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich
unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige
ebenbrtige Gefhrtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider
anbetrifft, so drften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrwrdig, ganz
verschiedenen Charakters, gleich unertrglich und gleich lcherlich sein.

       *       *       *       *       *

Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes
Bildnis an allem.

       *       *       *       *       *

Eine szenische Vorstellung ist fr den Kontemplativen etwas wie eine
Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie
ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.

       *       *       *       *       *

Aller Blick auf menschliche Dinge mu zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan
Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der
Kinder begreift er nicht. Wie aber -- wenn all dies Leiden zuletzt ein
Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und
jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne
Ma groe schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde
dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und
scheint nicht alles aufgelst -- nicht in eine unsagbare _Harmonie_ -- o
nein -- aber in einen nie zu erfassenden, erfhlenden Abgrund von solcher
Schauerlichkeit und Tiefe, da jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil
verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen
Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot
niederwerfen wrde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde
lnger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im
Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der
Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich
Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig
wie der Mensch, wird sich Gott je selbst _erkennen_ (nur erahnen); denn er
erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich
Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas
andres, ob jenes kleine Mdchen, von dem Iwan Karamasow erzhlt, sich als
eben dieses Mdchen die Brust mit den Fustchen schlgt oder ob es einen
Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst kmpfenden, um sich
selbst kmpfenden Unsagbarkeit 'Gott' darstellt. Dieses Mdchen ist dort
noch brgerlich gesehen, gttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu
liebenswert fr unsere Liebe, wie zu tief fr unsere Klage.

       *       *       *       *       *

(Nach einem franzsischen Roman.)

Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern
bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen
und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschpfe, die der
Proletarier erwrgen wrde, wenn er wieder einmal in die Huser der Brger
brche, -- stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Strae getrennt, das
grinsende Elend, die verstmmelnde Krankheit, den Schmutz, die
Niedrigkeit, das Verbrechen vor -- und frage dich, was ein Gott tun mte,
der dies nicht _alles selbst_ wre. Nur eine Welt, die Gott selbst ist,
darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die
Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgeschpfe, er ist
ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Schnheit, da er selbst
dieser Rausch _sein_ mu, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, da
er er sein mu, um ihn (mchte ich sagen) nicht erst 'empfinden' zu mssen
und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen wre -- im
Urteilen aber schlft auch schon das Verurteilen -- herabzusetzen; ich
sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die
Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu errten wie ein
feiler Genling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine
hchsten Zustnde nicht, er ist in schrecklicher Flle und Wahrheit alles,
von oben bis unten, er ist das ganze Universum am 'eigenen Leibe', noch
einmal: Er darf alles sein, weil er alles _ist_. (Sptere Anmerkung:
Solange er nicht selbst darum 'wei'. In diesem Moment beginnt seine --
Sittlichkeit.)

       *       *       *       *       *

Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben knnte, und nichts, das ich
nicht berwinden mchte.

       *       *       *       *       *

Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, da sie Liebe Gottes
zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein
kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist
ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe pltzlich
zusammenschmelzen knnte in einen dritten Krper, dann wrde die Erde
vielleicht im selben Augenblicke vor jhem Erschrecken untergehen.

       *       *       *       *       *

Nietzsche sagt einmal, da mit der Wissenschaft der Optimismus Herr
geworden sei. Und frwahr, mit dieser Zhlmaschine in der Hand wird der
Mensch ein beschftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des
Daseins verliert ihre Gewalt fr ihn, er klassifiziert, klrt auf,
korrigiert hier und dort. Eine Welt, fr die es nur die Eine Bezeichnung
'furchtbar' gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das blo
der Tod seine ungemtlichen Schatten wirft. -- Sei bedankt, Tod,
millionenmal bedankt, da du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens
bist. Ohne dich mte das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufhrlich darauf
gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich wrde Gott am eigenen Leibe
verfaulen.

       *       *       *       *       *

Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.

       *       *       *       *       *

Gott ist die berwltigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die
Kapitulation des menschlichen Begriffsvermgens vor der Welt.

       *       *       *       *       *

Philosophie und Religion ist fr den Menschen vielleicht nur der
Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der Klte des Universums zieht sich
das Wasser als Haut zusammen, so vor der Klte des Unbegreiflichen der
Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall,
rettet sich vor dem Verfall, indem er _denkt_.

       *       *       *       *       *

Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles,
was geschieht, ist Mein bewuter oder unbewuter Wille und als solcher
unantastbar. Damit aber fllt zugleich die bertriebene Wichtigkeit alles
Geschehens dahin. Alles ist wichtig -- als gttliche uerung; und nichts
ist wichtig -- ebenfalls als gttliche uerung. Gottheit ist Flle, und
Flle wei nichts von dem, was sich Kmmerlichkeit als Gewinn und Verlust
herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des Brgers, Gott sah sich
selbst als Brger: den aber hat sein eignes Lachen tten mssen. Aus dem
Gott-Brger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische
Gott.

       *       *       *       *       *

In einen Roman:

'Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so gro, wie er
vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann
nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und
werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht von Fieber geschttelt. Ich
bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben
fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich
verachten mu, da selbst ein solcher Gedanke dies schne Gleichgewicht,
um das mich so viele beneiden, nicht zerstrt, und wie ich im Innersten
nur jenes Eine begehren mu: den Schmerz, den unentrinnbar tdlich
verwundenden, den --'

       *       *       *       *       *

(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu fhlen, kann nicht
Grenwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt Gottes, als
Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu drfen glaube, so
gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes lebendige Wesen berhaupt
gleichfalls als Gott: soda da nichts ist, was sich ber andres berhbe,
oder nur in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe bereinander
berheben.

       *       *       *       *       *

(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, da dieses dicke und gelehrte Buch 'Die
Religion als Selbstbewutsein Gottes' gerade _die_ Idee, die Gott am
tiefsten fat, als 'wahnsinnig' hinstellt. Man mache sich klar: von
unzhligen Ideen mit tdlicher Sicherheit gerade die energischste,
bedeutendste! Man mchte den Geist des Verfassers eine umgekehrte
Wnschelrute nennen.

       *       *       *       *       *

Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine --
Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt gehren, so gehren
Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit
hinein.

       *       *       *       *       *

(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen berreiztheit, Ermattung und
Gre, einer Gre, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, glhenden Seelen
der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte,
wte ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den
Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen
Sturm der Seele wieder, der oft lange schlft, sich lange unter allerlei
psychologischem, politischem, was wei ich fr Kleinkram verkriecht, um
sich dann pltzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben,
emporzusteigen, alles zu berschtten, zu berstrahlen, da das Herz zu
klopfen anfngt --

       *       *       *       *       *

Dostojewski hat folgende groartige Methode: Er fhrt eine Anzahl Menschen
ein, die uns zunchst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie
durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis fr
jeden irgendeinmal die Stunde schlgt, wo er sein Innerstes enthllen mu.
Und enthllt er sich nicht aus freien Stcken -- und je bedeutender solch
ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst
zynischer ist er -- so wird er, ich mchte sagen, 'gestellt'. Ein andrer
setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den 'Karamasow',
Werssilow und sein Sohn im 'Werdenden', Schatoff und Stawrogin in den
'Dmonen' usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon spter, sprechen wir
von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie
gewartet. -- Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, -- aber das
andere --! Und dann sprechen sie alle von dem 'andern', von der
Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun mu, wenn
es Gott nicht gibt; ob der Mensch berhaupt ohne Gott leben knne; wie im
Besondern das Russenvolk diese hchste und brennendste Lebensfrage
entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht 'das einzige Gott tragende
Volk' heute sei, 'das einzige, dem die Schlssel des Lebens und des neuen
Wortes gegeben sind'.

Und in diesen Gesprchen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des
um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der
Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.

       *       *       *       *       *

(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester wre, so wrde ich mit meiner
Stirn erst dreimal vor ihm den Boden berhren, bevor ich mich umwendete
und zu meinen Brdern sprche; denn in ihm ward eine jener groen Leuchten
der Erde lebendig, die noch in den finstersten Nchten leuchten, -- er war
einer der groen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen
nicht genug sein lie; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein
Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.

       *       *       *       *       *

(Zu Drews.) Wenn ich sage: 'Mensch' ist nur eine sprachliche Ausdrucksform
fr 'Gott' -- ist das 'Selbstvergtterung'? Gott kann sich doch nicht
selbst vergttern! Was aber wre Gott, der nicht die ganze Natur, der
nicht alles, alles selbst wre, der nur das Selbst, nicht auch das Ich
zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst,
kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt wre?
Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik,
insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer
Proze ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt
keinen Metatheismus; Metatheismus aber wre, das menschliche Subjekt noch
einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so
fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven
Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung,
Sichselbsterringung hindrngenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich
selbst, ja: Sich Selbst zu finden.

       *       *       *       *       *

Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht berzeugen knnen. Der
_sichselbstschpferische_ Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn
nicht die Philosophen, so werden die Knstler mich stets begreifen.

       *       *       *       *       *

Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen
und zu diesem Leiden gehrt, da, was da leidet, zum allergrten Teil
nicht wei, da Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes fhlt, soda
ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden
_mache_. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen.
Was bleibt Mir da noch brig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und
doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch -- Liebe! Liebe nicht zu
Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden
Welt, zu allem, was berhaupt noch Werden heit. Die ganze Welt einst
wieder an Mein Herz zurckzunehmen -- knnte Ich mich ohne diesen Willen
zur -- Welt entschlossen haben?

(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich miverstanden wrde. Wenn
man mich fr einen grenwahnsinnig gewordenen Subjektivisten nhme!)

       *       *       *       *       *

Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der 'ewigen
Seligkeit' verspricht, ist folgendes:

Wir hren nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und
bleiben Teilnehmer des gttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns
(sich) keinen 'Frieden', als den, welchen er sich selbst erringt. Alle
hchste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der
hchstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein
hchster Glcksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese hchsten Glcksmomente
Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische
Ungengendheiten zu verdchtigen. Sie sind die _einzige_ (bewute)
_Seligkeit_ Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, auer ihr. Sie
sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erkmpftheiten, Ersiegtheiten,
nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den
die Geplagten und Gemarterten als Hchstes ersehnen, sondern Seligkeiten
der Kraft, des auerordentlichen Vermgens, -- alles irdische Groe und
Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und
Glckliche und einen Gott bewut oder unbewut auerhalb ihrer, sondern
Gott selbst ist elend und glcklich, Gott selbst fllt und erhebt sich,
sndigt und berwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der
anemos der Welt.

       *       *       *       *       *

Wer das Wunder nicht als das Primre erkennt, leugnet damit die Welt, wie
sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.

Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts auer ihm. Wenn aber alles
Wunder ist, das heit durch und durch unbegreiflich, so wei ich nicht,
warum man dieser groen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den
Namen Gott sollte geben drfen.

       *       *       *       *       *

Wirklicher innerster, reinster Glaube _kann_ sich nur auf etwas beziehen,
wofr die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein
_einziges_ Objekt. Ja, ich mchte noch weiter gehen: was geglaubt werden
kann, ist schon nicht mehr glaubwrdig. Glaube, im innersten Begriff, ist
Annahme _aller_ Mglichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je
ein bestimmtes Geglaubtes, das heit einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu
finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes
Gefhl Gottes. Glaube ist damit das Gefhl Gottes von Sich selbst, Glaube
_an_ Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen
Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig
Glaube Gottes, wie Gefhl an Gott Gefhl Gottes. Daher auch keine Vernunft
dem wahren Glauben etwas anhaben kann.

       *       *       *       *       *

A. Wo ist Gott ...

B. Du fragst, wo Gott ist?

A. Ja.

B. (auf A. deutend) Dort.

A. Wo? (dreht sich lchelnd um).

B. Ja, du mut dich nicht nur umwenden, du mut dich in dich
hineinwenden --

A. Hineinwenden?

B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?

A. Ja.

B. Das ist der Mensch. Und dies (stlpt den Handschuh um) ist Gott.

       *       *       *       *       *

Gott ist gewi nicht Persnlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment.
Gott ist: Persnlichkeiten.

       *       *       *       *       *

Der Krper, der bersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.

       *       *       *       *       *

Da jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene Mglichkeit unter
unzhligen Mglichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den groen Hintergrund.
Leib und -- Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der
Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die
ebenfalls jede fr sich htte hingezeichnet werden knnen. (Sichtbar,
leiblich geworden sein knnten.)

       *       *       *       *       *

Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in bestndigem Aufbau und
bestndiger Zersetzung begriffen. Es gibt fr dies Wesen keinen Tod -- um
den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des
Dividuums. Das Individuum ist vergnglich, das Dividuum ohne Anfang noch
Ende. Das Dividuum teilt sich fortwhrend und darum besteht es
fortwhrend. Es kann nur bestehen, wenn es bestndig zu Individuen wird.
Im Individuum wird es allein fest, soda man sagen kann: Die
Individualitt ist die Persnlichkeit der Dividualitt, oder menschlicher:
Der Mensch ist die Persnlichkeit Gottes.

       *       *       *       *       *

Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn -- Gottes.

       *       *       *       *       *

Im Anfang war -- Mein Ziel.

       *       *       *       *       *

Gott heit immer nur der jngste _Begriff_ von Gott. Gott selbst kann es
fr den Menschen niemals geben -- so wenig es fr diese meine Hand diese
meine Hand geben kann.

Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe,
also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur
eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und
darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und
_mit ihm_ wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und
wre dies schlielich nicht das Letzte -- was wre dann die Welt? Eine
Sphinx, die, gelst, in den Abgrund strzen _mte_. Ihr tiefster Sinn
wre damit verloren -- das Nieaussinnbare. Sie htte jeden Grund verloren,
weiter zu _sein_; denn der Welt Grund ist allein ihr _Ziel_. Wo aber ein
Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, heit stets unerreichtes
Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, da wir nicht einmal wissen, wo
es liegt, wie es heit. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt
Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn,
nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das
Grte, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber.
Der Weg nach dem Sinn ist der _Sinn_ des Wegs.

       *       *       *       *       *

Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt
das eine welterklrende Wort. Das andere -- kennen wir nicht. Aber wir
wrden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu
Einem verhindert, um dafr die Welt der Individualformen aus ihnen zu
bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die uere
Hohlkugel ist mit Gas gefllt, die innere luftleer. Nun wird die innere
zertrmmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erfllen, als
Eines, Untrennbares, Ganzes, Molekl an Molekl, gleichartig assoziiert.
Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden
Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen,
sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas
verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein
Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden.

Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Grung versetzt. Der Pilz
bildet die auerordentlichsten und vielfltigsten Formen. Die Masse strebt
ewig zurck zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein
eigener Pilz.

       *       *       *       *       *

Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes
Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, nmlich: Gottes Leib.

       *       *       *       *       *

Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem
Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering
bei den Menschen das Gefhl ist, das das natrlichste von allen sein
sollte: Das Gefhl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis
Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie
sollten sie den Gedanken fassen, da das ganze Universum bestndig in
ihnen ist, wie sie in ihm, ja, da jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie
irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstrae im Grunde nichts
anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.

       *       *       *       *       *

Stze wie: In der Welt berwiegt die Summe des Leidens die Summe des
Glckes -- was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor
dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar bergewaltigen Charakter
des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfabaren Komplex des Lebens nicht
Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander
verschlungen und verwirkt sein, da man schon ein Prachtstck an
Trockenheit und Pedanterie sein mu, um hier mit einer Wage heranzutreten
und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu
segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Manver bemnteln zu
wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins
Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne
vorzuschtzen, da er durch 'sorgfltiges Abwgen' zu solcher Erkenntnis
gelangt sei. Ein noch strkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein
aushalten: Er wird bekennen, da ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die
Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, da wohl ein geheimes Ja in
seiner Seele lebt, da er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet,
es auszusprechen, und da sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der
Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig
wagen darf, das unversiegbare Fllhorn seiender und noch mglicher Welten
zu verwnschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile
unerbittlich zu bndigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man
ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist
Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.

       *       *       *       *       *

Ich will den Menschen nicht schiffbrchig sehen, aber er sollte dessen
bewut sein, da er auf einem Meere fhrt.

       *       *       *       *       *

Wir mssen uns davor hten, ausschlielich mit der Menschheit unseres
Planeten zu rechnen. Wir mssen annehmen, da jeder mgliche Gedanke ber
Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder
in Mars- oder Saturnkpfen, ja, da es sehr wohl Planeten geben kann, auf
denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewutsein seiner selbst
lebt. Da wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in
irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner hchsten; wiewohl
auch seine hchste nur eine 'endliche' sein mag, indem das unendliche
'Mysterium' nur im immerwhrenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott
kann allein leben durch seinen immerwhrenden Tod. Gott mu fortwhrend
sterben, um fortwhrend leben zu knnen. Gott stirbt nie um den Preis
fortwhrenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und
berwinden wir es durch das Wort 'Ich bin', das Gott in uns spricht. 'Ich
sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du,
sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du
erkannt zu haben meine).'

       *       *       *       *       *

Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume.
Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und
Duft -- und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang
vollendet. Ist Schnheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als
Schnheit und Duft der groen Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt,
minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? --
Wachstum ist alles, das Wort 'wchst' vielleicht das letzte mgliche Wort.
-- Und wie es unendlich viel Bume und Blumen gibt, so unendlich viel
Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -- und so wre der
Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine
Phantasie, gro genug. Ein Bild fr Gott, immerhin unzerreibar von
menschlichen Kinderhnden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht
strker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem
Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vorberfall
du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst.
Aber doch eben das, und als das, etwas. --

       *       *       *       *       *

Der Mensch, der ganz erkannt haben wrde, wre der wieder geschlossene
Ring Gottes.

       *       *       *       *       *

Der Mensch ist ein an einer Stelle geffneter Ring. Gott ist der Ring als
Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring,
unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu
schlieen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich
zurcklaufender -- aber noch nicht zurckgelaufener -- Gott. Der Mensch
ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene
Hingott und Widergott.

       *       *       *       *       *

Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.

'So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.' -- Wre es nicht furchtbar,
wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwrfe als
Entwurf endigen mte, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit
ausgefhrt, weiter gebildet zu werden? Gewi, der gegenwrtige
Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein -- aber es fragt sich, ob
einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar
nicht blo im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also
nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment
meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen,
bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist
Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) -- oder ist
Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, soda
seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner
Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur
immer wieder sterblichen Person auf immer wieder hherer Stufe wre?

       *       *       *       *       *

Vor einem Sterbelager.

Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verhltnissen
wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen,
von frher her, nur, da wir es nie wissen, da wir heimliche
Zusammenwanderer sind.

       *       *       *       *       *

Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur
Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott
entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, da er sich bestndig 'verrennt',
verstrickt, verwickelt, zu Knoten schrzt, da er sich selbst bestndig
Stationen schafft. Er wrde wie ein Meer ins Unendliche verflieen -- wenn
er sich nicht fortwhrend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung
finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endgltiges zu hchster
relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das ursprngliche Netz
sozusagen vllig in sie hineingenommen, nun den Persnlichkeitskern als
Eigengewinn davon zurckzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen.

       *       *       *       *       *

Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den
andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer
sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem fllt Mitleid ab wie ein
Miggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er
knnte ihn hchstens um dessentwillen bedauern, da ihn sein Leid nicht in
sich hineintreibt, da es ihn nicht vertieft. Wer sich und den Nchsten
als Gott erkannt hat, von dem fllt Mitleid ab wie ein Geschwtz. Er wird
den Nchsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer
bringen knnen, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit groem Auge
wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er
da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden
keinen Sinn und keinen Platz mehr.

       *       *       *       *       *

Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerfllige Krper, als
Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unablssig verkehrend.

       *       *       *       *       *

Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs
die Geschichte des Menschen.

       *       *       *       *       *

Znde einen Magnesiumfaden an -- und du hast das Leben des Menschen im
blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdrcke fr
dasselbe. Und unser Ichgefhl das Gefhl des hineilenden feurigen Punktes.

       *       *       *       *       *

Es gibt nur ein Neues: Die Nance.

       *       *       *       *       *

Die Welt, eine in sich zurcklaufende Spirale.

       *       *       *       *       *

Wir mssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu
unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen,
nicht aber wie ungefgte Kltze hinabzurutschen und hinabzupoltern, mu
unser erster Wunsch und letzter Wille sein.

       *       *       *       *       *

Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die
Mcke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die
Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum;
unwesentlich das Universum, wesentlich --



1907


Wir mssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das
Unvorstellbare, das wir sind, ist weder gro noch klein. Alles ist in
jedem Augenblicke Gott und jeder 'Teil' in jedem Augenblicke zugleich das
Ganze. (Ist denn das Wasser fr den Tropfen klein oder gro? Nein, er ist
der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch gro
und wenn der Tropfen zurckblickt auf den Wasserfall, so wird er doch
darum nicht sagen knnen: Wasser ist gro. Und so ist 'Gott' auch nicht
grer da, wo er die 'Milchstrae' ist, als da, wo er in einem Menschen im
Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend
Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten 'gro'
und 'klein', denn 'das gibt es alles garnicht'.)

       *       *       *       *       *

Ich frchte, -- und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich
denken gelernt, immer wieder, --: nicht, da wir sterben werden, ist zu
frchten, sondern da wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter
folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib
nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht -- mein Freund bin? Nicht
als ob etwas, was meine Seele genannt werden knnte, gewandert wre, nein,
sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer wre und wte da es
wre ... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz
und gar als dieser und mit allen physischen Prmissen) in die Welt blickt,
in demselben Moment, wo er sein Bewutsein verliert? Solange ich in meiner
Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form
zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht
nichts als wieder das Eine.

       *       *       *       *       *

Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.

       *       *       *       *       *

Dies Bewutsein wenigstens habe ich: mein hchster Gedanke hat nichts zu
tun mit dem uerlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die
zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden
sind, als da ist unterdrckte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele,
Verzweiflung an sich und der Welt oder hnliches. Ich kenne diese Zustnde
wohl, aber ich wre nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen:
wie denn dieser auch weder 'heilt' noch 'erlst'. Diese Idee ist vielmehr
aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anfnge bis in
mein zweites Jahrzehnt zurckverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz
spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches
Zutagetreten hngt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das
mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge
gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsfhlen mit
allem zu einem natrlichen Gefhl macht.

Ebenso hatte ich stets das Gefhl des Zusammenhangs in so hohem Mae, da
ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese
etwa, da meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in
Mitleidenschaft ziehen msse.

       *       *       *       *       *

Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle
Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist --
Gott.

       *       *       *       *       *

'Gott' ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles
von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist -- Mysterium.

       *       *       *       *       *

Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklrliche sagt aus
Menschenmund Gott zu sich.

       *       *       *       *       *

In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum
Bewutsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal
sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich:
'Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.'

       *       *       *       *       *

Man emprt sich gegen die Gottheit Christi -- als liege man selbst in Hose
und Rock nicht als ein Stck -- Gottheit herum.

       *       *       *       *       *

Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von auen, mit
fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen
Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben -- Gottes aber
angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur
irgend einen Menschen daraufhin an, da er nichts andres ist als Gott,
Gott selbst in ureigenster Person -- und die Welt wird sich dir mit
einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu
befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig
werden.

       *       *       *       *       *

Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: da den Menschen eines Tages in
grerer und grerer Anzahl zum Bewutsein kommt -- nicht nur nominell
wie bisher, sondern faktisch -- da sie in der Unendlichkeit leben.

       *       *       *       *       *

Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber
noch nicht den RAUM.

       *       *       *       *       *

Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der
Ewigkeit. (Getrumte Zeile.)

       *       *       *       *       *

Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere
Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt
die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Gtter ihrer
Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen:
Dein Gott ist eine bloe Vorstellung von dir. Gewi ist er das. Erst die
Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist
irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten knnen, ist das
Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zurckgehen, ist das, was wir
fr uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns
bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist
alles. Wir haben kein andres Wort fr Gott als das Wort 'alles'. Man kennt
und fhlt Pantheismus schon lange, aber ich wei nicht, ob je mit diesem
'alles' schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht,
fr den gibt es kein Entrinnen mehr. Er mu selbst hinein in dies 'alles'
mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er mu
selbst zusammenfallen mit Gott, er mu selbst Gott -- und nicht nur in
Gott -- sein.

       *       *       *       *       *

'Sein' (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so
sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, 'ist' er
nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.

Als Mensch 'ist' Gott.

       *       *       *       *       *

Auch wo Gott 'sich' fhlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.

       *       *       *       *       *

Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, da die Welt unerklrlich sei. Die
Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stiermigen Annahme des
Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu
wertvoll, verinteressieren -- als Wissenschaft -- das Leben in allzu hohem
Grade.

       *       *       *       *       *

Unbewute Stupiditt, bewute Verlogenheit -- als Voraussetzung aller
Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur berhaupt: das ist eine groteske
Wahrheit Gottes, des Menschen.

       *       *       *       *       *

Auch hier meine Ausfhrungen, was ich auch versuche, bleiben --
Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes
sein. Der Tod Gottes -- als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese
Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der
Erde, das sich mir im Wort 'Gott' nicht lste. Andre nennen ihre
Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder
anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach
gleich viel wert. 'Leben' ist das Wort einer andern _Phantasie_ als
'Gott', das ist alles.

       *       *       *       *       *

Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein 'Ur--wort'. Dieses
Urwort mu uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.

       *       *       *       *       *

Gott wre etwas gar Erbrmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe
begreifen knnte.

       *       *       *       *       *

Ich frage mich, welche innere Ntigung liegt meiner Handlungsweise zu
Grunde (drcken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine
aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes
Sache selbst. Ich bin -- wie ich es ansehen kann -- nur eine Etappe im
ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun
selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so wre damit wohl nicht viel
mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines
Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erklren zu knnen glaubte.

Nun gut. Welche Ntigung? Die Ntigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die
Ntigung, mich mit allem um mich durch ein _persnliches_ Band verbunden
fhlen zu drfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus
ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgltig,
ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt -- ob ich
sie nun als _Du_ oder Erscheinung bezeichne -- _Ein_ Geheimnis mit mir,
das Geheimnis des Lebens. Wir sind Brder als Erscheinungen, und unser
Beider Vater als Dinge.

       *       *       *       *       *

Ich, als Vater, erflle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als
Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.

Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst -- Erscheinung.

       *       *       *       *       *

Von mir: die Menschen sind ihm allein Kpfe Gottes.

       *       *       *       *       *

Ja, gewi, es ist vieles am Menschen lcherlich und verchtlich. Aber der
Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was wre Gott, wenn
er nicht irgendwo auch lcherlich und verchtlich wre. Gott schenkt sich
nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man knne das Eine
ohne das Andere haben, ja noch mehr: man drfe es.

       *       *       *       *       *

Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die groen Grotesken
Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.

       *       *       *       *       *

Man knnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttrstungen Gottes.

       *       *       *       *       *

Nicht, da gekmpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das
Tragische.

       *       *       *       *       *

Betrachte den gefllten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen
ihn die vor Erwartung und Lebenslust glnzenden Augen der Frauen, ihre
schneeweien Nacken, ihr herrliches Haar -- wie scheinen sie alle zu rufen
voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie
leben und leben sehn, wie ganz unverstndlich es ihnen wre, wenn nun
pltzlich ein Mann aufstnde und sprche: Nein, nicht den Vorhang auf!
nicht auf! Sondern lat uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen
Theaterspiel! Und seine Augen wrden sich schlieen im berma des
Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit -- was wrde
geschehen? Mit ihren Fchern wrden sie ihn zu erschlagen drohen und mit
hundert beredten Gebrden laut oder stumm, lchelnd oder schluchzend, die
Mnner rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten fr nichts? Ihr
wollt dies starke se bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht
mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O,
ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns
nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht
und gesundem Menschenverstand. Nein, die Komdie sei noch nicht zu Ende!
-- Der Sprecher von vorhin aber wrde bei sich denken: Umsonst. Gottes
Teufel ist seiner wrdig. Er knnte nicht berzeugender noch unschuldiger
sein. Und frwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal -- und sein
triumphierendes Reich, soweit Welt ist.

       *       *       *       *       *

Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu
schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verfhrt wird, vertieft,
dem wird die Gre und Schnheit des Lebens frder nicht Einwand sein
knnen: Denn je unfalicher dieser Gott ist, desto unfalicher wird auch
die Kunst seines Teufels sein mssen, desto heiliger wird sie erscheinen
mssen, desto bejahungswrdiger die Welt fr menschliche Urteilskraft.

       *       *       *       *       *

'Die Welt' ist Gottes Weg zu seiner Schnheit. berall und immer duftet
diese Wunderpflanze 'Welt'. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist
ihre Schnheit, ihre 'Seele', 'Gottes' -- Seele.

       *       *       *       *       *

Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und
weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, -- nur seiner
unbewut, und damit mitten im -- Inferno.

       *       *       *       *       *

'Alles was ist, ist vernnftig' -- ganz gewi. Freilich nicht vom
Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus;
aber sub specie Dei.



1908


Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die
Tragdie Gottes.

       *       *       *       *       *

Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint,
verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder blo ja noch blo nein
zu sich, sondern urewig ja _und_ nein.

       *       *       *       *       *

Wo einer keine Augen fr sich -- als Mysterium -- hat, da hat auch Gott
keine Augen fr sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen fr
sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen fr sich
hat, und zrnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.

       *       *       *       *       *

Die Welt knnte so gro angelegt sein, da die unaufgelste Dissonanz
eines ganzen Planeten als solche mit hineingehrte. Ein schauerlicher,
wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz -- schon allein seine
ganz persnliche Dissonanz -- nicht aufgelst und sei es auch erst -- nach
onen.

       *       *       *       *       *

Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist
er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit
als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wre wohl nicht genug, wenn nur
_das_ Gott wre! so frage ich: weit du, wo die Welt aufhrt, da du von
genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein
oder 'nicht-genug'?

Das ist gewi: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann
auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes rhren.

       *       *       *       *       *

Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist -- wenn
die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist -- so wei ich nicht,
was Gott und Welt bedeuten.

       *       *       *       *       *

Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur
ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.

       *       *       *       *       *

Es versteht sich mir fast von selbst, da das, was ich bin, sich irgend
einmal seines ganzen Lebens -- in allen seinen Erscheinungsformen --
erinnern wird.

       *       *       *       *       *

Und es wird nichts sein -- kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen.
Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.

       *       *       *       *       *

Ich und du, einmal gro und einmal klein geschrieben -- das ist die
Weltformel. Ich und Du, und ich und du.

       *       *       *       *       *

Mute der wahrhaft innerliche Mensch frher mit der Kirche ringen, so mu
er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer
nur als -- Ketzer mglich.

       *       *       *       *       *

Vielleicht ist nichts von allem Gedachten _ganz_ unwahr. Sollte Gott ber
Sich _gnzlich_ falsch denken _knnen_? Sollte nicht die barbarischste
religise Vorstellung ein Krnchen Wahrheit enthalten, enthalten _mssen_?

       *       *       *       *       *

Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, -- Formel
Gottes, des Individuums. (Hinzuzufgen: zusamt der stillgeglaubten
Anwartschaft auf alles Andere.)

       *       *       *       *       *

Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben,
wenn nicht dahin, da Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das
Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er mu aus dieser
Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, mu ja
sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische
Buddha. Er mu das Schicksal der 'Welt' an seinem Teile entscheiden; sie
soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch --.

       *       *       *       *       *

Frage dich nur bei allem: 'Htte Christus das getan?' Das ist genug.

       *       *       *       *       *

Das ergibt sich aus meiner Lehre, da nicht nur der Einzelne sondern auch
Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit -- Persnlichkeit zu werden
trachtet.

Denn wenn wir 'Gott' sind, -- was knnen wir Hheres aus uns machen, als
immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Persnlichkeit? So wie
der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein
Volk, eine Menschheit durch und durch 'kalonkagathon' werden wollen.

Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde --
das ist das Ziel.

       *       *       *       *       *

Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle
fnfzig Jahre -- vielleicht -- Einer.

       *       *       *       *       *

Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen knnten, wer Christus
war, wrden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher
verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat 'Ich und der
Vater sind eins' (und nur der johanneische Christus ist fr mich Christus,
so ausschlielich, da, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er lngst
htte 'erfunden werden' mssen) von der brigen 'christlichen' Menschheit
und insonderheit ihren Theologen, da er wie der leibhaftige Teufel auf
sie wirken wrde, htten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefhl
bis zum Letzten nachzufhlen.

       *       *       *       *       *

Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Gedchtnis, immer wieder
komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schlfst! Und
ich fahre auf und Scham bergiet mich ganz und ich erwache zu mir selbst.
Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt
mein Selbst an mich heran, rhrt mir ans Herz, da ich wie verwundet
aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du
schlfst! Wie -- wre mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze
geboren, wo das Mittelmige und das Auerordentliche zusammenstoen, ein
Mensch, zu gro, zu reich, zu tief, im Gewhnlichen zu verharren und doch
zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewhnlichen? Mir fllt ein
Vers aus meinen ersten Jnglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals
noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach
nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade
berwand: 'Ich mchte schwcher sein und bin es nicht, ich mchte strker
sein und bin es nicht, und da ich strker nicht noch schwcher bin, als
wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,' Und auch das fllt mir ein:
Wie ich mich frher gehat habe. Gehat bis zu bitterster Todfeindschaft,
die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein
Flehen um Tiefe fllt mir ein, das der alte Gott noch hren mute und
erfllen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz,
zerspalten in Reichtum und Armut, Vermgen und Ohnmacht! Emporfahrend aus
seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Schpferischen in seine
Arme herabzureien, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner
flchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Alltglichen,
von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das
wre ich! Das bin ich?




WELTBILD: AM TOR

1907


Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir herunter, den
Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohne Gleichen!

Welches naive Auge wrde je darauf kommen, dich als eine einheitliche
Ordnung von Legionen selbstndiger Wesen zu verstehen und welches Auge
wrde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, die Wirklichkeit
berhaupt als einen einzigen Zellenleib zu beschreiben, dessen Formen wir
uns nur nicht vorstellen knnen?

       *       *       *       *       *

Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher; da doch alles
berallher kommt.

       *       *       *       *       *

Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung) wirkt
fortwhrend in der ganzen Natur.

       *       *       *       *       *

Ich habe zuweilen einen abgrndigen Ha auf die Zahl. Sie ist die
absurdeste Flschung der 'Wirklichkeit', die dem Menschen wohl je gelungen
ist, und doch baut sich auf ihr 'unsere ganze heutige Welt' auf.

       *       *       *       *       *

Der groe Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal einen Mechanismus
schaffen zu knnen, der schlielich wie ein Lebewesen wird und leben soll,
und sei es auch nur ein Infusorium. Und bersieht dabei nur eins: da es
ein einzelnes Infusor fr sich allein gar nicht gibt, da man das ganze
Weltall nachschaffen mte, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit
lebendig zu machen -- denn man kann nichts von auen hineinstopfen, Ihr
Herren, man mu dann schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex
tempore und ex machina.

       *       *       *       *       *

Alles ist Ausdruck eines _Wesens_.

       *       *       *       *       *

Wenn im groen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist das auch
nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker eine Saite
platzt. She man den Mann nicht die Geige absetzen, so wrde man
vermutlich gar nichts merken, so unbekmmert geht das vielstimmige
Zusammenspiel seinen gewaltigen Gang.

       *       *       *       *       *

Die 'Welt' gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Mglichkeit.
Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich vielleicht so
'vollenden', wie ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.

       *       *       *       *       *

Wir glauben als Menschheit eine Art flieende Ebene zu sein und sind statt
dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide.

       *       *       *       *       *

Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie
wohl, aber hrt sie fast gar nicht. Des Nachts aber hrt man sie gehen wie
ein groes Herz.

       *       *       *       *       *

Diese Waschkanne vor mir -- nimm die Zeit von ihr: und sie strzt zusammen
in nichts. Die Zeit macht erst den Raum.

       *       *       *       *       *

Das Amsante ist, da es nun, seit dem Auftreten des Menschen, auf einmal
Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als
htte die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von ihm in vorn und
hinten, oben und unten, frher und spter usw. einteilen zu lassen. O
Mensch, du Kindskopf aller Kindskpfe, o Wissenschaft, du grandioses
Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts weiter!

       *       *       *       *       *

Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder, noch wird
es sein, -- es ist. Und so _war_ nichts von dem, was wir 'vergangen'
nennen. Alles 'Vergangene' _ist_. Vergangenheit wie Zukunft sind nur
Formen der Gegenwart.

       *       *       *       *       *

Fr Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht und daher auch keine --
Ewigkeit. Es sollte sie auch fr uns nicht geben. Wir _sind_. Wir werden
nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in jedem Moment
'gelebte Gegenwart' -- oder sie ist nicht.

       *       *       *       *       *

Schauerlich, zu denken, da alles nur 'in der Flucht' ist. Es gibt nichts,
als den _Moment_, in dem fortwhrend alles ist.

So wie 'ich' von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewut bin --
(aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit, die in mir
fortwhrend weiter lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger
gigantischer Krper in ihrer eigenen, von mir ihr vermittelten Vorstellung
von Sekunde zu Sekunde.

       *       *       *       *       *

Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines
gegenwrtigen Kopfes.

Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.

       *       *       *       *       *

Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberflche --
hier der dies von ihr aussagt.



1908


Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe, so bist auch
wohl du selbst ein in jeder Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener,
Niemehrsodaseinwerdender. Und nicht du allein: Alles ist fortwhrend neu,
frisch, einzig, einmalig. Dies ist das Geheimnis des Lebens und damit
Gottes, als eines ewig Seienden, ohne auch nur die Mglichkeit
irgendwelcher Starrheit.

       *       *       *       *       *

Bewutsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind ein Anfang.

       *       *       *       *       *

Nicht nur Fortdauer, -- -- _Ziel_dauer.

       *       *       *       *       *

_Die Axt_. (Fundamentalstze.)

1. Keine Geschichte

2. Keine toten Gegenstnde

3. Sprache -- Proze.

       *       *       *       *       *

Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement.

       *       *       *       *       *

Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend): Die Welt wird doch keine
Narrheit sein, -- _Du_!?

       *       *       *       *       *

Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser Leben zurckbringt --
er wird uns Ungeheures wiedergegeben haben.

       *       *       *       *       *

Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und hher entwickeln
wollen.

       *       *       *       *       *

Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem heroischen Leiden.

       *       *       *       *       *

Es gibt keinen greren Stilisator in der Natur als den Tod. Gib das Leben
dem Tod in die Hand und du bergibst es -- seiner Kultur. Selbst mit dem
Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod in Hnden hat, desto
hhere Kunstwerke werden wir.

       *       *       *       *       *

Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch -- ein
Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.

       *       *       *       *       *

Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe der Planeten nicht
eine der untersten, niedersten ist? Ob sie der Mehrzahl anderer
Wandelsterne nicht etwa vorkommen mchte, wie einem Paris, einem London
der Marktflecken Schildburg, oder wie einem Lionardo sein Hund oder sein
Pferd.

       *       *       *       *       *

'Der bermensch ist der Sinn der Erde' -- das heit: der Erde Sinn ist ihr
Untergang in -- Hheres.

       *       *       *       *       *

Gefhl von Gnade: seliges Vorgefhl des uns zum Heil, unserer ganzen
Entwickelung nach, Erwartenden -- ohne den _vollen_ Glauben, da es auch
wirklich kommen werde und ohne jeden Glauben daran, da man es wirklich
verdiene. Ein Gefhl, der objektiven Wahrheit zwar vielleicht nicht
entsprechend, aber eine Schnheit des Herzens, ein Mehr -- als --
Wahrheit.

       *       *       *       *       *

Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich nicht, da es uns etwas
schenke (auer sich selbst durchs Mittel seiner Schnheit), sondern
angebetet im Sinne ehrfrchtiger Liebe.

Ja, _dies_ Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres als um die immer
reinere Offenbarung der Schnheit des Angebeteten soll bleiben, soll als
das _neue_ Gebet _wiederkommen_, nachdem wir das alte in uns
niedergekmpft, ohne doch je vergessen zu knnen, da es nicht nur eine
Form des gemeinen Bedrfnisses, nein, noch weit mehr war: eine Form des
edelsten Bedrfnisses der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet
wieder auferstehen, frei werden.

       *       *       *       *       *

Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht hat. Gott ist der
eigentliche Gedanke der Erde, der einzige all unsrer Gedanken, der,
geschweige denn in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen
Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott ist die groe Frage der
Erde, aller Erden: Ihr Leben ihre offenbare zugleich und geheime Antwort.

       *       *       *       *       *

Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unmglich. Gott
ist die Mglichkeit aller Mglichkeiten.

       *       *       *       *       *

Gttliches (Theon) immer wieder in unzhligen Lebenslinien, Lebenslufen,
Gott werdend (Theos) ... Gott ein ewiger und unendlicher Proze des
Sich-Verlierens und Sich-Gewinnens ... Gott ein ewiges Ringen zahlloser
dumpfer und lichter Individuen um Sich, als Schnheit der Schnheit. --
Sich fortwhrend auf irgend einer hchsten Formenstufe als diese gewinnend
und besitzend und beschlieend ... und doch nie _ganz_ und berall und
gleichzeitig vollendet.

       *       *       *       *       *

Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst ab. Gott ist, worin
dieser letzte Begriff als in seiner hheren Einheit aufgeht.

       *       *       *       *       *

Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst erkannt und damit
vollendet hat, oder doch so, wie Goethe sagt: der Mensch mu von einem
gewissen Zeitpunkte an wieder ruiniert werden.

       *       *       *       *       *

So wie ich -- auer etwa als mystischer Seher -- den Geistkrper des
Menschen nicht schaue, so schaue ich auch nicht den Geistkrper der Erde.
Und doch mu auch der Planet als Ganzes seinen Geistkrper haben und wer
wei, ob er damit nicht Brust an Brust mit Geistkrpern andrer Sterne
lebt, soda ...

       *       *       *       *       *

Ein Kunstwerk schn finden, heit, den Menschen lieben, der es
hervorbrachte. Denn was ist Kunst andres als Vermittlung von Seele. Eine
Landschaft schn finden, heit, uns ihrer als eines gttlichen Geschenkes
unbekannter Mchte freuen. Dankt meine Ergriffenheit z.B. dem Meere
selbst? Nein, sie dankt den schpferischen Geistern, der ganzen Natur
dafr, dem schpferischen Geist -- des Lebens selber. Interesselos aber
ist mein Wohlgefallen am Schnen so wenig, da es vielmehr alles tiefste
Schpferische in mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im
ausgiebigsten Mae 'mitzutun', bis zu einem gewissen Grade zugleich
befriedigt. Nur bis zu einem gewissen Grade -- denn ber dies Befriedigen
hinaus bleibt noch -- ob bewut oder unbewut -- etwas von jener nie ganz
gestillten Sehnsucht, die wir allem gegenber empfinden, was uns zur Liebe
zwingt: die Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch grndlicher zu
lieben, als wir es lieben _knnen_, des Wunsches einer noch viel
vollkommeneren, sublimeren Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten
vermchte, den wir fhlen.

       *       *       *       *       *

Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegenberstehen, sondern
immerdar dem Ausdruck irgendeines Willens -- so ist alles Empfinden die
unmittelbare Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf die jedoch
sofort auch seine Wiederausstoung folgt, seine Distanzierung,
Zurckweisung, Objektivierung. -- Das Bild der Welt bietet so im Groen
und Fortwhrenden das Bild der -- Liebe, als welche ein ewiger Wechsel zur
Einheit zusammenflieender Zweiheit und in Zweiheit sich
sichselbstgegenberstellender Einheit ist.

       *       *       *       *       *

Jeder konsequente Monismus fhrt unabnderlich zum -- Dualismus. Denn eine
absolute Einheit vertrgt der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr
nicht entweichen zu knnen glaubt, wie in Schopenhauer, _verneint_ er.

Aus diesem Grunde knnte auch die Gottheit ihrer schauerlichen Einheit in
Legionen Vielheiten entflchtet sein, von zwei Leiden das kleinere
whlend.

       *       *       *       *       *

Die Welt als _Trieb_ und Vorstellung -- diese Fassung htte vielleicht
manches Miverstehen Schopenhauers unmglich gemacht.

       *       *       *       *       *

Die Welt ist nicht blo Pflanze, oder Tier, sondern -- Mensch!

       *       *       *       *       *

Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen Entwickelungen.

       *       *       *       *       *

Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortwhrend selbstkorrigiert.
Wie sich ein ganz bestimmter -- und nicht nur beliebiger oder
'notwendiger' -- Sinn des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber
immer wieder hervorbrechend, sich immer reiner klrend und persnlicher
enthllend.

       *       *       *       *       *

Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag bersehen knnten, so wrden wir die
Entwickelung der Menschheit mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen
sehen. So aber 'sieht' vielleicht der Planet. Wir sehen nur die Individuen
wachsen, er -- die Typen.

       *       *       *       *       *

Sollte in immer hherer Erkenntnis und Liebe (in immer hheren Formen)
nicht die Mglichkeit immer hheren Glckes liegen? Welche Genugtuungen,
wieviel demtiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht uns vielleicht noch
bevor! Denn immer wieder, wenn alles, was ist, sich unaufhrlich hher
ver- und emporgottet -- wo braucht es eine Grenze zu finden, wo hat Gott
-- ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer Gottheit wrdig: -- der
ins Ewige und Unendliche.

       *       *       *       *       *

Das Sein, das ist das Unvergngliche in uns, das Werden, das, als was wir
dahingehen. Wie knnen Sein und Werden Gegenstze sein, wenn sie doch an
uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende im Ewig Werdenden
unaufhrlich 'ist'!

       *       *       *       *       *

Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende sein, da doch nichts ein
Anfang oder Ende ist. Warum nicht einfach eine Fortsetzung, der unzhliges
Wesensgleiche vorangegangen ist und unzhliges Wesensgleiche folgen wird.

       *       *       *       *       *

Die Vorstellungen von Lohn und Strafe -- mssen sie deshalb jeder tieferen
Wahrheit entbehren, weil wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich
eigentlich gendert? Da wir uns heute unser Schicksal mehr oder minder
selbst zu bereiten glauben, whrend wir frher glaubten, da es uns
bereitet wrde. Ist nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die
Optik?

       *       *       *       *       *

Man soll sich seiner Krankheiten schmen und freuen; denn sie sind nichts
andres als ausgetragene Verschuldung.

       *       *       *       *       *

Zukunft! -- un-er-schpfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu -- --
sterben!

       *       *       *       *       *

Wohin knnen wir denn sterben, wenn nicht in immer hheres, greres --
Leben hinein!

       *       *       *       *       *

Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist das Hchste. Das Hchste
ist das _Denken selbst_. Es allein _verbrgt_ uns mit eherner Sicherheit
den mit uns geborenen Gott.

       *       *       *       *       *

-- -- -- An der Pforte steht das Grauen.

       *       *       *       *       *

Man versteht den Menschen erst -- sub specie reincarnationis.

       *       *       *       *       *

Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser in Wein: Was bisher als
Wasser (Mensch) gegolten, wird durch sein Offenbarungswort Wein (Gott!).



1910


A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus trennt; sagen Sie mir
das, knnen Sie mir das sagen?

B. Ja, das kann ich. Der _Philister_ in ihm.

       *       *       *       *       *

Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums.

       *       *       *       *       *

Der Gedanke Gottes mu freilich der Tod des Individuums sein. Darum hlt
er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund auf.

       *       *       *       *       *

Die Menschheit ist ein groes Kind, dem feindliche Mchte unaufhrlich
neues Spielzeug schaffen helfen, damit es sich nicht wesentlich
entbabysiert. Was mu sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend
geht, -- spiritualisieren, das heit sich von ihm nicht materialisieren
lassen.

       *       *       *       *       *

Wenn du die Lage einer Htte auf einem Berge betrachtest, so machst du
leicht deinen Standpunkt zu dem ihrigen, uneingedenk dessen, da sich die
Welt von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus. Ja, dies verhlt
sich bis zu einem gewissen Grade selbst dann noch so, wenn du dich mit
aller Einbildungskraft auf ihren Standpunkt zu versetzen bemhst. Um einen
Standpunkt _ganz_ verstehen und wrdigen zu knnen, mu man diesen
Standpunkt selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen haben.

Aus diesem Grunde lt sich alles Gttliche nicht eigentlich beurteilen,
es sei denn von Menschen, die in persona im ber-Menschlichen zu verkehren
vermgen.

       *       *       *       *       *

Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, ach viel zu aller,
Art. Darunter ab und zu ein Adler. Auch er mit Furing und Bleikugel. Aber
ein ander Schauspiel doch, als all das andre. Er gewhnt das Schleppen
nicht, das alle andern mehr oder minder gewhnen. Er emprt sich sein
ganzes langes Leben lang, flchtet empor, strebt empor, kniglich und
unablssig. Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft zu schwingen --
und das weniger, weil er die Gewichte am Fu nicht zu heben imstande ist,
als weil ihn das ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch lt, --
besser noch, weil er's nicht mit hochziehen _kann_, -- aber er bleibt ein
lebendig Memento Coeli, er verliert seine Gttlichkeit nicht an den
Alltag, den Staub und die Strae, nicht an den Trott der Millionen.

       *       *       *       *       *

Wer das feine zweite Ohr fr den Souffleur hat, sieht die Geschichte der
Menschheit anders an.



1911


Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren Lehrern erzogen und
immer weiter befruchtet? Ist irgend ein groer Mensch, dem wir etwas
verdanken, nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht ein
fortschreitendes Lehren und Lernen?

Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Persnlichkeit -- aufhren?

       *       *       *       *       *

Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, mssen auch ihre Gtter sich mit
und weiter entwickeln, all die geistigen Wesenheiten, die an ihnen
gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu dessen
zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls um zwanzig Jahre
gealtert, gereift, weiter entwickelt sein. Wer berhaupt gttliche
Demiurgen annimmt, der soll sie nicht als starre Gtzen verehren.

       *       *       *       *       *

Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha empfinden: Nicht nur:
ein Gott _opfert sich_ fr seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich fr
_seine Welt_. Fr seinen eigenen ungeheuren tragischen Schpfungsproze,
Schpfungskomplex. Oder, um die Majestt dieses Unausdenkbaren zu mildern:
fr den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn vielleicht ist fr den
Gott, dem die Entwickelung seiner Schpfung, seines Geschpfes vor Augen
steht, die von ihm selbst so verhngte und heraufgefhrte Art und
Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz, als der
seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von
uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, wenn wir uns in die
Tragik eines Weltenschpfers zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist
-- stark und unaufhrlich wie die Sonne --, dessen Wille es ist,
selbstndige ebenbrtige Weltengtter, Weltenschpfer, durch onen und
onen heranreifen zu lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den
Schmerz in allen seinen Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch
wenigstens zuzulassen. Glaubst du nicht, da Sein Leid ber alle Leiden
der Welt das Leid all dieser Leiden bertrifft, -- denn noch wie anders
leidet ein Gott als ein Mensch --? Sollten wir nicht dieses Leiden des
Gottes Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des Gottes
Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von Nazareth?

       *       *       *       *       *

Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit in
einem Kosmos, wie dem unsern, alles seine Wege gehen darf. Jede Meinung,
jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich oder
verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance bis zur hchsten
Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis zur tiefsten Schmach der Verblendung
hinab darf da sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, als
dem der allmhlichen Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe geluterten
Vernunft.

       *       *       *       *       *

Das ist das Fruchtbarste an groen Menschen, da ihr Anblick den, der sie
langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein beschmt. -- Eine
Erfahrung, von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein -- Gott fr ihn
sein mte, wenn er sich wirklich in ihn versenkte.

       *       *       *       *       *

Kein grerer Irrtum als der: der Mensch sei dazu da, es jemals gut zu
haben. Nie gut _haben_ soll er es -- auer hchstens, da ihm die Kraft zu
weiteren Kmpfen wachse --; denn sonst 'bekme' er es nie 'gut'; dann
nmlich, wenn er, nach onen und unzhligen Wandelungen, seinen Kosmos
absolviert haben wird: Und eine Heerschar Gottes-Shne mehr zu neuem
Schaffen gereift steht.

       *       *       *       *       *

Wen Gott lieb hat, den zchtigt, den -- zchtet er. Und so ward er die
Welt, Sich Selbst zur -- Zucht.

       *       *       *       *       *

Die Menschheit hat lngst alles empfangen, was zu empfangen ist. Aber sie
mu es immer wieder von neuem und in immer wieder neuer Form empfangen und
verarbeiten.

       *       *       *       *       *

Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist lngst da. Aber sie mute eine
Weile beiseite gelassen werden -- die ganze europische Zivilisation geht
auf dies Beiseitelassen zurck. Jetzt hat dieser Zyklus das Seine erfllt,
jetzt darf sie, als eine unermeliche Wohltat, in den Gang der westlichen
Entwickelung wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt mglich ist,
zweitausend Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern
Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten,
erleuchten, erlsen.

       *       *       *       *       *

Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich's blo
ein.)

       *       *       *       *       *

Was reden wir von den alten gyptern, Persern, Indern. Reden wir doch von
_uns_ alten gyptern, Persern, Indern! Oder, wenn Jakob Bhme bei der
Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der Entstehung der Veden
abwesend?

       *       *       *       *       *

Die Menschen sind heute so weit gesunken, da sie sich 'genieren' vom
Wesentlichsten ihres und alles Lebens zu reden. Gott, Christus,
Unsterblichkeit sind in gewissen Kreisen so verpnt, wie in andern Hemd,
Hose, Strmpfe; es gehrt nicht zum guten Ton, nicht zum savoir vivre, sie
nicht vllig zu ignorieren. Nur der 'wei' heute zu 'leben', der in der
Tat nicht mehr wei, was leben heit.

       *       *       *       *       *

Ahnten die Mtter, wie ganz anders eine Mutter ihr Kind anblickt, die sich
den Lehren der Wissenden in rechter Weise erschlossen, -- nicht Eine wrde
damit unbekannt bleiben wollen.

       *       *       *       *       *

Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht irgend etwas andres
Unsgliches auf Erden -- und die Menschen wollen es nicht anders und die
Menschen wollen es nicht anders. Denn sonst wrden sie ihr Leben anders
einrichten, sonst wrden diese Schmetterlinge endlich Ernst zu machen
versuchen.

Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch viel furchtbarer wird er
leiden mssen, damit er nicht als Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in
diesem gefhrlichen Schpfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt.

Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des Leidens lgen mehr
hinter uns als vor uns. Jetzt sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele
Seelen gibt es, zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief --

       *       *       *       *       *

Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt
die Tiere Ableger der Menschheit wren, zurckgebliebene Menschheit,
voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu frhen Zustand
festgehaltene Menschheit?

       *       *       *       *       *

Jede Schpfung ist ein Wagnis.

       *       *       *       *       *

Ich hatte mich in 'Gott' verloren. Aber Gott will nicht, da wir uns in
ihm verlieren, sondern da wir uns in ihm _finden_, das aber heit, da
wir Christus in uns und damit in ihm finden. Da du den Christus in ihm,
da du dich als Christus in ihm findest.



1912.


Wer in das, was von Gttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur
fhlend sich versenken, nicht erkennend eindringen will, gleicht dem
Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schlft.

       *       *       *       *       *

Der 'Glaube' -- und dem entsprechend der Unglaube -- an Gott gehrt einer
gewissen Periode der Menschheit an: er ist -- im tiefsten Ernst gesprochen
und den Begriff Humor so geistig wie mglich gefat -- ein Kapitel ihres
unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von
Gott mgliche Ma von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern
Gottesforschung, Gotteswissenschaft.

       *       *       *       *       *

Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur
fnfsinnlichen Beschrnkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig
war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine
Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie
er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten
hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er _will_ es,
-- und wer einmal gefhlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der
wei auch, da vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die
Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand berhrt. Er
wei, da alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenwchst, wenn es so
weit ist; da er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Ma seiner
Prfungen voll ist. Denn war auch Kant ein groer Lehrer und Erzieher, wie
viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufwrts, bis
dahin, wovon es heit: La Somma Sapienza e il Primo Amore.

       *       *       *       *       *

Man denkt und empfindet heute nicht ber die nchsten zehn, hundert,
bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der
Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere
nchsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig
bestimmt werden knnten.

       *       *       *       *       *

Werden wir krank, weil es einem pltzlichen Gewitterregen oder einem
herabrutschenden Dachziegel so gefllt? Oder weil unsere Eltern krank
waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst
die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf da sie uns von etwas
Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa -- heile? Vor
der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder
individuellen aber zugleich viel hheren Weisheit und Erkenntnis, als
deren wir uns in unserer gegenwrtigen Wiederverkrperung bewut sind?

       *       *       *       *       *

Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den
unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser wrden nur solche
Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des
Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist,
entschlagen und sich zwingen, das Verstndnis einer jeden Erscheinung
lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden,
innerlichst davon durchdrungen, da am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos
herrschen drfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, da ein Kosmos
sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut,
sicherlich schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus
zusammengestrzt wre. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so
kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil
er einer Katastrophe zum Opfer fllt. Er hat freilich gemeinhin vorher
nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewutsein glaubt -- gesetzt
es handelt sich nicht um Kinder -- so leicht nicht an einen schlechtweg
schuldlosen Menschen. Ein hheres Bewutsein verwirft den Begriff der
Schuldlosigkeit ganz, vorbehlt jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine
dritte Einsicht wei, da auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten
Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen
keine Neugeburt, sondern eine Wiederverkrperung ist, also ein volles Ma
von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter
auszuwirken hat. Fr dies Bewutsein gibt es keine unschuldigen
Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm lst sich alles in von allertiefstem
Sinn durch- und berwaltete -- wenn auch deshalb nicht weniger
tragische -- Enwickelung auf.

       *       *       *       *       *

Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist nicht gesagt, da
ihnen dies nicht so schwer wie mglich gemacht wird und fallen soll, denn
es gibt keine wohlfeile Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes
billige Errungenschaften, und wie wre er sonst auch seines Meisters und
seiner Bestimmung wrdig.

       *       *       *       *       *

Von wie vielen geistigen berwindungen und Siegen hat mancher Mensch schon
gelesen und gehrt, wie viele Dichter und Weise und Religionsstifter und
-- Gtter haben fr ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt und wohl
auch erlebt worden! Und doch fllt in der Stunde eines schweren Schicksals
alles von ihm ab und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und nichts
gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half ihm nun sein ganzes geistiges
Leben whrend langer Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat
es nicht mit seinem Innenleben verknpft, verbunden, vermhlt, er war zu
wenig re--ligis. Er wuchs nicht zusammen mit jenem Hheren. Und so hat er
jetzt auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft von ihm -- und steht
jetzt so arm wie am Anfang, ja rmer als zuvor.

       *       *       *       *       *

'Hat die Religion eine Zukunft?' So gut, wie derjenige, der so fragt, eine
Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen
entwachsen sein wird.

       *       *       *       *       *

Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der Konsequenz gegen die
Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz
fhrt zu Gott, alles, was darunter, in Maja.



1913


So wie der winzige Same in die Erde fllt, um die Urpflanze zu wiederholen
und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die
Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.

       *       *       *       *       *

'Und Sie glauben wirklich, da dort oben im blauen Himmel Geister und
Gtter herumspuken?'

'Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und
berall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier
in dieser Tanne oder dort in jenem Berge 'herumspukt'. Weder Tanne noch
Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner
denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder,
Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.'

       *       *       *       *       *

Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlgt, so scheint alles in
schner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die lteste wie die neuste
Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurckbezogen, nmlich
auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach
dem Bilde der gegenwrtigen Menschheit geschaffen und als ungefhren
Normaltypus fr alle Zeiten und Lnder festgesetzt hat.

Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch
verwandelt sich fortwhrend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in
verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht
immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Mae,
wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn
langsam wieder zu gewinnen, und behlt damit, da es im Licht seiner vollen
Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das
Bewutwerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst,
als, um es so auszudrcken, einer fr sich besonderen kosmischen
Hierarchie. Da die Welt eine -- richtig verstanden -- Gedachtheit Gottes
ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil _unsere_ Gedanken so bla und
schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt
Realitt. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.

       *       *       *       *       *

Man mu Gott schon in Zwei teilen, wenn seine schnste Empfindung, die
Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.

       *       *       *       *       *

Ist dies nicht alles Schpfung, merkwrdige, wunderliche Schpfung? Dieser
Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus
Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen
Grundgedanken?

Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?

Und von diesem Gedanken: da dies alles Schpfung aus dem Nichts ist! --
ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Schpfers und ganzer Reiche und
Stufenfolgen von Helfern desselben -- noch weit zu dem Gedanken, da
hinter allem und jedem -- Geist steckt und nicht blo alleiner,
unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendfltig gearteter,
gestufter Geist? Ist vom Staunen ber Mensch, Tier, Pflanze und Mineral
mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als
ein Schritt zum Glauben, da es Lehren und Lehrer geben knne, nein, zur
berzeugung, da es Lehren und Lehrer geben -- msse, in jene Geisterwelt
offenen Sinnes hineinzudringen ...




NACHWORT


Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern noch selbst
besorgt. Am weitesten gefrdert von seiner Hand war der Abschnitt:
'Tagebuch eines Mystikers', den er ursprnglich in einen vorwiegend
autobiographisch gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir blieb die Aufgabe,
das vorhandene, zumeist noch ber viele Taschenbcher verstreute Material
nach seinem, fter ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden
Rahmen einzufgen. Er sagt in einem Vorwortfragment fr diese Sammlung:
'Es liegt mir nicht daran, mit diesen durch Jahre gehenden Notizen ein
neues Bchlein Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran,
mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen. Zweck dieser
Bltter ist allein der, aus einem Stck Entwickelung das zu lernen zu
geben, was ein Stck Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.'

Diese Absicht wre zweifellos noch eindringlicher verwirklicht worden,
wenn der Verfasser selbst die Gestaltung des Buchs htte vollenden knnen;
ganz abgesehen davon, da dann auch im Einzelnen mancher der Stze
berarbeitet worden wre.

Fr einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis 1904) haben sich die
Aufzeichnungen bisher noch nicht auffinden lassen. Der Charakter dieser
mehr skeptischen Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des
vorliegenden Bandes immerhin noch angedeutet.

Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kayler und Michael Bauer, die mir
bei der Herausgabe behilflich waren, sei auch an dieser Stelle gedankt.

_Breitbrunn_ am Ammersee, November 1917

     _Margareta Morgenstern._





INHALT


Autobiographische Notiz
In me ipsum
Natur
Kunst
Literatur
Theater
Sprache
Politisches Soziales
Kritik der Zeit
Ethisches
Lebensweisheit
Erziehung Selbsterziehung
Psychologisches
Erkennen
Weltbild:
   Anstieg
   Episode, Tagebuch eines Mystikers
   Am Tor
Nachwort des Herausgebers





End of the Project Gutenberg EBook of Stufen, by Christian Morgenstern

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
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permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
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     gbnewby@pglaf.org


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